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Szenenfoto aus dem Kinofilm "Ministranci" / "The Altar Boys"
Szenenfoto aus dem Kinofilm "Ministranci" / "The Altar Boys"
05.08.2026

Ministranten als „himmlische“ Gerechtigkeitskämpfer

Polnischer Kinofilm – mit deutschen bzw. englischen Untertiteln – demaskiert kirchliche Scheinheiligkeit und feiert rappende Jungs, die Fairness herstellen wollen; In der Reihe zentral- und osteuropäischer Filme im Wiener Urania-Kino.

Erste Ungerechtigkeit erfahren die vier jungen Freunde Filip, Gucci sowie die Brüder Kurczak schon in einer der ersten Szenen des fast zweistündigen, dennoch kurzweiligen Kinofilms „Ministranci“ (Ministranten / The Altar Boys). Dieser polnische Film (Regie: Piotr Domaleski) läuft im Rahmen von Uranie CEE NEMA, der zentral- und osteuropäischen Filmreihe im Wiener Urania-Kino (nahe dem innerstädtischen Schwedenplatz).

Szenenfoto aus dem Kinofilm "Ministranci" / "The Altar Boys"
Szenenfoto aus dem Kinofilm „Ministranci“ / „The Altar Boys“

In der Kirche findet ein Wettbewerb von Ministranten verschiedener Pfarren statt. Bibelstellen-Wissen, ebenso wie praktische Kenntnis verschiedener Messgewänder bzw. Techniken wie Weihrauchgefäße schwingen, werden als Aufgaben gestellt. Die vier genannten „Altar Boys“ wie sie im Englischen genannt werden – der Film wird an manchen Abenden mit englischen, an anderen mit deutschen Untertiteln gezeigt – lösten ihre Aufgaben schneller. Feierten den Sieg für ihre Pfarre St. Jospeh. Wenige Augenblicke später: Die Jury erkennt den Ministranten der Pfarre St. Nicholas den Sieg zu – „Extrapunkte“ für ihre dem Anlass entsprechende würdigere Kleidung.

Szenenfoto aus dem Kinofilm "Ministranci" / "The Altar Boys"
Szenenfoto aus dem Kinofilm „Ministranci“ / „The Altar Boys“

„Das Leben ist nicht fair“

Bei der Rückfahrt im Bus werden sie obendrein von ihrem Pfarrer zusammengesch… als Käferhirne beschimpft. Der immer eher zurückhaltende, nachdenkliche oft fast verschlossene und dennoch letztlich zur führenden Figur werdende Filip (großartig gespielt von Tobiasz Wajda) wagt es zu widersprechen: „Das war unfair!“

Was der Soutanen-Träger mit „Nur Gott ist fair. Das Leben nicht!“ kontert.

Unlautere Mittel?

Als dann obendrein nach der nächsten Messe Spendengelder, die sie in ihren Büchsen gesammelt haben, vom überregionalen Vikar, der die salbungsvolle Predigt hält, eingesackt werden, reicht es ihnen. Die vier Jungs wollen der Fairness im Leben auf die Sprünge helfen. Geld aus dem Tresor nehmen und unter Armen der Gemeinde verteilen. Wer als Beschenkte in Frage käme, ermitteln sie über heimliche Film- und Tonaufnahmen aus dem Beichtstuhl.

Sie wissen – und diskutieren auch heftig -, dass sie illegal handeln. Aber entscheiden sich zur ungesetzlichen Handlung, um das Unrecht auszugleichen, Gerechtigkeit und Fairness im Leben herstellen zu wollen.

Szenenfoto aus dem Kinofilm "Ministranci" / "The Altar Boys"
Szenenfoto aus dem Kinofilm „Ministranci“ / „The Altar Boys“

Humor

So ernst und heftig die Story, so bricht der Regisseur die Handlung immer wieder humorvoll mit einzelnen Szenen einer- und fast durchgängig mit einer Art Schwerelosigkeit in Ton und Bildern andererseits die Story. Und hat dazu einen idealen jungen Cast. Neben dem schon genannten Tobiasz Wajda (übrigens war der berühmte Regisseur Andrzej Wajda – 1926 – 2026 – Bruder seines Großvaters) sind dies Bruno Błach Baar als Gucci, der Sohn reicher auswanderungswilliger Eltern) sowie Kurczak (Nikołaj Juszczyk) und sein Bruder, Mały (klein) Kurczak (Filip Juszcyk).

