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Beim Poetry Slam "textstrom"

„Habe meinen Stil im lyrischen, gereimten, teilweise abstrakten Storytelling gefunden“

Langsam hebt sie nun ihr Werkzeug und schabt das Grau von ihrem Bild
Zerschlägt den Mantel der Normierung, bis Farbenglanz ihr Werk erfüllt
Nach und nach kommen die Farben in ihrer ganzen Pracht ans Licht
Ein strahlend bunter Regenbogen, der voller Kraft das Grau durchbricht…“
Aus dem Poetry-Slam-Beitrag „Mosaik“ für eine Jugend-am-Werk-Versammlung

Nadine Brunner trat vor wenigen Tagen beim 50-Jahr-Festakt des Österreichischen Behindertenrates auf – dazu gibt’s einen eigenen Beitrag, unten am Ende verlinkt. Am 29. Mai tritt sie bei „Wortwörtlich Wördern“ in St. Andrä Wördern bei den Landesmeisterschaften Wien und Niederösterreich an. Dazwischen gab sie KiJuKU.at dieses ausführliche Interview – per eMail.

KiJuKU: Wie sind Sie zum Poetry Slammen gekommen?
Nadine Brunner: Ich habe in meiner Gymnasialzeit mehrfach am Jugendredewettbewerb in der Kategorie „Sprachrohr“ teilgenommen, in der freie, kreative Texte und deren Performance auf der Bühne im Fokus standen. Bei meinem ersten Auftritt in diesem Rahmen hatte ich aber noch keine Ahnung, dass ich hier bereits mit Slam Poetry auftrete, ohne überhaupt zu wissen, was das ist.
Ich bin dann zufällig auf YouTube über Videos von Poetry Slam-Veranstaltungen gestolpert und somit zum Poetry Slam gelangt. In den folgenden zwei Jahren habe ich auch an zwei Poetry Slam-Workshops teilgenommen, um mich dem Hobby zu nähern, hab dann mit 16 an meinem ersten Slam im Rahmen eines solchen Workshops teilgenommen und meine Liebe für dieses Medium entdeckt.

Ich war in meinen ersten 4 Jahren im Gymnasium auch Teil der Theatergruppe meiner Schule und habe es geliebt, auf der Bühne zu stehen. Zeitgleich ist meine Hingabe zum kreativen Schreiben immer mehr gewachsen. Im Poetry Slam habe ich dann die perfekte Schnittstelle zwischen diesen beiden Leidenschaften gefunden: Ich stehe auf der Bühne und performe meine eigenen Texte.

Auftritt beim 50-Jahr-Jubiläum des Österreichischen Behindertenrates - mit Übersetzung in Gebärdensprache
Auftritt beim 50-Jahr-Jubiläum des Österreichischen Behindertenrates – mit Übersetzung in Gebärdensprache.
Foto: Dominik Pfündl

Aufgrund meines Studiums und meiner Arbeit blieb in den letzten Jahren wenig Zeit für Auftritte und so bin ich 2019 nach einer Handvoll Auftritten und der Teilnahme an den U20-Landesmeisterschaften in meinem Jugendalter von der Poetry-Bildfläche verschwunden. Ich stehe erst seit Dezember 2025 wieder regelmäßig auf der Bühne. Zurückgelangt bin ich zum Poetry Slam deshalb, weil ich als Poetin für die Eröffnung der Preisverleihungs-Gala des Österreichischen Inklusionspreises 2025 angefragt wurde, da eine Slam-Moderatorin sich an mich und die Auftritte in meiner Jugend erinnert und mich empfohlen hat.

Für diesen Anlass habe ich meinen ersten Auftragstext geschrieben und bei der Gala habe ich dann gemerkt, wie sehr es mir fehlt, auf der Bühne zu stehen. Seither trete ich wieder regelmäßig auf und frage mich bei jedem Auftritt aufs Neue, wie ich es ausgehalten habe, Poetry Slam für ganze 6 Jahre aus meinem Leben zu streichen.

Schon in der Volksschule geschrieben

KiJuKU: Haben Sie schon „immer“ Texte geschrieben?
Nadine Brunner: Ja. Schon in der Volksschule habe ich Geschichten geschrieben. Das Schreiben hat mir eigentlich von dem Moment an Spaß gemacht, an dem ich es gelernt habe. Schon bevor ich schreiben konnte, habe ich mir Geschichten ausgedacht, konnte diese aber noch nicht festhalten. Begonnen hat mein Schreibprozess mit sehr kindlichen Geschichten, mit dem Wechsel von der Volksschule ins Gymnasium entstanden dann auch die ersten Gedichte und längeren, ausgereifteren Geschichten.

Oft habe ich stundenlang am Stück geschrieben und wenn ich nicht geschrieben habe, habe ich gelesen. Für Lyrik habe ich mich schon in der späten Kindheit begeistert und dann auch begonnen, eigene Gedichte zu schreiben. Aus der Leidenschaft für Lyrik, Reime und Rhythmus sind dann im Laufe meiner Jugend meine ersten Slam-Texte entstanden.

Und tauschen wir nun Stein durch Menschen, verändert sich ganz schnell der Blick
Dann sehen wir unsere Gesellschaft, statt Künstlerin und Mosaik
Wir sehen das Streben nach Normierung, das uns zu übermannen zielt
Doch dieses Streben übertüncht der Vielfalt schönes Farbenspiel
Nadine Brunner
Aus dem Poetry-Slam-Beitrag „Mosaik“ für eine Jugend-am-Werk-Versammlung

KiJuKU: Wie schreiben Sie – alle Ideen notieren oder erst lange im Kopf wälzen bevor sie Gedanken und Formulierungen festhalten?
Nadine Brunner: Ich habe viele Ideen, die oft aus dem Nichts kommen, aber ich notiere sie nicht immer gleich. Wenn eine Idee wirklich mehr als ein Hirngespinst ist, dann bleibt sie in meinem Gedächtnis und taucht immer wieder in meinen Gedanken auf. Manchmal sind aber auch konkrete Situationen Inspirationen für Texte. Ich beziehe Inspiration aus unzähligen Quellen und oft reicht eine Kleinigkeit, um einen Geistesblitz auszulösen, der dann vielleicht oder vielleicht auch nicht zu einem kompletten Text wird.

Manchmal schießt mir auch eine Formulierung, die mir gut gefällt, in die Gedanken, eine rhythmisch schöne Textzeile oder ein Reim. Wenn dem so ist, dann baue ich meine Texte drum herum. Die Idee ist aber immer schon vor der ersten Formulierung da.

Zusätzlich muss gesagt werden, dass der erste Entwurf eines Textes nie die Endversion ist. Ich lasse einen Text nach Fertigstellung des ersten Entwurfs gern ein paar Tage ruhen, um dann mit frischem Blick draufzuschauen und ihn zu überarbeiten. Darüber hinaus hole ich mir in meinem Freundeskreis Feedback zu den Erstentwürfen, da Außenstehende oft einen besseren Blick auf den Text haben als ich und dann manchmal Dinge merken, die mir nicht so leicht aufgefallen wären. Auch beim Schreiben von Auftragstexten ist es mir wichtig, mit den auftraggebenden Personen über den ersten Entwurf zu sprechen und Feedback einzuholen und einzuarbeiten.

