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Szenenfoto aus "Der kleine Diktator"

Satirische und doch bitterernste Schritte, „Chef“ zu werden

Auf einem Kasten mit etlichen Klappfenster liegt ein großes Schachbrett. Auf dem Feld nur mehr die beiden Könige, dazu noch bei Weiß ein Pferd / Springer, ein Läufer und drei Bauern; Schwarz verfügt nur mehr neben dem König über einen Bauern. Im Hintergrund steht mit Kreide geschrieben: „Matt in 8“.
Neben dem Kasten steht noch ein Sessel mit kleinem, handelsüblichem Schachbrett.

So präsentiert sich die Bühne – auf einem geknüpften Teppich – für das Stück „Der kleine Diktator“ mit Untertitel „Chef werden – eine Anleitung“ der vor allem auf Objekt- und Figurentheater spezialisierten Gruppe „Die Kurbel“. Derzeit gastiert sie mit dem Stück bei „Junge Theater Wien“, tourt aber gern auf Anfrage auch durch Schulen und andere Orte.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der kleine Diktator“

Schachmatt?

Am Anfang Schnarchgeräusche aus dem Hintergrund, die Figuren beginnen scheinbar zu sprechen und versetzen und in eine Schulstunde. Der Läufer jammert, die Hausübung nicht gemacht zu haben, das Pferd wiehert, irgendwer ruft warnend „er kommt“. Der Schachlehrer taucht auf, und versucht nach der Lösung für Lektion 421 zu fragen – der Ausgangsposition die zu Schachmatt in acht Zügen führen soll. Im Schnelldurchlauf erklärt er’s einmal, zwei Mal, drei Mal samt „vergifteten“ Zügen, die scheinbar harmlos wirken, aber dann…

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der kleine Diktator“

Magisch?

Figuren wandern irgendwie magisch über Felder und lehnen sich gegen den Lehrer auf. „Ich mag nicht mehr hier stehen“, bewegt sich der Turm wie von Geisterhand von seiner auf die gegenüberliegende Grundlinie – inzwischen hat der „Lehrer“ (Schau- und Figurenspieler Fabricio Ferrari) alle weißen Figuren in die Ausgangsposition gestellt, der Bauer vor dem Turm hat sich selber entfernt. Aus einem der Klapp-Fenster taucht der Kopf eines zweiten Spielers auf (David Fuchs), was auch die Magie der Figurenbewegungen erklärt. Und an den legendären „Schachtürken“ erinnert – einen angeblichen mechanischen Schachroboter aus 1769, in dem aber ein menschlicher Schachspieler versteckt war.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der kleine Diktator“

Neue Herr-schaft

Der Widerpart aus dem Kasten lässt die Figuren sagen, dass sie nicht tun müssen, was der Schachlehrer anordnet, sie hätten die Wahl, das sei eben Demokratie. Was der Lehrer zunächst mit dem Wortspiel Wahl = Qual beantwortet, um hernach dem König den Kopf abzubeißen, ihm einen Luftballonkopf zu verpassen und diesem aufgeblasenen Kopf auch die Luft auslässt.

Mit der Demokratie hat’s der Herr Lehrer nicht so, aber die alte Monarchie habe auch ausgedient. Er selbst wolle sich gern wählen lassen – zum Chef. Und zwar zu einem unumschränkten – womit wir beim Titel des Stücks „Der kleine Diktator“ und seinem Untertitel wären.

Und – ohne es im Stück anzusprechen – bei einer der Inspirationen für das Stück, neben der anderen von Charlie Chaplins „großem Diktator“: Das Buch der italienischen Autorin Michela Murgia „Faschist werden – Eine Anleitung“ (Übersetzung ins Deutsche: Julika Brandestini, Verlag Klaus Wagenbauch, Berlin).

