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Laternen treiben im Teich am Wiener Karlsplatz bei der Hiroshima-Gedenkkundgebung am 6. August 2026; links im Vordergrund eine Laterne von Schüler:innen aus dieser japansichen Stadt, die Schriftzeichen stehen für das Wort Frieden
Laternen treiben im Teich am Wiener Karlsplatz bei der Hiroshima-Gedenkkundgebung am 6. August 2026; links im Vordergrund eine Laterne von Schüler:innen aus dieser japansichen Stadt, die Schriftzeichen stehen für das Wort Frieden
09.08.2026

„Werde weder zum Täter noch zum Opfer. Aber vor allem werde nicht zum Zuschauer“

Berührendes (Jugend-)Buch rund um den Atombombenabwurf auf Hiroshima (und Nagasaki) rund um Schüler:innen, die Schicksale recherchieren – mit bewegendem Appell an Reflexion und Engagement für Versöhnung und Frieden.

„Nozomi stellte zwei Werke aus. Das erste zeigte eine Szene der Laternenzeremonie. Während etliche Laternen bereits den Fluss hinuntertrieben, wartete eine weiße darauf, aufs Wasser gelassen zu werden. Drei Personen standen um sie herum: zwei Mädchen, die Nozomi auffallend ähnlich sahen, und eine ältere Frau. Diese hielt ein Foto in der Hand, eines der Mädchen drückte ein Buch an ihre Brust. Das andere Mädchen hielt einen Pinsel und war im Begriff, einen Namen auf die weiße Laterne zu schreiben. Das Bild trug den Titel Utsushie no shōjo – Das Mädchen auf dem Foto.“

Rund um diese – Jahr für Jahr von ihrer Mutter aufs Wasser gesetzte – besondere Laterne, die sie nicht mit einem Namen versieht und die damit von einem Geheimnis umgeben ist, baut Shaw Kuzki ihr im Vorjahr erschienenes (Jugend-)Buch „Die weiße Laterne“ auf. Ihre Hauptfigur Nozomi lebt in der japanischen Stadt Hiroshima und ist 12 Jahre – als Autorin Shaw Kuzki ihr Buch im Jahr 1970 spielen lässt; rund um den 25. Jahrestag des Abwurfs der ersten Atombombe, die das US-Militär noch dazu zynisch „Littel Boy“ (kleiner Bub) genannt hatte.

Vergrößerter Ausschnitt aus dem Nachwort der Autorin zu ihrem Buch
Vergrößerter Ausschnitt aus dem Nachwort der Autorin zu ihrem Buch „Die weiße Laterne“ (im Original: „Hikari no utsushie“ – mit den Schriftzeichen für die drei unterschiedlichen Schreibweisen Hiroshimas – vor sowie nach dem Atombobenabwurf

Tōrō nagashi

Zum Gedenken daran setzen Menschen mit weißem, aber auch buntem Papier, sowie oft auch bemalten Papieren umwickelte Laternen oder Lampions aufs Wasser. Dies ist an sich ein alter japanischer Brauch namens Tōrō nagashi zum Ende des dreitätigen Toten-Gedenkens, des O-Bon-Festes. So sollen die Seelen der Toten ihren Weg zurückfinden – ins Wasser, aus dem das Leben gekommen ist. Seit den mahnenden Zusammenkünften am Jahrestag des „großen Blitzes“ wird dieses Ritual auch im Gedenken an die Zehntausenden durch die Bombe sofort – und den vielen Tausenden in den Jahrzehnten danach an den Folgen der Strahlenkrankheit Ermordeten an jedem 6. August in Hiroshima begangen.

Doppelseite aus dem Buch
Doppelseite aus dem Buch „Die weiße Laterne“

An jenem 25. Jahrestag hat die zentrale schon genannte Figur, eine seltsame, irgendwie beängstigende Begegnung. Eine alte Frau starrt sie an, fragt sie nach ihrem Alter. Danach, ob sie eine ältere Schwester habe, um sich fast gleich korrigierend zu erkundigen, wie alt ihre Mutter sei. Darüber grübelt Nozomi noch lange nach, die Mutter, der sie davon erzählt, kann – oder will – dazu nicht wirklich etwas erklären. Das Mädchen reimt sich dazu eine mögliche Geschichte zusammen. Jedenfalls aber spürt sie, dass hier eines der bei vielen Geheimnisse, die bei betroffenen Überlebenden vorhanden sind, dahinter stecken könnte. Da oft nicht einmal mehr Leichen zu finden waren, weil die durch die Hitze der Atombombe Getöteten „verdampft“ sind, hoffen viele, gerade ihre Verwandten / Freund:innen könnten doch überlebt haben und würden eines Tages noch auftauchen.

