Unicef und Diakonie weisen zum fünften Jahrestag der erneuten Taliban-Machtübernahme auf katastrophale Lage für Menschen in Afghanistan hin.
„Ein Klassenzimmer bietet weit mehr als Bildung. Es gibt jungen Menschen eine Stimme und die Möglichkeit, ihr volles Potenzial zu entfalten. Zudem schützt es vor Kinderarbeit, Frühverheiratung sowie Gewalt und Missbrauch. Als die Schulen geschlossen wurden, verschwand dieser Schutz – genau zu einem Zeitpunkt, an dem Mädchen ihn am dringendsten brauchten.“ Darauf weist das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, Unicef, in einer Medien-Aussendung zum fünften Jahrestag der neuerlichen Machtübernahme der Taliban in Afghanistan hin. Zu den ersten Maßnahmen der Extremisten zählte ja das Verbot für Mädchen mehr als sechs Jahre in die Schule gehen zu dürfen, KiJuKU berichtete kürzlich über die Aussagen und Forderungen der österreichischen Solidaritätsgruppe Afghanistan – unten am Ende verlinkt.
„Fünf Jahre mögen in der Geschichte eines Landes eine kurze Zeit sein, doch für das Leben eines Mädchens sind sie eine prägende Phase“, wird Unicef-Exekutivdirektorin Catherine Russell in der medialen Mitteilung zitiert. Mädchen, die keine Schule besuchen, sind erhöhten Schutzrisiken ausgesetzt, darunter Kinderarbeit, Missbrauch, Frühverheiratung und geschlechtsspezifische Gewalt. Diese Risiken nehmen mit Armut und Vertreibung innerhalb der Familien zu, und beides ist in Afghanistan weit verbreitet. Seit 2023 sind mehr als 2,7 Millionen Menschen vom Iran und Pakistan zurückgedrängt worden, davon 60 Prozent Kinder und junge Menschen.
Die Auswirkungen reichen weit über die unmittelbar betroffenen Mädchen hinaus. Eine im April 2026 veröffentlichte UNICEF-Analyse mit dem Titel The Cost of Inaction on Girls‘ Education and Women’s Labour Force Participation in Afghanistan ergab, dass Afghanistan bis 2030 bis zu 20.000 Lehrerinnen und 5.400 weibliche Fachkräfte im Gesundheitswesen verlieren könnte. Die Zahl der Lehrerinnen im Grundbildungsbereich ist bereits um mehr als 9 Prozent gesunken – von knapp 73.000 im Jahr 2022 auf rund 66.000 im Jahr 2024. Der Anteil von Frauen im öffentlichen Dienst ging zwischen 2023 und 2025 von 21 Prozent auf 17,7 Prozent zurück.
Dieselbe Analyse schätzt, dass die Einschränkungen der Bildung von Mädchen und der Erwerbstätigkeit von Frauen Afghanistan jährlich 84 Millionen US-Dollar an verlorener Wirtschaftsleistung kosten. Die Verluste steigen mit jedem Jahr, in dem die Beschränkungen bestehen bleiben. Die Folgen wirken sich zudem auf die nächste Generation aus. Mit dem steigenden Anteil von Müttern ohne Schulbildung erhöhen sich auch die Risiken für niedriges Geburtsgewicht, unzureichenden Impfschutz und Wachstumsstörungen bei ihren Kindern. Dadurch gerät ein ohnehin belastetes Gesundheitssystem zusätzlich unter Druck.
Trotz der Einschränkungen unterstützt Unicef weiterhin Bildungsangebote in Afghanistan. Im Jahr 2025 erhielten mehr als 3,7 Millionen Kinder an öffentlichen Schulen Bildungsnothilfe. 442.000 Kinder nahmen an gemeindebasierten Bildungsprogrammen teil, davon 66 Prozent Mädchen. Darüber hinaus wurden 232 Schulen gebaut oder saniert.
Unicef fordert aber natürlich auch die Machthaber auf, die Bildungsbeschränkungen aufzuheben und allen Mädchen und Frauen unverzüglich die Rückkehr in Schulen und Universitäten zu ermöglichen“, sagte Russell und bekräftigte damit den Aufruf des UNO-Generalsekretärs, die Aussetzung der Bildung für Mädchen in Afghanistan zu beenden.
„Das Leben in Afghanistan nach fünf Jahren Taliban-Herrschaft zu beschreiben, heißt, viele Superlative bemühen zu müssen“, wird Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser in einer Mitteilung an Medien zitiert. „Afghanistan gehört zu den ärmsten Ländern der Welt und befindet sich auch 2026 in einer der größten humanitären Krisen weltweit.“ Fast 22 Millionen Menschen – etwa 45 Prozent der Bevölkerung – sind auf humanitäre Hilfe angewiesen stellt UNOCHA (Organisation der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Hilfe) fest.
Rund 30 Prozent der Menschen sind unterernährt. Grundbedürfnisse wie Nahrung, medizinische Versorgung und Bildung sind für viele nicht gesichert. Gleichzeitig steigen die Preise, während es kaum Arbeits- und Einkommensmöglichkeiten gibt. Internationale Sanktionen, ein nur eingeschränkt funktionierendes Bankensystem sowie Schwierigkeiten beim Geld- und Warenverkehr verschärfen die wirtschaftliche Not zusätzlich.
Hinzu kommt, dass Millionen Afghan:innen, die in den vergangenen Jahrzehnten in Nachbarländern wie Pakistan und Iran Schutz gesucht haben, zur Rückkehr gezwungen sind. Viele von ihnen kommen in ein Land zurück, in dem sie weder über eine Unterkunft noch über eine gesicherte Lebensgrundlage verfügen.
