„Die Lage in Venezuela ist ruhig, aber angespannt. Vor allem in der Hauptstadt Caracas patrouillieren die sogenannten Colectivos, dem Maduro-Regime zurechenbare paramilitärische Gruppen. Die Bevölkerung ist verunsichert, pendelt emotional zwischen Hoffnung auf eine bessere Zukunft und Angst, was nach der Verhaftung von Maduro folgen könnte.“ Das berichtet Wolfgang Wedan, Globaler Nothilfe-Koordinator der österreichischen Entwicklungsorganisation Jugend Eine Welt, nach Gesprächen mit den Projektpartner:innen vor Ort.
Ab 2021 koordinierte der Steirer von Caracas aus die weltweiten Nothilfe-Aktivitäten von Jugend Eine Welt, seit drei Monaten befindet sich Wedan allerdings wieder aus Sicherheitsgründen, da sich die Lage für ausländische Staatsbürger:innen in Venezuela konstant zuspitzte, in seiner Heimat Österreich. „Ich bin im täglichen Austausch mit unseren Projektpartnern vor Ort in Venezuela – vornehmlich mit den Salesianern Don Boscos und den Don Bosco Schwestern. Gemeinsam ermitteln wir zur Stunde die wichtigsten Punkte für eine schnelles Nothilfe-Programm für die Bevölkerung vor Ort. Als ersten Schritt sammelt Jugend Eine Welt Spenden, um den Ärmsten der Armen Nahrungsmittelpakete zur Verfügung zu stellen. Denn viele Geschäfte sind aufgrund von Hamsterkäufen mittlerweile leergeräumt bzw. geschlossen“, erzählt Wedan.
„Dazu gehen im ganzen Land Benzin und Diesel aus. LKW können nicht mehr fahren, die Geschäfte somit auch nicht mehr versorgt werden. Besonders schlimm ist die Lage in den ländlichen Gebieten, wo Menschen mittlerweile kein Essen mehr haben und Hunger leiden müssen.“ Zusätzlich werden auch Medikamente für ältere Personen, die von der zusammengebrochenen logistischen Versorgung im ganzen Land betroffen sind, dringend benötigt.
Die unsichere Lage in Venezuela bedingt laut den Einschätzungen von Wedan nach Gespächen mit Helfer:innen vor Ort allerdings auch die Wahrscheinlichkeit eines einsetzenden Flüchtlingsstromes Richtung Kolumbien in den nächsten Wochen. „Ich gehe davon aus, dass sich sehr viele Venezolanerinnen und Venezolaner nach Westen, zur kolumbianischen Grenze aufmachen werden. Erfahrungsgemäß bringen sie ihre Kinder in der Zwischenzeit bei Verwandten unter. Meist sind es Onkeln, Tanten oder Großeltern. Diese sind jedoch zunehmend mit der Situation überfordert. Schlussendlich landen die Kinder dann oft auf der Straße “, schildert der Venezuela- Experte. Neben der Planung von Nothilfe-Maßnahmen gilt das Augenmerk aktuell daher auch der Reaktivierung von Notschlafstellen für Kinder. „Damit sie zumindest in der Nacht einen sicheren Platz in einer kindergerechten Umgebung haben. Wir wissen aus unserer langjährigen Erfahrung in der Arbeit mit Straßenkindern, dass das Leben auf der Straße ein täglicher Überlebenskampf ist, oft endet er in der Kinder- Prostitution“, so Wedan.
„Schätzungen zufolge sind in den vergangenen zehn Jahren knapp acht Millionen Venezolanerinnen und Venezolaner aus ihrem Heimatland geflohen und abgewandert. Schon vor dem Angriff durch die USA bestanden in Venezuela vier große Probleme: Nahrungsmittelknappheit, fehlende Gesundheitsversorgung, eingeschränkte Transportmöglichkeiten und regelmäßige Stromausfälle. Die aktuellen Vorgänge verschärfen die ohnehin prekäre Lage jetzt zusätzlich. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit vor Ort und helfen Sie der notleidenden Bevölkerung mit Ihrer Spende!“, appelliert Jugend Eine Welt-Geschäftsführer Reinhard Heiserer.
jugendeinewelt –> venezuela-hilfe-dringend-noetig
„Eines Tages in Österreich, als ich 4 Jahre alt war, ging ich mit meinem Vater spazieren. Mein Vater war eine besondere Art von Anwalt- er verteidigte Leute, die in Schwierigkeiten waren, aber es sich nicht leisten konnten, viel zu bezahlen. Es war 1933, Hitler war gerade der „Führer“ von Deutschland geworden. Wir waren gerade auf dem Heimweg, als ein Mann, der meinem Vater Geld schuldete, uns anhielt und schrie: „Einen Drecksjuden bezahle ich nicht!“, und dann spuckt der meinen Vater an und lief davon.“
So beschreibt Hedi Schnabl Argent, die heuer 97 Jahre wird, ihre früheste Erinnerung an die Anfeindung die sie als jüdisches Mädchen im niederösterreichischen Schwechat miterleben musste. Vor wenigen Wochen ist ihre Lebensgeschichte auf Deutsch erschienen: „Der Tag, an dem sich die Musik veränderte – Wie ich als Kind vor dem Nazi-Regime fliehen musste“.
Hedi ist Einzelkind, aber mit einem Cousin, den alle „Bubi“ nennen fast wie mit einem Bruder oft beisammen. Und die eingangs geschilderte Szene ist nicht die einzige. Zwei Jahre später an ihrem ersten Schultag wird sie selbst beschimpft. Und was noch härter ist, niemand will mit ihr spielen, „weil ich Jüdin bin… ich mag den Unterricht, aber ich gehe nicht gerne in die Schule.“
Die Autorin ihrer eigenen, echten Geschichte nennt aber auch einen wichtigen Lichtblick. Gerti kam auf sie zu und lud sie ein, gemeinsam zu spielen. Auf die Frage, warum sie sich anders verhalte als alle in der Umgebung zitiert Hedi Schnabl Argent ihre Freundin – bis heute übrigens: „Meine Mutter hat mir gesagt, dass es keine Rolle spielt, was man ist, solange man ein guter Mensch ist.“ Und Gerti lässt sich auch nicht davon abbringen, als nun andere Kinder auch mit ihr nicht spielen und sie als „dreckige Judenfreundin beschimpfen“.
In einfach zu lesenden, aber – selbst beim Wissen um den mörderischen Holocaust, in dem sechs Millionen Jüdinnen und Juden ermordet wurden – nur schwer zu verdauen sind, beschreibt Hedi Schnabl Argent auch außergewöhnlich schöne Tage wie ihren achten Geburtstag und die drei Geschenke, Weihnachten samt Besuchen bei nicht-jüdischen Nachbarn, die zu den wenigen Menschen gehören, die sie nicht anfeinden.
Aber auch jenen Tag, der dem Buch den Titel gab: den 13. März 1938, als Hitlerdeutschland Österreich einverleibte („Anschluss“), was von sehr, sehr vielen Menschen bejubelt wurde. Zum letzten Mal lief im Radio die damalige österreichische Bundeshymne. „Doch nach der Hälfte der schönen Haydn-Melodie wird das Tempo schneller: Sie ist nun die deutsche Hymne.“
Und damit war klar, früher oder später muss die Familie das Land verlassen, wenn sie überleben will. „Von heute auf morgen sind wir Flüchtlinge. Wir gehen nicht auf die Straße. Wir haben kein Zuhause mehr und bleiben, wo immer uns jemand eine Woche, einen Monat oder auch nur ein Wochenende lang Unterkunft gewähren kann…“
Die Familie kann – nach einer vorübergehenden Verhaftung ihres Vaters – doch noch rechtzeitig gemeinsam nach England flüchten. „Wir fragen uns, werden wir uns immer wie Außenseiter fühlen? Werden wir immer Flüchtlinge bleiben?“
Und fast natürlich gelingt es dem jungen Mädchen schneller als den Eltern sich in der neuen Heimat zurecht zu finden – ihr Buch ist vor drei Jahren auch im Original auf Englisch erschienen.
Das Buch lebt von den authentischen Erlebnissen des sehr jungen und später jugendlichen Mädchens in nachvollziehbar verfassten Episoden – und nicht zuletzt den echten Fotos von ihr selbst, aber zum Beispiel auch von der kleinen Puppe Susi, die sie als einziges als Ebenbild der großen Susi-Puppe mit auf die Flucht nehmen konnte. Sogar ihre Enkelkinder haben damit noch gespielt. „Jetzt ist sie alt und zerbrechlich und wohnt zu ihrem Schutz sorgfältig eingepackt in Seidenpapier, in einer Schachtel im National Holocaust Museum in Nottinghamshire.“ (ungefähr in der Mitte Englands).
Hedi Schnabl Argent baut in die rund 60 Seiten immer wieder trotz der tragischen Geschichte ihrer Kindheit hoffnungsvolle Momente ein – Freundin Gerti oder die Nachbarn sind hier erwähnt, aber im Buch finden sich noch mehr. Und sie spannt den Bogen von der Verfolgung von Jüd:innen durch Nazis und andere Antisemit:innen zu Menschen, die auch heute flüchten müssen, um zu überleben.
In einer Art Vorwort schreibt sie unter anderem ebenfalls in einfachen Sätzen diese großen Gedanken: „Dass wir alle anders sind, ist großartig, aber kurioserweise sind wir gleichzeitig auch alle gleich, weil wir alle Menschen sind. Egal woher wir kommen, welche Haut-, Haar- oder Augenfarbe wir haben, ob wir Behinderungen haben oder nicht, an was wir glauben oder nicht, welche Sprache wir sprechen, wir sind alle Menschen und Teil der einzigen Menschheit, die es gibt.
Meine Geschichte handelt davon, was passiert, wenn wir Menschen, die anders sind, so behandeln, als ob sie keine Menschen wären.“
Spannend ist übrigens auch das Nachwort des Herausgebers Nikolaus Franz, der die Entstehungsgeschichte dieses Buches ausgehend von einem Dokumentarfilmprojekt „Schwechat im Krieg“ schildert.
Zwischen Wirtshaus und Toren im Packpapier-Design (Bühne: Claudia Vallant) mit einer Vielzahl politischer Graffiti-artigen Zeichnungen bzw. Bildern vom gestreckten Mittelfinger bis zu Diktatoren-Konterfeis bzw. einem Hund, der ein Haxerl hebt und sozusagen politisch brunzt, spielt das Schubert Theater in der Wiener Währinger Straße knackig in einer Stunde „Die Abenteuer des braven Soldaten Švejk“.
Was Jaroslav Hašek, im ersten Weltkrieg selbst Soldat der Habsburger-Armee bis er desertierte und zu den Russen überlief, Anfang der 20er Jahre in einem vierteiligen, unvollendeten Roman auf mehr als 650 Seiten satirisch über Militär geschrieben hat, wurde von Martina Gredler (Textfassung und Regie) verdichtet und nochmals überhöht.
Die Hauptfigur, der nunmehrige Ex-Soldat Švejk (Schwejk), verdiente sich seinen kärglichen Lebensunterhalt in den anschließenden Friedenszeiten mit dem Handel von Hunden. Hier kriegt er selbst glich ein Hundegesicht. Und das auf eine Art Totenkopfmaske (Puppenbau & Ausstattung: Annemarie Arzberger). Sozusagen ein Zombie – als mehr als deutlich sichtbares Zeichen dafür, was Krieg aus Menschen macht. Die psychische Deformation sozusagen ins Gesicht geschrieben.
Mehr noch als mit Hunden zu handeln, säuft der Figurentheater-Švejk wie das sprichwörtliche Loch. Sein „hündischer“ Begleiter entpuppt sich als überdimensionaler Hundefloh. Als dritte Figur lassen die beiden Spieler:innen Andrea Köhler und Markus-Peter Gössler noch eine Raupe aus einem anderen Repertoire-Stück des Figurentheaters für Erwachsene ins Geschehen tanzen.
Die satirische Kritik Hašeks an Krieg und Militarismus wird hier noch eine Runde weiter ins Absurde gedreht, mit versuchten kafkaesken Anwandlungen, manches Mal vielleicht ein wenig zu fest gedreht, wie eine Schraube, die zu stark angezogen wird.
Andererseits – wenige Gehminuten vom Schubert Theater entfernt liegt die US-Botschaft. Wie Möchtegern-König Donald die Kriegsmaschinerie gegen Venezuela fest und immer stärker bis zum Zerreißen fest zurrte bis zum nächtlichen Bombardement der Hauptstadt Caracas am ersten Wochenende des neuen Jahres, da scheint keine noch so absurde Satire heranzukommen…
Jaroslav Hašek, selbst Soldat im ersten Weltkrieg in der kaiserlich-königlichen Armee des Habsburgerreiches – zunächst in České Budějovice (Budweis), dann mit dem 91. Infanterie-Regiment ins niederösterreichische Bruck an der Leitha verlegt, desertierte und lief zu den Russen über. Nach der Oktoberrevolution wurde er Kommissar in der politischen Abteilung der 5. Armee der Roten Armee. Als er nach dem Krieg in die Heimat, dann schon Tschechoslowakei, begann er an dem Roman, erst in Wirtshäusern, zu schreiben, wo er viele der Texte anderen Gästen vorlas und auf ihr Urteil hörte.
So manche der Figuren, des letztlich unvollendeten Romans, haben reale Vorbilder vor allem aus der Zeit in Bruck an der Leitha, weiß Wikipedia zu berichten.
Dort wird auch vermutet, dass er sich den Namen seiner Hauptfigur bei einem Josef Švejk, „einem Reichsratsabgeordneten der tschechischen Bauernpartei (Agrarier)“ ausborgte, „der … in seinen seltenen Wortmeldungen meist Unsinn von sich“ gab. „Auf diesen Abgeordneten soll die damals populäre Redensart Pan Švejk – něco žvejk (etwa: »Herr Schwejk sprach eben – wieder mal daneben“) gemünzt gewesen sein.“
„Inhaltlich hat die literarische Figur Josef Schwejk aber nichts mit dem vermutlich namensgebenden Abgeordneten zu tun. Möglicherweise kam Hašek die Idee für den braven Soldaten Schwejk durch die Lektüre einer Geschichte, die 1905 in der auch in Prag erhältlichen und von Hašek viel gelesenen deutschen satirischen Wochenzeitschrift Simplicissimus erschien und in tschechischer Übersetzung in der sozialdemokratischen Prager Tageszeitung Právo lidu nachgedruckt wurde.“ Link zum entsprechenden Wikipedia-Eintrag am Ende dieses Beitrages.
„Stop bombing Caracas!“ schallte es vielfach und sehr lautstark Samstagnachmittag (3. Jänner 2026) erst im Sigmund-Freud-Park, einem Teil der Grünfläche vor der Wiener Votivkirche. Anschließend hallten diese Sprech-Chöre durch die Währinger Straße auf dem Demonstrationszug bis zur Boltzmanngasse, wo die Botschaft der USA ihren Sitz in der Bundeshauptstadt hat. Obwohl seit gut eineinhalb Jahrzehnten ohnehin die halbe Gasse davor mit einer Art Käfig weiträumig abgesperrt ist, werden Demos noch etliche Dutzend Meter davon entfernt gestoppt. Umso lauter riefen die Demonstrant:innen diese Losung und dazu noch den All-Time-Hit aller weltpolitischen Aktionen „Hoch die internationale Solidarität!“ In der Nähe der US-Botschaft gesellte sich noch der Spruch „Hej, USA, how many kids did you kill today?!“ (Hej, USA, wie viele Kinder hast du heute schon getötet?!“)
Heftig Kritik gab es aber nicht nur am Angriff der USA, sondern auch an der autoritären Herrschaft Maduros, wenngleich manche ihn noch immer als „Sozialisten“ verklären möchten. Immer wieder wurde auch der Vergleich von Trumps Vorgehen mit dem Putin’schen Überfall auf die Ukraine gezogen.
Die Aktion fand wenige Stunden nach der Bombardierung der Hauptstadt Venezuelas durch Spezialeinheiten der US-Armee samt Kidnapping des autoritären Machthabers Nicolás Maduro und seiner Ehefrau Cilia Flores statt. Schon vor Tagen, als sich der US-Angriff als weitere Eskalation der Gewalt abzeichnete, hatte ein loser Zusammenhang linker Organisationen für Tag X Kundgebung und Demo angekündigt.
Seit Monaten und in den vergangenen Wochen verstärkt hatten die USA angebliche Drogenboote beschossen samt Mord der Besatzungen, Öltankschiffe überfallen und beschlagnahmt. Deshalb hatten Arbeiter*innenstandpunkt, Revolution, Linkswende, Abya Yala DeScolonial, Fem Bloco Descolonial, Migrantifa, Komintern und Young Struggle unter anderem auf Instagram auf Spanisch und Englisch gepostet: „Hände weg von Venezuela“-Marsch am X. Tag gegen die US-Militärintervention in Venezuela“. Das ursprünglich hier irrtümlich genannte Bündnis Anitiimperialistische Koordination (AIK), das eine eigenständige Organisation ist, war bei der Aktion mit dabei.
Als in der Nacht zum Samstag dann der völkerrechtswidrige Überfall stattgefunden hat, wurde dem Ort Sigmund-Freud-Park auch eine Uhrzeit hinzugefügt. Der Tag war ja nun klar.
Übrigens zufällig traf Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… schon Stunden vorher in der U-Bahn einen nicht genannt werden wollenden Solo-Aktivisten, der zu Hause ein Plakat gestaltet hatte – siehe Foto -, von der Aktion gar nichts wusste, aber das Bedürfnis hatte, „was tun zu wollen und zur US-Botschaft zu fahren, ich hoffe, dass dort auch andere sein werden!“ Was dann auch so war – allerdings erst Stunden später.
Dass es „nur“ linke Organisationen waren, hängt vielleicht auch mit den doch relativ verhaltenen Reaktionen auch vieler europäischer und österreichischer Politiker:inn zusammen, die es sich scheinbar nicht mit den USA verscherzen wollen, obwohl deren Präsident Donald Trump nicht nur diesen Überfall auf ein anderes Land anordnete, sondern erst kürzlich gegen Europa und vor allem die EU wetterte.
Mehr zu den aktuellen Ereignissen im – unten verlinkten – Beitrag auf orf.at, wenngleich in der Sondersendung nur in Wien lebende Venezolaner:innen zu Wort kamen, die sich über die Gefangennahme Maduros freuen und Kundgebung und Demo ausgespart wurden.
orf.at –> USA-wollen-Venezuela-vorerst-selbst-fuehren
Interessanter Kommentar dazu übrigens von Peter Pilz auf zackzack.at
Wenn Satire die tragische Realität kaum noch toppen kann <— Tagespresse zu Trump und Venezuela
„Affe gesucht“, steht auf einem handgeschriebenen an die Wand geklebten Zettel, darunter zum Abreißen kleine Kontakt-Zettelchen, wie sie von vielen ähnlichen Such-Anzeigen auf Pinnwänden, schwarzen Brettern, Litfaßsäulen, Hausfluren… bekannt sind. Davor steht ein Affe und schaut möglicherweise interessiert, wir sehen auf der Vorsatzseite dieses Bilderbuchs nur seinen Rücken.
Der Sucher: Ein Maler namens Leander, erfahren wir auf der ersten Doppelseite. Er „wollte Affen malen. Da er Affen nur aus Büchern kannte, lud er Affen zu sich ein“, schreibt Autor Christian Duda, der eigentlich Christian Achmed Gad Elkarim heißt, wie auf der Verlagsseite zu finden ist. Ziemlich unschlüssig, irgendwie grübelnd sitzt er da – so zeichnete ihn Julia Friese auf dieser genannten Anfangs-Doppelseite.
Und er hat – einmal umgeblättert, ziemlich großen Erfolg: eine ganze Reihe unterschiedlichster Affen fand sich bei Leander ein. Seine Freude teilten die Besucher:innen nicht. „Die Affen freuten sich nicht. Nanu, dachte ein jeder still für sich, hier ist nur ein einziger Affe. Und das bin ich…“
Denn was spielte sich ab. Jede und jeder sah nur die Unterschiede und meinte eben, alle anderen wären gar keine richtigen Affen. Nase zu lang, Schwanz zu kurz, falsche Haarfarbe. „Zu klein, zu dumm, zu anders!… Sie sieht das denn aus? …“
Seitenweise geht das so. Die einen beschimpfen die anderen, weil sie anders aussehen. Kommt dir das vielleicht bekannt vor – aus der Welt der Menschen? Hoffentlich musst du es nicht allzu oft miterleben.
Leander kommt nicht und nicht zu dem, was er wollte: Affen zu malen. „Es ist auch ganz unwichtig, ob ihr euch ähnlich seht… innen drin seid ihr nämlich alle gleich!“, lässt der Autor den Maler belehren. Und dann fällt Christian Duda eine wunderbare Formulierung ein: „Darauf folgte ein stilles Durcheinander. Ein stilles Durcheinander ist eigentlich auch laut, man hört es nur nicht.“
Ähnlich spielt er später als das Mädchen Luzi auftaucht und unter anderem erklärt: „Wir alle sind Affen und Affen sind Tiere…“
„Eisige Stille war im Zimmer. Eisige Stille ist, wenn man friert, obwohl es nicht kalt ist.“
Und schon hat Luzi damit den Maler Leander in eine ähnliche Lage versetzt wie er zuvor die Affen: Wer will kein Tier sein. „Er verlor die Fassung, die Schuhe, die Klamotten und jetzt war allen klar: Auch Leander hatte einen Kopf, zwei Beine, zwei Arme, zehn Finger…“
Gerade die Doppelseite zu dieser Szene verdeutlichen die Bilder noch viel stärker als schon diese Worte die vielen Gemeinsamkeiten Leanders und seiner Mal-Objekte.
Ein wunderbares Plädoyer, eben Gemeinsamkeiten statt Unterschiede in den Vordergrund zu rücken, um weniger Eiseskälte selbst bei warmen Temperaturen zu verspüren und verbreiten!
„Lesen nervt!“ Was für ein genialer Titel für ein Buch. Noch dazu mit einer gezeichneten vielbeinigen Figur, der die Sprechblase „Bücher? Nein, danke!“ aus dem Mund kommt und die auf einem Berg von Büchern thront vor einer Wand voller Bücher.
Wer gern liest, schmunzelt sicher schon und freut sich über den schrägen Zugang so als würde über einem Geschäft mit Süßwaren stehen: Nur für all jene, die Schokolade hassen… 😉
Und wer wirklich nicht und nicht und nicht lesen mag oder das sogar echt hasst, wird vielleicht doch neugierig sein. Ist es ein Buch ganz ohne Text, nur mit Bildern? Gibt es ja auch. Und kann auch Lesefreund:innen erfreuen, sich die gezeichnete oder gemalte Geschichte dazu selber zu denken.
Aber nein, dieses Buch hat ganz schön Text, beginnt zunächst mit dem Spiel der gezeichneten Hauptfigur, einer Spinne namens Karoline Kneberwecht, mit dir und natürlich allen anderen Leser:innen: „Stopp“ samt gleich zwei Ausrufzeichen. „Aufhören“ und nochmals zwei von der Sorte, die den Ruf ausdrücken. „Schließ dieses Buch wieder und stell es zurück ins Regal! Sofort!!“
Du befindest dich, so ergeben die nächsten Seiten in einer Bibliothek – alle Seiten irgendwie im Karton-Design. Es gebe gar keine spannenden Büche, so die Spinne meist mit vor Ärger grünem Gesicht. Weil du sie in ihrer Ruhe, in ihren Netzen störst, pardon „nääärvst“.
Und schon lädt sie dich zu Wortspielen und Rätseln ein, mit denen sie dir zeigen will, dass Buchstaben so ihre Tücken haben. Und im Nu schafft sie natürlich das Gegenteil des Buchtitels bzw. dessen, was sie von Anfang an vorgibt, dir zu verklickern. Schon liest du sogar Texte mit ausgelassenen Buchstaben über einen kleinen H_elden namens Knurpsi und seinen H_mster… und das sogar seitenweise 😉
Und das ist nicht das einzige der Rätsel und Lesespiele.
Das war schon vom Start weg so erfolgreich, dass das Autoren-Illustratoren-Duo des erst vor nicht einmal zwei Jahren erschienen ersten Bandes mittlerweile drei weitere „Lesen nervt!“-Bücher – Untertitel „Bloß keine Bücher!“, „Bücher? Voll anstrengend!“ sowie „Bücher? Weg damit“ produzieren mussten / durften.
Und nach dem selben Muster folgt im Februar des neuen Jahres (2026) noch eines für Mathe: „Rechnen nervt! – Mathe? Ohne mich!“, dem auf der Verlagsseite schon Band 1 hinzugefügt wurde, also weitere Bücher in Aussicht gestellt werden. Hier tritt an die Stelle der erzählenden Lese-„Hasserin“ Karoline Kneberwecht eine Schabe (Kakerlake oder Küchenkäfer) namens Konstantin Kukerluk. Dieser wohnt in einer Schublade bei der Kassa eines kleinen „Alles Marktes“ der beiden Schwestern Emma und Edna Göpgörk. Und natürlich wirst du da auf ähnliche Weise ins spielerische Rechnen reingezogen wie von der Spinne in die Welt der Buchstaben, Wörter und Sätze.
Noch nicht so traditionsreich wie das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, aber auch nicht zum ersten Mal, strahlt Radio Arbos – Gesellschaft für Musik und Theater – am 1. Jänner 2026 das Musiktheaterstück „Der Kaiser von Atlantis oder die Tod-Verweigerung“ aus; und zwar in einer Inszenierung für Puppentheater, die vor einem Jahr im Salzburger Breloque Theater produziert worden ist – mehr dazu in einem Link zum vorjährigen Beitrag auf dieser Seite, unten am Ende des Beitrages.
Anlass ist die Wiederkehr des Geburtstages des Komponisten dieser im Konzentrationsalge Theresienstadt geschriebenen Antikriegsoper, Viktor Ullmann (1.1.1898 in Teschen).
Rund vier Wochen später, am 27. Jänner, dem 81. Jahrestag der Befreiung des Nazi-Massenvernichtungslagers Auschwitz, in dem auch Ullmann ermordet wurde (18.Oktober 1944) strahlt Arbos auf seiner Website dann einen Live-Mitschnitt jener Fassung der genannten Antikriegsoper aus, die am 23. Mai 1995 im tschechischen Terezín (Theresienstadt) 50 Jahre nach Faschismus und Krieg erstaufgeführt wurde – in der rekonstruierten Originalfassung Ullmanns von Karel Berman, Paul Kling und Herbert Thomas Mandl. Alle drei waren am Prozess der Fertigstellung von Ullmanns Anti-Kriegsoper im Rahmen der „Freizeitgestaltung“ im Konzentrationslager Theresienstadt beteiligt. Im KZ Theresienstadt wurde Ullmanns Antikriegsoper ja „nur“ geprobt, nie gespielt.
Karel Berman probte die Partie des Todes in Theresienstadt. Bermans Rollenbuch des Todes von Ullmanns „Der Kaiser von Atlantis oder die Tod-Verweigerung“ war die wichtigste Quelle zur Rekonstruktion der Originalfassung, neben den Berichten des Konzertmeisters der Theresienstädter Proben, dem Geiger Paul Kling, und den Berichten von Herbert Thomas Mandl, der bei allen in Theresienstadt statt gefundenen Proben anwesend war. Musik und Libretto zur Anti-Kriegsoper stammen von Viktor Ullmann, die auf den eigenen Kriegserfahrungen im Ersten Weltkrieg basiert.
Die Tschechische Erstaufführung fand am 24. September 1993 im Národní památník na Vítkově im Prager Bezirk Žižkov – gegenüber der Prager Burg und Symbol für den Kampf um Freiheit der Tschechoslowakei – statt durch „ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater“ und war die Opernaufführung des Jahres 1993 in der Tschechischen Republik.
„Während auf anderen Kontinenten Menschen verhungern, verbrennen in Österreich Menschen buchstäblich ihr Geld, indem sie zu Silvester Raketen in den Himmel schießen. Gerade in Zeiten, in denen Länder ihre Mittel für Entwicklungszusammenarbeit massiv kürzen, wäre es eine solidarische Alternative, das eingesparte Geld zu spenden“, appelliert Reinhard Heiserer, Geschäftsführer der österreichischen Entwicklungsorganisation Jugend Eine Welt, kurz vor dem Jahreswechsel 2025/26.
„Es gibt so viele Projekte, die dank einer Spende Kindern eine täglich warme Mahlzeit bereitstellen, Kinder von Kinderarbeit befreien, Schulbildung fördern – einfach Leben verändern und eine bessere Zukunft ermöglichen. Bitte denken Sie daran und zünden Sie zu Silvester kein Strohfeuer, sondern ermöglichen Sie ein Leben in Würde für Menschen in Risikosituationen!“
In der aktuellen Information dieser Organisation werden auch zwei konkrete Projekte – in Äthiopien und Ghana genannt, die von Jugend Eine Welt unterstützt werden und vorgeschlagen, statt Geld zu verbrennen es dafür zu spenden. So könnten mit den geschätzt zehn Millionen, die in Österreich zum Jahreswechsel ver-böllert werden in Kulmasa (Nord-Ghana) ein ganzes Jahr lang 62.500 Schulkinder täglich mit einer warmen Mahlzeit versorgt werden.
Feuerwerke und andere Knallkörper stellen außerdem eine Belastung für die Umwelt dar UND versetzen durch die Knallerei und die Lichter am Himmel auch viele Tiere in Panik. Darauf weist die Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ in einer aktuellen Meldung hin. „Jedes Jahr aufs Neue leiden sowohl unsere Haustiere als auch Wildtiere wie zum Beispiel Igel, Wildvögel und Rehe enorm. Auch sogenannte Nutztiere wie Pferde oder Kühe erleben diese Nacht als Horror. In extremen Fällen kann Feuerwerk sogar zum Tod der Tiere führen.“
Übrigens hat „Vier Pfoten“, aber auch der WWF, eine eigene Petition gegen Böllerei gestartet – beide am Ende des Beitrages verlinkt.
Auch wenn diesen Argumenten so etwas wie der „Geschmack“ von „Spaßbremsen“ anhaftet, so weist die Plattform jugendarbeit.at genau unter dem Titel „Böller & Raketen – Spaß oder Gefahr?“ darauf hin, dass zu jedem Jahreswechsel vor allem viele Jugendliche bzw. junge Erwachsene Verletzungen erleiden. Samt Hinweisen auf die gesetzlichen Bestimmungen und einem Quiz zum entsprechenden Wissensstand.
feuerwerk-kinderarbeit-fuer-bunte-sterne <— damals noch im Kinder-KURIER, Vorläufer von KiJuKU
jugendeinewelt –> verbrennen-sie-nicht-ihr-geld-mit-silvester-raketen
Hungersnot in Gaza, Gräueltaten im Sudan, der vierte Kriegswinter in der Ukraine, schwere Naturkatastrophen wie das Erdbeben in Myanmar und Afghanistan, dazu weltweite Kürzungen der Auslandshilfen. So fasst Unicef-Österreich in einem Blog auf seiner Website in einem der letzten Beiträge des Jahres 2025 zusammen.
Nicht ohne den Unicef-typischen Schlenker in Richtung doch-noch-Optimismus. „Es gibt auch Hoffnung! Mit der Waffenruhe zwischen Israel und Gaza konnten wir mit Ende dieses Jahres unsere Hilfe im Gazastreifen ausweiten. In Österreich engagiert sich außerdem ein neu gegründeter Jugendbeirat für die Rechte der Kinder. Und Sie an unserer Seite – als UNICEF Unterstützer und Spender – sind ein Grund zur Hoffnung. Es zeigt: Vielen Menschen ist es nicht egal, wie es den Kindern rund um die Welt geht. Diese Solidarität stimmt uns hoffnungsvoll, dass wir gemeinsam etwas bewirken können!“
Dennoch die nackten, tragischen Fakten: Die Zahl hungernder Menschen hat in den vergangenen fünf Jahren um 122 Millionen zugenommen. Hungerkrisen verschärfen sich rund um die Welt. Die Ursachen sind komplex: Von diversen Krisen bis zu Wetterextremen als Folge der Klimakrise. Weltweit sind rund 43 Millionen Kinder unter fünf Jahren akut mangelernährt und 150 Millionen chronisch mangelernährt.
Im Jahr 2025 wuchsen so viele Kinder in Krisen- und Konfliktgebieten auf wie nie zuvor. Fast jedes fünfte Kind, und damit fast doppelt so viele wie Mitte der 90er Jahre, war betroffen.
Kürzungen der Hilfsgelder durch Geberländer gefährden Fortschritte für Kinder und Familien in Not. 14 Millionen mangelernährte Kinder weltweit können deswegen nicht mehr behandelt werden.
Außerdem sei die Zahl schwerer Kinderrechtsverletzungen stark gestiegen, was konkret bedeutet, dass Zehntausende Kinder, „getötet, verstümmelt, von bewaffneten Gruppen rekrutiert oder eingesetzt, entführt oder Opfer sexualisierter Gewalt wurden, denen Bildung, Schutz, medizinische Versorgung oder humanitäre Hilfe fehlen“, wird Unicef in einer ORF.at-Meldung zusätzlich zitiert.
Zwölf junge Menschen aus sieben Bundesländern setzen sich seit Februar für die Kinderrechte in Österreich ein. Der neue Jugendbeirat ist nicht nur eine starke Stimme für Kinderrechte. Er plant darüber hinaus aktiv Veranstaltungen, um Kinderrechte in Österreich zu stärken.
Unicef-Blog-Beitrag: 2025 in Bildern
Ein Kind reitet auf einem Bären mitten durch einen Wald im Schneetreiben. Grell rot golden leuchtet die Schrift „Es war einmal ein Schneetreiben“, so der Titel dieses abenteuerlichen, textlosen Bilderbuchs von Richard Johnson.
Alles beginnt zunächst im fast eingeschneiten Haus des Kindes und seines Vaters. Letzterer liest gedruckte Zeitung, ersteres liegt gemütlich auf dem Boden und zeichnet. Dann ziehen sie sich ziemlich warm an und stapfen durch das Schneegestöber.
Doppelseitige und mitunter einzelne sozusagen herangezoomte gemalte Bilder wechseln einander ab. Unter anderem riesig das Gesicht des Kindes, das glückselig von tanzenden, dicken Schneeflocken umgeben ist. Oder in einem der kleinen Bilder groß die Hand des Kindes sowie die des Vaters, die nacheinander zu greifen suchen, aber sich verlieren.
So wie die beiden. Und wir blieben – natürlich – beim Kind. Vom anfänglichen freudigen Tollen im Schnee bis zur Suche. Begleitet von einem Nachthimmel mit tierischen Sternbildern bis zu echten irdischen Tieren, die sich mit neugierigen Blicken um das suchende Kind scharen – und auf der folgenden Doppelseite Einzelporträts erhalten, ebenso wie die Hauptfigur, das Kind, das nun einigermaßen erschrocken dir entgegenblickt. Bis es – einmal umgeblättert – vom großen Bären eingeladen wird, gemeinsam mit ihm und den anderen Tieren zu spielen, essen und feiern.
Und als es dann doch so etwas wie offensichtlich Heimweh bekommt, vom Bären zum Aufsteigen eingeladen und auch das ist nicht überraschend, aber in wunderschönen Bildern festgehalten, nach Hause zum Vater gebracht wird…
Einige blau-weiß gemusterte große Fliesen an den vorwiegend grauen Wänden, gaaaanz weit oben eine überdimensionale Steckdose. Projiziert auf einen durchscheinenden Vorhang erscheinen riiiiesige menschliche Waden und Füße. Womit die Größenverhältnisse höchst wirksam abgesteckt werden, denn alles Folgende spielt sich im Reich von Mäusen ab. Ein weiteres beeindruckendes Beispiel aus diesem Bühnenbild (Ulv Jakobsen) bleibt allerdings gut einem Viertel des Publikums – auf der linken Seite der Sitzreihen mindestens bis zur Mitte derselben – leider verborgen: Ein Regal mit zwei Dosen – Bohnen und Mais sowie einem Glas eingelegter Weichseln; schaaaade. Die Mais-Dose kommt wenigstens später als Podest für die Titelfigur in „Der überaus starke Willibald“ im Renaissancetheater ins Spiel.
Sehr gut sichtbar für alle ab 6 Jahren wird dafür in dem Stück (Bühnenfassung und Regie: Sebastian von Lagiewski) nach dem gleichnamigen 120 Seiten starken, leicht lesbaren gleichnamigen Kinderroman von Willi Fährmann (Autor und Pädagoge; 1929 – 2017) ein Mechanismus, wie jemand Demokratie zerstört und sich zum Tyrannen macht.
Bisher haben die Mäuse liebend gern Fangen und anderes in der Küche gespielt und hatten ihren Spaß am Leben, wenn die Menschen schliefen. Und wenn es galt, eine Entscheidung zu fällen, haben „wir seit Mäusegedenken beraten, alle kommen zu Wort und am Ende stimmen wir ab“, bringt der gewählte Präsident Georg (Leon Lembert) das demokratische Prinzip auf den Punkt.
Das bleibt nicht so, ähnlich wie George Orwell (1903 – 1950) in der viel berühmteren „Farm der Tiere“ (Animal Farm; 1945 erschienen) schildern Buch (1983 veröffentlicht) und Stückfassung angesiedelt im Tierreich, wie Demokratie – und das leider ziemlich schnell – zerstört werden können. Die Titelfigur Willibald, der sich als „überaus stark“ aufspielt, und Josef, der schon zu Beginn die spielenden Mäuse wegen fehlender Disziplin und nur Spielen im Kopf anherrscht, basteln an der Legende einer gar wilden Katze im Garten.
Bei der großen Gefahr aber würde beraten und reden nicht funktionieren. Es brauche einen der da das Sagen hat. Die verbreitete Angst vor dem Außenfeind lässt viele der Mäuse einknicken. Die einen sind gleich für den Führer Willibald, andere wie Georg besänftigen, das wäre aber nur für diese Gefahrenzeit. Lediglich Lili (nachdenklich, hinterfragend, mutig Lara Haucke) widerspricht. Und wird – noch dazu als einzige weiße Maus mit roten Augen – zum inneren Feindbild auserwählt, gar verdächtigt, mit der Katze „unter einer Decke zu stecken“, und in die Bibliothek verbannt. Nur zum Hackeln darf, nein muss sie in die Küche kommen.
Willibald (herrlich unsympathisch herr-isch und noch dazu kunstvoll dümmlich Sebastian Pass) und vor allem aber sein Ideengeber Josef (gespielt unterwürfig gegenüber dem Boss, gnadenlos zu jeder Art von in-Frage stellen: Valentin Späth) schmieden Abwehrpläne, bei denen alle anpacken müssen. Außer die beiden selbst. Doch auch das traut sich nur Lilimaus anzumerken. Als Philipp (Sebastian von Malfèr) wagt, seiner Kollegin recht zu geben, wird er in die Schranken gewiesen.
Josef, den Autor Fährmann bewusst so genannt hat, erfindet auch zwei Propagandasprüche: „Ein Boss! Ein Haus! Ein Rudel!“ sowie „Flink wie Fledermäuse! Zäh wie Schweineschwarte! Hart wie Käserinde!“ (im Buch statt letzterem Tirolerbrot), die auch nicht zufällig an „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ bzw. „Flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“ der Nazis und ihres Propagandaministers Josef Goebbels erinnern. Im Buch hat Willibald zudem noch neben Josef eine Hermannmaus in seinem Herrschaftsstab (Hermann Göring war Chef der Nazi-Luftwaffe und Reichswirtschaftsminister).
Disziplin, militärische Übungen, Verteidigungswall aus ausgestreuten Erbsen jede Nacht bauen und in der Früh, bevor die Menschen kommen, wieder einsammeln – nix ist mehr mit Spielen. Da werden auch die treu ergebenen Mäuse – neben den schon genannten noch Friederike (Shirina Granmayeh), einst enge Freundin von Lili und die stets hungrige Karin (Beate Korntner) ein wenig mürbe. Als Philipp dann noch nach langer Beobachtung aus dem Fenster im Garten gar keine Katze ausfindig macht, schleichen die Mäuse mitunter zu Lili in die Bibliothek, die dort in Bilder-Lexika blättert, lesen lernt und Geschichten erzählt. Geschichten, die Mut machen.
Zu viel sehen, zu viel denken – das finden die Machthaber gefährlich. Noch findet Karin es super, dass ihnen der Boss das Denken abnimmt. Lili wird als Gefahrenherd als „Nichtmaus“ tituliert. Sie beginnt an Flucht zu denken, es gibt doch auch andere graue Häuser und Mäusefamilien, noch dazu wo ihre einstigen Freund:innen zu „Duckmäusen“ geworden sind, „aber das alles zurücklassen…?“
Außerdem schöpft sie Kraft aus gelesenen Geschichten und will dem Tyrannen die Küche und das Haus nicht überlassen. Und so lassen Autor und Regisseur die Geschichte mit dazwischen noch einigen spannenden, gefährlichen Szenen natürlich happy enden, den Tyrannen und seinen Helfer / Einflüsterer / Propagandisten stürzen, wobei die sich selbst zu Fall bringen und zum Prinzip des gemeinsamen Beratens und Beschließens zurückkehren…
Im April kommt übrigens eine Dramatisierung des Romans von Timur Vermes „Er ist wieder da“ (Bühnenfassung und Regie: Thomas Birkmeir) ins Renaissancetheater (das große Haus des Theaters der Jugend in Wien). In diesem 2012 erschienen satirischen Buch, das bald danach verfilmt wurde, erwacht Adolf Hitler 2011 wieder, meint einen Filmriss zu haben, bis er auf das richtige Datum und nach und nach die weitere historische Entwicklung draufkommt. Wie Menschen auf ihn reagieren – von der Vermutung eines Schauspielers über Erschrecken bis zum Wittern eines möglichen Geschäftserfolges mit ihm spannt sich der Bogen, den Stefano Bernardin spielen wird.
Schon früher, 9. Jänner bis 19. Februar – zunächst im NordbahnSaal und dann bei Junge Theater Wien in Simmering und Liesing – spielt das Figuren- und Objekttheater „Die Kurbel“ ein selbst entwickeltes Stück namens „Der kleine Diktator“. In der Welt von Schachfiguren rebellieren diese gegen den Schachlehrer, der daraufhin „eine Anleitung zum Chef werden“ erteilt – inspiriert von Michela Murgias Buch „Faschist werden – eine Anleitung“ und mit Anspielungen an Charlie Chaplins „Der große Diktator“.
Natürlich kommt bei Willibald, dem „kleinen“ oder auch „großen Diktator“ und erst recht bei „er ist wieder da“ und vor allem der derzeitigen aktuellen politischen Entwicklung fast weltweit der furchtsame Gedanke auf: Lernt die Menschheit nie aus der Geschichte? Und das häufig wiedergegebene Zitat von Ingeborg Bachmann aus ihrem Roman „Malina“: „Die Geschichte lehrt, aber sie hat keine Schüler.“
Ein Gedanke, der schon mehrfach hier im Zusammenhang mit anderen Stückbesprechungen – „Astoria oder: Geh‘ ma halt ein bisserl unter“ und „Hand made Tyrant“ im Schubert Theater sowie „Das Lebewohl.Wolken.Heim Und dann nach Hause“ von Elfriede Jelinek im Theater Arche (beide Wien) – geschrieben schon Jahrzehnte früher von Antonio Gramsci (1921 in „Ordine Nuovo“) formuliert wurde: „Die Illusion ist das zäheste Unkraut des Kollektivbewusstseins; die Geschichte lehrt, aber sie hat keine Schüler.“
Der Autor des bereits vor mehr als 40 Jahren erschienen Buches „Der überaus starke Willibald“ hat übrigens einige historische Romane, manche ausgehend von echten leidvollen Erfahrungen von Flucht, Ausgrenzung, Vorurteilen verfasst; u.a. „Das Jahr der Wölfe“, „Kristina, vergiss nicht“, „Es geschah im Nachbarhaus“, „Zeit zu hassen, Zeit zu lieben“.
Australien hat es eingeführt. In der EU wird es diskutiert. In den letzten Tagen des Jahres 2025 meinten Vertreter von Regierungsparteien, wenn’s in der Europäischen Union zu langsam geht, könnte Österreich vorpreschen mit einer Social-Media-Beschränkung ab – das Alter blieb noch offen. Handyverbot in den ersten acht Schulstufen gilt schon seit einigen Monaten. Im Herbst startete eine Online-Petition unter dem Titel „Kinderrechte im digitalen Raum durchsetzen!“ in der ein generelles TikTok-Verbot in Österreich und idealerweise der EU, eine Altersbeschränkung für Social Media bis 16 Jahre verlangt wird. 876 von 1000 erforderlichen Unterschriften war der Stand am 27. Dezember Mittag.
„Diese Beschränkungen spiegeln eine echte Besorgnis wider: Kinder sind online Mobbing, Ausbeutung und schädlichen Inhalten ausgesetzt, mit negativen Auswirkungen auf ihre psychische Gesundheit und ihr Wohlbefinden. Der Status quo versagt gegenüber Kindern und überfordert Familien“, begrüßte das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, Unicef, erst kürzlich – zum Tag der Menschenrechte (10. Dezember) „das wachsende Engagement für die Online-Sicherheit von Kindern“, zeigt sich aber skeptisch in Sachen Verbote. Sie „könnten sich sogar als kontraproduktiv erweisen“, heißt es im Statement.
„Soziale Medien sind kein Luxus – für viele Kinder, insbesondere für jene, die isoliert oder marginalisiert sind, sind sie eine Lebensader, die Zugang zu Lernen, Verbindung, Spiel und Selbstdarstellung bietet. Darüber hinaus werden viele Kinder und Jugendliche weiterhin auf soziale Medien zugreifen, sei es durch Umgehungen, gemeinsame Geräte oder die Nutzung weniger regulierter Plattformen, was es letztendlich schwieriger macht, sie zu schützen“, wird argumentiert.
„Altersbeschränkungen müssen Teil eines umfassenderen Ansatzes sein, der Kinder vor Schaden schützt, ihre Rechte auf Privatsphäre und Beteiligung respektiert und sie nicht in unregulierte, weniger sichere Räume drängt. Regulierung sollte kein Ersatz dafür sein, dass Plattformen in die Kindersicherheit investieren. Gesetze, die Altersbeschränkungen einführen, sind keine Alternative dazu, dass Unternehmen das Plattformdesign und die Inhaltsmoderation verbessern.
Unicef fordert Regierungen, Regulierungsbehörden und Unternehmen auf, mit Kindern und Familien zusammenzuarbeiten, um digitale Umgebungen zu schaffen, die sicher, inklusiv sind und die Rechte von Kindern respektieren. Dies beinhaltet:
Unicef –> Onlinesicherheit für Kinder
Weihnachten wird oft mit Lichterglanz und Gemeinsamkeit in Verbindung gebracht. Der „leuchtendem Stern“, der den Weg zur Geburtskrippe gewiesen haben soll, steht für die vielfältigen drei „Weisen aus dem Morgenland“, zu deren Ehren der 3-Köngistag am 6. Jänner erfunden wurde. Steht aber auch für eine der größten Solidaritätsaktionen, die Sternsinger:innen.
Zehntausende Kinder ziehen Jahr für Jahr zwischen Weihnachten und dem besagten Feiertag durch Land und Städte, läuten oder klopfen an Türen und sammeln Spenden, in Österreich sind jährlich rund 85.000 Sternsinger:innen unterwegs. Im Schnitt werden rund 500 Projekte in Afrika, Asien und Lateinamerika von der Dreikönigskation, dem Hilfswerk der Katholischen Jungschar, mit dem gesammelten Geld unterstütz. Wobei längst nicht nur katholische, auch nicht nur christliche Kinder bei den Aktionen der Sternsinger:innen mitmachen. Allen Hass fördernden Sprüchen zum Trotz beteiligen sich viele junge Menschen anderer nicht zuletzt muslimischer oder gar keiner Glaubensrichtung an dieser großen Solidaritätsaktion.
Auch wenn viele Projekte unterstützt werden, so holt die Dreikönigsaktion jedes Jahr einige Schwerpunktprojekte in den Vordergrund. Rund um den Wechsel von 2025 zu 2026 sind dies:
Viele Familien kämpfen täglich ums Überleben. Dürren, Armut und fehlende Bildungsmöglichkeiten treffen besonders die Kinder. Mit den Spenden wird nachhaltige Landwirtschaft unterstützt, damit Felder wieder genügend Nahrung liefern. Gefördert werden Gemüsegärten und gesunde Mahlzeiten für eine bessere Entwicklung der Kinder.
Supertaifun „Fung-Wong“, vor Ort „Uwan“ genannt traf Anfang November mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 200 km/h auf die Küste von Luzon. Die dabei zerstörte Schule wurde bereits mit Dreikönigs-Aktion-Spendengelder wieder aufgebaut – ökologisch und stärker gesichert.
Aber viele Familien auf den Philippinen stehen buchstäblich vor Trümmern: Häuser, Felder und wichtige Infrastruktur sind zerstört. Um die größte Not zu lindern, erhalten die Familien einfache Haushaltswaren, Werkzeug und Fischernetze, damit sie ihre Häuser aufbauen, und die Fischerboote wieder instandsetzen können.
Bei der jüngsten Weltklimakonferenz im brasilianischen Belem war das Amazonasgebiet und sein Regenwald (Rand-)Thema. Ist aber entscheidend für die Menschen vor Ort UND das Weltklima.
Die Dreikönigsaktion unterstützt Bildungsprogramme für Kinder und Jugendliche und hilft den Regenwald zu bewahren. Denn, wenn der Regenwald verschwindet, verlieren Menschen ihre Heimat – und wir alle einen wichtigen Schutzschild gegen die globale Klimakrise.
Gemeinsam für eine gerechte(re) Welt, gemeinsam Gutes tun – sind Botschaften unter denen nun Zehntausende Kinder und Jugendliche als Sternsinger:innen Spenden schwerpunktmäßig für die genannten drei Projekte sammeln.
Ausgehend von der spannenden – echten – Geschichte des italienischen Straßenkindes Michele Magone (1845–1859) hat Thomas Brezina dessen Leben mit vielen erfundenen Ausschmückungen zu 200 leicht lesbaren Seiten verarbeitet. Zum ersten Mal von 20 Jahren erschienen, ist es nun 2025 knapp vor Jahresende in einer neuen Version „Michael Magone und er wirkliche Mut“ veröffentlicht worden.
Der Großteil der Kapitel umfasst den abenteuerlichen Überlebenskampf Magones und einiger weniger ihm in seiner Bande verbliebener Straßenkinder. Viele seiner früheren Mitstreiter:innen haben sich zum Gegenspieler Alessandro vertschüsst. Bei einem großen Einbruch verletzt sich der jüngste aus Magones Gruppe sehr. Da sieht der Banden-Chef keinen anderen Ausweg als ihn zur Kirche zum aufgeschlossenen Priester Don Bosco (Giovanni Melchiorre Bosco 1815 – 1888) zu bringen. Die freundliche, offene Begegnung auf Augenhöhe lässt Magone aber dennoch recht misstrauisch bleiben. Schlechte Erfahrungen, vor allem im Kinderheim des Ehepaares Peporelli, haben sein Grundvertrauen mehr als erschüttert.
Dennoch scheinen die Angebote, Essen, lesen und anderes zu lernen und nicht zuletzt Fußball spielen zu dürfen verlockend. Aber echt? Und wie würden / werden andere reagieren? Showdown eines Kampfes der Banden-bosse Magone und Alessandro und … Steckt der wirkliche Mut im Kampf oder?…
Und was meint Don Bosco mit der Haselnuss, die er Michael für einige Tage borgt – in dir steckt so viel wie in dieser Nuss?…
Brezinas Buch über den Wandel vom kriminellen Straßenkind zum lernbegierigen Schüler des reformpädagogischen Priesters Don Boscos – mit vielen Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Petra Lefin – hat natürlich ein Happy End.
Der echte Magone allerdings starb schon recht früh als Jugendlicher. Er war „einer von drei Schülern, die der Heilige Johannes Bosco für heilig hielt“; die anderen beiden: der Heilige Dominikus Savio und Franziskus Besucco. „Ein Gemälde der drei Schüler befindet sich in der Kirche San Francesco de Sales in Valdocco, Turin.“ (Wikipedia).
(Weihnachts-)Ferien ist auch eine Zeit, in der du möglicherweise mit Verwandten ein Museum besuchst. Solltest du Dino-Fan sein, ist das Naturhistorische Museum in Wien ein lohnenswertes Ziel – mit einem eigenen Sauriersaal, großen Skeletten von Diploducus, Allosaurus, Iguanodon und dem Flugsaurier Pteranodon samt so manche Computeranimation.
Und vielleicht magst du deiner Fantasie freien Lauf lassen und dir vorstellen, was wäre, wenn nun echte Dinosaurier auch das Museum besuchen würden, um ihre Verwandten, oder das was von ihnen übrig geblieben ist, besuchen wollen?
