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Szenefoto aus "Matilda's Dream" im Zirkus des Wissens der JKU Linz
Szenefoto aus "Matilda's Dream" im Zirkus des Wissens der JKU Linz
10.10.2026

Zirkus-Spiel um Grenzen für Forscherinnen

„Matilda’s Dream“ zerlegt artistisch, schauspielend, musikalisch – und theoretisch – Patriarchale Machtstrukturen im Wissenschaftsbetrieb.

Drei Leitern, zwei aufgespreizt auf der Bühne, eine im Hintergund zusammengeklappt an der Wand gelehnt, ein Keyboard im Retro-Style rechts sowie ein Schlagzeug und davor eine Ukulele links von der Bühne – aus Publikumssicht. Dann Black, fast absolute Dunkelheit – im Theater natürlich mit Ausnahme des Notlichts. Zirkusmusik, Lichtkreise. Auftritt dreier Akteurinnen in weißen Labormänteln mit schwarzen Doktor:innen-Hüten, den quadratischen flachen Kopfdeckeln, wie sie vor allem aus US-Highschool-TV-Serien bekannt sind (Kostüm: Alina Lugovskaya, Iryna Luhovska). Doch diese haben hier an ihren vier Ecken vier rote Schaumstoffkugeln, Clown:innen-Nasen.

Variantenreiches Spiel

In einem Mix aus naheliegenderweise Clownerie, Artistik, Jonglage, Schauspiel, Tanz, Gesang, Rap (Songs: Barbara Krumay, Anita Tran) und Live-Musik „reiten“ die drei in unterschiedlichsten Szenen in „Matilda’s Dream“ im Zirkus des Wissens der JKU (Johannes Kepler Uni) Linz durch Welt und Geschichte der Wissenschaft (Künstlerische Leitung: Doris Roth, Martina Winkel). Weniger durch einzelne Fachgebiete, vielmehr legen sie das System, die (Macht-)Strukturen frei, wie diese – noch immer zu – oft funktioniert. Als praktische Wissenschafterin (Psychologie) gesellt sich Saskia Lackner mit (erkenntnis-)theoretischen Analysen zu den Performerinnen Isabel Blumenschein, Carmen Yasemin Ipek und Alina Lugovskaya.

Szenefoto aus "Matilda's Dream" im Zirkus des Wissens der JKU Linz
Szenefoto aus „Matilda’s Dream“ im Zirkus des Wissens der JKU Linz

Macho-Verhalten und patriarchale Strukturen

Ipek schlüpft in die Klischeerolle eines angesehenen Mannes im Science-Betrieb, der die Arbeit seiner Kollegin (Alina Lugovskaya) zunächst einmal danach durchschaut, ob auch sein Name vorkommt. Trotzdem schickt er sie mit dem Auftrag für Nachbesserungen zurück. Erst als er ganz oben auf der (Karriere-)Leiter sitzend mit einem Knetball in weiblicher Brustform spielt, lobt er das Paper der „Untergebenen“.

Im Gespräch mit einem manspreading an einer Bühnenkante sitzenden Kollegen (Isabel Blumenschein) bedauert der „Herr Fessa“, „dass man ja gar nix mehr sagen darf“ und lässt blöde Sprüche los, die schon vor Jahrzehnten von vielen als jenseitig kritisiert worden wären. „Natürlich“ lästern sie über Pläne zu Frauenförderung allüberall und besonders in der Wissenschaft, lieber schanzen sie Geschlechtsgenossen an Ausschreibungen vorbei Posten zu…

Szenefoto aus "Matilda's Dream" im Zirkus des Wissens der JKU Linz
Szenefoto aus „Matilda’s Dream“ im Zirkus des Wissens der JKU Linz

Gläserne Decke

Immer wieder analysiert die Wissenschafterin die von ihren drei Bühnenkolleginnen gespielten Szenen als Teil eines Systems – von patriarchalen Machtstrukturen. Benennt sie manchmal mit englischen Fachbegriffen, aber auch mit längst im allgemeinen Sprachgebrauch angekommenen Wortbildern wie „gläserne Decke“ – 1978 von Marilyn Loden erstmals als „Glass-Ceiling“ formuliert. Noch so viel Einsatz, noch so viele Ergebnisse und Erkenntnisse jener, die mindestens genauso leidenschaftlich neugierig, wissbegierig forschen, Thesen aufstellen, verwerfen, neu ansetzen wie ihre männlichen Kollegen. Und oft noch mehr – doppeltes Engagement, Dreifachbelastung. Und dennoch dringen Forscherinnen, Wissenschaftlerinnen viel seltener in Top-Leitungs-Funktionen vor, stoßen an unsichtbare Mauern und Decken. Den Anteil von Frauen an Nobelpreisen nennt das Stück mit acht Prozent. Bei Literatur und Frieden liegt er ungefähr beim Doppelten, für Physik hingegen bei nur zwei Prozent, ORF-on berichtete im Vorjahr, dass doppelt so viele Männern namens John den Physik-Nobelpreis bekommen haben wie insgesamt Frauen. Und das obwohl schon 1903 Marie Curie überhaupt den ersten dieser Preise gewann, die dann als einziger Mensch bisher einen zweiten Nobelpreis – für Chemie – acht Jahre später erhielt – was allerdings erst im Nachgespräch mit dem Publikum zur Sprache kam.