Auftritt bei einer Jugend-am-Werk-Versammlung, bei der über Zukunftsziele gesprochen wurde
Auftritt bei einer Jugend-am-Werk-Versammlung, bei der über Zukunftsziele gesprochen wurde.
Foto: Dominik Pfündl

Springe oft hin und her

KiJuKU: Mit Stift auf Papier, am Computer, am Handy? Oder reden und aufnehmen?
Nadine Brunner: Ich schreibe meine Texte am Computer. Das hat den Vorteil, dass ich Dinge schnell verändern kann. Darüber hinaus schreibe ich nicht chronologisch, sondern springe kreuz und quer durch meinen Text. Oft weiß ich, wo ich hinwill und habe dann einige Zeilen in der Mitte oder am Ende des Textes. Zwischen den einzelnen Versen sind dann vorerst noch Lücken, die ich nach und nach fülle und somit die unterschiedlichen Textfetzen zu einem Gesamtwerk zusammenführe.

Leider hat das Schreiben am Computer aber auch den Nachteil, dass ich den Computer nicht immer bei mir habe. Oft schlägt die Inspiration zu, wenn ich abends mit meinem Hund spazieren gehe. Dann tauchen Formulierungen wie aus dem Nichts auf und um konkrete Zeilen, oder Reime nicht zu verlieren, nehme ich sie dann direkt mit dem Handy auf und verschriftliche sie, sobald ich heimkomme. 

KiJuKU: Wie wählen Sie Themen aus?
Nadine Brunner: Meistens kommen die Ideen intuitiv, bevor ich aktiv ein Thema wähle. Anders herum ist es nur dann, wenn ich Auftragstexte schreibe. Grundsätzlich habe ich aber natürlich meine Vorlieben für Themenbereiche. Die meisten meiner Texte behandeln ernste und emotionale Themen. Ich habe meinen Stil im lyrischen, gereimten, teilweise abstrakten Storytelling gefunden. Somit sind viele meiner Texte eher allegorisch veranlagt, aber immer so, dass für das Publikum leicht durchschaubar ist, welches (gesellschaftliche) Thema ich behandle.

Ich schreibe über das Handeln und den inneren Konflikt einer Person, die beruflich Träume fängt und zerstört, um ein totalitäres System aufrechtzuerhalten, die ihr Tun aber immer mehr anzweifelt, um Kritik an einem solchen Regime zu äußern, ohne dies auf ein in der Wirklichkeit existierendes, politisches Beispiel zu stützen. Ich schreibe über eine Künstlerin, die ein Mosaik aus grauen Steinen fertigt, weil dies die Tradition vorgibt, und die nach der Fertigstellung keine Freude an ihrem Werk hat, weil die Farben fehlen, um Vielfalt und Diversität zu behandeln.

Die meisten meiner Texte sind eine Flucht aus der Wirklichkeit, in der ernste Themen der Wirklichkeit aber trotzdem auf abstrakte Weise behandelt werden. Damit möchte ich genügend Distanz schaffen, um primär die Kunst genießen zu können, trotzdem aber zum Nach- und Weiterdenken anregen. Darüber hinaus habe ich aber auch einige Texte, die von der Ernsthaftigkeit loslösen und beim Zuhören einfach nur Freude bereiten und das Publikum auflockern sollen. Mir ist eine Mischung aus Spaß und Ernsthaftigkeit und ein möglichst breites Spektrum an Themen wichtig, sodass möglichst jede zuhörende Person in meiner Sammlung an Texten etwas findet, das ihr gefällt.

Hochgradig seh-beeinträchtigt

KiJuKU: Welche Themen sind Ihnen besonders wichtig? Wie und warum wurde Inklusion / Behinderung ein für Sie ein so wichtiges Thema, dass der österreichische Behindertenrat Sie als Künstlerin für die Jubiläumsveranstaltung engagiert hat?
Nadine Brunner: Ich beschäftige mich in meinen Texten oft mit sehr großen Themen, die jedem Menschen auf die eine oder andere Weise im Leben begegnen. Mir sind Themen der emotionalen Befindlichkeit wichtig (Selbstbild, Selbstzweifel, …) und darüber hinaus auch Themen der Inklusion (Norm, Vielfalt, Diversität, …).

Inklusion hat vor allem deshalb einen hohen Stellenwert für mich, weil ich selbst hochgradig sehbeeinträchtigt bin und mit einem Restsehvermögen von 5% lebe. Inklusion beeinflusst somit mein tagtägliches Leben. Mir ist aber sehr wichtig, dass ich nicht nur als die behinderte Künstlerin wahrgenommen werde. Meine Behinderung ist ein Teil von mir, den ich weder abstreiten noch verstecken kann oder möchte.

Beim Poetry Slam "mit Donner"
Beim Poetry Slam „mit Donner“
Foto: David Dunst

Ich trete bei jedem Poetry Slam, an dem ich teilnehme, zusammen mit meiner Blindenführhündin auf, die mich sicher auf die und nach dem Auftritt wieder von der Bühne bringt. Mir ist aber sehr wichtig, für meine Kunst geschätzt zu werden und, dass meine Texte für sich selber sprechen, auch wenn ich das Sprachrohr bin, durch das sie sprechen.

Ich bin Slam Poetin, weil das meine Leidenschaft ist und nicht trotz oder wegen meiner Beeinträchtigung. Trotz der Beeinträchtigung primär als Künstlerin gesehen zu werden, ist ein Wunsch, den mir die sehr inklusive, tolerante und offene Slam-Szene in Wien und Niederösterreich bislang ausnahmslos erfüllt hat.

Der Österreichische Behindertenrat hat nach meiner Performance bei der Preisverleihungs-Gala des Österreichischen Inklusionspreises Kontakt mit mir aufgenommen und um einen Text für die Jubiläumsfeier angefragt. Ich fühle mich nach wie vor sehr geehrt, diesen Auftrag erhalten zu haben.

KiJuKU: Wie bereiten Sie sich auf Auftritte vor?
Nadine Brunner: Ich lerne meine Texte auswendig und übe sie oft allein zu Hause oder trage sie Freunden vor. Dass ich ohne Textblatt auftrete, hat zweierlei Gründe: zum einen habe ich gerne beide Hände für die Performance frei, zum anderen fällt es mir aufgrund meiner Sehbeeinträchtigung aber auch sehr schwer, Texte abzulesen, da die Schrift sehr groß und nah sein muss und mich das auf der Bühne zu sehr einnehmen und ablenken würde. Die Performance-Elemente der Texte (Gestik, Mimik, Rhythmik, Stimmlage, Sprechlautstärke, …) kommen wie von selbst, wenn der Text einmal sitzt.