Das könnte der Ausgangspunkt für die Autorin Marie Gamillscheg und die Illustratorin Anna Süßbauer gewesen sein für ihr Bilderbuch „Was mach ein Dino im Museum?“ Wobei sich Geschichte und Bilder nicht nur um einen, sondern eine ganze Schar unterschiedlicher Saurier drehen. Gemeinsam fahren sie mit einem Bus, der schon ausschaut wie ein Stegosaurier, ins Museum. Dort ist die erste Hürde das Eintrittsgeld. Wobei die Info, dass ab 12 Jahren zu bezahlen sei, offenbar ignoriert, dass in österreichischen Bundesmuseen Kinder und Jugendliche bis 19 Jahre freien Eintritt haben.
Natürlich sorgen die versammelten Dinos für so manches Chaos, am meisten aber stört es sie, dass die Ausstellung – egal in welchem Museum – nicht die Vielfalt der Saurier abbildet, fast immer sind die Größten die Stars. Das ärgert vor allem Minisaurus. „Uns gibt es in allen möglichen Formen… mit verschiedensten Frisuren … und mit den verrücktesten Outfits!“
Womit dieses Bilderbuch auch zwischen Zeilen und Bildern für viel mehr als Dinosaurier und Museen steht 😉
Auch heuer scheint es -nicht einmal zu Weihnachten – einen kurzen Waffenstillstand in den Kriegen in der Ukraine, im Sudan und auch nicht in dem darauf zusteuernden von Donald Trumps USA gegen Venezuela geführten zu geben.
Vor mehr als 90 Jahren gab es einen solchen im ersten Winter des ersten Weltkrieges. Im Ersten Weltkrieg gab es an der Front zu Weihnachten 1914 am Heiligen Abend und am Ersten Weihnachtsfeiertag einen Weihnachtsfrieden. Und am Heiligen Abend, am 24. Dezember 1914 gab es die Weihnachtsbotschaft von Kaiser Franz Joseph I, dem Herrscher der Donaumonarchie an die Eingeschlossen der von russischen Truppen belagerten Stadt Przemyśl. Anstatt Krieg zu führen, wurde ein Friedensfest gefeiert, am Heiligen Abend und am Ersten Weihnachtsfeiertag.
Dies ist auch in diesem Jahr wieder Anlass für „Arbos – Gesellschaft für Musik und Theater“ online „Musik aus dem Großen Krieg zu übertragen (Link am Ende des Beitrages) – u.a. mit Johann-Strauss-Melodien, aber vor allem von Kompositionen Viktor Ullmanns: „Präzision, meine Herren, ist die Hauptsache“, dadaistische Komposition aus dem Ersten Weltkrieg arrangiert für Klavier, Sopran und Bassbariton, „Marsch“ nach dem gleichnamigen Gedicht von Theodor Kramer arrangiert für Violine, Cello, Klarinette, Saxophon, Horn, Klavier und Schlagwerk, Gebärdensprache und Stimme „Wendla im Garten“ nach dem Gedicht von Frank Wedekind, jeweils arrangiert von Herbert Gantschacher vom genannten Verein Arbos.
Weiters zu hören sein werden ebenfalls Ullmanns „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ nach dem gleichnamigen Gedicht von Rainer Maria Rilke, Nr. 2 aus Teil I in der Originalfassung des Komponisten für großes Orchester rekonstruiert von Elmo Cosentini und Herbert Gantschacher, „und nicht zuletzt Viktor Ullmanns „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ (Musik und Libretto in der Originalfassung des Komponisten rekonstruiert in Zusammenarbeit mit Karel Berman, Herbert Thomas Mandl, Paul Kling, Ingo Schultz, Alexander Drčar und Herbert Gantschacher im Auftrag von „Gesellschaft für Musik und Theater)
Eine Produktion aus dem Projekt „krieg=daDa“ von ARBOS gesungen und gespielt vom Kronthaler Saxophonquartett, Markus Rupert, Christoph Traxler, Rupert Bergmann, Katrin Koch, „ensemble kreativ“, Werner Mössler, Projekt-Chor, „arbos ensemble“ Stephen Swanson, Stefani Kahl, Ingrid Niedermair und Johannes Strasser Sendung auf ARBOS-Radio
Über den Weihnachtsfrieden im ersten Weltkrieg berichteten „The Daily Mirror“, „The Sphere“ und die „London Illustrated News“ auch mit Bildern. Die Soldaten kamen aus den Schützengräben heraus und feierten gemeinsam an der Frontlinie, spielten Fußball, es war ein Friedensfest von kurzer Dauer, denn danach wurden sie von ihren Kommandeuren bei Todesstrafe gezwungen, den Kampf fortzusetzen. Dieser Weihnachtsfrieden war lange Zeit nur von der Westfront im Ersten Weltkrieg zwischen britischen, französischen, belgischen und deutschen Soldaten bekannt. Einen Weihnachtsfrieden gab es aber auch im Osten zwischen den Truppen des Russischen Reiches und der Habsburgermonarchie im belagerten Przemyśl. Darüber berichtete die Krankenschwester Ilka Michaelsburg, deren Buch „Im belagerten Przemyśl“ 1915 erschien, dies geschah am Heiligen Abend 1914. Ebenso am Heiligen Abend, dem 24. Dezember 1914, übermittelte Kaiser Franz Joseph I., der Herrscher der Donaumonarchie aus dem Erzhaus Habsburg die Weihnachtsbotschaft via einer Radiostation, die in Wien aufgebaut war, und an die Radiostation im belagerten Przemyśl übermittelt wurde. In dieser Botschaft wünschte er den Eingeschlossenen zum Weihnachtsfest alles Gute und bat die Bevölkerung und Soldaten auszuharren. Am Neujahrstag 1915 und zum russischen Weihnachtsfest Anfang Jänner 1915: „Im Vorfeld schwenkte der Feind die weiße Fahne und schickte eine Deputation von zwei russischen Offizieren zur Weihnachtsbeglückwünschung in unser Lager herüber. Sie brachten russischen Tabak und Zigaretten als Weihnachtsgabe … daß am russischen Weihnachtsabend österreichische Offiziere die russische Beglückwünschung erwidert haben, indem sie gleichzeitig als Gegenleistung für die Zigaretten der Belagerungsarmee – Sardinen und Salami überreichten.“
arbos-radio –> Musik aus dem Großen Krieg zum Weihnachtsfrieden
24 Kapitel lang dreht sich alles um die titelgebende „magische Weihnachtsglocke“. Sie gehört zu den in einem Hollerbusch lebenden Elfen. Zum Fest leuchtet und erklingt sie und alle dürfen sich dann was wünschen.
Eine der vielen Elfen ist Lisabella, die noch dazu zu Weihnachten Geburtstag hat. Und ausgerechnet sie, die mit der Weihnachtsglocke Anfang Dezember fliegt, wird von einem Menschen entdeckt, gepackt und weit weg verfrachtet. Ihr rechter Flügel wird dabei verletzt, also nix mit Heimflug.
Soweit die Ausgangslage rund vier Wochen vor dem Fest. Mühsam und beschwerlich wird der Rückweg, der noch dazu nicht so einfach ist. Wo befindet sie sich? Wo ist der Hollerbusch. Nach und nach kommen verschiedene Tiere zu Hilfe und gesellen sich zur Wandergruppe: Maus Pepi, Maulwürfin Hanni, krähe Karli, Spatz Franz, Hase Leo. Irgendwann dazwischen hilft auch noch eine namenlose Kuh. Eine Igelin namens Ida, die Elster Josi und das Eichhörnchen Fanny, die rote Katze Blumi sowie Silver, ein altes Pferd, Fischlein und zwei Schwäne kommen auch noch in der abenteuerlichen Geschichte vor.
Klar geht aber auch gemeinsam nicht immer alles glatt. Soll auch nicht, die Geschichte, die sich Brit Blumilon ausgedacht und am Beginn jedes der meist knapp mehr als dreiseitigen Texte mit einer magisch wirkenden Schwarz-Weiß-Zeichnung versehen hat, soll ja bis zum Schluss spannend bleiben. Auch wenn natürlich von Anfang an klar mitschwingt, dass Lisabella – und einige ihrer tierischen Begleiter:innen – es sicher rechtzeitig zum Hollerbusch schaffen werden.
Wo du dann – per QR-Code nach der letzten Seite – zu einem nicht ganz alltäglichen Weihnachtslied kommst, in dem das Christkind unter anderem pupst (Lied: Urban Elves)
Das Buch hat übrigens die Gruppe „Töchter der Kunst“ zu ihrem musikalischen Theaterstück „Wirrum Warrum Wundeglocke“ inspiriert – Stückbesprechung unten verlinkt.
„Ich beginne meinen Arbeitstag, wie es das Protokoll besagt: Optimieren Sie Ihre Atmung. Beschleunigen Sie Ihr Denken… Ich arbeite im Ministerium für Informationsfluss, in der Abteilung für Textverdichtung. Unsere Mission ist es, jegliches entschleunigte Denken aus den Netzwerken zu entfernen. Wir sortieren Wörter, die zu lange brauchen, aus. Intern nennen wir das Entschleunigungsterrorismus, die größte Gefahr aller Zeiten, dicht gefolgt von der Mittagspause. Der Begriff wurde übrigens in Rekordzeit erfunden: 0,8 Sekunden.
Mein Kollege kaut zu langsam, sein Kiefer unterschreitet die vorgeschriebene Bissrate. Kein Wunder, dass zwei Wächter schon auf ihn zustürmen. Letzte Woche wurde jemand abgeführt, weil er beim Niesen eine halbe Sekunde zu spät Gesundheit gesagt hat. …
Mein Pacer piept leise. Warnstufe Gelb. Ich habe zu lange nachgedacht, wie gefährlich!…“
Diese Sätze stammen aus einem der 23 Finaltexte Jugendlicher bzw. junger Erwachsener des Literaturbewerbs Texte Wien. Zum zehnten Mal waren junge kreative Schreiber:innen – und das trotz des Namens nicht nur aus Wien – eingeladen, ihre Gedanken zu einem Jahresthema zu verfassen; rund 4000 junge Leute haben in diesem Jahrzehnt Texte für den Bewerb eingereicht. „Tempo“ war das Motto für den Jubiläumsbewerb. „Schneller atmen“ titelte Julia Bohrer aus dem Gymnasium Neusiedl am See ihren Beitrag, aus dem die Eingangspassage zitiert ist.
Zum zweiten Mal fand die Preisverleihung – immer mit genau zweiminütigen Textauszügen – gelesen von vier Profi-Schauspieler:innen (Zeynep Buyraç, Kaspar Locher, Markus Meyer und Maximilian Thienen) im Schauspielhaus Wien (davor viele Jahre – mit Ausnahme der Pandemie-Ära im Burgtheaterspielort Kasino am Schwarzenbergplatz) statt; jeweils untermalt von einer jugendlichen Band, heuer Leeta – mehr dazu in einem eigenen Beitrag.
Übrigens: Alle Texte, mit denen die jungen Autor:innen ins Finale gekommen sind, können auf der Homepage des Bewerbs – am Ende des Beitrages verlinkt – (nach-)gelesen werden, und zwar aus allen Bewerbsjahren bis 2016 zurück.
Der Text des aktuellen Siegers ist in einem eigenen Beitrag auch hier auf dieser Website – ebenfalls unten verlinkt – vollständig veröffentlicht: „Elfzwanzig“ von Philip Pecoraro, eine Hommage an den 12. Bezirk von Wien, übrigens ist Meidling einer von nur drei der 23 Bezirke, die den Bewerb – bisher – nicht unterstützen.
Auszüge aus dem zweit- und dritt-platzierten Text – „Sonne über dein Haupt“ von Theresa Schmerold sowie „Ein Haufen Kindheit“ von Bruna Karolyi – sind ebenfalls in eigenen Beiträgen unten verlinkt – die Top 3 jeweils auch mit den Begründungen der Jury (Judith Fischer, Erwin Greiner, Andrej Haring, Eva Holzmann, Julia Jost, Vanja König, Hanno Millesi, Lene Moormann und Jana Podbelsek).
Tempo, obwohl sich dies – wie im eingangs zitierten Beitrag – mit Rasanz in den meisten Köpfen fast automatisch verknüpft, kann aber auch das glatte Gegenteil sein. Und so kreisen so manche der jugendlichen Texte durchaus um Innehalten, ja sogar Stillstand.
„Ich lebte ein temporeiches Leben, das vom schnellen und dreckigen Geld finanziert wurde. Am Anfang tat ich es für die bunten Scheine, dann für die unantastbare Macht und letztendlich, um die Welt zu erobern. Ich hatte mich schon damit abgefunden, entweder Gefängnis oder Millionen. Doch das ewige Streben nach mehr zog mich in die Strömung eines Teufelskreises, in dem ich, ohne es zu bemerken, ertrank“, beginnt er Text von Arda Aksoy aus dem Schulzentrum Ungargasse (Wien-Landstraße).
„Mir kam es so vor, als ob die Sanduhr meines Lebens durch die Risse im Glas unkontrollierbar Körner verlor. Mein Leben verging wie im Zeitraffer, Klamotten von Designern, deren Namen ich nicht aussprechen konnte, Freundlichkeiten von Menschen, die mich verachteten, die Sättigung meiner Gelüste, alles lief perfekt, bis der Traum platzte. Als die Tür aufknallte und die engen Handschellen sich schmerzhaft in mein Fleisch bohrten, überrumpelte mich ein Gefühl der Reue, ein Drang, die Welt anzuzünden und mit ihr zu verbrennen.
Die restliche Zeit meiner Existenz soll ich hier verbringen? An einem Ort, an dem keine Blumen aufblühen, die Vögel nicht zwitschern, die Sterne nicht leuchten und die Tage nicht vergehen. Ist es leicht, immer die gleiche Wand zu sehen und mit Kreide jeden Tag zu zählen? Der kalte Luftzug, der unter der Stahltür durchzieht, die verrosteten Gitter oder das steinharte Bett, alles ist hier verflucht, oder bin ich derjenige, der seine Umgebung mit einem Fluch belegt?
Der Tag, an dem ich einen Fuß auf diesen kalten Beton setzte, änderte alles. Die Zeit verlangsamte sich und die Sühne meiner Sünden fing an…“
Er schreibe eigentlich erst seit rund 1½ Jahren, vertraut der Autor des Textes „Gefallene Sterne“, aus dem die vorigen Absätze zitiert sind, dem Reporter an, sei ein Fan von Romanen russischer Dichter wie Dostojewski, lese aber auch auf Türkisch und Deutsch. „Ich sammle im Alltag Ideen, verknüpfe sie dann wie bei diesem Text viel mit Szenen aus Filmen, die mich inspirieren. Zu „Tempo“ wollte ich den krassen Wechsel von der Hektik zum Stillstand, wie ich ihn mir in einem Gefängnis vorstelle, zumindest von dem, was ich in Filmen gesehen habe.“
So wie Jury-Entscheidungen durchaus subjektiv sein können, so ist es auch die Auswahl an Zitaten hier in diesem Beitrag, der eben nicht nur die Top3-präsentieren will. Alle 23 jungen Autor:innen, die es mit ihren Texten ins Finale geschafft haben, sind schon Sieger:innen. Dieser Beitrag und die vielen Zitate aus Texten wollen Lust darauf machen, selber in den einen oder anderen, vielleicht auch mehrere der eingereichten Texte reinzulesen.
„Der Bühnenraum eines Theaters war schon immer ein Zufluchtsort der Randständigen, dort galten die gesellschaftlichen Regeln weniger streng“, schreibt Yuliia Obukhivska von der Grazer HTBLVA (Höhere Technische Bundeslehr und Versuchsanstalt) Ortweinschule mit einem künstlerischen Zweig in „Niko, oder Vom Kolonialismus erzählt“. In einem Beitrag, der nur unwesentlich kürzer ist als alle anderen 22 zusammen, baut sie eine Jahrhunderte umfassende Geschichte der Ukraine ebenso ein wie Vampirismus, Neu-ankommen in einer Schulklasse und eben Außenseitertum sowie intensive Gefühle.
„… jede Sekunde Stillstand hinterlässt eine Verbrennung, und er wird bewundert, ja man bewundert ihn hinter vorgehaltener Hand, denn Bewunderung ist nur eine höfliche Reform des Ekels… weil Zersetzung Bewegung ist, ein Prozess. Kein Stillstand…“
„Ich werde mich nicht mehr biegen und nicht mehr versuchen, mich in mich selbst zu verleben, stattdessen über meine einsamen Dämonen siegen und, Freiheit. Ich atme Sie ein und nie wieder aus, halte sie fest, wie ein Kind seinen Traum.“
„Mein Schleichen wird zu einem sicheren Gang, mein Gehen zu einem gehetzten Lauf – ich laufe nach vorne, in die unendliche Weite, ohne Ziel, ohne Richtung, ohne klar ersichtbaren Sinn. Nach einiger Zeit komme ich erschöpft zum Stehen. Ich keuche atemlos vor mich hin und setze mich langsam auf den Boden. Wie anstrengend es doch ist, so lange zu laufen, ohne dabei vorwärtszukommen.“
„Ich habe doch alles, was das Herz begehrt. Mir kann es nicht schlecht gehen. Trotzdem ertrinke ich nun neben all diesen Dingen. Sie könnten mein Anker sein, mein Fels in der Brandung. Doch ein Fels sinkt schneller als ein menschlicher Körper. Drückt nach unten… Es ist viel einfacher, dem Sog zu folgen, als gegen ihn anzukämpfen…“
„Ich wünschte, ich wäre ein Schwamm. Ich wünschte, ich könnte jeden Moment wie ein Schwamm aufsaugen. Ich versuche krampfhaft, alles festzuhalten. Alle Erinnerungen so lebhaft zu behalten, als wären sie nie zu Ende gegangen. Ich trauere Momenten nach noch während sie passieren…“
„Er war eine Bimgeburt. Im 62er, Ecke Dörfelstraße, Meidling. Die Jungen hat’s gefreut, weil Kinder doch so lieb sind, und die Alten gestört, weil allweil so ein Lärm is‘. Nur der Fahrer hat wieder nur ans Dienstrecht gedacht und ob er an allem schuld ist oder nicht. Dabei war Er nur eine Störung im Betriebsablauf.
Eingeschult, ausgeschult, früh angestellt, schnell entlassen worden. Lang studiert – also die Speisekarte beim Wirten. Gegen Akademiker keine Abneigung, aber auch keine Sympathie. Die haben immerhin noch nie richtig gearbeitet. Eh, Er auch nicht, ja klar, sowieso. Aber bei Ihm ist das doch was anderes.
Und so steigt Er montags in seinen Toyota Corolla und fährt Richtung Niederhofstraße. Da ist in der Ruckergasse – etwa da, wo die Ratschkygasse kreuzt – ein Riesen-Bahö. Er fährt langsam, das will Er sich anschauen. Wann ist in Elfzwanzig immerhin sonst was los? Die ultrarechten Linksliberalen werfen den linksextremen Rechtsradikalen Hühnereier ans Parteilokal. Die Linken hassen nämlich die Rechten und die Rechten hassen die Linken, nur den Hausbesorger Rypacek interessiert das alles nicht. Der will nur wissen, welche Güteklasse die Eier haben, weil Güteklasse A sich so schwer wieder entfernen lässt.
Er hält sich da aber raus aus dem Bahö, immerhin ist es nicht seines, und mit Politik hat Er nichts am Hut. Entscheiden, das tun sowieso die da oben – das denkt nicht nur Er, das denken viele, betont Er gern. Deshalb gibt man in Österreich vermutlich alle 30 Jahren dem Extremen eine Chance. Aber damit kann man Ihm gestohlen bleiben.
Nein, Er muss weiter. Gang rein, auf’s Gas, Ruckergasse runter. Nicht geschaut, nicht gebremst. Mit 50 Sachen in einen Mistkübler rein. Von hinten. Toyota hin. Er auch.
Am Folgetag erwacht Er müde, in kater-ähnlichem Zustand in einer Einliegerwohnung am Schöpfwerk, Meidling. Eine Wiedergeburt ist anstrengend. Am Tisch zwei leere Bier und ein Bescheid des Himmlischen Comebackfragenzentrums. HiCofraZ. Hunger hat Er, und keine passende Hose. Dafür in der Garage einen Tiguan.
Er fährt einkaufen und trifft am Eingang, da wo die Hunde draußen bleiben müssen, die Grüß-Gotts mit ihren Zeitungskalendern und die Zum-Wohls mit ihrem Großgebinde Rotwein. Er hat keine Angst. Nur der hat Angst, dass die Zum-Wohls einem was tun, dem sie noch nie was getan haben, sagt Er. Ihn hat am Bahnhof mal einer beleidigt, in einer Fremdsprache. Doch sowas kann Er verkraften.
Nur an der Kassa hört der Spaß auf. Riesenschlange – eine alte Dame hat’s genau. Zweite Kassa! Er ruft sowas nicht, das schickt sich nicht, findet Er. Die neue Hose gleich einem Schal lässig umgeschwungen, weil Er keine Hand frei hat, geht Er in die Tiefgarage. Da fällt der Alten von der Kassa das 6er-Tragerl Bier hinunter und drei Flaschen gehen zu Bruch.
Er hilft und bückt sich. Kniebeuge, Armstrecken, Bierheben. Wird dabei völlig übersehen. Im Rückwärtsgang, beim Ausparken. Kastenwagen. Installateur Atesli, bei Rohrgebrechen aller Art. Firmenauto ein Totalschaden. Er auch.
Am Folgetag liegt Er benebelt auf einem Kuhfellteppich in der Zöppelgasse, Meidling. Ein Hund zerreißt seinen Bescheid des HiCofraZ. Guten Morgen! Eine alte Dame gießt Hortensien. Sie hat einen Hund namens Katze, eine Katze namens Erwin und einen Erwin namens Holecek. Der liegt bei ihr am Sofa.
Er verlässt die Wohnung und belädt seinen Twingo. Da blickt Er in die Ferne und sieht schwarze Punkte. Die Zugvögel, seufzt Er, aber in Wahrheit sind es nur Mistelbacher im Stau gen Italien. Er träumt, träumt vom Meer, von Amore, von Espresso und von Jesolo. Dabei sind eigentlich nur Mistelbacher dort. Wenn Er unten ist, trinkt Er immer Birra Moretti und Montepulciano und benimmt sich auch sonst wie zuhause, nur dass man da ins Meer schiffen kann. Nicht wie daheim ins Bankett.
Die alte Holecek ruft Ihn, Erwin ist gestürzt. Er denkt zunächst an die Katze, sieht aber bald ihren Alten im Stiegenhaus liegen. Schnell hilft Er, bei Stürzen zählt jede Sekunde, das weiß Er. Da geht die 3er-Tür auf und die Czapka ruft, was allweil so ein Radau ist, man könne sich nicht aufs Fernsehen konzentrieren. Als sie den Holecek sieht, eilt sie zur Hilfe und verwendet zwei Freiminuten für einen gebührenfreien Notruf.
Zwei Zivildiener verladen den Holecek. Bahre, festzurren, Abfahrt. Sie sind in Eile. Da beißt ihn Katze. Er stolpert, vor die Rettung. Die Zivis erschrecken. Ihre Nerven hinüber. Er auch.
Am Folgetag sitzt Er zugedröhnt an einem Esstisch in Hetzendorf, Meidling. Er weiß schon, was Sache ist, und zündet sich mit dem Wisch vom HiCofraZ eine Zigarette an. Er will unter die Leute kommen und fährt mit seinem Fiat Punto zum Wirten.
Drinnen wird geschimpft, über Preise, echte Wiener, solche die es werden wollen und über solche, die es nicht sind, obwohl sie so tun. Wer Wien hasst, der kann sich schleichen gehen!, ruft einer. No na, denkt Er, was sonst. Wer Wien hasst, liebt es in Wahrheit, das sagt Er immer. Und wer Ihn nicht liebt, ist sowieso selbst schuld. Da fängt einer, der Vucevic heißt, mit den Ausländern an. Daraufhin meint ein anderer, der Novak heißt, dass der Vucevic ja selber einer ist.
Das will der Vucevic nicht auf sich sitzen lassen und nennt den Novak einen Tschechen, was der Novak bestreitet, immerhin wären seine Ahnen schon in der Kaiserzeit gekommen. Da hat er Recht, denkt Er, das kann der Vucevic nicht von sich behaupten. Aber der winkt nur ab und beschwichtigt in ein Krügerl hinein. Er steht auf der Gasse, da fällt Ihm noch was ein. Am Ende sind wir alle Elfzwanziger!, ruft Er hinein und erntet Zustimmung. Klar, sowieso, no na.
Dem 8A versagen da die Bremsen. Rutscht, rollt, schlittert. Direkt auf den Wirten zu. Er weicht nicht aus. Er weiß, was jetzt kommt. Eilmeldung. Kronen Zeitung. Bus rast in Wirtshaus. Eingangstür zerstört, Mann überfahren. Das war Er. Schon ein Scheißpech, denkt man im HiCofraZ. Arme Sau. Aber Er, Er sieht die Sache gelassen. Den Kater morgen wird Er verkraften. Solange Er nur wieder in Elfzwanzig landet.“
„Der Text überzeugt durch seinen rasanten, pointierten Erzählfluss, der das Wettbewerbsthema Tempo meisterhaft umsetzt. In schnellen Schnitten und mit wienerischem Schmäh jagt die Geschichte ihren Protagonisten durch ein Leben voller absurder Zufälle, alltägliche Katastrophen und grotesker Wiedergeburten. Die temporeiche Abfolge von Szene – jedes Mal abrupt endend, jedes Mal nahtlos neu beginnend – erzeugt eine komische wie tragische Dynamik, die den Leser atemlos mitreißt.
Sprachlich präzise, rhythmisch, humorvoll und mit scharfem Blick für gesellschaftliche Eigenheiten verbindet der Text das Wettbewerbsthema mit Charaktertiefe und Milieugespür. Die Geschwindigkeit mit der Leben, Tod und Wiedergeburt ineinander krachen, macht den Text formal wie inhaltlich zu einem herausragenden Siegerbeitrag.“
„Da steht er, zwischen den anderen, eine grün-weiße Raupe mit Zyklopenauge, schief am Stammplatz, du hast es eilig gehabt. Dein Bus ist mutterseelenallein, schwach beleuchtet. Ich habe ihn an den Post-its erkannt, sie kleben an der Windschutzscheibe und am Armaturenbrett. Ich gehe langsam auf ihn zu, hole die Stange aus dem schwarzen Rucksack, leger auf einer Schulter, lege das Eisen ans Gummi der Tür, es gibt leicht nach, ganz einfach, ich stemme die Tür auf, wie du es mir gezeigt hast und steige ein, dein Platz ist frei, aber ich sehe dich noch sitzen, verschmolzen mit dem bedruckten Stoffsitz. Direkt über dem Fahrersitz ist eine Sonne gezeichnet, dein eigener Stern…
Ich habe erst nach zwei Wochen meines neuen Schulwegs erkannt, dass immer du da vorne sitzt und fährst, immer im selben Bus, wie hast du das geschafft, habe ich dich gefragt, wenn du lange genug dabei bist, bist du frei irgendwann. Die Leute bemerken dich nicht mehr, so bist du mit dem Bus verwachsen und er mit dir, hast beobachtet und mitgeschrieben. Notierst die Geschichte, sie klebt gelb um dich rum. Du hast mir ab der vierten Woche eine Bedeutung zugewiesen, ich bin der, der sein Geld nie dabei hat, Schwarzfahrer, der trotzdem bezahlt, mit Kastanien, mit Nimm2, mit Spickzetteln oder einem Wort, ich habe dir nie eine Münze gegeben, du hast gesagt, ich nicht, ich muss mehr zahlen, den höheren Preis, du hast dir das ausgedacht in der vierten Woche, beim achten Mal Geld vergessen.
Unsere Freundschaft, Bekanntschaft, die lief so: Ich steige ein, ich bezahle (ich mache eine Pirouette, gebe dir ein Herbstblatt, sage meine Lieblingseissorten alphabetisch auf, du bestimmst den Preis), du schüttelst mir ernst die Hand, grüßt, ich gehe die Reihen entlang, der Rucksack schief auf den Schultern. Immer derselbe Platz, du links vorne, ich rechts hinten, in Fahrtrichtung. Auf dem Sitz vor mir steht: Lebn ist hart ohne S-Budget Juneberry, und, ich war das nicht, habe ich dir gesagt, als wir Plätze getauscht haben.“
„Sonne über dein Haupt“ ist die Geschichte eines Schülers, der im Chauffeur des Busses, mit dem er in seine neue Schule fährt, einer alternativen Form von Lehrer begegnet. Von ihm lernt er unter anderem, dass es auch andere Formen der Bezahlung gibt, dass es gilt, Freiheit auszusitzen, und erst dann davon gesprochen werden kann, wenn man für die anderen unsichtbar geworden ist.
Sukzessive verwandelt sich das Innere des Busses in eine sonderbare Form von Klassenzimmer, in dem rund um den Fahrersitz auf zahlreichen Post-its Die Geschichte geschrieben steht. Als der Chauffeur eines Tages tatsächlich nicht mehr ist, nimmt der Protagonist dieses Zettelwerk an sich. Zurück lässt er hingegen die Zeichnung einer Sonne, dort, wo sich, knapp darunter, tagtäglich die Halbglatze des Fahrers befunden hat.
Was diesen Text auszeichnet, ist der Mut, erzählerisch alternative Wege zu gehen, das Erblühen einer Beziehung zwischen einem Heranwachsenden und einem Rädchen im Alltagsbetrieb zu schildern und dabei, anstatt auf altbekannte Bilder zurückzugreifen, selbst welche zu erfinden. Auch scheut der Text nicht davor zurück, jene Akteure ins Zentrum zu rücken, die dazu tendieren, Teil des Hintergrundrauschens unseres Lebens zu sein und anzuerkennen, dass gerade ihre Menschlichkeit und die Eigenheit das Gewöhnliche zu etwas Besonderem werden lassen können. Wir tauchen in die Vorstellungswelt eines sich entwickelnden kreativen Geistes ein, der bereit ist mit seinen eigenen Einfällen vorlieb zu nehmen.“
„Schließlich tat ich das, was ich immer getan hatte, ich floh in mein Kinderzimmer. Wie erstarrt in der Zeit, so unberührt, dass es mir Angst machte. Mit einem seltsam fremden Gefühl ging ich im Raum auf und ab. Ich riss das Fenster auf, um den abgestandenen Geruch loszuwerden. Auf dem Bett unter der Dachschräge saß Rudi, mein Kuschelbär, mit dem von Oma bestickten Blümchenpullover. An den Wänden, glänzend poliert, hingen Medaillen, Pokale und Bilder von einem strahlenden Mädchen mit Dutt und Tutu neben einer noch strahlenderen Mutter. Die Spitzenschuhe, am Haken daneben, ließ ich unberührt in ihrem grazilen Stolz.
Dann begann ich nacheinander die Schubladen meines Schranks zu öffnen. Betrachtete alles mit Sorgfalt, als wäre es fremdes Eigentum. Vorsichtig strich ich über die aus Holz geschnitzten Tiere, mit denen ich mich stundenlang beschäftigt hatte. Die verblasste Spieldose, mit der sich drehenden Tänzerin, hielt ich besonders lange und summte die Melodie. Gemeinsam mit meiner Herzchen-Kette, die ich von meiner besten Freundin bekommen hatte, bildeten Rudi, die Holztiere und die Spieldose einen kleinen Haufen am Parkettboden vor mir. Die anderen Spielsachen schlichtete ich mit gründlicher Genauigkeit an ihren Platz zurück. In der untersten Lade meiner hellrosa Kommode fand ich meine alte Barbiepuppe Annelies. Ihre blonden Haare waren in einen großen Knoten zusammengefilzt, ihre Plastikhaut hatte längst den frischen Glanz verloren und ihr fehlte der rechte Stöckelschuh. Ich hielt sie und weinte. Endlich weinte ich. Die tiefgekühlten Gefühle schmolzen und tropften auf meine Hose. Ich weinte um das kleine Mädchen, ein Werkzeug der verpassten Träume ihrer Mutter und die Schuld, immer wieder daran zu scheitern, diese einzuholen…“
„Ein Haufen Kindheit entfaltet seine Dramatik in ruhigen, präzisen Bildern, die jedoch emotional mit großer Wucht voranschreiten. Durch die Gegenüberstellung des erstarrten Elternhauses und der sich immer schneller verdichtenden inneren Aufarbeitung erzeugt der Text ein stilles, aber stetig zunehmendes Tempo der Erkenntnis.
Die Autorin zeigt, wie kraftvoll langsames Erzählen sein kann: Die Rückkehr in das Kinderzimmer, das Öffnen der Schubladen und das Wiederentdecken der Objekte der Kindheit werden zu einer sukzessiven Beschleunigung des inneren Wandels. Der Moment des Weinenkönnens markiert einen emotionalen Durchbruc, der den Text – ohne äußere Hast – in ein starkes finales Tempo führt. Das scheint vor allem dem Publikum besonders gefallen zu haben. Denn ausschlaggebend für den dritten Platz war hier das Public Voting.“
Zeitreisen spielten in manchen Texten zum Thema Tempo der jugendlichen Autor:innen eine Rolle. Neben vordergründigen Wiedergeburten baute der Autor des dieses Jahr siegreichen Textes „Elfzwanzig“ – der Ort seiner Handlungen, gleichzeitig sein Heimatbezirk, ist Meidling, der 12. Wiener Bezirk mit der Postleitzahl 1120 – auch gleichsam zeitreisende Altwiener Begriffe ein. So verwendet er „Mistelbacher“ für Polizisten, was einen rund 100 Jahre zurückliegenden historischen Grund hat (Link weiter unten).
„Ich mag so alte Wiener Bezeichnungen und sammle sprachliche Kuriositäten“, beantwortet er die Frage von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… woher er diesen – seit vielen Jahrzehnten gar nicht mehr üblichen Begriff – kenne. Texte, die nicht für die Schule sein müssen, schreibe er ungefähr seit der Zeit, als er im Gymnasium begonnen habe. „Zeitweise wenn mir sehr fad ist, beginne ich Texte zu schreiben oder zumindest Gedanken zu sammeln. Das meiste auf papiernen Zetteln. Mein Laptop ist so langsam, da mach ich nur das Nötigste. Manches Mal schreibe ich auch in Hefte. Einmal hab ich leider ein solches mit vielen Notizen in einem Lokal verloren. Vielleicht finde ich ja einmal irgendeinen Text von jemandem, der das Heft gefunden und meine Aufzeichnungen verwendet hat“, meint Philip Pecoraro augenzwinkernd.
Eine der vielleichtheftigsten Passagen der rund 100 A4-Seiten der 23 Finaltexte des Jubiläums-Jugendliteraturbewerbs „texte.Wien“ stammt aus „Ein Haufen Kindheit“ von Bruna Karolyi (Gymnasium Neusiedl am See), die damit den dritten Platz belegte: „Die einzige Wärme im Raum ging von der Tasse Tee aus. Geredet wurde nur wenig. Die Stille war mir so vertraut, dass es beinahe komisch war, wie sehr sie mich erdrückte. Nur die Uhr tickte. Immer lauter…“ Bleibt zu wünschen, dass möglichst wenige solche Gefühle an den bevorstehenden Feiertagen erleben (müssen).
Wobei die Autorin im Gespräch mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… betont, dass „Dies aber nichts Autobiographisches ist, sondern alles ausgedacht. Ich versuche beim Schreiben immer wieder, mich in andere Personen hineinzuversetzen.“ Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… erzählt sie: „Ich hab schon in der Volksschule begonnen mehr zu schreiben als für die Schule gefragt war. Und im Gymnasium in Neusiedl hatte ich das Glück, dass wir da eine kreative Schreibwerkstatt haben. Trotzdem schreib ich das meiste dann in der Freizeit. Für diesen Text hatte ich ziemlichen Zeitdruck. Genau deshalb wollte ich mit Verlangsamung, ja fast Stillstand experimentieren.“
Alljährlich begleitet eine neue, junge Band die feierliche Preisverleihung mit professioneller Lesung aus den Finaltexten durch Schauspieler:innen, zunächst „nur“ des Bugtheaters, seit der neuen Location auch aus dem Schauspielhaus Wien. In diesem Jahr spielte „Leeta“ auf. Noah Sarich (eGitarre und Gesang), Leona Sperrer (ebenfalls eGitarre und Gesang), Lea-Carlotta Walenta (Bass) und Paul Peschke (Schlagzeug) spielten und sangen selbst geschriebene Songs – in auch selbst gemalten und geschneiderten T-Shirts mit den Symbolen von Spielkarten.
„Wenn wir uns treffen, um neue Songs zu schreiben, reden wir über das Thema, das wir bringen wollen, und entweder schreiben wir gemeinsam oder die eine oder der andere schreibt dann. Und das mit den Spielkarten haben wir einmal ausprobiert und uns gedacht, das ist ganz cool und hat einen Wiedererkennungswert. Vorerst bleiben wir sicher dabei.“
Die jungen Musiker:innen verraten Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… auch den Hintergrund für den Bandnamen. Die beiden Frauen haben in einer WG beim Karmelitermarkt in Wien-Leopoldstadt gewohnt. „Das hat uns gefallen und wir wollten von dem Namen ausgehend, was Verfremdetes und so sind wir von Karme-liter auf Leeta gekommen!“
Festliche Krippen gibt es in unterschiedlichsten Formen, einer der wohl ungewöhnlichsten steht derzeit in einer Auslage eines Geschäftslokals in der Wiener Burggasse (Hausnummer 24): Das beim krippenverein Wien gestaltete Modell der Baustellenruine des geplanten Kaufhauses Lamarr, eines einst Prestigeobjekts von René Benkos Signa.
„Spenden statt spekulieren!“ ist die Erklärung der Marketing-Agentur HFA zu dieser Beton-Krippe übertitelt. Der QR-Code führt zum Winterpaket“ der Obdachlosen-Zufluchtsstätte Gruft der Caritas. „Die handgemachte Krippe zeigt die Ruine an der Mariahilfer Straße als Symbol für Größenwahn, Macht und den Verlust an sozialem Bewusstsein. Und soll daran erinnern, dass Weihnachten von Mitgefühl, Gemeinschaft und Menschlichkeit handelt – und nicht von Profit.“
Passend zum Thema Gier vs. Menschlichkeit läuft übrigens das teatro-Musical nach Charles Dickens’ berühmter „Weihnachtsgeschichte“ von bis 23. Dezember in der Stadtgalerie Mödling; Stückbesprechung und Detailinfos unten am Ende des Beitrages verlinkt.
Tourte „Die Werkstatt – Baumanstraßen-Verschönerungsverein“ im Vorjahr vor Weihnachten mit einem Fahrradanhänger als mobilem Punschstand an einige Orte des dritten Bezirks, Landstraße, so spielte sich 2025 am letzten Adventsonntag ein einmaliger Tee- und Punschstand in der Grätzel-Oase dieser kleinen Gasse ab. Diese von den Werkstattleuten eigenhändig gebaute gemütlich gestaltete Insel ist Teil des Projekts, die Gasse menschenfreundlicher und lebenswerter zu gestalten. Dazu gehören auch die gegen Ende der Sommerferien seit zwei Jahren organisierten Straßenfeste – siehe unten verlinkte Berichte.
„Ein Mann chillt mit einem Hammerhai“ – zwei Mal gaben unterschiedliche Jugendliche in einem KI-Workshop diesen Prompt (Ein- oder Aufgabe für das Programm) ein. Beide Male „spuckte“ die mit „künstlicher Intelligenz“ arbeitende Fotobearbeitungs- und -erstellungs-Software Canva Bilder mit einem Hai und einem Mann aus – und jedes Mal mit einem Hammer. In einem Fall hält der Mann – bärtig wie der zweite – das Werkzeug in Händen; beim anderen Bild schwebt der Hammer über den Wellen, dafür neben definitiv einem Hammerhai 😉
Es sind dies zwei von Dutzenden Fotos, die Jugendliche im KI-Medienlabor seit Beginn des Schuljahres in Workshops erstellt haben – teil einzeln, immer wieder aber auch in Gruppen. Ein Teil dieser Jugendlichen befindet sich in einer AusbildungsFit-Maßnahme der ÖJAB (Österreichische JungArbeiterBewegung), andere verbringen Lern- und Freizeit mit der Vienna Hobby Lobby, die mit ÖJAB zusammenarbeitet. Manche hatten sich schon selbstständig (Vor-)Wissen in Sachen KI beigebracht, für andere boten die Workshops die ersten Einstiege in diesen relativ neuen Zweig der digitalen Welt. Der aber sicher unerlässlich sein wird in der gegenwärtigen und noch viel mehr zukünftigen Arbeits- und Berufswelt und darüber hinaus im (Alltags-)Leben.
In der Woche vor Weihnachten lud die ÖJAB-Zentrale in Wien zu einer Veranstaltung, in der Ergebnisse dieses KI-Medienlabors präsentiert wurden und viele der Bilder – leider nur für einen Nachmittag – in einer Ausstellung zu sehen waren, „AI × Youth Gallery – Jugend gestaltet Zukunft“.
Das was als „Katzenvideos“ seit vielen Jahren sprichwörtliche Attraktionen an Bewegtbildern auf Social Media Plattformen sind, fand auch in so manchen der mit Artificial Intelligence, der englischen Version von KI, produzierten Bilder in den Workshops seinen Niederschlag: Von der gekrönten Stubentigerin und ihrer fast identen Gefolgschaft, die Canva zum Prompt „Katzen übernehmen die Weltherrschaft 2“ kreiierte bis zur Golf-spielenden Katze vor einer im Hintergrund explodierenden Sonne.
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… präsentiert hier nicht nur viele dieser Bilder der Ausstellung, drei Jugendliche erklärten sich bereit für kurze Interviews. Die 18-jährige Ellen Wollmann nutzte vor den Workshops „vor allem Chat GPT für Alltagsfragen, zum Beispiel wollte ich einmal wissen, wie lange Milch in einem schon geöffneten Packerl haltbar ist; aber auch für schulische Sachen wie Referate und Präsentationen. In den Workshops, die vier Mal fünf Stunden dauerten, haben wir mit Fotos und Videos gearbeitet, was für mich neu war. Zuerst haben wir mit Vorgaben für Bilder gelernt mit diesem Werkzeug umzugehen und dann konnten wir frei arbeiten“, freut sie sich über etliche der Ergebnisse, die sie mit Kolleg:innen erstellt hat und präsentiert sich zwischen solchen Fotos.
Raphael (19) gesteht, dass der erste Versuch eigentlich ein Flop war. „Ich hab als Prompt geschrieben: Mann, der mit einer Ameise am Strand chillt. Aber die Ameise ist nicht und nicht zu finden, sie ist einfach zu klein.“ Dafür freut er sich umso mehr über den sehr gelungenen Erdbeer-Elefanten, der gleich drunter hängt.
Ein Teil der Workshops fand in Wien-Brigittenau in Räumen der Hobby Lobby, der andere in Mödling im ÖJAB-Haus statt. „Zukunft Mödling“ mit diesem kurzen Begriffspaar fütterten verschiedene Jugendliche die KI – und beide Mal waren seeeehr düstere Bilder das Ergebnis. Womit das Internet zu Mödling und der Zukunft dieser Stadt gefüllt ist?
Eine der Jugendlichen, die anonym bleiben will, zeigt dem Journalisten das Bild, das auf ihre Zwei-Wort-Angabe hin von der KI angefertigt worden ist. „Trotzdem hat die Arbeit mit diesen KI-Werkzeugen Spaß gemacht, es war überraschend, was da oft mit der Eingabe von einem Satz oder nur höchstens drei Wörtern an Bildern rauskommt“, resümiert sie bei der Präsentation der Ergebnisse der Workshops.
„Die KI wird die Zukunft sein und wir werden sehr abhängig von ihr sein! Deswegen sollten wir uns jetzt schon mit der KI beschäftigen, um herauszufinden wie sie funktioniert, was sie gut machen, was sie nicht gut machen kann, damit wir sie positiv einsetzen können!“, wurde bei den Präsentationen Emanuel zitiert. Er ist jugendlicher Leiter bei Hobby Lobby und Co-Workshop-Leiter des Medienlabors.
„Es waren sehr coole und spannende Workshops! Die Jugendlichen zeigten Interesse und hatten viel Spaß mit den KI-Gestaltungsmöglichkeiten. Sie setzten sich auch sehr reflektiert und kritisch mit KI auseinander“, meinte der erwachsene Workshop-Leiter Markus Toth.
„Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr Frauen das Leben klaut!“ Diesen Spruch riefen Freitag um die Mittagszeit Dutzende Jugendliche der AHS-Oberstufe Geringergasse in Wien-Simmering zwischen den großen metallenen Buchstaben die gemeinsam „Information“ ergeben und der Glasfassade dieser Schule, die neben der eigenen noch eine Handelsakademie beherbergt.
Die allermeisten Gymnasiast:innen der 6. bis 8. Klasse strömten in der Pause vor der vierten Schulstunde vor ihr Gebäude, viele hielten handgeschriebene Plakate auf Karton oder weißem Papier hoch. Mit vielfach bekannten, aber auch neuen, kreativen Variationen von Sprüchen gegen Gewalt an Frauen und deren Spitze des Eisbergs, Femizide. Die Bandbreite reiche von „Gewalt hat viele Gesichter, oft ist es ein bekanntes“, „Man(n) tötet nicht aus Liebe“, „Girls just wanna have fun(damental human rights)“ bis „Femizide sind die Probleme von allen“.
„Wir sind heute laut, weil Schweigen tötet, weil Wegschauen tötet und weil Ignoranz tötet. Dieser Protest ist für Gerechtigkeit, für Schutz, für ein Leben ohne Angst. Und wir hören nicht auf, bis Gewalt gegen Frauen beendet ist!“, rief Schulsprecherin Lea Schraufek, verstärkt durch ein Megaphon aus der Schuldirektion, die die Aktion ebenso unterstützt wie so manche Lehrer:innen – mit Plakaten oder mit Bodenmalkreiden. Und so wurden sogar auf dem regennassen Boden sichtbar manche der Plakat- und Sprech-Chor-Losungen von Jugendlichen aufgemalt.
„Die Aktion war spontan innerhalb von wenigen Tagen von Schüler:innen der Peer-Mediations- bzw. Projektmanagement-Teams ausgegangen“, berichtet die schon genannte Schulsprecherin Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… „Wir haben die Aktion nur für Schülerinnen und Schüler der sechsten bis achten Klassen zugänglich gemacht, weil die ja nicht mehr schulpflichtig sind und selber entscheiden können, ob sie mitmachen oder nicht. Am Mittwoch hatten wir dann noch einen gemeinsamen kreativen Plakatmal-Termin angeboten.“
Die Schulsprecherin machte in einer kurzen Rede auf einige der erschreckenden Fakten aufmerksam, dass jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben von Gewalt betroffen ist. Dass dies sich vor allem aber nur dann ändern wird, wenn es nicht ein „Frauenthema“ bleibt, sondern Männer sich gegen gewalttätige Handlungen ihrer Geschlechtsgenossen engagieren, stellten teilnehmende Burschen mit unterschiedlichsten Plakaten klar. Vom bekannten „Man(n) tötet nicht aus Liebe“ bis zu einer schnell hingekritzelten Penis-Zeichnung mit der Frage „Rechtfertigt das Deine Gewalt?“
Schon die Tage vor dieser Aktion gab es dann in den Oberstufenklassen so manche Diskussionen zum Thema, die Plakate sollen im Schulhaus angebracht werden, um es nicht bei dem einstündigen Streik zu belassen, sondern noch länger und intensiver darüber zu diskutieren.
Gesprächsrunde mit einigen Schüler:innen in einem weiteren Beitrag.
Eine andere Schule, die Marketing-Handelsakademie im steirischen Fürstenfeld, beteiligte sich schon vor zwei Wochen an der internationalen Aktion „16 Tage Gegen Gewalt an Frauen“ (25. November bis 10. Dezember) mit Plakaten, einem Banner an der Schulfassade „Stoppt Gewalt gegen Frauen“ und einem beeindruckenden rund 1½-minütigen YouTube-Video – unten verlinkt.
Nach den ersten 20 Sekunden, in denen eine Jugendliche über diese Gewalt als großes, fast unsichtbares Problem spricht, kommt’s im ersten Moment zu einer Art irritierendem Mansplaining: Ein Bursch grätscht ins Bild: „Stopp! …“
Doch es kommt tatsächlich ganz anders. „Das ist kein Frauenthema, das ist jetzt reine Männersache!“, bringt er ins Spiel. „Wir Männer sind das Problem und deshalb auch Teil der Lösung…“ Später meint ein Kollege: „Wenn wir nicht eingreifen und nicht widersprechen und einfach nur wegschauen, dann werden wir Teil des Problems…“
Nach der Streikstunde traf Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… noch einige Jugendliche, vor allem der 6A, aber auch einige aus der achten Klasse zu einer Interviewrunde. „Vor allem die jüngste Geschichte, wo ein Mädchen das SOS-Notzeichen gemacht hat und der Stiefvater dann doch freigesprochen worden ist, aber auch die Aktion der Wiener Linien (Aufkleber auf Sitzen in U-Bahnstationen: „Kein Platz für Gewalt“) hat uns dazu gebracht, dass wir auch in der Schule ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen und Mädchen setzen wollten“, eröffnet Laura den Gesprächsreigen. „Die Initiative ist von der Schulsprecherin ausgegangen“ – siehe Reportage über die Aktion, unten verlinkt.
Die 6A begann mit der Diskussion darüber in einer unverbindlichen Übung, rasch kam’s zu vielen Ideen und einer gemeinsamen Plakatmal-Aktion Mitte der Woche aller interessierten Oberstufen-Schüler:innen. In den Gesprächen sei vor allem auch „Cat-Calling“ (sexuell aufgeladene Anmachsprüche) immer präsent gewesen, „weil viele von uns das immer wieder erleben“, tönt es aus der Runde. Sara zählt eigene und andere Beispiele auf – von penetranter Anmache älterer Männer im Fastfood-Restaurant über körperbetonte Sprüche in der Physiotherapie bis zu handgreiflichen Übergriffen dabei. Andere berichten von sexuellen Übergriffen eines jugendlichen Cousins auf die damals Siebenjährige.
Als Bursch schäme er sich sehr oft für das Verhalten seiner Geschlechtsgenossen meinte der 8-Kläss’ler Raphi. „Solches Verhalten und die Ängste der Mädchen sind die Schuld von Männern, aber eben dieser Männer und nicht von allen.“
Wie er reagiere, wenn er solches wahrnehme, wollte KiJuKU wissen. „Es kommt darauf an, je näher dir so einer ist, desto leichter fällt es zu sagen: Das geht so gar nicht!“
Der Reporter will von der Runde noch wissen, ob die Jugendlichen nun das Gefühl haben, doch ein bisschen was bewirkt zu haben, dass gerade die angesprochenen Belästigungen auch breit thematisiert worden sind.
„Das war schon gut so vor der Schule, aber ich fände es besser so eine Aktion zum Beispiel auf der Simmeringer Hauptstraße zu machen, wo es doch viel mehr Leute sehen und hören“, resümiert Sara abschließend.
Ob Christkind oder Weihnachtsmann ist eine Art Glaubensfrage. Jedenfalls existieren einigermaßen mehr (Bilder-)Bücher über die männliche Version der 8angeblichen) Gabenbringer:innen. Mann mit weißem Bart, rotem Mantel und ebensolcher Mütze, Schlitten, gezogen von Rentieren. Flug um die Welt…
Dieser eine 24-Stunden-Tag erfordert aber viel Vorarbeit – von ihm, Mitarbeiter:innen wie Wichtel, Elfen und so manchen Tieren. „Der Weihnachtsmann feiert kein Weihnachten?“, fragt Mac Barnett (Übersetzung aus dem Englischen: Bernadette Ott) im Bilderbuch „Ein Fest für den Weihnachtsmann“.
„Er schläft aus“, sagten die Wichtel über den Tag nach Weihnachten. „Eine halbe Stunde länger als sonst.“ Das scheint dem Eisbären nicht genug und so bringen die Wichtel an diesem Tag dem Weihnachtsmann Frühstück ans Bett. Dann wollte er sein Tagwerk beginnen – Vorbereitungen fürs nächste Weihnachtsfest.
Nix da, meinten die Helfer:innen…
… und so begannen sie mit ihrem Chef ein Weihnachtsfest für den Weihnachtsmann vorzubereiten – mit einem überraschenden Gabenbringer – ähnlich gekleidet, nur doch größer. Im Text wird nicht verraten, um wen es sich handelt. Aber in den gemalten Bildern des kanadischen Illustrators Sydney Smith sehr wohl – womit du’s dann auch weißt. Die Bilder, die mehr als einen Hauch von Kinderzeichnungen aufweisen, bringen viel zauberhafte winterweihnachtliche Stimmung auf die Doppelseiten.
