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Szenenfoto aus "Dalli Dalli" von E3-Ensemble
Szenenfoto aus "Dalli Dalli" von E3-Ensemble
06.10.2021

Wo Hexe und Kasperl Schwestern sind und das harmoniesüchtige Krokodaxl treffen

In „Dalli Dalli“ nimmt das E3-Ensemble schrill und brutal Politik-Inszenierung und Message-Control auf die Schaufel.

Ein grell-lustig, brutales Kasperltheater in rot-weißrot mit satirischen Anspielungen an heimische Politik(-Inszenierung) – und wie es für das E3-Ensemble typisch ist, körperlicher Verausgabung bis an, manchmal auch über die Grenzen – das ist „Dalli Dalli“. Es handelt sich um den neuesten, „dank“ Corona um rund eineinhalb Jahre verschobenen, Streich dieser engagierten, immer wieder sich neu erfindenden Off-Theatergruppe.

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Gema, gemma…

Kleiner notwendiger Einschub: Der Titel irritiert nur ältere Theaterbesucher:innen, weil es in den 70er und 80er Jahren eine TV-Show gleichen Namens mit Moderator und Entertainer Hans Rosenthal gab, berühmt für seinen Jubelruf: Das war Spiiiitzeeee!“ Jüngeren sagt die Show nix, weswegen sie die beiden Titelworte auch lediglich als eine ältere Version von „Gemma, gemma!“ – oder wahlweise in anderen Sprachen „dawai, dawai“, „Haide, haide“, „jalla, jalla“ oder „Hadi , hadi“ sehen/hören.

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DIE Kasperl

Erstmals in einer Produktion dieser Gruppe – in der White-Box des Off-Theaters in Wien-Neubau, wo auch die „Märchenbühne Apfelbaum“ beheimatet ist – trennt anfangs – und zwischendurch mehrmals – ein roter Samtvorhang die Bühne vor den Blicken des Publikums. Erster Auftritt: Schüchtern, zaghaft das Krokodil von der Kasperl (urböse und super-brutal Isabella Jeschke) in traditioneller Manier Krokodaxl genannt. Harmoniesüchtig und als einziger in Grün, während alle anderen mehr oder minder rot-weiß-rot gewandet sind. Veränderung und Stillstand thematisiert Gerald Walsberger, bevor er sich den Kroko-Kopf aufsetzt anhand seiner Nicht-Haare auf dem Kopf. Die beiden Begriffe waren Ausgangspunkt für die Gruppe, die im Herbst 2019 mit der Stückentwicklung begonnen hat.

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„Kann mich nicht erinnern“ mal 86

Politik werde oft als Kasperltheater bezeichnet – so landeten die Stückerfinder:innen und gleichzeitig Schauspieler:innen bei ihrem Setting. Von der ständigen, ganz bewusst neeeeervigen Wiederholung eben gesagter Sätze bis zu dem dutzendfach ausgestoßenen Sager „ich kann mich nicht erinnern“ reichen die vordergründigeren Anspielungen. Die hintergründigeren liegen unter anderem in dem oftmaligen dank der Polsterung des Prügels nicht wirklich schmerzhaftem, aber jedenfalls immer brutalem Hinhauen vor allem der Kasperl. Oder der Ausgrenzung des „Krokodaxl“, weil er als einziger nicht ins rot-weiß-rote fast pick-süße Glanzbild passt.

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Opfer ausgestellt

Ein gesagter, gespielter Gag jagt den anderen, Lachen, lachen, lachen. Bis es im hals stecken bleibt, weil die Großmutter (Michaela Schausberger) gezwungen wird, ihre Rolle abzugeben, samt Ausziehen des Kostüms auf offener Bühne. Beinahe eine Viertelstunde steht die Schauspielerin sehr bloß gestellt und obendrein gedisst erst im Zentrum und dann doch gut sichtbar am Rand der Bühne. Ein Opfer ausgeliefert, preisgegeben, ausgesetzt. Bis sie die an Latex erinnernde rosa Gendarminnen-Uniform von Rina Juniku – neue und total gut ins E3-Ensemble passend – anziehen darf.

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Wahrheit und Botschaften

Übrigens erfand die Gruppe eine neue Geschichte: Die Hexe (May Garzon) ist die Schwester der Kasperl, die von der Großmutter als Baby in den Graben fallen gelassen wurde. Sie thematisiert süffisant das Spiel von Wahrheit und Verkauf von Botschaften. Natürlich habe sie Hänsel und Gretel die Wahrheit gesagt, indem sie ihnen Süßigkeiten im Haus anbot. Aber hätte sie ihr Vorhaben angekündigt, wären die doch niemals reingekommen. Message Control eben.

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Ein-Mensch-Orchester

Meist im Hintergrund, aber doch sehr präsent dank seiner ständigen Livemusik als ein-Mensch-Orchester und Gretel in einer Art Dirndl mit Spielzeug-Akkordeon und Trommeln, Mundharmonika, Tröte und Blas-Melodica und dem immer wieder kehrenden nervtötenden Tata ta, tata ta – der berühmten Kasperl-Melodie, die von der Kasperl mit derben Begrüßungsworten „Jupeidi und Jupeida, meine lieben, lieben Owezahrer, Fetznschädln, Heislrotzn“ auf jenes Niveau gebracht wird, das die Gruppe mit der knapp mehr als einstündigen Show als Haltung so manch Regierender demaskieren möchte. Und damit ansetzt bei Ursprüngen von Kasperl-, Hans-Wurst- oder auch Hofnarren-Figuren.

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INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Dalli Dalli

Satirisches Statement zur politischen Lage in Österreich*E3-Ensemble/Das OFF-Theater Wien

Cast
Hexe: May Garzon
Die Kasperl: Isabella Jeschke
Gendarmin, später Großmutter: Rina Juniku
Großmutter, später Genadrmin: Michaela Schausberger
Krokodaxl: Gerald Walsberger
Live-Musik und Gretl: Sebastian Spielvogel

Crew
Dramaturgie: Thomas Bischof
Kostüme/Ausstattung: Pia Stross
Künstlerische Beratung: Susanne Brandt
Technik: Stefan Rauchenwald

Wann & wo?

Bis 9. Oktober 2021
Open.Box im Das OFF-Theater
1070, Kirchengasse 41
Telefon: 0660 52 52 532
karten@e3ensemble.at
e3ensemble.at

Szenenfoto aus "Lust"
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