„Dikh he nna bister“ – „Schau und vergiss nicht“: Protest-Gedenken an die Ermordung von mehr als 4000 Rom*nja und Siti*zze durch die Nazis im KZ Auschwitz in der Nacht von 2. auf 3. August 1944.
Das halbe Dutzend Polizist:innen zeigte sich freundlich erstaunt. Die Uniformierten hatten an diesem Sonntagabend den üblichen vollen Ceija-Stojka-Platz vor der Altlerchenfelder Kirche in Wien Neubau (7. Bezirk) erwartet. Seit 2015 organisieren – vor allem junge – Roma-Aktivist:innen immer am 2. August hier eine Gedenkveranstaltung. Grund und Anlass: Allein in der Nacht vom 2. auf den 3. August ermordeten die Nazis im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz mehr als 4000 Angehörige dieser Volksgruppe.
Heuer gab’s nur einen Info-Tisch mit Roma-Fahne, Kerzen und am bisherigen Redepult hing ein großes Plakat. Unter dem Titel – Motto der alljährlichen Veranstaltungen – „Dikh he na bister – Schau und vergiss nicht“ stand – neben den historischen Fakten samt der Wiederholung der Forderung nach einem zentralen Mahnmal unter anderem dies:
„Trotz der schwindenden Zahl Überlebender steht immer noch kein Denkmal für unsere Toten in Wien. Das ist eine Schande für die Republik. Deshalb stehen wir heute nicht auf diesem Platz. Wir halten keine Reden, denn es ist alles gesagt. Aktivist*innen der HÖR stehen heute dort, wo es ein Denkmal gibt für unsere Toten: in Auschwitz-Birkenau.“
Um aber dennoch nicht auch noch das Gedenken zum Verschwinden zu bringen, organisierten Aktivist:innen dennoch diese Veranstaltung in kleinem Rahmen – natürlich auch mit Sonnenblumen – den Lieblingsblumen der Namensgeberin dieses Platzes. Ihnen hat sie auch eines ihrer Gedichte gewidmet. Ceija Stojka (1933 – 2013) war Schriftstellerin, Malerin, Überlebende dreier Konzentrationslager und sie war eine der ersten, die in ihrer Kunst und im ständigen Austausch vor allem mit Schüler:innen über die Verfolgung und Morde an ihrer Volksgruppe gesprochen, geschrieben und gemalt hat.
die sonnenblume ist die blume des rom.
sie gibt nahrung, sie ist leben.
und die frauen schmücken sich mit ihr.
sie hat die farbe der sonne.
als kinder haben wir im frühling ihre zarten,
gelben blätter gegessen und im herbst ihre kerne.
sie war wichtig für den rom.
wichtiger als die rose,
weil die rose uns zum weinen bringt.
aber die sonnenblume bringt uns zum lachen.
Ceija Stojka (1933 – 2013), veröffentlicht in
„Die Morgendämmerung der Worte. Moderner Poesie-Atlas der Roma und Sinti.
(Die Andere Bibliothek)
In Österreich fielen neun von zehn Rom:nja und Sinti:zze dem faschistischen „Rassen“wahn zum Opfer. Selbst in der zweiten Republik dauerte es bis 1993 – also 48 Jahre nach Ende der faschistischen Terror-Herrschaft – bis sie als Volksgruppe anerkannt wurden. Zum 30. Jahrestag 2023 wurde – fast zehn Jahre nach dem Europäischen Parlament (2015) – der 2. August als offizieller Gedenktag an den Porajmos (Romanes-Pendant zur Shoah / Holocaust an Jüd:innen) vom Nationalrat beschlossen.
Und dennoch blieb – abgesehen von einer Kranzniederlegung Tage davor – die Gedenkveranstaltung an den Aktivist:innen hängen. Jahr für Jahr versprachen die einen oder anderen Politiker:innen der laaangjährigen Forderung nach einem Denkmal nachzukommen.
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… hat – neben Fotos für diesen Bericht auch ein kleines Video von der Protest-Gedenkveranstaltung gedreht und es unterlegt mit der ersten Strophe der Roma-Hymne „Gelem, gelem“ (siehe Info-Box) interpretiert von Ruža Nikolić-Lakatos und „The Gypsy Family“ im Rahmen eines Auftritts beim „Gypsy Festival“ in Mitterdorf 1997.
Gelem, gelem lungone dromenca,
maladjilem e bute Romenca,
barvalenca taj vi e čorenca
taj vi longe xurde šavorenca.
Refrain: Aj, Romalen, aj šavalen!
Ich bin weite Wege gegangen
und habe viele Roma getroffen.
Reiche und Arme habe ich getroffen
und auch ihre kleinen Kinder.
Oh Roma, oh Freunde!
Neben dem Protestzeichen war ein weiterer Grund für die Minimal-Version des Gedenkens: Das Budget aus der Volksgruppenförderung wurde um 80 Prozent gekürzt, die HÖR – Hochüler*innenschaft Österreichischer Rom*nja und Sinti*zze musst ihr Büro schließen und verfügt „derzeit über so geringe Ressourcen wie noch nie“.
„Porajmos“ – das Romanes-Pendant zur Shoah an Jüd:innen – ist auch fast acht Jahrzehnte nach dem Ende der faschistischen Diktatur der Nazi fast so etwas wie ein unsichtbarer Völkermord, dem rund eine halbe Million Menschen dieser Volksgruppen zum Opfer gefallen sind.
Spät, aber immerhin im April 2015 beschloss das europäische Parlament, der 2. August sollte zum europaweiten Gedenktag werden. Anlass ist die sogenannte „Z-Nacht“, in der im Vernichtungslager Auschwitz vom 2. auf den 3. August 1944 auf einen Schlag etwa 4300 Angehörige der Roma und Sinti ermordet worden sind. In Wien wird seit 2015 auf dem Ceija-Stojka-Platz (Wien-Neubau) dieser Mordnacht und dem Völkermord gedacht, immer wieder unter dem Motto: „Dikh he na bister – Schau und vergiss nicht“.
2004 hatte das ukrainische Parlament einen Gedenktag für den Völkermord an Roma beschlossen. Heute gibt es ihn offiziell in einigen Ländern, etwa Polen, der Slowakei und sogar Ungarn, in dem Roma heftig diskriminiert werden, ist es ein amtlicher Gedenktag. Anfang Februar 2023 hat der österreichische Nationalrat einstimmig den 2. August als internationalen Gedenktag ratifiziert.
Am 8. April 1971 beschlossen 23 Vertreter*innen aus 9 Ländern bei der ersten internationalen Roma-Konferenz in London. Dabei sprachen sein sich gegen die Bezeichnungen Gipsy bzw. Zigeuner aus und setzten dem den Begriff Roma entgegen. 1990 bei der vierten Weltkonferenz in Serock (Polen) sprachen sich die Teilnehmer:innen dafür aus, den 8. April zum internationalen Aktionstag zu machen: „Opre Roma! Erhebt euch Roma!“
Dabei beschlossen sie unter anderem eine gemeinsame Hymne: „Đelem, đelem“ bzw. „Gyelem gyelem“ und eine…
… oben: blauer Himmel, unten: grüne Erde sowie ein rotes diese beiden Flächen verbindendes Chakra bzw. Speichenrad
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