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Szenenfoto aus "Radetzkymarsch" beim Festival "Bühne der Macht" im Kärntner Gailtal
Szenenfoto aus "Radetzkymarsch" beim Festival "Bühne der Macht" im Kärntner Gailtal
18.07.2026

Untertänigste Sonntagsbesuche mit wenig Freiraum als gesellschaftliches Spiegelbild

Joseph Roths berühmter Roman „Radetzkymarsch“ in einer leicht fasslichen Inszenierung mit Profis, einem Live-Musiker und Spieler:innen der örtlichen Theatergruppe im Kärntner Gailtal beim zweiten Festival „Bühne der Macht“.

„Melde mich gehorsamst zurück, Papa.“ Sonntag für Sonntag kommt der ziemlich junge Carl Joseph von Trotta mit diesem Spruch – und in der entsprechenden Haltung, also untertänigst. Einschüchternd auch schon das Bühnen-Setting – eine lange, praktisch leere Tafel mit großer Distanz zwischen Sohn und Vater.

Nach dem – stets gleichen – von der Haushälterin servierten Essen, fragt der Sohn, durchgängig weit mehr als leicht gebückt: „Bitte jetzt um Erlaubnis, spazieren zu gehen.“

Erst dann, durch Felder und Wiesen eilend – er muss ja wieder pünktlich zurück sein – erwacht der, von Matthias Mamedof vorzüglich verkörperte, junge Mann, der zuvor und danach sein todunglückliches Schicksal greif- und spürbar dem Publikum vermittelt, aus dieser Position zu zwischenzeitlich befreitem Leben. Eilenden Schritts, schwebt, ja fast fliegt er rund um den Tisch, der nun zu Wald, Wiese, Bach oder was auch immer, jedenfalls freier Natur wird.

Szenenfoto (Generalprobe) aus
Szenenfoto aus „Radetzkymarsch“

Vorgezeichnete Lebenswege

Auf Wunsch des Herrn Bezirkshauptmannes wurde der Junge, von Trotta in dritter Generation, Soldat mit unausgesprochenem väterlichem Auftrag zur Karriere im Militär. Wie auch sein Großvater schon, der als „Held von Solferino“ in die Geschichte einging. Er hatte dem Kaiser Franz Joseph das Leben gerettet. Deswegen wurde damals (1859) aus dem slowenischen Bauern aus dem Dorf Sipolje (offenbar von Šepulje inspiriert) der Freiherr von Trotta und damit Begründer eines neuen, jungen Adelsgeschlechtes – Adelsgeschlechtes – und ist als „Gemälde“ fast dauerpräsent im riesigen Bilderrahmen im Bühnen-Hintergrund.

Soweit der Ausgangsplot von Jospeh Roths berühmtem Roman „Radetzkymarsch“. Diese rund 300 Seiten werden in einer verdichteten, dramatisierten, sehr dialogischen, auf das Kernpersonal und vor allem die schon eingangs oben etablierte Story mit Roths Parallelität zum Kaiserreich, derzeit im Kärntner Gailtal gespielt: Bühnenfassung Stephan Lack und Cornelia Rainer, die auch Regie führte und für die Raumkonzeption verantwortlich zeichnet. Darüber hinaus ist sie die Erfinderin dieses Kulturfestivals Südalpenraum in Sankt Daniel mit dem Titel „Bühne der Macht“, das sie gemeinsam mit dem schon genannten Schauspieler leitet.

Szenenfoto (Generalprobe) aus
Szenenfoto aus „Radetzkymarsch“ beim Festival „Bühne der Macht“ im Kärntner Gailtal

Örtliche Theatergruppen, Workshops, Filmeinspielungen…

Wie schon im Vorjahr rund um Ödön von Horváths „Glaube, Liebe, Hoffnung“ gruppieren sich um die Theatervorstellungen herum Workshops, Diskussionen und Gespräche zum zentralen Thema – eben Macht. Dazu mehr in einem Interview mit Cornelia Rainer in einem eigenen Beitrag, der demnächst folgt; ebenso wie eine Gesprächsrunde mit vier Schüler:innen, die in mehreren eingespielten Videos – siehe weiter unten – mit ihren Meinungen vorkommen..

Einerseits finden am Tag nach der Premiere, der wenige Aufführungen folgen, die genannten interaktiven Formate statt. Andererseits wurden bereits im Vorfeld Videos mit kleineren Gesprächsgruppen von Menschen aus der – größeren – Region bis Oberkärnten und Osttirol gedreht – zu zentralen Fragen wie Autoritäten, Verhältnis der Generationen zueinander, Erziehung, Gehorsam, Geschlechterrollen usw. Diese werden übrigens während der Aufführung an passenden Stellen eingespielt – im großen schon erwähnten Bilderrahmen statt dem „Helden“, der selbst gar keiner sein wollte.

