„Er“ ist im Theater der Jugend der – nach dem Roman von Timur Vermes – der Jahrzehnte später wieder erwachte Adolf Hitler. Nach anfänglicher Verwirrtheit und mit Kopfschmerzen, eignet er sich rasend schnell die massenwirksamen Kanäle des „Internetz“ an. Agiert selbst an der „Front“ und wird zum Quotenbringer, vermeintlich als Comedian – „Er ist wieder da“ – Link zur Stückbesprechung unten am Ende des Beitrages. Ein anderer „Er“ namens „Wandel“ zieht mehr im Hintergrund die Fäden (nicht nur) der Talk-Show von „Ein-Fluss-Reich“ in der Open.Box des Wiener Off.Theaters – in „Frei-Heit! (Morgen nimmer)“.
Dieses Stück, geschrieben von Max Melo und Kieran Foglar-Deinhardstein (taucht später schauspielerisch mit eigenem Vornamen auf), von ersterem auch – gemeinsam mit Olga Psenner – inszeniert -, versammelt vor allem (ehemalige) Schüler:innen des Poly-Ästhetik-Zweiges des ORG (OberstufenRealGymnasiums) Hegelgasse 12 auf und hinter der Bühne.
Zum eingeblendeten bekannten Fernseh-Testbild, hier mit Signatur „Bundesministeriums Einfluss“, präsentiert sich die Bühne zu Beginn recht Durcheinander: Umgekippter Mistkübel, gestürzte Sessel, ein Tisch mit altem Wählscheibentelefon, dessen Hörer am Spiralkabel auf dem Boden liegt… Da muss schon heftig was los gewesen sein.
Und dann Break. Mit dem Start des Stücks Verbreitung von Happy Feeling, Talk-Shows über dies und das. Wohl gelaunte – oder zumindest so spielende Moderator:innen – Zacko Feuerflitz (Livia Andrä) und Herr Mannmeier (Lukas Novoszel). Dazu vier Techniker:innen im Studio mit schwarzen T-Shirts und Rückennummern wie Sportler:innen; allerdings ergeben diese, in einer Szene zusammengestellt, die Jahreszahl 2038 (Zukunft oder Erinnerung an 100 Jahre 1938 – Österreich wurde da zur „Ostmark“ im deutschen Nazi-Reich).
Immer massiver greift er, „der Wandel“ (Jakob Köllesberger) ein – mit Vorwand Quote diktiert er Inhalte, gibt vor, was Themen sind und was nicht. Was auf Sendung gehen darf. Droht mit Rauswurf… Klimawandel, bzw. -krise, Erderhitzung, darf „natürlich“ nicht thematisiert werden.
Vor der Pause dürfen die Zuschauer:innen übrigens mit grünen bzw. roten Stimmzetteln – offen – „wählen“, ob sie für oder gegen „ihn“ sind. Das Ergebnis wird zwar nach der Pause eingeblendet, aber egal ob gewählt oder nicht, setzt „Wandel“ (der Name verwirrt insofern, als es eine gleichnamige linke Partei in Österreich gibt) nur mit unterschiedlichen Worten seine autoritäre Herrschaft fort.
Die in schauspielerischer Gestalt auftauchenden Jahreszeiten (Frühling: Lena Hergolitsch, Herbst: Anna Kontrus, Winter: Jonathan Prett-Pinteritsch und Sommer: Christina Lier) drohen aufgrund des Temperaturanstiegs zu sterben – was „Wandel“, oft als „er“ bezeichnet, durch großteils direkte Tötung beschleunigt.
Er oder wir – vor dieser Entscheidung stehen am Ende auch die Moderator:innen, wie’s wirklich ausgeht, sei nicht gespoilert.
Acht schwarz gekleidete Menschen verschiedenen Alters stellen sich auf verschiedene Stufen einer hölzernen mobilen Tribüne und beginnen als Chor Laute zu singen, noch lange keinen Text. Das kommt erst viel später.
Im selben Rot wie die Tribüne ist eine Konstruktion aus waag- und senkrechten Stangen gestrichen – Kanten und Umrisse einer Busstation (Ausstattung: Milena Czernovsky, Caroline Haberl), wie aus dem Ankündigungstext zum Stück, das eben auf der Bühne beginnt, geschlossen werden kann und darf. Schemenhaft im Dunkel sind Umrisse einer weiteren Akteurin wahrzunehmen. „Kri“, so der Name der Titelheldin – und des Stücks – zieht in das Wartehäuschen ein. Das steht schon lange leer, der Bus hat längst keine Station mehr hier.