Übrigens Smith hat im Vorjahr – gemeinsam mit dem österreichischen Autor Heinz Janisch -den wichtigen, berühmten nach dem dänischen Märchendichter Hans Christian Andersen benannten Preis bekommen.
Auch wenn es „Die Weihnachtsgeschichte“ heißt und sich diese Erzählung von Charles Dickens rund um dieses – demnächst bevorstehende – Fest dreht, ist sie doch viel mehr: Gier, die zu Hart- und Kaltherzigkeit führt; und sich doch sogar im fortgeschrittenen Alter noch ändern lässt.
Im mittlerweile zehnten Jahr spielt, singt und tanzt ein teatro-Ensemble eine Musicalversion dieser Geschichte, die der bekannte britische sozialkritische Autor 1843 unter dem Originaltitel „A Christmas Carol in Prose, Being a Ghost-Story of Christmas“ (Ein Weihnachtslied in Prosa, oder Eine Geistergeschichte zum Christfest) erstmals veröffentlichte. Noch bis 23. Dezember ist dieses rund 2½-stündige immer wieder mitreißende schwungvolle Plädoyer für Empathie zu erleben.
Knapp für jene, die Dickens‘ Geschichte nicht kennen die Handlung: Ebenezer Scrooge schaut nur auf das Geld seiner Firma, will keine Zeit für Freundlichkeiten „verschwenden“. Verwandtenbesuche zu Weihnachten hasst er ebenso wie das Festüberhaupt. Seiner Untergebenen, den so behandelt er seine Mitarbeiterin, gibt er zum Fest nur frei, weil er ihr enttäuschtes Gesicht nicht sehen will. Und dann erscheinen ihm der Reihe nach drei Geister – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Die Vergangenheit lässt ihn in seine Kindheit reisen. Der junge Schüler Ebenezer hat einen Aufsatz voller Empathie geschrieben! Doch der Jugendliche bzw. junge Erwachsene schon lässt seine Freundin zu Weihnachten sitzen, weil er sich um seine Geschäfte kümmern muss. Die Zukunft? Er wird sterben wie alle, aber niemand wird um ihn trauern, ja eher froh sein, dass der Geizkragen nicht mehr lebt.
Und so… – eben Happy End, nachdem er erkennt „was bin ich nur für ein Mensch geworden?!“ Der Erkenntnis folgen Handlungen – mit anderen feiern, die notwendigen teuren Medikamente für ein schwer krankes Kind zu finanzieren…
Im großen Globe-Wien-Theater in der Marx-Halle applaudierte das Publikum praktisch nach jedem Song. Gesang und Tanz rissen die Zuschauer:innen mit, Schauspiel zog es in seinen Bann. Aber alles andere als nur happy, denn in vielen Momenten jener Phase in denen Scrooge so grausam zu anderen – und spürbar auch zu sich selbst – handelt, berührt das Spiel auch sehr, schnürt fast – auch wenn klar ist, dies ist „nur“ Bühne – die Kehle zu. Das schafft Peter Faerber, die diese Rolle von Anfang an verkörpert(e). Damals hätte Niklas Petzer noch gar nicht Eby, den Ebenezer Scrooge als Schulkind, spielen können. Denn er ist heuer erst 14, steht aber nun im zweiten Jahr in dieser Rolle, in der Professionalität in nichts seinem viel älteren, jahrzehntelangen Kollegen um nichts nach.
So manche der Kinder und Jugendlichen, die bei – oder nicht selten erst durch – teatro zu spielen, singen und tanzen beginnen, machen dies später auch zu ihrem Beruf. So ist Lili Beetz nun schon im zweiten Jahr ihres Bachelor-Studiums Musikalisches Unterhaltungstheater an der MuK (Musik- und Kunstuniversität der Stadt Wien). Heuer gibt sie Belle – und das entsprechend wandlungsfähig. Sie ist – bei der Reise in die Vergangenheit die Freundin des jugendlichen Ebenezer (Im Globe Wien: David Mannhart für den erkrankten Timo Petz) und in der Gegenwart eine eben ungefähr gleich alte Frau wie Scrooge. Während Ebenezer in den drei Altersstufen von drei Darsteller:innen verkörpert wird, schlüpft Lili Beetz sowohl in die Rolle der sehr jungen als auch der alten Frau.
In den ersten vier Jahren der teatro-Version der „Weihnachtsgeschichte“ (Buch: Norbert Holoubek) spielte sie Timmy – den Tiny Tim bei Charles Dickens, das kranke Kind der von Scrooge schlecht behandelten Mitarbeiterin Mrs. Cratchit (Lena Mausser, die auch die Lehrerin gibt und heuer Regie führte).
Auch wenn hier im Text nicht alle Mitwirkenden genannt werden, so seien dennoch einige noch unbedingt erwähnt: Für die Choreografie sorgte Rita Sereinig, als Dance Captain agiert Emily Fisher, die von der Nichte Laureen in Cathleen Fezziwig und einen Tanzgeist wechselt. Für die passenden, üppigen Kostüme zeichnet – wie immer – Brigitte Huber und für die Maske Renate Harter verantwortlich.
Was die teatro-Aufführungen auch auszeichnet: Live spielt auf der Bühne ein kleines Orchester: Klavier: Walter Lochmann, der auch die Arrangements zu dem Kompositionen von Norberto Bertassi (auch Intendanz, Bühnenbild sowie Scrooges Vater und einen Arzt spielt) schrieb; Gitarre: Wilfried Modlik; Bass: Stephan Först; Violoncello: Elisabeth Zeisner; Querflöte: Katrin Weninger; Percussion: Wolfgang Wehner.
Zum zweiten Mal gastierte teatro damit im gut gefüllten Wiener Globe Theater. Die Gruppe verbindet seit mehr als einem ¼ Jahrhundert Kinder, Jugendliche und erwachsene Profis zu einem harmonischen Ensemble, in dem die Jungen und Jüngsten gleichwertig agieren; so manche aus diesem Kreis schlagen dann auch eine professionelle Karriere ein, wie nicht zuletzt Moritz Mausser. Der Falco-Darsteller im Wiener Ronacher und nun in der Rolle von Maria Theresias Gegenspieler Friedrich II hatte bis vor drei Jahren
„In Zeiten, in denen Menschen weltweit mehr auf ihre Differenzen als auf ihre Gemeinsamkeiten achten, in denen Krieg und Armut herrscht, in denen gespaltet statt geeint wird, wäre es schön, wenn die drei Geister der Weihnacht unserer Geschichte vielleicht nicht nur den grantigen, geizigen Scrooge heimsuchen, sondern auch mal wieder durch die Welt fliegen und einigen anderen Menschen einen Besuch abstatten. Vieles könnten Sie doch lernen, von Nächstenliebe bis hin zu der Freude an den kleinen Dingen im Leben, und sich vielleicht wie Scrooge doch noch ändern“, schreibt Lena Mausser, Regisseurin – und wie schon erwähnt in den Rollen der Lehrerin sowie der von Scrooge unterirdisch behandelten Mitarbeiterin Mrs. Crachtit – der Jubiläums-Aufführungsserie im – wie immer – umfangreichen, lesenswerten Programmheft.
familien-musicals-scrooge-mal-2 <— damals noch im Kinder-KURIER
geht-s-dem-geizkragen-an-den-kragen <— auch noch im KiKu
„Schnurrige Weihnachten“ zeigt von Lieblingsmenschen nur Füße und Hände und rückt die Sicht des wohnungsbesitzenden Katers und einem neuen Kätzchen ins Zentrum von Text und Bildern.
Und hier noch eine Besprechung eines (vor-)weihnachtliches Buches mit vielen Bildern. Schon der Titel „Schnurrige Weihnachten – Bo und Flöckchen warten aufs Christkind“ und natürlich das Cover verraten, dass zwei Katzen im Mittelpunkt der Geschichte von Christine Auer (Text) und Kristin Pfannkuchen (Illustration) stehen.
Hin und wieder kommt der Lieblingsmensch von Kater Bo vor – aber nur auf drei der zwölf Doppelseiten sind ein Teil der Arme und Beine von diesem zu sehen. Ansonsten spielt sich alles unter den Katzen ab. Und das ist anfangs gar nicht so einfach. Bo ist alles andere als erfreut, als eines Tages ein Korb mit einem kleinen weißen Kätzchen steht – samt vielen Umzugskartons und einem zweiten Menschen, der bisher öfter schon zu Besuch war. Da aber ohne Vierbeiner.
Und dann will dieses quietschvergnügte, ausgelassen herumspringende und -laufende Kätzchen namens Flöckchen noch mit lauter Glitzerzeugs das ganze Haus weihnachtlich schmücken. Das passt Bo, dem Hausherren, so gar nicht. Als eines Tages Flöckchen mit ihrem Lieblingsmenschen außer Haus ist, verräumt Bo alles in seinem Versteck.
Doch statt nun froh zu sein, plagt den Kater schlechtes Gewissen, als er die heimkommende Katze ur-traurig sieht – und erlebt.
Und so kommt wie’s kommen muss ein Happy End. Bo rückt den Weihnachtsschmuck wieder raus. „Als Bo sieht, wie sich Flöckchen freut, wird ihm ganz warm vor Glück…“
(Vor-)Weihnachten heißt in vielen Theatern: Ein Stück für Kinder muss ins Programm. Schon lange nicht mehr immer eines, das mit dem bevorstehenden Fest und seiner Geschichte zu tun hat. Aber sehr oft jedenfalls ein Klassiker – entweder Märchen oder bekannte (Kinderbuch-)Figuren. Das Theater Forum Schwechat (übrigens mit der S-Bahn wirklich schnell von Wien aus erreichbar) baut sich seit einigen Jahren jeweils einen eigenen witzigen Märchen-Mix, aufgepeppt mit Musical-Einlagen.
Heuer (2025) ist es „König Drosselbart leicht verhext!“. Die Grundgeschichte dieses Märchens bleibt: Eine hochnäsige, eitle, überhebliche, alle anderen Menschen abwertende Prinzessin. Ein König, der sich in sie verliebt, den sie genauso erniedrigend abweist. Und ein Fluch, der sie dazu verurteilt, den nächstbesten Bettler zu heiraten und unter ärmlichen Verhältnissen leben zu müssen. Und natürlich, wie sich’s für ein Grimm’sches Märchen gehört: Happy End. Die verstoßene Prinzessin lernt Mitgefühl und der „Bettler“ entpuppt sich als – eben König Drosselbart…
Hier spielt sich’s in 1¼ Stunden, gewürzt mit eigenen Songtexten zu Melodien bekannter Hits, unter anderem zwei von ABBA (Details, siehe Info-Box) natürlich ein bissl anders ab. Abgesehen davon, dass die Prinzessin wenigstens einen Namen kriegt – Glinda (gespielt von Nadine Schimetta) – ist sie eine Internet-Celebrity. Aber sogar das bewerkstelligt sie nicht selber. Dafür hält sie sich eine Untergebene: Influencer-Schlumpfine. In deren Rolle springt die künstlerische Leiterin des Theaters, die sich auch – wie immer – die Geschichte ausgedacht und Regie geführt hat, ein (der vorgesehene Schauspieler, David Kieber, ist länger erkrankt). Die Influencerin filmt aber nicht nur ihre Chefin, sehr häufig dreht sie die Kamera-Ansicht und setzt sich selbst zentral und groß ins Bild.
Und dies geht technisch ausgetüftelt über die Bühne. Schlumpfine spielt nicht nur, als würde sie filmen, sie tut es mit einem Smartphone tatsächlich live. Die Bewegtbilder werden auf zwei senkrechte große Monitore überspielt – Zwischenstation einer von zwei Laptops, von dem aus dies gesteuert wird. Vom zweiten aus landen – teils KI-generierte – Bilder und Animationen als „Kulisse“, beispielsweise viele getöpferten Vasen und Töpfe, in einem Regal (Bühnenbild und diese Video-„Zauberei“: Thomas Fischer-Seidl sowie Werner Ramschak, Daniel Truttmann, Jakobus van Ederen, Manuela Seidl, Amy Parteli).
Zurück zum Schauspiel: Neu – im Gegensatz zum Original – ist eine grüne Hexe namens Elphaba (Amy Parteli), gleichzeitig die beste Freundin von Drosselbart (Mirkan Öncel). Sie ist es, die Glinda, nachdem sie Drosselbart als 10.000 Heirats-Bewerber gedemütigt hat, dazu verzaubert, sich dem besagten Bettler anzuschließen. Obendrein verhext sie die eigentlich selber Möchte-gern-Influencerin Schlumpfine zum Handy-Entzug.
Hier ist es übrigens nicht der Vater der Prinzessin, sondern ihre Mutter, auch die bekommt einen Namen, Marlene (gespielt von Sandra Högl), die an ihrer Tochter verzweifelt, auch wenn sie gleich in der Eingangs-Szene ein nicht unähnliches Verhalten vor dem großen Spiegel vorlebt. Drosselbart hat hier ebenfalls eine in Erscheinung tretende Mutter, Königin Nathalie (Sabrina Zettl).
Seit 30 Jahren und damit fast sein halbes Leben schlüpft der bekannte Autor Thomas Brezina im Advent in die Rolle eines Art Weihnachtsmanns, bringt Kindern in der Klinik Ottakring (vormals Wilhelminenspital) Bücher – Und Zeit für das eine oder andere Gespräch mit jungen und jüngsten Patient:innen. Aber auch der Gabenbringer fühlt sich selber beschenkt – durch die Freude der Kinder.
Die Aktion gemeinsam mit den Kinderfreunden war heuer zum runden Jubiläum noch ein bisschen größer – von der Begleitgruppe von Funktionär:innen und mit einem aufblasbaren 3er und 0er für Fotos neben und unter einem geschmückten Weihnachtsbaum im Eingangsbereich des Krankenhauses. Die Dutzenden Bücher wurden von den Verlagen G & G, Joppy und edition a zur Verfügung gestellt.
„Dass wir nun schon seit drei Jahrzehnten Kinder in der Klinik Ottakring besuchen dürfen, erfüllt mich mit großer Dankbarkeit. Die Freude der Kinder ist jedes Jahr aufs Neue ein riesiges Geschenk. Besonders berührt mich, dass mich heute Erwachsene ansprechen, die damals als Kinder hier lagen und sich noch an meinen Besuch erinnern. Mein größter Respekt gilt allen Mitarbeiter:innen der Kinder- und Jugendabteilung, die so viel dafür tun, dass sich Kinder und Eltern im Krankenhaus wohlfühlen. Es ist wunderbar, dass wir mit dieser Aktion seit so vielen Jahren Freude bereiten können“, erklärt Thomas Brezina in einer Medien-Aussendung der Wiener Kinderfreunde.
Margarethe Maurer, Bereichsleiterin Pflege der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde der Klinik Ottakring, betont die besondere Bedeutung des Jubiläums: „Die Kinder freuen sich jedes Jahr sehr. Wenn Thomas an ihr Krankenbett kommt und sich mit ihnen unterhält, gibt es immer leuchtende Augen. Wir bedanken uns herzlich für diese jahrzehntelange Treue und die unvergesslichen Momente für unsere Kinder und ihre Eltern.“
„Diese schöne gemeinsame Aktion mit Thomas Brezina ist das Highlight unserer alljährlichen Weihnachtsbuchaktion. Seit den frühen 50er Jahren schenken die Kinderfreunde Bücher an Tausende Kinder und ermöglichen ihnen in Wien den Besuch eines Kinder(freunde)Musicals im Raimund Theater“, erklärt Nationalratsabgeordneter Christian Oxonitsch, Vorsitzender der Wiener Kinderfreunde. Apropos: Mehr zum diesjährigen Musical-Geschenk für rund 6000 Kinder in mehreren Vorstellungen in einem KiJuKU-Bericht am Ende des Beitrages verlinkt.
Vor elf Jahren, 2014, begleitete der Kinder-KURIER, Vorläufer von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… Brezina bei seinen Krankenbesuchen in der Kinderabteilung des Krankenhauses im 16. Bezirk in Wien. Auf die Reporter-Frage, warum er bei dieser Aktion mitmache, meinte Brezina: „Ich komm jedes Jahr echt sehr gerne her, weil dieses Krankenhaus eine Atmosphäre ausstrahlt, dass es den Kindern und Jugendlichen hier gut geht und die Kinder sich über meinen Besuch, die Bücher und die Gespräche freuen. Und an dieser Freude teilhaben zu können, freut natürlich auch mich.“ (kiku.at – 2014; gesamter Beitrag unten ebenfalls verlinkt).
brezina-als-weihnachtsmann-im-wiener-wilhelminenspital <– damals im Kinder-KURIER
Der samtrote Vorhang wird zur Seite geschoben und auf der Bühne: Nichts als Wäscheleinen, behängt mit Socken, Geschirrtüchern, Kleinstkindergewand und einem riesigen Leintuch und Teebeutel (?). Rätselnde Blicke zu Beginn eines nicht ganz einstündigen Programms dreier Duos im „erstbesten Theaterhaus für Clownerie, dem Theater Olé in Wien-Landstraße.
Doch das erste Duo versteckt sich nicht zwischen oder hinter den Wäschestücken und den doch irritierend hier hängenden Teebeuteln. Aber clowneske Schauspieler:innen machen so manch scheinbar verrückte Dinge 😉
Christoph Singewald und Odilia Hochstetter als Kuno und Gloria tauchen dann von hinter dem Publikum auf – das darf gespoilert werden, noch sind keine weiteren Termine bekannt. Mit einem Wäschekorb. Und natürlich kommt’s beim Abhängen zu ziemlichem Chaos. Kleidungsstücke wie zwei Hosen werden von dem beiden zu eigenem Leben erweckt, die durch die Welt wandern. Und nachdem sie einmal erwähnen, sie müssten da jetzt eigentlich schnell die Wäsche im Korb verstauen, um die Bühne für das Theater frei zu machen, ruft mindestens eines der Kinder immer wieder „nicht stressen!“. Hin und wieder aber ergänzt von einem „ihr müsst noch aufräumen!“ Womit jene Kinder, die spontan reinrufen mindestens so viel Lacher kriegen wie die Bühnen-Clown:innen. Immerhin haben sie so ge-checkt, dass Clownerie nicht selten von Widersprüchlichkeiten lebt.
Das Prinzip von Gegensätzen, die – entsprechend gespielt – für viel Lachen sorgen, setzen die folgenden beiden Duos als scheinbare Gegner:innen. Zunächst schlüpfen Emanuelle Bidaud und Brigitte Cwickl als Dores und Bridget in die Rollen von Polizei und Verbrechen. Die Verbrecherin sorgt – trotz Bemühungen – nicht und nicht dafür, dass sich das Publikum fürchtet. Bitte, eher sogar bettelnd: „könnt’s euch ned a bissl fürchten!“
Erst als die Polizistin die insbesondere jungen und jüngsten Zuschauer:innen bitte, wenigstens so zu spielen, dass ihr euch fürchtet. Das gelingt, auch wenn insbesondere die Kinder mehr als nur durchblitzen lassen, dass sie ihre Angst mehr als übertreiben spielen…
Widersprüchlich auch die Ausgangsbasis für Duo Nummer 3 – alle sechs Clown:innen haben den zweisemestrigen Workshop des Theaters Olé absolviert: Alexander Czernin und Roman Seidl geben sich als Chef und Bauhackler, der auf die herrischen Anweisungen per Hand-zeigen da und dort was ausmessen muss. Bis das Maßband zum Blechsalat und gar zur Fessel für den Boss wird. Bis sie – wie auch das Duo zuvor einfach die Kopfbedeckungen tauschen – Bauhelm für den Chef und Polizeikapperl für die Verbrecherin…
Als gemeinsamen Titel für ihre dreiteiligen lustigen Duette verwenden sie den fast schon in Vergessenheit geratenen Begriff „Dreikäsehoch“ und fügen dem ein „in kariert und gestreift“ hinzu.
Wobei – wie Wikipedia weiß – dieser nicht nur „2007 zum drittschönsten bedrohten Wort der deutschen Sprache gewählt“ wurde, sondern vielleicht gar nix mit drei übereinander gestapelten Käselaiben als Größenangabe für Kinder zu tun haben könnte. „Andererseits wird vermutet, dass das Wort … vom französischen Wort caisse (deutsch: Kiste, Kasten) abstammt.“
Demnächst wird – wie jedes Jahr – in vielen Wohnzimmern vor dem Nadelbaum mit Glas- Kunststoff- oder auch selbst gebasteltem Schmuck ausechten Strohhalmen eines der wohl berühmtesten Lieder der Welt gesungen. Zu Weihnachten gehört „Stille Nacht! Heilige Nacht!“
In mehr als 300 Sprachen bzw. Dialekte ist jener Text, den Joseph Mohr 1818 gedichtet hat – zur Melodie, komponiert von Franz Xaver Gruber -, übersetzt worden. Übrigens hat Mohr sechs Strophen geschrieben, meistens werden nur die ersten beiden und die letzte gesungen.
Aber alle sechs Strophen sind – und das gleich zwei Mal – Teil des Bilderbuchs. In wenigen, knappen Sätzen und großen bunten Bildern, im Stile alter künstlerisch angefertigter Kinderzeichnungen – wird die (mögliche) Entstehungsgeschichte von Text und Musik dieses Liedes geschildert. Armut und schwere Lebensbedingungen schienen – dem Buch zufolge – am 24. Dezember 1818 durch, mit und nach dem Singen dieses Liedes in der römisch-katholischen Kirche St. Nikola in Oberdorf bei Salzburg fast wie weggeblasen. Wenigstens für einig Stunden. So die Legende.
Übrigens erfahren wir aus diesem Bilderbuch, das heuer, zehn Jahre nach dem ersten Erscheinen, neu aufgelegt wurde, warum die Melodie sozusagen zu einem Ohrwurm geworden ist. „Die Orgel in St. Nikolaus war alt und beschädigt. Franz Xaver Gruber versuchte also, für das Gedicht eine einfache Melodie zu finden, die sich leicht mit der Gitarre begleiten ließ.“
Nachdem das Duo aus Textdichter und Komponist das neue Lied anstimmten, und alle in der Kirche zunächst andachtsvoll gelauscht hatten, „verwandelte sich die Stille in einen großen Gesang…“
Die (ur-)alte Kirche wurde knapp mehr als 100 Jahre danach – nach dem ersten Weltkrieg (1914 – 1918) in langer Bauzeit (1924 – 1936) durch eine neu errichtete „Stille-Nacht-Gedächtniskapelle“ ersetzt. Vor fast 15 Jahren (2011) wurde das Lied von der für Bildung und Kultur zuständigen Organisation der Vereinten Nationen, UNESCO, zum immateriellen Kulturerbe in Österreich erklärt (Quelle: wikipedia, nicht das hier besprochene Bilderbuch)
Übrigens ist das Lied mit seinem Text so stark unter viiiielen Menschen in Hirn und Herz verankert, dass es den Nazis nicht gelungen ist, ihre Umdichtung, in der es unter anderem hieß, dass Adolf Hitler über alle wacht…, breit durchzusetzen!
Irgendwie trist die Bühnen-Szenerie, wenn das Publikum den Theaterort betritt: eine von einer hölzernen Bande U-förmig umgebene Bühne mit 15 leeren Sesseln. Nicht ganz leer – über den Lehnen hängen rote Uniformjacken. Hinter der Bande im vorderen rechten (vom Publikum aus) Eck dann doch drei Menschen in ebensolchen Blazern (Bühne und Kostüm: Rosa Wallbrecher; die uniformen Jacken sind eine Spende der Blasmusikkapelle „Harmonie“ aus dem Schweizer Wettingen-Kloster).
Das Schauspiel beginnt mit der Begrüßung zur Versammlung des Vereins, Feststellung der Beschlussfähigkeit und dem Hinweis, dass eigentlich 15 Minuten gewartet werden müsste, um verspäteten Vereinsmitgliedern die Möglichkeit zur Teilnahme zu gewähren.
Nein, das Publikum muss nicht warten, in Übereinstimmung mit diesem wird auf diese ¼ Stunde verzichtet und die erste Abstimmung – samt Publikum – kann starten. Es geht um die – wie der Stücktitel dieser österreichisch-schweizerischen Koproduktion schon verspricht – „Rettung der Blasmusik“.
Von manchen noch immer mit dem Vorurteil behaftet, überholt, von gestern, sehr konservativ, hat sie sich schon lange aus dieser Ecke gespielt. Das musste auch die ÖVP im Frühjahr 2024 beinahe leidvoll erfahren. In ihre selber vom Zaun gebrochene Kampagne zur „Leitkultur“ baute sie etliche Fotos von Blasmusik-Kapellen ein. Die damalige Jugendstaatssekretärin, in der jetzigen Regierung Kanzleramts-Ministerin für Familie, Integration, Europa, spielt selber seit ihrem 10. Lebensjahr Zugposaune in einer solchen in ihrem Heimatort Walding (Oberösterreich).
Doch der Präsident des Österreichischen sowie Landesobmann des steirischen Blasmusikverbands Erich Riegler wehrte sich öffentlich gegen die Vereinnahmung. „Als ich zu musizieren begann, glichen etliche Blasmusikkapellen noch Altherren-Clubs“, zitierte ihn die Wochenzeitung Falter. „Doch im Laufe der Jahrzehnte seien immer mehr junge Menschen – vor allem Frauen – aktiv geworden. Bei den unter 30-Jährigen stellen sie mittlerweile die Mehrheit, nämlich 55 Prozent der Mitglieder. Heute findet sich im Repertoire der Blasmusikkapellen auch viel zeitgenössische Musik.“ (Falter) „Wir schöpfen aus unserer Tradition und entwickeln uns weiter…Wir sind für alle offen.“ (Erich Riegler).
In der Blasmusik spielten „Menschen aller Geschlechteridentitäten, aller Altersgruppen und aller sozialen Schichten“; auch „Menschen mit Beeinträchtigungen“ seien willkommen, zitierte der Standard den Blasmusikpräsidenten. Und: In einer Musikkapelle „ist es egal, woher ein Mensch stammt, welchen Glauben er hat und mit welcher politischen Richtung er liebäugelt“, alle seien gleich viel wert.“
So zurück zum Schauspiel – das Publikum stimmt wohl immer für die Fortsetzung der Rettungskampagne. Wenn nicht, fällt dem Schauspiel- und Musiktrio sicher auch etwas ein.
Vereinsprozeduren werden abgewickelt mit allen bewussten auf unfreiwillig gespielten laienhaften Reden. Und immer wieder wird natürlich wirklich geblasen – Christian Spitzenstätter, Nora Winkler und Max Gnant spielen Klarinette, Zugposaune, Horn und dazu hin und wieder eine große Trommel (Regie: Simon Windisch).
Das Klischee vielen Biertrinkens wird bedient, aber auch die Aufstellung eines Art Maibaums in einer Bierkiste (Mastkonzeption/-bau und Rigging: Nik Huber). Diese erklettert Max Gnant, um beim dosierten, urlaaangsamen Runterrutschen gleichzeitig ein Horn zu blasen und dies noch gekonnt musikalisch im Zusammenspiel (Komposition: Robert Lepenik) mit seinen beiden Kolleg:innen zu ebener Erd.
Und nicht zuletzt wird das Publikum gegen Ende nochmals und dann musikalisch eingebunden, wie, das sei aber hier nicht gespoilert. Nach Wien und Graz (Kristallwerk) dann wieder Wien (jeweils Theater am Werk / Petersplatz), im Jänner tourt die Koproduktion von „bum bum pieces“ (Österreich) und vanderbolten.production (Schweiz) dann in der Schweiz – Baden, Bern, Zug.
Übrigens: Spätestens seit dem Festival „Woodstock der Blasmusik“ in Ort im Innkreis (Oberösterreich) ab 2011 in Österreich und international nicht zuletzt beim jährlichen Guča-Trompetenfestival (Dragačevski sabor u Guči, eine halbe Million Besucher:innen, was 2009Rekord war) wissen viele auch über die Bläser:innen hinaus, dass die altbackene Ecke längst überholt ist. Auch wenn parteipolitisch versucht wird – siehe oben sowie die Aufsplittung zwischen Volks- und anderer Kultur durch die blau-schwarze Landesregierung in der Steiermark – das Rad zurückdrehen zu wollen.
Und das Stück „Zur Rettung der Blasmusik“ selber thematisiert in verschiedenen Szenen immer wieder auch die Wichtigkeit des Vereinslebens rund um die örtliche Blasmusik für insbesondere kleinere Gemeinden.
Teuflisch böse blickt dir eine urwütende dunkelrote mehr als unsympathische Figur von der Titelseite dieses Bilderbuchs entgegen. In großen schwarzen hingemalten Buchstaben prangt daneben „NUR ICH“ als erster Teil des Buchtitels, in lieblicherer roter Schrift darunter die Fortsetzung „allein will Omas Farbe sein!“
Und es bleibt nicht beim Rot, das diesen Anspruch stellt. Die Story: sehr unzufrieden lümmelt Pippa auf der Couch – mit zehn „o“ versieht die Illustratorin Angela Holzmann das „so“ vor dem langweilig, wie das Mädchen den eigenen Gemütszustand beschreibt. Da schlägt auf der nächsten Doppelseite offenbar die Mutter vor: „Mal Oma doch ein buntes Bild, / das von Farben überquillt!“
Als Antwort reimt Autor Michael Schwankhart: „Und welche Farben nehm ich da, / für das Bild der Omama?“
Und damit beginnt die Geschichte, die sich um den Vor-Kampf der Farben dreht und so symbolisch für vieles in Konkurrenzdenken steht: „NUR ICH“ – wie schon am Beginn das Rot auf der Titelseite entgegenbrüllt, so spielen sich der Reihe nach ganz ähnlich auch blau, rosa, gelb, violett, grün, orange… auf. Bevor Pippa auch nur einen Pinselstrich malen kann, dominiert jeweils eine der Farben das Geschehen, will die junge Malerin davon überzeugen dies und nur diese zu verwenden. Nur sie sie schließlich die schönste, größte, beste Farbe…
Zu den entsprechenden Reimen der sich als die einzig Wahre aufspielenden Farben, hat die Illustratorin ganz schön wilde Bilder eben (fast) nur in dieser Farbe auf der jeweiligen Seite gemalt.
Wie die Geschichte ausgeht?
Das sei hier nicht verraten, aber vielleicht fällt dir ja eine eigene Lösung ein – und wirst möglicherweise staunen, wenn du dann dieses Buch liest und anschaust. Wahrscheinlich kommst du auf ein Bild, das zwar ganz anders aussehen könnte als das Schlussbild in diesem Buch, aber im Prinzip wird dein Bild oder die Vorstellung eines solchen nicht viel abweichen von dem, was sich das Duo Autor und Illustratorin einfallen haben lassen.
Ein alter, geöffneter, Koffer, aber so hingelegt, dass das Publikum nicht reinschauen kann. Nur, wer ein bisschen seitlich sitzt, sieht, dass es da aus dem Koffer leuchtet. Ein zweiter, offenbar ebenso alter Koffer, der aber lange zu bleibt und aufgestellt bei einer elektronischen Musikanlage steht. Und dann steht da auf der Bühne, vor der viele Kinder auf Matten Platz nehmen, eine uralte Stehlampe, an deren Stange zwei Regenschirm hängen, einer mit Rüschen-Rand. Ach ja, „da ist eine Schatztruhe“, entdecken noch Kinder, die beim Warten genau schauen.
Bevor das Schauspiel „Wirrum Warrum Wunderglocke“ aber anfängt, mischt sich die Regisseurin Nico Wind unters Publikum, stellt sich vor und lädt alle ein, sich an einem Wünsche-Ritual zu beteiligen: Hände reiben, öffnen, Wunsch reinsagen und ihn in die Lüfte blasen. Jetzt einmal wünschen sich – mit ihr – alle, dass das Theaterstück (endlich) losgeht.
Veronika Vitovec und Theresa Seits betreten in bunten Latzhosen und farbenfrohen Socken und Schuhen die Bühne, erstere legt sich in den geöffneten Koffer, Zweitere versteckt sich hinter dem Turm mit Musikgeräten. Sie wird immer wieder auch live Töne und Klänge in die Szenerie schicken. Aber sich auch – wie die Erstgenannte, die zuerst eine Hand, dann einen Fuß und schließlich ihr Gesicht aus dem Koffer schauen lässt – in eine Fee verwandeln.
Plötzlich rollt ein kugelrunder Wollknäuel zur nun aus dem Koffer gestiegenen Veronika Vitovec. „Was hast du da?“, fragt Kollegin Theresa Seits. „Eine Wunderglocke, die kann Wünsche erfüllen!“ Die eine wünscht sich die andere her und die eine gemeinsame abenteuerliche Reise.
Auf eine solche nehmen die beiden sich und das Publikum rund eine Stunde lang mit. Dabei „verzaubern“ sie einen weiteren Regenschirm in eine Maus namens Warrum, aus dem ersten und später aus dem zweiten Koffer Stoffbahnen (Ausstattung: Myriel Meißner), die fast nie zu enden scheinen und diese in schlangenlinienförmige Wege und so manche Tiere, zum Beispiel einen Igel. Die Musikerin selbst wird zum Maulwurf, der sich als Rapper versucht.
Und rund um diese beiden Tiere, vor allem aber den Igel, ein flauschig-weiches Stoffbündel, das sich von Kindern streicheln lässt, erzählen die beiden, dass die Menschen ihm und seinesgleichen kaum Laub liegen lassen, das sie aber brauchen für ihren Bau. Eigentlich würden sie ja Winterschlaf halten, aber sie finden dafür häufig nicht genug Nahrung, um sich darauf vorzubereiten.
Dies geht, wie die ganze Geschichte des Theaterstücks, aus von dem Buch „Die magische Weihnachtsglocke“ von Brit Blumilon. In 24 Kapiteln – wie so manch andere „Adventkalender“ in Buchform – erlebt Elfe, die im Buch Lisabella heißt, mit tierischen Freundinnen und Freunden Abenteuer. Die Regisseurin hat gemeinsam mit den beiden Schauspielerinnen, ausgehend von diesem Buch das Stück recht frei entwickelt. Unter anderem trifft sie auf Igelin Ida, die ihre Familie verloren hat. (Buchbesprechung folgt in ein paar Tagen).
Das Igel-Kapitel hat das Theaterteam stark berührt, weshalb sie dieser Geschichte auch viel Zeit einräumten, im Foyer liegen auch Materialien einer Igel-Initiative auf. „Vielleicht auch, weil ich selber in meinem Garten, den ich jetzt so richtig verwildern lasse, eine Igel-Rettungsstation habe“, ergänzt die Regisseurin. Igel fressen vor allem Käfer und die finden sie oft in Totholz. Bei Schnecken und Würmern können sie sogar so krank werden, dass sie ihre Stacheln verlieren…“, sprudelt Nico Wind begeistert im Gespräch mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… nach der Vorstellung drauf los.
Nun, die beiden Schauspielerinnen wollen die Wunderglocke ins Elfendorf zurückbringen und kommen dabei auch zwischen den auf den Matten sitzenden Kindern vorbei. Hin und wieder im Laufe dieser Stunde – für die Kindergartenkinder irgendwann zwischendurch ein wenig zu lang – dürfen sie mit den Händen auf den Boden trommeln, auch sonst sind sie – oder einig von ihnen – manchmal gefragt. Was schwierig ist, wieder einzufangen.
„Töchter der Kunst“, so die Theatergruppe, tourt nach Donaustadt, Floridsdorf, Simmering (Bears in the Park, in der Nähe der Gasometer), mit und für Junge Theater Wien noch Favoriten und Liesing – Termine in der Info-Box am Ende.
In Simmering stand der Reporter vor der Hausnummer 12 in der Eyzinggasse ein wenig verloren, sah aber eine Kindergartengruppe den Gehsteig entlang kommen. Also Frage: Geht ihr zum Theaterstück? Ja, wir gehen auch zum Theater, der Eingang zum Veranstaltungsort „Bears in the Park“ ist um die Ecke in der Otto-Herschmanngasse.
Nach dem Stück plaudern die Vorschulkinder aus dem Kindergarten Rinnböckstraße zum einen darüber, was ihnen am besten im Stück gefallen hat. Sehr häufig nannten die jungen Theaterbesucher:innen den Igel, einer ergänzte, „weil er nicht echt war“, andere hatten auch eine Giraffe gesehen. „Alles“ meinte eines der Kinder und sofort schlossen sich andere an.
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… wollte aber, nachdem es ja viel ums Wünschen gegangen war, wissen, was sich die Kinder wünschen. Da reichte die Palette von „eine Uhr, aber eine richtige“ über einen Roller, einen Hund, ein Auto, eine Krone bis zu einem Fahrrad. Als schon fast alle Kinder abgerauscht waren, um Schuhe und Jacken anzuziehen, meinte ein Mädchen noch schüchtern: „Ich wünsche mir Malen“, auf Nachfrage, „ja selber malen will ich“. Vielleicht erfüllt sie ja mit gemalten Bildern den einen oder anderen der Wünsche ihrer Kindergartenkolleg:innen.
Ein bunter „Fallschirm“ wie er vor allem von Kinderfesten bekannt ist, wird von einigen, auch meist farbenfroh gekleideten, Menschen vor dem Seitentrakt des Burgtheaters aufgespannt. Kinder laufen drunter hin und her. Ein bemalter Regenschirm tanzt auf dem abwechselnd rauf und runter gezogenen bunten Tuch auf und ab. Viele Touris fotografieren und filmen die kleine Gruppe, nicht selten von anderer perspektive mit Blick auf den erleuchteten Christkindlmarkt vor dem Wiener Rathaus.
Hin und wieder, leider zu selten, rufen einige aus der Gruppe den Grund ihrer fröhlichen Aktion – mit ernstem Hintergrund: „Amerlinghaus muss bleiben!
Es geht um dieses unabhängige Kulturzentrum im nahegelegenen siebenten Bezirk, Wien-Neubau, für das die Stadt Wien die Subvention so stark kürzen will, dass es im Frühjahr 2026 mehr oder minder den Betreib einstellen müsste.
Wenige Tage zuvor, in der ersten Dezemberwoche, gab es eine Demo mit mehr als 500 Teilnehmer:innen für den Erhalt des Amerlinghauses als Kulturzentrum. „Mei Deitschkurs is net deppat!“, war wohl das kreativste der Protestplakate bei der Demonstration gegen die massive Subventionskürzung für das unabhängige Kulturzentrum Amerlinghaus in Wien-Neubau. Vor 50 Jahren durch die Besetzung des damals eher baufälligen Hauses überhaupt erst – so wie die anderen alten Häuser am „Spittelberg – heute längst als mustergültige Sanierung eines Viertels gefeiert.
Budgetnot ist überall. Daher sparen, sparen, sparen! Kürzen, kürzen, kürzen! Aber wo?
Nun, selbst in der Stadt Wien, die immer Wert darauflegt, sozial und kulturell zu sein, wird bei Beschäftigungsprojekten in der Suchthilfe, Deutschkursen, der Unterstützung für Menschen die aus Ländern flüchten mussten, in denen sie Gefahren ausgesetzt sind, aber dennoch kein Asyl bekommen haben, und vielem mehr der sprichwörtliche Rotstift zur Hand genommen.
Eines dieser Projekte, das bedroht ist: Das Amerlinghaus. Es bietet physisch und geistig Raum für Dutzende kulturelle, politische, soziale Initiativen und Vereine, viel Diskussionen, Deutschkurse, eine selbstverwaltete reformpädagogisch Kindergruppe und, und, und…
Erst Anfang Oktober wurde ein fast 300 Seiten starkes Buch mit 50 Kapiteln zur Geschichte, Philosophie, einzelnen Initiativen und Bewegungen, u.a. Frauenbewegung, Kampf um demokratische Mitbestimmung, Kinderrechte, zivilgesellschaftliches Engagement, solidarisches Zusammenleben, Diversität und vieles andere präsentiert – nicht zuletzt mit vorweihnachtlichen Keksen, entsprechend dem Buchtitel: „Spekulatius statt Spekulation!“ Einem der Sprüche, die irgendwann bei einer Aktion in den Anfangsjahren – wo es ja um die Rettung des gesamten Spittelbergs und seiner – heute längst geschätzten – renovierten alten Häuser ging, die vor einem halben Jahrhundert bedroht waren aus Spekulationsgründen alle abgerissen und durch – höhere – Neubauten ersetzt zu werden.
Bei dieser Buchpräsentation waren natürlich Finanzen auch ein Thema, weil das Kulturzentrum in den 50 Jahren seines Bestehens immer wieder darum kämpfen musste. Doch, so hieß es Anfang Oktober noch hoffnungsfroh, das Jahr 2026 wäre gesichert. Nun will die Stadt Wien die Unterstützung auf unter 150.000 Euro und damit rund die Hälfte der erforderlichen Mittel wie Energie, knappe Personalressourcen kürzen. Was übrigens wahrscheinlich sogar weniger ist als der zweite – ohne Ausschreibung – bestellte Geschäftsführer der Wirtschaftsagentur Wien, der ehemalige ÖVP-Wien-Chef Manfred Juraczka – kosten wird.
Sehr geehrter Herr Bürgermeister Michael Ludwig,
sehr geehrte Frau Vizebürgermeisterin Bettina Emmerling,
sehr geehrte Frau Stadträtin Veronica Kaup-Hasler,
sehr geehrte Frau Stadträtin Barbara Novak,
Die geplanten Kürzungen bei der Förderung von Kunst und Kultur – besonders die Halbierung der Arbeitsstipendien – haben schwere Folgen. Sie gefährden:
Gerade in Krisenzeiten sind Kunst und Kultur wichtig. Sie schaffen Orte, an denen Menschen sich treffen, nachdenken und neue Ideen finden können. Auch die Regierung hat in ihrer Erklärung „Aufschwungskoalition für Wien“ erkannt, dass Kultur für den sozialen Zusammenhalt in unserer Stadt zentral ist.
Kürzungen treffen vor allem die freie Kulturszene. Viele Projekte könnten nicht mehr stattfinden, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden ihre Arbeit verlieren, und Kulturstätten müssten schließen. Wenn engagierte Menschen ihre Arbeit verlieren, geht wichtiges Wissen verloren – und sie stehen für die Kulturarbeit nicht mehr zur Verfügung.
Die Ziele der Stadtregierung – faire Löhne und sichere Arbeitsbedingungen für Künstlerinnen und Künstler – können dann nicht mehr erreicht werden. Gleichzeitig fordert auch die EU in ihrem neuen Papier „Culture Compass“, dass Kunst und Kultur für Demokratie unverzichtbar sind und faire Bedingungen brauchen.
Wien ist weltweit bekannt für Kunst und Kultur. Wenn hier gespart wird, verliert die Stadt an Anziehungskraft – auch für Tourismus und Wirtschaft. Eine erhöhte Tourismusabgabe ab 2026 könnte helfen, aber das Geld käme zu spät, wenn 2026 bereits viele Einrichtungen schließen müssen. Dieses Geld sollte gezielt der freien Szene zugutekommen, weil diese keine festen Förderzusagen oder sicheren Arbeitsverträge hat.
Außerdem wurde in den letzten Jahren zu wenig in die freie Szene investiert. Es fehlen bezahlbare Arbeitsräume, Ateliers und Bühnen. Viele Fördermittel müssen für Miete ausgegeben werden, statt für die eigentliche künstlerische Arbeit. Die Stadt braucht mehr kostenlose oder günstige Räume, damit sich Kunst und Kultur frei entwickeln können.
Auch Kulturprojekte, die von der Bildungsabteilung (MA 13) statt aus der Kulturabteilung (MA 7) gefördert werden, sind von Kürzungen bedroht – mit denselben Folgen: weniger Vielfalt, Projekte werden gestrichen, Menschen verlieren ihre Jobs.
Sparen darf nicht auf Kosten der Kunst, Kultur und sozialen Sicherheit gehen.
Wir fordern deshalb:
Außerdem bleiben alle Forderungen aus dem „4-Themen-Programm der Interessengemeinschaften für Kunst und Kultur“ vom April 2025 bestehen.
Dieser Brief wurde am 24.11.2025 verschickt.
Unterzeichnet haben:
Berufsvereinigungen der bildenden Künstler Österreichs, Zentralverband
Forum Literaturübersetzen Österreich
Forum Österreichischer Filmfestivals
IG Autorinnen Autoren
IG Bildende Kunst
IG Freie Theaterarbeit
IG Kultur Wien
Kulturrat Österreich
Österreichischer Musikrat
Hier klicken, um die Originalfassung des offenen Briefs zu lesen
Wimmelbücher kennst du sicherlich, dieses kreist um Weihnachten. Auf der Titelseite mit zusätzlichem Gold-Glitzerdruck kannst du vielleicht schon stundenlang hängenbleiben, suchen und finden und wieder was Neues entdecken.
Noch mehr zum Schauen – auch ohne Glitzer – findest du natürlich im Inneren auf den großen Doppelseiten von „Mein Christkind-Wimmelbuch“ von Matthias Kahl. Sicher weit mehr als 100 Kinder im ersten Kapitel „Spiel und Spaß im Schnee“, folgen Szenen aus einer Weihnachtsbackstube, Wichtelwerkstatt, Advent in der Stadt, Christkindlmarkt, aber auch Weihnachtszauber im Wald.
Wie bei Wimmelbüchern üblich, wird dir auch beim x-ten Mal anschauen noch immer das eine oder andere Detail auffallen, das du bis dahin übersehen hast. Und sollte dir fad werden, versuch vielleicht die auf der Rückseite des Buches abgedruckten drei kleinen Bilder bzw. sechs weiteren Bildausschnitte auf den vorangegangenen Seiten zu suchen und – nicht ganz so leicht – zu finden; fast ein österlicher Brauch, nach Verstecktem zu suchen 😉
Er spielt und singt im seit dem Feiertag (8. Dezember 2025) im Wiener Raimund Theater nicht nur den „kleinen Stanislaus“ im Musical „Die drei Stanisläuse“, das die Kinderfreunde heuer – wie jedes Jahr ein anderes – rund 6000 Kindern schenken. Simon Malleczek hat auch zwei Auftritt mit verschiedenen Saxofonen. Und er ist erst 17, also nur wenige Jahre älter als sein Publikum. Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… führte kurz nach der umjubelten Premiere und vor einer zweiten Vorstellung am Nachmittag ein kurzes Interview mit dem Newcomer.
KiJuKU: Seit wann machen Sie Musik und Schauspiel?
Simon Malleczek: Eigentlich schon immer.
KiJuKU: Was heißt immer?
Simon Malleczek: Ich hab mit drei angefangen mit Geige, ich hab Fagott gespielt, ich spiel Saxofon, was ich heute auch spielen durfte. Ich hab im Kindergarten zu singen angefangen.
KiJuKU: Wie kommt man mit drei auf die Idee, Geige zu spielen?
Simon Malleczek: Das ist eine sehr gute Frage. Angeblich – ich hab keine Erinnerung daran, aber so wurde es mir immer wieder erzählt – sobald ich stehen konnte, stand ich vor der Übertragung des Neujahrskonzerts, hab mich auf Bücher gestellt und versucht das zu dirigieren. Das heißt die Begeisterung für Musik war irgendwie schon immer da.
KiJuKU: Ist nicht Geige gerade zum Beginnen schwierig?
Simon Malleczek: Es gibt auch schon kleine Geigen.
KiJuKU: Aber bei einer Flöte oder einem Tasteninstrument ist es schon leichter, bald einmal Töne zu spielen, was bei Geigen ja nicht so einfach ist?
Simon Malleczek: Ich war auch nicht besonders gut, aber die Schwierigkeit hat das gefördert, ich wollt einfach Töne rauskriegen.
KiJuKU: Und dann haben sie Musikschulen besucht?
Simon Malleczek: Ja, zuerst mit Fagott und dann mit Saxofon.
KiJuKU: Jetzt gehen Sie noch in die Schule, oder?
Simon Malleczek: Nein, ich bin nicht mehr in der Schule, ich hab in der 7. Klasse abgebrochen, ich hab schon so viele Projekte gespielt, dass ich gesagt hab, ich hör mit der Schule auf.
KiJuKU: Sie wechseln in eine Schauspiel-, Musik oder kombinierte Ausbildung?
Simon Malleczek: Genau, das Ziel ist eine professionelle Ausbildung, vorerst Schauspiel.
KiJuKU: Wie sind Sie zum Kinderfreund-Musical gekommen?
Simon Malleczek: Das war ganz witzig, ich kenn die Stella Kranner, die die jüngste Veronika spielt, schon ganz lang. Die hat mich angerufen: Ich hab ein Casting für dich! Dann war ich auf einer Konzertreise in Vorarlberg und hab ein WhatsApp-Nachricht bekommen: Heute 12.30 Uhr eCasting, geht klar? Dann bin ich von der prob weg ins Hotel gegangen, hab das eCasting gemacht und wurde genommen.
KiJuKU: Was haben Sie im eCasting gemacht – schon Texte aus den Stanisläusen?
Simon Malleczek: Nein, zwei Lieder gesungen, einen Monolog aus meinem Repertoire, ich glaub es war auch was aus dem Phantom der Oper dabei, aber ich weiß es nicht mehr.
KiJuKU: Kannten Sie die Stanisläuse-Geschichten?
Simon Malleczek: Ich bin voll mit diesen Büchern aufgewachsen, zuerst vorgelesen, dann selber gelesen. Und ich war jedes Jahr beim Kinderfreunde-Weihnachts-Musical. Ich hab im Dezember Geburtstag, war jedes Jahr – meistens genau an meinem Geburtstag mit meinen Freunden in der Vorstellung, nachher sind wir zum Christkindlmarkt gegangen. Das ist jetzt so ein kleiner Kreis, der sich gerade schließt, dass ich da mitspielen darf. Heuer ist leider an meinem Geburtstag keine Vorstellung.
Gespielt wird bis 20. Dezember – Infos im unten verlinkten Beitrag, in dem das Musical besprochen wird.
„… und natürlich den drei Veronikas!“ – schon in der mehrfach wiederholten Ansage im sich füllenden Raimund Theater ertönt eine Ergänzung zum Titel des Musicals „Die drei Stanisläuse“, das am Feiertagsvormittag seine umjubelte Uraufführung erlebte (Details in der Info-Box ganz am Ende des Beitrages). Einige der sechs Bilderbücher – geschrieben von Vera Ferra-Mikura und illustriert von Romulus Candea zwischen 1962 und 1995 – werden immer und immer wieder neu aufgelegt – Buchbesprechungen auf KiJuKU.at am Ende des Beitrages verlinkt.
Wie die Protagonist:innen aus drei Generationen greifen offenbar heutige Großeltern zu den Büchern aus ihrer Kindheit, um sie ihren Enkelkindern vorzulesen oder zu schenken. Schon die Einleitung oben deutet den wesentlichen Unterschied zwischen den Büchern und dem Musical an – nicht nur die schwungvolle, ins Ohr gehende Musik: Geschrieben und in Bildern sind Bub, Vater und Großvater die aktiven, die abenteuerlustigen, die Entdecker, die drei Generationen Veronikas sind eher die Randfiguren und treten in althergebrachten Rollen mit überholten Aufgaben in Erscheinung.
Auf der Bühne singen und spielen sie gleichberechtigt, lassen sich nicht alles gefallen. Stella Kranner als die Jüngste, das Kind Veronika, gibt ihrem Bruder, dem jüngsten Stanislaus (Simon Malleczek) schon recht früh zu verstehen, das mit der „kleinen Schwester“ könne er sich abschminken, sei sie doch größer als er. Und wenn Georg Hasenzagl als mittlerer Stanislau neben dem Wäschekorb auf unschuldig singt „ich hab ja nichts gemacht“, kontert ihm Anna Knott (die auch gemeinsam mit Janine Hickl für die Choreo zuständig ist) als Ehefrau und damit mittlere Veronika: „ja eben, das ist ja das Problem“, denn im Haushalt mit anpacken wäre ja wohl angesagt.
Was noch in einem der Songs mit teilweise Ohrwurm-Potenzial verstärkt und unterstrichen wird, wenn es heißt, dass die Welt nur ändern kann, der sich selber ändern kann. Andere Texte besingen vor allem das, was auch die Autorin der Bücher so toll in Szenen verpackt hat: Fantasie schafft Abenteuer. „Es braucht nicht viel, nur Fantasie und jedes Spiel wird schön wie nie: Wir stellen’s uns vor!“ kommt in mehreren Liedern vor – mit dem Versuch das Publikum gerade in den letzten Satz miteinstimmen zu lassen.
Die schon genannten vier Darsteller:innen – und dazu noch Elena Schreiber und Martin Petraschka als das älteste eh klar Veronika und Stanislaus-Paar – schlüpfen aber auch noch in andere Rollen. So geben die drei Frauen auch Feen, die die Stanisläuse – und das auch schon im sechsten Buch, in dem die Veronikas es auf den Titel geschafft haben – dazu bringen, Küche zu putzen und Kekse zu backen. Die drei Männer treten als diebische Mäusefänger auf.
