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Nur heimlich im Kino, um die Disneyverfilmung von „Schneewittchen“ zu sehen: Und aus lauter Angst davon fast nix mitgekriegt, weil der 8- oder 9-jährigen Ruth 1940 die 19-jährige Bäckerstochter aus einer begeisterten Nazifamlie begegnete. Die ihr auch an den Kopf warf „Weißt du, dass deinesgleichen hier nichts zu suchen hat? Juden ist der Eintritt ins Kino gesetzlich untersagt. Draußen steht’s beim Eingang an der Kasse…“
Das ist eine der Szenen aus dem echten Leben von Ruth Klüger (1931 – 2020), Literaturwissenschafterin und Autorin, unter anderem von „weiter leben – eine Jugend“ (erstmals 1992 erschienen). Schon vor rund 25 Jahren hat die Theatermacherin Nika Marie Sommeregger mit ihrer Gruppe ISKRA dieses dramatisiert und in mehreren Versionen immer wieder, unter anderem im Dschungel Wien, inszeniert. Da eher als szenische Lesungen, manches Mal war sogar die Autorin des Romans bei Publikumsgesprächen anwesend. Nun hat Sommeregger es neu gebaut, viel szenischer, gespielter. „Damals war’s eine Hommage an den Text, nun ist es auch eine Liebeserklärung ans Theater“, meinte sie zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…
Ab dieser Woche – bis zum 20. März (2026) – tourt „weiter leben – eine Jugend“ in dieser theatraleren Neuinszenierung (Bühnenfassung: Pete Belcher & Hubertus Zorell) durch die Wiener Bezirke Liesing, Floridsdorf, Favoriten und Donaustadt – mit Junge Theater Wien. Premiere hatte das rund einstündige, berührende und gleichzeitig reflektierende Stück über die Kindheit und Jugend der Literaturwissenschafterin und Autorin Ruth Klüger im Simmeringer Schloss Neugebäude; bewusst am Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, der später zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus wurde.
Zum einen spielt Linnea Jonasson die (sehr) junge Ruth Klüger – als Kind, der bald die Kindheit geraubt wurde, in so manchen, natürlich nicht nur der eingangs beschriebenen Szene. Später als junge Jugendliche schon in Konzentrationslagern der Nazis, samt der für die wahrheitsliebende Ruth, die nur dank einer Lüge überlebte. Die damals 12-Jährige sollte im KZ sagen, dass sie schon 15 wäre – dann käme sie zum Arbeitsdienst und würde nicht (gleich) unter die Vergasungs-Dusche.
Gerade rund um diese reale Episode wird auch das schwierige, sehr problematische Verhältnis zwischen Ruth und ihrer Mutter sicht- und spürbar. Der Mutter vertraut sie schon lange nicht mehr. Erst als eine Sekretärin im KZ ihr diese Alterslüge noch einmal rät, tut sie dies. Was ihr letztlich glücklicherweise sogar das Überleben ermöglichte.
Nur wenig nach der jungen kommt mit Katharina Pajenk eine zweite Ruth ins Spiel – die ihre eigene Kindheit wie im Roman reflektierende Schriftstellerin. Immer wieder wechselt bei ab dann ständiger gleichzeitiger Anwesenheit ein und dieselbe Szene von der Darstellung des Erlebten in die Betrachtung Jahrzehnte später. Manches Mal aus einiger Distanz, dann wieder ganz, ganz nahe.
Zu den beiden gesellt sich Anja Kerbitz, deren Sprache die Klarinette ist. Live spielt sie aus Improvisationen zum Text und Schauspiel geborene Untermalungen, Hervorhebungen, Begleitungen der schrecklichen – und doch immer wieder von einem starken Kampf ums (Weiter-)Leben charakterisierten Erinnerungen von Ruth Klüger.