Und dennoch beginnen so manche der Bewohner:innen des nahegelegenen Dorfes zu rumoren. Ja, derf die denn des? Wer is’n des? Die ersten „wagen“ sich auch an den Ort des neuen Geschehens. „Wem gheast denn du?“, „Woher kummst denn?“, „Was machst’n da?“…
Zwischen Ablehnung der unbekannten Person, noch dazu zunächst ausschließlich aus der Ferne und ersten Annäherungsversuchen pendelt gut das erste Viertel des Stücks, das von Dialogen gekennzeichnet ist wie sie aus dem echten Leben des Unverständnisses Erwachsener für Verhaltensweisen Jugendlicher stammen (könnten). Und eines „Achtung, Fremde!“ als zweite Ebene.
Nach und nach macht sich die eine oder der andere aus dem Dorf – die Chorsänger:innen schlüpfen in unterschiedliche Rollen und archetypische Charaktere – auf zum einst verlassenen, nun neu bezogenen, Wartehäuschen. Die einen feindselig: Des is unser Platz, da hängen wir ab! Andere vorsichtig annähernd, wohlwollend fürsorglich. Dritte irgendwo und irgendwie dazwischen, eine vierte, Buslenkerin, die sich angeblich verfahren hat, ziemlich lost.
Wie auch immer Manuela Cortolezis, Michaela Czernovsky, Stefan Egger, Emma Glauninger, Dietmar Hirzberger, Balasz Illyes, Martina Koller-Maier und Markus Teufelberger dem Mädchen in der Busstation auf ihre unterschiedlichen, ziemlich authentisch wirkenden Arten begegnen, Kri (Michaela Neuhold) lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Fest davon überzeugt, ihren Weg der Suche nach einem Leben frei von unlogischen, einengenden Zwängen gehen zu wollen und nun eben hier Station zu machen, macht sie – vor allem durch Gegenfragen – ihre Gegenüber mitunter sprachlos, lässt selbst wütende Reaktionen verpuffen…
Viele der sehr abwechslungsreichen Szenen sind – trotz der Tiefe und Ernsthaftigkeit – immer wieder von Wort- und Spielwitz gekennzeichnet, womit die Botschaften noch viel direkter ins Gemüt gehen.
Auch unter der Dorfbewohner:innen teilen sich nun die Meinungen, und als alle ihren dringenden Wunsch, irgendwo dazu zu gehören, beginnen fast zu akzeptieren, aber nur, weil… – ach, nein die Rolle des gastauftretenden Co-Regisseurs David Valentek sei jetzt hier sicher nicht gespoilert …
Wie auch immer, Kri, die vielleicht so heißt, weil sie mit den „krah, krah, krah“-Krähen sprechen kann, sucht weiter ihren Weg nach Unabhängigkeit.
Stefan Wipplinger hat mit dem Stücktext im Vorjahr einen der Retzhofer Dramapreise für junges Publikum gewonnen – neben „Löwenschwestern“ von Fabienne Dür – KiJuKU berichtete, Link unten am Ende des Beitrages. Lohn für diese Preise ist jeweils die Umsetzung zu einem Bühnenstück. Die beiden Grazer Jugendtheater TaO! – Theater am Ortweinplatz und Next Liberty haben diese Dramatisierung und Inszenierung (Regie: Manfred Weissensteiner, Dramaturgie: Dagmar Stehring) vorgenommen, nun gastiert das Stück – leider nur eineinhalb Tage – im Dschungel Wien (MuseumsQuartier), im Mai ist es wieder in Graz, dieses Mal im Tao! nach einer ersten Spielserie im größeren Next Liberty zu erleben.
Und die Salzburger Festspiele zeigen eine eigene Inszenierung (Regie: Tanju Girişken) – im Sommer im Schauspielhaus der Landeshauptstadt auf der Studiobühne, aber schon von März bis Mai im Rahmen einer Schul-Tour durch das Bundesland in acht Städten und Orten – Infos und Links in der Info-Box am Ende des Beitrages.
„Über mir die Lüfte, unter mir die Erde, rechts die Stadt und links das Land. In der Mitte das, was die Menschs „Zoo“ nennen. Ein Zoo hat Viechs von überall, alle in ihrem eigenen Zuhause.“ Die Autorin Melanie Laibl lässt die „Wilde Kraa“ über einen exemplarischen, bewusst nirgends konkret verorteten Tiergarten erzählen. Und das vor allem aus der Sicht dieses fliegenden, flatternden, schwebenden, keinen Grenzen ausgesetzten und den Überblick habenden schwarzen Wesens – eines Kolkrabens (wie spätestens am Beginn der sechs Erklär-Seiten im Anhang zu entdecken ist).
