Klima – das Thema ist in den vergangenen Jahren weniger „sexy“ geworden als am Höhepunkt der Fridays for Future Bewegung. Und das obwohl gerade der aktuelle neueste – kurzfristig durch einen gleich wieder brüchigen Waffenstillstand – unterbrochene Krieg abseits der direkten Folgen für die betroffenen Menschen beweist: Fossile Energielieferanten wie Öl und Gas verschärfen neben ökologischen auch ökonomisch Krisen.
Selbst unter Jugendlichen hat Klimaschutz an Aufmerksamkeit verloren, ergibt die Anfang dieser Woche vorgestellte umfangreiche Studie „Lebenswelten 2025“ mit Umfrage unter 15.000 Schüler:innen in ganz Österreich – Link zum KiJuKU-Bericht darüber am Ende des Beitrages.
Andererseits präsentierten viele Jugendlichen erst bei der jüngsten internationalen Juniorfirmen-Handelsmesse nachhaltige Produkte bzw. solche, die Umweltlernen fördern. Und nicht nur dort, auch schon bei vorangegangenen solcher Messen und Bewerbe, aber auch bei vielen Projekte in den Bundesfinali von Jugend Innovativ stellen Jugendliche auf Re- und Upcycling, Ressourcen-Schonung und andere nachhaltige Aspekte fokussierte Arbeiten vor, und dies nicht nur in der Kategorie Sustainability – Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… hat berichtet; Links am Ende.
Über die Wichtigkeit des Themas, wenn es ums Überleben vieler Tier- und Pflanzenarten sowie der Menschheit geht, gibt es – faktenbasiert – keinen Zweifel. Viele Künstler:innen setzen sich mit unterschiedlichsten Aspekten rund um Natur, Klima, Zusammenleben zum Teil schon jahrzehntelang auseinander und gestalten dazu und daraus ihre Werke unterschiedlichster Art. Von verspielt über sehr subtil bis plakativ. Geballt kommen solche nun – bis 10. Mai 2026 in Wien in den öffentlichen Raum – und das (groß-)teils in zentraler Lage. Und ins Kunsthaus Wien zwischen Donaukanal und Hundertwasserhaus.
Spielte sich Wiens erste Klima Biennale vor zwei Jahren vor allem auf dem Brach-Gelände des einstigen Nordwestbahnhofes ab – immerhin kamen mehr als 225.000 Besucher:innen dorthin -, so ist ein zentraler Ausstellungs- und Aktionsraum heuer der Karlsplatz. Anknüpfend an ihr „Kaorle am Karlsplatz“ von vor mehr als 40 Jahren (1982) mit Strand am Teich, lässt Margot Pilz heuer dort unter anderem ein kleines Boot „srranden“. Wenige Meter weiter liegt ein toter Baum mitten im Sand. Und alles überragt eine „Palme“ aus grünlichen Kunststoff-Streifen, die an Kran-Armen hängen und einen ziemlich welken Eindruck machen (von Pia Sirén). Zheng Mahler verhüllte eine der Säulen der Karlskirche bunt, nennt die Installation Plague Columns (Pestsäule).
Dazu schwimmt ein großer Plastik-Wal mitten im Teich – und erinnert unfreiwillig und ungeplant an den kürzlich in der Ostsee gestrandeten Buckelwal, der laut Fachleuten derzeit im Sterben schwebe.
Im Laufe der ein Monat dauernden zweiten Klima Biennale Wien wird das Areal zum einmonatigen Begegnungsort künstlerischer Positionen – und hoffentlich mit vielen Stadtbewohner:innen. Dazu laden auch eine Reihe von Performances ein – vom Pop-Up-Chor der NEST – Neue Staatsoper bis zur Silent Disco. Zum Start gibt’s Walgesänge und Posaunenklänge.
Die Arbeiten auf dem Karlsplatz sind Teil der Ausstellung im öffentlichen Raum unter dem Titel „(No) Funny Games oder Wie wir lernten, fürsorglich zu sein und die Dystopie zu lieben“ – an 18 Orten im Wiener Stadtraum (ein Folder mit Plan markiert diese Plätze). Vielleicht am plakativsten manifestiert sich (keine) spaßigen Spiele am Rande des Karlsplatzes in der Installation „Maaaaash!“. Folke Köbberling hat auf ein Rasenstück bei der stark befahrenen Straße einen Geländewagen hingestellt – aus einem von ihr entwickelten biobasierten Verbundstoff. Und das als „Kopie“ eines Luxus-SUV. Ihr Bio-SUV wir auch einen biologischen Verwitterungs- und Abbauprozess erleben – und damit gleichzeitig zum neuen Lebensraum für Kleinstlebewesen und Pflanzen werden – was für eine symbolträchtige Arbeit!
Plakativ im eigentlichen Wortsinn ist ein großes Transparent – aus Gras im Kunsthaus Wien, das in diesem Jahr zu Festivalzentrale wurde / wird. Das Duo Ackroyd & Harvey hat mit Freiräumen in gesäten Gras-Samen englische Begriffe zu Saatgut, Basisdemokratie bis hin zur Weigerung, sich an ausbeuterischen Systemen mitschuldig zu machen, „geschrieben“.
Einen Stock drunter lässt Tue Greenfort auf einem Dreieck die Gräser von Mais, Weizen, Gerste, Soja und Sommertriticale (Kreuzung aus Weizen und Roggen). „Monoculture“ nennt er seine wachsende, sprießende und wieder vertrocknende Arbeit, die er als symbolische Kritik an industrialisierter Landwirtschaft mit eben vereinheitlichter ein- statt vielfältiger, wild wuchernder Sorten versteht. Beim Medientermin im Kunsthaus schilderte er, wie er als Kind in Dänemark noch durch wilde hochwachsende solcher Pflanzen sich Wege bahnen oder um diese Felder eher herumgehen musste.
An der Wand hängt gleich noch ergänzend eine laaaange Rote Liste von Farn- und Blütenpflanzen in Österreich – solche sind in Videoprojektionen zu sehen.
Gleichzeitig ist der Mix aus fünf Pflanzen wiederum ein natürlicher Widespruch zu Monokulturen 😉
Diese beiden Arbeiten sind mit Werken von Maria Thereza Alves, Alexandra Baumgartner, Kapwani Kiwanga, Dominique Koch, Jumana Manna, Christian Kosmas Mayer, Marzia Migliora, Lucía Pizzani, Michaela Putz, Cecilia Vicuña und Munem Wasif Teil der von Sophie Haslinger kuratierten Ausstellung „Seeds. Reclaiming Roots, Sowing Futures“ (Samen. Zu den Wurzeln zurückkehren, Zukunft säen) auf mehreren Ebenen im von Friedensreich Hundertwasser gestalteten Museum – und dies nicht nur für den Zeitraum der Klima Biennale Wien, sondern bis Mitte Februar des kommenden Jahres (14. 2. 2027).
Saatgut ist für die diese Künstler:innen aber kein pflanzlich-biologisches Thema, sondern „Ausgangspunkt für Arbeiten zu Migration und Kolonialismus, indigenem Wissen und Biodiversität, ebenso wie zu Widerstand, solidarischer Praxis und regenerativen Zukünften“.
Zum Kunsthaus gehört auch – erstaunlicherweise – eine Garage, die allerdings seit „ewig“ als künstlerischer Projektraum genutzt wird. Hier zeigt nun „The Institute of Queer Ecology“ die Ausstellung „I Wish We Had More Time“. Mit Skulpturen, Bildern, Musik, Literatur und Wissenschaft thematisieren sie sinnlich und vielfältig die gestörten Beziehungen von Mensch und Natur generell und speziell als Folge des Klimawandels. Zusätzlich sind „Brüche queerer Geschichte und Erzähltraditionen, die durch gesellschaftliche Krisen wie die AIDS-Epidemie verursacht wurden, und zwischenmenschliche Verluste – verpasste Begegnungen und Liebeskummer“ Ausgangspunkte für Kunstobjekte in diesem Teil des Kunsthauses Wien.
Die Festivalzentrale der aktuellen wurde auch literarisch-optisch szenographisch gestaltet: Das Duo Jascha & Franz (Hamburg/Berlin) entwickelte gemeinsam mit der österreichischen Schriftstellerin Andrea Grill „eine räumliche Erzählung – ihre Texte bilden die inhaltliche und visuelle Grundlage der Inszenierung“. Diese Szenographie „übersetzt das Leitthema Unspeakable Worlds (Unbeschreibliche Welten) in eine poetische Raum- und Textsprache“.
Grills poetische Texte – manchmal auf Italienisch, Französisch, Albanisch, Englisch, BKS (Bosnisch / Kroatisch / Serbisch), Griechisch und in Wiener Dialekt -, immer wieder in geschwungener Form, mitunter wie Wellen oder wachsende Pflanzen, stellen immer wieder Fragen zu unserem, dem menschlichen, Umgang mit unserer Umwelt. Und stellen vieles davon in Frage, etwa im folgenden Textbeispiel:
„banker sagen, sie legen wert auf natur, sie haben berechnet, wie viel insekten kosten würden im vergleich zu dem was an 1 tag an der börse umgesetzt wird, unterm strich: so gut wie nichts
aber: ich sage: DAS STIMMT NICHT
ich sage: EURE RECHNUNGEN SIND FALSCH
ich würde gern honorar für käfer bezahlen“
Darüberhinaus thematisieren die Texte immer wieder auch, dass Wörter, unsere Sprache nicht hinlänglich beschreiben kann, was sich abspielt:
„du, ich, er, sie steh(s)t sprachlos vor den bildern des klimawandels“
„Die gegenwärtige globale Dynamik politischer Eruptionen und eskalierender Klimakatastrophen lässt viele von uns sprachlos zurück“, meint Festivalleiterin Sithara Pathirana. „Umso dringlicher ist die Suche nach einer neuen Sprache – und nach erweiterten Räumen der Verständigung. Die Bewältigung der Klimakrise ist untrennbar damit verbunden, wie wir als Gesellschaft für einander einstehen und das Leben als verwoben begreifen. Die Klima Biennale Wien ist mehr als nur ein Festival – sie ist eine Bewegung, sie ist ein Wir. Wir stellen Fragen, öffnen Räume für Visionen und begreifen Kunst als Werkzeug der notwendigen Transformation.“
Wie widersprüchlich der Umgang mit Natur, Freiflächen, Versiegelung und so weiter ist, zeigte sich einmal mehr ausgerechnet am Tag der Eröffnung der zweiten Klimabiennale in Wien. Zum einen sprach Wiens Kulturstadträtin beim Medientermin am Vortag der Eröffnung von der Wichtigkeit nicht nur des Festivals, sondern des Themas. Die Festivalzentrale ist im Kunsthaus Wien, einem Unternehmen der Wien Holding. Zum anderen ließ genau dieses Unternehmen im Eigentum der Stadt Wien Donnerstagvormittag einen Protest der Zwischennutzer:innen „St. Marx für Alle“, aber auch von Lobau lebt in St. Marx polizeilich räumen. Dort soll eine – umstrittene – Eventhalle hinkommen – zu einem ORF-Bericht darüber unten in den Links.
