Inspiriert vom 620 Jahre alten noch immer aktuellen „Buch von der Stadt der Frauen“ tourt das Stück „Christine und die Kleingeister“ mit Junge Theater Wien durch einige Bezirke und spielt open air bei freiem Eintritt.
Christine und Leyla spielen vor drei Live-Musiker:innen, einem Kartonschloss und einem schwebenden Rundspitzdach Ball. Der Ball fällt etwas abseits der Open-Air-Bühne – in dem Fall der Reumädchenbühne am Reumannplatz (Wien-Favoriten; 10. Bezirk) – zwischen Büsche. An einem Lichtmast entdeckt sie einen Zettel. Aufruf zu einem Theater-Casting. „Du wolltest doch schon immer auf eine Bühne!“, überbringt sie ihrer Freundin Christine die Nachricht. Geheimnisvoll unterschreiben ist der Aufruf von „Vernunft, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit“.
Kaum beginnt Christine sich zu freuen und von ihren Wünschen nach Schauspiel und / oder Gesang zu sprechen, ertönt aus dem Off eine hämisch-grausig, gruselige Stimme, die sagt: Das ist nix für dich, du kannst das nicht, du bist zu klein…
Da hilft das Zureden der Freundin nicht, die ihr versichert, dass sie doch mutig ist, sich vieles zutraut… Die „Blödstimme“ schmettert Christine nieder. Aus der Traum. Auch keine wirkliche Lust mehr zu spielen. Ab nach Hause.
Still und niedergeschlagen sitzt sie am Boden, näher beim Kartonschloss, einem sprichwörtlichen Kartenhaus. Da stehen auf einmal drei märchenhafte Figuren in ihrem Zimmer, die irgendwie an Burgfräuleins in Bilderbüchern erinnern. Mitgebracht haben sie einen Riesen-Maßstab, einen überdimensionalen Messbecher und ein Ding, das wie eine Schaufel aussieht, aber „Spiegel der Erkenntnis“ sein soll. Das Trio spricht die am Boden zerstörte Christine an – ja die drei „Feen“ kennen sogar ihren Namen. Und geben sich als jene zu erkennen, die den Zettel unterschrieben haben – es gibt sie also, Vernunft, Gerechtigkeit und Ehrlichkeit.
So weit die ersten Szenen aus „Christine und die Kleingeister“, das derzeit mit Junge Theater Wien durch Bezirke tourt; siehe Info-Box am Ende des Beitrages. Timna Lugstein von der sowohl die Idee als auch Text, Musik und dazu noch Regie und Produktion stammt und die obendrein das Bühnenbild – gemeinsam mit Natasha Mabille – gestaltete, hat sich dabei von einem uralten und doch immer noch sehr aktuellen dicken Buch inspirieren lassen. Die in Italien geborene und schon ab Kindesalter in Frankreich lebende spätere Autorin Christine de Pizan (1364 – 1429) hat neben vielen anderen Texten „Das Buch von der Stadt der Frauen“ geschrieben und 1404/05 veröffentlicht.
In diesem wird Pizan zur Ich-Erzählerin, die sich wundert, dass so viele Schriftsteller, Philosophen und andere wichtige Menschen – praktisch alles Männer – so böse über Frauen schreiben, ihnen Fähigkeiten absprechen dafür viele Bösartigkeiten andichten. So viele und so oft, dass sie selber eher daran glaube, als an das, was sie von sich selber und anderen Frauen weiß, dass es in Wirklichkeit – oft – ganz anders ist. Dann treten drei weise Frauen in Christines Schreibstube – Vernunft, Gerechtigkeit und (bei Pizan) Rechtschaffenheit; ein eher älterer Begriff, der zwar Ehrlichkeit auch beinhaltet, aber doch noch mehr umfasst.
