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Szenenfoto aus "Who the fuck is HELGA"
Szenenfoto aus "Who the fuck is HELGA"
29.09.2021

Zwei dichte Theaterstunden lassen jüngere Geschichte lebendig werden

„Who the fuck is Helga?“ im Werk X-Petersplatz geht von einer Stasi-Akte aus und vermittelt Einblicke in eine fast unbekannte Welt.

Als sie vor drei Jahren aus dem Postkasten ihrer Wiener Wohnung das Kuvert mit der von ihr angeforderten Akte der Staatssicherheit der untergegangenen DDR zog und darauf das Deckblatt „Helga 768/88“ fand, hatte sie bereits den Titel für ein künftiges Theaterprojekt im Kopf: „Who the fuck is Helga?“ Wer zum Teufel diese/r inoffizielle Mitarbeiter/in der Staatssicherheit (Stasi) war, ist ihr bis heute ein Rätsel.

Jedenfalls sind die Einträge über sie – ab der Zeit als die Facharbeiterin (Außenhandles-Wirtschaftskauffrau) eine Ballettstudium – die Basis, das Gerüst, der rote Faden des rund zweistündigen Stücks mit dem besagten Namen. Obwohl die dichte Inszenierung sozusagen eine knapp 30 Jahre zurückliegende Epoche und ein untergegangenes Land leibhaftig lebendig werden lassen, ist es kein Erzählstück. Das Stück mit Rollenwechsel, Masken, Ab- und Auftauchen in der Mitte der Bühne (Heike Mirbach, die auch die Masken formte) oder hoch oben in einem Wachturm auf der Mauer macht diese höchstpersönliche Geschichte, in der sich Weltgeschichte verdichtet, fast sinnlich erlebbar.

Das setzt das vierköpfige Schauspieler:innen-Ensemble trotz äußerst kurzer Probenphase – 4 ½ Wochen – mehr als beeindruckend um. Die Hauptfigur – der Autorin und Regisseurin selbst – wird „zerlegt“ in eine Drei-Heit, Vergangenheit (Dolores Winkler), Gegenwart (Sabrina Strehl) und Zukunft (Nina Fog). Christian Himmelbauer, nur als Grenzschützer ohne Maske, verwandelt sich mit solchen u.a. in den Vater, vor allem aber immer wieder in einen Adler – als Symbol einerseits der Freiheit, weil er auch über die Mauer fliegen kann, aber auch der Macht. Mit Maske wird Winkler u.a. die Mutter der Autorin.

Die Mauer mit Wachturm im Hintergrund wird auch zum kleinen Bungalow-Glück am Seegrundstück, das die Familie pachten durfte. Das immer wieder vom Sumpf des überschwappenden Sees trockengelegt werden muss – Der Sumpf sind übrigens geschredderte Papierstreifen aus Papp-Säcken – solchen in denen auch tatsächlich die Stasi-Akten aufbewahrt wurden.

Die Konfrontation der Eltern damit, dass sie Bärbels Kinderzimmer einem Staatssicherheits-Führungsoffizier und einer stets unbekannten Frau als „konspirative Wohnung“ überlassen haben, hatte die Autorin – und das ist im Stück mitzuerleben – immer wieder aufgeschoben.

Das Stück – immer wieder stark untermalt durch Musik von Holger Bey – bleibt aber nicht auf den Stasi-einträgen hängen, gerade die Szenen am Seegrundstück vermitteln einen Hauch des Lebensgefühls in der DDR. Und immer wieder wird angesprochen, dass sich weite Teile der Protestbewegung gegen das undemokratische Herrschaftssystem der verknöcherten Parteibonzen, nicht gegen, sondern für mehr Sozialismus aussprachen. Der Anschluss an die BRD bedeutete – so ist immer wieder hier zu sehen und mitzuerleben – Enttäuschung und Entfremdung. Und dennoch enthält „Who the fuck is Helga?“ keinen Funken Ostalgie, sondern wirft nochmals die ja auch heute aktuelle Frage auf, wie könnte/kann die Welt zum Besseren verändert werden.

In „Who the fuck is Helga?“ spannt die seinerzeit ausgespitzelte Künstlerin Bärbel Strehlau den Bogen von ihrer Stasi-Akte zum Lebensgefühl in einem untergegangenen Staat und der enttäuschten Hoffnung auf Veränderung in Richtung sozialer Demokratie – was einer Umfrage zufolge damals fast ¾ der Bevölkerung im letzten Jahr der DDR wollten (71 %).

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INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Who the fuck is Helga?

Ein autofiktionales, politisches und interdisziplinäres Musik- und Theaterstück, von einem Land, das es nicht mehr gibt

Konzept, Text & Inszenierung: Bärbel Strehlau
Mit: Nina Fog, Sabrina Strehl, Dolores Winkler, Christian Himmelbauer

Komposition & Sound: Holger Bey
Bühne, Kostüm und Maskenbau: Heike Mirbach
Lichtdesign: Martin Siemann
Dramaturgische Beratung: Iris Harter
Ausstattungsassistenz: Michael Liszt
Regieassistenz: Juri Zanger

Produktionsleitung: Simon Hajós

Wann & wo?

Bis 3. Oktober 2021
Werk X-Petersplatz
1010, Petersplatz1
werk-x.at -> who-the-fuck-is-helga

Teaser

Noch ein Video

Szenenfoto aus "Lust"
11.03.2022

Viva la Vulva!