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Szenenfoto aus dem Stückausschnitt "Bon App!" von Teatro Lata beim Schaufenster im Rahmen des Jungspund - Theaterfestivals für junges Publikum

Da kann einem der Appetit vergehen…

Eine ziemlich große Regalkonstruktion samt Rutsche baute Teatro Lata für seine Szenen auf, die sie als Ausschnitt von „Bon App! – Heute bestellt, gestern geliefert!“ beim Jungspund-Schaufenster im Rahmen des Theaterfestivals für junges Publikum im Ostschweizer St. Gallen zeigten. Die beiden Spieler Gustavo Nanez & Dominik Blumer als Carlos und Frank in knallgelben Warnwesten und gleichfarbigen würfelförmigen Rucksäcken rasen, düsen, rennen andauernd hin und her. Der eine klettert die Regale hoch und lässt von dort braune Kartons unterschiedlicher Größe runterrutschen, der andere legt sie auf ein Walking-Pad, das hier zum kurzen Fließband wird.

Szenenfoto aus dem Stückausschnitt

Immer mehr, immer schneller, immer…

Pakettürme mit Klebeband fixiert – und noch obendrauf auf die markanten Rück-Würfel, für alle erkennbar Transportbehälter für Essens-Lieferant:innen. Also zusätzlich auch noch Pakete zustellen. Als Fahrräder bzw. Mopeds dienen den beiden Kunststoff-Scooter wie sie sehr junge Kinder verwenden.

Mit viel Witz, situationskomischen Szenen, getanzten Momenten nimmt das Stück die turbokapitalistische Konsumgesellschaft aufs Korn – wenngleich so mancher Lacher mitunter im Hals stecken bleibt, wenn eingespielter Autolärm immer lauter und schneller werden und – hinter der großen Regalkonstruktion „nur“ über ebenfalls eingespielte Crash-Geräusche die Gefährlichkeit dieses Berufs verdeutlicht wird.

Szenenfoto aus dem Stückausschnitt
Szenenfoto aus dem Stückausschnitt „Bon App!“ von Teatro Lata beim Schaufenster im Rahmen des Jungspund – Theaterfestivals für junges Publikum

Interviews in der Recherchephase

Idee, Konzept & Produktionsleitung stammen von Angela Sanders, die gemeinsam mit Gustavo Nanez, der auch für die Bühne verantwortlich ist, Co-Regie führte (End-Regie: Michel Schröder). Die immer wieder tänzerischen Momente verdankt das spielfreudige Duo der Choreografie von Manel Salas Palau. In der Recherchephase sind auch Interviews mit echten vor allem Essenslieferanten geführt worden, deren Schilderungen der in das Schauspiel eingeflossen sind und ihnen – natürlich überspitzt dargestellt – große Authentizität verleiht.

Übrigens lief im vergangenen Sommer wochenlang der Film „Happy“, der sich um einen Essenszusteller in Wien dreht – ebenfalls nach vielen Gesprächen des Regisseurs mit wirklichen unter ausbeuterischen Bedingungen arbeitenden und wohnenden rasenden Lieferanten; Besprechung des Films unten am Ende des Beitrages.

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Compliance-Hinweis: Die Berichterstattung kann nur erfolgen, weil das Festival „Jungspund“ Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … für vier Tage nach St. Gallen (Schweiz) eingeladen hat.

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Doppelseite aus "Das Biest des Monsieur Racine"

Birnen verloren, aber Freund(e) gefunden

Ein älterer Mann, Hut, Brille und erhobener Spazierstock – als würde er zu einem Schlag ausholen. Daneben ein rätselhaftes Wesen, das aber wirkt, als würde sich da wer unter Decken verstecken. So das gezeichnete Bild auf der Titelseite eines Bilderbuchklassikers, der kaum mehr bekannt ist. Auch Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… kam erst über einen Umweg auf die schräge, spannende Geschichte und ihre Bilder in „Das Biest des Monsieur Racine“, beides geschaffen vom französischen Autor, Illustrator, Grafiker Tomi Ungerer (1931 – 2019). Bekannter sind wohl seine „Die drei Räuber“, vielleicht auch weil sie vor rund 20 Jahren als Animationsfilm in Kinos kamen.

Dieser Herr (Monsieur ist die französische Bezeichnung dafür, auch wenn sie manchen vornehmer klingen mag) ist pensionierter „Steuereinnehmer“, also Finanzbeamter. Sein ganzer privater Stolz ist ein Birnbaum mit so köstlichen, hervorragenden Früchten, dass er damit schon viele Preise gewonnen hat. Nicht für viel Geld, das ihm immer wieder geboten wird, will er Früchte oder gar den Baum verkaufen.

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Das Biest des Monsieur Racine“

Diebstahl, aber…

Und dann merkt er eines Tages, dass die Birnen gestohlen worden sind. Akribisch, wie er es aus seinem Beruf kennt, wird er nun zum Detektiv, untersucht die Spuren und ist verblüfft. Mit keinen bekannten Fußabdrücken vergleichbar?!

Und dann steht da dieses irgendwie fast monströse Tier vor ihm. Schon freundet er sich mit ihm an – im Gegensatz zum Titelbild streckt er dem „Biest“ zwar einen Degen entgegen, aber an dessen Spitze ein Makrönchen. Von nun an tägliche Besuche, miteinander essen und trinken, gemeinsame Ausflüge… Racine baut dem verspielten Wesen sogar Rutsche und Schaukel im Garten – und freut sich selber daran, wird fast zum Kind.

Schon viel früher lässt ihn Autor und Illustrator Tomi Ungerer (Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche: Hans Manz) sagen: „Ich habe meinen Birnen verloren, aber einen Freund gefunden“, dachte der alte Steuereinnehmer.“

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Das Biest des Monsieur Racine“

Geplatzter Auftritt

Gleichzeitig beobachtet, vermisst, analysiert der jahrzehntelange Zahlenfuchs das Tier, wendet sich an die Akademie der Wissenschaften, wird – gemeinsam mit dem „Biest“ eingeladen, um die Sensation vorzustellen – und dann… ach, das Ende – wird hier ausnahmsweise gespoilert: Während der Präsentation in ehrwürdigem Rahmen, passierte folgendes: „Das Biest, das sich immer still verhalten hatte, brach in hysterisches Kichern aus. Es schüttelte sich, rollte auf die Seite, platzte aus den Nähten und riss sich selbst auseinander. Aus einem Haufen von Decken und Fellen krochen zwei Kinder…“
Und noch verblüffender: „Aber Monsieur Racine, der Sinn für Humor hatte, fand den Spaß einzigartig…“

Spoileralarm

Der „Verrat“ der letzten Wendung – eine große Ausnahme hier auf dieser Plattform – erfolgt, weil, und nun wird der Kreis zum Anfang geschlossen: KiJuKU stieß bei „Jungspund“, dem jüngsten (fünften) Theaterfestival für junges Publikum im Ostschweizer St. Gallen über kurze Szenen von „Zämme-n-es Viehchi si“ (gemeinsam das Biest sein) des Figurentheaters Michael Huber erst auf dieses Buch. Und der Spieler nimmt in dem stark von diesem Buch inspirierten Stück, das er erst entwickelt, das Ende sozusagen vorweg – KiJuKU hat darüber auch schon berichtet – Link dazu am Ende der Buchbesprechung. In der Theaterversion mit kleinen Figuren auf einem Tisch und live gespielter Ukulele-Musik tauchen die Kinder zunächst als solche auf und fragen Racine um Birnen. Kommt überhaupt nicht in Frage, meinte der geizig. Und dann verkleiden die sich eben als Biest…

Mit der neu gewonnen Freundschaft, wenngleich erst im Alter, wird der zunächst geizige einstige Finanzbeamte sozusagen (wieder?) zum Kind und beginnt sogar den fast peinlichen Spaß (in der Akademie der Wissenschaftenzu verstehen 😉

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Szenenfoto aus dem Ausschnitt von "Wen kümmert’s?!" von "uantuzten theaterkollektiv" beim Schaufenster im Rahmen des Jungspund-Festivals 2026

Mit Schaumstoff- und anderen Puppen ernste Themen witzig darstellen

„Welches Alter?“ – „Unser Alter!“ Zu diesem knappen, prägnanten Dialog animiert Olivia Stauffer das Publikum am Ende des ungefähr zehnminütigen Ausschnitts von „Wen kümmert’s?!“ Dieser war – wie acht andere – am letzten Tag des Theaterfestivals für junges Publikum im Ostschweizer St. Gallen zu erleben. Bei „Jungspund“ ermöglicht das „Schaufenster“ Einblicke in neue (entstehende bzw. schon fertige) Stücke aus der Schweiz – KiJuKU berichte(e).

Altersdiskriminierung – meist gedanklich verknüpft mit Senior:innen (neudeutsch Ageismus genannt) wird vom uantuzten theaterkollektiv generell erweitert, vor allem auf die „Ränder“, sprich Kinder und Alte. Dafür arbeitete die Gruppe (Regie, Text: Jette Jantine Clasen, Theaterpädagogik: Wilma Schapp) in der Recherchephase partizipativ mit einer Schulklasse und einer Senior:innengruppe.

Partizipative Recherche

Viele dieser Erfahrungen setzt die Performerin (Bühnen- und Kostümbild: Jana Brändle) in Szenen vor allem mit Schaumstoffteilen um. Ein Stück zusammengerollt wird zum Baby, später „entfaltet“, zum Kind, das sie von ersten Trippelschritten bis hin zur Selbstständigkeit gehen lässt. Doch kaum wird die Figur jugendlich, ist es vorbei mit der „Herzigkeit“. Nach „Gratulation“ für die Pensionierung werden hier die Schaumstoff-Oldies – zumindest in diesem Ausschnitt – weniger diskriminiert als vielmehr überhäuft mit Gratis-Care-Aufgaben überhäuft.