Geheimnissen auf der Spur

Ein solches scheint auch der von ihr und ihren Mitschüler:innen so geschätzte Kunstlehrer Yoshioka-sensei (der zweite Namensteil wird Lehrer:innen angehängt) mit sich herumzutragen, den sie eines Tages zufällig am Friedhof sieht.

Nozomi, ihr Mitschüler Shun und ein weiterer namens Kōzō beginnen rund um ein großes Kunstprojekt zu recherchieren und graben dabei verborgen gebliebene Schicksale aus – unter anderem über eine junge Lehrerin und sechs ihrer Schülerinnen und … – nein, mehr wird davon nicht gespoilert; höchstens so viel, dass sich natürlich auch die unheimliche Begegnung der 12-Jährigen mit der alten Frau aufklärt und dies viel mit dem „Mädchen auf dem Foto“, das im ersten Absatz zitiert wird, zu tun hat.

Autorin über Friedensarbeit

Die Autorin Shaw Kuzki wurde 1957, also zwölf Jahre nach dem Atombombenabwurf, geboren ist, engagiert sich für Frieden und besucht immer wieder Schulklassen in Japan, „um die junge Generation für Versöhnung zu begeistern“, wie es in der Vorbemerkung zu einem Interview mit ihr heißt, das Dr. Tanja Kasischke für die Website wertejahre.org geführt hat.  In diesem berichtet die Autorin, dass „obwohl der Gedenktag in die Sommerferien fällt, die Schulen geöffnet sind. Die Kinder gehen hin zum Gedächtnis. Die Peace Memorial Ceremony im Friedenspark von Hiroshima wird landesweit im Fernsehen und Radio übertragen. Menschen beten an den Bildschirmen mit. Meine Familie und ich beten auch. Wir sehen uns die Übertragung an.“

Doppelseite aus dem Buch
Doppelseite aus dem Buch „Die weiße Laterne“

Unvorstellbare Zerstörung

Auf die Frage „Wenn Sie auf Politiker zugehen könnten und ihnen eine Passage Ihres Buches vorlesen, um der Forderung nach diplomatischen Bemühungen Ausdruck zu verleihen, welche wäre das?“, antwortete Shaw Kuzki: „Kapitel 10. Es beschreibt die unvorstellbare Zerstörung der Stadt durch die Atombombe. Eine junge Lehrerin und ihre Klasse verbrennen auf der Stelle, die Angehörigen finden ihre Schädel in einem Kreis zusammenliegend, als stünden die Kinder noch an Ort und Stelle und hörten ihrer Lehrerin zu.“

Das Buch ist im Vorjahr anlässlich des 80. Jahrestages erschienen, weshalb die Interviewerin auch wissen wollte: „Die Zahl der Zeitzeugen des Atombombenabwurfs auf Hiroshima und Nagasaki nimmt ab. Wie wird sich das Gedenken entwickeln, wenn ihre Generation verschwunden ist?“

Reflexionen

Was die Autorin so beantwortete: „Hiroshima hat ein Programm aufgelegt, das Schülerinnen und Schüler ermutigt, durch die Bearbeitung von Augenzeugenberichten ihre eigene Form der Erinnerungskultur zu schaffen. Daneben werden Quellen von damals erfasst und konserviert. Künftig wird es mehr um persönliche Reflektion gehen als um das historische Ereignis. Das höre ich auch von denen, die mein Buch lesen.“ – Link dazu in der Buch-Infobox am Ende des Beitrages.