Denn wenn der Morgen graut und grau bleibt, das Grau die Vielfalt unterdrückt
Dann lassen wir mit all den Farben, den schönsten Teil von uns zurück
Dann wandern wir in eine Zukunft, die jedes Farbenspiel verschweigt
Ich wünsch mir eine Mosaik-Welt, die schillernd ihre Farben zeigt
Nadine Brunner
Aus dem Poetry-Slam-Beitrag „Mosaik“ für eine Jugend-am-Werk-Versammlung

Kaum nervös

KiJuKU: Wenn Sie vor Auftritten nervös sind, wie kriegen Sie die Aufregung in den Griff?
Nadine Brunner: Nervös bin ich nur dann, wenn ich einen Text erstmalig auf einer Bühne performe oder sehr lange nicht mehr dargeboten habe. Diese Nervosität hat aber kein hohes Ausmaß. Ich habe mir als Routine angewöhnt, den Text vor meinem Auftritt einmal in Ruhe in Gedanken durchzugehen, eine Art „Generalprobe im Kopf“ und ich habe immer eine Wasserflasche bei mir, um vor den Auftritten genügend zu trinken. Sobald ich auf der Bühne stehe, ist die Nervosität, sollte eine da gewesen sein, dann komplett weg und ich bin ganz in meinem Element.

KiJuKU: Und noch ein bisschen was zu Ihrer Person: War Deutsch Ihr Lieblingsfach oder was mochten Sie in der Schule besonders gern? Was vielleicht auch weniger?
Nadine Brunner: Deutsch war lange Zeit mein Lieblingsfach. Das hat sich dann geändert, als sich der Unterricht in der Oberstufe auf Textsorten mit sehr strikten Regeln und Rahmenbedingungen fokussiert hat. Zwar fiel mir das Schreiben dieser Texte auch leicht, aber ich hatte viel weniger Freude daran, weil ich meiner Kreativität nicht mehr so viel freien Lauf lassen konnte wie beim Schreiben von Märchen, Fabeln, Kurzgeschichten und Ähnlichen. Von jeher mochte ich auch Mathematik sehr – so sehr, dass ich heute Mathematik auf Lehramt studiere. Andere MINT-Fächer mag ich dafür weniger, Physik, Chemie, Biologie und Informatik haben mir in der Schule wenig Freude bereitet.

Spiele

KiJuKU: Was sind Ihre liebsten Freizeitbeschäftigungen?
Nadine Brunner: Ich bin ein sehr kreativer Mensch, gleichzeitig aber auch zu strategischem und logischem Denken zu begeistern und das äußert sich auch in meiner Freizeit. Neben dem kreativen Schreiben spiele ich gerne Pen&Paper-Rollenspiele, besuche Escape Rooms und habe Freude an Gesellschaftsspielen. Darüber hinaus bin ich auch gerne draußen und gehe mit meiner Hündin wandern oder schwimmen. Dadurch bietet mir meine Freizeit einen schönen Ausgleich zu meinem Studien- und Berufsleben.

kijuku_heinz

Beitrag über 50 Jahre Österreichischer Behindertenrat

Poetry_Slam –> Wortwoertlich_Woerdern

Szenenfoto aus "Reset your Mind!" von Theater Jugendstil

Bärenstarke Gamerin regt an, Rollenklischees zu hinterfragen

Der große weiße Tisch lässt erahnen – auch wenn er erst später beim Kippen, oder von Anfang an beim Aufstehen mit einem Blick von leicht oben als überdimensionaler Controller erkennbar ist, hier wird gespielt. Auf der Theaterbühne (Bühne & Kostüm: Daniel Sommergruber) rund um und in Computer- bzw. Video- und Online-Games. Der „Held“, der die Stunde über im Stück namenlos bleibt, zockt, was das Zeug hält. Und ist – wie sich herausstellen wird – gar nicht besonders gut darin. Aber lieber als Schule, die für ihn ein „schwarzes Loch“ ist, das alle Energie einsaugt, oder gar mit der Mutter zu reden, ist das Eintauchen in abenteuerliche erfundene Welten allemal. Und das am liebsten eher allein, Single Player Modus. Gemeinschaft ist nicht so sein’s. Aber als Einzelkämpfer da wächst er. Irgendwie.

Bis er auf eine Spielerin trifft. Elli nennt sie sich. Und ist viel besser als er, was er doch anerkennend feststellt. Wenngleich sie ihn auf den Boden der (Spiel-)Realität holt, dass dies im Vergleich mit ihm keine Kunst sei.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Reset your Mind!“ von Theater Jugendstil

Der Zocker

Vor diesem Grundsetting spielt die Theatergruppe „Jugendstil“ ihr diesjähriges Stück „Reset your Mind“ (Setz deinen Geist / deine Denkweise zurück), verfasst von Vielfachtalent Charlotte Zorell – siehe einige der Links am Ende des Beitrages. Regie führte erstmals für Theater Jugendstil Claudia Waldherr.

Mirkan Öncel ist einerseits der Zocker und andererseits in Game-Szenen der Solokämpfer. In einem fiktiven Podcast-Interview mit sich selbst outet er sich als in der Realität schüchtern, unsicher und so weiter und als Interviewpartner als ur-tough – wie er eben gern wäre. Dieses Pendeln lässt er auf der Bühne gut spüren, mit stärkerer Schlagseite auf den nicht so ganz „starken“ Anteilen der realen Figur.

Medienfoto zu
Medienfoto zu „Reset Your Mind!“

Vielfach-Rollenwechslerin

Seine Schauspielkollegin Susanne Preissl ist Tausendsassa, die Umzugs-Queen. Sie schlüpft nicht nur in die Rolle der Gamerin bzw. der Kämpferin im Spiel, wo sie sich Elli nennt. Bald nach Beginn gibt sie die strenge Klischee-Lehrerin, die der – in dieser Szene nicht vorhandenen – Mutter erklärt, dass der Sohn nix fürs Gymnasium ist. Wobei die beiden jugendlichen Charaktere allerdings einiges jenseits der Volksschulzeit angesiedelt sind.

Als Mutter bemüht sie sich um den Sohn, in Sorge um seine Zukunft, kann ihn jedoch erst gegen Ende wirklich erreichen, wo sie selber auch zugibt, in der Schule nicht die beste gewesen zu sein. Weshalb sie bereits zu Hause im Krankenpflege-Gewand auftaucht, irritiert ein wenig – angesichts strenger Hygiene-Vorschriften im Gesundheitswesen. Sie wechselt so überzeugend in ihre jeweiligen Figuren, dass am Ende bei der Verbeugung – da ist sie die Gamerin, nach der Mutter gefragt wurde. Und als sie ihre schwarze Langhaar-Perücke abnimmt, fragen Jugendliche, ob sie wirklich die Mutter des Kollegen ist, der nur ein paar Jahre jünger ist als sie.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Reset your Mind!“ von Theater Jugendstil

Vorurteils-Jungs

Der Zocker anerkennt nicht nur, dass die Gamerin viel besser ist, beide beginnen sich anzufreunden. Er lädt sie ein, dazuzustoßen, wenn er mit seinen Kumpels doch manchmal spielt. Sie äußert ihre Bedenken, dass Jungs sehr oft (mehr als) ungut auf Mädchen reagieren. Seine Gang sei nicht so, meint er. Sind sie aber dann doch. Mehr als. Blöde, abwertende Sprüche, Beschimpfungen und das volle Programm (Stimmen aus dem Off: Curdin Caviezel, Jonas Graber, Philipp König). Und unser „Held“? Der – schweigt.

