Beim 18. Nachwuchsbewerb im Theater Drachengasse widmen sich vier Teams unterschiedlichen Gesichtspunkten der Auseinandersetzung mit Arbeit und Lebenssinn.
Arbeiten? „Ich will mich doch nicht verschlechtern“, wird „Deutschlands frechster Arbeitsloser“ (Arno Dübel, 1956 – 2023) mit seiner Antwort auf die Frage „Arbeiten?“ zitiert. Mit 20 brach er – so der Wikipedia-Eintrag über ihn – seine maler-Lehre ab und war von da an arbeitslos. Ab den frühen 200er-Jahren wurde er von Sender zu Sender, von einer (Talk-)Show zur nächsten weitergereicht.
Dieses provokante Zitat sowie eines aus Georg Büchners „Dantons Tod“ – Unser Leben ist der Mord durch Arbeit, wir hängen 60 Jahre lang am Strick und zappeln, aber wir werden uns losschneiden“, machte das Theater Drachengasse zum Motto des Nachwuchsbewerbs 2026, der mittlerweile 18. Auflage. Von den 68 eingereichten Konzepten wurden vier ausgewählt, die rund 20-minütige Szenen spiel(t)en, eine Jury kürt – mit 2. Juni 2026 – das Sieger:innen-Projekt, das mit 10.000 € „belohnt“ wird – um eine abendfüllende Produktion für die kommende Saison weiterzuentwickeln.
Zum einen erinnert „Das Wesen der Arbeit, ein weinender Stein“ an das antike Bild von Sisyphos, der als Strafe für seine Verspottung des Todesgottes ewig einen Steinblock den Berg hinaufwälzen muss, der postwendend wieder runter rollt… Zum anderen nimmt er Arbeits- und Geschlechterverhältnisse aufs Korn.
Ein Stein baumelt an Seilen, Wasser rinnt darüber. Eine Beschäftigte arbeitet sozusagen tagaus, tagein – oder auch die ganze Nacht hindurch daran. Und ihr Kollege? Der dichtet, schreibt – angeblich – an einem Theaterstück und lässt die Kollegin hängen.
Auftritt einer Chefin: Aus Kostengründen muss die Bude schließen.
Zum Text und in der Regie von Niklas Draeger spielen Adele Bauer, Patrice Grießmeier, und Nikolay Sidorenko; Lara Freimuth (Bühne), Antonia Grahmann (Dramaturgie), David Jakob Hirmer (Bühnenbild-Assistenz), Allegra Kortlang (Regie-Assistenz), Anna Philippa Müller (Kostüme), Lukas Stipar (Musik).
Was fast wie Empowerment klingt, dass Kleines auch ganz schön groß sein / werden, wird durch den Titel dieses Projekts, eines Zitats der dänischen Schriftstellerin Olga Ravn aus ihrem Roman „Die Angestellten“ ganz schön relativiert: „Ihr werdet vielleicht sagen, es ist eine kleine Welt, aber nicht, wenn man sie sauber machen soll.“
Dennoch drehen sich diese 20 Minuten genau gar nicht darum, sondern um das Aufeinandertreffen superoptimierter Mensch-Maschinen-Wesen in rund 200 Jahren mit einem (noch) echten Menschen, noch dazu einem unperfekten.
Den Text von Julian Guttmann und Leah Luna Winzley (die beide auch Regie führten) spielen Coco Brell und Pia Zimmermann, für Bühne und Kostüme sorgten Nike Hartmond und Hansi Wimmer.
Alle haben in „Abstieg Aper“ Jobs. Eine Forscherin (Vivienne Causemann) macht sich auf die Suche nach dem – angeblich – letzten Arbeitslosen. Im Tal gibt es keinen. Also rauf auf den Berg. Vielleicht da oben. Zwischen den Publikumsreihen bewältigt sie den Aufstieg zur höher gelegenen Bühne.
Eine Lift-Kabine am Berg „entpuppt“ sich als Arbeitsamt, wo der Beamte (Rupert Wimmer) offenbar schon seit Jahrzehnten vor sich hin ins Leere arbeitet. Also auch nicht arbeitslos? Wie auch immer. Wenn sie reden, dann mehr aneinander vorbei.
Nikiforos Papadoudis und Lukas Schöppl haben den Text verfasst; Ersterer war für die Dramaturgie, Zweiterer für die Regie verantwortlich. Das Bühnensetting mit Liftkabine und ausziehbaren Stoffwänden hat Julius Florin, die Kostüme Monika Kovačević beigesteuert.
Märchenhafte Bilder beschert letztlich „Sleeping Beauty“ (Konzept und Regie: Julia Gudi). Wie Königskinder wandeln und schlafen Dominika Hebel und Daniel Krimsky. Das Team gibt als Ausgangspunkt für den Stückentwurf in der Tat ein Märchen an: Sonne, Mond und Talia. Es ist Teil der Sammlung „Das Pentameron“ von Giambattista Basile. Flachs spielt darin eine große Rolle – davon scheinen die Perücken inspiriert zu sein (Bühne und Kostüme: Naomi Dutzi).
Wobei Thalia – diesfalls mit h – schon in der antiken griechischen Mythologie vorkam. Deren Schicksal: Im Auftrag der eifersüchtigen Frau eines Gottes, in späteren Märchen des jeweiligen Königs, umgebracht zu werden (Schneewittchen lässt grüßen!)…
„Sleeping Beauty“ lässt dann auch noch ein wenig Aschenputtel anklingen – die ungeliebte Stieftochter, die die ganze Arbeit machen muss und dennoch nie anerkennt wird. Hier ist nicht zuletzt Care-Arbeit ein Thema und – dank polnischer Passagen von Dominika Hebel und russischer ihres Kollegen Daniel Krimsky – kommt auch (migrantische) Arbeit ins Spiel. Die widersprüchlichen Vorwürfe – alle faul bis die nehmen die Arbeit weg – werden ebenso angespielt wie das Hinterfragen des eigenen davon erzeugten Leids.
Übrigens endet das genannte Märchen mit den Zeilen:
Wem der Himmel wohlwill,
dem gibt er das Glück im Schlafe.
Das Wesen der Arbeit, ein weinender Stein
Adele Bauer, Niklas Draeger, Lara Freimuth, Antonia Grahmann, Patrice Grießmeier, David Jakob Hirmer, Allegra Kortlang, Anna Philippa Müller, Nikolay Sidorenko, Lukas Stipar
„Ihr werdet vielleicht sagen, es ist eine kleine Welt, aber nicht, wenn man si sauber machen soll“ (Olga Ravn im Roman „Die Angestellten“)
Coco Brell, Julian Gutmann, Nike Hartmond, Hansi Wimmer, Leah Luna Winzely, Pia Zimmermann
Abstieg aper
Vivienne Causemann, Julius Florin, Monika Kovačević, Nikiforos Papadoudis, Lukas Schöppl, Rupert Wimmer
Sleeping Beauty
Naomi Dutzi, Julia Gudi, Dominika Hebel, Daniel Krimsky
Bis 2. Juni 2026
Theater Drachengasse
1010 Drachengasse 2 / Fleischmarkt 22
Telefon: 01 513 14 44
drachengasse –> Nachwuchsbewerb 2026
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