Wie auch immer, diese sehr oft zentral gestellt Frage nach dem Alter bzw. entsprechende Schubladisierung, wird in „Wen kümmert’s!“ mehr als in Frage gestellt. Und lautstark in einer Demonstration aus vielen bunten zu einem Tableau zusammenmontierten bunten Kartonfiguren von der Spielerin über die Bühne getragen – samt animierender Einladung an Zuschauer:innen, Sprüche wie die eingangs zitierten gemeinsam zu skandieren. Schon davor wirft sie ein Klebeband und einen Stift ins Publikum – jede und jeder kann ein eigenes Wunschalter draufschreiben und sich an die Kleidung kleben. Wobei praktisch alle dann erst recht wieder eine Zahl draufschreiben und damit der Altersangabe erst recht wieder eine wichtige Bedeutung zumessen. Der Berichterstatter wollte – aber bis zu ihm in der letzten Reihe kamen Klebeband und Stift nicht – einfach ein Fragezeichen oder ein Smilie aufmalen 😉

Ins und aus dem Herz

Ort der Handlung: Ein Krankenhaus, konkret ein Operationssaal. Das Geschehen: Dringender Eingriff am Herzen eines Kindes.

Ganz schön heavy, was die Gruppe „Engel & Magorrian“ mit der neuesten Produktion „Im Härz“ ab 6-Jährigen bieten wird; das Stück ist noch in Entwicklung, beim Schaufenster wurde darüber nur erzählt und einige erste Szenen im Video gezeigt. Übrigens, in den Titel hat sich kein Tippfehler eingeschlichen, die Gruppe spielte auch die beiden vorherigen Stücke im und mit Dialekt – „Was macht ds Wätter?“, „Guet Nacht, Chuchi!

Emily Magorrian mit beruflich medizinischer Vorerfahrung und Luzius Engel haben das neue Stück konzipiert und führen Regie. Drei Schauspieler:innen – Luisa Wolf, Moritz Alfons und Annina Mosimann – werden zu Ärztin, Assistenzarzt und OP-Assistentin. Das zu operierende Kind ist eine große Puppe, gebaut von Ernestyna Orlowska, die auch für Kostüme und viele Objekte sorgt; Bühne: Linda Rothenbühler.

Spielwitz mit Objekten

Der chirurgische Eingriff, bei dem so „nebenbei“ die eine oder andere wichtige Information über unseren zentralen Muskel transportiert werden, der unser aller Leben taktet, rückt die viel größere Dimension von Herz, pardon Härz, ins Zentrum: (Vor-)Lieben, Leidenschaften, Ängste … fördern die „Mediziner:innen“ in Gestalt von Objekten aus der jungen Patientin zutage – von Musikinstrumenten bis zu Schläuchen, über die das OP-Team nun mit dem Herz und damit dem Kind auf dem Operationstisch telefonieren.

Gerade das Spiel mit diesen Objekten verspricht den aus den beiden bisherigen Stücken bekannten Humor und Spielwitz auch in dieser ernsten Ausgangssituation wieder aufleben zu lassen.

Eine helle OP-Lampe wird sich übrigens in eine Art Lautsprecher verwandeln, über den eine Audiodeskription ertönt, mit der das Geschehen auch leicht verständlich erklärt wird, um auch nicht (so gut) sehenden Besucher:innen dieses Theatererlebnis zu ermöglichen. Gespielt wird – so die Ankündigung – mit wenig Text in Mundart, kann aber auch auf Deutsch, Französisch oder Englisch erfolgen.

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Szenenfoto aus dem Ausschnitt "Geisterstunde" von vanderbolten.production beim "Schaufenster" im Rahmen des Jungspund-Festivals 2026

Theatergeister und Kinder in Tiergestalt

„Schaufenster“ nennt das zweijährlich im Ostschweizer St. Gallen stattfindende Theaterfestival für junges Publikum „Jungspund“ den ausgedehnten Vormittag am letzten Tag. Gruppen oder Häuser aus der Schweiz zeigen jeweils rund zehnminütige Ausschnitte aus aktuellen Stücken, schon fertigen oder von solchen, die gerade erst im Entstehen sind, entwickelt werden und sich vor allem – aber wie generell bei guter Kunst nicht nur – an Kinder und / oder Jugendliche richten.

Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… wurde vom „Jungspund“-Festival für mehrere Tage, auch dem letzten, eingeladen. In diesem Beitrag, aber auch weiteren Berichten werden die dabei insgesamt neun Stücke vorgestellt; eingeladen sind jeweils zehn, ein Theater (Teatro Pan mit „Piccoli universi sentimentali“, ab 3 Jahren) musste leider absagen. Um keine eeelendslange Scroll-Latte hier anzulegen, werden die Ausschnitte auf mehrere Beiträge – altersmäßig gestaffelt – aufgeteilt; beginnend mit den Jüngsten, zwei Stücken für ab 4-Jährige.

Geisterstunde

Geister – einerseits flößen sie Angst ein, andererseits lieben viele Kinder Gespenstergeschichten und -spiele. Und in der Doppeldeutigkeit brauchen doch alle gute Geister, auch Theater(-häuser). Ähnliche Überlegungen könnten Pate gestanden haben bei „Geisterstunde“ von vanderbolten.production.

Ein Trio aus Theatertechnikerin, Kostümbildnerin und Intendant – Luna Schmid, Natalina Muggli, Max Gnant – spielt Künstler:innen, die sich vor dem Poltergeist, der hier haust, doch eher fürchten. Was sie vor allem mit diversen Musik- und anderen Instrumenten, mit denen sie diese Ängste hör- sowie über Körper- und Gesichtsbewegungen sichtbar machen, ausdrücken. Sie schaffen es, mit dem Poltergeist zu kommunizieren. Und kommen drauf, der will ausziehen.

Aber ohne (gutes) neues Gespenst? Was gäbe das denn, wenn Bühnen „von allen guten Geistern verlassen“ wären? Also, auf, einen neuen Geist zu suchen – und hoffentlich – finden. Dafür soll, so das Versprechen, auch das Publikum einbezogen werden.

Menschen in Tiergestalt

Fast ein wenig schüchtern steht er da – neben einem Tisch mit einer Bildcollage eines Birnbaums, die Saiten einer Ukulele anspielend kündigt Michael Huber „e luschtigi eigenartigi Gschicht“ an. „Zämme – n – es Viech si“ (zusammen das Tier sein) ist die Dramatisierung eines (nicht nur Kinder-)Buchklassikers von Tomi Ungerer „Das Biest des Monsieur Racine“ (erstmals 1972 erschienen).

Huber, der wie er sagt, seine Stücke zuerst immer im regionalen Schweizer Dialekt spielt, diese aber später auch auf Französisch und im kommenden Jahr auf Hochdeutsch zeigen will, „übersetzt“ diese einigermaßen schräge Bilderbuchgeschichte in Figurenspiel auf kleinstem Raum. Auf dem besagten Tisch führt er, von dem auch Idee, Konzept, Figuren- und Bühnenbau stammt, den älteren Zahlenfuchs Racine (pensionierter Steuereintreiber) vor seinem Birnbaum auf und ab, stolz auf die Früchte seines Baumes, die besten von ganz überhaupt.

Doch als Flora und Sami, zwei Kinder aus der Nachbarschaft, ihn um eine Birne fragen. Nix da. So weeeertvoll, unerschwinglich. – Na, Sie könnten uns doch eine schenken!?
Na das schon gar nicht.

Da lässt Tomi Ungerer die beiden Kinder zu einer List greifen, die Huber natürlich auch in eine weitere Handpuppe ummünzt: Aus Decken basteln sich die Kinder ein ungeheures monsterartiges Tier, das einfach Birnen klaut. Detektivisch ist der werte Herr Racine überfordert – solche Fußspuren? Und… es kommt zu einer doch recht überraschenden, bei Tomi Ungerer, dem Schöpfer dieses Buches, aber durchaus nicht ungewöhnlich;)

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Puppe Gertrud Müller, geführt - und gesprochen von Frauke Jacobi, der künstlerischen Leiterin des Figurentheaters St.Gallen (Schweiz)

Gemüse- und Wegabschneider:innen: Ausflug von Bühnenfiguren

Dunkelrote, feste Haare umkränzen den Kopf der älteren Dame mit Brille im langen schwarz-weiß karierten Kleid an einem der Tische bei jenem Eingang ins Halbrund der Lokremise beim Bahnhof der Schweizer Stadt St. Gallen, der zu den Theatersälen führt. Freundlich, wenngleich mit hoher verstellter, auf die Dauer ein wenig nerviger Stimme, begrüßt sie Besucher:innen des aktuell hier stattfindenden Festivals Jungspund.

Als Gertrud Müller stellt sie sich vor, weist in Worten sowie mit einem und noch einem zweiten Flyer auf „ihr“ Jubiläum hin, den 70. Geburtstag des Figurentheaters St. Gallen.

Nur für Erwachsene

Sie selbst, die auf dem Schoß von Frauke Jacobi sitzt, die ihr Stimme und Arm- bzw. Kopfbewegungen verleiht, dürfe ja nicht für das vor allem junge Publikum des genannten Theaters spielen: „Ich hatte schon Auftritte – mit lustigen Geschichten und Liedern, aber die waren gruselig. Ich hab Gemüse geköpft und in den Topf befördert.“

Da meinte Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…, für vier Tage zum Theaterfestival für junges Publikum eingeladen: „Aber viele Kinder mögen doch gruselige Geschichten. Außerdem, wenn Gemüse getötet wird – abgesehen davon, dass es ja schon nicht mehr lebt, wenn es gepflückt oder geerntet wurde – ist es doch sicher vielen Kindern lieber, als wenn Tiere sterben müssen, um auf ihren Tellern zu landen!“

Gertrud Müller: „Da haben Sie vielleicht sogar Recht, aber das Gemüse ist doch so niedlich und uns im Spiel schon ans Herz gewachsen…“

Nach der Bewunderung für das kräftige, rote Haar wollte der Journalist, der seine Haare seit Jahrzehnten immer mit Henna färbt, noch wissen, mit welcher Methode sie ihrem Kopfschmuck die Farbe verleiht.

