Kinder Jugend Kultur und mehr - Logo
Kinder Jugend Kultur Und mehr...
Szenenfoto aus "Die alte Johanna" nach Renate Welshs Roman im Theater Spielraum (Wien-Neubau)
Szenenfoto aus "Die alte Johanna" nach Renate Welshs Roman im Theater Spielraum (Wien-Neubau)
06.05.2026

Eine ewig Kleingemachte lässt sich nicht klein kriegen

Meisterinnenhaftes Zusammenspiel in „Die alte Johanna“ nach Renate Welshs Roman im Theater Spielraum.

Dass in kleine(re)n Theater, die über kein großes Ensemble verfügen, Schauspieler:innen mehrere Rollen übernehmen müssen, auch in großen Häusern solches mitunter bewusst eingesetzt wird, ist üblich. Was aber im Theater Spielraum in er Wiener Kaiserstraße in „Die alte Johanna“ passiert, ist besonders bemerkenswert: Die Titelfigur in ihren verschiedenen Lebensphasen ist auf drei Schauspielerinnen aufgeteilt, aber nicht durchgehend, sondern wechselhaft.

Was vom Programmheft und damit der Papierform nach ein wenig verwirrend wirken mag, lösen aber Brigitte West (alte Johanna / auch Johannas Mutter), Christine Koppitsch (mittlere Johannna und noch Tochter Martha und weitere Rollen) sowie Fanny Fuhs (junge Johannna und weitere Rollen) in der Inszenierung von Nicole Metzger meisterinnenhaft.

Exemplarisches Frauenleben

Präzise, aber nicht technisch wie ein Uhrwerk, sondern empathisch, menschlich, mitfühlbar verkörpern die drei Schauspielerinnen die von Renate Welsh in ihrem gleichnamigen Roman (2021 als Art Fortsetzung und Weiterschreibung ihres ursprünglich als Jugendbuch verfassten Romans „Johanna“, 1984) porträtierte Frau. In dieser Lebensgeschichte einer realen Frau arbeitet die bekannte Schriftstellerin aus den echten, authentischen Erlebnissen einer Nachbarin des niederösterreichischen Wochenendhauses Vieles heraus, das exemplarisch für Schicksale vieler Frauen, besonders aus sozial (sehr) benachteiligten Verhältnissen charakterisierte. Und dazu verwebte Welsh noch fast beiläufig Zeitgeschichtliches wie Nazidiktatur und in erwähnten Nebenfiguren Mittäter, die auch in der zweiten Republik Karriere machten.

Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Lebensalter

Die knapp mehr als 1¼-stündige, dichte – und doch Luft zum Atmen lassende – Inszenierung, deren Text praktisch ausschließlich aus Passagen aus dem Roman – und seinem Vorwort – besteht, besticht nicht zuletzt durch die Gleichzeitigkeit der drei Figuren als unterschiedliche Lebensphasen ein und derselben Person. Besonders sicht- und spürbar in manch auffälligen Szenen. Bei der Erinnerung an erste zarte Verliebtheit und einem Wangenkuss der alten Johanna an den Mann. Oder bei einer Ohrfeige, die das Kind an einer Ecke der Bühne angedeutet kriegt und es ganz entfernt am anderen Ende klescht.

Die verschiedenen Männerrollen – Ehemann Peter / Sohn Thomas / Knecht Ferdl / Filialleiter – bzw. Gemeindearzt / Lehrer / Lahnhofer / Verwandtschaft / Der Tod / übernehmen Simon Brader und Adrian Stowasser. Wuchtig steht in einer Ecke ein Teil eines Dachstuhls. Eine – realisierte – Idee der Bühnenbauer J-D und Sam Schwarzmann. „So was musste sein“, sagen sie im Gespräch nach der Premiere und über eine Online-Plattform haben sie dann einen solchen auch aufgetrieben. Der steht aber nicht nur dekorativ in der Ecke, sondern wird immer wieder auch bespielt. Für die passenden Kostüme sorgte – wie (nicht nur) in diesem Theater praktisch immer Anna Pollack.

Lernen wichtiger als Besitz

Das Spannende an Roman und auch der Inszenierung ist, dass die Johanna aber trotz aller Diskriminierung, Benachteiligung – „viel zu lange viel zu viel gefallen lassen“ – und trotz des überbordenden Kleinmachens durch andere, ihre Würde bewahrt, sich nicht klein kriegen lässt. Deswegen war sie nach der Schulpflicht weggegangen, „im Glauben daran, dass etwas lernen vielleicht so gut wäre wie etwas haben…“

Bei der Premiere wirkte übrigens ein kleines technisches Missgeschick – als die drei Johannas zu Beginn im gleichen Takt mit ihren Besen kehren und darüber sinnieren, fielen zwei Mal Besen von der Stange – als wäre es ein szenischer Protest gegen dieses ewige kehren müssen; noch dazu wo das englische „care“ (Sorge, Pflege) akustisch ähnlich klingt 😉

Lob der Autorin

Die Premiere wurde übrigens geadelt durch die Reaktion der Autorin Renate Welsh, die dem Team heftig Applaus spendete, auf die Bühne kam, sichtlich erfreut und bewegt war, mit den Worten: „Ihr ward’s unglaublich toll, ihr habt die Johanna, die für mich immer noch lebendig ist, noch lebendiger gemacht!“
Und danach sagte sie zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… : „Vor allem hab ich erlebt, dass die alle großartig miteinander gespielt haben, immer aufeinander eingegangen sind.“

kijuku_heinz

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

INFOS: WAS? WER? WANN? WO? + BUCH-INFOS

Die alte Johanna

Nach dem Roman von Renate Welsh
Dramatisierung und Inszenierung: Nicole Metzger
Ca. 80 Minuten (knapp mehr als 1¼ Stunden) ohne Pause

Die alte Johanna / auch Johannas Mutter: Brigitte West
Die mittlere Johannna / Tochter Martha / Fürsorgerin / Lahnhoferin / Wirtin: Mara Christine Koppitsch
Die junge Johannna / Lahnhoferin / Enkelin: Fanny Fuhs
Ehemann Peter / Sohn Thomas / Knecht Ferdl / Filialleiter: Simon Brader
Der Tod / Lahnhofer / Verwandtschaft / Gemeindearzt / Lehrer: Adrian Stowasser

Inszenierung: Nicole Metzger
Bühne: J-D und Sam Schwarzmann
Kostüme: Anna Pollack
Licht: Tom Barcal
Abentechnik: Alice Gonzalez-Martin / Nicole Metzger

Aufführungsrechte Thomas Sessler Verlag Wien

Wann & wo?

Bis 9. Mai 2026
Theater Spielraum: 1070, Kaiserstraße 46
Telefon: 01 713 04 60

Theater Spielraum –> Die alte Johanna

BÜCHER

Autorin: Renate Welsh
beide Bücher Czernin Verlag
Die alte Johanna
190 Seiten
20 €
eBook: 14,99 €
czernin-verlag –> die-alte-johanna

Johanna
250 Seiten
23 €
eBook: 19,99 €
czernin-verlag –> johanna

Einer der drei Hauptpreisträger: Kurt Engleder
21.03.2026

Seelenritter