Weltweit Opfer und Täter UND Zuschauer

Schon in das Buch hat Shaw Kuzki solche reflektierenden Betrachtungen in eine der enträtselten Schicksalsgeschichten eingebaut – in einen Brief des genannten, später lange erkrankten, Lehrers an Schüler:innen – den die Autorin natürlich in erster Linie an ihre Leser:innen richtet und in dem es unter anderem heißt:
Doch nicht nur in Hiroshima gab es unschuldige Zivilisten. Alle großen Städte in Japan wurden heftig bombardiert. Bei den Luftangriffen auf Tokio starben Hunderttausende Einwohner. Während der Schlacht um Okinawa wurden unzählige Zivilisten, sogar Schüler, brutal ermordet.
Auch außerhalb Japans wurden Unschuldige zu Opfern. In Leningrad starben neunhunderttausend Menschen während der Belagerung an Hunger. In Italien und Polen wurden Dorfgemeinschaften in Kirchen eingesperrt und verbrannt, ganze Städte in Schutt und Asche gelegt. In China und vielen anderen Ländern Asiens sind unzählige Unschuldige im Krieg umgekommen. Ihr habt von der Verfolgung und Ermordung der Juden gehört. Auch sie waren unschuldig.
Weltweit gab es eine ungeheure Zahl namenloser Unschuldiger, die dem Krieg zum Opfer fielen. Und doch habe ich seit Kriegsende, fast ein Vierteljahrhundert, immer nur um meinen eigenen Verlust getrauert und war in Selbstmitleid gefangen. Erst durch meine Krankheit konnte ich einen Schritt zurücktreten, und mich von außen betrachten.

Ausschnitt aus der Titelseite des Buchs
Ausschnitt aus der Titelseite des Buchs „Die weiße Laterne“ – mit den drei Schreibweisen für Hiroshima in japanischen Schriftzeichen – für vor dem Atombombenabwurf, die davon zerstörte Stadt sowie das danach wieder aufgebaute Hiroshima

Wir Japaner wurden in diesem grausamen Krieg sowohl zu Tätern als auch zu Opfern. Unsere Wunden sind tief, unsere Schuld wiegt schwer. Wie sollen wir für diese Schuld büßen? Wie sollen wir diese Wunden heilen? Diesen Fragen müssen wir uns ein Leben lang stellen. Eine mögliche Antwort hierzu: Werde weder zum Täter noch zum Opfer. Aber vor allem werde nicht zum Zuschauer.

Ich war als Soldat ein Täter, wurde durch die Atombombe zum Opfer und war in den fünfundzwanzig Jahren seit Kriegsende nichts weiter als ein Zuschauer. Ihr seid zum Glück weder Täter noch Opfer. Wenn ich euch eines raten darf – und das ganz selbstkritisch: Versucht euer Leben so zu leben, dass meine Erfahrungen euch erspart bleiben. Werdet niemals Täter oder Opfer, aber vor allem werdet keine Zuschauer. Erzählt den Menschen von dem, was während des Krieges, was in Hiroshima geschehen ist.

Vielleicht fragt Ihr Euch jetzt: Kann dieses gigantische Thema durch das Erzählen kleiner Geschichten überhaupt vermittelt werden?
Ja, unbedingt, denn die Welt besteht aus vielen kleinen Episoden. Gerade die alltäglichen, scheinbar unbedeutenden Alltagsgeschichten formen unsere Welt. Davon bin ich fest überzeugt. Kleine Geschichten mit Sorgfalt zu erzählen, ist der beste Weg, große Ereignisse darzustellen… Yoshioka Hideki“.

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Titelseite des Buchs
Titelseite des Buchs „Die weiße Laterne“

BUCH-INFOS

Text: Shaw Kuzki
Übersetzung aus dem Japanischen: Sabine Mangold
Die weiße Laterne
125 Seiten
ab 12 Jahren
Baobab Books
22,70 €
Zu einer Leseprobe geht es hier
Die Originalausgabe ist unter dem Titel „Hikari no utsushie“ im Verlag Kodansha LTD, Tokyo, erschienen. © 2013 Shaw Kuzki

Zu dem Interview von wertejahre.org mit der Autorin, aus dem im Text zitiert wird geht es hier

Einer der drei Hauptpreisträger: Kurt Engleder
21.03.2026

Seelenritter