Puppe Gertrud Müller, geführt - und gesprochen von Frauke Jacobi, der künstlerischen Leiterin des Figurentheaters St.Gallen (Schweiz)
Puppe Gertrud Müller, geführt – und gesprochen von Frauke Jacobi, der künstlerischen Leiterin des Figurentheaters St.Gallen (Schweiz)

Auftritte beim Jubiläum

„Gar nicht, das ist meine natürliche Haarfarbe“, verblüfft sie den Neugierigen. „Und die Farbe hält sich so gut, weil mich meine Chefin immer in eine Kiste einsperrt. Die Dunkelheit macht die Farbe dauerhaft. Und übrigens im September zum richtigen Jubiläum darf ich wieder einmal – zum ersten Mal seit 2020 – auftreten, aber nur für Erwachsene.“

Und dann erzählt sie, bzw. in dem Fall mit deren eigener tieferer Stimme, die künstlerische Leiterin des St. Galler Figurentheaters, die schon erwähnte Frauke Jacobi: „Die Figuren auf den beiden Flyern sind aus Teilen von Figuren aus dem Stückfundus des Theaters grafisch zusammen montiert – alles Puppen gebaut von Sophie Taueber Arp, Urs Widmer und Johannes Eisele.“

Figur
Figur „Hauptzeitwächter“ im Figurentheater St. Gallen

Am Beginn stand eine Schüler:innen-Aufführung

Dem Flyer ist übrigens kurz die Entstehungsgeschichte des Theaters 1956 zu entnehmen: „Es begann mit einem Puppenspiel von Schülerinnen und Schülern des St. Galler Gymnasiums: „Goethe im Examen“, inszeniert von Dr. Hans Hiller… 70 Jahre später wagen wir zusammen mit einem anderen Urgestein des Ostschweizer Puppenspielszene einen Rückblick: Kurt Fröhlich vom Figurentheater-Museum in Herisau wird die dortige Jahresausstellung 2026/27 dem Figurentheater St. Gallen widmen, und mit zwei gemeinsam kuratierten Ausstellungen in unserem Bistro geben wir einen historischen Einblick in den Theaterfundus.“

Zeitwächter & Co.

Im Foyer des Theaters sind schon jetzt „Schmankerln“ zu sehen wie „Hauptbüro des Zeitwächters“ auf einer Metalltafel unter einer Figur neben der Uhr. Oder ein Foto einer Schere mit Besenkopf und Telefon-Wählscheiben-Körper als „Wegabschneider“. Gleich neben dem Eingang in den Theatersaal – mit seinen übrigens höhenverstellbaren und drehbaren Publikumssitzen – hängt ein Bild vom „Logenplatz der Einlasskontrolle“.

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Figurentheater St. Gallen

Szenenfoto aus "Heidi"

Heidi, Klara, Geißenpeter & Co. mit Live-Musik samt wildem Sitz-Tanz

Selten ist Klara authentischer besetzt als in dieser „Heidi“-Inszenierung von Theater Frei-Raum in Kooperation mit Heitere Fahne aus Bern (Schweiz). Louis Amport bewegt sich auch außerhalb der Bühne im Rollstuhl fort. Theater spielt er erst seit rund einem Jahr, „aber ich hatte schon Bühnenerfahrung, hab getanzt und Referate gehalten“, vertraut er KiJuKU.at an nach der mehr als umjubelten ersten der Vorstellungen bei „Jungspund“, dem Theaterfestival für junges Publikum im Schweizer St. Gallen.

Sieben Akteur:innen spielen die bis Japan und Australien bekannte Geschichte nach den beiden Büchern Johanna Spyri (1827 – 1901) über das Waisenmädchen, das von der Tante zum anfangs griesgrämigen Opa hoch oben auf der Schweizer Alm gebracht wird. Ihn ebenso aufheitert wie später das Mädchen Klara aus der deutschen Stadt Frankfurt, die „behütet“ mehr oder minder eingesperrt lebt und für die Heidi eine Spielgefährtin werden soll und wird. Aber selber unter Heimweh nach Luft, Licht, Alm und den Ziegen leidet…

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Heidi“

Ein bis 12 Jahre dabei

Das vor fast 20 Jahren gegründete Kollektiv Frei_Raum (2009) versteht sich von Anfang an als inklusive Kultur- und Theatergruppe von Menschen mit und ohne Behinderungen. Manche spielen schon seit einem Dutzend Jahren in vielen Produktionen, etwa Katrin Jenni, die hier in die Rolle von Fräulein Rottenmeier schlüpft – überstreng, keine Freude am Leben aufkommen lassend und aus Heidi – „so heißt niemand“ – eine Adelheid macht.

So wie sie treten übrigens zu Beginn (Regie: Meike Schmitz) alle Spieler:innen als Ziegen (Ausstattung: Renate Wünsch) in Erscheinungen mit unterschiedlichem Naturell und verschiedensten Gemeckern. Aus der Geißen-Sicht beginnen sie sich über die Menschen zu wundern, bevor sie deren Rollen übernehmen. Dominik Blumer verzieht sich vor allem in eine Art Cockpit mit analogen und elektronischen Instrumenten, wo er für Live-Musik mit Gitarre, Akkordzither, Keyboard und Laptop sorgt; aber auch Klaras Vater Sesemann bzw. Geißenpeters Großmutter spielt.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Heidi“

Rollenwechsel

Den frechen, aufmüpfigen Geißenpeter, der Heidi die wunderbare Berg- und Ziegenwelt eröffnet, der aber eifersüchtig ungut reagiert als Klara aus der Stadt die zurückgekehrte Heidi auf der Alm besucht, gibt Vera Roher. Und in ähnlicher Art spielt sie den Drehorgel-Straßenjungen in Frankfurt.

Mehrere Rollen – alle natürlich neben schon erwähnten Ziegen – übernehmen auch Christoph Schmocker als Alp-Öhi und den Sesemann-Diener Sebastian sowie Marie Omlin als Heidis Tante Dete, Haushälterin bei Sesemanns, zusätzlich die des herbeigeholten Arztes, weil Heidi krank und kränker wird und es obendrein im Hause Sesemann zu spucken scheint.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Heidi“

Puppe

Und die Hauptfigur selbst? Die spielt in einer ganz eigenen Liga – als große Hand geführte Puppe (Leonard Wanner), der vor allem Anniek Vetter immer wieder stauendes Leben einhaucht. In so manchen Szenen unterstützen jeweils weitere Schauspieler:innen die Bewegungen der Puppe, etwa wenn sie scheinbar viele Stufen steigt, auf den Heuboden klettert oder einen Kirchturm in der Stadt erklimmt.

In einer Art Disco-Szene mit dem Drehorgel-Jungen hüpft Puppe Heidi kurz ins Publikum, um dieses zum Mittanzen im Sitzen einzuladen. Wozu sich die Zuschauer:innen großteils mitreißen ließen, um zu merken, dass dies sehr gut funktioniert, womit sich der Kreis zu Klara (siehe erster Absatz des Beitrages) wiederum schließt.

Flügel…

Außerdem sorgen die wenigen Videos und das stimmungsvolle Lichtdesign von Cyril Lüthi für so manch große Augen im Publikum sowie für einen magischen Moment gegen Ende mit flatternden Schmetterlingen – an Angeln, in Flügelkostümen und digital im Video: „The perfect inclusive happy place“ nennt Louis Amport als Klara diese Augenblicke; die vielleicht sogar das bessere Ende wären als der Epilog, in dem alle der Reihe nach erzählen, welche Wege ihre Figuren weiter nehmen.

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Szenenfoto aus "Wolf trifft Nager" von "Gustavs Schwestern"

Alternder Wolf in Sinnkrise und Hasen-Doktor

Ein Tisch, dahinter etliche – noch leere – Bilderrahmen, ein Schild mit rotem Kreuz und ein Ring-Block mit Nummern. Nach und nach lassen die Schau- und Figurenspielerinnen Sibylle Grüter und Jacqueline Surer zunächst kleine Tierfiguren auftauchen – mit dem einen oder anderen Schmerz oder auch „nur“ Wehwechchen. Mit ihrem „Theater Gustavs Schwestern“ laden sie das Publikum im FigurenTheater St. Gallen (Schweiz) beim aktuell laufenden „Jungspund Festival“ ein in eine (tier-)ärztliche Praxis am Rande des Märchenwaldes. Und deswegen findet sich in „Wolf trifft Nager“ unter den Patient:innen auch eine menschliche Prinzessin.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Wolf trifft Nager“ von „Gustavs Schwestern“

Irgendwann lassen die beiden Spielerinnen, die nicht nur die Figuren führen, sondern – so das Konzept dieser Gruppe – immer wieder auch selbst direkt ins Geschehen eingreifen, einen viel größeren Wolf auftauchen. Im Kostüm der Großmutter aus dem bekannten Märchen Rotkäppchen schleppt er sich ins Wartezimmer der Ordination. Es tut ihm mehr oder minder alles weh. Statt vom Block eine Nummer zu ziehen, er wäre als Nummer 30 dran, klaut er dem daneben wartenden – auch großen – Hasen dessen Zettel und drängt sich somit als 29. vor.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Wolf trifft Nager“ von „Gustavs Schwestern“

„Sie sind alt!“

Dem – recht kleinen – Arzt klagt er seine Beschwerden. So musste er beim Verzehr der Großmutter schon ordentlich würgen, vor den Geißlein gruselt es ihm sogar schon…

Gründliche Untersuchung – inklusive Röntgen, womit noch ein drittes Element nämlich Schattentheater ins Spiel kommt – und dann die Diagnose: „Sie sind alt!“
„Ist das ansteckend, gar tödlich?“, will der Patient wissen.
Das muss der Arzt natürlich bejahen.
Was ihm sofort das Leben kostet, der Wolf verschlingt ihn.

