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Burgschauspieler:innen tragen Auszüge aus den Finaltexten der Jugendlichen vor - für den Stream
Burgschauspieler:innen tragen Auszüge aus den Finaltexten der Jugendlichen vor - für den Stream
27.11.2021

„Bei diesem Text schlägt man Wurzeln“ …

… aus der Jury-Begründung für den Sieg beim Bewerb junger Literatur für den rhythmisch-beklemmenden Text über einen exemplarischen Femizid.

Schon die ersten gedichteten Zeilen von Anna Bauer in „Wurzeln so groß, Wurzeln so tief“ drücken mehr Enge als Geborgenheit aus. Jene folgenden Prosa-Sätze vermitteln Sprachlosigkeit in der Familie. Nach und nach spitzen sich die einander abwechselnden Absätze in Prosa und in Gedichtform zu. Zu auf Wegschauen und Weghören. Auf einen von vielen Morden an Frauen, bei denen das Umfeld „nichts“ gesehen oder gehört haben will. „Ich weiß nicht, was mehr wehtut. Dass sie eine davon war. Oder dass nach ihr noch welche waren.“

Mit ihrem so gebauten Text, dass du als Leserin/Leser fast von Zeile zu Zeile mehr ahnst, dass es letztlich um einen – von zu vielen – Femiziden geht, gewann Anna Bauer den diesjährigen Bewerb für junge Literatur; Auszüge aus ihrem Text in einem eigenen Beitrag, der hier unten verlinkt ist sowie ein Interview mit der Siegerin in einem weiteren Beitrag.

„Geh bitte“ …

… so lautete das Thema nun zu Ende gegangen zehnten Durchgangs im Wettbewerb für junge Literatur, den der Autor Christoph Braendle ins Leben gerufen hatte. Jugendliche – nicht nur aus Österreich – hatten heuer für die erste Runde 430 Texte eingesandt, was Rekord darstellt. 25 Jugendliche schafften’s mit ihren Beiträgen ins Finale, wo 23 davon einen neuen Text verfassten. Online-Voting (6000 Teilnehmer:innen) und Jury, die Punkte vergibt, küren die Sieger:innen aus den Finaltexten.

Preisverleihung
Preisverleihung – in kleinstem Rahmen im großen Thater – und natürlich unter 2 G Plus-Bedingungen

Jedes Jahr werden beim Gala-Finale Auszüge aus diesen Finaltexten von vier Schauspieler:innen des Burgtheaters in Wien vorgetragen, teils fast in szenischer Lesung trotz der jeweiligen Kürze (1 ½ Minuten). Nachdem schon im Vorjahr diese Gala durch einen Live-Stream ersetzt werden musste, ereilte „Texte. Preis für junge Literatur“ in diesem Jahr – noch dazu kurzfristiger – das gleiche Schicksal. Dorothee Hartinger, Daniel Jesch, Markus Meyer und Petra Morzé lasen aus den Texten – und wie Tradition den siegreichen Text am Ende nochmals – in voller Länge. Und erreichten – in diesem Fall aus dem Wiener Odeon-Theater – sogar noch mehr Zuhörer:innen und Zuschauer:innen als es analog möglich gewesen wären. 600 verfolgten den Live-Stream, der übrigens noch nachzusehen und -hören ist – Link unten in der Infobox.

Aktionstage gegen Gewalt an Frauen

Zurück zum Text von Anna Bauer, der übrigens just am Abend des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen und damit Auftakt der gleichnamigen 16 Aktionstage – bis zum 10. Dezember (Tag der Menschenrechte) – ausgezeichnet wurde (belohnt mit einer Reise für zwei Personen nach Zürich samt Vorstellungsbesuch im dortigen Schauspielhaus). Übrigens, die seit Kurzem 20-Jährige hatte vier Mal am Bewerb teilgenommen und es mit ihren Texten jeweils ins Finale geschafft, vor zwei Jahren belegte sie Platz zwei.

Siegerin 2021: Anna Bauer
Siegerin Anna Bauer

Jurybegründung

„Nicht alle Texte sind gleich. Aber bei diesem Text schlägt man Wurzeln, wenn man nur lange genug bei ihm verweilt. Und wer einmal Wurzeln geschlagen hat, der bleibt“, heißt es in der Begründung der Jury, die Petra Morzé zitierte, die nicht nur mit ihren drei Kolleg:innen las, sondern auch den Abend moderierte. „Vorher war man irgendwo, nirgendwo, schlichtweg anderswo und nun – da kommt man nicht mehr von der Stelle los. Die Erzählerin hat uns nämlich schon gekonnt mit ihrem rhythmischen und kreativen Aufbau in ihren Bann gezogen. Die Spannung wird mit kleinen inhaltlichen Splittern aufgebaut und das Thema des Femizids sowie die beklemmende Familiensituation, die Atmosphäre des Dorfes, werden mit äußerster Subtilität aufbereitet. Ein Text, der unter die Haut geht, das Herz durchdringt und so mit dem Boden unter unseren Füßen verwächst, bis wir zum Hinschauen und Hinhören bewegt sind – denn eines hat er – wurzeln so groß, Wurzeln so tief.“

