Ein Bilderbuch als poetisch-künstlerische Hoffnung und gefühlvolles Plädoyer für Frieden und gegen Krieg basierend auf dem (Kunst-)Projekt „Kaki aus Nagasaki“.
„Nagasaki ist meine Stadt…“ lautet der erste, in Rot gedruckte, Satz dieses bebilderten Buches. Ungewöhnlich die Hauptfigur. Die Autorin, auch Theater- und Filmregisseurin, Chiara Bazzoli lässt einen Obstbaum erzählen, konkret einen der die Früchte Kaki trägt. Der Fachbegriff dieser Baumart von denen es viele Sorten gibt, bedeutet übrigens „Götterfrucht“ (Diospyros); was aber nichts zur Sache tunt und auch gar nicht im Buch „Da ist ein Baum in Japan“ vorkommt.
Poetisch, liebe- und gefühlvoll lässt Bazzoli (Übersetzung ins Deutsche: Birgit Albrecht) diesen Baum erzählen. Von seinen Anfängen wie er in einem Garten gesetzt wurde, wie er auf die Stadt und das Meer blickt, wie die Kinder, die in dem Haus aufwachsen ihn berührten, auf ihn klettern, wie seine Früchte gepflückt und verspeist werden…
Aber auch wie jeweils die Männer der verschiedenen Generationen – so ein Baum lebt in der Regel viel länger als Menschen – das Haus und die Stadt verlassen müssen, um in einen Krieg zu ziehen – Japan-Russland (1904 / 05), erster Weltkrieg (1914 -18), schließlich zweiter Weltkrieg und gegen dessen Ende am 9. August 1945:
„Mutter Yoko hackte im Garten herum, um ein paar Kartoffeln zu finden. Aiko und Kenta tuschelten miteinander darüber, wie sie Gal Gal (ein Huhn, Anmerkung der Redaktion) rupfen könnten … Das Dröhnen eines Motors am Himmel ließ alle aufblicken. Eine gelbe Kugel an einem weißen Fallschirm hängend durchbrach die Wolken und fiel auf Nagasaki …
Mutter Yoko blickte suchend nach den Kindern, stieß einen so lauten Schrei aus, dass er das Geräusch des Flugzeugs übertönte, und rannte auf sie zu.
Großvater Tomio war wie gelähmt und schaute wortlos nach oben. Ganz fest umarmte er Takeshi, der mit seinen kleinen Händen meine Blätter so sehr drückte, dass sie beinahe abrissen.
Es war elf Uhr morgens. Ich hörte die Explosion der Atombombe, die von den Amerikanern auf meine Stadt abgeworfen worden war. Ein giftiger Pilz stieg bis zur Sonne empor. Ich wurde von dem schrecklichen Licht geblendet. Mit einem Schlag fielen alle meine Blätter und Äste ab. Mein Stamm wurde zu einer Feuersäule, eine einzige Flamme. Ich verlor das Bewusstsein…“
Sind die vielen Seiten davor meist fröhlich-bunt, verspielt von AntonGionata Ferrari, der 2007 den Andersen-Preis bekommen hatte, gezeichnet, so liegen die zuletzt zitierte Sätze auf grell-gelb-orange-roten Seiten, die extrem unaushaltbare Hitze vermitteln. Gefolgt von schwarz-grauem Chaos, auf denen steht: „Ich lebte in tiefer Dunkelheit, ich weiß nicht wie lange. Meine Wurzeln waren in Stücke gerissen.
Die Erde war ein giftiger Brei ohne Nährstoffe. Unendlich war die Sehnsucht nach den Ästen, die ich nicht mehr hatte. Und unveränderlich der Schmerz wegen etwas, das ich noch nicht beschreiben konnte…“
Das ist aber nicht das Ende, sondern der (Neu-)Beginn. Dieser Kakibaum hat nicht nur in dieser märchenhaften ausgedachten Geschichte zwar schwer verletzt, aber doch überlebt und kann nun über den Wiederaufbau des Stadtviertels und seiner neuen (jungen) Menschen erzählen – und über zwei, die aus seiner menschlichen Familie auch überlebt haben – die übrigens (fast) alle auch immer Namen tragen. Warum die allererste Frau, die mit ihrem Ehemann den Baum pflanzte, keinen Namen hat, ist doch ein kleiner Kritikpunkt.
Eine wahre Geschichte eines Kakibaumes im japanischen Nagasaki, der Stadt auf die das US-Militär die zweite Atombombe drei Tage nach der auf Hiroshima abgeworfen hatte, war die Inspirationsquelle für die Autorin. Und nicht nur für sie.
Jahre nach dem Massenmord in den letzten Kriegstagen stieß der Pflanzenfachmann Masayuki Ebinuma auf einen schwer durch die Folgen – Brand, Riesenloch im Stamm – verletzten Kakibaum, pflegte ihn sorgsam, er konnte wieder wachsen, Früchte tragen. Der japanische Künstler Tatsuo Miyajima erfuhr davon und wollte Samen genau dieses Baumes auf der Welt verbreiten. Die beiden gründeten „Revive Time Kaki-Tree Project“ (Wiederbelebens Kaki-Baum-Projekt) mit einem ersten öffentlichen Auftritt bei deiner Kunstausstellung 1995, vier Jahre später bei der weltberühmten Biennale in Venedig unter dem Titel „Kaki aus Nagasaki“.
Mittlerweile wurden in mehr als 300 Orten und Städten in mehr als zwei Dutzend Ländern der Welt aus den Samen des den Atombombenabwurf überlebenden Kakibaumes Abkömmlinge gepflanzt, in Österreich im Kärntnern Villach, in Graz sowie in Wien in den städtischen Blumengärten in Hirschstetten. Die Verbreitung des Kaki für Europa wird seit 2020 von Italien (Brescia) aus organisiert.
Die Verbreitung der Baum-Abkömmlinge ist damit nicht nur ein Gedenk-Symbol gegen Atomwaffen und Krieg, sondern auch für die Hoffnung schenkende Botschaft, dass Leben doch stärker ist / sein kann als Vernichtung. „Gesagt“ von einem Baum, als Teil der Natur, die trotz auch mitunter zerstörerischer Kräfte, weniger aus Auslöschung zielt als „wir vernunftbegabte Wesen“.
Dies und noch einiges mehr hält das Buch in zwei Nachworten fest – einem der Autorin selbst und einem des Friedensforschers und Pädagogen Werner Wintersteiner, der dort auch mehrere Kinderbücher zu Hiroshima bespricht und den überlebenden Kakibaum durchaus mit der Geschichte von Sadako Sasaki und er gefalteten Papierkraniche vergleicht – mit einer kleinen Ungenauigkeit und dem Versäumnis, dass deren Geschichte realitätsnaher schon vor vielen Jahren neu geschrieben wurde sowie ein Originalkranich von ihr im Friedensinstitut Schlaining (Burgenland) in einer Vitrine liegt – dazu mehr in verlinkten KiJuKU-Berichten.
Text: Chiara Bazzoli
Übersetzung aus dem Italienischen: Birgit Albrecht
Illustration: AntonGionata Ferrari
Da ist ein Baum in Japan
57 Seiten + 3 Seiten Nachwort der Autorin + 13 Seiten Nachwort bzw. Besprechungen von Kinderbüchern rund um den ersten Atombombenabwurf auf Hiroshima von Werner Wintersteiner, Gründer des Zentrums für Friedensforschung und Friedensbildung an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt (Kärnten / Koroška.
Verlagshaus Hernals
25 €
Zum Buch geht es hier
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