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Autorin Sabrina Myriam Mohamed und Regisseur Niko Eleftheriadis
Autorin Sabrina Myriam Mohamed und Regisseur Niko Eleftheriadis
18.10.2026

Autorin tief bewegt, Regisseur in eigene Jugend zurückversetzt

Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… traf die Autorin Sabrina Myriam Mohamed und den Regisseur Niko Eleftheriadis von „Komm runter!“, der Jugend-Eröffnungsproduktion der neuen Saison unter neuer Leitung des Theaters der Jugend in Wien zum Interview.

KiJuKU kannte den Roman, hat ihn vor drei Jahren knapp nach der Veröffentlichung besprochen, die Autorin Sabrina Myriam Mohamed interviewt und auch schon über ein erstes Kapitel „„All inclusive“ daraus geschrieben, mit dem sie 2022 einen der Exil-Literaturpreise gewonnen hatte.

KiJuKU: Wie war das für dich, als du informiert wurdest, dass das Theater der Jugend jetzt deinen Roman dramatisiert und spielt?
Sabrina Myriam Mohamed: Also, das ist jetzt mittlerweile schon eine Zeit lang her, im ersten Moment hab ich das überhaupt nicht glauben können. Das war schon die Zeit, wo Leute gesagt haben, sie haben das Buch gar nicht mehr im Geschäft gefunden. Ich hab nicht mehr damit gerechnet. Und dann das – gerade das neue Team vom Theater der Jugend. Ich musste mich, so pathetisch es klingen mag, zwicken.
Und dann durfte ich alle kennenleren. Das war auch das erste Mal, dass ich überhaupt am Theater der Jugend war, weil ich war mit der Schule nie hier. Und dann das Theater gleich aus der Perspektive kennenzulernen! Es war wirklich jedes Mal, wo ich hier war, irgendwie komplett surreal.

KiJuKU: Du warst öfter bei Proben, auch schon in frühen Phasen?
Sabrina Myriam Mohamed: Ja, sogar wo sozusagen wirklich noch nicht einmal geprobt, sondern nur gelesen wurde, bei ersten Tischproben. Und die Sekunde, wo sie begonnen haben, zu lesen – eine, die ich selber bei Lesungen gewohnt bin zu nehmen, die „Ist“-Szene, die allererste, die ich geschrieben habe – als ich da die Stimmen der Schauspieler:innen gehört habe, das sind mir einfach nur die Trainen runtergeflossen. Es war einfach unglaublich.

Autorin und Regisseur im Interview mit KiJuKU
Autorin und Regisseur im Interview mit KiJuKU

Wie eine Reise in meine eigene Kindheit und Jugend

KiJuKU: An dich als Regisseur, als das Theater der Jugend dich für dieses Stück angefragt hat, kanntest du die Geschichte?
Niko Eleftheriadis: Als ich begonnen habe, den Roman zu lesen war das für mich wie eine Reise in meine eigene Kindheit und Jugend, fast schon eine nostalgische Geschichte ist. Die ist so nah dran an meiner eigenen Biografie. Mit dieser Clique und den ganzen Hintergründen, wie ich uns nenne. Und auch in diese coole Mischung von Hintergründen, die kannte ich sehr wohl aus den Achtzigern in Süddeutschland aus meinem eigenen Leben.

KiJuKU: Bist du in einer Großstadt aufgewachsen?
Niko Eleftheriadis: Ich bin in Esslingen aufgewachsen. Stuttgart. Daimler-Benz. Und der Klettverlag ist auch da. Meine Schulklassen bestand in der Grundschule sowieso nur aus Gastarbeiterkindern. Ich bleib bei dem Begriff, weil so wurden wir alle genannt.

Regisseur Niko Eleftheriadis
Regisseur Niko Eleftheriadis

KiJuKU: Aber damals noch zum Teil andere Herkünfte?
Niko Eleftheriadis: Ja, vor allem Balkan – also alle Jugos waren vertreten, dann die Griechen, die Türken, Portugiesen eher weniger, Italiener, sehr viele. Es waren alle Gastarbeiter-Vertragsländer bestens vertreten. Also ich bin 1976, genau in das rein geboren worden.

