Kinder Jugend Kultur und mehr - Logo
Kinder Jugend Kultur Und mehr...
Gruppenfoto aller - anwesenden - Preisträger:innen, Juror:innen usw.

Welch literarische „Leckerbissen“ ;)

Einmal mehr, vielleicht sogar noch stärker als in den 18 Jahren davor, machte der Literaturbewerb, gegründet für Menschen mit Lernbehinderung, längst umbenannt in „mit Schreibtalent“ seinem Namen „Ohrenschmaus“ alle Ehre. Bei der Preisverleihung lasen – wie immer – professionelle Schauspieler:innen die Texte, dieses Mal Chris Pichler und Markus Hering – nicht zum ersten Mal. Damit erwecken die Bühnenprofis die ausgezeichneten literarischen Beiträge eben zu „Ohrenschmäusen“, so dies ein zulässiger Plural sein mag 😉
Und für Menschen, die nicht hören, übersetzten Gebärdendolmetscherinnen live und analog – wie fast immer Sabine Zeller und dieses Mal Theresa Kober. Über Kamera und großen Screen waren die Dolmetscherinnen gut bis in die letzte Reihe des gefüllten Veranstaltungssaals im Raiffeisenhaus Wien am Donaukanal zu sehen.

Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… hat – wie schon im Untertitel erwähnt – Auszüge aus allen Preistexten bereits veröffentlicht – Links dazu am Ende des Beitrages. Dennoch soll hier in diesem zusammenfassenden Überblicks-Artikel auf einige Texte besonders eingegangen werden.

„Seelenritter“

Da ist der „Seelenritter“, der das scheinbar so Gegensätzliche wie zerbrechliche Seelen und harte Rüstung in 13 meist sogar sehr kurzen Zeilen zu großen Bildern verarbeitet – Auszüge von Kurt Engleders Text unten am Ende dieses Beitrages verlinkt, übrigens ebenso wie aus allen anderen eineinhalb Dutzend preisgekrönten Texten.

Mit diesem Gedicht wählte ihn die Jury aus namhaften Literat:innen (Felix Mitterer, Heinz Janisch, Lisa Taschek, Arno Geiger, Theaterregisseurin und -leiterin Bettina Hering u.a.), die die Texte anonymisiert bewertet und erst nachträglich erfährt, wer sie eingeschickt hat, zu einem der drei diesjährigen Hauptpreisträger:innen.

Lebensbetrachtungen

Pointierte eigene Lebensbetrachtungen von Monika Hochgruber und Laurin Schedereit gaben den Ausschlag für die beiden anderen Hauptpreise. „Ich stelle mir meine Pension vor wie einen langen Urlaub. Die Pension endet mit dem Tod, dann fahre ich nach Hause in den Himmel. Ich hoffe, das Geld, das ich bekomme, ohne zu arbeiten, reicht so lang … In der Pension muss ich schon auch noch Sachen tun. Die Katze hat jeden Tag Hunger, vom Füttern kann man nicht Urlaub machen. …“, schreibt Erstere unter anderem.

Schedereits Betrachtungen über seinen unermüdlichen, ausdauernden Redefluss gaben der Anthologie der Preistexte 2026 sogar den Buchtitel: „Reden, reden, reden, bis ich mir selbst auf die Nerven gehe!

Tiefsinnige Schoko-Gedichte

Nicht von Anfang an, aber seit vielen Jahren gibt es einen eigenen Schokopreis. Der bekannte biologisch und fair produzierende Hersteller kreiiert ein „Büchlein“ der genau deswegen Labooko genannten Reihe – zwei kleine unterschiedliche Tafeln mit einer Papierschleife, die sich aufklappen lässt. Auf der Innenseite kurze Gedichte. Für diese Kategorie gibt es immer ein Motto. War es im Vorjahr Hoffnung, so für 2026 Freundschaft. Alle vier dieser knappen Texte sind zur Gänze auf KiJuKU.at veröffentlicht – Link ebenfalls unten am Ende des Beitrages und dennoch seien gleich hier noch zwei zitiert – weil sie Freundschaft noch gleich mit Schokolade direkt und sehr kreativ verbinden:
„Wahre Freundschaft schmilzt nicht,
auch wenn es mal heiß wird“
, schreibt Karin Meyer.

Die beiden Dolmetscherinnen Theresa Kober und Sabine Zeller zeigen für die Kamera nochmals die Gebärde für Freundschaft, Motto der Gedichte für den Schokopreis
Die beiden Dolmetscherinnen Theresa Kober und Sabine Zeller zeigen für die Kamera nochmals die Gebärde für Freundschaft, Motto der Gedichte für den Schokopreis

Und Alois Schörghuber formulierte im Dialekt:
Tauchts de zwidern Leit in d Schoklad ein –
dann werns olle zu siaße Freind.
Und die Welt wird a bessere werdn!“

Was für Bilder! Wie schwierig die Aufgabe für die Juror:innen gewesen sein muss, lässt sich übrigens auch an Texten erahnen, die es „nur“ auf die Ehrenliste geschafft haben – Auszüge aus allen elf, aufgeteilt auf drei Portionen, natürlich ebenfalls unten verlinkt. Aber auch hier sei auf den einen und anderen Text speziell hingewiesen:

Katze verhindert Krieg

Gleich anknüpfend an das Bild vom Eintauchen grantiger Menschen in Schokolade, nicht zuletzt weil ebenfalls, allerdings in nicht ganz leicht verständlicher Mundart – laut lesen hilft übrigens – sei aus Viktor Noworskis „A wåres Gschichterl fun Kriag und Fridn“ zitiert, in der er sein Entsetzen beschreibt, dass Eltern ihren Kindern Kriegsspielzeug schenken. „… håbm de Kinda gsågt: „Dees låss ma da Kåts!“ — Asoy håt de Kåts an Kindakriag fahindat. Waun nur ålle Kriage asoy aafåch fahindabår waratn!…“

Leben – eine Radtour

Franz Schwager wiederum baut in seine Betrachtungen über selbstständiges Leben, das sich so manche Autor:innen übrigens erst erkämpfen mussten, unter anderem ein: „Radfahren ist für mich Freiheit: der Wind im Gesicht, die Sonne auf der Haut, das Gefühl, dass jeder Tritt in die Pedale mich ein Stück weiterträgt, nicht nur körperlich, sondern auch gedanklich. Manchmal denke ich mir, das Leben ist wie eine Fahrradtour – man strampelt, man schwitzt, manchmal geht es bergauf, manchmal leicht bergab, und immer wieder hat man das Gefühl, dass es sich lohnt, weiterzufahren.

Unendliche Visionen

Damit ich mein Außen verstehen kann, brauche ich mein mutiges Herz“, schreibt Ruth Oberhuber, die ihren Text „unendliche Illusionen“ sehr poetisch beginnt: „Unendliche Räume eröffnen sich, umso mehr man reinsieht. Ich sehe immer etwas anderes. Es ist, als ginge ich durch vier Fenster, die im Abstand übereinander stehen. Es hat was von einem Aquarium, dessen gläserne Luftbläschen aufgehen.

Lebenswerk-Preisträger Peter Gstöttmaier mit großer Urkunde
Lebenswerk-Preisträger Peter Gstöttmaier mit großer Urkunde

Lebenswerk-Preis

Was bei vielen Bewerben und Preisen vorkommt, gab es dieses Jahr – erstmalig – auch beim Ohrenschmaus, einen Preis fürs Lebenswerk. Dieser ging an Peter Gstöttmaier, der in den fast zwei Jahrzehnten schon drei Mal mit seinen „amüsanten, berührenden und gnadenlos ehrlichen Geschichten und Gedichten“ (aus der Würdigungsrede von Juror Günter Kaindlstorfer) in „Ihrer wunderbaren, erdigen, oberösterreichischen Mundart“ Leser:innen und Hörer:innen erfreut und bewegt.

Musik

Apropos hören – neben der Lesung der preisgekrönten Texte gab es natürlich auch wieder Musik, dieses Mal von Connor Moser gesungen und am Piano begleitet von Linus Ritsch – Kostproben in einem Video. Für die Moderation sorgten wieder Dani Linzer und heuer neu Anna-Lina Ernstberger, die auch die Kurz-Interviews mit den drei Hauptpreisträger:innen auf der Bühne führte.

Rekordteilnahme

Dass dieser Literaturpreis seit fast zwei Jahrzehnten „Ohrenschmaus“ heißt, haben die Autor:innen einmal mehr, vielleicht noch stärker als bisher, unter Beweis gestellt. „Heuer gab es mit 236 eingereichten Texten einen neuen Rekord. Aber nicht nur die Zahl der Texte wurde gesteigert, sondern auch die Qualität. Die Jury zeigt sich vom vielen Lesen etwas ermüdet, aber begeistert“, stellte der Erfinder des Bewerbs, Franz-Joseph Huainigg in seinem Vorwort zur aktuellen Anthologie fest – mit allen Preis-Texten. Das Vorwort nannte der Obmann des Vereins: „Schreiben, weil ich da alles sagen kann“.

kijuku_heinz

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Vimeo. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Auszüge aus allen Preistexten in den Links hier unten

Der Text ist 40 Jahre alt. Bernd hat den Text geschrieben. Er ist damals 7 Jahre alt und er geht in eine Integrations-Klasse. Bernd schreibt: Wir sind sehr gemischt und darum hat jeder viel zu erzählen. Damals sagten Eltern: Kinder mit und ohne Behinderungen sollen gemeinsam lernen. Es soll keine Sonder-Schulen geben. Im Jahr 1984 gab es die 1. Integrations-Klasse in Österreich. Sie war in der Volksschule Oberwart im Burgenland. Dort lernten Kinder mit und ohne Behinderungen gemeinsam. Im Jahr 2008 unterschrieb Österreich die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Darin steht: Kinder haben ein Recht auf inklusive Bildung. Alle Kinder dürfen gemeinsam lernen. Aber es gibt Probleme: Österreich baut immer noch Sonder-Schulen und es gibt zu wenig Geld für Inklusion.

Transparente, Plakate, Christbaumkugeln: Pfeif auf Mitleid! Wir wollen gleiche Rechte!

Am Nikolaustag, dem Samstag nach dem Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung (3. Dezember – seit 1993), laden Selbstvertreter:innen und das Haus der Geschichte Österreich (HdGÖ) zu einem Ausstellungsrundgang in dieses Museum; und anschließend zu einer Lesung von Texten der Literatur-Bootschaft Ohrenschmaus.

Vor rund eineinhalb Jahren – April 2024 – begann das Haus der Geschichte Österreich (HdGÖ) gemeinsam mit dem Sozialministerium das „Disability History Project“. Damit sollen Geschichte und Perspektiven von Menschen mit Behinderungen im kulturellen Erbe Österreichs stärker oder überhaupt erst sichtbar werden. Das Zeitgeschichtemuseum startete damals einen Sammlungsraufruf. Seither wurden mehr als 400 Objekte angeboten, mehr als 100 sind jedenfalls online zu sehen und beschrieben – Link unten am Ende des Beitrages.

Breite Sammlung

Das reicht von Fotos von Kundgebungen und Demonstrationen, Pickerln, Transparenten, Plakaten, T-Shirts bis zu künstlerischen Objekten mit Botschaften gegen Diskriminierung und für gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben. Passend zur vorweihnachtlichen Zeit seine beispielsweise Christbaumkugeln genannt mit dem Schriftzug „piss on pity“ – wörtlich übersetzt „piss auf Mitleid“. Es kamen aber nicht nur Objekte und Fotos aus jüngster Zeit, sondern unter anderem auch ein Anstecker mit der Aufschrift „Arbeit statt Mitleid“ aus dem Jahr 1927!

Allzu oft erleiden Menschen mit Behinderung(en) noch immer – bestenfalls – Mitleid statt Anerkennung und Behandlung als gleichberechtigte Menschen, die allenfalls den Abbau von Barrieren und unterschiedlichste Unterstützungen brauchen – was auch Menschen ohne Behinderungen auf andere Art und Weise brauchen.

Die Neuzugänge zur Geschichte von Menschen mit Behinderungen in Österreich bereichern das Museum auch bei zukünftigen Ausstellungs- und Vermittlungsprojekten, wurde am besagten Internationalen Tag in einer Aussendung geäußert. Dabei wurde darauf hingewiesen, dass das Disability History Project vom Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMASGPK) nun auch weitere zwei Jahre finanziert wird.

Abzeichen der „Ersten österreichischen Krüppelarbeitsgemeinschaft“ von 1927
Abzeichen der „Ersten österreichischen Krüppelarbeitsgemeinschaft“ von 1927

„Unsichtbares“ sichtbar machen

„Mit dem Disability History Project machen wir die bislang oft unsichtbare Geschichte von Menschen mit Behinderungen in Österreich sichtbar. Die beeindruckende Beteiligung der Community und die weit übertroffenen Projektziele zeigen, wie groß der Bedarf an Anerkennung, Aufarbeitung und Bewusstseinsbildung ist. Deshalb setzen wir dieses wichtige Kooperationsprojekt mit dem Haus der Geschichte Österreich bis 2027 fort. Damit stärken wir die Forschung, fördern Inklusion und verankern die Geschichte von Menschen mit Behinderungen dauerhaft als Teil der österreichischen Zeitgeschichte“, meinte Sozialministerin Korinna Schumann dazu.

