Acht Mikros – mit leuchtend-blinkenden Kabeln mit dem hohen Technopult verbunden, zwei erhöhte, ständig balancierende Performer:innen – Sabrina Fischer und León Cremonini – in Känguru-Sprungschuhen (Kostüme: Florina Marxer). Die faszinieren später so manche der Jugendlichen fast am meisten. Die Sessel der Klasse sind in U-Form vor Mikros aufgebaut, einige wenige Sessel stehen vorne links und rechts neben dem Techno-Turm.
In diesem Setting – meist in Klassen, selten auch in Theatern – steigt „Gleichgewicht der Stimmen“, eine spielerische Annäherung an Demokratie. So richtig beginnen kann das Spiel erst, wenn alle, also jede und jeder der Gruppe, eben meist Klassen, in eines der per Zufall aufleuchtenden Mikrophone etwas gesagt hat. Da hilft’s nix, wenn die einen – sehr oft Burschen, wie beim Besuch von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… im (Real-)Gymnasium in der Grazer Körösistraße, sich vordrängen. Erst wenn alle, also auch die Aller-Zurückhaltendsten, ihre „Stimme abgegeben“ haben, geht’s so richtig los.
Im weiteren Verlauf des Spiels bricht das System vorgeblich manches Mal zusammen. Viel spannender aber – auch per Zufallsgenerator – sortiert es einige wenige Schüler:innen aus, schickt sie auf eine Art Ersatzbank, andere hingegen werden auf die zweite vordere Sesselreihe geschickt – die von Privilegierten. Die kriegen Popcorn und Getränke.
Per roter und grüner Karten können die anderen, genannt „Die Vielen“, aber entscheiden, „Abgeschobene“, aber auch Privilegierte zurück zu ihnen, sozusagen in die mehrheitsgruppe zu holen. Das kann – und soll – zu Diskussionen führen, immer über Statements in eines der Mikros gesprochen an deren Ende abgestimmt wird. Wobei in einer späteren Phase auch die Möglichkeit eingeräumt wird, Veto einzulegen, also eine Entscheidung der anderen mit der eigenen Gegen-Stimme zu blockieren.
Ausgedacht und inszeniert wurde „Gleichgewicht der Stimmen“ von Natascha Grasser, Mitglied der Festivalleitung und des Programmteams von spleen*graz. Das Liechtensteiner TaK (Theater am Kirchplatz in Schaan) hat gemeinsam mit der Assitej (internationale Kinder- und Jugendtheatervereinigung) dieses Landes zu deren 20-Jahr-Jubiläum dieses Projekt beauftragt. Das Game Design stammt von Florian Jindra, die beiden schon genannten Schauspieler:innen haben es dann gemeinsam mit der Regisseurin erarbeitet und schon in einer Serie eben in Liechtenstein und zuletzt in steirischen Schulen ausgeführt.
Mitunter sind Diskussionen und Entscheidungen in der Rolle außenstehender Beobachter:innen nicht leicht auszuhalten, wenn – eigener Anschauung nach – ungerechte Beschlüsse gefällt werden. Aber auch das muss in einer Demokratie möglich sein. Und ist, wie Beobachter:innen vieler Durchgänge in unterschiedlichen Gruppen erzählen, eben sehr oft immer anders.
Was dennoch nicht schlecht wäre, eine unmittelbar danach anschließende Diskussion über das eben Gespielte. Und was kaum zur Geltung kam, aber im Ankündigungstext steht: Erfindung eigener Regeln.
Demokratie-Erziehung ist dem aktuellen Bildungsminister ein immer wieder geäußertes großes Anliegen, soll auch ein eigenes Fach werden, nicht zuletzt wegen der erschreckenden Ergebnisse einer Anfang April bekanntgegebenen Umfrage unter 15.000 Jugendlichen (14 bis 18 Jahre). Demnach sank die Zufriedenheit mit Demokratie von 70 % (2020) auf 42 % (2025) – mehr dazu, auch über doch widersprüchliche Fakten in einem weiter unten verlinkten Bericht.
Die besagte Umfrage hat aber auch ergeben, dass mehr als die Hälfte (57%) ständig erlebt, dass Entscheidungen ohne sie über ihre Köpfe hinweg getroffen werden, demokratische Mitbestimmung also nicht existiert.
Compliance-Hinweis: Das Festival spleen*graz hat Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … für drei Tage zur Berichterstattung nach Graz eingeladen.
„Er“ ist im Theater der Jugend der – nach dem Roman von Timur Vermes – der Jahrzehnte später wieder erwachte Adolf Hitler. Nach anfänglicher Verwirrtheit und mit Kopfschmerzen, eignet er sich rasend schnell die massenwirksamen Kanäle des „Internetz“ an. Agiert selbst an der „Front“ und wird zum Quotenbringer, vermeintlich als Comedian – „Er ist wieder da“ – Link zur Stückbesprechung unten am Ende des Beitrages. Ein anderer „Er“ namens „Wandel“ zieht mehr im Hintergrund die Fäden (nicht nur) der Talk-Show von „Ein-Fluss-Reich“ in der Open.Box des Wiener Off.Theaters – in „Frei-Heit! (Morgen nimmer)“.
Dieses Stück, geschrieben von Max Melo und Kieran Foglar-Deinhardstein (taucht später schauspielerisch mit eigenem Vornamen auf), von ersterem auch – gemeinsam mit Olga Psenner – inszeniert -, versammelt vor allem (ehemalige) Schüler:innen des Poly-Ästhetik-Zweiges des ORG (OberstufenRealGymnasiums) Hegelgasse 12 auf und hinter der Bühne.
Zum eingeblendeten bekannten Fernseh-Testbild, hier mit Signatur „Bundesministeriums Einfluss“, präsentiert sich die Bühne zu Beginn recht Durcheinander: Umgekippter Mistkübel, gestürzte Sessel, ein Tisch mit altem Wählscheibentelefon, dessen Hörer am Spiralkabel auf dem Boden liegt… Da muss schon heftig was los gewesen sein.
Und dann Break. Mit dem Start des Stücks Verbreitung von Happy Feeling, Talk-Shows über dies und das. Wohl gelaunte – oder zumindest so spielende Moderator:innen – Zacko Feuerflitz (Livia Andrä) und Herr Mannmeier (Lukas Novoszel). Dazu vier Techniker:innen im Studio mit schwarzen T-Shirts und Rückennummern wie Sportler:innen; allerdings ergeben diese, in einer Szene zusammengestellt, die Jahreszahl 2038 (Zukunft oder Erinnerung an 100 Jahre 1938 – Österreich wurde da zur „Ostmark“ im deutschen Nazi-Reich).
Immer massiver greift er, „der Wandel“ (Jakob Köllesberger) ein – mit Vorwand Quote diktiert er Inhalte, gibt vor, was Themen sind und was nicht. Was auf Sendung gehen darf. Droht mit Rauswurf… Klimawandel, bzw. -krise, Erderhitzung, darf „natürlich“ nicht thematisiert werden.
Vor der Pause dürfen die Zuschauer:innen übrigens mit grünen bzw. roten Stimmzetteln – offen – „wählen“, ob sie für oder gegen „ihn“ sind. Das Ergebnis wird zwar nach der Pause eingeblendet, aber egal ob gewählt oder nicht, setzt „Wandel“ (der Name verwirrt insofern, als es eine gleichnamige linke Partei in Österreich gibt) nur mit unterschiedlichen Worten seine autoritäre Herrschaft fort.
Die in schauspielerischer Gestalt auftauchenden Jahreszeiten (Frühling: Lena Hergolitsch, Herbst: Anna Kontrus, Winter: Jonathan Prett-Pinteritsch und Sommer: Christina Lier) drohen aufgrund des Temperaturanstiegs zu sterben – was „Wandel“, oft als „er“ bezeichnet, durch großteils direkte Tötung beschleunigt.
Er oder wir – vor dieser Entscheidung stehen am Ende auch die Moderator:innen, wie’s wirklich ausgeht, sei nicht gespoilert.
Das typische schmale Oberlippen-Bärtchen – obwohl Charlie Chaplin ein ähnliches hatte -, Gesten, Körperbewegungen, Sprache – und erst recht die Inhalte: Stefano Bernardin erweckt derzeit noch bis Ende April im großen Haus des Theaters der Jugend erschreckend jenen Mann zum Leben, der federführend die Welt in den Abgrund des zweiten Weltkriegs führte. In „Er ist wieder da“, sehr wortgetreu, mit aktualisierten Ergänzungen vom Autor Timur Vermes selbst, nach dessen 2012 erschienen gleichnamigen Erfolgsroman, schlüpft der Schauspieler in die Rolle des Jahrzehnte nach 1945 wieder erwachten Adolf Hitlers (Bühnenfassung und Regie: Thomas Birkmeir), übrigens: Das große Haus des Wiener Theaters der Jugend heißt Renaissancetheater und dieses französische Wort steht für Wiedergeburt.
In altem Gewande und Gehabe, aber nie als Parodie wie etwa in Chaplins „Der große Diktator“, sondern „nur“ als die neuen (digitalen) Medien schnell lernender Verführer agiert „Er“. Die anderen im Roman und erst recht im Stück in der multimedial genial installierten Bühne mit einem halben Dutzend blitzschnell mit wechselnden Hintergrundbildern zu versehenden LED-Schirmen (Bühnenbild und Video: Sam Madwar) agierenden Personen zeigen sich fast allesamt in irgendeiner Form fasziniert.
Die einen sehen in ihm einen hervorragenden Satiriker, einen Quotenbringer: Senderverantwortliche Carmen Bellini (Simone Kabst) und Manager Joachim Sensenbrink (Martin Bermoser) sowie dessen Adlatus Frank Sawatzki (Thomas Höfner). Letzterer kippt bald ins Anhimmeln des „Führers“ sowie vor allem die neue Sekretärin „Fräulein Krömeier“ (Victoria Hauer). Als „Er“ gegen Ende von rechtsextremen Skinheads überfallen und verprügelt wird, weil er ihrer Meinung nach den echten Ober-Nazi lächerlich gemacht hätte, stilisieren ihn Anrufer:innen gar zum antifaschistischen Demaskierer von Nazis und wollen ihn jeweils für ihre unterschiedlichen Parteien gewinnen.
Eines kann „Er“ ganz gewiss: Massen in Bann ziehen mit seinen Reden „gegen die da oben“ und dem Ansprechen der „Sorgen der kleinen Leute hier unten“. Sein neuer Slogan „Wir gegen Die“ verfängt. Mehr als gut. Baut er doch auf einem seit einigen Jahren leider gut gebauten Fundament auf.
Verfängt leider so gut, dass bei der Premiere – überwiegend erwachsenes Publikum – mindestens die Hälfte des Saals bei einem langen Monolog vor der Pause heftigst applaudierte. Was anderen, unter anderem den Rezensenten, mehr erschütterte als die Rede selbst. Die einzige Beruhigung: Aus Gesprächen mit Beteiligten war zu erfahren, bei Voraufführungen mit überwiegend jugendlichem Publikum wurde an dieser Stelle nicht geklatscht.
Mit Ausnahme Bernardins schlüpfen alle anderen in mehrere bis viele Figuren, kleinere Rollen werden dieses Mal sogar von Techniker:innen übernommen: Patrick Amtmann, Thomas Drabinski, Constanze Drach, Amir Eid, Christina Schneider, Emili Staudinger.
Noch nicht erwähnt wurden Clemens Matzka, der vor allem den TV-Parade-Migranten-Talker Ali Wizgür gibt, der von „Adi“ quotenmäßig an die Wand gespielt wird. Und Barbara Spitz, die unter anderem die „kleine“, aber zentrale Rolle der Uroma Krömeier spielt. Ein Foto der von den Nazis in Vernichtungslagern ermordeten Verwandten bringt die Urenkelin, die aus einem Versprecher den Sager von „Geil, Hitler“ gebiert, zum ansatzweisen Umdenken. Sie könne nicht mehr für ihn arbeiten, das könne sie der alten Frau nicht antun, er könne doch wenigstens sagen, dass es ihm leidtue.
Was er – natürlich – nicht macht.
Vermes‘ Roman und die Bühnenfassung rufen ein Zitat von Karl Marx in Erinnerung: „Hegel bemerkt irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ (Aus „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, 1852). Damit wollte Marx die Französischen Revolutionen charakterisieren:
1789 den blutigen Sturz der Monarchie und Gründung der Republik sowie mehr als ein halbes Jahrhundert später (1848/49) die Machtergreifung Louis Napoleons (des Neffen Napoleons I.), die zum Putsch mit anschließender Diktatur wurde.
Doch die Farce droht zur neuen Tragödie zu werden. Rechts(extrem)e Parteien und Bewegungen, die sich gekonnt neuer Medien bedienen, versammeln in vielen Ländern wieder Massen hinter sich. Und schaffen es – siehe Passage über den Applaus – nicht selten sogar kritische Geister für sich einzunehmen.
Mit seiner letzten Regie-Arbeit, mit der Thomas Birkmeir sein fast ¼ Jahrhundert (2002 – 2026) währende Direktionszeit im Theater der Jugend beendet, knüpft er in dieser Saison an den Beginn im Herbst mit „Der überaus starke Willibald“ (von Willi Fährmann; Bühnenfassung: Sebastian von Lagiewski) an, das KiJuKU als „Farm der Mäuse“ in Anlehnung an Geroge Orwells „Animal Farm“ betitelte – eine Saison für Zivilcourage gegen autoritäre Herrschaft.
Die eine erzählt ihren monatlichen Kampf, mit dem Geld auszukommen, zwischen Wäschewaschen wie vor 100 Jahren – symbolisiert auf einer metallenen Rumpel in Metallkübel (Julia Schranz). Eine zweite sucht eine Mitbewohnerin, denn ihre Tochter ist 18 geworden, Kinderbeihilfe und Unterhaltsvorschuss drohen gestrichen zu werden und damit wird die Wohnung zu teuer. Ihr Leben und vor allem das mit dem sie es gerne vergleicht, Gilmore-Girls Mutter Lorelai und deren Tochter Rory, stellt sie unter anderem mit Gummibären auf einer mit Schokocreme beschichteten Torte nach (Birgit Stöger). Wobei mitunter sich ihre (real) gespielte Situation mit der fiktiven aus der TV-Serie sich bis zum Missverständnis überlagern.
Die beiden sind Schauspielerinnen in einem Stationentheater von „Tempora“, dem „Verein für vorübergehende Kunst“ im recht neuen Nordbahnviertel. In „Showing of(f)! – Single Mother Rooms“ erzählen sie – allesamt wie auch ihre beiden weiteren Kolleginnen in szenischen Monologen unterschiedliche Alleinerzieherinnen-Schicksale fast ohne Verschnaufpause – als ob ihnen schon laaaange niemand mehr zugehört hätte. Nicht die allerärmsten Frauen, sondern angepasst an dieses Wohnviertel, eher aus der Mittelschicht. Und dennoch fast immer „on the edge“, an der Kante zum gerade über die Runden kommen mit dem monatlich erarbeiteten Einkommen.
Zwischendurch lassen sie Fakten über Gender Pay Gap und andere Diskriminierungen – auch bei Wohnungssuche – einfließen.
Das Stück in vier Stationen – wie bei anderen Stationentheatern des Vereins nicht immer barrierefrei zugänglich – verteilt über den neuen Stadtteil nahe dem Praterstern wurde von Julia Schranz (Waschtag) und Veronika Glatzner konzipiert und recherchiert. Letztere führte auch Regie und spielt selber in einer weiteren Station – „Die Ordnung der Dinge“. In einem sehr schräg anmutenden Raum mit einem dicken, fetten, ziemlich unmotivierten Pfeiler in der Mitte eines noch leerstehenden möglichen Geschäftslokals. Das mit Leitern und einer Art Balustrade ausgestattet (Bühne und Kostüm: Laura Malmberg, Patrick Loibl) zum Spielort der Soloperformerin wird wo sie mit Tischtennisbällen wirft und philosophisch überhöht mehr oder minder den Spruch auswalzt: Wer Ordnung hält, sei nur zu faul zu suchen.
Vierte im Bunde des Stationentheaters ist Grischka Voss als „Shmoo“, wie sie sich, unter Fellen hervorkriechend als Eier legende Wollmilchsau vorstellt. Sie hält als überspitzte, überhöhte eben auch alleinerziehende Care-Arbeiterin überhaupt das System am Laufen, als dessen Antipodin sie sich aber verstanden wissen will.
„Wilma“ steht in großen gelben Buchstaben auf einer rosa gestrichenen Seitenwand eines Wohnwagens. Der steht vor dem Theater am Ortweinplatz und wurde in der Zeit des Theaterfestivals für junges Publikum spleen*graz – siehe Info-Box – zur Radio-Station; drinnen die Technik und oft draußen im gemütlichen Sitzkreis in fast Urlaubs-Stimmung Interviews und Gesprächsrunden.
Bei einem Lokalaugen- und -ohrenschein von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… wurde einerseits über den Begriff, der zum Namen des Festivals führte, gesprochen. Und andererseits über ein international vernetztes Projekt.
„Spleen“ als Bezeichnung für irgendwie „ver-rückt“, schräg, Tick, … kommt aus dem Englischen und dort fand es offenbar Eingang aus dem (Alt-)Griechischen splēn, mit dem das innere Körperorgan Milz bezeichnet wird. Sie galt – laut wikipedia – bis vor rund 300 Jahren als „Sitz bestimmter Gemütskräfte und bei Erkrankungen als Ursache für Hypochondrie“ (Anmerkung der Redaktion: Art eingebildete Krankheit).
Spleen*graz ist von Anfang an als internationales Theaterfestival konzipiert. Aber über Gastspiele hinaus, läuft seit 2022 zusätzlich ein vernetzendes Format, das sich auch nicht nur auf das Festival beschränkt. Und darüber sprachen Vertreter:innen in einer Live-Radiosendung. Theater(gruppen aus Belgien, Finnland, Italien, Niederlanden, Deutschland und Österreich bringen vor allem nicht zuletzt über die EU-Austauschförderung Erasmus+ Nachwuchskünstler:innen zusammen. Einige davon gestalten eine eigene Programmschiene – spleen*trieb – in gemeinsamer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Title „Exit the Room“ (Raus aus dem Raum): „Hinaus aus Proberäumen, hinein in neue Städte, Sprachen und Ideen… Labor für Visionen: In Residenzen, Workshops und offenen Try-outs begegnen einander Nachwuchskünstler*innen und erfahrene Theatermacher*innen, um Theater immer wieder neu zu denken, in die Stadt zu tragen und gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen neue Formen des Erzählens zu erproben.“
Partizipativ war auch spleen*funk gedacht. So manche der Radiosendungen wurden gemeinsam mit Jugendlichen zweier Grazer Schulen gestaltet – der Klex – Klusemann Extern sowie deren Stammsitz, der Mittelschule und dem (Real-)Gymnasium Klusemannstraße selbst.
Neben dem großen Namenszug Wolma auf einer der Wohnwagenseiten, steht in kleiner Schrift auf der Rückseite neben dem Symbol für instagram clara.aber nicht klarer. Clara heißt die Eigentümerin des Wohnwagens, die ihn dem Festivalradio zur Verfügung gestellt hat. „Wilma hab ich ihn genannt, weil mich als Zehn-, Elf-, Zwölfjährige eines der Mädchen der Kinderbuch-Reihe Die wilden Hühner von Cornelia Funke fasziniert hat. Sie war die erste queere Person, die mir in Büchern und Filmen untergekommen ist“, erklärt Clara dem Reporter. Funke lässt Clara sich in Leonie aus der Theatergruppe verlieben – in „Die Wilden Hühner und die Liebe“.
Compliance-Hinweis: Das Festival spleen*graz hat Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … für drei Tage zur Berichterstattung nach Graz eingeladen.
Draußen vor dem Theater (am Ortweinplatz), das bei spleen*graz immer zum Festivalzentrum wird, ein zum Radiosender umfunktionierter Wohnwagen, drinnen in einem der Räume ein Zelt.
Ein Zelt? Ja, dieses war Teil des Erlebnisses eines Augmented-Reality-Films. Zunächst außerhalb des kleinen Kuppelzelts die Vorgeschichte auf einem Tablet und mit Kopfhörern reingezogen, tauchtest du im Zelt tiefer in die Story einer Art Besetzung ein (Regie: Rory Mitchell, Übersetzung ins Deutsche: Jost von Harleßem; Sprecher:innen: Luisa Schwab, Franz Solar, Anke Stedingk).
Zelt ist die Erlebnis-Location, weil es in der Geschichte um eine solches geht. Eine Frau schlägt ihr Zelt im Garten eines Einfamilienhauses auf. Wird geduldet. Bleibt aber eeeeewig lange, eine Art Besetzung mit auch übergriffigem Verhalten. Kippst und drehst du das Tablet, hast du verschiedene Perspektiven auf das Geschehen – nur das Zelt oder den Überblick über Haus und Siedlung.
Und innerlich kannst du dir aussuchen, überlegen, dich reinversetzen in die eine oder andere Seite…
Compliance-Hinweis: Das Festival spleen*graz hat Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … für drei Tage zur Berichterstattung nach Graz eingeladen.
„Sonne statt Kohle“, „Raus aus teurem Öl“, „Kurzstreckenflüge nur für Insekten“ – neben gedruckten großen Transparenten der Organisator:innen und einzelner Initiativen hatten vor allem Schülerinnen und Schüler zur jüngsten Klima-Schulstreik-Kundgebung handschriftliche Losungen auf Kartontafeln mitgebracht.
Kurzfristig von ZwiDeMu – zwischen den Museen (natur- und Kunsthistorisches) – auf den Heldenplatz verlegt, verbrachten Freitagvormittag Hunderte Jugendliche mehrere Schulstunden mit Engagement für umweltfreundliche Alternativen zu klimaschädlichem Verhalten. Aktuelle Vorhaben wie der Autobahn-Tunnel unter dem Naturschutzgebiet Lobau oder auch die kürzliche erfolgte polizeiliche Räumung des Freiraums St. Marx spielten ebenso eine Rolle bei der Kundgebung wie generelle Maßnahmen gegen Klimawandel und -Krise.
Zwischen Reden und Losungen gab es immer wieder künstlerische Auftritte. Gegen Ende um die Mittagszeit trat Singer-Songwriterin Maro Len auf, die ihre Songs die sich mit (toxischen) Beziehungen zwischen Menschen singend und Gitarre spielend auseinandersetzt. Die widmete sie auch der toxischen Beziehung von Menschen zur Natur und Umwelt.Die österreichischen Fridays For Future hatten zum Aktionstag geladen und schon im Vorfeld umfangreich aufgelistet, dass durch einige gar nicht so eklatante Änderungen Zehntausende Tonnen CO₂ und Millionen Euro eingespart bzw. mehr ins Budget kommen könnten – durch Streichung von …
Schon im März hatte Fridays for Future Österreich in einem ausführlichen Positionspapier heimische klimaschädliche Förderungen aufgelistet und daraus abgeleitet Forderungen erhoben, die am Freitag in Flugblättern und Reden eine große Rolle spielten:
Die von den Fridays for Future-Österreich vorgeschlagenen Reformen wären unmittelbar wirksam: Diesel- und Dienstwagenprivileg bringen zusammen rund 800 Millionen Euro jährlich und substanzielle Emissionsreduktionen. Sie garantieren dabei eine soziale Absicherung. Insgesamt können zentrale Reformen im Verkehrsbereich das Budget um mehr als eine Milliarde Euro entlasten und gleichzeitig Strafzahlungen von bis zu 4,7 Milliarden Euro vermeiden. Gleichzeitig zeigen volatile Ölpreise und geopolitische Krisen – zuletzt rund um den Irankrieg –, wie teuer die Abhängigkeit von fossilen Energien bleibt. Ein früherer Ausstieg etwas aus dem Dieselprivileg hätte diese Risiken bereits reduziert.
„Nein zur Halle – St. Marx für alle!“ Hundertfach ertönte diese Losung auf der Demonstration zwischen dem – brutal geräumten, vielfältigst selbstgestaltetem -Freiraum in Wien-Erdberg über die Route Landstraßer Hauptstraße bis zum Heldenplatz Donnerstagabend. Zwei Wochen nach dem überfallsartigen Plattmachen von Pflanzenbeeten, Skaterramps, Basketballplatz, Hütten und mehr gab es diese Protestaktion mit Transparente, Trommeln, einer theatralen Gruppe mit überdimensionierten leichten grauen Werkzeugen von Hammer bis Säge.
Zu einem einem kleinen Zwischenhalt und einer Art kurzer, besonders lautstarker, Kundgebung kam es vor dem Sitz der SPÖ-Landstraße – symbolisch für die politische Mehrheit der Stadtverwaltung und Wien-Holding. Eines der Unternehmen unter dem Dach des ausgegliederten städtischen Konzerns ist die treibende Kraft für die – von einer privaten Firma zu errichtende Halle – übrigens bis ungefähr 2030.
Vor deren Eingang sich eine Reihe von Polizist:innen postierte. Als würde eine Stürmung des Lokals drohen. Dabei fragt selbst ein Aktivist auf Inline-Skates mit Kreide-Spray bei Uniformierten höflich nach, ob er was sprayen dürfte. Um dann pinkfarben „St. Marx 4 ever“ auf die Straße zu sprayen – mit eben Kreide samt gelbem Herzen drumherum.
Der selbstbestimmt von Initiativen gestaltete Freiraum – zur Zwischennutzung genehmigt – wurde polizeilich übrigens vor zwei Wochen genau am Tag des Starts der zweiten Klima Biennale Wien geräumt. Künstlerische Projekte, Interventionen im öffentlichen Raum und Partizipation werden bei dieser Veranstaltungsreihe als Motto immer wieder genannt. Und dann – das wurde bei der Demo am 23. April 2026 ebenfalls bekanntgegeben – wurde ein Interview von Vertreter:innen der Initiative St. Marx für alle, das in den Katalog der Klima Biennale sollte, aus diesem gecancelt.
Das gestrichene Interview wurde dann in handlicher Form gedruckt bei der Demo verteilt. Darin geht es ausgehend von dem kaputt gemachten Freiraum unter anderem um grundsätzliche Fragen von Stadtgestaltung. „Recht auf Stadt ist ein großes Thema. Für mich heißt es unter anderem, Verantwortung für Orte übernehmen zu dürfen und die Möglichkeit zu haben, sich um diese zu kümmern…“, sagt dort L., eine von zwei anonymisierten Vertretungspersonen der Initiative St. Marx. Zur Sprache kommt auch, dass immer wieder erst durch Besetzungen so manche später Vorzeig-Institutionen entstanden sind – sei es die Arena, sei es das WuK…
Seit viiiielen Jahren versprochen, soll sie nun eeendlich wirklich kommen: Die Gedenkstätte an den systematischen, massenhaften Mord der Nazis an Rom:nja und Sinti:zze. Vor einer Woche bei einem Treffen des Volksgruppenbeirats im Parlament mit Vertreter:innen von Vereinen der Volksgruppe wurde einstimmig der Weghuberpark vor dem Sitz des Justizministeriums in Wien-Neubau als Standort beschlossen.
Mit der Standortentscheidung werden die Vorbereitungen für den künstlerischen Wettbewerb zur Gestaltung der Gedenkstätte fortgeführt. Dieser ist als zweistufiges, europaweites Verfahren vorgesehen. Die Ausschreibung wird im Herbst 2026 starten. Die Ausarbeitung der inhaltlichen und künstlerischen Grundlagen erfolgt weiterhin unter Einbindung der Volksgruppe sowie unter Berücksichtigung rechtlicher und fachlicher Rahmenbedingungen. Der Prozess ist darauf ausgerichtet, eine tragfähige und qualitätsvolle Umsetzung sicherzustellen, die sowohl der historischen Dimension als auch den Anforderungen an ein zeitgemäßes Erinnern gerecht wird.
Von den rund 11.000 Angehörigen der Volksgruppe in Österreich wurden etwa 90 Prozent Opfer des faschistischen Terrors. Insgesamt ermordeten die Nazis rund eine halbe Million Rom:nja und Sinti:zze (Porajmos heißt das entsprechende Pendant zur Shoah an Jüd:innen). Das Mahnmal soll aber nicht nur an die systematische, massenhafte Ermordung erinnern, sondern auch öffentliches Zeichen gegen Fortbestehen von Antiziganismus sein.
Die Anerkennung der Volksgruppe der Roma als autochthone Volksgruppe erfolgte erst 1993. Die Erinnerung an die NS-Opfer der Volksgruppe ist heute durch Gedenktage wie den Internationalen Tag der Roma am 8. April sowie den Internationalen Tag des Gedenkens an den Genozid an den Rom:nja und Sinti:zze am 2. August, der seit 2023 ein nationaler Gedenktag in Österreich ist, verankert. In den Bundesländern und in Wien bestehen bereits einzelne Gedenkorte – eine zentrale Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus aus den Reihen der Rom:nja und Sinti:zze fehlt bislang.
„Die Entscheidung für den Standort der zentralen Gedenkstätte ist ein wichtiger Schritt. Erinnerung muss im öffentlichen Raum sichtbar sein und darf nicht anonym bleiben. Sie muss die Verfolgung und Ermordung der Volksgruppe der Roma klar benennen und auch Österreichs Verantwortung offen ansprechen. Die Gedenkstätte richtet sich an die gesamte Gesellschaft. Sie soll zum Innehalten anregen, historisches Wissen fördern und deutlich machen, dass Antiziganismus bis heute fortbesteht und ihm entschieden entgegengetreten werden muss“, so Emmerich Gärtner-Horvath, Vorsitzender des Volksgruppenbeirats der Roma.
„Die Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus aus der Volksgruppe der Roma ist weit mehr als ein Bauprojekt. Sie ist Ausdruck unserer historischen Verantwortung und ein klares Bekenntnis der Republik dazu, einer Opfergruppe des Nationalsozialismus, die über Jahrzehnte im öffentlichen Bewusstsein zu wenig sichtbar war, den ihr gebührenden Platz in der österreichischen Erinnerungskultur zu geben“, wird der Zweite Präsident des Nationalrates und Vorsitzende des Nationalfonds, Peter Haubner, in einer Aussendung zitiert.
Die Wiener Stadträtin für Kultur und Wissenschaft Veronica Kaup-Hasler meinte: „Mit der Wahl des Weghuberparks als Standort für die Gedenkstätte für die Opfer der im Nationalsozialismus ermordeten Rom:nja und Sinti:zze entsteht ein dringend notwendiger Ort der Erinnerung in innerstädtischer Lage. Die einstimmige Entscheidung des Beirats markiert einen wichtigen Meilenstein in einem Prozess, den wir als Stadt Wien unterstützt und in einem aktiven Dialog mit dem Beirat und Vertreter:innen der Community begleitet haben – denn Rom:nja und Sinti:zze sind seit Jahrhunderten Teil der Geschichte Wiens, auch wenn sie und ihr Wirken lange zu wenig gesehen bzw. an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. Ich setze mich dafür ein, dass lebendige Gedenk- und Erinnerungskultur weiterhin einen zentralen Stellenwert im Selbstverständnis unserer Stadt einnimmt. “
Und der Vorsteher des siebenten Wiener Gemeindebezirks, Markus Reiter, meinte: „Die geplante Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus aus den Reihen der Rom:nja und Sinti:zze ist ein zentraler und längst überfälliger Bestandteil unserer Erinnerungskultur. Als Bezirksvorsteher von Neubau habe ich den Standort im Weghuberpark sehr gerne angeboten – für mich ist entscheidend, dass dieses Projekt endlich realisiert wird. Wir werden alle Anstrengungen unternehmen, um die Umsetzung bestmöglich zu unterstützen. Bereits heute leisten wir mit dem Ceija-Stojka-Platz, der Unterstützung der jährlichen Gedenkfeier am 2. August und unserer Initiative ‚Neubau erinnert‘ einen bedeutenden erinnerungspolitischen Beitrag. Mit der breit getragenen Standortentscheidung setzt die Republik ein starkes Zeichen für Sichtbarkeit, Anerkennung und Verantwortung. Das ist gut so und ein historisch bedeutender Schritt.“
Der Standort wurde im Rahmen eines vom Nationalfonds koordinierten, breit angelegten Abstimmungsprozesses unter Einbindung der Vertreter:innen der Volksgruppe festgelegt. Mit der Errichtung der Gedenkstätte entsteht ein zentraler Ort des Erinnerns im öffentlichen Raum, der die Verfolgung und Ermordung von Rom:nja und Sinti:zze im Nationalsozialismus sichtbar macht und die Erinnerung daran dauerhaft verankert. Dabei geht es auch darum, eine lange Zeit wenig sichtbare Opfergruppe des Nationalsozialismus stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.
Bücher sind Freunde! Lesen bringt uns in eine andere Welt! Reading ist dreaming with open eyes (Lesen ist Träumen mit offenen Augen)! Lesen kann deine kraft verstärken! Durch Lesen lernst du neue Leute kennen! Mit weißen und bunten Straßenmalkreiden schreiben Kinder der Volksschule Messnergasse (Wien-Donaustadt; 22. Bezirk) und Jugendliche der Mittelschule Grundsteingasse (Ottakring; 16. Bezirk) diese und noch viele andere Sprüche am Welttag des Buches (23. April) auf den Boden des Ballhausplatzes zwischen Bundeskanzleramt und dem Sitz des Bundespräsidenten.
Zwischendurch verrieten sie Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… dass sie „lesen cool“ finden und auf die Nachfrage, weshalb kamen Antworten wie: „Wenn mir langweilig ist, lese ich“, „es ist spannend, andere Welten kennen zu lernen“…
Die Kinder und Jugendlichen unterstützten mit ihren Sprüchen und Zeichnungen eine Aktion des Buchklubs. Eine laaaaange Schriftrolle mit Sprüchen, Texten, Zeichnungen, aufgeklebten Büchern, die in den vergangenen Tagen entstanden ist, wurde vor Ort immer wieder – auch von den Schüler:innen ergänzt und erweitert. Autor:innen, Pädagog:innen, Vertreter:innen des Buchklubs und nicht zuletzt von Interessenvertretungen – IG Autorinnen Autoren sprachen über die Wichtigkeit des Lesens und der Förderung, diese Kompetenz zu erwerben.
Seit mehr als 75 Jahren unterstützt der Buchklub Kinder, Jugendliche beim leichteren Zugang zum Lesen – durch eigene, kostengünstige bis kostenlose broschürte Bücher sowie Zeitschriften sowie Veranstaltungen bei denen junge Leser:innen in Kontakt mit Autor:innen kommen. Für Pädagog:innen gibt es eine Vielfalt an Materialien, Seminaren usw., die Leseförderung vermitteln.
Und dennoch steht diese Institution möglicherweise vor dem aus – dabei geht es um rund 300.000 €, also eine vergleichsweise geringe Summe, selbst in Sparzeiten. Leseförderung steht zwar als eine vorrangige Aufgabe im aktuellen Regierungsprogramm, auch im Plan Z wie Zukunft, den der Bildungsminister erst diese Woche vorgestellt hat, heißt es unter dem Titel Lesen als gemeinsame Aufgabe: „Alle Kinder und Jugendlichen sollen flüssig und sinnerfassend lesen können, unabhängig von Herkunft oder Familiensprache. Lesen wird deshalb nicht nur im Deutschunterricht gefördert, sondern als fächerübergreifende Aufgabe in der gesamten Schule verstanden. Durch kontinuierliche Förderung über die gesamte Bildungslaufbahn wird Lesen zur Grundlage für selbstständiges Lernen und Chancengerechtigkeit.“
Bislang ist dies in Schulen ja offenbar so wenig gelungen, dass aktuellen Zahlenzufolge 29 Prozent der Erwachsenen in Österreich nicht sinnerfassend lesen können. Mehrfach wiesen Redner:innen darauf hin, dass mit dem Geld für 100 Meter (!) Autobahn der Buchklub 16 Jahre lang finanziert werden könnte! – Wenn schon Sparzwang, dann…
KiJuKU.at fragte deswegen im Bildungsministerium nach und bekam die Antwort: „Der Buchklub werde finanziell unterstützt (anm. d. Red.: Projektförderung, aber keine Basis-Finanzierung), brauche aber mehr und es werden darüber noch Gespräche stattfinden…“
Seit 31 Jahren gilt der 23. April als Welttag des Buches, eingeführt von der für Bildung zuständigen Organisation der Vereinten Nationen, UNESCO. Er soll Aktionstag fürs Lesen, aber auch die Rechte ihrer Autor:innen sein. Dieser Tag wurde ausgewählt, weil schon davor laaange in Katalonien (Spanien) am Namenstag des (Volks-)Heiligen St. Georg Rosen und Bücher verschenkt worden sind. Außerdem ist es das mögliche Geburts- und Todesdatum von William Shakespeare, aber auch der Todestag von Miguel de Cervantes (allerdings nach verschiedenen Kalendern julianisch bzw. gregorianisch). An einem 23. April starb auch der katalanischen Autor Josep Pla und es ist der Geburtstag des isländischen Literaturnobelpreisträgers Halldór Laxness (Quelle: wikipedia).
Ein einsamer Touri, der sich zunächst langsam und lange eher verschreckt, zurückhaltend als Live-Karikatur einer Klischeefigur in Karton-Kulissen (Bühne: Charlotte Gash) mit ebensolchen angemalten Requisiten an einem Sandstrand bewegt. Der Titel „Tutto Gas“ der Performance der Kompanie Freispiel schwebt da lange eher wie eine Themenverfehlung über dem Agieren von Kajetan Uranitsch (Konzept und Schauspiel). Ist doch die italienische Bezeichnung für Vollgas zu so etwas wie einem Synonym geworden für junge österreichische Kurzzeit-Urlauber:innen in großen Gruppen, die sich in Adria-Badeorten ärgstens aufführen.
Schaum- bis vollgebremst bewegt sich der Protagonist über den Sandstrand mit entsprechenden witzigen Bewegungen, die die Hitze des Untergrunds fast mitspüren lassen, schwimmt in – Kartonwellen… Also Wellen-, Kulissen-Schieber und weggeworfenen Müll durch die Luft transportierender (un-)sichtbarer Geist tritt Simon Schober in grau-schwarzem Komplett-BodySuit samt völlig verhülltem Kopf in Erscheinung (Kostüme: Adisa Ganiyeva).
In der abendlichen Disco nimmt die Hauptfigur doch Anleihe bei den Sauf-Exzessen, kippt sich Drink um Drink rein. Und macht eine Frau an, die er schon am Strand gesehen hat und in die er sich angeblich – ohne ein Wort mit ihr gewechselt zu haben – verliebt hat, ihr eine Schlagerschnulze widmet. Und die folgerichtig nur eine Kartonfigur ist – stellt sie doch lediglich ein Objekt seiner Begierde dar.
Doch die hält ihm in der Disco – folgerichtig – eine Kartontafel mit groß geschriebenem NEIN hin. Das er zunächst nicht akzeptieren will. Aktueller hätte das Stück nicht auf die Bühne des Dschungel Wien kommen können – Stichwort Ex-ORF-Boss Roland Weißmann.
Die Frau verschwindet, er wird – aber eher wegen seiner Alkoholisierung – aus der Bar gewiesen und wacht anderntags am Strand auf – mit dem Nein-Taferl. Und hat nun einen Song (Musik: Jakob Rüdisser) auf Lager, dass er’s endlich kapiert und Grenzen respektieren gelernt hat – bei der entsprechenden tänzerischen Performance unterstützt ihn (sein) Geist nun mit entblößtem Gesicht: Ein Nein heißt Nein.
Soll, kann, darf oder gar muss die Donau Bürger*in werden mit eigenen Rechten? Dem war eine Stunde beim Klimagipfel im (ehemaligen) Funkhaus in Wien gewidmet. Zwei Tage lang präsentierten sich dabei im Rahmen der zweiten Klima Biennale verschiedene Initiativen, diskutierten Fachleute, Aktivist:innen, engagierte Menschen, denen verschiedene Facetten und Bereiche von Umwelt- und Klimaschutz besonders am Herzen liegen. Zu den vielen Kooperationspartner:innen zählt auch die Vienna Design Week.
Die Stadtforscherin und -bauerin Katja Schechtner und der Wissenschaftler Alex Putzer (u.a. Ney Yorker Juridische Uni, deutsche Meeresstiftung) stellten die Initiative vor, der Donau eigene Rechtspersönlichkeit zuzuerkennen. Sie wäre nicht der erste Fluss. Berühmtheit erlangte der Machángara, der durch die ecuadorianische Hauptstadt Quito fließt – und jahrelang als Art Müllkippe missbraucht wurde.
Ihm – und davor schon dem Vilcabamba-Fluss (Provinz Loja) und dessen Nebenfluss Alambi – wurde der Status als Rechtssubjekt zuerkannt. Und in dessen Namen wurde die Hauptstadt geklagt, für die Säuberung des Flusses zu sorgen, weil durch den Dreck dessen Rechte verletzt worden waren.
Das basiert auf der vor schon fast 20 Jahren (2008) beschlossenen Verfassung dieses mittelamerikanischen Landes. Drei Artikel (71 bis 73) legen dies fest. Wobei dabei auf das uralte Prinzip der indigenen Bevölkerung zurückgegriffen wird, dass der Mensch nichts Besseres, Höheres oder sonst etwas, sondern „nur“ Teil der Natur ist und mit dieser im Einklang leben (soll).
Mittlerweile gibt es rund 500 Initiativen in 40 Ländern weltweit, die der Natur Rechtssubjektivität zuerkennen, in Europa ist Spanien bisher Vorreiter mit der Anerkennung der Salzlagune Mar Menor, der das Recht auf natürliche Entwicklung, Schutz… zuerkannt wurde, vertreten durch Expert:innen-Gremien. So wie etwa jemand auch die Rechte noch oder wieder unmündiger Menschen vertreten kann.
Am Ende der Präsentation zu der sich im Podium noch die Szenographin und Kuratorin der Buchhandlung Musette, Isabelle Blanc und der Designer und Landwirt Erwin K. Bauer gesellten, konnte die „Deklaration der Rechte der Bürgerin Donau“ unterzeichnet werden.
Faszinierende, magische Bilder erschafft der Zirkuskünstler, Puppenspieler und irgendwie auch Clown – ohne roter Nase – Jesús Velasco Otero von der Gruppe Xampatito Pato mit seinen kleinen und großen Figuren bzw. einzelnen Körperteilen solcher, vor allem Köpfe und Hände.
Ob lebensgroße Puppen aus Stoff, hölzerne Gliederpuppen, die er auf Drehtellern tanzen oder an Seilen klettern lässt. Oder Köpfe, die Jonglierbälle ausspucken, sechs Hände, die er per Füße-Pedale bedient, um mit seinen eigenen Händen und diesen künstlichen Armen hin und her zu jonglieren …
Ob meisterhaft perfekt oder kunstvoll und exakt vorgeblich zu scheitern wie bei einer der beiden lebensgroßen Stoff-Puppen, die er ab einem gewissen Zeitpunkt in sich zusammensinken lässt – um ihre „Bewegungen“ nachzuahmen… das Gastspiel aus Spanien beim internationalen Theaterfestival für junges Publikum spleen*graz begeisterte durch sein handwerkliches Geschick, das staunen lässt. Dazu würzt der Künstler immer wieder auch mit humorvollen Elementen, vor allem Blicken und Gesten oder überraschenden Einlagen – etwa an einer Bilderwand, durch die er seinen Kopf steckt und im Rhythmus der Musik die Münder von Figuren bewegt.
Und dennoch hat sein wortloses Stück „Compaña“ noch eine traurige Komponente: Da werkt einer in höchster Perfektion, um sich so etwas wie Gefährt:innen, Begleiter:innen zu erschaffen, um seine Einsamkeit zu überwinden. Aber gleichzeitig vermittelt er damit wiederum die Faszination, mit Kreativität und viel Übung, andere hochwertig zu unterhalten.
Compliance-Hinweis: Das Festival spleen*graz hat Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … für drei Tage zur Berichterstattung nach Graz eingeladen.
Die Bühne – gehört allen. Auch wenn anfangs die vier Tänzer:innen teils in eigenen markierten Zonen ihre Bewegungen vollführen, so stecken sie damit bald die Besucher:innen an. Die Zuschauenden werden zu (Mit-)Tanzenden. Und so passt auch der Titel des Gastspiels aus Berlin beim internationalen Theaterfestival für junges Publikum spleen*graz voll: „Ich kann’s nicht lassen“.
Doch, keine Angst: Queen Buckhype, Iman Gele, Junior Wave, Solomon „Big Liveness“ Quaynoo nötigen ihr Publikum auch gar nicht, mitzumachen. Wer nicht will, kann auch „nur“ zuschauen, sich auch an den Rand auf einen der Sessel setzen. Vielleicht späte wieder einsteigen.
Und dennoch sind die vier Performer:innen vom Jungen Tanzhaus Berlin nicht bloß Animateur:innen. Was sie, die Krump-Tänzer:innen, drauf haben zeigen sie immer wieder in der einen oder anderen Szene, so sie – immer ganz ohne Worte – sich Platz für wilde Moves verschaffen. Mitunter scheinbar gegeneinander batteln, dann wieder die jungen (ab 6 Jahren) Besucher:innen zu gemeinsamen Tanzschritten und anderen Bewegungen einladen. Aber immer wieder auch sozusagen das Kommando an das eine und andere Kind übertragen, um sich dann – mit allen anderen, den von diesem Kind ausgehenden Tanz- und anderen Bewegungen anzuschließen.
Janne Gregor, die künstlerische Leiterin und Choreografin hat diese rund ¾-stündige Show, die natürlich jedes Mal (ganz) anders verläuft, gemeinsam mit einigen der Tänzer:innen (Co-Kreation: Queen Buckhype, Iman Gele, Junior Wave, Kofie DaVibe) entwickelt. Und lädt am Ende auch alle in einen Sitzkreis am Boden ein, sich über das eben (Mit-)Erlebte auszutauschen. Bei der Performance im Grazer Kristallwerk, die Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… besuchte, fielen von Kindern Sätze wie, sich glücklich gefühlt, aber auch ein bisschen Angst vor dem Mittanzen gehabt zu haben. Manchen war’s in einigen Passagen (Musik: Moritz Thorbecke, BravoDomo) zu laut – dafür lagen Ohrstöpsel bzw. Gehörschutz-Kopfhörer bereit.
„Krump ist ein Tanzstil, der in Los Angeles von Menschen mit afrikanischen Wurzeln entwickelt wurde und sich gegen soziale Ungleichheit und Diskriminierung richtet. Für viele Tänzer*innen ist Krump bis heute Zufluchtsort und Familienersatz. Im Tanz können sie sich zeigen und einander gegenseitig unterstützen. Dieses selbstermächtigende Lebensgefühl überführt Janne Gregor in den Theaterraum und bricht gewohnte Hierarchien auf“, beschreibt die Gruppe, weshalb sie genau mit diesem Tanzstil arbeitet.
Compliance-Hinweis: Das Festival spleen*graz hat Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … für drei Tage zur Berichterstattung nach Graz eingeladen.
Eine Bühne, zwei scharf abgegrenzte Hälften. Rosa die eine, grün die andere. Zwei an antike Säulen erinnernde Sitzgelegenheiten auf denen die Wendy Briggeman und Sue-Ann Bel thronen. Gleich gewandte wie der Hintergrund und die Säule. Krone die eine, Haare zu einer anderen Form einer Krone geknotet die andere. Beide mit Bärten im Gesicht – das wird ganz am Ende noch eine besondere Rolle spielen 😉
Und dann geht’s los. Beide steigen herab von ihren erhabenen, gehobenen Thronen, holen hinter der Wand Bauteile, um die eigene Säule zu erhöhen. Wer hat den höheren Turm?!
Tanz- und Fitness-Battles folgen, ein Kampf mit hölzernen Schwertern – natürlich in den jeweils eigenen Farben -, Rülps und Furz-Competition dürfen nicht fehlen im Wettstreit, wer besser, stärker, lauter, vielleicht auch grindiger sein kann… Doch selbst dabei bleibt es nicht in „BullyBully“, dem Gastspiel der Rotterdamer Gruppe „Maas theater en dans“ (Niederlande) beim nunmehr elften spleen*graz. Das Stück (Konzept, Regie: René Geerlings; Kompositionen: Reinier van Harten, Sergio Escoda; Kostüme: Daphne Karstens mit Assistenz von Alice Sprascio und Karmijn Lange) bringt aus spielerischem Wettstreit entstehendes mögliches Mobbing (Bullying) schon für ein sehr junges Publikum – ab 3 Jahren. Und spielte dementsprechend im sogenannten Knopftheater des Grazer Kindermuseums Frida & freD.
Wie geschrieben, es bleibt nicht beim Wettstreit, sondern wird fortgesetzt mit gegenseitiger Zerstörung der burgartigen Aufbauten auf den Säulen. Samt Kränkungen, Ärger und Zorn. Somit demaskiert das wortlose Schauspiel mit Tanzeinlagen der beiden Machtgelüste und Herr-schafts-anwandlungen in Szenen, die Kindern oft nur allzu bekannt sein dürften.
Auch klar, damit kann’s nicht enden, Versöhnung findet statt – vielleicht ein wenig zu abrupt. Dem Weg zum Frieden hätte der eine oder andere Zwischenschritt nicht geschadet.
Dafür gibt die Gruppe den Kindern am Ende eine kleine Überraschung mit auf den Heimweg: Einen Schnurrbart zum Aufkleben – mit der Botschaft: Wenn ihr euch den unter die Nase pickt, hören euch die Leute ganz bestimmt zu – frühe Sensibilisierung für noch immer vorhandene Geschlechter-Stereotypen.
Compliance-Hinweis: Das Festival spleen*graz hat Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … für drei Tage zur Berichterstattung nach Graz eingeladen.
„Kleines Sabotagehandbuch“ – schon der Titel enthält jenes Augenzwinkern, das sich dann wirklich durch die rund 1¼-stündige Aufführung im TaO, dem Theater am Grazer Ortweinplatz zieht. Fünf junge Schauspieler:innen agieren mit fünf menschengroßen Stoffpuppen. Die natürlich unter anderem kein Rückgrat haben! Stilisiert in einer Art Anzug und Krawatte (Bühne, Ausstattung: Laura Kerschbaumsteiner) sind sie die „Masse“, Stützen des herr-schenden Systems.
Mit viel Spielwitz agieren Eva Eklaude, Miriam Fuchs-Weikl, Emily Kreuzer, Felix Ostanek, Julia Pauritsch in Szenen in Schule, Familie, im Gasthaus (Regie: Simon Windisch, gemeinsam mit den Spieler:innen entwickeltes Stück). Die einen schlüpfen jeweils in die Rollen der angepassten, systemkonformen, während – wechselnd – andere mit Greifzangen an mehr oder minder langen Stangen mit kleinen Ein-Griffen für Irritation sorgen wollen.
Die „kleinen Sabotagen“ nach dem fiktiven titelgebenden „Handbuch“ – ein taO!-graz-Stück, das auch beim Festival spleen*graz zu erleben war, sollen nicht nur die im jeweiligen Umfeld handelnden Figuren stören, sondern damit die Uniformierung, die Konformität, Kartenhäuser zum Einsturz, das System aus dem Gleichgewicht bringen. Um damit den Beginn einer Rebellion anzuzetteln, zumindest Fassaden zum Einsturz zu bringen, aus Gleichförmigkeiten auszubrechen. Oder zumindest zum Nachdenken über Mitläufertum, Machtverhältnisse, Gerechtigkeit … nachzudenken.
Compliance-Hinweis: Das Festival spleen*graz hat Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … für drei Tage zur Berichterstattung nach Graz eingeladen.
Rote, schwarze, weiße Dreiecke, Linien, Streifen, ein roter großer Kreis mit schwarzen konzentrischen Kreislinien, an den Rändern schwarz-weiße breite, flache Pölsterschlangen. Dieser so ansatzweise beschriebene Spielboden ist aus Stoff nicht nur in sehr geometrischen Formen, sondern auch unterschiedlichen Materialien – glatt, rau, stark strukturiert, spürbar. Denn die Performance richtet sich nicht nur an sehr junge Kinder, sondern auch an solche mit Sehschwächen bis hin zu blinden.
Die beiden Tänzerinnen – zu Musik wie sie an Spieldosen erinnert (Musik: Valerio Camporini Faggioni) – sind in den gleichen Farben gekleidet und auch mit ertastbaren Stoffen und Bommeln an Schnüren, die sie mitunter aus dem Gewand rausziehen (Bühnenbild, Kostüme: Medilė Šiaulytytė).
Anfangs bewegen sich Giedrė Subotinaitė, Agnė Ramanauskaitė seeehr sachte und wenig. Später immer stärker, auch Maß nehmend an exakten Formen, Arme und Beine bilden rechte Winkel, von einem Bein aufs andere balancierend, bleiben die Beine voll gestreckt wie die Schenkel eines Zirkels. Wobei die beiden keine vorgegebene Choreo abspulen, sondern immer sehr genau auf die – insbesondere ganz jungen – Kinder im Publikum achten. Den Blickkontakt suchen, sie wortlos aber über Blicke und Bewegungen nach und nach auf die Bühne einladen. Was bei jener Vorstellung, die KiJuKU.at im KNOPFtheater des Grazer Kindermuseums FRida & freD besuchte, so manche fast von Anfang an, andere zögerlicher annahmen.
„Unsichtbare Welt“ ist die nur unzureichende deutsche Übersetzung für die von Birutė Banevičiūtė in Litauen gemeinsam mit den beiden Tänzerinnen entwickelte Performance „World without eyes“ (Welt ohne Augen).
Damit gastieren die Künstlerinnen des Dansema Dance Theater erstmals in Österreich und da bei spleen*graz, dem Internationalen Theaterfestival für junges Publikum in der steirischen Landeshauptstadt. Das geht derzeit zum elften Mal (alle zwei Jahre) über viele Bühnen und auch außerhalb von Theatern spielt sich so manches ab (mehr in der Info-Box am Ende des Beitrages).