Obwohl recht klein, liegt ihm der aber doch im Magen. Er leieieidet. Da kommt der Hase angehoppelt. Als täglicher Gast in der Ordination mit immer wieder anderen – echten und eingebildeten Krankheiten – hat er sich schon ordentlich viel medizinisches Wissen angeeignet, setzt vor allem auf natürliche Heilmittel. Er schickt den Wolf ins Bett, bringt ihm eine Wärmflasche. Und legt sich zu ihm.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Wolf trifft Nager“ von „Gustavs Schwestern“

Hin- und hergerissen

Nach und nach kann er dem neuen Gefährten, irgendwie sogar Freund, sogar beibringen, dass der eben wirklich alt wird oder schon ist. Als er dem Wolf eine Brille übereicht, wundert der sich, was er alles (wieder) sieht – sogar die kleinen Waldameisen auf dem Boden. Aber nein, abfinden will er sich doch (noch?) nicht, er ist doch DER Ober-Bösewicht, wild und arg und überhaupt der, der im Märchenwald aufräumen muss.

Sein Aufbäumen, sein altes Gehabe, auch das Fortschicken des Hasen … – wenn der Körper nicht mehr so mitspielt!?

Schweren Herzens beginnt sich Wolf damit anzufreunden, im jetzigen Lebensabschnitt eine neue Aufgabe zu suchen. So hilft er dem Hasen die ärztliche Praxis zu übernehmen, nachdem’s im Märchenwald schon Tumult gibt, weil die Warteschlange der unbehandelten Patient:innen immer länger geworden ist. Mit immer gleichen Floskeln begrüßt der die „Kranken“, sogar einen in der Ordination eintrudelnden Baum 😉

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Wolf trifft Nager“ von „Gustavs Schwestern“

Ausgehend vom eigenen Altern … und warum „Gustavs Schwestern“

Die beiden Spielerinnen des ¾-stündigen, kurzweiligen, abwechslungsreichen Stücks mit so mancher überraschenden Wendung (Regie: Sebastian Ryser; Dramaturgie: Dominik Busch, Musik: Roland Bucher, illustrierte Bilder, die nach und nach die Rahmen füllen: Lisa Walder) verraten Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… dass der Ausgangspunkt für „Wolf trifft Nager“ die eigene Frage „wie gut altern“ war. Daraus ergab sich aber nicht nur ein Stück zur Auseinandersetzung mit (eigenem) Altern, sondern so „nebenbei“ stellt sich rund um den Wolf auch das Hinterfragen der gängigen Rollenzuschreibung ein. Ist er so böse? Oder steht er gewaltig unter Druck, dem Bild entsprechen zu müssen oder wenigstens sollen, das alle anderen von ihm zeichnen? Schlägt sich das auf seinen Magen und die ganze Gesundheit?

Die Akteurinnen lüften übrigens auf Nachfrage auch das Geheimnis des Theaternamens „Gustavs Schwestern“: „Wir haben beide nur Schwestern und hätten uns immer einen großen Bruder gewünscht.“ Mit dem Gruppennamen „haben wir uns eben einen ausgedacht“.

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Compliance-Hinweis: Die Berichterstattung kann nur erfolgen, weil das Festival „Jungspund“ Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … für vier Tage nach St. Gallen (Schweiz) eingeladen hat.

Szenenfoto aus "Wir spielen die Spielrein rein" von Theater Delphin

„Die Spielrein“ erkämpft sich ihren Platz neben Freud, Jung & Co

Aufs erste wirkt der Titel des Stückes, das im bekannten Café Landtmann neben dem Burgtheater beginnt und in einem kleinen Theater in der Blumauergasse im 2. Wiener Bezirk endet, wie ein Wortspiel. Eines, das Fragezeichen auslöst. „Wir spielen die Spielrein rein“. WTF ist „die Spielrein“?

Und genau darum dreht sich vieles in den Szenen des Inklusiven Theaters Delphin sowohl in jenem Saal im berühmten Kaffeehaus, in dem oft Pressekonferenzen stattfinden, als auch in der Delphin-Homebase. „Die Spielrein“ ist keine fiktive Figur, sondern die Ärztin und Psychoanalytikerin Sabina Naftulowna Spielrein (1885 bis 1942). Geboren im russischen Rostow am Don, als eines von fünf Kindern einer Zahnärztin und eines Kaufmannes, kam sie mit 19 Jahren in die Klinik Burghölzli in Zürich (Schweiz) mit der Diagnose „Hysterie“. Der bis heute bekannteste Arzt dort war Carl Gustav Jung, ein früher Schüler des Wiener Erfinders der Psychoanalyse, Sigmund Freud.

Ein Jahr später schon begann Spielrein in Zürich Medizin zu studieren und promovierte sechs Jahre später mit einer Arbeit über den psychologischen Inhalt eines Falles von Schizophrenie zur Doktorin. Danach verbrachte sie auch einige Monate in Wien und wurde zu den legendären „Mittwochsgesellschaften“ der Wiener Psychoanalytische Vereinigung mit Freud eingeladen und dort erst als zweite Frau aufgenommen. 1923 kehrte sie mit ihrer Tochter in ihre Geburtsstadt, dann schon in der Sowjetunion, zurück, wo einige Jahre später Psychoanalyse verboten wurde, sie dann als Pädagogin und Ärztin arbeitete. Und 1942 im Zuge des Überfalls von Nazi-Deutschland gemeinsam mit Tausenden anderen Jüdinnen und Juden ermordet wurde.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Wir spielen die Spielrein rein“ von Theater Delphin

Der Vergessenheit entreißen

Dennoch ist auch heute ihr Name weitgehend unbekannt. Das wollte Theater Delphin ändern. Bei Diskussionen, welche Stück als nächstes in Angriff genommen werden sollte, war – so die künstlerische Leiterin und Regisseurin dieses Stücks, Gabriele Weber, zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… „klar, wir wollen eine starke Frau ins Zentrum stellen. Wir hatten verschiedene Vorschläge, Valentina nannte dann die Spielrein.“

Und diese Valentina Himmelbauer, die mehr über die in Vergessenheit geratene Pionierin in der Psychoanalyse, schrieb dann einen Text fürs Stück und schlüpft auch selber in die Rolle der Sabina Spielrein.

Streit um Platz im Stück

Die Inszenierung ist aber keine einfache Biographie dieser Wissenschafterin, die wichtige Aufsätze zur Kinderpsychologie geschrieben hat, vor allem aber auch zu Sexual- und Todestreib forschte. Das Stück ist einerseits rund um den Kampf um Anerkennung ihrer Arbeit gebaut. So beginnen zuerst vier Männer auf grauen Podesten: Sigmund Freud (Georg Wagner), C. G. Jung (Ante Pavković), Prof. Bleule, Leiter der Klinik Burghölzli (Rigel Flamond) sowie Dr. Otto Gross, ebenfalls ein Psychoanalytiker aus dieser Zeit rund um Burghölzli (Stefan Musil). Gscheit daherreden. Die Spielrein will sich – es soll doch um sie gehen – endlich Platz auf der kleinen Bühne im Landtmann verschaffen. Nix da. Kein Durchkommen. Irgendeine Randfigur soll sie spielen, wird ständig unterbrochen… Tragisch, dass dies – obwohl alle in Kostümen (Sigrid Dreger), die historisch wirken – gar nicht nur so vergangen wirkt!

„Nur eine Frau…“

Selbst Anna Freud (Ivana Veznikova; Anna als Kind wird von Anna Freud als Kind: Sinah Stamberg gespielt und getanzt) wird eher auf die Rolle als Tochter Sigmunds reduziert und der Schwerpunkt ihrer Arbeit auf Kinderanalyse als „eh kloar, weil Frau…“ abgewertet. Und wenn überhaupt dann herrscht der Tenor „für eine Frau bist eh intelligent…“

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Wir spielen die Spielrein rein“ von Theater Delphin

Spiel im Spiel

Das Stück spiegelt nicht nur diesen damaligen – und heute gar nicht so viel weniger nötigen – Kampf von Frauen um Anerkennung ihrer Leistungen. Die Dynamik des Spiels lebt davon, dass die Schauspieler:innen immer wieder aus ihrer Rolle aussteigen und eben als Theaterleute agieren, die für ein Stück, ja eher sogar für einen Film proben. „Na geh, jetzt stört die schon wieder“, „so kommen wir nicht weiter“, „wir wollen doch auch fertig werden“. Wobei manche wie „halt doch endlich die Klappe“ oder „spar dir den Kommentar“ dann doch wieder gleich für beides gelten könnte. Immer wieder „muss“ die (Film-)Regisseurin im Stück (Bianca Bruckner) mahnen, dass, und wo jetzt weiter geprobt werden müsse.
Dieses Spiel im Spiel ist erst – so verraten Mitwirkende – erst bei den Proben entstanden.

Was vielleicht im Stück dann doch ein wenig zu kurz kommt, sind die Leistungen von Sabina Naftulowna Spielrein. Könnte aber sein, dass – angefixt von dem spannenden, vielschichtigen Spiel auf mehreren Ebenen, Besucher:innen das doch ausführliche Programmheft mit Zitaten aus Spielreins Tagebüchern genau zu lesen, bzw. danach zu suchen und lesen – Link zu einem wikipedia-Artikel, der einen guten Überblick verschafft, unten am Ende des Beitrages.

„Beziehung“ oder Missbrauch

Was jedenfalls im Klinik-Teil im Theater dezidiert angespielt und -gesprochen wird ist die Legende von der sehr oft verbreiteten Geschichte, dass Spielrein Geliebte von C. G. Jung gewesen sein soll. Dies ist nicht sicher, basiert auf Tagebuch-Aufzeichnungen von engen, vertrauten Kontakten und auf Briefen von Jung mit Freud, in denen ersterer von sexuellen Begehren seiner Patientin schreibt. Aber was ist mit ihm? Als ihr Therapeut hätte er in so einem Fall ja das Autoritätsverhältnis missbraucht…

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Sujetfoto zu „Wir spielen die Spielrein rein“ von Theater Delphin
Szenenfoto aus "Sei kein Mann"

Versuch, tanzend Rollenbilder zu hinterfragen

Unbeschwert, voller Leichtigkeit spielen sich die drei Tänzer durch den Raum und mit ihren Papierfliegern. Da sind Petr Nedbal, Emanuel Rüfenacht und Flamur Shabanaj sehr junge Buben, einfach Kinder, die (noch) nicht auf Rollen fixiert, in Schubladen gesteckt, wurden. Doch damit ist’s recht bald vorbei.