Am 5. Mai ist der Europäische Protest-Tag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen. An dem Tag gab es einen Protest vor dem Parlament in Wien. Der Protest hat Baustelle Inklusion geheißen.
Am 5. Mai ist der Europäische Protest-Tag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen. An dem Tag gab es einen Protest vor dem Parlament in Wien. Der Protest hat Baustelle Inklusion geheißen.

„Die Sammlung des Hauses der Geschichte Österreich ist Teil der Bundessammlungen. Durch die Neuzugänge im Rahmen des Disability History Projects konnten Leerstellen der Repräsentation österreichischer Geschichte gefüllt werden. Die Perspektiven von Menschen mit Behinderungen sind nun dauerhaft Teil des kulturellen Erbe Österreichs “, erklärt hdgö-Gründungsdirektorin Monika Sommer.

„Die Sammlung vom DisAbility History Project im hdgö macht marginalisierte Stimmen laut und beeinflusst wie über sie gesprochen und mit ihnen umgegangen wird “, sagt Kulturwissenschaftlerin und Obperson des Vereins CCC*** – Change Cultural Concepts Elisabeth Magdlener. „DisAbility History braucht es am hdgö, weil Menschen mit Behinderung* in unserer Gesellschaft noch immer unterdrückt, benachteiligt und diskriminiert werden!“

Partizipative Arbeitsweisen

Magdlener begleitet das Projekt mit weiteren Expert*innen als Teil der Fokusgruppe. Selbstvertreter*innen, Aktivist*innen, Forscher*innen und Community-Archivar*innen entscheiden gemeinsam mit dem hdgö über Objekte und stellt sicher, dass eine Vielfalt von Behinderungen in der Gesellschaft in den Neuzugängen repräsentiert wird. Parallel zum Sammlungsaufbau führte Kurator*in Vanessa Tautter Oral-History-Interviews mit einem trauma-informierten Ansatz, der Schenker*innen einen sensiblen Rahmen bietet, ihre Geschichte in ihren eigenen Worten zu erzählen.

Aufkleber: Wir dürfen nicht hinein!
Aufkleber: Wir dürfen nicht hinein!

„Wenn wir Vergangenes aufarbeiten und sichtbar machen, beschreiten wir einen Weg, an dem wir unsere Zukunft ausrichten können. Zu verstehen, was bereits erreicht worden ist und welche Herausforderungen noch vor uns liegen, motiviert, Ziele gemeinsam zu erreichen“, so Franz Groschan, Präsident des Kriegsopfer- und Behindertenverbandes. Er ist Teil der Fokusgruppe und des hdgö-Publikumsforums ist.

Aktions-Tag: Ausstellungs-Rundgang und Lesung

Am Samstag, den 6. Dezember, findet von 14 bis 18 Uhr im hdgö der schon genannte Aktionstag statt. Dabei erzählen Selbstvertreter*innen wie Menschen mit Behinderung um ihre Rechte und gegen Diskriminierung und Gewalt kämpfen, was sich dadurch schon verändert hat und was und wie viel noch zu tun bleibt – Details in der Info-Box ganz am Ende des Beitrages.
Mit neuen Objekten in der Haupt-Ausstellung zeigt das Museum, dass die Geschichte von Menschen mit Behinderungen ein wichtiger Teil der österreichischen Geschichte ist.

kijuku_heinz

wikipedia –> Internationaler_Tag_der_Menschen_mit_Behinderungen

UNO-Seite zu sozialer Inklusion – auf Englisch

Screenshot des Video-Gesprächs über Gewalt an Menschen mit Behinderung, organisaiert vom Österreichischen Behindertenrat

Menschen mit Behinderungen erleben häufiger Gewalt

Der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung – seit 1993 am 3. Dezember – fällt auch in den Zeitraum der Kampagne „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ (vom 25. November, dem Tag gegen Gewalt an Frauen bis zum Menschenrechtstag am 10. Dezember). Der Österreichische Behindertenrat, die gesetzliche Interessensvertretung, die unter ihrem Dach mehr als 80 Organisationen vereint, nahm heuer dieses zeitliche Zusammentreffen zum Anlass, „auf die hohe Gewaltbetroffenheit von Menschen mit Behinderungen“ aufmerksam zu machen.

„Besonders häufig sind Menschen betroffen, die in Einrichtungen leben. Gewalt gehört für viele Menschen mit Behinderungen zum Alltag und sie erleben deutlich häufiger Gewalt als Menschen ohne Behinderungen. Frauen und Mädchen mit psychosozialen Behinderungen oder Lernschwierigkeiten erfahren zudem deutlich häufiger sexuelle Gewalt als Frauen ohne Behinderungen“, erklärte Behindertenrats-Präsident Klaus Widl.

Österreich muss handeln

Der Österreichische Behindertenrat betont, dass viele Betroffene Gewalt nicht erkennen oder benennen können, weil es an zugänglicher sexueller Bildung mangelt. Daher braucht es flächendeckende, leicht verständliche und barrierefreie Informationen zu sexueller Selbstbestimmung, zu Formen von Gewalt und zu verfügbaren Unterstützungsangeboten. Gleichzeitig müssen Opferschutzeinrichtungen und Beratungsstellen umfassend barrierefrei gestaltet sein und auch im ländlichen Raum zur Verfügung stehen. Zudem ist es erforderlich, Daten zu Gewalt gegen Menschen mit Behinderungen systematisch zu erfassen, um wirksame Maßnahmen ableiten zu können.

„Menschen mit Behinderungen werden in Österreich noch immer nicht ausreichend vor Gewalt geschützt. Der Österreichische Behindertenrat fordert daher: ausreichend umfassend barrierefreie Opferschutzeinrichtungen und Beratungsangebote, wirksame Präventionsarbeit und die konsequente Umsetzung der UN- Behindertenrechtskonvention dürfen nicht länger aufgeschoben werden. Schutz und Sicherheit sind Grundrechte für alle.“

Logo der Initiative FmB – Interessensvertretung Frauen* mit Behinderungen
Logo der Initiative FmB – Interessensvertretung Frauen* mit Behinderungen

Lebensrealitäten und Forderungen der Frauen* mit Behinderungen in Österreich

Zum diesjährigen Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung meldete sich zum Thema Gewalt an Frauen, insbesondere solchen mit Behinderung auch eine neue Initiative: „FmB – Interessensvertretung Frauen* mit Behinderungen“. In einer Medien-Aussendung nahm die „erste unabhängige Interessensvertretung“ Bezug auf ein 2025 erarbeitetes „Positionspapier“ (vor einem halben Monat von der Generalversammlung beschlossen), in dem FmB zeigt, „wie Frauen* und Mädchen* mit Behinderungen in Österreich Abwertung durch Ableismus (Diskriminierung und Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderung) und Sexismus erleben“ und in zwölf Kapiteln 74 Forderungen aufstellt, um dies zu ändern. „Unser Positionspapier fasst zusammen, was wir Frauen* mit Behinderungen brauchen: Empowerment, Platz an den Entscheidungstischen und politische Maßnahmen, die unsere Lebensrealitäten ernst nehmen“, sagt Heidemarie Egger, geschäftsführende Co-Vorsitzende von FmB.

Die in der Aussendung aufgezählten „wichtigsten Forderungen“:

„Unser Positionspapier zeigt, was es braucht, damit Politik und Gesellschaft ihrer menschenrechtlichen Verantwortung gegenüber Frauen* und Mädchen * mit Behinderungen nachkommen. Gemeinsam mit der Community der österreichischen Frauen* mit Behinderungen setzen wir uns für die Umsetzung dieser Forderungen ein“, wird Julia Moser, geschäftsführende Co-Vorsitzende von FmB, zitiert; zum gesamten Positionspapier geht es hier

kijuku_heinz

behindertenrat.at

fmb-frauenmitbehinderungen.at

Zu einem 11 ½-minütigen Video, in dem der genannte Klaus Widl sowie Manuela Lanzinger, Helene Jarmer und Marlene Krubner über Gewalt gegen Menschen mit Behinderungen sprechen, geht es hier

Bangri in seinem 3-Rad-Handbike betreibt im Dorf Moaga (Burkina Faso) einen Straßenladen

Selbstbestimmt leben durch eigenes Einkommen

„Wer ein eigenes Einkommen hat, kann sich und seine Familie versorgen. Wer aber kein Einkommen hat, ist auf andere angewiesen oder armutsgefährdet. Als Licht für die Welt ermöglichen wir Menschen mit Behinderungen in Afrika ein selbstbestimmtes Leben, in dem wir ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit fördern“, betont Alex Buchinger, Geschäftsführer dieser Hilfsorganisation in Österreich, anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderungen am 3. Dezember.

In der UN-Behindertenrechtskonvention ist in Artikel 27 das Recht auf Arbeit festgehalten: Dies beinhaltet das Recht auf die Möglichkeit, den Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen. In der Realität wird oft auch jenen Menschen mit Behinderungen das Recht auf angemessene Arbeit verwehrt, die gerne produktiv sein möchten.

Frauen mehrfach diskriminiert

Die Überschneidung von Diskriminierungen aufgrund von Geschlecht und Behinderung diskriminiert Frauen mit Behinderungen mehrfach. Sie werden oft daran gehindert, gleichberechtig an der Arbeitswelt teilzunehmen und haben eine geringere Chance als Männer eine Ausbildung zu machen. Frauen und Mädchen mit Behinderungen erleben auch mindestens dreimal so oft körperliche oder seelische Gewalt als Frauen ohne Behinderungen.

Aus- und Weiterbildung

Licht für die Welt ermöglicht Menschen mit Behinderungen in sechs afrikanischen Ländern ein selbstbestimmtes Leben. Durch Aus- und Weiterbildung, Finanzierung und Aufbau einer Geschäftsidee und beim Finden eines inklusiven Arbeitsplatzes. Im Jahr 2024 konnten dank der Unterstützung von Licht für die Welt 8.922 Kinder mit Behinderungen die Schule besuchen und mehr als 20.800 Menschen mit Behinderung ein Jobtraining absolvieren.

Auf engstem Raum und teilweise bei ausfallendem Licht operiert Thérèse Sarli den Grauen Star, die Augenkrankheit, für deren Bekämpfung Licht für die Welt meist bekannt ist
Auf engstem Raum und teilweise bei ausfallendem Licht operiert Thérèse Sarli den Grauen Star, die Augenkrankheit, für deren Bekämpfung Licht für die Welt meist bekannt ist

Aus eigener Reportage vor Ort

Vor mehr als elf Jahren war KiJuKU-heinz, damals noch für den Kinder-KURIER, mit Licht für die Welt in Burkina Faso bei Inklusionsprojekten – Link zum damaligen Bericht unten am Ende des Beitrages verlinkt. Begonnen hatte die damalige Reportage mit dem Bericht über das Mädchen Assana, das auf allen Vieren in die Schule eilt als Beispiel für inklusive Bildung.

Eines der Beispiele, wie ein Mensch mit Behinderung seinen eigenen Lebensunterhalt verdient, traf die kleine Gruppe von Journalist:innen aus Österreich den damals 24-Jährigen Bangri. Er, der zuvor als unbehandelter schwer Kranker kaum bewegungsfähig war, konnte durch von den Licht-für-die-Welt-Partnern vor Ort organisierter zunächst medizinsicher Betreuung letztlich mit einem Dreirad-Hand-Bike einen Laden am meist frequentierten Weg des Dorfes Moaga betreiben. Ein Mikro-Kredit ermöglichte ihm den Aufbau – und neben Verdienst war er so auch mitten unter den Dorfbewohner:innen, die bei ihm nicht nur einkauften.

kijuku_heinz

Reportage über Inklusionsprojekte in Burkina Faso <— damals noch im Kinder-KURIER, Vorläufer von KiJuKU.at

Bildmontage aus einer Protestaktion vonn selbstvertreter:innen zum Internationalen Tag der menschen mit Behinderung - 2015, der Bronze-Silber-Gold-Flagge, die für Überwindung und der Behinderung steht sowie dem Piktogramm für Barrierefreiheit, angefertigt mit Hilfe der DeeVid-KI (Künstliche Intelligenz)

Barrierefreie, leistbare eigene Wohnungen statt Heime!

Zu viele Menschen mit Behinderungen leben weiterhin in Heimen. Es existiert keine umfassende politische Strategie zum Abbau institutioneller Strukturen. Ebenso fehlt ein klares Verständnis, was „De-Institutionalisierung“ im Sinne der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN-BRK) bedeutet. Unzureichende Unterstützungsleistungen und ein Mangel an barrierefreiem Wohnraum verschärfen die Situation. Dies zeigt der aktuelle „Monitor 2024 De-Institutionalisierung“, den der Unabhängige Monitoring-Ausschuss zum Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen veröffentlicht hat. Dieses Gremium bündelt Erfahrungsberichte von Menschen mit Behinderungen aus der Öffentlichen Sitzung 2024 und leitet daraus politische Maßnahmen ab.

„Die gesellschaftliche und politische Grundhaltung ist weiterhin, dass Menschen mit Behinderungen in Heimen am besten aufgehoben sind. Das steht in klarem Widerspruch zum Recht auf selbstbestimmtes Leben nach der UN-BRK“, sagt Daniela Rammel vom Vorsitzteam. Neben der inklusiven Bildung war die De-Institutionalisierung einer der zentralen Kritikpunkte des UN- Fachausschusses im Rahmen der Staatenprüfung 2023.