Bisher spielte die Gruppe ihre rund ¾-stündige Performance, bei der die Tänzerinnen die möglichst jungen Kinder beobachtend, animierend mit auf die Bühne einladen, in 15 verschiedenen Ländern – bis Brasilien und in die Türkei. In Istanbul performten sie sowohl im europäischen als auch im asiatischen Teil, so die Erfinderin und Choreografin Birutė Banevičiūtė zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…
„Entstanden ist diese Show in der Pandemie, da hatten wir viel Zeit zur Recherche. Die starken Kontraste weiß und schwarz haben wir gewählt, weil die auch Kinder mit Sehbeeinträchtigung gut wahrnehmen können und das Rot als leuchtende Farbe auch. Und die geometrischen Formen sind auch Grundformen der Bewegung, wie sie der Tänzer, Choreograf und Bewegungsforscher Rudolf Laban (1879-1958) als Fundament für zeitgenössischen Tanz entdeckt und formuliert hat – Tanzschritte und Drehungen entsprechen den Dreiecken, Linien und Kreisen.
Compliance-Hinweis: Das Festival spleen*graz hat Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … für drei Tage zur Berichterstattung nach Graz eingeladen.
Was für junge Mutmacher:innen! Welche Reden! Sprachmelodien, mal sanft, dann wieder laut. Wie auch immer, jedenfalls stark. Und das nicht nur von Sprachwitz, sondern mehr noch von den Inhalten. Bewegend, berührend. Und obendrein in neun Sprachen – acht und dazu jeweils Deutsch. Dies ist – nunmehr im 17. Jahr – das Konzept des mehrsprachigen Redebewerbs „Sag’s Multi!“, den der ORF seit 2020 hostet.
Über alle zehn Reden werden im Laufe der nächsten Tage hier auf Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… jeweils eigene Beiträge erscheinen. Weiter unten werden sie aber selbstverständlich auch hier kurz vorgestellt – mit Namen, Titel ihrer Rede und den Sprachen, die sie verwendeten bzw. verwenden durften – denn praktisch alle hätten nicht nur in einer anderen Sprache neben Deutsch antreten können, sondern gut und gern in drei, vier, fünf und noch mehr.
So griff Oleksandra Bratko (aus dem Ingeborg-Bachmann-Gymnasium in der Kärntner Landeshauptstadt Klagenfurt) in ihrer Rede zu Italienisch und Deutsch. Seit vier Jahren lebt sie mit ihrer Mutter in Österreich – aus der Ukraine geflüchtet, wo sie mit Ukrainisch und Russisch aufwuchs und Englisch ihre dritte Sprache war. „Im Italienischen fühle ich mich wohler als im Ukrainischen. Hier hab ich meine Sprachen verdoppelt!“, sagt sie am Ende zu KiJuKU.at – Spanisch lernt sie in der Schule auch noch.
38 verschiedene Sprachen brachten Jugendliche in diesem Schuljahr in den Bewerb ein, seit Start müssen es gut und gern an die 100 (gewesen) sein, mehr wird eine wissenschaftliche Begleitung der Uni Wien ergeben. Aber eine neu war heuer – sogar im Finale zu hören (es gab übrigens auch schon Jahre mit österreichischer Gebärdensprache und andere mit Esperanto), noch dazu eine über die kürzlich erst heftig diskutiert wurde: Latein. Florian Gutmann (aus dem Südtiroler Sozialwissenschaftliches, Sprachen- und Kunstgymnasium Meran Meran) thematisierte diese Sprache selbst in Abwägung zu KI (Künstlicher Intelligenz).
Unbedingt muss hier aber noch ein besonderer rhetorischer Kniff gespoilert werden: Kamal Multani (BRG Steyr Michaelerplatz, OÖ), dessen Deutsch immer wieder eine oberösterreichische Färbung durchklingen ließ, switchte permanent, mitunter sogar in Wörtern selbst zwischen eben dieser und seiner Erstsprache Punjabi.
Der ORF hat Sag’s Multi heuer neu aufgestellt, stärker auf Wettbewerb fokussiert. Und so ging die Abschluss-Veranstaltung – wie immer außer in den Corona-Jahren im großen Festsaal des Wiener Rathauses – als finale Competition über die Bühne. Die Gewinner:innen der älteren Kategorie (9. bis 13. Schulstufe) aller neun österreichischen Bundesländer und dazu noch aus Südtirol hielten neue Reden – und ließen spüren, sprachen es mitunter auch an, sie selber fühlen sich nicht als Konkurrent:innen, sondern als neue Freund:innen.
Dennoch musste eine fünfköpfige Live-Jury die Plätze 1 bis 3 vergeben – und hatte eine echte Qual der Wahl. „Wir hätten auch würfeln können, ihr wart alle so gut!“, meinte der Vorsitzende der Jury, der bekannte Jugendbotschafter und Unternehmer Ali Mahlodji.
Gewonnen haben aber auch sie als Juror:innen, bereichert durch die zehn Reden, so Jurorin Amra Deisenhammer, Konzeptkünstlerin und Unternehmerin. Sie und ihre Kolleg:innen, die nach jeder Rede auch kurzes, spontanes Feedback gaben, gestanden mehrmals, zu Tränen gerührt zu sein – und das war keinesfalls eine Floskel. Sie seien mit Wasser und Kaffee, aber nicht mit Taschentüchern versorgt worden, meinte einer dieses Quintetts.
Yazan Fran (Wien)
„Die Wahrheit über Erfolg“
Bewerbssprachen: Arabisch (Erstsprache) und Deutsch
19 Jahre; HAK BFI Wien
Oleksandra Bratko (Kärnten)
„Ein Rucksack zwischen zwei Welten“
Bewerbssprachen: Italienisch und Deutsch
17 Jahre; BG/BRG Ingeborg Bachmann
Kamal Multani (Oberösterreich)
„Ich habe gelächelt, damit niemand merkt, dass ich kämpfe.“
Bewerbssprachen: Punjabi (Erstsprache) und Deutsch
17 Jahre; BRG Steyr Michaelerplatz
Isabella Bustamante García (Salzburg)
„Das WIR von morgen beginnt heute“
Bewerbssprachen: Spanisch (Erstsprache) und Deutsch
17 Jahre; BORG Mittersill
Florian Gutmann (Südtirol)
„ChatGPT mein bester Freund?“
Bewerbssprachen: Latein und Deutsch
18 Jahre; Sozialwissenschaftliches, Sprachen- und Kunstgymnasium Meran
Gabriella Cseke (Burgenland)
„Was steckt hinter dem Gefühl, verstanden zu werden.“
Bewerbssprachen: Ungarisch (Erstsprache) und Deutsch
18 Jahre; Zweisprachiges BG Oberwart
Laura Ischepp (Vorarlberg)
„Sie machen nichts und schaden doch?“
Bewerbssprachen: Englisch und Deutsch
15 Jahre; Collegium Bernardi Mehrerau
Khalaf Dli (Niederösterreich)
„Ich bin nicht das Problem, die Vorurteile sind es“
Bewerbssprachen: Arabisch und Deutsch
17 Jahre; BHAK Korneuburg
Anastasija Regojević (Steiermark)
„Mehrsprachigkeit ist der Weg zum Erfolg“
Bewerbssprachen: Serbisch (Erstsprache) und Deutsch
16 Jahre; BRG Leibnitz
Noufa Al Arab (Tirol)
„Hinter jeder Zahl ein Leben.“
Bewerbssprachen: Englisch und Deutsch
18 Jahre; Abendschule HAK / HASch Wörgl
Amra Deisenhammer: Bühnenbildnerin, Konzeptkünstlerin, Geschäftsführerin eines Kosmetikunternehmens
Ani Gülgün-Mayr: Jugend-Sozialarbeiterin u.a. mit Jugendlichen mit Migrationsgeschichte im Kulturverein Echo, seit viiiielen Jahren ORF-Redakteurin und Moderatorin (Kultur heute auf ORF III)
Ali Mahlodji: Unternehmer, Gründer von whatchado, EU-Jugendbotschafter, Keynotespeaker
Hebah Nigm: Sprachencoach und Content Creatorin
Armin Wolf: ZiB 2-Moderator
Wird fortgesetzt mit Beiträgen über die Reden der zehn Finalist:innen – und die Platzierungen 1 bis 3.
Wohnung, Großstadt, eine Bar, Picknick am Stadtrand – was auch immer als Bühnenbild gebraucht wird, läuft im Comic-Stil animiert (Viktoria Strehn) als Projektion an der Rückwand der Bühne. Die Titelheldin trägt eine gelbe Papierschnipsel-comicartige Perücke – was die Brücke zum rund einstündigen Geschehen bildet. Wirkt aber ansonsten alles andere als comic-artig, quicklebendig als Mensch – bzw. Menschen. Denn es gibt die junge Frau gleich dreifach.
Die (sehr) jungen Darstellerinnen Valentina Selimi, Laura Wimmer und Amelie Wolf – allesamt über öffentliche Castings engagiert – schlüpfen in die Rolle dieser „Agathe Bauer“. So heißen Figur und Stück. Dieses Konzerttheater wurde von Julia Meinx und Flo Staffelmayr (Theater Ansicht) geschrieben, komponiert und inszeniert.
Ihre Gedanken und Gefühle, die sie dem Publikum mitteilt, – aufgeteilt immer wieder wechselnd, wer gerade Wort führt -, vertraut Agathe Power dramaturgisch zunächst nur ihrem Tagebuch an. Denn sie fühlt sich – nach außen hin – sprachlos.
In (fast) jeder Situation – ob in privater Anmache oder bei politischer Hetz-Propaganda – weiß sie zumeist, was sie sagen wollen würde. Aber so sehr sie’s auch will, es kommt dann kaum bis nix aus dem Mund heraus. Auf der Bühne klarerweise schon, es ist sozusagen ein Audio-Tagebuch, oft reitend auf einer Welle von Musik.
Natürlich kann’s dabei nicht bleiben. Immer stärker wird der Drang der Titelheldin, nicht nur ihr „Schweigen zu erbrechen“, sondern „zu leben, jeden Tag die Stimme zu erheben. Es ist an der Zeit, dass ihr meine Stimme hört – ich singe für eine bessere Welt!“ Nun kann sie sozusagen den Spruch hinausrufen, der hinter dem „Schmäh“ Agathe Bauer steckt, der seit Jahrzehnten kursiert: Die schlecht ausgesprochene Version des englischen „I’ve got the Power!“ (Ich habe die Kraft).
Nach der Premiere in Wien-Floridsdorf in der Volkshochschule Großfeldsiedlung (1966 -1973 errichtet, 21.000 Einwohner:innen) tourt die Performance mit Junge Theater Wien in die anderen vier Bezirke dieses dezentralen Spielbetriebs (Simmering, Donaustadt, Liesing und Favoriten – Termine und Orte in der Info-Box am Ende des Beitrages.
Übrigens: Kraft zu sagen, was Jugendliche bewegt – das stellten mehr als eindrucksvoll am Tag nach der „Agathe-Bauer“-Premiere die zehn Finalist:innen des mehrsprachigen Redebewerbs (aus allen neun Bundesländern plus Italiens zweisprachigem Südtirol) im großen Festsaal des Wiener Rathauses unter Beweis. Inhaltsstarke, berührende, mitreißende oder bewegende eigene Reden in jeweils einer anderen (mitgebrachten oder erlernten) Sprache und Deutsch immer wieder mit Gänsehaut-Feeling und Tränen in den Augen von Zuhörerer:innen, nicht zuletzt der prominenten Jury. Dazu folgen hier auf KiJuKu.at demnächst mehrere Beiträge.
Voll cool, krass findet Sarah eine in Online-Videos entdeckte für sie neue Sportart: Hobby Horsing. „Peinlich“ ist hingegen der Kommentar ihrer besten Freundin Dilek (Chiara Kitsopoulou). Die will lieber bei den Urban Dance Girls „New Pearls“ (nach der Münchner Plattenbausiedlung Neu-Perlach) mitmachen. Aber der Freundin zuliebe dreht sie mit der eines ihrer Videos mit solchen selber genähten und ausgestopften „Steckenpferden“.
Dabei werden sie von Jungs aus der Schule gesehen, gefilmt – und zur Lachnummer. Die Freundschaft zerbricht – vorerst. So der anfängliche Plott des nun in den Kinos startenden Films „Pferd am Stiel – ein Hobby-Horsing-Abenteuer“. Sarah (Manon Debaille) hat Feuer gefangen, lässt sich auch durch das Mobbing aller anderen und die Abkehr der Freundin nicht von ihrem Vorhaben abbringen, packt ihre Sachen und reißt aus – nach Finnland zu einem internationalen Bewerb. Mit ihr auf den Weg macht sich Beatrice (Aurelia Ott), die ansonsten auf lebendigen Pferden ihrer Eltern reitet – aber einen guten Grund sieht, auch abzuhauen.
Mit etlichen Hindernissen, bei der sie auch einem schrägen Heavy-Metal-Luftgitarristen begegnen, landen sie beim Bewerb. Haben dazwischen wieder etliche Videos online gestellt. Zu Hause in München organisieren Dilek Şahin und Sarahs Bruder Justin Maier (Arton Malaj) im Döner-Laden der Şahins ein Public Viewing des Bewerbs aus Finnland ein. Selbst jene Jungs und die Tänzerinnen, die das Hobby Horsing dabei noch immer urpeinlich finden, beginnen mit ihrer Mitschülerin mitzufiebern.
Fast hätte sie eine Medaille gemacht, wütend darüber, nicht über alle Hindernisse drüber gesprungen zu sein, schleudert sie ihr Steckenpferd Lucky zu Boden – und wird wegen Tierquälerei disqualifiziert.
Übrigens sind in der Zwischenzeit die beiden Mütter – Nagelstudiobetreiberin in der Plattenbausiedlung, Jenny Maier (Lana Cooper) und die reiche Pferdestallbesitzerin Katharina (Valerie Neuenfels) den Töchtern hinterher gereist…
Und natürlich söhnen sich Sarah und Dilek aus – mit einem überraschenden Ende.
„Toleranz, Akzeptanz von Anderssein, Spaß an verrückten Dingen und ein hoher Gemeinsinn, das sind die Eigenschaften, die Sarah in Finnland auf der Hobby-Horse-Meisterschaft kennenlernt und am Ende auch ein Stück weit mit zurück nach Deutschland bringt“, wird Regisseurin Sonja Maria Kröner (Drehbuch: Gerlind Becker) in den Unterlagen für Medienleute zitiert.
Und so schräg das neue, an sich ja uralte Hobby, sein mag – genau dieses zu etwas stehen, auch wenn die anderen das blöd finden, es durchzuziehen und nicht aufzugeben, macht Mut – und das auf unaufdringliche, charmante Weise. Und überzeugt auch die anfänglichen Skeptiker:innen.
Interessant abseits des Films ist die Wiedergeburt des „Steckenpferdes“. Bevor er vom englischen Hobby abgelöst wurde, war jahrzehntelang im Deutschen der Begriff „Steckenpferd“ (nichts anderes als die Übersetzung der von hobby horse abgeleiteten Bezeichnung) für jede beliebige Freizeitbeschäftigung gebräuchlich. Das echte Steckenpferd war ein flacher hölzerner Pferdekopf mit zwei Holzgriffen und relativ langem Stecken, den du dir zwischen die Beine schiebst und so hoppelnd Fantasie-Ritte vollführst. Und seit rund zehn Jahren wurde der neue Hype in Finnland geboren. Schon 2017 drehte von Selma Vilhunen den Film „Hobbyhorse Revolution“.
Dort fanden auch die ersten sportlichen Bewerbe statt, heuer steigt im Juni aber in Prag die erste Hobby Horsing Europameisterschaft. In Deutschland fand die erste Meisterschaft 2024 statt, aus Österreich ließ sich im Internet (noch) kein Bewerb finden, Vereine gibt es in Wien, Graz, Linz und Kufstein (Tirol).
Nach ihrem Druchbrennen in Band eins, tauchen drei Wasserschweine mit Zwischenspiel, wo sie’s wissen wollen (Band 2), demnächst ab. Den dritten Band der spannenden, abwechslungsreichen, ungewöhnlichen Geschichten gibt es noch gar nicht – gedruckt. Aber der Autor Matthäus Bär eröffnete mit der Lesung aus den Manuskript-Seiten das diesjährige kinder literatur festival im Wiener Theater Odeon.
Hunderte Kinder und ihre begleitenden Pädagog:innen waren somit die allerersten außer den Verlagsleuten, die erfuhren, dass Raul, Emmy und Tristan bei ihrem neuen Abenteuer zunächst „nur“ Faultier Frida helfen wollen, ihr Kind Francis zu suchen. Und schon landen sie per Baumstamm auf einem LKW in der Großstadt, in deren Fluss, auf einer Insel… Freunden sich mit einem Wienerisch sprechenden Biber an, helfen dem … – nein, hier soll so viel noch nicht gespoilert werden. Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… wird das Buch nach Erscheinen lesen und besprechen.
Was schon noch verraten werden darf, ja soll: Erstens kündigte der Autor für den Herbst nicht einen vierten Band, aber ein Bilderbuch über das Trio an, das dort zum ersten Mal Schnee erleben wird.
Außerdem sang und spielte Matthäus Bär (Künstlername) mit seiner 14-jährigen Tochter Zita, die eine Kunstschule besucht, vor und während der Lesung und Erzählung mehrere Songs, u.a. der australischen Band Royel Otis, aber vor allem erlebte ein eigener Wasserschweine-Song seine öffentliche Uraufführung: „Wir sind frei und wild und faul!“
Der Autor war vor seinen erfolgreichen Kinderbüchern (Preis der Jury der jungen Leser:innen und Österreichischer Kinder- und Jugendbuchpreis), als Kinderlieder-Singersongwriter bekannt, textete und komponierte frech-witzige Songs.
Im Gespräch mit den vielen jungen Leserinnen und Lesern wussten erstens viele, dass diese Tiere keine Schweine, sondern Nager sind, und zwar die größten; und fast überall anders auf der Welt Capybara heißen. Einige wollten, fast natürlich, wissen, wie er auf die Idee gekommen sein, gerade diese Tiere zu seinen Held:innen zu machen. Als seine Kinder klein waren, sei die Familie oft im Zoo Schönbrunn gewesen, nicht zuletzt auf dem Spielplatz und gegenüber davon ist das Gehege in dem auch die Wasserschweine – mit anderen Tieren – leben. „Meistens haben die geschlafen. Und dann hab ich mir ausgedacht, was die so in der Nacht machen könnten.“
Außerdem schätze er den Capybaras, dass sie sehr faul sind, nur fressen, schlafen und schwimmen, für fast alle anderen Tiere die besten Freunde sind. Die Welt wäre vielleicht eine bessere, so der Autor, wenn Menschen sich diese Gelassenheit von den Wasserschweinen abschauen würden. Den Kindern riet er, bei Stress von den Capybaras zu lernen: Einmal durchschnaufen, dann relaxen…
Das am Mittwoch eröffnete kinder literatur festival, organisierte vom institut für Jugendliteratur und der KidLit medien GmBH, finanziert vor allem von der Stadt Wien, läuft noch bis kommenden Dienstag (21. April) im Theater Odeon in der Wiener Taborstraße. Lesungen, Workshops, Bilderbuchkino und mehr, insgesamt mehr als vier Dutzend Veranstaltungen, stehen auf dem Programm – bei freiem Eintritt. Und natürlich warten viele – mehr als 1000 – Bücher darauf, dass vor allem Kinder reinschmökern, lesen, oder vorgelesen bekommen.
Seit heuer hat das Festival auch – unfreiwillig – ein Doppelmaskottchen: Ein Känguru mit Kind im Beutel. „Das hat ein Kind im Vorjahr vergessen, wir haben überall nachgefragt und verbreitet, dass es bei uns ist, aber niemand hat sich gemeldet“, erzählen die Veranstalter:innen KiJuKU.at „und wir haben sie Ilse und Emil genannt.
Worauf der Journalist, ein wenig klugscheißernd, darauf hinwies, dass übrigens wenige Geheminuten vom Odeon entfernt, auf der Schwedenbrücke ein Gedicht von Ilse Aichinger in Metallbuchstaben am Geländer hängt mit heftigem historischen Bezug – an Mord-Transporte der Nazis – mehr dazu in einem Link weiter unten.
„Laut, wo ihr schweigt!“, „Laut, wo ihr schweigt!“ … mit diesem SprechChor „störten“ sechs Mitglieder des Jugendbeirats von Unicef (Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen) den Auftakt zu einer Podiumsdiskussion am zweiten Tag des „Klimagipfels“. Der fand im Rahmen der aktuell – bis 10. Mai – laufenden zweiten Klima Biennale im Funkhaus, einst ORF-Wien-Arbeits- und Sendestätte statt. Nur wenige Gehminuten entfernt vom Karlsplatz, einem der öffentlichen Hotspots des Festivals das sich vor allem künstlerisch mit Klimawandel, -krise, – katastrophe … auseinandersetzt.
Aley Jad Assi, Jasmin Ghashami, Michael Grieser, Simon Friedl, Florian Huber und Sarah Wittmann vertraten bei dieser Veranstaltung den 12-köpfigen Jugendbeirat und organisierten nicht nur diesen aktionistischen Auftakt, sondern moderierten auch abwechslungsreich das Panel „Wie kann eine sinnvolle und gesunde Rolle für junge Menschen im Klimaschutz aussehen?“
Sie selber mussten sich dabei aber auf Fragen an die eingeladenen Gäst:innen beschränken: Luisa Neubauer (bekannte Klimaaktivistin aus Deutschland), die (ober-)österreichische Fridays for Future Aktivistin Lea Moser, Jakob Wiesbauer-Lenz (Sachbearbeiter aus dem Klimaministerium), Anna-Sophie Prosquill (Exxpress-Redakteurin), Isolde Gottwald (Wissenschaftlerin an der Uni Wien) und den WU-Studenten Marco Bruno – die meisten jung, aber doch nicht mehr jugendlich.
Und dann kam doch noch eine recht junge Stimme – kürzest zu Wort. Der handschriftliche Brief einer 13-jährigen Maria wurde auszugsweise verlesen; hier dürfen wir ihn komplett veröffentlichen – als Foto und als abgetippten Text:
Lieber Jugendbeirat,
Meine persönliche Meinung zur Klimakrise ist, dass wir unbedingt etwas ändern müssen. Es ist traurig, unsere Welt so leiden zu sehen. Die Klimakrise ist generell ein Thema, das meine Generation direkt betrifft. Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr diese Wünsche respektiert und vielleicht umsetzt.
Es ist Zeit, dass wir jeden Menschen anhören und nach seiner Meinung fragen. So können wir unsere Zukunft absichern.“
Unter ihren Vornamen und ihr Alter setzte die Briefschreiberin noch die koreanischen Schriftzeichen für Dankeschön (gamsahaeyo).
Apropos Aktivismus: Aus dem Publikum wurden noch zwei Aktionen angekündigt – der nächste (internationale) Aktionstag von Fridays For Future am 24. April 2026, 10 bis 12 Uhr, zwischen den beiden großen (Natur- und Kunsthistorischen Museen neben dem Maria-Theresia-Denkmal in Wien unter dem Motto „Geld für die Zukunft statt fossile Steuergeschenke“.
Und am Tag davor (23. April 2026, aber noch mit ungewisser Uhrzeit und ebenso offenem Ort) ausgehend von St. Marx für Alle, aber gemeinsam mit anderen lokalen Initiativen. Gegen die Räumung der Initiative in St. Marx wie sie just am Tag der Klima-Biennale-Eröffnung einige Stunden davor eben in St. Marx passiert ist. Und damit gegen weitere Versiegelung und mehr Klimaschutz.
fridaysforfuture.at –> Aktionstag 24. April 26
Eine flauschige gelbe Decke mit schwarzen Punkten (Ausstattung: Lena Winkler-Hermaden) hängt in der Mitte der Bühne, die beiden Performerinnen – Anna und Frida Spitzbart (Mutter und Tochter) begrüßen das Publikum, das sie später auch immer wieder einbeziehen werden zu dem rund ¾-stündigen Spiel „Was zählt, bist du“. Während der Begrüßung bauen sie noch das Herrichten der Bühne ein, Frida schaut sich im Fundus des Spielorts – diesmal des Dschungel Wien – um und holt hinter dem Vorhang so allerhand hervor. Zuletzt den Musiker mit Gitarre, Alexander Lainer – ihren Papa.
Die Familie zieht das Publikum mit in die Geschichte des Bilderbuchs rund um Zählen, einen Gepard als Sinnbild für Gefährlichkeit. Und geht so das Thema Ängste an – vor Gefahren, aber auch vor Unbekanntem, Fremdem. Da Frida, wie sie bekennt, noch nicht lesen kann, greift sie beim „Vorlesen“ zu einer Fantasiesprache, die sie sich jeweils spontan einfallen lässt. „Paleleo“ ist aber immer gleich, verrät sie KiJuKU.at und das steht für den Gepard.
Und so wie du in das Bilderbuch von Magda Hassan (Text) und Raffaela Schöbitz (Illustrationen) versinken kannst, nach und nach der Raubkatze nahe und näher kommst – übers Zählen seiner Punkte unter anderem, so taucht das Publikum ins verspielte (Schau-)Spiel der beiden ein; unterstützt von der Musik – auf Gitarre, Kalimba, Xylophon und Zug-flöte.
Immer wieder bietet das Stück auch Kindern an, ihre Sitzplätze zu verlassen, um auf der Bühne mitzuspielen, sozusagen selber dem Gepard, der im Stück weniger für Ängste steht als im Buch, näher zu kommen.
In einer anderen Szene, in der zwischen Spielenden und Zuschauenden wieder getrennt wird, kommt es dafür zu einem gemeinsamen Lied, dessen Text vor Beginn verteilt wird. Besungen wird, dass jede und jeder irgendwas gut kann:
„Manche können Lieder singen,
manche über Hecken springen,
manche können ganz viel essen,
manche Zitronen pressen,
manche können sich allein abwischen,
manche tun lieber Farben mischen…“
Mehrerer solcher Strophen münden stets in den Refrain:
„Was zählt, bist du… (3 Mal)
und ein Schokoladeneis“
Am Ende wird die Bühne komplett für die jungen Theaterbesucher:innen geöffnet – mit der Möglichkeit, sich selber aus einer Vorlage (die es auch im Buch gibt) eine Gepardenmaske zu basteln.
Und so „nebenbei“ vermittelt vor allem Frida so manches echte Wissen über diese Tiere, die zum Beispiel nicht wie andere Raubkatzen brüllt. Die Jungtiere miauen jedenfalls. Aber auch ausgewachsen bedienen sie sich vieler anderer Geräusche (neben Miauen noch Bellen, Fauchen, Knurren, Meckern, Schnurren, Miauen, Zwitschern und Zischen). Angerissen, aber nie aufgelöst, wird die Frage nach der Zahl der Punkte oder Flecken.
Hier wird das – nach Internet-Recherche (vor allem Kindernetz, Klexikon und Petbook – Links in der Infobox am Ende)– nachgeliefert: Ungefähr 2000 bis 3000 Punkte / Flecken haben erwachsene Gepard:innen. Die schwarzen Stellen auf gelblichem Fell helfen bei der Tarnung „und gaben ihnen (den Tieren, Anmerkung der Redaktion) ihren englischen Namen Cheetah. Dies stammt vom indischen Hindi-Wort Chita ab und bedeutet gefleckt“. (Petbook)
Übrigens lebt diese kleinste Raubkatze nur noch auf ungefähr einem Zehntel ihres ursprünglichen Lebensraums und gilt auf der Roten Liste der IUCN (International Union for Conservation of Nature) als gefährdet.
„Teurer kann man nicht sparen!“, brachte Klaus Schwertner, Wiener Caritas-Direktor, einige Kürzungen im Bereich von Menschen mit Behinderungen drastisch auf den Punkt. Seine Organisation sowie die Lebenshilfe hatten Montagvormittag zu einem Mediengespräch angesichts drohender Einsparungen in Sachen Inklusion beim kommenden Doppelbudget eingeladen; Motto auf einem Transparenz festgehalten: Dieses Budget ist nicht barrierefrei“. Zwischen ihm und Lebenshilfe-Generalsekretär Philippe Narval berichteten zwei Selbstvertreter:innen aus der Praxis: Selin Sahinci aus Niederösterreich und Thomas Baumgartner aus Osttirol.
Von Selin Sahinci stammt das Zitat in der Überschrift dieses Beitrages. Die 21-Jährige will unbedingt eigen- und selbstständig für ihr Leben sorgen und sucht dringend nach einem Praktikumsplatz, um berufliche Arbeitserfahrung zu sammeln. Ihr „Manko“, als Absolventin einer Sonderschule, ist sie oft „abgestempelt“, bevor überhaupt ihre Bewerbungen wirklich geprüft werden. „Laut Untersuchungen des Instituts für Höhere Studien (IHS) gelingt nur sechs Prozent der Jugendlichen, die eine Sonderschule absolviert haben, der direkte Einstieg in den Arbeitsmarkt. Die Antwort darauf kann nicht der Bau neuer Sonderschulen sein, wie ihn Oberösterreich plant“, untermauert Philippe Narval diese Erfahrung mit wissenschaftlichen Erkenntnissen.
„Trotz meiner Behinderung kann ich reden und bin freundlich“, schildert Sahinci, die von ihren Caritas-Mitklient:innen in Rannersdorf (bei Schwechat) zur Interessenvertreterin gewählt wurde, „weil ich Anregungen, Beschwerden und Wünsche von uns gut vorbringen und auch gut diskutieren kann“, wie sie Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… berichtet.
„Eine Firma, die Menschen wie mich beschäftigt, kann auch Geld durch Förderungen bekommen und an Ansehen gewinnen!“, ergänzt sie ihre Anliegen auf dem Podium des Mediengesprächs. Derzeit zittere sie, weil ihr in der Vorwoche von einem Möbelhaus versprochen wurde, sie wegen ihrer Bewerbung im Laufe dieser Woche anzurufen.
Thomas Baumgartner (59) malt – „seit 20 oder 30 Jahren. Zuerst hab ich in Werkstätten gearbeitet, dann durften wir das tun, was jeder gerne möchte, die einen tischlern, die anderen malen. Jetzt hab ich schon lange ein eigenes Atelier in Lienz (Kunstwerkstatt der Lebenshilfe) und male jeden Tag. Oft suche in nach Vorlagen im Internet. Ich hab auch schon viele Ausstellungen gehabt, die größte war bei der Documenta in Kassel (1997), aber auch in Wien und Amsterdam“, vertrauter KiJuKU.at an.
„Ich brauche schon auch Assistenz – vor allem beim Kontakt zu anderen Künstlern und beim Verkauf von Bildern“, meint er auf dem Podium. „Aber andere brauchen auch viel mehr Assistenz bei der Pflege. Wir Menschen mit Behinderung haben genauso Bedürfnisse zu wohnen und zu arbeiten wie andere auch!“, verweist er auf das Natürlichste der Welt. Das übrigens schon lange auch kein Gnadenakt mehr ist, sondern aufgrund der Behindertenkonvention (von der UNO vor 20 Jahren beschlossen, 2008 auch in Österreich in Kraft getreten) ein Recht.
Zurückkommend auf das Zitat vom Beginn des Beitrages „teurer kann man nicht sparen“: Das bezieht sich auf den Ausgleichstaxfonds (ATF) – das zentrale Finanzierungsinstrument zur beruflichen Inklusion.
Klaus Schwertner: „Die gute Nachricht lautet: Der ATF hat sich als sehr wirksames Instrument zur beruflichen Inklusion bewährt. Er finanziert u.a. 210 Projekte in ganz Österreich, in denen jährlich 110.000 Menschen erfolgreich auf ihrem Weg in Ausbildung und Arbeit unterstützt werden.
Die schlechte Nachricht: Die Bundesregierung hat für ihre Budgetzuschüsse zum ATF zwar zusätzliche Mittel in Aussicht gestellt. Diese sollen aber laut aktuellem Budgetpfad drastisch abnehmen. Die Folgen sind sozial und auch ökonomisch fatal – weil die Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderungen ebenso steigen wird wie die damit verbundenen Folgekosten.“ Konkret drohen Kürzungen von 65 Millionen Euro in diesem Jahr auf nur mehr 15 Millionen im Jahr 2029, also auf weniger als ein Viertel.
„Gleichzeitig steigt der Bedarf. Die Bundesregierung sollte diese Kürzungen dringend zurücknehmen!“, so der Wiener Caritas-Direktor. „Die Arbeitsmarktsituation hat sich für Menschen mit Behinderung deutlich verschärft. Im Jänner 2026 ist deren Arbeitslosigkeit um 13,9 Prozent gestiegen. Die Armutsgefährdung liegt laut Statistik Austria bei 21,5 Prozent und damit deutlich höher als im Durchschnitt.“
Für die Budgetnöte und damit Sparzwänge zeigen die Vertreter beider Organisationen durchaus Verständnis und weisen auch gar nicht auf andere Bereiche hin, wo gekürzt werden solle. Sie sehen gerade auch im Sektor Ausgaben rund um Behinderung großes Einsparpotenzial. „Wir leisten uns neun unterschiedliche Gesetze für Menschen mit Behinderungen – da könnten Millionen in der Bürokratie gespart werden. Die Weiterführung oder gar der Bau neuer Sonderschulen wie in Oberösterreich ist ein teures Parallelsystem“, so Philippe Narval von der Lebenshilfe. „Und der wirkt sich noch dazu nachträglich auf die schulische Inklusion aus“, ergänzt Schwertner von der Caritas.
Eingespart könnten, ja sollten, übrigens auch „Tausende Amtsarztstunden werden, wo bei lebenslangen Diagnosen immer wieder überprüft werden soll, ob der betreffende Mensch auch wirklich noch behindert ist“, so Narval.
Er habe den Eindruck, Politikerinnen und Politiker seine im Panikmodus, rasch Sparmaßnahmen zu setzen – „ohne langfristige Konzepte und ohne die Folgekosten solcher Kürzungen zu berücksichtigen“, schloss Schwertner noch den Bogen zum „teuren sparen“.
Caritas und Lebenshilfe meinen außerdem: „Die anstehende Reform der Sozialhilfe bietet die Chance, diese Fehler in Zeiten steigender Preise und hoher Inflation zu korrigieren und eine bundesweit einheitliche und armutsfeste Sozialhilfe auf den Weg zu bringen.“
Knapp 30.000 Menschen mit Behinderungen in Österreich arbeiten in Werkstätten für nur ein Taschengeld. „Wir brauchen endlich den politischen Willen, Menschen mit Behinderungen den Weg in echte, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu öffnen“, forderte Philippe Narval. „Dafür braucht es mehr Durchlässigkeit zwischen den Werkstätten und dem ersten Arbeitsmarkt sowie individuelle Begleitangebote – gerade für Menschen mit höherem Assistenzbedarf. Besonders dringend: Jugendliche mit Behinderungen brauchen maßgeschneiderte, personenzentrierte Qualifizierungen, die ihnen ermöglichen, selbstbestimmt zu leben und für einen fairen Lohn zu arbeiten“, so der lebenshilfe-Generalsekretär.
„Wääääh“ – ist die (mehr als verständliche) Reaktion vieler auf die „Erkenntnis“ der Wissenschafterin im weißen Kittel: Sie, die sich Adelheid nennt, hält einen Vortrag über das Rätsel der Prinzessin. Und präsentiert – mit ihrer Kollegin, die als Namen Emma angibt, unter anderem in einem großen Glas Ausscheidungen der Adeligen. Ihr angeblicher Urin ist irgendwas zwischen rosa und rot, rieche vorgeblich süß und später trinkt die erstgenannte Forscherin sogar davon.
Natürlich nicht echt – also das Trinken schon aber der Ursprung der Flüssigkeit sicher nicht, eh klar. Ist ja erfunden. Ein Theaterstück rund um Ekel – Titel: „Argh“. Ähnlich gefärbt der Rotz oder Nasenschleim – und der eben Slime-artig.
Ausgangspunkt für Elina Lautamäki und Agnes Schneidewind, die das Stück entwickelt haben – wobei sie sich dabei Unterstützung von den Kindern zweier dritten Klassen der Volksschule Vorgartenstraße 208 in der Wiener Leopoldstadt (2. Bezirk) geholt haben – war das bekannte Märchen vom Froschkönig. Die Prinzessin, die sich die in den Brunnen gefallene goldene Kugel vom Frosch holen lässt, ihre Abmachung aber nicht einhält, Essen, Trinken und Bett mit ihm zu teilen. Ja, ihn sogar an die Wand wirft. Worauf er ein Prinz wird. Wer denkt sich sowas eigentlich aus?
Lautamäki erzählt, dass es in ihrer ersten Heimat Finnland Märchen und Mythen gibt, in denen ein Frosch die ganze Welt auf dem Rücken trägt – wie in anderen Regionen der Welt (von östlichen bis zu Indigenen Amerikas) unter anderem eine Schildkröte. Zunächst „verwandelt“ diese Forscherin sich in dem rund ¾-stündigen Spiel in eine Prinzessin, ihre Kollegin Schneidewind in den Frosch (Kostüme: Evandro Pedroni). Ohne die absurde Story aus dem Märchen nachzuspielen.
Ekel, Abscheu, Wut, Zorn, teilen oder nicht teilen sind Themen – und ein anfangs mysteriöses mit Klebeband auf den Bühnenboden im Dschungel Wien gepicktes Dreieck mit abgerundeten Ecken. Das wird zur Leber erklärt. Weil dieses Körperorgan in vielen Erzählungen – und auch, zumindest nach der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) – mit Zorn in Zusammenhang steht: Ärger und Zorn schädigen die Leber, vielleicht nicht ganz so arg wie Alkohol, Zucker, Weißmehl, scharfe Gewürze, gegrilltes und frittiertes Fleisch, aber doch.
Und die beiden bringen so manche Sprichwörter ins Spiel – von der beleidigten Leberwurste ebenso wie „etwas ist dir über die Leber gelaufen“, wenn du dich ärgerst oder „frei von der Leber (weg) reden“. So „nebenbei“ lassen die Performerinnen in ihr verspieltes Schauspiel viel Musik einfließen. Die hat Lautamäki komponiert – mit Ausnahme der gegen Ende erklingenden weltbekannten Schwanensee-Melodie (Peter Iljitsch Tschaikowskys). Ein Gutteil der Musik kommt aus Einspielungen von Tuba-Klängen (gespielt von Niko Božek).
Lange Zeit hängt von der Decke schwebend ein solches mächtiges Blasinstrument, bevor es – zu Boden gelassen – von Agnes Schneidewind „nur“ tonlos geblasen, Atem symbolisiert oder durch Beleuchtungseffekte (Licht: Yasmin Navid) zum großen Spot auf die Kollegin wird, die durch körperliche Bewegungen Schatten unterschiedlicher Tiere an die Rückwand der Bühne wirft.
… kommen in der Folge mehrmals ins Spiel – unter anderem mit dem Hinweis auf den Aufruf echter Forscher:innen, ihnen bei der Sichtung – übrigens nicht nur von Fröschen, sondern von allen möglichen Amphibien- und Reptilienarten (Herpetofauna), zu helfen: „Herpetorace“ heißt die Aktion, zu der die Wissenschafter:innen die Öffentlichkeit aufrufen, ihnen Fotos von Sichtungen am 30. Und 31. Mai 2026 zu senden, um „bestehende Datenlücken zu schließen“ – Link zur Website in der Info-Box am Ende des Beitrages.
Dass im Deutschen Leber und lieber sich nur durch einen Buchstaben unterscheiden, machen sich die Spielerinnen zunutze. Als es um die Frage geht, noch einmal Prinzessin sein zu wollen, reißen sie das Publikum zum gemeinsamen Singen von „Heute Leber nicht! Nein, ich möchte das nicht. Danke, ja vielleicht später, jetzt ist kein guter Moment… oder ein anderes Mal. Ich glaube nicht hmm…“
Ganz am Rande eines steil ins Meer abfallenden Felsens steht ein kleines, windschiefes Haus. Gerade dass es nicht von der Klippe zu kippen droht. In kräftigen, bunten, durchaus ungewöhnlichen Farben. Strahlende gelb-rote Töne dominieren. Auf der Titelseite noch fester als auf der ersten Doppelseite wo die Farben wässrig verschwimmen und der Szenerie noch mehr traumhafte Sehnsucht verleihen.
„Zuhause auf der Klippe“, von Magali Franov geschrieben und gezeichnet, macht dieses kleine Haus zur zentralen „Figur“. Von seiner exponierten Lage aus erlebt es die Vögel, die nach dem Sommer in den Süden fliegen. „In ihrem Gezwitscher hört das Haus Geschichten von einsamen Inseln und bunten Städten. Von fremden Gerüchen und tanzenden Sprachen.“
So poetisch beschreibt und zeichnet die Autorin und Illustratorin Sehnsüchte nach der großen, grenzenlosen Welt.
Vom vorbeischwimmenden Buckelwal lässt es sich genauso über die Welt unter Wasser schildern. Eine andere Erzählerin ist eine Wolke – „von der Welt hinter dem Horizont“. Irgendwie schwingt trotz der schönen Eindrücke, die das Haus so erfährt, noch eine andere Sehnsucht mit. Es ist einsam – und wird zum Heim für Menschen in einem kleinen Boot, das „verloren im Sturm“ treibt. „Wie sehr hat es vermisst, ein Zuhause zu sein.“
Ein „Mondbaum“ wächst im Kunsthaus Wien während der kürzlich eröffneten zweiten Klima Biennale. Zufällig in jener Woche, in der zum ersten Mal seit mehr als einem halben Jahrhundert wieder Menschen zum Trabanten der Erde geflogen sind. Das zarte Pflänzchen in einer weißen, auf einer Seite offenen Kugel vor zwei mit Sternbildern übersäten Wand (digital bearbeitete Aufnahme des Hubble eXtreme Deep Field – ESA/NASA – als Tapete, CNC-gefrästes Holz), stammt natürlich nicht wirklich vom Mond. Noch wächst dort nichts, wenngleich die Mission Artemis 2 mit seinen vier Astronaut:innen der Vorbereitung von Mondlandungen samt späterem Aufbau einer längeren Forschungsstation dient.
Aber die Crew von Apollo 14 (1971) hatte 500 Samen verschiedener Baumarten mit. Die blieben allerdings in der Kapsel, die den Mond umkreiste und nicht auf die Oberfläche mitgenommen wurden. 34-mal umrundeten sie den Mond. Aus diesen Samen – unter anderem Mammutbäume, Weihrauch-Kiefern, amerikanische Platanen – wurden zurück auf der Erde, mehr als 400 Bäume gepflanzt: Einige davon wurden neben rein irdischen Jungbäumen eingesetzt, um an möglichen Vergleichen zu forschen. Erkenntnis: Keine Unterschiede festzustellen.
Wenngleich nicht das Wachstum aller dieser „Moon Trees“ verfolgt wurde, sondern erst viele später nach deren Verbleib gesucht wurde, konnten noch rund vier Dutzend entdeckt werden. Aus einem solchen Baum der „zweiten Generation“, Abkömmling eines All-Samens, hat der Künstler Christian Kosmas Mayer nun für die Festivalzentrale der aktuellen Klima Biennale Wien für die Gruppen-Ausstellung „Seeds. Reclaiming Roots, Sowing Futures“ (Samen. Zu den Wurzeln zurückkehren, Zukunft säen)“ diese schwebende Mondbaum-Installation geschaffen.
Mit diesem recht zart wirkenden Pflänzchen einer amerikanischen Platane will der Künstler unter anderem auf Widerstandkraft auch dieser Bäume, aber gleichzeitig auf (nicht nur) deren Verletzlichkeit hinweisen. Eine weitere Dimension dieses Kunstwerkes soll die vor allem privatwirtschaftlichen Eroberungsgelüste der Raumfahrt (Stichworte Elon Musk, Space X…), hin zu mehr Aufmerksamkeit für die an sich bekannten großen Herausforderungen auf der Erde anstoßen – so wie meisten anderen der Arbeiten: Klimawandel, Ressourcenknappheit, Verlust von Biodiversität und Lebensräumen usw. Vielleicht erreichen künstlerisch optisch fast poetisch Werke (wieder) mehr Menschen auf einer sinnlich emotionalen Ebene.
Klima – das Thema ist in den vergangenen Jahren weniger „sexy“ geworden als am Höhepunkt der Fridays for Future Bewegung. Und das obwohl gerade der aktuelle neueste – kurzfristig durch einen gleich wieder brüchigen Waffenstillstand – unterbrochene Krieg abseits der direkten Folgen für die betroffenen Menschen beweist: Fossile Energielieferanten wie Öl und Gas verschärfen neben ökologischen auch ökonomisch Krisen.
Selbst unter Jugendlichen hat Klimaschutz an Aufmerksamkeit verloren, ergibt die Anfang dieser Woche vorgestellte umfangreiche Studie „Lebenswelten 2025“ mit Umfrage unter 15.000 Schüler:innen in ganz Österreich – Link zum KiJuKU-Bericht darüber am Ende des Beitrages.
Andererseits präsentierten viele Jugendlichen erst bei der jüngsten internationalen Juniorfirmen-Handelsmesse nachhaltige Produkte bzw. solche, die Umweltlernen fördern. Und nicht nur dort, auch schon bei vorangegangenen solcher Messen und Bewerbe, aber auch bei vielen Projekte in den Bundesfinali von Jugend Innovativ stellen Jugendliche auf Re- und Upcycling, Ressourcen-Schonung und andere nachhaltige Aspekte fokussierte Arbeiten vor, und dies nicht nur in der Kategorie Sustainability – Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… hat berichtet; Links am Ende.
Über die Wichtigkeit des Themas, wenn es ums Überleben vieler Tier- und Pflanzenarten sowie der Menschheit geht, gibt es – faktenbasiert – keinen Zweifel. Viele Künstler:innen setzen sich mit unterschiedlichsten Aspekten rund um Natur, Klima, Zusammenleben zum Teil schon jahrzehntelang auseinander und gestalten dazu und daraus ihre Werke unterschiedlichster Art. Von verspielt über sehr subtil bis plakativ. Geballt kommen solche nun – bis 10. Mai 2026 in Wien in den öffentlichen Raum – und das (groß-)teils in zentraler Lage. Und ins Kunsthaus Wien zwischen Donaukanal und Hundertwasserhaus.
Spielte sich Wiens erste Klima Biennale vor zwei Jahren vor allem auf dem Brach-Gelände des einstigen Nordwestbahnhofes ab – immerhin kamen mehr als 225.000 Besucher:innen dorthin -, so ist ein zentraler Ausstellungs- und Aktionsraum heuer der Karlsplatz. Anknüpfend an ihr „Kaorle am Karlsplatz“ von vor mehr als 40 Jahren (1982) mit Strand am Teich, lässt Margot Pilz heuer dort unter anderem ein kleines Boot „srranden“. Wenige Meter weiter liegt ein toter Baum mitten im Sand. Und alles überragt eine „Palme“ aus grünlichen Kunststoff-Streifen, die an Kran-Armen hängen und einen ziemlich welken Eindruck machen (von Pia Sirén). Zheng Mahler verhüllte eine der Säulen der Karlskirche bunt, nennt die Installation Plague Columns (Pestsäule).
Dazu schwimmt ein großer Plastik-Wal mitten im Teich – und erinnert unfreiwillig und ungeplant an den kürzlich in der Ostsee gestrandeten Buckelwal, der laut Fachleuten derzeit im Sterben schwebe.
Im Laufe der ein Monat dauernden zweiten Klima Biennale Wien wird das Areal zum einmonatigen Begegnungsort künstlerischer Positionen – und hoffentlich mit vielen Stadtbewohner:innen. Dazu laden auch eine Reihe von Performances ein – vom Pop-Up-Chor der NEST – Neue Staatsoper bis zur Silent Disco. Zum Start gibt’s Walgesänge und Posaunenklänge.
Die Arbeiten auf dem Karlsplatz sind Teil der Ausstellung im öffentlichen Raum unter dem Titel „(No) Funny Games oder Wie wir lernten, fürsorglich zu sein und die Dystopie zu lieben“ – an 18 Orten im Wiener Stadtraum (ein Folder mit Plan markiert diese Plätze). Vielleicht am plakativsten manifestiert sich (keine) spaßigen Spiele am Rande des Karlsplatzes in der Installation „Maaaaash!“. Folke Köbberling hat auf ein Rasenstück bei der stark befahrenen Straße einen Geländewagen hingestellt – aus einem von ihr entwickelten biobasierten Verbundstoff. Und das als „Kopie“ eines Luxus-SUV. Ihr Bio-SUV wir auch einen biologischen Verwitterungs- und Abbauprozess erleben – und damit gleichzeitig zum neuen Lebensraum für Kleinstlebewesen und Pflanzen werden – was für eine symbolträchtige Arbeit!
Plakativ im eigentlichen Wortsinn ist ein großes Transparent – aus Gras im Kunsthaus Wien, das in diesem Jahr zu Festivalzentrale wurde / wird. Das Duo Ackroyd & Harvey hat mit Freiräumen in gesäten Gras-Samen englische Begriffe zu Saatgut, Basisdemokratie bis hin zur Weigerung, sich an ausbeuterischen Systemen mitschuldig zu machen, „geschrieben“.
Einen Stock drunter lässt Tue Greenfort auf einem Dreieck die Gräser von Mais, Weizen, Gerste, Soja und Sommertriticale (Kreuzung aus Weizen und Roggen). „Monoculture“ nennt er seine wachsende, sprießende und wieder vertrocknende Arbeit, die er als symbolische Kritik an industrialisierter Landwirtschaft mit eben vereinheitlichter ein- statt vielfältiger, wild wuchernder Sorten versteht. Beim Medientermin im Kunsthaus schilderte er, wie er als Kind in Dänemark noch durch wilde hochwachsende solcher Pflanzen sich Wege bahnen oder um diese Felder eher herumgehen musste.
An der Wand hängt gleich noch ergänzend eine laaaange Rote Liste von Farn- und Blütenpflanzen in Österreich – solche sind in Videoprojektionen zu sehen.
Gleichzeitig ist der Mix aus fünf Pflanzen wiederum ein natürlicher Widespruch zu Monokulturen 😉
Diese beiden Arbeiten sind mit Werken von Maria Thereza Alves, Alexandra Baumgartner, Kapwani Kiwanga, Dominique Koch, Jumana Manna, Christian Kosmas Mayer, Marzia Migliora, Lucía Pizzani, Michaela Putz, Cecilia Vicuña und Munem Wasif Teil der von Sophie Haslinger kuratierten Ausstellung „Seeds. Reclaiming Roots, Sowing Futures“ (Samen. Zu den Wurzeln zurückkehren, Zukunft säen) auf mehreren Ebenen im von Friedensreich Hundertwasser gestalteten Museum – und dies nicht nur für den Zeitraum der Klima Biennale Wien, sondern bis Mitte Februar des kommenden Jahres (14. 2. 2027).
Saatgut ist für die diese Künstler:innen aber kein pflanzlich-biologisches Thema, sondern „Ausgangspunkt für Arbeiten zu Migration und Kolonialismus, indigenem Wissen und Biodiversität, ebenso wie zu Widerstand, solidarischer Praxis und regenerativen Zukünften“.
Zum Kunsthaus gehört auch – erstaunlicherweise – eine Garage, die allerdings seit „ewig“ als künstlerischer Projektraum genutzt wird. Hier zeigt nun „The Institute of Queer Ecology“ die Ausstellung „I Wish We Had More Time“. Mit Skulpturen, Bildern, Musik, Literatur und Wissenschaft thematisieren sie sinnlich und vielfältig die gestörten Beziehungen von Mensch und Natur generell und speziell als Folge des Klimawandels. Zusätzlich sind „Brüche queerer Geschichte und Erzähltraditionen, die durch gesellschaftliche Krisen wie die AIDS-Epidemie verursacht wurden, und zwischenmenschliche Verluste – verpasste Begegnungen und Liebeskummer“ Ausgangspunkte für Kunstobjekte in diesem Teil des Kunsthauses Wien.
Die Festivalzentrale der aktuellen wurde auch literarisch-optisch szenographisch gestaltet: Das Duo Jascha & Franz (Hamburg/Berlin) entwickelte gemeinsam mit der österreichischen Schriftstellerin Andrea Grill „eine räumliche Erzählung – ihre Texte bilden die inhaltliche und visuelle Grundlage der Inszenierung“. Diese Szenographie „übersetzt das Leitthema Unspeakable Worlds (Unbeschreibliche Welten) in eine poetische Raum- und Textsprache“.
Grills poetische Texte – manchmal auf Italienisch, Französisch, Albanisch, Englisch, BKS (Bosnisch / Kroatisch / Serbisch), Griechisch und in Wiener Dialekt -, immer wieder in geschwungener Form, mitunter wie Wellen oder wachsende Pflanzen, stellen immer wieder Fragen zu unserem, dem menschlichen, Umgang mit unserer Umwelt. Und stellen vieles davon in Frage, etwa im folgenden Textbeispiel:
„banker sagen, sie legen wert auf natur, sie haben berechnet, wie viel insekten kosten würden im vergleich zu dem was an 1 tag an der börse umgesetzt wird, unterm strich: so gut wie nichts
aber: ich sage: DAS STIMMT NICHT
ich sage: EURE RECHNUNGEN SIND FALSCH
ich würde gern honorar für käfer bezahlen“
Darüberhinaus thematisieren die Texte immer wieder auch, dass Wörter, unsere Sprache nicht hinlänglich beschreiben kann, was sich abspielt:
„du, ich, er, sie steh(s)t sprachlos vor den bildern des klimawandels“
„Die gegenwärtige globale Dynamik politischer Eruptionen und eskalierender Klimakatastrophen lässt viele von uns sprachlos zurück“, meint Festivalleiterin Sithara Pathirana. „Umso dringlicher ist die Suche nach einer neuen Sprache – und nach erweiterten Räumen der Verständigung. Die Bewältigung der Klimakrise ist untrennbar damit verbunden, wie wir als Gesellschaft für einander einstehen und das Leben als verwoben begreifen. Die Klima Biennale Wien ist mehr als nur ein Festival – sie ist eine Bewegung, sie ist ein Wir. Wir stellen Fragen, öffnen Räume für Visionen und begreifen Kunst als Werkzeug der notwendigen Transformation.“
Wie widersprüchlich der Umgang mit Natur, Freiflächen, Versiegelung und so weiter ist, zeigte sich einmal mehr ausgerechnet am Tag der Eröffnung der zweiten Klimabiennale in Wien. Zum einen sprach Wiens Kulturstadträtin beim Medientermin am Vortag der Eröffnung von der Wichtigkeit nicht nur des Festivals, sondern des Themas. Die Festivalzentrale ist im Kunsthaus Wien, einem Unternehmen der Wien Holding. Zum anderen ließ genau dieses Unternehmen im Eigentum der Stadt Wien Donnerstagvormittag einen Protest der Zwischennutzer:innen „St. Marx für Alle“, aber auch von Lobau lebt in St. Marx polizeilich räumen. Dort soll eine – umstrittene – Eventhalle hinkommen – zu einem ORF-Bericht darüber unten in den Links.