Die Bühnenfassung hat – wie schon im Vorjahr bei „Die Omama im Apfelbaum“ nach Mira Lobe und Susi Weigel – Stephan Lack geschrieben, für Regie und künstlerische Leitung zeichnet wieder Caroline Richards verantwortlich. Die Songs komponiert und die Live-Musik geleitet hat erneut Michael Hecht, der auch Bass spielt; an den Keyboards Ed Reardon und Benjamin Alan Kubaczek und das Schlagzeug bedient wieder Lukas Schlintl. Wobei zusätzlich zu den vier Musikern der Jüngste auf der Bühne Simon Malleczek (17 – Interview in einem eigenen Beitrag) neben Schauspiel und Gesang in zwei Szenen Saxofon bzw. Sopransaxofon spielt.
Das vor allem dank – teils überraschender (Malereien!) Videoeinspielungen – wandelbare Bühnenbild stammt von Alois Ellmauer bzw. Videoproduktion: Alexander Trinkl, Lisa Punz. Da die Schauspieler:innen, die gleichzeitig auch Sänger:innen sind – eben Musical – natürlich nicht Kinder / Eltern bzw. Großeltern sind, hilft auch die generationenmäßig unterschiedliche Kleidung mit, niemanden durcheinander zu bringen (Kostüme: Natalie Pedetti Prack).
Die Kinderfreunde schenken seit fast 40 Jahren in der Vorweihnachtszeit Tausenden Kindern ein Musical, seit langem im Raimund Theater. Bis vor zwei Jahren war es fast immer ein eigens dafür geschriebenes Stück Musiktheater. Im Vorjahr wurden Konzept und Leading-Team – Bühnenfassung, Regie, Musik – verändert, seither werden Bilderbücher aus dem zu den Kinderfreunden zählenden Verlag Jungbrunnen dramatisiert. War es im Vorjahr „Die Omama im Apfelbaum“ vom Duo Mira Lobe und Susi Weigel, so bildeten heuer die sechs Bücher über die drei Generationen Stanisläuse – und in der Musicalversion viel stärker als in den Büchern die drei Veronikas, ebenfalls Großmutter – Mutter -Kind – die Grundlage für das vorweihnachtliche für Kinder kostenlose Musiktheater.
Übrigens: Dem Verlag wurde erst in der Vorwoche der Bruno-Kreisky-Preis (nach dem Bundeskanzler von 1970 bis 1983) des Karl-Renner-Instituts überreicht. In der Begründung heißt es unter anderem: „Jungbrunnen überzeugt durch seinen Mut, auch schwierige und kontroverse Themen wie Inklusion, Diversität und Nachhaltigkeit in seinen Publikationen aufzugreifen, ohne dabei die Magie kindlicher und jugendlicher Erzählwelten zu verlieren. Der Verlag setzt konsequent auf hochwertige Illustrationen, innovative Ansätze und literarische Qualität und erreicht so Generationen von Jugendlichen, die durch die Bücher nicht nur unterhalten, sondern auch zum Nachdenken angeregt werden… Die Jury würdigt den Verlag Jungbrunnen für sein nachhaltiges Engagement, kulturelle und politische Bildung zu fördern. Er ermöglicht durch seine unermüdliche Arbeit Kinder- und Jugendliteratur auf höchstem Niveau. Der Verlag ist ein Leuchtturm für die Bedeutung von Literatur als Werkzeug politischer Bildung, demokratischen Bewusstseins und gesellschaftlichen Zusammenhalts.“
Warum dann ausgerechnet Bücher für das aktuelle Musical ausgesucht wurden, die zwar Fantasie fördern, aber ein überholtes Frauenbild – auch schon in den Entstehungszeiten; 5. Buch 1974, 6. Buch 1995 – verbreiten? Na gut, immerhin hat die Musicalversion den einen oder anderen kleineren Ansatz neuerer Sichtweisen aus diesen Büchern vergrößert bzw. hinzugefügt – siehe oben.
„Veronika!“, „Veronika!“, Veronika!“ – nein, hier ruft niemand drei Mal nach einem Mädchen oder einer Frau dieses Namens. Drei Veronikas sind gesucht – Großmutter, Mutter bzw. Tochter der erstgenannten sowie deren Tochter, die natürlich gleichzeitig auch Enkelin der ältesten der drei Veronikas ist.
Obendrein ruft nicht eine einzige Person, es sind deren drei. Und wie heißen die? Jeweils Stanislaus – ihres Zeichens untereinander ebenso verwandt wie die Veronikas, nur dass die Jüngste die Schwester des dritten Stanislaus ist, während die ältesten und mittleren miteinander verheiratet sind.
Ältere Semester kennen wahrscheinlich mindestens eines der sechs Bücher von den drei Stanisläusen – sie sind die Hauptfiguren, jedenfalls die aktiv(er)en, die immer in den Titeln vorkommen in den stark bebilderten (Illustrationen: Romulus Candea) Büchern der einst bekannten Kinderbuchautorin Vera Ferra-Mikura (1923 – 1997), die sich mehr als vier Dutzend Bücher für junge Leser:innen ausgedacht und geschrieben hat. Warum hier zwei der sechs Stanisläuse-Bücher besprochen werden, liegt nicht nur daran, dass insbesondere der „Klassiker“, Band 1, schon in 20. Auflage vor drei Jahren erschienen ist. Der Hauptgrund: Das diesjährige vorweihnachtliche Geschenk der Wiener Kinderfreunde an Tausende Kinder, ein Musical im Raimundtheater, basiert auf den Ferra-Mikura-Büchern über die drei Generationen namens Stanislaus; vielleicht spielen die Veronikas größere und aktivere Rollen als in den Büchern, wer weiß? Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… wird die Premiere am 8. Dezember 2025 besuchen und danach berichten.
Aus der einen oder anderen Alltagssituation lässt die Autorin – und mit ihr der Illustrator – die Protagonist:innen, meist die drei männlichen, in fantasievolle Abenteuer gleiten. So reisen die drei Stanisläuse im allerersten der sechs Bücher – „Der alte und der junge und der kleine Stanislaus“ (1962) – mit einem Zeitungspapier-Schiff zuerst auf dem Bach und später auf einem unruhigen Strom. So wie das Schiffchen groß und größer wird, so magisch funktioniert auch das Fernrohr, das der Jüngste der drei Stanisläuse auf einmal in Händen hält – damit kann er Dinge wie eine Burg heran-zoomen – aber nicht nur näher und größer sehen, sie ist auf einmal wirklich zum Greifen nahe.
Das mit dem (Papier-)Schiff geht natürlich nur flussabwärts. Und dann ruft sozusagen das Essen zu Hause. Zubereitet von den Veronikas. Für die Rückreise hilft allerdings nicht das Fernrohr, sondern… – nein, wird nicht verraten.
Spielten die Veronikas wie schon mehrfach erwähnt eher Neben- bzw. klassische Klischeerollen, so beginnt das letzte der sechs Bücher, das immerhin die Frauen bzw. das Mädchen in den Buchtitel rückt – „Veronika!“ „Veronika!“ „Veronika!“ rufen die drei Stanisläuse“ (1995) – hoffnungsfroher, was dies betrifft. Die drei Stansiläuse sagen eines Morgens zu ihren Ehefrauen bzw. zur Schwester, sie könnten ruhig liegenbleiben, denn an diesem Tag würden die Männer bzw. der Bub sich ums Frühstück kümmern.
Was folgt, ist eine fantasievolle Szene um sieben Eier, obwohl es nur sechs Hühner gibt und – ansonsten nicht viel in Sachen Frühstück. Erst recht müssen wieder die drei Generationen Veronika ran, während die drei männlichen Figuren schon wieder auf Abenteuertrip gehen.
Allerdings ließ sich die Autorin – immerhin knapp mehr als 30 Jahre nach Band 1 und mittlerweile nur mehr wenig vom Ende des 20. Jahrhunderts entfernt – eine doch spannende List einfallen. Auf einer ihrer Stationen „nach irgendwo“ landet das Trio bei drei Feen. Und die teilen die drei Stanisläuse zu Putz- und Kochdiensten ein 😉
Übrigens scheint die Autorin mit dem ihr selber zugeteilten Vornamen Gertrude ja nicht ganz glücklich gewesen zu sein, nannte sie sich als Autorin – ab ungefähr 25 Jahren war sie freie Schriftstellerin – eben Vera 😉
Und sie schrieb auch so manches jenseits alter Rollenklischees, nicht zuletzt arbeitete sie mit der jungen Generation neuer Kinderbuchautor:innen wie Christine Nöstlinger, Renate Welsh und anderen mit am berühmt-beliebten Sprachbastelbuch (1975), in dem diese alle sehr kreativ mit Sprache gespielt haben, was damals nicht alle Erwachsenen gut fanden. Rund ein Jahrzehnt später (1984) erschien übrigens „Macht die Erde nicht kaputt: Geschichten für Kinder über uns“.
Ach, und apropos Musical: Nach Vera Ferra-Mikuras Buch „Das Luftschloß des Herrn Wuschelkopf“ entstand 1966/67 das erste österreichische Kindermusical.
„Die Beerdigung darf nur am Dienstag, Donnerstag, Samstag oder Sonntag stattfinden. Die Leiche muss sichtbar sein. Der Sarg soll in der Mitte des größten Raumes des Hauses stehen… Alle Spiegel im Haus müssen mit einem weißen Tuch bedeckt werden. Der Tod soll sich nicht spiegeln, sonst besucht er das Haus bald wieder… In Georgien kommen die Menschen ins Haus der Verstorbenen, um den Angehörigen ihr Beileid auszudrücken, doch vor allem beobachten sie, wie die Familie lebt, wer weint und wie geweint wird…“
Eingebettet in die ausführliche Schilderung, welche Bräuche sich rund um den Tod und Neujahr, in ihrer ersten Heimat abspielen, weil sie in ihrem Text beides zeitlich zusammenfallen lässt, gibt Lali Gamrekelashvili aber auch Einblicke in die georgische Sprache. Sie flicht nicht nur zwanglos einige Wörter – samt der Schrift – ein, sondern baut auch Erklärungen über die Struktur der Sprache ein und vergleicht sie mit Deutsch, der Sprache, in der sie schreibt. Die wenigen Vokale im Georgischen – nur fünf, aber keine Umlaute und Diphtonge (also so etwas wie ei, eu, au…) „sind besonders dehnbar“. Und es gibt keine vielfach zusammengesetzten Wörter. „In der deutschen Sprache gibt es reichlich davon, das längste Wort, laut Duden, mit dem ich meine Zunge brach, habe ich auswendig gelernt: Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung.“
Mit „Ein anderes Neujahr“ hat sie den diesjährigen Hauptpreis der edition exil gewonnen. „Der Autorin gelingt es, dieses intime und stimmungsvolle Bild ganz unaufdringlich mit einer Reflexion über ihre doppelte Identität zu verbinden, … subtil thematisiert sie dadurch Zweisprachigkeit, Fremdheit und Vertrautheit und nimmt vielleicht nicht nur von ihrem Vater Abschied, sondern auch von ihrer Herkunft“, begründete die Jury – Jessica Beer, (Residenz Verlag), Paula Pfoser (ORF) und der Autor Thomas Perle – die Vergabe des ersten Platzes – dotiert mit 3000 € an Gamrekelashvili.
Platz zwei – 2000 € – vergab die Jury an Nastasja Penzar. Auch sie nimmt die Leser:innen in ihrem Text – „der erste Sommer“ – mit auf eine berührende Reise mit in ihre erste Heimat, viel eher eigentlich die ihrer Eltern. Denn sie selbst wurde da vom Vater aus dem Kindergarten im deutschen Frankfurt abgeholt – mit der Ankündigung einer großen, geheimnisvollen Überraschung. Die sich dann für sie – und noch mehr für ihre schon älteren Schwestern als naja… – schon der erste Absatz dieser Reise zu den Großeltern in Kroatien umreißt das Gegenteil:
„Der erste Sommer, den wir hier unten verbrachten, war der erste, in dem der Krieg gerade einmal so lange pausierte, dass die Eltern sich eine Ferienlänge ohne Bombardement erhofften. „Ein bisschen verrückt war das schon“, würde meine sonst sicherheitsbewusste Mutter später sagen und dabei den Finger über der Schläfe drehen. Es war der Sommer der Sandsäcke.“
Für die Kinder eine Ankunft in einer eher fremden, verstörenden Atmosphäre – und doch eingebaut mit kindlicher, fantasievoller Perspektive: „Schau dir das an, komm.“ Er schob mich den Gartenweg entlang, bis zur Seite des Hauses und zeigte nach oben. Über all den Sommersprossen klaffte eine Bisswunde, so sah es aus. Die oberste Ecke des Hauses war weg.
„Abgebissen“, nickte ich, „wahrscheinlich ein Dino-saurier.“ Ich sah meinen Vater ernst an.
„Ja, denkst du?“ Er lächelte, hob seine Augenbrauen, „Vielleicht.“ Dann klopfte er mir leicht auf den Kopf und ging zu seinen Eltern zurück.
Später gaben die Erwachsenen dem Dino den Namen Granata.“
Seit vielen Jahren vergibt die edition auch einen Preis für Autor:innen mit deutscher Erstsprache. Der Untertitel „Schreiben zwischen den Kulturen“ will gerade mit diesem Zeichen die Literatur, die die Preise und der Verlag fördern, zusätzlich aus der „Migrations“-Ecke holen. Die Bereicherung von Texten durch unterschiedliche Sichtweisen, auch Sprachkulturen, steht im Zentrum. Und – wie schon in anderen Beiträgen zu diesem Preis mehrfach erwähnt, sind aus dieser Initiative schon lange auch große Namen der österreichischen Literatur erwachsen, Stichwort Julya Rabinowich, Dimitré Dinev; der zuletzt Genannte hat erst in diesem Jahr den Österreichischen Buchpreis mit „Zeit der Mutigen“ gewonnen.
So, zurück zu Deutsch als Erstsprache. Diesen Preis bekam 2025 Felicia Schätzer für ihren Text mit dem Titel „Was, wenn ich am Ende genauso bin, wie ich immer schon war?“
„Seit wir in der Sandkiste waren, haben alle zu mir gesagt, ich würde mal Lehrerin werden“, lautet ihr erster Satz. Lebhaft und gut vorstellbar schildert sie ihr Agieren als ganz junges Kind, aber auch später als Schülerin und die Verwirklichung der schon frühen Beobachtungen der meisten Außenstehenden. Sie wurde Lehrerin. Dabei nimmt sie die Leser:innen aber in eine dann doch recht fremde Welt mit – ihre Verzweiflung als Werklehrerin in einer Volksschule, ihre Überforderung… aus der eher der Hang zum Aufgeben deutlich aus dem Text springt.
Bis sie ihre eigene Reflexion schildert und einen berührenden Moment: „Während mich Nala am letzten Schultag also weinend umarmt und mir die lila Blume in die Hand drückt, die sie extra für mich ausgesucht hat, denke ich mir, was nur aus den Kindern wird, die von allen anderen Lehrerinnen liegen gelassen werden, weil sie einfach keinen Bock auf Schreiben haben, und zu denen immer jeder sagt: Du kannst das nicht und du kannst das nicht, du machst das falsch und das und das, zu denen nie wer sagt: Du wirst bestimmt mal Lehrerin. Jetzt, in genau diesem Moment, werden diese Kinder wie Nala also genau von diesen Lehrerinnen wie mir links liegen gelassen. Weil sich diese Lehrerinnen lieber mit sich selbst beschäftigen. Weil unterrichten zu anstrengend ist. Weil sie die eigenen Energien aufsparen, um noch andere Jobs auszuprobieren, angespornt von der brennenden Frage, wer zum Teufel man eigentlich ist oder noch aller sein könnte. Eine Frage zufällig vererbter Privilegien. Das alles ist irgendwie so unfair, dass ich gleich wieder anfange zu schlucken, obwohl es ja ich bin, die es in der Hand hätte. Was wird aus den Kindern, die niemand dabei begleiten kann, herauszufinden, dass es Dinge gibt, die sie gut können, und nicht nur Dinge, die sie schlecht können.“
Die Preisverleihungen, die nun seit einigen Jahren im Literaturhaus stattfinden, wo mehr Zeit und Raum ist als in früheren Jahren Samstagabend bei der Buch Wien mit höchstens einer Stunde im Rundum-Trubel werden jeweils auch musikalisch begleitet, seit Jahren von dem Duo Miloš Todorovski (Akkordeon) und Andrej Prozorov (Tenorsaxofon), ein Duo, das mit seinen Beiträgen in unterschiedlichen Stimmungen noch einmal weitere Sprachen und Kulturen in die Veranstaltung einbringt.
„Es war unmöglich, einen Fuß auf den Boden zu setzen, ohne auf zerknüllte Plastikverpackungen oder benutzte Zahnbürsten zu treten. Den Boden selbst konnte man gar nicht sehen. Und auch die kleinen Hütten, in denen sie alle lebten, bestanden aus Abfall. …
Die Ältesten unter ihnen – jene, die noch ein anderes Zeitalter miterlebt hatten – behaupteten, dass die Welt einst eine andere gewesen sei. Damals habe es verschiedene Jahreszeiten gegeben statt eines Lebens in einem endlosen Glutofen… es sollte etwas, das man Schnee nannte, gegeben haben – winzige Eiskristalle, jeder einzigartig geformt, die vom Himmel fielen wie ein stilles Wunder.“
Diese Sätze stammen aus einer dystopischen Schilderung namens „Kinder der Zukunft“. Mit dieser hat Selina Le einen der – aufgrund der vielen Einsendungen heuer geteilten – Jugendpreise der von der editon exil vergebenen Literaturpreise gewonnen.
„Die Menschen hier waren nicht krank, sie waren längst tot. Auch wenn ihre Herzen vielleicht noch nicht aufgehört hatten zu schlagen – ihr Geist war schon lange erloschen…“, heißt es an anderer Stelle des ausgezeichneten Textes, der zum 29. Mal vergebenen Preise mit dem Motto „Schreiben zwischen den Kulturen“; diese Autorin war krankheitshalber bei der Preisverleihung verhindert.
„Die Eltern erzählten mir später / Als Baby im Kreischsaal / Das Krankenhauspersonal unterbesetzt / Blieb ich unbewacht/ Mit langen Beinen und großem Mund / Zog sich die Sprache über den Fensterrand / Und biss sich fest in meinem Babynackenspeck“, spielt die zweite Jugend-Preisträgerin Paula Dorten nicht nur mit Sprachbildern, sondern auch mit humorvoll veränderten Wörtern.
Wobei sie gesteht, sich den ebenso ausgedachten Titel „Zweifell“ von einer anderen Autorin, Frieda Paris, aus einer Literaturwerkstatt ausgeborgt zu haben.
„Das Zweifell“ ist eine unterhaltsame Achterbahnfahrt durch den Schreibprozess, die Gleise mit dem zweifelnden Schreibkörper verwoben. Eine Vivisektion. Eines vorab: Esge ht gut aus. Paula Dorten gelingt es, in ihrer operativen Funktion als Autorin, die eigene Schreibwut fruchtbar zu machen – ohne Zweifel auch im real life, wie die Prämierung des Textes beweist“, würdigten die Juror:innen Grzegorz Kielawski und Christa Stippinger, die Initiatorin und Motorin der edition exil diesen Text.
Neben Einzelpreise für junge Autor:innen vergibt die edition exil Jahr für Jahr auch einen Preis für schulische Projektgruppen oder Klassen. In diesem Jahr vergab ihn die Jury an Schüler*innen des Jugendcollege – Wien #advanced OST: Projekt „Fremd in Österreich“, betreut von Ganna Gnedkova-Huemer.
Zunächst einige Zitate aus den Texten von Bita, Hussein, Huzaifa, Mouhanad, Ozlo, Saleh, Samira, Shalali, Yahya und zwei Teilnehmer:innen, die aus Sorge um ihre politische und sonstige Sicherheit die Pseudonyme Abenteuer und Auswanderung verwendeten, wobei auch die beiden Namen Ozlo und Shalali aus den selben Gründen nicht die echten sind.
„Mein größter Wunsch ist, glücklich zu sein, eine Familie zu gründen und in Frieden zu leben. Diese Geschichte ist nicht nur eine von Flucht… sondern von Hoffnung, Geduld und Würde. Ich bin stolz auf mich, stolz darauf, dass ich nie aufgegeben habe. Und an jedem Tag, an dem ich in Österreich aufwache, sage ich mir: „Du bist nicht ohne Grund hier… du verdienst es zu leben… Es fehlt oft dieses besondere Gefühl und die vertrauten Aromen, die mich an meine Kindheit und an meine Familie erinnern. Manchmal vermisse ich einfach diese kleinen Details, die das Essen so besonders gemacht haben…“, heißt es unter anderem in den Texten von Mouhanad.
Und Bita formuliert: „Wenn ich an die Gerüche und Klänge meines Heimatdorfes denke, spüre ich eine Welle von Sehnsucht und das stille Verlangen, genau dorthin zurückzukehren.“
Ozlo: „Ich vermisse es, die Freizeit draußen auf der Straße zu verbringen. Wir blieben zu Hause jeden Tag bis vier Uhr morgens wach.“
Samira und Shalali vermissen vor allem Kamel-Milch aus ihrer ersten Heimat Somalia. „Diese Milch hat sehr viele Vitamine und ist sehr sättigend. Sie schmeckt überhaupt nicht so wie Ziegen- oder Kuhmilch. Bei uns in Somalia konnte man sie überall kaufen. Was ich nicht vermisse, sind Krokodile…“ (Shalali)
Saleh vermisst vor allem „Jasmin und die Pflanzen neben unserem Hus und frische Säfte, die man aus ihnen machen kann…“
„Als Titel für das eingereichte Projekt haben die Teilnehmer „Fremd in Österreich“ gewählt. Ich hätte mir gewünscht, dass sie sich nicht so fremd fühlen, und als Lehrerin tue ich alles, damit sie sich nicht fremd fühlen, aber das ist der Titel, den sie gewählt haben“, meint im erklärenden Text dazu Ganna Gnedkova-Huemer, selbst Wienerin aus der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw, die „statt Integration lieber Interaktion“ verwendet, „weil ich glaube, dass wir einen Dialog der Kulturen führen sollten und auch voneinander lernen könnten“.
Huzaifa, wie die meisten seiner Kolleg:innen aus Syrien, einige davon haben auf der Flucht einige Zeit in der Türkei verbracht, andere kamen aus Somalia, dem Iran und Jemen, erzählt nach der Preisverleihung Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…: „Ich hab schon bevor uns die Lehrerin nach Texten auf einige ihrer Fragen gebeten hat, rund 100 Seiten auf Arabisch über meinen Weg nach Österreich geschrieben. Das was daraus als Antworten auf ihre Fragen gepasst hat, hab ich dann auf Deutsch übersetzt, das heißt eigentlich nur ein bisschen davon, weil alles zu viel gewesen wäre, und ihr gegeben.“
Mouhanad ergänzt: „Ich hab vorher nichts darüber geschrieben, aber alles hier oben drin“ – und er deutet mit der linken Hand auf seine Stirn.
Jener junge Mann aus Somalia, der sich der Anonymisierung wegen Shalali nennt, erklärt: „Auf Englisch hatte ich mehr, das Wichtigste davon hab ich dann auf Deutsch übersetzt.“
„Ich habe mir eure Sprache geliehen,
diese fremde Sprache, die in meinem Mund kitzelt,
krabbelt, kratzt,
ich beiße auf Buchstaben, kaue sie, versuche sie zu
schlucken, aber meine Zunge wehrt sich,
unbekannte Silben, Umlaute, Präpositionen, Artikel
strömen auf mich ein – ich kann es nicht.
Und es geht mir besser.
Nach dieser Schwimmleistung geht es mir immer besser.
Jetzt kann ich sie euch also zurückgeben“
So steigt Ludmila Doležalová in ihren Text „Wir Ausländer“ ein. Dafür wurde ihr Freitagabend im Wiener Literaturhaus der dritte Preis in der 29. Ausgabe der exil-Literaturpreise verliehen; initiiert und vergeben von der edition Exil, die im – „dank“ der enormen Subventionskürzungen der Stadt Wien bedrohten Kulturzentrum Amerlinghaus in Wien-Neubau – wie Dutzenden andere Initiativen – ihren Sitz hat.
Die kleine, feine Edition fördert seit Jahrzehnten die Veröffentlichung von Texten in deutscher Sprache, geschrieben vor allem von Autor:innen, die mehrere Sprachen und Kulturen mit- und einbringen. So manche, die vor Jahr(zehnt)en hier ihre ersten Texte veröffentlichten, sind heute namhafte Teile des österreichischen Literaturbetriebes wie Julya Rabinowich, Dimitré Dinev, Didi Drobna oder Thomas Perle, der in den vergangenen Jahren vor allem für seine Theaterstücke bekannt ist. Er war auch Teil der Jury für die Preise 2025 – und las bei der Preisverleihung Auszüge aus allen ausgezeichneten Texten.
Übrigens die eingangs genannte Autorin bekam ihren Preis in der Kategorie Prosa – nach der lyrischen Einstimmung schildert sie in Abschnitten einerseits – und das humorvoll – Die Arbeit bei der Essenszubereitung in einer selbstverwalteten Kindergruppe mit vielfachen Hinweisen auf die so wichtigen Hygienevorschriften und andererseits von ihrem Wunsch einer ziel- und damit wohl auch irgendwie grenzenlosen, nie enden sollenden Zugreise mit Gedanken und Reflexionen über Ungerechtigkeiten auf der Welt.
In diesem Jahr wurde auch – wieder, nicht immer – ein eigener Lyrik-Preis vergeben. Dieser ging an Olja Alvir, die lange Zeit Prosa, darunter auch vielfach journalistische Texte – für biber und Der Standard – verfasst hatte. In mehreren – sprachspielerischen Gedichten verbindet sie mitunter höchstpersönliche Gefühle mit fast schwebend daherkommenden gesellschaftspolitischen Kommentaren auch und gerade in Sachen Migrationsdebatte. „irgendwo herzukommen / ist völlig passeé“ lauten etwa zwei Zeilen in „das Ich Ist eine falltür“.
In „literhin immeratur“ beginnt sie mit „zumindest kann man drüber gedichte schreiben! / zumindest lässt sich das in strophen gießen / zumindest kann ich das in verse wursteln“… um später die Zeile „wenigstens textdingseln“ zu erfinden und mit „immerhin“ zu spielen, es in „immer hin“ zu zerlegen.
„Den Alltag in die Lyrik zu bringen, alltägliche Ausdrücke in der Lyrik zu verwenden, das mochte ich schon immer. Ich verwende gern alltägliche Sprache, um die vermeintliche Abgehobenheit der Lyrik zu konterkarieren“, schreibt sie im an ihre Texte anschließenden Beitrag über sich und ihr literarisches Schreiben.
Schon im Foyer der Kinderkultur im Wiener WuK (Werkstätten- und Kulturhaus) „empfängt“ ein von der Decke hängender Regenschirm mit kleinen Lichtern das Publikum und stimmt auf die Vorstellung „Der Regenmacher“ ein. Der, nein nicht dieser, aber ein Regenschirm war die erste Idee für das neueste Stück des Künstlers Christoph Schiele aus der Sparte Nouveau Cirque, in der er eine Clownfigur für sich – und das Publikum – entwickelt hat. War er in seinem vorigen Programm ein Bademeister, so spielt er nun einen den Tücken und dem Seelenleben eines Regenschirms Ausgelieferten.
Wohin die Reise in dem schon recht schrägen Bühnenbild (Bühnenbau: Thomas Weinberger) aus einer Leiter mit Knick, einem hölzernen Wegweiser, einer Kiste mit Rädern und vielen Seilzügen, die (fast) alles miteinander verbinden, geht, gibt scheinbar der Schirm vor. Gekonnt scheitert der Clown – wie es das Wesen solcher Figuren ist – immer und immer wieder, Slapstick-artige Szenen, inszenierte Hoppalas sind vielfach eingebaut und provozieren Lacher fast am laufenden Band.
Neben der Artistik und dem Wechselspiel des Bühnen-Solisten mit seinem Haupt-Protagonisten, dem Schirm spielt natürlich die Sehnsucht nach dem eine große Rolle, worin der Regenschirm seinen Sinn sieht – und mit ihm sein Träger. Aber, weit und breit keine Wolken am Himmel. Keine Wolke – kein Regen – kein Wasser! Mit dem Performer entwickelte Miriam V. Lesch das Konzept für „Der Regenmacher“, sie ist auch für die Dramaturgie dieser ¾ Stunde zuständig, wobei darüberinaus Helga Jud, Manfred Unterluggauer, Anatoli Akerman und Michal Chovanec dramaturgisch beratend tätig waren (External Eyes). Abgerundet wird die äußerst unterhaltsame Performance durch ein schräges Kostüm (Elke Tscheliesnig), eigens passend komponierte Musik und Sounds (Paul Kotal) sowie Lichtstimmungen (Jan Wielander).
In unzähligen Momenten – wohin die Reise auch geht – ob rauf auf die Leiter und damit ganz in der Höhe, im Norden, im Süden, wo immer auf der Bühne und bei Gängen mitten ins Publikum: Stets die selbe enttäuschend-traurige Erkenntnis. Und diese in unterschiedlichsten Sprachen geäußert: Englisch, Italienisch, Spanisch, Französisch, Tschechisch, Russisch, Türkisch, Hebräisch, Dänisch, Ungarisch, Schwedisch – hätte er sie auf Lager, verrät der Artist nach der Uraufführung Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… Nicht alle hat er verwendet, manche wurden von den Kindern eingefordert. Aus den knallvoll mit Kindern besetzten Reihen kamen überhaupt merhmals spontane Reaktionen, unter anderem Hilfsangebote, wenn der Clown bewusst „scheiterte“.
Klarerweise kann das rund ¾-stündige Stück so nicht enden, der Clown versucht, eine Wolke zu bauen – aber wie?
Nein, das wird hier sicher nicht verraten, obwohl es sich in der Vorstellung früh andeutet, wohin diese „Reise“ gehen könnte. Aber diese Überraschungsmomente sollen nicht vernichtet werden – auch wenn die aktuellen Vorstellungen in der WuK-Kinderkultur bis 8. Dezember restlos ausverkauft sind.
Im Juni ist „Der Wolkenmacher“ im Grazer Kindermuseum Frida & freD zu erleben, dazwischen noch in einigen Bundesländern, da sind die Termine aber noch nicht fix – in der Infobox am Ende des Beitrages gibt es einen Link zur Website von Christoph Schiele und der Compagnie Filou, wo – so versprochen – Termine aktualisiert werden. Und – auch noch nicht fixiert – im kommenden Jahr wird dieses berührende-poetisch-lustige Stück mit dem doch sehr ernsten Hintergrund, dass es in vielen Teilen der Welt tatsächlich (fast) kein Wasser gibt, auch wieder in Wien gespielt, das seit Langem den Luxus hat, Trinkwasser einfach aus der Leitung genießen zu können.
Am Nikolaustag, dem Samstag nach dem Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung (3. Dezember – seit 1993), laden Selbstvertreter:innen und das Haus der Geschichte Österreich (HdGÖ) zu einem Ausstellungsrundgang in dieses Museum; und anschließend zu einer Lesung von Texten der Literatur-Bootschaft Ohrenschmaus.
Vor rund eineinhalb Jahren – April 2024 – begann das Haus der Geschichte Österreich (HdGÖ) gemeinsam mit dem Sozialministerium das „Disability History Project“. Damit sollen Geschichte und Perspektiven von Menschen mit Behinderungen im kulturellen Erbe Österreichs stärker oder überhaupt erst sichtbar werden. Das Zeitgeschichtemuseum startete damals einen Sammlungsraufruf. Seither wurden mehr als 400 Objekte angeboten, mehr als 100 sind jedenfalls online zu sehen und beschrieben – Link unten am Ende des Beitrages.
Das reicht von Fotos von Kundgebungen und Demonstrationen, Pickerln, Transparenten, Plakaten, T-Shirts bis zu künstlerischen Objekten mit Botschaften gegen Diskriminierung und für gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben. Passend zur vorweihnachtlichen Zeit seine beispielsweise Christbaumkugeln genannt mit dem Schriftzug „piss on pity“ – wörtlich übersetzt „piss auf Mitleid“. Es kamen aber nicht nur Objekte und Fotos aus jüngster Zeit, sondern unter anderem auch ein Anstecker mit der Aufschrift „Arbeit statt Mitleid“ aus dem Jahr 1927!
Allzu oft erleiden Menschen mit Behinderung(en) noch immer – bestenfalls – Mitleid statt Anerkennung und Behandlung als gleichberechtigte Menschen, die allenfalls den Abbau von Barrieren und unterschiedlichste Unterstützungen brauchen – was auch Menschen ohne Behinderungen auf andere Art und Weise brauchen.
Die Neuzugänge zur Geschichte von Menschen mit Behinderungen in Österreich bereichern das Museum auch bei zukünftigen Ausstellungs- und Vermittlungsprojekten, wurde am besagten Internationalen Tag in einer Aussendung geäußert. Dabei wurde darauf hingewiesen, dass das Disability History Project vom Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMASGPK) nun auch weitere zwei Jahre finanziert wird.
„Mit dem Disability History Project machen wir die bislang oft unsichtbare Geschichte von Menschen mit Behinderungen in Österreich sichtbar. Die beeindruckende Beteiligung der Community und die weit übertroffenen Projektziele zeigen, wie groß der Bedarf an Anerkennung, Aufarbeitung und Bewusstseinsbildung ist. Deshalb setzen wir dieses wichtige Kooperationsprojekt mit dem Haus der Geschichte Österreich bis 2027 fort. Damit stärken wir die Forschung, fördern Inklusion und verankern die Geschichte von Menschen mit Behinderungen dauerhaft als Teil der österreichischen Zeitgeschichte“, meinte Sozialministerin Korinna Schumann dazu.
„Die Sammlung des Hauses der Geschichte Österreich ist Teil der Bundessammlungen. Durch die Neuzugänge im Rahmen des Disability History Projects konnten Leerstellen der Repräsentation österreichischer Geschichte gefüllt werden. Die Perspektiven von Menschen mit Behinderungen sind nun dauerhaft Teil des kulturellen Erbe Österreichs “, erklärt hdgö-Gründungsdirektorin Monika Sommer.
„Die Sammlung vom DisAbility History Project im hdgö macht marginalisierte Stimmen laut und beeinflusst wie über sie gesprochen und mit ihnen umgegangen wird “, sagt Kulturwissenschaftlerin und Obperson des Vereins CCC*** – Change Cultural Concepts Elisabeth Magdlener. „DisAbility History braucht es am hdgö, weil Menschen mit Behinderung* in unserer Gesellschaft noch immer unterdrückt, benachteiligt und diskriminiert werden!“
Magdlener begleitet das Projekt mit weiteren Expert*innen als Teil der Fokusgruppe. Selbstvertreter*innen, Aktivist*innen, Forscher*innen und Community-Archivar*innen entscheiden gemeinsam mit dem hdgö über Objekte und stellt sicher, dass eine Vielfalt von Behinderungen in der Gesellschaft in den Neuzugängen repräsentiert wird. Parallel zum Sammlungsaufbau führte Kurator*in Vanessa Tautter Oral-History-Interviews mit einem trauma-informierten Ansatz, der Schenker*innen einen sensiblen Rahmen bietet, ihre Geschichte in ihren eigenen Worten zu erzählen.
„Wenn wir Vergangenes aufarbeiten und sichtbar machen, beschreiten wir einen Weg, an dem wir unsere Zukunft ausrichten können. Zu verstehen, was bereits erreicht worden ist und welche Herausforderungen noch vor uns liegen, motiviert, Ziele gemeinsam zu erreichen“, so Franz Groschan, Präsident des Kriegsopfer- und Behindertenverbandes. Er ist Teil der Fokusgruppe und des hdgö-Publikumsforums ist.
Am Samstag, den 6. Dezember, findet von 14 bis 18 Uhr im hdgö der schon genannte Aktionstag statt. Dabei erzählen Selbstvertreter*innen wie Menschen mit Behinderung um ihre Rechte und gegen Diskriminierung und Gewalt kämpfen, was sich dadurch schon verändert hat und was und wie viel noch zu tun bleibt – Details in der Info-Box ganz am Ende des Beitrages.
Mit neuen Objekten in der Haupt-Ausstellung zeigt das Museum, dass die Geschichte von Menschen mit Behinderungen ein wichtiger Teil der österreichischen Geschichte ist.
wikipedia –> Internationaler_Tag_der_Menschen_mit_Behinderungen
Während in einem kürzlich hier vorgestellten (Vor-)Weihnachtsbuch seltsamerweise Bär und Biber für ihre Höhle im Wald einen Baum fürs bevorstehende Fest fällen, dreht sich das heute präsentierte Buch ums Gegenteil. „Kein Weihnachtsbaum für Kleo?“ beginnt schon mit der höchst unangenehmen „Begleiterscheinung“ von Hektik beim vorweihnachtlichen Einkauf. Kleo und ihr Vater werden von Packerl und Taschen schleppenden Kaufwütigen fast überrannt. „Pass doch auf, du Trampel-Tomate, schnaubte Kleo der roten Frau hinterher… eine Frau mit rotem Gesicht und noch roterer Jacke zwängte und dränge sich keuchend vorbei…“ Unter anderem damit und der Wortschöpfung „roterer“ beschreibt Autorin Caro Docar (mit „Opa Erwin fängt den Tod“ Dixi-Kinderliteraturpreisträgerin 2018) auf der ersten Doppelseite den ganz unfestlichen, vielen nur zu gut bekannten Stress.
Den verpackt Ewelina Wolnowska in die passenden Zeichnungen, deren Gesichter die entsprechenden Stimmungen ausdrücken – siehe Illustrationen dieses Beitrags mit Doppelseiten aus dem Buch.
Obendrein vermisst Kleo ihren besten Freund Pedro, der in den Ferien Verwandte in Brasilien besucht. Seine plastischen Schilderungen im Videotelefonat eines Ausflugs in den Amazonas-Regenwaldes lösen bei Kleo einen erlebnisreichen Traum aus, in dem sie gleich aus dem Fenster in den Urwald mit einigen seiner tierischen Bewohner klettert. Samt Angstbildern von Rodungen jahrhundertealter Urwaldriesen von denen ihr Pedro auch Smartphone erzählt.
Aufgeschreckt aus dem Traum sieht sie im Innenhof natürlich keinen Urwald, doch die ihr bekannte, vertraute Tanne. „Was wär wohl, wenn jemand sie abholzen würde? Plötzlich wusste Kleo, was zu tun war.“
Am nächsten Morgen versucht sie zuerst ihre Eltern zu überzeugen, auf einen Weihnachtsbaum zu verzichten, dann klingelt sie sich durch die Nachbarschaft in ihrem Wohnhaus. Und kommt drauf, manche tun das schon längst. Levi und Tom, ein Tischler, haben ein hölzernes großes Dreieck über einem von ihm ebenfalls aus Holz gebautem Regal, das von seiner Form her stark an einen festlichen Baum erinnert. Die alte Frau Ferber schmückt ihren Gummibaum weihnachtlich, bei anderen kommt ihr ein kleiner, lebender Nadelbaum in einem Blumentopf unter. Frau Najjar und ihre Kinder Mira und Malik haben einen klassischen Weihnachtsbaum, den die Mutter aber aus dem Büro mitgenommen hat, wo er sonst über die Feiertage allein seine Nadeln verloren hätte.
Und doch ist es dann knapp vor dem Fest für Kleo nicht ganz so einfach, auf die Vorstellung von einem geschmückten Nadelbaum und „schief“ singenden Liedern davor zu verzichten. Aber – die Lösung, die du in der in der Infobox verlinkten, Schau- und Leseprobe des Verlags finden kannst, die hier aber nicht verraten wird, kannst du dir vielleicht sogar denken – sie ist im Text dieser Buchbesprechung versteckt schon angedeutet.
Übrigens, Anmerkung in eigener Sache: Ich habe – mit meinem damals jungen Sohn (heute ist er längst erwachsen) vor den Weihnachtsfesten in seiner Kindheit einen großen Philodendron Jahr für Jahr feierlich geschmückt; in einem Jahr haben wir für Fotos davon sogar einen Preis mit Buchgutschein und vielen weihnachtlichen Süßigkeiten gewonnen 😉
Der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung – seit 1993 am 3. Dezember – fällt auch in den Zeitraum der Kampagne „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ (vom 25. November, dem Tag gegen Gewalt an Frauen bis zum Menschenrechtstag am 10. Dezember). Der Österreichische Behindertenrat, die gesetzliche Interessensvertretung, die unter ihrem Dach mehr als 80 Organisationen vereint, nahm heuer dieses zeitliche Zusammentreffen zum Anlass, „auf die hohe Gewaltbetroffenheit von Menschen mit Behinderungen“ aufmerksam zu machen.
„Besonders häufig sind Menschen betroffen, die in Einrichtungen leben. Gewalt gehört für viele Menschen mit Behinderungen zum Alltag und sie erleben deutlich häufiger Gewalt als Menschen ohne Behinderungen. Frauen und Mädchen mit psychosozialen Behinderungen oder Lernschwierigkeiten erfahren zudem deutlich häufiger sexuelle Gewalt als Frauen ohne Behinderungen“, erklärte Behindertenrats-Präsident Klaus Widl.
Der Österreichische Behindertenrat betont, dass viele Betroffene Gewalt nicht erkennen oder benennen können, weil es an zugänglicher sexueller Bildung mangelt. Daher braucht es flächendeckende, leicht verständliche und barrierefreie Informationen zu sexueller Selbstbestimmung, zu Formen von Gewalt und zu verfügbaren Unterstützungsangeboten. Gleichzeitig müssen Opferschutzeinrichtungen und Beratungsstellen umfassend barrierefrei gestaltet sein und auch im ländlichen Raum zur Verfügung stehen. Zudem ist es erforderlich, Daten zu Gewalt gegen Menschen mit Behinderungen systematisch zu erfassen, um wirksame Maßnahmen ableiten zu können.
„Menschen mit Behinderungen werden in Österreich noch immer nicht ausreichend vor Gewalt geschützt. Der Österreichische Behindertenrat fordert daher: ausreichend umfassend barrierefreie Opferschutzeinrichtungen und Beratungsangebote, wirksame Präventionsarbeit und die konsequente Umsetzung der UN- Behindertenrechtskonvention dürfen nicht länger aufgeschoben werden. Schutz und Sicherheit sind Grundrechte für alle.“
Zum diesjährigen Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung meldete sich zum Thema Gewalt an Frauen, insbesondere solchen mit Behinderung auch eine neue Initiative: „FmB – Interessensvertretung Frauen* mit Behinderungen“. In einer Medien-Aussendung nahm die „erste unabhängige Interessensvertretung“ Bezug auf ein 2025 erarbeitetes „Positionspapier“ (vor einem halben Monat von der Generalversammlung beschlossen), in dem FmB zeigt, „wie Frauen* und Mädchen* mit Behinderungen in Österreich Abwertung durch Ableismus (Diskriminierung und Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderung) und Sexismus erleben“ und in zwölf Kapiteln 74 Forderungen aufstellt, um dies zu ändern. „Unser Positionspapier fasst zusammen, was wir Frauen* mit Behinderungen brauchen: Empowerment, Platz an den Entscheidungstischen und politische Maßnahmen, die unsere Lebensrealitäten ernst nehmen“, sagt Heidemarie Egger, geschäftsführende Co-Vorsitzende von FmB.
Die in der Aussendung aufgezählten „wichtigsten Forderungen“:
„Unser Positionspapier zeigt, was es braucht, damit Politik und Gesellschaft ihrer menschenrechtlichen Verantwortung gegenüber Frauen* und Mädchen * mit Behinderungen nachkommen. Gemeinsam mit der Community der österreichischen Frauen* mit Behinderungen setzen wir uns für die Umsetzung dieser Forderungen ein“, wird Julia Moser, geschäftsführende Co-Vorsitzende von FmB, zitiert; zum gesamten Positionspapier geht es hier
Zu einem 11 ½-minütigen Video, in dem der genannte Klaus Widl sowie Manuela Lanzinger, Helene Jarmer und Marlene Krubner über Gewalt gegen Menschen mit Behinderungen sprechen, geht es hier
„Wer ein eigenes Einkommen hat, kann sich und seine Familie versorgen. Wer aber kein Einkommen hat, ist auf andere angewiesen oder armutsgefährdet. Als Licht für die Welt ermöglichen wir Menschen mit Behinderungen in Afrika ein selbstbestimmtes Leben, in dem wir ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit fördern“, betont Alex Buchinger, Geschäftsführer dieser Hilfsorganisation in Österreich, anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderungen am 3. Dezember.
In der UN-Behindertenrechtskonvention ist in Artikel 27 das Recht auf Arbeit festgehalten: Dies beinhaltet das Recht auf die Möglichkeit, den Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen. In der Realität wird oft auch jenen Menschen mit Behinderungen das Recht auf angemessene Arbeit verwehrt, die gerne produktiv sein möchten.
Die Überschneidung von Diskriminierungen aufgrund von Geschlecht und Behinderung diskriminiert Frauen mit Behinderungen mehrfach. Sie werden oft daran gehindert, gleichberechtig an der Arbeitswelt teilzunehmen und haben eine geringere Chance als Männer eine Ausbildung zu machen. Frauen und Mädchen mit Behinderungen erleben auch mindestens dreimal so oft körperliche oder seelische Gewalt als Frauen ohne Behinderungen.
Licht für die Welt ermöglicht Menschen mit Behinderungen in sechs afrikanischen Ländern ein selbstbestimmtes Leben. Durch Aus- und Weiterbildung, Finanzierung und Aufbau einer Geschäftsidee und beim Finden eines inklusiven Arbeitsplatzes. Im Jahr 2024 konnten dank der Unterstützung von Licht für die Welt 8.922 Kinder mit Behinderungen die Schule besuchen und mehr als 20.800 Menschen mit Behinderung ein Jobtraining absolvieren.
Vor mehr als elf Jahren war KiJuKU-heinz, damals noch für den Kinder-KURIER, mit Licht für die Welt in Burkina Faso bei Inklusionsprojekten – Link zum damaligen Bericht unten am Ende des Beitrages verlinkt. Begonnen hatte die damalige Reportage mit dem Bericht über das Mädchen Assana, das auf allen Vieren in die Schule eilt als Beispiel für inklusive Bildung.
Eines der Beispiele, wie ein Mensch mit Behinderung seinen eigenen Lebensunterhalt verdient, traf die kleine Gruppe von Journalist:innen aus Österreich den damals 24-Jährigen Bangri. Er, der zuvor als unbehandelter schwer Kranker kaum bewegungsfähig war, konnte durch von den Licht-für-die-Welt-Partnern vor Ort organisierter zunächst medizinsicher Betreuung letztlich mit einem Dreirad-Hand-Bike einen Laden am meist frequentierten Weg des Dorfes Moaga betreiben. Ein Mikro-Kredit ermöglichte ihm den Aufbau – und neben Verdienst war er so auch mitten unter den Dorfbewohner:innen, die bei ihm nicht nur einkauften.
Zu viele Menschen mit Behinderungen leben weiterhin in Heimen. Es existiert keine umfassende politische Strategie zum Abbau institutioneller Strukturen. Ebenso fehlt ein klares Verständnis, was „De-Institutionalisierung“ im Sinne der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN-BRK) bedeutet. Unzureichende Unterstützungsleistungen und ein Mangel an barrierefreiem Wohnraum verschärfen die Situation. Dies zeigt der aktuelle „Monitor 2024 De-Institutionalisierung“, den der Unabhängige Monitoring-Ausschuss zum Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen veröffentlicht hat. Dieses Gremium bündelt Erfahrungsberichte von Menschen mit Behinderungen aus der Öffentlichen Sitzung 2024 und leitet daraus politische Maßnahmen ab.
„Die gesellschaftliche und politische Grundhaltung ist weiterhin, dass Menschen mit Behinderungen in Heimen am besten aufgehoben sind. Das steht in klarem Widerspruch zum Recht auf selbstbestimmtes Leben nach der UN-BRK“, sagt Daniela Rammel vom Vorsitzteam. Neben der inklusiven Bildung war die De-Institutionalisierung einer der zentralen Kritikpunkte des UN- Fachausschusses im Rahmen der Staatenprüfung 2023.
Zur Website des Monitoring-Ausschusses in Leichter Sprache geht es im Link unten:
monitoringausschuss –> aktuelles in leichter Sprache
Am Vorabend des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderungen, den es seit 1993 – Abschluss des UNO-Jahrzehnts behinderter Menschen – gibt, fand 2025 zum achten Mal die Verleihung der Österreichischen Inklusionspreise statt. Am Rande dieser Veranstaltung hielt auch der Präsident von Down Syndrom Österreich, Simon Couvreur, eine Rede, in der er mehr Inklusion für Menschen mit Trisomie 21 forderte. Dies bedeute „das selbstverständliche Dabeisein und Mitmachen in allen Bereichen des Lebens für alle Menschen“.
Lebenshilfe und Lotterien zeichnen beim Inklusionspreis Projekte und Initiativen aus, die sich für die Inklusion von Menschen mit Behinderungen und den Abbau von Barrieren in unserer Gesellschaft einsetzen. Eine prominent besetzte unabhängige Fach-Jury wählte zuvor in acht Kategorien Gewinner:innen aus.
„Die Preis-Träger*innen zeigen, dass Inklusion gelingen kann, das macht Mut! Echte Inklusion haben wir aber erst erreicht, wenn wir den Inklusionspreis nicht mehr brauchen. Wir fordern daher unsere Politiker*innen auf, endlich die gesetzlichen Rahmenbedingungen für ein inklusives und damit menschlicheres Österreich zu schaffen. Aktuell macht Österreich leider Rückschritte, es heißt: Alle müssen sparen. Aber Kürzungen, die dazu führen, dass Menschen ausgeschlossen werden, sind für uns ein absolutes No-Go!“, stellte Selbst-Vertreterin und Vize-Präsidentin der Lebenshilfe Österreich, Hanna Kamrat, zur Preisverleihung fest.
„Wir sind entsetzt, wie angesichts klammer Budgets das soziale Netz demontiert wird. Für Menschen, die von Armut und Ausgrenzung betroffen sind, werden die undurchdachten Sparmaßnahmen schwerwiegende Folgen haben“, kritisiert Gerlinde Heim, Geschäftsführerin von VertretungsNetz – für Selbstbestimmung und Bewegungsfreiheit.
Bereits vor 17 Jahren hat Österreich die UN- Behindertenrechtskonvention unterzeichnet. Der UN-Ausschuss kritisierte anlässlich der letzten Staatenprüfung Österreichs vor zwei Jahren, dass die Bundesländer zu wenig anbieten, um die Inklusion von Menschen mit Behinderungen voranzutreiben. Nun legt man vielerorts mit einem Kahlschlag im Sozial- und Pflegebereich auch noch den Rückwärtsgang ein.
Viele erfolgreiche Projekte und Initiativen im Gesundheits- und Sozialbereich werden aktuell gestrichen oder stark reduziert. „Zahlreiche Kooperationspartner berichten uns, dass ihre Förderungen überfallsartig gekürzt oder überhaupt eingestellt werden. Viele Träger stehen vor existenziellen Herausforderungen. Zentrale Hilfsangebote, die seit Jahrzehnten etabliert und erfolgreich sind, stehen vor dem Aus“, fasst Heim zusammen.
Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen – eine besonders stigmatisierte Personengruppe – verlieren die wenigen soziale Anlaufstellen, die es gibt. So wurde der Beratungsstelle „Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter“ (HPE) ein Viertel ihres Budgets gestrichen. Empfindliche Einbußen gibt es auch bei Arbeitsmarktprojekten für Suchterkrankte sowie für Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen.
Auch im Pflegebereich wird gespart. Die Community-Nurse-Projekte werden größtenteils wieder eingestampft, obwohl ihr Erfolg in der Prävention unbestritten ist. Wie es mit den – ohnehin sehr schleppend verlaufenden – Pilotprojekten für persönliche Assistenz in den Bundesländern weitergeht, ist noch offen.
„Viele der geplanten Kürzungen nehmen Menschen das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben, fördern Armut, Abhängigkeit, Stigmatisierung und Ausgrenzung – und werden am Ende hohe Folgekosten verursachen. Wir appellieren an die Verantwortlichen, durchdacht zu handeln. Es bringt nichts, mit der Abrissbirne in jahrzehntelang etablierte Strukturen zu fahren, um kurzfristig ein wenig Geld zu lukrieren. Denn der Preis, den wir zahlen, wird am Ende viel höher sein, wenn die Unterstützungsangebote fehlen“, so die VertretungsNetz-Sprecherin.
Dazu kommt, dass die meisten Länder aktuell ihre Sozialhilfegesetze verschärfen. Das trifft viele Menschen, die aufgrund einer psychischen bzw. chronischen Erkrankung nicht erwerbsfähig sind. Die verschlechterten Gesetze mit schwammig formulierten „Mitwirkungspflichten“ und überzogenen Sanktionen werden zu mehr Armut, Verschuldung und Wohnungslosigkeit führen. Wer aus der Sozialhilfe fällt, verliert in vielen Fällen auch die Krankenversicherung.
