Spielfreudige, begeisternde Premiere im großen Haus des Theaters der Jugend mit Renate Welshs „Alle Kinder nach Kinderstadt“ über Ab- und Ausgrenzung.
Schon beim Eingang findet die erste Berührung mit den Schauspieler:innen statt. Und Besucher:innen, die schon ihre Sitzplätze eingenommen haben, erleben ein wildes Fangenspiel von Enkelin Eva (Lara-Luna Wojtkowiak) und Opa (Frank Engelhardt). Noch dürfen sie gemeinsam Spaß haben. Denn damit ist’s bald nach Beginn des Eröffnungsstücks „Alle Kinder nach Kinderstadt“ für die Jüngeren im großen Haus des Theaters der Jugend (bis 15. November, siehe Info-Box ganz unten) in der Wiener Neubaugasse vorbei.
Zunächst eröffnet sich die Stadt auf der Bühne wie eine Art großes Bilderbuch mit beweglichen Teilen – Kulissenteilen mit vielen Durchsicht- und Klapp-Elementen, die von den Bewohner:innen hin und hergeschoben werden (Bühne: Rosa Wallbrecher). Eine Sonne, die im Halbkreis über den Horizont gezogen wird, ein Flugzeug in Gegenrichtung. Pflanzen, Vögel und andere Tiere sowie Gegenstände, die rauf und runter bewegt werden… – ob manche der kleinen, fast filigranen Teile auch in den letzten Reihen des großen, doch recht flach nach hinten gehenden Zuschauer:innen-Raumes gesehen werden?
Und dann die Ansage des „Roboter“-Manns im fahrenden Lautsprecherwagen, gleichzeitig übrigens auch Live-Elektronik-Musik-Zentrale (Aras Levni Seyhan): Weil die Lauten mit den Leisen im Streit liegen, und so weiter hat der Stadtrat beschlossen: Für jede Gruppe eine eigene Stadt – mit Mauern und Kuppeldächern.
Separiert. Jene, die Fußball, Tennis, Schach oder was auch immer spielen. Alle Gruppen extra. Solche, die lesen, die lehren oder was auch immer wollen – ab in eigene Festungen. Und damit klarererweise – wie’s der Titel des von Renate Welsh vor mehr als 50 Jahren (1974) veröffentlichten Buchs auch vorgibt – alle Kinder nach Kinderstadt. Und die Alten in die Altenstadt. Die 89-jährige Autorin hatte übrigens Proben besucht und war auch bei der vielumjubelten Premiere.
Weil sich aber Enkelin und Opa, auch wenn Erstere so manches, vor allem seine Lieder, am Großvater nervt, blendend gut verstehen, sie gerne gemeinsam spielen, wollen sie der Trennung ein Schnippchen schlagen. Eva verkleidet sich als alte Frau (Kostüm: Karoline Bierner), worüber sie im imaginären Spiegel voll erschrickt. Aber der Gemeinsamkeit willen… Allerdings fällt’s an der Grenzkontrolle ebenso auf wie beim gegenteiligen Versuch des Opas als Kind. Und so werden sie getrennt.
Wir tauchen nun längere Zeit mit Eva in die Kinderstadt ein. Wo die anderen Kinder – die Andrea (Kira Napadovskyy), Alexander (Stefan Rosenthal) und Manfred (Una Nowak) erst ihren Spaß an den automatischen Spielgeräten und der ebenso selbsttätig funktionierenden Knödelmaschine haben. Eva hingegen vermisst nicht nur ihren Opa, sie findet dieses „automatische“ Spielen laaangweilig, sondert sich ab. Dann fällt dem Manfred noch ein, sich zum König zu krönen, die anderen müssten ihm huldigen, dienen, ihn anhimmeln… Evas Widerspruch findet er interessant, nicht so wie die anderen „Lämmer“, er möchte sie zu seiner Mitregentin, aber natürlich nur eine Stufe unter ihm machen. Was diese natürlich Nüsse interessiert.
Für ihre Aufmüpfigkeit wird sie eingesperrt, die beiden anderen zu Gefängnis-Wärter:innen. Andrea ist ohnehin schon angefressen, weil König Manfred ihr geliebtes Auto kaputt getrampelt hat. Im Gefängnis entsteht auch der Fluchtplan. Dessen Umsetzung führt die Spieler:innen zum Gaudium des Publikums in Stoffröhren als unterirdische Tunnels nicht nur quer über die Bühne, sondern auch mitten durch den Zuschauer:innen-Raum. Bis nahe an die Altenstadt, wo Opa in einer großen durchsichtigen Kunststoff-Kugel wie sie als Zorbs bekannt sind, mit denen auf Wiesen oder Wasser gerollt und getreten wird, steckt. Und DAS Sinnbild wohl für „Bubbles“, die eigenen Blasen.
Während im vor mehr als einem halben Jahrhundert erschienenen Roman noch der Stadtrat von oben die strikte Aufteilung in unterschiedliche scheinbar gleichartige Gruppen verordnete, teilen sich heute ja viele oft gern und freiwillig selber in abgesonderte Gruppen, die mit anderen nichts zu tun haben wollen. Womit politische Separierungs-Konzepte wie „Festungen“, Rufe nach homogenen (Schul-)Klassen oder sogenannte „Monitore“, nach dem nebeneinander wohnen wollen mit Angehörigen bestimmter Religionsgruppen auf fruchtbareren Boden fallen.
In der Inszenierung (Bühnenfassung und Regie: Simon Windisch) bringen die – von der spielfreudigen Barča Baxant, die vor allem als Riesenfinger Evas 6. Sinn spielt, angestachelten Kinder im Publikum mit ihrem lautstarken lustvollen Mitsingen die durchsichtige kugelrunde Mauer um Opas Altenstadt zum Zerreißen!
Text: Renate Welsh
Bühnenfassung und Regie: Simon Windisch
Schauspiel
Eva: Lara-Luna Wojtkowiak
Evas 6ter Sinn: Barča Baxant
Evas Opa: Frank Engelhardt
„König“ Manfred: Una Nowak
Alexander: Stefan Rosenthal
Andrea: Kira Napadovskyy
Städte-Bewohner*innen u.a.: Ensemble
Live-Musik und Roboter-Fahrer: Aras Levni Seyhan
Bühne: Rosa Wallbrecher
Kostüm: Karoline Bierner
Dramaturgie: Michael Isenberg
Assistenz/Inspizienz: Natalie Ogris
Hospitanz: Ielizaveta Oliinyk
10. Oktober bis 15. November 2026
Theater der Jugend, Neubaugasse: 1070, Neubaugasse 36
tdj.at –> alle-kinder-nach-kinderstadt
Text: Renate Welsh
Illustration: Bulgatti
Alle Kinder nach Kinderstadt
90 Seiten
Verlag Jugend und Volk
nur mehr antiquarisch verfügbar bzw. zwei Exemplare bei den Büchereien Wien
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