ORF-Bericht über polizeiliche Räumung der „St.Marx für Alle“-Proteste
Knapp ¼ des Jahres 2026 ist zu Ende und schon müssen in Österreich ein halbes Dutzend Femizide beklagt werden. Schon vor den letzten Morden an Frauen nur weil sie Frauen sind, praktisch immer von (Ex-)Lebensgefährten oder Ehemännern, wurde die Initiative für einen Videobewerb für Schüler:innen (ab der 7. Schulstufe) unter dem Motto „Gewalt gegen Frauen ist #Männersache“ angekündigt – Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… hat berichtet – Link zum Artikel unten am Ende dieses Beitrages.
Der Start für den Bewerb wurde für den 9. April genannt. Und erst ab da geht / ging die Site des Bildungsministeriums online über die Videos für den Bewerb – bis 15. Juni 2026 – hochgeladen werden können:
Upload-Seite für Videos zum Bewerb
Zum Video der BHAK Fürstenfeld, deren Schüler:innen mit ihrem Video die Inspiration zum Bewerb waren, geht es hier
Zumindest internationale Roma-Fahnen hingen kurzzeitig wieder in Wien – beim Eingang des Rathauses am 8. April, dem Internationalen Roma-Tag. Das Mahnmal für die rund halbe Million von den Nazis ermordeten Rom:nja und Sinti:zze („Porajmos“ – das Romanes-Pendant zur Shoah an Jüd:innen) lässt ja noch immer auf sich warten. Seit viiiiielen Jahren gefordert, auch schon vor einigen Jahren von politisch Verantwortlichen versprochen, müssen die Volksgruppen selbst und mit deren Anliegen verbundene zivilgesellschaftlich aktive Bürger:innen gegen Diskriminierung und für Menschenrechte immer und immer wieder danach verlangen, Aktionen setzen.
„Wien lebt von seiner Vielfalt und von den Geschichten, die diese Stadt geprägt haben. Auch Rom*nja und Sinti*zze sind seit Jahrhunderten Teil dieser Geschichte, auch wenn ihre Beiträge lange zu wenig gesehen und anerkannt wurden“, schreibt die für Kultur und Wissenschaft zuständige Stadträtin Veronica Kaup-Hasler in einer Aussendung zum Gedenktag. Dieser sei „für uns ein Anlass, die Sichtbarkeit der Volksgruppe zu erhöhen… Antiziganismus ist keine abgeschlossene Vergangenheit, sondern zeigt sich bis heute in vielen Bereichen. Oft leise, manchmal offen, aber immer mit spürbaren Folgen. Umso wichtiger ist es, Räume zu schaffen, in denen Anerkennung und Teilhabe möglich sind.“
Die Stadträtin spricht darin auch die Denkmalfrage an: „Dieses soll auf Wunsch der Volksgruppenangehörigen in zentraler Lage umgesetzt werden. Als Stadt Wien unterstützen wir den Denkmalprozess, der vom Österreichischen Nationalfonds geleitet wird. Ein solches Mahnmal ist längst überfällig. Nicht nur als Zeichen des Gedenkens, sondern auch als klares Signal für die Gegenwart. Erinnerung bedeutet hier, Verantwortung zu übernehmen und Diskriminierung aktiv entgegenzutreten.“
„Die Kultur der Rom*nja und Sinti*zze steht für Zusammenhalt, Anpassungsfähigkeit und Mehrsprachigkeit. Das sind Kompetenzen, die unsere Gesellschaft stärken. Vielfalt ist kein Nebenschauplatz, sondern eine zentrale Ressource für soziale Gerechtigkeit“, wird Volkshilfe-Direktor Erich Fenninger in einer Aussendung dieser Organisation zitiert.
Die Volkshilfe setzt mit dem Arbeitsmarktprojekt Thara seit knapp mehr als zwei Jahrzehnten gezielt für die Stärkung von Rom*nja und Sinti*zze in Österreich ein praktisches Zeichen – mit Wirkung: „Wir sehen heute eine selbstbewusste junge Generation von Rom*nja und Sinti*zze, die in Österreich aufgewachsen ist, mehrere Sprachen spricht und ihren Platz in unterschiedlichsten Berufsfeldern einnimmt. Das zeigt, wie wichtig langfristige Unterstützung und strukturelle Öffnung sind“, erklärt Usnija Buligović, Thara-Beauftragte der Volkshilfe.
„Empowerment bedeutet, Räume zu schaffen, in denen Menschen ihre Potenziale entfalten können. Die Erfolge der letzten 20 Jahre zeigen klar: Wenn Barrieren abgebaut werden, profitieren einzelne Menschen ebenso, wie die gesamte Gesellschaft“, so Buligović.
Trotz dieser Fortschritte bleibt viel zu tun. Es braucht weiterhin konsequente Maßnahmen gegen Antiromaismus sowie faire Chancen in Bildung, Beschäftigung, Wohnen und Gesundheit. Der Welt- Roma-Tag ist daher nicht nur ein Anlass zum Feiern, sondern auch ein Auftrag, Gleichberechtigung nachhaltig zu sichern.
Einerseits optimistisch, aber nicht alle. Und da für sich selber schon, für die Gesellschaft insgesamt aber weniger. Stärker auf materiell orientierte Werte fokussiert als fünf Jahre vorher. Weniger Zustimmung zur Demokratie einerseits, aber häufiges erleben, nicht mitreden zu dürfen. Und vor allem ist „die Entwicklung des gesundheitlichen Wohlbefindens besorgniserregend“…
Dies sind einige Schlaglichter aus der Kürzest-Präsentation der umfangreichen Studie „Lebenswelten 2025 – Einstellungen und Werte von Jugendlichen in Österreich“ (rund 400 Seiten). Diese wurde am Dienstag nach Ostern von Vertreter:innen Pädagogischer Hochschulen gemeinsam von den Professor:innen Pädagogischer Hochschulen Martina Ott (Vorarlberg) und Nikolaus Janovsky (Katholische PH Edith Stein mit mehreren Standorten Vorarlberg, Tirol, Salzburg) mit Bildungsminister Christoph Wiederkehr in Wien vorgestellt. Dafür hatten 15.000 Jugendliche der 8. bis 12. Schulstufen (also rund 14 bis 18 Jahre) aller Bundesländer sowie aller Schultypen vor einem Jahr (März, April 2025) online 270 Fragen in der Schule beantwortet. (Auf Nachfrage von KiJuKU: 22.000 Schüler:innen waren dazu eingeladen worden.) Eine – nicht ganz gleiche, aber ähnliche – Studie hatten die 14 Pädagogischen Hochschulen aller Bundesländer schon 2020 im Rahmen ihrer Forschungstätigkeit durchgeführt, weshalb es also Vergleichswerte gibt.
So, nun zu einigen der viiiiielen Facts, oder vielmehr subjektiven Einschätzungen der Befragten:
Auf die KiJuKU-Frage, ob es hier einen Gender-Gap gäbe, erklärte die PH-Vorarlberg-Professorin für Bildungssoziologie, Martina Ott: „Keinen wirklichen, nur ein Prozent Unterschied“. Das sei eine Hoffnung auf Haltungsänderungen, was Care-Arbeit betreffe, allerdings gibt es im beruflichen Alltag noch immer einerseits die Hürde ungleicher Frauen- und Männer-Gehälter und andererseits keinen ausreichenden Kündigungsschutz für karenzwillige Väter.
Als größte Sorge wurden genannt: Familiäre Konflikte (41%), schwere Krankheiten (38%) und nur knapp weniger „Krieg in Europa“ (36%).
Der Bildungsminister wies deshalb auf die Wichtigkeit der von ihm forcierten Einführung von Demokratiebildung in Schulen hin. Die Umfrage unter den 15.000 Jugendlichen ergab aber auch, dass mehr als die Hälfte (57%) ständig erlebt, dass Entscheidungen ohne sie über ihre Köpfe hinweg getroffen werden, sie also keine demokratische Mitbestimmung erleben. Worauf im Übrigen erst kürzliche die Jugendanwält:innen aller Bundesländer im Zuge der Diskussionen um ein mögliches Social-Media-Verbot für Jugendliche hingewiesen haben und sich nicht zuletzt deswegen demgegenüber skeptisch zeig(t)en.
Und zum zuletzt genannten – Nicht-Erleben von Mitbestimmung – gab es 2020 keine Fragen, wurde Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… auf die entsprechende Frage geantwortet – also keine Vergleichsmöglichkeit. Dafür wurde zu diesem Bereich – neben den Fragen – eine „explorative, qualitative Untersuchung… an verschiedenen urbanen und regionalen Schulen der Sekundarstaufe II (Berufsschulen, BORG, HTL, Polytechnischen Schulen) in vier Bundesländern (NÖ, Salzburg, Tirol und Wien) zusätzlich durchgeführt. Und als „schriftliche Reflexionen der Jugendlichen in Form von Freitexten mit einem Umfang von jeweils etwa 200 – 250 Wörtern, in denen sie ihre Gedanken, Erfahrungen und Sichtweisen hinsichtlich Demokratie in eigenen Worten ausdrücken konnten. Die Lehrkräfte begleiteten die Aufgabe, ohne inhaltlich einzugreifen. Für die Bearbeitung standen etwa 40 Minuten zur Verfügung“, heißt es auf Seite 328 der Studie.
Die gesamte Auswertung der Umfrage – rund 400 Seiten samt Fußnoten – wird erst Ende April gedruckt veröffentlicht; es gibt sie aber bereits online als PDF zum Download – siehe Infobox. Zu konkreten demokratischen Mitgestaltungsmöglichkeiten in der Schule – aus praktischen Beispielen Westösterreichs, Deutschlands und der Schweiz – werde es Ende April eine eigene Publikation geben, so Professorin Ott zu KiJuKU.at
Die Studie relativiert im Übrigen selber die Umfrageergebnisse insofern, als sie einerseits natürlich geänderte Rahmenbedingungen ins Treffen führt und vor einer Deutung als „nachhaltigen Wertetrend“ warnt: „Interessant ist der Bedeutungszuwachs von Werten, die eher materialistischen und traditionellen Haltungen zugeordnet werden, beispielsweise ein hoher Lebensstandard, das Streben nach Sicherheit, das Durchsetzen eigener Bedürfnisse gegen andere, die Beachtung von Sitten und Gebräuchen sowie der Wunsch nach Macht und Einfluss. Diese Werteverschiebungen lassen sich mitunter auch auf wirtschaftliche, soziale und politische Entwicklungen zurückführen, von denen Jugendliche stärker betroffen sind. Beispielsweise trifft die hohe Inflation der letzten Jahre Jugendliche aufgrund ihres noch geringen Einkommens stärker, der abzuleistende Wehr- bzw. Zivildienst fällt in eine Zeit des Krieges in Europa und der berufliche und soziale Vergleichs- und Konkurrenzdruck ist globaler geworden. Inwieweit die zunehmende Bedeutung der genannten Werte einen nachhaltigen Wertetrend darstellt oder lediglich temporäre Entwicklungen abbildet, bleibt abzuwarten.“ (S. 80)
Zuckerlrosa – wie eine bekannte Konditorei-Kette (seit 1913; die Ehefrau des Gründers Josef Prousek hieß Rosa Nerad) bzw. noch naheliegender die Welt der fast 70-jährigen wohl meistverkauften Puppe er Welt – dominiert die jüngste Produktion von das.bernhard.ensemble in der White Box des Wiener Off-Theaters – bis hin zum Programmfolder. Als „Schmuckfarben“ kunterbunt verspielter Touch (Ausstattung: Eva Grün & Ernst Kurt Weigel; Kostüme: Julia Trybula)
Die ultraschlanke, kurvige, anatomisch kaum mögliche Puppe bzw. der Kinofilm (2023) rund um sie, der teilweise „feministisch“ geframt wurde, ist das eine Element des jüngsten Mash-Ups der Theatergruppe. Seit vielen Jahren entwickelt die Gruppe aus einem bekannten Kinofilm und einem Theaterstück jeweils eine eigene Performance – sehr körperlich, sehr humorvoll, nicht selten auch ziemlich schräg. Also „Barbie“, aber in der häufig verwendeten österreichischen Form des Vornamens Barbara, nämlich Babsie. Und die Theaterkomponente für die Collage: Elfriede Jelineks „Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte; oder Stützen der Gesellschaften“ (1979 als Buch veröffentlicht und im selben Jahr in Graz uraufgeführt). Übrigens selber eine Art Mash-Up aus Henrik Ibsens „Nora oder Ein Puppenheim“, ihrem eigenen Roman „Die Liebhaberinnen“.
In der Collage „Was geschah, nachdem Babsie ihren Ken …?“ wird die dominante Babsie – es gibt deren mehrere in unterschiedlichen Ausprägungen von der „verrückten“ bis zur neuerdings boomenden Tradwife – zum Internet-Star. „Hi Babsies!“ begrüßt sie ihre Millionen Follower:innen, um ihnen als Art Live-Hacks Tipps fürs Leben zu posten, stets mit der Schlussbemerkung: „Haltet die Beine steif, stay hydrated“. Meist mit Kauf-Empfehlungen eigener Produkte 😉
Mit einer Art (pseudo-)feministischem Touch, nicht selten inspiriert von der Influencerin Tara-Louise Wittmer (bürgerlicher Name Manière), die als „wastarasagt“ auf Instagram und TikTok postet, aber auf kommerziell gespült.
Als diese Haupt-Babsie tobt sich Rina Juniku als Parodie auf Barbie aus. Schickt ihren Nice-Ken (Christian Kohlhofer) ins Verkaufsregal (zurück), versucht irgendwann den eigenen Verkaufszwängen zu entkommen. Statt wie Elfriede Jelineks Nora als Fabriksarbeiterin, heuert sie als Supermarktkassiererin an. Und wird dort vom Chef, der Karikatur eines Superprolo-Kens (Ernst Kurt Weigel, der gemeinsam mit der Stückautorin Sophie Resch für die Dramaturgie verantwortlich zeichnet), zu sich und die Karriereleiter hochgehoben.
Leonie Wahl, Yvonne Brandstetter und Ylva Maj, die einerseits die Babsie-Variationen Eva, Weird und die dauergebärende Tradwife sowie bedingungslose Followerinnen der zentralen Basie spielen, schlüpfen auch in die Rolle „richtiger“ Männer, entsprungen aus dem Kosmos der Menosphere. Echte kleine rosa Puppen werden zu ihren Schwänzen, über den Softie Nice-Ken machen sie sich erst lustig, bedauern ihn dann, um ihn bekehren zu wollen.
Der Kult um vorgeblich feministisches Marketing, das nicht viel mehr will, als auch kritisch denkende Frauen zum Kauf der „richtigen“ Produkte zu verführen wird ebenso witzig aufs Korn genommen wie die Welle der Retro-Rolle, der Boom der Tradwifes auf der einen Seite. Und das (Wieder-)Aufkommen des Macho-Gehabes des überkommenen Männlichkeitswahns. Ein häufiges Lachen, das mitunter doch im Hals stecken bleibt angesichts der rückwärtsgewandten Entwicklungen in der realen Gegenwart.
Wenn es fast unglaublich wirkt, dass die Babsies ratlos den Kopf schütteln angesichts des Namens Elfriede Jelinek, deren genanntes Buch von der Decke fällt, so kann nur auf eine Folge der Millionenshow rund um die Premiere von „Was geschah, nachdem Babsie ihren Ken …?“ hingewiesen werden. Einer jungen Lehrerin sagten die Namen der österreichischen Autorinnen Julya Rabinowich, Eva Rossmann, Angelika Hager und Martina Parker genau nichts.
Die Publikumstribüne im „Zirkus des Wissens“, der Location der Linzer Uni in der Wissenschaft und theatrale Inszenierungen zu kombinierten Performances werden, ist für „AreYouAre“ sehr zusammengestaucht. Nur eine, die oberste Reihe, ist für Besucher:innen übrig, dafür stehen an zwei Seiten der Bühnenfläche Sessel. Den große „Rest“ teilen sich jeweils eine Tänzerin, drei Feucht-Saug-Roboter und ein Roboterhund. Sowie eine Kochinsel samt KI-aufgemotztem Thermomix in einer Ecke und ein Gerüst samt einer Art Klettergurt am anderen Ende des Tanzbodens.
Die Tänzerin – beim Besuch von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… an der JKU, der Johannes-Kepler-Universität am Rande der oberösterreichischen Landeshauptstadt, ist es Jerca Rožnik Novak – betritt die Bühne, also die Streifen des hellen Tanzbodens irgendwie majestätisch. Menschen beherrschen die technoid ausgestattete Szenerie – noch.
Ein Hund taucht auf, ein technischer. Der Roboterhund mit einer Art dauerrotierender Schnauze scannt mit dieser ständig via Infrarot alles in seiner Umgebung.
Die Saugroboter verlassen ihre Ladestationen und begeben sich ebenfalls aufs Spielfeld (Robotics: ARS Electronica Center Linz). Dafür wechselt die Tänzerin beim Gang zur Kochinsel in roboterähnliche Bewegungen.
Rund um diese verwandelt sie sich nach und nach in eine Art menschlicher Koch-Roboterin – klischeehaft dargestellte Hausfrau mit metallenen Kochlöffeln, -Schöpfern und Werkzeugen an Armen, Beinen und geschlechtsspezifischen Stellen (Kostümdesign: Bianca Fladerer). Womit die rund einstündige Performance nicht nur das Mensch-Technik-Verhältnis spielerisch-sinnlich erlebbar macht, sondern auch Geschlechter-Stereotypen thematisiert. Die „dank“ Fütterung künstlicher „Intelligenz“ mit vorhandenen von Menschen produzierten Inhalten eben die entsprechenden Schlagseiten (Bias) aufsaugt und weitergibt.
„AreYouAre“, ausgedacht und choreografiert von Silke Grabinger, spielt mit dem Aufeinandertreffen von Mensch und KI-gesteuerten Robotern. Der ständig scannende Hund verlässt nach und nach seinen erst selbst begrenzten Raum, tritt in Interaktion mit den Saugrobotern. Immer wieder kommt es zu Berührungen – und damit Überschreiten eigener Grenzen. Nicht zuletzt, wenn gegen Ende die Tänzerin den im technologisch hochgerüsteten „Thermomix“ fertig gekochten Germknödel über die Begrenzung der Tanzfläche hinweg dem Publikum zu ebener Erd diesen offeriert. Und damit an Schöpfungsmythen von göttlicher Formung des Menschen aus einem Batzen Lehm erinnert.
Was mehr oder minder durch-choreografiert wirkt, ist aber – der Beschreibung und nach dem Ende auch der Erklärung der Erfinderin zufolge – trotz Plans und Choreo – von vielen Zufälligkeiten gekennzeichnet. Die Roboter bewegen sich mitunter völlig überraschend. Bei einer Vorstellung sei einer der Sauger über die durch eine Lichtleiste erhöhte Begrenzung hinweg in den Publikumsbereich gedüst.
Und sehr zufällig gestaltet sich auch die Passage, wenn die Tänzerin im Klettergerüst hängend, hin- und herschwingend mit Pinseln eine Leinwand bemalt – jede Aufführung ein eigenes Kunstwerk – für eine spätere Ausstellung.
Jerca Rožnik Novak wechselt sich bei Vorstellungen mit Silke Grabinger, der Erfinderin dieser Performance, die sie in einer Erwachsenen-Version schon beim vorjährigen Ars-Electronica-Festival tanzte, ab. Und sie betrachtet „AreYouAre“ – wo hört Mensch auf und wo beginnt Maschine – als Teil einer Trilogie. Die begann mit SpotShotBeuys, einer Performance, in der sie Die Aktion „I like America and America likes me“ des aktionistischen Künstlers Joseph Beuys 50 Jahre danach aufgriff und neu interpretierte. Mit „Spot“, einem Roboterhund, beginnt sie diese – nun in Are YouAre fortgesetzte -Beziehung lebendig-leblos zu bespielen.
Als Teil drei kündigt sie – schon auf ihrer Homepage – „Quantwin“ an: Grabinger wird mit einem kleinen „immersiven, digitalen Zwilling mit Soft-Robotik als interaktivem Partner an ihrem Körper“ agieren. Das Teil ist gerade in Entwicklung.
Eine ihrer Inspirationsquellen, so Grabinger, war / ist die US-amerikanische Künstlerin Carolee Schneemann (1939 – 2019), die vor allem in den 60er- und 70er-Jahren also vor gut einem halben Jahrhundert bereits in Happenings und aktionskünstlerischen Performances (weibliche) Körperlichkeit und Geschlechterrollen thematisierte.
Ostern – der Star ist der Osterhase als Gabenbringer. Die Hacklerinnen sind die Hennen, die die Eier legen. Überhaupt haben sie – und auch die Gattung, also auch der stolze Hahn, wenngleich er auf so manchen Kirchtürmen sitzt – kein allzu gutes Image. „Dummes Huhn“ ist doch ein häufiges Schimpfwort.
Dabei sind Hühner ziemlich schlau. „Neugeborene Küken können sich die Bahn von einem Ball merken, der plötzlich versteckt wird. Menschenkinder können das… erst mit vier Jahren.“
Dies und ganz viele andere Fakten versammelt „Das große Buch der Hühner“. Groß ist das von Evelien De Vlieger geschriebene – von Rolf Erdorf aus dem Niederländischen übersetzte Buch in mehrfacher Hinsicht. Schon allein vom Format überragt es die meisten Bücher. Groß(artig) sind aber neben den viiiiiielen, verständlich und in kleinen Portionen servierten, Informationen auch die Illustrationen. Jan Hamstras viele naturalistische realitätsgetreue, feingliedrige Bilder sind allesamt Linolschnitte – also aufwändig gestaltete Kunstwerke.
Die Vielfalt der Nachfahren der Dinosaurier von denen ungefähr drei Mal so viele Exemplare in rund 400 Arten auf der Welt leben wie Menschen, findest du ebenso beschrieben und abgebildet wie eben die schon oben angesprochene Intelligenz. Hühner gackern übrigens nicht nur. Mit „Tock!“ warnen sie ihre Artgenos:innen vor Gefahren. Kommt dieses „Tock mehrfach und von einem langgezogenen Tooock beendet, dann legt sie gerade ein Ei. „Brummknurren“ nennt die Autorin Laute einer Henne, wenn sie brütet und jemand in die Nähe kommt.
Und wie das hierzulande – aber auch im Griechischen – übliche „Kikeriki“ der Hähne in zwei Dutzend anderen Sprachen heißt, findest du rund um einen solchen – so sagen und schreiben Niederländer:innen (das Original des Buches kommt von dort): Kukeleku! Im Englischen lautet der Hahnenschrei: Cock-doodle-doo! Türkisch: U-ürü-üüü! Chinesisch: Gue-gue! Oer Gou-gou!… – Aber egal wie Menschen die Hahnenlaute übersetzen, überall sind sie Lärm: Bis zu 140 Dezibel – „lauter als eine Motorsäge oder eine Polizeisirene“. Und die Hähne selber hören’s fast nicht, denn wen sie den Schnabel zum „Kikeriki“ oder was auch immer öffnen, verschließen sich automatisch ihre Ohren!
So nebenbei kommt die Bezeichnung für die Steuerkanzel in einem Flugzeug „Cockpit“ vom seltsamen, lange weit verbreiteten, mittlerweile doch in vielen Ländern verbotenen Hahnenkampf kommt – cock = Hahn, pit = Grube, in der die Hähne aufeinander losgelassen wurden.
Du erfährst aber auch einen Trick, wie du prüfen kannst, ob ein Ei frisch oder schon alt und lieber nicht mehr genießbar ist: „Lege es in eine Schüssel mit Wasser. Wenn es schwimmt, ist es alt. Nach einiger Zeit verdunstet nämlich Flüssigkeit aus dem Ei und die Luftkammer wird größer. Sinkt das Ei und bleibt flach auf dem Boden liegen, ist es ganz frisch. Wenn es sinkt und dabei aufrecht steht, kann man es noch essen, sollte aber nicht mehr tagelang damit warten.“ (S. 41)
Ostern – höchstes Fest im Christentum mit Gottes Sohn zunächst als Märtyrer am Kreuz und dann Wiederauferstehung und rauf in den Himmel. Rund um dieses Fest hat auch ein Comedian, der Gott spielt, neue Live-Auftritte. Marc Carnal (Regie Sebastian Huber) schlüpft in die Rolle des Allmächtigen, Allwissenden und so weiter. Mit „Gott live“ gastiert er am Karsamstag in der klassischen Kabarett-Location Kulisse, wenige Tag nach Ostern erneut bei Junge Theater Wien. Nach einer Vorstellung im F23, also im 23. Bezirk Liesing (wo KiJuKU.at das Programm gesehen hat), beehrt er dieses Mal Floridsdorf, konkret das Kulturankerzentrum Schlingermarkt.
Dunkel, ja finster ist’s im Saal „Es werde Licht!“, ertönt – und es ward Licht. Wer irgendwie christlich aufgewachsen ist oder sonst schon von der Schöpfungsgeschichte dieser Religionen gehört hat, kennt möglicherweise, ja wahrscheinlich diese Sätze.
Und auf die greift der Schriftsteller, Verfasser und (Mit-)Inszenierer von Hörspielen sowie Gag-Schreiber (u.a. für „Willkommen Österreich“) Marc Carnal mit seinem ersten Live-Comedy-Programm zurück: „Gott live“.
Wobei – den Spruch davon, dass sich die Menschen kein Bildnis von ihm machen sollen – thematisiert er bald nach seinem zweiten Auftritt. Denn bei seinem ersten Erscheinen auf der Bühne ist ihm – oder war’s jedenfalls im F23 bei Junge Theater Wien in Liesing (23. Bezirk) – der Applaus nicht jubelnd genug. Anbetung in Form von auszuckendem, frenetischem Geklatsche samt Rufen – das wünscht sich der „Allmächtige, Allwissende“ und so weiter.
Und öffnet da schon das Fenster für die ironische Widersprüchlichkeit. Abgesehen davon, dass schon früh Menschen Bilder von ihm gemacht haben, und zwar meist ziemlich klischeehafte – Graphic Novel nennt er etwa die von Michelangelo & Co. – habe er sich halt einen menschlichen Körper ausgeborgt – eben den des Auftretenden.
So manches sei misslungen, die Kron der Schöpfung, die Dinosaurier, musste er mit Hilfe eines Kometen und so weiter, die Menschen seien auch nicht das, was er sich vorgestellt hätte. Selber Schuld.
Also, zweite Chance, Verfassen einer ganz neuen Bibelgeschichte, eines Testaments 3.0 sozusagen nach Altem und Neuem – samt Schöpfung eines neuen Menschengeschlechts … – und natürlich (wieder) ohne jedweden Anflug von Selbstzweifel. Trotz Allwissenheit und Allmacht sind dann doch die anderen, diesfalls die Menschen Schuld am Fehlverhalten… – all das thematisiert Marc Carnal er NICHT – lässt damit den Raum und die Chance offen, selber – jedwede – Göttlichkeit – in Frage zu stellen. Wenn schon selber verantwortlich, dann vielleicht doch mehr Wissenschaft als Glauben?
In der Pause des rund eineinhalbstündigen Programms legt „Gott“ alias Marc Carnal Zettel, Stifte und eine hölzerne Box an den Bühnenrand. Wer will darf Sünden aufschreiben – manche werden im zweiten Teil besprochen – und sanktioniert oder ohne Bestrafung vergeben 😉
Der Autor dieses und der meisten anderen Beiträge auf Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… durfte einen anderen Gott vor gut 40 Jahren interviewen: Vorname Karel (1939 – 2019, „Goldene Stimme“ aus Prag, damals noch Tschechoslowakei), der aber weit mehr draufhatte als die bekannten Schlager „Biene Maja“, „Weißt du wohin“, „Einmal um die ganze Welt“, „Fang das Licht“. Übrigens ist er 1968 für Österreich beim Eurovision Song Contest, der damals noch Grand Prix Eurovision geheißen hat, angetreten – mit „Tausend Fenster“.
Aus brandaktuellen Anlässen fluten noch mehr Fotos, Bilder und Videos von Kriegen Medien. Und beängstigen damit Menschen auch in anderen Weltgegenden, oder lassen so manche auch abstumpfen. Da stellt(e) die jüngste Preisverleihung des Global Peace Photo Awards ein trotz allem optimistisches, Hoffnung gebendes Zeichen dagegen – oder vielmehr für das Leben dar.
Wie zwei – unabgesprochene und so besonders starke berührende symbolische Aktionen – Verteilung bzw. Überbringung von Origami gefalteten Papierkranichen – dabei darüber hinaus besonders bewegten, berichtet Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… in einem eigenen Beitrag – unten verlinkt.
Nun aber zu den ausgezeichneten Fotos – und noch dazu aus 24.189 eingereichten Bildern von Fotograf:innen aus 132 Ländern (kräftige Steigrungen gegenüber dem Vorjahr):
Der heute neunjährige Noa Hagemann aus Deutschland wurde von der Jury zum Gewinner der Kinder-Kategorie („The Children’s Peace Image of the Year 2025“) gekürt – für „Meine Schwester“. Bei einem Familienausflug in den Tiergarten drückte Noa (damals 8) den Auslöser auf seiner Kamera, als Lani (damals 5) zwischen Bäumen stand und es irgendwie auch ein bisschen nebelig war. Mit einem Auge für den Moment entstand so eine Art feenhafte Figur aus dem Märchenwald.
„Öfter fragt mich Noa ob ich mich so oder so hinstellen oder was machen kann, damit er mich dann so fotografiert“, verrät die zur Preisverleihung nach Wien mitgekommene Schwester KiJuKU. Und schüchtern vertraut sie dem Journalisten an, „ich fotografier auch schon, aber noch nicht so viel wie mein Bruder.“
„Mit meiner Kamera (bei der Preisverleihung gab’s übrigens neben dem Geldpreis eine neue) und viel auch mit dem Handy fotografier ich so alles, was ich cool finde“, antwortet er auf die Frage von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…
„Was findest du cool?“, ist natürlich die logische Folgefrage.
„Tiere und vieles mehr!“
„Hebst du alle Fotos auf, speicherst sie ab oder wählst aus und löscht manche?“
„Eigentlich nicht, aber für einen Wettbewerb wie diesen wähl ich natürlich schon genau aus!“
Bei der Laudatio hatte Jurymitglied Peter-Matthias Gaede (GEO-Chefredakteur 1994 – 2014) schon die Gedanken des jungen Preisträgers zu Frieden Preis gegeben: „Dass alle glücklich sind, niemand Streit hat und kein Krieg auf der Welt ist.“
Neben der Kinderkategorie gab / gibt es bei diesem internationalen Friedens-Foto-Award noch Preise fürs beste Einzelbild sowie für Bilderserien. Und aus den Kategorie-Sieger-Fotos wählt die Jury dann ein Top oft he Top aus und belohnt dieses mit dem Gesamtsieg. Dieser ging für die Tausenden Fotos (siehe oben bzw. auch in der Info-Box am Ende) an Mahdi Vaghari aus dem Iran für „No one can take my Soul“ (Keiner kann meine Seele besitzen).
Für die Jury begründete – wie für alle Entscheidungen der Fachleute, die es alles andere als leicht hatten – wieder der ehemalige jahrzehntelange Chefredakteur von GEO unter anderem so: „Eine iranische Frau… ohne Hijab. Keine Verschleierung, kein Verbergen. Keine Bescheidenheit, keine Traurigkeit. Eher Stolz auf das, was nicht gezeigt werden soll von einer Frau, auf dass sie die Männer nicht reizt. Ein Windstoß hat die prächtigen Haare dieser jungen Iranerin zu einem wilden Kranz aufgewirbelt. Sie geht gerade über eine Brücke, während ein Vogelschwarm den nahen Strand überfliegt. Freiheit auf zwei Ebenen.
Ein Bild von großer Kraft, das eigentlich – was Fotos so häufig nicht tun – ganz ohne Worte auskommt. Nur dass es im Iran entstanden ist, gibt ihm eben doch und einmal mehr eine besondere Bedeutung. Gemacht hat es ein Mann, der in unseren Breiten noch keine Bekanntheit hat: Mahdi Vaghari, geboren 1995 im Iran, der 2003 begonnen hat, sich für die Fotografie zu interessieren und sie sich vom Vater hat beibringen lassen.
Wer im Iran als Fotograf, als Fotografin tätig ist, hat es sicher mit ganz anderen Rahmenbedingungen zu tun als Fotoreporter bei uns. Zunächst mit einem anderen Verständnis von der Aufgabe der Medien. Mit einer anderen Art vielleicht auch, über Fotografie zu sprechen. So muss es dort, soll es nicht zur Konfrontation mit dem offiziellen Bild werden, das ein Land von sich haben soll, gewissermaßen übersetzt geschehen, nicht selten in Kunstprojekten verrätselt. Mit Andeutungen. Mit Symbolik. Offen für Interpretation. Und doch zugleich deutlich.
Ob das alles Madhi Vaghari umtrieben hat, wissen wir nicht. Er sah die fremde Frau bei einer Rast in der Nähe des Kaspischen Meeres, er fragte sie – „höflich“, wie er betont -, ob er sie fotografieren dürfe. Weil ihn der Wind im Haar, die ganze Szene an „Freiheit und Befreiung“ denken ließ. So einfach war das. So klar. „Niemand“, unterschrieb er sein Bild, so als spreche die Frau selber, „kann meine Seele besitzen“.
Wie der Gesamtsieger des Global Peace Photo Awards 2025 – siehe „Meine Schwester“ und „Niemand kann mir meine Seele nehmen“, unten verlinkt – kommt auch eine der Foto-Serien-Siegerin aus dem Iran. Die Fotografin Fereshteh Eslahi, die „natürlich“ auch nicht zur Preisverleihung kommen konnte, stellte ihre Bilder unter das Motto „But we were so strong“ (aber wir sind stark). In unterschiedlichsten, teils alltäglichen Szenen zeigt sie Frauen – allesamt mit offenem Haar. Und – von der Jury besonders in den Vordergrund gewählt – eine tanzende Frau auf einem Dach. „Ihr Sprung mit ausgebreiteten Armen ist Ausdruck einer Hoffnung, sich von Diktaten aller Art befreien zu können.“
Fereshteh Eslahi hat ein Masterstudium an der Universität von Teheran absolviert. Seit 2014 arbeitet sie für iranische Foto-Agenturen, seit 2017 ist sie Mitglied einer iranischen Pressefotografen-Vereinigung. 2021 wurde sie schon mit einem World Press Photo Award ausgezeichnet.
Bei der Preisverleihung bedankte sich stellvertretend die in Wien lebende aus dem Iran stammende Künstlerin Maryam Kouhestani mit einem friedlichen widerständigen Symbol, einem kleinen Papierkranich, gefaltet von einem verfolgten Künstler im Iran als Teil einer Aktion gegen die Todesstrafe eines anderen Künstlers – siehe auch Bericht über die bewegenden Kranich-Momente, unten verlinkt.
Um Kindern und Jugendlichen wenigstens für einige Stunden aus der ständigen Angst im Krieg zu gönnen hat der libanesische Fotograf Houssam Khatab einen bunten Bus organisiert, den „Art Peace Bus“, gefahren von syrischen Flüchtlingen, in dem die Kinder der Stadt Tyros (Südlibanon) in einen alten Theater-Palast gefahren werden, wo sie mit verschiedenen Darbietungen und Workshops unterhalten werden sollen. „Viele der Kinder haben alles verloren“, sagt der Schauspieler und Direktor des Theaters, Kassem Istambouli, „wir versuchen, den Kriegskreislauf zu unterbrechen und den Kindern Kunst anzubieten als ein Fenster zu größerer Widerstandsfähigkeit.“
Durch die wechselseitigen Angriffe der Hisbollah auf Israel und israelische Gegenschläge verloren schon im Oktober 2024 94.000 Menschen, darunter etwa 30.000 Kinder ihre Heimat – und aktuell hat sich die Lage noch verschlimmert.
Busfahrten und Aktivitäten hat der im Libanon lebende, in Spanien geborene Fotograf Diego Ibarra Sánchez festgehalten: „LBN: On the roaring of the bus“. Als Fotograf und Dokumentar-Filmer will Sánchez nach eigenen Angaben, die Jurysprecher Peter-Matthias Gaede (GEO-Chefredakteur 1994 – 2014) zitierte „mehr erreichen, als nur Ereignisse abzulichten. Er will vor allem zum Nachdenken über den Zustand unserer Welt anregen. Diese Welt hat er unter anderem in Lateinamerika abgebildet, in afrikanischen Ländern, Afghanistan, Pakistan oder den Libanon. Seine Arbeiten sind in der New York Times erschienen, im Spiegel und der NZZ und werden in vielen Ausstellungen gezeigt.“
Für die Reportage „Kenya’s Black Rhino Revival“ hat die US-amerikanische Fotografin Ami Vitale die komplizierte Umsiedlung von 21 Spitzmaulnashörnern, die vom Aussterben bedroht sind, in das Loisaba-Reservat im Norden Kenias begleitet.
Wilderei hat ihren Bestand um dramatische 96 Prozent dezimiert. Ihr Verhängnis: Einem Pulver aus den zwei großen langen Hörnern auf ihrem Schädel wird in Teilen Asiens unverändert zugetraut, eine fiebersenkende, entgiftende, gar krebsheilende Wirkung zu haben – was längst wissenschaftlich widerlegt ist.
Ami Vitales Reportagen – unter anderem für GEO und National Geographic – wurden schon vielfach mit Preisen ausgezeichnet. Je länger sie fotografiert, umso mehr wurde für sie der „Krieg der Menscheng gegen die Natur“ zum Thema – und Gegenbeispiele gelungenen Miteinanders wie bei der besagten, nun preisgewürdigten Umsiedlungsaktion in eine Schutzgebiet – bei dem vor allem die lokalen Communities eingebunden waren.
24.189 Fotos aus 132 Ländern der Welt wurden im Vorjahr für den Global Peace Photo Award (Weltweiter Friedensfoto-Preis) eingereicht – eine deutliche Steigerung gegenüber 2024 (21.220 Fotos aus 112 Ländern). Am vorletzten Märztag 2026, am Montag der Karwoche und damit in den Osterferien fand die feierliche Preisverleihung im Wappensaal des Wiener Rathauses statt.
Bewegend wurde sie nicht nur durch die beeindruckenden Fotos die in Zeiten aktueller neuer Kriege und zunehmender kriegerischer Stimmung und verstärkter undemokratischer Tendenzen und Herrschaftsformen ein starkes Zeichen von friedlichen Gegenmodellen setz(t)en – dazu mehr in einem eigenen Beitrag.
Für berührende Gänsehautmomente sorgten einerseits Schüler:innen mit der Verteilung von gefalteten großen Friedenskranichen an alle Festgäst:innen – die diese dann fliegen ließen. Seit fast 20 Jahren ist die Mittelschule (damals noch Hauptschule) Seitenstetten Biberbach (Mostviertel, Niederösterreich) Friedensschule. Alle Kinder bzw. Jugendliche der Schule lesen das Buch „Sadakos Plan“ von Ingrid und Christian Mitterecker. Die haben die echte Geschichte des Mädchens Sadako Sasaki, die zehn Jahre nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima an den Spätfolgen gestorben ist, neu erzählt, nachdem sie den überlebenden Bruder Masahiro in Japan getroffen hatten. Und der kam 2009 nach Österreich, um einen Originalkranich seiner mit 12 Jahren verstorbenen Schwester vorübergehend in die Schule, letztlich ins Friedensinstitut Schlaining (Burgenland) zu bringen – Kinder-KURIER, Vorläufer von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… hat darüber berichtet, Story dazu unten am Ende des Beitrages verlinkt.
„Wir haben aber die Kraniche nicht nur gefaltet, wir alle kennen die Geschichte von Sadako Sasaki, weil wir sie in der Schule gelesen und darüber gesprochen haben“, verraten heimlich Mathilde Sindhuber und Emma Gelbenegger aus der genannten Schule KiJuKU.at vor Beginn der Veranstaltung. Und ganz kurz lüften sie für Fotos das Tuch über den papierenen, Origami-gefalteten Friedensbotschaftern. Zu diesem Zeitpunkt durften die anderen Festgäst:innen noch nichts von der überraschenden Aktion am Ende der Preisverleihung wissen. Christoph Gelbenegger – „wir sind verwandt“ – zeigt auch seinen Korb mit den Kranichen in verschiedenen Farben und ergänzt: „Wir haben in der Schule auch einen Friedenslauf am 5. Mai.“
Übrigens waren die Schüler:innen der 3a und 3b samt Lehrer:innen an einem Ferientag für diese Aktion zwei Stunden mit dem Bus nach Wien und genauso lange natürlich auch wieder zurück gefahren.
Und – völlig unabgesprochen und zufällig – spielte ein weiterer, diesfalls kleiner Papierkranich eine große Rolle – gefaltet aus einer iranischen Banknote. Wie zwei andere Preisträger:innen des 2013 als Alfred-Fried-Fotografiepreis (benannt nach dem österreichischen Friedensnobelpreisträger 1911, sechs Jahre nach Bertha von Suttner) ins Leben gerufenen Bewerbs, konnte Fereshteh Eslahi aus (nicht nur brandaktuellen kriegsbedingten) Gründen nicht nach Wien kommen.
Stellvertretend nahm die in Wien lebende, im Iran geborene, Multimedia-Künstlerin Maryam Kouhestani, die auch an Unis im Iran und Afghanistan gelehrt hat als das noch möglich war, den Preis entgegen. Auf Umwegen hatte sie, der angesichts der dramatischen Lage oppositioneller Künstler:innen und des Krieges immer wieder Tränen kamen, einen kleinen Origami-Kranich mit der Nummer 222 aus einer gefalteten iranischen Banknote vom Künstler Isa Choulandim bekommen. Der will 1000 Kraniche falten, um den nicht einmal 30-jährigen Schauspieler Hossein Mohammadi, der zunächst vom Regime zum Tode verurteilt worden war, zu retten. Den kleinen so symbolträchtigen Kranich überreichte Maryam Kouhestani dem „Vater“ des Global Peace Photo Awards, Lois Lammerhuber.
Einer japanischen Legende kriegt wer 1000 Kraniche – an sich schon ein Symbol für Glück und Langlebigkeit – faltet von den Göttern einen Wunsch erfüllt (Senbazuru – 1000 Kraniche).
Just am internationalen Kinderbuchtag (2. April) wurde bekannt, dass am Tag davor in Wien die vietnamesische Botschaft unter anderem mit Mira Lobes Sohn und der Geschäftsführerin des Jungbrunnen-Verlags was zu feiern hatten: Die Übersetzung von „Die Omama im Apfelbaum“ – Bà ngoai trên cây táo – vom Erfolgsduo Mira Lobe und Susi Weigel erhält den vietnamesischen Staatspreis für die beste Buchpublikation des Jahres. Und das obwohl auch schon in Vietnam seit einigen Jahren dieses Buch von rund einer Million Kindern gelesen worden ist – oder sie es vorgelesen bekommen haben, wie Botschafter Vu Le Thai Hoang den Gäst:innen – Reinhardt Lobe, Anna Stacher-Gfall (Jungbrunnen), Ernst Woller als Vertreter der Stadt Wien, Dani Pham (Tochter der Übersetzerin Chu Thu Phuong) und Patrick Horvath (Vertreter der Gesellschaft Österreich Vietnam) anvertraute.
Das 1965 erstmals erschienene und seither in mehr als zweieinhalb Dutzend weiteren Auflagen veröffentlichte Buch – Besprechung unten am Ende des Beitrages verlinkt – ist aber „nur“ eines von drei des Duos, das Chu Thu Phuong ins vietnamesische übersetzt hat und vom Kim Dong Verlag veröffentlicht wurde. Die anderen beiden sind Tôi là tôi bé nhơ (Das kleine Ich bin ich – wörtlich Ich bin ich, das kleine Kind) und Thành phô quanh vòng quanh (Das Städtchen Drumherum).
Die Oma, die sich Enkel nach deren Tod ausdenkt und die mit ihm zu den verrücktesten, wilden Abenteuer aufbricht wurde von den Kinderfreunden Ende des vorvorigen Jahres (2024) zum schwungvollen Musiktheater als vorweihnachtliches Geschenk zu ganz neuem Leben erweckt – Links dazu unten am Ende dieses Beitrages. Das Buch selber ist in mehr als 30 Sprachen übersetzt worden. Für jene mehr als zwei Dutzend der rund 100 Mira-Lobe-Bücher, die im Jungbrunnen-Verlag erschienen sind, hat der Verlag Übersetzungslizenzen für 37 Länder vergeben.
Auf einem metallenen Klettergerüst, das die Form eines Elefanten hat, sehen wir auf der ersten Doppelseite die beiden Kinder Nadja und Elias, die schon länger gut befreundet sind. Heute hat Nadja eine Schachtel mitgebracht und ruft „Achtung, zerbrechlich!“
Kekse sind drinnen – das sei hier gern verraten. „Die futtern wir jetzt und den Rest darfst du behalten“, erklärt Nadja. Und dies ist der Einstieg mit dem Nadja ihrem Freund so manches rund um die Bräuche und Gewohnheiten des jüdischen Pessachfestes erklärt.
In dem Fall geht’s nicht darum, etwas – hier die Kekse – zu schenken, sondern „da dürfen kein Brot und keine Kekse in der Wohnung sein.“
Auch wenn Ostern und das einwöchige Pessach heuer fast zeitgleich stattfinden, sind es zwei ganz verschiedene Feste. Gedenken Christ:innen zunächst – am Karfreitag – der Kreuzigung von Jesus und feiern am Sonntag seine Wiederauferstehung, so erinnert Pessach an den nicht gerade freiwilligen „Auszug der Jüd:innen aus Ägypten“.
In einfachen Worten beginnt Nadja diese Geschichte zu erklären, wobei Elias so manches davon schon im christlichen Kommunionsunterricht gehört hat. Zumindest haben sich das die Autorinnen Eva Lezzi und Anna Maria Praßler so ausgedacht 😉 Die bunten Bilder steuerte Cyndia Hartke bei.
Nadja lädt ihren Freund – mit dessen Vater – für den nächsten Tag zum Seder-Abend, den Beginn von Pessach, ein. Warum auf dem Sederteller Kräuter, Meerrettich, ein Ei, ein Knochen, Petersilie und Charosset angerichtet sind – und welche historische Bedeutung diese Lebensmittel haben, wird am Ende des Buches auf einer bilderlosen Doppelseite erklärt.
Dass Charosset ein Mix aus geraspelten Äpfeln, geschnittenen Datteln, Nüssen und Traubensaft ist, das erzählt Nadja aber Elias schon in der Geschichte, wo sie stolz berichtet, dass sie dies gemeinsam mit ihrem älteren Bruder Igor selbst zubereitet hat. Diese köstliche Mischung soll aber an Ziegel erinnern, die Juden als Sklaven für den Pharao schleppen mussten.
„Auch heute werden Menschen unterdrückt oder müssen fliehen“, sagt die Oma nachdenklich.
„In unserer Klasse gibt es zwei Kinder aus Syrien und drei aus der Ukraine“, erzählt Elias. Womit dieses Bilderbuch auch einen Bogen zur Gegenwart spannt.
Der Erklärungs-Doppelseite hätte noch ein Hinweis auf die Verbindungen von Pessach und Ostern ganz gutgetan. So ist in etlichen Sprachen eine mehr als deutliche Verwandtschaft über Religionsgrenzen hinweg zu erkennen: Auf Französisch heißt Ostern Pâques, im Italienischen Pasqua, Pasen (Niederländisch), Påske (Dänisch), Pääsiäinen (Finnisch) Paskalya (Türkisch). Der Zusammenhang: Jesu Kreuzigung fand an einem Pessachfest in Jerusalem statt. Es gibt auch Thesen, dass das „letzte Abendmahl“ von Jesus mit seinen Jüngern ein Seder-Abend gewesen sein könnte.
Da der jüdische Kalender sich nach dem Mond richtet, kommt es nur alle paar Jahre zum zeitlichen Zusammenfall mit Ostern.
Chag sameach (Hebräisch), Frohes Fest, S prazdnikom (Russisch) wird im Buch beglückwünscht, was damit zusammenhängt, dass viele Jüd:innen aus der ehemaligen Sowjetunion wo Russisch in allen Republiken (auch) gesprochen wurde, das Weite suchten.
Ein Korb voller bunt bemalter Ostereier steht in der Wiese. Daneben Schalen mit Farbe, eine Tube Deckweiß, Pinsel liegen herum und ein Hase lehnt erschöpft und dennoch mit hellwachem Blick an einer Hausmauer.
Zehn Eier hat er im Korb ist in der letzten der ersten vier Zeile zu lesen. Und weil sich – auch auf den folgenden Doppelseiten nur zweite und vierte Zeile reimen geht eines der „Eier“ an „Frau Meier“. Ums Haus herum in der „Scheun“ schenkt er ein weiteres dem dort stehenden Kalb, „da sind es nur noch neun“.
Nach dem Muster von Fingerspielen – zehn kleine Fingerlein, Zappelmänner und so weiter – verringert sich in diesem Bilderbuch – Text: Helga Fell, bunte Bilder: Antje Bohnstedt – Reim für Reim, Doppelseite für Doppelseite die Anzahl der Eier. In „Da drüben sitzt der Osterhas“ beschenkt der Eier-Bringer vorbeikommende Menschen und Tiere gleichermaßen. Bis … er nur noch eines im Korb hat.
„Das schönste Ei, das hat der Hase
heute für dich versteckt.
Und er hat schon im Hühnerstall
zehn weitere entdeckt.“
Womit Autorin und Illustratorin auch den Produzentinnen der Eier auf der letzten Doppelseite die Ehre erweisen.
Übrigens, heute, 2. April, ist der internationale Kinderbuchtag; seit 1967 wird der begangen – zu Ehren des Dichters moderner Märchen, Hans Christian Andersen (2. April 1805 – 4. August 1875) – ein spezieller Buchtipp dazu im ersten Link unten.
„Weltpremiere: erster Doppelstock-Zug mit offenem Obergeschoß“, titelten die Österreichischen Bundesbahnen eine Meldung an Medien. „Die ÖBB sorgen für frischen Fahrtwind im Fernverkehr: Mit dem neuen Railjet Sonnendeck präsentieren die ÖBB heute eine absolute Weltneuheit im Bahnverkehr. Das neue Flaggschiff des Fernverkehrs verbindet modernste Technik mit einem offenen Reisegefühl. Am Oberdeck kann das Dach vollständig geöffnet werden und verwandelt den Zug in den ersten „Cabrio“-Panoramazug weltweit…“
Die Meldung wurde am letzten Märztag verschickt – mit „Sperrfrist“ für den Tag danach, durfte also erst heute veröffentlicht werden. Samt Foto, oder besser gesagt, pardon geschrieben, mit bearbeitetem Bild. „April, April!“
Nehme an, alle Empfänger:innen haben erkannt, dass es sich dabei um einen Aprilscherz handelt. Eine lange Tradition, Scherze zu sagen oder machen, auf die andere (vielleicht) reinfallen. Im Kinder-KURIER, dem Vorläufer von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… hatten wir einmal in einer Foto-Montage aus der Zeitungsdruckmaschine Schokolade-Tafeln „drucken“ lassen.
Im Vorjahr lief übrigens in Kinos der Film „Der Prank April, April“, der übrigens stark von den mitwirkenden Kindern bzw. Jugendlichen inspiriert worden war – Besprechung unten verlinkt. Aber woher kommt der Brauch, Menschen „in den April zu schicken“, sie zum Narren zu halten?
Das Online-Lexikon Wikipedia schreibt über mehrere Thesen – und manche Fakten -, wie es zum Aprilscherz in vielen europäischen Ländern und Nordamerika gekommen sein könnte: „Erstmals überliefert ist die Redensart „in den April schicken“ in Deutschland 1618 in Bayern. Der Begriff Aprilscherz bürgerte sich jedoch erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein. In Grimms Deutschem Wörterbuch von 1854 ist zwar in den April schicken und der Aprillsnarr verzeichnet, aber noch nicht der Aprilscherz.“ Aber schon „wie es dazu kam, dass der 1. April zum Tag für besondere Scherze wurde, ist unbekannt“.
„Gesichert“ sei aber „dem Theologen Manfred Becker-Huberti zufolge einzig, dass es schon im Volksglauben der Antike eine Vielzahl von angeblichen Unglückstagen gab (vgl. Freitag, der 13.), zu denen regelmäßig auch der 1. April zählte.“
Die Wikipedia-Seite führt in der Folge noch einige historische Aprilscherze an, auf die viele Menschen reingefallen sind, unter anderem diese:
Wikipedia führt übrigens auch an, dass in anderen Ländern und Erdteilen andere Tage für vergleichbare Witze herhalten müssen: „In Spanien und Lateinamerika gibt es ähnliche Scherze am 28. Dezember, dem Día de los Santos Inocentes (Tag der unschuldigen Kinder).
Keine Scherze
Die österreichsiche Satireplattform „Die Tagespresse“ veröffentlichte am 1. April etliche vermeintliche Aprilscherze, die keine wirklichen sind – etwa die von der Türkis-blauen Regierung unter Sebastian Kurz versprochene „Patientenmilliarde“ oder das Klimaschutzgesetz, das im Regierungsprogramm 2020 schon stand… – Link zu dieser Seite ganz am Ende des Beitrages.
Ein Kinderbett, eine Wand, ein großes Fenster mit Wolken. Unter der Decke bewegt sich was, Hannes wird wach – und beginnt zu träumen. Der Blick auf die Wolken lässt ihn ein Segelschiff erblicken und er wird flugs zum Kapitän mit gelber Segeljacke, rotem Hut und später gelben Gummistiefeln. Von Reisen über die Weltmeere erzählt und singt Lena Matthews-Noske, die den Kindergartenbuben Hannes seit Kurzem im Linzer Theater des Kindes spielt.