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der kleine Diktator“

Popolismus

Ihre acht Schritte absoluter, unumschränkter Chef zu werden – klingt ja viel moderner als Diktator – verwandelt „Die Kurbel“, die als Figurentheater rasch Schach als DAS Machtspiel gefunden hatte, in acht Züge
1. Feindbilder: In diesem Fall wird eine übergroße Playmobilfigur aufs Feld gestellt. Erstens bunt, zweitens Arme und Beine – also anders. Schuld an allem.
2. Angst bei den eigenen Figuren gegenüber diesem Angehörigen der „anderen“ schüren
3. … ach nein, alles soll hier sicher nicht gespoilert werden, das Stück ist spannend zu erleben, auch wie die beiden auf der Bühne im immer stärker werden Wechsel- und Kontraspiel der eine die acht Züge entwickelt, der andere doch versucht dagegen zu halten.

Angeteasert werden sollen hier nur lediglich zwei der weiteren Schritte / Züge: Popolismus – bewusst mit diesem einen anderen Buchstaben gespielt und dem einander nicht zuhören – das beide meisterhaft bis hin zum Schrei-Duell exerzieren. So manches kommt einem da aus dem Gruselkabinett der aktuellen (Welt-)Politik mehr als bekannt vor.

Wobei das Stück viel öfter und leichter die satirisch überhöhte Darstellung bricht als das Buch, das durchaus dazu verleiten könnte, auf diese Ideologie auch reinzukippen.

Szenenfoto aus

Aus der Rolle aus- und ins Leben einsteigen

Verraten möchte ich dennoch, dass Fabricio Ferrari am Ende aus seiner Rolle aus- und in sein Leben einsteigt. Dabei schildert er berührend, wie er als Kind in Uruguay (Südamerika) südlich von Brasilien, östlich von Argentinien, in den 13 Jahren Militärdiktatur aufgewachsen ist. Wie er riesengroße Angst der Menschen aber auch beginnenden und schließlich erfolgreichen Widerstand der Donnerstags-Protestaktionen erlebte, die letztlich zum Sturz der Diktatur und Rückkehr zur Demokratie führten.

Konzept, Dramaturgie und der immer wieder auch gruselig-humorvoll Text stammen von Lisa Fuchs, Regie und Gestaltung von Erik Etschel; Figuren-, Kostüm- und Bühnenbau haben neben Fabricio Ferrari, der ja auch spielt, Emanuela Semlitsch und Sofie Pint vorgenommen – Schachfiguren aus Pappmaschee und die übergroße Playmobilfigur aus dem 3D-Drucker.

Titelseite des Buches
Titelseite des Buches von Ece Temelkuran, Wenn dein Land nciht mehr dein Land ist oder sieben Schritte in die Diktatur“

Andere sieben Schritte in die Diktatur

Ausgehend von dem angeblichen, so manche meinen eher inszenierten, Putschversuch Mitte Juli 2016 in der Türkei, beschreibt Ece Temelkuran in „Wenn dein Land nicht mehr dein Land ist oder Sieben Schritte in die Diktatur“ die Entwicklung ihrer Heimat in ein autoritäres System unter Recep Tayyip Erdoğan.

„Die Verwandlung des Populistenführers von einer Witzfigur in einen furchteinflößenden Autokraten vollzieht sich meiner Erkenntnis nach in sieben Schritten, mit denen er die gesamte Gesellschaft seines Landes von Grund auf korrumpiert“, schreibt die Autorin. Und warnte damals schon, Trump war erstmals Präsident (2017-2021), Großbritannien hatte mehrheitlich für den Austritt aus der EU gestimmt, dass ähnliche Szenarien auch „dem Westen“ nicht erspart bleiben würden. „Ob Sie es glauben oder nicht – das was in der Türkei passiert ist, blüht Ihnen erst noch. Dieser politische Irrsinn ist ein globales Phänomen…“ – und das wurde vor sieben Jahren veröffentlicht.

Das Böse der Banalität

Gründen Sie eine Bewegung / Zersetzen Sie das Vernunftprinzip und terrorisieren Sie die Sprache / Schaffen Sie das Schamgefühl ab: Im postfaktischen Zeitalter ist unmoralisches Verhalten gefragt / Demontieren Sie die rechtlichen und politischen Grundlagen / Entwerfen Sie Bürger nach Ihrem Geschmack / Sollen sie über das Grauen lachen! / Erschaffen Sie sich Ihr eigenes Land – heißen die einzelnen Schritte / Kapitel ihres Buches – Details unten in der Info-Box.