Zentrale Problemfelder

Empfehlungen des Monitoring-Ausschusses

kijuku_heinz

Zur Website des Monitoring-Ausschusses in Leichter Sprache geht es im Link unten:

monitoringausschuss –> aktuelles in leichter Sprache

Alle Preisträger:innen des Österreichischen Inklusionspreises 2025 samt Juror:innen und Sprecher:innen

Selbstverständliches Dabeisein und Mitmachen für alle Menschen

Am Vorabend des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderungen, den es seit 1993 – Abschluss des UNO-Jahrzehnts behinderter Menschen – gibt, fand 2025 zum achten Mal die Verleihung der Österreichischen Inklusionspreise statt. Am Rande dieser Veranstaltung hielt auch der Präsident von Down Syndrom Österreich, Simon Couvreur, eine Rede, in der er mehr Inklusion für Menschen mit Trisomie 21 forderte. Dies bedeute „das selbstverständliche Dabeisein und Mitmachen in allen Bereichen des Lebens für alle Menschen“.

Simon Couvreur, Präsident von Down Syndrom Österreich bei einer Rede zum Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung
Simon Couvreur, Präsident von Down Syndrom Österreich bei einer Rede zum Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung

Preise für Projekte und Initiativen

Lebenshilfe und Lotterien zeichnen beim Inklusionspreis Projekte und Initiativen aus, die sich für die Inklusion von Menschen mit Behinderungen und den Abbau von Barrieren in unserer Gesellschaft einsetzen. ​​​​​Eine prominent besetzte unabhängige Fach-Jury wählte zuvor in acht Kategorien Gewinner:innen aus.

Derzeit leider Rückschritte

„Die Preis-Träger*innen zeigen, dass Inklusion gelingen kann, das macht Mut! Echte Inklusion haben wir aber erst erreicht, wenn wir den Inklusionspreis nicht mehr brauchen. Wir fordern daher unsere Politiker*innen auf, endlich die gesetzlichen Rahmenbedingungen für ein inklusives und damit menschlicheres Österreich zu schaffen. Aktuell macht Österreich leider Rückschritte, es heißt: Alle müssen sparen. Aber Kürzungen, die dazu führen, dass Menschen ausgeschlossen werden, sind für uns ein absolutes No-Go!“, stellte Selbst-Vertreterin und Vize-Präsidentin der Lebenshilfe Österreich, Hanna Kamrat, zur Preisverleihung fest.

kijuku_heinz

Österreichischer Inklusionspreis 2025

Menschenrechte sind für alle da - eine Aktion von Selbstvertreter:innen zum Internationalen Tag der menschen mit Behinderung - schon vor zehn Jahren, 2015, am Wiener Stephansplatz

Sozialer Kahlschlag gefährdet Inklusion

„Wir sind entsetzt, wie angesichts klammer Budgets das soziale Netz demontiert wird. Für Menschen, die von Armut und Ausgrenzung betroffen sind, werden die undurchdachten Sparmaßnahmen schwerwiegende Folgen haben“, kritisiert Gerlinde Heim, Geschäftsführerin von VertretungsNetz – für Selbstbestimmung und Bewegungsfreiheit.

Bereits vor 17 Jahren hat Österreich die UN- Behindertenrechtskonvention unterzeichnet. Der UN-Ausschuss kritisierte anlässlich der letzten Staatenprüfung Österreichs vor zwei Jahren, dass die Bundesländer zu wenig anbieten, um die Inklusion von Menschen mit Behinderungen voranzutreiben. Nun legt man vielerorts mit einem Kahlschlag im Sozial- und Pflegebereich auch noch den Rückwärtsgang ein.

Hohe Folgekosten

Viele erfolgreiche Projekte und Initiativen im Gesundheits- und Sozialbereich werden aktuell gestrichen oder stark reduziert. „Zahlreiche Kooperationspartner berichten uns, dass ihre Förderungen überfallsartig gekürzt oder überhaupt eingestellt werden. Viele Träger stehen vor existenziellen Herausforderungen. Zentrale Hilfsangebote, die seit Jahrzehnten etabliert und erfolgreich sind, stehen vor dem Aus“, fasst Heim zusammen.

Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen – eine besonders stigmatisierte Personengruppe – verlieren die wenigen soziale Anlaufstellen, die es gibt. So wurde der Beratungsstelle „Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter“ (HPE) ein Viertel ihres Budgets gestrichen. Empfindliche Einbußen gibt es auch bei Arbeitsmarktprojekten für Suchterkrankte sowie für Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen.

Auch im Pflegebereich wird gespart. Die Community-Nurse-Projekte werden größtenteils wieder eingestampft, obwohl ihr Erfolg in der Prävention unbestritten ist. Wie es mit den – ohnehin sehr schleppend verlaufenden – Pilotprojekten für persönliche Assistenz in den Bundesländern weitergeht, ist noch offen.

„Viele der geplanten Kürzungen nehmen Menschen das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben, fördern Armut, Abhängigkeit, Stigmatisierung und Ausgrenzung – und werden am Ende hohe Folgekosten verursachen. Wir appellieren an die Verantwortlichen, durchdacht zu handeln. Es bringt nichts, mit der Abrissbirne in jahrzehntelang etablierte Strukturen zu fahren, um kurzfristig ein wenig Geld zu lukrieren. Denn der Preis, den wir zahlen, wird am Ende viel höher sein, wenn die Unterstützungsangebote fehlen“, so die VertretungsNetz-Sprecherin.

Auswirkungen

Für Inklusion braucht es soziale Absicherung

Dazu kommt, dass die meisten Länder aktuell ihre Sozialhilfegesetze verschärfen. Das trifft viele Menschen, die aufgrund einer psychischen bzw. chronischen Erkrankung nicht erwerbsfähig sind. Die verschlechterten Gesetze mit schwammig formulierten „Mitwirkungspflichten“ und überzogenen Sanktionen werden zu mehr Armut, Verschuldung und Wohnungslosigkeit führen. Wer aus der Sozialhilfe fällt, verliert in vielen Fällen auch die Krankenversicherung.

Sparen durch Bürokratieabbau ist hingegen nicht vorgesehen. „Wir vertreten viele Personen, die dauerhaft nicht erwerbsfähig sind, bestätigt durch mehrere Gutachten. Trotzdem stellen manche Sozialämter Bescheide nur für zwei Monate aus und verlangen monatlich Kontoauszüge und andere Belege, auch wenn sich an der Lebenssituation nichts ändert. Diese überschießende Kontrolle ist sinnlos und wird zu Recht als Schikane erlebt. Weil man die Menschen mit Bürokratie überfordert, braucht es außerdem immer mehr Erwachsenenvertretungen“, schildert Heim. Sie fordert Dauerbescheide zumindest für ein Jahr für jene Menschen, die dauerhaft nicht arbeiten können.

Armutsbekämpfung und Existenzsicherung müssen im Zentrum einer bundesweit einheitlichen Sozialhilfe stehen. Ebenso gilt es, Prävention auf allen Ebenen zum leitenden Prinzip zu machen. Heim dazu: „Wir müssen die Selbstbestimmung und Autonomie möglichst vieler Menschen so lange wie möglich erhalten. Dafür braucht es gezielte Unterstützung, die psychische und physische Gesundheit stärkt, Inklusion ermöglicht und Teilhabe fördert. So lassen sich nicht nur soziale Gräben schließen, sondern langfristig auch erhebliche Kosten vermeiden.“

kijuku_heinz

vertretungsnetz.at

aktionstag-schon 2015 <– damals noch im KiKu, Vorläufer von KiJuKU

Gebärdensprach-Buchstaben aus dem 3D-Drucker

Österreich spart an Inklusion – und damit an Gerechtigkeit

Anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderungen warnt auch der Österreichische Gehörlosenbund (ÖGLB) vor massiven Rückschritten bei Barrierefreiheit und gleichberechtigter Teilhabe durch die im Doppelbudget 2025/26 angekündigten Sparmaßnahmen im Sozialbereich.

„Inklusion ist kein Nice-to-have und kein Projekt für ‚bessere Zeiten‘ “, warnt Helene Jarmer, Präsidentin des Österreichischen Gehörlosenbundes. Inklusion braucht ausreichend finanzierte Gebärdensprach-Angebote, klare bildungspolitische Prioritäten und eine konsequente Umsetzung des Übereinkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK). „Wer beim Doppelbudget 2025/26 Inklusion und Menschen mit Behinderungen nicht mitdenkt, produziert Ausschluss mit Ansage. Der Internationale Tag der Menschen mit Behinderungen ist ein Reminder: Österreich hat sich zu einer inklusiven Gesellschaft bekannt – jetzt muss dieses Bekenntnis im Budget und in der Umsetzung des Regierungsprogramms sichtbar werden “, so Jarmer.

Ohren Schmaus - die beiden Dolmetscherinnen - Marietta Gravogl und Sabine Zeller - zeigen den Begriff in der Gebärdensprache
Ohren Schmaus – die beiden Dolmetscherinnen – Marietta Gravogl und Sabine Zeller – zeigen den Begriff in der Gebärdensprache – „Ohrenschmaus“ heißt der jährliche Literaturbewerb für Menschen mit Schreibtalent

Schlüssel zur gleichberechtigten Teilhabe

Die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) ist zentrale Kommunikations- und Unterrichtssprache für gehörlose Kinder, Jugendliche und Erwachsene. In Österreich leben schätzungsweise 8.000 bis 10.000 gehörlose Menschen, die die ÖGS als ihre Hauptkommunikationsform nennen. Darüber hinaus profitieren viele schwerhörige Personen von barrierefreien Angeboten und unterstützenden Maßnahmen. Ohne flächendeckende ÖGS-Kompetenz in Bildungseinrichtungen, Behörden und öffentlichen Institutionen sowie ohne flächendeckende Dolmetschangebote bleiben Informationszugang und Teilhabe für gehörlose und schwerhörige Menschen strukturell eingeschränkt.

Expert:innen

Im September 2025 fand in Wien unter dem Titel „Gebärden.Sprache.Bildung – Gebärdensprache stärken, Bildung verbessern“ der 5. Bildungskongress der Gehörlosenverbände des DACH-Raums (Deutschland, Österreich, Schweiz) mit international renommierten Expertinnen und Experten aus Pädagogik, Linguistik und Gehörlosenforschung statt. Er hat gezeigt, dass bilingual-bimodale Bildungskonzepte – mit ÖGS und Deutsch – nachhaltige positive Effekte auf Bildungsbiografien und langfristig verbesserte gesellschaftliche Teilhabe gehörloser Menschen haben. „Die dort erarbeiteten Empfehlungen müssen als Grundlage für bildungspolitische Entscheidungen dienen und dürfen nicht aus Spargründen aufgeschoben werden “, stellt Helene Jarmer fest.

Die im Doppelbudget 2025/26 vorgesehenen Sparmaßnahmen drohen jedoch genau jene Strukturen zu schwächen, die für eine inklusive Gesellschaftspolitik notwendig sind. Einschnitte bei barrierefreien Angeboten, bei Gebärdensprachförderung und bei Unterstützungsleistungen treffen gehörlose Menschen überproportional und stehen im klaren Widerspruch zu nationalen und internationalen Verpflichtungen.

Jugendliche erklären die internationale Gebärdensprach-Flagge
Jugendliche erklären die internationale Gebärdensprach-Flagge – bei einer Veranstaltung vor dem Wiener Hauptbahnhof am Internationalen Tag der Gebärdensprache (23. September, in dem Fall 2025)

Umfrage-Ergebnisse: Sparpläne gefährden Lebensqualität

Der ÖGLB hat dazu in den vergangenen Wochen eine Umfrage unter seinen Vernetzungspartnern – von Gehörlosenvereinen über Krankenhäuser und Universitäten bis hin zu Beratungs- und Bildungseinrichtungen – durchgeführt, um zu erheben, ob und in welcher Form sie bereits von Kürzungen betroffen sind oder Einschnitte befürchten. Die ersten Rückmeldungen sind ernüchternd: Sie reichen von drohendem Personalabbau, gekürzten Projekten und sinkender Dolmetsch- und Beratungsqualität über zusätzliche bürokratische Hürden bis hin zur akuten Gefährdung spezialisierter Angebote, etwa für taubblinde Menschen.

Forderungen

Der ÖGLB fordert die Bundesregierung auf, im Doppelbudget 2025/26 verbindlich und umfassend folgende Maßnahmen zur Stärkung von Gebärdensprache, Barrierefreiheit und Inklusion zu sichern:

„Diese Forderungen spiegeln die dringende Notwendigkeit wider, Inklusion als integralen und nicht verhandelbaren Bestandteil von Politik und Budgetpolitik zu verankern “, denn „wer Barrieren für gehörlose Menschen stehen lässt, baut gleichzeitig Mauern in den Köpfen. Es geht um nichts weniger als um Chancengleichheit und Menschenrechte “, so Helene Jarmer abschließend.

kijuku_heinz

Szenenfoto (Endproben) aus "Richterskala 7,8" im Theater am Werk / Kabelwerk

Äußere und innere Erschütterungen von Erde und Menschen

Geschätzte fünf Dutzend der weltberühmten, fast allgegenwärtigen Kunststoff-Sessel – „Monobloc“ ist das meistverkaufte Möbelstück aller Zeiten – auf einem Sandstrand. Manche einzeln stehend, andere gestapelt, etliche durcheinander gewirbelt – was die Assoziationen zum Stücktitel herstellt: „Richterskala 7,8“.