Da kommt die Mutter mit Zahnbürste im Mund und treibt den Sohn an. Er solle endlich weitertun, sie seien schon spät dran und so weiter. Kennt wohl jedes Kind. Keine Zeit zum (Tag-)träumen – oder Trödeln wie dies Erwachsene meist bezeichnen.
Im Kindergarten ist dann beim Blick aus dem Fenster starker Regen zu beobachten. Was die Pädagogin veranlasst, Kinder – auch im Publikum – zu fragen, wie Regen entsteht. Um gleich danach anhand gezeichneter Bilder dieses Naturphänomen zu erklären.
Den Hannes aber, der sich schon vorher schwertut mit ruhig sitzen, regt das Nass von oben an, sich eine Regenfrau auszumalen. Und diese zu basteln – aus Knetmasse, Papier und was er gerade in seiner Materialkiste für das „Kleid aus Wasser“ findet. Doch irgendetwas scheint ihm noch zu fehlen. Grübel, grübel…
Der Zwischenruf „Haare“ eines Kindes bei jener Vorstellung in den Osterferien, die Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… besuchte, wird „überhört“. Möglicherweise kannte das Kind die Vorlage für das Stück – das Bilderbuch „Hannes und sein Bumpam“ von Mira Lobe und Susi Weigel – Buchbesprechung am Ende des Beitraes verlinkt. So wie dort, schneidet sich Hannes Haare ab – im Stück trickst die Schauspielerin mit einer künstlichen, ins eigene Haar geklemmten, Strähne, um die Regenfrau zu vollenden. Sie hat’s gebraucht und er hat eh so viele davon.
Die Folge aber ist die gleiche wie im Buch: Die Kindergärtnerin nimmt Hannes die Schere weg – hier allerdings mit einem Schuss selbstbezichtigender Reflexion. „Langsam wird‘ ich zu alt für diesen Job“, sinniert Margarethe (im Buch Grete und dort noch längst überholt, aber schon vor 65 Jahren geschrieben, als „Tante“ tituliert). Weil sie nicht aufgepasst habe, konnte das passieren und Hannes‘ Mutter werde sicher schimpfen. Was sie dann übrigens nicht wirklich tut, nur meint, fürs Haareschneiden gäb’s eben Friseure.
Natürlich findet Hannes es unfair, dass ihm die Schere weggenommen wird, aber er kommt – in der Stückversion – selber auf die Alternative. So reißt er eben drauflos, um die Bilder zu kriegen, die er sonst aus Papier geschnitten hätte. Unter anderem erschafft er Bumpam – hier als Menschen in weißem Frack und so manch buntem Accessoire. Im Buch ist es ein Tier – ein Mix aus Hund und Katz und irgendwas…
In der Nacht taucht dieser Bumpam auf und lädt Hannes zu einer Reise ein. Die führt nicht mit dem Wolken-Segelschiff übers Meer, sondern in das „gerissene“ Land – alle und alles – Landschaft und Tiere sind aus Papier gerissen: Ein Elefant mit Giraffenhals, ein Kaninchen mit Tigeraugen, ein kletternder Wal. Hannes und Bumpam leben sich und ihre Fantasie aus. Samt Gesang und Tanz. Im „gerissenen“ Land aus Papier ist eben alles möglich.
Diesen Bumpam verkörpert Simone Neumayr, die noch Mutter, Elementarpädagogin und die Regenfrau spielt. Mitunter muss sie dabei in Sekundenschnelle von einer in die andere Rolle – samt dazugehöriger Kostüme schlüpfen – und verwandelt sich jedes Mal glaubhaft wunderbar – hin„reißend“ sozusagen.
Guruboo, den Feuerschnauber aus dem Buch, vor dem Ziegelmauer-Fleckentiere flüchten, machen Caroline Richards, die auch Regie führte und Chili Tomasson, der für die Musik verantwortlich zeichnet, in ihrer Bühnenversion zum feuerspeienden Drachen im „gerissenen Land“. Da dort alles aus Papier ist herrscht höchste Gefahr. Alarm.
Was könnte helfen? Nun, was sich Hannes und Bumpam dafür ausdenken und spielen – das wird hier sicher nicht gespoilert. Verraten wird nur, dass der große Bumpam da ganz schön ängstlich zittert, während der sonst zögerliche, verträumte Hannes mutig die überraschende Initiative ergreift…
Die Bühne, die das spielfreudige Loblied auf (Tag-)Träumen und Fantasie, unterstützt, wurde von Ragna Heiny gestaltet, nur das Pferd als Wächter des Reiß-Landes hat glatte Konturen. Hannes-Darstellerin Lena Matthews-Noske entwickelte sich übrigens während der Proben zur ergänzenden Reiß-Meisterin und steuerte so manche der Papierfiguren für die Szenen im Kindergarten bei. Das gab ihre Kollegin – Bühnen-Mutter, -Elementarpädagogin, Regenfrau und gerissener -Spielgefährte Bumpam – Simone Neumayr nach der Vorstellung preis, wo Kinder Fragen stellen und die Bühne inspizieren können.
„Messer, Gabel, Schere, Licht…“ – einem uralt- und zum Glück längst überholten Spruch zufolge seien diese „gefährlichen“ Dinge nix für Kinder. Schon früh (1961, also vor 65 Jahren), veröffentlichte DAS Bilderbuch-Erfolgsduo Mira Lobe und Suis Weigel (wohl am bekanntesten: „Das kleine Ich bin ich“, 1972 erschienen und „Die Geggis“, 1985) ein Bilderbuch, in dem Schere eine wichtige Rolle spielt. Noch mehr allerdings Fantasie.
Hannes, ein Kindergartenkind, sieht am Himmel nicht nur Wolken: „Auf dem blauen Himmelsmeer / fahr ich mit dem Wolkensegel / her und hin und hin und her.“ Auf der grauen Mauer, von der an manchen Stellen der Putz schon abgefallen ist und an so manchen Stellen die darunter liegenden Ziegel auftauchen, entdeckt er alle möglichen orange-weiß gemusterten Tiere.
Und vom Regen fasziniert, bastelt er eine Regenfrau aus Knetmasse, Stofffetzerln und für die Haare – ja da schneidet er sich selber welche ab. Was die Elementarpädagogin – damals noch üblich als „Tante“ bezeichnet – dazu veranlasst, ihm die Schere wegzunehmen – zwar von junger Gestalt und Gesicht, aber von uraltem Denken.
„Schäm dich, Hannes!“, sagt sie traurig und nimmt ihm die Schere weg.
Still geht er zurück zum Fenster.
Draußen ists noch immer grau …
„Warum darf die Regenfrau,
wo ich so viel Haare habe,
nicht ein paar davon bekommen?“
Und so ist er darauf angewiesen, die weitere Arbeit nur mit Ausreißen zu erledigen. Für sein Tier, das er spontan Bumpam nennt, lachen ihn die anderen Kinder aus. Im Traum erscheint ihm sein Bumpam und nimmt ihn mit in ein Fantasieland, wo es nur so von ausgerissenen Tieren und Landschaften wimmelt.
Das veranlasst ihn, am nächsten Tag im Kindergarten seinem in der Lade verstecktem hundeähnlichen Wesen vom Vortag viele neue tierische Gefährt:innen hinzuzufügen. Und siehe da, auf einmal finden die anderen Kinder das ziemlich toll. Sogar die Pädagogin namens Grete meint nun „bewundernd: Das ist aber schön geworden!“
Und so machen Lobe und Weigel den erst verspotteten Buben nun zum Vorreiter einer Technik, die andere Kinder von ihm lernen wollen…
Vor knapp mehr als zehn Jahren wurde „Hannes uns ein Bumpam“ – in der Originalversion – neu aufgelegt – und wurde nun vom Theater des Kindes in Linz für die Bühne inszeniert – Stückbesprechung in einem eigenen Beitrag, unten verlinkt.
Demo-Puzzle – eine neue Form von Demonstrationen statt eines Sternmarsches? Vorstellung neu(artig)er Puzzles?
Keineswegs, es handelt sich tatsächlich um klassische 2D-Puzzles, drei verschiedene, noch dazu in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Alle drei fertigen Bilder haben mit Demo-kratie zu tun. Demonstrationen gehören gewiss dazu, sind aber nur ein Teil davon. Und – im Singular – übrigens eines der Wörter das im Bild mittlerer Schwierigkeit neben Gerechtigkeit, Mitbestimmung und Meinungsfreiheit rund um eine geballte Faust stehen – alles im Grafitti-Style. Wie auch die anderen sowie die jeweiligen Doppelbilder eines Demo-rys.
Die Fachstelle Demokratie hat jüngst ein umfangreiches Paket mit Materialien fertig- und vorgestellt, die spielerisch zentrale Begriffe und Methoden von Mitbestimmung (Partizipation) und Teilhabe vermitteln wollen und sollen. Natürlich gehören dazu auch Wahlen, Parlament, Parteien, Politiker:innen, Kandidat:innen und so weiter.
Memory, Puzzles und Scrabble sollen und wollen aber nicht als pädagogische Vorbereitung für Tests (miss-)verstanden werden, sondern als spielerische Anreize sich ausgehend von den Begriffen mit den Themen und möglicher Praxis zu beschäftigen. In geringerer Auflage, weil doch deutlich aufwändiger in der Gestaltung, gibt es auch ein Jenga mit einigen der zentralen Demokratie-Begriffe.
Erstens ist Demokratie mehr als alle paar Jahre die Stimme abzugeben – oder sollte es jedenfalls sein. Zweitens dürfen gerade viele Jugendliche – auch wenn in Österreich vor fast 20 Jahren (2007) das Wahlalter auf 16 Jahre gesenkt wurde – nicht wählen, weil sie nicht die „richtige“ Staatsbürger:innenschaft haben. Dies stellte übrigens knapp vor den Osterferien der bekannte ORF-ZiB2-Anchorman Armin Wolf in einem ausführlichen Social Media-Posting erstaunt fest, nachdem er mit Jugendlichen einer Polytechnischen Schule diskutiert hatte. Auf BlueSky meinte er unter anderem: „Das (!) man dort wählen darf, wo man lebt, scheint mir vernünftig. Es ist absurd, dass Österreicher, die seit 20 Jahren im Ausland leben, hier wählen dürfen, aber viele Menschen, die seit 20 Jahren hier leben, nicht.“
Die Wiener Jugendzentren, zu denen die Fachstelle Demokratie gehört, die aber für die gesamte offene, außerschulische Jugendarbeit zuständig ist, haben schon unter anderem bei den beiden vergangenen Wien-Wahlen mit Plakaten und Aktionen darauf hingewiesen, dass 2024 mehr als die Hälfte (55 Prozent) jener Wiener:innen ab 16 Jahren (Wahlalter), die nicht wahlberechtigt sind, schon mindesten zehn 10 Jahre in Wien leben. Elf Prozent der bei der Wiener Gemeinderatswahl 2025 nicht wahlberechtigten 16 bis 30-Jährigen sind bereits in Österreich geboren worden!
Im Demokratie-Monitor 2024 – erhoben von Foresight für das Parlament – zeigten sich neun von zehn jungen Menschen (16- bis 26) „von der Demokratie als bester Staatsform überzeugt. Dass das politische System in Österreich gut funktioniert, denken derzeit jedoch nur 44% – im Jahr 2018 lag dieser Wert noch bei 69%.“
Das umfangreiche Paket an Materialien der genannten Fachstelle beinhaltet aber auch spielerische Denkanstöße zur eigenen Reflexion für Vereine, Institutionen, Einrichtungen, Initiativen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Kärtchen und eine 1 bis 10 Partizipations-Skala wollen und sollen die Mitarbeiter:innen in den Teams anregen, zu überprüfen, wieweit die jungen Menschen in dieser Einrichtung wirklich mitbestimmen können – und wobei. Und ob es da nicht auch so manchen Verbesserungsbedarf in der (täglichen) Praxis geben könnte… – Bei der Erstellung der Materialien übrigens gab es diese Partizipation nicht, da hätten die Ressourcen dazu gefehlt, wurde Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… auf die entsprechende Frage geantwortet.
Die genannten Spiele können bei der Fachstelle Demokratie – Link unten am Ende des Beitrages in einer Info-Box – ausgeborgt werden. Es gibt sie aber auch als Druckvorlage zum Downloaden – nur das Jenga natürlich nicht.
Kürzlich wurde vom ORF das flauschig-kuschelig-zottelige Maskottchen für den Eurovision Song Contest in fröhlich bunten Farben, unter anderem Pink und mit lila Rüssel samt goldenen Kopfhörern vorgestellt. Auri wird es genannt und „steht für Offenheit, Respekt und die Freude am Miteinander“, verkündete der öffentlich-rechtliche Sender, Ausrichter des internatinalen Gesangswettbewerbs. Und Auri habe „eine klare Botschaft: An sich selbst zu glauben und mit der Unterstützung von Familie und Freunden Träume zu verfolgen. Damit richtet sich das Maskottchen an Menschen jeden Alters, besonders aber an Kinder.“
ORF-Redakteurin und -Moderatorin Yvonne Lacina-Blaha hat sich rund um das Maskottchen eine ganze Geschichte ausgedacht, die Herwig Holzmann illustriert hat und die vom Buchklub als „Österreichs größter Leseförderorganisation“ herausgegeben wurde.
Bei der Namensgebung wurde offenbar zuvor nicht recherchiert, taucht doch als allererster Eintrag bei der Internetsuche ein Stromanbieter auf (aus nachhaltigen Quellen und zum Raiffeisenkonzern gehören). Sämtliche späteren Seiten über Namen leiten Auri als Form von Aura, Aurora oder Aurelia ab und charakterisieren ihn als weiblichen Vornamen. Dennoch machte die Autorin Auri zum Buben – Untertitel „Die Show seines Lebens“.
Wie auch immer, als Auri vom Song Contest erfährt, ist das Ziel, dabei zu sein. Nicht im Publikum, nicht als Fan oder was auch immer, sondern mitten auf der Bühne. Denn Singen ist Auris Leidenschaft.
Selbst während des Mathetests „wirbeln nur Melodien durch seinen Kopf. Dieser Wettbewerb lässt ihn einfach nicht los“. Auf Seite 10 mit Wörterwolke über seinem Gesicht mit erschrecktem Blick sticht dann die Zeile „Oberchaos im Kopf“ hervor – und die wird das Leitmotiv für den Song.
Und obwohl er Star werden will, ist Auri sich zwischendurch immer wieder nicht ganz sicher, ob er sich so einen Auftritt zutrauen kann und will. Da hilft Feli mit ihrer Gitarre, die sich schnell eine Melodie einfallen lässt. Auch wenn das nicht leicht sein dürfte, holpert der Songtext doch ein wenig:
„Oberchaos im Kopf,
wie werde ich das los?
An mich glauben – und es wagen,
mutig meinen Weg zu gehen.
Egal, was andere auch sagen!“
Als dritte im Bunde gesellt sich Ella – erst „nur“ als Schneiderin glitzernder Kostüme für die Show und letztlich als Tänzerin – dazu. Dennoch bleibt der Songtext konzentriert auf Auri – zwei Mädchen verhelfen somit dem Buben zum Star zu werden. Wenngleich der am Ende schon das „wir“ checkt.
Auf der letzten Doppelseite gibt’s unter dem Titel „Ganz schön verrückt“ einige Fakten zum Eurovision Song Contest und seiner mittlerweile 70-jährigen Geschichte – unter anderem, dass es beim Finale 2014 in Kopenhagen (Dänemark) live Grüße aus dem Weltall – vom Astronauten Alexander Gerst gab.
Auch wenn das Wetter sich nicht an Kalender hält und es nun bei der Umstellung auf die Sommerzeit (in der Nacht vom 28. auf den 29. März 2026) fast winterlich anfühlt, so hat auch der Frühling schon seit einer Woche Einzug gehalten – laut Kalender am 20. März.
Das Erwachen der Natur ist für gut 300 Millionen Menschen immer auch der Start eines neuen Jahres: Nawrouz, Novruz, Nowrouz, Nowrouz, Nawrouz, Nauryz, Nooruz, Nowruz, Navruz, Nevruz, Nowruz, Navruz (übersetzt: neuer Tag) – in den verschiedenen Regionen und Ländern des kurdisch-persischen Kulturbereichs, nunmehr übrigens des Jahres 1405, bei Kurd:innen allerdings schon 2638. Nach dem jüdischen Kalender (Jahreswechsel im Herbst) befinden wir uns im Jahr 5786, der islamische Kalender schreibt 1447. Das Jahr des Feuerpferdes ist dem chinesischen, aber auch dem tibetischen Kalender zufolge – nach dem erstgenannten das Jahr 4723; für Tibet gibt es drei unterschiedliche Null-Jahre und entsprechend entweder das Jahr 1000 oder 1772 oder 2152.
Sowohl Frühling als auch Winter hat die studierte Grafikdesignerin (in Teheran, der Hauptstadt des Iran und später in New York, die seit 15 Jahren in den USA lebt) personifiziert. „Willkommen, Onkel Nouruz!“ heißt das von ihr verfasste und farbenfroh gezeichnete Bilderbuch. Naneh Sarma ist demnach eine ältere Frau in einem kleinen iranischen Dorf – und die Großmutter des Winters. Jahr für Jahr wartete sie – in eine Wolldecke eingekuschelt auf die Ankunft „ihres alten Freundes“, des „heiteren alten Onkels Nouruz“.
Und immer verschläft sie seine Ankunft, er kann nicht lang bleiben, muss schnell weiter, auch anderen den Frühling bringen. In diesem Jahr, das nun das Bilderbuch beschreibt, soll es anders sein. Deshalb lädt sie ihre Enkelkinder ein – die ja dann eigentlich allesamt mit dem Winter verwandt sein müssten – Geschwister oder wenigstens Cousins und Kusinen, oder?!
Wie auch immer – Oma und Enkel bereiten sich auf den Gast vor – und greifen dazu zu den Traditionen des persischen Neujahrsfestes – vom nicht nur in dieser Kultur bekannten Frühlingsputz bis zum typischen „Haft-Sīn“-Tisch: Sieben Sachen, die – im Persischen bzw. Farsi mit dem Buchstaben S beginnen – was im Buch fehlt. Und so kaufen sie am Markt nicht nur Sabseh – grüne Sprossen von Getreide, und das Gewürz Somaq, sondern auch Äpfel, weil sie Sib heißen, Essig (Serke)… Üblicherweise kommen noch Knoblauch (Sir) und Münzen (Sekke) auf den 7er-Tisch dazu; die Hyazinthen (Sombol) auf die Oma und Kinder in der Eile vergessen haben, bringt der Onkel selber mit.
Der Originaltext ist offenbar auf Englisch erschienen (als Buch findet es sich auf ihrer Homepage nicht) und daraus von Susanne Seidita übersetzt; weshalb sowohl die sieben Sachen noch dazu mit S nicht erschließen als auch darauf verzichtet wird, dass er Name Naneh Sarma sicher nicht zufällig von der Autorin und Illustratorin gewählt wurde, heißt der doch „Oma kalt“.
Unter Kurd:innen hat der Neujahrstag – Newroz – eine viel politischere Bedeutung: Eine Legende besagt, dass an diesem Tag 612 v. u. Z. der Schmied Kaveh den Widerstand gegen den kinderfressenden Tyrannen Dahak (Zohak, Dahaq) angeführt und diesen getötet haben soll. Aus Freude darüber wurden Feuer angezündet, die leuchtend die Kunde über den gelungenen Aufstand verbreiteten. Weshalb bei kurdischen Neujahrsfeiern oft Feuer entfacht werden; dafür gibt es da nicht den Brauch mit den sieben Dingen mit dem Anfangsbuchstaben S.
Seit eineinhalb Jahrzehnten (Mai 2010) ist nach UNO-Beschluss der „internationale Nouruz-Tag“ anerkannt: „Nouruz ist ein Frühlingsfest, das von mehr als 300 Millionen Menschen seit mehr als 3000 Jahren auf der Balkanhalbinsel, in der Schwarzmeerregion, im Kaukasus, in Zentralasien und im Nahen Osten gefeiert wird“.
Auf der Seite des Verlags von „Willkommen, Onkel Nouruz! Wir feiern den Frühling“ gibt es unter „Lehrmaterialien“ eine Ausmalvorlage „Happy Nouruz“ zum Downloaden.
Übrigens von wegen Frühlingsbeginne und Wintereinbruch. Im Wiener MuseumsQuartier ist ein Stiegen-Abgang noch immer geschlossen und mit einer Tafel „Wintersperre“ versehen 😉 Seit fast zwei Wochen – damals mit Fotos bei strahlendem Sonnenschein und mehr als frühlingshaften Temperaturen – wurde auch die Frage, wann hier der Winter endet, nicht beantwortet.
Ach, wie die Zeit rasend schnell vergeht – auch wenn der Sand aus einer überdimensionalen halben Sanduhr gar nicht so schnell rieselt. Aus dem Mädchen Helena Matzawrakos ist die nicht viel größere, aber längst erwachsene Schauspielerin Kirstin Schwab geworden.
Die ersten Worte aus dem Off gehen bei der Vorstellung von „Es ist Zeit“, die Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… besuchte, gehen fast unter: Schüler:innen mehrerer Schulklassen begrüßen das Stück mit donnerndem Applaus und Jubel.
Als sie dann doch zu hören sind, pendeln die von Kinderstimmen aufgenommenen Sätze zwischen Schilderung des Geschehens ähnlich einer Audiodeskription und Kommentar bzw. Gedanken. Könnte die Hauptfigur sein, die ist aber alt… – „44 – ein schwieriges Alter!“ Die Sätze erklingen auf Deutsch, Ukrainische, später ist auch BKS (Bosnisch / Kroatisch / Serbisch) zu hören. Italienisch, Französisch und Englisch bringt Schwab später noch ins Spiel.
Zeit – sie wird „gemessen“ – und auf Messen ist die Protagonistin versessen – mit hölzernem Klapp-Maßstab, Fieberthermometer, Blutdruckmessgeräte und weiteren Werkzeugen vermisst sie diverse körperliche Eigenschaften und Ausprägungen und hält sie mit einem kräftigen Stift auf einer Art Zeltwand fest.
Aus der tönen Geräusche und Musik. Als würde dies unbegrenzt groß sein, tauchen der Reihe nach Musiker:innen auf: Maiken Beer (Violoncello), Viola Falb (Saxophon, Bassklarinette), Sophia Goidinger-Koch (Violine), Damaris Richerts (Trompete), Raphael Meinhart (Schlagwerk). Zwischen laaaangsam und ziemlich schnell wechselt das Tempo der Musiker:innen von Studio Dan. Gemeinsam mit dem TaO!, dem Theater am (Grazer) Ortweinplatz haben sie diese atmosphärische, sinnlich erlebbare Performance rund um Zeit erarbeitet haben (Regie und Co-Konzept: Manfred Weissensteiner; Komposition: Oxana Omelchuk; musikalische Leitung und Co-Konzept: Daniel Riegler; Text: Johannes Schrettle). Koproduktionspartner:innen waren Theaterland Steiermark, Wien Modern und das Wiener Konzerthaus. Derzeit ist das Stück – noch bis Sonntag, 29. März, im Dschungel Wien, dem Theaterhaus für junges Publikum im MuseumsQuartier zu erleben.
Immer wieder startet ein optischer Countdown mit digitaler Anzeige von fünf Minuten runter. Mehr oder minder hektisch versucht die (erwachsene) Performerin in diesem knappen Zeitraum irgendein Rätsel zu lösen, von dem auch niemand weiß, welches es ist. Irgendetwas mit Zeit dürfte es zu tun haben – allein schon vom Titel her.
Der Tempowechsel in Schauspiel und Musik lässt bei den immer wieder kehrenden 5-Minuten-Countdowns direkt mitspüren, wie ein und die gleiche Zeitspanne ganz unterschiedlich empfunden werden kann. Was jede und jeder aus Dutzendfachen Alltagserfahrungen und -erleben ohnehin kennt, aber hier in einem verspielten, hörbaren Setting von außen betrachten kann.
Eine Stunde lang tauchten – und das schon nach wenigen Minuten – Konzertbesucher:innen im Saal der Volkshochschule Großjedlersdorf bei Junge Theater Wien-Floridsdorf ein in eine von Musik und Erzählung erschaffene Fantasiewelt rund um einen Kuscheltier-Zoo. Und Rosalie, ein Mädchen, das so gar nicht gleich schlafen will.
Und so erzählt Marko Simsa, seit fast 40 Jahren Vermittler klassischer Musik für Kinder, meist in Form szenischer Konzerte und / oder Geschichten, die stark von Musik getragen sind, in „Das Zookonzert“ wie Rosalie dem Vater abringt, zwar ins Bett zu gehen, aber noch mit den Kuscheltieren ein „wenig“ spielen zu dürfen. Die erwachen zum eigenständigen Leben – erzählt und vor allem musikalisch ausgedrückt. Klassischerweise „trompetet“ der Elefant und so verleiht ihm Franz Wallner mit diesem Blechblasinstrument die entsprechende Stimme.
Christina Neubauer auf der Geige), Peter Forcher mit Bass-)Klarinetten, Angelika Riedl (Fagott, das übrigens zur Überraschung des Erzählers viele Kinder erkannten) und Erke Duit, der die Musik geschrieben hat und am Klavier spielte lassen Papagei, Pferd, Kuh, Schwein, Faultier, Pinguine, Tausendfüßler, ein Krokodil sowie eine Schnecke, die plötzlich zur Turboschnecke wird, akustisch lebendig werden. Immer wieder animiert Simsa das junge und jüngste Publikum zum Mitmachen. Beim Pinguin-Watscheln machen sogar Erwachsene mit und beim Quaken der Frösche erst recht. Die Tausendfüßler-Kette bleibt den Kindern und ihm selber als „Kopf“ vorbehalten.
Ältere Semester erinnert die Story stark an Mira Lobes „Valerie und die Gute-Nacht-Schaukel“ (1981 mit Illustrationen von Winfried Opgenoorth) wo auch der Papa möchte, dass die Tochter ihre Nachtruhe beginnt. Die ist – wie viele Kinder – noch nicht wirklich müde und möchte gern noch spielen. Wurde diese Valerie schon drei Jahre nach der Buchveröffentlichung von Erich Meixner vertont und vom Schmetterlinge Kindertheater als Musical jahrzehntelang gespielt, so erlebte „Das Zookonzert“ 2008 seine Premiere.
Obwohl er natürlich Buch und das Kindermusical kannte, sei das nicht seine Inspirationsquell gewesen, verrät Marko Simsa Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr.
Nach mehr als zehn Jahren unzähliger Konzerte „Der Karneval der Tiere“ (Musik von Camille Saint-Saëns, 1886) wollten er und sein musikalischer Partner für viel der Projekte, Erke Duit, „ein neues, eher klassisches Konzert zum Thema Tiere machen“.
Beim Überlegen sei irgendwann die Idee von Stofftieren aufgetaucht, weil dabei der Fantasie keine Grenzen gesetzt seien. So kam’s zur Story und dem Konzert – meist für das schon genannte Quintett.
Und wie aus anderen dieser Konzerte oder szenischen stücke wurde daraus auch ein Bilderbuch – damals noch mit CD und anderem, größeren Orchester – siehe Link zu einer eigenen Buch-Besprechung unten.
Ist dir vielleicht nicht unbekannt – deine Eltern hätten gern, dass du jetzt schlafen gehst. Du bist aber noch gar nicht wirklich (ganz) müde. Würdest so gern noch…
Auch etliche Bilderbücher drehen sich um dieses Thema. Ein sehr bekanntes ist „Valerie und die Gute-Nacht-Schaukel“ von Mira Lobe (mit Bildern von Winfried Opgenoorth), das schon vor mehr als 40 Jahren auch vertont als Musical immer und immer wieder gespielt wurde.
Ein anderes – auch mit Musik, und zwar in dem Fall klassischer – ist „Das Zookonzert“. Rosalie, die Hauptfigur, ist eben noch nicht müde, auch wenn ihr Papa meint, es sei Schlafenszeit. Zumindest ins Bett geht sie – dort hat sie einen ganz schön großen Zoo aus Stoff- und Kuscheltieren.
Marko Simsa, der seit fast 40 Jahren vor allem klassische Musik in Konzerten, Theaterstücken und Büchern – oft eben mit beigelegter Musik – in Geschichten verpackt, hat sich für viele der Tiere eigene kleine Stories ausgedacht. Zum Beispiel von einer Kuh und einem Schwein, die sich verlieben, von einem Faultier, das endlich seine Ruhe haben will, Pinguinen, einem hungrigen Krokodil – das aber natürlich nicht, so viel sei schon verraten, die anderen auffrisst.
Eine laaangsame Schnecke wirft plötzlich den Turbo an und beginnt zu rasen. Ferdinand ist ein Seefahrer-Papagei, der liebend gern seine Ozean-Abenteuer erzählen würde, aber immer nicht an der Reihe ist… dafür aber alles Mögliche zum Skandal erklärt.
Zu dieser Geschichte auf mehr als zwei Dutzend Seiten hat sich Silke Brix viele bunte, immer wieder witzige Zeichnungen einfallen lassen. Und in kleinen Kreisen stehen auf den Seiten Nummern für die dazu komponierten Musikstücke auf der CD.
Beim „Zookonzert“-Buch war’s umgekehrt wie bei der gute-Nacht-Schaukel: Die Konzerte – Komposition von Erke Duit, der auch dirigierte – gab’s schon einige Jahre, dann wurde daraus ein Buch – mit beigelegter CD und der Musik. Für die CD zum Buch wurde sie von einem größeren Orchester eingespielt, der Camerata Wien. Auf der vorletzten Buchseite sind alle Instrumente, die bei dieser Aufnahme gespielt wurden, aufgezeichnet und benannt – leider nicht die Musiker:innen.
In kleinerer Besetzung – als Quintett – ist „Das Zookonzert“ immer wieder auch live zu erleben, vor Kurzem bei Junge Theater Wien in der Volkshochschule Großjedlersdorf (Floridsdorf; 21. Bezirk) – dazu ein eigener Bericht von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… – unten verlinkt.
Ein Gestänge, das an ein Gewächshaus erinnert. Grünlich schimmernde aus zugeschnittenen und zusammengenähten mit Luft und Styropor gefüllten Folien geformte „Salatblätter“ thronen in der Mitte dieses offenen Hauses. Ähnliche – nicht gefüllte – Blätter aus diesem Material (Gewächshausfolien) sind auf dem Boden im Veranstaltungsraum von WuK-Kinderkultur verteilt.
Neugierig betrachten die allerjüngsten Theaterbesucher:innen (angegeben von 6 bis 24 Monaten) das Geschehen rund um diesen künstlichen und künstlerischen, überdimensionalen Salatkopf. Die ersten trippeln, kriechen, krabbeln in Richtung des Objekts und der beiden Performerinnen von Theater.Nuu. Sarah Gaderer und Laura-Lee Jacobi verwandeln sich in riesige Schnecken, während die dritte im Bunde der gemeinsamen Stück-Entwicklerinnen, Aurora Hackl Timón, auf einer Art DJ-Pult musiziert, unter anderem auf einer liegenden Gitarre.
Und weil „Salat“ – so die jüngste Performance der Theatergruppe, die meist für jüngstes Publikum spielt – sich nicht auf die grünen Blätter beschränkt, tummeln sich so manche Lebewesen, wie sie in der Natur auf echtem Salat ihre Heimat – oder Nahrung – haben auch hier. Kleine Würmer aus Locken-Papilotten, ein großer Regenwurm aus viiielen rosa Trinkbechern, der sich auch teilen und als mehrere kleine Würmer weiter durch den Raum bewegen kann – mit Hilfe der Hände der Performerinnen, aber auch von Kindern, die mittlerweile nach Schauen, Beobachten und Staunen längst zu Mitakteur:innen geworden sind.
Lebewesen, die für menschliche Augen (fast) zu klein sind wie Bakterien und Mikroorganismen wurden -zig-fach vergrößert und zu spannenden Fantasiewesen, unter anderem eines, das sowohl schwarze als auch rosa knuddelige Bällchen „kackt“. Bälle unter durchsichtigen (Arm-)Strümpfen werden zu Raupen, ein Salatblatt zu einem Schmetterlingsflügel und an manchen Stellen wird reimend gesungen von Schnecken und Flecken, Verstecken und Ecken.
Gegen Ende musizieren alle drei Performerinnen – ein Saxofon, ein eBass, eine Trompete kommen ins Spiel (Musik: Aurora Hackl Timón, Manuel Riegler) auf der entdeckungs-animierenden Wimmelbildbühne (Helene Payrhuber, Veronika Müller-Hauszer). Bevor ganz am Ende die Bühne den Kindern überlassen wird.
Theater für allerjüngstes Publikum gehört wohl mit zu den größten Herausforderungen für Künstler:innen. Übrigens ähnlich wie in der Bildung, wo Elementarpädagog:innen die wichtigste Aufgabe übernehmen – auch wenn in beiden Bereichen diese Arbeit nicht den ihr gebührenden Stellenwert einnimmt.
Verantwortungsvolle, hochqualitative Arbeit stülpt Kindern nichts über, sondern begegnet ihnen auf Augenhöhe, bezieht ihr ko-kreatives Potenzial in die Gestaltung ein. Was bei „Salat“ – wie auch bei früheren Produktionen – exemplarisch gelingt. Nicht zuletzt, weil die erwachsenen Begleitpersonen die einleitende Gebrauchsanleitung bei der Premiere im Wiener WuK befolgt und sich zurückgehalten, ihren Kindern freien „lauf“ gelassen und auch ihre Smartphones eingesteckt lassen haben 😉
„Sie liebt mich, sie liebt mich nicht, sie …“ – die Blütenblätter eines überdimensionalen Gänseblümchens müssen dran glauben. Jakob, Sohn des Müllers, will checken, ob er Chancen bei Sophie, der Königstochter, hat. In die hat er sich verliebt, auch wenn er sie gar nicht kennt. Die Mühle will er – entgegen dem Wunsch seines Vaters, der sich zur Ruhe setzten möchte – nicht übernehmen. Soll er aber, obwohl sich Marie, seine Tochter, wünscht selber diesen Job zu übernehmen.
Damit sind gleich zu Beginn Änderungen dieser flotten, modernen Version vom Grimm’schen Märchen „Der gestiefelte Kater“ in der ersten Szene zu erleben. Seit kurzem läuft es im Rabenhoftheater – in Kooperation mit dem Theater der Jugend – in der Reihe Classics for Kids. Statt als dritter und jüngster Sohn abgespeist zu werden, will er die Mühle gar nicht, dafür hat er eine Schwester, die das Unternehmen fortzuführen gedenkt.
Die Grundgeschichte bleibt natürlich gleich: Dieser Sohn (Edward Lischka) kriegt den Kater – der übrigens Kasimir heißt und wie die meisten Figuren hier im Gegensatz zum Märchen damit einen Namen trägt. Kasimir (Bettina Schwarz) drängt, ja nötigt seinen Herrn, ihm Stiefel anfertigen zu lassen – was auch aus dem Original bekannt ist und dem Märchen den Titel verliehen hat. Der Schuster, vielmehr bester Schuhmachermeister weit und breit – ebenso von Bernhard Majcen gespielt wie der Müller und der König – ist anfangs ganz und gar nicht begeistert von diesem Auftrag.
Im Rabenhof ist der Kater übrigens noch eitler – ein wahrer Modegeck (Kostüme: Julia Klug), immer wieder posierend. Gerade, dass er nicht ständig ein Smartphone zücken und Fotos posten würde. In diesem Gehabe steht übrigens der König dem Kater nicht nach. Der nimmt mit einem goldverzierten Handspiegel Anleihe bei einem anderen Märchen, um sich – und seine Macht – spiegeln zu lassen, als Schönster, Bester, Größter und so weiter.
Natürlich checkt auch im großen Kellertheater in diesem riesigen weit verzweigten Gemeindebau der Kater die Begegnung seines nackten Herrn, dessen Kleidung er beim Baden versteckt hat, mit König und Prinzessin in deren Kutsche. Ausfindig gemacht hat Kasimir deren Tour beim Besuch in der Schlossküche, wo er sich gut und gern den Bauch vollschlägt.
Bling, bling, bling klappern die Augen von Sophie und Jakob bei diesem ersten irgendwie peinlichen Treffen. Und natürlich geht nicht gleich alles glatt, braucht es Komplikationen und Wendungen. Sophies Vater hat ständig und standesgemäße Heiratspläne für seine Tochter. Was diese schon vorher und mehr als verständlicherweise gar nicht schätzt.
Bevor’s zum Happy End kommt, bringt Roman Freigaßner-Hauser (Buch und Regie) auf der mit wenigen Drehs wandelbaren Bühne (Thomas Garvie) noch einen bösen Zauberer ins Spiel und die sich doch anbahnende Hochzeit von Jakob und Sophie über eine Wette in Gefahr. Aber…
Und so wie Clara Lou Kindel als Sophie ihren Vater, den König, letztlich überzeugen kann, so gelingt ihr dies auch als Marie beim Müller – 2:0 für die Tochter gegen die beiden Väter 😉
Wie immer in der für das Theater der Jugend laufenden Rabenhoftheater-Reihe Classics for Kids – ob Märchen oder antike Stoffe – lebt auch diese Inszenierung von zeitgemäßen Modernisierungen gepaart mit viel Humor sowie Spiel- und Wortwitz, was einen kurzweiligen Theaternachmittag mit beschert.
Auf dem Schachbrettboden stehen eine Leiter und etliche weiße, große, ovale Kübel wie sie üblicherweise Farben beinhalten. Offenbar ist Ausmalen angesagt. Ein Mann in weißem Overall betritt pfeifend die Bühne, ein uraltes Radio in Händen, stellt dieses auf die Trittfläche der Leiter, hängte einen Schlüsselanhänger mit Flaschenöffner darüber, klappt einen Maßstab auf und beginnt sozusagen auszumessen, wo er wie streichen wird.
Es ertönt der bekannte Song „Living Next Door to Alice“ – ursprünglich von Nicky Chinn und Mike Chapman, weltbekannt geworden durch die britisch Band Smokie, noch berühmter geworden durch einen Zwischenruf aus dem Publikum bei einem Live-Auftritt mit der Frage, wer denn diese Alice sei, verbunden mit einem englischen F-Wort; was in später aufgenommenen Versionen gleich eingebaut wurde. Aus dem Radio ertönen aber auch Nachrichten, die von Hitzewellen, Überschwemmungen und anderen durch die Klimakrise hervorgerufenen Naturkatastrophen berichten.
Schon das Setting und erst recht dieser Song legen nahe, diese Version, geschrieben von Stefan Lasko, der auch die Musik beisteuerte, weicht doch etwas ab von Lewis Carrolls Fassung. Alice taucht als Tochter des ausmalenden Vaters auf, der sie als Zehnjährige mit zehn Zehen vorstellt. Ein krampfhaftes Wortspiel, das die Tochter mehr als peinlich findet – und auch so benennt. Übrigens sind die Darstellerin der Alice, Ilvie Moritz, und ihr Bühnenvater, Reinhold G. Moritz, in echt Tochter und Vater. Und spielen nicht zum ersten Mal gemeinsam Theater, wie die junge Hauptdarstellerin im Interview mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… erzählt – unten am Ende dieses Beitrags verlinkt.
Ausgehend von dem folgenden Disput um groß und klein tauchen die beiden in der folgenden knappen Stunde in verschiedene Szenen von Carolls Wunderland (Regie: Caroline Richards) ein in dem Schrumpfung und rasantes Wachstum großen Raum einnehmen. Ilvie ist Alice – sowohl lebensgroß als auch als Stimme für eine kleine handliche Figur als Abbild von ihr. Mehrfach spricht sie auch das Publikum direkt an – unter anderem mit der Frage „kommt ihr mit ins Wunderland?!“ In mehreren Szenen singt sie ins Stück eingebettete Lieder. Jedenfalls füllt sie die Hauptrolle in all ihren Spielarten – ob im Wunderland oder als Tochter des ausmalenden Vaters – überzeugend aus.
Ihr Vater, ein begnadeter Rollenwechsler (legendär sein Ein-Personenstück „Die Wanze – ein Insektenkrimi“, Buch von Paul Shipton) springt und hoppelt vom sprechenden weißen Kaninchen mit der Angst zu spät zur Herzkönigin zu kommen gleich in deren Rolle. Besonders witzig ist er als sozusagen mit sich selbst streitende Zwillinge Diedeldum und Diedeldei. Dazu gibt er noch die Raupe, die personifizierte Teeparty und natürlich nicht zu vergessen die berühmte auch über die Alice-Geschichte hinaus verselbstständigte ewige Grinse-Katze.
Für die vielen Kostüme sorgte Sigrid Dreger. Und die riiiiesigen Füße, die in einer Szene von hinter der Bühne mitten auf diese ragen – um das Spiel zwischen Vergrößerung und Verkleinerung so gut sichtbar zu machen, gestalte Alois Ellmauer. Die Siebenschläfer Puppe stammt von Mary Jane Fritsch.
Natürlich endet diese Alice-Version wieder zu Hause – und als Gegenstück zur rein auf Rot fixierten Herzkönigin wird regenbogenbunt ausgemalt – und die Kraft des Wunderns und Staunens vor allem im Hier und Jetzt besungen.
KiJuKU: Erstens Gratulation zu deinem Schauspiel.
Ilvie Moritz: Thank‘s.
KiJuKU: Zweitens, seit wann spielst du Theater, wann hast du begonnen?
Ilvie Moritz: Ich bin in einer Schauspielerfamilie aufgewachsen, also war ich eigentlich praktisch immer hinter der Bühne. Das erste Mal richtig Theater gespielt habe ich, glaube ich mit sieben oder so. Da bin ich dann mit meinem Papa im Sommertheater Meggenhofen ein bisschen mitgehüpft.
KiJuKU: In welchem Stück und in welcher Rolle?
Ilvie Moritz: Im „Brand Kaspar und das ewige Leben“ habe ich ein Dorfkind und einen Engel gespielt.
KiJuKU: Hast du auch sonst zum Beispiel in der Schule oder irgendwo anders gespielt?
Ilvie Moritz: Ja, und ich habe auch schon gedreht. In der Schule haben wir letztes Jahr einen Theaterkurs gehabt. Das war auch sehr cool. Und mal da, mal dort.
KiJuKU: Die Alice hier ist deine erste große Rolle, oder?
Ilvie Moritz: Naja, größere Rolle – das war auf jeden Fall die erste Hauptrolle. Also in Meggenhofen ist heuer meine dritte Produktion, in den Kammerspielen der Josefstadt habe ich mir mit zwei anderen Mädchen eine Rolle geteilt.
KiJuKU: Alice im Wunderland in einer neuen Version – war das die Idee von euch beiden oder wie kam’s dazu?
Ilvie Moritz: Der Papa wurde angefragt, hier im Niedermair in einer Eigenproduktion zu spielen und dann hat er gesagt: Ja, gerne, aber ich würde meine Tochter gerne mit dabei haben. Eigentlich war Rotkäppchen geplant, aber dann hat die Regisseurin gesagt, „machen wir doch Alice im Wunderland“. Genau. Stefan Lasko, der auch Musik gemacht hat, hat diese Fassung ganz toll geschrieben.
KiJuKU: Und hat unabhängig geschrieben oder hat er mit euch darüber geredet, wie ihr euch das ungefähr vorstellen könnt?
Ilvie Moritz: Immer wieder hat er natürlich auch mit uns geredet, aber ich finde, er hat ganz toll seinen eigenen Job gemacht.
KiJuKU: Warst beziehungsweise bist du zufrieden mit deiner Rolle?
Ilvie Moritz: Ja, auf jeden Fall. Auf jeden Fall.
KiJuKU: Was war das Schwierigste beim Erarbeiten oder bei den Proben und was war das Lustigste?
Ilvie Moritz: Also ich glaube, das Schwierigste war, das Ganze neben dem Schulstress zu erledigen. Es war das Wichtigste mit meinem Papa zusammenzuarbeiten und wir haben ein ganz tolles, nettes Team.
KiJuKU: Gibt es eine Szene, die dir besonders taugt und eine Szene, wo du vielleicht beim Proben gesagt hast, die war das Schwierigste?
Ilvie Moritz: Also schwer war für mich das Singen teilweise. Ich musste immer laut singen und war schon immer vor dem Singen so außer Atem vom vielen Reden. Beim Singen habe ich mir ein bisschen schwergetan, aber da hat mir der Musiker sehr geholfen. Eigentlich macht mir alles sehr, sehr großen Spaß.
KiJuKU: Hast du eine Lieblingsszene?
Ilvie Moritz: Nein, eigentlich nicht. Ich mag alles sehr gerne.
KiJuKU: Soll Schauspiel einmal dein Beruf werden?
Ilvie Moritz: Ich würde sehr gerne Schauspielerin werden.
KiJuKU: Du hast vorhin erwähnt, dass du auch schon gedreht hast – willst du lieber im Theater oder im Film spielen oder beides?
Ilvie Moritz: Wäre schon cool, beides.
KiJuKU: Siehst du bei dem einen oder bei dem anderen Vor- bzw. Nachteile?
Ilvie Moritz: Beim Film musst du ganz viel warten und im Theater spielst du halt live und wenn was passiert, kannst du’s nicht wie beim Dreh einfach noch einmal machen.
KiJuKU: Ist dir schon mal was passiert beim Spiel auf der Bühne?
Ilvie Moritz: Ich glaube, einmal habe ich mich ein bisschen verwurschtelt mit einigen Wörtern, weil ich ein bisschen zu schnell gesprochen habe. Aber sonst fällt mir glaube ich nichts ein.
KiJuKU: Ist es immer einfach, mit dem eigenen Vater zu spielen.
Ilvie Moritz: Eigentlich ging es immer sehr gut.
KiJuKU: Du bist jetzt noch zehn oder gerade erst zehn?
Ilvie Moritz: Nein, ich bin 12, nur im Stück bin ich zehn.
KiJuKU: Du hast Schulstress erwähnt.
Ilvie Moritz: Im Gymnasium ist viel mehr zu tun als früher in der Volksschule – die ganzen Schularbeiten und so. Ich hatte Schularbeiten auch in der Probenzeit und Tests. Das war natürlich schon viel, aber es ging.
KiJuKU: Gibt es Fächer oder Gegenstände, die du besonders magst und andere, die du weniger schätzt?
Ilvie Moritz: Ich bin ein großer Mathematik-Fan, das ist mein Lieblingsfach. Ich bin jetzt nicht so gut in Englisch, aber es ist eine wichtige Sprache.
KiJuKU: Gibt es in deiner Schule Schwerpunkte?
Ilvie Moritz: Also in er Oberstufe können wir wählen zwischen Kunst, Musik, Bühnenspiel oder Naturwissenschaft. Genau deswegen habe ich mich für diese Schule entschieden.
KiJuKU: Gibt es irgendetwas, das du sonst noch gern magst, außer Theaterspielen oder für Filmdrehs?Ilvie Moritz: Ich häkle und zeichne sehr gerne, geh gern reiten und bastle.
KiJuKU: Dann sage ich danke sehr.
Ilvie Moritz: Bitte, gern.
Einmal mehr, vielleicht sogar noch stärker als in den 18 Jahren davor, machte der Literaturbewerb, gegründet für Menschen mit Lernbehinderung, längst umbenannt in „mit Schreibtalent“ seinem Namen „Ohrenschmaus“ alle Ehre. Bei der Preisverleihung lasen – wie immer – professionelle Schauspieler:innen die Texte, dieses Mal Chris Pichler und Markus Hering – nicht zum ersten Mal. Damit erwecken die Bühnenprofis die ausgezeichneten literarischen Beiträge eben zu „Ohrenschmäusen“, so dies ein zulässiger Plural sein mag 😉
Und für Menschen, die nicht hören, übersetzten Gebärdendolmetscherinnen live und analog – wie fast immer Sabine Zeller und dieses Mal Theresa Kober. Über Kamera und großen Screen waren die Dolmetscherinnen gut bis in die letzte Reihe des gefüllten Veranstaltungssaals im Raiffeisenhaus Wien am Donaukanal zu sehen.
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… hat – wie schon im Untertitel erwähnt – Auszüge aus allen Preistexten bereits veröffentlicht – Links dazu am Ende des Beitrages. Dennoch soll hier in diesem zusammenfassenden Überblicks-Artikel auf einige Texte besonders eingegangen werden.
Da ist der „Seelenritter“, der das scheinbar so Gegensätzliche wie zerbrechliche Seelen und harte Rüstung in 13 meist sogar sehr kurzen Zeilen zu großen Bildern verarbeitet – Auszüge von Kurt Engleders Text unten am Ende dieses Beitrages verlinkt, übrigens ebenso wie aus allen anderen eineinhalb Dutzend preisgekrönten Texten.
Mit diesem Gedicht wählte ihn die Jury aus namhaften Literat:innen (Felix Mitterer, Heinz Janisch, Lisa Taschek, Arno Geiger, Theaterregisseurin und -leiterin Bettina Hering u.a.), die die Texte anonymisiert bewertet und erst nachträglich erfährt, wer sie eingeschickt hat, zu einem der drei diesjährigen Hauptpreisträger:innen.
Pointierte eigene Lebensbetrachtungen von Monika Hochgruber und Laurin Schedereit gaben den Ausschlag für die beiden anderen Hauptpreise. „Ich stelle mir meine Pension vor wie einen langen Urlaub. Die Pension endet mit dem Tod, dann fahre ich nach Hause in den Himmel. Ich hoffe, das Geld, das ich bekomme, ohne zu arbeiten, reicht so lang … In der Pension muss ich schon auch noch Sachen tun. Die Katze hat jeden Tag Hunger, vom Füttern kann man nicht Urlaub machen. …“, schreibt Erstere unter anderem.
Schedereits Betrachtungen über seinen unermüdlichen, ausdauernden Redefluss gaben der Anthologie der Preistexte 2026 sogar den Buchtitel: „Reden, reden, reden, bis ich mir selbst auf die Nerven gehe!“
Nicht von Anfang an, aber seit vielen Jahren gibt es einen eigenen Schokopreis. Der bekannte biologisch und fair produzierende Hersteller kreiiert ein „Büchlein“ der genau deswegen Labooko genannten Reihe – zwei kleine unterschiedliche Tafeln mit einer Papierschleife, die sich aufklappen lässt. Auf der Innenseite kurze Gedichte. Für diese Kategorie gibt es immer ein Motto. War es im Vorjahr Hoffnung, so für 2026 Freundschaft. Alle vier dieser knappen Texte sind zur Gänze auf KiJuKU.at veröffentlicht – Link ebenfalls unten am Ende des Beitrages und dennoch seien gleich hier noch zwei zitiert – weil sie Freundschaft noch gleich mit Schokolade direkt und sehr kreativ verbinden:
„Wahre Freundschaft schmilzt nicht,
auch wenn es mal heiß wird“, schreibt Karin Meyer.
Und Alois Schörghuber formulierte im Dialekt:
„Tauchts de zwidern Leit in d Schoklad ein –
dann werns olle zu siaße Freind.
Und die Welt wird a bessere werdn!“
Was für Bilder! Wie schwierig die Aufgabe für die Juror:innen gewesen sein muss, lässt sich übrigens auch an Texten erahnen, die es „nur“ auf die Ehrenliste geschafft haben – Auszüge aus allen elf, aufgeteilt auf drei Portionen, natürlich ebenfalls unten verlinkt. Aber auch hier sei auf den einen und anderen Text speziell hingewiesen:
Gleich anknüpfend an das Bild vom Eintauchen grantiger Menschen in Schokolade, nicht zuletzt weil ebenfalls, allerdings in nicht ganz leicht verständlicher Mundart – laut lesen hilft übrigens – sei aus Viktor Noworskis „A wåres Gschichterl fun Kriag und Fridn“ zitiert, in der er sein Entsetzen beschreibt, dass Eltern ihren Kindern Kriegsspielzeug schenken. „… håbm de Kinda gsågt: „Dees låss ma da Kåts!“ — Asoy håt de Kåts an Kindakriag fahindat. Waun nur ålle Kriage asoy aafåch fahindabår waratn!…“
Franz Schwager wiederum baut in seine Betrachtungen über selbstständiges Leben, das sich so manche Autor:innen übrigens erst erkämpfen mussten, unter anderem ein: „Radfahren ist für mich Freiheit: der Wind im Gesicht, die Sonne auf der Haut, das Gefühl, dass jeder Tritt in die Pedale mich ein Stück weiterträgt, nicht nur körperlich, sondern auch gedanklich. Manchmal denke ich mir, das Leben ist wie eine Fahrradtour – man strampelt, man schwitzt, manchmal geht es bergauf, manchmal leicht bergab, und immer wieder hat man das Gefühl, dass es sich lohnt, weiterzufahren.“
„Damit ich mein Außen verstehen kann, brauche ich mein mutiges Herz“, schreibt Ruth Oberhuber, die ihren Text „unendliche Illusionen“ sehr poetisch beginnt: „Unendliche Räume eröffnen sich, umso mehr man reinsieht. Ich sehe immer etwas anderes. Es ist, als ginge ich durch vier Fenster, die im Abstand übereinander stehen. Es hat was von einem Aquarium, dessen gläserne Luftbläschen aufgehen.“
Was bei vielen Bewerben und Preisen vorkommt, gab es dieses Jahr – erstmalig – auch beim Ohrenschmaus, einen Preis fürs Lebenswerk. Dieser ging an Peter Gstöttmaier, der in den fast zwei Jahrzehnten schon drei Mal mit seinen „amüsanten, berührenden und gnadenlos ehrlichen Geschichten und Gedichten“ (aus der Würdigungsrede von Juror Günter Kaindlstorfer) in „Ihrer wunderbaren, erdigen, oberösterreichischen Mundart“ Leser:innen und Hörer:innen erfreut und bewegt.
Apropos hören – neben der Lesung der preisgekrönten Texte gab es natürlich auch wieder Musik, dieses Mal von Connor Moser gesungen und am Piano begleitet von Linus Ritsch – Kostproben in einem Video. Für die Moderation sorgten wieder Dani Linzer und heuer neu Anna-Lina Ernstberger, die auch die Kurz-Interviews mit den drei Hauptpreisträger:innen auf der Bühne führte.