Schnell und stark sein, obendrein immer mehr und besser als die anderen… – Konkurrenz als patriarchalisches Prinzip noch immer mit Männlichkeit engstens verbunden. Und das trotz jahrzehntelanger intensiver Diskussionen, in mehreren Wellen erstarkter Frauenbewegung und davon ausgelöst doch auch Debatten um neue Männerbilder, insgesamt Rollen jenseits altbackener Klischees…

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Sei kein Mann“

Kollektiv F Bern ließ sich von dem Buch „Sei kein Mann“ von JJ Bola für das jüngste Stück inspirieren. Unter dem selben Titel zeigte es das Tanzstück am Abend des internationalen Frauentages beim „jungspund“ Theaterfestival für junges Publikum. Der (lyrische) Schriftsteller in Kinshasa (Demokratische Republik Kongo) geboren und ab seinem 6. Lebensjahr in London aufgewachsen, arbeitete nach seinem Masterabschluss in Kreativem Schreiben einige Jahre als Sozialarbeiter für Jugendliche mit psychischen Problemen. Doch schon als Jugendlicher hatte er sich in Tagebüchern und Gedichten mit männlichen Rollen-Zuschreibungen auseinandergesetzt.

Recherchen bei Jugendlichen und den eigenen Tänzern

Von dem 2019 (auf Deutsch ein Jahr später) erschienenen Buch ausgehend, arbeitete Kollektiv F Bern einerseits mit Jugendlichen in der eigenen Stadt und andererseits mit den drei Tänzern an der Verarbeitung eigener Erfahrungen sowie deren Reflexionen. Konzept, Recherche und Vermittlung stammen von Luzius Engel, die Choreografie von Vanessa Cook. Luz Gonzàlez als Live-Musikerin im seitlichen Bühnen-Vordergrund treibt sozusagen das Tanz-Geschehen an. Mirjam Berger steuerte nicht nur das Lichtkonzept zur rund einstündigen Performance bei, sondern agiert ebenfalls seitlich im Vordergrund der Bühne und setzt den jeweiligen Fokus.

Das Tanz-Trio „erinnert“ sich teils an eigene Jugend-Szenen, so bekennt einer sich schuldig, gegenüber seiner Schwester bevorzugt worden zu sein…

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Sei kein Mann“

Me Culpa, Konkurrenz und Kampf, Reflexionen, Versprechen zur Besserung, Ansätze diese auch im Umgang miteinander zu versuchen… – noch immer ein Minderheitenprogramm. Vielleicht aber auch nicht der ideale Ansatz, um Jungs oder Männer zu einem Umdenken bzw. noch wichtiger einer Änderung von Verhalten zu bewegen?

Neu definieren

Möglicherweise ist schon der Titel nicht ideal, lautet die wörtliche Übersetzung des englischen Originals doch „Maske ab: Männlichkeit neu definiert“, und selbst der deutsche Untertitel (Übersetzung: Malcolm Ohanwe) gibt weit mehr her als der Stück- und Buchtitel, nämlich „Warum Männlichkeit ein Albtraum für Jungs ist“.

Und das ist vor allem JJ Bolas Ansatz, eigenes Erleben, Erkenntnis in der Arbeit mit männlichen Jugendlichen und der Tenor des Buches: Klassisch männliche Rollenbilder als gewaltige Einschränkung für Buben und Männer – kaum bis keine Gefühle zulassen dürfen … – das kommt in so manchen der Szenen zwar ansatzweise vor – aber insgesamt wirkt die Performance ein wenig stark pädagogisch durchzogen von erhobenem Zeigefinger.

Da hätte wenigstens ein Spur vom Zugang zur „Greulichen Griselda“ des Vorstadttheaters Basel ganz gut getan – Rollenklischees mit einem kräftigen Schuss Humor zu durchbrechen und damit in Frage zu stellen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Sei kein Mann“

Blicke weiten, öffnen

Wobei es auch einen kulturell eingeschränkten Blick gibt, verblüfft doch Bola in seinem Buch schon im Vorwort mit folgender Frage, die er aus eigenen Erfahrungen ableitete: „Wie konnte es sein, dass es in einem Teil der Welt völlig normal war, wenn zwei Männer sich an den Händen hielten, während die Menschen in einem anderen Teil der Welt stehen blieben und starrten?“

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Compliance-Hinweis: Die Berichterstattung kann nur erfolgen, weil das Festival „Jungspund“ Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … für fünf Tage nach St. Gallen eingeladen hat.

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KiJuKU-Interview mit der Festival-Leiterin –
aber schon bei der vorigen „jungspund“-Ausgabe

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Sei kein Mann“
Szenenfoto aus "Greuliche Griselda" vom Vorstadttheater Basel (Schweiz)

„Bääääh, sicher nicht!“ – ein bärinnenstarkes Mädchen pfeift auf Regeln

In die Schlussphase des diesjährigen (vierten) „jungspund“ Theaterfestivals für junges Publikum im Schweizer St. Gallen fiel der internationale Frauentag am 8. März. Den fulminanten Schluss- und für viele sogar Höhepunkt setzte anderntags „Greuliche Griselda“ vom Vorstadttheater Basel. Ausgehend von dem Bilderbuch gleichen Namens von Edna Mitchell Preston (1973) entwickelten Regisseurin (Gina Durler) und Spieler:innen gemeinsam eine lustvolle und spielfreudige Version dieser „greulichen“ Variante einer Art Pippi Langstrumpf, also eines bärinnenstarken Mädchens – und einer ebenfalls sehr selbstbewussten schrägen Tante. Etliche Stücke beim Festival thematisierten andere Buben- und Männerbilder – alle von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… besprochenen Stücke am Ende des Beitrages verlinkt, „Sei kann Mann“, das direkt am Abend des Frauentages getanzt wurde, folgt erst noch.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Greuliche Griselda“ vom Vorstadttheater Basel (Schweiz)

Regeln sind dazu da, um gebrochen zu werden. Da können die Eltern noch so bemüht, liebevoll sein und versuchen, auf die Wünsche der Tochter einzugehen. „Bääääh! Sicher nicht!“ schallt es ihnen entgegen. Viel mehr noch als Ohnmacht und Verzweiflung bereitet ihnen Sorge, dass die reiche Tante des Vaters, nach der sie aus Erbschleicher-Gründen ihre Tochter benannt haben, sei enterben könnte. Da wollen sie Vanillje, das nette Mädchen aus der Nachbarschaft, beim Tante-Besuch als ihr eigenes Kind ausgeben. Doch die durchschaut den Trick und will die echte junge (Namens-)Großnichte sehen. Und genau deren aufmüpfiges, freches, unbekümmertes Wesen gefällt ihr – sehr sogar!

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Greuliche Griselda“ vom Vorstadttheater Basel (Schweiz)

Not- wurde Super-Lösung

Erst aus der Not der abhanden gekommenen Schauspielerin geboren, wie Dramaturgin und Produktionsleiterin Ronja Rinderknecht im Inszenierungsgespräch verriet, erwies sich die Entscheidung die junge Griselda mit einer Puppe (erstmals in dieser Theatergruppe) zu besetzen als absoluter Glücksgriff. In ihrem auf hässlich designten, gleichzeitig große Sympathie ausstrahlenden Gesicht (Puppenbau und -spiel: Priska Praxmarer) be- und verzaubert sie das Publikum, zumindest den Großteil 😉 Außerdem kann sie als Puppe Dinge, die eine menschliche Spielerin nicht so leicht zustande brächte – etwa auf einem Luster turnen.

Praxmarer, die die Puppe führt, schlüpft anfangs in die Rolle einer Bediensteten in Livree. Ihr Partner als „Personal“ ist Tobias Schulze, der allerdings vor allem in der Rolle der Tante Griselda auf andere Art aber doch „griseldisch“ wirkt.

Grandioses Ensemble

Den Reiz dieser nicht ganz 1 ¼-stündigen Produktion macht nicht zuletzt das bewusst disharmonische und doch in seiner Spielfreude harmonische Ensemble aus. Neben den schon Genannten agieren Bea Nichele-Wiggli als liebe- wie verständnisvolle, aber doch verzweifelte Mutter ebenso wie Florian Müller-Morun als gleichwertiger Vater – mit kleinen doch eher klischeehaft zugeordneten Tätigkeiten. Beide schlüpfen aber noch in andere Rollen. Sie wird zur lieblichen, oberg‘scheiten, superbraven Vanillje. Er verschwindet in einem Fell, das zu Beginn ein Mammut im Museum, später einen Teppich „spielt“ und schließlich zu einem Monster namens Gruselfies wird, pardon Griselfuß wie Griselda es gezähmt nennt.

Abgerundet wird diese Inszenierung nicht zuletzt durch die Bühne (Fabian Nichele), auf der die meisten Einrichtungsgegenstände zunächst irgendwo weit oben unter der Decke hängen, von den Spieler:innen im Bedarfsfall per Seilzug heruntergeholt und auch wieder nach oben verfrachtet werden. Ebenso überzeugen die jeweiligen Kostüme (Benjamin Burgunder).

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aber schon bei der vorigen „jungspund“-Ausgabe

Szenenfoto aus
Die Puppe und ihre Spielerin – und Schöpferin
Szenenfoto aus "Spring doch"

Zum Trotz ein Mut-Anfall mit Zweifeln

„Ich gump hüt vom grosse Schprungbrätt!“ – auf Hoch- oder Standarddeutsch „ich spinge heute vom großen Sprungbrett!“ Und zwar von 3 Metern. Darum dreht sich das knapp mehr als ¾-stündige Tanzstück.

