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Szenenfoto aus "Anne of Green Gables" im Renaissancetheater/Theater der Jugend
Szenenfoto aus "Anne of Green Gables" im Renaissancetheater/Theater der Jugend
15.12.2021

Anne als ideelle Mutter von Pippi Langstrumpf

„Anne of Green Gables“ nach der kanadischen Schriftstellerin Lucy Maud Montgomery in einer Musical-artigen Version im Theater der Jugend (Wien) hinterfragt witzig überkommene Herrschafts-, und Erziehungsformen sowie Rollenklischees.

Was mit einem abgelegten sich bewegenden Stoffbündel beginnt, entpuppt sich im Laufe der rund zweieinhalb kurzweiligen, humorvollen Musical-ischen Stunden auf der Bühne des Renaissancetheaters als „Mutter“ von Pippi Langstrumpf.

Das Findelkind „Anne of Green Gable“ war schon in den Originalbüchern der kanadischen Schriftstellerin Lucy Maud Montgomery ein starkes, selbstbewusstes, nie auf den Mund gefallenes rothaariges Außenseiter-Mädchen. Angeblich hat Astrid Lindgren diese Geschichten gekannt und sich von dieser Anne inspirieren lassen, als sie ihrer kranken siebenjährigen Tochter Abenteuergeschichten eines starken Mädchens erzählte, das diese Pippilotta Viktualia Rullgardina Krusmynta Efraimsdotter Långstrump nannte.

Thomas Birkmeir, Direktor des Theaters der Jugend, verdichtete die Originalerzählungen und brachte sie über weite Strecken in Reimform, viele davon gesungen in unterschiedlichen Stilen – Musical-mäßig, Rapp-artig, Hip*Hopig. Victoria Hauer als diese Anne ist von den ersten Szenen weg, in denen sie als Achtjährige im Kloster der Nonnen, die das Stoffbündel aufgenommen haben, diese widerständige „Pippi“, die Erwachsene mit ihren Erziehungsaufträgen anrennen lässt, indem sie deren scheinbare Logik mit einfachen Fragen ins Wanken bringt, ja oft dazu bringt, sich selber lächerlich zu machen.

Da die in mehreren Bändern veröffentlichte „Ann of Green Gable“-Geschichten bei uns nicht so bekannt sind, kürzest die Grundgeschichte. Die sehr arme Mutter legt das Kind gleich nach der Geburt, vor einem Nonnenkloster ab, klopft an und hofft natürlich, damit der Tochter ein chancenreiches Leben zu ermöglichen. Die Nonnen nehmen sie tatsächlich auf, nach Jahren verordnet der Bischof aber, sie müssten das Kind weg in ein Waisenhaus geben. Das steht unter dem Regime eines ausbeuterischen Tyrannen. Nach einigen Jahren gelingt Anne die Flucht – mit einigen anderen Kindern. In zerrissener Kleidung findet Mathew Cuthbert das Mädchen, nimmt es in sein und seiner Schwester Marillas Haus mit den grünen Giebeln (daher der Name). Wo sie von den anderen Dorfbewohner:innen als „Fremde“ angefeindet und ausgegrenzt wird. Ihre herzliche Wesensart aber … und so weiter – happy End – natürlich mit davor noch einigen Komplikationen.

Außer der schon genannten Anne-Darstellerin, der die Rolle fast auf den Leib geschrieben zu sein scheint, schlüpfen alle anderen elf Schauspieler:innen in die unterschiedlichsten Rollen – von Nonnen über Mitschüler:innen, Waisenkinder, die alle zu Nummer degradiert sind, Erzähler:innen und natürlich die schon genannten Cuthberts (Susanne Altschul und Wolfgang Seidenberg), die zögerlich – sie mehr als er – Anne dann doch aufnehmen und sie sogar adoptieren.

Nicht nur Hauer als Anne sorgt für viele Lacher in ihrem „naiven“ Kampf gegen herrschaftliches Verhalten, auch schon die Nonnen ganz zu Anfang haben’s lustig – und machen’s damit auch für das Publikum. Viele herzhafte Lacher und immer wieder auch Szenenapplaus – insbesondere nach den Musical-Einlagen belohnen das Dargebotene. Die Schulszene in der neuen Umgebung hätte vielleicht ein wenig weniger übertrieben karikaturhaft antiquiert sein können.

Dafür ergab sich ein witziger zeitlicher Zusammenfall am Premierentag: Anne, die mit einem üppig geschmückten Hut in die Schule geht – um von ihren roten Haaren abzulenken – sagt auf den Vorhalt, so könne sie doch nicht dort antanzen, „Die Leute sind mir wurscht und auch egal, was für sie fremd ist, ist für mich normal. Ich halte mich an Matthew (Adoptivvater), der da sagt: Was im Kopf drin, nicht auf ihm – das behagt!“

Am selben Tag absolvierte der neue Bildungsminister Martin Polaschek eine Reihe medialer Antrittsinterviews, in denen er reihum auf seine mittellangen Haare angesprochen wurde und meinte in verschiedenen Variationen, dass er doch hoffe nach dem beurteilt zu werden, was er mache und nicht nach seinem Kopfschmuck.

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INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Anne of Green Gables

nach Lucy Maud Montgomery
von Thomas Birkmeir
Ab 6 Jahren

Anne: Victoria Hauer
Marilla Cuthbert / S. Gaudiosa / Erzählerin 2 / Ensemble: Susanne Altschul
Äbtissin Ermentrudis / Mrs. Rachel Lynde / Miss Prism / Mutter Annes / Erzählerin 1 / Ensemble: Pia Baresch
Matthew Cuthbert / S. Hortensia / Captain Crow / Erzähler / Ensemble: Wolfgang Seidenberg
Diana Lynde / S. Hyazintha / Nummer 3 / Erzählerin 4 / Ensemble: Shirina Granmayeh
S. Petronilla / Bette Davis / Nummer 67 / Erzählerin 10 / Ensemble: Sara Lynn Boyer
S. Moriosa / Lilian Gish / Nummer 35 / Erzählerin 9 / Ensemble: Nicole Klünsner
S. Clementine / Jane Russell / Nummer 23 / Erzählerin 6 / Ensemble: Anja Quinter
Charly Simmons / Nonne / Nummer 13 / Erzähler 8 / Ensemble: Alexander Findewirth
Gilbert Blythe / Nonne / Nummer 45 / Erzähler 7 / Ensemble: Paolo Francesco Möller
Rhett Butler / Nonne / Nummer 17 / Erzähler 5 / Ensemble: Jakob Pinter
Lenard Scennard / Nonne / Nummer 27 / Erzähler 3 / Ensemble: Maximilian Vogel
Swing, weiblich: Ursula Anna Baumgartner

Regie, Bühnenbildkonzept: Thomas Birkmeir
Komposition: Gerald Schuller
Musikalische Leitung: Ursula Wögerer
Choreografie: Kaj Louis Lucke
Kostüme: Irmgard Kersting
Licht: Lukas Kaltenbäck
Dramaturgie: Sebastian von Lagiewski
Assistenz und Inspizienz: Viktoria Klampfl
Hospitanz: Johanna Ortner

Aufführungsrechte: Theater der Jugend, Wien

Wann & wo?

Bis 29. Jänner 2022
Renaissancetheater: 1070, Neubaugasse 36
Telefon: 01 521 10-0
tdj -> anne-of-green-gables

Szenenfoto aus "Lust"
11.03.2022

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