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KI-generierte (Canva) Illustration auf der Basis einer Kürzest-Zusammenfassung (KI Claude) des KiJuKU-Beitrages
KI-generierte (Canva) Illustration auf der Basis einer Kürzest-Zusammenfassung (KI Claude) des KiJuKU-Beitrages
19.08.2026

Ein Drittel der Kinder und Jugendlichen braucht Nachhilfe

Jüngste Studie der Wiener Arbeiterkammer: Eltern müssen mit Kindern und Jugendlichen Schul-Defizite ausbaden

„Wenn es brennt, löscht die Feuerwehr auch nicht nur das Erdgeschoß und sagt zu den Bewohner:innen, den ersten Stock löscht bitte selber!“ Mit diesem drastischen Beispiel leitete Ilikim Erdost, die bei der Wiener Arbeiterkammer den Bereich Bildung leitet, die Präsentation der alljährlichen (seit 2010) schulischen Nachhilfe-Studie ein.

Denn – auch wenn die Zuwachskurve sich abflachte –

  • erhält fast ein Drittel (32% – in Absolut-Zahlen 338.000) aller Schüler:innen Nachhilfe.
  • Sogar in der Volksschule sind es bereits fast ¼ (23 Prozent)

Eltern müssen so vom eigenen Konto – durchschnittlich 720 Euro, hochgerechnet aus der Studie in Summe 144 Millionen € – eine Bildungslücke ausgleichen, die das Schulsystem auftut. Das wäre so, als müssten Kranke den Notarzteinsatz selber bezahlen.

Zwei Drittel der Eltern lernen mit den Kindern – und das obwohl

  • erstens mehr als zwei Drittel der Eltern (68 %) schon zu Hause ihre Kinder beim Lernen unterstützen (müssen), davon noch einmal ein Drittel übrigens täglich und es
  • zweitens schulische Gratis- bzw. private unbezahlte Nachhilfe gibt. Die beiden zuletzt genannten decken rund die Hälfte der in Anspruch genommenen Lernhilfe ab.

Im Jahreabstand fast gleich, in 10 Jahren starke Steigerung

Elke Larcher, Bildungsexpertin der AK Wien, stellte viele der Zahlen, Daten und Fakten aus der unter Leitung von Julian Aichholzer und Alexander Brenn durchgeführten Untersuchung des IFES (Institut für empirische Sozialforschung) bei 3.208 Eltern mit 4.728 Schulkindern – zwischen Mitte März und Mitte Mai 2026 – vor. Während es im Vergleich zum Vorjahr keine nennenswerte Steigerung der Nachhilfe gegeben hat (von 31 auf 32 %, bei Volksschüler:innen von 22 auf 23%) ist im 10-Jahresabschnitt eine mehr als deutliche Zunahme zu verzeichnen: Von 19 auf eben 32 bzw. von nur 7 auf die 23 Prozent.

Kosten gesunken

Gesunken seien sogar die durchschnittlichen Ausgaben – von 800 € im Vorjahr auf die zuvor schon genannten 720 heuer. Einerseits seien die Nachhilfekosten unter der Inflation gestiegen, andererseits sei eine Veränderung der Inanspruchnahme zu verzeichnen gewesen: Anlassbezogen – vor Tests, Schularbeiten oder (Nach-)Prüfungen.

Was ein weiteres Defizit des aktuellen Schulsystems aufzeige – statt der an sich in den Lehrplänen vorgesehenen Kompetenz-Orientierung herrsche eine Noten-Fixierung.

Test-Lernen

Fast die Hälfte (47 %) der Schüler:innen erhalten Nachhilfe anlassbezogen, 38 % regelmäßig (2025 waren das noch 43 %). Krass jedoch: Fast ein Viertel (23 %) braucht die Lernhilfe, weil „der Stoff wurde nicht ausreichend erklärt“ wurde.

Nachhilfe werde nicht nur im Fall von Hopp oder Drop – positiv oder negativ – geholt, sondern sehr häufig, um bessere Noten fürs Zeugnis zu bekommen – insbesondere in der Volksschule für die „Gymnasialreife“.

Notenfixierung

„Die Ergebnisse zeigen außerdem: Je stärker Eltern den Unterricht als überfordernd, notenorientiert und wenig unterstützend erleben, desto häufiger berichten sie von Lernstress bei ihren Kindern – unabhängig vom Schultyp. Mehr als die Hälfte der Eltern (54 Prozent) erlebt ihr Kind beim Lernen häufig als gestresst. Wird der Unterricht als besonders notengetrieben, überfordernd und wenig unterstützend wahrgenommen, steigt dieser Anteil auf bis zu 90 Prozent“, heißt es in den zusammengefassten Unterlagen zur Studie.

