Ein Stück (nicht nur) Wiener junger Lebensrealität auf der Bühne mitten zwischen den Zuschauer:innen: „Komm runter!“ nach dem gleichnamigen Jugendroman im Theater der Jugend, Liliengasse.
Schon auf den Stufen neben den Publikumstribünen beginnt das Bühnenbild – eine Grundriss-Zeichnung einer großen Wohnhausanlage. Und zieht damit auch optisch, wie später das Schauspiel der sechs jungen Darsteller:innen, die Zuschauer:innen rasch ins Geschehen.
Die Bühne (und Kostüm: Heike Mondschein) liegt zwischen zwei Tribünen für das Publikum: Der Hof eines Wiener Gemeindebaus, noch dazu des auch international bekannten Karl-Marx-Hofs in Heiligenstadt (Döbling; 19. Bezirk). Auf einer der Stufen die verschlafene Yasmin. Von verschiedensten Seiten und Ecken melden sich ihre Freund:innen. Der Stücktitel „Komm runter!“ wird, an der Gegensprechanlage drückend, gerufen. Ein Schultag beginnt – mit zu spät kommen, witzigen Ideen für Ausreden. Und der Angst noch dazu vor dem Lehrer der ersten Stunde, den sie seinen Namen ein wenig verändernd „Grausemann“ nennen. Weil er so grausam, oft rassistisch Schüler:innen niedermacht.
Die schon erwähnte Yasmin (Melanie Baljeet Kaur Sidhu), Leila (Minou M. Baghbani), Hannah (Tara Ewers), Adriana (Violeta Maleo) und Istvan (Fridolin Blasl) sind eine freundschaftliche Clique mit allem, was dazugehört – vielen Gemeinsamkeiten, hin und wieder Zoff. So fordert Adriana Cola. Isti, wie alle zu Istvan sagen, will ihr nix abgeben, weil sie wie sonst immer gleich die halbe Flasche leert.
Der einzige Bubenfreund der Gruppe scheint für Leilas Mama ein Problem. Was also tun? alle Eltern einladen, den harmlosen Isti vorstellen. Ihn darauf auch vorzubereiten. Mit dieser Szene, in der die anderen vier in die Rollen von Müttern und Vätern schlüpfen, hatte die Autorin, Sabrina Myriam Mohamed, 2022 beim exil Literaturpreis den dritten Preis gewonnen. Es war ihr erstes Kapitel des im Jahr darauf vorgestellten Romans, das sie geschrieben hatte. Und das schon – vor ernstem Hintergrund – viel mit Humor und Leichtigkeit arbeitete. Etwas, das – wie sie damals im Interview mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… sagte, neu für ihr Schreiben war. Sie hatte schon in der Schule mit einem Text „Die Zwiebel“ bei den Erich-Fried-Tagen die Jugendkategorie gewonnen.
In einer anderen Szene wechselt Tara Ewers (Hannah) in die Rolle von Yasmins Volksschullehrerin – bei einem zufälligen Treffen in einem Laden, weil die Tirolerin ja am ehesten eine Švabica spielen könnte. Deutlich unehrlich, „zuckersüß“ fragt sie die ehemalige Schülerin, „na, wie tust dich jetzt am Gymnasium?“
Hatte die Pädagogin doch der Schülerin und ihrer Mutter von einer weiterführenden höheren Schule abgeraten. Wie übrigens auch Adriana und Leila. Eine Szene, die an Erlebnisse der Autorin anknüpft. „Ich wusste damals nicht, dass das so eine kollektive Erfahrung ist, dachte damals eher, das ist mein Einzelschicksal. Dass es viele trifft, hab ich erst später erfahren als ich mit mehr Leuten geredet habe, die auch Migrationsgeschichte haben“, hatte Sabrina Myriam Mohamed damals im Interview gesagt.
Die stärksten Rollenwechsel vollführt Mirkan Öncel. Mit einer Art clownesken Maske wird er zum schon genannten Lehrer „Grauselmann“ mit seinen herabwürdigenden Sprüchen. Vor allem aber ist er Navid, ein paar Jahre älterer – die anderen sind so 14 /15 – weitschichtig Verwandter Leilas. Erst eher unbeteiligt vorbeigehend, finden ihn die Mädels irgendwie süß. Dann kommen sie auf ein Geheimnis ihrer streitenden Eltern drauf. Abschiebung droht dem jungen Austro-Afghanen. Sie wollen helfen, denken sich eine schräge inszenierte Geschichte dazu aus… – nein kein Spoilern! Auch noch nicht, was nach den gemeinsam im Hof und im Schwimmbad verbrachten Sommerferien im neuen Schuljahr Überraschendes passiert.