ORF-Bericht über polizeiliche Räumung der „St.Marx für Alle“-Proteste
Dort wo du vor ein paar Jahren schwimmen oder in seichtem Wasser relaxen konntest, spielt sich nun Theater ab. Alles ganz ohne Wasser. Im Dianabad, der vor fünf Jahren stillgelegten vierten Version desselben, spielt sich Nestervals „Fürst*in Ninetta“ rund drei Stunden lang ab. Rund zwei Dutzend Charaktere haben ihre eigenen Wege und Stationen – manche einzeln, viele zu zweit – und du folgst ihnen. Kannst aber auch dazwischen von einer der Lebenswege zu anderen wechseln, wenngleich strenge Guides das – obwohl zu Beginn verkündet – nicht so gern sehen.
In dem Bad, dessen Schwimmhalle in seiner ersten Version – ab 1810 – im Winter überdeckt und zum Ballsaal umfunktioniert wurde, fand am 15. Februar 1867 die Uraufführung des wohl berühmtesten Walzers statt. Dieser wird in „Fürst*in Ninetta“ auch gespielt – zum Jahreswechsel 1974 /75 in dem das Stück angesiedelt ist (als Hommage an den 50. Geburtstag von Anna Hötzeneder, Schwester von Martin Finnland, einem der Masterminds von Nesterval).
Inspirationsquelle ist die Operette „Fürstin Ninetta“ vom Pop-Star seiner Zeit, dem Walzerkönig und welche superlativen Zuschreibungen den Bekanntesten aus der Strauss-Dynastie auch immer begleiten (Libretto: Hugo Wittmann und Julius Bauer). Zur 200. Wiederkehr des Geburtstages von Johann Strauss Sohn und dem ihm gewidmeten Jahr mit dem Spruch „Wien in Strauss und Braus“ wurden neben klassischen Musikvorstellungen auch ungewöhnliche Performances gesucht – u.a. über den entsprechenden Escape-Room, Trickfilm-Workshops im Zoom Kindermuseum, sowie Zeitreisen in Riesenrad-Waggons hat Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… schon berichtet.
Die Handlung des Nestervals’schen immersiven Theaters – das Publikum sitzt nicht und verfolgt eine Aufführung, sondern verfolgt wie schon eingangs erwähnt, einzelne Protagonist:innen durch ein Gelände) orientiert sich an der besagten Operette. Alles spielt sich in und rund um ein Hotel im süditalienischen Sorrent ab. In die einstige Schwimmhalle – in der vierten Version wurde es zu einem Erlebnis- und Spaßbad mit Nischen, Grotten usw. hat die Gruppe jurtenartige Zelte (Bühnenbild: Andrea Konrad) gestellt, die die „Appartements“ darstellen, in denen einzelne der Protagonist:innen ihre Szenen haben.
Sorrent liegt in der Nähe Neapels und des Vulkans Vesuv – der im Stück auch eine Rolle spielt. Adelheid Möbius (Laura Athanasiadis) und Ferdinand Knapp (Fabian Tobias Huster) wollen heiraten und tun dies auch. Doch kurz nach der Trauung verraten seine Mutter Anastasia (Anne Wieben) und ihr Vater Hans (Christopher Wurmdobler), dass sie am Vorabend geheiratet haben. Womit das junge Brautpaar sozusagen zu Stiefgeschwistern geworden ist!
Dies ist aber nur eine der sich durchziehenden, verwickelten Handlungsstränge. Im Zentrum steht die titelgebende Fürstin. Ninetta (Mio Wendelin Riedl) taucht im Hotel – in das die Nestervals das einstige Bad verwandelt haben, das seit fünf Jahren nicht mehr in Betrieb ist, – zunächst als Mann namens Carlino auf und wird von vielen angehimmelt. Genauso wie später auch als Frau. Genau das dürfte die Nestervals, die viele ihrer Performances um Queerness, Genderfluidität usw. kreisen lassen, besonders interessiert haben, weshalb sie dem Adelstitel ein Genderstrenchen eingefügt haben.
„Bei Johann Strauss dient das Spiel mit den Identitäten vor allem der klassischen Verwechslungskomödie: Eine Frau, die sich als Mann verkleidet, sorgt für turbulente Verwirrung, romantische Missverständnisse und dramatische Enthüllungen. Doch während solche Rollen damals oft mit einem Augenzwinkern betrachtet wurden, liest Nesterval diese Thematik mit zeitgenössischem Blick – als tiefgehende Auseinandersetzung mit Geschlechtsidentität und gesellschaftlichen Erwartungen“, heißt es dazu auf der Homepage der Gruppe.
„Wer oder was ist Ninetta? Ist sie eine Frau, die sich als Mann ausgibt, um sich in einer männlich dominierten Welt zu behaupten? Ist Carolino eine eigene Identität, die sich nicht als bloße Verkleidung, sondern als gelebter Ausdruck einer anderen Geschlechtswahrnehmung verstehen lässt? Ist Ninetta trans, nonbinär oder einfach eine Person, die sich in keine der vorgegebenen Kategorien pressen lassen will? Nesterval lässt diese Fragen bewusst offen und stellt sie ins Zentrum der Erzählung. Es geht nicht darum, eine endgültige Antwort zu finden, sondern darum, das Recht auf Unentschiedenheit, auf Entwicklung und auf das individuelle Finden der eigenen Identität zu thematisieren“, findet sich in der Folge als Hintergrundinformation.
Wie die Gäste des Hotels – nicht die mitwandernden Besucher:innen, sondern die Charaktere und Figuren – unterschiedlich auf diese Figur, aber auch viele anderen der Szenen reagieren, ist Teil des Spiels, das beim Publikum, das selber auch immer in Bewegung ist (die doch langen drei Stunden ermüden allerdings mindestens einen Teil des Publikums), ebenfalls verschiedene Reaktionen auslöst.
Heftig ist die Szene rund um „Mitternacht“. Einem der Hotelgäste, Kassim Pascha (Chris Pfannebecker), wird das Verschwinden Ninettas angelastet. Er wurde als „Ausländer“ – obwohl ja wohl in dem Urlaubs-Hotel fast alle anderen auch nicht aus Italien kommen – schon zuvor für alles und jedes beschuldigt. Als er beim choreografierten Walzertanz der anderen zusammenbricht, lassen sich die Tänzer:innen nicht aufhalten, drehen weiter ihre Runden, steigen über ihn drüber… Fast nicht auszuhalten. Da würdest du am liebsten fast selber eingreifen, wenn du nicht wüsstest, dass dies Teil der Inszenierung ist.
Die der Gruppe wichtigen performten Gedanken zu Identitätsfragen kumulieren nicht nur in der Figur von Ninetta / Carolino. Hoteldirektor Josef Nesterval (Alkis Vlassakakis) spricht die ganze Zeit ausschließlich Griechisch – auch mit Besucher:innen. Wenn du doch von der einen zu einer anderen Gruppe wechselst, fällt dir auch auf, dass eine der Gruppen in Österreichischer Gebärdensprache durch das Geschehen geführt wird. Und den Infos ist zu entnehmen, dass Pam Eden, die Klärchen Wasén spielt, all ihren Kolleg:innen im Ensemble während der Proben so manche Gebärde beigebracht hat.
Neben Deutsch, Griechisch und Gebärdensprache spielt natürlich Musik eine große Rolle: Außer Donauwalzer, Pizzicatto-Polka usw. damit Johann Strauss Sohn sorgen Julian Muldoon (Gesang: Sarah Muldoon und Clara Pazzini) und viele bekannte alte Italo-Hits (u.a. Felicità – Al Bano und Romina Power; La bambola – Patty Pravo, Ti amo – Umberto Tozzi) für beschwingte Atmosphäre.
Die Krebserkrankung von Katharina Wagner (Astôn Matters) lässt ihren Mann, den Wissenschafter Dr. Anton Wagner (Martin Walkner) schier verzweifeln. Wissenschaft kann sie anscheinend nicht retten. Für die Schriftstellerin Marthe Schwerdtlein (Romy Hrubeš) hat sich die Gruppe gar fiktive Romanseiten einfallen lassen. Sie selbst kann sich von ihrem vor gut einem Jahrzehnt verstorbenen Ehemann nicht lösen, lenkt sich mit Weltreisen mit ihrer Begleiterin Cecely Bailey (Alexandra Thompson) ab, aber nur notdürftig. Selbst die esoterisch angehauchten Gesundungsrituale bei Linda Stölmayer (Eva Deutsch) – und nicht wie irrtümlich ursprünglich hier stand Siebel (Julia Fuchs – in einer Wellness-Oase des einstigen Bades helfen da nicht wirklich. Nesterval-Master-Co-Mind Martin Finnland himself tritt in mehreren Rollen auf – vom Bademeister bis zur wohl berühmtesten Disney-Figur Micky.
Übrigens: Die Hotel-Rezeption ist zu Beginn nicht besetzt, dahinter allerdings findet sich die Garderobe, wo du u.a. auch dein Handy abgeben musst – wohl eine der wenigen Theaterperformances wo es nicht dazwischen klingeln, vibrieren usw. kann 😉 Und dann steigst du in ein „Flugzeug“ mit Sicherheits-Video“ (Lorenz Tröbinger; Darstellerin: Laura Hermann), bevor du in der Hotel-Lobby von Herrn Brandner (Peter Kraus) empfangen wirst.
Am Ende bei Übergabe deiner Garderobe kriegst du einen Brief – die „Rechnung“ mit QR-Code zum digitalen Programmheft mit viiiiielen Hintergrund-Infos, auf die hier zum Teil zurückgegriffen wurde bzw. aus denen zitiert wurde.
Alex beschwert sich heftig, dass sein Freund nicht und nicht auf seine eMails, Sprachnachrichten, WhatsApp-Messages reagiert. Und macht diesem Ärger mit einer weiteren Sprachnachricht Luft. Bis er einen verwunderten Anruf bekommt. Weshalb der Empfänger, ein gewisser Bruno, überhaupt diese Nachricht bekommen hat. Alex habe offenbar eine falsche Nummer gewählt.
Aus diesem Zufall ergibt sich eine Art „warum nicht“-Treffen der beiden. Sie sind Protagonisten des Stücks „Smiley – Eine Liebesgeschichte“ (nach der vor mehr als zehn Jahren veröffentlichten Komödie von Guillem Clua; Übersetzung aus dem Spanischen: Stefanie Gerhold). Und so begibt sich Bruno in die „Bar zum anderen Ufer“ in der Alex arbeitet. Neugierig auf den jeweils anderen – sie kennen sich ja nur von dem Telefonat –ohne Videofunktion. Und dann: Die ersten Sekunden: Nein, Hilfe, bitte nicht der!
„Du hättest mich sicher nicht gedatet, wenn ich ein Profil auf Romeo hätte“, wirft Bruno dem Barkellner vor. Zögerlich gibt Alex das zu, findet aber Gefallen an der angeregten Unterhaltung mit dem Gast.
Zwei die unterschiedlicher nicht sein können und einander viel Abneigung für die Ansichten und Verhaltensweisen und Schubladen des jeweils anderen an den Kopf werfen, finden natürlich – wozu denn sonst der Untertitel des Stücks – zu einer noch dazu intensiven Liebesgeschichte zueinander.
Soweit der Kern der Story.