„So entsteht ein neuer Zeitgeist, ein historischer Trend, der die Banalität des Bösen (Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen von Hannah Arendt, Anm. der Redaktion) in das Böse der Banalität verwandelt.“

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wikipedia –> Schachtürke

Szenenfoto aus "Out Loud - Resistance"

Lautstark zwischen aufgeben und Widerstand leisten

Vor, neben, zwischen und unter einer doppelten Bühne spielen die Performer:innen (ihre) Verwirrungen aus. Zwischen sch… auf alles, konfusen (Traum-)Bildern und der Frage: Widerstand oder aufgeben? „Out Loud – Resistance“ ist einerseits ein zweiter Teil einer Trilogie mit dem Titel-Teil „Out Loud“ (Link zur Besprechung von Teil 1 am Ende des Beitrages) und andererseits die erste Produktion eines neuen Kollektivs namens Gobo Performs, hervorgegangen aus der Theater-Akademie DiverCITYLAB.

Wie so manch andere aktuelle Bühnenproduktion kreist diese einstündige Performance rund um ein angesichts der verwirrenden, unerwarteten, bedrohlichen Entwicklungen der (Welt-)Politik rund um diese innere Zerrissenheit vieler Menschen, die mit autoritären, zerstörerischen Mächten nichts zu tun haben wollen: Ich kann nicht mehr, es hat alles keinen Sinn (mehr) auf der einen und jetzt erst recht müsste was und sogar ziemlich viel getan, dagegen gehalten werden.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Out Loud – Resistance“

(Selbst-)Ironie

Und dennoch schaffen die Akteur:innen zwischen einer schwebenden, hängenden Tischplatte mit einem Modell, das Ab- oder Vorbild für die Bühne (Szenografie: Ece Anis Kollinger) im Hintergrund vor der geschwungenen Treppe im Theater am Werk Stephansplatz ist, nicht destruktiven Pessimismus zu verbreiten. Immer wieder mit kräftigen Portionen von Selbstironie spielen Rae (Anillo Sürün), Com (Charlotte Zorell), Ve (Violetta Zupančič), Kuf (Evrim Kuzu) und die Erzählerin Didem Kris – letztere mal aus dem off, dann wieder mitten im Geschehen. Letztere hat auch Regie geführt sowie – gemeinsam mit Berk Kristal und Anna Schober den Text, teils in Englisch, teils in Deutsch – geschrieben.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Out Loud – Resistance“

Sinnfragen

Mit- und gegeneinander werden diskursiv Sinnfragen gestellt und darüber performativ gestritten. Als weiterer Performer musiziert Aras Levni Seyhan live von einer Art überhöhten Kanzel. Das schon erwähnte Ebenbild der Bühne im Hintergrund als Modell auf der schwebenden Tischplatte hat übrigens noch einen Untergrund, eine bizarre, morbid wirkende Höhlenlandschaft, die Anklänge an das erste „Out Loud“-Stück enthält, das zwischen Wirklichkeit und Träumen im Untergrund spielte.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Out Loud – Resistance“

Starker Schlussmonolog

Die zu Beginn angesprochenen emotionalen und geistigen Widersprüche manifestieren sich gegen Ende besonders stark, wenn Charlotte Zorell einerseits stöhnend, schnaufend ausführt „ich kann nicht mehr“ und ihrem Monolog dennoch eine kämpferische Stärke verleiht. Und dem Publikum keine Antworten auf eigene Zerrissenheiten mit auf den Weg gibt, sondern vielleicht Denk-und Gefühls-Anstöße für eigenes (Hinter-)Fragen.

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Mandarinen enthäuten und Teigmuscheln schneiden und formen

Nachhaltige feine Küche + Musik und Kabarett für guten Zweck

Die einen schneiden Pilze, die anderen schälen Mandarinen, unter anderem Ines Schatzmayr und Sarah Haczay befreien die Mandarinenschalen vom Weiß, denn die Schalen wandern nicht in den Abfall, sondern werden im Ofen zu Chips getrocknet. Daneben rollen Jugendliche Teig zu dünnen Stangen, schneiden kleine Stückerln ab und drücken mit einem Rundmesser diese zu Muscheln, im Fachjargon Cavatelli (Italienisch für hohl).

