„Enochio“ – Schauspiel und Live-Band-Musik rund um Künstliche Intelligenz mit Anleihe bei Carlo Collodis Klassiker Pinocchio.
Hinter einem wuchtigen Sofa, zwischen Kleiderständer, Regal mit vielen Getränkeflaschen und einem runden Stehtisch mit ein paar Getränken beginnt die fünfköpfige Band – 2 E-Gitarren (Bidhan Shahi, Clemens Grünert), ein Bass (Rie Verdino), Schlagzeug (Fabio Nüssel) und Keyboard (Theresa Pell) lautstark, kräftig, leidenschaftlich zu spielen. Vier Schauspieler:innen entern zusätzlich die Bühne vor einem nun im Hintergrund auf die Leinwand projizierten großen Bar-Bild.
Anmache mal andersrum. Frau zu Typen: „Du hast Potenzial!“ Kollegin oder Freundin scheint die Augen zu verdrehen angesichts des immer gleichen Schmähs 😉
Soweit das einstiegs-Setting in das Pop-Rock-Musical „Enocchio“, das kürzlich ein paar Mal bei Junge Theater Wien – zunächst in der Kulturgarage Seestadt (Wien-Donaustadt) und dann im F23 – Kulturfabriken (Wien-Liesing) aufgeführt wurde. Weitere Termine gibt es (noch?) nicht. Soll es in dieser Form auch nicht mehr geben, sondern in einer um Tanz erweiterten Version in größeren Sälen.
Der Titel ist nicht zufällig verwandt mit Carlo Collodis Pinocchio. Aus der Holzpuppe wird ein humanoider Roboter, gefüttert mit AI / KI, also der derzeit allgegenwärtigen „Künstlichen Intelligenz“ (musikalische Leitung und Regie: Annett Thoms). Die vier Schauspieler:innen kommen beim Brainstorming über ein mögliches neues Stück auf diese Idee. Sie wollten zum genannten Thema was machen, aber was? Und landen bei dieser bekannten Geschichte über die lebendig gewordene Holzpuppe bei einer moderneren Version dieser. Meister Geppetto (der heißt auch 150 Jahre später noch immer so wie Pinocchios Tischlermeister) will mit seiner KI-Figur die Welt retten, was an die Anfangs-Illusionen der Verbreitung des Internets als die große Demokratisierung erinnert.
Die Band mit breitem musikalischem Schaffen – Heavy, Pop, Rock, Hip*Hop, jazzig … -hat aber schon „dank“ der KI eine ihrer Einnahme-Quellen, Musik für Werbe-Jingles, verloren. Und die klischeehaft affektierte Theater-Direktorin Victoria (Candide Thoms) kündigt ihre Schauspielerin Isabella (Catherina Gruber), weil die im Namen ihrer Kolleg:innen mehr Gage verlangt. Und da kommt ihr die Titelfigur Enoccio gerade recht. Billige Einspringerin. Text und Rolle in null komma nix gelernt. Strom und WLAN würde sie ihr zur Verfügung stellen. Und eine Art „Trink“-Geld für den Erfinder.
Luca Bader verkörpert die KI-Version aus Geppettos Digitallabor teilweise als humanoide Roboterin, teils aber dann doch allzu menschlich nicht nur was ihre Sprach„ausgabe“, sondern vor allem ihre Bewegungen betrifft. Selbst den modernsten ihrer Art bei der Roboter-Olympiade vor zwei Monaten in China waren trotz ihrer herausragenden Fähigkeiten die roboter:innen-artigen Moves deutlich anzumerken.
In einer anderen Szene knüpft sie am Erfinder-Gedanken an, Menschen zu retten und versucht dies bei ihrem Schöpfer und seiner Spielsucht im Kasino. Immer wieder switchen die vier Schauspieler:innen von ihren Rollen als solche in die der „eben“ erfundenen Szenen rund um die KI-„Puppe“. Und bieten aber bewusst keine Lösung – weder in die eine noch in eine andere Richtung an. Mit offenem Ende. Und das ist wohl das Beste.
Musical; 1 ¼ Stunden; ab 14 Jahren
Gemeinschaftsproduktion von One Voice Lab, des Vereins IFSÖ (Initiative zur Förderung von Sängerinnen und Sängern in Österreich) und Junge Theater Wien
Musikalische Leitung und Regie: Annett Thoms
Darsteller:innen
Enocchio/Luca: Luca Bader
Geppetto/Shadow/Peter: Peter Varsanyi
Victoria/Candide: Candide Thoms
Isabella/Catherina: Catherina Gruber
Band
Klavier: Theresa Pell
e-Gitarren: Bidhan Shahi, Clemens Grünert
Bass: Rie Verdino
Drums: Fabio Nüssel
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