Aus ihrer eigenen Erfahrung will die Wilde Kraa etwas worüber sie „die halbe Nacht… gebrütet und gegrübelt“ hat den Tieren, die sie gern besucht, verklickern: Ihr könnt genauso frei sein wie ich. Noch dazu wo sie in der Früh miterlebt, wie die auf ihre „Mjam-Nams“ warten, damit ihnen die Futter bringen und ebenso auf die Abwechslung durch die „Schau-Waus“.
Für die Bezeichnung von Tieren, aber eben auch Menschen, greift die Autorin einerseits auf einen Mix aus Wortspielen zu in der Tradition der Autor:innen von Klassikern wie „Das Sprachbastelbuch“ (Christine Nöstlinger, Renate Welsh und viele andere). Und andererseits erinnert manches an Tierlauten bzw. Beschreibungen, die häufig (nicht nur) von Kindern für die jeweilige Gattung verwendet werden. Wer übrigens – aufgrund der Tierlaut-Bezeichnungen samt den Bildern nicht ganz sicher sein sollte, wen Laib gemeint hat, findet auf den schon erwähnten (sechs) Seiten im Anhang die Erklärung – samt Infos zu der jeweiligen Tierart, oder auch den Menschen (Tierpfleger:innen bzw. Besucher:innen) sowie der Autorin (Krtz-Krtz) und der Illustratorin – Krikel-Krakel.
Apropos Illustratorin: Linda Schwalbe hat nicht nur einen kunterbunten, abwechslungsreichen, und auch beim mehrmaligen Betrachten des Bilderbuchs immer wieder neue Details zu entdeckenden Kosmos der Zoo-Bewohner:innen geschaffen. Mit der durchgängig aus geometrischen Figuren zusammengesetzten Lebewesen und Landschaft gelingt es ihr auch die zwei widersprüchlichen Seiten der Geschichte ideal zum Ausdruck zu bringen. Scheinbar begrenzt wirkende geometrische „unnatürliche“ Formen zaubern doch eine fast unendliche Vielfalt.
Und Laibl lässt in dem Versuch, sich in die Tiere hineinzuversetzen, die freiheitsliebende Rabin bei ihrem überzeugten Befreiungsversuch bei so manchen der Zoo-Tiere auf gar keine (große) Gegenliebe stoßen. Und es ist nicht nur deren mögliche „Bequemlichkeit“ wegen de Rundum-Versorgung, sondern auch die – in vielen Zoos – schon lange neue Grundhaltung möglichst artgerechter Haltung plus Schutz und (Wieder-)Vermehrung gefährdeter Arten. Samt dann doch weitergehenderer Einrichtungen wie Auffang- und Aufzuchtstationen in wildnisnaher Umgebung und vieles mehr (ebenfalls auf den Erklär-Seiten).
Und über die „animalischen“ Welten hinaus transportiert diesen, wie natürlich viel gute Bücher über Tiers so manches über Menschen – samt den auch wachsenden Gedanken, dass diese „nichts Besseres“ sind.
In der Vor-Euro-Zeit zierte ihr Porträt von 1966 bis 1997 den 1000-Schilling-Schein (umgerechnet 72,67 €): Bertha von Suttner, erste Friedens-Nobelpreisträgerin 1905, Journalistin und Schriftstellerin, berühmt geworden nicht zuletzt für den Roman „Die Waffen nieder“ dessen Titel sich als Losung verselbstständigte (1889 veröffentlicht) in dem sie unter anderem die grausamen Folgen von Krieg drastisch schilderte.
Die in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts geborene fiktive Fine sitzt an ihrem Laptop und versucht an ihrer Dissertation über diese berühmte Friedenskämpferin zu schreiben. Auf dem Tisch daneben einige Bücher Suttners. So beginnt das 1½-stündige Stück „Bertha von Suttner. Ein Traum von Krieg und Frieden“ des „Lichtzeit.Ensembles“ (Text und Regie: Paula Kühn) im Linzer Theater Phönix – im kleineren Raum auf dem Balkon.
Irgendwie kommt die „Studentin“ nicht weiter. Ihr Freund Sami will zum Militär. Nein, er sei nicht kriegslüstern, argumentiert er. Aber die aktuelle neue geopolitische Lage samt Bedrohungen der Werte wie Freiheit und Demokratie erfordere die Bereitschaft, diese auch zu verteidigen, zur Not auch mit militärischen Mitteln. Irgendwann fällt auch der Name des überfallenen Landes „Ukraine“.
Das blockiert Fine. Konsequent Kriege und Waffen ablehnen und dann sch… der eigene Lebensgefährt auf dieses Konzept. Und ist seine Argumentation nicht ganz so von der Hand zu weisen? Fine pendelt zwischen Zweifel und konsequentem Festhalten an ihrer Überzeugung. Doch passt diese noch in die radikal, ja extrem veränderte Zeit bzw. Weltenlage?