Den Hintergrund der Bühne dominiert ein geometrisches Gebilde: Auf einem großen roten Quadrat finden sich vier Reihen mit golden glänzenden Quadraten, Kreisen sowie nach oben bzw. unten gerichteten Dreiecken. Die lösen vielleicht Assoziationen an die verschiedenen „Winkel“, mit denen Nazis ihre Gefangenen in Konzentrationslagern gekennzeichnet haben – rote für politische, gelbe für jüdische, rosa für homosexuelle… Das könnte sein, die beabsichtigte Intention für dieses Bühnenbild von Peter Ketturkat (Mitarbeit: Karin Bayerle) erläutert Regisseurin und Dramaturgin Nika Marie Sommeregger aber so: „Das ist ein wechselnder Jahreszeitenkalender, die Dreiecke übereinandergelegt ergeben den Davidstern. Und eines der glänzenden Quadrate (das noch in sich vier erhabene, kleine Quadrate aufweist, was so nur aus der Nähe sichtbar ist), soll an die Steine der Erinnerung (nicht wie irrtümlich ursprünglich hier stand „Stolpersteine“) erinnern.“
Übrigens spannend Ruth Klügers Schlussfolgerung aus dem von ihr in der Kindheit geliebten Märchen: „Schneewittchen lässt sich auf die Frage reduzieren, wer im Königsschloss etwas zu suchen hat und wer nicht. Die Bäckerstochter und ich folgten der vom Film vorgegebenen Formel. Sie, im eigenen Hause, den Spiegel ihrer rassischen Reinheit vor Augen, ich, auch an diesem Ort beheimatet, aber ohne Erlaubnis, und in diesem Augenblick ausgestoßen, erniedrigt und preisgegeben.“
Junge Kritik zu früheren Fassung <– damals noch im Kinder-KURIER
Ein alter, geöffneter, Koffer, aber so hingelegt, dass das Publikum nicht reinschauen kann. Nur, wer ein bisschen seitlich sitzt, sieht, dass es da aus dem Koffer leuchtet. Ein zweiter, offenbar ebenso alter Koffer, der aber lange zu bleibt und aufgestellt bei einer elektronischen Musikanlage steht. Und dann steht da auf der Bühne, vor der viele Kinder auf Matten Platz nehmen, eine uralte Stehlampe, an deren Stange zwei Regenschirm hängen, einer mit Rüschen-Rand. Ach ja, „da ist eine Schatztruhe“, entdecken noch Kinder, die beim Warten genau schauen.
Bevor das Schauspiel „Wirrum Warrum Wunderglocke“ aber anfängt, mischt sich die Regisseurin Nico Wind unters Publikum, stellt sich vor und lädt alle ein, sich an einem Wünsche-Ritual zu beteiligen: Hände reiben, öffnen, Wunsch reinsagen und ihn in die Lüfte blasen. Jetzt einmal wünschen sich – mit ihr – alle, dass das Theaterstück (endlich) losgeht.
Veronika Vitovec und Theresa Seits betreten in bunten Latzhosen und farbenfrohen Socken und Schuhen die Bühne, erstere legt sich in den geöffneten Koffer, Zweitere versteckt sich hinter dem Turm mit Musikgeräten. Sie wird immer wieder auch live Töne und Klänge in die Szenerie schicken. Aber sich auch – wie die Erstgenannte, die zuerst eine Hand, dann einen Fuß und schließlich ihr Gesicht aus dem Koffer schauen lässt – in eine Fee verwandeln.
Plötzlich rollt ein kugelrunder Wollknäuel zur nun aus dem Koffer gestiegenen Veronika Vitovec. „Was hast du da?“, fragt Kollegin Theresa Seits. „Eine Wunderglocke, die kann Wünsche erfüllen!“ Die eine wünscht sich die andere her und die eine gemeinsame abenteuerliche Reise.
Auf eine solche nehmen die beiden sich und das Publikum rund eine Stunde lang mit. Dabei „verzaubern“ sie einen weiteren Regenschirm in eine Maus namens Warrum, aus dem ersten und später aus dem zweiten Koffer Stoffbahnen (Ausstattung: Myriel Meißner), die fast nie zu enden scheinen und diese in schlangenlinienförmige Wege und so manche Tiere, zum Beispiel einen Igel. Die Musikerin selbst wird zum Maulwurf, der sich als Rapper versucht.
Und rund um diese beiden Tiere, vor allem aber den Igel, ein flauschig-weiches Stoffbündel, das sich von Kindern streicheln lässt, erzählen die beiden, dass die Menschen ihm und seinesgleichen kaum Laub liegen lassen, das sie aber brauchen für ihren Bau. Eigentlich würden sie ja Winterschlaf halten, aber sie finden dafür häufig nicht genug Nahrung, um sich darauf vorzubereiten.