Ist ihm zwar spürbar unangenehm, aber kein einziges Wort, mit dem er die „Freunde“ in die Schranken weist… Das wird so unangenehm, dass etliche der Schüler:innen der Premierenvorstellung – traditionell für die Theatergruppe im Stadttheater Bruck an der Leitha (Niederösterreich) – im kurzen Publikumsgespräch sagen, er hätte für sie Partei ergreifen müssen. Also – wie der Titel will – seinen Geist / seine Denkweise neu aufsetzen.

Medienfoto zu
Medienfoto zu „Reset Your Mind!“

Oma

„Geh hin und entschuldige dich“, rät ihm die Stimme der „Oma“ aus dem Off, mit der er immer wieder am Handy telefoniert. Doch auch wenn der Draht zu ihr besser zu sein scheint als zur Mutter, schwingt auch da eine ignorante Ebene mit. Die Großmutter (Sehnaz Taftali) ist zweisprachig mit Deutsch und Türkisch, was sie immer wieder einfließen lässt. Doch dem Enkelsohn kommt kein einziges Wort, weder eine Begrüßung noch ein Danke auf Türkisch über die Lippen.

Im Game selber wird der Tisch = Controller zu allem Möglichen, unter anderem einem Auto, da spielt sich Action ab, bei der viele der jugendlichen Zuschauer:innen so richtig mitgehen. Gar nicht so viele zeigen im Publikumsgespräch auf, als gefragt wird, wer gern und viel spielt. Im Gegensatz zu den Schüler:innen einer Klasse, in der die Autorin des Textes zur Recherche war: „Da haben alle gespielt!“

Als Korrektiv aus der Zielgruppe holte sich „Theater Jugendstil (Susanne Preissl und Sophie Berger) erstmals eine jugendliche Hospitantin mit der 16-jährigen Schülerin Lalezar Bülbül.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Reset your Mind!“ von Theater Jugendstil

Klischees brechen

Das Zurechtrücken von noch immer weit verbreiteten Klischees ist einer der Grund-Anstöße des Stücks. Immerhin ist fast die Hälfte aller, die spielen, weiblich – 47 Prozent der mehr als drei Milliarden weltweiten Spieler:innen wie die Game-Expertin – Spielerin, Designerin und Forscherin (Computerspiele, Virtual Reality, Künstliche Intelligenz) Johanna Pirker (Technische Unis München und Graz) im Buch „Game On – wie Gaming unsere Welt revolutioniert“ schreibt.

Titelseite des Buches
Titelseite des sehr empfehlenswerten Buches „The Game is On“ von DER Game-Expertin Österreichs, Johanna Pirker

Sie sieht die Welt des Gamings auch weitaus positiver als die Warner:innen vor den Gefahren: „Leider werden Games immer noch oft auf problematische Aspekte wie Gewalt oder Sucht reduziert, anstatt das Spiel als vielfältiges, komplexes Medium zu begreifen.“ (S. 32) Entwicklung von Spielen, das Business darum herum sei außerdem ein wichtiger Wirtschaftszwei, mittlerweile größer „als die Film-, Buch- und Musikindustrie zusammen“ (S. 23).

Über die Gamerin, Moderatorin, Speakerin Rebecca Raschun alias JustBecci in einem der Berichte über die Game City 2025 im Wiener Rathaus, immerhin die siebentgrößte Stadt Österreichs – im ersten Link unten.

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Szenenfoto aus dem Kinofilm "Moon, der Panda"

Das Pandakind lässt Tian auf seine Spielkonsole vergessen

Zur Schulaufführung der Kinder kommt der Vater zu spät – und widmet Nachrichten auf seinem Smartphone mehr Aufmerksamkeit als den Kindern auf der Bühne. So ist Fu Zhao (der in China bekannte Schauspieler Liu Ye) immer business-mäßig unterwegs und familiär abwesend. Und wundert sich, dass Sohn Tian (Noé Liu Martane) in Games auf der mobilen Spielkonsole versinkt und weniger Kopf für Schule und Lernen hat.

Soweit die Ausgangssituation für den knapp mehr als eineinhalbstündigen fast märchenhaften Film „Moon, der Panda“ – der mit 10. April 2025 in den Kinos anläuft.

Dieser Panda ist nicht die Hauptfigur eines Computerspiels, sondern ein ganz lebendiger, noch junger seiner Art. Auf den trifft Tian zufällig in den Ferien, die er mit seiner Schwester Liya bei Großmutter Nai Nai verbringt.

Szenenfot aus dem Kinofilm
Szenenfot aus dem Kinofilm „Moon, der Panda“

Missgeschick mit Folgen

Die ältere Frau (Sylvia Chang), die viel mehr Draht zu den Enkelkindern findet als deren Eltern, hat ein romantisches einfaches Holzhaus mitten im Wald. Sie schickt Tian aus, um Holz zu holen. Widerwillig geht er los, stolpert, verliert die Switch und landet vor der Höhle eines jungen Pandas. Wegen dessen rundem Gesicht nennt er ihn Mond.

Dass der Junge in die anregende Begegnung mit dem Tier noch dazu recht rasch reinkippt, ist noch glaubhaft nachvollziehbar. Dass er ganz auf seine Spielkonsole vergisst und nie mehr danach sucht, eher weniger.

Der Film stellt diese Veränderung durch diese ungewöhnliche Begegnung ins Zentrum. Und lebt nicht zuletzt von den umwerfenden Landschaftsbildern (Kamera: Marie Spencer), die auf einem großen Kino-Screen sicher beeindruckender rüberkommen als auf einem Laptop oder gar einem Smartphon.

