Ausgehend von einem Online-Survival-Format spielt(e) Solo-performer*in auf der Bühne übers Leben, Leber und mit (Männlichkeits-)Klischees.
Mehr als drei Dutzend lange Holzlatten hängen von der Decke der Bühne, Grünpflanzen drauf projiziert und schon macht das Bühnenbild (Bühnenbild, Kostüm, Video: Alex Gahr) dem Namen des Theaterhauses für junges Publikum im Wiener MuseumsQuartier alle Ehre „Dschungel“. Überlebenskampf in der Wildnis. Stark sein, an und über (eigenen) Grenzen gehen. Was kann / will / muss Mensch aushalten. Und was davon mit der Öffentlichkeit teilen?
Seit mehr als 20 Jahren verfolgen Millionen Zuschauer:innen Formate wie Dschungel-Camp, wo Gruppen von Menschen in der Wildnis – aber doch irgendwie in TV-Format-Sets mit Abenteuern in der Natur konfrontiert sind. Seit fünf Jahren laufen mehrere Staffeln einer deutlich verschärften Survival-Show auf YouTube und anderen Kanälen – „7 vs. Wild“: Ein Mensch darf sieben Gegenstände auswählen, um sie für siebentägiges Überleben mitzunehmen. Achtes Ding: Ein Koffer mit 2 GoPro-Kameras, Akkus, Powerbanks. Neunter Gegenstand: Verplombtes Notfall-Package – für ärgere Verletzungen und gegebenenfalls Handy-Notrufe. Aber Plombe aufgebrochen – Punkteabzug.
Wer das Original kennt, hat wahrscheinlich noch mehr Spaß, weil „1 vs. Wild“, leider – vorerst – nur zwei Mal im Dschungel Wien zu erleben (gewesen) ist – ziemlich viel aus der millionenfach geschauten Serie von Influencern (Gendern erübrigt sich hier fast), zusammen montiert und collagiert ist, wie das Team im Begleittext „gesteht“. Und wie nachträgliches Reinscrollen des Rezensenten, der das Original davor nicht kannte, bestätigt.
Lara Sienczak (dey gemeinsam mit Nadja Pirringer auch für die Regie führte) spielt einen solchen „Helden“, der sich ins Abenteuer stürzt, die Follower:innen mitnimmt, sie immer wieder anspricht, auch Tipps gibt, für den Fall, dass sich die einer oder der andere auf ähnliche Survival-Trips begeben möchte. Beispielsweise was tun, wenn es zu einer stark blutenden Wunde kommt. Oder viel Wissen über Ernährungsgewohnheiten von Krokodilen – ob Salz- oder Süßwasser-Exemplare.
Klarerweise dürfen dann gespielte obligate Werbespots nicht fehlen – selber aufgenommen für Produkte, die Extrembedingungen standhalten…
Aber natürlich ist „1 vs. Wild – The Apocalypse of your dreams“ nicht das Bühnenformat des TV-Reality-Formats. Schon wie die*er Performer*in das Abenteuer angeht und spielt lässt von Anfang an gleichsam zwischen den Zeilen kritische Distanz mitschwingen. Was noch stärker sichtbar wird beim Entblößen eines Silikon-Muskel-Shirts – und in eingestreuten Popsong-Auftritten – „Robinson Crueso“ von Reinald Grebe, „Hero“ von Enrique Iglesias und „Sign of the Times“ von Harry Styles.
Ausgehend von einem gewissen Internet-Hype werden damit auch wieder stärkere verbreitete Klischee-Männlichkeitsbilder hinterfragt. Englische aus dem Off eingespielte Textpassagen von einem Typen der sich „Liver-King“ (der fast 50-jährige Brian Michael Johnson) nennt, Proteinnahrung durch rohes Innereien-Fleisch wie Leber promotet und gegen „verweichlichte“ Bubenerziehung wettert, ergänzen diesen Part.
Doch der / die „Held*in“ in diesem einstündigen Stück beginnt auch über sich, die Natur und die Welt zu sinnieren, kämpft mit der Einsamkeit und genau dem, was hier abrennt. Ist nicht nur überfordert, sondern auch irgendwie leer. Stellt dieses Survival-Dings in Frage, hängt eine Latte nach der anderen ab und wirft sie auf einen Haufen, der von weiter weg ausschaut wie ein Riesen-Mikado, ein Spiel, bei dem Stäbchen fallen gelassen werden, entfernt werden müssen, ohne andere zu berühren oder in Bewegung zu versetzen. Und wo es den Spruch gibt: Mikado sei eine Metapher dafür, wer sich als erster bewegt, hat verloren.
Hier im Stück gibt es eine inhaltsreichere Interpretation für den Holzlatten-Haufen: Am Strand angespülter Müll wie Crocs und Flip Flops. Daraus hat die Survivalperson einen Ball gebastelt, der die Welt symbolisieren soll. Die angeschwemmten Kinderschuhe „stehen für die nächste Generation, die entscheidet: Treten wir diese Erde mit Füßen und lassen unsere Schlappen einfach überall liegen, oder achten wir auf unseren Müll. … Und damit kommt ein bisschen Müll von dieser Insel weg. So zerreißt mich gerne deswegen in den Kommentaren. Weil ihr erwartet habt, dass ich mit der Axt nen ganzen Baum fälle und ne Giraffe draus schnitze.“
Und doch wirkt die Botschaft am Ende ein bisschen wie krampfhaft aufgesetzt, vertraut zu wenig darauf, dass das Spiel davor schon Gedankengänge in genau diese Richtung in den Köpfen der Zuschauer:innen auslöst.
Wär schön, wenn’s eine neue Spielserie gäbe.
Kosmos Theater und Holzhacken e.V.
Schauspiel und Performance; ab 12 Jahren; eine Stunde
Text + Regie: Nadja Pirringer, Lara Sienczak
Schauspiel / Gesang: Lara Sienczak
Bühnenbild, Kostüm, Video: Alex Gahr
Sound Design: Karl Börner
Licht: Dulci Jan
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