Dies geht, wie die ganze Geschichte des Theaterstücks, aus von dem Buch „Die magische Weihnachtsglocke“ von Brit Blumilon. In 24 Kapiteln – wie so manch andere „Adventkalender“ in Buchform – erlebt Elfe, die im Buch Lisabella heißt, mit tierischen Freundinnen und Freunden Abenteuer. Die Regisseurin hat gemeinsam mit den beiden Schauspielerinnen, ausgehend von diesem Buch das Stück recht frei entwickelt. Unter anderem trifft sie auf Igelin Ida, die ihre Familie verloren hat. (Buchbesprechung folgt in ein paar Tagen).
Das Igel-Kapitel hat das Theaterteam stark berührt, weshalb sie dieser Geschichte auch viel Zeit einräumten, im Foyer liegen auch Materialien einer Igel-Initiative auf. „Vielleicht auch, weil ich selber in meinem Garten, den ich jetzt so richtig verwildern lasse, eine Igel-Rettungsstation habe“, ergänzt die Regisseurin. Igel fressen vor allem Käfer und die finden sie oft in Totholz. Bei Schnecken und Würmern können sie sogar so krank werden, dass sie ihre Stacheln verlieren…“, sprudelt Nico Wind begeistert im Gespräch mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… nach der Vorstellung drauf los.
Nun, die beiden Schauspielerinnen wollen die Wunderglocke ins Elfendorf zurückbringen und kommen dabei auch zwischen den auf den Matten sitzenden Kindern vorbei. Hin und wieder im Laufe dieser Stunde – für die Kindergartenkinder irgendwann zwischendurch ein wenig zu lang – dürfen sie mit den Händen auf den Boden trommeln, auch sonst sind sie – oder einig von ihnen – manchmal gefragt. Was schwierig ist, wieder einzufangen.
„Töchter der Kunst“, so die Theatergruppe, tourt nach Donaustadt, Floridsdorf, Simmering (Bears in the Park, in der Nähe der Gasometer), mit und für Junge Theater Wien noch Favoriten und Liesing – Termine in der Info-Box am Ende.
In Simmering stand der Reporter vor der Hausnummer 12 in der Eyzinggasse ein wenig verloren, sah aber eine Kindergartengruppe den Gehsteig entlang kommen. Also Frage: Geht ihr zum Theaterstück? Ja, wir gehen auch zum Theater, der Eingang zum Veranstaltungsort „Bears in the Park“ ist um die Ecke in der Otto-Herschmanngasse.
Nach dem Stück plaudern die Vorschulkinder aus dem Kindergarten Rinnböckstraße zum einen darüber, was ihnen am besten im Stück gefallen hat. Sehr häufig nannten die jungen Theaterbesucher:innen den Igel, einer ergänzte, „weil er nicht echt war“, andere hatten auch eine Giraffe gesehen. „Alles“ meinte eines der Kinder und sofort schlossen sich andere an.
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… wollte aber, nachdem es ja viel ums Wünschen gegangen war, wissen, was sich die Kinder wünschen. Da reichte die Palette von „eine Uhr, aber eine richtige“ über einen Roller, einen Hund, ein Auto, eine Krone bis zu einem Fahrrad. Als schon fast alle Kinder abgerauscht waren, um Schuhe und Jacken anzuziehen, meinte ein Mädchen noch schüchtern: „Ich wünsche mir Malen“, auf Nachfrage, „ja selber malen will ich“. Vielleicht erfüllt sie ja mit gemalten Bildern den einen oder anderen der Wünsche ihrer Kindergartenkolleg:innen.
Kassandra mit rosa Perücke legt sich auf den Boden vor der Bühne. Veronica, Stadträtin für Kultur und Wissenschaft, hockerlt sich zu ihr, macht es der 8-Jährigen dann gleich und legt sich auch auf den Rücken. Diese „Performance“ war so nicht geplant, sondern einfach ein spontanes Vorspiel zur üppigen Präsentation des ersten Saisonprogramms von Junge Theater Wien (JTW) in der Volkshochschule Großfeldsiedlung.
