Spielfreudige Version der humorvollen Satire Jura Soyfers „Broadway-Melodie 1492“ tourt noch durch Wiener Gemeindebau-Höfe und Plätze.
Nur mehr wenige frühe laue-sommerliche Abende ist diese spielfreudige, tiefgründige und doch leichtfüßige Satire an verschiedenen Plätzen im Freien zu erleben: „Broadway-Melodie 1492“, inszeniert, gespielt und gesungen vom Utopia Theater. Seit Jahren tourt die Gruppe vor allem durch Gemeindebau-Höfe – mit meist bekannten, in dem Fall einem zu wenig bekannten, gesellschaftskritischen Stücken mit (viel) Humor. Im Nestroy’schen und dem recht verwandten, aber noch bissigeren Soyfer’schen Sinn.
Die Jahreszahl im Titel des Stücks deutet natürlich drauf hin: Es geht um die sogenannten Entdeckung Amerikas. Als hätten dort nicht schon Tausende Jahre Menschen gelebt. Die von den europäischen Eroberern zunächst nach jenem Subkontinent genannt wurden, dessen Seeweg von Europa aus Christoph Kolumbus finden wollte. Auch als Beweis, dass die Erde keine Scheib, sondern eine Kugel ist.
die Indigenen dieses Erdteils wurden von den europäischen Machthaben dann unterdrückt, enteignet und ermordet und letztlich auf eng begrenzte Territorien gedrängt.
Jury Soyfer (unter anderem „Weltuntergang oder Die Welt steht auf kein‘ Fall mehr lang“), geboren 1912 in Charkiw (heute Ukraine, damals als Charkow Teil des zaristischen Russlands), 1920 nach Wien geflüchtet, hier aufgewachsen und 1939 im Nazi-Konzentrationslager Buchenwald an Typhus zu Tode gekommen, hatte Kurt Tucholskys (alias Peter Panter) und Walter Hasencelvers Komödie „Kolumbus“ als Kern hergenommen, um griffige, satirisch-spitze Moritaten-Lieder erweitert – und eingebettet in eine Rahmenhandlung einer Theatergruppe, die diese Geschichte dem Portier im Burghteater vorspielt, weil sie dort damit auftreten möchte.
Utopia-Theater verlegt diese Rahmenhandlung in eine „südliche“ Provinz – wo seit dem Regierungswechsel kräftigst das Budget für Kultur zusammengestrichen wird. Die Intrigen, Machtspiele, Korruption und Geschäftemacherei rund um die gewünschten Schiffsfahrten von Kolumbus, bei denen der italienische Kaufmann Amerigo Vespucci eine große Rolle spielte – bilden einen Großteil des Schau- und Singspiels.
Der andere Teil spielt sich dann jenseits des Atlantiks an – mit dem Versuch der Eroberer die Eingeborenen übers Ohr zu hauen – und deren vordergründig naiv aber intellektuell überlegen satirisch-parodistischem Widerstand.
Das Ensemble (Prisca Buchholtz, Bernhardt Jammernegg, Christopher Korkisch, Natalie Obernigg, Andreas Seidl) zeichnet sich nicht zuletzt dadurch aus, dass praktisch jede und jeder gut und gern drei und mehr Rollen übernimmt und meist blitzschnell von der einen in die andere wechselt. Nur Matthias Böhm bleibt einzig und allein Christoph Kolumbus und der Technik-Verantwortliche Martin Hornig wird auch zu einem Steuerbeamten. Hauptsächlich – aber nicht nur – sorgt Edi Kadlec vor allem am Akkordeon für die Musik.
Peter W. Hochegger, der in die Textfassung die schon genannte Kulturkürzungen vor allem der Steiermark, aber auch Anklänge an Trump’sche US-amerikanische Herrsch-sucht einbaute, führte auch wie immer Regie und zeichnet für die Organisation des Tour-Theaters verantwortlich.
Und wieder einmal überholt die Realität die Satire – siehe Trumps jüngstem Anfall der Umbenennung des Ontariosees (ontarió heißt in der Sprache der Wyandot „großer See“) in Lake America.
Jura Soyfer arbeitet auf humorvolle Art und Weise auch hier wie in all seinen anderen Stücken den strukturellen Kern von Ungerechtigkeiten heraus. Auch wenn das eine oder andere geschriebene Detail vielleicht mit den echten Vorkommnissen um Kolumbus’ vermeintliche Seefahrt nach Indien nicht übereinstimmen mag: „In den Details wollen wir ganz respektlos sein, aber das Wesentliche, der Sinn des Ganzen, soll historisch stimmen. Wir wollen sozusagen die Wirklichkeit zugunsten der Wahrheit vernachlässigen. So wollen wir versuchen, die Vergangenheit lebendig zu machen…“
Und auf den Punkt gebracht in dem Song: „Die Faust – die Phrase – und das Geld: Wir drei erobern die Welt…“
nach Jura Soyfer
Regie, Textbearbeitung, Organisation: Peter W. Hochegger
Der Regisseur einer Avantgardebühne / Santangel, Kanzler / Jose Vendrino, Finanzinspektor: Andreas Seidl
Veranstalterin / Die Wirtin / Häuptling der Tainos: Natalie Obernigg
Amerigo Vespucci / Ferdinand, König von Spanien / Ein Werber / Ein Lieferant / Ein Matrose / Der Medizinmann: Christopher Korkisch
Christoph Kolumbus: Matthias Böhm
Quintanilla, Finanzminister / Pepito Alibi, ein Schwerverbrecher / Minehaha, Taino: Bernhardt Jammernegg
Marquise von Moya, eine Hofdame / Isabella, Königin von Spanien / Ein Schiffsjunge / Belihualaschek, Trafikantin bei Tainos: Prisca Buchholtz
Ein Steuerbeamter: Martin Hornig
Musik: Edi Kadlec
Komposition: Günther Leopold, Edmund Kadlec
Kostüme: Stefanie Elias
Technik: Martin Hornig
Bis 9. September 2026
jeden – frühen – Abend an einem anderen Ort im Freien: In Gemeindebauhöfen bzw. Plätzen / in Parks
utopia-theater –> termine
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