Dass dieser Literaturpreis seit fast zwei Jahrzehnten „Ohrenschmaus“ heißt, haben die Autor:innen einmal mehr, vielleicht noch stärker als bisher, unter Beweis gestellt. „Heuer gab es mit 236 eingereichten Texten einen neuen Rekord. Aber nicht nur die Zahl der Texte wurde gesteigert, sondern auch die Qualität. Die Jury zeigt sich vom vielen Lesen etwas ermüdet, aber begeistert“, stellte der Erfinder des Bewerbs, Franz-Joseph Huainigg in seinem Vorwort zur aktuellen Anthologie fest – mit allen Preis-Texten. Das Vorwort nannte der Obmann des Vereins: „Schreiben, weil ich da alles sagen kann“.
Die Jury wählte – wieder – elf Texte aus den 236 Einsendungen zum Ohrenschmaus 2026 aus. Die wurden bei der Preisverleihung in drei Blöcken vorgelesen. Und so werden hier auch Text-Ausschnitte in drei Beiträgen veröffentlicht; Teil 3 ist damit der achte Teil der Berichte von der Preisverleihung 2026
Papa, Papa, Oma
und Opa
und Mama
Papa
Und das war’s
Daniela Kedro
Unser Jochen is unser Freund, bringt uns immer zum Lochen,
indem er uns sogt lustige Sochn.
Er ist kuraschiert
und smart und erledigt ollas vom Start bis ins Züll, nur waun er wüll.
… seine Gegenwort is wie, a unbezohlbores Geschenk.
Und mit seiner lustigen Art beschenkt,
wenn man immer an seine Freundschaft denkt.
Marvin Prodner
Liebe und Sex können sehr schön und angenehm sein und man fühlt sich sehr geborgen, weil man von seinem Partner angenommen wird.
Liebe und Sex können aber auch sehr enttäuschend sein, weil diese Zärtlichkeit oft nicht zu verwirklichen ist.
Darunter leiden wir beide sehr!
Wir haben uns aber wirklich irrsinnig gern, letztens hat sie sogar mit mir gekuschelt und ich habe einen Kuss bekommen.
Wir beide, wenn wir zusammen sind, genießen die Zeit. Doch sie glauben alle, dass wir nicht zusammenpassen.
Wieso kann ich nicht sagen, das ist für mich unverständlich.
Hermann Resch
… Mit 25 Jahren habe ich beschlossen, auf eigenen Beinen zu stehen. Der Schritt, von zu Hause auszuziehen, war für mich nicht nur ein Aufbruch in ein neues Leben, sondern auch ein Versprechen an mich selbst: Verantwortung zu übernehmen, meinen eigenen Alltag zu gestalten und meinen eigenen Rhythmus zu finden. Seit nunmehr zehn Jahren lebe ich allein, und diese Zeit hat mich geprägt.
Ich habe gelernt, was es heißt, für sich selbst einzustehen, Entscheidungen zu treffen und die kleinen wie die großen Dinge des Lebens selbst in die Hand zu nehmen.
Alleine zu leben, bedeutet für mich nicht, einsam zu sein. Im Gegenteil — es hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, sich selbst kennenzulernen. Ich habe gelernt, meine eigenen Stärken zu erkennen und mit meinen Schwächen ehrlich umzugehen. Ich habe entdeckt, was mir Freude schenkt, was mir Kraft gibt und welche Werte mir im Leben wirklich wichtig sind. Doch so wertvoll diese Jahre der Selbstständigkeit auch waren — die Sehnsucht nach einer Gefährtin ist geblieben.
Musik ist seit vielen Jahren meine treue Begleiterin. Ich spiele Akkordeon, und wenn ich die Tasten berühre, scheint die Welt für einen Moment stillzustehen. Musik ist für mich wie ein zweites Herz, das in einem eigenen Takt schlägt. Sie schenkt mir Ausdruck, wenn Worte nicht ausreichen, und sie öffnet Türen zu Stimmungen, Erinnerungen und Gefühlen, die tief in mir verborgen liegen. Wenn ich spiele, fühle ich mich verbunden — mit mir selbst, mit der Welt, manchmal auch mit Menschen, die zuhören. …
Doch mein Leben besteht nicht nur aus Musik. Ich liebe es, in Bewegung zu sein — sei es mit dem Fahrrad durch Felder, Wälder und kleine Dörfer, oder einfach entlang von Straßen, die ich schon hundertmal gefahren bin und doch jedes Mal neu entdecke.
Radfahren ist für mich Freiheit: der Wind im Gesicht, die Sonne auf der Haut, das Gefühl, dass jeder Tritt in die Pedale mich ein Stück weiterträgt, nicht nur körperlich, sondern auch gedanklich. Manchmal denke ich mir, das Leben ist wie eine Fahrradtour — man strampelt, man schwitzt, manchmal geht es bergauf, manchmal leicht bergab, und immer wieder hat man das Gefühl, dass es sich lohnt, weiterzufahren. …
Franz Schwager
Die Susi — so liab is’ sie.
Der Robert — liab is’ er.
Der a! — der Helmut.
Robert — ich liebe dich. Bist eh’ ned bös? Liaber Bua, der.
Gabi: so liab is’!
Voll super! Schee.
Liebe — so liab is’!
Der Bua is’ so liab. A liaber Bua.
Der is’ a liab, der Helmut.
I mog olle!
Di a.
Renate Seiberl
Die Jury dieses Literaturpreises wählte – wieder – elf Texte aus den 236 Einsendungen zum Ohrenschmaus 2026 aus. Die wurden bei der Preisverleihung in drei Blöcken vorgelesen. Und so werden hier auch Text-Ausschnitte in drei Beiträgen veröffentlicht; Teil 2 ist damit der siebente Teil der Berichte von der Preisverleihung 2026
Es war 1981, als ich gerade versuchte, gemeinsam mit einem Freund ein kleines Geschäft zu eröffnen. Bei einem Überfall wurde mein Freund Franz durch einen Kopfschuss niedergestreckt, ich selbst kam mit einem Bauchstich davon. In einer Notoperation wurde ich wieder zusammengeflickt und musste später noch weitere fünf Operationen über mich ergehen lassen, bis ich einigermaßen geheilt entlassen werden konnte. Doch nicht nur meine Bauchdecke hatte seit jenem Zwischenfall größere Narben davongetragen, auch meine Seele war in Mitleidenschaft gezogen worden, so dass ich mich in ständige psychiatrische Behandlung begeben musste.
Arbeitslos, von der Gesellschaft geächtet, flüchtete ich in meine eigene Wirklichkeit, in der ich mich mit Vorliebe mit außerirdischen Lebensformen beschäftigte. … Seitdem habe ich gelernt, mit den Mondkälbern zu leben, und ich habe sie sehr liebgewonnen. Denn ich weiß, dass sie geistig viel weiterentwickelter sind als die Menschen …
Leider hatte ich bei meinen Begegnungen mit den Mondkälbern nie einen Fotoapparat dabei, so dass ich ihr Aussehen nur zeichnerisch festhalten konnte.
Anton Blitzstein
I bin in Yår 1979 gråd aukumma in Österreich und durch yunge Neonazis sofü shwaa faletst wurn, dass i gshtorbm warat, waumma neet aundare Leit ghoyffm hädn.
I håb in Yår 2023 wida amåy de Gratis-Tseidungen ghoyt fir aan fun meine Lebensretta. I håb in ana fun de Gratis-Tseidungen a Foto gsäng, då wår a Kind in Militär-Gwaund und mid ana Wåffm in de Hend tsum säng. Den Text håb i need fashtaundn. Drum håb i mein Lebensretta frågt: „Is dees a Thaeter-Shtikk oda a Fernse-Program oda a Füm?“
Drauf håt ER gauntwurt: „Naa, dees ist NEET a Shpü, sundan WIRKLICHKEID: Kinda wern ågricht um auf unshuydige Menshn tsu shiassn. Leida!“
… In Yår 2022 håbm dese Leit a grosse Shåchtl ghåbt und fur uns aufgmåcht und se håbm gsågt, dass des warat a Gshenk fir eanare Kinda. In dera Shåchtl wår a Shpütseig-ShiasTurm und aun den Turm aughengt wår a Maua rund um an ovalen Hof…
I wår ENTSETST. Und mei Lebensretta håt AA a besorgtes Gsicht ghåbt. Åwa kurts danåch håt auf amåy eana Kåts de Idee ghåbt, dass sa si dees neiche Shpütseig aushaun kunt! …
Und wia daun de Kinda san haamkumma, wår de Kåts intswishn då drin eigshlåfm.
De Kinda håbm si mid froe Gsichterln fridlich dafur auf den Täppich gsetst und håbm da Kåts tsuagshaut, wia de Kåts hin und wida a bisserl ire Pfoterln bewegt håt.
Und de Kinda håbm fanasirt, wås de hertsige Kåts fileicht kunt trama. .. håbm de Kinda gsågt: „Dees låss ma da Kåts!“ — Asoy håt de Kåts an Kindakriag fahindat.
Waun nur ålle Kriage asoy aafåch fahindabår waratn!
Dees warat urleiwand! …
Viktor Noworski
Ich bin in deinem Bauch geboren,
und ich habe geschworen,
ein Schriftsteller zu werden
auf Erden.
Ich habe deine Milch getrunken.
Die Windeln haben gestunken.
Du trugst mich hin und her.
Ich war sehr schwer.
…
Ich bin groß geworden.
Und du kriegst einen Orden.
Ich mag dein Gesicht
wie ein Gedicht.
Die Blume steht
und vergeht.
…
Du bist eine Frau,
weißt deine Rechte genau.
Du hast dein Leben genossen.
Rosa Luxemburg wurde erschossen.
Henri Hirt
Die Jury wählte – wieder – elf Texte aus den 236 Einsendungen zum Ohrenschmaus 2026 aus. Die wurden bei der Preisverleihung in drei Blöcken vorgelesen. Und so werden hier auch Text-Ausschnitte in drei Beiträgen veröffentlicht; Teil 1 ist damit der sechste Teil der Berichte von der Preisverleihung 2026
Unendliche Räume eröffnen sich, umso mehr man reinsieht. Ich sehe immer etwas anderes. Es ist, als ginge ich durch vier Fenster, die im Abstand übereinander stehen. Es hat was von einem Aquarium, dessen gläserne Luftbläschen aufgehen.
Es widerspiegeln sich unsere Träume, die sich nicht erfüllt haben. Ich sehe nicht nur gerade durch, sondern auch von den Seiten. Es ist das selbstständige Leben, um das man sich nicht immer selbstständig drehen kann wie ein Kreisel. Sonst werde ich schwindelig und kann nicht auf meinen eigenen Füßen stehen. …
Ruth Oberhuber
Ich habe eine Zauberprinzessin als Freundin. Ihr Name ist Barbara. Viele Wege geht sie neben mir, in der Natur und während der Prozession. Sie ist so vieles für mich.
Wenn sie meine Hand hält und mich umarmt ist sie der kuscheligste Koalabär. Wenn sie sich mir morgens zeigt, mit ihrer schicken Sonnenbrille und dem Hut, ist sie eine Modepuppe.
Sie ist mein Butterfly, ohne Englisch zu sprechen, würde ich Schmetterling sagen. Wie ein Schmetterling, so schaut sie aus. Das Blumenkind Barbara liebt die Sonne. …
Wenn sie sich schön macht, ist sie ein Tagpfauenauge, aber wenn es Nudeln gibt, ist sie eine Raupe Nimmersatt. Und dann wird sie zum leichten Schmetterling, wenn sie malt. Barbara denkt alles in Farben.
Manchmal spinnt sie total, hüpft und läuft, obwohl ihr Herz sie bremst. Dann flitzt sie halt mit dem Rollstuhl weiter, mutig und mit Geschwindigkeit. …
Als Gott sie zu sich in den Himmel holen wollte, hat er ein geflügeltes rosa Einhorn geschickt, um sie abzuholen. Als Engel kennt sie nun alle Geschichten.
In der Trauer kommt alles her. Sie war so lustig und jetzt ist es für mich nicht leicht wieder lustig zu sein. Ein fröhliches Lied hat plötzlich eine „Du fehlst uns“-Melodie. …
Annemarie Delleg
Ich bin so krank.
Ich brauche einen Kamillentee auf dem Kopf.
Mir ist so schlecht.
Ich habe eine Bauchgrippe.
Frische Luft, damit ich atmen kann.
„Komm“, sag ich mir, „trinke grünen Tee.“
Dann geht es dir bald besser.
Du musst ins Bett.
Meine Seele ist im Bauch.
Ich habe jemanden verloren.
Ich hatte ihn so gerne.
Deswegen bin ich krank.
Er ist in den Wolken.
Ich habe Sehnsucht nach ihm. …
Elisabeth Stachl
„Weil es gut ist verschieden zu sein!!!“ steht mit schwarzer Schrift auf einem roten Karton. „Wunderkind“ auf einem weißen Karton – und ergänzend die Erklärung „50% Mama + 50% Pap + 1 Extra Chromosom = 101% Wunder!“
Die handgeschriebenen Tafeln haben einige jener Menschen am Samstag (21. März 2026) mit auf den Wiener Stephansplatz gebracht, die dann mit gut drei Dutzend anderen in einem mit Klebeband markierten Feld zu stark rhythmischer Musik tanzen. Die Choreo haben sie mit professionellen Tänzer:innen in den Studios des Vereins „Ich bin O.K.“ erarbeitet und geprobt.
… machen aufmerksam auf den Welt-Down-Syndrom-Tag, darum auf einigen der Tafeln auch das Kürzel WDSD (World DownSyndrom-Day). Diesen gibt es seit mehr als 20 Jahren (seit 2005, ab 2012 auf ein von der UNO in ihren offiziellen Tages-Kalender aufgenommen). Der Fachbegriff Trisomie 21 steht dafür, dass Menschen mit diesem Syndrom im 21 Chromosomenpaar ein zusätzliches, drittes Chromosom haben – daher im dritten Monat (März) und am 21. Tag.
Gerade mit choreografierten Tänzen, die Gruppen von „Ich bin O.K.“ immer wieder auf Bühnen im In- und Ausland vorführen, zeigen sie ihre künstlerischen Qualitäten. Gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben ist die – jahrzehntelange – zentrale Forderung auch dieser Community. Und Anerkennung sowie Würdigung bzw. eben oft erst Ermöglichung ihrer Leistungen.
So ist Elias, dem Jugend-Obmann des Familien-Netzwerks Down-Syndrom, wichtig, dass „alle bis 18 Jahre in die Schule gehen dürfen“, was mühsam durchgekämpft werden muss und noch immer nicht österreichweit gilt.
Dies forderte – kurz vor dem Tanz-Auftritt – trotz einsetzenden starken Regens – unter anderem auch der Obmann von Down-Syndrom Österreich, Simon Couvreur. Davor hatte er ein rotes Schild mit der Aufschrift „Extra Portion GLÜCK“ getragen.
Von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… gefragt, ob er damit meine „Glück zu haben oder zu brauchen“, meinte er: „Alle Menschen haben das Recht auf Glück und sollen es auch haben, egal ob mit oder ohne Behinderungen oder mit einem Chromosom mehr!“
Ich rede wirklich jeden Tag. Ich kann gut mit mir alleine reden, weil ich mich gut konzentrieren kann, und weil es mir gefällt, alleine zu reden. Wenn ich spreche, dann überlege ich mir die Themen aus. Ich warte, bis meine Eltern aus dem Haus gegangen sind. Ich merke selber nicht, dass ich rede, es kommt vom Herzen.
Das ist ein Rätsel. Ich rede einfach wann ich will! Und es hört nie auf… Immer habe ich die Klappe offen. …
Am Klo sitze ich stundenlang und rede über verschiedene Sachen. So wie Menschen, die sich selbst auf die Nerven gehen…
In der Früh, wenn ich zur Bushaltestelle gehe, dann treffe ich ein paar Leute und spreche sie an. Ich erzähle den Leuten vor allem über das Leben mit Down-Syndrom. Und wie man in Zukunft leben soll….
Und wenn ich heimkomme? Ja, dann klingelt schon mein Telefon! Und was tue ich dann? Dann greife ich nach dem Handy und rede mit meiner Freundin, bis die Ohren heiß werden, und mein Handy sagt: Du hast die Zeit überschritten!!
Laurin Schedereit
Es gibt Menschen, die haben Ausdauer. Man kann in vielen Dingen Ausdauer haben: Ausdauer im Wandern, Ausdauer im Schlafen, Ausdauer im Reden….
Der Text berichtet davon, dass hier ein Mensch gerne und viel redet. Und auch der Text hat Ausdauer, er ist seinem Thema treu, vom ersten bis zum letzten Satz. …
Ich mag ausdauernde Menschen. Ich mag ausdauernde Texte. Über mein Reden ist ein ausdauernder Text. Nebenbei gesagt, es ist schön, dass es Menschen gibt, die nicht nur gerne schreiben, sondern auch gerne reden. …
Und ich möchte ein Hoch aussprechen auf das ausdauernde Reden. Meine Beobachtung ist, dass immer weniger geredet wird, im Zug, im Bus. Ich sehe mich um, da sitzen Familien, Paare, die reden fast nichts. Man sollte viel mehr reden. Reden hilft, sich selbst und die Welt besser zu verstehen.
Wer redet, hat Interesse an der Welt. Und das gilt auch für das Schreiben. Wer schreibt, hat Interesse an der Welt. Danke an alle, die sich in diesem Jahr am Ohrenschmaus beteiligt haben: Danke für euer Interesse an der Welt!
Übernächstes Jahr gehe ich in Pension. Wenn’s passt. Ich meine die Rente, nicht Pension als ein anderes Wort für ein Gasthaus.
Aber das ist gar kein so großer Unterschied, ich stelle mir meine Pension vor wie einen langen Urlaub. Die Pension endet mit dem Tod, dann fahre ich nach Hause in den Himmel. Ich hoffe, das Geld, das ich bekomme, ohne zu arbeiten, reicht so lang.
…
In der Pension muss ich schon auch noch Sachen tun. Die Katze hat jeden Tag Hunger, vom Füttern kann man nicht Urlaub machen.
Die Katze kann nicht sprechen und ich verstehe sie doch.
… Junge kriegt sie keine mehr, das ist vorbei. … Aber für mich ist das Thema vorbei — ohne dass es jemals wirklich war.
Monika Hochgruber
Der Text von Monika Hochgruber beschreibt einen tiefen Einschnitt in ihrem Leben — in unser aller Leben, wenn wir so weit sind. Die Pension steht bevor und eine neue Zeit beginnt, aber nicht ohne, dass die Autorin nach hinten und nach vorne schaut und darüber nachdenkt, was diese Lebensphase bringen wird. …
Am Ende ihrer Weiterreise, am Ende dieses Lebensabschnitts, steht der Tod, wie bei uns allen. Furcht davor kennt die Autorin nicht, diese Klarheit ist tröstlich, denn der Tod führt sie in das neue Zuhause, in den Himmel….
Der Seelenritter ist im Haus.
Er ist mein Freund.
Er ist Frieden.
…
Im Krieg ist es anders.
Er mag keine Menschen umbringen.
…
Der Seelenritter geht in die Welt rein, in unsere Träume.
Kurt Engleder
Es gibt Worte, die einen beim Lesen plötzlich innehalten lassen. Man zieht gleichsam die innere Handbremse an und staunt. Man liest das Wort noch einmal, man ist irritiert, man wird neugierig.
Das Wort, das mich beim Lesen innehalten ließ, heißt „Seelenritter“… Was für ein Wort! Zwölf Buchstaben vereinen zwei Vorstellungen im Kopf, die scheinbar gar nicht zusammenpassen.
Da haben wir die Seele, die wir nicht greifen können, die so unfassbar erscheint. Etwas, das in uns lebt und uns leben lässt. … Aber im Wort „Seelenritter“ taucht auch der Ritter auf. Das ist einer, der sich zu schützen weiß, mit Helm und Rüstung, mit Schild und Schwert, ein Krieger, ein Kämpfer.
Wie passen sie zusammen, die Seele und der Ritter?
Ist dieser Seelenritter einer, vor dem wir uns fürchten müssen, der hinter unserer Seele her ist?
Man liest die ersten zwei Zeilen des Gedichts und weiß: Alles ist gut.
Er genießt seine Wohnung und vor allem das selbstbestimmte Leben. Peter Gstöttmaier ist mehrfacher Gewinner des Ohrenschmaus Literaturpreises. Sein Buch „Lebenszeichen gut und schön“ entstand im Rahmen des Ohrenschmaus Literaturstipendiums 2023. Der Autor wird von seiner Schwester Heidi Pölzguter beim Schreiben unterstützt.
Seine Texte sind geprägt von Wahrheit und Authentizität, basierend auf seinen persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen, die er mit viel Poesie und Emotionalität in seinen Texten zum Ausdruck bringt. Seine Gedichte und Texte schreibt er in Mundart.
Mama is nimma
föd mia
wor guat zu leut und viech
jede henn jede sau
hot nom ghobt
fritzonkl kemma is
mit schußapparat
host unsa mama nimma gsehgn
Peter Gstöttmaier
15 Joahr schon ollas söba ausdenkt söba gmocht,
Verantwortung übernuma
Wor net leicht, hobi oba gschofft, gonz alloani hobi
des gschofft.
Lisabeth und Heidi hobm unterstützt, wonni Hilfe
braucht hob.
Am 8. November 2010 hot neichs Lebm ongfongt.
Gibt koa schenas!
…
Guat, des durchgsetzt hob, in eigener Wohnung
söbstständi lebm derf.
Wülln muaßt hobm, Wülln host, schofft ollas.
15 Johr schon, wo ist de Zeit
Mecht in meine 4 Wänd bleibm, bis ih gonz oid bin.
Mecht mi söba weidabringa, bis ih nimma konn
donn erst geh ih Oidasheim.
Peter Gstöttmaier,
Grein, im Oktober 2025
Lieber Peter Gstöttmaier!
Dieser Abend ist ein besonderer Abend. Zum ersten Mal in der Geschichte des „Ohrenschmauses“ wird ein Preis für ein ganzes LEBENSWERK vergeben. Und wir hätten keinen Besseren für diesen Preis finden können als Sie.
Warum? Weil Sie ein wunderbarer Schriftsteller sind. Sie sind einer der Wenigen, der im DIALEKT schreibt – in Ihrer wunderbaren, erdigen, oberösterreichischen Mundart. Und Sie sind ein Autor, der sein eigenes Leben in amüsante, berührende, …….. und gnadenlos ehrliche Geschichten und Gedichte verwandelt.
Vom Jahr 2004 bis zum Tod der Mama im Jahr 2021 ist er jeden Sonntag per Autostopp von Grein nach Gloxwald gefahren, um sie zu besuchen. Jeden Sonntag. Das waren 936 Sonntage!
Für Peter Gstöttmaier ist es wichtig, „söbstständi“ zu leben. Eines seiner Gedichte drückt das sehr schön aus:
„Söbstständi ist:
allas sölba mocha, sölba denka
und toan, sölba wolln,
sölba kinna, sölba bestimma.
Verantwortung übernehma!“
Und dieses Ziel — „söbstständi“ zu leben und Verantwortung zu übernehmen, für sich selbst und für das Gemeinwesen, in dem er lebt — hat Peter Gstöttmaier mit imponierender Konsequenz verfolgt.
Wer Peter Gstöttmaiers Buch „Lebenszeichen gut und schön“ noch nicht kennt: Ich möchte es Ihnen aus ganzem Herzen empfehlen. Der poetische Kosmos Peter Gstöttmaiers entfaltet sich da in einer Sprache, die nichts beschönigt und gerade dadurch schön ist: klar, direkt, oft überraschend zärtlich. Ein großartiges Buch.
Heute wollen wir aber nicht nur Peter Gstöttmaier selbst würdigen, sondern auch seine wunderbare Schwester. Heidemarie ist ihrem Bruder Stütze und Stab, sie war es auch, die ihn zum Schreiben ermutigt und ihn über Jahre hinweg dabei unterstützt hat.
Der Literaturpreis „Ohrenschmaus“ verdankt Peter Gstöttmaier viel. Nicht nur, weil Peter den Hauptpreis DREI MAL gewonnen hat, sondern auch, weil er uns über die Jahre hinweg mit seinen Texten bewegt und begeistert hat.
Lieber Peter! Deine Texte sind Lebenszeichen. Sie zeigen uns, wie du lebst, wie du fühlst und wie du denkst. Du hast uns viele Jahre lang beschenkt — mit deinen Worten, mit deinem Mut und mit deiner Ehrlichkeit.
Femizide als Spitze eines Eisbergs an Gewalt gegen Mädchen und Frauen ist das eine. Der Beginn aber: Herabwürdigung, Übergriffe – wie sie erst jüngst wieder von prominenten Männern die Nachrichten füllen. Aktionen gegen alle Formen von Gewalt sollten nicht nur ansetzen, wenn schon etwas passiert ist.
Wie kann das Bewusstsein verbreitet, geschärft, vielleicht überhaupt erst geweckt werden, solche Gewalt erst gar nicht im Keim entstehen zu lassen. Diesem Grundsatz verpflichtet startet am 9. April 2026 (nach den Osterferien) ein österreichweiter Videowettbewerb für Schulen unter dem Titel „Gewalt gegen Frauen ist #Männersache“. Teilnehmen können Schüler:innen der 7 bis 9. sowie der 10. bis 13. Schulstufe); Einsendeschluss ist 15. Juni 2026 – es wird, aber erst ab dem 9. April, eine eigene „Landingpage mit einfacher Upload-Möglichkeit geben.
Bildungsminister Christoph Wiederkehr, Frauen- und Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner sowie Bildungsexperte und -aktivist Daniel Landau stellten diesen Bewerb zum Frühlingsbeginn (20. März 2026) vor. Letzterer hatte ein von Schüler:innen der Handelsakademie Fürstenfeld (Stiermark) initiiertes und gedrehtes Video aus dem Herbst zum Anlass genommen, um einen solchen Bewerb vorzuschlagen. Aus der besagten Schule waren zwei Lehrpersonen zum Mediengespräch angereist: Sabrina Gölles, die Internationale Wirtschafts- und Kulturräume sowie Mathe unterrichtet und ihr Kollege Jerome Beganović, Lehrer für Mediendesign.
Die Kreativität von Jugendlichen soll sich in – bis zu dreiminütigen – Videos zu diesem Thema frei entfalten können. Die Kurzfilme kriegen auch – dank einer Kooperation mit ORF und der Puls4-Sendergruppe – eine breite Öffentlichkeit: Die 16 besten Videos werden von beiden im Zeitraum der „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ (25. November bis 10. Dezember) ausgestrahlt werden.
Mehr als vier Dutzend Juror:innen – darunter auch die neue Direktorin des Theaters der Jugend, Aslı Kışlal und EU-Jugendbotscahfter Ali Mahlodji – werden die Videos bewerten.
Noch (?) gibt es keine Jugendlichen in der Jury, wie auf Nachfrage von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… gestanden werden musste; auch ist der Bewerb (vorläufig?) auf Schulen beschränkt; KiJuKu hatte gefragt, ob nicht auch Jugendliche in Jugendzentren und anderen außerschulischen Zusammenhägen mitmachen könnten.
Unten findet sich unter anderem ein Beitrag über eine – auch von Schüler:innen ausgegangene Aktion Ende des Vorjahres vor der AHS in der Geringergasse (Wien-Simmering) – samt Link zum Fürstenfelder Schüler:innen-Video.
ORF –> Schauspielerin Collien Fernandes wehrt sich gegen Deep-Fake-Sexvideos
Seit vielen Jahren gibt es beim Literaturpreis „Ohrenschmaus“ einen eigenen Preis für kurze Gedichte. Die besten Beiträge kommen dann auf die Verpackung einer kleinen Doppel-Schokolade. Zwei Tafeln in glänzender Verpackung werden von einem bedruckten Papier zusammengehalten und lassen sich aufklappen wie ein Buch. Diese spezielle Schoko-Reihe des bekannten Herstellers Zotter heißt Labooko (das englische „book“ bedeutet auf Deutsch „Buch“).
Das Motto für den Bewerb 2026 lautete Freundschaft. Hier – weil sie eben so kurz sind – alle vier ausgewählten Texte in voller Länge:
Freundschaft ist gemeinsam ausgehen,
sich schön zu pflegen.
Ich tanze mit allen Menschen, die ich mag!
Da geht mir das Herz auf.
Es ist fast schon ein Schmerz, es brennt innerlich.
So schön ist das, das ist Freundschaft für mich!
Karin Brenner
Freundschaft ist für das Herz wichtig.
Freundschaft ist nämlich Freude für das Herz.
Ohne Freundschaft wäre die Welt trüb. Ohne Farbe.
Freundschaft ist bunt und warm. Wie ein Lächeln.
Tanja Heiß
Wahre Freundschaft schmilzt nicht,
auch wenn es mal heiß wird.
Karin Meyer
Tauchts de zwidern Leit in d Schoklad ein —
dann werns olle zu siaße Freind.
Und die Welt wird a bessere werdn!
Alois Schörghuber
Vogelgezwitscher, grunzen, mähen, muhen, bellen, schnauben… – mit Tiergeräuschen stimmt das kleine Ensemble schon vor Beginn der Aufführung in der Theaterwerkstatt des niederösterreichischen Landestheaters auf „Animal Farm“ ein.
Alt, aber leider ziemlich aktuell ist diese Fabel von Eric Arthur Blair, besser bekannt unter seinem Pseudonym George Orwell (1903 – 1950). Vor 81 Jahren im englischen Original veröffentlicht, wurde sie mehrfach von unterschiedlichen Übersetzer:innen als „Farm der Tiere“ ins Deutsche übertragen, mitunter auch illustriert (u.a. von Friedrich Karl Waechter); die St. Pöltner Theaterversion greift auf die von Michael Walter
zurück. Vielfach verfilmt, für Bühnen als Theaterstücke ebenso dramatisiert wie in Form von Musicals, vor sechs Jahren erschien sogar ein Videospiel – „Orwell’s Animal Farm“.
Die Grundgeschichte – für jene, die’s (noch) nicht kennen, für andere zum Überspringen dieses und der folgenden beiden Absätze bis „Umsetzung“: Knapp vor seinem Tod hält der alte Eber Old Major eine Ansprache bei der Versammlung der Tiere der „Herren-Farm“. Dabei prangert er die Ausbeutung der Tiere durch den menschlichen Besitzer Mr. Jones an und hofft auf eine Rebellion – wann auch immer.
Eine solche erfolgt nach Majors Tod sogar früher als erwartet bzw. befürchtet. Nachdem der Besitzer (wieder einmal) auf die Fütterung der Tiere „vergessen“ hat, vertreiben sie ihn gemeinsam, übernehmen den Bauernhof, nennen ihn in „Farm der Tiere“ um und geben sich sieben einfache Regeln. Gekennzeichnet sind diese davon, dass Menschen die Feinde sind, Tiere sich in ihren Verhaltensweisen von diesen abgrenzen sollen (keine Kleidung, kein Alkohol, nicht in Betten schlafen), vor allem einander nicht töten und zuletzt „alle Tiere sind gleich!“
Doch bald übernehmen Schweine, die sich für die Schlauesten halten, die Macht, vor allem Napoleon, zunächst auch noch Schneeball und Schwatzwutz. Nach und nach beginnen sie die anderen Tiere zu unterdrücken, eigenen sich Verhaltensweisen an, die gegen die gemeinsamen Regeln verstoßen, schreiben diese auch um – und verbrüdern sich mit Menschen.
Auf der von Thorben Schumüller gestalteten eher kleinen Bühne spielt sich alles auf einem kompakten, doch wandelbaren Raum ab. In „schweinischen“ Grundkostümen (ebenfalls Schumüller) schlüpfen die Schauspieler:innen Tobias Artner (Schwatzwutz / Schaf / Kuh / Hund / Mr Whymper / Huhn / Schlachter), Marthe Lola Deutschmann (Schneeball / Hahn / Huhn / Muriel / Mensch), Sven Kaschte (Minimus / Boxer / Kuh / Hund / Schaf / Mensch) und Katharina Rose (Napoleon / Benjamin) – die Reihenfolge der Genannten übrigens nur nach den Anfangsbuchstaben der Nachnamen, keine Wertung!) in die Rollen verschiedenster der Tier-Charaktere. Jene, die auch Menschen verkörpern tragen Gesichtsmasken zum tierischen Körper.
So zum Teil sogar wie eben zu lesen sehr viele unterschiedliche Rollen, so wandlungsfähig, teils dadurch auch ziemlich gegensätzlich, erweisen sich eben die vier Akteur:innen. So spielt Rose ja einerseits den sich immer mehr zum absoluten Diktator aufspielenden, letztlich sogar mit Menschen Geschäfte machenden und dafür die anderen Tiere ausbeutenden Diktator; und andererseits den alten Esel Benjamin. Der pendelt zwischen abgeklärt, zynisch und das Ganze Geschehen durchschauen.
Historisch gesehen verfasste der Autor, der übrigens von 1936 bis 1937 an der Seite der Republik im Spanischen Bürgerkrieg gegen die aufkommende, später jahrzehntelange Diktatur Francos kämpfte, seine Parabel als Kritik am Stalinismus. Aus der sozialistischen Idee am Beginn der Sowjetunion (1917) hatte Josef Wissarionotwitsch Dschugaschwili (Kampfname Stalin) nach und nach eine autoritäre, diktatorische Herrschaft gemacht.
Die schleichende, mitunter auch rasante Entwicklung von anfänglichen Utopien zu Dystopien hat sich leider mehrfach wiederholt wie Beispiele Nicaragua, Venezuela, Simbabwe und andere Länder im Großen, aber auch kleinere Gemeinschaften etwa Mühl-Kommune gezeigt haben. Aber auch gegenwärtig vollziehen sich unter Schlagworten wie vor allem Freiheit Umdeutungen mit stark autoritären Tendenzen. Jene, die sich Wähler:innen-Stimmen von den „kleinen Leuten“ holen, nutzen ihre dann verliehene Macht oft vor allem für eigene Geschäfte und Verbrüderung mit anderen Prifiteur:innen wie US-Präsident Donald Trump.
„Mein künstlerisches Team und ich waren eher erschrocken, wie viele Parallelen wir zu aktuellen Entwicklungen entdecken konnten“, wird Regisseur Jonathan Heidorn auf der Homepage des Landestheaters zitiert. „Vor allem das Verhalten der Schweine erinnert, in der Art und Weise wie sie sprechen und die Wirklichkeit verzerren, umdeuten und neugestalten, an gegenwärtige autoritäre Strömungen, die unsere demokratischen Werte, wie Gleichheit, Solidarität und Toleranz in Frage stellen. In der Inszenierung untersuchen wir daher insbesondere, welche Kippmomente auf dem Weg von einer freiheitlichen Gesellschaft, hin zu einem totalitären System, auszumachen sind.“
Mehrfach wird das Spiel der Tiergestalten unterbrochen und Videos an die Farm-Wand projiziert in denen die Schauspieler:innen in ihren unmaskierten Menschengestalten zum Thema diskutieren und unter anderem die Politikwissenscahfterin und Autorin Natascha Strobl zitieren: „Es ist nicht angenehm, in einer Zeit zu leben, in der das Alte untergeht und das Neue noch nicht da ist. Darauf mit dem Versuch zu reagieren, zu einer verklärten Normalität zurückzukehren und die Vergangenheit zu idealisieren, ist verlockend. Doch wenn wir ehrlich sind, hat auch schon diese Normalität nicht funktioniert. Vielmehr hat sie erst das Jetzt hervorgebracht.“
Und trotz aller Beteuerungen nach historischen von Menschen verursachten Katastrophen – sei es Faschismus, zweiter Weltkrieg oder eben auch Stalinismus – „nie wieder!“ drängt sich der dramatische Gedanke auf, der auf dieser Seite schon mehrfach zitiert wurde (vor allem rund um Theaterstücke mit ähnlichen Themen, zuletzt „Der überaus starke Willibald“ nach dem Buch von Willi Fährmann im Theater der Jugend in Wien): „Die Illusion ist das zäheste Unkraut des Kollektivbewusstseins; die Geschichte lehrt, aber sie hat keine Schüler.“ (Antonio Gramsci, 1921 in „Ordine Nuovo“).
Alle sind für Social-Media-Verbote für Kinder und junge Jugendliche. Diesen Eindruck könnte gewinnen, wer nur die mediale Berichterstattung verfolgt. Dass Kinder und Jugendliche selber es vielleicht nicht so sehen – kommt kaum vor. Und Fachleute, die mit jungen Menschen arbeiten und so manches nicht so eindimensional betrachten – nun auch sie werden selten zitiert.
Österreichs Kinder- und Jugendanwält:innen (KiJA), die einander von 16. bis 18. März – dieses Mal in Salzburg – zur sogenannten StändKo (Ständige Konferenz) trafen, widmeten den Großteil ihrer Tagung diesem hochaktuellen Thema. Und ließen die Öffentlichkeit über ein Mediengespräch wissen: Klar ist: Die Einhaltung der UN-Kinderrechtskonvention (KRK) muss Maßstab allen staatlichen Handelns sein – auch in der Diskussion über ein allfälliges Social-Media-Verbot. „Ein solches Verbot greift massiv in zentrale Kinderrechte ein. Gefordert werden stattdessen eine konsequente Umsetzung bestehender Regelungen, Plattformregulierung, EU-weite Lösungen und eine Stärkung der Medienkompetenz.“
Es werde übrigens übersehen, so die Kinder- und Jugendanwaltschaften, „dass der Zugang zu Social Media für Minderjährige auf nationaler und europäischer Ebene längst streng geregelt ist. Gemäß dem österreichischen Datenschutzgesetz (DSG) besteht faktisch bereits ein Verbot der eigenständigen Nutzung für unter 14-Jährige, sofern keine elterliche Zustimmung vorliegt. Darauf hat Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… schon in einem Beitrag vor dem Safer Internet Day hingewiesen – weiter unten verlinkt.
Übrigens „verpflichtet der europäische Digital Services Act (DSA) große Online-Plattformen ausdrücklich dazu, Risiken für Kinder gezielt zu minimieren und ein hohes Maß an Sicherheit zu gewährleisten“, ergänzten die unabhängigen Kinder- und Jugendanwält:innen.
Dass Plattformanbieter das Alter der Nutzer:innen derzeit oftmals durch die Abfrage hochsensibler, personenbezogener Daten – wie etwa durch KI-gestützte Gesichtserkennung oder Ausweisscans – überprüfen, ist aus datenschutzrechtlichen Gründen strikt abzulehnen und erweist sich zudem als kontraproduktiv, war ein weiteres Argument für die Skepsis gegenüber generellen Verboten. „Die aktuellen Herausforderungen lösen wir nicht durch reine Verbotsdebatten, sondern indem wir Betreiber algorithmusbasierter Plattformen zwingend in die Pflicht nehmen. Regulierung muss gezielt dort ansetzen, wo konkrete Gefährdungspotenziale bestehen – insbesondere bei Plattformdesigns, die auf maximale Verweildauer und Aufmerksamkeitsbindung ausgerichtet sind“, sagte Sebastian Öhner, Kinder- und Jugendanwalt aus Wien.
Zwar sind Risiken im digitalen Raum – wie Cybermobbing, Hassrede oder psychischer Druck – reale Gefahren, die konsequente Schutzmaßnahmen erfordern. Ein pauschales Verbot würde junge Menschen jedoch von der gesellschaftlichen Teilhabe ausschließen und wichtige Kinderrechte, wie das Recht auf Information, freie Meinungsäußerung sowie Freizeit und Spiel, unverhältnismäßig einschränken.
„Alle reden über ein Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige – bis jetzt fehlt uns jedoch eine Definition, welche Dienste von diesem Verbot umfasst sein sollen. Social Media reicht von problematischen Kurz-Videos bis hin zu seriöser Wissensvermittlung und Messenger- Diensten. Uns muss bewusst sein, dass es enorm schwierig wird, hier eine Trennlinie zwischen verbotenen Social-Media-Diensten und erlaubten – ja sogar erwünschten – Bildungs- und Teilhabeangeboten zu ziehen“, gab Salzburgs Kinder- und Jugendanwältin Johanna Fellinger zu bedenken.
„Wir dürfen nicht versuchen, einen gesamtgesellschaftlichen Mangel an Medien- und Handlungskompetenz einseitig jungen Menschen oder deren familiärem Umfeld zuzuschreiben. Wirksamer Schutz wird nicht durch Ausgrenzung, sondern durch Befähigung und Aufklärung nachhaltig erreicht. Ein Ausschluss aus der digitalen Welt würde grundlegende Kinderrechte massiv beschneiden. Was wir dringend benötigen, ist ein wirksamer Kinder- und Jugendschutz auf digitaler Ebene“, forderte Steiermarks Kinder- und Jugendanwältin Denise Schiffrer-Barac.
Übrigens haben am diesjährigen internationalen Safer Internet Day (10. Februar 2026, immer zweiter Dienstag im Februar) Jugendlichen des neuen Jugendbeirates der Österreich-Sektion von Unicef (United Nations International Children’s Emergency Fund; Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen) kurz gefasst gefordert: „Wir brauchen Medienbildung und -kompetenzen statt Verbote!“ (Link zum ausführlichen Beitrag oben.)
Die BundesJugendvertretung, die gesetzliche Interessensvertretung aller Kinder und Jugendlichen (übrigens gilt das bis 30 Jahre!) in Österreich, lädt in der ersten Junihälfte (10. – 12. Juni) zur Österreichischen Jugendkonferenz mit dem Thema „Social Media, digitale Teilhabe und EU“, dieses Mal in St. Pölten – Infos in einem Link am Ende des Beitrages.
Eine neue Herausforderung stellt mit Sicherheit auch die Nutzung KI-gestützter Algorithmen und Inhalte dar, die zunehmend die digitale Umgebung von Kindern und Jugendlichen und deren Informationsflüsse beeinflussen. Desinformation und Manipulation bergen immense Risiken und es braucht geeignete Maßnahmen, um Kinder und Jugendliche auch im Umgang mit KI zu schützen und zu stärken. Gerade der Umgang mit Künstlicher Intelligenz sollte eine schulische Kernaufgabe werden, damit ungleiche Bildungschancen nicht zusätzlich befeuert werden.
„Wir als Kinder- und Jugendanwaltschaften haben nicht festgestellt, dass junge Menschen in den aktuellen, schon sehr weit fortgeschrittenen politischen Diskurs miteinbezogen wurden. Das wäre aber essentiell, da sie das verfassungsrechtlich verankerte Recht auf Beteiligung in dieser Debatte haben: Denn sie sind in erster Linie betroffen“, machte die gastgebende Salzburger Kinder- und Jugendanwältin Johanna Fellinger auf ein bisheriges großes Versäumnis in dieser Verbots-Debatte aufmerksam.
In den vergangenen zwei Jahren hat sich das Netzwerk der österreichischen Kinder- und Jugendanwaltschaften personell stark erneuert: In fünf von neun Bundesländern stehen mittlerweile neue Kinder- und Jugendanwält:innen an der Spitze der jeweiligen Landeseinrichtungen. Nichts desto trotz betonen die neun Kinder- und Jugendanwält: innen gemeinsam: „Wir werden nicht lockerlassen und weiterhin geeint, laut und beharrlich für die Rechte der Kinder und Jugendlichen eintreten. Die UN-Kinderrechtskonvention muss in ganz Österreich die unumstößliche Basis unseres Zusammenlebens sein.“
In Zeiten multipler Krisen und knapper Kassen zeigt sich der wahre Stellenwert der Kinderrechte in unserer Gesellschaft. Derzeit wächst bundesweit der politische Druck, angesichts angespannter Budgets auch bei sozialen Ausgaben den Rotstift anzusetzen. Doch gerade jetzt, wenn finanzielle und personelle Ressourcen enger geschnürt werden und gesellschaftliche Spannungen zunehmen, muss der Fokus kompromisslos auf der Wahrung und Stärkung menschen- und kinderrechtlicher Standards liegen.
Alle neun Kinder- und Jugendanwält:innen fordern Bund und Länder auf, bei anstehenden Gesetzesreformen und Budgetentscheidungen die UN-Kinderrechtskonvention nicht als unverbindliche Empfehlung, sondern als verbindlichen Maßstab anzuwenden.
Einige Waggons eines irr schnell rasenden Zuges entgleisen in einer wunderschönen, irgendwie wild-romantisch wirkenden Landschaft in der Nähe einer Meeresbucht. Eine Hand hebt sie auf. Spielzeugeisenbahn oder ein Riese am Werk? Das ist eine der ersten Szenen, die auf den Animations-Action-Kinofilm „Tierisch abgefahren – Rettet die Pets!“ einstimmen. Ab 19. März (2026) ist dieser in Kinos zu erleben.
Das meiste, noch dazu abenteuerliche, gefährliche, wird sich in diesem Zug abspielen. Davor aber gibt’s noch eine Story rund um einen der Hauptheld:innen, den Waschbären Falcon (englisch für Falke) – weil er, das wird er später erzählen, als Waisenkind von einem Falken gerettet und aufgezogen wurde. Was so nicht stimmt, aber das wird erst gegen Ende nach und nach ans Licht kommen und sei hier sicher nicht gespoilert.
Jedenfalls lebt Falcon von Essensdiebstählen, die er Robin-Hood-mäßig mit vielen anderen ebenfalls auf der Straße lebenden Tieren teilt.
Bei den bevorstehenden Weihnachten will er einen Riesen-Coup landen und all seinen Mit-Tieren ein üppiges Fest(mahl) schenken. Dazu hat er sich – gemeinsam mit dem Computer-Freak Hans, einem Dachs, ausgedacht, die Elektronik des neuesten, tollstes, schnellsten Zuges Richtung Toro-City zu hacken, den Zug zu entführen, um den Container mit Lebensmitteln zu stibitzen.
Der Zug steht bereit. Menschen, vor allem mit Haustieren, wollen in die Stadt. Die Tiere kommen in einen eigenen Waggon. Dann bittet eine Lautsprecherdurchsage die Fahrgäste, den Zug wegen der Behebung einer Störung kurzzeitig zu verlassen. Als alle draußen sind: Türen zu und Abfahrt.
Das Abenteuer kann beginnen. Immer schneller, vom Dachs gesteuert, unkontrollierter rast der Zug. Ozelot (eine in Südamerika beheimatete kleine Raubkatze) Maggie erkennt die Gefahr, dass in diesem Tempo mit diesem Gewicht des ganzen Zuges eine hohe Gebirgsbrücke einbrechen würde. Falcon – als Komplize von Hans – ist als einziges Tier ohne Käfig drumherum im Zug. Natürlich befreit er alle. Oder fast. Ein alter Polizeihund hat ihn, den Waschbären, einmal wegen Diebstahls hinter Gitter gebracht…
Wie auch immer, die ganze Handlung mit ihren spannenden, immer wieder auch atemberaubenden Momenten, bei der die große Katstrophe mehrmals so nahe ist, sei hier nicht verraten. Nur noch so viel, Hans, der Hacker-Dachs, hat noch eine eigene Agenda und versucht die von Falcon gestartete Rettungsaktion immer wieder zu durchkreuzen. Dass der Film letztlich trotz aller Crashs und entgleister Waggons, gebrochener Brücken und so weiter ganz am Schluss natürlich einigermaßen happy endet, muss nicht extra betont werden.
Neben den vielen spannenden, Action-Szenen zum Mitfiebern, leben die knapp eineinhalb Stunden einerseits vom Miteinander der Tiere mit Ausnahme von Dachs Hans – trotz so mancher Gegensätze. Und gerade von der Vielfältigkeit dieser tierischen Charaktere. Von Underdogs, solchen, die sich eigentlich zu fein für diese Gesellschaft fühlen, anderen die gern Stars werden wollen und weiteren, die wiederum draufkommen, dass sie von ihren Herrchen und Frauchen nur zur Generierung von Klicks und Likes auf Social Media missbraucht werden.
Für die Charaktere hat sich das Kreativteam natürlich an unterschiedlichen menschlichen Typ:innen Beispiel genommen. Nicht zuletzt spielt die Sympathie für den Außenseiter, den auf der Straße lebenden Waschbären mit ausgerissenem Ohrläppchen, eine große Rolle. Der stets auf Teilen der Beute aus ist, groß spricht und doch Angst hat. Die er klarerweise dann überwindet, wenn’s drauf ankommt…
Eine starke Ebene ist auch die mediale – was sich im Zug abspielt, wird immer wieder von Live-Kameras aus einem Hubschrauber auf TV-Monitore übertragen – ein solcher hängt auch im Zug. Und wie Reporterin Cynthia nun ihre große Chance wittert, groß rauszukommen mit einem Live-Einstieg von der totalen Katastrophe, die unausweichlich scheint. Und sie dafür Lisa, das Mädchen, dem Ozelot Maggie gehört, im Hubschrauber mitnimmt.
Spielerisch Umweltwissen vermitteln – das wollen Schüler:innen des Gimnazija „Panto Mališić“ aus Berane in Montenegro (Südosteuropa zwischen Kroatien, Bosnien & Herzegowina, Serbien, Kosovo und Albanien) mit ihrer Junior-Company nmb Ecostep. Dafür entwickelten sie eine App, mit deren Hilfe der eigene ökologische Fußabdruck verringert werden kann. Wer Altmaterialien zur – richtigen – Recycling-Sammelstelle bringt, kann den dortigen QR-Code scannen und kriegt dafür EcoCoins. Die wiederum lassen sich dann beispielsweise in manchen Kooperations-Geschäften gegen ökologische Produkte eintauschen.
13 Jugendliche haben an dieser Plattform mitgearbeitet, erzählen die Vertreter:innen in Wien bei der internationalen Juniorfirmen-Handelsmesse Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… „Neben“ der App haben sie auch kleine Bilderhefte gestaltet und sich dafür Geschichten mit Umwelt-Touch ausgedacht – samt zwei Kindern namens Nemi und Elias sowie den beiden Fantasie-Charakteren Lux und Infiny, die auch als Avatare für die App verfügbar sind. „Bei den Geschichten und Figuren haben wir und schon an bekannten Märchen und Geschichten orientiert, aber doch selber geschrieben und gezeichnet“, gestehen die drei Schüler:innen, die ihre Kolleg:innen in Wien vertreten. Begleitet wurden sie nicht nur von Lehrpersonen, sondern auch von einer Mentorin aus einem Unternehmen, das das Projekt unterstützt.
Derzeit gibt’s App und Stories nur auf Englisch, so die Schüler:innen, „aber wir richten uns ja an Jugendliche ab 13. Und wir haben die App schon von 4200 Schüler:innen testen lassen“, vertrauen sie stolz dem Reporter an.
Mit diesem „Seitenwechsel“ – Schüler:innen in der Rolle von Pädagog:innen – knüpft dieser Beitrag insofern an Teil 1 der Berichte über die schon erwähnte internationale Messer der Junior-Companies an, als es dort um Re-, Upcyling-Produkte und Nachhaltigkeit ging. Etwas, das hier später auch noch einmal im Zentrum der Produkte einer der Junior-Firmen stehen wird.
Zunächst einmal aber noch eine weitere „Seitenwechsel“-Company. MeDit ist ebenfalls eine pädagogische Online-Plattform, entwickelt von Schüler:innen in Albanien mit Inhalten auf Instagram und Facebook. Und einer breiten Palette an Themen. Umwelt spielt auch eine Rolle, aber ebenso Wissenschaft, Ethik, Handwerk, Sport, Gesundheit. Da sie sich, wie die Jugendlichen berichten, vor allem an sehr junge Kinder wendet, fragte der Journalist doch einigermaßen erstaunt: Alle diskutieren über Altersgrenzen für soziale Netzwerke, diese selbst geben 13 Jahre als unteres Alterslimit an?
„Wir richten unsere Angebote an Eltern und Lehrer:innen. Und die sollen unsere pädagogisch vermittelten Inhalte und Toolboxen aus der virtuellen in die reale, analoge Welt mit Kindern übertragen. So bieten wir eine echte kleine Schachtel mit kleinen Gartenwerkzeugen an und Anleitungen, wie verschiedene Samen gesät, Pflanzen gesetzt werden können. Oder es gibt Puzzles zu unserem Buch, das wir im Sortiment haben – Das Abenteuer von Lili und dem Hasen. Und dann haben wir noch unsere kleine Geheimnis-Box mit Knetmasse.“
Hinter dem Firmennamen, so verraten die Schüler:innen und eine ihrer begleitenden Lehrer:innen steckt auch ein albanisches Wortspiel: Ditë heißt Tag und das ähnliche dish steht für wissen.
MeDit gewann bei der Handelsmesse übrigens den Gesamtpreis für die beste Junior Company auf dem JA (Junior Achievement/ Leistung) Marketplace Vienna, weil sie „Bildung zu einem sinnvollen, langfristigen Abenteuer machen“.
Runde schwarze Schachteln mit Halb-, Drittel-, Viertel- und so weiter flachen Kreisteilen bis zu sozusagen zehn „Tortenstückchen“ – in unterschiedlichen bunten Farben offerierten Lara Domková, Sabina Urbánková und Nikola Majerovičová aus Nove Mésto nad Váhom (Slowakei, nahe dem bekannteren Trenčín). „Dieses Spiel zum leichteren Lernen von mathematischen Brüchen haben wir uns ausgedacht, weil wir uns selber damit in der Klasse im Matheunterricht schwergetan haben. So sind wir drauf gekommen, daraus nicht nur ein Spiel, sondern sogar ein Business zu machen, weil wir ohnehin nach einer Idee für unsere Junior-Company gesucht haben“, berichten die beiden erst Genannten die Entstehungsgeschichte von Lomiq.
Was es mit dem allgegenwärtigen Oktopus rund um das Spiel und den Messestand auf sich hat, wollte KiJuKU.at wissen. „Das ist nur so, weil Oktopusse schlau sind und sogar neun Gehirne haben.“
Es gibt den bekannten Spruch „wenn dir das Leben Zitronen schenkt, mach draus Limonade!“ Rund um diesen ranken sich auch – echte und vielleicht so manch erfundene – Geschichten von Kindern, die mit Limonaden-Verkaufsständen ihre ersten unternehmerischen Schritte gesetzt haben. Bekannt ist vielleicht jene der siebenjährigen Liza Scott aus Alabama (US-Bundesstaat), die mit einem Limo-Stand Geld für ihre eigene notwendige Hirn-Operation zu sammeln begann. Oder auch das Buch von Virginia E. Wolff „Wenn dir das Leben eine Zitrone gibt, mach Limonade draus“ (Originaltitel: Make Lemonade, Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch: Brigitte Jakobeit; Hanser Verlag, 1999).