KiJuKU: Und hast ähnliche Situationen erlebt, wie die Susi-Lehrerin, die keine höhere Bildung zutraut oder den rassistischen „Grauselmann“?
Niko Eleftheriadis. Ja, absolut, absolut. Wobei, ich will nicht Feindschaften sagen, sondern woran ich mich sehr gut erinnern kann, war, dass ein Klassenlehrer sagte oder uns vorwarf, dass unsere Eltern sich nicht Mühe gegeben haben, die Sprache besser zu lernen.

Also das war dem Herrn Akademiker ganz unverständlich, wie man, wenn man in ein fremdes Land geht, da nicht sofort die Sprache lernen möchte. Dass die Menschen drei Schichten arbeiten, Kinder aufziehen und es ja auch nicht unbedingt gewollt war, dass die Leute sich da zu sehr eindeutschen. Eigentlich war es ja vertraglich nur für auf Zeit festgelegt. Selbst meine Eltern wollten nur für drei Jahre bleiben und dann wieder mit dem Ersparten sich in Griechenland einen Esel kaufen.

KiJuKU: Das Team der Schauspieler:innen hast du dann ausgewählt oder das Theater?
Niko Eleftheriadis: Das haben wir zusammen gemacht, wir haben zum Casting aufgerufen und dann saß ich mit Selina, unserer Produktionsdramaturgin und haben die Leute für die Gastpositionen gesucht – interessantes Wort übrigens am Theater.

Autorin und Regisseur im Interview mit KiJuKU
Autorin und Regisseur im Interview mit KiJuKU

Für die Charaktere besetzt

KiJuKU: Und gezielt für die einzelnen Charaktere?
Niko Eleftheriadis: Genau. Also ich war mit dabei bei der Auswahl. Und wir haben auf die einzelnen Figuren hingeschaut. Es war klar, dass wir für die Figur der Hannah, die ja aus Tirol kommt im Stück, durchaus eine Schauspielerin suchten, die eben auch einen ähnlichen Background hat und eben keinen, ich sag mal, serbischen Background hat. Und für den Istvan jemanden, der Ungarisch kann.

KiJuKU: Und zwar so gut, dass man manchmal meint, Ungarisch wäre seine Muttersprache, obwohl er sie „nur“ erlernt hat.
Niko Eleftheriadis: Ein absoluter Glücksfall, ein Sprachentalent.

Autorin Sabrina Myriam Mohamed
Autorin Sabrina Myriam Mohamed

„Nur“ zugeschaut oder einbezogen?

KiJuKU: Sabrina, hast du bei deinen Probenbesuchen „nur“ beobachtet oder wurdest du auch mit einbezogen als die Autorin der Geschichte, des Textes? Oder hast du gesagt, da habt ihr meinen Text und ihr macht daraus, was ihr wollt?
Sabrina Myriam Mohamed: Beides so ein bisschen eigentlich. Das erste Mal als ich dazugekommen bin, war explizit dafür, falls die Schauspieler:innen Fragen haben zu den Figuren. Und das war für mich voll spannend, weil es als Autorin, ich kann natürlich nur für mich sprechen, aber es ist das Schönste, wenn sich Menschen so genau mit dem auseinandersetzen, was du schreibst. Sie haben so spezifische Fragen gestellt, über die ich mir teilweise selber nicht wirklich Gedanken gemacht hab. Dafür bin ich sehr dankbar.

Sie haben mich über die Charaktere ausgefragt, was ich über sie noch mehr in meinem Hinterkopf habe als im Text drinnen steht. Das fand ich voll spannend. Bei den Themen in denen auch viel von mir drinnen ist, braucht man eine gewisse Sensibilität, ein gewisses Bewusstsein. Und das war von Anfang an spürbar, dass das ganze Team, diese  hat. Das heißt, ich habe mir null Sorgen gemacht, bin eigentlich nur dazugekommen, habe es mir angeschaut, war sehr emotional und habe geweint und bin dann wieder gegangen.

