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Szenenfoto aus "Oh mein Gott"
Szenenfoto aus "Oh mein Gott"
24.11.2021

Auf der Couch: Gott, verzweifelt

„Oh mein Gott“, Komödie der israelischen Autorin Anat Gov mit Tania Golden, Hubsi Kramar und Anna Starzinger, konnte nur die Premiere knapp vor Bühnenschluss spielen.

Eine junge Frau spricht in der Mitte der Bühne sitzend mit ihrem Cello, das heißt mit Hilfe ihres Cellos. Verzweiflung ist zu spüren. Aber auch irgendwie ein In-sich-Ruhen. Das ist Liora (irgendwie auf einem anderen Planeten lebend Anna Starzinger). Ihre Mutter Ela kommt herein – während diese in Worten fragt und redet, antwortet die Tochter stets mit Streichen der Cello-Saiten. Doch wir verstehen sie. Und dennoch wird sie von Ela aus dem Zentrum verdrängt, in ihr Jugendzimmer. In einer Ecke der Bühne wird sie dezent, manchmal auch hörbar, im Hintergrund, aber immer sichtbar präsent bleiben. Wenige Tage bevor die Kultur wieder – wenn überhaupt – auf Streaming-Modus umstellen muss, fand die Premiere im kleinen Kellertheater KiP – Kunst im Prückel statt.

Therapeutin und ihr Klient

Die Bühne gehört Ela, von Beruf Psychotherapeutin (überzeugend in Stimmungen und Gefühlen zwischen Aufmerksamkeit, Neugier, fast Ausweglosigkeit changierend Tania Golden). Und hier ist ihr Praxisraum. Ein geheimnisvoller Klient hat sich angemeldet, Herr G. Erstgespräch. Es könnte ein Klischee-Geheimagent sein – grauer Staubmantel, Hut, der die Augen fast verdeckt, Anzug. Seinen Namen will er erst gar nicht nennen. Und er hat große Ähnlichkeit mit dem Bild von Elas Lieblingsschauspieler, das sie eingerahmt an der Wand hängen hat (anfangs Unsicherheit, später dozierend, von sich überzeugt und doch verzweifelnd bis hin zum Heulen Hubsi Kramar).

Wir wissen’s – vom Titel und der Kurzbeschreibung her, er gibt sich nur zögerlich zu erkennen. Selbst dann kann sie’s nicht glauben. Er ist Gott. In großer Verzweiflung. Sein Werk ist ihm aus dem Ruder gelaufen. Mensch, den er sich so irgendwie aus unterhaltungszwecken angeschafft hat, ist dabei sein, Gottes, Werk zu ruinieren…

Selbsterkenntnis

Nach anfänglichem Misstrauen – wer hätte das nicht, meint jemand Gott zu sein – beginnt die Therapeutin sich auf seine Annahme einzulassen. Professionelle Seelendoktorin eben. Doch sie, die zu erkennen gibt, dass sie gar nicht an einen Gott glaubt, hört nicht nur zu. Sie kontert ihm, konfrontiert ihn damit, dass er alle Schuld von sich weisen will. Dass er ein Macho ist. In erster Linie mit Fragen, so dass er sein Handeln selbst in Frage stellen muss. Sozusagen auf der Suche nach dem Sinn des/seines Lebens.

Selbstironie

Dies ist „Oh mein Gott“, ein wunderbares Stück der israelischen vor allem Komödien-Autorin Anat Gov (1953 – 2012). Im Kern erinnert das sehr witzige und doch tiefgründige 1 ¼-stündige Stück an einen jüdischen Witz mit seiner charakteristischen Note zur Selbstironie. Ein Gläubiger nach dem anderen fragt Gott, ob dieses oder jenes Problem – Streit mit Nachbarn, in der Ehe, in der Familie, im Job… je gelöst werden könne: Stets antwortet Gott in etwa: „Ja schon, aber nicht mehr in deinem Leben.“ Bis ein Betender verzweifelt die Frage stellt, ob Juden und Palästinenser je in Frieden miteinander leben werden. „Sicher, aber nicht mehr in meinem Leben!“

Szenenfoto aus
Schauspieltrio: Tania Golden, Anna Starzinger und Hubsi Kramar (von links nach rechts)

Happy End

Und weil’s eine Komödie ist, endet sie happy. Die Welt – womit Menschen immer ihre Spezies meinen, obwohl der „Rest“ sich auch nach der möglichen Vernichtung durch angeblich die Krone der Schöpfung wieder erholen würde – geht nicht unter. Und, dieses Spoilern sei erlaubt, es ist ja völlig ungewiss, wann die – für diese Woche geplanten – Aufführungen nachgeholt werden können: Auch Liora wird am Ende Worte formen. Welche, das sei nicht verraten. Nur so viel, vielleicht überraschend – und doch scheint die Autorin hier Anleihe bei der berühmten taubblinden Schriftstellerin und Friedenskämpferin Helen Keller (1880 – 1968) genommen zu haben.

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Szenenfoto aus
Bühnentrio – Krama, Golden, STarzinger – samt Dramaturgin Susanne Höhne (ganz rechts) und Assistentin Katharina Stöger
INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

„Oh mein Gott“

von Anat Gov – aus dem Hebräischen von Gundula Schiffer

Ela, Psychotherapeutin: Tania Golden
Liora, ihre Tochter: Anna Starzinger mit Cello
Herr G. (Gott): Hubsi Kramar

Dramaturgie: Susanne Höhne
Assistenz: Katharina Stöger
Produktion: Verein Beseder
Rechte: Pegasus Gmbh Theater- und Medienverlag

kip.co.at

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