Trotz allgemeiner Klimakrise, auch einzelne können ziemlich Großes dagegen tun – Porträts ihrer Aktivitäten im neuen Kinofilm „Atmosphere“ von Erwin Wagenhofer und Sabine Kriechbaum
Der brennheiße Sommer, Waldbrände, weeeeenig Regen… und eine doch längst nicht mehr so (laut-)starke Umweltbewegung wie zu den Hoch-Zeiten der Fridays For Future. (Fast) aussichtslos. Nichts zu machen?
Seit kurzem läuft in österreichischen Kinos der Film „Atmosphere“. In zwei Stunden präsentieren Sabine Kriechbaum und Erwin Wagenhofer die für das Drehbuch verantwortlich sind, er auch für Regie, Kamera sowie – gemeinsam mit Julia Drack und Paul Sedlacek – auch für Montage (Schnitt) ein halbes Dutzend Menschen, die mit einer Handvoll Mitarbeiter:innen im „Kleinen“ Großes gegen den Klimawandel bewirkt haben.
Vor nicht einmal zehn Jahre startete die Berliner Künstlerin auf einem ihr zur Verfügung gestellten kahlen Gelände in der Nähe der deutschen Hauptstadt, essbare Pflanzen zu setzen. und Bäume und vieles wild wuchern zu lassen. Kein Dünger, kein Pflügen, 10.000e Bäume. Eine „Wildnis“ mit dazwischen Gemüse und Obst, das auf lokalen Märkten verkauft wird, ist entstanden.
Im brasilianischen Bahia begann der Schweizer Ernst Götsch, der vor rund 40 Jahren seine gut bezahlte Forschungsarbeit aufgegeben hat, brachliegendes Land mit steinhartem Boden auf neuartige Weise fruchtbar zu machen. Was heute unter der von ihm entwickelten syntropischen Landwirtschaft weltweit bekannt ist, basiert sozusagen auf nichts anderem, als sich am natürlichen Verhalten von Wäldern zu orientieren, es nachzuahmen und die Pflanzen dabei zu unterstützen. Auf der aufgelassenen Kakaoplantage zwar diese Früchte tragenden Bäume zu setzen, aber daneben andere zu pflanzen, die Schatten spenden. so wachsen und gedeihen seine Kakaobäume und tragen viele reiche Früchte. Während ein paar hundert Meter weiter – wie im Film zu sehen – einzelne Kakaobäume auf eher karger Fläche fast verdorren. Dort hat’s gemessene 32 bis 35 Grad, bei ihm 26 bis 28.
Die letztlich 1000 Hektar, die Götsch vor vier Jahrzehnten zu bearbeiten anfing wuchsen sich zu einem kleinen Regenwald aus – im wahrsten Sinn des Wortes, es begann auch wieder zu regnen! Mit großer Vielfalt als Folge – und vor allem – wie auch im von der Künstlerin bei Berlin bearbeiteten Bereich – voller Regenwürmer zu werden, den wichtigsten Mitarbeiter:innen 😉
„Água se planta. Wasser pflanzt man“, sagt Ernst Götsch im Film. Von ihm habe er in vier Tagen mehr gelernt als in zwei Jahren Studium berichtet Marc Leiber, der sich in Montemor-o-novo (Portugal) an der syntropischen Landwirtschaft ein Beispiel nimmt.
Aber nicht nur ums Pflanzen und Aufforsten dreht sich der zweistündige und doch nie zu lange Film. Wenngleich auch die Projekte von Anna Heringer und Martin Rauch viel mit Erde zu tun haben – das sie als Lehm zum Baumaterial machen. und zwar zum jeweils regionalen, lokalen. Natürliches Material, praktisch keine Transportwege. Das obendrein Klimaanlagen dank seiner natürlichen Dämmung erspart. Mehrere ihrer Lehmbauten, unter anderem ein Bildungscampus – gemeinsam mit Lord Zigato Christian Paul Agboada in Anloga, im Nordosten Ghanas werden in „Atmosphere“ präsentiert.
Gerade bei Letzterem dreht sich viel auch um die gemeinsame Herstellung des Baumaterials sowie die Gestaltung der Häuser in Gemeinschaft. Denn mitschwingen lassen die Filmemacher:innen, dass Atmosphäre nicht nur die physikalische meint, sondern auch die des menschlichen Zusammenlebens.
Dazu kommt besonders am Beginn und Ende auch Alain Maury (San Pedro de Atacama, Chile) mit seinem Observatorium, dem Blick ins Universum und auf die Erdgeschichte als relativierende Stimme zu Wort, was Mensch und Natur betrifft.
Schön auch, dass alle Gesprächspartner:innen in ihren Sprachen – egal ob englisch, französisch oder spanisch bzw. portugiesisch zu Wort kommen – mit deutschen Untertiteln.
Ein wenig in der Luft hängt das was Erwin Wagenhofer in den Unterlagen für Medien als „Rahmenhandlung“ bezeichnet – Bilder prähistorischer Handabdrücke in der „Cueva de las Manos“ in Argentinien. Ein begleitender Kommentar, dass es sich um diese handelt und diese zwischen 3000 und 9000 Jahre alt sind, wäre in den zwei Stunden schon drin gewesen;)
ca. 2 Stunden
Regie: Erwin Wagenhofer
Drehbuch: Sabine Kriechbaum, Erwin Wagenhofer
Mit:
Maria Giménez (Berlin, Deutschland), Ernst Götsch (Bahia, Brasilien), Marc Leiber (Montemor-o-novo, Portugal), Anna Heringer (Laufen, Deutschland), Martin Rauch (Schlins, Vorarlberg, Österreich), Lord Zigato Christian Paul Agboada (Anloga, Ghana), Alain Maury (San Pedro de Atacama, Chile)
Kamera: Erwin Wagenhofer
Montage: Erwin Wagenhofer, Julia Drack, Paul Sedlacek
Farben: Andi Winter
Ton: Johannes Schmelzer-Ziringer, Josef Umschaid, Felix Rauchwarter
Sounddesign und Mischung: Nils Kirchhoff
Produktion: Imagine Film Cooperation
Produzent:innen: Sabine Kriechbaum (Leitung), Erwin Wagenhofer
Green Film Consultant: Peter Janecek
Gefördert von: ÖFI – Österreichisches Filminstitut, ÖFI+, FFW – Filmfonds Wien, ORF (Film-/Fernsehabkommen)
Seit kurzem in österreichischen Kinos
Filmladen –> Atmosphere
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