Da fehlt noch was

Während „Matilda‘s Dream“ macht sich beim Rezensenten deutlich das Vermissen von Beispielen für Forscherinnen und Wissenschafterinnen bemerkbar. Wie sie schon in anderen Theaterstücken, Filmen oder (Bilder-)Büchern Bildungslücken geschlossen haben – Links zu einigen Besprechungen unten am Ende des Beitrages.

Szenefoto aus "Matilda's Dream" im Zirkus des Wissens der JKU Linz

Verknapptes Name-Dropping

Das wären doch auch gute Argumente über die allgemeine klare Demaskierung von Herr-schaftsverhältnissen und patriarchalen Strukturen hinaus.  Spät, aber doch kommen auch solche – in Form von gezeichneten Köpfen solcher Frauen samt Namensnennung aber viel zu kurzer und Staccatoartiger Erwähnung ihrer Forschungsgebiete. So fällt unter anderem der Name der „Königin der Physik“, Chien Shuing Wu (1912 – 1997), jener der weltweit ersten Mathematik-Uniprofessorin Sofja Wassiljewna Kowalewskaja (1850 – 1891), die sich außerdem für das Recht aller Frauen auf Ausbildung einsetzte.

Szenefoto aus "Matilda's Dream" im Zirkus des Wissens der JKU Linz
Szenefoto aus „Matilda’s Dream“ im Zirkus des Wissens der JKU Linz

Höhenflüge

Auch der Name einer der drei Mathematikerinnen fällt, die wesentliche Berechnungen für NASA-Berechnungen, unter anderem für die erste Mondlandung ausführten. Sie mussten unter schwierigsten Bedingungen arbeiten, nicht nur, weil das meiste noch händisch im Vor-Computer-Zeitalter erfolgte, sondern sie auch Widerstände männlicher Vorgesetzter überwinden und sogar ewig lange Wege zum weit entfernten Frauenklo auf sich nehmen mussten. „Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“ (2016), basierend auf dem Buch von Margot Lee Shetterly portraitiert Katherine Johnson, Dorothy Vaughan und Mary Jackson und war dreifach Oscar-nominiert. Aber diese Infos kommen nicht vor.

Da die meisten Genannten viel zu wenig bekannt sind, wirkt dies sowie die Einblendung Dutzender weiterer Wissenschafterinnen eher wie ein „Name-Dropping“ mit höchstens „Wowh“-Effekt. Wo leider zu wenig hängen bleibt, auch zu wenig Zeit zur Verarbeitung ist, um selber das eine oder andere nachzulesen.

Szenefoto aus "Matilda's Dream" im Zirkus des Wissens der JKU Linz
Szenefoto aus „Matilda’s Dream“ im Zirkus des Wissens der JKU Linz

Soll nachgeliefert werden

Deshalb fragte Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… nach dem Publikumsgespräch noch eine der beiden Regisseurinnen, die erklärte: „Wir hatten da viel mehr Text, mussten aber leider kürzen. Und wir bereiten Unterlagen für Schulen vor, die das beinhalten.“ Den KiJuKU-Hinweis, dass dies ja auch für andere Besucher:innen spannend wäre und auf der Homepage ja veröffentlicht oder verlinkt werden könnte – auch schon in der Vorbereitung – „werden wir uns anschauen“.

Matilda-Effekt

für den Stücktitel „Matilda‘s Dream“ hat das Team übrigens Anleihe genommen beim „Matilda-Effekt“. Dieser beschreibt laut wikipedia „die systematische Verdrängung und Leugnung des Beitrags von Frauen in der Wissenschaft, deren Arbeit häufig ihren männlichen Kollegen zugerechnet wird“. Dieser – noch immer nicht auf dem Müllhaufen der (Wissenschafts-)Geschichte gelandete – Missstand wurde vor mehr als 30 Jahren (1993) von der Wissenschaftshistorikerin Margaret W. Rossiter so benannt – unter Verweis auf die US-amerikanische Frauenrechtlerin Matilda Joslyn Gage, „die am Ende des 19. Jahrhunderts dieses Phänomen als Erste allgemein beschrieben hat.“

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Szenefoto aus "Matilda's Dream" im Zirkus des Wissens der JKU Linz
Szenefoto aus „Matilda’s Dream“ im Zirkus des Wissens der JKU Linz
INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Matilda’s Dream

Ab 13 Jahren; knapp mehr als eine Stunde

Künstlerische Leitung: Doris Roth, Martina Winkel
Von und mit: Isabel Blumenschein, Carmen Yasemin Ipek, Saskia Lackner, Alina Lugovskaya
Songs: Barbara Krumay, Anita Tran
Voguing: Kateryna Pomeichuk
Kostüm: Alina Lugovskaya, Iryna Luhovska
Licht: Andreas Matejka
Technik: Ejay Withake
Musical Support: Ejay Withake, Felix Bürger

Interviews mit folgenden Wissenschafterinnen: Amrei Bahr, Tanja Bhuiyan, Elisa Bonnin, Ciara Byrne, Anne van der Does, Kristin Eichhorn, Maja Funk, Nourhan Hassan, Marion Jasnin, Ila Tewari Jasra, Barbara Krumay, Amna Mehmood, Jelena Mitrović, Khutaija Noor, Kamila Karolina Slabicka, Barbara Stiglbauer, Doris Weichselbaumer

Dank an Red Sapata Kunst-, Kultur- und Tanzinitiative für die Unterstützung

Wann & wo?

Bis 17. Oktober 2026
Zirkus des Wissens an der JKU (Johannes-Kepler-Universität) Linz:
4040, Altenberger Straße 69
Telefon: 0 732 2468 0
zirkus-des-wissens –> matildas-dream