Strindbergs „Totentanz“ im kleinen, engagierten Kellertheater „experiment“ (Wien-Alsergrund).
25 Jahre Ehe. Liebe? Höchstens Spurenelemente in wenigen Augenblicken. Trennung, Scheidung? Kein Thema. Gleichgültiges Nebeneinander – leben und leben lassen? Auch davon keine Spur. Die beiden – Alice, ehemalige Schauspielerin, die der Ehe wegen ihren Beruf aufgegeben hat und Edgar, Kommandant der Festungsinsel, auf der sie leben – scheinen einander gegenseitig zu brauchen, emotional aneinander gekettet – in ihrem Hass aufeinander. Wechselseitige Demütigungen bis hin dazu, dass sie jeweils auch den Beginn der Verbindung als Nicht-Liebe entlarven.
Stefanie Elias und Paul Wiborny lassen dieses (Ehe-)Martyrium in „Totentanz“ des schwedischen Dramatikers Johna August Strindberg (1849 – 1912) im Jubiläumsjahr des kleinen Kellertheaters Experiment am Liechtenwerd (Wien-Alsergrund) – trotz entfernter Guckkastenbühne – furchtbar schmerzhaft spüren. Und doch schaffen sie in den rund 1½ Stunden zwischendurch in der einen oder anderen Szene eine Art befreiender Leichtigkeit aufzukommen – wenn sie mit einer der am Ende insgesamt fünf Watte gefüllten weichen lebensgroßen Stoffpuppen tanzen.
Und damit den zweiten Teil des Titels sprichwörtlich auf die Bühne bringen. Mit selbst in der Hölle einer toxischen Beziehung möglichen inneren Freiheitsmoment und sei es „nur“ durch den Traum von einem anderen Leben. Wie es auch in (Festungs-)Haft bei nicht Beziehungsdramen helfen kann / könnte.
Wobei sowohl die erste der auftauchenden Puppen als auch der Schauspieler mitunter die Rolle von Kurt übernehmen. Dem Dritten im Bunde, einem Verwandten Edgars, der das Paar vor einem ¼ Jahrhundert zusammengebracht hatte und nun als neuer Quarantänemeister auf die Festungsinsel kommt. Und abwechselnd von beiden als Verbündeter gegen die / den anderen ins Spiel gebracht wird.
Die weiteren Puppen könnten einerseits andeutungsweise für Strindbergs zweiten Teil, die Wiederholung des Dramas in der nächsten Generation als Paarung von Judit (Tocher von Alice und Edgar) und Allen (Kurts Sohn) schweben; und andererseits auch für das eigene Innere der Hauptprotagonist:innen – in einer Art Tanz und doch Kampf mit dem jeweils eigenen Ich. Selbsthass in Momenten der (Selbst-)Erkenntnis über die als aussichtlos erkannte Ehe-Hölle, deren Schuld sie nicht immer dem Gegenüber anlasten können.
von August Strindberg
Regie: Georg Zlabinger
Schauspiel und Tanz: Stefanie Elias und Paul Wiborny
Choreografie: Joe Monaghan
Bühne: Martin Zlabinger
Kostüm: Almasa Jerlagić
Bis 24. November 2026
Theater Experiment
1090, Liechtensteinstraße 132 (nahe U 4 / U 6-Station Spittelau)
theater-experiment –> totentanz
kontakt@theater-experiment.com
Telefon: 0 676 449 21 90
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