Kinder Jugend Kultur und mehr - Logo
Kinder Jugend Kultur Und mehr...
Kundgebung gegen die Einschränkung des Rechts auf Bildung für Frauen in Afghanistan; Jänner 2023, Wien, Stephansplatz
Kundgebung gegen die Einschränkung des Rechts auf Bildung für Frauen in Afghanistan; Jänner 2023, Wien, Stephansplatz
12.08.2026

Fast fünf Jahre ohne Schule, ohne Zukunft

Mitte August jährt sich die erneute Terrorherrschaft der Taliban in Afghanistan zum fünften Mal; EU und Österreich sollen Druck ausüben statt über „technische Gespräche“ das Regime zu „normalisieren“.

„Es sind jetzt 1788 Tage, an denen Mädchen aufwachen und nicht in die Schule gehen dürfen. 1788 Tage, an denen es keine Zukunft gibt, die auf sie wartet…“ So begann Manizha Bakhtari, noch immer afghanische Botschafterin in Österreich, die sich eben nicht von den Taliban abberufen lässt, ihr Online-Statement aus Kanada, wo sie sich derzeit aufhält. Sie war eine der Sprecher:innen bei einem Mediengespräch wenige Tage bevor sich die Wieder-Herrschaft der diktatorischen Terror-Gruppe zum fünften Mal jährt (14./15. August).

Seit nunmehr fünf Jahren „verschwinden“ Mädchen und Frauen aus der Öffentlichkeit Afghanistans. Knapp nachdem die Taliban (wieder) die Herrschaft im zentralasiatischen Land übernommen haben, wurde es das einzige Land weltweit, in dem Mädchen höchstens sechs Jahre Schulen besuchen dürfen. Und auch sonst praktisch fast nur in die eigenen vier Wände verbannt werden. Seit drei Jahren treten Organisationen und bekannte Einzel-Persönlichkeiten wie etwa als bekannteste die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi mit der Kampagne „End Gender Apartheid“ dafür ein, diesen Geschlechter-„Rassismus“ als Verbrechen gegen die Menschlichkeit in internationales Recht aufzunehmen.

Humanitäre Katastrophe

Dies – sowie die insgesamt unerträgliche Menschenrechtslage, das Fehlen von Meinungs- und Medienfreiheit, die katastrophale humanitäre breiter Teile der Bevölkerung mit bitterer Armut bis zu Hungersnot bildeten einen wichtigen Background an Informationen. Ein elf Organisationen (siehe Info-Box am Ende des Beitrages) umfassendes Bündnis, bzw. einzelne Referent:innen haben darauf bei einem Mediengespräch hingewiesen. Anlass:  Der bevorstehende fünfte Jahrestag (14. / 15. August – knapp vor dem Unabhängigkeitstag – 19. August 1919) der Eroberung der Hauptstadt Kabul eben durch die terroristischen Extrem-Islamisten (hier fällt Gendern definitiv weg).

Gefahr der „Normalisierung“

Aber statt dass die internationale Staatengemeinschaft, die EU oder auch Österreich – immerhin ab Jänner für die kommenden zwei Jahre nicht-ständiges Mitglied im ranghohen Sicherheitsrat der UNO – Druck auf die Taliban ausüben, wenigstens die im sogenannten Doha-Vertrag eingegangenen Verpflichtungen einzuhalten, führen sie Gespräche „auf technischer Ebene“, um Kriminelle abschieben zu können. Als Gefahr der Normalisierung der Beziehungen zu den Taliban hatte dies die noch immer amtierende afghanische Botschafterin in Österreich, Manizha Bakhtari, schon mehrfach, unter anderem in einem Interview mit KiJuKU vor rund einem Jahr (unten verlinkt) kritisiert. Auch dieses Mal – online zugeschaltet aus Kanada, warnte sie vor dieser „Normalisierung“. Sie wies aber auch darauf hin, dass nicht nur Mädchen von weiterführender Schulbildung ausgeschlossen sind, sondern viele Buben in neue aus öffentlichen Schulen in Madrasa (religiöse) abgezogen werden, die natürlich unter dem Ideologie-Diktat der Taliban stehen. Ähnliche ideologische Einflüsse existieren im Nachbarland Pakistan (Stichwort Schussattentat auf die spätere jüngste Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai, Anmerkung der Redaktion). Ein Gefahrenpotenzial, dass Europa und die Welt gar nicht im Blick habe.

Übrigens hatte die Botschafterin schon im Frühjahr 2021, als die Taliban bereits weite Teile Afghanistan erobert hatten, davor gewarnt und sich gegen Abschiebungen in ihr Heimatland ausgesprochen – und wurde damals vom österreichischen Außenministerium (Alexander Schallenberg) „einbestellt“, also vorgeladen worden.

Vielfältige Formen des Widerstands

Das Bildungsverbot für Mädchen ab Schulstufe 7 werde in einigen Jahren auch zu einem extremen Engpass in medizinsicher Versorgung führen, wenn jetzige Gynäkologinnen beispielsweise in Pension gehen. Unter anderem darauf wies die Gründerin des Kulturvereins Fivestones und Integrations-Referentin der Grazer Stadtregierung, Masomah Regl hin. Sie erzählte aber auch davon, dass es im Land selbst unterschiedlichste Formen von Widerstand gibt. Einerseits agieren rund 20 bewaffnete Gruppen gegen die Taliban-Herrschaft. Sie kenne zwar nicht alle und deren Programme, aber von einigen wisse sie, dass sie für ein demokratisches Afghanistan kämpfen.