Einer der wenigen „Pandemie“-Texte

„Kulturklebestreifen auf Litfaßsäulen“ von Helena Haselsteiner landete auf Platz 2 – und damit einer der, für den Erfinder des Bewerbs sogar überraschend wenigen Texte, die sich mit Corona beschäftigt haben. Dafür gab es heuer auffallend viele Texte, die durchgängig oder teilweise gedichtet oder in gedicht-ähnlicher Form geschrieben worden waren. In der Jurybegründung heißt es, „weil dieser Text es versteht, eine Stimmung einzufangen, die seit nunmehr bereits mehreren Monaten (ja sogar mehr als eineinhalb Jahren, Anm. der Red.) unser aller Leben – ob nun junge Menschen oder ältere – dominiert. Kaum noch etwas ist so, wie es früher einmal gewesen ist, die aktuellen Richtlinien sind mit ihrer Veröffentlichung bereits wieder veralteten Bekanntgaben zu entnehmen. Nicht einmal mehr die Jahreszeiten sind wiederzuerkennen. Es ist zum Aus-der-Haut-Fahren, aber selbst das können wir bestenfalls vorstellungshalber. Dem Text „Kulturklebestreifen auf Litfaßsäulen“ gelingt es, ohne in Larmoyanz zu verfallen bzw. die oft gehörten Plattitüden einmal mehr zu strapazieren, einige der absurden Facetten unserer Realität zu schildern – aus einer individuellen perspektive, als einer, als eine von uns und damit stellvertretend für alle.“

Zum Text von Helena Haselsteiner geht es hier

Schwereloses Sprachgeschick

Emma Breitenecker kam mit „Kühlschrank“ auf Platz 3, was unter anderem so begründet wurde: „Dieser Text hat die Jury durch sein Sprachgeschick überzeugt. Gekonnt mischt die Autorin schwerelosen Erzählstil mit rhythmischen Wortbildern. Der Protagonist der Geschichte erscheint einem furchtbar vertraut, und dennoch lässt ihn die Erzählung unerwartet charmant und interessant erscheinen. Man möchte weiterlesen, man möchte mehr über Hermann C. wissen. Über seine „Gedichte, Gewichte der Geschichte, schlichte und blickdiche, verinnerlichte Dickichte mit Oberlichte“, über sein Leben, das sich nur mehr im „Wohnzimmer der Zimmerwohnung“ abspielt, umringt von Penny Pizza und Dosenbier – der einzige Lichtblick eine Schreibmaschine mit kaputter Tastatur.

Hier schreibt jemand, die sich darauf versteht, Inspiration in den immerzu präsenten Themen des alltags zu finden, und sie in Worte zu verpacken, die einen, entgegen jeder Erwartung, überraschen, fesseln und faszinieren.“

Zum Text Kühlschrank geht es hier

Follow@kiJuKUheinz

Links zu früheren Beiträgen über texte.wien, damals noch im Kinder-KURIER

Zu Anna Bauers Text von vor zwei Jahren, damals noch im Kinder-KURIER veröffentlicht

Story über den Bewerb 2020

Interviews mit 2020er-Finalist:innen

Artikel über texte.wien 2019

Überblicksartikel 2018

INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Texte. Preis für junge Literatur

430 Jugendliche hatten Texte eingesandt, 25 schafften’s ins Finale; 23 davon verfassten einen neuen Text. Preisverleihung samt Lesung von Auszügen aus diesen 23 Texten sowie danach dem der Siegerin in voller Länge kann nachgeschaut und -gehört werden und zwar (Vorsicht, am Anfang kommt Werbung, die erst nach wenigen Skunden übersprungen werden kann) hier

Gewonnen hat den diesjährigen Bewerb unter dem Motto „Geh bitte!“ Anna Bauer mit „Wurzeln so groß, Wurzeln so tief“.
Platz 2 ging an Helena Haselsteiner für ihren Text „Kulturklebestreifen auf Litfaßsäulen“ und
Platz 3 an Emma Breitenecker für „Kühlschrank“.

Alle Texte sind auch auf der Homepage des Bewerbs nachzulesen: texte.wien

Szenenfoto aus "Lust"
11.03.2022

Viva la Vulva!