Ausführliches Gespräch von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… mit der initiatorin und Co-Leiterin des Festivals „Bühne der Macht“ im Kärntner Gailtal.
Die Erfinderin und künstlerische Leiterin des Kulturfestivals Südalpenraum mit dem Motto „Bühne der Macht“ in Sankt Daniel im Kärntner Gailtal, Cornelia Rainer, nahm sich rund eine Stunde vor der Premiere von Jospeh Roths „Radetzkymarsch“ gut ¼ Stunde Zeit für ein Gespräch mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…
KiJuKU: Erste Frage: Warum ein (Theater-)Festival an diesem Ort in einem Zelt?
Cornelia Rainer: Warum hier in der Landschaft, weil’s gute frische Luft gibt, weil’s Berge gibt, weil’s Wiesen gibt und weil man in der frischen Luft und in der Landschaft unglaublich gut nachdenken kann.
Zum einen, weil es eine gute Konzentration schafft und weil man sich innerhalb einer kurzen Zeit, also bei uns jetzt an fünf Tagen, einfach mit einem Thema ganz gut beschäftigen kann, nämlich mit dem Thema Macht und alles, was darüber sich noch ableiten lässt.
KiJuKU: Das würde aber für jede Landschaft abseits von (großen) Städten gelten, oder?
Cornelia Rainer: Einerseits gibt es persönliche Anbindungen an die Region. Der Matthias (Mamedof), der die strategische Leitung des Festivals macht, ist genau hier in diesem Ort aufgewachsen. Und ich bin aus Lienz in Osttirol, das ist aber nur 30 Kilometer entfernt.
Und es ist ein überregionales Kulturprojekt, sprich Oberkärnten und Tirol, da ist eine Kooperation zustande gekommen und soll auch weiterentwickelt werden. Andererseits wollen wir mit Menschen aus der Region, wo vielleicht Kunst, Kultur nicht unbedingt so zugänglich ist, gemeinsam etwas zu auch sehr komplexen Themen arbeiten.
KiJuKU: Nicht so zugänglich? ich hab grad vorher erfahren, dass es hier fast in jedem der Orte des Tals eine eigene Theatergruppe gibt?
Cornelia Rainer: Naja, aber es gab keine Festivals oder Theaterstücke mit Schauspieler:innen aus etablierten Häusern. Wir möchten mit Menschen aus der Region gemeinsam arbeiten und komplexe Stoffe umsetzen. Wir haben auch vor allem junge Menschen aus der Region im Vorfeld für die Filme, die wir im Stück einspielen, einbezogen.
Mich interessieren Stimmen aus verschiedenen Richtungen, aus verschiedenen Herkünften und verschiedenen Kulturen. Vom Festivalort erreicht man in 45 Minuten Villach, ich komme aus Lienz in Osttirol, das ist noch näher. Slowenien oder Tarvis in Italien ist auch nicht weiter weg. Dieser Südalpenraum ist ein riesiges Einzugsgebiet. Und da wollen wir über die Generationen und Kulturen hinweg etwas etablieren.
KiJuKU: Ist dann daran gedacht, auch einmal Slowenisch einzubeziehen, zweisprachig zu spielen – viele Kärntner Gebiete sind ja eigentlich zweisprachig, auch wenn das hier noch immer ein heikles Thema ist?
Cornelia Rainer: Das wäre absolut in unserem Sinn, es steht ganz fest in unserem Entwicklungs- unserem Strategieplan drin. Jetzt starten wir mal, bauen auf, wir brauchen einen Ausgangspunkt, aber wir wollen von der Region natürlich auch international auch in die Welt hinaus. Also sprich, dass wir verschiedene Länder und Kulturen miteinander verbinden und im besten Fall haben wir in ein paar Jahren Untertitel laufen, wo Slowenisch und Italienisch und Deutsch gezeigt werden.
KiJuKU: Wobei Slowenisch ist ja nicht nur international, sondern auch regional.
Cornelia Rainer: Genau, ich finde, man muss darauf aufmerksam machen.
KiJuKU: Es gibt ja viele slowenische Kulturinitiativen und – vereine.
Cornelia Rainer: Absolut. Und da gibt es unglaublich tolle Initiativen, brauchen noch mehr Sichtbarkeit, auch diese hier. Dass auch über die Region hinaus Leute mitkriegen, dass in den Regionen tolle Dinge stattfinden und nicht nur in den Metropolen. In der Peripherie wie hier ist es erst einmal schwieriger, etwas zu etablieren. Aber gemeinsam mit sehr viel Fördergebern und Unterstützerin ist etwas möglich geworden, was ich mir selber gar nicht gedacht hatte.