Außerdem gibt es immer wieder auch – selbst unter diesen Bedingungen – Protest auf der Straße, beispielsweise von Frauen in Herat im Juni, der dann brutal gestoppt wurde.

Der wichtigste und am weitesten verbreitete Widerstand laufe aber zivilgesellschaftlich: Einerseits indem Frauen, Mädchen, aber auch junge Männer die Taliban-Regeln umgehen. Und andererseits über Untergrundschulen für Mädchen, die vor allem von der Diaspora im Ausland online stattfindet.

Untergrundschulen

Ein solches Bildungszentrum – Tabish – betreibt von Wien aus Zeba Mirzayee, worüber sie auch bei dem erwähnten Mediengespräch berichtete. Sie schildete aber auch die soziale Situation für viele Menschen im Land mit steigenden Lebensmittelpreisen, medizinischer Unterversorgung einerseits, aber auch über kleine Projekte, die für Hilfe in all diesen Feldern sorgen.

Lukas Gahleitner-Gertz (Sprecher der Asylkoordination und Experte für Asylrecht)
Lukas Gahleitner-Gertz (Sprecher der Asylkoordination und Experte für Asylrecht)

Widersprüchlich

Lukas Gahleitner-Gertz, Jurist und Sprecher der Asylkoordination, zitierte absatzweise auch den offiziellen österreichischen Länderbeschreibungen, wo die Fachleute des Außenministeriums beschreiben, wie furchtbar die Lage in Afghanistan ist. Das führe auch dazu, dass die Schutz- und Asylanerkennungs-Quote für Afghan:innen bei 85 Prozent liege. Gleichzeitig werde um Rückehrentscheidungen und Vereinbarungen mit den Taliban verhandelt.

Wolfgang Petritsch (jahrzehntelanger Spitzendiplomat und Präsident des oiip)
Stehend: Wolfgang Petritsch (jahrzehntelanger Spitzendiplomat und Präsident des oiip)

EU-Vertretung in Kabul

Der jahrzehntelange Spitzendiplomat – und Präsident des ÖIIP (Österr. Institut für internationale Politik) Wolfgang Petritsch sah die Einladungen zu den „technischen Gesprächen“ mit den Taliban überhaupt nicht ein, „weil es in Kabul ohnehin eine EU-Vertretung gibt“, neben der UNAMA (Unterstützungsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan). Die Staatengemeinschaft, insbesondere die EU und Österreich eben als demnächst Sicherheitsratsmitglied mit einer „besonderen Verpflichtung für den Weltfrieden) müsse dringend darauf insistieren, dass die Taliban die Verpflichtung aus dem Doha-Vertrag zu einem interafghanischen Dialog mit allen ethnischen und anderen Gruppen auch der Opposition einzuhalten haben. Druckmittel hätte die EU, immerhin ist sie die größte Spenderin für humanitäre Hilfe im Ausmaß mehrerer hundert Millionen Euro gegen Hungersnot unter anderem bei Kindern. „Und die Taliban wissen auch, wenn diese Hilfe ausfällt, kommt es zur Katastrophe.“

Forderungen nach Verbesserung der Situation für Mädchen und Frauen bezeichnete Petritsch als „Lackmustest“, hier müsse die Staatengemeinschaft ganz dringend „den Druck auf die Taliban erhöhen, immerhin ist Afghanistan der einzige Staat der Welt, der Frauen von allen öffentlichen Aktivitäten ausschließt“.

Landenteignungen

Moheb Mobarez, Obmann der Association of Young Afghan Leaders in Europe“ fügte den schon genannten Entrechtungen, Ungerechtigkeiten, Diskriminierungen … die schon genannt wurden noch hinzu, dass die Taliban auch Menschen zwangsweise umsiedeln, ihnen Land wegnehmen und forderte: „Die internationale Gemeinschaft muss an der Seite der Menschen für eine demokratische Zukunft eintreten, statt dieses Regime zu normalisieren.“

kijuku_heinz

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen
INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Afghanistan

zwischen Iran, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, der VR China und Pakistan; rund 40 Millionen Einwohner:innen; seit Mitte August 2021 herrschen wieder die Taliban diktatorisch, die das Land bereits zwischen 1996 und 2001 kontrolliert hatten; übrigens hervorgegangen aus den von des USA unterstützten Mudschahedin im Kampf gegen die sowjetische Besatzung.

Solidaritätsgruppe Afghanistan

Das Bündnis der österreichischen Diaspora und Verbündeter Organisationen für ein demokratisches Afghanistan umfasst folgende Organisationen: Solidaritätsgruppe Afghanistan, Oxus (Medien Integration Kultur), Jugendkulturverein Azadegan Afghanistan Österreich, Association Youth Afghanistan Leader in Europe, Verein Neuer Start, Katib Kultur- und Sportverein, Bündnis Frau Leben Freiheit, Asylkoordination, Fremde werden Freunde, SOS Balkanroute, Ehe Ohne Grenzen

Unterstützende Organisationen: VIDC – Vienna Institute for International Dialogue and Cooperation und oiip – Österreichisches Institut für Internationale Politik

afghanistan-blog

vidc.org –> frauensolidaritaet-fuer-bildung-und-selbstbestimmung-in-afghanistan

oiip.ac.at

okto.tv –> OXUS, tanya_kayhan