Anfangs zwischen live gespielten und voraufgenommenen eingespielten Stimmen pendelt „Smiley“ derzeit im Wiener Amerlinghaus (Galerie). Mit minimalem Bühnenbild – eine Stoffwand mit Klemmen an einem Metallgestell: rechts ein grauer Streifen, dazwischen ein schmaler gelber und links ein gelb-grau-rot-türkises blumenartiges Muster wie Tapeten aus den 70er Jahren. Davor zwei gelbe Sessel ein zum Tischchen umfunktionierter Hocker mit einer halb-spiralförmigen Lampe und einer rosa Fahrradklingel. Beim Einlass des Publikums ertönt Swing-Jazz. Und die Schauspieler? Die warten hinter der Stoffwand. Wenn die Szene in die Bar wechselt, wird einfach der beschriebene Stoff abgeklemmt; nun ziert eine bunt bemalte Ziegelwand den Stoff dahinter und damit den Hintergrund.
Paul Peham verkörpert den forscheren Alex und Stefan Krismann den weniger selbstbewussten Bruno. Er, der auch die Produktionsleitung und die Stückauswahl übernommen hat, schlüpft aber auch noch jeweils für wenige Momente in die Rollen einer Reihe weiterer, teils ziemlich schräger Typen. Mit diesen möchte sich Alex darüber hinwegtrösten, dass Bruno sich nach der ersten Nacht nicht und nicht meldet. Und er zu stolz ist, dies von sich aus zu tun.
Wie schon erwähnt: Happy End – davor Auf und Ab und das mit mehr als einer Prise Humor. Lachen, weil so manches vielen bekannt ist – und das unabhängig ob homo- oder heterosexuell.
Regie führte Alice Mortsch, für die Kostüme sorgte Theo Yang. Die weiter oben erwähnte rosa Fahrradklingel wird mehrmals gedrückt, um aus dem Stück auszusteigen und Infos zu liefern – über Schwulen-Dating-Plattformen, die genannt werden, aber auch um zu erklären, was die Pride (Regenbogenparade) ist; was höchstwahrscheinlich doch überflüssig ist.
Dieses Stück im Amerlinghaus ist die zweite Produktion des Kulturvereins Rainbow Gold – nach „Engel in Amerika“ nach dem Theaterstück von Tony Kushner und der TV-Serie von Mike Nichols im Vorjahr im Off-Theater. Das Team will Stücke, die sich mit queeren Themen auseinandersetzen sichtbar(er) machen.
Wobei gerade „Smiley“ – abgesehen davon, dass die beiden Protagonisten schwule Männer spielen – genauso für heterosexuelle Liebesgeschichten samt diverser Wickel in der Beziehung stehen könn(t)en.
„Ich bin dir sehr dankbar, dass du mit mir sowas Oarges machst… – eine coole Dokumentation über das Leben und wie sie denken die Elfjährigen“, ist zu Beginn des knapp mehr als vierminütigen Films „Die neue genererzion der Welt“ die Stimme des Protagonisten Liam zu hören. In einem Mix aus dokumentarischen Szenen und handgezeichneten Bildern, die zu Collagen zusammengefügt werden, erzählt er über seinen Heimatort Edlitz (891 Einwohner:innen im Bezirk Neunkirchen, Niederösterreich). Seine 22-jährige Schwester Vanessa Pichler hat ihn, seine teils schon sehr abgeklärten Gedanken über die Welt und ihr gemeinsames Heimatdorf portraitiert. Damit wurden die 28. Video- und Filmtage im Wiener Cinemagic, dem Kinder- und Jugendkino in der Urania am Donaukanal eröffnet.
59 Kurzfilme – Animationen, Schauspiel, Tanz… – sind bis einschließlich Sonntag, 6. Oktober zu sehen. Das Spezielle an diesem Festival des jungen und jüngsten Films: Es werden die Werke nicht nur abgespielt. Nach jedem zu Themen zusammengefassten Block finden im Kino live Gespräche mit den Filmemacher:innen statt. Sowohl das Publikum als auch eine Jury aus erwachsenen Profis kann Fragen stellen und Feedback geben.
Der elfjährige Protagonist konnte selber nicht teilnehmen, weil er natürlich am nächsten frühen Morgen Schule hatte, die filmende Schwester hatte für eine Arbeit im Kolleg an der Grafischen ein Portrait zu drehen. Mit 22 ist sie an der oberen Altersgrenze für die Teilnahme mit Werken bei den Video- und Filmtagen, die nunmehr seit fast drei Jahrzehnten vom wienXtra Medienzentrum organisiert werden. So manche der Kurzfilme, die noch zu sehen sein werden, wurden übrigens mit Unterstützung bzw. sogar in den Räumlichkeiten dieses Kompetenzzentrums für (außerschulische) mediale Arbeit von Kindern und Jugendlichen realisiert.
In diesem Jahr gibt es recht wenige Beiträge von (sehr) jungen Kindern – was nicht immer so ist, sondern schwerpunktmäßig von Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen. Wie die Filmerin des ersten Beitrages, so kommen auch die Macher des zweiten gezeigten Films aus einer Schule mit kreativem Schwerpunkt. Mathis Gibon und Laurin Schmidle hatten im BORG Hegelgasse 12 maturiert, bei dem Film, Theater und andere Kunstsparten auf dem Stundenplan stehen. Mit „Radia“ – gemeinsam mit Martin Kofler – produzierten sie einen arg dystopischen nicht ganz dreiminütigen Film.
Viel zu oft würden große Altersunterschiede in queeren Beziehungen romantisiert. Dem wollten Linua Land, Elli Leeb, Leah Hochedlinger, Sophia Hochedlinger, Elena Wolff und Sophie Rabmer mit „Shitty Liking“ etwas entgegensetzen. Die 19-jährige Sophie und die 29-jährige Lilian zeigen durchaus toxische Machtgefälle bei großen Altersunterschieden in ihrem rund 12-minütigen Spielfilm.
Ebenfalls rund zwölf Minuten dauert der extrem schauspielstarke Film „strohfrau“ von Fanny Marie Berghofer, Paul Müller (Kamera Luca Selberherr). Das Paar Marlene (Katharina Settele) und Ben (Jakob Benesch) streiten lautstark darüber, dass er ständig mit Laura, die noch im Nebenzimmer ist, intensiv redet, mehr auf sie als auf Marlene eingeht… Was anfangs wie Eifersucht wirkt, wendet sich im Laufe der heftigen Dialoge schrittweise in eine Bewunderung Marlenes für Laura. Ist gar sie in die andere „strohfrau“) verliebt? Die heftigen verbalen Auseinandersetzungen sind extrem authentisch und glaubhaft gespielt, als wären sie voll echt. Ein wenig hätten – meiner Meinung nach – die Filmemamcher:innen auf die schon spürbare Wendung im Streit und darauf vertrauen können, dass das Publikum dies gleich checkt. Wenn gegen Ende Marlene fast eine hymnische Verklärung Lauras von sich gibt, ist es, als würde noch mit dem Zeigefinger darauf hingewiesen, was sein könnte.
Im Rahmen der Video- und Filmtage werden immer wieder qualitativ hochwertige künstlerische Musikvideos eingereicht – eine Vorab-Jury wählt aus allen Einreichungen die rund fünf Dutzend Filme, die beim Festival gezeigt werden. Gleich am ersten Abend waren mehrere – ganz unterschiedliche – zu erleben. Laura Sole Hanser, Stefanie Knebel, Rosa Reiter und weitere Mitarbeiterinnen drehten „von jetzt an“. Zu einem Song schafft es Anna aus der zunächst grauen, in einen engen Rahmen gepressten Welt, diese in ein farbenfrohes Leben – nicht nur – für sich zu verwandeln.
… nennt sich die Linzer Singer-Songwriterin, für die und mit der Leonie Zettl das nicht ganz vierminütige Video „grüne augen lügen nicht“ drehte. Ein Roadmovie mit signalrotem Auto und uraltem Kassettenspieler, in den die Musikerin eben eine Kassette mit der Musik zu ihrem Song einlegt. Wohin die Reise geht? Eher immer sozusagen im Kreis.
Eine Top-Tanztruppe – eingebettet in eine Story auf der Suche Elemente und Gefühlswelten darzustellen, professionell durchchoreografiert und mit bekannten Musiknummern unterlegt – das ist der 22-minütige Film „It Girl Project“; hier mit kleinem t geschrieben, das große T im Originaltitel führte zur Anmoderation als IT-Girl und würde vielleicht auch beim Lesen dazu verleiten an Informations-Technologie zu denken. Immerhin ist es natürlich ein digitaler Film mit so manchen virtuellen Bildwelten. Ein mitreißendes, bewegendes Stück Film – samt einem Maler, der stimmungsadäquate Bilder dazu anfertigte, das sicher auch gut live auf Bühnen funktionieren könnte. Tanzcoach, Choreografie und Regie: Niklas Zesar; Filmproduzentin: Leona Marie Baucek; Kamera: Luca Horak; Montage: Rafaël Lesage; Tänzer:innen und (Mit-)Chreograf:innen: Olivia Haas, Victoria Ressl, Juliana Maehlich, Rafaël Lesage, Niklas Zesar; Maler: Daniel Schießwald sowie eine große Crew an zwei Dutzend Background-Täner:innen.
Höchst Ungewöhnliches spielt sich derzeit als Gastspiel im Theater Arche (Wien-Mariahilf) ab: Eine Oper mit kleinem Live-Kammerorchester auf der Bühne, singenden, teils tanzenden, schauspielenden Drag-Queens und -Kings mit schrillen, teils bewusst verstörenden Klängen.
„The Mirror of Nomori“ (Musik & Text: Wataru Mukai) nennt sich im Untertitel „queere Drag-Oper nach dem japanischen Noh-Theater Nomori“. Die in Japan bekannte Legende von Nomori – einem geheimnisvollen See, der als Spiegel dient samt Dämon – hat der Autor und Komponist in ein städtisches Rotlicht-Viertel verlegt. Und in diesem vier Sex-Arbeiter:innen obendrein noch mit einigen queeren Figuren besetzt – samt heftigen gesungenen Sprüchen.
Ihr Dasein als Außenseiter:innen – wenngleich manche in ihrem Job beliebt – samt Konkurrenzverhältnis und mancherseits gegenseitigem Mobbing führt immer wieder auch zu Selbstreflexion samt Zweifel. Wer bin ich? Will ich das sein? Ja! Oder vielleicht doch eher nicht?
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… durfte die letzte Probe vor den leider nur zwei Aufführungen am ersten Juni-Wochenende (2024) besuchen.
Üppig kostümiert (Moche Le Cendrillon) singen und spielen Max Bell (Bitti), Noriyuki Kubo (Kitti), Risa Matsushima (Sissi) und Valentin Trandafir (Titti) die vier Haupt-Charaktere auch mit unterschiedlicher sexueller Orientierung. Sie kommen aus den vier Türen im Hintergrund der Bühne, betreten und be-setzen die Hauptbühne, auf deren Boden große Puzzleteile verstreut liegen – und bald als „Splitter“ eines Spiegels zu vermuten sind.
Dirigiert von Taichi Hiratsuka musizieren Miho Sakuma (Flöte), Akari Kagoshima (Fagott), Ayaka Sato (Euphonium), Dora Donata Sammer (Blockflöte), Kimiko Krutz (Cembalo – Keyboard), Eni Maqellari (Viola), Irini Liu (Violoncello), Hibiki Mukai (Electronics) und Seina Matsuoka. Letztere tritt mit ihrer Geige mehrmals fast ins Zentrum des Geschehens auf der Bühne, um dieses solistisch zu kommentieren, unterstützen, voranzutreiben. Fallweise erklingen Klaviertöne aus einer ganz anderen Richtung. Du drehst dich aus deinem Publikum-Sitz um und siehst aber auf der Tribüne niemanden – Yuto Kiguchi spielt versteckt aus unter der Tribüne am Klavier.
