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Szenenfoto aus "RAGE - Hinter der Gelben Tapete" von "Das SchauSpielWerk Jugend" im WuK (Wien)
Szenenfoto aus "RAGE - Hinter der Gelben Tapete" von "Das SchauSpielWerk Jugend" im WuK (Wien)
07.06.2026

Wut gegen „ewige“ Unterdrückung

„Rage – Hinter der Gelben Tapete“: Jugendliche spielen gegen Gewalt an Frauen an – im Wiener WuK.

Das multifunktionale große Drehkreuz weist zwei Flächen mit eng bespannten Gummischnüren auf, die an einen Schnürlvorhang erinnern. „Das Schauspielwerk“ verwendet es immer wieder als Bühnenbild. Kürzlich bei der Wut-„Alice“-Version der Kinder dieser Gruppe eignete es sich gut als „Spiegel“, um in die Welt hinter diesen einzutauchen – Besprechung unten verlinkt.

Bei den Aufführungen der Jugendlichen (ebenfalls im projektraum des WuK, Wien), die sich ebenfalls um weibliche Wut dreht, wird sie zur Welt (nicht nur) hinter der „gelben Tapete“. Letztere ist inspiriert von einer der ersten (Kurz-)Geschichten der US-amerikanischen Schriftstellerin und Frauenrechtskämpferin Charlotte Perkins Gilman (1860 – 1935). Eine schreibende Frau wird von ihrem Mann, einem Arzt als psychisch krank diagnostiziert mit Verordnung von absoluter Ruhe, schreiben dürfe sie schon gar nicht. Es bleibt ihr kaum anderes als die Tapete anzustarren. Die ist für sie in einem unerträglichen Gelb, aber sie erkennt Muster und hinter den Mustern eingesperrt eine, später immer mehr Frauen. Um deren Befreiung es geht. Und damit nicht zuletzt ihre eigene.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „RAGE – Hinter der Gelben Tapete“ von „Das SchauSpielWerk Jugend“ im WuK (Wien)

Rachegöttinnen und Seherin

Eingebettet ist diese gespielte verdichtete Erzählung einerseits in einen beeindruckenden griechischen Chor der Erinnyen, der Rachegöttinnen für Bluttaten – und Auftritten Kassandras. Jener „blinden Seherin“, der von Gott Apollon die Gabe verliehen wurde, Wahrheit zu erkennen. Damit wollte er sie sozusagen kaufen, weil sie das aber nicht zuließ, belegte er sie mit dem Fluch, dass niemand ihren Weissagungen Glauben schenkt.

Die angesprochenen Bluttaten schlagen eine Brücke zu zitierten und eingeblendeten (leider nur bruchstückhaft zu sehen / lesen) Fakten aus der Gegenwart: Zahlen der Femizide und Gewalttaten an Frauen aus den Jahren 2024 / 25 und 2026. Obwohl erst knapp mehr als fünf Monate, wurden heuer bereits 13 Frauen von Männern umgebracht, meist aus dem eigenen engen Umfeld. Dazu Zahlen von schweren Verletzungen und Betretungsverboten.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „RAGE – Hinter der Gelben Tapete“ von „Das SchauSpielWerk Jugend“ im WuK (Wien)

Geschichtliches

Dazu gesellt sich eine gegenwärtige Szene von krassem Manspreading und übergriffigem Verhalten eines Jungen gegenüber seiner vermeintlichen Freundin, die diese gar nicht sein will. Und weibliche Wut nicht nur dagegen – samt erklärenden Kommentaren des HERR-schenden Umgangs mit diesen Gefühlen, vor allem die Abwertung derselben. Strukturelle Gewalt von „Hexen“-Prozessen bis Verharmlosung oder Leugnung systematischer Machtverhältnisse kommen ebenso zur Sprache wie markante Bewegungen gegen Ungerechtigkeiten, für Wahl- und gleiche Rechte der Frauenbewegungen unterschiedlicher historischer Epochen. Angesprochen wird auch die Ablenkung auf Feinde von außen. Wobei die fremdenfeindlichen Klischees leider – im Gegensatz zum männlichen gewalttätigen Verhalten – kaum widersprochen bleiben.

Noch bis 15. Juni: Videobewerb „Gewalt gegen Frauen ist #Männersache“

Übrigens läuft noch bis Mitte des Monats (15. Juni 2026) ein vom Bildungsministerium ausgeschriebener Video-Wettbewerb – für den ein bespielgebendes Video der BHAK im steirischen Fürstenfeld die Initialzündung war und der vor allem darauf abzielt, dass  – nicht zuletzt auch – Männer gegen Gewalt ihrer Geschlechtsgenossen an Frauen auf- und einstehen. Und zwar schon ab den ersten Anzeichen, samt Hinterfragen eigenen Verhaltens. Details samt Upload-Link ein einem unten verlinkten Beitrag.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „RAGE – Hinter der Gelben Tapete“ von „Das SchauSpielWerk Jugend“ im WuK (Wien)

Utopie und Walin

Und noch ein zweites „übrigens“: Charlotte Perkins Gilman veröffentlichte fast ein Vierteljahrhundert nach „Die gelbe Tapete“ den utopischen Roman „Herland“ (1915), eine fiktive reine Frauenrepublik. Der ist gleichsam eine literarische Gegenerzählung zu ihrer Studie „Man-Made World or Our Androcentric Culture (1911) in der sie den Begriff  Androzentrismus prägte: Männer als Maß aller Dinge – wie es beispielsweise seit vielen Jahren immer wieder besonders in der Medizin thematisiert wird. Und der jüngst auf ganz anderem Gebiet zum Ausdruck kam: Timmy, der gestrandete und nun gestorbene Buckelwal dessen Schicksal jüngst wochenlang durch alle Medien „schwamm“, war nach der jetzt erfolgten Obduktion eine Walin.

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INFOS: WAS? WER? WANN? WO? + BUCH-INFOS

RAGE – Hinter der Gelben Tapete

Wutcollage von Rita Dummer mit Texten von Charlotte Perkins Gilman, Aischylos, Helena Tornero und Ensemble
Das SchauSpielWerk Jugend; ab 14 Jahren; ca. 1¼ Stunden

Regie: Rita Dummer
Regieassistenz: Nicolas Ulmke, Brigitte Ibasich
Bühne: Stephan Köberl, Mischa Guttmann, Kyona Eichhorn
Kostüme: Komfi Lyssova
Dramaturgie Mitarbeit: Michaela Tusch, Johanna-Sophia Köberl, Lukas Mitterröcker

Ensemble Schauspielwerk JUGEND: Csenge Zsolnai, Morena de Castro Augusto, Mimi Markusich, Amelie Kraushofer, Sarah Schermaier, Marie Zens, Olga Evangelopoulou, Sophie Schuster, Sarah Byrne, Silas Kloimstein

Wann & wo?

8. Juni 2026
WuK: 1090, Währinger Straße 59
wuk.at –> rage-hinter-der-gelben-tapete

schau-spiel.at –> produktionen

Das Buch

Text: Charlotte Perkins Gilman
Neuübersetzung: Heike Wolf
Die gelbe Tapete
Dörlemann / Aureon Verlag
Hardcover: 16 €
Taschenbuch: 7,95 €
Zu einer Leseprobe geht es hier

eBook (Sharp Ink Publishing): 0,54 €
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