Verraten sei aber schon och eines: Gegen Ende wird gerappt (Musik: Siri Thiermann). Navid, der nun auch Teil der Clique ist, und seine neuen Freund:innen singen über die „Lücke zwischen Bleiben und Zurück“, das eine Abschiebung ins Nichts wäre, weil „meine Leben, meine Sprache, meine Freunde… sind hier!“
Wie auch immer, in knapp mehr als 1¼ Stunden lassen die sechs Schauspieler:innen die wichtigsten Szenen und vor allem die Grundmelodie des rund 180-seitigen, flott zu lesenden, Romans live, analog drei- und mehrdimensional erleben – mit vielen Sinnen. Bis hin zur Einladung zum gemeinsamen Dattel-Essen und tanzen auf der Bühne in einer Szene. Gelebte Multikulturalität wie sie für viele Jugendliche alltägliche Realität ist und auch den Regisseur und Autor der Bühnenfassung Niko Eleftheriadis aus seiner Kindheit im deutschen Esslingen bekannt ist; wie er im Interview mit KiJuKU, gemeinsam mit der Autorin, erzählt – unten am Ende des Beitrages verlinkt.
Auf einer der Publikumstribünen saßen in der ersten Reihe Jugendliche der Mittelschule Georg Wilhelm Pabst (benannte nach dem österreichischen Filmregisseur, 1885 – 1967). Sie haben die Entstehung des Stücks schon über Jahre hinweg begleitet. Zuerst den Text gelesen, mehrmals proben besucht und nun die Premiere. Sie, die davor nur einmal in der Oper waren, wie einige Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… erzählen, waren begeistert. „Komm runter!“ ist eine der läääääängst überfälligen Geschichten und Stücke, die einen Gutteil der hier lebenden Bevölkerung repräsentieren, auf die Bühne bringen. „Sehr gut war, dass sie auch immer wieder Wörter in ihren eigenen Sprachen verwendet haben. Das haben wir ihnen schon bei einer Probe gesagt, sie sollen davon mehr machen“, freuen sich zwei Schüler:innen im Gespräch mit dem Reporter. Die drei Worte, die’s vielleicht am besten zusammenfassen, sagten andere Schüler:innen: Das Stück war „ein bisschen echt“
Wobei nicht nur BKS (Bosnisch / Kroatisch / Serbisch) wie die besonders powernden Ariana-Darstellerin Violeta Maleo, die schon als Kind in Graz „unbedingt auf die Bühne wollte“ zu hören sind. Neben Arabisch, Dari kommen auch immer wieder (Alt-)Wiener Begriffe vor, die die Autorin schon im Roman liebend gern einbaute. Und Ungarisch bringt Istvan ein, sogar akzentfrei wie ein Kenner KiJuKU verriet. Und das obwohl Fridolin Blasl dies „nur“ als Fremdsprache erlernte, ganz ohne familiäre Bezüge. „Ich hab im Pygmalion Theater meine Ausbildung gemacht und viel mit einer damals dort spielenden ungarischen Gruppe gearbeitet. Ich hatte den Deal mit einem Schauspieler der Gruppe: Ich putze sein Deutsch auf akzentfrei aus und er hilft mir bei meinem Ungarisch“, sagt der „Isti“-Darsteller nach er umjubelten Premiere Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…
Übrigens: Sowohl die schon erwähnten Schüler:innen als auch andere, die KiJuKU bei einem der letzten Probenbesuche vor der Premiere begleiten durfte, meinten mehrmals, as Stück sei zu kurz, sie würden gern mehr sehen, vor allem wie’s weitergeht. Eine der damals begleitenden Lehrerinnen sagte übrigens, ihr sei’s zu lange gewesen!
Ach ja, Sabrina Myriam Mohamed, die Autorin arbeitet schon lange an einem zweiten Teil. Bisher waren ihr Fragen danach immer unangenehm. Auch die Verlegerin Christa Stippinger, Herz und Motor der edition exil und des gleichnamigen Literaturpreises habe ihr am Rande der Premiere mehrmals einschlägig zugeblinzelt. Aber, dass die Kids das so stark wollen, sei schon ein großer Boost, daran weiterzuarbeiten, gestand sie nach der wirklich enthusiastisch akklamierten Premiere.
Ab 11 Jahren; 1¼ Stunden
Text: Sabrina Myriam Mohamed
Regie / Bühnenfassung: Niko Eleftheriadis
Schauspiel
Leila: Minou M. Baghbani
Istvan: Fridolin Blasl
Hannah / Volksschullehrerin Susi: Tara Ewers
Adriana: Violeta Maleo
Navid / Lehrer „Grauselmann“ / neue Direktorin Aylin Yıldız: Mirkan Öncel
Yasmin: Melanie Baljeet Kaur Sidhu
Springer*in: Josefine Merle Häcker
Bühne / Kostüm: Heike Mondschein
Musik: Siri Thiermann
Dramaturgie: Selina Shirin Stritzel
Licht: Barbara Zukal, Lukas Nader
Assistenz/Inspizienz: Eva Maria Gsöllpointner, Furkan Abdi
Hospitanz:
Bis 13. Dezember 2026
TdJ Liliengasse
Uraufführung
1 Stunde 20 Minuten
TdJ Liliengasse 3
tdj.at –> komm-runter
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