In der Legende ist dieser See/Spiegel mit einem furchterregenden Dämon verknüpft. Wikipedia nennt „Nomori große und mächtige Yokai aus der japanischen Folklore und Mythologie. Sie ähneln Schlangen, haben aber auch sechs Arme, die jeweils in kräftigen Greifkrallen enden.“
Gegen Ende, als die „Splitter“ zum kreisrunden Spiegel/See zusammengefügt worden sind, tritt auch dieser Dämon (Wataru Mukai) mit einer ihn begleitenden Tänzerin (Nahoko Fort) in Erscheinung, nachdem Bitti, Kitti, Sissi und Titti wieder zurückkehren. Zuvor hatte sie der in einer Art Polizei-Stil agierenden „Anführer“ (Fábio Coutinho) vertrieben.
„The Mirror of Nomori“ – ein englischer Sprache mit deutschen Übertiteln – ist, wie es im ausführlichen Programmheft heißt, „eine Überschreibung des Noh-Stücks im Kostüm der Dragqueen“.
Dort wird der Autor und Komponist Wataru Mukai so zitiert: „Das Libretto wollte ich von Anfang an selbst schreiben, aber während der Vorbereitung habe ich bemerkt, dass es schwierig ist, es aus dem Nichts zu verfassen. Deswegen habe ich beschlossen, ein bereits existierendes Werk als Vorlage zu nehmen. So kam ich auf die Idee, ein Noh-Stück zu verwenden. … Außerdem war Noh, auch wenn es heute etwas offener ist, ursprünglich für Frauen verboten und durfte nur von Familienmitgliedern aufgeführt werden. Ich dachte, dass ich etwas Interessantes schaffen könnte, wenn ich diese strenge Kultur mit der freien Drag-Kultur mische. … Nach einigen Recherchen bin ich auf Nomori gestoßen, das auch in 100 Best Noh Pieces aufgeführt ist. Besonders der Wasserspiegel in Nomori hat mich sehr inspiriert, ein Musiktheaterstück zu komponieren.“
Bewusst lässt die Oper – die vor mehr als einem Jahr in Japan uraufgeführt wurde – das Ende offen.
Grellbunte Plakate in luftiger Höhe empfangen die Besucher:innen in der beeindruckenden Eingangshalle des Semperdepost in der Wiener Lehárgasse, dem Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste zur aktuellen „Fanzineist Vienna“ (noch bis Sonntagabend, 12. Mai 2024 – Details in der Infobox am Ende des Beitrages). Dahinter in der großen Halle auf unbehauenem Bretterboden tummeln sich fast 130 Aussteller:innen aus zweieinhalb Dutzend Ländern, um auf ihren Tischen ihre künstlerischen Graphic Novels, Comics, Fotobände, Kunstbücher, bedruckte T-Shirts, Socken, Taschen und andere künstlerisch gestalteten aussagekräftigen Objekte zu präsentieren.
Viele der Werke haben gesellschaftskritische Aussagen zum Inhalt; ein eigener Bereich nennt sich Queer Quarter. Teil der Ausstellung sind auch Diskussionen, Vorträge und abends Konzerte; vieles versprüht den Charme von Street Art und oft eine humorvolle, ironische Note.
So springt dich gleich an einem der ersten Tische in einer der sechs langen Reihen ein dunkler Kreis auf weißer Stofftasche an. In pinker Schrift groß zu lesen: „I’m stupid and you like it“ (ich bin dumm und du magst das). Die paradoxe Intervention bewirbt den Stapel der daneben liegenden Bücher von Rosalinda Napadenski mit demselben Titel, aber einem kleinen Übertitel: „Dem Patriarchat einen Headbutt geben“ (Kopfstoß).
Gleich neben ihr sitze ihr Bruder Mark mit einem Kartonstoß. Auf jedem Blatt ein Auteo im Stil einer Kinderzeichnung. Und davor Heftchen mit dem Titel „… my car goes Brum Brum“. Für dieses hat der Kunststudent Autos fotografiert – sein Motto: „Lieber Autos auf Bildern als auf den Straßen.“
Nicht auf einem der Tische, sondern in einer großen Nische an der Rückwand stellen Maria Azovtseva und Aleksandr Kirilenko zwei verschiedene dicke Kunstbände mit den Titeln BL8D aus. Schon die große Titelschrift ist ein Wort-Zahlenspiel. Der 8er steht für zwei übereinander stehenden „o“ und damit dem englischen Wort für Blut und das wiederum am unteren Rand des Buchcovers in den eckigen Klammern als Zeichen für Lautschrift als Blu:d. „In vielen slawischen Sprachen steht das für Unzucht“, erklären die beiden Künstler:innen aus Estland. Gemeinsam mit Konstantin Lobanov hat das Trio 2021 begonnen ein umfangreiches Kunstbuch zur Auseinandersetzung mit russischer Kultur zu erarbeiten. „Wir waren im Februar 2022 damit fertig – hatten schon die digitalen Druckvorlagen. Dann kam der 24. Februar, der Überfall Russlands auf die Ukraine. Damit mussten wir praktisch alles über den Haufen werfen. Einzelne Passagen aus Interviews mit Künstler:innen konnten wir noch in anderer Form verwenden, ansonsten haben wir auf verschiedene Art und Weise den Krieg künstlerisch thematisiert. Zum Beispiel hat unser künstlerischer Leiter, der derzeit in anderen Ländern unterwegs ist und nicht hier sein kann, Bilder genommen, zerstört und Fotos davon gemacht, die nun im Buch sind. Außerdem haben wir diesen ersten Band nur ganz roh gebunden“, so Azovtseva und Kirilenko zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…
Der zweite Band ist der Zukunft gewidmet – mit der bewussten Irritation, dass der Einband spiegelnd glänzt – und innen drinnen ernste Essays mit unterschiedlichen Zugängen an dieses so große Thema – und mit immer wieder auch irritierenden Fotos, bei denen mitunter der Atem stockt. „Die sind alle mit künstlicher Intelligenz produziert“, verraten die beiden, die nun im italienischen Florenz leben, dem Journalisten. Und im Hintergrund haben die beiden an der Wand ein großes Plakat mit einem Wolf und dem Motto des dritten Bandes angekündigt: Eintauchen in Einheit/Gemeinsamkeit.
Dass Künstler:innen aus rund zweieinhalb Dutzend Ländern ihre Arbeiten ausstellen und viele davon auch käuflich erworben werden können, wurde schon weiter oben erwähnt. Manche kamen extra für die Ausstellung, andere leben – teils vorübergehend – in Wien. Manche kooperieren auch darüber hinaus. So sind Andrea Ancira Garcia aus Mexico mit ihrer „ediciones tumbalacasa“, in der sie englische Texte auf spanisch übersetzt herausbringt und umgekehrt und Olivia Golde mit „Trottoir Noir“ am Samstag nicht bei der Ausstellung, sondern Teil des Workshops „kollektive Freude im Widerstand“ in den Soho-Studios in Ottakring (16. Wiener Bezirk im großen Gemeindebau Sandleitenhof).
Büchlein als Leporello auffalten – ist eine, durchaus bekannte Sache. In solche verpackte Nicole Tanneberger Rezeptbüchlein. Aber dann lässt sich ein quadratisches Büchlein übers Meer gleich in mehrere Richtungen auffalten. „Ich wollte die fließenden Bewegungen des Wassers spürbar umsetzen“, erklärt sie den Beweggrund für diese Form.
Ein anderes Buch wird nach und nach zu einer Spirale oder Schnecke und am Ende ergibt es ein ganzes großes quadratisches Bild – vorne und hinten. Ein anderes beginnt die Buchmacherin, die von Beruf Architektin ist, aufzufalten und entschuldigt sich: „Ganz kann ich das nicht, das wird 3 Quadratmeter groß.“
Schon mit zehn, zwölf Jahren habe sie viel mehr gezeichnet und gemalt als alle anderen, „wollte dann Kunst studieren, hab mich letztlich für Architektur entschieden“, verrät sie KiJuKU. Diese Bücher sind professionell, künstlerisch aber sicher keine Einnahmenquelle von der sie leben könnte. „Aber ein guter Ausgleich. So richtig begonnen habe ich dann während der Corona-Pandemie.“ Jetzt studiert sie neben ihrer Arbeit Buchgestaltung an der NDU (New Design University) in St. Pölten.
„Zuerst hab ich Texte, Geschichten, Gedichte, dann kommt die Illustration und die Überlegung, welche Form braucht der jeweilige Inhalt“, schilderte Tanneberger ihre Vorgangsweise. Die Originale stempelt sie meist mit Linoldruckfarbe, scannt sie ein, bearbeitet sie digital für den Druck. Die Schnitte und Falte fertigt sie in der Folge aber wieder eigenhändig an.
Am Stand von „Rollbuch“ aus Berlin liegen hölzernen Kisten und Kistchen mit einem Sichtfenster, der an einen alten Fernsehapparat erinnert. Mit Hilfe von zwei Kurbeln kannst du kontinuierlich die Bilder weiter drehen. In den großen Kisten sind jeweils elf Meter lange Bücher, die so gelesen, angeschaut werden können. Es gibt aber auch im gleichen Format leere Rollen, um dein eigenes „Rollbuch“ zu zeichnen oder/und schreiben.
Fanzineist Vienna bringt kleine unabhängige Verlage zusammen, will aber mehr als eine Messe sein, sondern organisiert neben der Ausstellung Workshops, Vorträge und Konzerte und versteht sich als Vernetzungs-Chance. Ob Graphic Novels, Comics, Fotobände, Kunstbücher und andere künstlerisch gestaltete Materialien – T-Shirts, Socken, Taschen usw.
Die Werke der fast 130 Aussteller:innen aus zweieinhalb Dutzend Ländern (Ägypten, Argentinien, Belgien, Brasilien, China, Dänemark, Deutschland, Estland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Italien, Irland, Japan, Kroatien, Litauen, Mexico, Niederlande, Österreich, Peru, Polen, Portugal, Rumänien, Spanien, Taiwan, Tschechische Republik, Türkei, Ukraine, USA) sind im Wiener Semperdepot noch bis Sonntag, 12. Mai analog (Details siehe Infobox unten am Ende des Beitrages) zu sehen – und erleben wie etwa Konzerte. Eine parallele Online-Ausstellung läuft noch ein Monat länger.