Autorin und Regisseur im Interview mit KiJuKU
Autorin und Regisseur im Interview mit KiJuKU

Niko Eleftheriadis: Sabrina hat ja auch sehr früh gesagt, bitte nehmt den Text, macht damit, arbeitet damit, mach, was damit, was ihr wollt. Und das ist natürlich immer ein Glücksfall, wenn Autor:innen ihren Stoff loslassen können, damit durch Einwirken anderer etwas Drittes entstehen kann. Ehrlich gesagt, das ist der Glücksfall beim Theater. Es gibt ja auch ganz andere Autorinnen, die da so gar nicht loslassen können. Und wo man so denkt, man tut ihnen was an, indem man ihren Roman dramatisiert. Deshalb war sie auch immer eingeladen. Sie hat aber auch einfach eine tolle Aura.

KiJuKU: Du hast aber aus dem Roman eine Stückfassung geschrieben? Oder ist die erst während der Proben entstanden?
Niko Eleftheriadis: Ich würde es eine Arbeitsfassung nennen – extrahieren aus dem Roman. Die wurde noch ganz stark im Arbeitsprozess modifiziert und verändert. Wenn da nämlich die schauspielenden Körper dazukommen und den Text sprechen und wo wir merken, okay, wo ist der Bogen, wo geht der Bogen wohin? Worauf müssen wir verzichten, um etwas anderes zu verstärken?
Ich habe auch zu Sabrina mal gesagt, im Grunde muss man immer den Roman verraten, den man dramatisiert. Das ist halt so, wenn man ihn für ein anderes Medium übersetzen möchte. Aber ich glaube, das haben wir so ganz ohne Verrat ganz gut geschafft. Vor allem die Message und den Geist von Sabrinas Roman zu erhalten.

KiJuKU: Das finde ich auch. Also von außen betrachtet, ich kannte nur den Roman vom Lesen. Und ein bisschen drum rum aus den Gesprächen mit dir. Wobei das Interview zum ganzen Roman, das KiJuKU veröffentlicht hat, hat ja eine Schnupper-Praktikantin geführt; meines war ja „nur“ nach dem ersten – preisgekrönten – Kapitel; Buchbesprechung und Interviews unten am Ende des Beitrages verlinkt.
Niko Eleftheriadis: Dann haben wir gut gezaubert.

Autorin und Regisseur im Interview mit KiJuKU
Autorin und Regisseur im Interview mit KiJuKU

Aus eigener Umgebung rausreißen

KiJuKU: Das Einzige, worüber ich gestolpert bin: Navid kommt doch aus Afghanistan, oder? Das ist eine schlimme Diktatur, aber Krieg herrscht dort nicht.
Niko Eleftheriadis: Also du bist ja sehr genau. Wir wollten eine Grundsituation vermitteln, weil sonst müsste man ja eigentlich alle paar Wochen – auch was Asylantrags-Odyssee angeht, jeweils neu recherchieren. Wichtig ist, für ein so junges Publikum zu transportieren, was es bedeutet, wenn man aus dem Biotop, in dem man groß worden ist, aufgewachsen ist, rausgerissen werden soll und irgendwo hin verpflanzt werden soll, wo man selbst gar keine Erinnerung daran hat. Ich habe das Buch mindestens ein Jahr lang geschrieben. Und diese Textteile musste ich so oft umschreiben, weil sich immer wieder ein bisschen was verändert hat.