In einer anderen Ecke der professionellen Großküche, einer von mehreren in der öffentlichen Tourismusschule Bergheidengasse (Wien-Hietzing, 13. Bezirk), liegen Rinderschultern in Metallwannen. In einer riesigen, beheizbaren Wanne röstet Absolvent Clemens Groß Zutaten für die Bratensoße an, viele Liter dieser gemüsehaltigen Soße können, dank Kipp-Mechanismus dann in einen hohen Topf abfließen und müssen nicht rausgeschöpft werden.

Spezialverfahren

Eine grüne Soße in einer kleinen Metallwanne ist nicht wie’s aufs erste vielleicht ausschauen mag Cremespinat, sondern feingemixter Schnittlauch. In einem Spezialverfahren gewinnen die jungen Köchinnen und Köche daraus Öl: Zunächst gießen sie den Wanneninhalt in ein in einem Metallsieb liegendes Tuch, binden das Tuch zu und hängen es auf. Durch das Eigengewicht – „Wunder“ Schwerkraft – tropft das Öl in einen darunter stehenden Topf.

Woran hier Schülerinnen und Schüler der 3. und 4. Jahrgänge samt dem schon oben erwähnten Absolventen (2020), der Küchenchef im Refugium Lunz ist, und Kochlehrer Kristijan Bačvanin arbeiten, sind Teile eines fünfgängigen Menüs für ein neues Charity-Dinner dieser Schule – samt Kulturprogramm im WuK (Werkstätten- und Kulturhaus) am 22. Jänner 2026 – für 185 Gäst:innen, nochmals mehr als 100 werden dann zum anschließenden Clubbing dazustoßen (Details siehe Info-Box am Ende des Beitrages).

Jugendliche Projektleiterin und Lehrer
Jugendliche Projektleiterin und Lehrer

Neues Charity-Projekt

Eineinhalb Jahrzehnte lang haben Jugendliche dieser HLTW (Höhere (Bundes-)Lehranstalt für Tourismus und wirtschaftliche Berufe) Jahr für Jahr in einem Hotel, zuletzt gut zehn Jahre in jenem am Rennweg, unter dem Titel „Theaterhotel“ für Gäste aufgekocht und ihnen auch Kulturprogramm serviert. Dieses Projekt wurde im Vorjahr von der privaten Tourismusschule Modul übernommen, „aber schon davor haben wir nach einem neuen Projekt Ausschau gehalten, wir wollten jedenfalls wieder unsere Kompetenzen beim Kochen, im Service und beim Organisieren von Kulturprogramm verbinden und das für einen guten Zweck“, fasst Franziska Granzer aus dem Maturjahrgang für Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… zusammen, bevor sie wieder in den Unterricht muss. Sie ist eine der Projektleiterinnen gemeinsam mit Victoria Nagy. Rund 100 Schülerinnen und Schüler sind für die Veranstaltung im Einsatz, gekocht wird seit Montag, aber viele der organisatorischen Arbeiten haben schon bald nach Beginn des Schuljahres im Herbst angefangen, Vorgespräche wie erwähnt schon im vergangenen Schuljahr.

Integrationshaus

„Im November 2024 haben wir mit den ersten Ideen begonnen, das WuK als Location war blad klar, weil unsere Schule mit dem Kulturzentrum mehrere Kooperationen hat. Der Titel war nicht so einfach, wir haben viele Vorschläge gehabt. Und weil der Absolventenverein stark involviert ist, sind wir auf „klingt nach“ gekommen. Genauso wichtig war uns, dass es wieder eine Charity-Veranstaltung wird. Dank einiger Kontakte haben wir uns das Integrationshais ausgesucht. Im Herbst waren einige von uns schon dort und haben Interviews geführt. Natürlich kommen auch einige Leute aus dem Integrationshaus zur Veranstaltung.“

Auch Kühlschränke und Öfen

Im Hotel konnten die Jugendlichen die in der Schulküche vorgekochten bzw. vorbereiteten Speisen(teile) in der dortigen Küche fertigstellen, kühl lagern, aufkochen… all das geht im WuK nicht. „Da müssen wir auch die Kühlschränke und Öfen mitnehmen“, verraten Manuel Sänger und Daniel Siegmund vom Organisationsteam dem Reporter. „Aber zum Glück haben uns die Absolventen ein großes Transportauto zur Verfügung gestellt.