Szenenfoto aus dem Kinofilm "Ministranci" / "The Altar Boys"
Szenenfoto aus dem Kinofilm „Ministranci“ / „The Altar Boys“

Himmlische Krieger

Die vier bilden auch ein Rap-Quartett (diese sowie die immer wieder die jeweiligen Stimmungen untermalende Musik: Woijciech Urbański), drehen Videos mit Texten unter anderem gegen die Klimaerwärmung und treten dabei – und bei den Aktionen der Geld-Verteilung in Kuverts mit Strickmasken mit Löchern für Augen und Mund à la „Pussy Riot“ (russisches oppositionelles weibliches Punk-Rock-Kollektiv) auf. Nur in blau – „nicht wie Schlümpfe, sondern wie Himmelskrieger“.

Szenenfoto aus dem Kinofilm "Ministranci" / "The Altar Boys"
Szenenfoto aus dem Kinofilm „Ministranci“ / „The Altar Boys“

Nach hinten losgegangen

Dass sich da natürlich Armuts- und Elends-Geschichten häufen, ergibt sich aus der Sache, wollen die Ministranten ja für ausgleichende Gerechtigkeit sorgen. Was mitunter aber auch schief geht. So erkennt Dominika (Daria Kalinchuk) nicht nur trotz Strickhauben-Maske ihren Gönner Filip, nimmt nur widerwillig das Geld, das er ihr für Turnschuhe mit weißer Sohle gibt. Weil sie keine hatte, wurde sie von der Sportlehrerin aus der Halle geworfen. Dominikas Vater entdeckt die Kohle, nimmt sie ihr ab und verprügelt sie – wieder einmal. Und dennoch kann und will sie nichts gegen ihren Vater unternehmen – außer sich mehr oder minder selbst im Beichtstuhl anklage, dass sie ihn immer wieder ärgerlich mache. Und das ist so unrealistisch nicht, wie schon vor fast 40 Jahren die großartige österreichische Autorin Mira Lobe in ihrem Jugendbuch „Die Sache mit dem Heinrich“ beschrieben hat.

Szenenfoto aus dem Kinofilm "Ministranci" / "The Altar Boys"
Szenenfoto aus dem Kinofilm „Ministranci“ / „The Altar Boys“: Dominikas prügelnder Vater (Artur Paczesny)

Opfer

In Phase 2 beschenkten die Gerechtigkeits-Rächer nicht nur Arme, sondern wollen Säufer, Prügler und andere Missetäter:innen bestrafen, um sie zur Ein-und Umkehr, sozusagen auf den richtigen Weg (zurück) zu führen. Wobei sie ihre (Selbst-)Gerechtigkeit auch hin und wieder in Frage stellen.

In einer Art Show-Down opfert sich Filip, um Videobeweise für die Gewalttätigkeit von Dominikas Vater zu schaffen – was zu einer fast Jesus-Szene gegen Ende führt. Und dennoch schließt ihn der Pfarrer vom Ministranten-Dasein aus – das Leben ist nicht fair. Auch wenn keiner seiner drei Freunde dem Pfarrer widerspricht, lässt Regisseur Piotr Domalewski, der auch das Drehbuch geschrieben hat, den enttäuschten, aber starken Filip nicht allein – in einer Art „You’ll Never Walk Alone“-Szene, ein Song aus dem Broadway-Musical „Carousel“ (1945) mit unzähligen Coverversionen, weltberühmt geworden als DER Fangesang des englischen Fußballklubs FC Liverpool.

Auch wenn jetzt vielleicht zu viel verraten ist, lohnt es sich den Film mit seinen berührenden Stimmungen zu erleben. Mitzufiebern, wie sich die Jungs bemühen, Gerechtigkeit herzustellen, oder die Scheinheiligkeit der Kirchenmänner demaskiert wird. Vor allem lässt sich das großartige Schauspiel der jungen Darsteller:innen – in erster Linie der vier „himmlischen Krieger“ und der Dominika-Schauspielerin – bestaunen.

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INFOS: WAS? WER? WANN? WO?

Originaltitel: Ministranci
Internationaler Titel: The Altar Boys

110 Minuten (fast zwei Stunden)

Buch und Regie: Piotr Domalewski
Kamera: Piotr Sobociński Jr.
Montage / Schnitt: Agnieszka Glińska
Musik: Woijciech Urbański

Cast
Filip: Tobiasz Wajda
Gucci: Bruno Błach Baar
Kurczak: Nikołaj Juszczyk
Mały Kurczak: Filip Juszcyk
Dominika: Daria Kalinchuk
Pfarrer: Sławomir Orzechowski
Exerzitienmeister: Tomasz Schuchardt
Vikar: Adam Gaśecki
Joanna, Filips Mutter: Kamila Urzędowska
Dominikas prügelnder Vater: Artur Paczesny
Guccis Mutter: Katarzyna Pietruska
Guccis Vater: Michał Majnicz
Gemobbter Mitschüler Błażejek: Tomasz Pogoń

Wann & wo?

5., 17. und 23. August 2026
Urania Kino: 1010, Uraniastraße 1
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