Eine Schülerin – ziemlich einsam auf dem Spielfeld. Zwölf große Kunststoff-Kanister mit jeweils rund einem Fünftel Wasser befüllt, eine Kreide und ein Handtuch. Mit den beiden Objekten „zaubert“ sie Licht bzw. Musik herbei. Ansonsten sind kurzzeitig – aus dem Off – Kinderstimmen zu hören, wen sie jeweils für ein Teamspiel wählen; viele Namen fallen. „Natürlich“ bleibt unsere Protagonistin als Allerletzte übrig.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Spring doch“: Tanz auf und mit Objekten

Und wie Tina Beyeler (Tanz und Choreografie) tänzerisch, von der Körperhaltung und mimisch agiert, sicher nicht zum ersten Mal, wahrscheinlich immer wieder.

Denen wird sie’s zeigen – und sie tätigt den oben zitierten Spruch in einem der Deutsch-Schweizer Dialekte in „Spring doch“ von Kumpane Schaffhausen (Text, künstlerische Mitarbeit: Andri Beyeler; Komposition: Sandro Corbat). Zum ersten Mal fährt sie, die offenbar sehr jung ist, allein mit dem Bus. Ziel: Schwimmbad.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Spring doch“

Aber so easy ist das alles doch nicht. Da schwingen ganz schön viel Bammel, Angst und Zweifel mit – neben dem Trotz und Mut. Und genau dieses Hin und Her lässt die Tänzerin – in ihren teils akrobatischen Bewegungen – ob mit oder ohne die Objekte, vor allem die genannten 12 Kanister spüren, miterleben – wenngleich es vor allem jüngeren Kindern ein wenig zu lang wurde bei der Aufführung im Rahmen von „jungspund“, dem Theaterfestival für junges Publikum in der Lok-Remise von St. Gallen (Schweiz).

Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „Rita“ von Heinz Janisch (Idee und Text) und Ingrid Godon (Illustration)

Rita: Ein anderer Mut am 3-Meter-Brett

Ein wenig erinnert die Geschichte an das Bilderbuch von Heinz Janisch (Illustration: Ingrid Godon; Verlag: Bloomsbury K & J), das vor elf Jahren mit Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet worden ist.

Rita, ein Mädchen mit roter Badekappe, schickt sich an, vom 3-Meter-Brett zu springen. Schaut hinunter. Lange. Kehrt dann aber um, und steigt die Leiter hinunter – zum 1-Meter-Brett. Doch auch da springt sie nicht. Was ein Junge im Schwimmbad lautstark mit „Feigling“ kommentierte.

„Fische springen nicht von Türmen“, konterte Rita schlagfertig, schwamm davon und tauchte dazwischen. Das beeindruckte einen anderen Jungen, der am Beckenrand saß und überlegt hatte, welch beeindruckende Dinge und Menschen er schon in seinem Leben gesehen hatte. Doch nichts von dem, das vor seinem geistigen Auge dahinhuschte reichte an diesen Mut Ritas heran!

In „Spring doch“ endet die Geschichte dann doch anders – das sei aber nicht gespoilert.

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aber schon bei der vorigen „jungspund“-Ausgabe

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Spring doch“
Szenenfoto aus "Urknall"

Neue Stücke: Wie geht’s der Erde und den Menschen auf ihr?

„Erde, wie geht’s dir?“ fragen Nora Vonder Mühll & Stefan Colombo (Theater Sgaramusch) die Kugel, die sie an einem langen von der Decke baumelnden Seil aufgehängt haben. Zuvor haben sie per Schnur und Kreide einen großen Kreis auf den Boden gezeichnet, aus einer Tasche verschieden große Bälle und so manch anderes Zeugs herausgeholt – ein Universum „erschaffen“. In und mit diesem spielen sie in „Urknall“. Das heißt eigentlich zeigten sie nur zehn Minuten daraus. „Schaufenster“ nennt sich das Format, das am „jungspund“-Abschlusstag des Theaterfestivals für junges Publikum im Schweizer St. Gallen einen Einblick in aktuelle – teils erst entstehende – Produktionen für Kinder bzw. Jugendliche geben will.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Wir sind dann mal weg“

Ebenfalls – aber auf ganz andere Art und Weise laden Bharathi Mayandi Franaszek, Stephanie Müller, Matthias Nüesch von pulp.ooo auf eine Zeitreise zum Beginn wenigstens des Lebens auf der Erde ein: „Wir sind dann mal weg“ ist ein Wechselspiel zwischen menschlichen Schauspieler:innen, Figuren und der Zeitmaschine Solveig, einer Art Licht-Puppe, sowie physikalischen Experimenten mit Wasser, flüssigem Stickstoff und vielem mehr (Letzteres bei der Präsentation als Video-Einspielungen). Und der Titel deutet an, dass vielleicht auch die Frage verhandelt wird, wieweit die Menschheit mit ihrem Tun oder Unterlassen an ihrer eigenen Abschaffung und der so manch anderer Arten arbeitet.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Bestiarium – Varieté der vergessenen Tiere“

Sehr großen Anklang fand die Performance von Annina Mosimann über das Zusammenleben von anfangs nur als Hände oder Füße auftauchenden menschlichen Körperteilen aus kleinen Klappen einer großen senkrecht aufgestellten Kiste mit Tieren wie einer Fliege, Ratte, Spinne usw. und dazu noch der Bedienung einer Loopstation und eines kleinen Tasteninstruments. „Bestiarium – Varieté der vergessenen Tiere“, nennt sie ihre Show.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Echo Echo“

An Beppo, den Straßenkehrer in Michael Endes Momo, erinnert der erste Moment in „Echo, Echo“ von theater salto&mortale. Doch hier geht’s um das Zusammenleben in einem abgeschiedenen Dorf – und das als „Eindringen“ empfundene Auftauchen eines Fremden sowie um Warnungen der Raben vor einem drohenden Bergrutsch – und das nicht-zuhören der Einheimischen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Giraffenblues“

Apropos Aufkehren und Putzen – in „Giraffenblues“ (kuckuck-Produktion) entert ein Reinigungstrupp das Museum (entstanden in Kooperation mit dem Zoologischen Museum der Universität Zürich) oder den jeweiligen Spielort. Eigentlich sollte hier ein Theaterstück stattfinden, aber… – ein Trick, den so manche Theatergruppe schon angewandt hat: Die Putzbrigade spielt einfach ein, nein DAS Stück. Und dieses nimmt Anleihe bei einer wahren Begebenheit: 1935 wurde eine in Giraffe  damals in Tanganjika (heute Region zwischen Tanzania und Kenia) gefangen und in die Schweiz transportiert, wo sie in den Züricher Tiergarten kam.

„Giraffenblues“ (Regie: Roger Nydegger) rückt allerdings den Einreiseversuch unter die Lupe: Giraffe keein Problem, die lassen Mira Frehner und Andreas Peter als Grenzbeamt:innen durch. Doch den menschlichen Begleiter und Betreuer Mokassa, gespielt von Robert Achille Gwem, den wollen sie nicht reinlassen. Was vielleicht heute nicht viel anders sein könnte, oder?!

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Red“

Natürlich spielen Themen wie Umgang mit Social media, Influencer:innen-(Möchtegern-)Dasein usw. in so manchen Stücken eine wichtige Rolle. Red von Merge Dance Collective ist so ein (Tanz-)Stück – noch dazu mit viel Humor. Linda Heller & Audrey Wagner tauchen in typische TikTok-Posen ein: Zack, Boom, Bäm – 100.000 Follower – oder doch nicht. Nein, wir sind doch ganz anders, wir sind ehrlich, authentisch und so weiter – oder auch das wiederum nur ein Marketing-Gag?

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Das ist die Moral der Geschichte, Liebling“

Noch krasser – selbstironisch und doch fast nichts anders als die Wirklichkeit so mancher TV- und Online-Shows aufnehmend, agiert Linda Hügel (Text: Fiona Schreier; Regie: Johanna Benrath) in „Das ist die Moral der Geschichte, Liebling (netzwerk wildi blaatere). Erst mit Riiiiesen-Mikro über die Auflösung der Moral philosophierend, wandelt sie sich zur Show-Masterin, die das Publikum auf Teufel-komm-raus animiert – und manipuliert.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Unter Drachen“

Auf ganz andere Art animiert Nadja Rui als Kind Ira das Publikum – durch die Reihen spazierend, einzelne Zuschauer:innen ansprechend verwandelt sie diese beispielsweise abwechselnd vor allem in ihren Opa. „Unter Drachen“ (Text: Hanna Röhrich; Regie: Patricija Bronić) ist eigentlöich konzipiert, um in einem eigenen großen Kuppel-Zelt gespielt zu werden – auf engem Raum mit dem Publikum. Und es geht um den Tod des Großvaters bzw. die Erinnerung an ihn und seine nach und nach verloren gegangenen Erinnerungen als er noch gelebt hat.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Geschichte von Lena“


Um (analoges) Mobbing, vor allem im Zusammenhang mit dem Vertrauensbruch einer engen Freundin dreht sich „Die Geschichte von Lena“ (Theater Spielfeld/theater fabula!), gespielt von Lisa Gartmann und Eliane Blumer.

Szenenfoto aus
Foto zu „Encylopedia“

Den humorvollen Abschluss des Schaufensters – die echte Reihenfolge unten im Info-Block (nicht hier in diesem Beitrag) performten (abwechselnd Tanz und Sprache) Lucia Gugerli und Christophe Rath von der Cie Nicole Seiler, von der auch das Konzept und die Choreografie stammt. „Encyclopedia“ versteht sich als eine solche – von Gesten, Begriffen und Bezeichnungen. So wird die eine zum Strich, Winkel, einer Statue, gleich danach zu einer gestürzten Statue, der andere zum Äffchen, einem Disco-Move on repeat, einem Hochhaus und Godzilla, der ein solches zerstört…
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KiJuKU-Interview mit der Festival-Leiterin –
aber schon bei der vorigen „jungspund“-Ausgabe

Titel des Eröffnungs-Vortrages "Sprache pas de Problema?!"