Wirksam

Die Erfolgsquote – 71 Prozent erreichen mit Nachhilfe das gewünschte Ziel – liege vor allem daran, dass das Lernsetting das leistet, was an sich Schule leisten sollte: Lernen im eigenen Tempo und in kleinen Gruppen sowie eine Unterstützung, die auf den Bedarf abgestimmt ist.

Eltern-Zitate

Aus den Umfragen – telefonisch bzw. online – zitierten die AK-Vertreterinnen unter anderem die Mutter eines Mädchens, das in eine Volksschule in Oberösterreich geht, und die in Summe letztes Jahr 1.900 Euro für die Nachhilfe ihrer Tochter ausgab: „Noten sind nicht das Ausschlaggebende, der Stoff muss auch verständlich gelehrt werden. Nachhilfe sollte, auch wenn es nötig ist, für alle Eltern leistbar sein. Es darf nicht sein, dass nur weil man weniger Geld hat, dass die Kinder darunter leiden.“

Leisten können

Die Mutter eines Buben in einer AHS-Unterstufe, die im letzten Jahr rund 1.100 Euro an Nachhilfe bezahlte, sagte: „Es sollte für Kinder einmal wöchentlich Förderunterricht in den Hauptgegenständen am Nachmittag von Lehrern geben. Kinder sollten die Möglichkeit haben, noch in der Schule die Hausaufgaben zu machen. Derzeit haben Kinder mit Eltern, die ein höheres Einkommen haben auch bessere Noten, weil sie sich Unterstützung leisten können. Andere müssen aus dem Gymnasium aussteigen, weil von zuhause keine Hilfe möglich ist. AHS-Oberstufe kann sich nicht jeder leisten.“

Zu viel auf Eltern abgewälzt

Eine alleinerziehende, teilzeitbeschäftigte Mutter, deren Tochter eine Mittelschule besucht: „Bringt halt auch nix, wenn sie es nicht verstehen, zuhause zu lernen. Auch wird viel zu viel an die Eltern abgewälzt, die wie in meinem Fall auch arbeiten und nebenbei den Haushalt machen. Und wenn man zu wenig verdient, dann kann man sich Nachhilfe auch keine leisten. Ich finde, die Schule gehört mehr in die Verpflichtung genommen, dass die Kinder das auch wirklich verstehen.“

KI-generierte (Firefly, Adobe) Illustration auf der Basis einer Kürzest-Zusammenfassung (KI Claude) des KiJuKU-Beitrages
KI-generierte (Firefly, Adobe) Illustration auf der Basis einer Kürzest-Zusammenfassung (KI Claude) des KiJuKU-Beitrages

Weitere vier Prozent hätten gerne

Übrigens ergab die Studie – wieder wie in vergangenen Jahren – dass weitere vier Prozent der Eltern gern Nachhilfe für ihre Kinder hätten, sich diese aber nicht leisten können oder am eigenen Wohnort kein passendes Angebot gefunden haben. Dabei geht es immerhin um rund 45.000 Schüler:innen!
Online-Nachhilfe spiele – so die Antwort auf eine Nachfrage von KiJuKU – de facto keine Rolle. Lern-Apps auch nicht wirklich.

„Vererbung“

Das, was seit Jahrzehnten in der österreichischen Bildungsdiskussion – aufbauend auf verschiedenen Untersuchungen und Studien – immer wieder festgestellt wurde, belegen auch die Nachhilfe-Zahlen, -Daten und -Fakten: Bildung wird viel zu oft „vererbt“. Wer kann den Kindern und Jugendlichen zu Hause am besten weiterhelfen, sie beim (Nach-)lernen unterstützen: Natürlich jene mit längerer, besserer eigener (Aus-)Bildung.

Chancenbonus

Als kleinen positiven Schritt in die richtige Richtung ortete Ilkim Erdost, die Bereichsleiterin Bildung der AK Wien, den im Regierungsprogramm verankerten „Chancenbonus“ für „Schulen mit besonders herausfordernden Rahmenbedingungen“ (sozio-ökonomischer bzw. sozio-demographischer Zusammensetzung) der nun an 400 Schulen (Volks- und Mittelschulen) aus ganz Österreich beginnt. Dafür stehen 65 Millionen Euro zur Verfügung. Es bräuchte aber, so Erdost 440 Millionen und damit fst das Siebenfache.