Mit Letzterem wird bekanntlich die Stärke von Erdbeben angegeben, die genannten Größe wird mit „Zerstörung über weite Gebiete“ am oberen Ende der Skala – 10 wurde noch nie registriert – angegeben. Und natürlich – angesichts der beiden Schauspielerinnen Elif Bilici & Özge Dayan-Mair, die das Stück auch entwickelt haben, ergibt sich sofort die Assoziation zu den Erdstößen, die am 6. Februar 2023 den Südosten der Türkei und den Norden Syriens erschütterten. Ein zweites Erdbeben am selben Tag erreichte noch immer die Stärke 7,5. Folgen: mehr als 62.000 Tote, mehr als 125.000 Verletzte.

Dreisprachig

Doch das steht gar nicht im Zentrum der rund einstündigen Performance mit Sprechpassagen auf Deutsch, Wienerisch und Türkisch, Musik und einem an Derwisch erinnernden Tanz der Erstgenannten gegen Ende der Aufführung im Kabelwerk (Theater am Werk).

Szenenfoto (Endproben) aus
Szenenfoto (Endproben) aus „Richterskala 7,8“ im Theater am Werk / Kabelwerk

Erschütterungen

Durcheinander im Leben der beiden Künstlerinnen, die in Wien ihre Parallelen – erst bei Solidaritäts- und Charity-Aktionen für überlebende Opfer des genannten Erdbebens – kennengelernt haben, prägen das atmosphärisch, über weite Strecken sehr unaufgeregte Schauspiel, die Dialoge. Beide kommen aus Izmir (Ägäis-Küste), mit drei Millionen Einwohner:innen drittgrößte Stadt der Türkei, eine in der – so betonen sie -, Erdoğan noch nie eine Wahl gewonnen hat.

Altgriechisch hieß sie Smýrna, was antiken Quellen zufolge der Name einer Amazone war. Neben der Multikulturalität (Griechisch, Türkisch, Armenisch, Levantinisch) interpretieren die beiden Künstlerinnen dies als feministisches Signal. Bilici und Dayan-Mair fanden aber noch mehr Gemeinsamkeiten, so ist beider erste Heimat der Stadtteil Karşıyaka. Ebenso wollten sie beiden nach Europa und vermissen hier vor allem Meer und Sonne.

Szenenfoto (Endproben) aus
Szenenfoto (Endproben) aus „Richterskala 7,8“ im Theater am Werk / Kabelwerk

Aber nicht nur das, ihre Träume wurden immer wieder durch Ähnliches erschüttert. In der Türkei erworbenen Qualifikationen zählten ebenso wenig wie ihre Sprachkenntnisse. So hatte Özge Dayan-Mair in Istanbul Klassik-Konzerte organisiert, meldete sich auf ein Inserat der Staatsoper für eine Managementposition. Und wurde in einen Raum mit Barockkleidern gebeten, um auf der Straße Tickets zu verkaufen. Deutsch in und durch Sprachkurse stießen auf die Grenzen der Umgebung, die eine ganz andere Sprache zu verwenden scheinen – schau ma amoi.

Korruption

Irgendwann dazwischen wird auch das besagte Erdbeben angesprochen – wobei in dieser Szene der „Saal oben“ im Kabelwerk in Dunkel getaucht wird -, aber auch damit verbunden, dass ein Gutteil der Zerstörungen auf illegale, nicht erdebeben-sichere Wohnbauten „dank“ korrupter Politiker zurückzuführen war, staatliche Hilfe kaum ankam und noch immer ein Gutteil der Überlebenden in Containern wohnen muss.

Szenenfoto (Endproben) aus
Szenenfoto (Endproben) aus „Richterskala 7,8“ im Theater am Werk / Kabelwerk

Wut-Beben

Der Ärger darüber und über die ablehnenden Erfahrungen und Erlebnisse in der neuen Heimat lässt vor allem in Elif Bilici bühnenreif Wut zum Beben bringen. Gibt es Hoffnung – und was ist eine solche überhaupt? Bin ich ein Mensch? Gehöre ich zu ihnen? Müssen wir bei jeder Wahl zittern? Und warum darf ich gar nicht wählen?

Philosophisch-politische Fragen verpacken die beiden Schauspielerinnen in diesem über lange Zeit entwickelten Stück (Martina Gredler; Dramaturgie: Anna Schober) mit Musik von Emanoel Bruckmüller, Çağrı Beklen, Dario Moreno (Her Akşam Votka, Rakı Ve Şarap / Sarhoş  – Wodka, Raki und Wein jeden Abend / Betrunken) in teils poetische, mitunter wütende, aber auch weich-liebevolle Szenen (Nicht-Türkisch-Sprachler:innen lernen zwei türkische Wörter für Liebe kennen: Aşk & Sevgi), die immer wieder auch viel Raum und Zeit für mögliche eigene Assoziationen geben.

kijuku_heinz

Szenenfoto aus "SoundON"

Tänze für eine bessere Zukunft

Im klassischen Hip-Hop-Trainingsanzug versammeln sich vier Tänzerinnen vor vier Podesten rund um einen Tisch mit Mischpult. Auf Zuruf der Choreografin und künstlerischen Leiterin Anna Konjetzky am Technik-Board über der Publikumstribüne beginnen Sahra Huby, Amie Jammeh, Florence Mankenda und Cary Shiu ihre Zeigefinger zusammenzurücken. Gemeinsam drücken sie eine der Tasten und – entsprechend dem Titel der Performance – geht’s los: „SoundON!“ Und nicht nur der Ton, sondern auch die Lichter starten ebenso wie die Tanz-Show. Zuerst mit kleinen eher Aufwärm-Bewegungen und dann mit kräftigen Moves unterschiedlichster Art – und mit Botschaften.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „SoundON“

Traum-Länder

Von „nicht dies oder das sein wollen“ bis zu Wunschtraumwelten, wenn sie sich’s aussuchen könnten – vom Queer- bis zum Marshmellow-Land. Jedenfalls keine Fremdzuschreibungen und eben den Möglichkeiten, so sein zu dürfen, wie’s gerade passt – soft, traurig, k.o. oder schwach sein sollte genauso okay sein wie stark zu sein.

Die Sager kommen in Form von Songs ebenso wie von Fragen aneinander oder projizierten Kürzest-Sprüchen auf die weißen Quader. Letztere verwandeln die Tänzerinnen von anfänglichen Denkmal-Podesten auf denen die vier auf engstem Raum ihre Tanzbewegungen ausführen bis zu einer Art Laufsteg durch Umlegen und Aneinanderreihen. Vor allem aber bewegen sie sich frei im Raum dazwischen – mal in einzelnen kurzen Solo-Auftritten, dann wieder in gemeinsamer synchroner oder jedenfalls abgestimmter Bewegung. Oder eine nimmt Moves von einer anderen auf, reproduziert sie aber nicht 1:1, sondern macht ihr eigenes Ding draus. Hin- und mitreißende Bewegungskunst legen die genannten vier Tänzerinnen auf den Tanzboden und die vier Podeste.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „SoundON“

Starke Moves und Sager, schwache Witze

Als tanzende Feministinnen mit Veränderungs-Ansprüchen an die herr-schende Welt bringen sie diese ihre Botschaften immer wieder in der nicht ganz einstündigen Performance zu Gehör – und Ansicht (als wie schon erwähnt projizierte Sprüche), filmen einander dabei immer wieder mit einem Smart-Phone; Projektionsflächen sind die vier Podeste. Hin und wieder versuchen die Performerinnen die Botschaften in Witze zu verpacken, Variationen der bekannten nicht besonders lustigen Glühbirnen-Scherze (wie viele… braucht man zum Wechseln einer solchen) kommen ebenso wie der auch schon mit sehr langem Bart „Wieso kann eine Frau nur mit links schlagen? Weil sie keine Rechte hat…“

Der allerdings alle bereits errungenen, erkämpften Rechte damit Beiseite schiebt und im Widerspruch zum Wunsch, in einem Land der Nicht-Erwachsenen leben zu wollen. Es gibt zwar die Kinderrechtskonvention seit 1989, aber Rechte von Kindern sind wohl kaum realer umgesetzt als jene von Frauen.

kijuku_heinz

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen
Szenenfoto aus "Die Ersten Von den Frauen, die die Welt entdeckten"

Spannende Entdeckungsreisen auf den Spuren von Pionierinnen

Wer waren nun mal Valentina Tereschkowa, Ida Pfeiffer oder gar Felicity Aston und Jeanne Baret? Auch wenn mittlerweile das erste Viertel des 21. Jahrhunderts vorbei ist, werden Frauen und ihre Leistungen – in den meisten Ländern – nicht als gleichwertig wahrgenommen. Das Linzer Theater des Kindes – mit Premiere beim aktuellen, dem 13.,  Schäxpir-Festival – stellt in „Die Ersten“ die genannten vier Frauen – stellvertretend für viele ihrer Geschlechtsgenossinnen – dem Publikum auf spannende in unterschiedlichen Szenen vor.

Simone Neumayr schlüpft in dieser guten Stunde in die Rollen der doch nicht unbekannten Kosmonautin und damit ersten Frau im Weltall, der doch einigermaßen bekannten Reise-Schriftstellerin, der ersten Frau, die allein die Antarktis durchquerte und jener Naturforscherin, die aber kaum bekannt ist und als erste Frau an Bord eines französischen Schiffes 1766 die Welt umsegelte – als Mann verkleidet, anders wäre ihr das nicht möglich gewesen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Ersten Von den Frauen, die die Welt entdeckten“

Forschende Erzählerin

Bevor sie mit wenigen Handgriffen, einem Seil sowie einem großen weißen Stoff Segelschiff, Eiswüste, aus einer Metallkiste eine Weltraumkapsel (Bühne: Michaela Mandel) erschafft und zentrale Lebensstationen der vier Pionierinnen in Worten und Schauspiel erzählt, taucht sie als Suchende auf. Mit Schmetterlingsnetz, breitkrempigem Tropenhut und einer Art Geigerzähler taucht sie aus dem „Bauch“ des Theaters auf den der Blick dank des ausnahmsweise weggezogenen schwarzen Vorhangs freigegeben wird, auf. Leicht verwirrt blickt sie sich um.

Perdita Polaris, so ihr Name, ist Sammlerin von Geschichten, vor allem über Menschen, die forschen, entdecken… und selber vergessen wurden, verloren gegangen oder weniger bekannt sind. (Perdita kommt übrigens aus dem Italienischen und steht für Verlust, leck, undicht…). Doch ihre bisherige Sammlung besteht praktisch nur aus Forschenden mit Bart 😉

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Ersten Von den Frauen, die die Welt entdeckten“

Frau mit Bart

Und damit stößt sie auf ein Bildnis von einem jungen Menschen mit Schnauzbart, wird stutzig, das Gesicht zeige doch eine Frau. Und damit führt sie das Publikum in die Geschichte der Jeanne Baret, die nicht nur, verkleidet mit dem Vornamen Jean, als Assisteint(in) und Freundin des Naturforschers Philibert Commerson auf den Schiffen Boudeuse und Étoile als erste bekannt gewordene Frau die Welt umsegelte. Die Botanikerin erforschte zahlreiche Pflanzen. Erst rund 250 Jahre später wurden ihre Leistungen anerkannt – einige französische Städte benannten Straßen nach ihr, 2012 und 2023 wurden Pflanzen(gattungen) nach ihr benannt und im Vorjahr anlässlich der Eröffnung der Olympischen Spiele in Paris wurde für sie – sowie für neun andere Frauen aus der französischen Geschichte – eine Statue aufgestellt.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Ersten Von den Frauen, die die Welt entdeckten“

Weltraum und kompliziert

Die vielleicht bekannteste – wenn auch nicht unbedingt dem Namen nach – ist die erste Frau im Weltall. Valentina Tereschkowa, Textilarbeiterin, die sich im Abendstudium zur Technikerin weiterbildete, begeisterte Fallschirmspringerin war, umkreiste 1963 an Bord der Raumkapsel Wostok 6 drei Tage lang die Erde.

Ihre Popularität in der Sowjetunion und bald danach darüber hinaus als Pionierin setzte sie danach viele Jahr(zehnt)e für Gleichberechtigung von Frauen ein. Schlug sich später auf die Seite Waldimir Putins, beantragte in der Duma (dem russischen Parlament) eine Verfassungsänderung, damit er länger als die auf zwei Amtsperioden begrenzte Zeit herrschen könne, unterstützte den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine.

Letzteres thematisiert das Stück und lässt die Protagonistin fast ratlos zurück: „alles so kompliziert!“ – einerseits Pionierin, andererseits den Krieg verherrlichen?! Wobei sich noch angeboten hätte zu erwähnen, dass sie zu den Gründer:innen der Junarmija gehörte, einer Organisation, in der Kinder und Jugendliche auf Soldat:innen gedrillt werden.

Aber Perdita Polaris ist ja forschende Geschichten-Sammlerin – da gehört eben auch nicht so Feines in ihre kleinen Büchlein, die sie in einer hölzernen Umhängekiste trägt, und so tut, als würde sie all die erzählten Erkenntnisse per Knopfdruck dort hinein befördern (Kostüme: Anna Katharina Jaritz).