Sabrina Myriam Mohamed: Was mir zum Beispiel einfach wichtig war an den Szenen oder an dem Thema, dass rauskommt für Leute, die keinen Einblick haben, wo das vielleicht fernab komplett von der eigenen Lebensrealität ist, wie undurchsichtig, wie viele Instanzen, wie kompliziert das ist, zu durchschauen, und da ist eben die Frage, muss man dafür jetzt alles wieder neu heraussuchen und recherchieren, so wie es Nico sagt? Was die Menschen mitnehmen sollen, die davor keine Berührung hatten, eben was für ein Unterfangen es ist, um Asyl und Bleiberecht anzusuchen. Und ich hoffe, dass Fragen, die von Jugendlichen auftauchen dann auch vielleicht gemeinsam auch in der Schule diskutiert werden können.

Bühne

KiJuKU: Noch eine Frage zur ganz neuen Bühnensituation im Vergleich zur sonst üblichen hier in diesem Haus ist – Bühne in der Mitte, links und rechts Publikums-Tribüne und Spiel auch auf den Stufen und in von allen Seiten. Das war wessen Entscheidung?
Niko Eleftheriadis: Das war zusammen mit Heike Mondschein, die für Bühne und Kostüm verantwortlich ist. Das haben wir zusammen entschieden. Wir haben den Raum gesehen – ein sehr langer Schlauch und irgendwo, irgendwann kommt eine Bühne da ganz hinten. Da haben wir uns überlegt, das ist sehr unsexy.

Und da wir nicht zum ersten Mal den Raum splitten und eine Arena machen, da dachten wir sofort, ja gerne. Sehr hilfreich ist natürlich, dass es in Serie gespielt wird und nicht andauernd umgebaut werden muss.

Obwohl es wahnsinnig schwer ist zu inszenieren. Du musst bedenken, dass die auch in deinem Rücken dich gut verstehen. Aber wenn man begriffen hat, dass es jedes Mal für jeden ein anderes Erlebnis ist, von keinem Sitz exakt dasselbe ist, dann akzeptiert man das sehr schnell.

Autorin und Regisseur im Interview mit KiJuKU
Autorin und Regisseur im Interview mit KiJuKU

KiJuKU: Es ergibt sich sofort diese Situation, dass sie immer im Hof des Gemeindebaus zusammen kommen.
Niko Eleftheriadis: Die ästhetische Mission fürs Theater ging dann Hand in Hand mit der Inszenierung. Diese Architektur-Zeichnung, eines eeal in Wien existierenden Gemeindebaus.

KiJuKU: Noch dazu des berühmtesten, des Karl-Marx-Hofs, besser gesagt eines Teils dieses riesigen Baus.
Niko Eleftheriadis: Der berühmte so berühmt, dass man den gar nicht nennen braucht. Es ist alles händisch gemalt.

KiJuKU: Und wird auch überdauern, wenn wochenlang drauf gespielt wird?
Niko Eleftheriadis: Ja schon, und es sollen auch Abnützungsspuren sichtbar werden.

KiJuKU: Danke, efachristo, shukran gasilan, hvala lepo, köszönöm szepen, modsha kheram / kheli mamnoon, dere manana, dankek 😉

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Hier unten geht’s zu einer Stückbesprechung

INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Komm runter!

Ab 11 Jahren; 1¼ Stunden

Text: Sabrina Myriam Mohamed
Regie / Bühnenfassung: Niko Eleftheriadis
Schauspiel
Leila: Minou M. Baghbani
Istvan: Fridolin Blasl
Hannah / Volksschullehrerin Susi: Tara Ewers
Adriana: Violeta Maleo
Navid / Lehrer „Grauselmann“ / neue Direktorin Aylin Yıldız: Mirkan Öncel
Yasmin: Melanie Baljeet Kaur Sidhu
Springer*in: Josefine Merle Häcker

Bühne / Kostüm: Heike Mondschein
Musik: Siri Thiermann
Dramaturgie: Selina Shirin Stritzel
Licht: Barbara Zukal, Lukas Nader
Assistenz/Inspizienz: Eva Maria Gsöllpointner, Furkan Abdi
Hospitanz:

Wann & wo?

Bis 13. Dezember 2026
TdJ Liliengasse
Uraufführung
1 Stunde 20 Minuten
TdJ Liliengasse 3
tdj.at –> komm-runter