Diese vor sechs bis fünf Jahrzehnten errichtete Stadtrandsiedlung liegt in Floridsdorf, einem von zwei Bezirken am linken Ufer der Donau. In diesem, sowie dem an der selben Donauseite liegenden 22. Bezirk (Donaustadt) sowie den drei südlichen Bezirken Favoriten (10.), Simmering (11.) und Liesing (23.) spielen JTW schon seit einigen Monaten hin und wieder, nun regelmäßig für junges Publikum. Zum einen Stücke und Performances, die es schon, teilweise recht lange, gibt und die vor allem im Dschungel Wien, dem Theaterhaus im MuseumsQuartier zu sehen waren, aber auch neu entwickelte Bühnenwerke. „Wo du aufwächst, ist deine Kultur zu Hause“ ist das Motto des umfangreichen Programms, das in dieser Saison (wie ein Schuljahr) 57 Produktionen von 40 Gruppen (mit zehn weiteren Koproduzent:innen) mit mehr als 250 Vorstellungen in 15 Spielorten in diese fünf Bezirke bringt. In diesen leben mehr als vier von zehn Wiener:innen (43%). Der Anteil der Kinder und Jugendlichen – für die JTW vor allem spielen (1 bis 22 Jahre) – liegt gar jenseits der Hälfte (54%).
Wemimo, Singer-Songwriterin, begeisterte mit drei Auftritten, bei der Präsentation nicht nur mit ihrer zarten bis kräftigen Stimme, sondern vor allem auch durch ihre Mut machenden Texte, nach denen jede und jeder schön ist und Talente hat, auch wenn sie wie mintunter die Sonne von Wolken verdeckt ist. Ebenso stark die schon eingangs erwähnte 8-jährige Kassandra, die in die Rolle der „Agathe Bauer“ schlüpfte – ein Teaser für das gleichnamige Musiktheaterstück, das „Theater Ansicht“ entwickeln will. Mit dem schon lange verwendeten Wortspiel des Wienerisch schlampig ausgesprochenen englischen Sagers „I got the power“ (Ich habe die Macht) soll ein lustvolles Spiel zwischen Popkultur und Politik entstehen, das ab April des kommenden Jahres durch die genannten fünf Bezirke tourt. Angekündigt ist es als Live-Erlebnis über Macht, Meinung und Mitsprache mit Songs wie „Kurze Beine“ und „Ich bau dir eine Festung“. Dafür werden ab Mitte November Jugendliche und junge Erwachsene Gesangstalente gesucht, allerdings erst ab 18 Jahren, womit der Showact mit Kassandra sozusagen eine Art Fake war – auch ein Thema, wie Themen zum Trend werden können. Auf das Casting sollen Voting und Konzertinszenierung gemeinsam mit Jugendlichen letztlich die Show entwickeln. (Bewerbungen fürs Casting bis Ende Oktober – siehe Info-Box).
Für eine weitere Live-Kostprobe aus dem künftigen Programm sorgte Puppenspieler Michael Pöllmann. Entworfen und bespielbar gebaut von Scarlett Köfner ließ er eine Puppen-Geige auf der Bühne tanzen, die noch dazu eine kleine Babygeige im Arm hält – aus dem Stück „Pupa Circi“. Damit sollte auch die Breite des Angebots zum Ausdruck gebracht werden: Sprech-, Musik-, Tanz-, Figuren- und Puppentheater ebenso wie Performances und Neuer Zirkus…
Acht weitere Gruppen stellten ihre Produktionen vor, die hier mit den Inserts und Fotos der Präsentator:innen, erwähnt werden:
„Die gefesselte Phantasie“ ausgehend von Ferdinand Raimunds „Original-Zauberspiel“ von der Kinderoper Wien, das am Tag der Kinderrechte (20. November) in der Kulturgarage Seestadt einen „Tag der Phantasie“ begleitet, vorgestellt von Sarah Scherer,
„Wo ist Walzer?“ von Kollektiv Kunststoff und dem Johann-Strauss-Jahr 2025, vorgestellt von Christina Aksoy
„Wirrum Warrum Wunderglocke“ von Töchter der Kunst, vorgestellt von Nico Wind
„Weiter leben – eine Jugend“ ausgehend von Ruth Klügers Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend als in Wien diskriminierte Jüdin, später in Konzentrationslagern der Nazis, die sie überlebte von Theater Iskra, vorgestellt von Nika Sommeregger
„Fledermäuse“, „Waldrapp“ sowie „Wir und die Welt“ von dere Schallundrauch Agency, vorgestellt von Gabi Wappel und Silvia Auer. Letztere erinnerte aber auch daran, dass sie, aufgewachsen in Stammersdorf, schon als Kind kulturelle Nahversorgung erlebt hatte. Wie übrigens auch die frisch renovierte VHS Großfeldsiedlung in den Anfangsjahren auch einen Kinosaal beherbergt hatte. Und – was nicht erwähnt wurde – Jahrzehnte lang MoKi (Mobiles Kindertheater) oder „Trittbrettl“ und andere Gruppen sehr wohl und bewusst nicht nur in städtischen Zentren spielten.