Weltreisende

Ida Pfeffers (1797 – 1858) späte – auch festgehaltenen Weltreise-Erlebnisse (rund ¼ Million Kilometer auf Meeren und mehr als 30.000 km an Land auf vier Kontinenten) und Erkenntnisse hat sie in den längst auch bekannten 13 Reisetagebüchern (in sieben Sprachen übersetzt) veröffentlicht, es gibt auch ein tolles Bilderbuch über sie – Link zu einer Buchbesprechung unten am Ende des Beitrages.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Ersten Von den Frauen, die die Welt entdeckten“

Solistin

Dass forschendes Reisen nicht immer ein Vergnügen ist, nicht selten gerade das Gegenteil – an die Grenzen und darüber hinaus gehen, kann lebensbedrohlich werden und sein. Das schildert die Schauspielerin als Felicity Aston, die 2012 als erste Frau im Alleingang die Antarktis durchquerte. Schnaufen, schleppenden Schrittes, an der Kippe zum Umkippen… – weshalb sie Aston auf die ihr gestellte Frage, ob sie noch einmal so eine Expedition wagen würde, antworten lässt: Sofort, aber nicht alleine. Menschen seien dafür geschaffen, miteinander zu agieren.

Und damit wendet sich die Schauspielerin an die eine und den anderen im Publikum – vielleicht würde Perdita Polaris ja einmal deren oder dessen Geschichte sammeln.

Weiter sammeln, aber verschenkter Schluss

Was ein schöner Schluss (gewesen) wäre. Aber nein, der Regisseur Henry Mason, vertraute offenbar nicht ganz auf diesen spannenden Bogen der Geschichtensammlerin und ihrer vier Pionierinnen – Untertitel „Von den Frauen, die die Welt entdeckten“ – er erfand eine Rahmenstory: Anfangs ertönt aus dem Off eine Stimme (die von Harald Bodingbauer, Assistent der künstlerischen Leitung des Theaters des Kindes): Bedauerlicherweise könne heute nicht gespielt werden, die Schauspieler:innen fehlen… und Perdita Polaris muss zu Beginn sagen, dass sie gar nicht wisse, wo sie sich hier befinde… Dieses doch seltsame Intro – alle wissen ja schon vorher zu welchem Stück sie gekommen sind – muss natürlich noch zu einem Kreis geschlossen werden; worauf viele gar nicht mehr hören.

kijuku_heinz

Compliance-Hinweise: Das Festival Schäxpir hat Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… für vier Tage dieses Theaterfestivals für junges Publikum nach Linz eingeladen.

Ankündigungsfoto zum Stück
Ankündigungsfoto zum Stück „Die Ersten Von den Frauen, die die Welt entdeckten“
Doppelseite aus dem Bilderbuch "Die Komödienschildkröte"

Alle Nationen sind gleich willkommen

Einladung zum 250. Geburtstag! Und das für alle Artgenossinnen und -genossen aus der ganzen Welt. Dies ist der Ausgangspunkt des neuesten Bilderbuchs von Patrick Addai und dieses Mal illustriert von Jokin Michelena. Das uralte Geburtstags„kind“ ist eine Schildkröte. Auf dem Buchcover reitet sie auf einem lustig dreinschauenden blauen Elefanten.

Nach ein paar Seiten rund um Begegnungen der Hauptfiguren mit unterschiedlichsten Schildkröten beginnen in „Die Komödienschildkröte“ Dutzende Seiten mit diesen langsamen, bedächtigen Tieren, deren Panzer in den Farben und Symbolen verschiedenster National-Flaggen leuchten.

Da zwar am Beginn sowie am Ende des Buches die Flaggen (fast) aller Länder der Welt als kleine Bildchen abgedruckt sind, für die großen Fahnen auf den Schildkrötenpanzern aber nicht so viel Platz war, findest du auf sechs Seiten dieses Bilderbuchs „nur“ Umrisse einiger Schildkröten, die du anmalen und mit jenen Flaggen zeichnen und malen kannst, die du gerne hättest und die zuvor noch nicht vorkommen. Oder vielleicht auch mit Fantasie-Flaggen oder jenen deines Lieblings-Fußballklubs oder eines Volleyballteams oder was auch immer.

Innenseite aus dem Bilderbuch
Innenseite aus dem Bilderbuch „Die Komödienschildkröte“ – 13 Sprachen, ein Slogan, der aus einem der erfolgreichen Songs des Reggae-Musikers Lucky Philip Dube stammt, dem der Autor das Buch gewidmet hat

Fast alle Flaggen, 13 Sprachen

Die Botschaft, die der Autor, vermitteln will ist wohl klar, unterstreicht er aber im Gespräch mit Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… nochmals deutlich: Alle (Schildkröten) aus allen Ländern sind (bei diesem Geburtstagsfest) willkommen. Und um diese nochmals hervorzuheben hat er sie im Buch noch ziemlich zu Beginn so ausgedrückt: „Verschiedene Farben ein Volk“ findest du in 13 verschiedenen Sprachen, u.a. Arabisch, Hebräisch, Englisch, Türkisch, Japanisch, Kisuaheli und Ashanti-Twi. Die zuletzt Genannte ist übrigens jene in Ghana weit verbreitete Sprache mit der Addai aufgewachsen ist, bevor er zum Studium nach Österreich gekommen und Linzer geworden ist.

Nächste Lese-Performance

Kommende Woche – am 28. Februar 2025 (Details siehe Info-Box am Ende des Beitrages) wird der Autor dieses sein neuestes Buch (dem allerdings ein wenig Lektorat und Korrektur nicht schlecht getan hätte) in der Wiener Buchhandlung AfriEuroText im Rahmen des Black History Month (Monat der Schwarzen Geschichte) vorstellen. Wie immer wird das nicht nur eine Lesung, Patrick Addai erweckt die Figuren seiner Bücher mit Sprache, Mimik und ganzem Körpereinsatz zum Leben, nicht selten auch von Trommelmusik begleitet.

kijuku_heinz

Hier unten geht’s zu einem Interview mit dem Autor

Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „Die Komödienschildkröte“

Szenenfoto aus "leb' wohl, bohème" im Theater Experiment am Liechtenwerd

Sie war ihrer Zeit weit voraus

„Liebst du mich?“, fragt die unvermittelt zwischen Vorhängen, Licht und Schatten, auf dem Boden herumliegenden Büchern auftretende Solo-Schauspielerin. Wirkt aufs erste, als würde sie die Frage ans Publikum richten, weshalb bei der Premiere auch eine Stimme halblaut „Ja!“ ruft.

Die wirkliche Antwort aber kommt von einer (männlichen) Stimme aus dem Off. Er liebe sie, wisse aber nicht warum, und quäle sich damit herum, dass er das Gefühl habe, seine Zuneigung würde nicht erwidert werden. Seine Stimme ist im Verlauf der rund 1¼ Stunden dann noch einige Male zu hören. Die Frau, um die sich alles dreht, die offenbar (nicht nur) ihm den Kopf verdreht hat ist – Margarete Beutler, immer wieder Grete genannt.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „leb‘ wohl, bohème“ im Theater Experiment am Liechtenwerd

Ausgegraben

Alice Schneider verkörpert diese weitgehend in Vergessenheit geratene Literatin – sowohl Prosa als auch Lyrik und Theaterautorin – und Lebefrau ihrer Zeit (1876 – 1949). Stefanie Elias, neben dem jahrzehntelangen Direktor Erwin Bail die junge Co-Leiterin des ältesten Kellertheaters der freien Szene Wiens (seit 1956), Theater Experiment am Liechtenwerd (Alsergrund; 9. Bezirk), ist bei einer Ausstellung in München auf diese Literatin gestoßen – mehr dazu in einem Interview in einem eigenen Beitrag – am Ende dieses Beitrages verlinkt.

Bogen aus Biografie und Beutlers Texten

Stefanie Elias hat diesen – bis 20. Februar 2025 laufenden – Abend aus der Lebensgeschichte Margarete Beutlers und so manchen ihrer Texte zu einem schlüssigen, runden, immer wieder berührenden, manchmal mit Humor gespicktem, überraschenden Bogen konzipiert und inszeniert. Überraschung, weil Beutler mit vielen ihrer Gedanken, Ansichten und Verhaltensweisen ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus war: Eine selbstbewusste, emanzipierte Frau, die aber auch in Kauf nahm, lieber unter präkeren Verhältnissen leben und ihre Kunst betreiben zu können, als sich in Abhängigkeit – von Männern – zu begeben, um weniger ums Überleben kämpfen zu müssen. In ihren Texten beschreibt Beutler aber nicht nur ihr eigenes Leben, ihre Gefühle, ihre Gedanken zur Welt, sondern sie bezeichnet sich auch als „Sammlerin von Lebensgeschichten“, mit denen sie die Gesellschaft anschaulich und sozusagen im Kleinen das Große beschreibt. Immer wieder dringt durch, dass sie sich nicht unterkriegen lässt: „Muss möglichst häufig lieben und das Fasten anderen lassen!“

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „leb‘ wohl, bohème“ im Theater Experiment am Liechtenwerd

Unsichtbarer Bogen zu heute

Alice Schneider ist auf der Bühne diese eigenständige, widersinnige, lebenslustige Frau von vor rund 100 Jahren und transportiert, ohne dass da irgendetwas aktuelles hinzugefügt werden müsste, dass diese Haltung heute rundum wieder bedroht ist. Erreichtes in Sachen Emanzipation da und dort weltweit zurückgedrängt werden. Diese gesellschaftspolitische Dimension wirkt aber nie und nimmer aufgesetzt, durchzieht einfach die gespielte Lebensgesichte. Die oft mit viel Licht und Schatten arbeitet – nicht zuletzt mit Hilfe eines beim älteren Publikum aus der Schulzeit bekannten für Jüngere seltsam anmutenden Overhead-Projektors (Co-Regie und Licht-Design: Andreas Seidl).

So manches der Stimmungen des Abends wird durch Musik (komponiert von Oliver Steger) ausgedrückt.

Zufall

Ein beeindruckender Abend, der einem großen Zufall zu verdanken ist – wurden doch viele der Gedichte, Prosatexte und Theaterstücke Margarete Beutlers erst Jahrzehnte nach ihrem Tod von einem ihrer Enkel beim Ausmisten des Dachbodens entdeckt. Sie selbst hatte sich mit Aufkommen der faschistischen Herrschaft in Nazi-Deutschland in die innere Emigration zurückgezogen und ging auch nach 1945 nicht mehr mit ihren Texten an die Öffentlichkeit.
kijuku_heinz

Hier geht’s zum erwähnten Interview mit der Regisseurin und der Schauspielerin

Schauspielerin Alice Schneider (links) und Regisseurin Stefanie Elias (rechts) beim Applaus

Licht und Schatten des Künstlerinnen-Lebens

KiJuKU: Wie seid ihr auf Margarete Beutler gestoßen? Die ist ja heute völlig unbekannt, in Vergessenheit geraten…
Stefanie Elias: Ich bin wieder mal wie bei der letzten Produktion auf die Suche nach Autorinnen gegangen, weil ich gerne aufzeigen will, dass es immer Frauen gegeben hat, die geschrieben haben. Mir ist dann eingefallen, dass es vor einem Jahr in München eine Ausstellung zu Frauen in der Bohème gab. Da waren drei Frauen im Fokus,  Margarete Beutler war eine davon. Dadurch habe ich sie kennengelernt. Es war eine spannende Ausstellung über mehrere Frauen aus der Bohème-Zeit und wie die damals eigentlich schon gleichberechtigt in dieser Künstler-Bubble unterwegs waren.

Was ist Bohème?

KiJuKU: Was genau versteht man unter dem Begriff „Bohème“, weil ich höre den Begriff zum ersten Mal …
Stefanie Elias: Das war Anfang des 20. Jahrhunderts eine Bewegung, die in den Großstädten entstanden ist, also in Berlin gab es eine große Bohème-Szene, in München und Paris.Alice Schneider: Es waren diese Leute, die „künstlerisch und schlampig“ lebten, nicht so geordnet und sesshaft waren. Stefanie Elias: Die sich auch zum Beispiel gegen die Ehe ausgesprochen, sich vom bürgerlichen Leben distanziert und einfach als Künstler und Künstlerinnen gelebt haben. Eigentlich Underdogs waren. Das klingt heute immer alles sehr romantisch, aber in Wahrheit hatten sie wenig Geld. Alice Schneider: Es gibt zum Beispiel ein tolles Lied von Charles Aznavour „La Bohème“, der diese Zeit besingt. Gegen die Konventionen, mit wenig Geld, aber Kunst.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „leb‘ wohl, bohème“ im Theater Experiment am Liechtenwerd

Zu ihrer Zeit schon bekannt

KiJuKU: Die anderen beiden Frauen sind auch relativ unbekannt gewesen?
Stefanie Elias: Die eine war Franziska von Reventlow, die auch nicht so bekannt ist, und die andere Emmy Hennings, die noch als Partnerin von Hugo Ball und wegen des Dadaismus ein bisschen ein Begriff ist. Ich glaube, dass das alles Frauen waren, die zur damaligen Zeit schon namhaft waren und auch publiziert haben. Alice Schneider: Ja, der Thomas Mann hat Margarete Beutler schon geschätzt. Sie hat in der Zeitschrift „Simplicissimus“ geschrieben.Stefanie Elias: Was ich nicht wusste und was ich spannend fand: Sie hat auch für die Zeitschrift die „Jugend“ geschrieben und nach dieser Zeitschrift hat der Jugendstil seinen Namen bekommen, weil das so eine Epoche-machende Zeitschrift war.