Als Forderungen erhebt die Arbeiterkammer – nicht nur, aber untermauert durch die jährliche Nachhilfe-Studie – daher:

  • Ganztägige Bildungsangebote ausbauen, in denen Lehrer:innen mehr Raum und Zeit zum Üben mit ihren Schüler:innen bekommen, in denen Lernen, Üben und Freizeit gut miteinander verbunden werden können.
  • Schul- und Unterrichtsqualität verbessern. Viele Lehrpläne setzen heute auf fachliche und überfachliche Kompetenzen. Die Leistungsbeurteilungsverordnung ist jedoch veraltet (aus 1974) und orientiert sich an punktuellen Wissensabfragen. Die Folge ist kurzfristiges „Bulimie-Lernen“ statt nachhaltiger Lernentwicklung.

Modernisierung der Leistungsbeurteilungsverordnung mit mehr begleitendem Feedback, der Dokumentation von Lernfortschritten und Lernentwicklungsgesprächen. Das unterstützt besonders jene Schülerinnen und Schüler, die zuhause weniger Support erhalten oder deren Eltern sich keine Nachhilfe leisten können. Voraussetzung dafür sind entsprechende Fortbildungsangebote für Lehrkräfte und höhere Weiterbildungsbudgets der Pädagogischen Hochschulen.

  • Schulkosten deutlich senken. Zu Schulbeginn ist ein Budget für Schulmaterialien nötig, das Lehrer:innen unbürokratisch verwenden können, um Kinder und Jugendliche nach dem Wiener Modell mit den notwendigen Materialien auszustatten. Kosten für Schulmaterialien und -teilhabe dürfen Familien finanziell nicht zusätzlich unter Druck bringen.
  • Armutsgefährdete Familien und Alleinerzieher:innen gezielt entlasten. Die hohen Schulkosten treffen armutsgefährdete Familien und Alleinerzieher:innen in besonderem Ausmaß.
  • Entlastungspaket (Anhebung Arbeitslosengeld und Sozialhilfe; Unterhaltsgarantie) sowie spezifische Unterstützungsangebote (z. B. Ferien- und Lerncamps). Der Alleinerzieher:innen-Unterstützungsfonds ist zwar ein erster Schritt, greift aber zu kurz: Er deckt in erster Linie Unterhaltsausfälle ab und kann finanzielle Belastungen durch Schulkosten nur punktuell abfedern.
Screenshot aus der Langfassung der Studie mit den Info-Grafiken wie Eltern Lernhilfe mit ihren Kindern als Belastung empfinden
Screenshot aus der Langfassung der Studie mit den Info-Grafiken wie Eltern Lernhilfe mit ihren Kindern als Belastung empfinden

Familien- nicht Nach-Lern-Zeit!

„Die Politik muss die Schulen so ausstatten, dass Bildung nicht vom Einsatz der Eltern oder von deren Bankkonto abhängt. Wir brauchen viel mehr Geld für den Chancenbonus und beitragsfreie Ganztagsschulen – flächendeckend, in ganz Österreich. Damit zuhause nicht mehr nachgelernt werden muss, was die Schule auslässt – sondern geübt werden kann. Jedes Kind hat ein Recht auf die beste Bildung“, verlangte Ilkim Erdost abschließend und „ein Recht darauf, dass die gemeinsame Zeit mit Kindern Familienzeit ist. Und nicht Lernzeit.“

Zu Letzterem findet sich in der Langfassung der Studie unter anderem die Frage: „Wie sehr fühlen Sie sich als Eltern … belastet, wenn Sie an das Helfen und Beaufsichtigen beim Lernen und Aufgabenmachen denken…; die aber offenbar nur von einem Teil der Befragten beantwortet wurde (2.676 von 3.208). Gefragt wurde nach zeitlicher Belastung, aber auch nach der in „Bezug auf Konflikte und Ärger in der Familie“.

Während „sehr“ in beiden Fällen im Verlauf der vergangenen zehn Jahre sich nicht wesentlich verändert hat – siehe Screenshot aus der Studie oben – ist „so gut wie gar nicht“ stark gesunken. Waren in Sachen zeitliche Belastung 2016 fast ein Drittel (31%) der Eltern – wobei hier eindeutig auch fehlt, ob Mütter oder Väter, zu vermuten ist… – praktisch unbelastet, sind es nun nur mehr knapp mehr als ein Fünftel (22%). Und bei den „Wickel“ sank dieser Anteil von fast der Hälfte (49%) auf unter ein Drittel (30%).

kijuku_heinz