Da taucht Nergal auf, so etwas wie ihre innere Stimme, die immer wieder zu von ihr geäußerten oder auch nur gehegten Gedanken den Widerpart spielt. In dieser Anfangs-Sequenz führt er sie „zurück, an den Anfang“ und mit Hilfe eines äußerlich einfachen Tricks – Jacke weg, geblümtes Schaltuch her – verwandelt sich Stefanie Altenhofer von Fine in Bertha von Suttner. Und spielt so einige der Lebensstationen jener Bertha durch, die ihrer Zeit auch in Sachen eigenständiger Frau weit voraus war: Trotz eigener Heiratssehnsucht, zog sie Unabhängigkeit einer untergeordnete Rolle in einer Ehe vor. Von zweifelnd über betrübt, kämpferisch, wütend bis zu glücklich in ihrer nun erfüllten gleichberechtigten Liebe mit Arthur Suttner lässt Altenhofer jede der unterschiedlichen Emotionen spüren.
Auch Simon Brader switcht gekonnt zwischen dem liebenden Arthur, der entgegen den Weisungen der wohlhabenden Frau Mutter, sogar die Familie verlässt, um mit Bertha zusammen zu sein, sowie Sami, der Fines Friedensüberzeugung für naiv und aus der Zeit gefallen hält. Fast ängstigend wirkt er in einer Szene, in der er eine Waffenübung für richtiggehend geil findet, viel besser als jedes Action-Computerspiel.
Irgendwie mit einem Hauch von nicht ganz fassbarem Geheimnis legt Michael Glantschnig die Rolle der inneren Stimme Fines an, überzeugt aber auch als Alfred Nobel und sorgt im einzigen Auftritt von Arthurs Mutter mit einem Pelzimitat um den Hals (Kostüme: Ronja Christof) für schmunzelnde Distanz zu dieser hoch„feinen“ Art.
Sehr cool ist, dass das Stück letztlich keine dogmatische Antwort gibt, sondern den Zweifel sensibler Menschen, das mit sich Ringen jeder und jedem Einzelnen überlässt. Und dennoch die Botschaft mit auf den Weg gibt mit Fragen wie, ob sich für den Frieden wirklich mit Waffen kämpfen lassen kann. Darüber hinaus redet das Stück trotz der aktuell schieren Aussichtslosigkeit dem Optimismus das Wort: Nicht aufgeben und wenigstens für die eine oder andere Hoffnung spendende positive Veränderung im Kleinen einzutreten, am besten selber zu sorgen. Aber es bleibt den Zuschauer:innen überlassen, was sie damit anfange oder daraus machen.
Übrigens: Heute findet sich Suttners Konterfei auf der Österreich-Vorderseite der 2 €-Münze. „Werte-Verfall“?
Abklärung als Titel, da drängt sich Aufklärung fast zwangsläufig auf. Und da wiederum – gerade wenn sich’s um ein Jugendtheater handelt – jene in Sachen Sexualität. Trotz sexueller Revolution vor mehr als einem halben Jahrhundert nicht selten noch immer mit mehr als einem Hauch Scham, kichern…
Diese spielt durchaus eine atmosphärische (Hintergrund-)Rolle in diesem gemeinsam von Jugendlichen gemeinsam mit dem Regisseur (Simon Windisch) entwickelten und von diesen gespielten Stück im Grazer TaO! (Theater am Ortweinplatz). Zentraler allerdings ist die so benannte Epoche der geistigen, kulturellen, gesellschaftlichen Erleuchtung in Europa ab dem 18. Jahrhundert, die oft mit Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“ verknüpft wird.
Valentina Erler, Emma Moser, Adriel Ondas, Mo Roth, Elena Trantow und Greta Zaar treten abwechselnd – manchmal einzeln, oft gemeinsam – aus dem Schatten ins Licht: Vor projizierte Theatervorhänge, um dann hinter mit schwarzen Vorhängen drapierte Boxen zwischen den sechs erleuchteten Stellen der halbrund angeordneten Bühne zu verschwinden und dann wieder, mitunter überraschend, aufzutauchen.
Anfangs ein wenig verschüchtert, sprechen sie – mehr oder minder als eine Person – die Zuschauer:innen direkt an – aber auch diese als eine Person und in Du-Form. Irgendwann ein überfallsartiges Vorspringen, recht nahe ans Publikum herankommen. Als würden die Spieler:innen darüber selber erschrecken, vollführen sie postwendend einen kräftigen Schritt zurück.