Sparen durch Bürokratieabbau ist hingegen nicht vorgesehen. „Wir vertreten viele Personen, die dauerhaft nicht erwerbsfähig sind, bestätigt durch mehrere Gutachten. Trotzdem stellen manche Sozialämter Bescheide nur für zwei Monate aus und verlangen monatlich Kontoauszüge und andere Belege, auch wenn sich an der Lebenssituation nichts ändert. Diese überschießende Kontrolle ist sinnlos und wird zu Recht als Schikane erlebt. Weil man die Menschen mit Bürokratie überfordert, braucht es außerdem immer mehr Erwachsenenvertretungen“, schildert Heim. Sie fordert Dauerbescheide zumindest für ein Jahr für jene Menschen, die dauerhaft nicht arbeiten können.
Armutsbekämpfung und Existenzsicherung müssen im Zentrum einer bundesweit einheitlichen Sozialhilfe stehen. Ebenso gilt es, Prävention auf allen Ebenen zum leitenden Prinzip zu machen. Heim dazu: „Wir müssen die Selbstbestimmung und Autonomie möglichst vieler Menschen so lange wie möglich erhalten. Dafür braucht es gezielte Unterstützung, die psychische und physische Gesundheit stärkt, Inklusion ermöglicht und Teilhabe fördert. So lassen sich nicht nur soziale Gräben schließen, sondern langfristig auch erhebliche Kosten vermeiden.“
aktionstag-schon 2015 <– damals noch im KiKu, Vorläufer von KiJuKU
Anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderungen warnt auch der Österreichische Gehörlosenbund (ÖGLB) vor massiven Rückschritten bei Barrierefreiheit und gleichberechtigter Teilhabe durch die im Doppelbudget 2025/26 angekündigten Sparmaßnahmen im Sozialbereich.
„Inklusion ist kein Nice-to-have und kein Projekt für ‚bessere Zeiten‘ “, warnt Helene Jarmer, Präsidentin des Österreichischen Gehörlosenbundes. Inklusion braucht ausreichend finanzierte Gebärdensprach-Angebote, klare bildungspolitische Prioritäten und eine konsequente Umsetzung des Übereinkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK). „Wer beim Doppelbudget 2025/26 Inklusion und Menschen mit Behinderungen nicht mitdenkt, produziert Ausschluss mit Ansage. Der Internationale Tag der Menschen mit Behinderungen ist ein Reminder: Österreich hat sich zu einer inklusiven Gesellschaft bekannt – jetzt muss dieses Bekenntnis im Budget und in der Umsetzung des Regierungsprogramms sichtbar werden “, so Jarmer.
Die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) ist zentrale Kommunikations- und Unterrichtssprache für gehörlose Kinder, Jugendliche und Erwachsene. In Österreich leben schätzungsweise 8.000 bis 10.000 gehörlose Menschen, die die ÖGS als ihre Hauptkommunikationsform nennen. Darüber hinaus profitieren viele schwerhörige Personen von barrierefreien Angeboten und unterstützenden Maßnahmen. Ohne flächendeckende ÖGS-Kompetenz in Bildungseinrichtungen, Behörden und öffentlichen Institutionen sowie ohne flächendeckende Dolmetschangebote bleiben Informationszugang und Teilhabe für gehörlose und schwerhörige Menschen strukturell eingeschränkt.
Im September 2025 fand in Wien unter dem Titel „Gebärden.Sprache.Bildung – Gebärdensprache stärken, Bildung verbessern“ der 5. Bildungskongress der Gehörlosenverbände des DACH-Raums (Deutschland, Österreich, Schweiz) mit international renommierten Expertinnen und Experten aus Pädagogik, Linguistik und Gehörlosenforschung statt. Er hat gezeigt, dass bilingual-bimodale Bildungskonzepte – mit ÖGS und Deutsch – nachhaltige positive Effekte auf Bildungsbiografien und langfristig verbesserte gesellschaftliche Teilhabe gehörloser Menschen haben. „Die dort erarbeiteten Empfehlungen müssen als Grundlage für bildungspolitische Entscheidungen dienen und dürfen nicht aus Spargründen aufgeschoben werden “, stellt Helene Jarmer fest.
Die im Doppelbudget 2025/26 vorgesehenen Sparmaßnahmen drohen jedoch genau jene Strukturen zu schwächen, die für eine inklusive Gesellschaftspolitik notwendig sind. Einschnitte bei barrierefreien Angeboten, bei Gebärdensprachförderung und bei Unterstützungsleistungen treffen gehörlose Menschen überproportional und stehen im klaren Widerspruch zu nationalen und internationalen Verpflichtungen.
Der ÖGLB hat dazu in den vergangenen Wochen eine Umfrage unter seinen Vernetzungspartnern – von Gehörlosenvereinen über Krankenhäuser und Universitäten bis hin zu Beratungs- und Bildungseinrichtungen – durchgeführt, um zu erheben, ob und in welcher Form sie bereits von Kürzungen betroffen sind oder Einschnitte befürchten. Die ersten Rückmeldungen sind ernüchternd: Sie reichen von drohendem Personalabbau, gekürzten Projekten und sinkender Dolmetsch- und Beratungsqualität über zusätzliche bürokratische Hürden bis hin zur akuten Gefährdung spezialisierter Angebote, etwa für taubblinde Menschen.
Der ÖGLB fordert die Bundesregierung auf, im Doppelbudget 2025/26 verbindlich und umfassend folgende Maßnahmen zur Stärkung von Gebärdensprache, Barrierefreiheit und Inklusion zu sichern:
„Diese Forderungen spiegeln die dringende Notwendigkeit wider, Inklusion als integralen und nicht verhandelbaren Bestandteil von Politik und Budgetpolitik zu verankern “, denn „wer Barrieren für gehörlose Menschen stehen lässt, baut gleichzeitig Mauern in den Köpfen. Es geht um nichts weniger als um Chancengleichheit und Menschenrechte “, so Helene Jarmer abschließend.
Die Anwältin für Gleichbehandlungsfragen für Menschen mit Behinderungen, Christine Steger, fordert anlässlich der laufenden Reformpartnerschaft von Bund, Ländern und Gemeinden eine tiefgreifende Neuordnung der klassischen „Behindertenhilfe,“ also der Zuständigkeiten im Bereich der Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Der derzeitige Zustand ist für Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen unübersichtlich, belastend und führt häufig dazu, dass notwendige Leistungen verspätet gewährt oder überhaupt nicht in Anspruch genommen werden können. Viel zu oft hören Menschen mit Behinderungen: „Dafür sind wir leider nicht zuständig.“
„Die Unterstützung eines Menschen mit Behinderungen darf nicht davon abhängen, welche Stelle zuständig ist“, betont Steger. „Die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention erfordert klare, koordinierte und barrierefrei zugängliche Strukturen“, verlangte die Geleichbehandlungsanwältin namens aller Betroffenen.
Im Bildungsbereich zeige sich eine ähnliche Problematik der geteilten Verantwortlichkeiten zwischen Bund und Ländern. Die Kompetenztrennung erschwert eine durchgängige inklusive Schulpolitik und führt zu erheblichen Unterschieden in den Angeboten und Entscheidungswegen zwischen den Bundesländern. Obwohl der Bundesminister für Bildung bereits öffentlich Reformwillen bekundet hat, findet sich ein Bekenntnis zur Trennung noch in zahlreichen Regierungsprogrammen einiger Bundesländer.
Kinder mit Behinderungen werden zudem weiterhin zu oft in eigene Schulformen verwiesen, obwohl inklusive Bildung sowohl internationaler Standard als auch rechtlich vorgesehen ist. „Solange Bund und Länder einander im Bildungsbereich Zuständigkeiten zuschieben, bleibt eine wirksame Umsetzung inklusiver Strukturen blockiert“, betont Steger. Es brauche bundeseinheitliche Vorgaben und harmonisierte Umsetzungsschritte, um allen Kindern gleiche Chancen zu ermöglichen. Auch hier könnte die Reformpartnerschaft wesentlich zur Verbesserung der Situation beitragen.
Der aktuell erforderliche Sparkurs in Österreich trifft vor allem auch Menschen mit Behinderungen, und das gleich auf mehreren Ebenen: Programme zur Persönlichen Assistenz laufen aus, Arbeitsmarktprojekte verlieren ihre Finanzierung, und auch bei den Sozialbudgets wird der Rotstift angesetzt. Darauf weist der Behindertenverband KOBV Österreich in einer Aussendung anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderung am 3. Dezember hin; die Abkürzung steht für die historische Gründung, das KO für Kriegsopfer.
„Die Inklusion von Menschen mit Behinderungen steht auf dem Spiel“, sagt Franz Groschan, Präsident des Verbandes. „Wir werden durch die geplanten Kürzungen um Jahre zurückgeworfen.“ Die Sparmaßnahmen stünden in krassem Widerspruch zum Prinzip der Solidarität und gefährden die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, die Österreich bereits im Jahr 2008 ratifiziert habe.
„Anstatt an der Umsetzung von wichtigen Maßnahmen zu arbeiten, geht man den umgekehrten Weg“, kritisiert Groschan, „nehmen wir zum Beispiel den Arbeitsmarkt. Weniger Mittel für Arbeitsmarktprojekte und Kürzungen bei Förderungen aus dem Ausgleichstaxfonds bedeuten, dass Menschen mit Behinderungen noch schlechtere Jobchancen haben oder ihren Arbeitsplatz verlieren.“
Die Folge: steigende Arbeitslosigkeit, die wiederum zu psychischen Belastungen führt. Falle dann obendrein der soziale Rückhalt weg, etwa, weil die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben durch die Einsparungen nicht mehr oder nur noch eingeschränkt möglich ist, dann spitze sich die Situation für die Betroffenen immer weiter zu, warnt der KOBV-Präsident.
Denn gespart werde nicht nur auf Bundesebene – und hier vor allem bei Arbeitsmarktprojekten und Persönlicher Assistenz -, sondern auch in den Bundesländern. „In der Steiermark werden die Mittel für barrierefreie Mobilität gekürzt. Das ist vor allem in ländlichen Regionen ein massives Problem“, zeigt Franz Groschan auf, „im Burgenland wird der Sparstift bei Förderprogrammen zur Inklusion in Bildung und Freizeit angesetzt. In Salzburg müssen wir mit Verzögerungen beim Ausbau von inklusiven Schulen rechnen, in Tirol und Vorarlberg wiederum steht die Weiterfinanzierung von regionalen Assistenzmodellen auf sehr wackeligen Beinen, Oberösterreich kürzt beim barrierefreien Wohnen.“
Auch in Wien würden harte Zeiten auf Menschen mit Behinderungen zukommen: „Die Kostenbeiträge für Pflege und Betreuung werden voraussichtlich weiter steigen, bestehende Förderungen sollen evaluiert werden. Das betrifft unter anderem die Wohnungslosenhilfe des Fonds Soziales Wien sowie Assistenz- und Inklusionsprojekte“, so Groschan weiter.
Erst im Oktober hatte der KOBV Österreich bei seiner Delegiertentagung ein umfassendes Forderungspapier verabschiedet, das von der Integration in den Arbeitsmarkt über inklusive Bildung und den Zugang zu qualifizierter medizinischer Versorgung bis hin zu Barrierefreiheit und Persönliche Assistenz alle Bereiche abdeckt und detaillierte Maßnahmen vorschlägt.
„Die Rechte von Menschen mit Behinderungen dürfen nicht dem ökonomischen Druck geopfert werden“, fordert der KOBV-Präsident abschließend, denn: „Inklusion ist die Voraussetzung für eine gerechte Gesellschaft.“
Anlässlich des Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen setzen die ÖBB ein besonderes Zeichen und lassen den Wiener Hauptbahnhof als Teil der weltweiten Initiative „Positively Purple“ lila erstrahlen. Damit rücken die ÖBB ihr Engagement für Inklusion und Barrierefreiheit besonders in den Fokus, heißt es in einer Medienaussendung. Noch haben, so geben die Bundesbahnen aber auch – ein bisschen versteckt in der Jubelmeldung über Erreichtes, einiges zu tun: Noch sind mehr als zehn Prozent der Bahnhöfe nicht barrierefrei zugänglich – die internationale Behindertenkonvention wurde 2006 (!) von der UNO-Generalversammlung beschlossen und ist zwei Jahre später auch in Österreich – am 26. Oktober – in Kraft getreten.
Aktuell sind rund 490 Bahnhöfe und Haltestellen barrierefrei, damit können 88 % der Fahrgäste einen barrierefreien Bahnhof nutzen.
Vom Ticketkauf über Bahnhöfe, Informationen in einfacher Sprache bis hin zu stufenlosen Einstiegen und barrierefreien Zügen soll das Progamm der ÖBB mit Ende 2027 mehr als 90 % aller Kund:innen barrierefreie zur Verfügung stehen. Derzeit ist ein Fünftel der Züge für Menschen im Rollstuhl nicht tauglich, Ende des kommenden Jahres (2026), sollen neun von zehn Zügen barrierefrei sein. ÖBB Postbusse sind bereits zu 100 Prozent barrierefrei. Sämtliche neue Fahrzeuge sind barrierefrei zugänglich und verfügen über visuelle wie auch akustische Fahrgastinformationen. Das erleichtert nicht nur Menschen mit Behinderungen die Orientierung und das Reisen, sondern unterstützt ebenso beispielsweise ältere Fahrgäste im Alltag.
Bei der Angebots-Entwicklung setzen die ÖBB bewusst auf jene Expertise, die in Bezug auf Barrierefreiheit am meisten zählt: die Erfahrung von Menschen mit Behinderungen. Die Perspektiven von Mitarbeiter:innen mit Behinderungen tragen wesentlich dazu bei, die Bedürfnisse der Reisenden besser zu verstehen. Bei der Beschaffung neuer Fahrzeuge arbeiten die ÖBB zudem eng mit Interessensvertretungen zusammen, um Konzepte für Barrierefreiheit laufend zu optimieren und an reale Anforderungen anzupassen. So wurde z.B. bei der Entwicklung der neuen Railjets und Nightjets eng mit dem Österreichischen Behindertenrat (ÖBR) kooperiert.
Die ÖBB setzen nicht nur bei der Mobilität ihrer Fahrgäste auf Barrierefreiheit, sondern auch intern auf eine respektvolle und inklusive Arbeitskultur mit gerechten Chancen für alle Mitarbeiter:innen. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde 2020 die Charta der Inklusion ins Leben gerufen. Sie umfasst zahlreiche Maßnahmen, die auf unterschiedlichen Ebenen ansetzen: von Qualifizierungsangeboten für Führungskräfte über Kooperationen zur Unterstützung bei Vermittlung und Onboarding bis hin zu internen Kampagnen, die das Bewusstsein für Inklusion stärken. Darüber hinaus stehen Mitarbeiter:innen mit Behinderungen gezielte Beratungsangebote sowie die Möglichkeit zum Austausch im konzernweiten Netzwerk „Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen“ zur Verfügung. So schaffen die ÖBB ein Arbeitsumfeld, in dem Vielfalt gelebt und Barrieren abgebaut werden.
Die ÖBB engagieren sich das ganze Jahr über intensiv für Inklusion und Barrierefreiheit. Am 3. Dezember, dem Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen, setzen sie ein besonders sichtbares Zeichen: Der Wiener Hauptbahnhof leuchtet im Rahmen der weltweiten „Positively Purple“-Kampagne in kräftigem Lila.
Am 23. September, dem Internationalen Tag der Gebärdensprache, hatten die ÖBB wieder insbesondere Kinder und Jugendliche eingeladen auf der Bühne vor dem Hauptbahnhof Performances in dieser sicht- aber nicht hörbaren Sprache aufzuführen – KiJuKU.at hat berichtet – unten verlinkt.
Fast Jahr für Jahr gibt es immer größere, ausgefallenere Adventkalender mit allem möglichen Zeug – und schon längst nicht mehr „nur“ für Kinder wie solche mit Kaffee, Kosmetika, Bier und anderen alkoholhältigen Getränken usw. zeigen. Zurück zu kleinen Bildchen für jeden der 24 Tage, allerdings mit viel drumherum führt ein neues Buch aus der seit mehr als 30 Jahren vom Autor immer wieder befüllten Reihe um das wohl außergewöhnlichste Fahrrad der Welt.
Gut, der Titel dieses Beitrags und die Illustrationen mit Buchseiten haben’s ja schon von Anfang an verraten: Thomas Brezina hat sich – wieder einmal – einen spannenden, abenteuerlichen Kriminalfall für Tom Turbo und seine zwei Bosse Klaro (Konstantin) und Karo(line) einfallen lassen. Tag für Tag sechs Seiten, davon jeweils in der Mitte eine großformatige von Pablo Tambuscio gezeichnete Doppelseite, auf der du immer wieder Hinweise zur Lösung eines kniffeligen Details im Fall rund um „Das Geheimnis der Weihnachtsburg“ finden kannst.
Davor auf der ersten Seite des jeweiligen Kapitels findest du in einem der ersten Absätze stets drei Punkterln und ein fehlendes Wort und einen Platzhalter in Tom Turbos Farben gelb und orange. Am Ende des Buches haftet ein Bogen mit 24 Klebebildern, die von ihrer unterschiedlichen Form her auf diese Stellen passen (daneben steht übrigens zur Sicherheit auch noch die Zahl des jeweiligen Tages). Obendrein lässt der Autor fast jedes der – natürlich – 24 Kapitel mit einer weiteren Rätselfrage enden, die sich am folgenden Tag auflöst, do du nicht schon vorher draufgekommen bist.
Die große Weihnachtsburg im Park verbirgt klarerweise ein nicht gerade nettes Geheimnis, das du – mit Hilfe des detektivischen Trios – Kapitel für Kapitel beim Lesen – und genauen Schauen – lösen wirst. Und – dir sicher auch schon aus früheren Tom Turbo-Abenteuern bekannt –, anfangs will kaum wer dem Verdacht des Trios glauben: „Die Bürgermeisterin meint… bei Tom wäre eine Schraube locker. Die Weihnachtsburg ist ein Geschenk eines sehr reichen Herrn namens Friedrich Mootnaaf.“
Solltest du die Ratekrimis rund um das Fahrrad mit seinen 111 Tricks schon gut kennen, kommst du möglicherweise schon recht früh drauf, welcher der Bösewichte – Alexa, Fritz Fantom, Dr. Gruselglatz, Rudi Ratte, Zacko -, die allesamt mitmischen, hinter dem fiesen Plan steckt.
Übrigens: Tom Turbo eignet sich in diesem Buch einen zusätzlichen Trick an – welchen, das wird hier genauso wenig verraten wie mehr aus der Story, in deren Verlauf das tollste Fahrrad der Welt mehrmals ziemlich kaputt geht, aber – eh klar – sich mit Hilfe der beiden Bosse und Freunde wieder reparieren kann.
Und: Es wird wohl kaum wer was dagegen haben, wenn du nicht von Tag zu Tag wartest, sondern schon lange vor Weihnachten alle Kapitel liest 😉
Übrigens: Da auch dieses Buch nicht nur vom Text, sondern mindestens ebenso von den vielen, auch mit versteckten Rätseln versehenen, Bildern lebt, hätte sich Illustrator Pablo Tambuscio wohl eine Erwähnung auf der Titelseite verdient.
Der erste Adventsonntag ist vorbei. „Ganz bald ist Weihnachten“ lautet der Titel eines Bilderbuchs, das den Reigen neuer (vor-)weihnachtlicher Bücher hier eröffnet. (Besprechungen von in früheren Jahren erschienene Bücher sowie Theaterstücke und Filme, auch ein aktueller, sind unten am Ende des Beitrages verlinkt.
Nun also zum im vorigen Absatz erwähnten Buch. Britta Sabbag (Text) mit Illustrationen von Eefje Kuijl führt uns in einen Winterwald zu zwei engen Freunden: Biber und Bär als Mix aus Tier und Kuschelfigur vermitteln – in Text und Bild – ihre Vorfreude und emsige Vorbereitung auf das Fest. Dazu gehört das Basteln von Girlanden und Schmuck, mit dem sie ihren Weihnachtsbaum schmücken wollen. Und das Vergnügen, durch den Schnee im Winterwald zu stapfen. Der Bär, natürlich ein bisschen schwer, sinkt bei jedem Schritt recht massiv ein. Da hat Freund Biber die Idee, aus Zweigen ein Geflecht zu fabrizieren, das ein bisschen aussieht wie Tennisschläger. Die bindet sich Bär an seine Füße und hat nun eine Art Schneeschuhe…
Dass Bären eigentlich Winterruhe, nicht tiefen Winterschlaf, aber doch sämtliche Körperfunktionen – Atmung, Herzschlag, Kreislauf – in ihren Höhlen deutlich reduzieren und dauer-schlummern, ignoriert das Buch offenbar.
Genauso irritiert, dass die beiden beschließen, den größten Baum im Wald zu fällen, was der Biber ganz gut kann. Den Nadelbaum schleppen sie dann zu ihrer gemeinsamen Höhle – und er passt nicht rein. So stellen sie ihn vor die Höhle und feiern mit allen Tieren des Waldes gemeinsam.
Hoffentlich lernen sie daraus und schmücken in folgenden Jahren gleich einen noch lebenden, verwurzelten Baum in der Nähe der Höhle 😉
Ach, wie einfach wäre es doch, würden Fake News so deutlich erkennbar sein, wie die lang und länger werdende Nase des berühmten lebendig gewordenen Pinien-Holzstücks vulgo Pinocchio, bei dessen Lügen 😉 – die Erfindung von Carlo Lorenzini, besser bekannt unter dem Künstlernamen nach seinem Heimatort Collodi (Teil der Gemeinde Pescia in der Toskana, Italien) aus dem Jahr 1881. Diese Geschichte wurde und wird sehr oft auch in Dutzenden Theater- und Film-Versionen gespielt. Nun also – wieder – einmal als „Weihnachtsstück“ im Dschungel Wien, dem Theaterhaus für junges Publikum im MuseumsQuartier. Traditionell läuft hier einzig und allein in der Adventzeit ein Stück mehrere Wochen, laufen nur wenige Tage, so manche allerdings mit mehreren Wiederaufnahmen.
Passend zur Tischlerwerkstatt von Meister Geppetto ist ein Gutteil der Bühne im Holz-Design (Bühne, Kostüme: Alex Gahr); übrigens – wie aus dem (pädagogischen) Begleitmaterial hervorgeht, recycelt aus einem Bühnenbild in St. Pölten (Niederösterreich). Wobei anzumerken ist, dass auf Initiative des technischen Leiters im Dschungel Wien, Hannes Röbisch, der bei Pinocchio gemeinsam mit Christo Novak die Lichtstimmungen gestaltete, nicht selten bei Bühnenbilder Materialine wieder verwendet werden.
Sich an die Geschichte des Originals haltend, haben Lukas Schrenk und Nils Strunk diese spielfreudige Version, die vor dem ersten Adventsonntag Premiere hatte, geschrieben und Musik dazu gefunden; Henry Morales als Co-Autor steuerte vor allem italienische Passagen bei – eine Brücke zum Original (Regie: Leonard Dick). Neben Textpassagen in dieser Sprache setzt diese knapp mehr als 1¼-stündige Fassung auf viele italienische Elementen, nicht zuletzt Musik von Volksliedern über Pop-Songs bis zu Opernarien (Musikalische Leitung: Andrej Agranovski) des südlichen Nachbarlandes.
Der Tischler, der eigentlich nur mehr das letzte Bein für einen Tisch aus einem Holzblock hauen will, meint erst Stimmen im eigenen Kopf zu vernehmen, als er „Nein, bitte nicht schlagen!“ hört. Womit schon bald nach Beginn die Botschaft gegen Gewalt in der Erziehung mitschwingt. Es braucht wohl nicht extra lang ausgeführt werden, dass es nix wird mit dem Tischbein, Geppetto schnitzt nun zunächst eine Holzpuppe, die natürlich jetzt erst recht sprechen kann – und ein richtiges Kind werden will.
Dieses Kind, anfangs mit bewusst hölzernen Bewegungen, wird von Florian Klingler verkörpert – der einzige des kleinen Ensembles, der „nur“ eine Rolle spielt. Selbst der finanziell ums Überleben kämpfende nun alleinerziehenden Tischlermeister muss sich seinen Darsteller Wolfram Rupperti zumindest kurzfristig mit dem Puppenspieler MangiaFuoco im Marionettentheater, einer der Stationen von Pinocchios Weg ins Leben, teilen.
Die Fee aus dem Original ist hier „nebenbei“ der Geist der verstorbenen Ehefrau Geppettos. Sie wird – ebenso wie die Katze, eine Obstverkäuferin, eine Fischerin, eine Nachbarin und eines der den Tischler ärgernden Kinder namens Nico von Jasmin Weissmann gespielt. Den Fuchs, der gemeinsam mit der Katze Pinocchio mit einem bösen Trick diesen um seine Goldstücke bringt, gibt Lara Sienczak. Darüber hinaus tritt sie noch als zweite Fischerin, Nicos Kumpel Toni, eine Polizistin, aber vor allem als coole, in dem Fall auch singende, Grille Grillo Parlante (vom Italienischen parlare – sprechen, auf Korsisch – Insel Korsika – steht parlante übrigens für Lautsprecher) auf.
Auf und vor der sich immer wieder wandelnden, drehbaren Bühnenkonstruktion nehmen die vier spielfreudigen Darsteller:innen das Publikum abwechslungsreich mit zu den Abenteuern der „Holzfigur“ auf der Suche nach der ganzen Welt und seinem Platz in dieser. Auch wenn er mit seiner Existenz hadert: „Ich wünschte, ich wäre nicht aus Holz“. Die Fee verklickert ihm einen wesentlichen Vorteil seiner Materialität: „Im Wasser schwimmst du immer oben!“ So könne er nicht untergehen – und das nicht nur im Wasser, was sie mit anklingen lässt.
Und das mit der Nase – die hier ohnehin nur selten und das nur vorübergehend, einmal dafür uuuuurlange, wächst, sei auch ein Vorteil: „Dein Körper zeigt immer die Wahrheit! Man kann dir vertrauen! Du bist immer ehrlich, ob du willst oder nicht!“
Und dann bestärkt sie ich – und damit die Inszenierung die jungen Zuschauer:innen gleichermaßen: „Es reicht, wenn du einfach du selbst bist, Pinocchio! Credi in te!“
Was Pinocchio ein „Was?“ entlockt und die Fee erklärend anfügt: „Glaub an dich!“
Übrigens – ähnlich wie in Miguel Cervantes zweiteiligem Roman „Don Quijote“, wo die Windmühlen keine zwei der rund 1500 Seiten umfassen, hat sich das Lügen-Nasen-Wachstum von Pinocchio in den 150 Jahren überdimensional überhöht verselbstständigt. In Collodis Buch kommt das nur auf den sechs Seiten des 17. von 40 Kapiteln (insgesamt rund 270 Seiten, je nach Ausgabe) vor;)
Viel näher am Original als bei „Romeo und Julia“ tourt ab nun eine aber genauso witzige, spielfreudige Überschreibung von Friedrich Schillers „Die Räuber“ durch Veranstaltungszentren in Wiener Bezirken. Das Volkstheater schickt – wieder in Kooperation mit dem innovativen, kreativen Bronski und Grünberg Theater – diesen Klassiker durch Volkshochschulen und Häuser der Begegnung. Als zusätzliches Element spielt Stefan Galler live auf der Bühne – schon lange vor Vorstellungsbeginn die gesamte Phase wenn das Publikum in den Saal kommt – auf dem Keyboard, später auch Gitarren, mit und ohne Strom. Wobei das Repertoire von Klassikern einerseits Versionen aus dem Pop- und Rockuniversum (Neil Diamond, Iggy Pop, Aretha Franklin, Jimi Hendrix, Rolling Stones…) und andererseits eigens von ihm für dieses Stück komponierte sieben Songs umfasst. „Nebenbei“ schlüpft er in die Rolle des Boten und wird Luft-Drummer in Charly Moors Band.
Denn, aus Karl, dem erstgeborenen Lieblingssohn des Grafen Moor, wird Charly und das Doppel-o im Nachnamen natürlich englisch ausgesprochen. Er ist Leadsänger und Gitarrist einer Band mit seinem Namen „and the Buddy Boys“. Erst mit Popsongs, was den Vater, Chef des 50-Milliarden-Musikkonzerne „Easy Plate“ sehr freut. Deshalb investiert er in ihn, „macht“ ihn und seine Band erst – artig in grauen Anzügen und Pilzfrisur wie die frühen Beatles und andere Boy-Bands. So richtig ausleben und vor allem austoben und die Bühne im wahrsten Sinne rocken darf sich Julia Edtmeier aber erst in der späteren Phase der Klischee-Rockband.
Seine Mitmusiker sind zwei aus der Gefolgschaft Karls aus dem Schiller‘schen Original, Spiegelberg und Roller – gespielt von Doris Hindinger, die vor allem auch den sehr patriarchalen Vater der Lächerlichkeit preisgibt sowie Anton Widauer, der vor allem als des Schlossherren Pflegetochter Amalia – für damalige Verhältnisse (1781) schon recht selbstbewusst und emanzipiert von Schiller geschrieben – zwar den Grafen bedient, aber der blöden, übergriffigen Anmache von Franz Paroli bietet.
Ach ja, Franz, wehleidig und gleichzeitig bösartig verkörpert von Charlotte Krenz, ist der zweite Sohn Maximilian Moors, den der Vater so gar nicht mag, ihn oft „vergisst“ und der ob seiner ständigen Zurücksetzung immer nur als Opfer gesehen werden will. Und auf Rache sinnt – die Haupthandlung des ersten Stücks von Friedrich Schiller, ursprünglich nur als Lesedrama konzipiert: Intrigant verfasst er mehrere gefälschte Briefe und von einem Boten überbrachte Nachrichten – von Karl an den Vater samt Antwort, die den Erstgeborenen enterbt und somit ihn selbst begünstigt.
In knapp mehr als zwei Stunden mit einer Pause – spielt das kleine Ensemble das Drama aus der Sturm-und-Drang-Periode mit sehr viel Witz, (Selbst-)Ironie, Macho-Gehabe mit Text aus dem Original, das durchs Schauspiel offensichtlich demaskiert wird. Dennoch erachteten es die Macher:innen – Text & Konzept Kaja Dymnicki (auch Ausstattung – 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts) und Alexander Pschill (auch Regie) – für erforderlich, der Aufführung eine Triggerwarnung voranzustellen: Die Macho-Sprüche der Protagonist:innen und ihr toxisches männliches Agieren würden von deren Schauspieler:innen nicht geteilt, verkündete Co-Kuratorin für die Bezirkstourneen Anja Sczilinski, nachdem ihre Kollegin Julia Engelmayer, auch Dramaturgin dieser „Räuber“-Version Schillers Drama knapp zusammengefasst hat, bevor das Spiel bei der vielfach umjubelten Premiere im Veranstaltungszentrum der Brigittenauer Raffaelgasse (20. Bezirk) losging.
Die Vorbemerkung wirkt ein wenig irritierend, als ob das Publikum eine Gebrauchsanleitung für Theater nötig hätten. Doch, in der Pause darauf angesprochen, meinte der Regisseur zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…: „Wir haben bei der vorigen Produktion (Rome & Julia) mehrfach böse Briefe und Reaktionen bekommen, sodass wir beschlossen haben, dass wir das jetzt jedes Mal davor klarstellen. Wir leben offenbar in einer sehr weidwund verletzlichen Zeit.“
Tim, Karl, Klößchen und Gaby – die vier schlauen Kinder, bekannt als TKKG, lösen seit mehr als 40 Jahre kleine und größere Kriminalfälle. Buch-Serie, Hörspiele, später TV-Folgen und ein Kinofilm.
Für Erst-Leser:innen wurde eine eigene Reihe mit kürzeren Texten und leichteren Sätzen geboren – TKKG junior – und neuerdings gibt es noch Versionen „mit Bildern lesen lernen“. Wie vor allem in Schulbüchern sind so manche Wörter nicht in Buchstaben geschrieben, sondern in kleinen gezeichneten Bildern dargestellt. Wobei das eine oder andere nicht ganz leicht erkennbar ist; dafür gibt es auf den letzten Seiten als Hilfe die Auflistung der Bildchen und der dazu gedachten Wörter 😉
Im Band „Tatort Fußballplatz“ (Text: Benjamin Schreuder; Illustrationen: José María Beroy und Oriol San Julian) spielt das Team, in dem auch die vier TKKG’ler:innen kicken, groß auf. Aber noch viel spannender ist ein Kriminalfall, dem die Jungdetektiv:innen im angrenzenden, am Sonntag eigentlich geschlossenen, Lager eines Einkaufszentrums auf die Spur kommen. Neben möglichem Miträtseln, wer da was angestellt haben könnte, hält der 44-Seiten starke Band aus der Reihe „Bücherhelden Erstes Lesen“ noch zusätzliche Rätsel bereit – ein Labyrinth, Buchstaben„salate“ in Fußballtoren oder Bilder, die in die richtige Reihenfolge gebrachten werden wollen.
Neben den schon angesprochenen kleinen Bildchen anstelle von Wörtern, ist das Buch noch darüber hinaus üppig bunt illustriert.
Auch wenn Internate – jedenfalls im europäischen Raum mit Ausweitung von Schulen einer- und verbesserten öffentlichen Verkehrsverbindungen andererseits – in den vergangenen Jahrzehnten an Bedeutung verloren haben, erfreuen sie sich in Literatur samt Verfilmungen immer wieder großer Beliebtheit. Neuverfilmungen von Klassikern wie Erich Kästners „fliegendem Klassenzimmer“ oder die Buch- und mittlerweile auch Kinoreihe „Die Schule der magischen Tiere“ kennst du (wahrscheinlich).
Im Herbst – rund um den Schuljahresbeginn startete, aus der Schweiz kommend, eine neue Reihe, die in einem Spezial-Elite-Internat für Ballett tanzende Kinder und Jugendliche spielt: „Art Academy“. Den Auftakt macht der leicht und flott zu lesende – sorry, hier ist die Buchbesprechung länger auf Halde liegen geblieben, weil sich auch so viel anderes abgespielt hat – Band „Das Geheimnis des weißen Kleides“.
Mary, die Hauptfigur um die sich alles dreht hat’s nicht leicht – sonst wäre ja so ein Roman, noch dazu als Beginn einer Reihe ja bald fad 😉
Sie ist – auch klar – eine super Tänzerin. „Mary! Dass ich ein Talent wie dich unterrichten darf. Das ist mir in meinen ganzen 71 Jahren noch nicht passiert. Die dreifache Drehung heute hätte jeden Profi vor Neid erblassen lassen“, schwärmt Frau Silber.
Doch „tanzender Flamingo“ will sie nicht sein, nicht das pinke Tutu, das ihr die Lehrerin andient.
Nun, aus der Aufführung wird für Mary ohnehin nix, ihre Mutter hat – überfallsartig – andere Pläne. Zuvor noch ein Zitat aus dem Buch über Marys Eltern: „Marys Mama war Sozialarbeiterin. „Mit Herz und Seele“, wie sie jedem erklärte, der es hören wollte. Und meist kam ihr irgendein „Notfall“ dazwischen, wenn Mary einen Auftritt hatte. Irgendein Kind, das dringend etwas brauchte. Dringender jedenfalls, als Mary sie als Zuschauerin benötigte. Und ihr Papa? Den hatte Mary überhaupt noch nie gesehen … Alles, was sie von ihm hatte, war ein silberner Ring…“
Und nun, erfährt die Tochter die Neuigkeiten: Jolanthe Johann, ihre Mutter, bekam die Leitung eines Kinderheims in Colombo, der faktischen Hauptstadt der Insel Sri Lanka im Indischen Ozean. Und die Tochter wurde aufgenommen in der Art Academy der Oper Treunen.
„Theaterschule? Internat? Mama! Ich habe mich doch gar nicht beworben …“
„Aber ich! Erinnerst du dich an das Video, das Frau Silber von dir gemacht hat? Und diese Fotos von dem komischen Tanzwettbewerb, den du im Gemeindesaal gewonnen hast? Habe ich alles hingeschickt, tausend Formulare ausgefüllt und – tataaa! Du bist drin! In der besten Tanz-, Theater- und überhaupt-Schule der Welt! Aber ab jetzt, liebe Tochter, stehst du auf deinen eigenen schönen Füßen. Die sind ja gut trainiert.“
Patsch. Und so kommt wie es kommen muss – und so super geht’s dort für Mary natürlich gar nicht zu. Zickige Zimmermitbewohnerin, Außenseiterin, Mobbing, Und klar, natürlich wird alles gut, happy End samt spannenden, abwechslungsreichen Auf und Abs, unerwarteten Wendungen und klarerweise doch auch Freundschaften…
Ausgedacht hat sich die Story – UND die Serie Teresa Arzberger. Und das „verdankt“ sie wie die Autorin, die Tanz und Musik studiert hat, offen gesteht, einem noch dazu peinlichen schmerzhaften Missgeschick: „Beinbruch live, auf der Bühne, vor Publikum!“
Gezwungen zu Tanz- und Auftrittspausen nutzte sie diese, um die Reihe zu konzipieren und zu schreiben.
Dezent, meist mit kleinen Federn und anderen „leichten“, fast schwebenden Schwarz-Weiß-Zeichnungen illustriert, wurden die Seiten von Franziska Rosenteich, die über sich schreibt: „Ich habe buchstäblich getanzt, bevor ich richtig laufen konnte. Im Sitzen…“ Wobei es nicht geblieben ist. „Mit sechs Jahren begann ich klassisches Ballett zu tanzen, später kamen Jazz, Tap, Standard- und Lateintänze dazu.“
Egal, ob Tanz oder gar Ballett dein bevorzugtes Hobby oder gar deine Leidenschaft ist, unabhängig davon erzählt „Das Geheimnis des weißen Kleides“ die Mut-machende Geschichte eines Kindes, einer beginnenden Jugendlichen, die sich durchbeißt, allen Hindernissen und nicht immer gerade netten Mitmenschen zum Trotz, das macht, das sie liebt – in dem Fall tanzen. Und das kann für alles andere genauso stehen.
Einen höllisch bösen Zauberer, der Tierarten ausrottet, Flüsse vergiftet, Wälder vernichtet hatte sich Michael Ende – unter anderem „Vater“ von „Momo“ und der „unendlichen Geschichte“ – vor mehr als 35 Jahren ausgedacht. Dazu noch eine Tante, der es nur um möglichst hohe Gewinne geht. Daraus braute er die düstere und doch immer wieder lustige Geschichte um den Wunschpunsch mit dem nicht leicht auszusprechenden Namen: „Satanarchäolügenialkohöllisch“ – was leichter zu merken – und damit auszusprechen ist, wenn er in seine „Bestandteile“ zerlegt wird: Satan, Anarchie, Archäologie, Lüge, genial, Alkohol, höllisch 😉
Als Roman war es sein letzter fertig geschriebener (er starb im August 1995), erschienen 1989. Neben Übersetzungen in viele Sprachen wurden aus der Geschichte rund um das geldgierige, umweltzerstörende Duo, das von einer Katze und einem Raben – Agenten des Geheimen Rats der Tiere – letztlich daran gehindert wird, auch unzählige Theaterversionen und unter anderem eine Zeichentrickserie. In dieser Saison spielt das Landestheater Niederösterreich eine rund 1½-stündige mit Songs gewürzte Fassung (Musik: Gregor Sandler) – nicht nur in St. Pölten, sondern gastiert auch im Stadttheater Wr. Neustadt. Die mitunter schütter besuchten Vorstellungen – was im großen Theatersaal nicht ganz einfach für die Stimmung ist – wie KiJuKU kürzlich erlebte, ist grell, bunt (Bühne: Johannes Weckl; Kostüme: Elena Kreuzberger), rhythmisch gespielt von Sven Kaschte als Zauberer Professor Dr. Beelzebub Irrwitzer und sehr tänzerisch von Michaela Kaspar als seiner Tante Tyrannja Vamperl (Choreografie: Laura Sauer).
Gegenspieler Maurizio di Mauro (Florian Haslinger) würde gern Kammersänger sein, verfügt aber eher über keine optimale Stimme – von der Geschichte bei Michael Ende her. Dem Raben Krakel, Haustier der Tante, verpasst der Autor zunächst ein zerzaustes Aussehen. Ihn verkörpert Boris Popović.
Der Magier hat nur mehr wenige Stunden Zeit bis zum Jahreswechsel, um sein von der Hölle vorgegebenes Plansoll an bösen Taten zu vollbringen – das verklickert ihm der aus dem Kamin mit viel Theaterrauch auftauchende Teufelsbote Maledictus Made Pierre Balazs (der auch noch einen Kurzauftritt als Silvester hat). „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ (Inszenierung: Felix Metzner) soll ihm – unterstützt von der Tante – dabei helfen. Die – vermeintliche – List der beiden, damit die tierischen Spione in die Irre geführt werden: Gute Taten sagen, der Zaubertrank verwandelt sie ins Gegenteil – was Michael Ende damit wohl zwischen den Zeilen vermitteln wollte 😉
Natürlich kriegen’s Katze und Rabe mit und … wie und was passiert, um ein Happy – für die Bösen ein höllisches End – zu erreichen, weißt du, solltest du das Buch schon kennen, sicherlich; wenn nicht, lass dich überraschen.
Interaktiv – so nennen sich gern so manche Theaterstücke, wo es aber nicht viel mehr gibt als den Kasperl durch Rufe vor Gefahren zu warnen. Dann gibt es Performances, die als begehbare, bespielte Installationen in Theaterräumen aufgebaut sind. Und nun tourt „Hell, Girl!“ von Theater Foxfire für Junge Theater Wien durch einige Bezirke (Favoriten und Floridsdorf – siehe Info-Box) und kehrt zwischendurch im Jänner wieder in den Dschungel Wien im MuseumsQuartier zurück, wo kürzlich die erste kurz Spielserie stattgefunden hat. Und so ist – auch wenn das generell am Theater immer gesagt wird – jede Vorstellung anders. Hier aber nicht nur in Nuancen, abhängig von der Energie zwischen Bühne und Publikum, sondern tatsächlich von der Handlung, die an mehreren Wendepunkten vom Publikum bestimmt wird – die Abstimmung erfolgt meist über Lautstärke von Applaus, Stampfen usw.
Der Ausgangspunkt erinnert an – dort ohne Interaktion – an Wolfgang Herrndorfs Kult gewordenen Roman „Tschick“, den es in unzähligen Versionen auf Theaterbühnen (vor rund zehn Jahren das meistgespielte Stück) und einem Kinofilm gab / gibt. Sind es dort zwei Jungs – Maik Klingenberg und Andrej Tschichatschow, genannt Tschick – die mit einem Auto auf Tour gehen und dabei die toughe Isa Schmidt treffen, so startet hier ein Trio aus zwei Mädchen – Thea (gespielt von Kaisa Pušnik), Mirjam (Hannah Darabos) – und einem Burschen, Ben (Etienne Lestrange), gemeinsam in ihr(e) Abenteuer. Denn von diesen hat Autor Benedict Thill viel mehr geschrieben, als je in einer Stunde gespielt werden (Idee und Text: Benedict Thill, Regie: Richard Schmetterer).
Soll‘s in die Steiermark gehen oder nach Slowenien? Ist zum Beispiel eine der Entscheidungen, die das Schauspieltrio ans Publikum überantwortet, nachdem sie selbst in ihren Rollen zu diskutieren begonnen haben. Je nach dem ändern sich aber nicht nur die Bilder der projizierten Landschaften. Der Autor hat insgesamt rund fünf Dutzend Szenen geschrieben, was heißt, dass die die Schauspieler:innen auch urviel Text zu lernen hatten, von dem immer „nur“ ein Teil zu spielen ist. Die Handlung kann auch ganz schön wild werden mit der Frage, ob eine der Personen irgendwo zurückgelassen wird oder ob das dann doch nicht geht… – hier seinen keine Details verraten, hätte mich selber mehr als geärgert, wenn da im Vorfeld zu viel gespoilert worden wäre.
Und es geht auch nicht immer darum, was sie wie an Handlung ergibt, sondern um die Dynamik in den Konfliktsituationen, wie gehen die drei – die in bester Freundschaft starten – mit haarigen Konfliktsituationen um. Und wie und was meinen die Zuschauer:innen, dass entweder alle oder die eine bzw. der andere jetzt machen soll.
Und es scheint wirklich so zu sein, dass auch in einem so gravierenden Punkt wie dem zuvor angesprochenen, die Publikumsentscheidung nicht immer „aufgelegt“ ist. Neben dem Schreiber dieser Zeilen saß der Autor im Publikum und meinte vor Beginn, er habe schon einige relativ gleich verlaufende Aufführungen erlebt, aber an diesem Vormittag „hab ich Szenen gesehen, die kenn ich nur vom Text, habe sie aber noch nie gespielt erlebt, weil sich das Publikum heute ganz anders abgestimmt hat“.
Nach vielen antiken Sagen und der ägyptischen Pharaonin Kleopatra stellt das Rabenhoftheater in seiner Reihe „Classic for Kids“ nun eine weitere Heldin in den Mittelpunkt des jüngsten Stücks für junges Publikum: Jeanne d’Arc, oftmals auch als „Jungfrau von Orleans“ tituliert. Kennzeichen jeder der Inszenierungen (Buch und Regie: Roman Freigaßner-Hauser) sind fünf durchgängige Elemente:
Nun also die sagenumwobene echte Figur. Eine Frau, die es – angeblich aufgrund von (göttlichen) Visionen – sich vor rund 600 Jahren in den Kopf gesetzt hat, in den Krieg zu ziehen, um die von englischen Soldaten eroberte französische Stadt Orleans zu befreien. Was ihren männlichen Kollegen nicht gelungen ist, schafft sie, nachdem diese zunächst einmal sie auch daran hindern wollen.
Danach steigt sie zur Heldin auf. Als sie gefangen genommen, an die Engländer ausgeliefert wird, stimmen sowohl der französische König als auch die Kirche einem Deal mit den Feinden zu, wenn Jeanne d’Arc (geboren als Darc) im Alter von 19 Jahren auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird – soweit die kürzest zusammengefassten Fakten. Das tödliche Ende wird in der Version im Wiener Rabenhoftheater – die Reihe findet in Kooperation mit dem Theater der Jugend statt – ausgespart, ja sogar eine vermeintliche Rettung angedeutet; hinter der versteckt sich vielleicht die spätere Rehabilitierung und sogar Heiligsprechung durch die katholische Kirche (1920).
Clara Lou Kindel ist als Jeanne d’Arc die einzige der fünf Schauspielenden, die „nur“ diese Rolle tough, überzeugend zielstrebig einnimmt. Ihre vier Kollegen – Theo Colarusso (französischer König Karl VII., Pater Pius, ein Burgunder, Peter, ein französischer Soldat), Edward Lischka (Salisbury, Pierre, Beamter, Bischof), Bernhard Majcen (Beaudricourt / Berater des Königs, Jacques, französischer Hauptmann) und Christoph Radakovits (Bedford, Arture, ein Burgunder, Promoter/ Richter und Vollstrecker) switchen von Szene zu Szene in die verschiedensten – in Klammern genannten – Rollen. Und führen diese sehr oft kunstvoll dümmlich, mitunter bewusst übertrieben aus, anderen Figuren verleihen sie Hang zu Intrigen und Bösartigkeit, aber auch die gegen sie nicht selten der Lächerlichkeit preis (in den Brunnen pinkeln?).
Als schaler Geschmack bleibt jenseits der Lacher und der Bloßstellung (männlicher) Machtgier, dass Hass – hier vor allem zwischen Frankreich und England „nur“ als Beispiel dafür steht, was dem großen Friedensprojekt Europäische Union Wiederaufflammen von Nationalismus und Kriegslüsternheit leider Wiederauferstehung feiert.
Das Geige spielende Kind mit den im (musikalischen) Wind wehenden Haaren auf der Titelseite dieses Buches voller spannender Bilder, Geschichten und Musiknoten ist nicht der Johann Strauss Sohn in seinen jüngsten Jahren. „Jo!“ mit Titel-Fortsetzung „Als die Träume Walzer lernten“ ist ein Mädchen mit diesem einsilbigen, kurzen Namen. Ob er als Abkürzung für Johanna, Josefine, Josipa, Jolanda oder welche Vornamen es mit diesen beiden Buchstaben am Anfang auch immer gibt – bleibt offen. Vielleicht eben auch nicht.
Und klar, der Untertitel deutet darauf hin, dass auch der oft als „Walzerkönig“ titulierte schon erwähnte Komponist und Musiker im Spiel ist: „Eine Geschichte inspiriert von Johann Strauss Sohn“ – passend zum fast allgegenwärtig zelebrierten Jubiläumsjahr. Der „Popstar“ seiner Zeit vor mehr als 150 Jahren wurde 1825, also vor 200 Jahren geboren und deswegen gab und gibt es heuer viiiiele Veranstaltungen, Projekte und so weiter.
Für das hier vorgestellte Buch haben sich Flo Staffelmayr und Julia Meinx eine Geschichte rund um diese Jo ausgedacht. Sie hört liebend gern Musik, pfeift Melodien, singt Lieder und beginnt – angeregt durch das Geigenspiel eines Straßenmusikers – dieses Streichinstrument zu erlernen.
Über die weitere Geschichte, ihren Traum in der Oper aufzutreten… sei hier gar nicht mehr verraten. Sie ist obendrein sehr spannend mit gezeichneten Bildern, in denen du viel entdecken kannst, illustriert – von Devi Saha, einer Künstlerin, die sehr oft für Theaterstücke Bühnenbild und / oder Kostüme entwirft.
Und dann hat das Buch noch etwas – oben schon angesprochen: Noten von bekannten, aber auch nicht so berühmten Melodien des Komponisten, um den sich das Buch dreht. Aber mit anderen, ganz neuen Texten. Und die sind entstanden in der Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen aus sieben Schul(klass)en: Ganztags-Volks- und -Mittelschule (GTVS, GTMS) Bildungscampus Sonnwendviertel, GTVS Wichtelgasse, MS Herzgasse, MS Josef-Ensleinplatz, OVS (Offene Volksschule) Svetelskystraße 5, VS Keplerplatz.
Diese Klassen sind alle Teil des großen Superar-Projekts, das Musik fördern will und zwar besonders bei Kindern und Jugendlichen, deren Eltern sich eher keine Instrumente oder Kurse leisten können. Inspiriert wurde Superar, das seit einigen Jahren in sieben europäischen Ländern mehr als 5.000 Kindern und Jugendlichen musizieren und singen ermöglicht, von El Sistema aus Venezuela (1975 von José Antonio Abreu für Kinder und Jugendliche in den Ärmstenvierteln dieses südamerikanischen Landes.
In diesen Liedtexten – Deutsch, Wienerisch, Englisch und Farsi – an denen insgesamt rund 900 Schüler:innen beteiligt waren, geht es um Donuts, Mäuse, Löwen, Bären, Regenbogen und vieles mehr. Und du kannst sie auch hören – bei jeder Doppelseite mit den Noten und dem Liedtext findest du einen QR-Code der dich zu den gesungenen und gespielten – von Profimusiker:innen begleitet – Liedern bringt. Und „nebenbei“ gibt’s immer wieder auch Anregungen, dass du als Leserin oder Leser dir selber Texte, Melodien oder Bewegungen ausdenkst.
superar-musik-ueberwindet-grenzen <— damals noch im Kinder-KURIER
Nach einer Woche ging am Sonntag das 37. Internationale Kinderfilmfestival in Wien zu Ende, in der Steiermark läuft die 17. Ausgabe des Festivals, die erst dieses Wochenende beginnen hat, noch bis 30. November. Aber auch in Wien spielt es – traditionell als „Zugabe“ am Sonntag, 30. November drei Filme, und zwar die preisgekrönten eine Zugabe, den von der Kinderjury ausgewählten Film, und zwar am Samstag, 29. November, 15 Uhr im Cinemagic (Urania).
Die Kinderjury wählte „Honey“ zu ihrem Favoriten. Die Hauptfigur, ein Mädchen namens Honey, ist immer für ihre Familie da: Für ihre überarbeitete Mutter, ihren kleinkriminellen Vater und ihre Schwester mit Down-Syndrom. Ständig übernimmt sie Aufgaben, für die eigentlich ihre Eltern verantwortlich wären. (Regie: Natasha Arthy; Honey: Selma Sol í Dali Pape; Dänemark 2025; 95 Minuten; ab 11 Jahren).