Theatral vorstellbar

KiJuKU: Warum hast du dich dann für die Beutler entschieden?
Stefanie Elias: Ich habe so ein bisschen die Texte durchgelesen und mich haben sie total angesprochen. Dadurch, dass diese Prosa-Kurzgeschichten in der Ich-Perspektive sind, konnte ich mir das theatral gut vorstellen und dass man diese Texte als Monologe nehmen kann. Ich fand sie auch so witzig.

KiJuKU: Du hast ja wahrscheinlich trotzdem extrem eine Auswahl treffen müssen bei der Fülle ihrer Texte. Hast du das dann alleine oder habt ihr das gleich gemeinsam gemacht?
Stefanie Elias: Ich habe alleine die Vorauswahl getroffen und wir hatten dann so bei der ersten Leseprobe noch einige Texte mehr dabei. Nach zwei, drei Runden haben wir gemeinsam ein paar Texte ausgesiebt. Die Auswahl war schwer.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „leb‘ wohl, bohème“ im Theater Experiment am Liechtenwerd

KiJuKU: Du hast vorher schon eine Auswahl gehabt, die du gelesen hast. Im Programmzettel und auf der Homepage steht, dass ja erst viele Texte aus diesen Kisten, die der Enkel gefunden hat, aufgearbeitet und publiziert werden. Hast du dann Kontakt mit jenen gehabt, die das herausgegeben haben und werden?
Stefanie Elias: Ja, ich hatte Kontakt mit dem Herausgeber, allerdings eigentlich erst ein bisschen später. Ich habe von ihm keine Texte, die noch nicht herausgegeben wurden, und keine geheimen Schätze bekommen, außer dass er mir noch Lieder und Liedmaterial zukommen hat lassen. Man findet noch so zwei, drei ihrer Gedichtbände, die ja publiziert wurden, und Texte aus der Kindheit oder die ganzen Erzählungen aus dem Nachlass. Alice Schneider: Da möchte ich wirklich unbedingt betonen, dass diese Werke nie jemand gesehen hat. Sie hat sie in ihrem verlassenen Heim geschrieben und sie wurden nie publiziert. Erst der Enkel hat 35 Jahre später, als sie das Haus verkauft haben, diese Kisten entdeckt.

Innere Emigration

KiJuKU: Weiß man über den Enkel eigentlich, was ihr Beweggrund war, dass sie damit nix gemacht hat zur Veröffentlichung, nachdem sie vorher schon bekannt war und publiziert hat?
Stefanie Elias: Sie wollte nicht mit dem nationalsozialistischen Regime zusammenarbeiten und nachdem Erich Mühsam, der Anarchist war, umgebracht wurde, hat sie sich total zurückgezogen.

KiJuKU: Sie ist quasi in die innere Emigration gegangen…
Stefanie Elias: Um publizieren zu können, hätte sie Partei ergreifen müssen.

KiJuKU: Aber nach 1945 war sie dann schon zu alt dafür?
Stefanie Elias: Sie ist 1949 in einem Alten- oder Pflegeheim gestorben, also ich glaube sie war zu dem Zeitpunkt dann einfach auch schon vergessen und zu alt.Alice Schneider: Ich glaube, sie wollte dann eigentlich auch nicht. Sie hat sich dann wirklich dieser Bohème entsagt, wie dieses eine Gedicht mit der Zeile „diese schlechte dicke Luft fressen“ darauf anspielt.Stefanie Elias: Wie sie die Bohème-Szene verlassen hat, hat sie schon noch geschrieben und auch publiziert, da ist sie bewusst aufs Land gegangen. Aber ich glaube, sie hat sich Anfang der 30er Jahre vom Publizieren zurückgezogen und dann Mitte/Ende der 40er hat sie nicht wieder damit angefangen. Ich vermute, sie hat sich damit nach Jahrzehnten abgefunden.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „leb‘ wohl, bohème“ im Theater Experiment am Liechtenwerd

Puppenspiel und Schattentheater

KiJuKU: Im Stück wird auch viel mit Licht und Schatten gearbeitet, wie genau kam es dazu? Was waren die Schwierigkeiten dabei?
Stefanie Elias: Es war eine Grundidee, weil ich vom Puppenspiel komme und mit Puppen sowie Schattentheater arbeiten wollte. Es hat sich angeboten, weil in ganz vielen der Texte (wie die erste Gespielin) der „Schatten“ angesprochen wird. Da war es naheliegend, mit Schatten zu arbeiten. Die Schwierigkeiten waren, sich gegen den Andi und die Technik durchzusetzen, weil am Anfang hieß es, das sei so ein Aufwand und da brauche man ganz tolle Scheinwerfer. Aber dann haben wir verschiedene Lichtquellen und Techniken ausprobiert und es ging mit Overhead eigentlich ganz gut.

Woher?

KiJuKU: Wo habt ihr denn den Overhead-Projektor aufgetrieben?
Stefanie Elias und Alice Schneider: Über Willhaben! Von einem Lehrer-Ehepaar.

KiJuKU: Das ist ja auch so eine mehr oder minder aussterbende Technologie.
Alice Schneider: Sie war am effektivsten. Wir haben mehrere Sachen probiert

KiJuKU: Ich habe gedacht, ihr habt dann gleich im Kopf gehabt, dass das über Overhead geht…
Stefanie Elias: Ja, am Anfang habe ich mir schon gedacht, dass es wahrscheinlich, wenn man mit Schattenfiguren arbeiten will, mit Overhead eine ganz gute Lösung ist. Es gab aber auch andere absurde Ideen.

Schauspielerin (links) und Regisseurin (rechts) beim Applaus
Schauspielerin Alice Schneider (links) und Regisseurin Stefanie Elias (rechts) beim Applaus

KiJuKU: Wie war der Vorbereitungsprozess für die Rolle?
Alice Schneider: Also ich habe einen Grundvertrauen in die Stefanie gehabt. Wir haben den ganzen Sommer zusammen Theater gespielt. Jeden Abend, jeden Tag in einem anderen Gemeindebau, 35 Mal (Utopia Theater). Dadurch haben wir uns richtig gut kennengelernt und ich weiß sie sehr zu schätzen. Gegen Weihnachten hat sie mich angerufen und gefragt, ob ich Lust hätte, was mit ihr zu machen. Ich habe mich unglaublich gefreut und sehr geehrt gefühlt. Es war herausfordernd, weil es viel Text gab. Toll war auch, dass ich davor den Oliver gekannt hab, der dann die Musik zu Liedern im Stück komponiert hat. Poesie vertonen ist nicht so leicht und er hat das in kürzester Zeit geschafft.

Haben die Texte gleich angesprochen

KiJuKU: Ja, wie hast du das geschafft?
Oliver Steger: Mich haben die Texte angesprochen und mir ist gleich etwas dazu eingefallen. Es war ein Glücksfall vielleicht.

KiJuKU: Wenn du diese Bücher oder Hefte auf der Bühne aufschlägst, liest du dann wirklich ab oder kannst du alles auswendig und das Reinschauen ist nur fake?
Alice Schneider: Nein, ich könnte nicht eineinhalb Stunden alles auswendig aufsagen, aber mittlerweile kenne ich natürlich schon einige Texte und dann kann ich mich davon lösen. Bei manchen, die komplizierter gestrickt sind, muss ich noch mal hinschauen. Aber vielleicht nach drei Spielwochen kann ich dann alle.Stefanie Elias: Es war logisch, es mit dieser Geschichte mit den Kisten auf dem Dachboden zu verbinden. Sie räumt ihren Nachlass, ihr Lebenswerk, zusammen und liest selber daraus. Alice Schneider: Normalerweise würde man aus den Kisten ausräumen, aber wir haben eingeräumt. Das fand ich eine sehr schöne Idee.

Szenenfoto aus

Allein auf der Bühne?

KiJuKU: Wie ist es eigentlich, allein auf der Bühne zu stehen, auch im Vergleich, wenn man mit anderen spielt?
Alice Schneider: Ja, also jetzt sind ja noch alle da. Die Stefanie, der Andi, der für das Licht zuständig ist, und der Oliver. Also gerade habe ich noch nicht das Gefühl, dass ich allein bin. Ich weiß noch nicht, wie es dann ist, wenn die alle weg sind, kann ich noch nicht sagen. Am herausforderndsten war die Szene mit der Puppe.

KiJuKU: Ist sie dafür angefertigt worden oder habt ihr sie irgendwo eingekauft?
Stefanie Elias: Die habe ich für eine Performance vor einem Jahr gebaut, aber eigentlich auch, um diese Puppentechnik auszuprobieren. Sie war in meinem persönlichen Puppenfundus.

Alice Schneider: Danke, dass ihr da wart.
KiJuKU: Nein, danke, dass du gespielt hast und du, Stefanie, überhaupt auf die Idee gekommen bist!

Stefanie Kadlec

Doppelseite aus dem Bilderbuch "Die Ritter holen Gold"

Wer holt da wirklich das Gold?

„Das ist nichts für Mädchen, Begonia“, meinte der König und Vater des Mädchens den Wunsch der Tochter vom Tisch seines Büros mit Aussicht auf Land und Stadt des Reiches zu wischen.
„Zeig mir, wo das steht!“ konterte die Prinzessin.
Das würde zwar nirgends schriftlich festgehalten, aber „es war immer schon so.“

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Die Ritter holen Gold“

Nicht mit ihr

Da hatte der Herrscher die Rechnung ohne seine Tochter gemacht. Mit einem „du bist so wahnsinnig altmodisch!“ rauschte sie ab, schlug die Tür zu und …

… natürlich wird sie am Ende dieses Bilderbuchs „Die Ritter holen Gold“ ihren Kopf durchgesetzt, und damit den Buchtitel ein wenig Lügen gestraft haben. Das kannst du wohl annehmen – ohne Details zu verraten.

Mutig und listig

Davor aber hat sich Bjørn F. Rørvik (Übersetzung aus dem Norwegischen: Barbara Giller) noch die Begegnung Begonias mit ihren Lieblingsrittern Rosenbusch und Zack einfallen lassen. Die bittet sie um Trainingseinheiten in den Bewerben eines Turniers auf der Klampenburg. Mit einer List will sie – zunächst – unerkannt teilnehmen, denn mutig ist sie sowieso.

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Die Ritter holen Gold“

In buntem comic-artigem Stil zeichnete Camilla Kuhn Ritter, die Prinzessin, ihren Vater und verschiedene Burgen und Wettkämpfe – klassisch ritterliche und einen Extrabewerb, der hier nicht gespoilert wird.

Vater wird klüger

Als Begonia nach ihrer überaus erfolgreicher Teilnahme den Helm lüftet und der Herzog der Klampenburg protestiert, greift Vater und König zu sehr ähnlichen Worten wie sie ihm seine Tochter zu Beginn an den Kopf geworfen hatte 😉

kijuku_heinz

Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „Die Ritter holen Gold“
Sakteboarden für Einsteiger:innen

Friedliche sportliche Wettkämpfe als Beispiel gelungenen Zusammenlebens

Junge Männer – und auch Frauen, davon deutlich weniger – kickten am Wochenende bei brütender Hitze auf den verschiedenen Fußballfeldern. Vom großen Feld über mittlere und kleinere – diese mit hölzernen Banden – bis zu einem Mini-Feld mit aufpumpbarer Begrenzung für die Allerjüngsten liefen sie sich oft sozusagen die Seele aus dem Leib, um den jeweiligen Ball im Tor des anderen Teams unterzubringen.

In der Halle, die fast einer Sauna glich, beförderten Teams gleichzeitig auf vier Feldern die Bälle über Netze im Volleyball-Turnier.

Begegnungen

Diese Ballspiele sind seit dem ersten Mal Bestandteil des Integrationsfestivals „Von Kabul bis Wien“, organisiert vom Verein „Neuer Start“. Zum elften Mal – nur unterbrochen durch die Pandemiejahre – zeigen Hunderte Menschen vor allem solche, die in den vergangenen Jahren aus Afghanistan geflüchtet sind, wie friedliches, gleichberechtigtes Zusammenleben funktioniert. Wobei gerade an den Sportbewerben bunt zusammengesetzte Teams teilnehmen, was das Festival eben zu einer Begegnungsstätte unterschiedlichster Kulturen macht.

Riesen-Reis-Topf

Zum zweiten Mal hintereinander spielte sich das vom Verein „Neuer Start“ organisierte bunte Treiben auf dem Gelände der ASKÖ-Sportanlage samt Halle in der Hopsagasse in Wien-Brigittenau (20. Bezirk) ab. Die besagte Halle, in der sich die Volleyball-Matches abspielten, diente am Samstagabend auch für Musik- und Tanzdarbietungen sowie Auftritte in Trachten verschiedener Regionen Afghanistans. Natürlich durfte auch – wie alle Jahre – Kulinarik nicht fehlen – traditionelle Gerichte aus diesem Land. Gewaltig der Riesen-Topf mit Reis!