„Ball“ und „Hände“ für allerjüngstes (Mitmach-)Publikum sogar unter zwei Jahren von Theater.Nuu, vorgestellt von Laura-Lee Jacobi und …
…. Schließlich last but not least „Prinzessen“ von Plaisiranstalt, vorgestellt von Raoul Biltgen
Und dann wies Stephan Rabl, der Junge Theater Wien leitet, auf die Tour des bekannten Comedian Marc Canal hin, der selbst an diesem Vormittag nicht in die Großfeldsiedlung kommen konnte. Der Stücke- und unter anderem Gagschreiber für di ORF-Sendung „Willkommen Österreich“ tourt mit seinem ersten Solo „Gott live“, wo er Fragen zu beantworten sucht, die ihm auch schon vorab gestellt werden können.
Im Folgenden einige Links zu KiJuKU-Besprechungen von Stücken, die es schon gibt und die nun durch die genannten Bezirke touren:
Wien wächst – an den Stadträndern. Nicht erst heute, sondern seit Jahrzehnten – und noch länger. Dennoch konzentrieren sich viele Angebote, gerade auch im Bereich der Kultur aufs Zentrum, die innerstädtischen Bezirke. Selbst wenn U-Bahnen flotte Verbindungen herstellen, ist das für viele oft gefühlt weit weg. Ist es auch, wenn Klassen sich zusammenpacken, Bim, Bus, U- oder S-Bahn nutzen, braucht’s schon mal (fast) einen ganzen Vormittag für rund eine Stunde im Theater.
Gilt übrigens auch für Erwachsene sogar umgekehrt. Warb doch das jetzige Theater am Werk /Kabelwerk noch als Werk X in Meidling mit dem Spruch „Theater am Arsch der Welt“; mit „Gebrauchsanleitung“ auf diesen Plakaten, dass via U6 – eine Station vom Umsteige-Kontenpunkt Meidling entfernt und ein paar Gehminuten – so weit doch nicht ist.
Seit dieser Saison zeigt das Volkstheater in den Bezirken, das seit sieben Jahrzenten (fast) alle Bezirke bespielt, auch Stücke für junges Publikum. Gruppen, die sich bisher bemühten „hinaus zu gehen in die Peripherie“ scheiterten – die Bezirke hatten zu wenig Geld dafür. Gut, es gibt auch die eine oder andere Gruppe, die durch Turnsäle tourt. Aber qualitativ hochwertiges Theater in all seinen Spielformen – auch Tanz, Performance, partizipativ und noch vieles mehr und mit Ansprüchen auch an professionelles Licht- und Ton-Umfeld – hat’s schwer.
Nun – oder besser gesagt, pardon geschrieben -, ab dem kommenden Frühjahr (2025 wo im Herbst in Wien Gemeinde- und Bezirkswahlen anstehen), soll es einen großen Wurf geben: „Junge Theater Wien“ – und anstelle von Wien dann die Namen für die Bezirke 22, 10, 21, 23, 11 (Donaustadt, Favoriten, Floridsdorf, Liesing und Simmering – alphabetische Reihenfolge) nimmt den Betrieb auf. Dies kündigten am Dienstag in der Pressekonferenz des Wiener Bürgermeisters Michael Ludwig himself, die Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler sowie Stephan Rabl an. Letzterer ist der Leiter dieses Projekts, war Gründungs- und dann 13½ Jahre lang Direktor des Theaterhauses für junges Publikum, Dschungel Wien im MuseumsQuartier, setzte viele Initiativen in diesem Bereich, verscherzte es sich aber auch mit so manchen in der Szene.