Nachhaltig

Die Verwandlung der Mandarinenschalen in Chios ist nicht nur ein Gag, sondern Teil des Konzepts, möglichst nachhaltig zu arbeiten, erklärt der erwähnte Lehrer Kristijan Bačvanin, der vor einem ¼ Jahrhundert die Bergheidengasse absolviert hat (2000) und einer von sieben Lehrpersonen ist, die direkt am Projekt „kochlöffelführend“ tätig sind. „Wir verwenden Bio-Sojasauce aus Oberösterreich, Miso (Paste aus Sojabohnen) aus der Steiermark“, verkündet und zeigt er stolz und gesteht „aber die Algen sind natürlich nicht regional“.

Kultur

Begleitend zu durchaus ausgefallenen Speisen wie „Buddhas Hand“, eine spezielle Zitrusfrucht aus den Schönbrunner Bundesgärten, Flower Sprouts, einer Mischung aus Kohlsprossen und Grünkohl, und vielem mehr, entführe „lnsingizi feat. Pascal Loponogo“ auf eine musikalische Reise nach Zimbabwe. Die Kabarettistin Aida Loos „serviert“ zum Dessert Auszüge aus ihrem „Best of“-programm, um Lachmuskeln zu stimulieren. DJ Nitkov sorgt parallel zu Tichys Eismarillenknödel für lässige Beats.

Nach dem Dinner verwandeln die Schüler:innen den großen Saal in eine Clubbing-Location, bei der DJ Fisso – DJ Andrea Fissore, Drumatical Theatre, Juicy Crew feat. DJ Jessy Gem & Silybeatz für tanzbare Rhythmen sorgen.

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Doppelseite aus dem Buch "Wie sind eins"

Ubuntu – in wenigen Worten und eindrucksvollen Kinderbildern

Ein laaanges Fahrrad – gleich Platz für vier unterschiedliche Kinder, drei davon, die in die Pedale treten, das vierte und Jüngste sitze in einem Korb am Ende, ein kleines Hündchen noch dazu in einem Korb vor der ersten Lenkstange. Und vorwärts geht’s nur gemeinsam.

Mit diesem schon so vielsagenden gezeichneten Bild von Zinelda McDonald startet das von ihr und der in Johannesburg lebenden Autorin Refiloe Moahloli Buch „Wir sind eins“ (Übersetzung aus dem Englischen: Africandiva alias Fatima Sidibe).

Und weiter geht’s in dieser Tonart – mit wenigen, knappen Sätzen und farbenfrohen, fröhlichen Bildern. „Wenn ich in diene Augen schaue, sehe ich mich selbst. Ich bin du und du bist ich“, heißt es etwa auf der ersten Doppelseite dieses Bilderbuchs – mit zwei Kindern, großen Augen und mitten unter bunten Blumen.

Doppelseite aus dem Buch
Doppelseite aus dem Buch „Wie sind eins“

Vielfalt statt Einfalt

Egal ob weiß oder schwarz, im Rollstuhl oder nicht, mit Blindenstock, spielend, tanzend, springend, auf oder unter Bäumen – jede der Doppelseiten beschreibt und bezeichnet das eine oder andere Element der Philosophie „Ubuntu“ aus dem südlichen Afrika. Respekt füreinander, Achtung voreinander, Leben miteinander… trotz oder gerade weil vielfältig, ob Hautfarbe, Handicaps oder nicht, egal welche Religion oder Sprache. Fein wäre nur gewesen, wenn auf der Doppelseite mit verschiedenen Sprachen noch – vielleicht auch „nur“ im Anhang erklärt worden wäre, dass es sich um Xhosa, Sesotho, Afrikaans neben Deutsch und Englisch handelt – und was die Sätze, die nicht alle das gleiche bedeuten, heißen.

