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Regisseur vor der Bühne, auf der Szenen geprobt werden
Regisseur vor der Bühne, auf der Szenen geprobt werden
03.10.2021

Veganer, tier- und umweltschützender Ritter als männliche Greta

Probenbesuch bei „Der kleine dicke Ritter“ im Wiener Renaissancetheater (Theater der Jugend) und Gespräch mit dem Regisseur.

Ein Techniker fährt mit einer kleinen, dafür umso höher hinauffahrenden Hebebühne vom Boden bis knapp unter die Decke des großen Hauses des Theaters der Jugend. Bei einem Scheinwerfer muss eine Lampe getauscht werden, und sicherheitshalber auch die Sicherung. Währenddessen treten einzelne der Ritter sowie die Spielerin und Sprecherin der Handpuppe Elster Else (Claudia Waldherr) mehr oder minder ins Zentrum der Bühne, von Burgmauern umgeben, um die Mikros zu testen. Eine durchscheinende, flexible Stellwand wird von Bühnenarbeitern hereingetragen, ein Schattenspiel ausprobiert. Geheimnisvolle Zauberei wird dahinter passieren.

Flutscht

Als Ton und Licht passen, startet die Probe von „Der kleine dicke Ritter“, der Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … zuschauen darf. Es kommt zu keinen Unterbrechungen, praktisch alles flutscht schon so richtig mehr als eine Woche vor der Premiere im Wiener Renaissancetheater. Hängt auch damit zusammen, dass dies eines jener Stücke ist, die in der vorigen Saison schon fast fertig waren bevor einer der Lockdowns zur Verschiebung gezwungen hat. (Mehr dazu im Interview mit Regisseur Werner Sobotka weiter unten.)

Dieser Ritter ist anders

Als roter Faden leitet ein immer wieder auftretender Erzähler durch die Geschichte, der sich manchmal auch in diese einmischt (Curdin Caviezel). Zu Beginn, so viel sie schon verraten, sehen wir eine lange Tafel in der Ritterburg. Die einzelnen, jeweils irgendwie aber unterschiedlich na ja, sagen wir’s harmlos nicht als besonders hell wirkenden, Ritter tanzen mit jeweils dem Schwanz eines erlegten Drachen an, Ritter Schlüpferig-Schlüpf (Michael Schusser) sogar mit zwei – nein keine zwei Drachen, sondern von einem Drachen mit zwei Schwänzen. Nur Länglich von Länglich (Niklas Doddo, übrigen in echt schlank, aber stark kostümmäßig ausgestopft und doch sehr beweglich) bringt wieder – einen kleinen, süßen, lebendigen Drachen mit. Er ist – in dieser Version von „Der kleine dicke Ritter“, die am 12. Oktober 2021 im Renaissancetheater Premiere hat – die Hauptfigur, der Antiheld, der zum Helden wird. Oder vielmehr gerade deswegen schon die ganze Zeit ist.

Alt aber gut

Der scheinbare Widerspruch zwischen dem erfundenen Namen und dem Äußeren ist auch schon im englischen Original angelegt wo ihn der Autor Robert Bolt Oblong nannte. Alt, aber nicht nur gut, sondern sozusagen immer wieder aktuell – das gilt nicht nur für Klassiker von Shakespeare. Auch die Story vom kleinen dicken Ritter ist so ein Fall. 1963 vom britischen Hör- und Drehbuchautor als „The Thwarting of Baron Bolligrew“ („Die Vereitelung des Baron Bolligrew“) geschrieben, ist sie noch im selben Jahr von der berühmten Augsburger Puppenkiste auf Deutsch als Figurenspiel verfilmt worden – und in sechs Teilen im deutschen Fernsehen ausgestrahlt worden.