Dieses Trio hilft der Ich-Erzählerin – gedanklich – an einer großartigen Stadt zu bauen, indem sie ihr von vielen Dutzenden weiblichen möglichen Vorbildern erzählen – so manch berühmten, oftmals auch weniger bekannten Frauen und deren Taten und Wirken.
Diese Grundgeschichte übersetzte die Künstlerin Timna Lugstein in das genannte aktuelle Stück. In diesem schlüpft Julia Herzog in die Rolle der Christine – und bleibt als einzige in dieser. Denn schon (Ballspiel-)Freundin Leyla (Alina Tschmelitsch-Zöhrer) tritt auch als Vernunft auf. Und verwandelt sich in die Pharaonin Hatschepsut – eine Figur, die bei Pizan fehlt. Sophia Plätzer spielt sowohl die Gerechtigkeit als auch die orientalische Königin, Städte und angebliche Zaubergärten-Gründerin Semiramis (eines der sieben antiken Weltwunder – hängende Gärten der Semiramis in Babylon).
Die vierte im Bunde der Schauspielerinnen ist Sophia Greilhuber als Ehrlichkeit, aber auch als Dido, Gründerin der Phönizierstadt Karthago. Sie, die in mehreren Szenen solo singt, gibt sich gegen Ende aber auch als die niedermachende Stimme vom Beginn zu erkennen – als „Misogünther“. So gern wäre er Rockstar, traut sich aber nicht wirklich – und glaubt, groß zu sein, wenn er andere klein macht.
Was klarerweise nicht so bleibt. Und auch Christine fasst natürlich durch den Zuspruch, die Vorbilder und die damit verbundenen positiven Vibes, das (wieder-)gewonnene Selbstvertrauen – nicht zuletzt durch die Livemusik – Juka (Keyboard und Bass), Sophia Rubarth (Schlagzeug), Mario Schlager (E-Gitarre und Bass) – Mut und Stärke, sich nicht kleinreden zu lassen. Und verbreitet mit ihren Kolleginnen die Botschaft an die jungen Zuschauer:innen, sich ebenfalls nicht niedermachen zu lassen; weniger auf „du kannst das nicht“ zu hören als auf eigenes Können und Wollen zu vertrauen. Und sich auch dafür einzusetzen, dass „Träume auch Räume brauchen“.
Musiktheater; 6 – 12 Jahre; eine Stunde
Vorlage: Christine de Pizan (1364 – 1429), „Das Buch von der Stadt der Frauen“ (1404/05)
Inszenierung, Idee, Text, Musik; Produktion: Timna Lugstein
Darsteller*innen:
Christine: Julia Herzog
Vernunft / Leyla / Pharaonin Hatschepsut: Alina Tschmelitsch-Zöhrer
Gerechtigkeit / Semiramis: Sophia Plätzer
Ehrlichkeit / Dido, Gründerin und Königin von Karthago / Misogünther: Sophia Greilhuber
Musiker*innen: Juka (Keyboard und Bass), Sophia Rubarth (Schlagzeug), Mario Schlager (E-Gitarre und Bass)
Bühnenbild: Timna Lugstein, Natasha Mabille
Bühnenbild Team: Dariia Hryb, Kristyna Nytrová, Adrian Rigele, Maike Saße, Hanna Carmen Schneider, Jule Thullner, Kora Witt
Kostüm: Carla Schwering
17. Juni 2026
DOCK Seestadt: 1220, Bühne am Zaha-Hadid-Platz
jungetheaterwien –> christine-und-die-kleingeister
Text: Christine de Pizan
Herausgeberin und Übersetzung aus dem Mittelfranzösischen sowie gegenwartsbezogenes umfangreiches Nachwort (ca. 30 Seiten): Margarete Zimmermann
Das Buch von der Stadt der Frauen
370 Seiten
Aviva Verlag
26,80 €
aviva-verlag –> das-buch-von-der-stadt-der-frauen
Zu einer kurzen Leseprobe geht es hier
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