Doppelseite aus dem Buch
Doppelseite aus dem Buch „Wie sind eins“

Erklärungen

Am Ende des Buches erklärt die Kinderbuchautorin Minitta Kandlbauer, die auch die Umschlaggestaltung des deutschsprachigen Buches gemeinsam mit der Illustratorin vorgenommen hat, den aus den Bantusprachen Zulu und Xhosa kommenden Begriff, der bedeutet: „Ich bin, weil wir sind.“

PS: Unten ist eine Wikipedia-Seite verlinkt, auf der du ein Video findest, in dem Nelson Rolihlahla Mandela (1918 – 2013) in einem Interview Ubuntu mit praktischen Beispielen erklärt – auf Englisch mit deutschen Untertiteln. Mandela war der vielleicht berühmteste Freiheitskämpfer gegen die Apartheid, die jahrzehntelang die schwarze Mehrheitsbevölkerung Südafrikas rechtlos hielt. Dafür musste er sogar mehr als ¼ Jahrhundert im Gefängnis verbringen. 1994 wurde er dann der erste schwarze Präsident des Landes.

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wikipedia.org –> Ubuntu_(Philosophie)

Foto zum Stück "Krokodilstränen" - vor früheren Aufführungen

Können Krokodile weinen?

Zu einem Ausflug auf den afrikanischen Kontinent in eines der nicht näher bestimmten 55 Länder lädt die Schauspielerin ein. Knallrote Sonne auf der schwarzen Stoffrückwand, ein blaues geschwungenes Stoff-Flussband, ein Hocker aus Zweigen, „Erde“ und eine Art Baum aus geflochtenen Seilen – Naturmaterialien, die sie einst unter anderem in Nigeria erworben hatte. Und dann liegt da ein großes Ei mit schon angedeutetem Knacks.

Natürlich erraten die zuschauenden Kinder, dass da wohl ein Krokodil rausschlüpfen wird, heißt das nicht ganz ¾-stündige Stück von Dachtheater, mit dem Cordula Nossek derzeit bei Junge Theater Wien (Details siehe Info-Box am Ende) an mehreren Spielorten auftritt „Krokodilstränen“ (Text von ihr und Gernot Ebenlechner, der auch für Regie und Bühnenbild verantwortlich ist).

Fotos zum Stück
Foto zum Stück „Krokodilstränen“ – vor früheren Aufführungen

Einfache Mittel – große Bilder

Das später entschlüpfende Krokodilbaby ist eine Schaumstoff-Handpuppe, der die Schauspielerin Stimme und Gefühle verleiht. Sie gibt aber unter anderem auch einen Vogel Strauß – wofür ihr zwei zu Augen „verzauberte“ Kugeln zwischen Fingern und ein entsprechender Gang über die Bühne reichen. Aus dem „Fluss“ lässt sie auch das Wasser mit einfachsten Mitteln steigen und sogar scheinbare Spritzer ins Publikum fliegen. Die Bilder entstehen in den Köpfen der Zuschauer: innen.

Fotos zum Stück
Foto zum Stück „Krokodilstränen“ – vor früheren Aufführungen

Schwere Tränen

Ach ja, von wegen Tränen, der Begriff wird ja meist dann verwendet, wenn Menschen nicht echt, sondern nur vorgetäuscht weinen. Er beruht darauf, dass bei Krokodilen Tränen fließen und Laute ausstoßen, die an kindliches Weinen erinnern, wenn sie Beutetiere fressen. Ihnen wurde seit Jahrtausenden unterstellt, so erst Beute anzulocken. Dabei dürfte einfach das weit geöffnete Maul auf die Tränendrüsen der Reptilien drücken.

Jedenfalls sind diese lautstark in eine Schüssel fallenden, schweren, glänzenden Tränen aus geschliffenen Kugeln aus Nigeria, ein Erlebnis für das mit dem kleinen Krokodil mitfiebernden (nicht nur) jungen Zuschauer:innen bei dem Ausflug in brennheiße Hitze in kalten Wintertagen.