„Zuckerl“ für Erwachsene

Einerseits sind all die die Ritter – außer dem schon genannten Antihelden – unterschiedliche Versionen von Karikaturen auf „herrliche“ Männlichkeit, andererseits erinnern sie – erwachsene Zuschauer:innen dann sicher an „Die Ritter der Kokosnuss“ der britischen Humortruppe Monty Python, wie es der Regisseur von Anfang an anlegte, „mit vielen Zitaten auch an andere Filme“ dieser Gruppe. „Von der From her war für mich, war für uns Monty Python ein Vorbild. Aber auch viele, die diese Comedy-Gruppe nicht kennen, und das trifft sicher für viele Kinder zu, wird’s lustig.“

Der Bösewicht, von dem Länglich eine Insel befreien muss, Baron Bulligrob (Florian Stohr) soll, so Werner Sobotka, vor allem britisches Adelsgehabe ironisieren, „dieieieiese Roooooyaaaalness“. Und natürlich ist sein Name ein Spiel mit der Zusammensetzung aus grob und Bullying (Mobbing).

FFF

Dem steht der kleine dicke Ritter gegenüber, der es nicht übers Herz bringt Drachenkinder zu töten, sondern auch sonst Tier- und Umweltschützer ist und für Gerechtigkeit eintritt. Er ernährt sich vegan „und ist eine Art Greta. Er deutet in Richtung Fridays for Future, aber nicht zeigefingermäßig, sondern humorvoll und subkutan (unter der Hautoberfläche). Er ist der Außenseiter, der Antiheld, der am Ende die Insel rettet.“

Als Chance genützt

Zur Frage, wie mühsam es gewesen wäre, ein schon fast fertiges Stück verschieben und nun wieder neu aufzunehmen, meinte der Regisseur: „Wir haben die Chance genützt, haben das Stück – vor allem gemeinsam mit dem neuen Hauptdarsteller – um zehn Minuten gekürzt, kompakter, frischer und knackiger gemacht, manches auch neu gedacht. Der Länglich ist nun trotz seiner Außenseiterrolle viel forscher, mehr Knickerbockerbanden- oder Tigerenten-Club-mäßig und nicht so schüchtern.“

Schlag die Maus

Eine kleine Szene wird ziemlich oft geprobt, eine technische Herausforderung, die exakte Abstimmung erfordert: Junker Schwarzherz (Benedikt Paulun), unterwürfiger Helfer des Bösewichts Bulligrob schlägt mit seiner Keule auf eine Maus – ein ferngesteuertes Spielzeug, das von einem Seitengang der Bühne auf diese gelenkt wird. Und er muss so knapp danebenschlagen, dass es wirkt, als hätte er sie getroffen. Was er nicht darf, sonst ist das „Spielzeug“ kaputt (siehe Video unten).

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INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Der kleine dicke Ritter

von Robert Bolt; Neuübersetzung: Konstantin Küspert
Ab 6 Jahren; 2 Stunden

Cast
Ritter Länglich von Länglich: Niklas Doddo
Baron Bulligrob: Florian Stohr
Junker Schwarzherz: Benedikt Paulun
Moloch / Wacholder / zweiter Bauer / Sekretär: Uwe Achilles
Herzog / Oberbürgermeister: Thomas Zimmer
Obadja / Ritter Trampelbert von Starkleib: Kaj Louis Lucke
Elster Else (Handpuppe) / Bäuerin: Claudia Waldherr
Erzähler / Kapitän / fünfter Bauer / Postbote / Mazeppa (Handpuppe) / Koch: Curdin Caviezel
Ritter Parzival von Schlüpferig-Schlüpf / erster Bauer / vierter Bauer / Kapellmeister: Michael Schusser
Ritter Mutig von Mausholz / Soldat / dritter Bauer: Felix Rank
Ritter Derp von Eytel-Haudrauff: Stefan Rosenthal

Crew
Regie: Werner Sobotka
Bühne: Stephan Prattes
Kostüme: Elisabeth Gressel
Licht: Christian Holemy
Figurendesign: Richard Panzenböck
Figurenbau: Annkathrin Kraus
Figurenspielcoaching: Richard Panzenböck
Kampfcoach: Martin Woldan
Dramaturgie: Sebastian von Lagiewski
Hospitanz: Alina Hainig

Aufführungsrechte: S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main

Wann & wo?

Bis 21. November 2021
Renaissancetheater: 1070, Neubaugasse 36
Telefon: 01 521 10-0
tdj -> der-kleine-dicke-ritter