KiJuKU: Warum habt ihr das Thema Macht gewählt?
Cornelia Rainer: Weil sie überall wirkt. Weil Macht unser Zusammenleben prägt, also egal in welcher Situation, egal ob Politik, Wirtschaft, oder im Zusammenleben in der Familie, in Beziehungen – Macht spielt überall eine Rolle, aber meistens ist sie halt unsichtbar und wir wissen oft gar nicht, dass es Machtsituationen gibt, dass es Machtbotschaften gibt. Und da wollen wir eine Aufmerksamkeit schaffen. Und es sichtbar machen, wo eben Macht überall wirkt und was das mit uns macht, im besten Sinne und wie wir damit umgehen können; nämlich verantwortungsvoll umgehen können.
KiJuKU: Also nicht so, wie es aktuell an fast allen Ecken und Enden der Welt passiert.
Cornelia Rainer: Macht in dem Sinne, dass man nach der positiven Gestaltung davon sucht. Wie kann jede und jeder in ein eigenes verantwortungsvolles Handeln kommen. Dafür braucht es gemeinsame Überlegungen, dass wir einfach Denkräume schaffen, wo wir zusammenkommen und sagen: Wir wollen gemeinsam Fragen stellen. Es soll sozusagen nicht nur das Stück zu Ende sein und wir konsumieren das, sondern nach dem Stück, nach dem Schlussapplaus geht es im besten Fall weiter.
Da gibt es ein fünftägiges Festivalprogramm, das startet morgen in der Früh, wo Philosoph:innen in der Landschaft sitzen, wo Schauspiel- und Film-Workshops für Jugendliche stattfinden, Vorträge, Gespräche. Besonders freut mich, dass wir das bei freiem Eintritt anbieten können. Man spürt eine Aufbruchstimmung, das Gefühl, man will hier etwas etablieren, das vielleicht noch nicht so sichtbar ist.
KiJuKU: War der Ausgangspunkt für den thematischen Schwerpunkt, weil brutale Macht im Moment oder seit ein paar Jahren wieder eine ganz krasse Rolle spielt im in negativen Sin? Errungenschaften wie demokratischer Fortschritt in immer mehr Ländern zurückgedreht wird?
Cornelia Rainer: Also ich beschäftige mich schon lange und sehr intensiv mit dem Thema, habe auch eine Ausbildung bei einer Macht-Analytikerin (Christine Bauer-Jelinek) gemacht.
Und vor allem ist Macht ein tabuisiertes Thema. Wenn man Macht hört, denkt man erst einmal sofort an die dunkle Seite der Macht. Aber es gibt auch, glaube ich, eine helle Seite der Macht. Dass man in gewissen Machtsituationen etwas mit Verantwortung umsetzen kann. Dafür sind diese Workshops und Vorträge da, dass wir Bewusstsein dafür schaffen wollen. Es ist ein offenes Bildungsprogramm, würde ich mal sagen, für alle. Da sind Expert:innen hier, mit denen wir das und gemeinsam mit jungen Menschen und mit älteren Menschen weiter entwickeln wollen.
KiJuKU: In Wien gibt es seit mehr als 20 Jahren in den Sommerferien eine einwöchige Kinderstadt, in der Kinder alle Jobs ausüben, täglich ihre eigene Regierung wählen, Gesetze beschließen, also Demokratie und Mitbestimmung in spielerischer praxis erleben.
Cornelia Rainer: Oh, das ist sehr interessant. Wir bauen ja die Jugendlichen schon sehr stark. ich finde es ganz, ganz wichtig. Wenn sie früh Macht erkennen und wie man sie verantwortungsvoll nützt, dann lernen sie früh Eigenverantwortung zu übernehmen.
KiJuKU: Wie fiel die Wahl auf Joseph Roths doch recht umfangreichen Roman „Radetzkymarsch“?
Cornelia Rainer: Weil dieser Roman genau dieses Thema der Macht über verschiedene Zeiten hinweg behandelt. Aus der Vergangenheit, wo wir glauben, das hat mit uns nichts mehr zu tun, aber viele Dinge wirken einfach über Generationen weiter. Und mich interessiert vor allem eben, wie das von einer Generation zur nächsten weitergetragen wird – gewisse Glaubenssätze, gewisse Botschaften, die wir in uns tragen, die wir weitergegeben haben, wie das in uns alles weiterwirkt und wie wir vielleicht auch was Neues für uns entwickeln können.