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Szenenfoto aus "Staatsfragmente" im Theater Drachengasse (Wien)

Ein Text – vier Spielvariationen

Ein Text vier Mal gleich hintereinander gespielt – und doch weder gleich und damit auch nicht fad. „Staatsfragmente“, geschrieben von Kiki Miru Miroslava Svolikova, „zerlegt“ Herr-schaftsformen derzeit im Theater Drachengasse. Regisseurin Valerie Voigt siedelt das „Königsmärchen“ (so der Untertitel) einmal in der ersten Runde in der Steinzeit an. Die Menschen bewegen sich da eher äffisch mit überlangen Armen auf allen Vieren voran. Das Auftauchen eines – längst ausgestorbenen – Dinosauriers irritiert doch, oder ist es ein Element von Humor?

Die Wiederholungen spielen sich dann zunächst im 13. Jahrhundert rund um eine Papstwahl ab, hernach im monarchistischen Absolutismus und schließlich zwischen Gegenwart und Zukunft ab.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Staatsfragmente“ im Theater Drachengasse (Wien)

Wechselnde Übermächtige

Die vier Schauspieler:innen – Johanna Sophia Baader, Lukas Haas, Nataya Sam, Sebastian Thiers – wechseln dabei jeweils in einer der Perioden in die Rolle des „Königs“ bzw. Papstes, das heißt eigentlich der Päpstin. Die anderen drei sind Berater:innen, die immer wieder darüber stöhnen, dass die herr-schende Person stets zu nächtlichen Treffen „einlädt“, um die Frage zu klären, soll sich Monarch:in, Päpst:in… dem Volk zeigen und wenn ja, in welchem Gewand (üppige Kostüme: Kostüm: Katia Bottegal, im Gegensatz zur schwarz-weißen Bühne von Thomas Garvie).

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Staatsfragmente“ im Theater Drachengasse (Wien)

Suche nach neuem Volk

Mit dem Volk zeigen sich alle eher bis sehr unzufrieden, raten dazu, ein neues zu wählen. Und bleiben damit immer auf der Seite der Machthaber:innen. Was das Volk will, und ob sich dieses nicht lieber einen anderen oder gar keinen „König“ wünscht oder angesichts diktatorischer Regimes lieber selber das Land verlässt – das interessiert nicht einmal auch nur eine der Beratungspersonen, geschweige denn die jeweils herrschende Figur. Die immer wieder mit Wortspielen ausgehend vom untertänigen „Durchlaucht“ humorvoll bis hin zu „Knob-lauch“ in Frage gestellt wird.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Staatsfragmente“ im Theater Drachengasse (Wien)

„Des Kaisers neue Kleider“

Auch wenn in jeder der vier Wiederholungs-Episoden ein anderes Thema – in schwimmender Schrift projiziert: Sprache und Gewalt / Glaube / Inszenierung / Technik – in den Fokus rückt und damit nicht nur die Rollen getauscht werden, so demaskiert das 1½-stündige Stück die (fast) immer gleichen Mechanismen Mächtiger. Mit einem dezenten Anflug von Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“, wenn die vier am Ende ihrer Kleider entledigt werden und – nicht nackt, aber in Unterwäsche – dastehen bzw. -sitzen.

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Viele Fahnen und etliche Plakate bei der Kundgebung gegen das iranische, diktatorische Regime und für Solidarität mit den mutigen Protestierenden

„Nieder mit der Diktatur, her mit Demokratie“

„Jin îyan, Azadî“ (Frau – Leben – Freiheit), die Demonstrations-Losung, die nach dem gewaltsamen Tod der kurdischen Iranerin Jîna Mahsa Amini 2022 weltweit bekannt wurde, war Samstagnachmittag (17. Jänner 2026) vielfach und lautstark am Wiener Stephansplatz zu hören. Eine andere der Losungen bei dieser Kundgebung „für Freiheit im Iran“ war: „Nieder mit der Diktatur!“ Und natürlich durfte der All-Time-Slogan-Hit „Hoch die internationale Solidarität!“ nicht fehlen.