„Dich würde ich gern kennenlernen, mit dir in Kontakt kommen.“ – „Ich finde dich interessant.“ Recht häufig schwingt eine erotische Komponente mit, die hin und wieder direkt geäußert wird. „Mit dir spazieren gehen und noch viel mehr…“ bis hin zu Plänen für die Zukunft schmieden. Oder würde das eher – so früh in einer möglichen Beziehung sogar eher ab-turnen. Wald, Strand, Straßencafé, Museum, Disco, Büro, Bibliothek… – verschiedene Settings für gemeinsame Orte erscheinen als Projektionen statt der roten Vorhänge.
Je länger die insgesamt rund 1-¼-stündige intensive, dichte Performance dauert, desto mehr werden Themen angesprochen wie Werte und Grundhaltungen. Wäre Übereinstimmung in zentralen Grundfragen Voraussetzung für eine mögliche Beziehung? Aber auch persönliche Verhaltensweisen werden thematisiert und actionreich in einer Szene angespielt: Tischmanieren – von äußerst feiner Nahrungsaufnahme einzelner Weintrauben mit Besteck bis zum wilden Reinbeißen in einen Kopfsalat.
Eine große Rolle spielen Bücher in unterschiedlicher Form – samt fake-mäßiger Interaktion und – ohne es zu spoilern – heftiger Aktion, die das Gegenteil von geistiger Aufklärung mit finsterem historischem Bezug symbolisiert. Immer wieder stellen Menschen Errungenschaften der Aufklärung – wissenschaftliche Erkenntnisse, Überwindung von Aberglauben, Trennung von Kirche und Staat, Schicksale nicht als gott-gegeben hinnehmen, sondern Kampf für Gerechtigkeit und Solidarität wie sie in der französischen Revolution (1789) in der Losung „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“ gipfelten -, in Frage. Erleben wir nicht aktuell in verschiedensten Ländern, wie hart erkämpfte Fortschritte in Gesellschaft und im menschlichen Umgang miteinander gekübelt und über Bord geworfen werden?
In einem Gespräch mit jungen Zuschauer:innen, dem Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… beiwohnen durfte, erzählen die jugendlichen Schauspieler:innen, dass und wie sie intensiv und ausführlich erst viel diskutierten, recherchierten und improvisierten, bevor es an die eigentliche Entwicklung dieses spürbar aufklärerischen Stücks gegangen ist. Unter anderem beobachteten sie in der Vor-Phase in verschiedensten Settings, wie Menschen miteinander umgehen, diskutierten tiefgründig über wichtige Themen und wollten „nebenbei“ auch das Miteinander reden trotz gegenteiliger Meinungen anspielen, um Positionen abzuklären. Obwohl der Titel „Die Abklärung“ angesichts aktueller Entwicklungen (fast) weltweit eher wie eine Art Gegenteil von „Aufklärung“ wirkt.
„Am 25. März geschah in Petersburg etwas ungewöhnlich Seltsames. Der Barbier Iwan Jakowlewitsch, der auf dem Wosnessenskij-Prospekt wohnte (sein Familienname ist in Vergessenheit geraten und selbst auf seinem Ladenschilde, das einen Herrn mit einer eingeseiften Wange und der Inschrift: »Und wird auch zur Ader gelassen« darstellt, nicht erwähnt), der Barbier Iwan Jakowlewitsch erwachte ziemlich früh am Morgen und roch den Duft von warmem Brot…“ – so beginnt die Kurzgeschichte „Die Nase“ von Nikolai Wassiljewitsch Gogol.
Und mit dieser fast absurden Erzählung des vor allem für seinen „Revisor“ berühmten ukrainisch-russischen satirischen Schriftstellers (1809 – 1852) eröffnet das Hamakom /Theater Nestroyhof seine neue Spielzeit – es ist die 15. In der Regie von Nicolas Charaux spielen Okan Cömert, Jakob Immervoll und Lena Kalisch. Die beiden zuletzt Genannten lasen erste Auszüge aus dem Text bei der Präsentation des Spielplans durch die künstlerische Leiterin des Hauses, Ingrid Lang. Kurz danach verabschiedete sich das Schauspielduo samt dem Regisseur, um zu proben – schließlich findet die Premiere schon in der kommenden Woche statt (24. September – 19. Oktober 2024).