Im Statement der jungen Filmkritiker:innen – Arto, Lea, Livia, Matilda, Mathis, Noa und Philemon – heißt es: „Der Preis geht an einen musikalischen Film, der traurig und sehr realistisch ist. Er entführt uns in den harten Alltag der 13-jährigen Hauptfigur, die für ihr Alter sehr viel Verantwortung übernehmen muss. Im Laufe der Geschichte lernt sie auch ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen. Und durch den totgeglaubten Opa wächst di Familien enger zusammen.“
Die sieben jungen Jury-Mitglieder begnügten sich aber nicht nur mit einem Preis, den sie vergaben, sondern „wollen außerdem eine lobende Erwähnung für den Film „Superkräfte im Kopf“ aussprechen. Wir konnten uns gut in die Hauptfigur Lev hineinfühlen. Wir fanden den kindgerechten Film lustig und actionreich. Der Film macht Mut, laut zu sagen, wovor man Angst hat und zu seinen Gefühlen zu stehen.“ – Mehr zu diesem Film, samt Interview mit dem Hauptdarsteller Finn Vogels, in eigenen – unten verlinkten – Beiträgen; übrigens auch ein Interview mit der Kinderjury.
Erstmals gab es beim 37. Internationalen Kinderfilmfestival in Wien zusätzlich eine erwachsene Fachjury aus der Filmbranche – Claudia (Slanar, Co-Leiterin der Diagonale), David (Wagner, Regisseur und Drehbuchautor) und Stefan (Huber, Leitung der Filmvermittlung im Österreichischen Filmmuseum): Dieses Trio entschied sich für den Film „Lampje“.
Lampje ist die Tochter eines Leuchtturmwärters. Sie zündet jeden Tag das Licht im Turm an. Als ihr die Streichhölzer ausgehen, geschieht ein Schiffsunglück und Lampje wird zur Strafe in das geheimnisvolle Schwarze Schloss verbannt. Dort lebt ein Monster, – so wird im Dorf erzählt… (Regie: Margien Rogaar; Niederlande 2024; 93 Minuten; ab 11 Jahren).
Auch die Fachjury sprach darüber hinaus einem weiteren Film eine lobende Erwähnung aus- „Zirkuskind“. Santino ist elf Jahre alt und der Zirkus ist sein Zuhause. Das ganze Jahr über ist der aufgeweckte Junge unterwegs und packt, wie alle Mitglieder seiner großen Zirkusfamilie, bei Vorstellungen und beim Auf- und Abbau der Zelte mit an. Besonders gerne verbringt Santino Zeit mit seinem Opa Ehe, der aus seinem bewegten Leben als Zirkusdirektor erzählt. (Regie: Anna Koch, Julia Lemke; Deutschland 2025; 86 Minuten; ab 8 Jahren)
Die Besucher:innen des Festivals konnten – wie von Anfang an – mit dem Abschnitt ihrer Eintrittskarte in drei verschiedenen Röhren abstimmen, ob ihnen der Film gar nicht, mittelmäßig oder sehr gefallen hat. Die meisten lachenden Smilies vergaben die Zuschauerinnen an den Film „Das geheime Stockwerk“ – mehr zu diesem Film, samt Interviews mit zwei Kindern, die mitgespielt haben und bei der Premiere im Wiener Uraniakino, dem Cinemagic von wienXtra, dabei waren, in eigenen – unten verlinkten – Beiträgen.
KiJuKU: Dieser Film war nicht dein erster, bei der Vorbereitung auf dieses Interview hab ich im Internet recherchiert, aber „nur“ deine Insta-Site gefunden, wo unter anderem ein Posting mit „Warten auf Godot“ oder „Pippi Langstrumpf“ zu sehen sind. Hast du in beiden gespielt und in Filmen oder Theaterstücken?
Finn: Es war nicht mein erster Film, stimmt, bei „Warten auf Godot“ hatte ich nur eine ganz kleine Rolle, bei Pippi war es ein Hörspiel, wo ich den Tom (Bruder von Annika – die beiden Nachbarsfreund:innen von Pippi Langstrumpf) gesprochen habe.
KiJuKU: Wie bist du überhaupt zum Schauspiel gekommen?
Finn: Als ich noch recht klein war, hab ich schon zu Hause kleine Theaterstücke für di Familie gespielt. Da haben mich meine Eltern dann gefragt, ich mich nicht bei einer Casting-Agentur bewrben möchte. Das hab ich gemachtund wrude dann eben immer wieder für Rollen genommen.
KiJuKU: Und wann hast du damit begonnen?
Finn: Alss so ungefähr mit vier oder fünf Jahren.
KiJuKU: Ab wann warst du dann bei der Casting-Agentur?
Finn: Dort hab ich mit neuen Jahren begonnen. Dann hat es ungefähr ein Jahr gedauert und dann kam eine Anfrage nach der anderen.
KiJuKU: Spielst du lieber Theater, wo das Publikum gleich direkt reagieren kann und eine Geschichte im Ganzen gespielt wird oder lieber im Film, wo immer nur zerhackt einzelne Szenen gedreht werden und die Leute erst im Kino oder bei der Ausstrahlung reagieren können und du ja meistens nicht dabei bist?
Finn: Ich finde beides gut, aber Film mag ich jetzt lieber, weil ich das auch schon öfter gemacht habe.
KiJuKU: Ist das etwas, das du später auch beruflich machen willst?
Finn: Ja, jedenfalls – was nicht übersetzt werden musste, weil er dabei voll strahlend gelächelt hat.
KiJuKU: Du hast im Kino bei dem Q & A mit dem Publikum auf eine Frage geantwortet, deine Superkraft ist, dass du immer weißt wo alle aus der Familie was hingegeben haben, wenn sie es suchen, weil du ein fotografisches Gedächtnis hast. Heißt das, dass du dir auch in der Schule urleicht tust, weil du dir alles gleich aufs Erste merkst?
Finn: Ja, das gilt auch für die Texte aus dem Drehbuch, die ich lernen muss.
KiJuKU: Gibt es die eine oder andere Superkraft, die du nicht hast, aber gerne hättest?
Finn: Ich will fliegen, das ist für mich Freiheit, also nicht mit dem Flugzeug, sondern abheben wie ein Vogel.
KiJuKU: Was machst du am liebsten in deiner Freizeit, außer Schauspielen?
Finn: Ich dreh selber gern Filme und spiele gern mit Lego.
KiJuKU: Welche Art von Filmen drehst du dann, eher Fantasiegeschichten oder reale aus dem Leben gegriffene Szenen und gemeinsam mit Freund:innen oder allein?
Finn: Ich mach gern Musicals mit meinen Freunden, das sind dann immer Fantasiegeschichten, aber natürlich nicht mit special effects.
KiJuKU: Das heißt, singst du gerne, oder spielst du Instrumente?
Finn: Ich spiele kein Instrument, aber ich besuche eine Musical-Schule wo Gesang und Tanz unterrichtet wird.
KiJuKU: Das ist neben der Schule oder hat deine Schule diesen Schwerpunkt?
Finn: Nein, das ist eine Spezialausbildung neben der Schule, die ist einmal in der Woche eher zum Spaß. Daneben hab ich auch Schauspielunterricht und der ist mir noch wichtiger.
KiJuKU: Welche Fächer oder Gegenstände magst du in der regulären Schule sehr und gibt es auch welche, die du weniger schätzt?
Finn: Mathematik find ich nicht so nett, Geografie und darstellendes Spiel mag ich sehr.
KiJuKU: Das heißt, ihr habt auch in der regulären Schule Theater und Schauspiel, in Österreich gibt es das nur in ganz, ganz wenigen Schulen?
Finn: Bei uns in den Niederlanden gibt es das in vielen Schulen, aber in meiner Schule ist es doch auch besonders, weil man da sogar in Schauspiel maturieren kann.
KiJuKU: In den Hintergrundinformationen zum Film hab ich gelesen, dass der auf der Basis eines Coaching-Buches („Dein Kopf, der Superheld – Wecke die 15 Superkräfte in dir“ von Wouter de Jong) für Kinder entstanden ist, kanntest du dieses Buch schon oder hast es, als du für den Film ausgesucht wurdest zur Vorbereitung gelesen?
Finn: ich kannte es zuerst nicht, aber für das Casting hab ich es mir gekauft und gelesen.
KiJuKU: Gibt es aus dem Buch oder aus dem Film Tipps, die du für dich und dein Leben mitgenommen hast?
Finn: Aus dem Buch nicht, aber aus dem Film hab ich diese sehr positive Lebenseinstellung von Ravi, dem Freund von Lev, mitgenommen.
KiJuKU: Hast du somit mehr von der Figur es Ravi Ravi (gespielt von Mex Vrolijks, was übrigens übersetzt aus dem Niederländischen Glücklich bedeutet) mitgenommen als von der, die du gespielt hast?
Finn: Natürlich hab ich vom Charakter des Lev, den ich spiele und mich in ihn hineinverestzt habe, auch viel mitgenommen.
KiJuKU: Hat diese Rolle des Lev, der ja humpelt, deine Sicht auf Kinder oder generell Menschen mit einer Behinderung verändert?
Finn: Da hat sich sicher was verändert, davor hatte ich nicht viel Kontakt mit Menschen mit Behinderung und sie höchstens da oder dort gesehen und den Gedanken, okay, die oder der ist irgendwie anders. Aber durch diese genaue Beschäftigung mit dieser Figur ist mir jetzt klar, dass der Charakter ja nicht davon abhängig ist, ob jemand eine Behinderung hat oder nicht.
Video von den Publikumsfragen und Finn Vogels Antworten – übersetzt von Anna Hofmann – im Gartenbaukino ganz unten am Ende nach den Links zu anderen Beiträgen über das 37. internationale Kinderfilmfestival in Wien.
Entsprechend dem Filmtitel „Superkräfte im Kopf“ startet dieser 1½-stündige Kinofilm in Bildern, die sich die Hauptfigur Lev ausdenkt. Gestärkt durch einen Daumendruck auf seine Stirne vom Superhelden Healix (Jeroen Spitzenberger), rast er über Dächer hin zu einer Mitschülerin, die vom Bösewicht Rotzmann (Dylan Haegens, der übrigens auch Regie geführt hat) in lebensbedrohliche Gefahr gebracht wird.
Schnitt.
Angekommen in der Wirklichkeit, sitzt Lev in einem Treppenlift. Von unten kommt noch dazu die Stimme der Eltern (Elise Chaap und Bas Hoeflaak), er dürfe nicht vergessen, den Sicherheitsgurt anzulegen. Lev humpelt dauerhaft nach einer Verletzung seines rechten Beins. Womit er ganz gut klar kommen würde, hätte er nicht super-super-Helikopter-Eltern. Vor allem und jedem wollen sie ihn beschützen, gerade, dass sie ihn nicht in eine Art Taucheranzug stecken wollten.
So ernst und einschränkend das wirkt, so amüsant, (selbst-)ironisch und immer wieder für herzhafte Lacher gut ist dieser Film. Allzu viel sei nicht gespoilert, er ist zwar beim internationalen Kinderfilmfestival in Wien schon gelaufen, aber bei der steirischen Ausgabe des Festivals ist er noch in Liezen, Kapfenberg und Graz zu erleben – Link zur Festivalseite in der Info-Box am Ende des Beitrages.
Verraten soll hier aber schon werden, wie sich Lev ausdenkt, er könnte sich Eltern aussuchen, die idealen aber wären zu teuer, die leistbaren … – nun die hat er bekommen 😉
Neben den Traumbildern in seinem Kopf rettet ihn im echten Leben aber seine Oma (Joke Tjalsma), die im Beiwagen-Motorrad mitten in die Blumen im Vorgarten des elterlichen Hauses landet und nun hier mit einzieht. Von nun ab, darf er – gegen den Widerstand der Eltern mehr. Das und seine aus den Traumreisen geholten Kräfte, versetzen ihn nach und nach in die Lage mutiger aufzutreten. Gegen Ende traut er sich noch viel mehr als alle anderen: Ohne dass hier vorweggenommen wird wie, überzeugt und begeistert er dadurch, dass er vor einem großen Publikum, das – wie vielleicht auch viele Kinobesucher:innen – ganz anderes erwartet, eher zaghaft und schüchtern, aber zu seinen Gefühlen steht. Und damit viele „ansteckt“…
Lev wird verkörpert von Finn Vogels, der überzeugend zwischen den ausgedachten heldenhaften Szenen und jenen, in denen er im wirklichen Leben durch die ständigen Einschränkungen seiner Eltern sehr schüchtern agiert, switcht. In letzteren ist aber immer auch sein innerer, hin und wieder versuchter Widerstand zu spüren. Und großartig auch gegen Ende wie er, der Ober-Schüchterne, mit sich kämpft, bevor er die große Bühne – und dann ganz unerwartet – betritt.
Finn Vogels war am Beginn des – nunmehr bereits 37. Internationalen Kinderfilmfestivals in Wien, Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… durfte ihn interviewen – in einem eigenen Beitrag unten verlinkt.
Eine kleine Gruppe aus der 7. Klasse des Franziskaner-Gymnasiums in Hall in Tirol präsentierte auf der 46. Interpädagogica in der Messe Wien Erfahrungen und Erkenntnisse, die sie im Umgang bzw. Einsatz von KI (Künstlicher Intelligenz) bisher gewonnen haben: Melissa, Gernot, Philipp, Jakob, noch ein Philipp, Matteo und Sura sowie Lehrerin Ilka.
Melissa Sakić (17) besucht den naturwissenschaftlichen Zweig ihrer Schule und hat gleichzeitig mit dem Gymnasium begonnen, Geige zu spielen. Sie wählte aus den vielen Zusatzangeboten noch Sport, spielt Volleyball und nahm an der Physikolympiade teil. Außerdem belegt sie das Wahlfach Humanbiologie, „weil ich Medizin studieren will“. Und sie ist zweisprachig aufgewachsen – meine Eltern sind aus Bosnien, meine erste Sprache war aber Deutsch, erst dann hab ich Bosnisch gelernt, das ich fließend kann, auch Lesen und Schreiben. Sie gab Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… ein kurzes Interview als sie und ihre Kolleg:innen am Stand der Janusz-Korczak-Gesellschaft an einem kleinen Ballwurf-Spiel teilnahmen.
KiJuKU: Wo und wie verwenden Sie KI?
Melissa Sakić: In vielen Gegenständen, Mathe, Deutsch und mehr und auch in fächerübergreifenden Workshops.
KiJuKU: Lassen Sie dann Hausübungen sozusagen von ChatGPT schreiben?
Melissa Sakić: Nein, wir verwenden sie zum Beispiel in naturwissenschaftlichen Projekten, wenn wir viele Daten von Messungen über die Luft im Klassenzimmer und anderes sammeln, um diese Daten einfacher und schneller verarbeiten und mit Vergleichswerten zu überprüfen. Oft schauen wir auch genauer, um mögliche Fehlerquellen der KI zu finden.
KiJuKU: Und sie selber, wo und wie greifen sie zu KI-Tools?
Melissa Sakić: Ich verwende sie sehr oft, in der Schule aber hauptsächlich als Hilfsmittel. Sie ist oft ganz nützlich, aber du musst wissen, wie du mit ihr umgehst. Copy & Paste bringt nicht mehr Wissen. Je mehr du weißt, umso besser ist es und umso mehr kannst du sie wirklich sinnvoll einsetzen.
Von Schreib- bis Holzwerkzeug, von analog bis digital, von Exkursionszielen bis zu Schulsport- und -Kreativwochen, von Mini- bis zu XXL-Maxi-Ständen… – die Fachmesse für Menschen, die im Bildungsbereich arbeiten, die „Interpädagogica“ und zwar die 46. Ausgabe derselben, findet derzeit in Wien statt. Sie spielt jedes jahr in einem anderen Bundesland.
Hauptsächlich tummeln sich Pädagog:innen in den Gängen zwischen, vor und rund um die 194 Stände in Halle C der Messe Wien. Sie informieren sich über neue(ste) oder altbewährte Lehr- und Lernmaterialien, über Workshop-Angebote, die in Schulen kommen oder extern besucht werden können / müssen. Da finden sich etwa innovative Schulhefte in denen Schreib-Anfänger:innen zunächst für die wichtigsten Elemente- Kreise, schräge Striche usw. leichte Perforierungen auf den Seiten haben, um diese zunächst einmal nur nachzuzeichnen bevor’s ans Buchstabenlernen geht (Lemi Hefte, die übrigens kostengünstiger sind als viele andere Schulhefte). Ein anderes Unternehmen bietet gefühlt Hunderte Motivstempel mit (Tier-)Zeichnungen und Sprüchen wie „fleißig“, „tolle Leistung“, „ganz lieb“, aber auch „nicht aufgeben“ oder „es wird schon“.
Und dann gibt es natürlich jede Menge digitaler Endgeräte bzw. Werkzeuge – vom Smart Board über einen Laptop mit vergrößerbarem Monitor (OLED-Folie, die eingezogen oder ausgefahren werden kann). Aus Italien stellte ein Unternehmen einen transportablen hölzernen Tische mit integriertem großen Monitor und Scanner für einfache Gestaltung von Trickfilmen (Theatre) vor, der ähnlich funktioniert wie das Lab im Großen im Kindermuseum Zoom im Wiener MuseumsQuartier. 3D-Drucker, unterschiedlichste gute Sitz- und andere Schulmöbel, pädagogische Spiele unterschiedlichster Art – meist in Richtung Kooperation – wo es darum geht, nicht gegen- sondern miteinander ein Ziel zu erreichen, vom gemeinsamen Zeichnen mit Stiften an Schnüren bis zum Bau eines hölzernen Turms durch im Kreis stehende Mitspieler:innen, die diese Holzklötze über Seilzüge heben und aufeinander stellen…
Darüber hinaus finden jede Menge Vorträge, Diskussionen, Präsentationen zu unterschiedlichsten Themen statt – von praxisnahen Beispielen für gelingende Frühpädagogik, schulischen Unterricht bis zu Prinzipien wie Demokratie-Erziehung oder Kinderrechte. Die Österreichische Janusz-Korczak Gesellschaft ist mit einem eigenen Stand vertreten. Korczak, Arzt und Pädagoge gilt als „Vater der Kinderrechte“, er hat darüber vor gut 100 Jahren nicht nur geschrieben, sondern sie als Leiter eines Kinderheims durch gleichberechtigte Mitbestimmung der Kinder praktiziert. Und das sogar im Warschauer Ghetto, dem Freiluft-Gefängnis, in das die Nazis einen abgemauerten Teil der polnischen Hauptstadt verwandelt hatten.
Am Eröffnungstag, der auf den Jahrestag des UNO-Generalversammlungsbeschlusses der Kinderrechtskonvention fiel (20. November), hatten übrigens Kinder vor der und im Gang zur Halle C auf lautstark darauf aufmerksam – Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… hat berichtet, unten am Ende dieses Beitrages verlinkt.
Bei dieser Fachmesse sind Kinder meist höchstens als Begleiter:innen erwachsener Besucher:innen mit dabei, Jugendliche auch eher die Ausnahme. Eine kleine Gruppe von Schüler:innen aus dem Franziskanergymnasium im Tiroler Hall waren nach Wien gereist, um gemeinsam mit ihrer Lehrerin zum Schwerpunkt Künstliche Intelligenz in über ihre Praxis-Erfahrung mit dem Einsatz insbesondere im naturwissenschaftlichen Unterricht zu berichten. Eine der Jugendlichen führte stellvertretend für ihre Kolleg:innen ein Interview mit KiJuKU.at – in einem eigenen Beitrag, ebenfalls unten verlinkt.
Um den Bogen zum Beginn (siehe Überschrift) zu schließen: Mehrsprachigkeit ist sowohl in gedruckten bilingualen Büchern (Wort & Laut) als auch digital – zu rund 200 (Bilder-)Büchern in deutscher Sprache gibt es online – Versionen in 70 Sprachen als Hörbücher, eingesprochen jeweils von echten Menschen deren Erstsprache das ist (Polylino).
Hier – weiter unten – noch rund 100 Fotos mit bildhaften Eindrücken von der Interpädagogica 2025.
„Das geheime Stockwerk“ verspricht nicht nur im Titel Spannung. Der Knapp mehr als 1½-stündig Film hält sogar noch mehr als das. Zum einen beinhaltet er eine kriminalistische Räuber-Suche durch drei Kinder-Detektiv:innen, zum anderen eine Zeitreise. Und was für eine! Samt einfühlsamer, gut nachvollziehbarer Geschichtsstunde auch schon für ein recht junges Publikum.
Karli (12, gespielt von Silas John) zieht mit seinen Eltern in eine mondäne Baustelle, das alte „Grand Hotel Europe“ in den Alpen, das diese renovieren. Einerseits hilft er ein bisschen mit, andererseits geht er auf Entdeckungstour. Und landet mit dem uralten Aufzug plötzlich in einem ganz eigenartigen Stockwerk. Wie in den Fantasy-Geschichten durch ein Portal landet er plötzlich in einem nicht renovierungsbedürftigen, aber aus einer ganz anderen Zeit stammenden Ambiente. Alle starren ihn an, er wirkt ja als Fremdkörper. Sie sind irritiert von seinem kleinen Kästchen, das angeblich telefonieren, fotografieren und Musik spielen kann. Was natürlich nicht funktioniert. Klar gibt’s da keinen Empfang. Und Akku auch leer.
Er ist – das ist schnell klar – in der Zeit, als Österreich nicht mehr eigenständig existierte und Teil des deutschen faschistischen Reichs unter Adolf Hitler war, Hakenkreuzfahnen und die Nazi-Propaganda-Zeitung „Der Stürmer“ rücken ins Bild. Es ist „erst“ der Anfang vom Ende für Millionen Menschen, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden, wenn sie nicht rechtzeitig flüchten konnten, Frühjahr 1938.
Noch wohnt im Hotel auch Hannah Friedländer (dargestellt von Annika Benzin) mit ihrem Vater. Gleichzeitig hetzt aber auch schon ein höchst unangenehmer, unsympathischer Gast, Otto Hartwig (Maximilian Simonischek) gegen diese Juden. Angestachelt vom Vater gehen auch seine beiden Söhne Heinrich (Konstantin Horn) und Hermann (Ben Winkler) immer wieder gegen Hannah vor – und damit auch gegen Karli, der sich mit ihr anfreundet.
Die vielleicht spannendste Figur unter den Kindern, die allesamt im Zentrum des Geschehens dieses Films stehen – weshalb er ja Teil des 37. Internationalen Kinderfilmfestivals in Wien ist: Der Schuhputzer-Junge Georg. Anfangs ist er voll auf Linie seiner Zeit, hetzt gegen Hannah und die Juden im Allgemeinen. Schön langsam kommt er drauf, dass er Vorurteilen aufsitzt, ändert seine Meinung und Haltung und wird zum Dritten in der Detektiv-Crew mit Karli und Hannah. Dieser Georg wird von Max Reinwald gespielt. Er war – mit Regisseur, einigen weiteren Darsteller:innen und Crew-Mitgliedern – bei der Wien-Premiere von „Das geheime Stockwerk“ beim Wiener Kinderfilmfestival. Dort konnte Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… übrigens mit ihm ein Interview führen – unten am Ende des Beitrages verlinkt; ein weiteres Interview mit Ben Winkler, der Hermann Hartwig spielt, ebenfalls verlinkt.
Was und wie sich da auch an Diebstählen, Erkenntnissen der Kinder über den Täter und da wieder eine ganz dramatische Wendung ergibt, und wie da das viel größere Verbrechen mitspielt, sei hier sicher nicht gespoilert (Drehbuch: Antonia Rothe-Liermann und Katrin Milhahn; Regie: Norbert Lechner). Erstens kommt der Film im März des nächsten Jahres (2026) regulär in österreichische Kinos. Und zweitens könnte es ja sein, dass dieser Film einen der Preise des Festivals – einen von der Kinderjury, einen vom Publikum, einen der neuen erwachsenen Fachjury – bekommt. Und dann würde er eine Woche nach dem Festival (bis 23. November, also am 30. November) noch einmal gezeigt werden.
Einige Preise hat „Das geheime Stockwerk“ schon bekommen, unter anderem den „Children‘s Jury Main Award“ des großen internationalen Kinderfilmfestivals im tschechischen Zlín und den der Kinderjury beim Festival „Goldener Spatz“ (Gera und Erfurt, Deutschland) für den besten Film (Fiktion-Langfilm) und für den besten Darsteller Maximilian Reinwald.
Max Reinwald (14) spielt Georg, einen Buben, der im Hotel – in jenem „geheimen Stockwerk“, das 1938 am Beginn der Nazizeit in Österreich spielt, einen jungen Schuhputzer spielt, der noch dazu eines Diebstahls bezichtigt wird, anfangs gegen Jüdinnen und Juden hetzt, sich dann mit Hannah und Karli – der ist aus der Gegenwart in einer Zeitreise hier gelandet – anfreundet und als Detektiv-Trio den wahren Dieb sucht – und der einen Wandel in seiner Sichtweise durchmacht.
KiJuKU: Auch für dich war das nicht der erste Film?
Max Reinwald: Mein erster Film war „Der Fuchs“ von Adrian Goiginger, beim Dreh war ich da noch unter zehn Jahren, dann hab ich noch in zwei Kurzfilmen mitgespielt.
KiJuKU: Wie kamst du zum „geheimen Stockwerk“?
Max Reinwald: Meine Mama hat auf Facebook gesehen, dass für diesen Film ein Bub gesucht wird, ein Lehrer hat mich auch darauf angesprochen, dann hab ich mich mit einem Video beworben, war beim Casting, dem Recall, da hab ich dann auch schon Silas John (spielt den Karli) und Annika Benzin (Rolle des jüdischen Mädchens Hannah) kennengelernt.
KiJuKU: Warst du mit der Rolle des Georg zufrieden?
Max Reinwald: Als ich genommen worden bin und das Drehbuch gelesen hab, fand ich diese Rolle voll cooool.
KiJuKU: Wusstest du schon vor dem Film einiges über diese schreckliche Zeit?
Max Reinwald: Ich hab mich schon davor ein bissl für die Themen der Nazizeit interessiert, aber mit dem Norbert (Regisseur) haben wir uns einen Film dazu angeschaut und bei Proben am Starenberger See einiges darüber geredete.
KiJuKU: Wie ist es dann als Georg zuerst so gegen die Jüdinnen und Juden hetzen zu müssen, noch dazu auch gegen Kinder wie Hannah?
Max Reinwald: Das ist ja nur die Rolle als Schauspieler. Und Georg sieht das ja dann auch ein, dass eben die Juden nicht lügen und böse sind.
KiJuKU: Schuhe hast du schon vorher zu Hause auch geputzt, oder erst im Film?
Max Reinwald: Mein Opa hat ein richtiges Schuhputzzeug gehabt, aber mit dem Norbert haben wir dann in München einen richtigen Schuhputzkurs für diese Szenen gemacht.
KiJuKU: Georg wird dann ja zum Tellerwaschen strafversetzt, machst du das zu Hause auch?
Max Reinwald: Wir haben eine Jugendherberge, da gibt’s viel Gschirr zum Waschn.
KiJuKU? Aber wahrscheinlich auch einen Geschirrspüler?
Max Reinwald: Schon, aber die Speisereste müssen vorher mit der Hand weggespült werden.
KiJuKU: Willst du Schauspielen zu deinem Beruf machen?
Max Reinwald: Naja, zuerst geh ich in eine landwirtschaftliche Fachschule in Bruck an der Glocknerstraße und danach möchte ich eine Lehre als Landmaschinentechniker machen. Mit dem Schauspielen, das lass ich auf mich zukommen, ist für mich aber eher ein Hobby und macht Spaß.
KiJuKU: Was magst du in der Schule und was eher nicht so besonders?
Max Reinwald: Mathe gefällt mir recht gut, auch wenn ich da nicht der Beste bin. Die anderen Hauptfächer sind auch nicht so schlecht, eigentlich find ich eh alles ganz gut. Naja, Fit for Life mag ich nicht so, da haben wir zwei Stunden, wo wir nur reden über alles mögliche und das find ich langweilig.
KiJuKU: Aber du machst ja – auf der Bühne und jetzt nicht den Eindruck, dass du ungern redest?
Max Reinwald: Ich red eh sehr gern, aber nix Langweiliges und ich mach noch lieber was Handfestes.
KiJuKU: Deine liebsten Freizeitbeschäftigungen sind?
Max Reinwald: Ich geh gern im Winter Skifahren und im Sommer geh ich gern Fischen, früher mit meinem Opa, aber der ist heuer leider gestorben, jetzt mach ich das mit seinem Neffen. Und mit dem geh ich auch Jagern.
In „Das geheime Stockwerk“ spielen – natürlich wie bei allen Filmen dieses zum 37. Mal stattfindenden internationalen Festivals – Kinder die zentralen Rollen. Zwei junge Darsteller waren auch bei der Premiere am zweiten Tag des Kinderfilmfestivals in Wien im Cinemagic, dem wienXtra Kinder- und Jugendkino in der Urania anwesend, vor allem sie wurden vom Publikum befragt. Danach durfte auch Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… Ben Winkler (9) und Max Reinwald (14) interviewen; hier zunächst das mit Ben Winkler, das Interview mit Max Reinwald ist am Ende verlinkt.
Ben Winkler spielt Hermann, einen der beiden Söhne des autoritären, oft Watschen austeilenden Vaters, eines unbedingten Anhängers von Adolf Hitler. Er ist trotz seiner erst neun Jahre schon ein einigermaßen erfahrener junger Filmschauspieler.
KiJuKU: „Das geheime Stockwerk“ ist nicht dein erster Film, wann hast du mit Drehs begonnen?
Ben Winkler: Mein erster Film war „Macht der Kränkung“, da war ich vier Jahre.
KiJuKU: Wie kamst du so jung zum Film?
Ben Winkler: Mein Bruder Jan hat schon Theater gespielt, kam zu einer neuen Agentur, um Fotos zu machen. Dort bin ich dann gefragt worden, ob sie von mir auch Fotos machen sollen. Meine Mama hat „Nein“ gesagt, aber ich habe sie angefleht, ich wollte so sein wie mein großer Bruder. Und so hat das angefangen.
KiJuKU: In diesem Film spielst du den Hermann, einen der beiden Brüder in Lederhosen, die gegen Jüdinnen und Juden hetzen. Wie ist es, so jemanden zu spielen?
Ben Winkler: Im Film müssen eben alle Rollen besetzt werden. Auch schon in dieser kurzen Lederhose hab ich mich nicht wohlgefühlt. Aber das Interessante ist, dass du beim Film – auch im Theater – in andere Rollen schlüpfst, einen anderen Menschen spielst als du selbst bist.
KiJuKU: Hast du schon vor dem Film etwas darüber gewusst, wie die Nazis gegen Menschen wie Jüdinnen und Juden hetzten, sie verfolgten, umgebracht haben…?
Ben Winkler: Nein, ich hab das erst mit der Arbeit bei diesem Film gelernt, der Regisseur hat mit uns einen Film dazu angeschaut.
Anmerkung der Redaktion: Regisseur Norbert Lechner hatte zuvor im Publikumsgespräch auch erwähnt, dass er eine überlebende Zeitzeugin eingeladen hatte, um mit dem Team über die Zeit zu sprechen.
KiJuKU: Spielst du im echten Leben auch manches Mal Theater?
Ben Winkler: Beim Fußballspielen kann ich gut Schwalben machen.
KiJuKU: Spielst du in einem Verein?
Ben Winkler: Ja, im Tor bei Wimpassing und Eishockey spiel ich auch im Verein.
KiJuKU: Wowh, geht sich das alles neben der Schule aus?
Ben Winkler: Die Schule ist immer das Wichtigste. Ich bin sogar schon ein oder zwei Mal zu spät zum Training gekommen, weil ich zuerst immer meine Hausübungen fertig mache; außer wenn noch eine Leseübung offen ist, die kann ich auch nach dem Training machen.
KiJuKU: Was magst du in der Schule am liebsten?
Ben Winkler: Turnen und Werken, Zeichnen hasse ich, das mag ich aber auch so nicht; manches Mal hab ich Phasen wo ich gern was anmale.
KiJuKU: Soll Schauspiel später dein Beruf werden?
Ben Winkler: Jaaaaa!
„1, 2, 3, 4 – Kinderrechte wollen wir, 5, 6, 7, 8 – das wird heute klar gemacht!“ Immer wieder riefen einige Dutzend Kinder diesen Sprechchor – vor und im Zugang zu einer der Messehallen Wien. Drinnen startete die Interpädagogica, („Bildungsfachmesse für Lehrmittel, Ausstattung, Kultur und Sport – von der Kleinkindpädagogik bis hin zum kreativen, lebensbegleitenden Lernen“, Selbstzeichnung). Und zufällig fiel der Start der 46. Ausgabe dieser Messe in diesem Jahr auf den internationalen Tag der Kinderrechte, die eben an einem 20. November – und zwar im Jahr 1989 – von der UNO-Generalversammlung nach jahrzehntelangen Debatten in einer eigenen Konvention beschlossen worden sind.
Kinder aller fünf Kindergärten der Wiener Kinderfreunde im 2. Bezirk – wo auch die Messe Wien ihre Hallen beim Prater hat – hatten Plakate gezeichnet und geschrieben – mit Bildern zu jenem Recht, das ihnen jeweils am wichtigsten ist – vom gesunden Essen über eine ebensolche Umwelt bis hin dazu, dass kein Kind illegal ist. Den Sprechchören der Kinder folgten auch Lieder, unter anderem das allbekannte „Happy Birthday“ – eben für die Kinderrechtskonvention, immerhin schon 36 Jahre „alt“. In Österreich sind sie rund drei Jahre später als Bundesgesetz in Kraft getreten, 2011 – nach langjährigen Forderungen – wurden einige davon in den Rang von Verfassungsgesetzen erhoben, leider nicht die gesamte Konvention. Bis heute ist übrigens das im selben Jahr beschlossene „3. Zusatzprotokoll“, das Kinder eine Individualbeschwerde bei Verletzung von Kinderrechten einräumt, von Österreich nicht ratifiziert, also rechtlich anerkannt, worden.
Die Kinder der Donnerstag-Aktion kamen aus den Kinderfreunde-Kindergärten in der der Ausstellungsstraße, Rotensterngasse, Vorgartenstraße sowie den beiden ÖBB-betriebsnahen Kindergärten mit MINT-Schwerpunkt Lasallestraße und Praterstraße; sie alle sind in ihrem letzten Jahr bevor sie im Herbst in die Schule wechseln.
Zum Tag der Kinderrechte forderte die Bundesorganisation der Österreichischen Kinderfreunde „entschlossene Maßnahmen, damit Kinderrechte in Österreich endlich lückenlos gelten – in jeder Gemeinde, in jeder Einrichtung und für jedes Kind“ gelten. Deren Budnesvorsitzender Jürgen Czernohorszky, Stadtrat in der Wiener Landesregierung, meinte in einer Aussendung: „Es darf auf keinen Fall passieren, dass Kinder die Leidtragenden von aktuellen Kürzungen werden.“
Außerdem verlangte er, dass „jede Organisation, die mit Kindern arbeitet, verbindliche und geprüfte Kinderschutzkonzepte“ brauche samt „regelmäßigen Schulungen für alle Beteiligten und externe Qualitätskontrollen“.
„Bildungseinrichtungen müssen so aufgestellt sein, dass alle Kinder gemeinsam lernen können“, sagt Daniela Gruber-Pruner, Bundesgeschäftsführerin der Kinderfreunde. „Das heißt: multiprofessionelle Teams, ausreichende Ressourcen, Barrierefreiheit und Unterstützung dort, wo Kinder sie brauchen.“
Zu diesem Tham hatte der Unabhängige Monitoringausschuss schon am Tag davor „auf strukturelle Barrieren aufmerksam (gemacht), mit denen Kinder und Jugendliche mit Behinderungen in Österreich beim Aufwachsen konfrontiert sind. Als Basis dienen die Erfahrungen, die Menschen mit Behinderungen bei der diesjährigen Öffentlichen Sitzung 2025 des Unabhängigen Monitoringausschuss zum Thema „Aufwachsen mit Behinderungen“ geteilt haben. Die ersten Ergebnisse zeigen: Viele zentrale Rechte der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) bleiben noch immer unbeachtet.“
„Kinder und Jugendliche erfahren Ausgrenzung, Vorurteile und Gewalt, insbesondere in Schule und Freizeit. Lehr- und Betreuungspersonen greifen oft nicht ein, Sensibilität für Behinderung und spezifische Gewaltformen fehlt häufig. Ärzt*innen nehmen Beschwerden und Fragen oft nicht ernst, Erklärungen in Leichter Sprache fehlen…
Freizeitangebote sind oft nicht barrierefrei. Persönliche Assistenz fehlt, sodass Kinder stark von Eltern oder Geschwistern abhängig sind. Das erschwert Teilhabe und soziale Kontakte. Kinder und Jugendliche werden in wichtigen Entscheidungen zu Wohnen, Bildung oder Politik oft nicht einbezogen, ihre Interessen bleiben ungehört. Fehlende Unterstützungsstrukturen verhindern, dass sie selbstbestimmt handeln können.
Daniela Rammel vom Vorsitzteam dieses Monitoring-Ausschusses: „Kinder mit Behinderungen sind Trägerinnen und Träger von Rechten. Ihre Rechte dürfen nicht vom Wohlwollen, Wohnort, oder von familiären Ressourcen abhängen.“
„Der Zugang zu medizinischer und therapeutischer Versorgung darf nicht vom Einkommen oder der Postleitzahl abhängen“, so Gruber-Pruner von den Kinderfreunden. „Wir brauchen österreichweit genügend Kassenplätze, kurze Wartezeiten und einen kräftigen Ausbau der Kinder- und Jugendgesundheit – von der Primärversorgung bis zur Psychiatrie.“
„Frühkindliche Bildung ist ein Recht – kein Luxus“, unterstreicht Czernohorszky. „Kostenfrei, ganztägig, ganzjährig und mit bester pädagogischer Qualität ausgestattet: mit kleinen Gruppen, gutem Betreuungsschlüssel und Öffnungszeiten, die Familien wirklich nützen.“
„Die Zahlen zeigen ganz deutlich – wir brauchen die Kindergrundsicherung. Jedes Kind, das in Armut leben muss, erlebt Tag für Tag die Verletzung seiner Rechte. Kinderarmut gehört in die Geschichtsbücher – nicht in den Alltag von Kindern“, fordert Gruber-Pruner.
„Kinderrechte stehen nicht nur in der Verfassung, sie sind auch unser aller Verpflichtung“, ziehen die Kinderfreunde Bilanz. „36 Jahre nach der Beschlussfassung der Kinderrechte gilt es endlich, alle Kinderrechte für alle Kinder zum Leben zu erwecken.“
Den Kinderrechte-Geburtstag nahmen auch das Netzwerk Kinderrechte Österreich (das fast fünf Dutzend Organisationen vertritt) und Ökobüro zum Anlass, die konsequente Umsetzung dieser doch schon fast vier Jahrzehnte verankerten Rechte für Menschen bis 18 zu verlangen.
„Gerade in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten ist es essenziell, die Expertise zivilgesellschaftlicher Organisationen einzubeziehen, um langfristige Folgeschäden durch Sparpakete zu vermeiden. Organisationen, die täglich mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, erkennen die Auswirkungen politischer Entscheidungen frühzeitig – vorausgesetzt, sie verfügen über ausreichende Ressourcen und stabile Rahmenbedingungen. Gleichzeitig bestehen weiterhin Mängel im Bildungs- und Sozialbereich: Der Bildungserfolg hängt stark vom Elternhaus ab, Kinder mit Behinderung haben vielerorts keinen gleichberechtigten Zugang, und jedes fünfte Kind lebt in Armut – mit gravierenden Folgen für Gesundheit, Teilhabe und Zukunftschancen“, heißt es in einer Stellungnahme vom Netzwerk und Ökobüro.
Diese bestehenden sozialen Ungleichheiten werden durch die Klimakrise weiter verschärft. Sie bedroht eine Vielzahl von Kinderrechten unmittelbar: das Recht auf Gesundheit, auf Schutz vor Gefahren, auf eine sichere Lebensumwelt und auf faire Zukunftsperspektiven. Der UN-Kinderrechtsausschuss hat in seinem Allgemeinen Kommentar Nr. 26 unmissverständlich festgehalten, dass Vertragsstaaten verpflichtet sind, die Lebensgrundlagen heutiger und zukünftiger Generationen zu schützen. Fehlender Rechtsschutz und mangelnde Beteiligung von Kindern
„Obwohl der österreichische Staat zur Wahrung des Kindeswohls verpflichtet ist, reichen die aktuellen Klimaschutzmaßnahmen nicht aus, um diesem Anspruch gerecht zu werden“, sagt Gerlinde Schörghofer, Umweltjuristin bei Ökobüro. „Zahlreiche Klimaschutzprogramme wurden zuletzt zurückgefahren – mit direkten Folgen für junge Menschen.“
Auch der Zugang zu Gerichten ist für Kinder faktisch kaum möglich: „Trotz verfassungsmäßiger Schutzrechte setzt der Verfassungsgerichtshof die Zulässigkeitshürden so hoch an, dass Kinder ihre Rechte kaum wirksam geltend machen können.“ Ebenso werde ihr Recht auf Beteiligung in politischen Prozessen vielfach nicht umgesetzt. „Einsparungen zu Lasten der jungen Generation schwächen jene Strukturen, die notwendig wären, um Beteiligung als demokratischen Standard zu verankern.“
„Kinderrechte dürfen nicht als optionale Luxusidee verstanden werden. Sie müssen in allen Gesetzen, Sparmaßnahmen und politischen Entscheidungen auf Bundes-, Landes- und Gemeindeebene verbindlich berücksichtigt werden. Es braucht sichtbaren politischen Willen – das ganze Jahr über, nicht nur am Tag der Kinderrechte.
Denn wer bei Kinderrechten spart, spart letztlich dort, wo die Grundlagen einer gerechten und zukunftsfähigen Gesellschaft entstehen“, so das Netzwerk Kinderrechte und das Ökobüro.
Der Dachverband der Österreichischen Kinder- und Jugendeinrichtungen (DÖJ) sowie die Volksanwaltschaft kritisierten am Tag vor dem Kinderrechte-Geburtstagh in Aussendungen wieder die seit 2019 zu den Bundesländern verschobene Kompetenz in der Kinder- und Jugendhilfe. Das führe zu großen regionalen Unterschieden, etwa bei Unterstützungsleistungen, bei Personalschlüsseln und Gruppengrößen in den Kinder- und Jugend-WGs und bei den Ausbildungsanforderungen an das Personal, kritisierte Volksanwalt Bernhard Achitz.
Auch anderer Einrichtungen, wie FICE-Austria, Netzwerk Kinderrechte, die Kinder- und Jugendanwaltschaften und die Bundesjugendvertretung würden sich für eine österreichweite und qualitätsgesicherte Kinder- und Jugendhilfe einsetzen, betonte DÖJ-Obmann Gerald Herowitsch-Trinkl und richtete seinen Appell besonders an Familienministerin Claudia Plakolm (ÖVP).
Volksanwalt Achitz forderte auch die verpflichtende Einführung der Qualitätsstandards für die außerfamiliäre Erziehung von FICE, der internationalen Organisation für erzieherische Hilfe. Laut der aktuellen Kinder- und Jugendhilfestatistik waren im vergangenen Jahr 13.050 Kinder und Jugendliche in sogenannter „voller Erziehung“ fremduntergebracht. Um diese möglichst zu vermeiden und Minderjährigen den Verbleib in den Familien zu ermöglichen, forderte die Volksanwaltschaft zudem den Ausbau ambulanter Hilfen.
Die Situation in der Fremdunterbringung sei hingegen prekär, kritisierte das Österreichische Hilfswerk. Es komme zu langen Wartezeiten und überfüllten Einrichtungen. Das Hilfswerk warnte vor Sparmaßnahmen in der Kinder- und Jugendhilfe. Aufgrund fehlender finanzieller Ressourcen käme es immer wieder zu Fällen der Kindeswohlgefährdung.
1, 2, 3, 4, X, 6, 7, 8, 9, X, 11, 12, 13, 14, X – so wie hier an jeder fünften Stelle ein X steht, so ist jedes fünfte Kind in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen in mindestens zwei lebenswichtigen Bereichen die für Gesundheit, Entwicklung und Wohlbefinden entscheidend sind, stark benachteiligt. Und das sind immerhin rund 417 Millionen Kinder – also fast so viele wie Menschen in der gesamten EU leben (450 Millionen). Diese Zahlen gab die Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen zum Kinderrechtetag (20. November, Jahrestag des UNO-Beschlusses über die Kinderrechtskonvention, 1989) bekannt.
„The State of the World’s Children 2025: Ending Child Poverty – Our Shared Imperative“ (Die Lage der Kinder in der Welt 2025: Kinderarmut beenden – Unsere gemeinsame Aufgabe) wie dieser Bericht offiziell heißt, stützt sich auf Daten aus mehr als 130 Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen, um das Ausmaß multidimensionaler Armut zu bewerten. Gemessen wird sie anhand von sechs Kategorien: Bildung, Gesundheit, Wohnen, Ernährung, sanitäre Versorgung und Wasser. Die Analyse zeigt, dass 118 Millionen Kinder drei oder mehr Deprivationen (Entbehrungen) erleben und 17 Millionen vier oder mehr (Anm.: Die Daten stammen aus dem Jahr 2023).
„Kinder, die in Armut aufwachsen und denen grundlegende Dinge wie gute Ernährung, angemessene sanitäre Versorgung und eine sichere Unterkunft fehlen, sind verheerenden Folgen für ihre Gesundheit und Entwicklung ausgesetzt“, sagte UNICEF-Exekutivdirektorin Catherine Russell. „Es muss nicht so sein. Wenn Regierungen sich dazu verpflichten, Kinderarmut durch wirksame politische Maßnahmen zu beenden, eröffnen sie Kindern eine Welt voller Möglichkeiten.“
Die höchsten Raten multidimensionaler Armut bei Kindern konzentrieren sich auf Subsahara-Afrika und Südasien. In Tschad beispielsweise erleben 64 % der Kinder zwei oder mehr schwere Deprivationen, und knapp 25 % sind drei oder mehr ausgesetzt.
Sanitäre Versorgung ist der am weitesten verbreitete schwere Mangel: 65 % der Kinder in Ländern mit niedrigem Einkommen haben keinen Zugang zu einer Toilette, 26 % in Ländern mit unterem mittleren Einkommen und 11 % in Ländern mit oberem mittleren Einkommen. Ein Mangel an angemessener sanitärer Versorgung erhöht die Gefahr, dass Kinder Krankheiten ausgesetzt sind.
Der Anteil der Kinder, die in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen mindestens eine schwere Deprivation erfahren, sank zwischen 2013 und 2023 von 51 auf 41 %, größtenteils dank der Priorisierung von Kinderrechten in nationalen Politiken und wirtschaftlicher Planung. Doch der Fortschritt stockt. Konflikte, Klima- und Umweltkrisen, demografische Veränderungen, steigende nationale Schulden und wachsende technologische Ungleichheiten verschärfen die Armut. Gleichzeitig drohen beispiellose Kürzungen der öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit (Official Development Assistance, ODA) die Deprivation von Kindern in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen zu vertiefen.
Dennoch ist Fortschritt möglich. Tansania etwa erzielte zwischen 2000 und 2023 eine Reduzierung der multidimensionalen Kinderarmut um 46 %, teilweise dank staatlicher Zuschüsse, die armen Haushalten finanzielle Entscheidungsspielräume eröffneten. In Bangladesch sank die Kinderarmut im gleichen Zeitraum um 32 %, dank staatlicher Initiativen, die den Zugang zu Bildung und Elektrizität ausweiteten, die Wohnqualität verbesserten und in Wasser- und Sanitärversorgung investierten. Offene Defäkation wurde so von 17 % im Jahr 2000 auf null Prozent im Jahr 2022 reduziert.
Armut beeinträchtigt die Gesundheit, Entwicklung und das Lernen von Kindern – mit Folgen wie schlechteren Berufsaussichten, kürzerer Lebenserwartung sowie erhöhten Raten von Depressionen und Angststörungen. Der Bericht betont, dass besonders junge Kinder, Kinder mit Behinderungen und Kinder in Krisenkontexten gefährdet sind.
Der Bericht untersucht auch monetäre Armut, die den Zugang zu Nahrung, Bildung und Gesundheitsdiensten weiter einschränkt. Laut aktuellen Daten leben mehr als 19 % der Kinder weltweit in extremer monetärer Armut, das heißt mit weniger als 3 US-Dollar (2,50 €) pro Tag. Fast 90 % dieser Kinder leben in Subsahara-Afrika und Südasien.
Der Bericht enthält außerdem eine Analyse von 37 Ländern mit hohem Einkommen. Rund 50 Millionen Kinder – oder 23 % der Kinderpopulation in diesen Ländern – leben in relativer monetärer Armut. Das bedeutet, dass ihr Haushalt deutlich weniger Einkommen hat, als die meisten anderen im jeweiligen Land, was ihre Fähigkeit einschränken kann, vollständig am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Während die Armut in den 37 Ländern zwischen 2013 und 2023 durchschnittlich um 2,5 % sank, stagnierte oder kehrte sich der Fortschritt in vielen Fällen um. In Frankreich, der Schweiz und dem Vereinigten Königreich stieg die Kinderarmut beispielsweise um mehr als 20 %. Im gleichen Zeitraum senkte Slowenien seine Armutsquote um mehr als ein Viertel, vor allem dank eines starken Familienleistungssystems und Mindestlohnregelungen.
Laut den Daten des Berichts leben 17,9 % der Kinder unterhalb der Armutsgrenze (2023), ein Anstieg von über zehn Prozent seit 2018. Besonders besorgniserregend ist die Tiefe und Dauer der Armut: Kinder in einkommensarmen Haushalten liegen im Schnitt 19,8 % unter dem Schwellenwert, und 10,6 % sind von anhaltender Armut betroffen. Während die realen Einkommen leicht gestiegen sind, hat sich die relative Armut um mehr als 20 % verschärft, was auf wachsende Ungleichheit hinweist. Auch nicht-monetäre Aspekte zeigen Herausforderungen: 4,8 % der Kinder leben in Haushalten mit schwerer materieller Deprivation, 12,9 % der 15-Jährigen haben kein eigenes Zimmer, und 8,8 % der Jugendlichen berichten, mindestens einmal pro Woche nicht gegessen zu haben, weil kein Geld für Essen vorhanden war. Digitale Exklusion ist hingegen kaum ein Problem.
„Der Anteil der armutsgefährdeten Kinder ist im vergangenen Jahr gestiegen. Einer aktuellen Erhebung des Statistischen Bundesamts zufolge waren 2,2 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren betroffen – das entspricht einem Anteil von 15,2 Prozent, bezogen auf die Altersgruppe. Ein Jahr zuvor hatte der Anteil erst 14,0 Prozent betragen“, schreibt Spiegel Online vor wenigen Tagen auf der Basis aktueller Zahlen des deutschen Statistischen Bundesamtes.
Laut EU-SILC 2024 sind 344.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sowie 666.000 Frauen und 518.000 Männer ab 18 Jahren von Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung betroffen. 23 % aller Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten sind unter 18 Jahre alt. Das Risiko von Kindern und Jugendlichen für Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung beträgt 21 % und liegt damit über dem der Gesamtbevölkerung (16,9 %).
„Kinderarmut bedeutet gesellschaftlichen Ausschluss, raubt Perspektiven und hindert eine gesunde Entwicklung. Sie ist kein Schicksal, sondern eine Aufgabe, die entschlossen angepackt werden muss. Durch die konsequente Umsetzung des Nationalen Aktionsplans Kindergarantie und die Einführung einer Kindergrundsicherung wird die Grundlage für eine Gesellschaft, in der jedes Kind die Chance erhält, sicher und gesund aufzuwachsen, geschaffen“, erklärt UNICEF Österreich Geschäftsführer Christoph Jünger.
The State of the World’s Children 2025 zeigt, dass die Beendigung der Kinderarmut erreichbar ist, und hebt die Bedeutung hervor, Kinderrechte – wie in der UN-Kinderrechtskonvention festgelegt – in den Mittelpunkt aller staatlichen Strategien, Politiken und Maßnahmen zur Armutsbekämpfung zu stellen, indem:
Der Bericht erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem viele Regierungen weltweit ihre Auslandshilfe zurückfahren. Laut The Lancet könnten Kürzungen bei der Entwicklungszusammenarbeit bis 2030 zum Tod von 4,5 Millionen Kindern unter fünf Jahren führen. Gleichzeitig zeigen aktuelle UNICEF-Schätzungen, dass infolge dieser Kürzungen bis nächstes Jahr sechs Millionen Kinder zusätzlich nicht zur Schule gehen könnten.