Die gesamte Ausstellung vermittelt diverse, bunte, vielfältige und vielschichtige kunstvolle Werke, viele mit Street-Art-Touch. Viele der Künstler:innen und Herausgeber:innen widmen sich queeren, non-binären, feministischen, kapitalismuskritischen Themen; in der Ausstellungshalle gibt es einen eigene ´n Queer Quarter
„Fanzineist“ wurde 2016 als unabhängiges und DIY (Do it Yourself)-Fanzine-Festival in Istanbul (Türkei) organisiert. Im Jahr darauf fand die Veranstaltung kleiner Eigenverlage in beiden Stadtteilen Istanbuls, also in Europa und Asien statt – mit Konzerten, Interviews, Workshops und einem Fanzine-Markt – und dies mit großer internationaler Beteiligung. Zwei Jahre später (2019) übersiedelte Fanzineist als Kunstbuch- und Fanzine-Messe nach Wien. Die von den Co-Direktoren Deniz Beser und Deniz Güvensoy organisierte Messe fand in der Nordbahnhalle in Wien statt. 2020 organisierte Fanzineist Vienna in Zusammenarbeit mit Phasebook Prague Art Book & Zine Fair die Ausstellung „Zine Matters: Self Publishing From Prague To Vienna“.
„Ich hab’s satt!“, poltert die alte kunstvoll gemalte aber nicht besonders sympathisch dreinschauende Königin. Sie will in Pension gehen, nicht mehr regieren, ihr Sohn soll übernehmen. Dafür aber, so die Noch-Königin, müsse der Prinz heiraten. „jeder Prinz in der ganzen Gegend ist verheiratet. Nur du nicht! Als ich so alt war wie du, war ich schon zweimal verheiratet!“, wirft sie dem Sohn an den Kopf.
Betretet lassen ihn die beiden niederländischen Künstlerinnen Linda de Haan und Stern Nijland an der langen Tafel dreinschauen, wenn die Mutter so dahinschimpft. Schließlich willigt er ein, klagt aber, gar keine Prinzessin zu kennen. Worauf die Mutter zum Telefon – einem alten Festnetzapparat – greift und „alle Prinzessinnen auf der ganzen Welt anrief“.
Gut, alle lassen die kunstvollen Illustratorinnen und Texterinnen nicht antanzen, aber einige – von Aria aus Österreich, die ein Lied vorsingt über Dolly aus dem US-Bundesstaat Texas, die jongliert, einer lustig-grünen aus Grönland – in die sich der Kammerdiener verliebt und so weiter. „Das Wahre war dies alles nicht“, lautet die Erkenntnis.
Doch, dann kam Prinzessin Liebegunde und ihr Bruder Prinz Herrlich. „und endlich begann das Herz des Prinzen wie wild zu pochen.“ Angesichts Letzterem.
Happy End. Hochzeit. Sogar die alte Königin war gerührt. Die nun angesichts von „König & König“ Zeit für sich selbst hatte 😉
Dieses Bilderbuch inspirierte so manche Theatergruppe zu einer Dramatisierung, als es vor mehr als 15 Jahren auf dem Spielplan im Dschungel Wien, dem Theaterhaus für junges Publikum im MuseumsQuartier stand, gab es heftigste Attacken von rechter Seite und Boulevardmedien – noch bevor überhaupt jemand das Stück gesehen hatte. Linda de Haan und Stern Nijland schufen vor fast ¼ Jahrhundert „König & König“ im niederländischen Original gemeinsam – jede Seite gemeinsam gestaltet. Dieses Buch stand sicher auch so etwas wie Pate/Patin für so manche spätere Kinderbuchmacher:innen, nicht zuletzt jene von „Prinzessin Pompeline traut sich“, wo aber die Liebe zwischen Pompeline und Hedwig den Eltern zunächst einmal Probleme bereitet, während es im Vorbild schon viel offenere zugegangen ist. Link zur Besprechung dieses unten am Ende dieses Beitrages.
Mittlerweile musste das Buch – in der deutschsprachigen Version (Übersetzung ins Deutsche: Edmund Jacoby) – schon gut ein halbes Dutzend Mal nachgedruckt werden. Und da in dem Buch ja vielfältige Arten der Liebe vorkommen, ist es der KiJuKU-Buchtipp zum heutigen Valentinstag!
sohn-und-vater-rock-en-gegen-rollenklischees <- noch im Kinder-KURIER
Interview mit Nils Pickert <- noch im KiKu
Über Martin Auers Prinzessin mit Bart <- auch nch im KiKu
Der farbenfrohe, glitzernde Moderator deutscher Fernsehsendungen und Autor Riccardo Simonetti hat im Vorjahr sein zweites Kinderbuch veröffentlicht. In eine einfach erzählte Geschichte verpackt er auch dieses Mal das Thema Menschlichkeit, Toleranz und offene Arme bzw. einen ebensolchen Geist rund um seine Hauptfigur Raffi.
Dieses Mal – in „Raffi & Juli – Ein neues Zuhause“ bitten ihn seine Eltern, vorübergehend sein Zimmer zu räumen und zu seiner Schwester zu ziehen. Sein Zimmer wird gebraucht, um eine Familie, die flüchten musste, unterzubringen. Das gefällt Raffi anfangs so gar nicht wirklich. Wohin mit all seinem Zeugs. Und dann soll er sich noch ein bisschen um Juli, die Tochter der neuen Mitbewohner:innen kümmern – sie auf dem Weg zu seiner und nun auch ihrer Schule zu begleiten und so weiter…
Natürlich wendet sich das Blatt, irgendwann kriegt Raffi in der Schule erst Mitleid mit Juli, weil sie zu weinen beginnt, nachdem sie sich gar nicht auskennt und zurechtfindet. Sie kann ja noch nicht seine und die Sprache seiner Mitschüler:innen. Und dann wird daraus eine richtige Freundschaft und er ist sogar traurig, als die Familie ihr neues Zuhause bei Raffi und seiner Familie gegen eine eigene Wohnung tauscht…
Im ersten Buch – „Raffi und sein pinkes Tutu“ – erleben wir den Fußballbegeisterten Buben, der am liebsten sein rosa Tutu anhat und mit einer Puppe spielt, wie er dafür in der Schule von fast allen ausgelacht wird. In seiner Trauer hilft ihm, dass ihn der Vater in einem ebensolchen rosa Tanz-Röckchen abholt. Und noch viel mehr, dass nach und nach immer mehr Kinder seiner Klasse aufhören ihn zu mobben und nichts dagegen haben, dass er eben das anzieht, was er gerne mag….
Neben den beiden Hauptgeschichten baut der Autor noch weitere kleine Toleranz-Elemente ein – alles soll hier nicht gespoilert werden. Aber so viel schon: Beide Büchern leben nicht nur vom Text, sondern mindestens ebenso von den farbenfrohen, Illustrationen von Lisa Rammensee. Die verpackt so manch weitere Vielfalt ausstrahlende Figur in ihren Zeichnungen.
Simonetti hat übrigens bisher auch zwei Bücher für Erwachsene geschrieben: „Mein Recht zu funkeln“ und „Mama, ich bin schwul“ – gemeinsam mit seiner Mutter.
Anregung, sollte er noch weitere Bilderbuchtexte rund um Raffi verfassen: Vielleicht könnte seine (Raffis) Schwester vielleicht nicht weiter namenlos bleiben müssen 😉
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Interview mit Nils Pickert <- noch im KiKu
In zarten schwarz-weiß-Strichen sind die Prinzessin und ihre meisten ihrer Dienerinnen – fast wie Skizzen – vor gemalten flächigen Hintergründen gezeichnet (Illustration: Trui Chielens). Anfangs jedenfalls. Pompeline, so heißt die Tochter des königlichen Paares ist offenbar jung erwachsen, wird von ihren Kammerfrauen aufgeputzt, zum Frühstück gibt es Torte. „Feiern wir irgendetwas?“, lässt Autorin Brigitte Minne die Prinzessin fragen. Die sich sogleich – in großen Buchstaben – an ihrem Tortenstück verschluckt, denn der Vater meint: „Pompeline, es ist Zeit für den Prinzen auf dem weißen Pferd.“
Da zieht sie sich lieber zurück, auch wenn schon ur-viele Prinzen angeritten kommen – die entsprechende Doppelseite geht fast über vor lauter solchen. Vergattert muss Pompeline alle begutachten, doch erst als – einmal umgeblättert – „eine Prinzessin auf einem wunderschönen schwarzen Pferd galoppiert … pocht das Herz von Prinzessin Pompeline wie verrückt…“ Hedwig heißt die Reiterin – und jetzt sind beide auch bunt gezeichnet!
Liebe auf den ersten Blick. Viel gemeinsames Lachen und Verständnis. Aber viel Widerstand im Schloss. „Böse Worte, doch zum Glück auch hin und wieder etwas Nettes … die bösen Worte bleiben hängen und machen traurig.“
Auch wenn schon mehr als eineinhalb Jahrzehnte davor „König & König“ – sozusagen das Gegenstück mit einem Prinzen, der sich in einen Prinzen verliebt – erschienen ist und zum Zeitpunkt von „Pompeline“ so erfolgreich war, dass die deutsche Ausgabe schon in der sechsten Auflage verkauft wurde! Und dort – viele Jahre vorher – hatte auch die Prinzenmutter nicht einmal den Anflug von einem Problem damit, dass ihr Sohn sich in einen Mann verliebte.
Natürlich kann’s auch hier nicht bei den bösen Worten bleiben, Pompelines Eltern pilgern zur weisen Sofia, die auf „das geht doch nicht, oder?“ schlichtweg sanft antwortet: „Warum denn nicht, Majestät?“ Weitere Zweifel zerstreut sie mit folgenden Sätzen: „Ein Prinz und eine Prinzessin, zwei Prinzen, zwei Prinzessinnen … Das macht doch nichts! – Einander lieben, das ist es, was zählt.“
Mit diesen Weisheiten reisen Königin und König zurück, haben allerdings im Hofstaat noch so zahlreiche Bedienstete, die „raunen, murren und brabbeln so viele kalte, herzlose Worte hin und her…“ Das Volk aber zeigt sich in „Prinzessin Pompeline traut sich“ glücklich darüber, dass Pompeline und Hedwig glücklich sind…
Das wäre schon ein schöner Schluss gewesen. Doch das Duo setzte dem noch eins drauf: Auf der letzten der Bilderbuchdoppelseiten bekamen sie noch viele Kinder… – um danach auf einer Nachwort-Seite, die dann nicht mehr zum Märchen gehört, zu erklären, dass sie viele Kinder, die keine Eltern haben oder solche, die sie nicht richtig versorgen können, adoptieren und außerdem Pompeline über eine Samenspende eines freundlichen Prinzen auch schwanger wurde.
„Wer gehört zu deiner Familie?“, ertönt die erwachsene Stimme aus dem Off. „Zur kleineren oder zur größeren?“, fragt die – ebenfalls eingespielte Kinderstimme. Die Bühne ist noch mehr oder minder schwarz in schwarz mit Ausnahme eines kleinen Regenbogenfähnchens, einer ebenso bunten großen Halskette, einer großen roten Brille und einigen Kuscheltieren in einer Ecke vorne am Bühnenrand. „In allen Farben des Regenbogens“ thematisiert in einer ¾ Stunde im Wiener Niedermair (bekannt vor allem als Kabarett-Location) die Vielfalt von Kinder-, Familien- und anderer Leben. „Queere Kindergeschichten für alle ab 4 Jahren“ heißt der Nachmittag im Untertitel.
Inspirieren ließen sich die beiden Schauspielerinnen Anna Kramer und Julia Schranz von einigen (Bilder-)Büchern. Den meisten Raum nimmt die Geschichte von Schnecke Sam ein. Julia Schranz setzt sich einen Haarreifen mit zwei pinken Stielaugen auf – schon ist sie die/der Schneck‘.