Wenn der junge Trotta dann sagt, ich will eigentlich nicht mehr! Er sagt, er will die Armee verlassen. Also gegen einen alten Ehrenkodex aufbegehrt. Er möchte also nicht den vorgeschriebenen Weg gehen, er möchte nicht das Vermächtnis seines Vaters weitertragen. Das ist unglaublich schwierig für ihn. Also wie schafft man es, sozusagen einen eigenen Weg zu finden, trotz gewisser Erwartungen? Trotzdem, dass gewisse Vorstellungen herrschen.
Natürlich geht es bei Roth um den Zusammenbruch der Habsburger Monarchie, aber gleichzeitig geht es auch darum, ich glaube, dass jeder den Kaiser irgendwie auch in sich trägt. Sei es durch Erwartungen, Vorstellungen, gewisse Wahrheiten, die man in sich trägt. Und wie kann man den inneren Kaiser sozusagen bezwingen oder auch weiterentwickeln?
KiJuKU: Was steht dann nächstes Jahr am Programm?
Cornelia Rainer: Das sind wir gerade dabei. Also wie es ausschaut, geht es nächstes Jahr weiter. Das Thema Macht bleibt uns bestimmt erhalten. Wie ich schon vorher gesagt habe, in der Liebe gibt es Macht, es gibt überall die Macht. Die Macht spielt überall eine Rolle. Und wenn wir die Macht besser begreifen lernen, dann können wir vielleicht diese Themen, die uns alle beschäftigen, Liebe, Tod, Trauer, Schmerz, mit persönlichem Gewinn besser bearbeiten?
KiJuKU: Vielen Dank – für das Gespräch und deine / eure Initiative zu diesem Festival.
Transparenzhinweis: KiJuKU wurde zur Berichterstattung am Premierentag auf die Bahn- und Busfahrten sowie die Übernachtung eingeladen (danach wäre eine öffentliche Rückfahrt nicht mehr möglich gewesen).
nach dem Roman von Joseph Roth
Bühnenfassung: Cornelia Rainer und Stephan Lack
Ensemble
Franz von Trotta / der Kaiser: Eduard Wildner
Carl Joseph von Trotta, Sohn von Franz und Enkel des „Helden“: Matthias Mamedof
Frau Slama / Oberst / Frau von Taussig / Doktor Skowronnek: Elisabeth Engstler
Jacques (Diener) / Frau Demant / Graf Chojnicki: Alina Fritsch
Herr Slama / Doktor Demant / Hauptmann Wagner: Nikolaus Barton
In verschiedenen kleineren Rollen folgende Mitglieder der Theatergruppe Dellach
Levi Buchacher, Michael Buchacher, Sonja Kanzian, Hans Peter Kreuzberger, Tina Pugelj, Nicole Stollwitzer, Johanna Sturm, Christine Themessl, Melina Themessl, Werner Wölbitsch
In eingeblendeten Film-Passagen Jugendliche und Erwachsene aus der Region:
Liala Ameseder, Margit Bacher, Karl Bader, Ibrahim Bargouth, Eny Combs, Maria Gambs, Marianne Gasser, Olga Gassler, Anna Gumpoldsberger, Astrid Istenich, Emma Joast, Michelle Lackner, Julius Luneschnig, Kilian Mattersberger, Regina Mayr, Rahel Mühlmann, Sieglinge Passler, Sieglinde Pastner, Susanne Pissenberger, Gerlinde Prandl, Luisa Radziwon, Sylvie Rainer, Susanne Resl, Roland Rossbacher, Pauline Schack, Daniel Suntinger, Eva Unterasinger, Clemens Wibmer
Künstlerisches Team
Regie, Raum- und Gesamtkonzeption: Cornelia Rainer
Stückfassung: Cornelia Rainer und Stephan Lack
Kostüme: Elke Gattinger
Komposition und Live-Musik: Miloš Todorovski
Lichtdesign: Nicholas Langer
Set-Ton: David Graudenz
Tonmischung: Daniel Grailach
Tontechnik: Luca zettl
Kamera: Stefan Olivier, Carolin Bobek
Editor: Alexander Rauscher
Ausstattungs-Assistenz: Malin Alexandersson
Produktions-Hospitanz: Sarah Gabriela Heitzinger
Graphik: Julie David
im Rahmen des Kulturfestivals Südalpenraum in Sankt Daniel (Kärnten)
Bis Sonntag, 19. Juli 2026 (Doppelvorstellung – Nachmittag und Abend)
Theaterzelt
Sankt Daniel 100
9635, Dellach im Gailtal
Festival Bühne der Macht
Trailer
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