Übrigens: Laut wikipedia soll Gogol „eine übermäßig lange, spitze Nase“ gehabt haben 😉
Der sonntägliche Brunch zur Vorstellung des umfangreichen Programms – auf Bühne und im Foyer für Diskussionsrunden – das hier nicht in voller Länge wiedergegeben wird, beinhaltete noch weitere „Teaser“. So erzählten Patrick Rothkegel und Hannes Starz von einem Theater-Film-Theater-Projekt, an dem sie gemeinsam mit Marianne Andrea Borowiec arbeite(te)n: „Zwischen Türen im Platanenwald“. In der Corona-Zeit als Stück geschrieben – zum Film auf der Bühne geworden fürs Streaming-Angebot im Lockdown – wurde es erweitert und so zu einem neuen Bühnenstück mit integriertem naturnahem Film – aus dem schon Ausschnitte aus einer Rohfassung gezeigt wurden. Die Geschwister Erie und Sess treffen nach Jahrzehnten wieder aufeinander und durchwandern die Wohnung ihrer Kindheit – als sie hier gemeinsam gelebt haben. Und an die sie nun komplett unterschiedliche Erinnerungen haben. (6 – 16. November 2024)
Schließlich gab’s noch eine live gelesene Hörprobe aus „Langsam ohne zu zögern“ (Dialogue de survie) von Elise Hofner und Samuel Machto. Das Theaterstück mit Tanz und Musik hatte vor fünf Jahren seine Uraufführung in der Schweiz (Théâtre de l’Oriental in Vevey), vor zwei Jahren im Hamakom in Originalsprache (Französisch) und wird im März 2025 (4. – 12. 3.) in einer überarbeiteten Fassung erstmals auf Deutsch gespielt.
Noch während ihrer Schulzeit in Lausanne (Schweiz) – vor allem in den Mathestunden – hatte Elise Hofner an diesem Text zu schreiben begonnen. Ihr fehlten Geschichten über das Danach – was geht in Überlebenden von Konzentrationslagern vor, wie kommen sie mit dem Erlebten / Erlittenen zurecht? Oder geht das überhaupt? Wenige Zeitzeug:innen-Berichte (Simone Weil, Imre Kertész) hatte sie zu diesen Gedanken angeregt. Und daraus wurde die Geschichte von Eric und Margot, die einander nach der Befreiung von Auschwitz von Polen nach Paris kennenlernen. Beide sind nun allein – alle anderen Familienangehörigen waren ermordet worden. Zumindest vorübergehend leben sie in derselben Wohnung. Trotz der traumatischen Geschichte ist es der Autorin gelungen, so manch komische Szene in den neuen Alltag einzubauen. Aus diesen lasen Co-Regisseur Samuel Machto, Schauspielerin Roxana Stern und die Regie-Anweisungen Produktionsleiterin Inès Khannoussi.
(Co-)Autorin Elise Hofner betonte aber, Text und Stück sollten nicht nur auf die konkrete historische Zeit beschränkt bleiben, sondern sie will es als universelles Thema sehen.
„Mir reicht’s, ich hau ab…“, sagt der Affe mit Helm in sein Handy mit Aufnahmefunktion. Er muss in einem Labor sein Dasein fristen, ist verkabelt – Menschen wollen offenbar in sein Gehirn „schauen“. Seine Hochtechnisierung nutzt er schlauerweise, um selbst was zu erfinden – einen „Weit-weg-Beamer“.
So beginnt die Geschichte, die sich Lisa Aigelsperger ausgedacht. Zusammen mit bunten, teils comicartigen Illustrationen von Rebeca Monteiro Neves – ergeben sie das fast 100-seitige Buch „Schnauze voll – vier Tiere und die Freiheit“.
Die vier wie ein Turm übereinander stehenden, sitzenden Tier erinnern vom Bild her an die „Bremer Stadtmusikanten“, die, weil schon alt und nicht mehr „nützlich“ von ihren Besitzer:innen ausrangiert werden. Aber auch sie machen sich auf den Weg nach einem (neuen) Leben. Der Affe beamt sich mit der Kraft von Sonnenstrahlen, nutzt also Solarenergie. Doch so ganz erreicht er sein Ziel (noch) nicht. Kann er auch gar nicht, soll doch eine ganze Geschichte erzählt werden.
Und so trifft er zunächst Kapitel für Kapitel auf drei Mitreisende. Zunächst auf einen Bären – warum genau der Mondbär heißt, erschließt sich nicht wirklich. Zwar lebt auch er eingesperrt – in einem Käfig mit wenig Tageslicht – aber da würde dann auch genauso wenig nächtliches Licht hinkommen.
Wie auch immer – mehr oder minder freiwillig – folgt der Bär dem Affen: „Alles ist besser als hier.“
In einem Voll-Spalt-Stall, in dem sie landen – das mit der Navigation haut nicht so wirklich hin –, treffen die beiden auf ein armes Schwein, das Glück hat, nicht auf den aktuellen Transport ins Schlachthaus mitgenommen worden zu sein. Und schließlich gesellt sich als vierte im Bunde irgendwo – wieder fehlgelandet – auf eine Straßenhündin. Die ist natürlich voll freiheitsliebend. Vieles davon rappt sie, manches ein bisschen holprig.