Zitronen sind für die Schüler:innen-Firma Lemonaid aus dem zypriotischen Nikosia Ausgangsmaterial. Antonis Hadjiliasis, Eleni Michael, Vasilis Panayides, Konstantinos Konstan und Stefanos Nikolaos, einige mit witzigen, dunkelgelben Scherz-Brillen zeigen den Besucher:innen ihres Messestandes einerseits ihr Hauptprodukt: Wäsche-Weißmacher-Tabletten ohne Chemie nur aus vor allem geriebenen Schalen von Zitronen, meist ein Abfallprodukt. Die der Wäsche auch angenehm, frischen Duft verleihen und gesund und gut zur menschlichen Haut sind. Und natürlich haben sie bei ihrem Firmennamen ein Wortspiel eingebaut, klingt doch Lemonaid ähnlich wie Lemonade (Limonade), verbindet aber das englische Lemon (Zitrone) mit aid für Hilfe.
Die fünf Schüler:innen verwerten die Zitronen aber auch unter anderem für die Zubereitung von Keksen. Für ihren umfassenden Nachhaltigkeits-Gedanken bei ihrem Geschäft wurden sie mit dem entsprechenden Preis bedacht.
Wird fortgesetzt mit Berichten über weitere Juniorfirmen aus dem In- und Ausland.
Ziemlich mächtig einerseits, andererseits hängt es „nur“ da, an einer Art Nabelschnur. Das „es“ eine riesige schwarze „Wurst“, das erste Stück hängend, das noch größere liegend auf einer großen grünen Fläche, einem stilisierten Blatt (Bühne: Albert Frühstück). Und dann kommen sie herein – vier Männer in schwarzen Gewändern und Sportschuhen. Sie schnappen sich auf ärmellose Westen, die auf dieser „Wurst“ liegen und die an Kampfpanzer erinnern, dazu Helme wie sie in manchen Kampfsportarten (Kostüm: Sophie Schmid) zum Einsatz kommen.
Derart martialisch adjustiert beziehen sie Positionen auf diesem Blatt vor den links und rechts davon sitzenden Zuschauer:innen. Blicke wie wildgewordene Raubtiere im Käfig. Gewalt-ig. Toxisch. Männlich. Natürlich hier nicht angsteinflößen, weil eine bewusste Auseinandersetzung mit genau diesen – über Jahrtausende Patriarchat eingelernten Verhaltensweisen.
Und so verharren Tejus Menon, Stefan Schönholzer, Antonio Luque und Stefan Ebner, von dem auch die Idee und das Konzept stammt (Dramaturgie: Tanja Spielmann), nicht in solchen archaischen Positionen. Langsam und vorsichtig beginnen sie ihre abweisenden, kriegerischen Gesichtszüge und Körperhaltungen aufzuweichen. Die eine oder andere Annäherung, gar bitte um Hilfe, Reimen der Panzerung zu lockern. Sanfte Berührungen.
Bis es zu Bitten um „Hugs“ (Umarmungen) kommt – in der nicht ganz eine Stunde währenden Performance „Grow out – Herauswachsen“ der Gruppe „Material für die nächste Schicht“ (Koproduktion mit WUK – performing arts & Kinderkultur) fallen nur wenige Sätze bzw. fast immer nur einzelne Wörter, und diese auf Englisch. Das Spiel hält gegen Ende zu auch bunte Überraschungen – sowohl aus der bedrohlichen dunklen „Wurst“ als auch den kriegerischen Brustpanzern bereit, die hier nicht näher verraten werden sollen.
Auf wie beschrieben eben vor allem sehr körperliche und sinnliche Art stellen die Performer Rollenmuster schauspielerisch, mitunter fast tänzerisch kräftig in Frage. Nach einigen Jahrzehnten doch intensiver Diskussionen und Auseinandersetzungen mit solchen, scheint vielfach – wie auch bei Rückschritten in anderen Bereichen, Stichwort Demokratie – sind ja leider auch hier teils extreme Rückfälle zu erleben: Von Manosphere-Influencern auf Online-Plattformen bis zu übergriffigem Verhalten von Chefs, trotz fast schon zehn Jahre zurückreichender MeToo-Bewegung.
Während Klima- und Umweltschutz in öffentlichen Diskussionen an Stellenwert verliert, spielt er bei vielen Jugendlichen doch offenkundig eine große Rolle. Schüler:innen mehrerer Länder mach(t)en Re-, Upcycling und Nachhaltigkeit sogar zu ihren Geschäftsideen wie – wieder einmal – die jüngste internationale Handelsmesse von Junior-Unternehmen in der Wiener Millenniums-City eine Woche vor Frühlingsbeginn (2026) zeigte.
Seit mehr als 30 Jahren beteiligen sich auch österreichische Schulen an diesem praktischen internationalen, vor mehr als 100 Jahren in den USA gegründeten Wirtschaftslern-programm nach dem Motto „Learning Business by Doing Business“. Im Gegensatz den Übungsfirmen (ÜF) in Handelsakademien und -schulen wo die Geschäftsabläufe (in der Regel) „nur“ virtuell durchgespielt werden, müssen Junior-Companies mit echten Produkten bzw. Dienstleistungen Handel betreiben.
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… trieb sich einige Stunden zwischen den fast fünf Dutzend Messeständen auf der „Plaza“ dieses großen Einkaufszentrums in Wien-Brigittenau herum, sprach mit vielen der Jugendlichen über ihre Geschäftsideen. Vorweg muss und will sich der Journalist aber entschuldigen, dass Zeit und Energie doch nicht ausreichten, um mit allen 56 Companies ins Gespräch zu kommen. Sorry, prominte, izvini… bei den nicht in diesem, und weiteren, Bericht(en) vorkommenden Juniorfirmen sowie bei den Leser:innen, dass sie keinen Einblick in alle Unternehmensideen und Produkte bekommen.
So, nun aber endlich hinein in die – in diesem Bericht – Re-, Upcycling- und Nachhaltigkeits-Produkte. „Hangout“ in großen stylish runden Buchstaben vermittelt schon das Logo Freizeit- bzw. Festival-Feeling. Emilia L, Sena K. und Elias B.L. breiten fürs Foto, die an einer Ecke des Messestandes baumelnde Hängematte aus. „Unsere Hängematte kann auch als Picknickdecke verwendet werden, sie ist aus wasserabweisenden Stoffen, die wir aus Resten machen, die wir von Firmen bekommen haben“, erklären die drei Jugendlichen der Innsbrucker Ferrarischule.
Dieses Schüler:innen-Unternehmen hat dazu noch weitere Produkte im Angebot – praktische Taschen für Schlüsse, Geldbörse und anderes in einem – zusammenrollbar, Netze mit Karabinern für Thermosflaschen und Tees deren spezielle Papierbeutel samt dem ausgelaugten Tee kompostierbar sind. „In herkömmlichen Teebeuteln ist oft Mikroplastik“, nennen sie den umweltmäßigen Vorteil ihrer eigenen.
Ein recht großer Sitzsack, in den sich der Lehrer gemütlich versinken lässt und ein deutlich kleinerer daneben stehen vor dem Stand von „PolyBag“. Was in Österreich aufs Erste an eine Polytechnische Schule denken lässt, kommt von Schüler:innen der Handelsakademie im tschechischen Hradec Králové. Aus ehemaligen Polypropylen-Säcken (Kunststoff) schneiden die 15 Jugendlichen des dritten Jahrgangs dieser Junior-Company die Teile für die Sitzsäcke zu. „Das ist ein sehr starkes, langhaltendes Material und würde sonst nur im Müll landen“, berichten die drei nach Wien gekommenen „PolyBag“-Vertreter:innen Lenka Zemonová, Ondra Veselý und Fonda Vagenknecht. „Nähen lassen wir sie von Menschen mit Behinderungen in einer örtlichen geschützten Werkstätte, dem Daneta-Zentrum“, weisen sie noch auf die Kooperation hin, die Barrieren zwischen den HAK-Schüler:innen und Menschen mit Behinderungen abbauen will.
Kein Produkt, sondern eine Dienstleistung – samt Modell dazu – präsentierten und verkaufen Boris Stoyanov, Daria Tancheva, Iva Peychinova, Victor Simeonov und Aleksander Issakov aus der bulgarischen Hauptstadt Sofia mit „Rain Reborn“. „Wir haben ein Bewässerungssystem für Pflanzen entwickelt, das Regenwasser zum Gießen sammelt und über eine App automatisch so steuert wie die jeweiligen Pflanzen es brauchen – also nicht zu wenig und nicht zu viel“, schildern die fünf Schüler:innen aus der Handelsakademie Iva Apostolov. Sie haben sich nicht nur diese schlaue Wiederverwendung von Regenwasser ausgedacht, sondern auch das Gießsystem mit seinen Sensoren und die App so programmiert, dass sie nun Packages verkaufen: Von 150 € für jene, die’s dann selber installieren bis zum Full-Service um 500 €.
„Nur“ ein Teil der Kollektion einer der Junior-Firmen aus der W@lz, dem Wiener Alternativen Lernzentrum (einer privaten, alternativen Oberstufenschule) ist aus Altamterial. „Clutched“ verkauft hänkellose Handtaschen mit Schnapp-Verschluss-mechanismus – aus gehäkelter (Baum-)wolle in den verschiedensten Farben. „Einige haben wir aus recycelter Baumwolle gehäkelt, die sind aber härter. Viele mögen die weicheren aus neuer Wolle“, so Lenny zu KiJuKU.at bevor seine Kolleginnen Josephine und Emma dazustoßen, um die Taschen fürs Foto zu präsentieren.
Übrigens, so gestehen die Schüler:innen, „Keine leichte und schnelle Arbeit, jetzt brauchen wir für eine Tasche ungefähr zwei Stunden, am Anfang waren’s sogar bis zu vier Stunden.“
Ebenfalls alles Handarbeit sind die Produkte der Juniorfirma „A haße G’schicht“ von Georg Nader, David Schaller, Philip Rabitsch, Philip Seidl, Anant Kuna, Fabian Dachauer und Mila Aleksić, Schüler:innen des TGM (Schule der Technik, eins Technologisches GewerbeMuseum genannt) in Wien. „Zuerst wollten wir Feuerzeuge selber herstellen, auch schon aus Recyclingmaterial, dann hat uns ein Lehrer auf die Idee mit dem „ewigen Zündholz“ gebracht. Da haben wir dann schon eineinhalb Monate herumgetüftelt und -probiert, gestehen einige der Jugendlichen am Messestand.
Der Vater eines der Schüler ist Jäger, er überließ den Jugendlichen leere, alte Patronenhülsen. Die werden mit Feuerzeugbenzin gefüllt, in dem ein Metallteil mit schmalem, ebenfalls wiederverwendetem Sägeblatt und ein Docht steckt. An einer in die Hülse eingekerbten Stelle kommt eine Reibefläche, die über das Sägeblatt den Docht entzündet, der dem Wind standhält – Genaueres im Video, in dem Georg Nader dem Journalisten – und damit dir liebe Leserin, lieber Leser – die Funktion schildert.
Wird fortgesetzt mit Berichten über weitere Juniorfirmen aus dem In- und Ausland.
Vor einem breiten bräunlichen Etwas, das zunächst Gedanken an einen aufgeschnittenen ast-losen Baum vermittelt, beginnen Gianna Grimaldi, Annabella Tedone ihr anfangs wortloses, später von einigen italienischen Sätzen begleitetes Schauspiel. Sie platzieren zwei hellbraune flache Pölster am vorderen Bühnenrand – zu nahe an der ersten Reihe, was bewirkt, dass die Zuschauer:innen weiter hinten sich schwertun, zu sehen, dass sei symbolisch etwas in diese „Erde“ pflanzen.
Um Säen, Samen, Wachsen und Werden dreht sich das nicht ganz ¾-stündigen Stück, das Compagnia Teatrale Kuziba aus Italien für leider nur zwei Vorstellungen nach Wien mitgebracht hat. Glattstreichen der „Erde“, Wind in Form von entsprechenden Blas- und verstärkten Geräuschen. Regen, den sie mit Fingertrippeln auf den eigenen Köpfen und danach auf dem Boden beginnen – und der ebenfalls aus dem Off zu heftigem Schütten wird. Den zwischenzeitlichen aufgespannten Schirm abschütteln und mit diesem Wasser die kleinen Felder gießen…
So stellen die beiden – Tedone hat übrigens auch Regie geführt – zum Einen notwendige „Zutaten“ zum Pflanzen-Wachstum spielerisch dar. Zum Zweiten setzen sie an bei schon jungen Kindern bekannten Bewegungsspielen an und zum Dritten wollen sie die Freude am Staunen vermitteln. Was bei der Vormittagsvorstellung leider nicht durchgängig gelungen ist, weil viele so manches nicht wirklich sehen konnten, was schon zu Unruhe führte.
Doch bevor am Ende – das hier ja verraten werden kann, weil „Como SeMe“ einerseits schon vorbei ist und andererseits ohnehin vermutet würde – aus einem der Felder eine Grünpflanze wächst, muss das Warten darauf überbrückt werden. Das Duo nähert sich vertraulich an, miteinander spielen sie, „zerlegen“ den vermeintlichen Baum aus dem Hintergrund, was den Blick auf eine Leiter freigibt. Die wird zum leicht akrobatischen Spielplatz.
Das große Ding entfalten sie als Decke, unter die sie kriechen, sie dann wieder ent-falten… alles szenische Bilder eben rund um Werden, Wachsen, Veränderungen…
Später wieder als Art Schlafsack senkrecht an die Leiter gelehnt schlüpfte eine unten, die andere oben rein. Und so wie am Ende vorne eine Pflanze wachsen wird, so reift in diesem „Leib“ ein kleiner aus Packpapier geformter Mensch heran…
Ein wenig tricky ist schon der Titel des Stücks, das die Gruppe mit TRIC Teatri di Bari koproduziert und dafür auch mit Terreno Fertile, La luna nel pozzo, Armamaxa, IV Circ. Didattico „Don P. Uva“, Bisceglie (Italien) zusammengearbeitet hat: „Como SeMe“ – bewusst mit einem Großbuchstaben mitten im zweiten Wort, auf der Webiste der Gruppe an einigen Stellen mit einem großen Punkt zwischen „se“ und „me“ – verwandelt den kurzen Satz in zwei Bedeutungen: „Wie Samen“ bzw. wenn se und me getrennt gelesen wird: Wie mache ich 😉
Das geht leider auf der Homepage des Theaterhauses für junges Publikum im MuseumsQuartier, dem Dschungelwien, „dank“ der dortigen durchgängigen Großbuchstaben (was übrigens online immer als schreiend interpretiert wird), verloren.
Auf scheinbar beengtem, privatem Raum eröffnet ein Schauspiel-Duo, unterstützt, begleitet, mitunter auch fast getrieben von drei Musiker:innen im Hintergrund die doch große Welt. „John & Jen“, nur mehr kurz im kleinen, feinen, äußerst engagierten Theater Spielraum in der Kaiserstraße (Wien-Neubau) ist ein knapp mehr als zweistündiges Kammer-Musical aus den USA aus 1993, das hier seine österreichische Erstaufführung erlebt(e).
Das Original – und auch die Wiener Version – spielt im ersten Teil in den 50er und 60er, im zweiten Teil bis zu den 90er Jahren des vorigen, also des 20. Jahrhunderts in den USA. (2021 gab es in den Vereinigten Staaten von Amerika eine neue Version, die in die Zeit zwischen 1985 bis zur damaligen Gegenwart verlegt wurde).
Die Jahreszahlen flimmern übrigens im „Spielraum“, einem ehemaligen Kino (Erika) ebenso wie ein paar historische Videos über TV-Monitore, die in schmalen hohen offenen Kästen neben Büchern, Platten, einem Pokal, und auch so manchen Kleidungsstücken stehen (Bühne: Marc Rothschild). Ein kleines technisches Wunder, die alten Röhrenfernsehapparate synchron mit digitalen Daten zu speisen;)
Die Story kürzest gefasst: Jen ist – im ersten Teil vor der Pause – die ein paar Jahre ältere Schwester, John erleben wir sozusagen von Geburt an, was natürlich dem Schauspieler (Lukas Müller) erspart bleibt, ein Stoffbündel und Babyschreien, vor allem aber die Reaktionen der Schwester (Denise Jastraunig) darauf reichen. Die beiden sind mehr eine verschworene Gemeinschaft als zerstrittene Geschwister. Was sich massiv und heftig ändert, als er zum Militär und in den (Vietnam-)Krieg zieht. Wortloser Nicht-Abschied – so präzise gespielt, dass der fast schmerzhaft im Publikum ankommt.
19 Jahre und in einer Kiste mit US-Flagge landet der Bruder danach wieder in der Heimat, für die er so stolz ausgezogen war.
Im zweiten Teil ist Jen nun erst werdende und dann Mutter, nennt ihren Sohn nach dem verlorenen Bruder und wird zur Gluckhenne. Nichts darf der neue John alleine unternehmen. Für ihn peinlich führt sie sich auf, wenn er Baseball spielt. Dauernd sieht sie im Sohn eigentlich den getöteten Bruder, stattet ihn mit dessen einstigem uraltem Baseballhandschuh aus…
Was die 68er-Bewegunge vielleicht erstmals groß thematisiert hat – alles Private ist politisch – vermittelt das Kammermusical durch (Lied-)Texte, Schauspiel und Musik (Buch: Tom Greenwald – auch Gesangstexte – und Andrew Lippa – auch Musik; Deutsch: Timothy Roller; Regie in Wien: Robert G. Neumayr) nicht nur in der brisanten Frage rund um den Vietnamkrieg, der weltweit eine riesige Friedensbewegung gegen den Kolonialkrieg der Supermacht als Protest dagegen entstehen ließ. Auf die sprichwörtliche Brand-Aktualität hätten das Theater und seine Spieler:innen wohl gern verzichtet.
Die Fassade „heiler“ Familienbilder begann zu bröckeln. Was der Sohn und später der Enkel nicht so sehr sehen will, spürt, bemerkt und spricht die Tochter an: Der Vater übt Gewalt aus.
Und sie, sie schränkt dann als Mutter den eigenen Sohn ein – behindert eine eigenständige Entwicklung, wenngleich aus teilweise falsch verstandenem Beschützerinnen-Motiv. Aber dennoch!
Sowohl Denise Jastraunig als auch Lukas Müller gelingt es einerseits den doch raschen Alterswandel – von (Klein-)Kind zu Jugendlicher bzw. Jugendlichem, sie auch noch zur reifen Erwachsenen – über Schauspiel glaubhaft – durch Kleidungswechsel unterstützt (Kostüme wie hier immer bewusst gewählt: Anna Pollack) darzustellen. Und die beiden lassen die gefühlsmäßigen Windungen und Wenden entsprechend spüren.
Wobei den Gefühlsebene nicht zuletzt durch die Livemusik (Leitung und Piano: Bernhard Jaretz) und Cellistin Maike Clemens (bei anderen Vorstellungen: Margarethe Vogler) sowie Percussionist Marco Lentner (bei anderen Vorstellungen: Fabian Ratheiser) wie schon eingangs erwähnt je nach Situation untermalt, getragen oder gar getrieben wird.
Apropos: Tom Barcals Lichtstimmungen tut ein Übriges, um die jeweiligen, wandelnden Szenen angepasst zu unterstreichen.
Eine ziemlich große Regalkonstruktion samt Rutsche baute Teatro Lata für seine Szenen auf, die sie als Ausschnitt von „Bon App! – Heute bestellt, gestern geliefert!“ beim Jungspund-Schaufenster im Rahmen des Theaterfestivals für junges Publikum im Ostschweizer St. Gallen zeigten. Die beiden Spieler Gustavo Nanez & Dominik Blumer als Carlos und Frank in knallgelben Warnwesten und gleichfarbigen würfelförmigen Rucksäcken rasen, düsen, rennen andauernd hin und her. Der eine klettert die Regale hoch und lässt von dort braune Kartons unterschiedlicher Größe runterrutschen, der andere legt sie auf ein Walking-Pad, das hier zum kurzen Fließband wird.
Pakettürme mit Klebeband fixiert – und noch obendrauf auf die markanten Rück-Würfel, für alle erkennbar Transportbehälter für Essens-Lieferant:innen. Also zusätzlich auch noch Pakete zustellen. Als Fahrräder bzw. Mopeds dienen den beiden Kunststoff-Scooter wie sie sehr junge Kinder verwenden.
Mit viel Witz, situationskomischen Szenen, getanzten Momenten nimmt das Stück die turbokapitalistische Konsumgesellschaft aufs Korn – wenngleich so mancher Lacher mitunter im Hals stecken bleibt, wenn eingespielter Autolärm immer lauter und schneller werden und – hinter der großen Regalkonstruktion „nur“ über ebenfalls eingespielte Crash-Geräusche die Gefährlichkeit dieses Berufs verdeutlicht wird.
Idee, Konzept & Produktionsleitung stammen von Angela Sanders, die gemeinsam mit Gustavo Nanez, der auch für die Bühne verantwortlich ist, Co-Regie führte (End-Regie: Michel Schröder). Die immer wieder tänzerischen Momente verdankt das spielfreudige Duo der Choreografie von Manel Salas Palau. In der Recherchephase sind auch Interviews mit echten vor allem Essenslieferanten geführt worden, deren Schilderungen der in das Schauspiel eingeflossen sind und ihnen – natürlich überspitzt dargestellt – große Authentizität verleiht.
Übrigens lief im vergangenen Sommer wochenlang der Film „Happy“, der sich um einen Essenszusteller in Wien dreht – ebenfalls nach vielen Gesprächen des Regisseurs mit wirklichen unter ausbeuterischen Bedingungen arbeitenden und wohnenden rasenden Lieferanten; Besprechung des Films unten am Ende des Beitrages.
Compliance-Hinweis: Die Berichterstattung kann nur erfolgen, weil das Festival „Jungspund“ Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … für vier Tage nach St. Gallen (Schweiz) eingeladen hat.
Ein älterer Mann, Hut, Brille und erhobener Spazierstock – als würde er zu einem Schlag ausholen. Daneben ein rätselhaftes Wesen, das aber wirkt, als würde sich da wer unter Decken verstecken. So das gezeichnete Bild auf der Titelseite eines Bilderbuchklassikers, der kaum mehr bekannt ist. Auch Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… kam erst über einen Umweg auf die schräge, spannende Geschichte und ihre Bilder in „Das Biest des Monsieur Racine“, beides geschaffen vom französischen Autor, Illustrator, Grafiker Tomi Ungerer (1931 – 2019). Bekannter sind wohl seine „Die drei Räuber“, vielleicht auch weil sie vor rund 20 Jahren als Animationsfilm in Kinos kamen.
Dieser Herr (Monsieur ist die französische Bezeichnung dafür, auch wenn sie manchen vornehmer klingen mag) ist pensionierter „Steuereinnehmer“, also Finanzbeamter. Sein ganzer privater Stolz ist ein Birnbaum mit so köstlichen, hervorragenden Früchten, dass er damit schon viele Preise gewonnen hat. Nicht für viel Geld, das ihm immer wieder geboten wird, will er Früchte oder gar den Baum verkaufen.
Und dann merkt er eines Tages, dass die Birnen gestohlen worden sind. Akribisch, wie er es aus seinem Beruf kennt, wird er nun zum Detektiv, untersucht die Spuren und ist verblüfft. Mit keinen bekannten Fußabdrücken vergleichbar?!
Und dann steht da dieses irgendwie fast monströse Tier vor ihm. Schon freundet er sich mit ihm an – im Gegensatz zum Titelbild streckt er dem „Biest“ zwar einen Degen entgegen, aber an dessen Spitze ein Makrönchen. Von nun an tägliche Besuche, miteinander essen und trinken, gemeinsame Ausflüge… Racine baut dem verspielten Wesen sogar Rutsche und Schaukel im Garten – und freut sich selber daran, wird fast zum Kind.
Schon viel früher lässt ihn Autor und Illustrator Tomi Ungerer (Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche: Hans Manz) sagen: „Ich habe meinen Birnen verloren, aber einen Freund gefunden“, dachte der alte Steuereinnehmer.“
Gleichzeitig beobachtet, vermisst, analysiert der jahrzehntelange Zahlenfuchs das Tier, wendet sich an die Akademie der Wissenschaften, wird – gemeinsam mit dem „Biest“ eingeladen, um die Sensation vorzustellen – und dann… ach, das Ende – wird hier ausnahmsweise gespoilert: Während der Präsentation in ehrwürdigem Rahmen, passierte folgendes: „Das Biest, das sich immer still verhalten hatte, brach in hysterisches Kichern aus. Es schüttelte sich, rollte auf die Seite, platzte aus den Nähten und riss sich selbst auseinander. Aus einem Haufen von Decken und Fellen krochen zwei Kinder…“
Und noch verblüffender: „Aber Monsieur Racine, der Sinn für Humor hatte, fand den Spaß einzigartig…“
Der „Verrat“ der letzten Wendung – eine große Ausnahme hier auf dieser Plattform – erfolgt, weil, und nun wird der Kreis zum Anfang geschlossen: KiJuKU stieß bei „Jungspund“, dem jüngsten (fünften) Theaterfestival für junges Publikum im Ostschweizer St. Gallen über kurze Szenen von „Zämme-n-es Viehchi si“ (gemeinsam das Biest sein) des Figurentheaters Michael Huber erst auf dieses Buch. Und der Spieler nimmt in dem stark von diesem Buch inspirierten Stück, das er erst entwickelt, das Ende sozusagen vorweg – KiJuKU hat darüber auch schon berichtet – Link dazu am Ende der Buchbesprechung. In der Theaterversion mit kleinen Figuren auf einem Tisch und live gespielter Ukulele-Musik tauchen die Kinder zunächst als solche auf und fragen Racine um Birnen. Kommt überhaupt nicht in Frage, meinte der geizig. Und dann verkleiden die sich eben als Biest…
Mit der neu gewonnen Freundschaft, wenngleich erst im Alter, wird der zunächst geizige einstige Finanzbeamte sozusagen (wieder?) zum Kind und beginnt sogar den fast peinlichen Spaß (in der Akademie der Wissenschaftenzu verstehen 😉
Bläulich getönt empfängt die Ankommens-Station im Zoom Kindermuseum die jungen und jüngsten Besucher:innen der „brand“aktuellen, neuen Mitmachausstellung im Wiener MuseumsQuartier – ein atmosphärischer Einstieg in „Donaurauschen und Flussgeflüster“ (6 bis 12 Jahre). Viel(fältig)es rund um den zweitlängsten Fluss Europas (2.857 Kilometer) selbst, aber auch Allgemeines über Flüsse, ihre – natürlichen und künstlich eingezwängten – Verläufe, ebenso wie darüber hinausgehend generell über den Kreislauf von Wasser sind Themen. Und werden – wie üblich hier und insgesamt in Kindermuseen mit ihren „Hands on“-Zugängen be-greifbar.
So ziehen sich die ersten Kinder gleich nach dem kleinen Atrium, in dem die Gruppen auf die künftigen 1½ Stunden eingestimmt werden, bei „Hochwasseralarm“ gelbe Warnwesten über, schnappen sich bretterähnliche Elemente aus leichtem Material und schieben sie zwischen die Metallsteher des Hochwasserschutzes, den Anfang machte Gabriel, Schulsprecher der Volksschule Pfeilgasse, wo er eine der Mehrstufenklassen besucht. Die war die allererste in der neuen interaktiven Ausstellung und durfte schon bespielen, während im Forum Direktorin und zwei Stadträtinnen den Medienleuten darüber erzählten, Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… aber – so wie ein ORF-Team lieber gleich Kinder bei ihren Aktivitäten begleitete.
Einige Meter weiter steht ein großer durchsichtiger „Kasten“ mit Kurbeln – jener Abschnitt der Donau, wo sie durch Wien fließt – samt der Möglichkeit über die Kurbeln ein bisschen Wasser in den Strom fließen zu lassen, und wenn’s zu viel wird, über einen Hebel einiges davon in die „Neue Donau“ umzuleiten. Geplant und gebaut als effizienter Hochwasserschutz, wurde vor Jahrzehnten mit dem für diesen Kanals ausgehobenen Erd- und Gesteinsmaterial die Donauinsel aufgeschüttet; längst zum beliebten Erholungs- und Freizeitgebiet geworden.
Ein riesiger, heb- und senkbarer, Flusslauf mit kleinen Holzhäusern an verschiedenen Ufer-Abschnitten, lässt den natürlichen, mäandernden Lauf von Fleißgewässern erleben – samt möglichen Überschwemmungen, wenn die Kinder der Person, die diese Station betreut sagen, sie solle viel mehr Wasser reinlaufen lassen. Aber auch mit der Möglichkeit aus dem Kies Dämme zum Schutz davor zu bauen.
Gleich neben dieser recht riesigen Fluss-Installation findest du das Modell eines Flusskraftwerkes. Wenn du es per Knopfdruck in Bewegung setzt, fließt Wasser, das treibt die Turbine an und erzeugt so Strom. Bald danach leuchten unterschiedlich hohe Türme auf einem an der Wand hängenden Stadtplan von Wien – und symbolisieren sozusagen die Energie, die nun in die Haushalte fließt.
In einer der digitalen Spielstationen kann miterlebt werden, wie eine Schleuse funktioniert, damit Schiffe wie eine einem mit Wasser gefüllten oder eben abgelassenen „Aufzug“ rauf- oder runterfahren können. Die Sprachauswahl ermöglicht allerdings nur zwischen Deutsch und Englisch zu wählen. Schade, Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… hatte erwartet, dass wenigstens die Sprachen der Donauländer verfügbar wären. Die gibt es schon, aber „nur“ bei der Puzzle-Station.
An einer spiegelnden halbrunden Metallwand finden die mitspielenden Besucher:innen zehn große bzw. kleine Teile – die Karten jener Länder, durch die die Donau fließt: Deutschland, Österreich, Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Rumänien, Bulgarien, Republik Moldau und Ukraine.
Samt den entsprechenden ähnlichen und doch unterschiedlichen Namen: Donau – Dunaj – Duna – Dunav – Dunărea – Dunav – Dunaj sowie den Wörtern für Fluss: Rieka – Folyő – Rijeka – Reka – Râu – Reka – Rischka. Für Bulgarisch und Ukrainisch hätte es sich jedenfalls zusätzlich in deren kyrillischer Schrift angeboten – was auch für Serbisch gilt, das eben in zwei Alphabeten existiert. Übrigens hieß Fluss im Ukrainischen eigentlich Потік (Potik).
Bei einer anderen Station kannst du sozusagen analog die Donau flussaufwärts scrollen – am Rad drehen, die Kilometeranzahl von der Mündung bis zur Quelle erscheint – und dazu Fotos einiger Städte am entsprechenden Ufer.
Das ist aber bei Weitem nicht alles. Es warten – übrigens bis Ende Juni des kommenden Jahres (2027) etliche weitere Stationen – beispielsweise Mikroskope mit deren Hilfe du sehr kleine Lebewesen aus der Donau betrachten kannst, ein beeindruckendes Video über die Donaulandschaften…
Drei recht unterschiedliche verspielte Stationen haben es vielen Kindern der genannten Klasse angetan, die nun hier noch näher beschrieben seien: Einige der in der Donau heimischen Fischarten inspirierten Künstler:innen zu Kostümen, die diesen nachgebildet sind und in die Kinder leicht hineinschlüpfen können. Zu dritt wanderten Frida, Sofia und Amina gefühlt fast die ganze Zeit als „Wels“ durch „Donauraschen & Flussgeflüster“ und immer wieder auch durch senkrechte von der Decke eines Tunnels hängende dicke Stoffnudeln – entweder gegen oder mit dem Strom. Yola „flatterte“ als Muschel, die sich immer wieder öffnete und schloss durchs Gelände.
Inad fühlte sich offensichtlich sehr wohl in einem Kostüm, das meisten aufs erste für ein Seepferdchen hielten; trotz Skepsis, ob solche in der Donau beheimatet sind (Süßwasser-Gattungen gibt es). Das Wort für Seepferdchen zeigte Inad auch KiJuKU in seiner Sprache, der Österreichischen Gebärdensprache, die übrigens auch alle anderen Kinder dieser Klasse lernen. Ach ja, zum Glück fragte der Reporter später beim Kindermuseum nach und erfuhr: Wird zwar von vielen – auch Mitarbeiter:innen – als Seepferdchen gesehen, ist aber ein Fisch namens Nase und grundelt in Bodennähe – müsste also statt aufrecht gehend, eher kriechend verwendet werden.
Der Huchen – ein glitzerndes Kostüm dieses Fisches, ist aber wirklich ein solche – und den gebärdete Inad Buchstabe für Buchstabe.
Fischkostüme hatten es übrigens auch den beiden Stadträtinnen – Veronica Kaup-Hasler (Kultur und Wissenschaft) sowie Bettina Emmerling (Bildung, Jugend, Integration, Transparenz und Märkte) angetan. Als glitzernder Huchen sowie Hecht „mit dicker Lippe“ kostümiert „schwammen“ sie durch die hängenden Stoffnudeln mal mit und dann wieder gegen den Strom.
Fast noch beliebter war eine ebenfalls mit viel Stoff versehene erhöhte Art blauer Oase – mit vielen Pölstern an der kreisrunden Wand, großen mit Bildausschnitten bedruckten Stoff-Quadern, die an Würfel-Puzzle erinnern. „Donau-Raum“ genannt, kommen aus Kopfhörern, die zwischen den Wandpölstern angebracht sind, Geschichten – ein Fisch, ein Vogel und ein Mensch erzählen, wie sie sich die Donau wünschen. Das Konzept dieser Station ist aber beim Lokalaugenschein nicht wirklich aufgegangen –Kinder fanden eine ganze andere Spiel-Möglichkeit – in die Pölster springen, sich darin kuscheln, Pölsterberge bauen… – „die Station ist die beste, weil die Wände mit den vielen Pölstern so weich sind, da kannst du dich gegen die Wand werfen“, fanden fast im Chor Moritz, Lamin, Jakob und Lian als KiJuKU fragte.
Zur Donau selbst meinten die vier, „neu war für uns, dass sie durch zehn Länder fließt, sieben haben wir schon vorher gewusst, vor allem, dass die Ukraine auch dazugehört, war überraschend“.
Der oben schon erwähnte Inad war am meisten vom „Schwimmen“ in mehreren Fischkostümen durch den Stoff-Strom begeistert „und über die Donau hab ich schon vorher viel gewusst“.
Bei einer offenen Kreativstation kannst du dir Anhänger verschiedenster Formen gestalten – aus einem verblüffenden Material. Die dünne weiße Folie – vorbereitet in kreisen, Fisch- und anderen Formen – schrumpft und wird hart, wenn sie bei rund 150 Grad erhitzt wird. Auf die noch größere Folie malst du mit Bunt- oder Filzstiften, mit einem Locher machst du, so du willst, ein Loch rein. Und kannst somit später ein Ohrring, ein Teil für eine Kette oder was auch immer damit basteln.
Zurück zum Fluss, der durch die oben aufgezählten zehn Länder fließt. Außerdem bringen Flüsse aus weiteren neun Ländern Wasser in die Donau. Der Kinder-KURIUER, Vorläufer von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… verwendete den oben zitierten Zwischentitel damals (Juli 2019) als Überschrift für einen Beitrag zwei Projekte junger Tschetschen:innen in Österreich – über ihre eigenen Sehnsüchte und Zukunftspläne sowie über Vorurteile mit denen si immer und immer wieder konfrontiert sind.
Hamzat (damals 18) hatte ein Video dazu gedreht und dafür verschiedene Ansichten der Donau gefilmt – mit folgendem Kommentar: „Die Donau wird von jedem akzeptiert. Schwimmen, fischen, mit Schiffen und Booten fahren … Die Donau fließt in verschiedenen Ländern und in jedem dieser Länder machen die Menschen dasselbe. Ich wünschte, jeder Mensch würde jeden Menschen so akzeptieren wie alle die Donau. Egal welches Alter, welche Religion, welche Hautfarbe. Deshalb hab ich gedacht, ich filme die Donau.“ – Link zum ganzen Beitrag unten, leider hinter einer Bezahlschranke.
„Welches Alter?“ – „Unser Alter!“ Zu diesem knappen, prägnanten Dialog animiert Olivia Stauffer das Publikum am Ende des ungefähr zehnminütigen Ausschnitts von „Wen kümmert’s?!“ Dieser war – wie acht andere – am letzten Tag des Theaterfestivals für junges Publikum im Ostschweizer St. Gallen zu erleben. Bei „Jungspund“ ermöglicht das „Schaufenster“ Einblicke in neue (entstehende bzw. schon fertige) Stücke aus der Schweiz – KiJuKU berichte(e).
Altersdiskriminierung – meist gedanklich verknüpft mit Senior:innen (neudeutsch Ageismus genannt) wird vom uantuzten theaterkollektiv generell erweitert, vor allem auf die „Ränder“, sprich Kinder und Alte. Dafür arbeitete die Gruppe (Regie, Text: Jette Jantine Clasen, Theaterpädagogik: Wilma Schapp) in der Recherchephase partizipativ mit einer Schulklasse und einer Senior:innengruppe.
Viele dieser Erfahrungen setzt die Performerin (Bühnen- und Kostümbild: Jana Brändle) in Szenen vor allem mit Schaumstoffteilen um. Ein Stück zusammengerollt wird zum Baby, später „entfaltet“, zum Kind, das sie von ersten Trippelschritten bis hin zur Selbstständigkeit gehen lässt. Doch kaum wird die Figur jugendlich, ist es vorbei mit der „Herzigkeit“. Nach „Gratulation“ für die Pensionierung werden hier die Schaumstoff-Oldies – zumindest in diesem Ausschnitt – weniger diskriminiert als vielmehr überhäuft mit Gratis-Care-Aufgaben überhäuft.
Wie auch immer, diese sehr oft zentral gestellt Frage nach dem Alter bzw. entsprechende Schubladisierung, wird in „Wen kümmert’s!“ mehr als in Frage gestellt. Und lautstark in einer Demonstration aus vielen bunten zu einem Tableau zusammenmontierten bunten Kartonfiguren von der Spielerin über die Bühne getragen – samt animierender Einladung an Zuschauer:innen, Sprüche wie die eingangs zitierten gemeinsam zu skandieren. Schon davor wirft sie ein Klebeband und einen Stift ins Publikum – jede und jeder kann ein eigenes Wunschalter draufschreiben und sich an die Kleidung kleben. Wobei praktisch alle dann erst recht wieder eine Zahl draufschreiben und damit der Altersangabe erst recht wieder eine wichtige Bedeutung zumessen. Der Berichterstatter wollte – aber bis zu ihm in der letzten Reihe kamen Klebeband und Stift nicht – einfach ein Fragezeichen oder ein Smilie aufmalen 😉
Ort der Handlung: Ein Krankenhaus, konkret ein Operationssaal. Das Geschehen: Dringender Eingriff am Herzen eines Kindes.
Ganz schön heavy, was die Gruppe „Engel & Magorrian“ mit der neuesten Produktion „Im Härz“ ab 6-Jährigen bieten wird; das Stück ist noch in Entwicklung, beim Schaufenster wurde darüber nur erzählt und einige erste Szenen im Video gezeigt. Übrigens, in den Titel hat sich kein Tippfehler eingeschlichen, die Gruppe spielte auch die beiden vorherigen Stücke im und mit Dialekt – „Was macht ds Wätter?“, „Guet Nacht, Chuchi!
Emily Magorrian mit beruflich medizinischer Vorerfahrung und Luzius Engel haben das neue Stück konzipiert und führen Regie. Drei Schauspieler:innen – Luisa Wolf, Moritz Alfons und Annina Mosimann – werden zu Ärztin, Assistenzarzt und OP-Assistentin. Das zu operierende Kind ist eine große Puppe, gebaut von Ernestyna Orlowska, die auch für Kostüme und viele Objekte sorgt; Bühne: Linda Rothenbühler.
Der chirurgische Eingriff, bei dem so „nebenbei“ die eine oder andere wichtige Information über unseren zentralen Muskel transportiert werden, der unser aller Leben taktet, rückt die viel größere Dimension von Herz, pardon Härz, ins Zentrum: (Vor-)Lieben, Leidenschaften, Ängste … fördern die „Mediziner:innen“ in Gestalt von Objekten aus der jungen Patientin zutage – von Musikinstrumenten bis zu Schläuchen, über die das OP-Team nun mit dem Herz und damit dem Kind auf dem Operationstisch telefonieren.
Gerade das Spiel mit diesen Objekten verspricht den aus den beiden bisherigen Stücken bekannten Humor und Spielwitz auch in dieser ernsten Ausgangssituation wieder aufleben zu lassen.
Eine helle OP-Lampe wird sich übrigens in eine Art Lautsprecher verwandeln, über den eine Audiodeskription ertönt, mit der das Geschehen auch leicht verständlich erklärt wird, um auch nicht (so gut) sehenden Besucher:innen dieses Theatererlebnis zu ermöglichen. Gespielt wird – so die Ankündigung – mit wenig Text in Mundart, kann aber auch auf Deutsch, Französisch oder Englisch erfolgen.
Compliance-Hinweis: Die Berichterstattung kann nur erfolgen, weil das Festival „Jungspund“ Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … für vier Tage nach St. Gallen (Schweiz) eingeladen hat.
Über der Bühne hängt an quer gespannten Seilen eine sehr große, leichte Kunststofffolie wie ein fast hauchdünne Wolke. An weiteren Seilen baumeln unterschiedlichste Flaschen, Dosen und Deckel – die meisten Behältnisse für Lebensmittel und Getränke. Und das ist bei Weitem noch nicht alles, was an Requisiten in der rund 50-minütigen Performance „Plastic!“ derzeit im Zirkus des Wissens, einem Veranstaltungsort der JKU (Johannes Kepler Uni) am Stadtrand von Linz, darauf wartet, bespielt zu werden.
Coco Brell spielt, tanzt, musiziert kunstvoll mit den genannten und vielen weiteren Objekten aus den künstlich von Menschen hergestellten Materialien. Parallel dazu „bespielt“ Regisseur Marcel Keller, als Klischee-Prof gekleidet, mit live gemalten und comicartig gezeichneten Bildern und vorbereiteten Grafiken, die große Rückwand mit den via Live-Kamera übertragenen Illustrationen: Zu Beginn mit breitem Pinsel und Wasserfarben bläuliche Wellen, die er sobald das Blatt voll ist mit schwarzen Linien durchkreuzt, bis alles zu einer grauen Soße verschwimmt.
So manche Fakten werden immer wieder eingestreut – wer, wann welche Kunststoffe erfunden hat. Wieviel Plastik produziert wurden und werden. Wie viele Millionen Tonnen davon in die Meere gespült werden – gewaltige Müllinseln, die immer wieder medial vorkommen, werden auch hier genannt, wie der „Müllstrudel“ im Pazifischen Ozean (Great Pacific Garbage Patch). Allerdings machen diese in Wahrheit nur einen Bruchteil des Plastiks in den Meeren aus, der überwiegende Großteil sinkt auf den Grund der Ozeane bzw. ist schnell sehr zerkleinert – Mikroplastik und landet mehr oder minder rasch in den Nahrungskette der Meeresbewohner:innen und in der Folge u.a über Fischkonsum in uns Menschen …
Chemische Atom- und Molekülketten(-reaktionen), die bei der Herstellung ablaufen oder auch, dass am Beginn Billardkugeln standen sind Elemente der erzählten, eingeblendeten und dargestellten Fakten. Die Kugeln für das Spiel auf grün befilzten Tischen wurden ursprünglich aus dem Elfenbein von Elefanten-Stoßzähnen hergestellt. Ein bis zwei der Dickhäuter mussten für einen Satz von Kugeln ihre Leben lassen. Und daswar obendrein recht teuer.
Nicht nur, aber auch ein von einer US-Firma ausgeschriebener Bewerb für Billardkugeln aus billigerem Ersatzmaterial ließ John Wesley Hyatt 1868 verformbares Celluloid aus Nitrocellulose und Kampfer entwickeln. Da Celluloid leicht Feuer fing und obendrein nicht besonders wasserfest war, wurde es bald von anderen, neueren Kunststoffen ersetzt.
Dennoch ist „Plastic!“ alles andere als eine Lehrveranstaltung, sondern eine spannende Aufführung rund um und vor allem mit Kunststoffen – samt ihren Ambivalenzen: Nicht nur langlebig und schlecht abbaubar, aber auch sehr praktisch, sondern nicht zuletzt für die Erzeugung erneuerbarer Energien – Windräder oder Solarpaneele – einsetzbar und (noch?) erforderlich.
Spielfreudig und lustvoll wechselt die Performerin zwischen Schauspiel, Tanz und Live-Musik – Ukulele, E-Gitarre, Keyboard und Schlagzeug, von dem aus sie mit kräftigen Trommelschlägen kleine Plastikteile in die Luft fliegen lässt. Zwischendurch schlüpft sie in die Rolle einer Hexe, die mit Zahlen-Zauberspruch alles Mögliche zusammenbraut oder wird zu drei verschiedenen Typ:innen von Influencer:innen, um Plastik-Dinge zu promoten oder ganz gegenteilig für ein kunststofffreies Leben zu werben.
Gegen Ende der Performance richtet sich dieser menschliche Wirbelwind an das (junge) Publikum, ersucht die eine und den anderen – nein, nichts zu sagen, sondern mit Kunststoffteilen an Kleidung oder auch auf Nägeln Geräusche zu erzeugen. Die nimmt sie mit dem Mikro auf und speist sie in den via Loopstation erzeugten Soundmix.
Apropos interaktiv – Feedback wird am Ende nicht „erfragt“, sondern kann mit Hilfe von Legosteinen – verspielt gegeben werden. Übrigens meldet das dänische Baustein-Unternehmen aktuell einen Rekordumsatz und -gewinn und verkündet unter anderem, dass die genoppten Steine mittlerweile zu mehr als der Hälfte aus erneuerbaren und recycelten Inhaltsstoffen produziert werden.
Einzig schade, dass das im Verlauf des Stücks einmal genannte Rezept, um selber zu Hause biologischen, auch formbaren, Kunststoff herzustellen, weder analog noch digital verteilt wird, was nebenbei für manch andere der transportierten Infos auch kein Fehler wäre. Aber KiJuKU hat aus dem Internet ein solches Rezept einer luxemburgischen Science-Site „gefischt“, das – zugegeben jetzt noch nicht ausprobiert -, mittelschwer bzw. -leicht machbar scheint, samt Zutatenliste: Wasser, Speisestärke, Essig, Glyzerin (aus der Apotheke), Kochtopf, Kochplatte, Schneebesen, Kochlöffel, Backblech oder andere Unterlage für heiße und feuchte Bioplastikmasse – Rezept und Kochanleitung sind am Ende des Beitrages ebenso verlinkt wie übersichtliche Seiten zur Geschichte von Kunststoffen unter dem Titel „Plastik – Fluch und Segen“.
Unter den Links unten findest du auch einen Bericht über eine monatelange, leider schon zu Ende gegangene Ausstellung / Installation namens „Metabolica“ im Wiener MuseumsQuartier. Dort hat der Künstler Thomas Feuerstein in einer großen Maschinen-Anordnung aus Algen und Bakterien einen Biokunststoff herstellen lassen; Bio-Kunststoff aus dem er schon davor Kunstwerke geschaffen hat.
science.lu/ –> bioplastik-rezept
nachhaltigkeit-im-unterricht.de –> plastik-geschichte
nachhaltigkeit-im-unterricht.de –> kann-plastik-nachhaltig-sein
„Schaufenster“ nennt das zweijährlich im Ostschweizer St. Gallen stattfindende Theaterfestival für junges Publikum „Jungspund“ den ausgedehnten Vormittag am letzten Tag. Gruppen oder Häuser aus der Schweiz zeigen jeweils rund zehnminütige Ausschnitte aus aktuellen Stücken, schon fertigen oder von solchen, die gerade erst im Entstehen sind, entwickelt werden und sich vor allem – aber wie generell bei guter Kunst nicht nur – an Kinder und / oder Jugendliche richten.
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… wurde vom „Jungspund“-Festival für mehrere Tage, auch dem letzten, eingeladen. In diesem Beitrag, aber auch weiteren Berichten werden die dabei insgesamt neun Stücke vorgestellt; eingeladen sind jeweils zehn, ein Theater (Teatro Pan mit „Piccoli universi sentimentali“, ab 3 Jahren) musste leider absagen. Um keine eeelendslange Scroll-Latte hier anzulegen, werden die Ausschnitte auf mehrere Beiträge – altersmäßig gestaffelt – aufgeteilt; beginnend mit den Jüngsten, zwei Stücken für ab 4-Jährige.
Geister – einerseits flößen sie Angst ein, andererseits lieben viele Kinder Gespenstergeschichten und -spiele. Und in der Doppeldeutigkeit brauchen doch alle gute Geister, auch Theater(-häuser). Ähnliche Überlegungen könnten Pate gestanden haben bei „Geisterstunde“ von vanderbolten.production.
Ein Trio aus Theatertechnikerin, Kostümbildnerin und Intendant – Luna Schmid, Natalina Muggli, Max Gnant – spielt Künstler:innen, die sich vor dem Poltergeist, der hier haust, doch eher fürchten. Was sie vor allem mit diversen Musik- und anderen Instrumenten, mit denen sie diese Ängste hör- sowie über Körper- und Gesichtsbewegungen sichtbar machen, ausdrücken. Sie schaffen es, mit dem Poltergeist zu kommunizieren. Und kommen drauf, der will ausziehen.
Aber ohne (gutes) neues Gespenst? Was gäbe das denn, wenn Bühnen „von allen guten Geistern verlassen“ wären? Also, auf, einen neuen Geist zu suchen – und hoffentlich – finden. Dafür soll, so das Versprechen, auch das Publikum einbezogen werden.
Fast ein wenig schüchtern steht er da – neben einem Tisch mit einer Bildcollage eines Birnbaums, die Saiten einer Ukulele anspielend kündigt Michael Huber „e luschtigi eigenartigi Gschicht“ an. „Zämme – n – es Viech si“ (zusammen das Tier sein) ist die Dramatisierung eines (nicht nur Kinder-)Buchklassikers von Tomi Ungerer „Das Biest des Monsieur Racine“ (erstmals 1972 erschienen).
Huber, der wie er sagt, seine Stücke zuerst immer im regionalen Schweizer Dialekt spielt, diese aber später auch auf Französisch und im kommenden Jahr auf Hochdeutsch zeigen will, „übersetzt“ diese einigermaßen schräge Bilderbuchgeschichte in Figurenspiel auf kleinstem Raum. Auf dem besagten Tisch führt er, von dem auch Idee, Konzept, Figuren- und Bühnenbau stammt, den älteren Zahlenfuchs Racine (pensionierter Steuereintreiber) vor seinem Birnbaum auf und ab, stolz auf die Früchte seines Baumes, die besten von ganz überhaupt.
Doch als Flora und Sami, zwei Kinder aus der Nachbarschaft, ihn um eine Birne fragen. Nix da. So weeeertvoll, unerschwinglich. – Na, Sie könnten uns doch eine schenken!?
Na das schon gar nicht.
Da lässt Tomi Ungerer die beiden Kinder zu einer List greifen, die Huber natürlich auch in eine weitere Handpuppe ummünzt: Aus Decken basteln sich die Kinder ein ungeheures monsterartiges Tier, das einfach Birnen klaut. Detektivisch ist der werte Herr Racine überfordert – solche Fußspuren? Und… es kommt zu einer doch recht überraschenden, bei Tomi Ungerer, dem Schöpfer dieses Buches, aber durchaus nicht ungewöhnlich;)
Compliance-Hinweis: Die Berichterstattung kann nur erfolgen, weil das Festival „Jungspund“ Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … für vier Tage nach St. Gallen (Schweiz) eingeladen hat.
And the Winner is…! Oder doch nicht so. Natürlich vergab auch diese Jury Preise –einerseits gleich mehrere, sogar mehr als die ursprünglich gedachten drei. Und selbst dabei beließen es die vier begeisterten und trotz ihrer Jugend schon jaaahrelangen Theaterbesucher:innen nicht. Lila Bissinger, Carmen Caseli, Lionel Falkenbach und Yael von Wartburg (alphabetisch nach Nachnamen sortiert) waren bei der nunmehr fünften Ausgabe des Theaterfestivals für junges Publikum die erstmalige Jugendjury (eine der Neuerungen bei „Jungspund“, wie dieses Festival im Ostschweizer St. Gallen heißt).
Das Quartett, unterstützt von der Theaterpädagogin Lena Böllinger, die beim Festival für Kommunikation und Medien verantwortlich ist, hat nicht nur alle elf Stücke akribisch beobachtet, sich Notizen gemacht, jede:r für sich und gemeinsam in der Gruppe besprochen, reflektiert… sondern auch alle Produktionen zumindest „lobend erwähnt“. So würde dies im Jury-Fachjargon genannt werden. Die 13- bis 15-Jährigen fanden jedoch mehr – neben wertschätzenden Sätzen für alle Stücke erkannten sie diesen zumindest je einen Preis in Form einer Filzblume zu – das sei gleich zu Beginn hier vorweggenommen.
Dabei hoben die Juror:innen jeweils einen Aspekt besonders hervor, einige Beispiele seien hier zitiert, etwa das Bühnenbild bei „Für immer weg“, die „ganze Dynamik untereinander“ in „Heidi“ oder „dass mal die andere Seite von Märchen beleuchtet wurde“ im Figurenstück „Wolf und Nager“ bis hin zu „das rührendste Stück ever, das einen einfach nicht mehr loslässt“ als Charakterisierung von „Prinz*in“ – alle sieben prägnanten Wertschätzungen finden sich – wie auch die ausführlichen Begründungen für die noch größeren Preise auf der Jungspund-Homepage – unten am Ende des Beitrages direkt auf diese Site verlinkt.
Mit lila Brillen, leicht aufgeregt aber schnell abgelegter Nervosität, verkündeten die Jugend-Juror:innen zunächst die drei – vorgesehenen – Stücke, die sie mit den eigens dafür angefertigten Preisen mit dem roten frechen Jungspund-Logo-Maskottchen belohnten, wobei schon diese drei Preise nicht einer Reihung folgen, sondern für drei unterschiedliche Kategorien stehen: Originalität, Zusammenspiel sowie Szenografie.
