Schauspiel, Tanz, Gesang und Live-Orchester eines steirischen Gymnasiums rund um Wald- und Welt-Zerstörung bzw. -Rettung beim „Wild & Schön“-Festival in Wien.
Drei feenartige Tänzerinnen vermitteln vor allem mit ihren Armbewegungen Assoziationen an das Wiegen von Ästen im Wind – nicht zuletzt, weil im Hintergrund ein Video eingeblendet wird, wie jemand mit einer Axt auf einen Baum einschlägt. Schon dieses erste Bild – begleitet von Live-Orchester-Musik unter der allerdings mitunter gesprochener oder gesungener Text ein bisschen unterging – stimmt ein auf die kommende weitgehend dystopische Stunde „Wenn der Wald geht“, eines der Stücke von Jugendlichen im Rahmen des „Wild & Schön“-Festivals vom Theaterhaus für junges Publikum, Dschungel Wien im MuseumsQuartier und NEST – Neue Staatsoper.
Diese Waldbedrohungs-Story wurde gespielt, musiziert, getanzt und gesungen von Schüler:innen des BORG Kindberg (Steiermark), erarbeitet von Jugendlichen – gemeinsam mit Profis in Sachen Text, Komposition, Regie und Choreografie.
Die Tänzerinnen als Verkörperung bzw. Anwältinnen des Waldes verschwinden. Uniformiert weiß gekleidete und mit Krawatten behängte Jugendliche besetzen auf Metallfässern die Bühne, tippen in Windeseile auf fiktiven Computertastaturen – und erzeugen unter Anleitung einer strengen Bossin wie sie sagen und singen Bilder von aller Welt – digital pur statt dreckiger Natur, so das Motto. Sie schaffen (virtuelle) Welten für die Menschen, nennen sich „Soldiers“ (Soldat:innen) und agieren im Weltbuilding-Building.
Immer wieder – auch schon anfangs zwischen den Feen-/Baum-Tänzerinnen – taucht ein fast zombie-artiges, naturnahes Wesen auf, kommentiert Szenen und Geschehen – ein bisschen zu stark mit erhobenem pädagogischem Zeigefinger und damit zu wenig vertrauend auf die gemeinsam entwickelte Geschichte und ihre Szenen.
Wie auch immer, sie erzählt einer der Jugendlichen namens Rosi, dass es neben der von ihr und ihren Kolleg:innen erzeugten cleanen Welt noch eine andere, eine echt, zwar ein bissl dreckigere, dafür aber freiere gibt.
Dieses Zwischenwesen schwärmt Rosi vor von einigen jungen Leuten, die auf so einer der letzten verbliebenen Waldlichtungen leben – „Verlorene“, „Vergessene“ oder – entsprechend dem Sprachduktus der Zeit – „lost“ genannt. Rosi lässt sich neugierig geworden, darauf ein – und landet zwischen Bäumen, Wissen, Bächen und einem Bären. Argwöhnisch von den naturnahen Menschen beäugt, freundet sie sich mit einer von ihnen, Kim, an. Woraus sogar mehr wird…
Angestachelt von dem schon erwähnten Wesen, vielleicht ein Waldgeist (?), kehr sie noch einmal in ihre ehemalige militärisch geführte Manipulationsfabrik zurück, um vormalige Mit-Soldat:innen auf ihre Seite der Wald- und Weltrettung zu ziehen. Was ihr bei (fast) allen gelingt. Die mit ihr ziehen. Und seltsamerweise dort nun doch überraschenderweise aufgenommen werden, obwohl mit Ausnahme von Kim erst alle anderen „Losts“ keine Freude mit der Neuen, der Fremden, waren.
im Weltbuilding-Building bleiben die Bossin und eine Art Musterschüler zurück, die nun zum Kampf aufrufen – und erschreckenderweise stampfen die allermeisten im Publikum mit, erheben sich und marschieren am Stand in diesen vermeintlich vernichtenden Kampf. Nur ziemlich wenige der Zuschauer:innen im NEST am letzten Vormittag des „Wild & Schön“-Festivals bleiben bei diesem Gastspiel aus Kindberg auf ihren Plätzen sitzen und somit auf Seiten der „Losts“, des Waldes und der naturnahen Welt.
Zum Glück, oder vielmehr wie vom Stück vorgesehen, gewinnen die Wald- und Weltenretter:innen. Wofür dann doch auch jene enthusiastisch Applaus spenden, die gerade wenige Minuten davor eifrig im Takt mit den Wald- und Welt-Zerstörer:innen marschiert waren.
Auf die Frage von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…, ob das auch bei allen früheren Aufführungen sich so abgespielt hat, dass die Mehrheit einfach mitmarschiert, gab es insofern keine Antwort, weil es keine Vergleiche gibt. In früheren Aufführungen des nur für das Festival wiederaufgenommenen Stücks gab es kein Ansprechen des Publikums, die Version war länger und dieser Kampf fand – mit noch viel mehr Schüler:innen – auf der Bühne statt.
Interdisziplinäres Musiktheater vom BORG Kindberg (Steiermark)
Text: Angelika Reitzer – nach Workshops, Themenfindung und Input von Schüler:innen
Komposition: Laura Winkler
Musikalische Einstudierung: Heinrich Reisinger
Regie: Natalie Boer nach einer Inszenierung von Georg Schütky
Choreografie: Anna Josefine Holzer
Schauspiel: Marie Fuchsbichler, Hannah Heist, Katharina Hochreiter, Laura Hochreiter, Helene Juchart, Leo Kornberger, Elisabeth Lackner, Luca Pregartner, Florentina Schlemmer, Amy Schützl, Mario Sommer, Annalena Stückler, Samuel Tauder, Anna-Joy Weissenbacher, Anna-Sophie Wurzwallner, Alessia Zinner,
Tanz: Veronika Kaupp, Pia Caecilia Kolbe, Gesa Lattner, Vika Senkleider
Orchester: Hannah Brandstätter, Lea Christöfl, Elisabeth Ditsios, Christina Feichtenhofer, Nico Haidenhofer, Franziska Hirzberger, Archie Hochörtler, Mona Kammerhofer, Simon Kolednik, Valerie Kreith, Mia Lackner, Eva Maierhofer, Stefan Müller, Heinrich Reisinger, Klaus Steinberger
Orchester-Leitung: Archie Hochörtler
Regie-Assistenz: Cael Rumpler
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