Szenenfot aus dem Kinofilm
Szenenfoto aus dem Kinofilm „Moon, der Panda“

Film-Duo holt Kinderstimmen ein

Drehbuchautorin Prune deMaistre und Regisseur Gilles deMaistre (die beiden sind verheiratet) erzählen in einem Interview, das der Fimverleih in einem digitalen Heft für Medien veröffentlichte: „Wir haben sechs Kinder, die an der Entstehung dieser Geschichten beteiligt und unser erstes Publikum sind. Prune liest ihnen Auszüge aus dem Drehbuch vor und bespricht sie mit ihnen, was uns hilft, die Perspektive der Kinder in den Geschichten, die wir erzählen, einzunehmen…“
Darüber hinaus sprechen die beiden „immer wieder mit Kindern, die sich für die Beziehung zwischen Mensch und Tier sowie den Natur- und Umweltschutz einsetzen möchten. Mit „Moon, der Panda“ wollten wir, wie auch in unseren vorherigen Filmen, Kindern – und ihren Eltern – zeigen, dass es möglich ist, durch kleine Beiträge einen Unterschied zu machen, und dass gerade die Summe dieser scheinbar unbedeutenden Handlungen die Welt voranbringt. Das ist der „Kolibri-Effekt“. Die Welt ist, wie sie ist, aber das Leben ist schön, und man kann in ihm Sinn finden.“

Szenenfot aus dem Kinofilm
Szenenfoto aus dem Kinofilm „Moon, der Panda“

Der erste Freund

Über das Eintauchen in diese neue Beziehung des freundelosen Tian samt Versinken in die Natur, findet der Außenseiter eine neue (Lebens-)Perspektive. Gegen Widerstände der Eltern, insbesondere des Vaters. Und ungefähr in der zweiten Hälfte des Films bekommt auch Liya (seine Schwester; Nina Liu Martane) mehr Raum für sich und ihre Leidenschaft fürs Tanzen – jenseits der fast militärisch strengen Choreografien, die sie anfangs auf der Schulbühne ausführen muss.

Begegnung auch problematisiert

Mit Pandas drehen war übrigens, so verraten sie im besagten Interview, nicht einfach – was weniger an den Tieren liegt als unter dem strengen Schutz der chinesischen Behörden. Immerhin sind die Pandas eine gefährdete Art. Was dann auch im Film thematisiert wird – samt der Problematik dieser verspielten nahen Begegnung und Beziehung, die den Schutz auch gefährden kann. Was auch gezeigt wird und eine durchaus dramaturgische Wende einbaut. Tian nutzt das Internet als Recherche-Quelle und mausert sich so nach und nach zu einem jungen Forscher in Sachen Pandas.

„Durch unsere Filme  (zuvor unter anderem „Mia und der weiße Löwe“) möchten wir die Schönheit der Welt und die Bedeutung ihrer Verteidigung unterstreichen. Wir können sie durch tief persönliche Handlungen retten, und indem wir ihre Schönheit zeigen, ist es möglich, den Wunsch zu wecken, sie zu schützen.“

Mensch – Natur; Mensch – Mensch

Neben der Mensch-Tier-Natur-Beziehung spielt aber auch die (Nicht-)Kommunikation in der Familie Zhao eine große Rolle, die sich durch das bisher Geschilderte auch insgesamt mit verändert – in Richtung auf Augenhöhe und wertschätzend miteinander umgehen. Zur Wertschätzung gehört übrigens auch, dass das Film-Duo Tiere – auch wenn das Panda-Kind recht verspielt ist – „Vermenschlichung“ bewusst vermeidet.

Szenenfot aus dem Kinofilm
Szenenfoto aus dem Kinofilm „Moon, der Panda“

Alles echt

„Es gibt keine einzige künstlich erzeugte Szene. Wir haben mit zwei Pandas gedreht, einem jungen und einem erwachsenen, die mit unserem jungen Schauspieler interagierten und eine echte Verbindung aufbauten. Wir sahen diese Beziehung als etwas Authentisches im Leben des Charakters, was es auf der Leinwand spektakulär machte. Da nichts inszeniert ist, schafft diese Methode etwas Visuelles, Emotionales und Organisches, das mit Spezialeffekten nicht erzeugt werden kann.“

Gedreht wurde in Sichuan, im Zentrum Chinas, rund um die Mega-City Chengdu. Die bergige Region darum herum ist Heimat der größten Panda-Reservate.

Szenenfot aus dem Kinofilm
Szenenfoto aus dem Kinofilm „Moon, der Panda“

Casting der Kinder?

„Wir haben nach eurasischen Kindern gesucht, da Alexandra Lamy die Mutter spielt und ein chinesischer Schauspieler den Vater. Ich wollte auch, dass sie Englisch sprechen und einen französischen kulturellen Hintergrund haben“, sagt der Regisseur in dem schon genannten Interview. „Der lokale Produzent stellte mir einen franko-chinesischen Jungen vor und erklärte, dass seine Eltern in China sehr bekannt seien. Der Junge machte ein Vorsprechen, und das Ergebnis war eindeutig.

Einen weiteren Sprung ins Ungewisse wagend, sagte ich, es wäre großartig, auch seinen Vater, Liu Ye, einen riesigen Star in China, zu besetzen, obwohl ich überzeugt war, dass er uns ablehnen würde. Aber er nahm an und schlug vor, dass ich auch seine Tochter für die Rolle von Tians Schwester vorsprechen lasse. So begannen wir diese Reise mit dem Vater und seinen zwei echten Kindern. Das erklärt die emotionale Kraft ihrer Begegnungen, wenn sie gegeneinander aufbegehren. Es gibt nichts Besseres, als authentisches Material auf der Leinwand zu verwenden.“

kijuku_heinz

Bücher zum Film „Mia und der weiße Löwe“ <- damals noch im Kinder-KURIER

Interview mit dem Mädchen, das mit dem weißen Löwen drehen durfte <- ebenfalls noch im KiKu

Lesende Kinder

Lesen – bewerten – Pickerl sammeln und gewinnen

Nicht nur für die Fußball-Europameisterschaft der Männer können derzeit Pickerl gesammelt werden. Wiens städtische Büchereien starten mit 17. Juni (2024) den „SommerLeseClub“. In jeder der drei Dutzend Bücherei kannst du dir – wenn du zwischen 6 und 14 Jahren bist – ein Pickerlheft mit dem Titel „Auf der Suche nach dem Mut“ (gestaltet von Esma Bošnjaković) holen.

So geht‘s

Um dir ein Pickerlheft holen zu können, brauchst du eine gültige Büchereikarte – die für alle bis 18 Jahre gratis ist. Dann suchst du dir in der Bücherei etwas aus – das muss gar nicht nur Gedrucktes (Bücher, Comics, Zeitschriften) sein, auch eBooks, Hörbücher, Musik, Konsolenspiele, Filme oder Veranstaltungen zählen.

Titelseite des Sammel-Pickerlheftes
Titelseite des Sammel-Pickerlheftes

Du gibst deine Meinung ab, wie dir das Ausgesuchte gefallen hat – in einem Bewertungsbogen. Für jede Bewertung kriegst du ein Kuvert mit drei Überraschungspickerl für das Heft.

Lesende Kinder
Lesende Kinder

Am Ende nehmen alle, die bis 14. September eine Bewertung in einer der Büchereien abgegeben haben, an einer Verlosung (kleine Preise, darunter natürlich viele Bücher) teil. Um das Heft leichter zu füllen, finden Tauschbörsen in den Büchereien statt. Gewinnen wirst du sowieso jedenfalls – Spaß beim Lesen, hören, spielen, kleben, vielleicht auch tauschen 😉

Jury der jungen Leser*innen

Übrigens: Diese Woche – am 19. Juni 2024 – gibt die Jury der jungen Leser*innen ihre Buch-Favoriten bekannt. Das ganze Schuljahr über haben lesefreudige Kinder bzw. Jugendliche in zwei Altersgruppen viele Bücher gelesen, darüber diskutiert und je ein Lieblingsbuch ausgewählt. – Link zu einem Bericht von einem Besuch bei dieser „Literaturbagage“ vor einigen Wochen unten.