Zusätzlich ist das Land regelmäßig von Dürren und Ernteausfällen betroffen. Erdbeben, Erdrutsche und Überschwemmungen zerstören immer wieder Häuser, Infrastruktur und landwirtschaftliche Flächen. Die Folgen solcher Katastrophen treffen eine Bevölkerung, deren Widerstandskraft nach Jahrzehnten von Konflikten und Krisen weitgehend erschöpft ist.
Besonders dramatisch ist – wie schon oben von Unicef – und vor Tagen von der auch erwähnten Solidaritätsgruppe Afghanistan geschildert – die Situation von Frauen und Mädchen. Bereits während der ersten Taliban-Herrschaft von 1996 bis 2001 waren ihre grundlegenden Rechte weitgehend außer Kraft gesetzt. Seit der erneuten Machtübernahme im Jahr 2021 wurden ihre Rechte abermals massiv eingeschränkt.
Frauen und Mädchen sind weitgehend aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen. Sie dürfen weder Parks, noch Fitnessstudios oder Sportvereine besuchen und sind von vielen öffentlichen Veranstaltungen ausgeschlossen. Mädchen dürfen nach der sechsten Schulstufe keine weiterführende Schule besuchen. Frauen sind zudem beinahe vollständig aus der Arbeitswelt ausgeschlossen.
Dennoch versuchen einige, weiterhin ein Einkommen zu erzielen – etwa durch Tätigkeiten von zu Hause aus, über Onlineplattformen, in privaten Haushalten, als Lehrerinnen für jüngere Schülerinnen oder in Teilen des Gesundheitswesens. Gerade bei der medizinischen Versorgung von Frauen sind weibliche Fachkräfte unverzichtbar, da Patientinnen vielfach nicht von Männern behandelt werden dürfen.
Nach der erneuten Machtübernahme der Taliban verließen viele internationale Hilfsorganisationen sowie zahlreiche gut ausgebildete afghanische Mitarbeiter:innen das Land. Andere setzen ihre Arbeit trotz der schwierigen Bedingungen fort. Die Diakonie Katastrophenhilfe arbeitet in Afghanistan seit vielen Jahren mit Norwegian Church Aid zusammen. Die Partnerorganisation ist bereits seit den 1990er-Jahren im Land tätig und beschäftigt überwiegend Einheimische. In den vergangenen Jahren unterstützte die Diakonie Katastrophenhilfe mithilfe von Spenden Menschen, die von den schweren Erdbeben in Herat und Kunar betroffen waren und besonders bedürftige Familien, die aus Pakistan abgeschoben wurden. Aktuell unterstützt die Diakonie Katastrophenhilfe gemeinsam mit ihrer Partnerorganisation Familien dabei, eine berufliche Perspektive aufzubauen. Jeweils 55 Frauen und 55 Männer nehmen getrennt voneinander an bedarfsgerechten Ausbildungskursen teil.
Die Teilnehmenden erwerben unter anderem Kenntnisse in den Bereichen Handarbeit, Schneiderei, Autoreparatur und Elektrotechnik. Ziel ist es, ihnen die Herstellung und den Verkauf eigener Produkte oder das Anbieten handwerklicher Dienstleistungen zu ermöglichen. Zusätzlich erhalten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer finanzielle Unterstützung, damit sie die notwendigen Werkzeuge und Materialien anschaffen können. So sollen sie langfristig ein eigenes Einkommen erwirtschaften und ihre Familien selbstständig versorgen können.
Aufgrund der starken Kürzungen öffentlicher Fördermittel ist die Fortsetzung dieser Hilfsangebote zunehmend gefährdet. Die Diakonie Katastrophenhilfe und ihre Partner sind daher dringend auf Spenden angewiesen, um die Menschen in Afghanistan auch weiterhin unterstützen zu können.
Ernährungs- und Nahrungsmittelunsicherheit bei Kindern nannte Unicef schon vor einigen Monaten als einen der Hauptfaktoren dafür, dass 3,7 Millionen Kinder unter fünf Jahren in Afghanistan einem erhöhten Risiko von Mangelernährung ausgesetzt sind. Dies findet sich im Bericht „Too Little, Too Late: The Diet Crisis Facing Young Children in Afghanistan“ (Zu wenig, zu spät: Die Ernährungskrise, mit der Kleinkinder in Afghanistan konfrontiert sind). Daten des Nutrition Cluster zeigten, dass sich die Auszehrung im Vergleich zu 2025 in 26 der 34 Provinzen des Landes verschlechtert hat. Diese Entwicklung trat bereits vor dem Höhepunkt zwischen Juli und September ein und signalisierte eine frühe sowie sich verschärfende Krise.
Kinder unter zwei Jahren sind überproportional betroffen und machen 83 % der Fälle schwerer akuter Mangelernährung sowie 77 % der Fälle moderater akuter Mangelernährung aus. „Junge Kinder in Afghanistan werden bereits näher an den Zustand der Mangelernährung gedrängt, noch bevor die Hochsaison begonnen hat“, sagte Dr. Tajudeen Oyewale, Unicef-Repräsentant in Afghanistan. Neben einer unzureichenden Ernährung von Kleinkindern und zunehmender Nahrungsmittelunsicherheit werden die steigenden Mangelernährungsraten in Afghanistan auch durch Krankheitsausbrüche, niedrige Impfquoten, unzureichende Wasser-, Sanitär- und Hygienedienstleistungen (WASH) sowie wachsende Finanzierungs- und Versorgungslücken verursacht. Zusammen erhöhen diese Belastungen die Anfälligkeit von Kindern für Auszehrung und verdeutlichen die Notwendigkeit koordinierter Maßnahmen in den Bereichen Ernährung, Gesundheit, Wasser, Sanitärversorgung und Hygiene, Bildung sowie sozialer Schutz.
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