„Schon vor der globalen Finanzierungskrise hatten viel zu viele Kinder keinen Zugang zu ihren grundlegenden Bedürfnissen, nun droht sich die Lage deutlich zu verschlimmern“, sagte Russell. „Dies ist nicht der Moment, sich zurückzuziehen. Es ist die Zeit, auf den hart erarbeiteten Fortschritten für Kinder aufzubauen. Regierungen und Unternehmen können dazu beitragen, indem sie Investitionen in zentrale Dienste für Kinder stärken, um sie gesund und geschützt zu halten, und indem sie sicherstellen, dass sie Zugang zu essenziellen Dingen wie guter Ernährung haben – insbesondere in fragilen und humanitären Kontexten. Investitionen in Kinder schaffen eine gesündere und friedlichere Welt – für alle.“
„Hier, an einem geschichtsträchtigen Platz im Zentrum Wiens, soll ein sichtbares Zeichen der Erinnerung und Anerkennung entstehen“, sagte der weltberühmte Musiker und Roma-Aktivist Harri Stojka Anfang dieser Woche (Mitte November 2025) auf dem Wiener Schmerlingplatz. In der Hand hielt er ein Bild seines – von den Nazis ermordeten – Großvaters Karl Wakar Horvath.
Das Mahnmal soll an die faschistische Verfolgung und Ermordung der Volksgruppen der Rom:nja und Sinti:zze im Nationalsozialismus erinnern und zugleich als Appell gegen Diskriminierung und Ausgrenzung in der Gegenwart dienen. Jahr für Jahr wird beim Gedenken an den Porajmos (entspricht der Shoah an Jüd:innen) bei der Gedenkveranstaltung am 2. August auf dem Ceija Stojka Platz (Wien-Neubau) auch von Politiker:innen versprochen, dass es so ein Mahnmal geben wird. Seit Jahren verzögert sich die Umsetzung durch Diskussionen über den Standort. „Das ist ärgerlich und respektlos gegenüber der Roma-Community“, so Stojka.
Es war aber keine Ein-Mann-Aktion, auch andere Aktivist:innen – übrigens nicht nur Angehörige der Volksgruppen – waren ebenso Teil der Mahnung daran, dass dieses Denkmal schon längst überfällig ist und nicht weiter verschleppt werden darf. Sie alle hielten Fotos von ermordeten Rom:nja und Sinti:zze, bei einigen waren es eigene Verwandte wie Großeltern oder Großtanten, aber auch Kinderbilder. Die Nazis brachten ja auch jede Menge Kinder und Jugendliche um.
Der Künstler spricht sich auch für eine internationale Ausschreibung für die künstlerische Gestaltung aus und richtet den klaren Appell an den Nationalfonds, die Stadt Wien und politisch Verantwortliche, 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs endlich zu handeln und die Umsetzung dieses wichtigen Erinnerungsprojekts nicht weiter hinauszuschieben.
Vor rund eineinhalb Jahren gab es – ausgehend von einem Positionspapier der Volksgruppenvereine eine Besprechung, wo der Schmerlingplatz in unmittelbarer Nähe zum Parlamentsgebäude vorgeschlagen wurde. Es sollten die statischen Voraussetzungen und damit Kriterien wie Höhe und Gewicht geprüft werden, damit Künstler:innen dies bei Entwürfen für eine Gestaltung berücksichtigen könnten.
Eineinhalb Jahre später die erst zweite Sitzung – mit keinen konkreten Antworten auf die technischen Umsetzungsfragen dafür nebulose Standortvorschläge, so manche weitab vom Stadtzentrum. Ein zentraler Standort war aber immer eine Forderung der Community – und wurde bei den oben schon erwähnten Gedenkveranstaltungen immer wieder versprochen. Diese Verschleppungstaktik passt leider genau ins Bild des Umgangs auch mit dem offiziellen Gedenktag am 2. August. Vor einem Jahrzehnt vom EU-Parlament beschlossen, ratifizierte der österreichische Nationalrat ihn im Jänner 2023 ebenfalls, aber die Veranstaltung muss nach wie vor von den Vereinen organisiert werden, das offizielle Österreich begnügt sich mit einer Mini-Kranzniederlegung mit beschränkter Teilnehmer:innen-Zahl.
Umzugskartons – gut zwei Dutzend dieser braunen Kisten spielen eine optisch zentrale Rolle – als Hintergrundwand einerseits, dann immer wieder, wenn das eine oder andere daraus hervorgekramt wird. Und eben als Symbol für Übersiedlungen, Reisen von einem Ort zu einem anderen. Schön, wenn solche Reisen freiwillig erfolgen, nicht selten allerdings müssen Menschen ihre Heimat verlassen, um woanders neu zu beginnen. Oft haben sie dann keine Umzugskartons dabei, sondern mitunter nicht viel mehr als sie am Leib tragen und vielleicht noch einen (kleinen) Rucksack…
Die Kartons auf der Bühne der Tanztheater-Performance von kollektiv kunststoff „Wo ist Walzer?“, die Mitte November Premiere im Kulturzentrum F23 (Wien-Liesing) bei einem der Standorte von Junge Theater Wien hatte, verbindet diese Ausgangsbedingungen mit der dahinterliegenden Frage, wo oder was ist Heimat?!
Die tanzenden Performer:innen / performenden Tänzer:innen Raffaela Gras, Michael Gross, Kamil Mrozowski und Kamel Jirjawi haben im Prozess der Arbeit an diesem Stück eingebracht und „kramen“ diese unter anderem aus den Kisten hervor. Vor allem aber bringen sie es bewegt und bewegend tänzerisch auf die Bühne; manches auch in Songs – verstärkt durch Sängerin Theresa Eipeldauer, instrumental interpretiert, verstärkt, unterstrichen, hervorgehoben durch Peter Plos (u.a. E-Gitarre) und Didi Kern (Schlagzeug).
Das aktuelle Johann-Strauss-Jahr (vor 200 Jahren wurde der Komponist und Musiker geboren) mit Dutzenden über ganz Wien verteilten unterschiedlichsten Produktionen hatte „kollektiv kunststoff“ angefragt, ob sich die Gruppe etwas rund um den „Walzerkönig“ einfallen lassen wolle. Und kam bald auf die wohl berühmteste Komposition von Johann Strauss Sohn. Mit ihm wird auf den meisten audiovisuellen Kanälen Österreichs das neue Jahr einge„läutet“, die Fluglinie AUA lässt ihn erklingen, wenn die Maschinen auf dem Vienna Airport landen…
Aber ist das für alle so? Mögen alle diese Musik? Verbinden sie damit wirklich (ihre) Heimat? Was bedeutet für jede und jeden „Zuhause“, wo fühlt sich wer geborgen und warum? Oder wodurch?
Und so erinnert sich „Michi“ (Michael Gabriel Gross) an viel Zeugs aus seiner Kindheit, das er auf dem Dachboden ihres ehemaligen Hauses wieder zufällig entdeckt und lässt eine Art Zeitreise miterleben. Raffaela Gras bringt ihre Kindheits- und Jugenderlebnisse in jenem „Tagada“, das im Wiener „Wurstelprater“ die Benutzer:innen wilde Runden drehen lässt; samt Outing einer urpeinlichen Szene.
„Das war so prägend, dass wir alle mit ihr im Tagada waren und es auch Inspiration für einige Choreos war“, verrät Choreografin Stefanie Sternig (Dramaturgie: Christina Aksoy) Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… Und sie zeigt ausführlicher das dicke Buch, das mit persönlichen Erinnerungen gefüllt ist – der Performer:innen aber auch Gedanken von Kindern aus Klassen, mit denen das Team im Vorfeld zusammengearbeitet hat. Die Choreografin hat übrigens ihr echtes Freund:innenbuch aus ihrer Kindheit, Anfang der 90er Jahre zur Verfügung gestellt, in das die Performer:innen einige ihnen wichtige Sätze auf eingeklebten zetteln „verewigt“ haben.
Kamil Mrozowski singt – auf Polnisch – Ich bin wie Rosmarin, / ich entfalte mich / … habe starke Wurzeln, selbst wenn / der Wind weht, gebe ich nicht auf… Ich bin nicht hier, / um tatenlos zu stehen / Ich bin hier, um dir Freiheit zu geben / Du bist nicht zu anders, zu laut oder /zu seltsam, / Du bist genau richtig…“
Bevor er jedoch zu diesem Song kommt, hat er mit einer der Umzugskartons allein gegen die drei Kolleg:innen irgendwie zu kämpfen, wird bedrängt, setzt sich zur Wehr bis die vier und mit der Sängerin zu fünft zu einem Miteinander im Kreis kommen, wie sie einander gegenseitig stützen.
Das was für Kamil Rosmarin bedeutet, das ist für Kamel Jirjawi, einen seit sieben Jahren in Berlin lebenden palästinensischen Tänzer, ein Olivenbaum – weit mehr als eine Pflanze, die Früchte trägt, eben ein Stück alter Heimat. An die er aber auch in einem arabischen Lied die Erinnerung singt, dass alle Autos haben, nur sein Großvater „hat einen Esel“.
Neben Tanz, Schauspiel, Gesang und der Live-Musik kommen immer wieder auch Projektionen zum Einsatz – Projektor in einem mit Fensteröffnungen versehenen Umzugskarton – die allerdings für jene, die seitlich im Publikum sitzen nicht immer (gut) zu sehen sind. Ein weiteres Element, das in „Wo ist Walzer?“ ins Spiel gebracht wird, erfüllt dafür immer wieder den gesamten Raum: Düfte.
Dass Erinnerungen sehr oft besonders stark mit Gerüchen verbunden sind, greifen die Performer:innen zu Tiegelchen und Schälchen mit Materialien, die sie persönlich mit starken Kindheits- und / oder Heimatgefühlen verbinden. Sie begeben sich damit immer wieder auch ganz nahe an die Publikumsreihen, um die Zuschauer:innen intensiver riechen zu lassen. Und dem widmet die Tanzperformance auch einen eigenen Song: „It’s all about the healing, / And the healing goes right through the scent. / A smell, a trace of (former) feeling, / its more than a place — it is you. / Every smell / Every fight… / every trace / every land / pulls me back to you. / … And the healing goes right through the pain. / A smell, a trace of (former) feeling, / its more than a place — it was you.“
(Es geht um Heilung, / und die Heilung geht direkt durch den Duft. / Ein Geruch, eine Spur (ehemaliger) Gefühle, / es ist mehr als ein Ort – es bist du. / … Jeder Duft / Jeder Streit …/ jede Spur / jedes Land / zieht mich zurück zu dir / … und die Heilung geht direkt durch den Schmerz hindurch. / Ein Duft, eine Spur (ehemaligen) Gefühls, / es ist mehr als ein Ort – es warst du…
Übrigens: Am Abend nach der ersten Aufführung von „Wo ist Walzer?“ im F23 sagte der kritische Journalist, Autor und Dokumentarfilmer Can Dündar, der in seiner ersten Heimat Türkei eingesperrt war und der jetzt im Exil in Deutschland lebt aber auch dort vor Anschlägen nicht sicher ist, in einem Interview anlässlich seines neuen Buches „ich traf meinen Mörder“ im ORF-Kulturmontag: „Für einen Journalisten, einen Autor ist zu Hause dort, wo man frei reden, frei denken kann.“
„Extrablatt! Extrablatt!“, liest der Autor aus seinem Buch, ruft es in die Menge, als würde er wirklich hier selber Zeitungen verkaufen.
Zeitungen? Für das jugendliche Publikum fast etwas wie aus einer anderen Welt. Aber dennoch gelingt es Benedict Mirow die Schülerinnen und Schüler vor einer der vielen Bühnen auf der Buch Wien zu fesseln – mit seiner Art aus seinem Roman zu lesen, die spannenden Passagen vor den geistigen Augen UND den Ohren lebendig werden zu lassen. Der deutsche studierte Theaterregisseur – übrigens in Wien am berühmten Max-Reinhardt-Seminar – vor allem aber lange selber bekannter Regisseur von Musik-Filmen (Konzertmitschnitte und Porträts musikalischer Promis) hat erst vor fünf Jahren begonnen Bücher zu schreiben – für junge Leser:innen.
Nach der umfangreichen fünfbändigen Serie „Die Chroniken von Mistle End“, erschien erst knapp vor der Wiener Buchmesser, mittlerweile die drittgrößte im deutschsprachigen Raum (nach Frankfurt und Leipzig). Und für die hat er sich einen Zeitungsjungen in London vor rund 170 Jahren ausgedacht, nannte ihn Joshua Jackelby. Rund um ihn, einen von vielen auf der Straße bzw. er und seine Kumpels in einem Bahnhof lebenden Kindern, die sich mit verschiedensten Jobs, unter anderem eben dem Verkauf von Zeitungen, ihr tägliches Überleben sichern mussten, baute er eine spannende Story.
Dafür hat der Autor viel über das wahre Leben, vor allem von Kindern und Jugendlichen im London der 1850er Jahre recherchiert und die Fakten in die sehr szenisch geschriebene Geschichte eingebaut. Dieser Josh, wie ihn Mirow im Text meist nennt, ist aber trotz seiner harten Lebensbedingungen mitfühlend geblieben – und so erleben die Jugendlichen auch noch die Schilderung, wie er ein in den dreckigen Fluss Themse geworfenen Sack, aus dem er „ein kleines, schmerzerfülltes Heulen. Ein gedämpftes Weinen“ hörte, rettete…
Klar, Klassenbesuche bei Veranstaltungen sind für viele zunächst einmal willkommene Abwechslung zum Schulalltag und nicht alle stehen genau auf das von Lehrer:innen ausgesuchte Programm; aber die spürbare Aufmerksamkeit, so manche Fragen, die Neugier nach dem weiteren Verlauf der Handlung danach, immer wieder Handyvideos während der Lesung und die Bitte um Autogramme zeigte, lesen ist doch noch immer nicht – wie oft behauptet wird – out bei Kindern und Jugendlichen. Das war auch vielerorts beim Lesefestival in – heuer bereits zwei – Messehallen immer wieder zu erleben.
Am Rande der hier beschriebenen Lesung etwa meinten Valentina und Raphael ganz enthusiastisch, dass sie sogar Vielleser:innen sind, erster liebt es aber „nur“ in gedruckten Büchern, zweiterer liest sowohl Papier- als auch digitale Bücher. Als eine der Lieblingslektüren nennen sie unabhängig voneinander „Gregs Tagbücher“, aber auch viel dickere – bzw. längere Bücher. „Joshua Jackelby“ (Thienemann Verlag) hat 380 Textseiten, die bei der Lesung aufgebauten Bücherstapel mussten die beiden Verkäuferinnen aber wieder zurück in den Messe-Shop bringen, weil nur mit Karte und nicht bar bezahlt werden konnte, unter 14-Jährige aber kein eigenes Konto haben können.
Im fast übervollen größten „Lichtspieltheater“ Österreichs, dem Gartenbaukino fand am Leopolditag (15. November) die vielumjubelte Eröffnung des Kinderfilmfestivals statt – zum 37. Mal und wie immer international mit Filmen aus vielen Ländern, Kulturen und den entsprechenden Sprachen – Deutsch live im Kino eingesprochen. „Superkräfte im Kopf“ – wie vier weitere Filme dieses Mal aus den Niederlanden, die sogar vom Botschafter vertreten war. Mehr über diesen beeindruckenden, berührenden und über viele Strecken auch humorvollen Film in einem späteren Beitrag – samt Interview mit dem jungen Hauptdarsteller Finn Vogels.
Auf der Bühne stellten sich auch die sieben Mitglieder der Kinderjury gegenseitig vor – siehe Video. Am Sonntag vor der Premiere von „Das geheime Stockwerk“ im ebenfalls vollbesetzten Cinemagic, dem Kinder- und Jugendkino von wienXtra in der Urania am Donaukanal durfte Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… Arto, Lea, Livia, Matilda, Mathis, Noa und Philemon (alphabetisch sortiert) treffen. Neben Schule und anderen Verpflichtungen haben sie ein dichtes Festivalprogramm: Gemeinsam acht Filme anschauen und das sehr konzentriert, danach darüber besprechen gemeinsam mit ihren Betreuerinnen Annelies und Paula, bewerten und am Ende Preise vergeben.
KiJuKU durfte zunächst zuhören, wie sie gerade noch den dänischen Film „Honey“ sehr detailliert diskutierten – bis hin zu Details von Hintergrundmusik. „Aber nicht nur die Hintergrund-, sondern die ganze Musik des Films ist sehr gut“, meinten einige der jungen Juror:innen. Gesamteindruck ungefähr so: Gefühlvolle Drama-Komödie mit einigen lustigen Szenen…
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… wollte vor allem wissen, was die Jurymitglieder bewogen zu dieser Tätigkeit bewogen hatte.
Matilda, 12: Ich schau liebend gern Filme, weil ich mich gern in andere Welten reinversetze und mit Charakteren mitfühle. Ich will wissen, wie sie ticken und schreib auch gern selber Geschichten, hab da viele Ideen und fantasievolle Dinge im Kopf. Seit ich schreiben kann, mach ich das. Im Kopf Geschichten ausgedacht hab ich mir aber schon davor. Und ich lese gerne, am liebsten Fantasybücher.
Livia, 11: Ich bin da, weil ich’s von einer Freundin erfahren habe und gern viel Filme schaue und viele Geschichten lese. Außerdem ist meine Mama Regisseurin und so hab ich schon einige Erfahrungen rund um Filme. Aber ich bin sehr aufgeregt, wenn ich auf der Bühne sprechen soll. „Superkräfte im Kopf“ fand ich extrem cool und eine sehr gute Entscheidung, ihn zum Eröffnungsfilm zu wählen, auch weil er von dem Mut handelt, über Gefühle zu reden. Und weil die Oma im Film sagt, wenn man nie etwas macht, das einem peinlich ist oder Angst bereitet, dann hat man keinen Spaß im Leben. Das ist auch eine ganz wichtige Sache, um dann doch auf die Bühne zu gehen und zu sprechen!
Arto, 11: Ich schau gern viele Filme und Serien, geh überhaupt gerne auf Veranstaltungen wie Game City und andere, wobei ich das manchmal gerne ein bisschen übertreibe. Ich mein, in der Festivalwoche machen wir schon sehr viel.
„Superkräfte im Kopf“ fand ich am Anfang sehr traurig, weil Lev (Hauptfigur) von seinen Eltern nur rumkommandiert wird. Aber dann kommt zum Glück die Oma und es gibt für ihn nun viele Ausnahmen. Das Ende fand ich sehr schön, weil er dann doch auf die Comic Con geht, neue Freunde gewinnt und alle mitgerissen hat als er über Gefühle geredet hat.
Lea, 12: Ich war vorher schon öfter beim Kinderfilmfestival und hab andere Kinderjurys gesehen, meine große Schwester wollte auch einmal in die Jury, ist aber nicht gezogen worden – es gibt so viele Bewerbungen, dass das Los entscheidet. Ich hatte mehr Glück. Ich mag es, auf Bühnen zu stehen und etwas zu präsentieren. Und ich liebe es natürlich, Filme anzuschauen. Mit meine Schwester und meiner Mama hab ich auch schon früher über Filme, die wir gemeinsam gesehen haben, geredet. Und ich mag es, andere Meinungen zu verstehen und auch wie es zur Vergabe von Preisen kommt.
„Honey“ fand ich einen emotionalen Film, ich konnte mich in diese Welt reinversetzen, in der gespielt wurde. Er war für mich sehr traurig, aber auch ernst und man kann vestehen, wie das alles passiert.
Noa, 12: Mit meiner Mutter hab ich schon vor einigen Jahren die Kinderjury gesehen, mich früher aber nicht angemeldet, weil ich da so viele Schularbeiten hatte. Heuer geht sich’s aus. Ich mag gern Filme schauen, wir machen das auch in der Schule oft – zu Genderthemen oder antirassistische Filme und reden dann darüber. Außerdem arbeite ich gern in Gruppe, mag diskutieren und steh auch gern auf der Bühne.
„Superkräfte im Kopf“ fand ich cool und der Titel ist gut ausgesucht. Er ist kindlicher als „Honey“, beide sind traurig aber gut.
Mathis, 12: Ich schau natürlich auch sehr gern Filme und ich mag es, darüber zu sprechen. Bevor ich in der Kinderjury war, hab ich über Filme weniger nachgedacht als jetzt, wo wir auch auf vieles achten, zum Beispiele wie so ein Film aufgebaut ist. Beim Eröffnungsfilm fand ich auch sehr gut, dass der junge Hauptdarsteller da war und ihm viele ihre Fragen stellen konnten.
Philemon, 11: Ich bin ein leidenschaftlicher Film-Schauer, diskutieren auch mit meiner Familie oft über Filme. Und ich arbeite gern in Gruppen wie hier. Beim Eröffnungsfilm finde ich, war einfach für jede und jeden was dabei.
KiJuKU wollte dann auch noch wissen, ob sich durch die Tätigkeit in der Jury etwas beim Betrachten von Filmen geändert hat.
Praktisch alle äußerten Gedanken wie
„Ich achte jetzt mehr auf Details wie die Musik oder was sich im Hintergrund abspielt.“
„Ich schaue viel konzentrierter und versteh dann auch Sachen, die ich vorher vielleicht gar nicht so genau beachtet habe.“
„Mehr Achtgeben auf Effekte.“
„Früher hab ich mich nur auf den Inhalt konzentriert, der Rest war mir wurscht, jetzt hab ich gelernt, dass ein guter Inhalt noch nicht genug für einen guten Film ist.“
„Ich hab vorher auf die Musik fast gar nicht beachtet.“
Mehrere der Kinderjury-Mitglieder gestehen, dass sie auch ihr Schauverhalten zu Hause verändert haben. „Früher hab ich oft nebenbei aufs Handy geschaut, ich hab ja auch so die Handlung mitgekriegt. Jetzt drück ich auf Pause oder spule sogar zurück, um mir eine Szene noch einmal genauer anzuschauen.“
„Mir ist jetzt immer wichtig, den ganzen Film aufmerksam zu sehen, wenn ich aufs Klo muss, drück ich auf Pause, ich mag nicht das Gefühl haben, irgendwelche Details zu verpassen.“
Zum 19. Mal wurden Samstagabend die Preise für herausragende Leistungen im Bereich darstellender Kunst für junges Publikum, oft verkürzt besser bekannt als Kinder- und Jugendtheater, verliehen. „Stella“ – so der Name des Preises, der von der ASSITEJ Austria, der österreich-Sektion der internationalen Vereinigung – werden jedes Jahr in einem anderen Bundesland überreicht – und immer in Form neuer Statuen von lokalen Künstler:innen gestaltet, mitunter auch von kreativen Kindern oder / und Jugendlichen in Projekten geschaffen. Heuer ist es die Künstlerin Hilde Böhm, die als freischaffende Bühnenbildnerin u.a. für mehrere Theatern des Bundeslandes Kostüme und Ausstattung gestaltet hat.
Dieses Mal war Salzburg der Austragungsort, namentlich das Schauspielhaus. Da Land und Stadt nur begrenzte Mittel zur Verfügung stellten, entfiel das Festival bei dem üblicherweise möglichst viele der von der – wechselnden – Jury nominierten Stücke gezeigt werden. Dafür gab es neben der Preisverleihung im Schauspielhaus im Rahmen von „Spot on“ von der Jury ausgewählte lokale, also Salzburger, Stücke für junges Publikum sowohl am Samstag als auch am Sonntag in mehreren Theatern der Stadt Salzburg: Salzburger Landestheater, Toihaus, Räumlichkeiten der Salzburger Festspiele, Theater der Mitte sowie Kleines Theater.haus der freien Szene.
Nun aber – endlich (!) zu den Entscheidungen der Jury – Cornelia Lehner, Daniela Oberrauch, Simon Schober und Teresa Stoiber -, die zunächst schon im Frühjahr 23 Nominierungen in fünf Kategorien von 22 unterschiedlichen österreichischen Theatergruppen, -häusern aus acht Bundesländern im Jahr 2024 bekanntgegeben hat (KiJuKU hat berichtet, unten verlinkt). Die Auswahl trafen die vier Juror:innen aus 116 Produktionen aus ganz Österreich, die sie begutachtet hatten.
Da es mittlerweile viele sehr gute Stücke, Performances für sehr junges Publikum gibt, hatte die Jury auch beschlossen einen Sonderpreis namens „Small Size“ zu vergeben…
Damit, so die Jurybegründung „gelingt ein herausragendes Beispiel für sinnlich-poetisches Theater für die Allerkleinsten. In einer reduzierten, zugleich hochkonzentrierten Bühnenwelt entfalten Bewegung, Klang, Farbe und Material eine feine Choreografie der Begegnung zwischen Performer:innen und Publikum.
Besonders beeindruckte die Jury, wie die Kinder – viele noch am Übergang vom Vierfüßlerstand zu den ersten Schritten – hellwach, neugierig und mit leuchtenden Augen in das Geschehen eintauchten. Sie werden nicht nur angesprochen, sondern aktiv eingeladen, mit allen Sinnen zu entdecken: die sanfte Haptik der Materialien, das Leuchten der Farben, die Resonanz von Klang und Bewegung. Spuren entfaltet Aufmerksamkeit und Beteiligung dort, wo Theater erst beginnt – im Staunen und im geteilten Moment des Wahrnehmens.
Mit großer Achtsamkeit und künstlerischer Präzision eröffnet die Inszenierung einen Erfahrungsraum, in dem kleinste Gesten, Farben und Klänge Bedeutung gewinnen. So wird Theater zu einem gemeinsamen Entdecken von Welt – und die Allerkleinsten zu gleichberechtigten Mitspieler:innen in einem poetischen Dialog aus Bewegung, Klang, Farbe und Nähe.“
In der nächsten Altersgruppe fiel die Entscheidung auf
„Manche machen’s oft, andere nur in besonderen Momenten – doch eines ist sicher: Alle tun es. Im Stück „Rotz und Wasser“ wird das Weinen selbst zum großen Forschungsthema!
Mit tränenreicher Fantasie, Live-Musik, persönlichen Erinnerungen, Besen-Choreos (!) und feinem Humor verwandelt das Ensemble die Bühne in ein quirliges Labor der Tränen. Hier wird geforscht, gefühlt, gelacht – und natürlich auch ein bisschen (mit-)geweint.
Das Publikum ist dabei nicht nur Zuschauer, sondern immer wieder aktiver Teil des Geschehens. Mit spielerischer Leichtigkeit und unbändiger Spielfreude gelingt es dabei alle Emotionen zu wecken: von leiser Rührung bei den Erwachsenen bis zu herzhaftem Kinderlachen, das den Raum erfüllt.
Die Jury honoriert diese herausragende Produktion, die künstlerisch-kreative Umsetzung sowie nicht zuletzt deren kindgerechte Auseinandersetzung mit diesem Thema auf der Bühne. Ein Stück, das bewegt, begeistert und im besten Sinne nachhallt – eine humorvolle, musikalische und warmherzige Erinnerung daran, dass Weinen keine Schwäche ist, sondern etwas Wunderschönes: ein Ausdruck echter Gefühle – bei Groß und Klein“, formulierte die Jury ihre Entscheidung.
… überzeugte die Jury „durch ihre eindringliche und zeitgenössische Auseinandersetzung mit Fragen von Identität, Angst und gesellschaftlicher Wahrnehmung. In präziser Sprache und mit kraftvollen Bildern zeigt das Ensemble, wie sich Vorurteile, mediale Erzählungen und der „Blick der anderen“, der Blick auf „das Fremde“ in das Selbstbild junger Menschen einschreiben.
Es wird ein atmosphärisch dichter Raum zwischen Realität und Einbildung geschaffen, in dem das Publikum unmittelbar in Amors – die zentrale Figur des Stücks – innere Zerrissenheit hineingezogen wird. Das Spiel der DarstellerInnen ist intensiv, authentisch und emotional zugänglich – es eröffnet Jugendlichen einen wichtigen Reflexionsraum über Rassismus, Fremdzuschreibung und Selbstbehauptung in einer von Angst und Kontrolle geprägten Gesellschaft.
Die Jury würdigt die Produktion als herausragendes Beispiel dafür, wie Theater für Jugendliche ästhetisch anspruchsvoll, empathisch und gesellschaftlich sowie politisch relevant gestaltet werden kann.“
„Die Leistung von Cordula Nossek ist ein Paradebeispiel für Virtuosität. Sie schlüpft nahtlos in die verschiedensten Rollen – von der verängstigten Schneiderin bis zur gefühlskalten Lagerleitung – und verleiht jeder Figur durch Dialekt und spezifische Charakterzüge eine unverwechselbare Identität. Diese Fähigkeit, ein ganzes Ensemble von Charakteren allein durch Stimme und die Führung von Objekten zu porträtieren, zeugt von außergewöhnlichem künstlerischem Können und intensivem Einfühlungsvermögen. Indem sie die Kostüme zu stummen Zeugen und zugleich zu Erzählern macht, schafft sie eine eindringliche Metapher für die Art und Weise, wie Kleidung Identität stiftet, aber auch zum Symbol von Leben und Tod werden kann. Aus diesen Gründen spricht die Jury der Künstlerin Cordula Nossek ihre höchste Anerkennung aus. Es ist ein mutiges, innovatives und zutiefst bewegendes Werk, das die Kraft des Figurentheaters auf unvergessliche Weise demonstriert“, befanden die Juror:innen.
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… hat das Stück bei einer der ersten Aufführungen gesehen – Stückbesprechung unten verlinkt.
Die Jury vergab diesen Preis „an eine Performance, in der Musik weit mehr ist als Begleitung – sie ist Sprache, Atmosphäre und Handlung zugleich. Musik und Text wurden nicht nur zusammengefügt, sie haben sich verständigt. Mit einer faszinierenden Kombination aus experimentellen Sounds, Wörtern und fein abgestimmter Stimmungsuntermalung entfalten sich Bilder und Stimmungen. Verschiedenste Instrumente, von klassischen bis zu experimentellen, verweben sich zu einem lebendigen Geflecht aus Rhythmus und Emotion. Die Sichtbarkeit der MusikerInnen und Instrumente baut sich langsam auf. Es wird gepfiffen, getanzt, kommentiert, probiert, und vieles mehr. Leise und zart, laut, aber nie zu viel. Stille ist Spannung. Vom klassischen Konzertsaal in den Club, vom Kino wieder zurück ins Theater. Es werden verschiedenste Stile präsentiert und sie fügen sich organisch in die Handlung ein, weil es passt: Das junge und weniger junge Publikum bleibt dran, weil auch der Staubsaugersound ideal passt. Und da war ja auch noch die Verhandlung mit einem gar nicht so leichten Thema… Zeit.“
„Welches Kind kennt es nicht? Eine große Schachtel – und schon beginnt die Fantasie zu blühen! Im Stück „Träum, Schachtel“ wird genau dieses Gefühl zum Leben erweckt: Aus Pappe, Fantasie und Bewegung entsteht ein interaktives Tanztheater, das zeigt, wie die eigene Vorstellungskraft, Nachhaltigkeit und Ästhetik auf wundervolle Weise Hand in Hand gehen können.
Und so wird aus Schachteln ein Requisit, eine lebendige Bühne, die nicht nur Kulisse, sondern auch aktiver Mitspieler ist. Die Jury würdigt das feine Gespür, die verspielte Energie und Kreativität mit der sich einfach(st)es Material verwandelt in eine poetische Traumlandschaft. Ein stimmungsvoller Raum, in welchem die Übergänge zwischen Publikum und Bühne eindrucksvoll verschwimmen und der Kinder und Erwachsene gleichermaßen einlädt mitzudenken, mitzuträumen und mitzumachen.“
Der Vorstand der österreichischen ASSITEJ (Association internationale du théâtre pour l’enfance et la jeunesse / Internationaler Verband für Theater für Kinder und Jugendliche) vergibt jedes Jahr auch einen Preis – meist an Einzelpersonen, die sich um die darstellende Kunst für junges Publikum verdient machen oder dies getan haben (übrigens der Schreiber dieser Zeilen, Betreiber von KiJuKU, damals noch für den Kinder-KURIER, hat diesen Preis 2016 bekommen). In den Coronajahren 2020 /21 wurde er nur einmal, und das zum ersten Mal an eine Gruppe vergeben – an das Planetenpartyprinzip, heuer ging er an die Neue Staatsoper Wien – NEST.
In der Begründung heißt es: „Diese Entscheidung des Vorstands würdigt nicht nur das beeindruckende Programm vom NEST, sondern setzt ein klares kulturpolitisches Zeichen: Es braucht Orte wie diesen – mit eigener Bühne, mit technischer Exzellenz, mit einem leidenschaftlichen Team, innovativen Formaten – um Theater für junges Publikum nachhaltig zu stärken. In einer Zeit, in der gesellschaftliche Teilhabe und kulturelle Bildung neu gedacht werden und es ein neues Bewusstsein für den künstlerischen Bildungs-Auftrag aller Kulturinstitutionen braucht, ist es von großem Wert, dass ein Haus wie die Staatsoper Wien dem jungen Publikum mit so viel Aufmerksamkeit, Kreativität und Ernsthaftigkeit begegnet und so als Vorbild zukunftsorientiert handelt. Mit interaktiven, immersiven Formaten, starken Outreach-Projekten, großartigen künstlerischen Vorhaben, tollen Inszenierungen, außergewöhnlichen Projekten und einem vielfältigen Ensemble aus Profis, Semi-Profis, Laien mit einer herausragenden Nachwuchsförderung vieler junger Künstler*innen zeigt das NEST, wie Musiktheater für die nächste Generation aussehen kann – mutig, inklusiv und voller vielfältiger künstlerischer Kraft.“
Zum zweiten Mal wurden 2025 die Kinder- und Jugendbuchpreise der Stadt Wien, die es seit 1955 gibt, im Rahmen der Buch Wien verliehen, also mitten in einem Lesefest! Die Gewinner:innen standen – natürlich – schon seit einiger Zeit fest, zur Verleihung sollen Preisträger:innen ja kommen können 😉
Passend dazu, dass viele – nicht nur die ausgezeichneten – Bücher zu Gedankenreisen einladen, spielte das Gedankenreiseorchester (Victoria Pfeil / Sopransaxofon, Paul Wregg / Geige, Gidi Kalchhauser / E-Bass, Tzumin Lee / Keyboard) mehrmals auf einer der Bühnen (Radio wien) auf. Vor und zwischen der Übergabe von Urkunden und Blumen (Preisgeld: Je 5000 €) an die sieben Schreiber:innen und Zeichner:innen der vier von der Jury (Klaus Nowak, Kathrin Wexberg, Verenea Weigl) ausgewählten Bücher konnte, wer wollte, sich in unterschiedlichen musikalischen Stimmungen auf die „Reise“ begeben.
Zum fast unzähligen Mal – und trotzdem jedes Mal hocherfreut – nahmen Helga Bansch und Heinz Janisch diesen – so wie andere Kinder- und Jugendbuchpreise entgegen. Dieses Mal für „Und dann?“ (Verlag Jungbrunnen); KiJuKU-Buchbesprechung am Ende des Beitrages verlinkt, dennoch hier kurz zusammengefasst: Zwei Kinder beim Fischen, das Mädchen schon mit einigermaßen vollem Kübel voller Fische, der Bub mit einem leeren Eimer. Er wird wütend, trinkt das Meer leer und vieles andere. Sie fragte jedes Mal danach „Und dann?“ Wie arg er sich aufführt, sie bleibt. Bis er checkt, wurscht ob voller Kübel oder nicht, da ist wer, die ihn trotzdem mag…
Die Jury meinte in ihrer Begründung für die Preis-Zuerkennung: „Das kindliche Ich, das in diesem Bilderbuch spricht, durchlebt einen veritablen Wutanfall. Und Heinz Janisch gelingt es mit überaus poetischen und doch ganz einfachen Sätzen eindringlich vom emotionalen Ringen des kleinen Zornbinkels zu erzählen. So knapp der rhythmische und mit Wiederholungen arbeitende Text ist, mit Übertreibungen spart er nicht. Da wird das Meer leergetrunken und werden Bäume ausgerissen. Die dann in den Bildern von Helga Bansch allerdings Sonnenschirme sind, weil sie das Geschehen geschickt in einer reizvollen Strandszenerie samt Sandschaufel-Baby-Nashorn verortet. Insgesamt ein Bilderbuch, in dem Text und Bild souverän miteinander agieren und gemeinsam in einem geschickt inszeniertem Masken-Spiel schon kleinere Kinder überzeugend den Umgang mit Wut und Ärger durchleben lassen, um am Ende eine beruhigte und versöhnliche Hinwendung an ein durchgängig präsentes Du zu finden.“
Helga Bansch meinte auf der Bühne: „Das Tolle an Heinz‘ Text ist, dass er sehr knapp ist und viel offen und er mir viel Freiheit für die Gestaltung gibt, da kann ich mir selber viel ausmalen!“
Obwohl erst viel kürzer im „Geschäft“ – keine zehn Jahre – hat auch Lena Raubaum schon etliche Preise abgeräumt. Die Vielschreiberin – wie Heinz Janisch immer wieder auch lyrisch unterwegs – hat, gemeinsam mit Katja Seifert. Das Duo hatte schon den Gedichtband „mit Worten will ich dich umarmen“ vor vier Jahren veröffentlicht, im Vorjahr folgte „Ich hab da was für dich – Wortgeschenke und Gedankenstupser“ (Tyrolia Verlag). Der Moderator Till Koeppel (Ö1) zitierte seinen Lieblingssatz daraus: „Ich hoffe / dass niemand / jemals vergisst / dass FRIEDEN / ein Tunwort ist“ – übrigens auch zitiert in der Buchbesprechung auf Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…, auch unten verlinkt.
Ein nicht gerade einfaches Thema hat sich Margarita Kinstner für ihren Jugendroman ausgesucht. In „Theo, Tim, Kurkuma und ich“ (auch Tyrolia Verlag; übrigens hier – noch – nicht besprochen) geht es um den verstorbenen Stiefvater der Ich-Erzählerin Amelie. Ein Satz daraus: „Voriges Jahr gab es in Deutschland 2830 Verkehrsunfälle mit Todesfolge. 220 davon starben im April. Einer davon warst du.“
Die Jury meinte: „Amelies innerer Dialog mit ihrem verstorbenen Stiefvater in Form einer Du-Ansprache ist ein künstlerisch sehr gelungenes Herantasten an Trauerprozesse. Daneben stehen das Ausweiten des zu eng gewordenen Familienraums und Knüpfen neuer (im Titel angekündigter) Beziehungen im Zentrum des Jugendromans.“
„Das Du war von Anfang an da“, sagte die Autorin im Bühnengespräch. Als Gegengewicht zum schweren Thema fungieren die dezenten Illustrationen von Michaela Weiss. „… in unterschiedlichen Techniken fangen Stimmungen der Figuren und Situationen ein und betonen auch auf Bildebene die Relevanz der Reflexion künstlerischen Schaffens in Margarita Kastners Text. So spielen neben Sprachkunst auch Fotografie und Malerei auf beiden Ebenen eine zentrale Rolle“, begründete die Jury ihre Preis-Entscheidung.
„Ich habe vor allem Objekte aus dem Text hergenommen und dazu illustriert“, so Michaela Weiss auf der Bühne bei der Buch Wien.
Auch wenn – wie beschrieben – ausgezeichnete Bücher immer wieder auch illustriert sind und aus dem Zusammenspiel von Text und Bild leben und genau deswegen prämiert werden, vergibt die Stadt Wien einen eigenen Illustrationspreis für Kinder- und Jugendbücher, erst seit 1986, die anderen seit 1955. Dieser ging 2025 an Julian Tapprich für „Tigerträume“ (Luftschacht Verlag).
„Während die (Stuben-)Tiger für die fliegenden Tiere eher als eine der größten Gefahren gelten, träumte Leo davon, ausgerechnet mit Katzen befreundet zu sein. Doch auch für jene Katze, der Leo im Wachzustand seinen Wunsch verklickerte, galt das als „Unverschämtheit… eine ordentliche Katze will doch einen Vogel nicht zum Freund haben. Sondern zum Frühstück!“, schreibt Julian Tapprich in dem auch von ihm illustrierten Bilderbuch „Tigerträume“. Und schon stürzte sie sich auf den Frechdachs“, heißt es in der Buchbesprechung darüber auf KiJuKU.at – unten verlinkt.
Die Jury fand unter anderem: „In weicher, ungewöhnlicher Formensprache und in abwechslungsreichen Einstellungen, die oft an Film-Ästhetik erinnern, ist diese Heldenreise inszeniert. Ein besonderer Fokus liegt auf der Farbe Gelb, die nicht nur bei der Figurenzeichnung prägend zum Einsatz kommt, sondern auch die Träume und Sehnsüchte der Protagonisten betont. Markant auch die farblichen Stimmungswechsel in den großflächig illustrierten Szenerien – vom blau-zartrosa Setting in Leos ursprünglichen Zuhause bis zum dunkel-düsteren Dickicht des Dschungels. Ein überzeugendes Bilderbuchdebüt mit kluger Dramaturgie und auch Humor in Text und Bild, das dazu anregt, die Welt selbstbewusst und zuversichtlich zu erkunden.“
Übergeben wurden die Preise übrigens von Heide Kunzelmann, Referatsleiterin für Literatur und Öffentlichkeitsarbeit anstelle der angekündigten Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler, die eine nicht geplante dringende Sitzung im Rathaus hatte. Kunzelmann hatte dafür extre in ihrem verwandten Kinder- und Jugendumfeld nach deren Meinungen zum Lesen gefragt und einige Antworten verraten; unter anderem, „dass es immer ein gutes Ende gibt“, „neue Sichtweisen von Figuren, mit denen man sich identifizieren kann“, „Bücher vergrößeren den Wortschatz und das bringt in der Schule bessere Noten“.
geschichtewiki.wien –> Kinder-_und_Jugendbuchpreise_der_Stadt_Wien, allerdings nur bis 2024
Ein mit weißen Klebebändern klar abgegrenztes eher kleines rechteckiges „Spielfeld“ auf der großen Bühne, ein kleiner Tisch mit einem Glas und einer Schüssel nahe einer der hinteren Ecken, außerhalb zwei kleine Vierecke links und rechts neben dem größeren. Niemand da, Musik tönt aus einem Radio. Schön langsam beginnt das Publikum unruhig zu werden. Da klopft es an der Tür. Wird zunächst ignoriert, dann öffnet doch eine Theatermitarbeiterin.
Der Performer, ein wenig schüchtern und verkrampft wirkend, geht auf das Spielfeld zu, erst ins kleine Viereck – wie in einen Vorraum – bevor er das Wohnzimmer betritt. Erste Aktion: Etienne Manceau – so der Name des Performers der Gruppe Sacékripa aus Frankreich rückt das Glas ein ganz kleines bisschen zur Seite. Dann verlässt er das „Zimmer“ über das zweite kleine Vierecke, auf dem er die Schuhe abputzt.
Erster Eindruck: ein ungeheurer Zwangler.
Und das verfestigt der wortlose Akteur der „Vu“ (gesehen) auch konzipiert hat. Aber was er daraus macht! Präzise kleine Kettenreaktionen. Das Glas musste er verschieben, damit ein Stück Würfelzucker, das er auf einen herbeigeholten Wasserkocherdeckelt legt, sobald der sich ein wenig hebt, mit Schwung genau ins Glas hüpft. Ein Löffelchen, das er später auf das Glas quer drüber legt, fällt nur durch kräftiges auf den Tisch hauen rein.
Diese, ähnliche sowie ganz andere Kunststücke vollführt der Künstler seit rund 13 Jahren weltweit. Nun gastiert di Gruppe erstmals in Wien, im Rahmen des On The Edge-Festivals für experimentelle Zirkuskunst. Beim nunmehrigen sechsten Festival brachten die Organisator:innen erstmals auch ein Stück für Kinder nach Wien, das noch am Samstag, 15. November – siehe Info-Box – im Dschungel Wien zu erleben ist.
Etienne Manceau (dramaturgische Beratung: Sylvain Cousin; Bühnendesign: Guillaume Roudot; Produktion: Manon Durieux) agiert praktisch immer auf engstem Raum, meist nur auf dem kleinen Tisch, hinter dem er auf einer Art Zwergerl-Klappsessel sitzt, den er natürlich auch erst fast umständlich kunstfertig aufklappt.
Würfelzucker zersägen, ein Streichholz über Blasrohr entzünden – was auch immer, alles erledigt der Performer auf komplizierteste und extrem staunenswerte Art, das meist noch dazu in Slow Motion oder gar Superzeitlupe. Rund eine Stunde – doch um einige Minuten zu lang, Kinder beginne bei der Premiere unruhig zu werden – dauert der Miniatur-Zirkusauftritt, immer wieder auch überraschend. Viel darf nicht hergezeigt werden, die wenigen Fotos sind die einzigen, die veröffentlicht werden dürfen, wenngleich auf der Homepage der Gruppe selber doch ein bisschen mehr zu sehen ist.
Schreien dürfen, ja sogar erwünscht – das ist beim Eröffnungsfest des Wiener Ferienspiels seit viiiilen Jahren beim Eröffnungsfest des Wiener Ferienspiels ein Hit. Als Wutbox – mit der Zusatz-Chance, auch aufzuschreiben, was du dir an utopischer Veränderung wünscht – gibt es sie bei der Buch Wien auch schon ein paar Jahre. Heuer nach dem großen Buch-Shop zu Beginn der neuen Kinder- und Jugendhalle. Wenngleich der Durchgang dazu ein wenig verwirrend ist, weil auf den Glastüren nur auf den Ausgang / Exit hingewiesen wird.
Wie auch immer, die meisten jungen Buch-Fans und solche, die es vielleicht noch werden, haben am ersten Tag dann doch den Weg ins Gewusel zwischen der eingangs genannten Wutbox, Bücherständen mit Plüschtieren, einer Karton-Wand mit Waben als gemütlichen Rückzugsorten und der Bühne gefunden.
Auf letzterer lasen Autorinnen und Autoren im Halbstundentackt das eine oder andere ihrer Bücher lebendig werden. Die einen durch fast performative Lesungen, andere gar mit Figuren in Szene gesetzt. Stefan Karch etwa räumt zunächst den Boden hinter einem Tisch mit schwarzem Filz voll mit großen Stoffpuppen. Davor sagt er Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…: „Du hast geschrieben, dass mein Buch „nach einer Theaterversion schreit“ und jetzt ist es so weit!“
Finja, ihr Vater der König, ein Diener, ein Berater, ein Hauptmann und der Riese werden vom Autor und Illustrator des Buches „Finja und der Riese“ je nach Kapitel in szenischem Spiel vom Boden aufgeklaubt und spielen ihre Dialoge von Stefan Karch gesprochen und als Handpuppen geführt. Natürlich verrät er nicht, wie die Geschichte ausgeht, das erfolgte auch in dieser Buchbesprechung – unten am Ende verlinkt – nicht.
Übrigens: Noch bevor der Autor der wilden Geschichte, die er im Gegensatz dazu mit eher fein gezeichneten Figuren und Szenen illustrierte, der auch Puppenspieler ist, mit den dafür genähten Stofftyp:innen die Story spielt, lud er vier Kinder auf die Bühne. In null komma nix vermittelte er ihnen, wie sie mit einer aus Papier und Klebebändern gebastelten Puppe gemeinsam eine Szene spielen konnten, ja die Puppe sogar zur „Seiltänzerin“ auf einem Papierstreifen wandeln ließen.
Morgen ist ein Superwort, weil morgen ist immer. Morgen kann aber auch dazu verleiten, heute nix zu tun. Dieses Dilemma spielt in „Wer fängt an?“ von Lena Raubaum eine große Rolle. Die Autorin vielfältigster Geschichten hat diesen genannten Beitrag für den Sammelband „Lesen, checken, Klima retten!“ des Buchklubs verfasst, das vor rund einem Jahr vorgestellt wurde. Und gerade jetzt aktuell zur Weltklimakonferenz im brasilianischen Belem sehr gut passt. Bei der Versammlung der Tiere im „Ewigen Wald“ handelt der Buchfink statt zu schnattern, pfeifen oder „reden“. Und …
Wenn Raubaum liest, dann wird die Szene allein durch ihre Stimmvariationen, Mimik und Gestik lebendig – und schon reicht sie das Wort an die Kinder weiter, die ihre Ideen zur Klimarettung zum Besten geben – weniger mit dem Auto, mehr mit dm Rad fahren, Müll nicht achtlos wegwerfen, sondern trennen, nicht zu viel Wasser verbrauchen, mehr umweltfreundlicher Strom …
Übrigens, wenige Schritte hinter der Wutbox kannst du, so du klein bist – oder dich niederkniest bzw. hockerlst – sehr stark fühlen. Am Beginn einer kleinen Astrid-Lindgren-Ausstellung ist an Stelle von Pippi Langstrumpfs Kopf ein Fotowand-Loch; statt der selbstbewussten Heldin vieler Kindergenerationen kannst du ihr Pferd „Kleiner Onkel“ sozusagen hochstemmen – siehe Foto.
Am Samstag, 15. November 2025, wird auf der Bühne in der neuen Kinder- und Jugendbuchhalle 80 Jahre Pippi Langstrumpf und genauso viele Jahre Mumins gefeiert – siehe Infobox am Ende.
„Nein, das werde ich nie schaffen!“, dachte sich Kimberley. Sie stand vor der Reiterinnen-Prüfung. Ähnlich ist es Laura im Klettergarten, Julian vor der Rampe auf dem Fahrradparcours, Nina beim Tanzen, Lena vor dem Auftritt mit ihrem Cello oder Lukas vor der Lesenacht und Jonas vor dem Schulwechsel ergangen. Und nicht nur ihnen, auch 14 anderen Kindern. Und vielleicht auch dir und dir. Und mir sowieso.
Natürlich bleibt es in diesen Geschichten, die dieses Buch versammelt nicht so. Eh kloar, heißt es doch „Mehrwert-Geschichten für Kinder“, Untertitel Von Kindern für Kinder. Und der menschliche Löwe auf der Titelseite hält beschriebene Blätter in Händen, auf dem äußersten steht in Handschrift „Ich schaffe das“.
In jeder der Storys in diesem Buch hat es dann doch mindestens einen Menschen gegeben mit den – offenbar echt gemeinten und nicht nur floskelhaft hingeworfenen – Worten wie „du schaffst das sehr wohl“. Oder auf andere Art und Weise das Selbstbewusstsein des erzählenden Kindes (Jugendlichen) so gestärkt hat, dass das Vorhaben gelungen ist.
Norbert Hochenauer, zwei Jahrzehnte lang Banker, davon die Hälfte als Börsenhändler, hat diesen Job irgendwann aufgegeben und die „Glückswerkstatt“ gegründet. Aus dieser Arbeit heraus hat er Bücher entwickelt und veröffentlicht, das hier beschriebene entstand in Zusammenarbeit mit einigen Mittelschulen in Niederösterreich und Wien (hier auch ein Gymnasium mit dabei).
Die Mut machenden Geschichten aus dem Leben von Kindern und / oder Jugendlichen wurden von Silvie Caron mit dem oben schon erwähnten Löwen in Menschengestalt oder Menschen in Löwengestalt, genannt Sino, illustriert und von Robert Bargehr gestaltet.
Die Kinder und / oder Jugendlichen schildern ihre Erlebnisse von der fast Verzweiflung bis zum Gelingen kur, leicht lesbar und gut nachvollziehbar. Sie sprechen für sich. Darauf hätte sich der Initiator, Organisator und Herausgeber gut und gern sparen können, (fast) jeden Beitrag noch mit ein paar Sätzen zu kommentieren, noch dazu optisch hervorgehoben.
Passend zum Buch erscheint am Tag der Kinderrechte 2025 (Jahrestag des UNO-Beschlusses der Kinderrechtskonvention, 1989) ein Song „Ich schaffe das!“ – mehr dazu in einem eigenen Beitrag – unten am Ende hier verlinkt.
„Ich schaffe das, ich schaffe das, ich bin doch ziemlich stark, wenn ich an mich glauben mag… ich brauch nur ein wenig Mut…“ So heißt es in dem Refrain eines Liedes, das der Herausgeber des hier besprochenen Buches (Link zur Buchbesprechung am Ende des Beitrages) passend dazu – in Zusammenarbeit mit der Musikerin und Pädagogin Judith Feichtinger (Komposition und Gesang) – aufgenommen hat. Neben der Musikerin singen auch Kinder von Freund:innen des Tonstudiobesitzers, die aber namentlich nicht genannt werden sollen.
Am Tag der Kinderrechte – 20. November (Jahrestag des UNO-Beschlusses über die Kinderrechtskonvention 1989) – wird „ich schaffe das!“ auf allen gängigen Streaming-Plattformen veröffentlicht.
Wiener Sängerknaben und Chormädchen werden am Tag der Kinderrechte – 20. November (Jahrestag des UNO-Beschlusses der Kinderrechtskonvention, 1989) im großen Festsaal des Rathauses gemeinsam zu Klängen des Pianisten Albert Frantz, dirigiert von Stefan Willich singen (Details – siehe info-Box am Ende des Beitrages).
Das Benefiz-Konzert sowie reden zu juristischen und medizinischen Themen rund um Kinderrechte – findet zugunsten von vier Organisationen statt, die sich für Kinderrechte engagieren: Unicef Österreich, Österreichsicher Kinderschutzbund, World Childhood Foundation und TvA International Foundation.