Samantha oder Samuel – bei Schnecken ist das ja eben ganz natürlich nicht eindeutig! Und so kriecht die Schnecke für ihre Reportage, die ihr Magda Wasserschwein, die Schulpsychologin, als Hausübung gegeben hat, zu allen möglichen Tieren, wo es auch ganz natürlich ist, dass ein Weibchen mehrere Männchen hat, Fische ihr Geschlecht wechseln usw. Alles nicht erfunden, nicht willkürlich, sondern schlicht und einfach ganz natürlich. Sogar die Lehrerin, die die Klasse zuerst in Mädchen und Buben einteilen wollte und damit Sami in eine mehr als peinliche Situation gebracht hat, entschuldigt sich. Und jene Tierkinder, die darüber zuerst gelacht haben – sind nun auch viel g‘scheiter. Und offener. Sam kann sich nun in der Klasse wohlfühlen – checkt aber auch die Absicht, die die Psychologin verfolgt hat und sagt ihr diese auf den Kopf zu. Womit der pädagogische Hintergedanke offengelegt wird 😉 Link zu einer Buchbesprechung am Ende dieses Beitrages.
Dieses Bilderbuch aus Polen, für das die Weinviertlerin Ewelina Rockenbauer, die es übersetzt hat, sogar eigens einen Verlag gründete, um es veröffentlichen zu können, gibt es, weil Co-Autor Jakub Samałek Rollenklischees in vielen Büchern störten und Co-Autorin Maria Pawłowska als Biologin das nötige, fundierte Fachwissen einbrachte.
Kramer und Schranz haben Elemente aus weiteren (Bilder-)Büchern verarbeitet – unter anderem über Felix, der gern Röcke anzieht, weil ihm das beim Tanzen mehr Beinfreiheit lässt. Im neuen Kindergarten wird er dafür aber verspottet. Sein Vater stärkt ihn, indem er selber in einem Kleid mit dem Sohn durch die Stadt geht.
Letzteres beruht übrigens auf einer wahren Geschichte: Das Foto von Nils Pickert mit seinem Sohn – dieser im Kleid, der Vater im Rock – ging so krass viral, dass der Autor und Journalist das Buch „Prinzessinenjungs“ (vor allem für Eltern und Pädagog:innen) schrieb – Links zu einer Buchbesprechung und einem Interview mit Pickert, der übrigens daraufhin das Kinderbuch „Seeräubermädchen und Prinzessinnenjunge“ verfasste, ebenfalls unten.
Das besagte Foto – das Pickert dann auch als Cover für „Prinzessinnenjungs“ verwendete, war übrigens für Hüseyın Tabak der Ausgangspunkt für seinen Kinofilm „Oskars Kleid“. Das Motiv vom Buben im Kleid spielt auch die zentrale Rolle in Jens Thieles „Jo im roten Kleid“, das von österreichischen Theaterleuten schon mehrfach – unterschiedlich dramatisiert wurde – Links zu Stückbesprechungen unten.
Wobei letztere die Geschichte wirklich in szenisches Spiel umgesetzt haben – etwas das Anna Kramer und Julia Schranz leider stark vermissen lassen. Deutlich viel mehr Schauspiel statt der über weite Strecken eher Erzählung mit einigen schauspielerischen Einsprengseln würde der Aufführung guttun und die Kinder im Publikum sicher länger bei der Geschichte dranbleiben lassen. Am Spielerischsten wurde es bei der Premiere am ehesten in jenen Phasen als ein Mädchen in den ersten Reihen immer wieder vorschlug, welches der Kuscheltiere in welche Rolle für nachgestellte Fotos schlüpfen sollte.
Übrigens sind die angespielten/angesprochenen Geschichten weit mehr als „queer“, einfach Vielfalt und Toleranz – und damit von vornherein für alle.
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Das jüngste Bilderbuch von Marcus Pfister, der vor allem für seine Regenbogenfisch-Serie berühmt ist, dreht sich um Pinguine. Das hatte er ja schon im Vorjahr im Interview mit Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… bei der Buch Wien verraten. Sogar einzelne der Bilder – vom Anfang und vom Schluss sowie einige der Charaktere hatte er dabei schon genannt – zu diesem Interview geht es hier unten.
Nun ist also „So und so – Einfach Pinguin sein“ erschienen. Und beinhaltet dennoch so manche Überraschung. Die Vielfalt dieser – auf den ersten Blick vielleicht so einheitlich erscheinenden Vögel im (hoffentlich noch lange) ewigen Eis der Antarktis. Schon auf dem Cover ist die erste Zeile des Buchtitels bunt – praktisch jeder Buchstabe in einer anderen Farbe. Blätterst du um, findest du auf der ersten Innen-Doppelseite, noch bevor das Buch so richtig beginnt, nicht ganz zwei Dutzend (22) Pinguine in Grau-Weiß-Tönen mit gelben Füßen und Schnäbel – und doch alle schon verschieden. Obendrein stechen ein rötlicher sowie ein bläulicher Schopf auf den Köpfen zweier dieser Charaktere hervor.
Und dann, nochmals weitergeblättert die innere Titelseite – hier ist die Schrift „nur“ schwarz-weiß, aber jeder der Buchstaben von „So oder so“ in einem anderen Grau-Ton. Und dabei ist das nur der Einstieg, denn von nun an nimmt dich der Autor und Illustrator in Personalunion mit in eine ganze Pinguinkolonie, die zunächst als schwarz-graue Masse erscheint, um gleich danach einzelne Individuen vorzustellen. Da ist zunächst der Neue – Luca ist aus einer anderen Kolonie hier gelandet und fällt mit rotem Schnabel, goldenem Haarschopf und lila schillerndem Federkleid auf.
Du triffst aber auch die drei Freundinnen Mila, Hanna und Emilie, die genauso BFF sein können wie heftig zerstritten. Oder Ida, die so gerne fliegen könnte, den Spaßmacher Timo, der aber innen drinnen ziemlich traurig ist. Alle Charaktere, die sich Marcus Pfister ausgedacht, beschrieben und gezeichnet hat, seien hier sicher nicht verraten, du mögest dich ja noch durch das Bilderbuch selber überraschen lassen.
Nur eine sei noch genannt, die der Autor und Illustrator ja schon im Interview im November 2022 Preis gegeben hat – damals noch namenlos. „Lena ist verwirrt. Die anderen Pinguin-Mädchen schwärmen alle für irgendwelche Pinguin-Jungs. … sie ist verliebt in Ida… Wie kann das sein? Was stimmt nicht mit ihr? Bald wird sie merken, dass mit ihr alles stimmt, hundertpro.“
Denn die Natur ist ganz wirklich vielfältig. Es ist Tatsache, dass es neben der großen Mehrheit von Hetero-Sexualität auch im Tierreich die Liebe zu Geschlechtsgenoss:innen gibt – und sogar die Verwandlung von einem Geschlecht in ein anderes – das und mehr von tierischer Vielfalt beschreibt das wunderbare Bilderbuch „Wer ist die Schnecke Sam?“ – Link zur Rezension am Ende dieses Beitrages. Insofern ist das Wettern so mancher gegen Kinderbuchlesungen queerer Menschen oder das Pochen auf „Normalität“ sachlich völlig falsch: Denn normal ist die Vielfalt. Dafür ist „So oder so – Einfach Pinguin sein“ insofern ein optimales Plädoyer, weil es völlig unverkrampft und gar nicht „lehr-reich“ mit erhobenem Zeigefinger daherkommt.
Dass Lernen und Schulbesuch ein Privileg in dieser Welt ist, wie aber Schule auch hierzulande besser, weniger diskriminierend funktionieren sollte ebenso wie engagierte Plädoyers für einen anderen Umgang mit der Umwelt sowie Mitmenschen – vielfältig wie die Sprachen waren auch die Themen, die 172 Jugendliche zwischen 11 und 20 Jahren in den Finalrunden beim 14. Durchgang des mehrsprachigen Redewettbewerbs „Sag’s Multi!“ dem Publikum zu Gehör brachten. Kürzlich wurden diese Finalrunden abgeschlossen – im Wiener Funkhaus, zuvor in mehreren Landesstudios bzw. in Niederösterreich sogar im Landtags-Sitzungssaal. In den Bewerb waren im Herbst 406 Schüler:innen gestartet, die 39 verschiedene Sprachen mitgebracht hatten und diese jeweils mit Deutsch kombinierten. Seit Beginn von „Sag’s Multi!“ im Schuljahr 2009/10 – lange Jahre vom Verein Wirtschaft für Integration organisiert durchgeführt von EduCult, seit drei Jahren ist der ORF Träger des Bewerbs – waren bisher 89 Sprachen zu hören bzw. sehen, denn mehrmals haben auch Jugendliche mit österreichischer Gebärden- und deutscher Lautsprache teilgenommen.
Vielfalt macht uns stärker war eines der Unterthemen des diesjährigen Bewerbs, Überthema: „Dafür will ich stark sein“. 406 Jugendliche zwischen 11 und 20 Jahren waren im Herbst in den Bewerb gestartet, bei dem sie jeweils in Deutsch und einer anderen Sprache ihre Reden halten. Die andere kann sowohl eine Erst- als auch eine erlernte Fremdsprache sein. Auch viele jener, die eine andere Familiensprache mitbringen, wählen einer erlernte neue Sprache. Und andere müssen sich oft für eine ihrer Sprachen, mit denen sie aufgewachsen sind, entscheiden.
Wobei so eine Entscheidung nicht immer ganz freiwillig erfolgt. So schilderte Deborah Eze (WMS Kauergasse (Wien 15, Rudolfsheim-Fünfhaus), in Wien aufgewachsen, im Interview mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… „Edo war meine Muttersprache, die ich als kleines Kind fließend sprechen konnte, aber wenn meine Mutter und ich die in der Öffentlichkeit verwendet haben, wurden wir immer sehr blöd angeschaut. Ich hab begonnen mich für meine Sprache (eine der größeren der mehr als 200 Sprachen Nigerias, Westafrika) zu schämen und hab dann nur mehr Deutsch und Englisch gesprochen. Außerdem werde ich sehr, sehr oft als Ausländerin angesprochen, angesehen, obwohl ich eben hier geboren und aufgewachsen bin. Erst jetzt in der WMS (Wiener Mittelschule) Kauergasse habe ich eher das Gefühl dazuzugehören.“
Weil sie sehr oft aber als Schwarze Jugendliche das gegenteilige Gefühl vermittelt bekommt, sagte sie in ihrer Rede – auf Deutsch und Englisch „Obwohl Nigeria politisch und gesellschaftlich nicht das fortschrittlichste Land ist, fühle ich mich in Nigeria wohl. Meine mentale Gesundheit ist in bester Verfassung, wenn ich dort bin. Von anderen umgeben zu sein, die mich lieben und gut behandeln, unabhängig von meinem Alter.“
Sie würde, sagte sie in ihrer Rede, schön langsam müde werden, gegen rassistische Vorurteile und Angriffe zu argumentieren und eher aufzugeben – woraufhin sie mit starkem Beifall und in etlichen Gesprächen danach bestärkt wurde, nicht aufzugeben, U ru ẹse/danke, liebe Deborah Eze!