„Sprache pas de Problema?!“

Die Schweiz – auf den ersten Blick und in vielen Köpfen wohl DAS Land der Vielsprachigkeit in Europa. Französisch, Italiens und Rätoromanisch (wobei es da mehrere Sprachen gibt) neben Deutsch – und letzteres vor allem in verschiedenen Dialektausprägungen. „Hochdeutsch ist für viele im deutschsprachigen Teil des Landes die erste Fremdsprache“, sagte ein Teilnehmer des Symposiums „Theater für junges Publikum in einem vielsprachigen Land“. Dies fand am vorletzten Tag des Festivals „jungspund“ (nicht nur) für junges Publikum statt.

Grenzen und Gräben

Aber ist es wirklich so? Die verschiedenen Sprachen in der Schweiz seien eher strikt getrennt, voneinander abgegrenzt. Zweisprachige (Deutsch und Französisch) Städte und Orte wie Biel würden beispielsweise von St. Gallen aus „exotisch“ betrachtet und „Röschti-Graben“ wäre tatsächlich eine Art Graben zwischen Landesteilen unterschiedlicher Sprachen (die selben zwei) tönte es mehrfach.

Luxemburg

Und so holten sich die Organisationen – neben dem Festival noch die Schweizerische Gesellschaft für Theaterkultur in Kooperation mit dem Institut für Theaterwissenschaft der Uni Bern und die Pädagogische Hochschule St. Gallen – zum interessanten Eröffnungsvortrag eine führende Mitarbeiterin von Rotondes: aus Luxemburg. Sie ist in dieser ehemaligen Lok-Remise – eine solche ist auch in St. Gallen Hauptspielort des genannten Festivals – für die Sparten Bühnenkunst und partizipative Projekte zuständig.

Gelebte Mehrsprachigkeit

Luxemburgisch, Deutsch und Französisch seien überall im Land allgegenwärtig, auch in der Schule präsent, wenngleich da und dort die eine oder die andere Sprache dominiere. Mit Englisch sei eine vierte Sprache weit verbreitet, außerdem würden Erst- oder Muttersprachen mittlerweile auch gefördert. Die Hälfte er Bevölkerung komme aus anderen Ländern, in der Stadt Luxemburg sogar mehr als zwei Drittel (70%). Diese Vielsprachigkeit und Multikulturalität werde gelebt und gefördert, dennoch achte sie bei der Progammierung darauf, immer wieder auch Produktionen ohne Worte einzuladen, um gar keine sprachlichen Barrieren aufkommen zu lassen. Inklusion und sprachliche Brücken seien sozusagen die Zauberwörter, weshalb sie auch „Sprache pas de Problema?!“ zum Titel ihres Referats wählte – das sich Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… auch für diesen Beitrag ausgeborgt hat. Sie selbst habe sich dazu vom Slogan des Export/Import-Kulturfestivals im belgischen Brüssel (von La Montagen Magique und Bronks) inspirieren lassen „Language – no problem!“

Vielsprachige Kinderbücher

Zurück zur Schweiz: Dabei hat diese nicht nur vier verschiedene Landessprachen, sondern eine Pionierin der Förderung von Mehr- und Vielsprachigkeit im elementarpädagogischen Bereich. Silvia Hüsler begann selber als Kindergärtnerin vor Jahrzehnten Kinder zu bitten, Gedichte, Lieder und Geschichten aus ihren Herkunftssprachen mitzubringen. Vor allem Reime sind immer für praktisch alle Kinder spannend – oft egal in welcher Sprache. Seit „ewig“ veröffentlicht sie mehrsprachige Bilderbücher – zuletzt hat KiJuKU „Besuch vom kleinen Wolf“ besprochen – im Buch sind acht Sprachen versammelt – über die Website kann der Text in weiteren fast zwei Dutzend Sprachen downgeloadet werden.

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"Drehereien" - die diesjährige hölzerne Installation von Kollektiv hochhinaus fürs jungspund-Festival

Drehereien nach Loichtgehoier

Künstlerisch verspielte Gebilde erinnern an eine Art von Zahn-, andere an Spinnräder. In Sonnenstrahlen- und anderen Formen, teils aus bunt bemalten Holzstäben sind sie neben dem Schriftzug des Festivals vor der „Lok-Remise“ angebracht. Mit Schnüren verbunden lassen sie sich an zwei verschiedenen Kurbeln zum Drehen bringen. Andere stehen in dem Halbrund der einstigen Garage für Lokomotiven.

Seit vielen Jahren beherbergt die Lok-Remise gleich neben dem Bahnhof St. Gallen (Ost-Schweiz) Zwei Theater- bzw. Veranstaltungssäle, ein Kino, einen Restaurantbetrieb. Dort gehen die meisten der Stücke beim vierten „jungspund“-Festival (nicht nur) für Kinder und Jugendliche über die Bühnen.

Die hölzernen Installationen stammen vom „Kollektiv hochhinaus“. Bei der vorigen Ausgabe, zu der Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… ebenfalls für einige Tage eingeladen war, werkten Künstler:innen des Kollektivs an einem (Leucht-)Turm und luden Besucher:innen dazu ein, mitzubauen. Dieses Mal nennen sie ihr Werk „Drehereien“ und baute dafür die eingangs getriebenen „Maschinen“-Teile.

Mit echtem Werkzeug!

An einem Tag – Pech, es war jener an dem es schneite – durften Besucher:innen aus Holz und Schrauben bzw. Nägel „Roboter“ bauen. Die beiden Buben Liam und Joel ließen sich von dem nicht einladenden Wetter nicht abhalten, unter einer Zeltplane erfreuten sie sich daran, mit echtem, ungehobeltem Holz zu arbeiten und mit einem Akku-Schrauber Leisten zusammenzubauen. Beide verraten, dass „wir gerne basteln, aber bisher nur mit Papier oder Karton. Das hier ist das erste Mal mit Holz und richtigem Werkzeug.“

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Szenenfoto aus "Stereo-Typen - From Zero to Hero"

Rausgeflogen – und doch gelandet ;)

Vor der Garderobe mit einigen Jacken und Kappen treffen sie zufällig aufeinander. Robert Suter, der lieber nur Robi heißt. Wieder einmal aus der Klasse geschmissen, weil er so schnell denkt und das auch lautstark zum Besten gibt. Freut die Lehrer:innen gar nicht. „I bin dus, rausgeflogen“ beginnt er halblaut vor sich hin zu dichten und das noch dazu rhythmisch – es wird zum Song.

Da landet auch Rico Hernandez auf dem gemeinsamen Gang – er aus einer anderen Klasse und weil er als Neuankömmling wenig bis nichts versteht, voll verzweifelt ist.

Beide sind Außenseiter. Und nicht nur das. Beide haben wenig, naja ehrlicherweise jeweils gar keine Freund:innen. Und noch etwas verbindet sie: Liebe zur Musik – und zwar nicht nur solche zu hören, sondern auch selber zu machen.

Und das tun Gustavo Nanez (Rico) und Dominik Blumer (Robi) auch live – mit E-Gitarre (Letzterer), E-Bass bzw. Schlagzeug der zuerst Genannte. Mehrmals im Verlauf des rund einstündigen Stücks für Menschen ab 8 Jahren beim Theaterfestival „jungspund“, dieses Stück im FigurenTheater St. Gallen (Schweiz), die meisten finden in der umgebauten ehemaligen Lok-Remise neben dem Bahnhof statt. Der Stücktitel von „Kolypan und Teatro Lata“ sei hier erst – aus guten Gründen – gegen Ende verraten.

Freundschaft mit Mutproben

Die Liebe zum Musikmachen (neben Computerspielen) ist die beste Voraussetzung, die andere Gemeinsamkeit der beiden zu beenden: Sie werden Freunde. Sogar durch Dick und Dünn. Heimlich schleichen sie sich in den Proberaum der Schule, der ohnehin praktisch nie genutzt wird. Außerdem schwänzen sie einen Tag die Schule und weil sie nach der Übernachtung im Proberaum hungrig sind, klaut Robi – Rico steht Wache, „weil mich aus Ausländer haben sie ohnehin immer im Auge – Lebensmittel im Supermarkt.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Stereo-Typen – From Zero to Hero“

Intensiv üben sie Songs für das Abschlusskonzert in der Schule – und machen groß Werbung für die nun von ihnen gegründete Band. Deren Namen (der auch der Stücktitel ist – Geduld noch!) sprayen sie groß unter anderem auf die Turnsaalwand. Das allerdings gibt Zoff. Vorladung in die Direktion.

Verrat, Bruch und …

Ärger aber noch als der Zusammenschiss und die Kosten fürs Entfernen des Schriftzuges sind die nun auftauchenden gegenseitigen Schuldzuweisungen. Die neue Freundschaft zerbricht.

Natürlich doch nicht. Bei der Wendung (Regie: Meret Matter; Textmitarbeit neben den beiden Spielern: Julia Kubik) zu einem doch noch Happy End schlüpfen die musizierenden Spieler in die Rollen ihrer beiden Väter – leicht anderes Gewand, andere Körperhaltung, veränderte Sprachfärbung. Doch so glatt geht’s dann doch nicht.

Wenn der Ton von beiden Seiten kommt 😉

Sehens- und vor allem hörenswert sind die entfesselten Band-Auftritte zwischendurch und vor allem am Ende. Noch spannender – und wichtiger – ist die Entwicklung der beiden Protagonisten wie es im Untertitel heißt „From Zero to Hero“ (Von Null bis zum Helden). Und die immer wieder recht witzige Zerlegung klassisch männlicher/bubenhafter Klischees, denn heldenhaft ist unter anderem sich zu entschuldigen. Genialer Einfall für den Band- und Stücktitel: Stereo-Typen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Stereo-Typen – From Zero to Hero“

Game-Figuren werden lebendig

Hervorzuheben ist auch die recht einfallsreiche Ausstattung (Ausstattung: Sara Giancane; Bühne: Gustavo Nanez) und da wiederum vor allem die gepimpten Bikes – die hier auf der kleinen Bühne allerdings nicht ausgefahren werden konnten. Die stärksten Emotionen im vollbesetzten Publikumsraum löste die Übernachtung im Proberaum aus. Im Traum versinken beide in ihre Lieblings-Computerspiele und tauchen verwandelt als Art Zombie-Ritter auf, die einander heftig bekämpfen. Hier spielt aber auch Angst der ach so starken Jungs eine nicht unerhebliche Rolle.

