Spielerischer Zugang in Richtung Demokratie-Erziehung; achter und letzter Teil der Berichterstattung über spleen*graz 2026.
Acht Mikros – mit leuchtend-blinkenden Kabeln mit dem hohen Technopult verbunden, zwei erhöhte, ständig balancierende Performer:innen – Sabrina Fischer und León Cremonini – in Känguru-Sprungschuhen (Kostüme: Florina Marxer). Die faszinieren später so manche der Jugendlichen fast am meisten. Die Sessel der Klasse sind in U-Form vor Mikros aufgebaut, einige wenige Sessel stehen vorne links und rechts neben dem Techno-Turm.
In diesem Setting – meist in Klassen, selten auch in Theatern – steigt „Gleichgewicht der Stimmen“, eine spielerische Annäherung an Demokratie. So richtig beginnen kann das Spiel erst, wenn alle, also jede und jeder der Gruppe, eben meist Klassen, in eines der per Zufall aufleuchtenden Mikrophone etwas gesagt hat. Da hilft’s nix, wenn die einen – sehr oft Burschen, wie beim Besuch von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… im (Real-)Gymnasium in der Grazer Körösistraße, sich vordrängen. Erst wenn alle, also auch die Aller-Zurückhaltendsten, ihre „Stimme abgegeben“ haben, geht’s so richtig los.
Im weiteren Verlauf des Spiels bricht das System vorgeblich manches Mal zusammen. Viel spannender aber – auch per Zufallsgenerator – sortiert es einige wenige Schüler:innen aus, schickt sie auf eine Art Ersatzbank, andere hingegen werden auf die zweite vordere Sesselreihe geschickt – die von Privilegierten. Die kriegen Popcorn und Getränke.
Per roter und grüner Karten können die anderen, genannt „Die Vielen“, aber entscheiden, „Abgeschobene“, aber auch Privilegierte zurück zu ihnen, sozusagen in die mehrheitsgruppe zu holen. Das kann – und soll – zu Diskussionen führen, immer über Statements in eines der Mikros gesprochen an deren Ende abgestimmt wird. Wobei in einer späteren Phase auch die Möglichkeit eingeräumt wird, Veto einzulegen, also eine Entscheidung der anderen mit der eigenen Gegen-Stimme zu blockieren.
Ausgedacht und inszeniert wurde „Gleichgewicht der Stimmen“ von Natascha Grasser, Mitglied der Festivalleitung und des Programmteams von spleen*graz. Das Liechtensteiner TaK (Theater am Kirchplatz in Schaan) hat gemeinsam mit der Assitej (internationale Kinder- und Jugendtheatervereinigung) dieses Landes zu deren 20-Jahr-Jubiläum dieses Projekt beauftragt. Das Game Design stammt von Florian Jindra, die beiden schon genannten Schauspieler:innen haben es dann gemeinsam mit der Regisseurin erarbeitet und schon in einer Serie eben in Liechtenstein und zuletzt in steirischen Schulen ausgeführt.
Mitunter sind Diskussionen und Entscheidungen in der Rolle außenstehender Beobachter:innen nicht leicht auszuhalten, wenn – eigener Anschauung nach – ungerechte Beschlüsse gefällt werden. Aber auch das muss in einer Demokratie möglich sein. Und ist, wie Beobachter:innen vieler Durchgänge in unterschiedlichen Gruppen erzählen, eben sehr oft immer anders.
Was dennoch nicht schlecht wäre, eine unmittelbar danach anschließende Diskussion über das eben Gespielte. Und was kaum zur Geltung kam, aber im Ankündigungstext steht: Erfindung eigener Regeln.
Demokratie-Erziehung ist dem aktuellen Bildungsminister ein immer wieder geäußertes großes Anliegen, soll auch ein eigenes Fach werden, nicht zuletzt wegen der erschreckenden Ergebnisse einer Anfang April bekanntgegebenen Umfrage unter 15.000 Jugendlichen (14 bis 18 Jahre). Demnach sank die Zufriedenheit mit Demokratie von 70 % (2020) auf 42 % (2025) – mehr dazu, auch über doch widersprüchliche Fakten in einem weiter unten verlinkten Bericht.
Die besagte Umfrage hat aber auch ergeben, dass mehr als die Hälfte (57%) ständig erlebt, dass Entscheidungen ohne sie über ihre Köpfe hinweg getroffen werden, demokratische Mitbestimmung also nicht existiert.
Compliance-Hinweis: Das Festival spleen*graz hat Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … für drei Tage zur Berichterstattung nach Graz eingeladen.
Assitej Liechtenstein und TAK Theater (Liechtenstein)
Ab 12 Jahren; knapp mehr als eine Stunde
Konzept, Regie: Natascha Grasser
Game Design: Florian Jindra
Performance: León Cremonini, Sabrina Fischer
Kostüme: Florina Marxer
spleen-graz –> gleichgewicht-der-stimmen
Die elfte Ausgabe von spleen*graz zeigte 62 Einzelveranstaltungen von 21 Produktionen an sieben Tagen in zehn Spielorten sowie im öffentlichen Raum. Künstler*innen und aktive Teilnehmer*innen aus Österreich, Belgien, den Niederlanden, Slowenien, Litauen, Spanien, den USA, der Schweiz, Liechtenstein, Italien und Deutschland sowie rund 4100 Besucher*innen im Alter von sechs Monaten bis 99 Jahren sorgten für eine Gesamtauslastung von 90 Prozent.
spleen-graz
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