„Musik kann Brücken bauen, zwischen Kulturen, Generationen und Herzen. Mit diesem Konzert möchten wir Bewusstsein schaffen und gleichzeitig Hoffnung schenken“, sagt Christoph Jünger, Geschäftsführer von UNICEF Österreich. „Jedes Kind hat das Recht, in Sicherheit und Würde aufzuwachsen. Gewalt darf in unserer Gesellschaft keinen Platz haben, weder hier noch anderswo.“
Das Programm spannt einen Bogen von Franz Liszt über Robert Schumann bis hin zu George Gershwin – und nicht zuletzt im Jubiläumsjahr (200 Jahrestag seiner Geburt) Johann Strauß (Sohn).
Weltweit erleben mehr als eine Milliarde Kinder Gewalt, physisch, psychisch oder sexuell. UNICEF Österreich appelliert daher an Politik, Gesellschaft und jede Einzelne / jeden Einzelnen hinzusehen und aktiv zu werden. „Kinderschutz sollte für uns alle oberste Priorität haben, egal ob in Österreich oder in einem der 190 Länder und Territorien, in denen UNICEF aktiv ist“, lädt die Organisation zum Benefizkonzert ein, um neben dem musikalischen Genuss auch ihre und die Arbeit der anderen drei genannten in diesem Bereich aktiven Organisationen mit dem Ticket zu unterstützen.
Drei weiße, gepolsterte Sitzwürfel, dahinter ziemlich viel weißer Stoff auf dem Boden –klinisch sauber die Bühne. Passend. „Klinik“ heißt das neue, zweite Stück der kabarettistischen Schauspielerin, Autorin und Kunsttherapeutin Melike Yağız-Baxant. Wie in ihrem ersten Solo-Programm „Glückskind“, das übrigens im Vorjahr beim United Solo Theatre Festival in New York mit dem Preis für Best Physical Theatre ausgezeichnet wurde, verarbeitet sie persönliche Erfahrungen zu einem abwechslungsreichen, körperlich bewegtem, geistig und gefühlsmäßig bewegenden Abend, gewürzt und durchzogen von so mancher Portionen (Galgen-)Humor. Mit ihrem dem Stück zugrundeliegenden Texte hatte sie einen der Exil-Literaturpreise gewonnen.
War es im ersten Programm die Lebenserfahrung als (angehende) Theaterfrau, so kreist dieses Mal alles um ihre zweite Ausbildung als Kunsttherapeutin. Aus dem Praktikum in einem Krankenhaus schält sie Episoden, die offenbar keine Einzelfälle sein dürften, wie so manche offenkundig wissenden Lacher im Publikum stark vermuten lassen.
Dutzendfach stellt sie, sich direkt mit Augenkontakt an die eine oder andere im Publikum wendend, die Frage „Wie geht’s denn heute?“ Und vermittelt klar: Antwort nicht erwünscht. Um gleich danach in die Rolle von Patient:innen zu schlüpfen, die eher nichtssagende, erwünschte Antworten geben. Äußert die eine oder der andere tatsächlich ernsthafte Befindlichkeitszustände – ernst nehmen ist nicht gerade die erste Reaktion.
Melike Yağız-Baxants Türkisch-Kenntnisse aus ihrer ersten Heimat werden bei einem Patienten in Anspruch genommen, ihre Erkenntnisse, die sich aus dem Gespräch ergeben, dass dieser dement ist, allerdings nicht. Sie als Kunsttherapeutin habe keine Diagnose zu stellen. Ärztliche Fachkraft, die das dürfe, mit der entsprechenden Sprachkompetenz: Fehlanzeige. Und das ist nur eine der Szenen, in denen Yağız-Baxant latenten bis offenen Rassismus – auch in einer solchen Institution – anspielt, wobei sie auch da immer wieder zwischen Rollen von Patient:innen und ärztlichem bzw. therapeutischem Personal hin- und her-switcht.
Breiten Raum widmet die Performerin rund um Gesprächsgruppen – „mir geht’s gut, habe gut geschlafen…“; „schließe mich dem an, mir geht’s auch gut, auch gut geschlafen…“ Tendenz, erwünschte, normierten Antworten, nur ja nicht auf- oder aus dem Rahmen fallen. Herzhafte Lacher so mancher Zuschauer:innen lassen auf nicht gerade unähnliche Erfahrungen schließen.
Dabei sind die überhöht und zugespitzt situationskomisch dargestellten Situationen nicht selten eher zum Heulen, aber so vielleicht verkraftbarer. Und dennoch auch mit einer gehörigen Schicht Frust überzogen. Mental Health wurde – „dank“ des Ausnahmezustands in der Pandemie zum doch fast allgegenwärtigen Thema – mit Forderungen nach besserer Versorgung in Sachen psychische Krankheiten bzw. Gesundheit. Wenn’s dann aber institutionell damit auch nicht zum Besten bestell ist, na dann, hawidere…
Vieles von Gesagtem und Gespieltem dürfte nämlich nicht weit entfernt sein von tatsächlichen Dialogen, Monologen und Verhalten, die eine oder andere überdrehte fiktive Szene – wie aufgedrängte Hilfe gegen den Willen der Betreffenden mit fast slapstickartigen Missgeschicken – gruppiert sich dennoch um so manchen wahren Kern.
Und dennoch ist das viele Ver-Rückte meist deutlich harmloser als das sogenannte Normale in der Welt außerhalb der Klinik – auch das schwingt in der einstündigen Performance unausgesprochen zwischen den Zeilen und Szenen mit.
„Nicht mit mir! Ich will nicht! Ich kann nicht! Ich muss nicht! Ich sage Nein!“ Sätze, mit denen Melike Yağız-Baxant bald nach Beginn und zwischendurch mehrmals fast mantramäßig den Bühnen- und Publikumsraum erfüllt. Die Grenzen zwischen beiden überwindet sie mehrmals auch körperlich, spielerisch sowieso. Doch praktisch jedes Mal fügt sie den starken Statements verschämt „sag ich beim nächsten Mal“ in dieser und ähnlicher Version hinterher.
Neben dem Vielem, das die Schauspielerin auf und vor der Bühne bzw. zwischen den Publikumsreihen sagt, greift sie neben performativen Moves auch auf Grundelemente von Kunsttherapie zu – und blendet animiert, sozusagen Strich für Strich Zeichnungen ein, oder lässt sich in musikalischen Parts in den Rhythmus dieser fallen – und scheint da, in sich zu ruhen. „Malen hilft!“, „Musik hilft!“, sagt sie an einer Stelle und bringt damit wesentliche Elemente von Kunsttherapie auf den Punkt. Neben dem Vielem, das die Schauspielerin auf und vor der Bühne bzw. zwischen den Publikumsreihen sagt, greift sie neben performativen Moves auch auf Grundelemente von Kunsttherapie zu – und blendet animiert, sozusagen Strich für Strich Zeichnungen ein, oder lässt sich in musikalischen Parts in den Rhythmus dieser fallen – und scheint da, in sich zu ruhen. „Malen hilft!“, „Musik hilft!“, sagt sie an einer Stelle und bringt damit wesentliche Elemente von Kunsttherapie auf den Punkt. Und mehrfach führt sie an, wie Humor wirkt, nicht zuletzt durch Freisetzung von Oxytocin und Endorphinen. Außerdem wäre Hoffnungslosigkeit überhaupt eine Sünde…
Erkenntnisse, die die Künstlerin und Kunsttherapeutin auch schon praktisch umgesetzt hat in den Workshops mit Schüler:innen, die als Fortführung ihres Textes und späteren Stücks „Glückskind“ zum Mut machenden Film „Glückskinder“ geführt haben, der kürzlich erstmals gezeigt wurde – in Anwesenheit vieler der dabei selbstbewusster gewordenen Jugendlichen – KiJuKU berichtete – Links, auch zur Stückkritik und zur Literaturpreisverleihung unten.
Von der Decke hängend schweben viele gefaltete Papierkraniche als Symbole für Frieden in einem der Gänge der „Friedensburg“ wie Schlaining im burgenländischen Tauchental seit mehr als 40 Jahren heißt. Seit kurzem führt er auch zu einer neuen kleinen und doch so großen Ausstellung, im „Sadako“-Raum, wie ihn alle hier nennen. Dort findet sich in einer Vitrine ein ganz besonderer Origami-Kranich, gefaltet von Sadako Sasaki vor mehr als 70 Jahren, winzigst klein – ungefähr so wie der Fingernagel eines Kindes.
Sadako Sasaki war 1945 zwei Jahre jung als US-Militärs die allererste Atombombe abwarfen – auf die japanische Stadt Hiroshima (6. August) und drei Tage später die zweite auf Nagasaki. In Hiroshima starben sofort rund 70.000 Menschen, mindestens gleich viele starben in den folgenden Jahr(zehnt)en an Folgekrankheiten, die durch die atomare Verseuchung ausgelöst worden sind. Darunter auch Sadako Sasaki am 29. Oktober 1955.
Ihre Geschichte jedoch wurde weltberühmt. Sie hat als sie mit rund 12 Jahren ins Krankenhaus musste, Kranich um Kranich gefaltet, aus Papiermangel aus den kleinsten verfügbaren Stückerln auch aus Medikamentenbeschreibungen usw. Einer japanischen Legende zufolge führen 1000 gefaltete Kraniche (Senbazuru) zur Erfüllung eines Wunsches von Göttern und stehen daher als Symbol für Glück und ein langes Leben. Japanische Medien berichteten darüber, Kinder aus dem ganzen Land schickten Kraniche ins Krankenhaus… Und sammelten nach ihrem Tod Geld für ein Denkmal im Friedenspark von Hiroshima.
Viele Bücher, Filme, Comics und mehr sind über Sadakos Leben und die Kraniche entstanden. Unter anderem schrieb der österreichische Autor Karl Bruckner das Buch „Sadako will leben“ (1961erstmals erschienen), das in 70 Sprachen er Welt übersetzt und mehr als zwei Millionen Mal verkauft wurde – Details siehe Buchinfos.
Allerdings hat er die Story – wie die meisten anderen – nur aufgrund der Zeitungsmeldungen und sehr frei erfunden verfasst. Vor 21 Jahren – im Mai 2004 – traf das österreichische Theaterduo „Amal“ in Japan Masahiro Sasaki, den Bruder Sadakos, der glücklicherweise überlebt hatte. Nach anfänglichem Zögern – er war nicht gut auf Österreich zu sprechen, da seine Kontaktaufnahme mit Autor und Verlag seinerzeit auf Ignoranz gestoßen war – begann er Ingrid und Christian Mitterecker die wahre, authentische Geschichte zu erzählen, wie sie zuvor nur in einer Ausstellung im Friedensmuseum dieser leidgeprüften Stadt zu sehen war, die sich auf die Informationen des Vaters Shigeo Sasaki stützte.
Ingrid und Christian Mitterecker machten aus den wahrheitsgemäßen Erzählungen das Buch „Sadakos Plan“ – samt Kranich-Faltanleitung und einem kurzen japanische-deutschen Wörterbüchlein, das zunächst vom Buchklub der Jugend, später im Eigenverlag und nun heuer in einer neuen Auflage vom Buchklub veröffentlicht wurde – nun mit einer japanischen Widmung Masahiro Saskis an die Autor:innen – Details siehe Buchinfos.
Übrigens: Der Buchklub bietet den ersten 50 Schulen, die bis zum Tag der Kinderrechte am 20. November 2025, einen oder mehrere Klassensätze des in der Reihe „Gorilla“ erschienenen Buches „Sadakos Plan“ bestellen, von den Autor:innen ein Exemplar des Gedichtbandes „Meine kleine Schwester Sadako“ von Masahiro Sasaki für die Schule geschenkt – siehe nächster Absatz.Ka
Der Bruder, der zum Zeitpunkt des Atombombenabwurfs vier Jahre jung war, hatte außerdem (poetische) Gedanken an Sadako gesammelt und eigene verfasst, als Manuskript übergab er „Meine kleine Schwester Sadako“ diese an Ingrid und Christian Mitterecker. Diese ließen die japanischen Gedichte übersetzen – das Buch ist zweisprachig (übersetzt von Mio Aizawa) erschienen, heuer wieder neu aufgelegt im Verlag Bibliothek der Provinz – Details siehe Buchinfos.
Rund ein halbes Jahr nachdem die Mittereckers Masahiro und seine Familie in Hiroshima getroffen hatten, waren er, seine Ehefrau Yaeko und Yuji, einer ihrer Söhne, ein Rockmusiker und Übersetzerin Mio Aizawa in Österreich zu Besuch. Dabei hatte Masahiro die Idee, die letzten fünf erhalten gebliebenen, von Sadako gefalteten, Originalkraniche als Friedenssymbole auf die fünf Kontinente aufzuteilen. Für Europa wählte er Ingrid und Christian Mitterecker zu den Botschafter:innen dafür und auch dafür, einen geeigneten Ort zu finden. Welcher wäre geeigneter als die „Friedensburg“, vor rund einem ¾ Jahrtausend als Wehranlage mit meterdicken Mauern und massiven Türmen gebaut. Anfang der 1980er Jahre im sogenannten Kalten Krieg zwischen Ost und West wurde sie zum Friedenszentrum umgestaltet. Das „Österreichische Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung (ÖSFK) fand hier seine Heimat, widmet es sich doch der internationalen Forschung und Vernetzung zu diesem Thema. 1987 wurde dieser Einrichtung vom damaligen UNO-Generalsekretär Perez de Cuellar der Titel „Botschafter des Friedens“ verliehen.
2009 kamen die Sasakis wieder nach Österreich, brachten den kleinen und doch so riesig bedeutenden Papierkranich, ein Exemplar des Gedichtbandes sowie eine CD unter anderem mit vertonten Songs einiger dieser Gedichte, gespielt von Yuji und seiner Band, mit. In einer Vitrine in der Friedensbibliothek in der ehemaligen Synagoge fanden diese ein gemeinsames neues Zuhause. Und Masahiro machte Ingrid und Christian Mitterecker zu den europäischen Botschafter:innen der von ihm gegründeten Friedensinitiative im Namen seiner „kleinen Schwester Sadako“.
Nun sind Bücher, CD und dieser bewegende Mini-Kranich mit so riesiger Bedeutung in einem eigenen Raum in mehreren Vitrinen mit erklärenden Texten zu bestaunen. Übrigens war Kinder-KURIER, Vorläufer von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… damals dabei – der damalige Beitrag ist am Ende unten verlinkt; leider dort nicht mehr auffindbar.
Ingrid und Christian Mitterecker veröffentlichten übrigens 2011 nach dem von einem Erd- und Seebeben ausgelösten Unfall im Atomkraftwerk Fukushima und der nachfolgenden Katastrophe ein weiteres Buch – „Die Dankbarkeit des Kranichs“. Dafür verfasst auch Masahiro Sasaki einen Beitrag, in dem er unter anderem schreibt: „Dieser Unfall wurde zwar durch eine Naturkatastrophe verursacht, stellt aber auch eine von Menschen verursachte Katastrophe dar. … In Erinnerung an die Auswirkungen der Radioaktivitäten durch die Atombombe habe ich auch große Angst. Der Unfall hätte nie geschehen sollen. Nachdem aber er schon geschehen ist, müssen wir daran denken, die ganze Weisheit der Menschheit einzusetzen, um ihn in Griff zu kriegen. Die Sicherheit und die Gefahr trennen sich voneinander nur durch ein hauchdünnes Papier. Wir Menschen haben die Atomenergie entwickelt und genießen, was sie ermöglicht hat. Es gibt da natürlich auch Atomenergiegegner. Mit dem Widerspruch, dass wir das kritisieren, was wir gleichzeitig annehmen und genießen, lebe ich auch. Ich wünsche, dass die Katastrophe, die schon passiert ist, so früh wie möglich ihr Ende finden wird und dass wir bald vor Auswirkungen der Radioaktivitäten keine Angst mehr werden haben müssen…
Am wichtigsten ist die arrogante Idee aufzugeben, die Natur herauszufordern…
Sadakos Wunsch war und ist es, ein „Mitgefühl“ zu haben als Basis für die Kommunikation, bei der wir uns unabhängig von Unterschieden der Rassen, Religionen, Kulturen und Bildungen als gleiche Menschen diskutieren und vergeben können. Um ihren Wunsch zu erfüllen, werde ich weiter in Zusammenarbeit mit Freunden in der Welt die mit Orizuru (Papier-Kranichen)-Mission betreiben.“ (Übersetzung: Akio Yokoyama).
Trotz der Trauer um den Verlust einer der wichtigsten festen und doch so bescheidenen Stimmen für ein friedvolles Miteinander aller Lebewesen und damit überhaupt für ein Überleben der Menschheit und so manch anderer Arten auf diesem Planeten, war die Gedenkmatinee von Hoffnung getragen. Das hätte Jane Goodall (3. April 1934 – 1. Oktober 1925) sicher gefallen.
Hoffnung trotz so vieler negativer Entwicklungen, weil jede und jeder Einzelne sich jeden Tag entscheiden kann, etwas zu tun, um dazu beizutragen, die Welt zu einem besseren, oder wenigstens keinem schlechteren Ort zu machen. Diese Botschaft der weltweit bekanntesten Primatenforscherin, wurde am Sonntagvormittag (9. November 2025) in dem großen Veranstaltungszelt auf dem Gelände der Rösthalle des bekannten Unternehmens Meinl vielfach gesagt. Es war auch in Bildern und Videos ihrer wissenschaftlichen ebenso wie ihrer aktivistischen Arbeit zu erleben und nicht zuletzt in Kinderzeichnungen und -sprüchen auf Plakaten und Postkarten zu sehen und lesen.
Und auf einer kleinen Wiese zwischen Zelt und Klo-Container war und ist ihr Wirken förmlich zu spüren. Denn hier wachsen junge Bäumchen, die Kinder und Jugendliche gemeinsam mit der vor knapp mehr als einem Monat verstorbenen Goodall in einer der von ihr initiierten Roots & Shoots-Gruppen (Wurzeln und Triebe) 2022 gepflanzt hatten.
Die Bedeutung von Goodalls Arbeit verglich Ludwig Huber, Professor an der Veterinärmedizinischen Universität Wien mit jener von Charles Darwin. Beide läuteten durch ihre Forschungen Paradigmenwechsel in der Sicht der Menschen auf Tiere ein; der eine durch die Abstammungslehre, die andere dadurch, dass sie aus der intensiven Vor-ort-Beobachtung von Schimpansen entdeckte – und verbreitete, dass diese sowohl Werkzeuge gebrauchen und herstellen als auch Gefühle haben und zeigen. Und er „interpretierte“ die drei w in Internetadressen für world wide web bei Goodall um in Worte – Werte – Wirkung und fügte ein viertes W hinzu: Wesen. Obwohl so etwas wie ein Popstar der Wissenschaft und des gesellschaftlichen Engagements und charismatisch in ihrem Auftreten sei sie stets bescheiden geblieben – was auch andere Redner:innen mehrfach erwähnten.
Die bekannte Schauspielerin Lillian Klebow, seit fast eineinhalb Jahrzehnten Ehrenbotschafterin des österreichischen Jane-Goodall-Institutes lud die Versammelten ein, im Sinne der nordirischen Friedensaktivistin und -Nobelpreisträgerin Betty Williams (1943 – 2020) aufzustehen – nicht um eine Schweigeminute für Goodall abzuhalten, sondern die Nachbarin / den Nachbarn zu umarmen, „denn Arme sind zum um-armen da und nicht zum Kämpfen!“
Mit der Frau, an die alle dachten und wegen der alle zusammengekommen waren, meinte Klebow unter anderem: Die Erde gehört nicht uns, wir gehören der Erde und wies damit auf die Aktion „Be Jane“ hin, sich in ihrem Geist zu engagieren.
Als Vertreter der Jugend erzählte Tobias Acksteiner einerseits über die von Goodall gegründete Initiative „Roots & Shoots“ (Wurzeln und Triebe), die es mittlerweile in 75 Ländern mit rund 830.000 Kindern und Jugendlichen gibt und verknüpfte dies mit der führ persönlich inspirierenden und Mut machenden Begegnung mit Goodall.
Bundespräsident Alexander Van der Bellen sandte eine berührende Video-Botschaft, in der er auch an seine Begegnungen mit Jane Goodall erinnerte und an die Bedeutung ihres Wirkens – siehe Video unten verlinkt.
Musikalisch umrahmt wurde die „Matinee der Hoffnung“ vom cantus iuvenis Chor, der Solo-Cellistin Julia Schreyvogel, der Pianistin Maria Rom und Cesár Sampson leitete den Chor möglichst aller Versammelten mit Michael Jacksons „Heal the World“, das, so wurde erzählt, von einer Begegnung Jacksons mit Goodall inspiriert worden sein soll – siehe Videos unten.
sechs-dutzend-kids-tanzten-fuer-jane-goodall <— damals noch im Kinder-KURIER
taenze-ueber-die-vier-elemente <— ebenfalls noch im KiKu
seltenes-metall-dort-wo-schimpansen-leben <— noch im KiKu
Jane Goodall Institute Austria
Ein altes alleinstehendes, lange nicht bewohntes Haus wird neu besiedelt. Die vierköpfige Familie bereitet sich auf Weihnachten vor – Lichterketten und so. Plötzlich rüttelt und schüttelt es. Erdbeben?
Nein, Neuankömmlinge.
„Aliens?“
„Viel schlimmer, es sind Menschen!“
Solche wollen auch ins Haus der verstorbenen Tante Peters, des Familienvaters einer ebenfalls vierköpfigen Familie. Obwohl der Vater von Mikkel und Ane ohnehin das Haus nur mit Angst-Erinnerungen betritt.
Die im ersten Absatz genannte Familie sind – Szenenfotos aus dem Kinofilm haben’s sicher schon verraten – vier Mäuse: Rasmus, Katja, Maximus und Lea. „Mission Mäusejagd: Chaos unterm Weihnachtsbaum“, ein norwegische Film, deutsch synchronisiert, läuft seit einigen Tagen in den Kinos.
Eigentlich wäre das Haus bei Weitem groß genug für vier Menschen und vier Mäuse. Aber wo bliebe da der Konflikt, den sich Susanne Skogstad als Drehbuchautorin ausgedacht und Henrik Martin Dahlsbakken als Regisseur zu knapp mehr als 1¼ Kinostunden gedreht hätten.
Und so spielt sich’s fast kriegerisch ab. Die Mäuse manipulieren elektrische Leitungen, funktionieren einen Toaster zu einer Art Dauerkanone mit harten Bonbons um, sperren die Menschen sogar in einem kleinen Raum ein… Selbst der herbeigerufene „Killer“ scheitert. Er stellt Dutzende Mäusefallen auf, doch die schlauen Nager kommen auf eine List, und die Fallen wenden sich gegen dessen Steller…
Wenngleich so manche der actionreichen Szenen doch einigermaßen gar übertrieben sind, packen die Filmemacher:innen auch da immer wieder einen gewissen Schmäh rein, der den Kampf Mäuse gegen Menschen und umgekehrt einerseits mit einer Portion (Selbst-)Ironie versieht, andererseits mit der zweiten Ebene auflädt: Die Einen gegen die Anderen, Erstbewohner:innen versus Neuankömmlinge.
Natürlich kann das nicht alles sein. Entgegen dem Rat der Eltern freundet sich Maus Lea mit dem Menschen-Jungen Mikkel an, was auch dessen Eltern und seine Schwester so gar nicht mögen, letztlich aber doch den Kern eines versöhnlichen Happy Ends in sich trägt und sozusagen ein Weihnachtswunder ermöglicht. Womit auch hier mehr drinnen steckt als „nur“ der Maus-Mensch-Konflikt. Schon bei Mira Lobes Kinderbuchklassiker „Die Geggis“ freunden sich Gil und Rokko aus den verfeindeten Berg- und Sumpf-Geggis an
In der deutschen Synchronfassung wird übrigens Maus Lea von Lina Larissa Strahl gesprochen, bekannt als Sängerin und Schauspielerin, unter anderem Bibi (Blocksberg) in der Verfilmung der „Bibi & Tina“-Reihe; übrigens wurde sie vor mehr als zehn Jahren im Kinder-KURIER, dem Vorläufer von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…, interviewt – unten verlinkt.
bibi-und-tina-voll-verhext-interviews –> damals im Kinder-KURIER
Eine in buntem Body Suit gekleidete Person mit VR-Brille sitzt auf dem Tanzboden, ein Leuchtband schlängelt sich auch noch über ihren Körper. Auf der Brille, die ihr virtuelle Welten zeigen könnte oder auch tut – wer weiß -, hat sie noch ein Tablet geschnallt – Code-Zeilen erscheinen – Mensch oder Android, Cyborg? Am anderen Bühnen-Ende im „Zirkus des Wissens“ hockt ein Typ auf einem weißen Container mit einigen Fenster- und Tür-Öffnungen und scheint in ein Smartphone zu tippen – zumindest ertönen massiv verstärkt Tipp-Geräusche. Wort- und Satz-Fetzen erfüllen den Raum in der äußersten Ecke des Geländes der JKU, der Johannes Kepler Universität am Rande von Linz: Alles wird zu Zahlen, jeder Wert ein Code, Messung von Norm und Abweichung, jedes Wesen ein Datensatz, jede und jeder ent-ziffer-bar…
Was eher atmosphärisch auf „Digital Shadows“ einstimmt, nimmt in den nächsten Szenen Gestalt an in Form von Schauspieler:innen und Tänzer:innen (Doris Roth, Valerio Iurato, Selina Nowak, Alina Lugovskaya), die fast immer in überdimensionalen Masken (Ethem Saygieder-Fischer) als Personifizierung auftreten. Zunächst als drei anonymisierte Typen mit silbrig glänzenden Aktenkoffern, die ein wenig an die grauen Herren Zeitdiebe in Michael Endes Klassiker „Momo“ (derzeit in einer Neuverfilmung im Kino) erinnern. Das Trio erscheint analog, real auf der Bühne und digital vervielfältig im Video auf die Bühnenrückwand projiziert.
Die anonymer Datensammler werden abgelöst von einem Schaukampf der Giganten Elon Musk und Mark Zuckerberg, inszeniert als Show-Wrestling mit Ringrichter, der das Publikum zum Partei-ergreifen oder wenigstens Stimmung machen animieren will. Etwas, das im Rahmen des Ars Electronica Festivals im September in der großen Halle in der Post City einen riesigen Anziehungspunkt in einer Art Kampfring mit Publikum rundum gebildet hat. In geordneten Sitzreihen läuft’s anders.
Und dennoch ist der Schaukampf der Giganten „nur“ eine Art Vorspiel zum Zusammenspiel der weniger Bekannten, aber viel Mächtigeren, nicht nur krasser Daten Sammelnden, sondern auch konkret politischen Strippenzieher, die ebenfalls in Masken auftauchen: Alexander Caedmon Karp und Peter Thiel, beide Mitbegründer von Palantir, einem auf Analyse von Software und Daten spezialisierten Unternehmen, Meister des Durchleuchtens, so dass, wer dies beherrscht, mehr oder minder alles von dir weiß.
Was sich im Folgenden in einem witzig inszenierten Spiel (Regie: Ilona Roth) mit einer Dating-App, samt Einbeziehung des Publikums, gruselig materialisiert. Einige persönliche Fragen zur Ablenkung dienen zur Stimmaufzeichnung und bald danach begegnet die Spielerin, hier immer die Regisseurin, beim Ars Electronica Festival waren’s wirklich Menschen aus dem Publikum, dem „perfekten“ Match begegnet – einem digitalen Zwilling von einem selbst, geschaffen aus den im Netz hinterlassenen Spuren. Spooky. Und so fast provokativer Anstoß, über Preisgabe eigener Daten, Netzsicherheit, Überwachung, Algorithmen und (digitale) Macht weiter zu reflektieren, diskutieren…
Das jetzige Stück im Zirkus des Wissens – bis 15. November 2025 (Details, siehe Info-Box) ist in der darstellenden Art eine Fortführung der Performance am Ars Electronica Festival und beide sind eine künstlerische Umsetzung gemeinsam mit Transitheart Productions eines seit sechs Jahren an der JKU laufenden wissenschaftlichen Projekts mit dem Ziel, global erfasste Daten zu dezentralisieren, demokratisieren und den User:innen mehr Selbstbestimmung über die Verwendung ihrer Daten zu(rück) zu geben.
Aus der Sicht von Kaktus Igor erzählt die diesjährige Text-Siegerin des Dixi-Kinderliteraturpreises eine spannende, sehr genau und detailreich beobachtende Szenerie in der die stachelige Pflanze zum Detektiv wird. Anita Hetzenauer, Mittelschullehrerin im Tiroler Kufstein, las daraus einen sehr neugierig machenden Auszug – siehe Video weiter unten verlinkt – in der ersten Novemberwoche im Figurentheater Lilarum (Wien-Landstraße; 3. Bezirk).
Der Preis in der Kategorie Illustration ging in diesem Jubiläums-Jahr (zum 25. Mal gab es ihn) an Patricia Floh für Bilder, die sie zum Gedicht „Der letzte Elefant“ von Peter Härtling (1933 – 2017) gestaltete. Da sie selbst wegen Long Covid nicht zur Preisverleihung aus St. Pölten kommen konnte, las eine sie gut kennende Freundin, Judith Vrba, den Text zu den projizierten Bildern und stellte auch im Gespräch mit Verena Weigl (Institut für Jugendliteratur und eine der Juror:innen) die vorbereitete Präsentation der Künstlerin vor – ebenfalls in einem Video am Ende des Beitrages.
Der vom Institut für Jugendliteratur ins Leben gerufene Preis, der nur dank des Sponsors, möglich ist, weshalb er auch nach diesem benannt ist, will neue Autor:innen und Illustrator:innen fördern. Es gibt kein Geld, sondern Begleitung durch Profis aus der Kinderliteraturszene, für die schreibenden Preisträger:innen jeweils eine Tutorin oder einen Tutor. Neben Arbeit an der Weiterentwicklung des eingereichten und ausgezeichneten Textes geht es auch um die Vernetzung nicht zuletzt mit Verlagen. Den Illu-Sieger:innen wird eine Reise meist zur internationalen Kinderbuchmesse im italienischen Bologna, mit Schwerpunkt Illustration, organisiert mit den entsprechenden Vernetzungen.
Was 2001 klein und als Versuch begann, hat sich sogar noch schneller und besser entwickelt als gedacht. Von den bisherigen 46 Preisträger:innen sind bisher mehr als 100 Bücher erschienen, allein heuer sind es 31, konnte Klaus Nowak verkünden, der dieses Mal die Veranstaltung knackig moderierte. Unter dem Titel „Was wurde aus…“ wurde dann Lena Raubaum auf die Bühne gebeten, ein Biotop, in dem sich die vielseitige Autorin, die 2016 den Preis in der nur selten vergebenen Kategorie Lyrik gewonnen hatte. Allein sie hat seither 19 Bücher veröffentlicht, so manche davon gemeinsam mit Illustrations-Preisträger:innen.
In der für sie typischen launigen, performativen Art spannte sie einen Bogen von der überraschenden Siegesnachricht vor neun Jahren über das eine oder andere ihrer Bücher, die seither erschienen sind und vor allem Begegnungen mit jungen Leser:innen bis zu Danksagungen auf diesem ihrem äußerst erfolgreichen Weg. So „nebenbei“ prägte sie in ihrem Dankesteil den Begriff „Erziehungsberechtigte für den Dixi-Kinderliteraturpreis“.
Die angesprochenen – Stefanie Schlögl als seit dem Vorjahr neue Geschäftsführerin des Instituts für Jugendliteratur (davor und Gründungsmutter des Preises Karin Haller) und Klaus Muik, Geschäftsführer des Unternehmens Instantina (u.a. Dixi) – schnitten die für den Jubiläumsanlass bestellte Torte mit dem mit bunten Zuckerln ausgelegten 25er an.
Für die musikalische Umrahmung der Veranstaltung sorgte in diesem Jahr „little esmeraldas*taxi“ – Astrid*Walenta und Gernot Hochstöger mit Liedern in Französisch, Englisch, Deutsch und Wienerisch.
Zu dem mehrfach als Mix aus Klassen- und Familientreffen bezeichneten Event im Lilarum waren auch acht Preisträgerinnen – ausschließlich mit kleinem i – aus früheren Jahren gekommen: Kathrin Steinberger (Text, 2003), Elisabeth Etz (Text, 2004), Leonora Leitl (Illustration, 2013), Katharina Fohringer-Hackl (Text, 2023), Lena Raubaum (Lyrik, 2016), Ella Kaspar (Text, 2021), Leonie Schlager (Illustration, 2019), Juliana Guger (Illustration, 2024).
Ein großes schiefes Holzbrett dominiert die Bühne – Rutsche, einfach Symbol für schiefe Ebene oder für in der Versenkung Verschwindendes, im Verborgen Gehaltenes, versunkenes Dach einer Holzhütte.
Um niemals Gesagtes, nicht einmal Erahntes dreht sich das ca. ½-stündige, immer wieder beklemmende Stück „Brennendes Haus“. Mit einer kurzen Entwurfs-Version des T4extes von Anaïs Clerc gewann das Team einen der Nachwuchspreise beim Bewerb in der vorigen Saison zum Thema „Stadtplan oder Wanderkarte“.
Bedrückend die Atmosphäre in einem Setting, das ein Haus auf dem Lande suggeriert. Namenlose drei Protagonist:innen, nur Die Kleinste (Marie Nadja Haller), Der Mittlere (Skye MacDonald) und Der Größte (Alexander Gerlini) genannt. Letztere schleppt sich zu Beginn mit einer elendslangen Stoffbahn (Kostüme: Tanja Maderner) auf die Bühne rund um das Brett. Nicht nur er, sondern alle drei werden sich darin einhüllen.
Wo ein rechteckiger Lichtfleck an die Wand projiziert ein Fenster simuliert, taucht später ein Bild auf – abstrakt, an eine frühe Kinderzeichnung erinnerndes Gemälde, das unschwer ein brennendes Haus erkennen lässt. Angefertigt von der Kleinsten in ihrer Kindheit. Sie hat den Hof verlassen, ist in die Stadt gezogen, um Schauspielerin zu werden. Wo sie beim Vorsprechen mit klischeebeladenen Vorurteilen gegen das „Landei“ konfrontiert wird. Und sie zur fragenden Feststellung veranlasst, ob sie dann nicht gleich mit dem Traktor anfahren hätte können oder sollen.
Sie kommt auf Heimatbesuch, weil der Größte gestorben ist. Hier empfängt sie, wovor sie eigentlich geflüchtet ist: Drückendes Schweigen, von erst nur spärlich tröpfelnden Worten und Sätzen, die oft aber mehr nichts als etwas sagen. Samt einer vorwurfsvollen Atmosphäre, warum sie denn weggegangen sei: „Das ist nicht die Zukunft, die wir uns für dich ausgedacht haben.“ Ihre offene Antwort: „Eine von euch zu sein, das wäre nicht mehr ich!“
Der Mittlere – schon lange in der Doppelrolle als Vater einer- und Sohn andererseits – scheint, ebenfalls ambivalent, nicht verstehen zu wollen, warum die Tochter nicht die Traditionen fortsetzt. Recht spät wird klar, dass auch er einen anderen Lebensentwurf im Sinn hatte. Übrigens ebenfalls künstlerisch, er wäre gern Maler geworden. Doch da hatte der Größte nur lapidar postuliert, Eigelb sei nicht zum Malen, sondern zum Kochen und Essen da.
Und doch ist die Sache nicht so linear. Denn nach und nach wird aus der rückblickenden Erzählung klar, dass der Leberschaden, an dem er verschieden ist, darauf beruht, dass er nicht reden konnte / wollte, weil er sonst weinen hätte müssen und so zum Wein griff. Und das, weil er als Kind schon am Hof fast sklavenartig schuften musste – und außerdem der Dorfpfarrer gegenüber dem kleinen Buben sexuell gewalttätig geworden war. „Traubenwelt“ wird die Trunksucht des Alten genannt – und klingt beim ersten Mal fast wie „Traumwelt“.
Amelie von Godin, die auch die Bühne gestaltete, inszeniert brennendes Haus beklemmend-berührend. Vieles schwebt zwischen den Zeilen, verdeutlicht die Sprachlosigkeit dadurch, dass noch mehr als gesprochen wird, durch Angetipptes gesagt wird. Und obendrein in den Köpfen des Publikums vielleicht mit dem einen oder anderen aus dem eigenen oder anderen bekannten familiären Leben verbinden könnte.
Eine Wand aus 25 Übersiedlungskartons in den Farben zwischen grau bis grünlich steht am Beginn einsam im Hintergrund der Bühne auf dem weißen Tanzboden. Die Performerin mit Headset neben dem Techno-Musik-Pult. Es steht die Eröffnung des sechstens Festivals für experimentelle Zirkuskunst On The Edge (Am Rande) an. „Zirkus? Ja. Aber nicht so wie du denkst“, lautet das Motto des Festivals.
Und das bestätigt sich gleich einmal. Die Performerin ist nicht im knappen Glitzerkleidchen und es folgen keine hals- und beinbrecherischen Sprünge. Am Beginn steht noch nicht einmal die Geschichte selber, die in dieser ¾ Stunde mit Worten, Bewegungen und eingeblendeten Fotos bzw. Video-Ausschnitten erzählt wird. Verena Schneider startet mit der Erzählung des Making of von „Go fishing“, mit der das diesjährige, bereits sechste Festival eröffnet wurde.
Das Festival und sein künstlerischer Leiter Arne Mannott wollten eine Eigenproduktion und das mit einem gesellschaftspolitischen Hintergrund. Die Zirkuskünstlerin Irene Bento aus der einst berühmten Dynastie des Lorch-Zirkusses, ihr Leben, ihr Überleben offen versteckt im Zirkus Althoff sollten Inhalt der Performance sein.
Schon vor 30 Jahren wurde der Fernsehfilm des WDR (Westdeutscher Rundfunk) „Zuflucht im Zirkus – Die Artistin und ihr Retter“ (Drehbuch: Ingeborg Prior, Regie: Micha Terjung, Kamera: Gerald Schlaffke ausgestrahlt, Prior veröffentliche zwei Jahre danach ds gedruckte Buch „Der Clown und die Zirkusreiterin“ über Irene Bento aus der Dynastie des eins weltberühmten Zirkus Lorch. Und dennoch scheint die Geschichte (wieder) in Vergessenheit geraten zu sein, nicht einmal im Wiener Circus- und Clownmuseum findet sich dazu etwas.
Schon 1930 musste der aufgrund des zunehmenden Antisemitismus in Deutschland als Unternehmen aufgeben, die Artist:innen wurden von anderen Zirkussen engagiert. In ihrem Heimatort Eschollbrücken, einem kleinen Ort nahe von Pfungstadt, wo der Zirkus Lorch sein Winterquartier hatte, erlebte Irene als Schulmädchen am eignen Leib die stärker werdenden Anfeindungen als Jüdin. Nach und nach wollte niemand mehr aus ihrer Klasse etwas mit ihr zu tun haben.
Und es wurde ärger, die Faschisten verhafteten am 7. März 1943 einen Teil der Familie, darunter Irenes geliebte Großmutter Sessi, verfrachteten sie ins Konzentrationslager Auschwitz wo die Oma, die Onkeln Arthur, Eugen und Rudolph ermordet wurden.
Irene selbst hatte das Glück im Zirkus Althoff aufgenommen zu werden, mit ihr auch ihre Schwester Gerda und noch zwei Verwandte. Die Althoffs entschieden sich bewusst, die Zirkuskünstler:innen, die ihnen auch viel für die Programme ihrer Shows brachte, aufzunehmen und damit ihnen das Leben zu retten. Da die Nazis ständig in jedem der Orte der Zirkustouren nach Jüd:innen suchten, mussten die Bentos – aber auch die Althoffs als deren Beschützer:innen – immer zittern. Drohte Gefahr, so klopfte der Zirkusboss meist himself am Zirkuswagen der Bentos an mit den Worten: „Ihr müsst wieder mal fischen gehen“, erinnert sich Irene Bento in der erwähnten TV-Dokumentation.
Und daraus formten Arne Mannott vom Festival und als Ideengeber und dramaturgischer Begleiter des neuen Zirkusstücks, Dorothea Zeyringer als künstlerische Leiteirn des projekts und Regisseurin den Titel „Go fishing“, offenbar nachdem schon das Festival einen englischen Titel hat – und auch international gedacht und angelegt ist, heuer sogar mit einem Symposium und Vernetzungstreffen unter dem Titel „I wanna circus with you“.
Zeyringer fuhr nach Eschollbrücken, wo sie vor allem von Renate Dreesen, die mit dem Arbeitskreis ehemalige Synagoge Pfungstadt 2002 die erste Ausstellung über diese Geschichte in der einstigen und nunmehrigen wieder Heimatstadt der Bentos organisiert hatte, aus der in der Folge auch eine Dauer-Schau im örtlichen Museum wurde. Wobei Irene, wie sie in dem Film sagt, kaum mehr in die Stadt gegangen ist, weil sie Angst hatte, vielen Menschen ins Gesicht zu sagen, was und wie sie ihr als Kind mit der Ausgrenzung und dem Hass weh getan haben. Einen besonders krassen Fall musste sie einige Jahre später bei der Geburt ihres ersten Kindes – noch in der Nazizeit – erleben. Als der Arzt erfuhr, dass sie Jüdin ist, behandelte er sie medizinisch dermaßen arg, dass sie später nie wieder als Artistin auftreten konnte.
Wie das Team zu den Informationen gekommen ist, wie die beiden schon Genannten gemeinsam mit der Performerin Verena Schneider und Gammon, dem Musiker und Gestalter der Videos gemeinsam den Abend entwickelten ist im ersten Teil vor und mit den Karton-Boxen zu hören, sehen und erleben. Die „Mauer“ wird unter anderem zur rettenden Trennwand im Zirkuswagen, hinter der sie sich versteckten, wenn’s ganz eng wurde, die einzelnen Elemente zu Archiv-Boxen, aus denen die Performerin symbolisch ganz wenige Teile hervorholt. Ihre Gänge dazwischen vollführt sie oft im Handstand auf und rund um die Kartons, mitunter mit Überschlägen und anderen akrobatischen Nummern. Zu guter Letzt formt sie aus allen 25 Kartons das Manegenrund. Das noch dazu als gemeinsamer Kreis auch für den Zusammenhalt stehen könnte.
„Go fishing“ erzählte aber nicht nur mit kleinen, wichtigen Mosaiksteinchen die Geschichte, sondern spricht dezidiert, aber nicht platt und aufgesetzt das Thema Solidarität – auch in der Gegenwart an. Und gegen Ende tanzt Verena Schneider durch die neue Manege in einem gemeinsamen artistischen Duett mit der gedachten Irene Bento, die neben Kunststücken auf Pferden auch Seiltänzerin, Akrobatin in Menschenpyramiden, einfach vielseitige Artistin war. Die Musik schwebt wie eine weitere unsichtbare Artistin – nicht nur über der beschriebenen Szene, sondern als fast ständiges Moment, das die Atmosphäre des gerade erzählten untermalt, verstärkt, weitere Assoziationen dazu eröffnet.
Zum Nachgespräch am Eröffnungsabend war unter anderem die schon genannte Renate Dreesen nach Wien angereist, die ihre Arbeit vor allem als Beitrag gegen Antisemitismus und Rassismus versteht. Ebenfalls zur Gesprächsrunde mit Regisseurin und Performerin angereist war einer der Enkel Irene Bentos, Davids Storms, der viele Erinnerungen an seine Oma einbringen konnte.
Mobile kennt fast jedes Kind – und damit nahezu alle. Mehrere Gegenstände, die an Schnüren, mitunter auch an hölzernen kleinen Balken hängen und sich nur durch den Luftzug bewegen. Schauen, staunen, irgendwie zur Ruhe kommen.
„Mobile“ nennt Jörg Möller eines seiner Zirkusprogramme, sein ältestes mit dem er noch immer tourt. Vor nunmehr 31 Jahren hat er damit sein Zirkuskunst-Studium am Centre National des Arts du Cirque im französischen Châlons-en-Champagne abgeschlossen.
Wenn das – im Kreis sitzende – Publikum beim sechsten On The Edge-Festival für experimentellen Zirkus in den Raum im Theater am Werk / Kabelwerk kommt, sieht es fünf glänzende Metallstangen, die an Drahtseilen von der Decke hängen.
Irgendwann betritt auch der Artist den Raum, nähert sich den – noch zusammengebundenen – Stangen an, klemmt seinen Kopf zwischen einige der Drahtseile und beginnt sie auseinander zu schubsen. Langsam, sanft setzt er sie in Bewegungen, gibt der einen oder anderen oder allen immer wieder neue Richtungen.
Die Stangen scheinen zu schweben, dann wieder wild zu fliegen, mal rundum, dann hin und her. Dann tanzt der Zirkuskünstler zwischen den hängenden, sich bewegenden Hindernissen hindurch. Spielt mit ihnen Fangen. Irgendwie ist es wie Jonglieren in der Waagrechten.
Irgendwann, ungefähr im letzten Viertel der kurzen nicht einmal halbstündigen fesselnden Show verwandelt er die Stangen, die er ständig in Bewegung hält, auch in Klanginstrumente. Vor allem mittels der beiden Zeigefinger, die er zu Beginn mit Bändern stark verlängert hat. Von leichten Berührungen bis kräftiges Klopfen reicht sein Instrumentarium.
Selbst 31 Jahre nach der Erfindung seiner Performance schafft Müller mit dieser verspielten, durchchoreografierten, exakt getimten und doch so fluffig leicht wirkenden Show das Publikum so zu faszinieren, wie die Windspiele es bei den meisten Kindern tun.
„Wem hast du mal einen Streich gespielt?“, „Wer ist dein bester Freund, wer deine beste Freundin?“, „Womit baust du am liebsten?“, „Worüber musst du lachen?“, aber auch „Was macht dich traurig?“
Auf mehr als 100 Doppelseiten versammelt – nun neu bearbeitet – die Autorin UND Illustratorin der meisten Bilder Fragen wie die oben genannten und natürlich viele weitere; immer mit einer Zeichnung oder einem bzw. in manchen Fällen auch mehreren Fotos.
Die Antworten bleiben natürlich dir überlassen. Das meiste weißt ja oft du allein, wenn’s vielleicht darum geht, was dir peinlich ist oder du gerne machst, obwohl du’s nicht tun sollst. Könnte gut sein, dass du das bestimmt nicht teilen willst.
Die Autorin – und Illustratorin – stellt aber auch manche Frage, bei der du vielleicht noch keine Antwort hast und diese erst selber erfragen musst; beispielsweise womit deine Großeltern gespielt haben als sie Kinder waren. Könntest du sogar schon wissen, wenn sie’s dir erzählt haben oder du es ohnehin schon von ihnen erfragt hast. Wenn nicht, dann möglicherweise eine Gelegenheit das zu tun, so du Kontakt zu ihnen hast und sie das wollen oder können.
Vielleicht hast du auch noch nie gefragt, „warum deine Eltern deinen Namen ausgesucht haben“, was hat ihnen daran so besonders gefallen. Oder hat er eine spezielle Bedeutung? Könnte sein, dass dir das schon bekannt ist, andernfalls ein Anlass, darüber zu reden…
Viele der Bilder und / oder Zeichnungen eigenen sich außerdem dazu, weiter zu spinnen, denken, fragen – möglicherweise auch, ob das eine Bild für dich viel besser zu einer anderen Frage passen würde. Das Kind im Raumanzug illustriert hier die Frage: „In wen möchtest du dich für einen Tag verwandeln?“ Möglicherweise willst du Astronautin oder Astronaut werden und das nicht nur für einen Tag.
Du könntest vielleicht auch diskutieren wollen, weshalb Frau Damm fragt, „Was würdest du verändern, wenn du König oder Königin wärst“ und nicht, „wenn du Bundeskanzlerin oder Bundeskanzler wärst?“
Oder weshalb die Autorin offenbar Zeichen- mit Gebärdensprache gleichsetzt oder verwechselt oder manche der Bilder und Zeichnungen zu der einen oder anderen Frage doch eher in alten Mustern gefangen geblieben sind – Familie – Vater, Mutter, Kind, Kind und Haustier…
Trotz dieser kleinen Kritikpunkte, das kleine, dicke Büchlein mit vielen Fragen regt an, darüber zu sinnieren und hoffentlich auch mit anderen zu reden, das eine oder andere zu erfragen, erzählen und neue Fragen auszudenken.
Fragen stehen so „nebenbei“ am Beginn jeder Forschung, sind ein wichtiger Motor aller Wissenschaften. Und so hat auch die Kinderuni Wien ein besonderes Ritual dazu. Zum Abschluss bitten (stellvertretende) Rektor:innen der verschiedenen Hochschule bei der Sponsion die Kinder, zu geloben, „nie aufzuhören, Fragen zu stellen“ sowie „nie aufzuhören, Antworten auf diese Fragen zu suchen“. Erst auf zustimmendes Handzeichen der Kinder bekommen diese die Titel Magistra bzw. Magistra universitatis iuvenum (der Kinderuni) verliehen.
Und so manche Uni-Profs freuen sich, „dass die Kinder auch wirklich noch Fragen stellen. Bei unseren erwachsenen Studierenden dauert es oft lange, bis wir sie dazu bringen, etwas zu fragen“. Ein Uni-Lehrer hat dem Journalisten hier einmal erklärt: „Bei den erwachsenen Studentinnen und Studenten hab ich einmal in einer Lehrveranstaltung begonnen, reinen Blödsinn zu reden. Erst nach mehr als fünf Minuten hat wer aus dem Auditorium erstaunt die Frage gestellt, was ich denn da verzapfe.“
Die gesamte, doch recht große Bühne von einem weißten Tanzboden bedeckt. Im Kontrast dazu an den drei Wänden schwarze, samt wirkende Vorhänge. In der Mitte des Vorhangs ganz hinten öffnet sich eine kleine Lücke: Ein Kopf mit Brille im Haar und Gesichtsausdruck, der an einen Frosch erinnert, schaut hervor. Die Performerin spielt mit Mund und Augen, verändert immer wieder Blicke und verzieht ihr Gesicht ansatzweise zu Grimassen. Zwischen Beobachten des Publikums und dieses zum Lachen bringen, erobert sie so von dieser entfernten und eher fast winzigen Position die gesamte Bühne und dazu die Zuschauer:innen-Tribüne.
In einer Art Popstar-Attitüde tritt sie aus dem Vorhang hervor in Glitzersilber-High-Heels und ebensolcher Hose samt Blink-blink-Riesen-Mikro, unschwer als Phallus-Symbol erkennbar, und bloßem Oberkörper – bis hinein in die Publikumsränge, wo sie der einen oder dem anderen das Mikro hinhält und ersucht, den Namen Sherazade auszusprechen. Jenen der Künstlerin aus den „Geschichten aus 1001 Nacht“, die dank ihrer Erzählungen ihr eigenes Leben rettet und verhindert, dass der König, weitere Frauen ermordet. Zuvor hatte er jede Nacht eine andere Frau „geheiratet“ und sie am Morgen danach umgebracht. Ihr gelang es, den Typen mit ihren Geschichten die ganze Nacht so zu fesseln, dass er am nächsten Morgen unbedingt am Abend wissen wollte, wie die Erzählung weiter ging.
Sherazade ist unschwer als Namenspatin für die Tänzerin und Schauspielerin Shahrzad Nazarpour zu erkennen, die „Shaytan“ (Teufel im Koran, oft auch Iblis, als der der menschen in Versuchung führt, um sie zu prüfen), nicht nur im Kosmos Theater Wien performt, sondern auch selber konzipiert und entwickelt hat. Sie füllt und beherrscht die gesamte Bühne, auf der üblicherweise oft ein halbes Dutzend Schauspieler:innen agieren. Mit ihren Bewegungen, ihren Tänzen, ihren teils fast akrobatischen Moves, die sie aber „nur“ zur Verkörperung und Verdeutlichung ihrer erzählten Geschichten vollführt, zerlegt sie patriarchal und kolonialistisch geprägte Zuschreibungen der weltberühmten Figur ihrer Namensgeberin Sherazade. Exotisch und erotisch – so die Bilder über die meisterinnenhafte Erzählerin.
Nazarpour tanzt von dieser Figur und ihrer von außen getätigten Zuschreibungen weiter bis zu allen möglichen Verhaltens- und Kleidungsvorschriften, meist von Männern für Frauen getroffen. Macht dabei nicht Halt vor selbsternannten Rettern, aber auch Retterinnen, Stichwort Kopftuchdebatte. Den Ärger, die Wut, den Zorn über bevormundendes Agieren setzt die Performerin verbal (Textbearbeitung: Jasmin Behnawa) genauso um wie in ihren raumgreifenden Bewegungen (dramaturgische Beratung: Sunanda Mesquita).
Obwohl ernste Anliegen, schafft Shahrzad Nazarpour, viele ihrer wörtlichen und tänzerischen Argumente immer wieder und das recht oft humorvoll und witzige zu verpacken – bis hin zu teils brüllend komischen Tänzen, die sie mit ihren Brüsten inszeniert. Und dennoch in dieser selbstverständlichen Art nicht den Hauch von sogenannter Erotik ausstrahlt.
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