So, jetzt aber! Zu viert gebeamt – weg von hier. Sie landen in einer Idylle – mit echter Erde, echtem Gras, wirklichen Bäumen und tatsächlichem Wasser. Ersteres mit letzterem gemischt gibt Schlamm, in dem sich das Glücks-Schein zum ersten Mal in seinem Leben wohlig wälzen kann. Ende gut, alles gut!
Oder doch nicht?
Alles ist so klein-winzig hier. Auch beengt.
Und schließlich hat die Autorin vor, die Geschichte noch weiterzutreiben.
Also ist das vermeintliche Ziel nur ein vorläufiges – aber eines, das sozusagen den Weg weist – hin zu natürlichen Lebensräumen – aber nicht nur im Miniatur-Format, also geht das Beamen weiter…
Spät stellt sich heraus, dass der Flecken, auf dem sie gelandet sind, ein eigener klitzekleiner Planet ist – erinnert ein wenig an so manche Welten in Antoine de Saint Exupérys „Der kleine Prinz“.
Ein bisschen herausfordernd ist beim (Vor-)Lesen, das Wort-Spiel mit weg / Weg. Alle vier wollen natürlich aus den beengten Verhältnissen weg (mit kurzem „e“) und nennen ihr Ziel „das Weg“, ebenso wie der Weg mit langem „e“. Wobei die Autorin mit einem von mehreren Anhängen vollends für Verwirrung sorgt, schreibt sie doch in „Wkww – Wir Kinder wollen’s wissen) vom Planeten Weck. Und da schon im Buch aus dem Smog über der Stadt Smok wurde, wirkt’s als wäre da wieder ein weicher zu einem harten Laut geworden.
Aber abgesehen davon, ist das bunte Buch ein leicht nachvollziehbares und dennoch sanftes Plädoyer dafür, Tiere nicht in enge Käfige zu sperren und sie nur zum Nutzen von Menschen zu halten – was übrigens Felix Mitterer mit „Superhenne Hanna“ schon erstmals vor 47 Jahren, also fast einem halben Jahrhundert getan hat.
Nach der abenteuerlichen, fantasievollen Geschichte selber und dem erwähnten Anhang Wkww gibt’s übrigens noch den Text eines Abspannlieds (das mit Musik als Audiodatei auf der Verlagsseite zu hören ist – Link in der Info-Box am Ende), sowie einen Epilog mit Zitaten von Kindern, was sie sich für das eine oder andere der vier Tier wünschen würden.
Haare, Haare, Haare – sie sind ein zentrales Element in den Performances von Shahrzad Nazarpour. Ob sie ihre befreiten Haare in „Hijab offline“ im Dschungel Wien tanzen ließ oder mit ihnen in einer Serie von Auftritten in Galerien und (halb-)öffentlichen Räumen wie Glas-Container etwa im Wiener MuseumsQuartier ebenfalls zum Thema Freiheit spielte. Nun bereitet sie sich auf drei jeweils rund vierstündige Performances im Kubus EXPORT (Hernalser Gürtel – Details siehe Info-Box) vor: „Hair, Stones and Voices“, heißt diese an drei Tagen hintereinander (8. – 10. August 2024).
Bis dahin sammelt sie schon einiges an Haaren, die beim Kämmen in Kamm oder Bürste hängen bleiben. Diese mixt sie dann bei der Performance in einem Glas mit etwas Joghurt. „Vor zwei Jahren wurden Frauen im Iran, die ihre Haare nicht ganz verhüllt haben, von aggressiven Männern mit Joghurt attackiert“, erklärt die Künstlerin dem fragenden Journalisten den entsprechenden Hintergrund.
Außerdem würde durch ein bisschen Joghurt das Geschehen im Wasser deutlicher sichtbar werden.
Zwischen dem tänzerischen Ausfüllen der Fläche im Glas-Würfel wird sie am ersten Tag mit solchen Haaren auch die Fenster reinigen. Anderntags wird sie solche an einigen Stellen an die Glaswände „kleben“. Und am dritten Tag ihre Haare zählen. Dazwischen nennt sie immer wieder Namen von attackierten, ermordeten oder anders gewaltvoll zu Tode gekommener Frauen. Oft sind es „nur“ Namen und die Altersangaben, darunter eine Siebenjährige – 7(!) Jahre jung. „Es sind alles reale Namen, die ich gefunden habe, für viele gibt es nicht mehr an Informationen, es gibt ja keine offiziellen Todeslisten.“
Das Zählen der Haare sieht Nazarpour als Gegensatz zu dem Aufzählen der Opfer-Namen. „Die Haare sind für mich immer ein Symbol der Freiheit!“, so die Performerin zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…
„Natürlich werde das voll anstrengend an drei Tagen jeweils ungefähr vier Stunden zu performen“, meint sie, „aber ich mag das, ich liebe auch diese Herausforderung!“
Haare sind für sie aber auch etwas sehr individuelles, damit verbinde sie viele private Erinnerungen, „aber ich will das dennoch nicht nur auf mich und den Iran beziehen, sondern auch auf Afghanistan und den gesamten Nahen und Mittleren Osten“.