Ihre Klasse, die 4b, ist sozusagen eine der vielen international schools in Wien, in ihr bringen die Jugendlichen neben Deutsch noch die Sprachen Englisch, Ukrainisch, Russisch, Türkisch, Kurdisch, Rumänisch, Spanisch, Kroatisch, Serbisch, Polnisch mit. Wobei manche es dabei nicht belassen, so lernt Atimeea Daria wie sie dem Journalisten in einer Pause erzählt, „seit ein paar Jahren Koreanisch, weil ich gern K-Dramas in Originalsprache mit englischen Untertiteln anschaue. Aber ich hab früher auch Englisch durch viele Serien und Filme im Original gelernt“. Sie allerdings trat nicht bei „Sag’s Multi!“ an, sondern war „nur“ mit der ganzen Klasse gekommen, um die bereits genannte Mitschülerin Deborah Eze und eine weitere moralisch zu unterstützen, die den Mut gefasst hatten, ihre Rede vor analogem Live-Publikum im Radiokulturhaus und Online-Zuseher:innen im Livestream zu halten.
Bei der weiteren handelt es sich um Zehra Başdoğan, die auf Türkisch – und natürlich – Deutsch sprach und gemeinsam mit ihrer Klassenkollegin Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… ein Interview gab. Ihr Türkisch konnte sie, so erzählt sie im Gespräch, „auch stark verbessern, seit wir in der Schule eine unverbindliche Übung in dieser Sprache haben“. Für ihre Rede hatte sie sich das Unterthema „So macht Schule stark“ gewählt und sagte unter anderem: „Diese Schule hat mir gezeigt wie wichtig es, für mein weiteres Leben ist, an sich selbst zu glauben und seine eigenen Talente und Fähigkeiten zu kennen. In mir wurde Neugierde geweckt und damit die Freude am Lernen. … Es ist wichtig, dass in der Schule die Möglichkeit geboten wird, dass Schülerinnen und Schüler sich aktiv am Lernprozess beteiligen können. Nur wenn wir engagiert und motiviert sind, können wir unsere Potenziale besser entfalten und unsere Fähigkeiten stärker entwickeln.“
Bereits zum zweiten Mal trat Julia Shoppmeier aus dem Döblinger Gymnasium in der Wiener Gymnasiumstraße an – mit Ungarisch und natürlich Deutsch, das muss aber jetzt in der Folge nicht jedes Mal noch dazugeschrieben werden 😉 Auch sie widmete sich der Schule. „Ich schätze die Möglichkeit, die Schule besuchen zu dürfen. Krieg, Diktatur, Armut, Hunger oder dass ich als Kind arbeiten müsste, verhindern nicht, dass ich in die Schule gehe.“ Aber sie schilderte auch so manch negatives Erlebnis in der Schule – von der per eMail erhaltenen Absage ihres Referats – am selben Tag um 6.30 Uhr früh etwa. Oder weniger motivierten Lehrpersonen. Und wünschte sich: „Ich möchte, dass die Lehrkräfte mich informiert, motiviert und offen machen. Ich möchte erreichbare Ziele genannt bekommen. Ich möchte, dass die Chancenlosen eine oder mehrere Chancen bekommen. Dass die Talentierten entdeckt und betreut werden. Dass die Engagierten gelobt werden.“
Aber die Schülerin der 4b der genannten AHS betrieb keinesfalls beliebtes Lehrer:innen-Bashing, sondern sagte auch: „Ich merke, dass die Gesellschaft den Beruf Lehrer teilweise nicht besonders cool findet. Andere Werte scheinen wichtiger… Ich bitte auch alle Lehrerinnen und Lehrer, zu unserer Verstärkung, dass sie es wagen, cool zu sein. Weil eine starke Schule kann nur auf starke Lehrkräfte gebaut werden. Und nur eine starke Schule kann uns Schüler und Schülerinnen so stärken, wie wir es benötigen.
Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … konnte in diesem Jahr nur einige Redner:innen lang bei „Sag’s Multi!“ live zuhören. Hier sind sie – in Bild und Kürzest-Auszügen aus ihren Reden:
Adrienne Elbeshausen aus der Theresianischen Akademie (Wien 4, Wieden) begann ihre Rede auf Englisch als erlernter Fremdsprache fast in der Art eines Märchens: „Once upon a time there was a blue planet. …“, um dann über „diese lustig aussehenden Kreaturen“ zu sprechen, die wir Menschen sind. „Wir sind der unachtsame Konsument eines Medikaments, der die Packungsbeilage nicht richtig gelesen hat. Risiken und Nebenwirkungen unserer Kreativität werden uns oft erst viel zu spät bewusst. Denken Sie an Sprengstoff, denken Sie an Waldrodung, denken Sie an Atomkraftwerke. Viele unserer Erfindungen führen zu Veränderungen, die wir nie wieder rückgängig machen können.“
Damaris Benta, 14 und aus der Modularen Mittelstufe Aspern (Wien 22, Donaustadt) wählte „Frieden – mehr als Sehnsucht nach Sicherheit?“ über das sie auf Rumänisch sprach und heftig begann: „Es gibt Krieg in Österreich – jeden Tag. Kriege finden nicht nur auf der Weltbühne statt, sondern auch in unserem zu Hause. Auch in einem friedlichen Land wie Österreich. Wisst ihr eigentlich wie viele Kinder von Gewalt in der Familie betroffen sind? Jedes 10. Kind in Österreich!“, um dann ein konkretes Beispiel einer Freundin zu schildern, das (nicht nur ihr) sehr nahe ging.
Nina Isailović vom Schulschiff, der AHS Bertha von Suttner in Wien-Floridsdorf an der Donauinsel widmete sich in ihrer Rede auf Serbisch „Erinnerungen – ohne Gestern kein Morgen“ um eingangs eigene, persönliche Erinnerungen zu schildern, dabei aber nicht stehen zu bleiben.
„Jeder und jede von uns ist von Erinnerungen geprägt. Wir treffen viele Entscheidungen, basierend auf unseren Erfahrungen. Unsere Vergangenheit belehrt uns. Einerseits können wir versuchen unsere Fehler aus der Vergangenheit nicht zu wiederholen, andererseits hüten wir unsere guten Erinnerungen und lassen sie dank Traditionen weiterleben. … Oft ist zu hören: Lebt nicht in der Vergangenheit. Dem stimme ich zwar zu. Aber ohne Erinnerungen gibt es auch keine Zukunft. …
Zukunft ist nicht etwas, was ohne uns entsteht. Wir sind die Zukunft und wir werden sie nach unseren Vorstellungen gestalten. Wir sind Erfahrungen und Erinnerungen. Wir wissen insgeheim, was wir wollen und was nicht.“
Teona Popa (GRG Rosasgasse, Wien 12, Meidling) begann den deutschsprachigen Part ihrer Rede (Rumänisch) mit „Bildung ist wichtig!“, das sagen uns unsere Eltern. Natürlich wollen dem nicht alle Kinder zustimmen, denn sie wissen nicht, was das Leben für sie bereithält. … Die Welt ist groß und sie entspricht genau dem Gegenteil davon, wie es sich Kinder in jungen Jahren vorstellen. In meinem Fall war das genauso. Ich konnte es kaum erwarten, erwachsen zu werden und endlich arbeiten zu gehen. Ich wollte nicht jeden Tag zur Schule gehen, weil ich dachte, dass es viel leichter wäre zu arbeiten als zu lernen. … Wenn man arbeitet, hat man nicht nur den Stress der Arbeit, sondern das Leben wird ebenso stressiger. Rechnungen zahlen, genügend Geld verdienen, wenig Freizeit und sehr viel zu tun, sind typische Merkmale eines erwachsenen Menschen. Da bleibe ich lieber in der Schule und bereite mich auf mein Erwachsenenleben vor.
… Bildung ist jedoch nicht nur für unsere Zukunft wichtig. Für Anne Frank war Bildung eine Ablenkung. Sie hat durch Bildung sehr viel überwinden können, da sie während sie sich im zweiten Weltkrieg vor den Nazis versteckte, mit dem Lernen beschäftigt war. Damals war ihre Situation nahezu unvorstellbar und das Lesen von Büchern gab ihr Stärke. Schulen spielen eine entscheidende Rolle dabei, Kinder zu stärken, um sie auf ihre Zukunft, auf das Leben als Erwachsene vorzubereiten. Das Bildungssystem ermöglicht ihnen die Entwicklung wertvoller Fähigkeiten und die Entdeckung ihrer Talente.
… Ich bin also stark, weil ich meine eigene Meinung bilden kann. Bildung ist jedoch nicht für alle gleich. Manche Kinder haben keine Chance auf Bildung, weil sie es sich nicht leisten können. Andere haben kein Recht auf Bildung, weil in einigen Ländern Kinderrechte in Füßen getreten werden.
Tris Karner (GRG 21 Bertha v. Suttner) sprach auf Englisch über „Vielfalt macht uns stark“: „Jeder Mensch hat etwas, was ihn einzigartig macht. Jede Person unterscheidet sich von der anderen, auch wenn es nur im kleinsten Sinne ist. Vielfalt kann verschiedene Religionen, Hautfarben, Sexualitäten und so viel mehr bedeuten. Ich jedoch fokussiere mich heute auf die Vielfalt von queeren Personen überall auf der Welt, da ich der Meinung bin, dass wir alle, die in einem freien Land leben, für andere kämpfen sollten, die sich nicht verteidigen können. Das Thema Vielfalt im Bereich von Sexualität und Gender ist mir sehr wichtig, da ich selber queer und trans bin. Ich persönlich hatte glücklicherweise noch keine schlechten Erfahrungen mit dem Thema Transgender. In der Schule werde ich Tris genannt, meine Pronomen werden respektiert und ich werde gleich wie alle meine MitschülerInnen behandelt. Doch nicht jeder hat diese Privilegien. Viele andere Trans-Personen werden täglich diskriminiert, ihre Rechte werden ihnen weggenommen.“
Genau deswegen widmete Tris Karner sich diesem Thema und berichtete von zahlreichen diskriminierenden Gesetzesvorhaben in US-Bundesstaaten, aber auch in Österreichs Nachbarland Ungarn, immerhin Mitglied der EU.
„Wir können durch Vielfalt lernen und akzeptieren, dass andere eben anders sind als einer selbst. Und in diesem Sinne macht Vielfalt alle Menschen viel stärker, als wenn alle gegeneinander sind. Nur müssen alle beginnen, sich gegenseitig zu akzeptieren, denn das ist der erste Schritt auf dem Weg der Besserung. Ohne Akzeptanz sind wir und werden wir nie gemeinsam stark sein.“
„Kein Wohlfühl-, sondern ein Mutmacherprojekt“ sei „Sag’s Multi“, meinte in einer der Pausen am vorletzten Finaltag der Erfinder des Bewerbs und Jury-Vorsitzende Peter Wesely. Mut beweisen die jugendlichen Redner:innen – und sie machen Tausenden anderen Mut, ebenfalls ihre Stimmen zu erheben.
Zwei Männer treffen einander, offenbar heimlich im Dunkeln. Schauen sich ängstlich um, fühlen sich verfolgt, laufen davon. Ein erster Eindruck aus der Wanderung durch einen der Gänge zwischen von schwarzen Stoffen abgehängten Szenen-Orten in einer großen Halle des ehemaligen Nordwestbahnhofs (Zugang über brut, Wien-Brigittenau, 1200). Ein Eindruck, den nicht alle Zuschauer:innen haben. Denn jede und jeder muss sich entscheiden, welchen Weg sie/er einschlägt: Welchen Protagonist:innen folgen? Bei dieser/diesem bleiben oder zu anderen wechseln.