Blickfeld ;(

Einziges Manko – das für viele Stücke in vielen Theater gilt: Wenn Spieler:innen ganz nah am Bühnenrand sehr bodennah – hier liegend – agieren: Zuschauer:innen in den hinteren Reihen sogar dieses schräg ansteigenden Publikumsraums mit – einzigartig – höhenverstellbaren Sitzen sieht dennoch (fast) nichts davon.

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Szenenfoto aus "Was macht ds Wätter?"

Bezaubernde, verspielte Wetter-Show

In der sehr verspielten Art einer „Wettershow“ verschafft der Schauspieler Moritz Alfons dem Publikum – ob sehr jungen Kinder oder Erwachsenen – viele Wowh-Momente. Staunen. Verzauberung.

Zu Beginn im zweiten Raum der Lok-Remise in unmittelbarer Nähe des Bahnhofes St. Gallen (Schweiz), dem Hauptspielort des Festivals „jungspund“, liegt er schlafend auf dem Boden unter einer dunklen Decke. Der Morgen naht, die Decke zieht sich zurück. Komm bleib noch ein bisschen, liebe Nacht, sagt er in etwa – auf Bern-Deutsch. Weshalb der Rezensent es nur erahnen kann 😉

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Was macht ds Wätter?“

Schlafenszeit für die Nacht

Aber bald ist’s dann doch Zeit aufzustehen, er verstaut die „Nacht“ in einem Schrank und wünscht ihr angenehme Schlafenszeit. Er selbst zieht sich hektisch an, das Radio schaltet sich ein. Der Wetterbericht für diesen Tag hält alles bereit – vom strahlend blauen Himmel mit Sonnenschein über bewölkt bis Regen und sogar Schnee.  Also notiert sich der Spieler in „Was macht ds Wätter?“ alles, um die entsprechenden Kleidungsstücke vorzubereiten.

Sonne aus dem Koffer

So liebevoll wie er die Nacht in Form der dunklen Decke zur Ruhe legt, so überraschend holt er aus einem metallenen Koffer einen gelben Sitzball und pumpt ihn auf, um daraus zunächst mit der Sonne zu spielen bevor er sie hoch oben auf der Leiter platziert. Einer Kiste lässt er eine große blaue Decke entsteigen, die in seinen Händen zur Tänzerin wird und dann auf der Wäscheleine als der strahlende Himmel erscheint.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Was macht ds Wätter?“

In ähnlicher Manier und doch immer wieder verblüffend erweckt der Spieler Objekte zu lebendigen Elementen verschiedener Wettersituationen – bis hin zu Sturm, Blitz und Donner. Watteähnliche Dinge schweben als Mobile an Angel-ähnlichen Stäben als Wolken über dem Geschehen. Nur der Regen, der will – obwohl im Radio angesagt – nicht in Erscheinung treten. Da scheint die Heimat des Regens, eine Gießkanne Schabernack mit dem Spieler zu treiben, zieht ihn kreuz und quer über die Bühne, verwandelt sich in eine Spritzkanne und … – nein alles sei nicht verraten – vielleicht, ja hoffentlich landet diese wunderbare, be- und ver-zaubernde 3/4 -stündige Show ja auch einmal in deiner Nähe – es gibt, so wurde Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… anvertraut – auch eine standard- oder hochdeutsche Version. Das verrieten Emily Magorrian und Luzius Engel nach der vielumjubelten Show.

Gemeinsam entwickelt

Die beiden hatten die Idee und auch Regie geführt. Entwickelt haben die beiden das Stück gemeinsam mit dem oben schon genannten Schauspieler, der auch für die Musik(auswahl) sorgte. Den immer wieder auch verspielten Text steuerte Matto Kämpf bei. In die Passagen mit den Wetternachrichten baute er immer wieder skurrile scheinende Werbespots ein wie „das Wasser widmete ihnen…“ Nach der Vorstellung wurde dem Reporter versichert, solche seien „nur“ aus der Wirklichkeit Schweizer Privatradios entliehen.

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Szenenfoto aus „Was macht ds Wätter?“

Als wär’s ein Kinder-Spiel

Bühne und Objekte, die anfangs wie eine Art unaufgeräumtes Zimmer wirken und zu einem ganzen Tag im Freien mit unterschiedlichsten Witterungen werden, schuf – ebenso wie die Kostüme – Linda Rothenbühler. Fast die ganze Dauer hindurch lässt das Stück die Zuschauer:innen in ein Spiel eintauchen, wie es Kinder sich durchaus auch ausdenken können, wo aus Laden, Kisten, Tüchern ganze Fantasiewelten entstehen.

PS: Als hätten die Festival-Organisator:innen einen „Draht nach oben“ gab’s am ersten Tag als gespielt wurde Sonnenschein und am zweiten Schneefall!

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Compliance-Hinweis: Die Berichterstattung kann nur erfolgen, weil das Festival „Jungspund“ Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … für fünf Tage nach St. Gallen eingeladen hat.

KiJuKU-Interview mit der Festival-Leiterin –
aber schon bei der vorigen „jungspund“-Ausgabe

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Was macht ds Wätter?“
Szenefoto aus "Ciao, Ciao"

Clownesker Aufstand gegen den „Zampano“

Atemberaubend – der Begriff wird vielleicht zu oft und leichtfertig eingesetzt. Bei dieser Show, die beim aktuellen Festival „jungspund“ im Schweizer St. Gallen ablief, trifft sie jedenfalls zu. In einem Mix aus Highest-Level-Akrobatik und akrobatischem (Ballett-)Tanz stark gewürzt mit clownesken Elementen stockt immer wieder der Atem des Publikums. Vor allem bei Kunststücken von Eline Guélat. Wenn sie den auf ihrem bevorzugten Turngerät, einem Lichtmast mühelos und fast ohne Anhalten raufspaziert und dann vermeintlich runterfällt – kollektives Luftanhalten im Publikum. Sie scheint sogar die Schwerkraft zu überwinden. Vorgegebene Regeln sind ihre Sache nicht.

Szenefoto aus
Szenefoto aus „Ciao, Ciao“

Fellinis „La Strada“ als Inspirationsquelle

Inszeniert hat Martin Zimmermann, Choreograf, Theater-Regisseur, Bühnenbildner und selber Performer, der aus dem Zirkus kommt, die Show „Ciao, Caio“ (für das Ballett Theater Zürich entwickelt). Er ließ sich dabei, wie er nach der fulminanten, begeistert aufgenommenen – schier never ending Applaus – Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… anvertraute von Federico Fellinis vielleicht berühmtestem Film „La Strada – Das Lied der Straße“ (1954) inspirieren lassen.

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Szenefoto aus „Ciao, Ciao“

Frühe Befreiung

Die schon genannte umwerfende Zirkuskünstlerin nimmt Anleihe bei der Figur der Gelsomina, der Assistentin des brachialen Jahrmarkt-Schaustellers Zampanò – der Name hat sich seit Fellinis Film als Begriff verselbstständigt. Obwohl sie so viel kann, wird sie von ihm auf Hilfsdienste reduziert. In „Ciao, Caio“ befreit sie sich schon früh und er (Aimé Morales), der die einstündige Performance eröffnet, wird nur zum hin und wieder Side-Kick. Passt doch gut zum Internationalen Frauentag am 8. März!
Sie dominiert, aber doch eher bescheiden in clownesker Manier mit Erinnerungen an Charlie Chaplin das Geschehen.

Szenefoto aus
Szenefoto aus „Ciao, Ciao“

Wesen aus verschiedenen Welten

Es bleibt nicht bei dem Duo. Nach und nach kommen teils wie aus dem Nichts aus dem Bühnenpodest von unten, aus irgendeinem Kasten oder sonst woher noch Tänzerinnen – vielfältige Figuren manche mit Freak-Anwandlungen. Sie alle vereinen perfekte Körperbeherrschung, verbinden Clownerie mit Ballett. Und so wechselt die Szenerie ständig, wir erleben die weiß gekleidete Baum-Fee-artige Léna Bagutti, einen alten immer wieder buckligen Mann (Jesse Callaert), eine zwergenhafte Übermama (Neil Höhener) sowie Valeria Marangelli (Harlekin) und Sandra Salietti (fast klassisches Ballett).

Mit all ihrer fantastisch körperlichen Kunst erzählen die sieben in vielen immer wieder auch Staunen erzeugenden Szenen, etwa einem Riesen-Hütchen-Spiel mit auftauchenden und verschwindenden Chaplin-behüteten Menschen, kleine und doch so große Geschichten unterschiedlichster Gefühle. Von freundschaftlichen und verliebten bis zu aggressiven, befreienden…

Szenefoto aus
Szenefoto aus „Ciao, Ciao“

Nicht nur wie Tschau…

Ach, übrigens: Im deutschsprachigen Teil der Schweiz wird „Ciao“ ebenso wie in Italien – im Gegensatz zu Österreich und Deutschland (wo es sich oft zum tschau gewandelt hat) – sowohl für Abschied als auch Begrüßung verwendet. Laut Wikipedia stammt es übrigens aus der venezianischen Sprache, wo sčiao [ˈst͡ʃao] (Diener) dem italienischen schiavo [sˈkjaːvo] entspricht. Und dieses steht für „ich bin Ihr Diener“ – wie die dem Lateinischen entlehnte Grußformel „Servus“.

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Compliance-Hinweis: Die Berichterstattung kann nur erfolgen, weil das Festival „Jungspund“ Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … für fünf Tage nach St. Gallen eingeladen hat.