In diesen fünf Bezirken lebt übrigens fast die Hälfte der Wiener Bevölkerung (850.000 Menschen bzw. 43 %). Mit dabei auch die Bezirksvorsteher dieser fünf Bezirke sowie etliche aus der Theaterszene für junges Publikum, in der schon seit Monaten gemunkelt, getuschelt wurde, Gerüchte liefen, dass da was Neues im Busch ist.
Theater an Kinder und Jugendliche in nicht-zentralen Bezirken/ Regionen heranzubringen, war ihm schon früher ein Anliegen, gründete er doch vor mehr als 30 Jahren „Szene Bunte Wähne“ fürs Waldviertel und anfangs andere Gegenden in Niederösterreich. In der MQ-Zeit startete er den „Dschungel-Bus“, mit dem junge Besucher:innen direkt von der Schule in das Theaterhaus geführt werden sollten, bzw. gab es Produktionen im und rund um den Bus, die Station in Außenbezirken machten.
Spätestens seit dem starken Zuspruch für die Bühnen im – aus der Not der Pandemie geborenen – Kultursommer mit Bühnen quer über die Stadt verteilt, besonders in den Außenbezirken, nahmen Diskussionen um Kulturangebot speziell für junges Publikum in diesen Regionen zu. Als im Spätherbst des Vorjahres das Kinderkulturzentrum Floridsdorf für Zoom Kindermuseum und inklusive, diverse, mehrsprachige Kinder- und Jugendliteratur angekündigt wurde, fragte Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… die Kulturstadträtin, wieso nicht auch für Theater. „Da wird es was Eigenes geben, aber Genaueres darf und will ich noch nicht sagen, denn dem Bürgermeister, dem das ein großes Anliegen ist, will es persönlich im Frühjahr ankündigen“, antwortete Veronica Kaup-Hasler. Was nun erfolgt ist.
In jedem Bezirk werden mehrmals im Jahr für alle Altersgruppen im Herbst, Winter und Frühling Wiederaufnahmen, Premieren und Uraufführungen gezeigt – und dies an mehreren Tagen. In einer ersten Spielsaison werden in den genannten fünf Bezirken rund 40 Produktionen in bis zu 200 Vorstellungen gespielt. Damit können bis zu cirka 25.000 Plätze für die Kinder und Jugendliche im dezentralen Bereich angeboten werden. In erster Linie sind lokale Volkshochschulen, aber beispielsweise auch das Kulturzentrum F23 in Liesind oder Schloss Neugebäude in Simmering die Spielorte und Cluster-Ankerpunkte.
Auf die Geldfrage nannte Stephan Rabl „für die heurige Aufbauphase 300.000 Euro und dann für eine Saison eine Million.“
„Im Prinzip und in erster Linie sollen es Produktionen von in Wien lebenden Künstler:innen sein, die in den Veranstaltungsorten in den Bezirken gezeigt werden. Oft soll in dem einen oder anderen Bezirk die Premiere stattfinden“, erklärt Stephan Rabl in einem Telefongespräch – KiJuKU konnte nicht bei der Pressekonferenz sein, sondern war beim Kinder- und Jugendtheaterfestival spleen*graz.
Junge Theater Wien bzw. Favoriten, Simmering und so weiter soll aber, so Rabl, „nicht nur ein Tour-Management-Projekt sein. Überall wird großer Wert gelegt auf die Zusammenarbeit mit Bildungs-, Kultur- und anderen Einrichtungen in dem jeweiligen Bezirk. Daraus kann und soll auch Neues entstehen. Insbesondere auch für Sparten oder Altersgruppen, wo es dann jeweils aktuell zu wenig Angebot gibt.“
Neben Theaterschaffenden, die in Wien tätig sind – und sei es auch „nur“ zeitweise – Rabl nannte beispielsweise die Gruppe IYASA aus Zimbabwe, die jahr(zehnte)lang hier gastierte, sogar gemeinsam mit heimischen Künstler:innen Stücke entwickelte, können und sollen auch Gruppen eingeladen werden, die Stücke mitbringen können, wo hier gerade nicht der Bedarf abgedeckt. Während es vor in paar Jahren viel für sehr junge Kinder gab, exisitere hier derzeit eine Lücke, so Rabl.