Mit ihrer Performance „Hair, Stones and Voices“ will die Künstlerin neben der Solidarität mit FLINTA* inn der genannten Region, auch die Emanzipation für eine globale Freiheit unterstützen.
Und die Steine im Titel der Performance? „Nein, Steine kommen nicht vor, aber sie sind für mich auch ein Symbol des Widerstandes!“
wenn-befreite-haare-zu-tanzen-beginnen/ <- damals noch im Kinder-KURIER
Ach wie süüüüüß – so viele kleine Kätzchen. Zu Beginn des Films ist noch nicht ganz klar, welches der Katzenbabys Lou (oder wie’s im französischen original heißt Rrou) sein wird. Naja, insofern schon, weil auf Plakaten und Ankündigungen immer neben einem sehr ausdrucksstarken jungen Mädchen auch eine gestreifte Katze zu sehen ist. Und deren Geschwisterchen sind alle einfärbig grau bis schwarz. Und die sind alle ungefähr die ersten sieben Minuten unter sich, schnell wachsen sie, gehen, springen, schleichen auf erste Abenteuer – unter anderem auf dem glatten schrägen Dach beim Ausflug durchs Fenster des Dachbodens.
Bis dann für das kleine Kätzchen riesengroß erscheinende Menschenfüße und -beine auftauchen. Die im Film zehnjährige Clémence traut sich in diese Rumpelkammer, geht in die Hocke, ihr Gesicht wird sichtbar – und sozusagen Liebe auf den ersten Blick zwischen der nun hier übrig gebliebenen Streifenkatze und dem Menschenmädchen.
Die Katze wird zum Streitpunkt mit den Eltern, mehr mit der Mutter als dem Vater. Der übrigens mit vorgeblichem Kennerblick Lou für eine Katze hält. Was später die in einer Waldhütte nahe des Ferienhauses von Clémences Familie zurückgezogen lebende alte, griesgrämige Nachbarin Madeleine für lächerlich findet und erkennt, dass es sich um einen Kater handelt.
Nicht nur das Verhältnis zum Haustier der Tochter entzweit die Eltern, die haben schon längst ihre Liebe zueinander verloren. Der Aufenthalt im Ferienhaus ist ihr letzter gemeinsamer, die Trennung steht bevor, beide versichern der Tochter jedoch, für sie jederzeit da zu sein. Trost bietet dieser der kleine Kater.
Der allerdings – beim nächsten Aufenthalt im Ferienhaus, dem letzten, weil das Haus verkauft werden muss, ausbüchst und im Wald verschwindet. Wieso Lou überhaupt dort wochenlang überleben kann, obwohl er sich selbst vor Vögeln fürchtet, bleibt ein wenig schleierhaft.
Der Film beeindruckt einerseits durch die wunderbare junge Darstellerin Capucine Sainson-Fabresse, für die es bereits ihr dritter Film ist. Sie wirkt extrem natürlich, schafft dabei aber besonders berührende Momente, in denen sie Trauer – über den Trennung der Eltern, den abgehauten Kater und später als der wieder von Madeleine gefunden wird, dessen schwere Verletzung spielt. Und vor allem das Schwanken zwischen den Gefühlen, das erwachsen gewordene Kätzchen für sich behalten zu wollen oder Lou in die Freiheit zu entlassen – das gut in ihrem Gesicht ablesbar wird.
Mindestens so beeindruckend sind die vielen Szenen, in denen Tiere fast unter sich sind (Regie: Guillaume Maidatchevsky; Drehbuch: Guillaume Maidatchevsky, Michaël Souhaité; Kamera: Dan Meyer). Da muss auch viel Geduld hinter der Kamera stecken, zu warten, bis die eine oder andere Katze sich so bewegt wie es gut zur Story passt oder der gewaltige, eher furchteinflößende nicht besonders liebe, aber gut zu Madeleine passende, riesige Hund von seinem Gesichtsausdruck traurig wirkt als Lou dem Tod nahe scheint. Das ist fast zu Tränen rührend.
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