„Von den mehrschichtigen Kostümen, über die Art der Bewegung, bis hin zu Leiterturm und den Früchten, die von der Decke gelassen wurden – alles am Stück war wirklich einzigartig und hat gut harmoniert“, argumentierte Lionel Falkenbach den Preis in der Kategorie Originalität für „Actapalabra“ (Théâtre Am Stram Gram aus Genf). Es „regt zudem viel zum Nachdenken und Interpretieren an. So haben wir Themen gesehen wie: sich Nähe trauen, ein Ziel verfolgen, Zwänge ablegen und locker werden. Durch das ganze Stück zog sich auch noch ein spannender Kontrast zwischen Ordnung und Chaos. All das wurde sehr kreativ in Bewegung, Licht, Musik und Bühnenbild ausgedrückt. Deshalb: Gratulation an alle, die an diesem gelungenen Stück mitgewirkt haben.“
„Das Stück, das in dieser Kategorie den ganzen Applaus einsackt, ist – wie viele andere – eines, das sich ins Gedächtnis einbrennt und einfach nicht mehr wegzukriegen ist“, begann Yael von Wartburg die Begründung für den Preis fürs Top-Zusammenspiel an „Gugus!“ (Rebecca Weingartner, Basel). Wobei hier zunächst noch erklärend für den Stücktitel anzumerken ist, dass dieses Wort im Schweizerdeutschen sowohl „Hallo“ als auch „Unsinn“ bedeuten kann.
„Die beiden Schauspieler (Demian Bucci, Guilhèm Charrier) vertrauten sich nicht nur vollkommen, sondern ergänzten sich auch in ihren Bewegungen, als ob sie sich schon ewig kennen. Das Stück war abwechslungsreich, interessant und mit sehr viel Humor gestaltet. Außerdem haben die Darsteller mit dem Publikum interagiert und mit Bonbons um sich geschmissen. Nicht zu vergessen sind auch die akrobatischen Leistungen, die die beiden vorgeführt haben. Mit vielen, aber einfachen Requisiten haben sie das Theater kreativ ausgebaut. Das Publikum war außerdem begeistert. Genauso wie wir.“
„Wir, die heiß gefürchtete Jugendjury“, brachte Lila Bissinger einen Schuss Selbstironie in die Preisverleihung auf der Bühne im Festivalzentrum der Lokremise beim Bahnhof St. Gallen, „sind aus dem Figurentheater (FigurenTheater St. Gallen und Theater Sven Mathiasen) rausgegangen und waren sehr fasziniert. Ich glaube, ich sogar am meisten. „Ronja Räubertochter“ ist schon immer eines meiner Lieblingsbücher gewesen. Und diese humorvolle, rührende, zeitlose Geschichte der Tochter des Räuberhauptmanns haben diese beiden Männer (Lukas Bollhalder, Sven Mathiasen) wunderschön rübergebracht. Aber wieso jetzt den Preis für Szenografie? In dieser Kategorie haben wir uns Bühnenbild, Requisiten und alles rundherum angeschaut.
Und in diesem Stück wurden Vielfältigkeit und Wandelbarkeit durch einfachste Dinge toll zum Ausdruck gebracht. Auf der Bühne standen eigentlich nur ein paar Boxen und so Pappgerüste. Und durch ein paar Handgriffe entstanden neue Welten. Durch Decken-Drüberlegen und Verschieben der Boxen konnte man von der Mattisburg bis zur Bärenhöhle übergehen. Und aus den Boxen kamen immer mehr Schätze raus. Und die Puppen dürfen nicht vergessen werden! Die Puppen hatten so nette Kostümchen und ihr habt nur zu zweit sooo viele Puppen gespielt, mit ganz tollen Stimmen! Und selbst habt ihr auch mitgespielt! Mit Überzeugung und Witz! Am besten waren die Puppen von Ronja, Birk und Glatzen-Per. Wie viel ich hier noch reden könnte! Aber auch insgesamt war es ein Stück, das man so schnell nicht vergisst. Vielen Dank für diese tolle Vorstellung!“
Und dann hatten sich die vier Mitglieder der Jugendjury noch einen vierten großen Preis samt eigener Kategorie ausgedacht: Beste Umsetzung in Bezug auf Aktualität und Relevanz. Carmen Caseli erläuterte die Bewegründe dafür: „Liebes Publikum, während wir uns tiefgründige Gedanken über die drei Kategorien gemacht haben, sind uns Stücke ins Auge gefallen, die nicht nur in die Kategorien Szenografie, Zusammenspiel oder Originalität passen – und trotzdem ihren Charme hatten. Für diese Stücke mussten wir kreativ werden und haben noch eine weitere Kategorie überlegt. In dieser geht es um die beste Umsetzung in Bezug auf Aktualität und Relevanz.
Nach einer langen, zweiseitigen Diskussion haben wir uns entschieden. Herzlichen Glückwunsch für das Team von „Versteckt“ (Konzert und Theater St. Gallen). Im Stück ging es um Rassismus und Ablehnung. Uns hat das Stück überzeugt, weil es politisch sehr relevant ist, das Thema lokal ist und ohne Sarkasmus oder Unglaubwürdigkeit rübergebracht wurde. Die Geschichte war erfunden, aber gleichzeitig auch wahr. Herr Herbster war der Nachbar, der dort aufgewachsen ist und wir fanden, dass er nicht unbedingt als Bösewicht oder als schlechte Person dargestellt wurde. Der wichtigste Punkt zum Schluss war wohl, dass man in diesem Stück sehr viele Interpretationsfreiheiten hatte.“
Die vier jungen Juror:innen leben in St. Gallen, waren hier schon oft, von ganz jungen Jahren an, in Theatervorstellungen, kennen aber auch sozusagen die andere Seite, erzählen sie im Interview nach der Preisverleihung Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… Sie haben schon immer wieder auch auf Bühnen gespielt, sei es mit Gruppen in ihren Schulen oder teils auch in anderen Theatern.
Für die Jugendjury wurden einige von ihren Lehrer:innen darauf angesprochen, „ich habe dann eine eMail mit einer Bewerbung geschrieben, in der ich ausführlich begründet habe, warum ich bei der Jury dabei sein möchte“, schildert beispielsweise Lila Bissinger.
Irgendwie können sich einige Schauspiel auch als möglichen Beruf vorstellen, alle aber fassen sicherheitshalber (aus-)bildungsmäßig jedenfalls ein zweites anderes, sichereres Standbein ins Auge. „Schön wär’s schon“, tönt es dem Journalisten entgegen, aber sich keiner solchen Unsicherheit aussetzen ist der angedeutete bis geäußerte Tenor.
Jedenfalls hätte auch die Arbeit als Teil der Jugendjury tiefere Einblicke in die Welt rund um das Theater gebracht, lassen einige noch anklingen.
Compliance-Hinweis: Die Berichterstattung kann nur erfolgen, weil das Festival „Jungspund“ Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … für vier Tage nach St. Gallen (Schweiz) eingeladen hat.
Soft startet die in der Folge über weite Strecken (mehr als) rasante Tanzperformance des Kollektivs „remi demi“ (ausgelassenes Treiben) zum Abschluss des Theaterfestivals für junges Publikum im Schweizer St. Gallen. Schon während das Publikum den Saal betritt, ertönt Musik, links und rechts stehen wie in einem sportlichen Spielfeld je drei Tänzer:innen, schwingen hin und her, stimmen sich – und die Hereinkommenden -gewissermaßen ein.
Ein wilder Mix aus unterschiedlichen Hip*Hop-Stilen samt artistischen Breakdance-Szenen reißt das Publikum rund eine Stunde lang mit, das dies immer wieder auch spontan lautstark bekundet; vielleicht auch, weil kurz vor dem echten Start eine Mitarbeiterin des Kollektivs rund um die Performer:innen selbst erklärt, dass dies durchaus erlaubt sei; ebenso wie fotografieren und filmen – nur ohne Blitz und Auslöser-Klick-Geräusche.
Atemberaubende Moves im Zeitraffer-Modus werden aber auch mehrmals von fast stillen, jedenfalls langsamen Momenten bis hin zu Tanzbewegungen in SloMo (Slow Motion) unterbrochen: Oder ist dies gar nicht das passende Wort? Sind doch die Zeitlupen-Szenen genauso Teil des Gesamtkonzepts. Denn „remi demi“ will mit den „Großen Schritten“, nicht nur eine artistische, körperliche Tanzshow auf höchstem Niveau liefern. Das Kollektiv, das „Giant Steps“ in einem langen, nicht immer einfachen, gemeinsamen demokratischen Prozess erarbeitet hat, will mit wenigen Worten – unter anderem einer Leuchtschrift-Botschaft am Ende – vor allem aber durch ihre Körpersprache einerseits Mut machen, „bitte, groß zu träumen“. Und dafür durchaus Risiko einzugehen.
Aber sich gleichfalls Momente der Ruhe zu gönnen, sich aus dem daily Struggle – immer besser, immer schneller, immer funktionieren zu müssen, wie es andere wollen – rauszunehmen. Sich eng umschlungen als Gruppe gegenseitig zu stützen, Halt zu geben, Kraft zu tanken – um den eigenen Weg zu suchen, zu finden, zu gehen. Wobei diese (tänzerischen) Wege nicht „lonely wolves“-Fährten sein müssen. Wenngleich immer wieder die eine oder der andere der Tänzer:innen kurze Solo-Auftritte auf den roten Tanzboden zaubert, so verstehen die anderen dies praktisch immer als Einladung, davon zu lernen, die entsprechenden Moves aufzunehmen, mitzumachen.
Plötzlich landen, nicht prall aufgepumpte, vorher an einzelne Zuschauer:innen verteilte, Bälle bei den Tänzer:innen, die sie in mehreren Szenen auf unterschiedlichste Arten mit in ihre Bewegungen integrieren. Und damit eine – immer wieder auch sonst mehr als nur durchblitzende – Facette von „Giant Steps“ offensichtlich zeigen: Verspieltheit, spielerische Leichtigkeit trotz oder gerade bei hochprofessioneller Performance: Leistung, aber aus eigenem, gemeinsam beschlossenem, erarbeitetem Antrieb und nicht wegen Vorgaben einer sogenannten Leistungsgesellschaft, die eher auf Funktionieren-sollen als Rädchen fremdbestimmter Maschinerien setzt.
Übrigens steht in riesengroßen weißen Buchstaben zu Beginn in der Mitte „des roten Tanzteppichs „Keep on“ geschrieben. Wie sich – so viel darf durchaus verraten werden, selbst wenn du die Chance haben solltest, die Produktion „Giant Steps“ (große Schritte) irgendwo irgendwann zu erleben, dass die Buchstaben mit Hilfe einer Schablone mit Kreide gesprayt sind. Und damit natürlich im Laufe der vielen nicht nur Tanzschritte, sondern Ganzkörperbewegungen auf dem Boden nach und nach verschwinden – weitermachen aber nicht auf schreiende (Großbuchstaben gelten in Social-Media-Posting ja als solche) Aufforderung;)
Ein wenig ins Grübeln und Zweifeln ist der Rezensent allerdings gekommen, bei dem – schon zu Beginn – Einsatz eines ferngesteuerten Autos. Verspielt kokettiert es über Vorderradbewegungen mit einem Tänzer, stößt immer wieder an die Notausgangs-Tür im Hintergrund der Bühne – bis diese geöffnet wird und der Bolide ab ins Freie düsen kann. Diese Botschaft schon – aber warum ausgerechnet ein Auto, eines DER Symbole dieser Rädchen getriebenen „Leistungsgesellschaft“?!
Mehrere „remi demi“-Mitwirkenden räumten danach diesem Einwand ein gewisses Nachdenkpotenzial ein und meinten, es sei eine Reminiszenz an Kindheitsspiele – und der Vater einer Tänzerin hätte gemeint, seine Tochter agiere auf der Bühne rasant wie ein Rennwagen.
„remi demi“ sind übrigens nicht nur die Tänzer:innen – bei dieser Produktion Astro Scheidegger, Elina Kim, Elisa Eloy Pinos Serrano, Egon Gerber, Giulia Esposito, Louis Lüthard, Robin Waldburger und Sophie Chioma Gerber (sortiert nach den Anfangsbuchstaben der Vornamen).Sie haben die rund einstündige Performance in enger Zusammenarbeit mit den beiden Choreografinnen Jana Dünner und Ariana Qizmolli, von der die Idee und das Konzept stammt, über viele Monate hinweg in mehreren bezahlten (was in der Szene nicht immer üblich ist) erarbeitet. Teil des Kollektivs sind genauso der Musiker Claudius „Vlaude“ Leopold, Dramaturgin Arlette Dellers, Szenograf:innen Harumi Mummenthaler, Moa Bomolo sowie Giulia Esposito, Jana Dünner, Marc Jenny (Kostüm, Styling), Phoebe Wong (Lichtdesign) sowie – später dazugestoßen Eva Cabañas, die gemeinsam mit Tänzer Astro Scheidegger für die Produktion verantwortlich wurde. Die übrigens eine von zwei ausgeschriebenen Koproduktionen des Festivals Jungspund war / ist (die andere war „Heidi“ – Stückbesprechung unten verlinkt).
Compliance-Hinweis: Die Berichterstattung kann nur erfolgen, weil das Festival „Jungspund“ Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … für vier Tage nach St. Gallen (Schweiz) eingeladen hat.
Dunkelrote, feste Haare umkränzen den Kopf der älteren Dame mit Brille im langen schwarz-weiß karierten Kleid an einem der Tische bei jenem Eingang ins Halbrund der Lokremise beim Bahnhof der Schweizer Stadt St. Gallen, der zu den Theatersälen führt. Freundlich, wenngleich mit hoher verstellter, auf die Dauer ein wenig nerviger Stimme, begrüßt sie Besucher:innen des aktuell hier stattfindenden Festivals Jungspund.
Als Gertrud Müller stellt sie sich vor, weist in Worten sowie mit einem und noch einem zweiten Flyer auf „ihr“ Jubiläum hin, den 70. Geburtstag des Figurentheaters St. Gallen.
Sie selbst, die auf dem Schoß von Frauke Jacobi sitzt, die ihr Stimme und Arm- bzw. Kopfbewegungen verleiht, dürfe ja nicht für das vor allem junge Publikum des genannten Theaters spielen: „Ich hatte schon Auftritte – mit lustigen Geschichten und Liedern, aber die waren gruselig. Ich hab Gemüse geköpft und in den Topf befördert.“
Da meinte Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…, für vier Tage zum Theaterfestival für junges Publikum eingeladen: „Aber viele Kinder mögen doch gruselige Geschichten. Außerdem, wenn Gemüse getötet wird – abgesehen davon, dass es ja schon nicht mehr lebt, wenn es gepflückt oder geerntet wurde – ist es doch sicher vielen Kindern lieber, als wenn Tiere sterben müssen, um auf ihren Tellern zu landen!“
Gertrud Müller: „Da haben Sie vielleicht sogar Recht, aber das Gemüse ist doch so niedlich und uns im Spiel schon ans Herz gewachsen…“
Nach der Bewunderung für das kräftige, rote Haar wollte der Journalist, der seine Haare seit Jahrzehnten immer mit Henna färbt, noch wissen, mit welcher Methode sie ihrem Kopfschmuck die Farbe verleiht.
„Gar nicht, das ist meine natürliche Haarfarbe“, verblüfft sie den Neugierigen. „Und die Farbe hält sich so gut, weil mich meine Chefin immer in eine Kiste einsperrt. Die Dunkelheit macht die Farbe dauerhaft. Und übrigens im September zum richtigen Jubiläum darf ich wieder einmal – zum ersten Mal seit 2020 – auftreten, aber nur für Erwachsene.“
Und dann erzählt sie, bzw. in dem Fall mit deren eigener tieferer Stimme, die künstlerische Leiterin des St. Galler Figurentheaters, die schon erwähnte Frauke Jacobi: „Die Figuren auf den beiden Flyern sind aus Teilen von Figuren aus dem Stückfundus des Theaters grafisch zusammen montiert – alles Puppen gebaut von Sophie Taueber Arp, Urs Widmer und Johannes Eisele.“
Dem Flyer ist übrigens kurz die Entstehungsgeschichte des Theaters 1956 zu entnehmen: „Es begann mit einem Puppenspiel von Schülerinnen und Schülern des St. Galler Gymnasiums: „Goethe im Examen“, inszeniert von Dr. Hans Hiller… 70 Jahre später wagen wir zusammen mit einem anderen Urgestein des Ostschweizer Puppenspielszene einen Rückblick: Kurt Fröhlich vom Figurentheater-Museum in Herisau wird die dortige Jahresausstellung 2026/27 dem Figurentheater St. Gallen widmen, und mit zwei gemeinsam kuratierten Ausstellungen in unserem Bistro geben wir einen historischen Einblick in den Theaterfundus.“
Im Foyer des Theaters sind schon jetzt „Schmankerln“ zu sehen wie „Hauptbüro des Zeitwächters“ auf einer Metalltafel unter einer Figur neben der Uhr. Oder ein Foto einer Schere mit Besenkopf und Telefon-Wählscheiben-Körper als „Wegabschneider“. Gleich neben dem Eingang in den Theatersaal – mit seinen übrigens höhenverstellbaren und drehbaren Publikumssitzen – hängt ein Bild vom „Logenplatz der Einlasskontrolle“.
Compliance-Hinweis: Die Berichterstattung kann nur erfolgen, weil das Festival „Jungspund“ Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … für vier Tage nach St. Gallen (Schweiz) eingeladen hat.
Düster und dunkel liegt sie da die Bühne, ein wenig Theaterrauch von der Seite. Zentral ein riesiges Irgendwas, irgendwie bedrohlich und dann doch wieder nicht ganz so, denn das große viereckige, hochkantige Ding hat den Anschein einer stofflichen „Haut“ mit Augen- oder Gucklöchern. Dahinter eine Anmutung von Schlachtenlärm, Kampfschreien, Metallgeklirr. Und dann der Held oben auf dieser Burg, der sich als Drachentöter outet. Einerseits.
Und andererseits beginnt Rotz und Wasser zu heulen, „ich bin doch Vegetarier!“ als nächsten Satz zur eben verkündeten Handlung. Und außerdem sei ihm urkalt, der Hintern tue ihm vom vielen Reiten weh und die metallene Krone drückt auf seinen Glatzkopf.
… genau, um dieses „überhaupt“ dreht sich die rund 1¼-stündigen fast durchgängige Solo-Performance „Prinz*in“ des „Luki*ju theaters luzern“ von und mit Kim Emanuel Stadelmann, die er jüngst bei „Jungspund“, dem Theaterfestival für junges Publikum im Schweizer St. Gallen spielte, und die er gemeinsam mit einem großen Team entwickelt hat – aber wesentlich ausgeht von seiner höchstpersönlichen Geschichte (Regie: Beatrice Fleischlin).
Er liebe es auf der Bühne zu stehen – und das schon von frühen Kindesbeinen an; beginnend in einem Ballettkurs. Wobei ihm noch viel wichtiger als der Tanz zur Musik der Traum vom rosa Tütü war. Das er, offenbar weil Junge, nicht einmal zur Aufführung bekam, sondern nur in grauer Strumpfhose und ebensolchem T-Shirt tanzen musste. Als er dann einmal zum Geburtstag doch das Röckchen kriegt, brauchte er auch den Ballettunterricht nicht mehr, tanzte mehr oder minder Tag und Nacht zu Hause „nur“ für sich.
Und er schlüpft bei seiner szenischen Erzählung immer wieder in die unterschiedlichsten Figuren, nicht zuletzt die von Tieren, vor allem aber immer mehr in die Phasen seiner eigenen weiteren Geschichte – erster Liebesbriefe in der vierten Klasse Grundschule, weil alle das taten und zwei Jahre später in die der eigenen wirklichen Verliebtheit – in Matteo.
Mit dem Outing als queer beginnen in dem Dorf, in dem er lebte, schreckliche und schmerzhafte Mobbingjahre, die Kim Emanuel Stadelmann schauspielerisch und tänzerisch in immer wieder fantasievollen Kostümen (Kostüme, Ausstattung: Diana Ammann) berührend nachvollziehbar darstellt. Samt der Rettung dadurch, dass er in der nächsten Stadt einen Klub entdeckt, in dem er merkt, er ist nicht allein. Es gibt auch andere junge Menschen, die nicht in die von vielen verlangte Norm fallen – und das ist ganz „normal“.
Außerdem liebt er vor allem Pflanzen – UND eine Gießkanne, die immer wieder hinter anderen Türen des vielteiligen Schranks auftaucht und noch eine riesengroße Überraschung parat hat. Neben den stark wandlungsfähigen Szenen – bis hin zu einer poetische Bilder erzeugenden leicht-luftig schwebenden Wolke (Bühne, Ausstattung: Isabelle Mauchle) – ertönen immer wieder aus dem Off die Stimmen vor allem von Kindern und Jugendlichen aus Dutzenden Interviews.
Mit dem gegen Schluss mehrfach inszenierten und gesagten Wunsch, der dem Stück „Prinz*in“ auch den Untertitel gab: „Was wäre, wenn du sein kannst, wer du willst“, egal ob Mensch, Tier, Pflanze oder was auch immer, sogar etwas, wofür es noch gar keinen Namen gibt.
Ganz am Ende betont Kim Emanuel Stadelmann übrigens noch extra überschwänglich, „Prinz*in, das bin nicht nur ich, das sind auch … und dann beginnt er aufzuzählen von der Regisseurin Beatrice Fleischlin über Dramaturgie Anton Kuzema, musikalische Leitung und Komposition Rosanna Zünd, Bühne: Isabelle Mauchle, Kostüme: Diana Ammann, technische Leitung: Pablo Stadler, Savino Caruso, Unterstützung beim Licht: Savino Caruso, theaterpädagogische Mitarbeit: Nicole Davi, fachliche Beratung: Hannes Rudolph bis hin zu Produktionsleitung: Nadja Bürgi und ihre Mitarbeiterinnen Klara Förster, Catherine Claessen“ und insgesamt geht ihm das Herz dabei fast über vor so viel Dankbarkeit nicht zuletzt auch fürs Publikum.
Compliance-Hinweis: Die Berichterstattung kann nur erfolgen, weil das Festival „Jungspund“ Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … für vier Tage nach St. Gallen (Schweiz) eingeladen hat.
Selten ist Klara authentischer besetzt als in dieser „Heidi“-Inszenierung von Theater Frei-Raum in Kooperation mit Heitere Fahne aus Bern (Schweiz). Louis Amport bewegt sich auch außerhalb der Bühne im Rollstuhl fort. Theater spielt er erst seit rund einem Jahr, „aber ich hatte schon Bühnenerfahrung, hab getanzt und Referate gehalten“, vertraut er KiJuKU.at an nach der mehr als umjubelten ersten der Vorstellungen bei „Jungspund“, dem Theaterfestival für junges Publikum im Schweizer St. Gallen.
Sieben Akteur:innen spielen die bis Japan und Australien bekannte Geschichte nach den beiden Büchern Johanna Spyri (1827 – 1901) über das Waisenmädchen, das von der Tante zum anfangs griesgrämigen Opa hoch oben auf der Schweizer Alm gebracht wird. Ihn ebenso aufheitert wie später das Mädchen Klara aus der deutschen Stadt Frankfurt, die „behütet“ mehr oder minder eingesperrt lebt und für die Heidi eine Spielgefährtin werden soll und wird. Aber selber unter Heimweh nach Luft, Licht, Alm und den Ziegen leidet…
Das vor fast 20 Jahren gegründete Kollektiv Frei_Raum (2009) versteht sich von Anfang an als inklusive Kultur- und Theatergruppe von Menschen mit und ohne Behinderungen. Manche spielen schon seit einem Dutzend Jahren in vielen Produktionen, etwa Katrin Jenni, die hier in die Rolle von Fräulein Rottenmeier schlüpft – überstreng, keine Freude am Leben aufkommen lassend und aus Heidi – „so heißt niemand“ – eine Adelheid macht.
So wie sie treten übrigens zu Beginn (Regie: Meike Schmitz) alle Spieler:innen als Ziegen (Ausstattung: Renate Wünsch) in Erscheinungen mit unterschiedlichem Naturell und verschiedensten Gemeckern. Aus der Geißen-Sicht beginnen sie sich über die Menschen zu wundern, bevor sie deren Rollen übernehmen. Dominik Blumer verzieht sich vor allem in eine Art Cockpit mit analogen und elektronischen Instrumenten, wo er für Live-Musik mit Gitarre, Akkordzither, Keyboard und Laptop sorgt; aber auch Klaras Vater Sesemann bzw. Geißenpeters Großmutter spielt.
Den frechen, aufmüpfigen Geißenpeter, der Heidi die wunderbare Berg- und Ziegenwelt eröffnet, der aber eifersüchtig ungut reagiert als Klara aus der Stadt die zurückgekehrte Heidi auf der Alm besucht, gibt Vera Roher. Und in ähnlicher Art spielt sie den Drehorgel-Straßenjungen in Frankfurt.
Mehrere Rollen – alle natürlich neben schon erwähnten Ziegen – übernehmen auch Christoph Schmocker als Alp-Öhi und den Sesemann-Diener Sebastian sowie Marie Omlin als Heidis Tante Dete, Haushälterin bei Sesemanns, zusätzlich die des herbeigeholten Arztes, weil Heidi krank und kränker wird und es obendrein im Hause Sesemann zu spucken scheint.
Und die Hauptfigur selbst? Die spielt in einer ganz eigenen Liga – als große Hand geführte Puppe (Leonard Wanner), der vor allem Anniek Vetter immer wieder stauendes Leben einhaucht. In so manchen Szenen unterstützen jeweils weitere Schauspieler:innen die Bewegungen der Puppe, etwa wenn sie scheinbar viele Stufen steigt, auf den Heuboden klettert oder einen Kirchturm in der Stadt erklimmt.
In einer Art Disco-Szene mit dem Drehorgel-Jungen hüpft Puppe Heidi kurz ins Publikum, um dieses zum Mittanzen im Sitzen einzuladen. Wozu sich die Zuschauer:innen großteils mitreißen ließen, um zu merken, dass dies sehr gut funktioniert, womit sich der Kreis zu Klara (siehe erster Absatz des Beitrages) wiederum schließt.
Außerdem sorgen die wenigen Videos und das stimmungsvolle Lichtdesign von Cyril Lüthi für so manch große Augen im Publikum sowie für einen magischen Moment gegen Ende mit flatternden Schmetterlingen – an Angeln, in Flügelkostümen und digital im Video: „The perfect inclusive happy place“ nennt Louis Amport als Klara diese Augenblicke; die vielleicht sogar das bessere Ende wären als der Epilog, in dem alle der Reihe nach erzählen, welche Wege ihre Figuren weiter nehmen.
Compliance-Hinweis: Die Berichterstattung kann nur erfolgen, weil das Festival „Jungspund“ Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … für vier Tage nach St. Gallen (Schweiz) eingeladen hat.
„Mädchen und junge Frauen im Globalen Süden sind weiterhin überproportional von Bildungsbenachteiligung betroffen. Dabei ist Bildung der wichtigste Schlüssel für Gleichberechtigung.“ Das sagt der Geschäftsführer der österreichischen Entwicklungsorganisation Jugend Eine Welt, Reinhard Heiserer im Vorfeld des diesjährigen (2026) Internationalen Frauentages (immer am 8. März).
Er beruft sich auf Schätzungen der UNESCO, der Sonderorganisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, wonach weltweit bis zu 133 Millionen Mädchen nicht in die Schule gehen können/ dürfen. Der Großteil der benachteiligten Mädchen lebt in Subsahara-Afrika. „In den Ländern südlich der Sahara bleibt etwa jedes fünfte Mädchen im Grundschulalter vom Schulbesuch ausgeschlossen“, so der „Jugend Eine Welt“-Geschäftsführer. „Ein Schwerpunkt unserer geförderten Projekte liegt daher seit der Gründung auf der Schul- und Berufsausbildung für Mädchen und Frauen. Denn Bildung ermöglicht ein selbstbestimmtes Leben und überwindet Armut.“
Jugend Eine Welt unterstützt insgesamt fünf Berufsbildungszentren der Salesianer Don Boscos in Uganda und Ruanda. Diese bieten jungen Menschen aus benachteiligten Gesellschaftsgruppen eine qualitativ hochwertige technische Ausbildung. Die 23-jährige Kwagala Gorret hat dank dieser den Weg in ein selbstbestimmtes Leben gefunden. „Ich bin mit drei Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Mein Vater ist früh gestorben, deshalb lag es an meiner Mutter für unser finanzielles Überleben zu sorgen“, erzählt Kwagala aus Uganda. „Mit Ackerbau und dem Verkauf von Gemüse kämpfte sie dafür uns eine Schulbildung zu ermöglichen.“
Als junges Mädchen kam Kwagala in Kontakt mit dem von Jugend Eine Welt geförderten Don Bosco- Berufsausbildungsprogramm. Kwagala erhielt eine Ausbildung in Elektrotechnik, sammelte erste Berufspraxis und eröffnete 2024 ihr eigenes Unternehmen in Kamuli, einer 67.000 Einwohner:innen zählenden Stadt im Osten Ugandas. „Mit dem Verkauf von Elektro- und Solarprodukten komme ich auf einen monatlichen Umsatz von knapp 120 Euro. Dazu kommen noch Einnahmen von Installationsarbeiten vor Ort von rund 100 Euro. Somit kann ich auch meinen Teil beisteuern, damit meine Geschwister eine Schulausbildung erhalten“, freut sich Kwagala.
1.600 Frauen bilden knapp ein Drittel der 4.000 Studierenden in den von Jugend Eine Welt und der Austrian Development Agency (ADA) im Rahmen von International Partnerships Austria geförderten fünf Berufsbildungszentren in Uganda und Ruanda. Da Absolventinnen es besonders schwer haben, in den von Männern dominierten Branchen, wie zum Beispiel Solartechnik, Elektrotechnik oder Installateursarbeiten, einen Arbeitsplatz zu finden, erhalten sie dank der Unterstützung von Jugend Eine Welt und der ADA konkrete Hilfe.
Die Jugend Eine Welt-Projektpartner wie Mutala Innocent optimieren stetig das Ausbildungsprogramm an den Berufsbildungszentren, um dieses an den Arbeitsmarkt anzupassen. Gleichzeitig liegt ein Fokus auf der Förderung und Unterstützung weiblicher Studierender. Dazu werden geschlechtsspezifische Barrieren an den Ausbildungsstätten beseitigt und gendergerechte, auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Ausbildungsmodule entwickelt. „Das Programm ‚Gender Matters for Green TVET‘ hat die Don Bosco TVET-Zentren zu einem Ort gemacht, an dem sich alle Jugendlichen willkommen, umsorgt und unterstützt fühlen, um ihre Träume zu verwirklichen. Es hat sich gezeigt, dass Mädchen und Buben mit einem unterstützenden Umfeld, der richtigen Einstellung und erworbenen Fähigkeiten im TVET-Bereich und auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich sein können.
„Bildung für Frauen im Globalen Süden bedeutet: Schutz vor Ausbeutung, vor früher Verheiratung und vor Perspektivlosigkeit. Frauenförderung heißt für Jugend Eine Welt aber auch, sichere Lernorte zu schaffen und junge Frauen gezielt zu ermutigen, Berufe zu ergreifen, die traditionell als ‚Männerdomänen‘ gelten – etwa im technischen Bereich. Wenn Mädchen erleben, dass sie Fähigkeiten entwickeln und wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen können, verändert das nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch ihr gesellschaftliches Umfeld“, so Heiserer. „Zusammengefasst: Wer in die Bildung von Mädchen und jungen Frauen investiert, investiert in Stabilität, in wirtschaftliche Entwicklung und in eine gerechtere Zukunft.“
Ein Tisch, dahinter etliche – noch leere – Bilderrahmen, ein Schild mit rotem Kreuz und ein Ring-Block mit Nummern. Nach und nach lassen die Schau- und Figurenspielerinnen Sibylle Grüter und Jacqueline Surer zunächst kleine Tierfiguren auftauchen – mit dem einen oder anderen Schmerz oder auch „nur“ Wehwechchen. Mit ihrem „Theater Gustavs Schwestern“ laden sie das Publikum im FigurenTheater St. Gallen (Schweiz) beim aktuell laufenden „Jungspund Festival“ ein in eine (tier-)ärztliche Praxis am Rande des Märchenwaldes. Und deswegen findet sich in „Wolf trifft Nager“ unter den Patient:innen auch eine menschliche Prinzessin.
Irgendwann lassen die beiden Spielerinnen, die nicht nur die Figuren führen, sondern – so das Konzept dieser Gruppe – immer wieder auch selbst direkt ins Geschehen eingreifen, einen viel größeren Wolf auftauchen. Im Kostüm der Großmutter aus dem bekannten Märchen Rotkäppchen schleppt er sich ins Wartezimmer der Ordination. Es tut ihm mehr oder minder alles weh. Statt vom Block eine Nummer zu ziehen, er wäre als Nummer 30 dran, klaut er dem daneben wartenden – auch großen – Hasen dessen Zettel und drängt sich somit als 29. vor.
Dem – recht kleinen – Arzt klagt er seine Beschwerden. So musste er beim Verzehr der Großmutter schon ordentlich würgen, vor den Geißlein gruselt es ihm sogar schon…
Gründliche Untersuchung – inklusive Röntgen, womit noch ein drittes Element nämlich Schattentheater ins Spiel kommt – und dann die Diagnose: „Sie sind alt!“
„Ist das ansteckend, gar tödlich?“, will der Patient wissen.
Das muss der Arzt natürlich bejahen.
Was ihm sofort das Leben kostet, der Wolf verschlingt ihn.
Obwohl recht klein, liegt ihm der aber doch im Magen. Er leieieidet. Da kommt der Hase angehoppelt. Als täglicher Gast in der Ordination mit immer wieder anderen – echten und eingebildeten Krankheiten – hat er sich schon ordentlich viel medizinisches Wissen angeeignet, setzt vor allem auf natürliche Heilmittel. Er schickt den Wolf ins Bett, bringt ihm eine Wärmflasche. Und legt sich zu ihm.
Nach und nach kann er dem neuen Gefährten, irgendwie sogar Freund, sogar beibringen, dass der eben wirklich alt wird oder schon ist. Als er dem Wolf eine Brille übereicht, wundert der sich, was er alles (wieder) sieht – sogar die kleinen Waldameisen auf dem Boden. Aber nein, abfinden will er sich doch (noch?) nicht, er ist doch DER Ober-Bösewicht, wild und arg und überhaupt der, der im Märchenwald aufräumen muss.
Sein Aufbäumen, sein altes Gehabe, auch das Fortschicken des Hasen … – wenn der Körper nicht mehr so mitspielt!?
Schweren Herzens beginnt sich Wolf damit anzufreunden, im jetzigen Lebensabschnitt eine neue Aufgabe zu suchen. So hilft er dem Hasen die ärztliche Praxis zu übernehmen, nachdem’s im Märchenwald schon Tumult gibt, weil die Warteschlange der unbehandelten Patient:innen immer länger geworden ist. Mit immer gleichen Floskeln begrüßt der die „Kranken“, sogar einen in der Ordination eintrudelnden Baum 😉
Die beiden Spielerinnen des ¾-stündigen, kurzweiligen, abwechslungsreichen Stücks mit so mancher überraschenden Wendung (Regie: Sebastian Ryser; Dramaturgie: Dominik Busch, Musik: Roland Bucher, illustrierte Bilder, die nach und nach die Rahmen füllen: Lisa Walder) verraten Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… dass der Ausgangspunkt für „Wolf trifft Nager“ die eigene Frage „wie gut altern“ war. Daraus ergab sich aber nicht nur ein Stück zur Auseinandersetzung mit (eigenem) Altern, sondern so „nebenbei“ stellt sich rund um den Wolf auch das Hinterfragen der gängigen Rollenzuschreibung ein. Ist er so böse? Oder steht er gewaltig unter Druck, dem Bild entsprechen zu müssen oder wenigstens sollen, das alle anderen von ihm zeichnen? Schlägt sich das auf seinen Magen und die ganze Gesundheit?
Die Akteurinnen lüften übrigens auf Nachfrage auch das Geheimnis des Theaternamens „Gustavs Schwestern“: „Wir haben beide nur Schwestern und hätten uns immer einen großen Bruder gewünscht.“ Mit dem Gruppennamen „haben wir uns eben einen ausgedacht“.
Compliance-Hinweis: Die Berichterstattung kann nur erfolgen, weil das Festival „Jungspund“ Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … für vier Tage nach St. Gallen (Schweiz) eingeladen hat.
Schräg wie diese Story, die sich die bitterbösen Satiriker Carl Merz und der noch bekanntere Helmut Qualtinger Mitte der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts ausgedacht haben, präsentiert sich nun in den Wiener Neustädter Kasematten im Rahmen des „Wortwiege“-Festivals die Bühne (Andreas Lungenschmid; Bau gemeinsam mit Christoph Wölflingseder). Ein Boden aus „Brettern, die die Welt bedeuten“ – wie Theater seit „ewigen“ Zeiten oft auch genannt wird – ist das erste, das die Zuschauer:innen von „Das Volksfest“ zu sehen bekommen. Die Parkett-Quadrate lassen sich auf- und zuklappen, Figuren aus dem Untergrund auf- und wieder abtauchen oder mit Requisiten leicht in anderes Ambiente umbauen.
Zunächst hier kürzest gefasst die „ver-rückte“ Story des legendären Autorenteams: Ein armer Schlucker wird auserkoren, gegen eine sehr namhafte Summe – 10 Millionen (damals Schilling) – noch dazu einen glanzvollen Auftritt zu bekommen; seinen ersten, einzigen und letzten zugleich. Dafür muss er sich öffentlich hinrichten, also ermorden lassen durch die Guillotine: Die Hälfte der Summe kriegt er im Voraus, die andere danach – für Frau und Kinder. Folgerichtig hieß das Stück „Die Hinrichtung“, wurde im Wiener Volkstheater (20. Februar 1965) uraufgeführt, und schon ein Jahr später als TV-Spielfilm ausgestrahlt, in dem Qualtinger himself die Rolle des Herrn Engel, des Henkers, übernahm.
Wobei der nunmehrige Titel „Das Volksfest“ Anleihe bei den historischen Vorbildern öffentlicher Hinrichtungen in Wien, vor allem nahe dem Denkmal der Spinnerin am Kreuz bei der südlichen Ausfahrt der Hauptstadt in Richtung Süden nimmt. Die waren wahre Volksfeste mit bis zu 50.000 zahlenden Besucher:innen, Verkauf von „Arme-Sünder-Würsteln“ (bis 1868).
Schon Jahre vorher – 2018 – spielte das Stationentheater Susita Fink „Das Mordsweib vom Hunglbrunn“, eine ihrer Sozial-Kriminal-Geschichten an historischen Schauplätzen. Und diese endete 1809 mit der Hinrichtung Theresia Kandls, zu der „40.000 Menschen aus Wien und den Vorstädten zum Galgen an der Triesterstraße pilgerten, wo es spezielles Bier und ebenso Würstel gab. Nachdem die per Todesstrafe ins Jenseits Exekutierte keinen priesterlichen Beistand erhalten hatte, war noch lange die Rede davon, dass ihr Geist herumspukte – insbesondere Männern, die ihre Frauen misshandelten, soll im Traum der Geist der Theresia Kandl mit einem großen Hackl erschienen sein“, schrieb Kinder-KURIER, Vorläufer von KiJukU.at Mitte März 2028 – Link unten am Ende dieses Beitrages.
Was bei Weitem kein Wiener Spezifikum war. Vor rund drei Jahren verarbeitete die freie Theatergruppe „Das Planetenparty Prinzip“ dies in der szenischen, artistischen Performance „Am Galgen“. Und zeigte diese nicht nur nahe dem genannten Wiener Tatort, sondern zuvor im Wald von Birkfeld (Steiermark) bei historischen steinernen Galgen wo einst ebenfalls Todesstrafen in Form von Massenbelustigungen vollzogen wurden.
Engel ist übrigens die einzige Figur, die Anleihe bei einem historischen Vorbild nimmt – Josef Lang (1855 – 1925), letzter Scharfrichter der Monarchie. Die erste Republik schaffte als ein frühes Gesetz die Todesstrafe 1918 ab, die erst mit dem Austrofaschismus (1934 – 38) wieder eingeführt und in der Nazizeit – dann mit der Guillotine, die bewusst genau deswegen von Qualtinger und Merz ins Spiel gebracht wurde, – fortgeführt wurde.
In der Regie von Ira Süssenbach verkörpert Martin Schwanda diesen letzten Henker, der eeeendlich wieder einmal nach laaaanger Pause seinen heiß geliebten Job ausüben darf, davor musste er auf Fußpfleger umschulen. Die „Volksfest“-Inszenierung verleiht Herrn Engel starke Anklänge an den viel bekannteren „Herrn Karl“ vom selben Duo Qualtinger / Merz, dem sich in allen Phasen der damals (1961 verfasst) jüngeren österreichischen Geschichte durch-schlawinernden Typen, der den sich „harmlos“ darstellenden Mitläufer damit als Mittäter sich ironisch demaskieren lässt.
Das an sich mehr als absurd, an den Haaren herbeigezogen wirkende unmoralische „Angebot“ entwickelt sich nach und nach – und das relativ schnell – zur Satire auf das was heute wohl Reality-Show genannt werden würde.
Isabella Wolf als kaltherziger, tougher Boss plant, organisiert und verkauft das Event. Ida Gold als ihr Assistent Horak mit einer Frisur, die entfernt an den Möchtegern-König Donald erinnert (Kostüme: Antoaneta Stereva Di Brolio; Maske: Henriette Zwölfer), scheint auf der Jagd nach Lachern doch ein wenig zu überdreht gezeichnet; mag vielleicht ein entkrampfendes Gegenstück zum regungslosen „Boss“ sein. In dem 2¼-stündigen Stück (eine Pause) gibt es übrigens recht viel zu lachen – das war die Kunst des Autorenduos und gilt auch für die Inszenierung in der ehemaligen Wehranlage, deren älteste Teile bis ins tiefste Mittelalter zurückreichen. Ein wenig öfter könnte es, das Lachen, so angepeilt werden, dass es – wohl die Qualtinger / Merz-Absicht – im Halse stecken bleiben würde.
Das Opfer, Herr Reindl (gespielt von Lukas Haas, der zwischendurch auch mal mit Gitarre zum Musiker wird; Musik: David Lipp), das zuerst natürlich ablehnt, wandelt sich zum Möchtegern-Star. Die hochrangige Beamtin die anfänglich doch irgendwie Bedenken andeutet, wischt diese bald beiseite (Frau Doktor: Jens Ole Schmieder, der hin und wieder in die Rolle eines scheinbar Blinden wechselt, der später Reindl ein Konkurrenz-Angebot zum Ausstieg aus dem Vertrag macht).
Die Kinder (Ida Gold und Martin Schwanda praktisch stets aus einer der geöffneten Luken der Versenkung) beginnen die Geschichte in ihre Spiele zu integrieren. Die ständig überforderte, mit ihrer Lage – davor – hadernde, unglückliche, grantige, verschlafene, trinkende Ehefrau, scheint sich im neuen Reichtum einzurichten. Und als zahnärztliche Assistentin Inge – Reindl muss für den großen Auftritt mit Close-Up-Aufnahmen natürlich ein blendendes Gebiss kriegen – lässt sich deren Darstellerin Saskia Klar nun gegensätzlich Süßholz raspelnd auf eine Affäre mit dem neuerdings zum Star Gewordenen ein, dessen große und letzte Stunde am 12. Mai schlagen soll. Sie wollte schon immer mit jemandem Berühmten zusammen sein. Als sie von seinem Alternativangebot, das dieses Event abbläst und den Promi-Bonus zu verblassen droht, gar von seinen Träumen eines langen Lebens mit ihr, hört, dann… – nein, wird hier nicht gespoilert.
Verraten wird hier übrigens ebenfalls das – sehr starke – Ende nicht, in dem sich Reindl direkt ans Publikum wendet…
Auf den Spurren einer hingerichteten Mörderin <— 2018 im Kinder-KURIER
Am internationalen Frauentag spielen – dieses Mal vor der Bühne am Bodensee (Bregenz, Vorarlberg) – der gehörlose Schauspieler Werner Mössler in Österreichischer Gebärdensprache und parallel Markus Rupert in deutscher Lautsprache den zweiten Abschnitt der auf insgesamt fünf Jahre angelegten „5 Schritte Frieden“, einem Projekt der Visuellen Theaterbibliothek und des Theaters im Urbanen Raum. Arbos – Gesellschaft für Musik und Theater inszeniert – seit dem Vorjahr – jeweils einen von vier Texten Dževad Karahasans (1953 – 2023), der fünfte stammt von diesem in Bosnien geborenen, in Österreich Zuflucht gefunden habenden Schriftsteller – gemeinsam mit Herbert Gantschacher, der alle fünf inszeniert.
Als bosnischer Moslem wurde er im Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegowina mit Ermordung bedroht, weil er mit einer Frau serbischer Herkunft verheiratet war. Die Flucht aus Sarajevo führte den Schriftsteller 1993 nach Österreich und da bald zu einer engen Zusammenarbeit mit ARBOS mit vielen gemeinsamen Produktionen. Die „5 Schritte Frieden“ durchaus auch als eine Art Vermächtnis des 2023 in Graz verstobenen Schriftstellers begannen im Vorjahr am Klagenfurter Hauptbahnhof mit „Privileg Sterben“. Heuer folgt „Auf der Akademie“, ebenfalls als Uraufführung – live gespielt und online in alle Welt ausgestrahlt.
„Ihre Aufgabe ist das Einzige, was Sie für einen Augenblick von der Angst befreien kann, was Ihnen hilft, die Menschenwürde zu bewahren, was Ihnen die Empfindsamkeit und den Verstand erhalten kann“, schrieb er im Text „Auf der Akademie“. Eine Szene, die im belagerten, dauernd unter Beschuss liegenden Sarajevo spielt – und leider für viele Orte der Welt, erst jüngst brandaktuell wieder, gilt.
„Die Menschen haben uns den Rücken gekehrt, das Glück hat uns verlassen, diese Welt hat sich von uns losgesagt. Noch schützt uns die Kunst vor der Gleichgültigkeit, der Mensch aber lebt, solange er nicht gleichgültig ist. Sie sind besser als die Herren vom Westen, die uns nicht helfen, obwohl sie es könnten. Sie sind besser, denn Sie sind lebendig, und jene sind gleichgültig. Sie fühlen Schmerz, Angst, Hunger und Durst. Sie fühlen Liebe und Zorn. Dienen Sie Ihrer Kunst, sie wird Sie gegen alles schützen, was gegen Sie anstürmt, wie ein warmer und dunkler Mutterleib.“
Und weiter schreib Karahasan, dass er den Studierenden diese „pathetische Rede“ gar „nicht zu halten“ brauchte. „Ich musste ihnen überhaupt nichts sagen. Sie arbeiteten besser als je zuvor. In weniger als zwei Monaten studierten sie vier Vorstellungen ein, die in der ganzen Stadt gespielt wurden. Ohne elektrische Beleuchtung, ohne eine vom Zuschauerraum getrennte Bühne, ohne Dekoration. Einfach ohne alles, außer mit spieldurstigen Schauspielern, einem Text und theaterhungrigen Zuschauern. Bei den ersten Proben wurden sie durch Granaten gestört, die in der Nähe einschlugen. Da verloren sie noch die Konzentration, machten Pausen, hörten einen Moment auf. Mit der Zeit gewöhnten sie sich so sehr daran, dass sie einfach nicht mehr auf die Granaten reagierten, ja, manche sogar die Möglichkeit fanden, die Granaten ins Spiel einzubinden, als einer ihrer Ausdrucksmittel. Ähnlich war es mit den Zuschauern – am Anfang achteten sie auf die Granaten, doch dann überließen sie sich der Vorstellung mit mehr Genuss als seinerzeit im Frieden.“
Den Text „Auf der Akademie“ begann der Schriftsteller mit der Schilderung „Zehn Tage nach dem großen Bombardement versammelten wir uns auf der Akademie, meine Studenten und ich. Da der Haupteingang dem Trebević zu gekehrt, einem ehemals beliebten und oft besungenen Ausflugsziel, und deshalb gefährlich ist, schlugen wir ein Loch in die Hofmauer und erhielten so einen Durchgang zum Keller. Wir verabredeten, dass unsere erste Arbeit den Exams-Auftritten der Studenten gelten solle, die im vierten Schauspieljahr sind. Einen normalen Unterricht für jüngere Studenten können wir nicht organisieren, aber wir können den Absolventen helfen, das Examen zu machen.“
Das Programm, das am Frauentag – 8. März, in dem Fall 2026, ab 20 Uhr live online gestreamt wird – begann wie schon erwähnt im Vorjahr, damals am Klagenfurter Hauptbahnhof., 2025 mit „Privileg Sterben“. Nach „Auf der Akademie“ (Frauentag, 8. März 2026) folgen in den kommenden Jahren „Die einen und die anderen“ (2027), „Eine alte orientalische Parabel“ (2028) sowie als Teil 5 der „Friedensschritte) „Gespräch als Kunst“ (2029) – ebenfalls von Dževad Karahasan, aber wie schon oben erwähnt gemeinsam mit Herbert Gantschacher.
Acht schwarz gekleidete Menschen verschiedenen Alters stellen sich auf verschiedene Stufen einer hölzernen mobilen Tribüne und beginnen als Chor Laute zu singen, noch lange keinen Text. Das kommt erst viel später.
Im selben Rot wie die Tribüne ist eine Konstruktion aus waag- und senkrechten Stangen gestrichen – Kanten und Umrisse einer Busstation (Ausstattung: Milena Czernovsky, Caroline Haberl), wie aus dem Ankündigungstext zum Stück, das eben auf der Bühne beginnt, geschlossen werden kann und darf. Schemenhaft im Dunkel sind Umrisse einer weiteren Akteurin wahrzunehmen. „Kri“, so der Name der Titelheldin – und des Stücks – zieht in das Wartehäuschen ein. Das steht schon lange leer, der Bus hat längst keine Station mehr hier.
Und dennoch beginnen so manche der Bewohner:innen des nahegelegenen Dorfes zu rumoren. Ja, derf die denn des? Wer is’n des? Die ersten „wagen“ sich auch an den Ort des neuen Geschehens. „Wem gheast denn du?“, „Woher kummst denn?“, „Was machst’n da?“…
Zwischen Ablehnung der unbekannten Person, noch dazu zunächst ausschließlich aus der Ferne und ersten Annäherungsversuchen pendelt gut das erste Viertel des Stücks, das von Dialogen gekennzeichnet ist wie sie aus dem echten Leben des Unverständnisses Erwachsener für Verhaltensweisen Jugendlicher stammen (könnten). Und eines „Achtung, Fremde!“ als zweite Ebene.
Nach und nach macht sich die eine oder der andere aus dem Dorf – die Chorsänger:innen schlüpfen in unterschiedliche Rollen und archetypische Charaktere – auf zum einst verlassenen, nun neu bezogenen, Wartehäuschen. Die einen feindselig: Des is unser Platz, da hängen wir ab! Andere vorsichtig annähernd, wohlwollend fürsorglich. Dritte irgendwo und irgendwie dazwischen, eine vierte, Buslenkerin, die sich angeblich verfahren hat, ziemlich lost.
Wie auch immer Manuela Cortolezis, Michaela Czernovsky, Stefan Egger, Emma Glauninger, Dietmar Hirzberger, Balasz Illyes, Martina Koller-Maier und Markus Teufelberger dem Mädchen in der Busstation auf ihre unterschiedlichen, ziemlich authentisch wirkenden Arten begegnen, Kri (Michaela Neuhold) lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Fest davon überzeugt, ihren Weg der Suche nach einem Leben frei von unlogischen, einengenden Zwängen gehen zu wollen und nun eben hier Station zu machen, macht sie – vor allem durch Gegenfragen – ihre Gegenüber mitunter sprachlos, lässt selbst wütende Reaktionen verpuffen…
Viele der sehr abwechslungsreichen Szenen sind – trotz der Tiefe und Ernsthaftigkeit – immer wieder von Wort- und Spielwitz gekennzeichnet, womit die Botschaften noch viel direkter ins Gemüt gehen.
Auch unter der Dorfbewohner:innen teilen sich nun die Meinungen, und als alle ihren dringenden Wunsch, irgendwo dazu zu gehören, beginnen fast zu akzeptieren, aber nur, weil… – ach, nein die Rolle des gastauftretenden Co-Regisseurs David Valentek sei jetzt hier sicher nicht gespoilert …
Wie auch immer, Kri, die vielleicht so heißt, weil sie mit den „krah, krah, krah“-Krähen sprechen kann, sucht weiter ihren Weg nach Unabhängigkeit.
Stefan Wipplinger hat mit dem Stücktext im Vorjahr einen der Retzhofer Dramapreise für junges Publikum gewonnen – neben „Löwenschwestern“ von Fabienne Dür – KiJuKU berichtete, Link unten am Ende des Beitrages. Lohn für diese Preise ist jeweils die Umsetzung zu einem Bühnenstück. Die beiden Grazer Jugendtheater TaO! – Theater am Ortweinplatz und Next Liberty haben diese Dramatisierung und Inszenierung (Regie: Manfred Weissensteiner, Dramaturgie: Dagmar Stehring) vorgenommen, nun gastiert das Stück – leider nur eineinhalb Tage – im Dschungel Wien (MuseumsQuartier), im Mai ist es wieder in Graz, dieses Mal im Tao! nach einer ersten Spielserie im größeren Next Liberty zu erleben.
Und die Salzburger Festspiele zeigen eine eigene Inszenierung (Regie: Tanju Girişken) – im Sommer im Schauspielhaus der Landeshauptstadt auf der Studiobühne, aber schon von März bis Mai im Rahmen einer Schul-Tour durch das Bundesland in acht Städten und Orten – Infos und Links in der Info-Box am Ende des Beitrages.
Stell dir vor, jedes einzelne Kind in den 27 Ländern der gesamten Europäischen Union müsste arbeiten. Unvorstellbar, oder?! Und dennoch käme diese Zahl – rund 67 Millionen (bis 14 Jahre) nicht einmal an jene heran, die auf der Welt wirklich arbeiten müssen und keine 12 Jahre jung sind (79 Millionen). Insgesamt müssen rund 138 Millionen Kinder arbeiten, um selbst überleben zu können oder mitzuhelfen, dass ihre Familien halbwegs was zu essen haben. 54 Millionen Kinder verrichten sogar Arbeiten unter gefährlichen Bedingungen, unter anderem in Minen, wo seltene Erden zu Tage gefördert werden, die zum Beispiel für Smartphones wichtig sind.