Mehr als 160 verschiedene Szenen, 300 Seiten – das könnte keine Zuschauerin/kein Zuschauer bewältigen. Und es würde logistisch gar nicht möglich sein, weil viele Szenen zeitgleich spielten. So erlebt nach einem kurzen gemeinsamen Intro in der „Kantine der Porzellanfabrik Nesterval“ nicht jede und jeder im Verlauf des rund dreistündigen Geschehens im Wander-Stationenstück „Die Namenlosen“ dasselbe, jedenfalls kann niemand alles erfahren. Dafür aber bist du – mit einer Handvoll anderer – sehr nah am Geschehen, oft in engen Räumen fast hautnah dran, tauchst in privateste Situationen ein.
Jede und jeder muss aber nicht bei der zuerst gewählten Figur bleiben. Wechseln in ein anderes Ambiente, einen anderen Erzählstrang mit anderen handelnden Personen ist jederzeit möglich. Sorgt zwar vielleicht für kurzfristiges Grübeln – bei wem und welcher Handlung bin ich da jetzt gerade. Aber auch möglich. Vielleicht, nein wahrscheinlich nicht ganz so intensiv wie beim Dranbleiben an einem Strang…
Spätestens seit Nennung des Kantinen-Namens im vorigen Absatz ist klar, es handelt sich um eine, die jüngste, Produktion der Performance-Gruppe Nesterval rund um Teresa Löfberg (Buch) und Martin Finnland (künstlerische Leitung, Regie und Schauspiel – in der Rolle des Fotografen F.). Für „Die Namenlosen“ haben vor allem die beiden sowie Gisa Fellerer und Lorenz Tröbinger als Co-Autor:innen mit Andreas Brunner von qwien.at inhaltlich und dokumentarisch zusammengearbeitet. Letzterer hat u.a. mehr als 60 Biografien von Männern, Frauen und Personen, die heute als Trans* oder intergeschlechtlich gelesen werden können, und die in der Nazi-Zeit wegen homosexueller Handlungen verfolgt wurden, recherchiert und als Buch veröffentlicht (siehe Info-Box am Ende des Beitrages).
So manche dieser Lebensgeschichten dieser echten Menschen sind als Puzzlestücke eingeflossen in jene Charaktere des Stücks, die nur mit Anfangsbuchstaben bezeichnet sind und als Ensemble der „Namenlosen“ gespielt werden. Als Gruppe stehen diesen Verfolgten „Die Anderen“ gegenüber, die Rollennamen tragen und auf der Seite des Regimes stehen – zumindest anfangs und lange Zeit. Zu ihnen gehören unter anderem die Fabriksbesitzerin Martha Nesterval (Aston Matters) und ihr Ehemann, der Arzt Arthur Nesterval (Johannes Scheutz), der nicht nur seine Ehefrau demütigend behandelt, sondern den Fotografen F. (wie schon oben erwähnt: Martin Finnland) in jenes Bad lockt, das als Schwulentreff bekannt ist. Der schöpft Hoffnung, wenn sogar so einer wie der Arzt auf ihrer Seite steht, dann könnte der sie vielleicht vor Verfolgung schützen.
In einer sehr intensiven Szene im Bad stellt sich jedoch heraus, was zu vermuten war, dass es sich um eine Falle handelt, um F. an die Nazis auszuliefern. Mit fürchterlichen, letztlich tödlichen Folgen für diesen.
Du kannst aber eventuell auch die Filmschauspielerin R. (Romy Hrubeš) begleiten, die versucht, ihre Berühmtheit und auch Beleibtheit bei Nazi-Bonzen zu nutzen, um die eine oder den anderen der Verfolgten zu retten – was immer weniger gelingt. Es gibt unzählige Erzählstränge, Figuren und Szenen, die natürlich immer wieder das eine oder andere Mal zu Überschneidungen und Begegnungen führen.
Und die – spätestens mit der Wende im Krieg und der sich abzeichnenden Niederlage der deutschen faschistischen Wehrmacht – dazu führen, dass einstige glühend-fanatische Anhänger:innen sich vom „Führer“ entfernen. Und sei es „nur“, weil sie nun ihr eigenes Leben bedroht sehen, nachdem sie doch – wie der Arzt – an die Front beordert werden.
Heftigst ist die Schluss-Szene mit ihren schlichten Grabstellen und einem – alles sei nicht gespoilert, darum nur verklausuliert umschrieben – krassen Bezug zur Realität jenseits der fiktiven Figuren des intensiven dreistündigen Stationen-Theaters, das schon emotional sehr mitnimmt. Da kommt – meiner Meinung/meinem Gefühl nach dann der Übergang zum fröhlichen Ende wieder in der Kantine mit Schlussapplaus zu abrupt.
Wenngleich in der Kantine, die anfangs als Art Bar einer der letzten Zufluchtsorte für queere Menschen in der Zeit des aufkommenden Faschismus ist, nun am Ende Chansons wie „Kann denn Liebe Sünde sein?“ der inhaltliche Bogen wieder geschlossen wird.
Apropos Inhalt: Das ausführliche Programmheft weist nicht nur auf die Geschichte der Verfolgung homosexueller oder von Trans*-Menschen hin, sondern stellt natürlich auch Bezüge zu aktueller Homophobie in verschiedensten Teilen der Welt her, die auch vor Österreich nicht Halt machen – siehe die erst wenige Wochen zurückliegende Kampagne mit Aufmarsch Rechts(extrem)er gegen eine Kinderbuchlesung einer DragQueen.
Dritter Abend des Skin #4-Festivals im Dschungel Wien, dem Theaterhaus für junges Publikum, das sich insgesamt – noch konzentrierter und in dem Fall im oberen Alterssegmente (Jugendliche und junge Erwachsene) – der Maxime Gleichberechtigung aller Menschen in ihrer Vielfalt, widmet, stand vor allem im Zeichen von Queerness.
Die recht junge Film-Doku „Rebel Dykes“ (aus 2021) spannt einen historischen Bogen, vor allem zur kämpferischen, feministischen Lesbenszene der 1980er und 90-er Jahre in und um London. (Regie: Siân A Williams und Harri Shanahan). Mit – teils recht verwackelten – Orioginalaufnahmen, rückblickenden und reflektierenden Interviews sowie Animations-Szenenl, untermalt von prominentem Sound-Track von Bands wie The Petticoats, Sister George, Poison Girls, The Brendas, Well Oiled Sisters, The Sleeze Sisters, Sluts from Outer Space, Amy and the Angels, Mouth Almighty oder den Gymslips, werden nicht zuletzt Protestaktionen geschildert, die (zu) wenig bekannt sind wie eine kurzzeitige Besetzung des renommierten Senders BBC oder eine Abseil-Aktion im Oberhaus des britischen Parlaments House of Lords).
Ausgehend und anschließend an den Film im kleineren Saal des Theaterhauses diskutierten
Lena Jäger ( Projektleitung Frauen*Volksbegehren), Tino Dungl (offene Kinder- und Jugendarbeit), Nathalie Rettenbacher (Queerfeministin, Comedian) und Paul*A Helfritzsch (Philosoph*in) mit dem Publikum nicht zuletzt über die gesellschaftlichen Rückschritte in Sachen Gleichberechtigung aller Menschen. Kinder oder Jugendliche hätten noch immer nicht überall in Österreich die Möglichkeit sich zu outen, wenn sie nicht herr-schenden Normen entsprechen. Dafür brauche es mehr erreichbare Anlaufstellen und Beratungseinrichtungen. Vor allem aber müsste Vielfalt und Diversität anerkannt und akzeptiert werden – so der Tenor. Und dazu braucht es noch etlicher Kämpfe, wie auch der zuvor gesehene Film zeige.
Es sollten/dürften Streits um Begrifflichkeiten nicht überhand nehmen, sondern die gemeinsamen Ziele in den Vordergrund gerückt werden – war eine weitere Quintessenz der Diskussion.
Wieviel und welchen Anklang Vielfalt bei vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen findet, bewies übrigens anschließend Drag_Lab. Das vor zwei Jahren von Metamorkid und Dopa Mania ins Leben gerufene Format der Open Stage (offene Bühne) für Menschen, sich selbst vor Publikum in einer kurzen Performance zu präsentieren so wie sie wollen, sprengte nicht nur fast den Rahmen des großen Saals im Dschungel Wien. Knallvoll – nicht nur die Publikumsreihen, viele Zuschauer:innen bevölkerten selbst die seitlichen Bühnenränder. Und enthusiastischer Applaus – nicht nur nach den Auftritten, oft auch dazwischen und Kreisch-Alarm wie er sonst nur von Pop-Konzerten bekannt ist. Die Hütte drohte immer wieder fast zu Platzen angesichts der Freude über die Diversität der Performances/Performer:innen*.
Fotos, Animationen, Objekte aus geflochtenen Haaren, TikTok-Videos, gefilmte Performances bearbeitet mit Computerprogrammen, Schrift-Installationen – alles rund ums Thema menschlicher Körper. Die Ausstellung „Body was made“ (Körper werden gemacht) im Foyer von Dschungel Wien, dem Theaterhaus für junges Publikum im MuseumsQuartier, sowie in den Studioräumen vor der Bühne 3 begleitet das aktuelle Festival Skin #4. Wie auch die drei vorangegangen Ausgaben drehen sich Theater, Tanz, Performance, Diskussionen und nicht zuletzt die Ausstellung rund um Diversität, Geschlecht (Sex /Gender), Feminismus, Queerness… – kuratiert von Justina Špeirokaitė und Ale Zapata der Diversität fördernden Initiative „Question Me & Answer“.
So auch die Objekte unterschiedlichster Formen bildender Kunst. In Fotos von Gemälden aus dem Kunsthistorischen Museum Wien sind zentrale Figuren durch Fotos von Sarah Tasha Hauber ersetzt. Im Vorjahr durfte sie ein Monat lang den TikTok-Kanal des Museums übernehmen (takeover), um so für Irritationen eingelernter Betrachtungen klassischer Gemälde zu sorgen.
.:.::.Sisi.:.::.. bespielt eine ganze Wand mit der Projektion eines via Computer-Software sich verändernden menschlichen Körpers. Die Künstler:in * arbeitete mit einer auf Künstlicher Intelligenz basierenden Software will in einem Forschungsprojekt den Einfluss von Bilderkennungssystemen von Instagram-Fotos auf die ungleichgewichtige Repräsentation von Menschen untersuchen.
Wie ein reines Naturfoto wirkt eines der großformatigen Bilder Ciwan Veysel – bis sich bei längerer Betrachtung herausstellt, dass da ein nacktes Hinterteil im Wasser – und dessen Sonnenlichtbrechungen und -spiegelungen – fotografiert wurde. „Mir ist es um die Akzeptanz eines queeren Körpers gegangen. Sehr viele Jahre hatte ich Schwierigkeiten und Probleme, bis ich Frieden damit schließen konnte, wie ich bin. Und das wollte ich in Fotos festhalten.“ Mit der Verbindung des Wasserlaufs im einen sowie des Gesichts und Oberkörpers zwischen Büschen am zweiten Foto stellte der Künstler das auch sozusagen in einen natürlichen Rahmen.
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