Junge Leser:innen wählten Preisbücher und begründeten ihre Wahlen; Teil 1 – Kinderbuchpreis samt eMail-Fragen an den Autor in Stockholm und seine Antworten.
„Heute Nacht ist ein neues Kind gekommen«, verkündet sie feierlich.
Das Schlürfen stockt und alle Köpfe drehen sich in ihre Richtung.
„Wirklich?“, fragt Nils zweifelnd. „Ich hab nichts gehört.“
Beipflichtendes Gemurmel erhebt sich ringsum, auch von den anderen hat niemand etwas gehört.
„Ein Mädchen“, bestätigt Mika.
„Wie heißt sie?“, fragt Margit, eine der sechsjährigen Zwillinge, die ihre Eltern voriges Weihnachten bei dem Brand in der Falkenbergsgatan verloren haben.
„Das wissen wir noch nicht“, antwortet Mika. „Sie wurde erst heute Nacht geboren, nach Mitternacht, glaubt Amelia.“
Die Neuigkeit von dem namenlosen Mädchen bringt Leben in die Kinder. Eifrig beratschlagen sie über passende Namen und ob wohl jemand kommen und nach ihm suchen wird. Ein neues Kind ist nichts Ungewöhnliches im Waisenhaus und trotzdem jedes Mal ein besonderes Ereignis.“
Dieses Zitat stammt aus Kapitel 2 des ersten Bandes der Seire „Mika Mysteries: Der Ruf des Nachtraben“ von Johan Rundberg. Und Mika, die 12-jährige Hauptfigur der im schwedischen Original fünf Bände umfassenden Serie, hat eine besonders ausgeprägte Beobachtungsgabe und wird deswegen von Polizei-Kommissar Valdemar Hoff gedrängt, mit ihm einen Mordfall aufzuklären, von dem Mika annimmt, dass er mit dem im Waisenhaus abgegebenen Neugeborenen in Zusammenhang stehen könnte.
Dieses Buch wurde kürzlich ausgezeichnet. Mit einem der wichtigsten Preise, jenem der Jury junger Leser:innen, organisiert von der „LiteraturBagage“ (Wien), vier Frauen, die selbst als Kinder und dann Jugendliche solche jungen Jurorinnen ihrer Lektüre und der ihrer damaligen Altersgenoss:innen waren. Im Literaturhaus Wien treffen einander regelmäßig Kinder und Jugendliche in getrennten Gruppen, um sich auszumachen, welche Bücher sie als nächstes lesen und darüber diskutieren und gegen Schuljahres-Ende ihre Buchfavoriten zu küren – KiJuKU berichtet regelmäßig, erst kürzlich, Beitrag unten verlinkt; Teil 2 folgt mit dem Preisbuch der Jugendlichen.
Da es in diesem Schuljahr besonders viele junge Leser:innen gab, waren die 9- bis 12-Jährigen sogar auf zwei Gruppen aufgeteilt – Alma, Carla, Emma, Kawa, Kerem, Livio, Pual, Selma, Suren, Zeynep-Sara sowie Amie, Anna, Anton, Leyla, Marie, Mia, Paula, Philippa. Und dennoch konnten sich beide Gruppen auf ein buch einigen, das sie mit dem Kinderbuch-Preis würdigten.
„Bei der Jurysitzung waren wir uns nicht ganz sicher, ob wir uns auf ein Buch einigen können. Die Stimmung war recht aufgeregt und die Abstimmung hat dann doch sehr gut funktioniert und am Ende waren noch zwei Bücher übrig, nämlich „Mika Mystery“ und „Philomena Freud“, schilderten die jungen Juror:innen bei der Preisverleihung, bei der Alma, Kawa, Livio und Paul verhindert waren.
„In Philomena Freud geht es auch um ein Waisenmädchen, das einen Kriminalfall lösen muss. „Mika“ hat dann knapp aber doch gewonnen; zum Beispiel, weil die Verbindungen der Personen sehr überraschend sind, es teilweise auch sehr brutal ist; man einen guten Einblick in das Leben von Mika und den anderen Waisenkindern bekommt. Und weil wir finden, dass man sich gut in die Geschichte einfühlen kann und weil es gut und sehr gut vorstellbar geschrieben ist.“
Der Autor, Johan Rundberg, bedauerte in seiner schriftlichen Antwort auf die ebenfalls schriftlich vorab übermittelten Fragen der jungen Juror:innen, dass er nicht persönlich aus Stockholm nach Wien kommen konnte, weil gerade seine beiden Kinder schulsiche Abschlussvorstellungen haben. Er sei aber „sehr dankbar, dass ihr mein Buch gelesen und sogar ausgezeichnet habe. Ich habe auch schon vor allen damit angegeben, dass ich diesen Preis gewonnen habe.“ Außerdem versicherte er, dass alle Plätze Stockholms, die im Buch vorkommen „auch wirklich existieren oder existiert haben“. Ferner seien die Mika-Bücher „das lustigste, aber auch schwierigste, was ich je gemacht habe“.