Er verstehe JTW nicht nur für das Publikum, sondern auch dafür, der lokalen Theaterszene mehr Spielmöglichkeiten zu bieten, aber auch als Impulse für Weiterentwicklung und Erarbeiten von Neuem – in Kooperation mit anderen Partner:innen in den Bezirken, vielleicht auch von neuen Formaten und Inhalten.
theaterstueck-im-bus <- damals noch im Kinder-KURIER
2027 wird es in der Schloßhofer Straße 16 – 18 nahe dem Bahnhof Floridsdorf mit seinem Schnell-, U- und Straßenbahnen-Knotenpunkt ein Zentrum für Kinderkultur geben. Das Zoom Kindermuseum sowie das Institut für Jugendliteratur errichten aber nicht nur „Außenstellen ihrer bisherigen Einrichtungen – Zoom im MusuemsQuartier, Jugendliteratur die Bücherbühne in der Mayerhofgasse (4. Bezirk, Wieden).
„Kinder und Jugendliche sollen in einem der bevölkerungsstärksten Randbezirke Wiens, nördlich der Donau die niederschwellige Möglichkeit bekommen, die Welt der Kunst und den Kosmos des Lesens, der durch Bücher eröffnet wird, kennenzulernen. Das ZOOM will in Floridsdorf auf bewährte spielerische und interaktive Weise Kindern und Jugendlichen Begegnungen mit Kunst, Kultur, Medien und Wissenschaft ermöglichen; das kinderliterarische Zentrum soll für jungen Menschen einen einfachen, altersadäquaten und emotional positiv erlebten Zugang zu Büchern und Medien schaffen“, hieß es dazu bei der Vorstellung des Projekts am Donnerstagvormittag. Und durch die gute öffentliche Verkehrsanbindung, ist es auch recht gut auch aus anderen Bezirken erreichbar.
Das Haus mit seinen 3.500 m2 Nutzfläche – auf fünf Ebenen – , das noch bis Jahresende als AMS-Jobcenter genutzt und danach generalsaniert und umgebaut wird, soll ein „Ort des Empowerments, der Offenheit und des Willkommenseins werden. Inklusion, Mehrsprachigkeit und Diversität sind in der Kulturarbeit beider Institutionen wesentliche Pfeiler: Kultur ist für alle Kinder dieser Stadt da – unabhängig vom kulturellen und sozialen Hintergrund“, wurde bei der Präsentation betont.
Neben den eigenen Programmflächen gibt es ein gemeinsames Foyer und gemeinsam genutzte Flächen für befruchtende Kooperationen. Bei den Sanierungs-, Um- und Ausbauaktivitäten steht das Thema Nachhaltigkeit entsprechend der „Smart Climate City Strategie“ der Stadt Wien im Mittelpunkt. Die thermische Sanierung verlängert den Lebenszyklus des Gebäudes beträchtlich, zusätzlich wird ein zeitgemäßes Energiekonzept mit Photovoltaikanlage, Anbindung an Fernwärme und modernisierter Gebäudetechnik zur Nachhaltigkeit des Gebäudes beitragen. Der Verzicht auf einen Neubau auf unversiegelter Fläche reduziert den CO2 -Abdruck um 50 Prozent. Konkret werden durch die Anpassung des Bestands rund 600 Tonnen CO2 eingespart, das entspricht dem durchschnittlichen jährlichen CO2 -Ausstoß von 480 Klein-Pkws (bei einer Fahrleistung von 15.000km/Jahr).
Der Baubeginn ist mit Anfang 2025, die Übergabe an die beiden Institutionen mit Mitte 2026 geplant. Im Frühjahr 2027 soll das Haus mit den Programmschienen ZOOM und kinderliterarisches Zentrum den vollen Betrieb aufnehmen.
Das Zoom Kindermuseum im Wiener MuseumsQuartier hat immer wieder seine „Fühler“ in andere Regionen Wiens ausgestreckt. Eine Zeitlang gab es Workshops als Pop-Up-Zooms in Ottakring und Favoriten. Mit dem Zoom-Mobil „wandern“ die Vermittler:innen immer wieder auch in Schulen, um dort Kindern „Hands-on-Kreativ-Erlebnisse zu ermöglichen – siehe Links am Ende des Beitrages.
Und das Institut für Jugendliteratur führt unter anderem seit Jahrzehnten die Sommerferien-Aktion „lesen im Park“ durch.
