Fast 20 Jahre nach Ratifizierung der UN-Behindertenkonvention noch immer mehr als ein Drittel in „Sonder“schulen.
„Inklusion bedeutet für mich vor allem gemeinsam Sein. Einander helfen. Einander respektieren und füreinander das sein. Es muss nicht jeder gleich sein, um gleich viel Wert zu sein. Diese Nachricht, sollte in mehr Schulen geteilt werden“, sagte Annika Rechberger, Schülerin des inklusiven Gymnasiums der Diakonie, ERG (Evangelisches Realgymnasium, Wien-Donaustadt) bei einem Mediengespräch zum Thema Inklusive Schule.
„Inklusive Bildung ist die bessere Bildung – für alle Kinder. Und sie funktioniert bereits dort, wo Ressourcen, Unterstützung und Haltung zusammenpassen“, betonen Lebenshilfe, Inklusion Österreich und Diakonie anlässlich der Veröffentlichung ihrer Analyse. Diese Untersuchung zeigt aber (noch?) strukturelle Lücken auf.
Die drei Organisationen haben die Bundesländer unter anderem danach verglichen,
– wie viele der rund 5% Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf (SPF) inklusiv beschult werden,
– wie Schulassistenz geregelt ist,
– wie die Ressourcen zwischen Sonderschulwesen und inklusiver Bildung verteilt sind und
– wie oft Suspendierungen vorkommen.
Österreich hat sich 2008 mit der Ratifizierung der UN- Behindertenrechtskonvention verpflichtet, ein inklusives Schulsystem zu schaffen, in dem Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam lernen können / dürfen / sollen. Fast zwei Jahrzehnte später ist dieses Versprechen nicht eingelöst: Im Schuljahr 2024/25 hatten 31.411 Kinder und Jugendliche einen sonderpädagogischen Förderbedarf (SPF). Mehr als ein Drittel von ihnen, 36,6 Prozent, besuchte eine Sonderschule.
Ob ein Kind gemeinsam mit anderen lernt, hängt vor allem davon ab, wo es lebt. Der Anteil der inklusiv unterrichteten Kinder reicht je nach Bundesland von 84 Prozent bis 43 Prozent. „Das ist eine Wohnort-Lotterie“, stellen die Autor:innen des Berichts fest. Dieser vergleicht erstmals systematisch, wie die neun Bundesländer schulische Inklusion umsetzen. Er stützt sich auf Daten der Statistik Austria, auf Auskünfte der neun Bildungsdirektionen und auf Erfahrungsberichte von Familien, Expert:innen und Lehrkräften.
Die Analyse legt insgesamt gravierende Daten- und Transparenzlücken offen, und die Daten, die von Statistik Austria und den Bundesländern selbst veröffentlicht werden, sind oft widersprüchlich und schwer vergleichbar. „Wer inklusive Bildung gestalten will, braucht verlässliche Daten. Es kann nicht sein, dass wir zentrale Informationen zur Steuerung eines ganzen Systems … so schwer bekommen und diese dann so wenig brauchbar sind“, so die Organisationen.
Trotz vieler belastender Fallgeschichten von betroffenen Kindern und Familien zeigt der Bericht aber auch klar: „Überall dort, wo die Rahmenbedingungen gut sind, gelingt Inklusion – und zwar nicht nur für Kinder mit Behinderungen, sondern für alle“, heißt es von den Organisationen. In Klassen, in denen Kinder mit SPF überwiegend inklusiv lernen, profitieren alle von vielfältigen Lerngruppen, gemeinsamer Verantwortung und einem Unterricht, der Vielfalt als Chance versteht.
„Für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen darf gemeinsames Lernen deshalb nicht mit der Pflichtschule enden“, sind sich alle einig, und fordern deshalb:
– ein inklusives Bildungssystem ohne separates Sonderschulwesen,
– die klare Umverteilung der Ressourcen hin zu inklusiven Regelschulen,
– bundesweit einheitliche Standards,
– eine verbesserte Datenlage
– und vor allem eines: ein klares Bekenntnis zur inklusiven Bildung und eine Haltung, die die strukturelle Diskriminierung beendet.“
„Ziel muss sein, dass jedes Kind entsprechend seinem Unterstützungsbedarf wohnortnah inklusiv lernen könne – ohne Aussonderung aufgrund einer Behinderung“, so die Vertreter:innen von Lebenshilfe, Inklusion Österreich und Diakonie Österreich.
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