In fast jedem Ort

Aus der Region, in dem Fall aus der Hauptgemeinde Dellach, zu dem die Spielstätte zählt, kommen auch einige der Schauspieler:innen,aus der Theatergruppe. In praktisch jedem der Orte und Städte des Gailtals, ob in Dellach, Reisach, Treßdorf, Hermagor, Liesing oder Arnoldstein, spielen seit „ewig“, jedenfalls Jahrzehnten, Theatergruppen, erzählt Michael Buchacher Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr….

Er selbst spielt den Rittmeister Tattenbach. Dieser beschimpft den Regiments-Arzt Max Demant, den einzigen Freund des jungen Carl Jospeh, Trotta in dritter Generation, nicht nur heftig, sondern vor allem antisemitisch. Die beiden duellieren sich mit tödlichem Ausgang für beide.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Radetzkymarsch“ beim Festival „Bühne der Macht“ im Kärntner Gailtal

Sein Sohn Levi schlüpft in die Rolle von Carl Jospeh Trottas Adjutant. Der Familie Buchacher gehört übrigens jenes Grundstück zwischen dem Fluss Gail und der Straße gegenüber der Kletter- und Schießhalle, auf dem das große Zelt für das (Theater-)Festival „Bühne der Macht“ nun zum zweiten Mal steigt – die jeweiligen Stücke gespielt und einige der Workshops, Diskussionen und Gespräche stattfinden.

Persönliches und Politisches

Joseph Roth verknüpft in seinem Roman die drei Generationen umfassende persönliche Geschichte seiner erfundenen Trottas mit der historischen Entwicklung bis zum ersten Weltkrieg und dem Untergang der Habsburger Monarchie. Und lässt den titelgebenden Marsch (von Johann Strauss Vater, uraufgeführt 1848) immer und immer wieder erklingen.

Live-Musiker

Der erklingt im Stück immer wieder – in Variationen neben vor allem anderer atmosphärisch die jeweiligen (Gefühls-)Stimmungen unterstützenden, begleitenden, mitunter auch betonenden Melodien, live gespielt (und komponiert – natürlich nur jenseits des Strass-Vaters Marsch) von Miloš Todorovski. Er zieht und tastet meisterhaft sein Akkordeon und eine Accordina, ein vor allem in Frankreich verbreitetes Blasinstrument ähnlich einer Melodica, aber mit Knöpfen und dem Namen entsprechenden Klängen.

Auf des jungen Trottas „Für den Kaiser“ meint seines Vaters treuer Diener Jacques „am besten stirbt man für ihn bei Militärmusik“ und die Haushälterin ergänzt „am leichtesten beim Radetzkymarsch“.

Untergang

Apropos Kaiser – dieser taucht immer wieder im großformatigen Bild an der Wand auf – dort wo auch die Videos eingespielt werden. Und er wird vor allem gegen Ende und da schon dem (geistigen) Verfall preisgegeben, von Eduard Wildner dargestellt, der ansonsten durchgängig Franz von Trotta, den Vater des Jungen und Sohn des „Helden“ spielt. Seine Macht über den Sohn leitet sich vor allem aus der „Normalität“ der Tradition ab – nach dem Motto, das war schon immer so. Und vor sich selbst rechtfertigend:  Verantwortung für die nächste Generation übernehmen.

In der erwähnten Szene – einer Audienz beim Kaiser – wechselt Wildner mehrmals von der einen in die andere Rolle. Der Monarch weiß von einer Sekunde auf die andere nicht mehr, mit welchem der Trottas er es gerade zu tun hat.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Radetzkymarsch“

Starke und vielseitige Rollenwechslerinnen

Noch viel mehr Rollenwechsel mit bewältigt vor allem Elisabeth „Lizzi“ Engstler – von der Trotta-Haushälterin über einen Oberst bis zum Doktor Skowronnek, dem weisen Schachpartner des mittleren Trotta, dem er verklickert: „Kein Mensch darf für einen anderen leben. Wir müssen unsere Kinder gehen lassen. Jedes seinen eigenen Weg.“ Engstler, unter anderem Musicaldarstellerin, nutzt an mehreren Stellen ihre Gesangskunst. Älteren Besucher:innen kommen bei den Kurzauftritten der anfänglichen Sonntagsbesuche auch „Erinnerungen“ an ihren „Sonntag“-Song – als Teil des Duos Mess beim Eurovision Song Contest vor mehr als 40 Jahren. Hier intoniert sie unter anderem einen für diese Version intonierten Song mit den Zeilen „Die Kugel rollt und keiner weiß wohin“ – der damit weit mehr meint als das Geschehen am Roulette-Tisch in einer abgelegenen Garnisonsstadt weit im Osten des Kaiserreiches (heute West-Ukraine).