Skateboards vor allem für Anfänger:innen

Das diesjährige Festival brachte aber auch eine neue Aktivität. Unterstützt von Mitarbeiter:innen der Initiative „Skate 4 Fun“ konnten Skateboards – natürlich samt Helm, Knie- und Ellenbogen-Schützern – ausgeborgt und erste Schritte auf die rollenden Bretter gemacht werden. Was vor allem sehr junge Kinder, darunter sehr viele Mädchen, nutzten. Anna erzählt Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…: „Ich hab im Internet Skateboard-Videos gesehen, das wollte ich auch machen. Hier kann ich das ausprobieren.“ Sie und ihre Freundin Roxana standen das allerallererste Mal auf Skateboards. Anfangs noch an der Hand von erwachsenen Helfer:innen des Vereins, kamen sie eine halbe Stunde später schon ganz allein nach einer Runde um den Fußballplatz auf den Reporter zu. Und bedrängten den Journalisten: „Du musst das auch probieren, ich helf dir“, meinten beide abwechselnd. Was blieb mir anderes übrig. Aber angstfrei waren die ersten Roller nicht gerade 😉

Der Spruch zur Gleichberechtigung auf einigen T-Shirts
Der Spruch zur Gleichberechtigung auf einigen T-Shirts

Barabari – Gleichberechtigung

Neu waren auch die T-Shirts einiger der Mitarbeiter des Festivals. Männer in schwarzen Leiberln mit der Aufschrift „Barabari“ / Gleichberechtigung auf dem Rücken und dem Zusatz: „Das Patriarchat schafft sich nicht von selbst ab!“

Neben dem jährlichen großen Wochenend-Festival mit Sport, Kultur, Essen und Begegnungen organisiert „neuer Start“ seit fast zehn Jahren Workshops nicht zuletzt für Männer, ihre eingelernten, traditionellen Rollen zu hinterfragen – Frauen übrigens ebenso – Link zu einem Bericht eines Workshops für Männer weiter unten; ein weiterer Link zu einer Reportage über sportliche Angebote auch unter dem Jahr.

Pass-Egal-Wahl

Gemeinsam mit SOS Mitmensch fand beim Festival auch die „Pass-Egal-Wahl“ statt. Menschen, die schon lange in Österreich leben, aber nicht wählen dürfen, haben dabei die Möglichkeit wenigstens symbolisch auch ihre Stimme abgeben zu können. „Das Festival hat sich als bedeutendes Symbol für erfolgreiche Integration und den Abbau von Vorurteilen etabliert. Wie viele andere Projekt, die aus den Communities selbst kommen, zeigt es, wie Geflüchtete durch gezielte Unterstützung und aktives Engagement einen positiven Beitrag zur Gesellschaft leisten können“, findet Shokat Walizadeh, Projektleiter von „Neuer Start“.

Männer mit Fluchthintergrund

Ali Rezae, Obmann des Vereins ergänzt: „Männer, die im Krieg geboren und aufgewachsen sind und es nach einem schweren Fluchtweg hierhergeschafft haben, brauchen von Beginn an Unterstützung. Aus unserer eigenen Erfahrung wissen wir, wie wichtig es ist, Inklusion von Anfang an zu fördern. Genau deshalb setzen wir uns intensiv für die Integration und das Wohlbefinden dieser Menschen ein.“

Beide bedauern, dass derartige Initiativen allerdings nicht jene Unterstützung bekommen, die sie bräuchten, um ihre Workshops noch stärker und breiter anbieten zu können. Und so „nebenbei“ würden diese positiven Beispiele mindestens so viel Öffentlichkeit verdienen wie Beispiele einzelner Gewalttäter oder gar Deals mit den radikal-islamistischen Machthabern Afghanistans, die Mädchen Bildung und vieles mehr verbieten.

Follow@KiJuKUheinz

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Neuer Start -> Von Kabul bis Wien

Szenenfoto aus "Amazonen"

Von Amazonen bis Pussy Riot

Eine schauspielende Erzählerin, ein großer Tisch mit vielen Legofiguren und Bausteinen, zwei Lampen, eine Kamera und ein großer Screen daneben. That’s it. Hier spielt sich im Theater in einer Art spannenden Schulstunde eine mythologische sowie eine (fast) historische Geschichte – beides hin und wieder mit aktuellen Bezügen – und fallweise auch im Zweigespräch mit den Kindern ab. Alles dreht sich dabei um den Kampf von Frauen um Selbstbestimmung und Gleichberechtigung.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Amazonen“

„Amazonen“, eine von den Wiener Festwochen aus Spanien eingeladene Produktion („Agrupación Señor Serrano“) in deutschsprachiger Regie (Jofre Carabén) und Spiel (Nora Jacobs) macht Hippolyta, die als Kind Architektin werden wollte, ebenso lebendig wie ihre engste Freundin Antiope. Irgendwann im Erwachsenenalter erwachen ihre Kindheitsträume wieder und sie haben es satt zu kochen, putzen, Kinder zu betreuen und so weiter. Sie machen sich – um rund 550 vor unserer Zeitrechnung – mit weiteren Frauen, die ähnlich empfinden und denken auf den Weg in Richtung Kaukasus ans Schwarze Meer und gründen in der Gegend der heutigen Nord-Türkei ihr eigenes demokratisches Gemeinwesen.

Die Herrscher im antiken Athen bekommen davon Wind, schicken eine Erkundungsmission mit Königssohn Theseus und seinem Freund Herakles (Herkules). Ersterer entführt Hippolyta. Die Amazonen wollen sie zurückholen. Verhandeln hilft nicht…

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Amazonen“

Figurenspielerin, Erzählerin, Kamera- und Lichtfrau

Die genannte Performerin führt nicht nur die Legofiguren durch die verschiedenen Welten, sich richtet auch die kleine Kamera ein, die das Geschehen auf die große Wand überträgt und justiert obendrein die beiden Lampen, um die der Szene angemessene Lichtstimmung zu erzeugen. Und sie tritt zu Beginn und fallweise zwischendurch ins Gespräch mit den Kindern – die Vorstellung ist ausschließlich für ein Publikum zwischen 6 und 12 Jahren (bei Klassen dürfen Lehrpersonen mit, da sie die Aufsichtspflicht haben und einige Journalist:innen durften ausnahmsweise auch in Vorstellungen).

Und da zeigt sich, dass viele der jungen Zuschauer:innen – zumindest in jener ersten Aufführung, die Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… besuchen durfte, ein ziemlich gutes Gefühl für die Ungerechtigkeiten der Einteilung in sogenannten Frauen- und Männerarbeiten bzw. angebliche Mädchen- und Bubenspiele haben.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Amazonen“

2000 Jahre später

Nach rund einer halben Stunde ist die Geschichte der Amazonen vorbei. Nicht ganz; Das Stück hängt als zweite, kürzere Einheit tatsächliche, ein wenig zurechtgebogene, Ereignisse ca. 2000 Jahre später an. Mitte des 16. Jahrhunderts sind spanische Eroberer in Südamerika unterwegs. Einer der bekanntesten ist Francisco de Orellana. Der wollte für seinen König einerseits Zimt und andererseits Gold nach Hause holen. Als er auf Indigene traf, denen er Zimt abkaufen wollte, konnte er es nicht fassen, dass er mit Frauen verhandeln sollte. Es kam zu Kämpfen mit heftigen Pfeilschüssen der Frauen – weshalb ihnen die Spanier – dem antiken griechischen Mythos nach die Bezeichnung Amazonen verpassten – und später gleich den ganzen riesigen Fluss und den Regenwald Amazonas nannten.

Hin und wieder sind in den Regenwald und andere Szenen Fotos von Demonstrant:innen, Protestierenden mit Masken und Wollhauben zu sehen. Aus den vergangenen Jahr(zehnt)en (Guerilla Girls, Pussy Riot) – um eine Brücke von den Amazonen zu noch immer nötigen aktuellen Kämpfen möglichst vieler Menschen (nicht nur von Frauen) gegen Männer-Herr-schaft (Patriarchat) zu bauen. Und der Botschaft: Alle Menschen, egal welchen Geschlechts, können Amazonen sein!

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Amazonen“

Ungeklärte Namens-Herkunft

Auch wenn im pädagogischen Begleitmaterial zum Stück behauptet wird, Amazonen würde „genau genommen Stadt ohne Männer bedeuten“, heißt es auf der Online-Enzyklopädie wikipedia, dass die „Herleitung des Namens umstritten und bis heute ungeklärt“ sei. Manche führen es „auf das griechische a-mazos (ἀμαζός „brustlos“) zurück; denn die Amazonen sollen ihren kleinen Töchtern die rechte Brust verstümmelt haben, damit diese später den Bogen ungehindert abschießen konnten. Allerdings wurden Amazonen in den griechischen Darstellungen gewöhnlich mit zwei Brüsten wiedergegeben und nach Philostrat wurden sie nur nicht an der Brust gesäugt.“

Eine andere griechische Herleitung gehe auf a-maza (ἀμᾶζα „brotlos“) zurück, da sie vor allem Fleisch aßen. „Ebenfalls wurde an eine Herleitung von zone (ζώνη „Gürtel“ von ζώννυμι „gürten“) gedacht. Ama-zone bedeutete demnach etwa „wohlgegürtet“ und hätte auf die Tracht der Amazonen angespielt, die sich so auch im Mythos vom Raub des Gürtels der Hippolyte durch Herakles widerspiegelt. Erwogen wurde auch eine Zusammensetzung aus hama und zosai (ἅμα ζῶσαι) im Sinne von „zusammen lebend“.

Follow@kiJuKUheinz

wikipedia -> Amazonen

Doppelseite aus dem Papp-Bilderbuch "Maya" über Maya Angelou

Mutmacherin schon in einem Papp-Bilderbuch

Kürzlich wurde hier auf dieser Seite das Kinderbuch über die Autorin, US- Bürgerrechtskämpferin Maya Angelou, die in ihrem Leben auch eine Reihe anderer Berufe ausgeübt hat, besprochen. Davon gibt es mittlerweile noch eine Version für noch jüngere Kinder – ein Papp-Bilderbuch mit ganz wenig Text. Und weniger Seiten. Manches ist auch ausgespart, etwa, dass Maya vom Freund ihrer Mutter vergewaltigt worden war. Die Folge, dass sie daraufhin längere Zeit sprachlos wurde, kommt hingegen schon vor.

Das Papp-Bilderbuch ist wie das größeren „Geschwisterkind“, das hier schon vorgestellte Bilderbuch – Link dazu weiter unten – ebenfalls in der Mutmach-Serie „Little People Big Dreams“ (Kleine Leute große Träume“ erschienen. Die Illustrationen sind die selben (Leire Salaberria), der englische Originaltext stammt von der selben Autorin (Lisbeth Kaiser), nur die deutschsprachige Übersetzung wurde von wem anderen (Silke Kleemann) bewerkstelligt.

Doppelseite aus dem Papp-Bilderbuch
Doppelseite aus dem Papp-Bilderbuch „Maya“ über Maya Angelou

Und es endet gleich wie das für etwas ältere Kinder: Maya Angelou las zur Amtseinführung von US-Präsident Bill Clinton ein Gedicht vom Redepult vor dem Weißen Haus in Washington aus.

Das Tanztheaterstück mit Live-Musik „Das Leben macht mir keine Angst“, das auf einem der berühmten Gedichte von Maya Angelou basiert – für Kinder ab 6 Jahren – wird im Jänner wieder im Dschungel Wien gespielt – Link zur Stückbesprechung weiter unten.

Follow@kiJuKUheinz

Titelseite des Papp-Bilderbuchs
Titelseite des Papp-Bilderbuchs „Maya“ über Maya Angelou
Collage aus den Zeichnungen der Sieger:innen aller vier Altersgruppen beim Unicef-Ideenbewerb "Denk dir die Welt"

Unsere Welt ist kunterbunt – und so soll es sein!

„Unsere Welt ist kunterbunt
und jeder ist froh und gesund
im Körper und im Geiste.
Wir wissen auch das meiste.
Ein jeder hat den anderen gern,
egal ob Nachbar oder fern.
Ob dünn, ob dick, ob breit, ob schmal,
schwarz, weiß, rot, gelb ist ganz egal
.
Ob lesbisch, hetero oder schwul
wir finden wirklich jeden cool.
Nahrung ist für alle da:

Das ist doch wirklich wunderbar.
Das wäre unsere ideale Welt,
So wie sie uns sehr gut gefällt.“

Dieses Gedicht – handgeschrieben und jedes Wort in einem bunt umrandeten Feld, dazu noch gemalte Bilder der Weltkugel, eine Waage im Gleichgewicht, eines Kindes im Rollstuhl mit einem Teddybären in den Armen, einem fröhlich tanzenden einarmigen Mädchen und etlichen Hashtags, die für Gender-Gerechtigkeit, Menschenrechte, gegen Diskriminierung usw. stehen … – mit dieser Zeichnung plus Gedicht reihte sich die 13-jährige Cora in Lieste der Gewinner:innen der dritten Auflage des Kreativbewerbs „Denk dir die Welt“ der Österreich-Sektion des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen, Unicef, ein. Sie belegte den dritten Platz in der Altersgruppe der 11- bis 13-Jährigen.