Dabei sollten gerade die zuletzt genannten Arbeiten – unter gefährlichen Bedingungen – schon im Vorjahr abgeschafft sein. Das haben Vertreter:innen vieler Länder in der Agenda 2030 in den 17 Nachhaltigkeitszielen (SDG – Sustainable Development Goals) unter anderem beschlossen, unter Ziel 8, Punkt 7. Das steht auch in der Konvention 182 der Internationalen Arbeitsorganisation ILO.
Vor kurzem – 11. bis 13. Februar 2026 – kamen wieder einmal Vertreter:innen von Regierungen, aber auch Gewerkschaften und Unternehmerverbänden sowie NGO (Nicht-Regierungs-Organisationen) zu einer Konferenz zusammen. In Marrakesch, der viertgrößten Stadt Marokkos (Nordwest-Afrika) beschlossen 500 Teilnehmer:innen einen „globalen Aktionsrahmen gegen Kinderarbeit (Marrakech Global Framework for Action against Child Labour). Dieser sieht einerseits, wenn schon, dann Mindeststandards für Arbeiten vor, höhere Löhne für Erwachsene, bessere Sozialsysteme, sodass Kinder nicht (mehr) arbeiten müssen und den Zugang zu Bildung für diese Kinder.
Auch wenn Kinderarbeit vielleicht nicht in unmittelbarer Nähe stattfindet, so ist auch Österreich betroffen. Zur Herstellung von Schokolade braucht’s Kakao – die Früchte mit den Bohnen werden nicht selten von Kindern von den Bäumen gepflückt; und das ist nur ein Beispiel. Österreich ist übrigens nicht Teil der sogenannten „Alliance 8.7“, der internationalen Plattform, um dieses Nachhaltigkeitsziel eeeeendlich zu erreichen. Das offizielle Österreich war bei der Konferenz in Marokko nicht vertreten.
Das kritisierten – einem Bericht der Onlinezeitung „Unsere Zeitung -Die Demokratische“ untet anderem die Geschäftsführerin der Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar (DKA), Sigrid Kickingereder. Dort wird auch berichtet: „Am selben Tag, an dem die Konferenz in Marrakesch begann, starteten der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB), solidar Austria und das Netzwerk International die ganzjährige Kampagne „Wir gegen Kinderarbeit!“.
„Kinderarbeit verschwindet nicht durch Verbote allein, sondern durch existenzsichernde Löhne für die Eltern. Wer Kinderarbeit wirklich beenden will, muss Gewerkschaften stärken und für faire Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern sorgen. Geht’s den Eltern gut, geht’s den Kindern gut“, wird dort Marcus Strohmeier, Internationaler Sekretär des ÖGB, dazu zitiert.
Weiterhin setzt sich natürlich die Initiative Kinderarbeit stoppen – DKA, Jugend Eine Welt, Kindernothilfe Österreich, solidar Austria und FAIRTRADE – seit Jahren dafür ein, dass Kinder nicht mehr arbeiten müssen.
„Wenn wir in Österreich Schokolade essen, Smartphones nutzen oder Kleidung kaufen, profitieren wir von globalen Lieferketten, in denen Kinder ausgebeutet werden. Freiwillige Selbstverpflichtungen von Unternehmen sind gescheitert. Österreich muss jetzt handeln“, fordert Peter Schissler, Vorsitzender von solidar Austria.
Österreich müsste Gesetze beschließen, dass der Verkauf von Waren aus Kinderarbeit verboten ist, lautet eine der zentralen konkreten Forderungen. Mit der Kampagne „Wir gegen Kinderarbeit!“ soll dieser Ungerechtigkeit, die natürlich auch gegen die Kinderrechtskonvention verstößt, die aus dem Fußball bekannte „Rote Karte“ für unsportliches Verhalten, gezeigt werden.
Unten geht’s zu einem rund 6½-minütigen grafischen Erklärvideo über den (neuen) Aktionsplan gegen Kinderarbeit, wie ihn 500 Vertreter:innen in Marrakesch beschlossen haben.
Freudestrahlend lachten die allermeisten Gesichter der Demonstrant:innen, ob sehr jung oder ganz alt, mit den Sonnenstrahlen sozusagen um die Wette. Tausende feierte ausgelassen Sonntag ab dem frühen Nachmittag erst auf dem Wiener Heldenplatz, dass bei einem der ersten Bombenangriffe Israels in Irans Hauptstadt Teheran Ali Khamenei, oberster politischer Führer des Iran, der seine Herrschaft religiös verkleidete, gezielt getötet worden war.
Aus dem Freudenfest formierte sich schließlich eine Demonstration, die dann ebenso fröhlich vorbei an Präsidentschaftskanzlei, Bundeskanzleramt und Burgtheater zur Ringstraße zog, vorbei am Hauptgebäude der Uni Wien in Richtung Währinger Straße und weiter zur Boltzmangasse in Wien-Alsergrund (9. Bezirk) vor die Botschaft der USA.
Üblicherweise ist diese das Ziel für Demonstrationen, die Handlungen der US-Regierung (stark) kritisieren, an diesem Sonntag erlebten die Vertretung der Vereinigten Staaten von Amerika in Wien vielleicht erstmals eine Kundgebung mit Danksagungen. Im Demozug waren immer wieder neben der – alten persisch-iranischen Löwenfahne – auch Sternenbanner (USA) sowie Flaggen Israels, mitunter auch die von Österreich, zu sehen.
So manche Demonstrant:innen, zumeist Menschen, die selbst oder deren (Groß-)Eltern aus dem Iran geflüchtet sind, trugen auch Fotos von Donald Trump mit Danksagungen für die koordinierte Bombardierung durch Israel mit. Viel mehr Fotos – handlich A3 bis riesig – zeigten Cyrus Reza Pahlavi, den ältesten Sohn des 1979 von der islamischen Revolution gestürzten Schah Mohammad Reza Pahlavi. Die Revolution beendete damals zwar die Herrschaft der undemokratischen Monarchie, wurde aber selber rasch zur noch ärgeren diktatorischen Schreckensherrschaft. Mit Zehntausenden Todesopfern erst kürzlich bei den großen Protesten im Jänner 2026. Das bewirkt offenbar eine Art Verklärung der seinerzeitigen Monarchie.
Viele oppositionelle Gruppen hoffen, dass – sollte es überhaupt zu einem Ende des Regimes kommen – Pahlavi wie er mitunter betont, einen Übergang zur Demokratie moderieren würde. Bei der Demo in Wien ertönten allerdings immer wieder lautstarke Rufe nach König (Shah) Reza Pahlavi.
„In vielen Medien und auch von vielen oppositionellen Iraner:innen wurde Ali Khamenei immer wieder als „Ayatollah“ bezeichnet. Dabei war der 1939 im ostiranischen Maschhad Geborene nie mehr als ein Hujjat al-Islam, also ein Geistlicher mittleren Ranges“, schreibt der bekannte österreichische Politikwissenschafter Thomas Schmidinger in der Wochenzeitung „Die Furche“ – und zuvor ähnlich schon in einem Posting auf Social Media. „Als Ayatollah wurde er von Unterstützer:innen des iranischen Regimes erst bezeichnet, als er die Nachfolge Ayatollah Khomeinis als „Oberster Führer“ (Rehbar) antrat – also ein politisches Amt, das in Khomeinis Konzept der „Herrschaft der Rechtsgelehrten“ (welāyat-e faqīh) für die Oberhoheit der Religion über dem gewählten Staatspräsidenten stand, gewissermaßen als Statthalterschaft für den verschwundenen zwölften Imam. Für die traditionellen schiitischen Gelehrten galt bis zu Khomeini, dass erst die Wiederkehr des verborgenen Imam Mahdi zur Errichtung einer religiös legitimierten Herrschaft führen dürfe. Bis dahin hätten die schiitischen Gelehrten auf Distanz zur jeweiligen weltlichen Herrschaft zu achten und ihre religiösen Stiftungen dem Einfluss des Staates zu entziehen.“
Schmidinger postete übrigens am Montag: „In den letzten 24h hat der iranische Präsident Masoud Pezeshkian, der eigentlich immer dem reformistischeren Lager innerhalb des Regimes angehört hatte, in Worten und Werken klar gemacht, dass es mit ihm keine Venezuela-Lösung geben wird. Sollte das das Ziel Donald Trumps gewesen sein, ist dieses vorerst gescheitert. Das iranische Regime hat einige wichtige Leute zu ersetzen, es ist aber weder politisch oder militärisch bereits am Ende, noch bereit mit den USA zu kooperieren. Vielmehr deutet sich vorerst eine Verhärtung und weitere Eskalation an. Das geschwächte Regime scheint zumindest vorerst zusammenzuhalten und sich zu verbunkern.“
„Wer zu den 32 000 Toten und dem Blutbad, dass die islamische Republik am 8. und 9. Januar im Iran angerichtet hat geschwiegen hat, aber jetzt die Menschen, die ihre toten Kinder zu Grabe geführt haben, belehren will, ist bigott“, postete die deutsche Autorin, Jorunalistin, Filmemacherin, Politologin Düzen Tekkal am Montag auf Instagram.
„Niemand will Krieg. Die islamische Republik führt seit 47 Jahren Krieg gegen Ihre eigene Zivilbevölkerung. Die Betroffenen wünschen sich Demut, statt Belehrungen angesichts der grausamen Situation, in der sie sich gegenwärtig befinden. Sie befinden sich zwischen Todesangst und Hoffnung und haben große Angst am Ende wieder verraten zu werden.“
Sticker unter anderem mit pochenden offenen Herzen und dem berühmt gewordenen Spruch „Pumpaj“ (pumpen), der immer wieder auch laut gerufen wurde, erklang Sonntagmittag in der kleinen Ölzeltgasse in Wien-Landstraße. Wieder hatte Blokada Beč (Blockade Wien), eine Initiative der Diaspora, aus Solidarität mit den Protesten eingeladen. Unermüdlich wie ein Herz pumpt und pumpen muss, um dessen Besitzer:in am Leben zu erhalten, organisieren Aktivist:innen Kundgebungen, Demos und andere Aktivitäten zur Unterstützung all jener, die gegen Korruption und für ein demokratisches Serbien kämpfen und eintreten.
Anlass für die jüngste Kundgebung – zwar nicht mehr wie bei einer großen Kundgebung vor mehr als einem Jahr (KiJuKU berichtete) direkt vor dem Gebäude der serbischen Botschaft, aber bei der Kreuzung mit der Lagergasse am Eck des besagten Hauses – war der ersten Jahrestag einer Großdemo in Niš, der drittgrößten Stadt Serbiens. Und diese wiederum hatte ihren Ursprung in dem Einsturz des Vordachs in Novi Sad am 1. November 2024, bei dem 16 Menschen starben. Ein Unfall der kein Naturereignis war, sondern Folge von Korruption und Misswirtschaft beim Bau dieses Vordaches.
Noch immer warten die Angehörigen der 16 Todesopfer auf Gerechtigkeit durch Verurteilung der für den tödlichen Dach-Einsturz Verantwortlichen.
Die beiden Rednerinnen auf einem improvisierten Podest in Sicht-und Hörweite der Botschaft, Katarina Milisavljević (serbisch) und Anastasija Stojanović (deutsch) wiesen bewegend aber auch auf die Ausweitung der Protestgründe hin: Verbindungen zu und Solidarität mit Aktionen von Freund:innen über Serbien hinaus wie in Griechenland anlässlich des zweijährigen Gedenkens der Eisenbahntragödie in Tempi, aus Nordmazedonien nach der Tragödie in Kočani, aus Zagreb nach dem Mord an der Grundschule Prečko, aus Cetinje nach der Massenschießerei, die viele Leben forderte, und aus Bosnien und Herzegowina nach der Tragödie in Jablanica. „Dieses Mal stehen wir im gemeinsamen Schmerz an der Seite unserer Freundinnen und Freunde aus Sarajevo nach dem schweren Straßenbahnunfall, der das Leben mehrerer Menschen gefährdete, leider aber auch einem jungen Mann das Leben nahm.“
Der zuletzt genannte Unfall war Anlass, die bisher bei den Kundgebungen üblichen 16 Schweigeminuten für die Novi-Sad-Opfer auf dieses Mal 17 Minuten für zusätzlich Erdoan Morankić aus Sarajevo zu verlängern.
„Im vergangenen Jahr haben wir erlebt, dass Stille uns oft mit einem noch größeren Schmerz konfrontiert als jedes ausgesprochene Wort. Deshalb laden wir euch ein, gemeinsam einen Ausweg aus diesem Schmerz zu finden – indem wir jetzt, indem wir heute so laut wie möglich sind, mindestens so laut, dass man uns bis nach Niš hören kann!“ – und dann setzten die „Pumpaj“-Rufe mehr als lautstark ein, andere Losungen, unter anderem „ruke su vam krvave“ (deine Hände sind blutig – an die politisch Verantwortlichen bis hinauf zum Staatspräsidenten) folgten.
Und die Hoffnung, dass die Proteste – in Serbien sowie in der Diaspora – das „Potenzial haben, das gesamte System und die Gesellschaft zu heilen, die bedroht war, vollständig unterzugehen durch unzählige Skandale, Machtmissbrauch, Erpressung, Nötigung, Einschüchterung, brutale, organisierte Gewalt, Korruption und kriminelle Netzwerke, die an der Spitze des Staates Serbien stehen… Lasst uns daran erinnern und es uns einprägen – die scheinbare Minderheit, geführt von der Kraft der Gemeinschaft, im Bewusstsein ihrer Stärke und ihres Potenzials, ist genau diejenige, die den Grundstein für eine neue Gesellschaft aus Freiheit, Würde, Gerechtigkeit und Solidarität legt.“
„Blokada Beč“ will aber nicht nur zu Kundgebungen aufrufen, sondern startet demnächst mit Vernetzungstreffen und vor allem Diskussionen auf verschiedenen Ebenen – und bei Weitem nicht nur für Serbien relevant. So wurde auf die beginnende Veranstaltungsreihe „Days of Attention“ hingewiesen, „die vom Team aus Studierenden und Dozenten der geschichtswissenschaftlichen Institute der Universität Wien organisiert wird und sich den Protesten in Serbien widmen wird. Der Leitgedanke der Veranstaltungen wird sich auf folgende Fragen konzentrieren: Auf welche Weise werden zivile Proteste Teil politischer Veränderungsprozesse, wie funktioniert Aktivismus ohne konkrete Führungspersönlichkeiten, und welche Rolle können Universitäten dabei als Orte demokratischen Engagements spielen?“
Über den universitären Rahmen hinaus wird es ab 4. April jeden ersten Samstag im Monat ab 11.30 Uhr zwanglose Zusammenkünfte im Wiener Stadtpark geben mit „Raum für Dialog, den Austausch von Ideen und Erfahrungen sowie für Begegnung, um gemeinsam Strategien und Pläne zu entwickeln, wie wir die Unterstützung aus Wien auf ein noch höheres Niveau heben können. Wichtig ist uns zu betonen, dass die Treffen einen informellen Charakter haben – mit dem Ziel, Gleichgesinnte zu vernetzen und sich für zukünftige Aktionen zu verbinden“ – Infos werden auf dem Insta-Kanalgeteilt, Link am Ende des Beitrages.
Gesungene Liebe
Für einen höchst emotionalen Abschluss der Kundgebung sorgte Sänger Aleksa Jevtić, der mit dem vertonten Auszug aus dem Gedicht „Ljubav“ („Liebe“) des serbischen Dichters Djura Jakšić, manche Teilnehmer:innen sogar zu Tränen rührte – Video-Ausschnitt unten.
Aufs erste mag es vielleicht eine ungewöhnliche Kombination sein: Als Jugendlicher begann er sich selber das Programmieren von Computerspielen beizubringen, erfand mit „Prince of Persia“ eine langanhaltende weltberühmt gewordene Erfolgsserie mit Animationstechnik die damals sogar bahnbrechend war. Nun ist – in einem kleinen niederösterreichischen Verlag seine auf Deutsch (nach Französisch, Englisch, brasilianischem Portugiesisch) übersetzte – Familiengeschichte als Graphic Novel erschienen: Replay – Erinnerungen einer entwurzelten Familie“.
Der gebürtige New Yorker Jordan Mechner, der später in Kalifornien wohnte und seit fast einem Jahrzehnt in Frankreich lebt und arbeitet, weilte kürzlich in St. Pölten und Wien, wo er das druckfrische Buch vorstellte, unter anderem im Jüdischen Museum in der Dorotheergasse (Wiener Innenstadt), wo auch die Fotos zu diesem Beitrag entstanden sind.
Für den Schöpfer viele Computerspiele, Drehbücher, Comic-Schöpfer und fast andauernden Skizzen-Zeichner gibt es – wie er sagte eine große Gemeinsamkeit: „Ich liebe Story-Telling. Für mich ging es auch in den Computerspielen – vor „Prince of Persia“ (das erste 1989) entwickelte er schon „Karateka“ (1984) und später „The Last Express“ (1997) – nicht um Punktsammeln, sondern eben darum, eine Geschichte zu erzählen.“
Doch während in seinen Computerspielen die Storys erfunden sind – wenngleich „natürlich überall auch Erlebnisse, Begegnungen, Bilder aus dem eigenen Leben einfließen“ auch als „Echo der Geschichte“ – ist „Replay“ die reale Lebensgeschichte seiner Familie. Großeltern, die vor den Nazis, unter anderem aus Wien, flüchten mussten – und, mit Hindernissen und Umwegen (u. a. Kuba) – auch konnten… Der Großvater väterlicherseits hat viel schriftlich festgehalten, Fotos aufgehoben. Später gescannt, digitalisiert für die Familie, als Website erstellt, macht sich der Autor und Illustrator auch im Buch selbst an manchen Stellen auf die Suche nach einer fehlenden Seite 305A.
Der Großvater Adolf, Spitzname Bubi, vielleicht weil auch schon sein Vater, also Jordans Urgroßvater Adolf hieß, musste schon als Kind zum ersten Mal flüchten – im ersten Weltkrieg aus Czernowitz, damals noch in Rumänien, heute in der Ukraine. Sein Sohn, Francis, genannt Franzi, wurde dann als junger Volksschüler in Wien, wo die Familie zuerst Zuflucht gefunden hatte, zum Flüchtling und landete zunächst in Frankreich, später in den USA.
Wobei wie – in den meisten Familien -, bei Weitem nicht alle Mitglieder der Familie Mechner / Bayer / Ziegler / Feingold / Weitzberg Ermordung durch die Faschisten entgehen konnten.
Die immer wieder auch abenteuerliche Familiengeschichte konnte nicht selten nur dank des Zusammenspiels von Zufällen überhaupt weitergehen – und so erst die Geburt von Jordan und seiner drei Geschwister Linda, Emily und David ermöglichen. Die teils filmreife, aber eben echte, Story lässt der Dauer-Zeichner auf 315 Seiten in spannenden, lebendigen Bildern lebendig werden, die immer wieder die jeweilige – nicht selten lebensbedrohliche – Situationen noch mehr erahnen lassen als die dazugehörigen Texte (Übersetzung ins Deutsche: Lucia Engelbrecht).
Jordan Mechner springt auf den mehr als 300 Seiten immer wieder hin und her zwischen der großväterliche, der väterlichen und seiner eigenen Geschichte. Um jedwede mögliche Verwirrung zu verhindern, hat er sich einen durchgängigen Farbcode ausgedacht, der auf der Rückseite des Buches mit – passend zu Flucht- und Umzugsgeschichten – mit Gepäckstücken symbolisiert ist: Gelb für die Gegenwart, blau für die Erinnerungen an seine Kindheit und Sepia – wie alte Fotos – für die Passagen mit Erinnerungen seines Vaters bzw. Großvaters.
Onkel Joschi fand eines Tages in seinem Keller zwei gemalte Bilder, die er viele Jahre vorher in Wien vor dem Ersten Weltkrieg einem unbekannten, erfolglosen Künstler abgekauft hatte – Adolf Hitler. Mit diesen erwirkte er bei einem begeisterten Nazi-Funktionär Visa für ihn, seine Ehefrau und den gemeinsamen Sohn für Frankreich. (S. 18)
Jordan ist Vater von Jane und Ethan. In einer Episode (S. 208 und 209) treffen Vater und Tochter den (Ur-)Großvater. Sie ist urangefressen über den schulischen Geschichtsunterricht, wo sie gerade Frankreich zur Zeit der Nazibesetzung behandeln – bei Jordans Opa könnte die Schülerin Infos aus erster Hand erfahren. Jane aber ist noch viel erboster über die sexistischen, antisemitischen und rassistischen Anspielungen und Äußerungen des Lehrers und zitiert Sager wie „Ihr wisst ja, wie die Juden sind… Bei Muslimen ist es noch ärger. Die beiden algerischen Jungs regen sich immer auf und diskutieren mit ihm, und er schickt sie aus dem Klassenzimmer.“
Auch Jane hat gesagt: „Das geht gar nicht!“ – „Er (der Lehrer) hat mich zur Direktorin geschickt…“
Wo und wann tritt der Sinneswandel ein? So wie sich viele Kinder in einem unaufgeräumten, bespielbaren Kinderzimmer wohlfühlen, während die Eltern auf Zusammenräumen drängen, spielt sich ähnliches in so mancher Haltung rund um Schule ab. Während knapp mehr als ein Drittel von 1.194 befragten Schüler:innen (10 bis 19 Jahre) Hausübungen für sehr (7,4%) bzw. eher (26,9%) „sinnvoll“ halten, meinen mehr als zwei Drittel der 404 Eltern dies (44,6% sehr; 22,5 % eher).
Durchgeführt wurde die Umfrage vom Nachhilfeinstitut Lernquadrat gemeinsam mit dem Bundeselternverband, die Ergebnisse wurden nun (letzte Ferbruarwoche 2026) vorgestellt.
Weniger weit auseinander lagen die Einschätzungen des Zeitaufwandes: Rund ein Fünftel schätzte diesen auf weniger als eine halbe Stunde, rund die Hälfte auf bis zu einer, nochmals ein Fünftel bis zu 1½ Stunden. Wobei sowohl bei Schüler:innen als auch bei Eltern jeweils knapp mehr als 50 % die Hausübungsmenge für o.k. hielten; doch mehr als vier von zehn Kindern bzw. Jugendlichen diese als „zu viel“ einschätzen, während fast 13 % der Eltern „bitte mehr“ angaben.
Übrigens sind Eltern auch nicht die erste Anlaufstelle, wenn Schüler:innen Hilfe bei Hausübungen brauchen – Mütter zu 23,5, Väter zu 19 Prozent. An der Spitze der „Ratgeber:innen“ liegen Internet und da KI (Künstliche Intelligenz: 52,9%), aber schon bald gefolgt von Mitschüler:innen (44,6%) und Freund:innen (32,1%). Lehrer:innen wurden von 11 Prozente und Nachhilfe-Lehrer:innen von 7,7% genannt; Mehrfachnennungen war da möglich 😉
Wobei das Werkzeug zum ersten Ratgeber – Smartphone – allerdings auch als die größte Ablenkung angegeben wurde, interessanterweise von den Schüler:innen in einem deutlich höheren Ausmaß als von den Eltern. Letztere nannten nur zu rund einem Viertel Handys als (sehr) häufige Ablenkung ihrer Kinder, diese selbst räumen fast zur Hälfte ihren Geräten diese unerwünschte Funktion zu.
Die genannte Umfrage wollte neben Fragen rund um Hausübungen auch noch wissen „Was würdest du gerne in der Schule noch lernen, was derzeit nicht unterrichtet wird?“ Wobei dies als offene Frage – ohne mögliche Antworten gestellt wurde. Ergebnis: Kompetenzen fürs Leben (19 %), Finanzen (10,1%), Kochen / Backen / Ernährung (7,1%), Psychologie / Mentale Gesundheit (4,3%), Politik ebenso 4 Prozent wie Soziale Kompetenzen / Rhetorik / Selbstmanagement, Digitales /KI / Medienkompetenz (3,3%) sowie Wirtschaft (3,1%).
Knapp mehr als eine Schulstunde rockt Julia Wozek als „Die Neue“ in der Klasse und überhaupt der Stadt die Bühne als Ophelia. Ein nicht so alltäglicher heutiger Name. Da war doch was. Irgendwas mit Literatur und so, oder mit Taylor Swift???
Genau, beides. Letztere, die Jugendlichen vielleicht geläufiger sein mag, veröffentlichte im Vorjahr (2025) „The Fate of Ophelia“ (Das Schicksal der Ophelia). Der Song wurde wie viele andere von Taylor Swift ein Nummer1-Hit und ihre Ophelia ist vom Original in William Shakespeares „Hamlet“ inspiriert. Der wohl bekannteste Theaterautor hatte vor gut 425 Jahren in diesem – wie bei vielen anderen seiner Stück von älteren oft (sehr) bekannten Geschichten – Schauspiel Ophelia als heimlich Geliebte Hamlets geschrieben.
Diese Neue trifft eben auf Hamlet, Klassensprecher, der dieses Amt, in das er gewählt wurde, ebenso hinterfragt wie praktisch alles andere auch, vor allem die Meinungen übe sich selber. Jeder, vor allem sein Vater, habe Dutzende Meinungen, wie er, der junge Hamlet, zu sein habe. Was ihn mehr als ankotzt. Diesen spielt Nicolas Hoser – zurückhaltender, zweifelnder, lange Zeit unzugänglicher. Eine schöne „Nebenbei“-Botschaft, die noch dazu durch die beiden Charaktere nie aufgesetzt wirkt.
Dennoch funkt es zwischen den beiden. Die end-20-jährigen Schauspieler:innen verkörpern glaubhaft Jugendliche, die einerseits mit den Rundum-Anforderungen von Gesellschaft und Schule hadern, sich auseinandersetzen. Und andererseits mit ihren nicht immer klaren und noch weniger erklärbaren Gefühlen füreinander umgehen können / wollen / müssen.
Den Text zu diesem Stück namens „Hamlet X = Y“ hat Holger Schober vor gut ¼ Jahrhundert (im Jahr 2000) geschrieben. Karl Wozek vom Theater Wozek hat Regie geführt, es an so mancher Stelle adaptiert und in die Gegenwart transportiert – ja natürlich kommen auch Instagram und an der einen oder anderen Stelle ein Smartphone vor – ohne dass diese aber überhandnehmen.
Die Stunde lebt vom Schauspiel der beiden Darsteller:innen – in der Rolle von Jugendlichen und gleichzeitig mit dem ins Hier und Heute „übersetzten“ Shakespeare’schen „Hamlet“-Plot: Dem Prinzen der seinen Vater rächen will, weil der vom eigenen Bruder beseitigt wurde, um sich dessen – in dem Fall nicht dänisches Königreich, sondern Teppich-Unternehmen, unter den Nagel zu reißen; und obendrein die eigene Schwägerin zu heiraten. Und Ophelias Part, die von Hamlet zurückgestoßen wird – aus für sie, und hier auch ihn – de facto unerklärlichen Gründen.
Achterbahn der Gefühle mit bewusst unterschiedlichen Energie-Levels, da die Draufgängerin, dort der Zweifler, gepaart mit Klassiker und sehr viel Spielfreude. Damit tourt Theater Wozek durch viele Theater in ganz Österreich, was durch das spartanische Bühnenbild auch leicht möglich ist. Und natürlich kommen die klassischen Zitate wie „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“ oder „Der Rest sich Schweigen“ auch noch vor 😉 Aber auch Anspielungen an Pop-Songs, Filme und Streaming-Serien.
Bukephalos, das sagenumwobenen Pferd von Alexander dem Großen hatte es einem 11-jährigen Buben im Archäologiemuseum Neapel (Italien) besonders angetan. Er entdeckte auf dem großen Mosaik, das in Pompeji ausgegraben worden war, „dass es auf dem Mosaik die gleichen Haare wie Alexander habe und ein wenig traurig aussehe. Das war mir nie aufgefallen, Kinder sehen die Welt ganz anders als Erwachsene.“ So erzählte es der bekannte Autor Ferdinand von Schirach dem Verlag (Penguin Junior). Diese Begebenheit ist letztlich „schuld“ daran, dass der Anwalt und Schriftsteller, Pate des damals 11-Jährigen, nach vielen anderen – auch verfilmten – Büchern, nun sein erstes (nicht nur) für Kinder eben druckfrisch bzw. als eBook und als Hörbuch (sowohl CD als auch Downloads) veröffentlicht hat.
Die geschilderte Episode liegt 30 Jahre zurück, die Betrachtungen seines Patenkindes, hätten ihn damals veranlasst, dem Buben mehr über Alexander – wohl Historisches sowie Legenden – zu erzählen. Bei einem Familientreffen vor einem Jahr erzählte der längst erwachsene und in New York verheiratete Patensohn, dass er sich noch immer an die Geschichten erinnere, sie gern seiner zehnjährigen Tochter vorlesen wolle. Dafür aber müsse dieser sie erst aufschreiben 😉
Nun liegt sie druckfrisch vor – und könnte vielleicht kaum aktueller sein. Denn Schirach baute nicht nur die Legende ein, dass der Alexander aus seiner Erzählung so manches Abenteuer des Großen Alexander erlebte, sondern auch ein Lehrstück in Sachen Demokratie und Friedenswillen – und das ganz ohne erhobenen Zeigefinger.
In dem erfundenen Ort Kaliste sitzt der Bub am liebsten ganz weit draußen auf einer kleinen Mauer am Meer, hält eine Angel ins Wasser. Ohne wirklich zu fischen, aber damit er hier in Ruhe sitzen und in die Ferne blicken kann. Und er wolle keine Fische töten. Es gäbe schon genug Tote durch den Krieg, den der Tyrann von Kaliste gegen die Nachbarregion führte. Auch Alexanders Vater wurde dabei das Leben genommen.
Ein neuer Krieg droht, sollte die Stadt nicht dauerhaft Tyrannen-frei bleiben. Es brauche gute Gesetze, um eine solche künftige Schreckensherrschaft zu verhindern. Und dazu solle jemanden aus Kaliste durch die Welt ziehen, um sich nach solchen Gesetzen umzuhören.
Dass dies letztlich Alexander werden würde, liegt bald auf der Hand. Schirach lässt ihn dazu als einzigen des Städtchens das bekannte Rätsel der Sphinx (Löwenkörper, Flügel, Menschenkopf) lösen: Was geht morgens auf vier, mittags auf zwei und abends auf drei Beinen? Aus der Beobachtung eines Babies, von Erwachsenen und einem alten Mann mit Stock wusste der junge „Angler“ Bescheid.
Und so zieht der Junge los, trifft auf der Reise die unterschiedlichsten interessanten Menschen, erfragt deren Ansichten über „gute Gesetze“ – von der Gleichheit bis zur Meinungsfreiheit, wird hin und wieder auch vor fast unlösbare Rätsel gestellt und …
Die Zeit wird knapp, erst sollte nach sieben Tagen zurück sein. Da trifft er auf Bukephalos – die einzige Rettung, doch noch rechtzeitig zurückzukommen. Aber keine und keiner kann dieses Pferd reiten, so wild ist es. Und weil diese Legende sehr bekannt ist, kann sie hier auch – ohne allzu viel zu spoilern, ist doch ohnehin klar, dass Alexander rechtzeitig wieder in Kaliste ist – jenen verraten werden, für die es noch ein Geheimnis ist: Der Bub beobachtet wie es so seine Art ist genau und checkt: Das große Pferd hat Angst vor seinem Schatten, so redet er gut auf Bukephalos ein, der Hengst bewegt sich so, dass der Schatten hinter ihm liegt – und los geht’s.
Probleme tauchen sozusagen in letzter Minute ohnehin noch mit einem Ober-Militär auf, bevor…
Ferdinand von Schirach hat mit eineinhalb Dutzend Zeichnungen die leicht und locker geschriebenen fast 150 Seiten auch illustriert; leider darf hier aus rechtlichen Gründen seitens des Verlages nur eine einzige – außer der auf der Titelseite – veröffentlicht werden. Vielleicht sind die weltpolitischen Krisen, die „Zeitenwende“ in Richtung Militarisierung und Bedrohung von Demokratien der Anlass gewesen, es jetzt zu veröffentlichen. Immerhin erfindet er für eine Begegnung Alexanders wohl in Delphi, denn hier sucht er nach dem Orakel, den „Schaumschläger“ (mit gelbem Haarschopf). Dies ist ein ehemaliger Tyrann, den sie in eine riesige Badewanne mitten auf dem Marktplatz setzten. „Jetzt muss er dort den ganzen Tag Schaum schlagen… damit man nicht sieht, dass er nackig ist…. Schaumschlagen kann er wirklich gut… Er mag es, wenn man ihm zusieht… jetzt ist er harmlos in seiner Badewanne. Er kann uns nicht mehr gefährlich werden.“
Die allgegenwärtigen Augen starten nicht erst im Bühnenraum, sondern schon im Foyer des Theaters. „Big Brother ist watching you“ (Großer Bruder beobachtet dich), der aus George Orwells dystopischem Roman „1984“ (1948 veröffentlicht) verfolgt dich sogar bis aufs Klo des Theaters Arche (Wien-Mariahilf; 6. Bezirk). Mit aufgeklebten Augenbildern ebenso wie dem einen oder anderen Spruch – bis hin zu „2 + 2 = 5“, das im Roman eine zentrale Figur beim Schachspiel in den Staub des Tisches schreibt.
Jugendliche der 7 D des Polyästhetik-Zweiges des BORG (Bundes OberstufenRealGymnasiums) in der Hegelgasse 12 (Innere Stadt; 1. Bezirk) spielten hier eine von besagtem Roman stark inspirierte Neufassung: „2062“ (ebenfalls Zahlendreher und obendrein zufällig selber Jahresabstand 36 Jahre), geschrieben von Daphne Anders. Knapp mehr als eine Stunde lassen die Schüler:innen in der Inszenierung des Theater-Co-Leiters (seit einigen Schuljahren gibt es diese Kooperation; Dramaturgie, Choreo und Musik von Lehrpersonen) in diese vor allem Verinnerlichung der Überwachung, des Bewusstseins, ja nicht gegen den Strom schwimmen zu dürfen, alles zur Zufriedenheit der Obrigkeit zu tun, erschreckend lebendig werden.
Winston Smith ist Mitarbeiter des MiniWa – Ministeriums für Wahrheit. Seine und die Aufgabe aller Archivar:innen: Alles je Veröffentlichte ständig an die vorgegebenen Richtlinien der Herrschenden anzupassen, damit keine abweichenden Nachrichten mehr verfügbar sind. Doch langsam behagt ihm das nicht ganz, er beginnt heimlich eigene Tagebuchnotizen zu verfassen. Wie bei sämtlichen der wenigen Einzel- Protagonist:innen schlüpften bei den Vorstellungen abwechselnd Schüler:innen in diese Rolle (Stephan Arlt / Elena Murauer).
Die Mehrheit der Jugendlichen erfüllten in diesem Stück die Aufgabe des unheimlich starken Chores (Thembe Aboulez-Schmid, Helene Hof, Lisa Katschnig, Hannah Koloseus, Viola Kretschmer, Pixie Kronenfels, Sophie Lelenta, Marlen Minichbauer, Tobias Müller, Emma Panić, Julian Ressler, Luise Schaffer, Lilia Schmid, Hannah Stockinger). Ob als Marschkolonnen – mit dem „wachsamen“ offenen Auge auf der Kappe -, oder als extrem bedrohlich stark auf Abwechler:innen zukommende, ohne diese zu berühren aber mehr als einschnürende Stumm-Macher:innen, machten sie mehr Angst als direkte Drohungen von Vorgesetzten Winstons.
Dieser starke Chor manifestiert sozusagen szenisch, dass Diktaturen und Wahrheit-Unterdrückungen über längere Zeit nur dann funktionieren, wenn es ausreichend Mitläufer:innen gibt, die das Herrschaftssystem stützen.
Ob „2062“, „1984“ oder so manch andere Dystopie, die Wirklichkeit scheint fast alle Schreckens-Szenarien zu überholen: In autoritären Regimes à la Putins Russland darf der Krieg gegen das Nachbarland Ukraine nicht einmal so genannt werden, sondern muss „Spezial-Operation“ heißen. Und sogar gewählte Präsidenten (da reicht meist un-gegendert), setzen sich über Gesetze, Verträge… hinweg, diskreditieren seriös recherchierende Medien als Fake News, bauen eigene „Wahrheiten“ auf (Donald Trump nennt seine eigene Plattform Truth Social!), verspottet Journalistinnen (da vor allem Frauen), aber auch sich nicht unterwerfende Politiker:innen…
Und seit mehr als einem Vierteljahrhundert (Start 1999) werden in mehr als fünf Dutzend Ländern TV- bzw. mittlerweile Streaming-Shows „Big Brother“ ausgestrahlt, wo sich Menschen zum Gaudium des Publikums, freiwillig eingesperrt von Kameras dauernd verfolgen lassen…
„Über mir die Lüfte, unter mir die Erde, rechts die Stadt und links das Land. In der Mitte das, was die Menschs „Zoo“ nennen. Ein Zoo hat Viechs von überall, alle in ihrem eigenen Zuhause.“ Die Autorin Melanie Laibl lässt die „Wilde Kraa“ über einen exemplarischen, bewusst nirgends konkret verorteten Tiergarten erzählen. Und das vor allem aus der Sicht dieses fliegenden, flatternden, schwebenden, keinen Grenzen ausgesetzten und den Überblick habenden schwarzen Wesens – eines Kolkrabens (wie spätestens am Beginn der sechs Erklär-Seiten im Anhang zu entdecken ist).
Aus ihrer eigenen Erfahrung will die Wilde Kraa etwas worüber sie „die halbe Nacht… gebrütet und gegrübelt“ hat den Tieren, die sie gern besucht, verklickern: Ihr könnt genauso frei sein wie ich. Noch dazu wo sie in der Früh miterlebt, wie die auf ihre „Mjam-Nams“ warten, damit ihnen die Futter bringen und ebenso auf die Abwechslung durch die „Schau-Waus“.
Für die Bezeichnung von Tieren, aber eben auch Menschen, greift die Autorin einerseits auf einen Mix aus Wortspielen zu in der Tradition der Autor:innen von Klassikern wie „Das Sprachbastelbuch“ (Christine Nöstlinger, Renate Welsh und viele andere). Und andererseits erinnert manches an Tierlauten bzw. Beschreibungen, die häufig (nicht nur) von Kindern für die jeweilige Gattung verwendet werden. Wer übrigens – aufgrund der Tierlaut-Bezeichnungen samt den Bildern nicht ganz sicher sein sollte, wen Laib gemeint hat, findet auf den schon erwähnten (sechs) Seiten im Anhang die Erklärung – samt Infos zu der jeweiligen Tierart, oder auch den Menschen (Tierpfleger:innen bzw. Besucher:innen) sowie der Autorin (Krtz-Krtz) und der Illustratorin – Krikel-Krakel.
Apropos Illustratorin: Linda Schwalbe hat nicht nur einen kunterbunten, abwechslungsreichen, und auch beim mehrmaligen Betrachten des Bilderbuchs immer wieder neue Details zu entdeckenden Kosmos der Zoo-Bewohner:innen geschaffen. Mit der durchgängig aus geometrischen Figuren zusammengesetzten Lebewesen und Landschaft gelingt es ihr auch die zwei widersprüchlichen Seiten der Geschichte ideal zum Ausdruck zu bringen. Scheinbar begrenzt wirkende geometrische „unnatürliche“ Formen zaubern doch eine fast unendliche Vielfalt.
Und Laibl lässt in dem Versuch, sich in die Tiere hineinzuversetzen, die freiheitsliebende Rabin bei ihrem überzeugten Befreiungsversuch bei so manchen der Zoo-Tiere auf gar keine (große) Gegenliebe stoßen. Und es ist nicht nur deren mögliche „Bequemlichkeit“ wegen de Rundum-Versorgung, sondern auch die – in vielen Zoos – schon lange neue Grundhaltung möglichst artgerechter Haltung plus Schutz und (Wieder-)Vermehrung gefährdeter Arten. Samt dann doch weitergehenderer Einrichtungen wie Auffang- und Aufzuchtstationen in wildnisnaher Umgebung und vieles mehr (ebenfalls auf den Erklär-Seiten).
Und über die „animalischen“ Welten hinaus transportiert diesen, wie natürlich viel gute Bücher über Tiers so manches über Menschen – samt den auch wachsenden Gedanken, dass diese „nichts Besseres“ sind.
Vielleicht die einzige Chance, sich noch auf eine neue Art, aufzurütteln, den Welt- vielmehr den drohenden selbst bewirkten, verschuldeten Untergang der Menschheit entgegenzutreten: Sarkastische Satire!?
„Radio Goo Goo“ – ein nicht ganz zweistündiges Feuerwerk an Gedankenspielen, Wort- und Spiel-Witz von Judith Humer (Regie: Nehle Dick); entstanden übrigens im Drama Lab der Wiener Wortstaetten. Das Kosmos Theater als „Patentheater“ hat den Schreibprozess begleitet und bringt das Stück nun zur Uraufführung.
Seit Jahrzehnten bekannte wissenschaftliche Erkenntnisse: Werden ignoriert.
Appelle, Konferenzen…: Wenig Effekte
Selbst breite Bewegungen wie – vor allem von jungen Menschen initiierte und getragene – Fridays For Future: Mittlerweile auch am Verpuffen
Aktionismus à la „Letzte Generation“: Weit mehr angefeindet als Verursacher der Klimakatastrophe und vergraulten sogar Aufgeschlossene
Die Tribüne, auf der in den allermeisten Fällen das Publikum Platz nimmt, ist nun stufenförmige, kahle Landschaft mit einem darauf gepflanzten Gartenhäuschen, das Geburtenstation, Lift in den Untergrund usw. wird (Bühne & Kostüm: Michael Lindner). Das Publikum in Sitzreihen auf der Bühne hört und sieht sozusagen dem vorgeführten eigenen Untergang zu.
Claudia Kainberger als Radioreporterin, Johanna Orsini, die sich als bewegte Bürgerin das Radiomikro aneignet, Aline-Sarah Kunisch als absurde Erinnerungsstücke häkelnde Phlegmatikerin und der live musizierende, phasenweise Friedhofswärter Luka Vlatković spielen, klettern und turnen dem Untergang entgegen. Der letzte Tag der Beziehung zwischen Erde und Menschheit steht datumsmäßig fest.
Poetisch beginnt der Text, wie die filmreif geschilderte Romanze der beiden begann. Die nun unweigerlich enden wird. Die Radioreporterin soll diese unaufhaltsamen letzten Tage mit Berichten, Interviews und Reportagen begleiten. Was nicht selten zu absurden Situationen führt. Wer werde denn am Ende die Toten bestatten, wenn eh alle aussterben? Tief unter der Erde ein Milliardär, der in seinem Bunker zu überleben glaubt und die Reporterin dazu bewegen will, mit ihm zur neuen Ur-Mutter zu werden.
Statt möglicher, denkbarer, vielleicht sogar naheliegender, sich aufdrängender Auflehnung gegen den fix scheinenden, feststehenden Untergang bitterböser satirischer Umgang damit. Und dennoch basteln an Hinterlassenschaften für – mögliche künftige Historiker:innen oder intelligente Besucher:innen von anderen Galaxien? Was soll in zeitkapseln. Vielleicht auch für diese Betrachter:innen Verwirrendes? Wollene Outfits für achtbeinige, 20-äugige, Vielarmige Wesen für eine der Zeitkapseln? Wer wird dann die auf den Gräbern wachsenden Paradeiser (Tomaten) verzehren? Und wieso ausgerechnet Radio?
Nun, vielleicht liegt’s ja auch an dem Rocksong „Radio Ga Ga“ von den Queens aus dem Jahr 1984, der angesichts des Stücktitels fast unweigerlich in den Sinn kommt? Und zu dem sich Roger Taylor der übrigens – laut wikipedia – „von seinem damals dreijährigen Sohn Felix“ inspirieren“ ließ, „der eine Radiosendung mit den Worten „radio ca ca“ beziehungsweise „radio poo poo“ kommentierte. Taylor entwickelte daraus den Titel, erst danach schrieb er den Liedtext. Radio Ga Ga thematisiert laut Taylor die historische Bedeutung des Radios vor dem Aufkommen des Fernsehens und zugleich die wichtige Rolle, die das Radio für ihn persönlich gespielt hat.“
Hier wird das Radio-Hören, das teilweise auch ins Selber-machen übergeht (Johanna Orsini, siehe oben), zum vielleicht verklärten oder erhofften Gegenpol der Dystopie, dem gemeinsamen „Lagerfeuer“ – Miteinander wenigstens im Angesicht des gemeinsamen Untergangs. Und vielleicht damit doch noch ein – letzter – Ausweg aus dem fixen Datum: Mit- statt Gegeneinander, aber auf subtil, sehr, sehr humorvolle Art und Weise.
Der bekannte erwähnte Queens-Song nimmt übrigens unter anderem Bezug auf das Radio-Hörspiel nach dem satirischen Roman „Krieg der Welten“ von Herbert George Wells (1897/98), das als Hörspiel 1938 angeblich Massenpanik ausgelöst haben soll; was viel später eher als Erfindung gedruckter Zeitungen gegen das neue Medium Radio interpretiert wurde / wird.
So „nebenbei“: Die Inszenierung, die nicht nur rund um Radio, sondern vor allem um Gesprochenes bzw. Gesungenes – an- und ausgespielte Endzeit-Songs („The End oft eh World“, Skeeter Davis, Franz Schuberts „Ave Maria“) – setzt, eignet sich auch gut für meist von Theatervorstellungen nicht angesprochenen blinden bzw. seh-beeinträchtigen Menschen.
Apropos „blind“: Ab 23. Februar läuft im Theater Arche das Musiktheaterstück „Kassandra 4D“ von Ensemble 21 in einer geänderten Neuinszenierung – Stückbesprechung der vorigen Version unten am Ende verlinkt – in der die im Herbst des Vorjahres verstorbene optimistische Wissenschafterin und Aktivistin für das Zusammenleben des Menschen mit seiner (tierischen) Umwelt, Jane Goodall, gewürdigt wird.
Irgendwie kommt beim satirischen Zugang auf das Ende der Menschheit immer wieder auf Jury Soyfers „Der Weltuntergang oder Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang“ in den Sinn. Und die Entlastung für die angeklagte Erde, das Sonnensystems aus dem Gleichgewicht gebracht zu haben: Sie kann nichts dafür, weil sie hat Menschen – Links zu Besprechungen mehrerer „Weltuntergangs“-Inszenierungen unten am Ende des Beitrages.
Samstagmittag versetzt die „John Lennon Tribute Band“ (sehr) viele der 280 Gäst:innen im großen Saal des Austria Trend Hotels Savoyen am Wiener Rennweg um Jahrzehnte zurück in ihre Jugend. Oder ließ deren junge Jahre wieder „auferstehen“. Zum Tanzen – wie die Musiker:innen es sich wünschten, ließen sich nur wenige und das eher zaghaft animieren.
Für diesen Auftritt rangen sich Andy Baum, Ramona Kasheer (beide Gesang und Gitarre), Alex Gantz (E-Gitarre), Martin Payr (Keyboards), Jürgen Mitterlehner (Saxofon und Percussion), Arnulf Lindner (Gesang, Bass, Cello) und Bandleader Robin Gillard (Gesang und Schlagzeug) sowie Erik Trauner als Gast (Gitarre, Gesang, Mundharmonika) zu einer für sie ungewöhnliche Premier durch: Auf einer Matinee hatten sie noch nie gespielt. Aber was machen engagierte Künstler:innen nicht alles für gute Zwecke!? Denn das Konzert war Teil des diesjährigen Theaterhotels, reloaded by Modul.
Bei Leser:innen von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… sowie dem Vorläufer dieser Plattform, dem Kinder-KURIER, klingelt’s vielleicht: Dies ist ein riesiges, wahrscheinlich das größte Schul-Charity Österreichs. Jugendliche einer Tourismusschule – mehr als eineinhalb Jahrzehnte der öffentlichen Bergheidengasse, nun im zweiten Jahr von Modul (Wiener Wirtschaftskammer) verbinden ihre fachliche Ausbildung – kochen, servieren, Projekt- und Eventmanagement. Sie organisieren diese große Veranstaltung mit exquisiten allesamt selber zubereiteten kulinarischen Genüssen, treiben ebenso hochwertige Kultur auf. Und die Einnahmen kommen Vereinen, Initiativen, Projekten zugute.
2008 fand das erste dieser „Theaterhotels“ noch in kleinem, schon ein Jahr später in größerem Rahmen und danach immer im oben genannten Hotel, vormals Heimat der Wiener Zeitung, statt. Initiiert von Schauspiellegende Otto Tausig (1922 – 2011) und einem der Bergheidengassen-Lehrer, Helmut Kuchernig-Hoffmann. Tausig hatte als Kind nur deswegen die Nazi-Zeit überlebt, weil er mit einem der bekannten Kindertransporte nach England entkommen konnte, war also einer von Tausenden minderjährigen Flüchtlingen. Mit seiner Schauspielkunst hat er abseits der Bühnen (Burgtheater) sich vielfach und stets gesellschaftspolitisch engagiert. Und so kam’s zu diesem großartigen Projekt. Er selbst hatte damals schon Projekte des Entwicklungshilfeklubs unterstützt. Und so werden mittlerweile Menschen in rund 100 Dörfern in Guntur im indischen Bundesstaat Andrha Pradesh, vor allem Angehörige ausgegrenzter Minderheiten, dabei geholfen, fixe Behausungen zu bekommen. Darüber hinaus werden immer wieder noch andere Projekte im Aus-, aber auch im Inland unterstützt. Aus aktuellem Anlass wanderte 2023 ein Teil der Einnahmen in die Erbebengebiete in der Türkei und in Syrien. Die Musik-Initiative für Kinder weniger betuchter Eltern, Superar und andere werden seit einigen Jahren auch unterstützt.
Freitag Abend – beim Dinner mit geschmortem Topinambur, getrüffelter Pastinakencreme, Rinderschulter und Rotkraut bzw. als fleischlose Alternativen Pilze und Kohlsprossen sowie einem optischen Kunstwerk aus Sesamparfait, „servierte“ Cornelius Obonya den 250 Besucher:innen ein literarischen-philosophisches Programm unter dem Titel „Platon und Schnabeltier gehen in eine Bar“. Dazu spielte Christoph Paula am Klavier, Alexandra Aleksiuk am Cello und Andy Grabner Percussion.
Für Obonya gab es auf der Bühne eine überraschende Begegnung. Cornelia Karl, die gemeinsam mit Florian Aurelio Neumayr beide Tage moderierte, erinnerte ihn daran, dass sie schon Jahre vorher, als siebenjähriges Kind mit einem Chor von Kärntnerinnen in Wien im Stift Klosterneuburg die Bühne geteilt hatte.
Das Moderationsduo hat gemeinsam mit Regie-Assistentin Olivia Leopold – alle nun in der Abschlussklasse – den reibungslosen Ablauf sowohl Freitagabend als auch Samstagmittag organisiert. Die beiden Moderator:innen haben in dieser Profession – abseits der Bühne – Erfahrungen gesammelt in einer 17-teiligen Podcast-Serie im vergangenen Schuljahr, wie sie KiJuKU.at berichten: „Die ganze Klasse hat sich mit den Nachhaltigkeitszielen intensiv beschäftigt. Jede und jeder hat sich eines der 17 SDG – Sustainable Development Goals hergenommen und dazu recherchiert, wo und wie in Wien das exemplarisch erfüllt wird. Und wir beide haben unsere Klassenkolleginnen und -kolelgen dann für die jeweilige Folge interviewt.“ (Wien nachhaltig entdecken -Dein SDG-Guide für Wien, Modul onAir; Spotify; am Ende des Beitrages verlinkt.)
Und: Die Jugendlichen haben nicht nur über Nachhaltigkeit geredet, das Theaterhotel ist – wieder – als „ÖkoEvent+“ ausgezeichnet worden, weil von der Planung bis zur Durchführung klimabewusst gearbeitet wird, also geachtet wird möglichst Ressourcen zu schonen, Abfall soweit wie möglich zu vermeiden, auf regionale, saisonale, biologische Lebensmittel gesetzt wird, …
An den beiden Tagen waren insgesamt 250 Schüler:innen von der ersten bis zur 5. Klasse im Einsatz. Der der jüngsten, die mit leeren, runden Tablets vor Beginn der Veranstaltung im Foyer vor dem großen Saal Ausschau hielten, wo was von den Stehtischen schon abzuservieren sei, verrieten Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… nicht nur, dass „wir heute schon seit 7 Uhr in der Früh da sind, weil viel vorzubereiten war“, sondern ach, weshalb sie sich für diese Oberstufe entschieden haben.
Mira Theodora Germann: „Ich wollte schon immer Schule mit mehr Praxis verbinden.“ Julia Böhm, ebenfalls 14 Jahre: „Schon in der Unterstufe wusste ich, dass ich eine Oberstufe will, in der ich auch schon einen Beruf lernen kann. Und ich wollte einen Beruf, in dem ich viel mit Menschen zu tun haben kann – das ist im Tourismus der Fall und macht mir großen Spaß. Außerdem haben wir in der Schule wirklich sehr viel Praxisausbildung – kochen, servieren…“
Mora Buisman beginnt damit, dass „mir im Gymnasium etwas gefehlt hat. Ich wollte nicht nur die „normalen“ Fächer lernen und so hab ich mir weiterführende Schulen bei Tagen der offenen Tür angeschaut. Beim Modul fand ich das mit dem Einsatz bei Veranstaltungen außerhalb der Schule sehr interessant. Und es gefällt mir immer noch. Neben kochen und servieren haben wir in der Schule noch weitere Praxistage, wo wir zum Beispiel für das Schüler-Café und dort für alles zuständig sind – bis dahin, wie man so eine Großküche auch ordentlich sauber halten kann.“
Über die Hilfsprojekte in Indien <– damals, 2019, noch im Kinder-KURIER, Vorläufer vonKiJuKU.at
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