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Gedenk-Veranstaltung von Blokada Beč für die 16 Toten von Novisad; 1. November 2026, ZwiDeMU (Maria-Theresien-Platz, Wien)
Gedenk-Veranstaltung von Blokada Beč für die 16 Toten von Novisad; 1. November 2026, ZwiDeMU (Maria-Theresien-Platz, Wien)
03.11.2026

Hoffnung auf ein neues Land – und Trauer über den Ausgangspunkt

Gedenken auch in Wien an die 16 Toten des Vordach-Einsturzes im serbischen Novi Sad am 1. November 2024.

Eeeeendlich frei atmen! Herzschläge, die nicht von Angst, sondern von Freude und Hoffnung geprägt sind. Diese Stimmung verbreiten und vermitteln Menschen der serbischen Diaspora in Wien seit rund einer Woche, seit die basisdemokratische studentische Liste bei den vorgezogenen Parlamentswahlen die absolute Mehrheit gewonnen hat. Und schon von den ersten Minuten an war auch der Spirit dieser seit fast zwei Jahren aktiven Bewegung zu spüren, erzählen Menschen, die auch rund um die Wahl in ihrem Geburtsland waren.

Zwar unbändige Freude, Erstaunen, dass der autokratische Langzeit-Machthaber Aleksandar Vučić recht rasch seine Niederlage eingestand, obwohl noch Minuten zuvor die von ihm und seinesgleichen beherrschten Medien seinen Sieg angezeigt hatten.

Putzaktion im Pionierpark von Belgrad (Serbien) nach der jüngsten Parlamentswahl, bei der die basisdemokratische Studentenliste gewonnen hat
Putzaktion im Pionierpark von Belgrad (Serbien) nach der jüngsten Parlamentswahl, bei der die basisdemokratische Studentenliste gewonnen hat

Park wieder für Bürger:innen

Aber kein Triumphgeheul oder -gehabe. Sondern eher Ärmel aufkrempeln, Arbeit anpacken. Das Land säubern – begann schon mit dem Abräumen des bedrohlichen Camps gegenüber vom Parlament im Pionier-Park. Aktivist:innen machten daraus wieder einen begeh- und benutzbaren Park. „Hier sitze ich nun, putze und weine“, sagte Ksenija, eine Einwohnerin Belgrads, gegenüber Radio Free Europe, zitiert Gazeta Express. „Nach anderthalb Jahren, in denen der Park im Belgrader Stadtzentrum geschlossen war, kehrten die Bürger dorthin zurück. Es war schrecklich, das alles nur vom Fenster aus zu sehen und nicht hineingehen zu können. Jetzt bin ich sehr glücklich, dass ich meinen Park reinigen und betreten kann“, sagte Mirjana Marković in dem Online-Beitrag am 30. Oktober 2026.

Das Land säubern

Im ganzen Land werden Hass- und nationalistische Parolen überpinselt. Müllplätze gereinigt, in einem Dorf ein vermülltes ehemaliges Kulturzentrum renoviert. Nicht auf Aufruf oder gar Anordnung, sondern selbsttätig von Menschen vor Ort, die wieder Hoffnung geschöpft haben auf ein freies, demokratisches Land. In dem sie selbst das Sagen haben, mitbestimmen, mitreden. „Hoffnung liegt in der Luft“, so die Theaterregisseurin Marina Đorđević zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…

Trauer um 16 Menschen

In diese optimistische, hoffnungsfrohe Aufbrauchstimmung mischt sich immer wieder aber auch Trauer – um jene 16 Menschen, die am 1. November 2024 beim Einsturz des neuen Dachs des vielfach überteuerten renovierten Bahnhofs von Novi Sad ihr Leben verloren haben. Was im Übrigen die Geburtsstunde dieser neuen, breiten, basisdemokratischen Bewegung war.

Und so gab es am 1. November rund um den Zeitpunkt des Einsturzes (11.52 Uhr) nicht nur in Novi Sad, eine riesige Kundgebung, sondern auch – wieder – in Wien eine beachtliche Versammlung von Blokada Beč; dieses Mal nicht vor der serbischen Botschaft in Wien-Landstraße, sondern ZwiDeMu, zwischen den Museen (Kunst- bzw. Naturhistorisches) am Maria-Theresien-Platz.

Im Zentrum stand das Gedenken an Milica Adamović, Sanja Ćirić Arbutina, Vukašin Crnčević, Sara Firić, Valentina Firić, Đorđe Firić, Stefan Hrka, Mileva Karanović, Nemanja Komar, Miloš Milosavljević, Goranka Raca, Anja Radonjić, Vukašin Raković, Anđela Ruman, Đuro Švonja, Vasko Sazdovski. Schwarze Trauer-Herzen mit ihren weiß geschriebenen Namen hingen an der Kette um das Denkmal der einstigen Habsburger Kaiserin. Kinder legten weiße Rosen dazu, Kerzen wurden angezündet. An die Opfer gedacht.