„Ich wünsche mir Frieden – für immer und für alle. Manchmal bekomme ich Angst, wenn ich Nachrichten vom Krieg höre. Das muss aufhören!“
Corinna, 12 Jahre

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Grenzenlose Vielfalt

Buntheit und Vielfalt dominierten viele Bilder. Sabrina (16), die mit „Meine Welt“ den zweiten Platz in ihrer Altersgruppe (14 – 17) belegte, erklärte auf der Bühne ihr Anliegen so: „Mein Bild ist ein farbliches Durcheinander“ – auf die Zwischenbemerkung der Moderatorin „das macht nix“, meinte die Jugendliche aber „das ist ja genau der Sinn, weil unsere Gesellschaft ist eben ein gemischtes Durcheinander. Es ist eben jede und jeder anders…“ Außerdem habe sie bewusst keine Ländergrenzen auf ihrer Weltkarte eingezeichnet. Es sei eben eine Welt und mit ihrem Bild wolle sie bestärken, „dass wir alle zusammenhalten sollen“.

Werke der Gewinner:innen

Die Bilder aller jeweils fünf Gewinner:innen in den vier Altersgruppen – sowie Screenshots der jeweils vier Text- bzw. Video-Gewinner:innen sind hier auf dieser Seite in Bilder-Galerien veröffentlicht.

Jüngste Gewinner:innen

Beste Bilder der 9- bis 10-Jährigen

Top-Werke der 11- bis 13-Jährigen

Älteste Gewinner:innen (14 bis 17 Jahre)

Sonderpreis

Die besten Texte

Die vier von der Jury ausgezeichneten Texte hier als Fotos, den Text des Siegers, Sebastian Knap (14), darf Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… in voller Länge – leichter als hier unten lesbar – veröffentlichen; der Übersichtlichkeit wegen in einem eigenen Beitrag, der weiter unten verlinkt ist.

Hier geht’s zum besser lesbaren Text „Club der Außenseiter“ von Sebastian Knap (14)

Ideen-Katalog mit 126 Werken

Noch viel mehr als die prämierten Werke – wie immer fiel die Auswahl sehr schwer (KiJuKU war auch Teil der Jury) – gibt es im Ideen-Katalog von Unicef, nämlich 126 Bilder bzw. Texte. Die ersten gedruckten Exemplare wurden am Freitag (25. November 2023) bei der Gala in der Erste-Bank-Hall, wo die besten der jungen Kreativen ausgezeichnet wurden, überreicht. Und diesen Katalog mit … Arbeiten gibt es auch online – bei den Screenshots aus den Videos jeweils dabei ein QR-Code, der zum jeweiligen Video führt.

„Ich bin zu schüchtern, um meine Wünsche laut rauszuschreien. Durchs Zeichnen konnte ich zeigen, was mir wichtig ist. Es war sehr schön dabei sein zu können! Es ist gut, dass Erwachsene auch mal auf Kinder hören!“
Nico, 8 Jahre

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Kinder und Jugendliche in der Jury

In der Jury, die aus allen – analog und digital – eingesandten Arbeiten die Top-Werke aussuchte, waren übrigens erstmals Kinder und Jugendliche aus allen vier Alterskategorien: Nico (8), Jakob (11), Luisa (13) und Nusaiba (17). Diese vier hatten zuvor bei der zweiten Ausgabe des Bewerbs Top-Plätze belegt. Kinder und Jugendliche waren auch Teil der beiden Diskussionsrunden zu „Frieden & ein gutes Miteinander“ sowie über „Klima- und Umweltschutz“. In Letzterer, in der auch die Umweltministerin Leonore Gewessler saß, verlangten vor allem die beiden Jugend-Delegierten bei der diese Woche in Dubai beginnenden 28. Welt-Klimakonferenz (COP – Convention on Climate Change) Jasmin Lang und David Jablonski, dass auch Österreich im Umweltbereich „seine Hausaufgaben“ machen muss. Immerhin warten alle seit mehr als 1000 Tagen auf ein Klimaschutzgesetz.

„Dass keine Papas und Kinder in den Krieg ziehen müssen, und andere auch nicht. Keine Kriege mehr und, dass der Frieden zurückkehrt.“
Michael, 12 Jahre

Themen-Hitliste

Klima- und Umweltschutz waren auch die meisten der Einsendungen gewidmet, gefolgt von Frieden & gutem Miteinander; Freundschaft, Zusammenhalt, Familie und Solidarität. Viele der Werke – ob in Bildern, Texten oder Videos durchzog auch der Wunsch, dass alle Menschen gleichwertig behandelt, niemand diskriminiert und ausgegrenzt wird. Und dabei gehe es um Chancen-Gerechtigkeit und nicht (nur) Gleichheit. Am besten drückten das ein Vergleichsbild aus, für das Muhammed Amir, Ahmad und Ismael aus einer Flüchtlingsunterkunft des Roten Kreuzes Anleihe bei einem bekannten Cartoon genommen haben. Unterstützt vom Graffitikünstler Manuel Skirl malten sie auf dem rechten Bild drei unterschiedlich große Menschen auf gleich hohen Kisten, die über eine Bretterwand schauen wollen. Und die drei gleichen Menschen – der Größte braucht gar keine Kist, der kleinste Mensch steht dafür auf zwei Kisten und kann auch drüber schauen!

Zu diesem Thema meinte vor allem Lisa Wolfsegger von der asylkoordination, dass endlich in Österreich alle Kinder und Jugendlichen gleichbehandelt werden sollten – also auch jene, die hier ihre Zuflucht finden. Wofür es besonders starken Applaus gab.

Musikbeiträge

Kräftigen Beifall gab es auch für Yara-Lucia (9) und die gleichaltrige Amira, die ihre Songs aus ihren Videos live auf der Bühne performten. Musikalisch wurde übrigens auch eröffnet, von drei Sängerinnen mit dem Song „Past-Self“ aus dem Projekt „Demokratie, was geht?“

Follow@kiJuKUheinz

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen
Titelseite des neuen Denk-dir-die-Welt-Ideenkatalogs
Titelseite des neuen Denk-dir-die-Welt-Ideenkatalogs

unicef.at/ – Ideenkatalaog 2023

Rebels of Change Jugendforum 2023 im Kulturareal Brotfabrik

Zukunft ist jetzt – Nachhaltigkeit unterschätzt

Es ist 2023 und die Zukunft ist jetzt
Noch immer wird Nachhaltigkeit unterschätzt
Mit kritischen Stimmen stellen wir fest
Unsere Forderungen brauchen ein Manifest
Wir junge Rebell:innen haben vieles zu sagen
Es liegt der Kurs der Entwicklungsziele im Argen
Unser Jugendforum fördert zu Tage

Wir befinden uns in einer kritischen Lage

Das sind acht von 156 – gereimten – Zeilen, die rund zwei Dutzend Jugendliche Anfang Oktober am Ende eins zweitägigen intensiven Gedankenaustausches und künstlerischer Workshops in Gruppenarbeiten in ihrem „poetischen Manifest“ formuliert haben. „Rebels of Change“ nennt sich das Jugend-Forum, zu dem die entwicklungspolitische NGO (Nicht-Regierungs-Organisation) „Südwind“ immer wieder Jugendliche selbst einlädt, um deren eigene Standpunkte zu erarbeiten und vorzustellen.

Zwei Dutzend Jugendliche und junge Erwachsene setzten sich ein Wochenende lang intensiv vor allem mit sechs der 17 von der UNO gemeinsam beschlossenen Nachhaltigskeitsziele (Sustainable Development Goals – SDG) auseinander, die sie zu Beginn selbst ausgewählt haben. Diese sechs SDG-Ziele (Link zum Wikipedia-Artikel über alle 17 SDG-Ziele am Ende des Beitrages) waren:
1 – Keine Armut
3 – Gesundheit und Wohlergehen
4 – Hochwertige Bildung
5 – Geschlechter-Gleichheit
12 – nachhaltige/r Konsum und Produktion
13 – Maßnahmen zum Klimaschutz

Rebels of Change Jugendforum 2023 im Kulturareal Brotfabrik
Foto aus dem Skulpturen-Workshop

Kreativ umsetzen

Für ihr zum Abschluss entstandenes Manifest schreiben sie zunächst zu diesen auf, wie sie den derzeitigen Zustand – in der Welt, aber nicht zuletzt in Österreich sehen, um daraus in der Folge Forderungen abzuleiten und letztlich die Stichworte und Sätze zu reimen.

Davor hatten sie an den beiden Tagen schon ihre Gedanken – aufgeteilt – in drei künstlerischen Workshops erarbeitet und zum Ausdruck gebracht: Schauspiel (mit Joschka Köck vom Theater der Unterdrückten), Comic-Illustration (Esma Bošnjaković – Sturdelworte) und Bildhauerei (Osama Zatar), die in den vergangenen Monaten auch mit Jugendlichen für das Festival „DWG – Demokratie, was geht?“ gearbeitet hatten.

Über den zuletzt genannten Workshop erzählt Nicola im Interview mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…:
Nicola: Ich habe mich dem Bildhauerei Workshop gewidmet. Das war mir am weitesten entfernt und das habe ich als Möglichkeit gesehen, einmal hineinzuschnuppern.

KiJuKU: Wie habt ihr diese Hände im Workshop gemacht?
Nicola: Erstmal haben wir unsere Hand in ein Gefäß gegeben, wo wir eine silikonartige Substanz eingefüllt haben. 10 Minuten dauert es bis sie trocknet und dann ist ein Abdruck von unserer Hand in diesem Silikon entstanden. Diesen haben wir dann mit Gips gefüllt und das getrocknete Silikon aufgeschnitten. Unser Ziel war es, viele dieser Forderungen, die wir an die Politik haben, kreativ darzustellen. Mir war das Recht auf Bildung sehr wichtig. Deswegen habe ich eine Hand gemacht, die einen Stift haltet als Symbol für die Schulbildung.

Was an den Spruch der jüngsten Friedens-Nobelpreisträgerin (mit 17 im Jahr 2014) aller Zeiten Malala Yousafzai erinnert: „Ein Kind, ein Lehrer, ein Stift und ein Buch können die Welt verändern.“

Zum ausführlichen Interview mit Nicola geht es hier unten.

Skulpturen

Zu den einzelnen Skulpturen formulierten die neuen Bildhauer:innen ihre Forderungen, zur Bildung etwa: „Wir fordern kreativere Menschen im Bildungswesen. Wir fordern eine Erneuerung des Bildungswesens, sodass es sinnvoll an heutige Bedürfnisse angepasst ist.

Hier nun die anderen Skulpturen – sowie jene Forderungen für die sie stehen:

Eine kämpferisch erhobene Faust, die die Erde hält steht für „Wir fordern, dass Klimaschutz gesetzlich verankert wird!“

Die Hand einer wohlhabenden Person (symbolisiert durch Ringe) hält die meisten Münzen in der Hand, die anderen Hände strecken sich danach aus und haben selbst zu wenig. Das steht für die Forderung nach Vermögensumverteilung.

Eine Männerhand, die einen Frauenmund zuhält und eine Frauenhand, die versucht die Männerhand wegzuziehen ist die dreidimensionale kreative Umsetzung der Forderung nach „mehr Frauenrechten“ sowie nach „Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung ohne Vorurteile“.

Schließlich steht eine aufrechte Hand auf einer Eisscholle und hält eine Sanduhr. Damit drücken die Teilnehmer:innen – stellvertretend für alle Forderungen – aus: Die Zeit läuft ab, wir müssen jetzt handeln!

Einige der Comics

Für Comics-Zeichnen hatte sich unter anderem Aeron entschieden, der dazu folgendes meinte:
KiJuKU: Was nimmst du jetzt von den zwei Tagen mit?
Aeron: Dass man Forderungen auch kreativ verarbeiten kann und dass es da Möglichkeiten gibt, an die ich vorher gar nicht gedacht habe. Ich habe mich für Comics entschieden. Es muss nichts Aufwendiges sein, es reichen so simple Sachen, wie ein Strichmanderl.
Das ausführliche Interview mit Aeron gibt es hier unten

Zehn Forderungen für eine nachhaltigere Zukunft

1. Wir fordern mehr Frauenrechte und eine konsequente Umsetzung der Rechte und Sanktionen bei deren Verletzungen!
2. Wir fordern eine Erneuerung des Bildungswesens, sodass es an die heutigen Bedürfnisse sinnvoll angepasst ist!
3. Wir fordern eine Vermögensumverteilung!
4. Wir fordern, dass Klimaschutz gesetzlich verankert wird!
5. Wir fordern kreativere Menschen im Bildungswesen!
6. Wir fordern, dass Geschlechtsidentitäten und sexuellen Orientierungen ohne Vorurteile begegnet wird, sowie einen leichteren Zugang zu medizinischen Möglichkeiten der Geschlechtsänderung und eine Erleichterung von Namensänderungen!
7. Wir fordern zugängliche, nachhaltige Menstruationsprodukte und Verhütungsmittel für alle!
8. Wir fordern eine strengere Bekämpfung von Kinderarbeit und Sklaverei!
9. Wir fordern, dass es keine Massentierhaltung mehr gibt!
10. Wir fordern strengere Tierschutzgesetze!

Zum Poetischen Manifest geht es hier unten

Das Poetische Manifest des
Das Poetische Manifest des „Rebel of Change“ Jugendforums Anfang Oktober 2023

Follow@kiJuKUheinz

Wikipedia-Artikel über die 17 Nachhaltigskeitsziele, SDG