Follow@kiJuKUheinz

buechereien.wien -> SommerLeseClub

Teils artistische Präsentation von "Romula"

Ein altes Spiel, uralte Bilder und andere Produkte auf neu gemacht

In den vergangenen Tagen hat Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… bereits über fast 30 Produkte bzw. Erfindungen und Entwicklungen von Jugendlichen mit ihren Junior Companies aus mehreren Ländern berichtet, die ihre Projekte bei der internationalen Handelsmesse in einem bekannten Wiener Einkaufszentrum präsentiert und verkauft haben. Hier nun die noch nicht vorgestellten Schüler:innen-Unternehmen:

Rundes Spiel

Ein rundes Spielfeld, ebensolche Spielsteine – und so schlug Samantha Baranyai passend dazu bei der Bühnenpräsentation von „Romula“ gleich ein Rad. Das römische Mühlespiel ist die oder eine Vorform des bei uns bekannten Mühlespiels auf dem Schachbrett. „Wir haben aus Reststoffen dies runden Spielfelder genäht, die Spielsteine sind Korkscheiben. Und das Spielfeld selber lässt sich zusammenziehen und ist damit gleich das Sackerl für die Steine“, erzählt die genannte Artistin am Messestand ihrer Junior Company aus dem Wiener TGM gemeinsam mit Kevin Sindelek, später kommt noch Geschäftsführer Manuel Glück zum Stand – „und der muss unbedingt auch aufs Foto“, überredet Baranyai den Reporter zusätzliche Fotos zu machen.

Peeling mal zwei

„Göttliche Haut“ wollen Marvin Lerner und Jordis Perner – mit ihren 15 Kolleg:innen aus der HLW Neumarkt am Wallersee (Salzburg) mit ihren Hautpflegeprodukten verschaffen. In ihrer Junior Company, also dem für ein Schuljahr gegründeten Unternehmen namens „Divine Skin“ stellen sie Zucker- bzw. Salz-Peelings her. Die grobkörnigen Gemische „reiben alte Hautschuppen ab und nach dem Waschen oder Duschen wird die Haut glatter“, versprechen sie. Zumindest Duft verbreiten die Mischungen in Zitrone, Kirsch und anderen Sorten.

Luftige Gurkenschwämme

Peeling-Produkte bietet auch die Junior Company „Luffa“ aus Hradec Králové (Tschechische Republik) an. Matěj, Tereza und Yen Nhi vertraten bei der internationalen Handelsmesse in Wien (letztes kalendarisches Winter-Wochenende 2024) in einem großen Einkaufszentrum ihre zwölf zu Hause gebliebenen Kolleg:innen. „Wir haben vor allem Waschlappen und Bürsten aus Naturmaterialien und Naturseife im Angebot. Und die sind aus sogenannten Schwammgurken, die auch Luffa genannt werden.“ Naheliegend also, dass sie ihr temporäres Schüler:innen-Unternehmen auch so nannten.

Bilder von (Urur-)Omas gestickt

Während einige aus dem Team von „Etno Pictures“ die gestickten Bilder in ihren Rahmen auf der Bühne vor der Jury „pitchen“, halten Kolleg:innen einen ukrainische Flagge in die Höhe, andere versuchen Anregungen zu geben – etwa das Mikrophon höher und näher zum Mund halten. Anerkennung und Jubel war diesen jungen Unternehmer:innen aus dem westukrainischen Chernivtsi ohnehin gewiss – wie ihren Kolleg:innen aus zwei weiteren Junior Companies, die aus dem kriegsgebeutelten Land angereist waren („Svitochary“ kam schon in einem vorigen Beitrag vor – Links unten am Ende dieses Artikels).

„Wir haben diese Bilder von unseren Omas gesammelt, dafür Bilderrahmen gesucht und verkaufen sie nun“, beginnt Alina zu erklären. „Manche sind schon mehr als 100 Jahre alt, weil die eine oder andere Oma schon ein gesticktes, buntes Bild wieder von ihrer Großmutter hatte“, ergänzt Hlib. „Eines ist sogar 140 Jahre“, so Erika. „Nur eines ist viel jünger, das hat unsere Lehrerin selber gemacht“, verrät Krystyna. „Da war ich ungefähr sieben Jahre“, sagt diese Lehrerin namens Nataliia verschmitzt und gesellt sich als Schöpferin ihres Sonnenblumenbilder auf Wunsch von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… zum Gruppenfoto mit den Mitarbeiter:innen dieser Junior Company.

(Neu) bedrucktes Gewand

Im Gegensatz zu ihrem Firmennamen „Stitches“ nähen die Jugendlichen aus der HTL Spengergasse in ihrer Junior-Company die T-Shirts nicht, „wir bedrucken Textilien – entweder mit fertigen Designs oder nach Wunsch der Kundinnen und Kunden“, berichten Jasmin Elibrahim und Amelie Roggenbauer. Alte Klamotten können so wieder wie neu ausschauen.

„Um den eigenen Stand noch aktuell anzureichern, haben wir auch Kerzen nru für die Messe produziert“, ergänzt Herbert Kindler.

Gipsova

Sofiia Heleshko und Anastasia Bryn verweisen auf eine ansehnliche Palette unterschiedlichster Schalen, Tassen, Fläschchen, Becher, Vasen und anderer nützlicher Dinge – kusntvoll und bunt verziert, die sei mit ihrer Junior Company „Gipsova Manufactura“ in Lwiw (Westukraine) hergestellt haben. „Insgesamt arbeiten wir zu fünft. Und weil wir bei einem Wettbewerb gewonnen haben, können wir unsere Produkte heute hier in Wien zeigen und verkaufen. Im April haben wir in unserer Heimatstat eine Ausstellung und dafür werden wir noch neue Formen produzieren“, vertrauen sie Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… an.

Recycling-Kerzen…

… produzier(t)en vier Jugendliche der Evangelischen Mittelschule EMS Schiers (Schweiz, Kanton Graubünden) für ihr Schüler:innen-Unternehmen „Candeila“. „Wir verwenden altes Wachs und fügen neue Düfte hinzu, zum Beispiel Zitronenminze“, erklärt Thomas Mir lächelnd.

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Alle der Top-Spiele auf dem Präsentationstisch

Beete pflanzen, Kaffee-brauen, Weltreise…

Jahr(zehnte)lang spielte es sich im Herbst an drei Tagen im Wiener Austria Center ab – im wahrsten Sinn des Wortes: Beim Spielefest wurden nicht nur von Unternehmen neue – vor allem – Brettspiel präsentiert, sondern Spielfreudige konnten Hunderte verschiedene Spiele ausprobieren. Corona hat so manches durcheinandergebracht. Geplant ist die nächste Großveranstaltung im Frühjahr 2024.