Auf Nachfrage erfuhr Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… im Zoom Kindermuseum „Wir haben heuer unsere Einsätze mit dem Zoom mobil verdoppelt und waren in sieben verschiedenen Bezirken. Ab dem kommenden Jahr werden die Einsätze vor allem in Floridsdorf verstärkt und vor allem der Kontakt zu lokalen Initiativen aufgenommen.“
KiJuKU wollte auch wissen, ob ähnlich wie beim Kinder Kunst Labor in St. Pölten auch schon in der Phase vor „Bespielung“ Kinder in partizipativen Projekten in die Gestaltung des neuen Kinder Kultur Zentrums eingebunden werden. Noch sei man in einer sehr frühen Phase, aber sicher wird es Mitbestimmungs-Elemente geben.
Zoom-Mobil in der ILB – Integrative Lernwerkstatt Brigittenau <- damals noch im Kinder-KURIER
zoom-kindermuseum-aussenstellen-wiens-groesste-kugelbahn <- ebenfalls im KiKu
Nach Tamsweg in Salzburg (seit zwei Jahren), Horn in Niederösterreich (seit diesem Schuljahr), bietet ab 2024/25 auch in Wien eine Handelsakademie den Schwerpunkt Cyber-Security an – in Zusammenarbeit mit der Polizei. Ob Betrugsmaschen bei Kryptowährung oder „nur“ elektronischen Bezahlsystemen, Phising-Mails und vielen anderen Online-Betrügereien, Erpressung von Institutionen und Unternehmen durch Hack-Angriffe und vielem anderen bis zur (Ab-)Sicherung der eigenen Daten, Mobbing und Hass in sozialen Netzwerken … – all das ist ein weites Feld, in dem viele Fachkräfte fehlen.
Im neuen Schwerpunkt in den beiden bisherigen oben schon genannten und ab kommendem Schuljahr der Floridsdorfer Handelsakademie des privaten VBS-Schulverbundes (Vienna Business School des Fonds der Wiener Kaufmannschaft) werden keine Programmierer:innen ausgebildet, sondern Jugendliche, die nach der Absolvierung der fünf Schuljahre Allgemeinbildung, wirtschaftliches Wissen mit intensiver Sensibilisierung in den verschiedenen Feldern von Cyber-Security (Sicherheit im digitalen Raum) verknüpfen.
In diesem Zweig beginnen die Schüler:innen ab der 1. Klasse, also der neunten Schulstufe, als Laptopklassen und mit einer Wochenstunde – monatlich geblockt an einem Nachmittag – mit Vorträgen, Exkursionen und Workshops tiefer in dieses breite, weite Feld einzutauchen. Ab der zweiten Klasse finden sich zwei wöchentliche Unterrichtseinheiten auf dem Stundenplan, wurde Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… am samstäglichen Tag der Offenen Tür (25. November 2023) im Lehrsaal 4 berichtet. Dafür fällt die zweite lebende Fremdsprache weg. Ab der dritten Klasse – wo ohnehin auf einen Ausbildungsschwerpunkt gesetzt wird – ist in der Cyber-Hak eben hier dies der Fall: Von der Risikoanalyse in Sachen Cyber-Sicherheit bis zur Zusammenarbeit mit eben technischen IT-Spezialist:innen – zur Abwehr von Attacken bis zur Vorbeugung.
Der neue Schwerpunktzweig wurde – wie auch der in den anderen Handelsakademien – in enger Zusammenarbeit mit der Polizei entwickelt. Die war am Tag der Offenen Tür auch stark präsent. Neben dem Polizeiauto vor dem Schultor, boten Polizist:innen im Raum zur Cyber-HAK Informationen und teils aktionistische Stationen – mit VR-Brillen Einsatzfelder betrachten, ein Geschicklichkeits- und Geschwindigkeitsspiel, Uniform-Jacken und Helme anprobieren und Infos über umfangreiche Präventionsprogramme.
Manche bisherigen HAK-Schüler:innen bedauerten, dass es den neuen Zweig noch nicht gab, als sie begonnen haben. Adriana und Hazal, zwei Handelsschülerinnen, zeigten sich dem Journalisten gegenüber angetan von der Idee dieses Schwerpunkts. „Es gibt zwar immer wieder auch den einen oder anderen Workshop über Gefahren im Internet, aber so eine umfassende Ausbildung ist sicher eine gute Idee, die mehr bringt.“
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