Wahrheit, Gerechtigkeit und Verantwortung

„Sechzehn Namen. Sechzehn Leben. Sechzehn Welten, die gewaltsam ausgelöscht wurden“, heißt es in der Rede, die auf Serbisch und Deutsch gehalten wurde. „Es stellt sich die große Frage, ob wir das Ausmaß eines solchen Verlustes überhaupt begreifen können. Können wir uns vorstellen, wie viele Erinnerungen, Gespräche, Umarmungen und nie erlebte Augenblicke in ein einziges Leben passen? Und wie viel sich für immer verändert, wenn ein Leben plötzlich endet? …

Dennoch gibt es etwas, das wir ihnen weiterhin schulden: Wahrheit, Gerechtigkeit und Verantwortungsübernahme. Machen wir uns bewusst: Unser Kampf war vom ersten Tag an mehr als ein Kampf gegen ein bestimmtes System, eine bestimmte Politik oder eine bestimmte Zeit. Er war und ist auch ein Kampf für die Familien, die Antworten verdienen, und für die Würde jener Menschen, deren Leben gewaltsam beendet wurde…

Gefahr der Gewöhnung

Die größte Gefahr liegt nicht allein darin, dass Unrecht geschieht. Die größte Gefahr entsteht dann, wenn wir uns daran gewöhnen, aufhören, Fragen zu stellen, und stattdessen beginnen, Rechtfertigungen zu finden. Wenn das, was einst inakzeptabel war, zu einem Teil unseres Alltags wird.

Und doch ist aus einer Tragödie, die uns alle zutiefst erschüttert hat, etwas entstanden, das sich nicht an der Zahl der versammelten Menschen, den zurückgelegten Kilometern oder den abgehaltenen Protesten messen lässt. Es ist das Bewusstsein gewachsen, dass wir einander nicht fremd sind und unsere Schicksale nicht voneinander getrennt verlaufen. Ebenso die Erkenntnis, dass das Unrecht, das einem Menschen widerfährt, niemals nur sein eigenes Problem ist.

Trennlinien überwunden

Die Studierendenbewegung hat eine Welle ausgelöst, die Generationengrenzen, gesellschaftliche Schranken und viele andere Trennlinien überwunden hat. Sie hat uns den Glauben zurückgegeben, dass Veränderung möglich ist und unsere Zukunft nicht von vornherein feststeht. Heute wissen wir, dass wir niemals wieder zu stummen Beobachtern unseres eigenen Schicksals werden dürfen. Nach vierzehn Jahren der Dunkelheit haben wir wieder begonnen, daran zu glauben, dass wir Einfluss auf die Welt nehmen können, in der wir leben wollen…

Es reicht nicht, sich eine bessere Gesellschaft zu wünschen. Wir müssen sie jeden Tag aufs Neue gestalten. Und es reicht nicht, von Zusammenhalt zu sprechen, wenn wir ihn aufgeben, sobald es wieder schwierig wird! Die Veränderung, die wir uns wünschen, darf nicht bloß darin bestehen, dass andere Menschen bestimmte Positionen besetzen. Sie muss eine grundlegende Veränderung unseres Umgangs mit dem Leben, mit der Wahrheit, mit Verantwortung und mit unseren Mitmenschen sein.

… Wir können nicht ändern, was am 1. November 2024 geschehen ist. Aber wir können entscheiden, dass dieses Datum nicht nur ein Jahrestag des Gedenkens an die Toten bleibt, sondern auch eine dauerhafte Mahnung daran ist, was für eine Gesellschaft wir niemals wieder sein dürfen. Wir können ihnen ihr Leben nicht zurückgeben. Aber wir können uns weigern, zuzulassen, dass sie vergessen werden. Wir können ihren Familien zur Seite stehen. Wir können im Kampf für Wahrheit und Gerechtigkeit standhaft bleiben. Und wir können bewahren, was aus ihrem Andenken entstanden ist: Solidarität, Mut, Zusammenhalt und Hoffnung.“

Zeit für Dank

Die schon weiter oben erwähnte Theaterregisseurin, seit mehr als einem Jahr unter ihrem Künstlerinnen-Namen Marina Margo im Schauspielhaus Wien tätig, sagt zu KiJuKU, „es ist aber auch Zeit Danke zu sagen an alle, die die von Studierenden ausgehende demokratische Bewegung unterstützt haben. So hat das Schauspielhaus Wien den auf der Straße Protestierenden erstmals auch ein Dach über dem Kopf gewährt.“ Unter dem Titel „Pumpajmo glasno“ (Lass uns laut pumpen – wobei dabei das Herz-pumpen/schlagen gemeint ist) fand ein Solidaritätsabend im Theater in der Porzellangasse statt – auf Bosnisch, Kroatisch, Serbisch und Deutsch – an dem rund zwei Dutzend Künstler:innen mitwirkten, unter anderem Tina Keserović, Ensemblemitglied des dortigen Theaters, die den Abend gemeinsam mit Felix Rotkehl und Marina Margo kuratierte.

Hvala Lepo – für die Initiative, die so viel Mut macht, dass eine basisdemokratische Initiative auch gegen autokratische Herrschaft gewinnen kann.

kijuku_heinz

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