Eine Schmalspur-Ausgabe stieg kürzlich gegen Ende der Herbstferien in einem Wiener Einkaufszentrum. Auch dort konnten Dutzende Brettspiele an- oder durchgespielt werden. Und an einem der letzten Tage stellte die „Österreichische Spiele Akademie“ (gemeinnütziger Verein zur Förderung des Gesellschaftsspiels) die diesjährigen Favoriten, die Juror:innen in verschiedenen Kategorien – Kinder-, Familien-, Expert:innen-, Trend-, Karten-, Freund:innen-Spiele sowie DAS Top-Spiel der Spiele – ausgewählt hatten, vor – und zeichneten die entsprechenden Spieleverlage aus. Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… stellt die von den Spieleprofis gewählten Hits vor UND gesteht: KiJuKU hat all diese Spiele (noch) nicht ausprobiert, sondern verlässt sich hier sowohl auf die Urteile der Jury als auch deren Spielebeschreibungen.

Die Spiele-Akademie hat übrigens zu den gewählten Top-Spielen auch noch eine Auswahlliste erstellt, die in jeder der Kategorien zwischen fünf und zehn weitere von den Fachleuten als sehr gut bewertete Spiele umfasst – Link zum Download dieser Liste am Ende des Beitrages.

Die Jury bestand aus Alexandra Lugert (Geschäftsführerin Familienbund Österreich), Sonnja Altrichter (Leiterin der WienXtra Spielbox), Pia Lemberger (Organisatorin des Donauzentrum Spielefest – Leiterin Thalia), Rene Eichinger (Pädagoge und langjähriger Expertenspiel-Kenner), Johann Herrmann (Ludovico Graz – Spiel-Pädagoge, der auf der Bühne auch Urkunden übergab), Alexander Bürger (vermittelte auf der Bühne Background-Infos zum Spiel „Atiwa“) sowie Thomas Bareder (Obmann der österr. Spieleakademie, Herausgeber von „Frisch gespielt“, Mathematiker und Marktforscher).

Spiel der Spiele

Die Spieleakademie beschreibt das Top-Spiel jenseits aller Kategorien so: Als Barista gilt es, Kaffee-Spezialitäten möglichst Punkte-optimierend zuzubereiten und das in Konkurrenz zueinander. Die dafür benötigten Zutaten, Milch und Kaffee, werden von der allgemeinen Espressomaschine erworben, wobei die Preisbildung mit faszinierend simplem wie effektvollem Mechanismus erfolgt. Die Frage „Welche der fünf Kaffee-Spezialitäten bereitet man zuerst zu?“ hat jeder Spieler/jede Spielerin sich selbst, frei von Vorgaben und Zwängen, zu stellen.

Nahezu maximale Transparenz – man sieht jederzeit den Zubereitungsstatus aller Getränke aller SpielerInnen – hilft dabei, ohne zu überfordern.

Café del Gatto
Wirtschafts- und Sammelspiel, für 2 bis 5 SpielerInnen, ab 8 Jahren
Autorinnen: Lena Burkhard & Julia Wagner
Verlag: Schmidt

Jury: Ein höchst gelungenes Familienspiel, das auch in anspruchsvolleren Freundesrunden mit hohem Spielreiz und (ganz dem Motto des Spiels folgend) mit einer guten Mischung überzeugt… unkomplizierter Einstieg und zügiger Spiel-Rhythmus, viel Freiraum für taktische Überlegungen dank nahezu maximaler Transparenz. Dazu ständige Interaktion, eine Prise Glück und haptisch wie optisch ansprechendes Material.

Spiele Hit für Kinder

Als GemüsegärtnerIn wollen wir möglichst viel Gemüse ernten – Schnecken sollten nicht dabei sein. Was brauchen Pflanzen zum Wachsen? Richtig: Wasser. Genau das gießen wir auf die Samen in den Erdmulden, auf dass diese zu wachsen beginnen und – sind genug gleiche Pflanzen sichtbar – geerntet werden können. Doch wo sind die anderen Pflanzen versteckt und gelingt es mir, den Wassertropfen (Spielsteine) dorthin rollen zu lassen?

Beethupferl
Geschicklichkeits- und Memospiel, für 1 bis 4 SpielerInnen, ab 4 Jahren
Autor: Bernhard Weber
Verlag: Zoch

Kinderspiel des Jahres: Beethupferl, vom Zoch-Verlag war niemand anwesend
Kinderspiel des Jahres: Beethupferl, vom Zoch-Verlag war niemand anwesend

Jury: Was ihr gießt, das sprießt! heißt das Motto des herzigen, sympathisch anmutenden und vor allem sehr durchdacht gestalteten Geschicklichkeits-, Memo- und Sammelspiels. Mit einfachen Mitteln gelingt es nämlich dem Autor, einen höchst faszinierenden Vorgang der Natur spielerisch umzusetzen und am Spieltisch sogar zu simulieren – und das ohne Elektronik: „Gießen“ die Kinder Wassertropfen nachempfundene Murmeln aus den kleinen Karton-Gießkannen nach und nach über das Gemüsebeet, so „sickert“ das „Wasser“ zuerst ein und lässt bei erneutem Gießen das Gemüse(plättchen) durch Zauberhand „sprießen“. Spielerisch fördert das leicht zugängliche, witzige Wettgießen einfache taktische Überlegungen, Feinmotorik, Auge-Hand-Koordination sowie Merkfähigkeit.

Familien-Spiel

Weltreisende eifern Phileas Fog am Weg von London um den Erdball auf verschiedensten Routen per Heißluftballon, Zug oder zur See nach. Doch gewinnt nach fünf Etappen nicht, wer zuerst London erreicht (was aber immerhin lohnende Extrapunkte bringt), sondern wer außerdem unterwegs die lukrativsten Abenteuer bestehen konnte. Dafür benötigt es mal Schirm, Zylinder oder gar eine Pistole, Utensilien, die in den Koffer passen und ebenso erworben werden müssen, wie die Tickets je Transportmittel für die jeweiligen Reisestrecken. Doch aufgepasst: Die jeweiligen Kosten dafür steigen mit jedem Kauf eines Spielers/einer Spielerin – Reisen ist nicht billig! Vielleicht zwischendurch ein Abenteuer erleben oder auf ein aktuell günstigeres Transportmittel wechseln und die Route umplanen oder auch eine Reisepause einlegen, um Geld zu sparen.

80 Days
Laufspiel, für 2 bis 4 SpielerInnen, ab 10 Jahren
Autor: Emanuele Briano
Verlag: Piatnik

Jury: Ein erfrischend leichtgängiges, dennoch taktisch-strategisches Laufspiel, dem das seltene Kunststück gelingt, weitestgehend auf den Glücksfaktor zu verzichten und dennoch als Familienspiel zu begeistern. Dabei spielen sowohl modernes Design, moderate Spieldauer und ein höchst interaktiver Mechanismus eine (Haupt)Rolle. Auch auf den inhaltlichen Bezug zur literarischen Vorlage „In 80 Tagen um die Welt“ hat man nicht vergessen – Kartentexte erinnern an Passagen von Jules Vernes Klassiker.