Vielseitig auch Alina Fritsch als der alte treuergebene Diener Jacques, der doch auch Eigenständigkeit durchblitzen lässt. Als Eva Demant sagt sie ihrem Ehemann (der von Nikolaus Barton neben weiteren Figuren gespielt wird), dem Arzt und schon oben erwähnten einzigen Freundes des jungen Trotta, recht, dass sie ihn nicht liebt. Nicht zuletzt ist sie als Graf Chojnicki wiederum ganz anders drauf, später sogar schwer verwundet, aber abgeklärt: Auf Trottas „Der Kaiser stirbt“ meint er trocken: „Ja. Aber damit ist es nicht vorbei. Draußen sterben die Jungen. Und die Väter bleiben…“

Was auch für den jüngsten Trotta gilt. Denn knapp nachdem sein Vater sich durchgerungen hat, dem Sohn zu gestatten, den Militärdienst zu quittieren, begann der erste Weltkrieg…

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Transparenzhinweis: KiJuKU wurde zur Berichterstattung am Premierentag auf die Bahn- und Busfahrten sowie die Übernachtung eingeladen (danach wäre eine öffentliche Rückfahrt nicht mehr möglich gewesen).

Weitere Szenenfotos aus der „Radetzkymarsch“-Inszenierung in St. Daniel

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Mehr Informationen

Umjubelte Premiere mit viel Applaus für alle Mitwirkenden

INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Radetzkymarsch

nach dem Roman von Joseph Roth
Bühnenfassung: Cornelia Rainer und Stephan Lack

Ensemble
Franz von Trotta / der Kaiser: Eduard Wildner
Carl Joseph von Trotta, Sohn von Franz und Enkel des „Helden“: Matthias Mamedof
Frau Slama / Oberst / Frau von Taussig / Doktor Skowronnek: Elisabeth Engstler
Jacques (Diener) / Frau Demant / Graf Chojnicki: Alina Fritsch
Herr Slama / Doktor Demant / Hauptmann Wagner: Nikolaus Barton

In verschiedenen kleineren Rollen folgende Mitglieder der Theatergruppe Dellach
Levi Buchacher, Michael Buchacher, Sonja Kanzian, Hans Peter Kreuzberger, Tina Pugelj, Nicole Stollwitzer, Johanna Sturm, Christine Themessl, Melina Themessl, Werner Wölbitsch

In eingeblendeten Film-Passagen Jugendliche und Erwachsene aus der Region:
Liala Ameseder, Margit Bacher, Karl Bader, Ibrahim Bargouth, Eny Combs, Maria Gambs, Marianne Gasser, Olga Gassler, Anna Gumpoldsberger, Astrid Istenich, Emma Joast, Michelle Lackner, Julius Luneschnig, Kilian Mattersberger, Regina Mayr, Rahel Mühlmann, Sieglinge Passler, Sieglinde Pastner, Susanne Pissenberger, Gerlinde Prandl, Luisa Radziwon, Sylvie Rainer, Susanne Resl, Roland Rossbacher, Pauline Schack, Daniel Suntinger, Eva Unterasinger, Clemens Wibmer

Künstlerisches Team
Regie, Raum- und Gesamtkonzeption: Cornelia Rainer
Stückfassung: Cornelia Rainer und Stephan Lack
Kostüme: Elke Gattinger
Komposition und Live-Musik: Miloš Todorovski
Lichtdesign: Nicholas Langer
Set-Ton: David Graudenz
Tonmischung: Daniel Grailach
Tontechnik: Luca zettl
Kamera: Stefan Olivier, Carolin Bobek
Editor: Alexander Rauscher
Ausstattungs-Assistenz: Malin Alexandersson
Produktions-Hospitanz: Sarah Gabriela Heitzinger
Graphik: Julie David

Wann & wo?

im Rahmen des Kulturfestivals Südalpenraum in Sankt Daniel (Kärnten)
Bis Sonntag, 19. Juli 2026 (Doppelvorstellung – Nachmittag und Abend)
Theaterzelt
Sankt Daniel 100
9635, Dellach im Gailtal
Festival Bühne der Macht
Trailer