Auf die Frage nach der Idee zum Buch und weshalb es gerade im Jahr 1880 spiele, meinte Johan Rundberg, anfangs wollte er es in der heutigen Zeit spielen lassen, aber nach einem Besuch des Zentralgefängnisses Långholmen (auf einer Insel, heute Hotel und Museum) habe ich eine Zelle gesehen, die noch genauso ausgeschaut hat wie 1880 als es gebaut wurde samt der pottens lucka / (Nacht-)Topf-Luke). Durch eine solche – 17 x 49 Zentimeter – ist tatsächlich einmal ein Verbrecher durchgeflutscht. Das hat mich zur Flucht des „Nachtraben“ inspiriert. Und da dachte ich, es wäre spannender, die Geschichte gleich 1880 spielen zu lassen.“
Die jungen Leser:innen wollten auch wissen, warum so oft oder fast immer Männer die Mörder sind.
Johan Rundberg: Meist sind auch in der Wirklichkeit Männer die Mörder, „aber ich wollte auch die Leser:innen ein bisschen austricksen. Als Valdemar und Mika glauben, dass der Nachtrabe seine eigene Schwester ermordet hat, denkt man, dass er ein richtiges Monster ist, eine Person, die wirklich für alle Menschen gefährlich ist. Ich wollte, dass die Leser glauben, dass der Mörder ein Mann ist. Und natürlich hat John ganz viele Verbrechen begangen, aber er ist auch sehr, sehr gut auf der anderen Seite. Ich wollt einen Schurken haben, der ein bisschen komplex ist. Zum Beispiel kümmert sich John um Edvin, der auf der Straße wohnt.“
Jury-Frage: Wer oder was hat dich dazu bewegt, über ein Waisenkind zu schreiben?
Johan Rundberg: Ich wollte, dass die Polizei wirklich die Möglichkeit hat, das Kind zu zwingen, den Fall mit ihnen zu lösen, ohne dass es Eltern oder eine Person gibt, die die Polizei daran hindern würde. Und dann dachte ich, dass sich Mikas gute Beobachtungsgabe vielleicht besonders gut ausprägen konnte durch ihr Leben im Waisenhaus. Am Anfang hab ich gedacht, ich schreib über ein Straßenkind, aber dann hab ich so viel über Stockholms Waisenhäuser gelesen, dass ich davon inspiriert wurde.
Jury: Wie bist du auf den Namen Mika gekommen?
Johan Rundberg: Ich hab sie Miranda genannt. Der Verlag meinte aber, dass sie einen cooleren Namen haben sollte. Anfangs war ich ein bisschen wütend, weil ich dachte, sie heißt halt Miranda. Aber dann kam ich auf den Namen Mika und den mochte ich sehr, sehr gern. Er ist ein bisschen cool und in Schweden können sowohl Buben als auch Mädchen Mika heißen.
Jury: Wie viele Bände gibt es und schreibst du noch mehr?
Johan Rundberg: Es gibt fünf Bände in der Serie, ich glaub, dass der deutsche Verlag auch alle fünf herausbringen wird. Ich mag den Schluss in Teil 5 sehr und glaub daher, dass ich nicht noch mehr Teile schreiben werde.
Jury: Wie gefällt dir das Cover der deutschsprachigen Ausgabe?
Johan Rundberg: Sehr gut, es gibt die Stimmung des Textes sehr gut wieder. Außerdem mag ich, dass eine Karte von Stockholm im Buch ist, das hätten wir in die schwedischen Bücher auch tun sollen.
Text: Johan Rundberg
Übersetzung aus dem Schwdischen: Franziska Hüther
Mika Mysteries – Der Ruf des Nachtraben (Band 1)
170 Seiten
Ab 10 Jahren
Magellan Verlag
Hardcover: 18 €
Hörbuch – gelesen von Julia Nachtmann: 14,95 €
eBook: 11,99 €
Zu einer Leseprobe – auf „Blick ins Buch“ klicken – geht es hier
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