Spielehit für Freund:innen

20 mörderische Fälle warten darauf, gemeinsam gelöst zu werden. Die jeweilige Fallakte gibt einen ersten Hinweis: „Als der Kapitän die Brücke betrat, wusste er, dass der Maschinist tot war.“ Weitere Szenenkarten, die nun nach und nach aufgedeckt werden, sollen helfen, dieses Rätsel zu lösen. Bei jeder gilt es, einige Fragen zu beantworten wie „Stimmt die Uhrzeit?“ „Ist das Schiff auf Kurs?“ „War die Crew bei der Besprechung vollzählig?“

Black Stories: Das Spiel
Krimispiel, für 1 bis 4 SpielerInnen, ab 13 Jahren
AutorInnen: Inka & Markus Brand und Folko Streese
Verlag: moses

Jury: Das Spiel ist ein höchst kommunikatives Krimi-Spiel auf kooperativer Basis, dem es gelingt, ohne große Vorbereitung und ohne lange Fallakten, mit wenigen Kniffen und sehr gut aufeinander abgestimmten Fall-Karten den Hercule Poirot oder die Miss Marple in jedem anzuspornen und herauszufordern. Das stimmige Design, die keineswegs Klischees und bekannten Schemata folgenden Fälle und die unbeschwerte, zu Diskussionen einladende Herangehensweise samt finaler Beurteilung der Ermittler-Leistung verwandeln den Spieleabend in ein 10-mal wiederkehrendes (es gibt 20 Fälle).

ExperInnen

An drei Markttagen wollen wir als Schmied, Alchemistin, Kapitänin und Zeitreisende möglichst viel Reichtum durch Warenverkauf anhäufen und in der Zeit davor möglichst die gefragtesten Waren produzieren. Diese Zeit gilt es effektiv zu nutzen, schließlich stellt sie auch die Kosten-Einheit in Form von Sanduhren für alle Aktionen dar. Tränke brauen, das Schmieden oder das Schätze-Heben bzw. Fischen sind solche, die sich je nach Rolle zwar völlig voneinander unterscheiden, im Ergebnis jedoch einen vergleichbaren Produktionsprozess darstellen.

Merchants Cove
Wirtschaftsspiel, für 1 bis 4 SpielerInnen, ab 13 Jahren
Autoren: Carl Van Ostrand, Jonny Pac und Drake Villareal
Verlag: Pegasus

Jury: Ein opulent ausgestattetes, spektakulär – fast bahnbrechend –asymmetrisch konzipiertes Produktions- und (interaktives) Handelsspiel, das seinen vollen Reiz erst nach zwei, drei Partien entfaltet. Aufgrund der individuell völlig unterschiedlichen Produktions-Mechanismen, die jeweils im Prinzip eigene Spiele darstellen mit allem was dazugehört,

sprich Brett, Material, Regeln, Hintergrund und Konzept jeweils (völlig) anders, lassen sich die Spielzüge der MitspielerInnen erst dann gut nachvollziehen und einschätzen, wenn man selbst diese Rolle schon mal gespielt hat. Grandios und variantenreich konzipiert, herausragend abgestimmt, im Design atmosphärisch, sogar mit 3D Elementen illustriert und – last but not least – ein Fest für OrdnungsliebhaberInnen, allerdings nicht ohne Auf- und Abbau-Aufwand.

Karten

Ganz historischen Fasanerien nachempfunden, die mit vielen schönen bunten Vögeln einst dem Adel als ein anmutiges Ausflugsareal dienten, „bevölkern“ in „Fasanerie“ hübsch anzusehende Vögel(-karten) das Deck. Diese sollen von uns – Angestellte von hohen Herrschaften – gesammelt werden, die wertvollste Tier-Sammlung gewinnt. Das Spannende dabei: Die Wertigkeit eines Tiers wird meist durch die Gruppe definiert, sodass unterschiedliche Sammel-Logiken zu berücksichtigen sind: Mal sollte man eher größere Gruppen einer Art, mal kleine, oder aber auch nur paarweise sammeln, um Punkte-maximierend zu agieren bzw. gar um Minus-Punkte zu vermeiden.
Das Sammeln selbst läuft höchst ungewöhnlich ab, legt man doch, beginnend mit fünf Karten, diese offen ab.

Fasanerie
Sammelspiel, für 1 bis 2 (6) SpielerInnen, ab 8 Jahren
Autor: Friedemann Friese
Verlag: 2F

Top-Kartenspiel:
Top-Kartenspiel: „Fasanerie“ – vom Verlag 2F konnte niemand kommen

Jury: Ein für Gelegenheits-, wie VielspielerInnen über nahezu alle Altersklassen zu begeistern vermögendes Sammelspiel, das mit ungewöhnlich transparentem Konzept, einem hohen Grad an Interaktion und Varianz für anhaltenden Spielspaß sorgt: Wenn gewünscht, sind (fast) immer neue Ausgangslagen möglich. Ebenso ein Plus: Die höchst ansprechende Illustration der Karten, der einfache Zugang und der niedrigschwellige Anreiz, strategische und taktische Überlegungen anzustellen.

Spielehit Trends

Wir übernehmen die Rolle von Bauern im westafrikanischen Regenwald, wobei es gilt, die Bedürfnisse der Bevölkerung möglichst gut mit denen der Natur zu verbinden und eine ökologisch nachhaltige Wirtschaft aufzubauen.
Flughund-Kolonien, Ziegen oder Buschtiere anzusiedeln, hilft ebenso, wie der Anbau von Obstbäumen. Die Schulung der Familien ist gar essentiell, sorgt diese doch für regelmäßiges Einkommen – im umgekehrten Fall für Ausbeutungsambitionen in Form von Schürfen nach Gold und Bauxit, was zu Verschmutzung führt. Gelingt es uns, das Nahrungsangebot so weit zu erhöhen, dass wir vor Dorfgründungen nicht zurückschrecken müssen?

Atiwa
Umwelt- und Aufbauspiel, für 1 bis 4 SpielerInnen, ab 12 Jahren
Autor: Uwe Rosenberg
Verlag: Lookout Games

Jury: „Atiwa“ demonstriert auf eindrückliche Weise, dass sich ein brandaktuelles Thema – nämlich Regenwälder vor der Ausbeutung zu schützen – adäquat auf Basis eines anspruchsvollen Familienspiels umsetzen lässt und dabei das faszinierende Zusammenspiel der Natur, das beeindruckende Lösungsansätze offeriert, aufzeigt. Der Mechanismus, der das Aufforstungspotential durch Ansiedlung von Flughund-Kolonien gut simuliert, überzeugt auch spielerisch und sorgt im Worker-Placement-Spiel um Ressourcen im Regenwald für Spieltiefe und weist – ergänzt durch eine gelungene graphische Umsetzung – hohen Wiederspielreiz auf.

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