Viele Fahnen und etliche Plakate bei der Kundgebung gegen das iranische, diktatorische Regime und für Solidarität mit den mutigen Protestierenden
Viele Fahnen und etliche Plakate bei der Kundgebung gegen das iranische, diktatorische Regime und für Solidarität mit den mutigen Protestierenden

Viele kurdische Fahnen

Iranische Flaggen – ohne das vom Mullah-Regime eingeführte Hoheitszeichen in der Mitte bzw. ältere Versionen der Fahne -, und viele kurdische Flaggen hatten Teilnehmer:innen mitgebracht. Erinnert wurde dabei nicht nur an den oben erwähnten Tod der 23-Jährigen in der „Obhut“ uniformierter Kräfte, die sie bei einer Demonstration festgenommen hatten. Kurd:innen sind eine der Volksgruppen im Iran, die diskriminiert werden. Angesprochen wurde aber auch, dass die neue syrische Regierung ebenfalls Kurd:innen bekämpft. Ähnliches gilt für die Türkei. Wo die Kampfparole „Jin îyan, Azadî“ (Frau – Leben – Freiheit) schon jahrzehntelang erklingt. Dort wo linksdemokratische, kurden-affine Parteien – die müssen sich in der Türkei immer wieder neu gründe, weil das dortige autoritäre Regime Erdoğans sie häufig verbietet – bei Wahlen antreten, tun sie das übrigens stets mit einer gleichberechtigten Doppelspitze aus weiblichen und männlichen Kandidat:innen.

Viele Fahnen und etliche Plakate bei der Kundgebung gegen das iranische, diktatorische Regime und für Solidarität mit den mutigen Protestierenden
Viele Fahnen und etliche Plakate bei der Kundgebung gegen das iranische, diktatorische Regime und für Solidarität mit den mutigen Protestierenden

Forderung nach Demokratie statt Kaiserhaus

Zur Kundgebung – eine von vielen Aktionen in den vergangenen Tagen – und weitere folgen – aufgerufen hatten mehrere säkular-demokratische Gruppen. Sie klagen nicht nur das seit fast 50 Jahren herrschende Regime, sondern verlangen nach Demokratie und wenden sich auch gegen die vielfach ins Spiel gebrachte Wiederinstallierung des Kaiserhauses Pahlavi.

„In diesen schicksalhaften Augenblicken hat die Regierung der Islamischen Republik einen Massenmord unmenschlicher Natur begangen. Um ihre Repression fortzusetzen und das Ausmaß ihrer Verbrechen zu verschleiern, hat dieses Regime das Internet und den freien Informationsfluss gekappt, um die Stimmen der freiheitsliebenden und wehrlosen Menschen zum Schweigen zu bringen.

Viele Fahnen und etliche Plakate bei der Kundgebung gegen das iranische, diktatorische Regime und für Solidarität mit den mutigen Protestierenden
Viele Fahnen und etliche Plakate bei der Kundgebung gegen das iranische, diktatorische Regime und für Solidarität mit den mutigen Protestierenden

Internationale Solidarität

Wir, die iranischen säkularen Demokrat*innen in Österreich, stehen an der Seite aller freiheitsliebenden Kräfte, an der Seite der Protestierenden im Iran. Wir sind entschlossen, die Stimme der Menschen zu sein, die sich mutig der Tyrannei widersetzen. Lasst uns der Welt zeigen, dass das verbrecherische Regime im Iran illegitim ist.

Mit internationaler Solidarität kann unser Ruf nach Freiheit das Ende der Tyrannei und den Beginn von Freiheit, Demokratie und nationaler Souveränität einläuten und ein Licht in der Dunkelheit sein.“

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Szenenfoto aus "Fighting Dušman" der Theatergruppe "Die Fremden"

Theatrales Ringen um Demokratie

Auf diese tödliche Aktualität hätte die Theatergruppe liebend gern verzichtet. So widmen „Die Fremden“ ihr jüngstes Stück „Fighting Dušman“ im Wiener Off-Theater den mutigen Menschen im Iran. Trotz massenmörderischer Schüsse des wankenden Systems der Ajatollahs gehen sie zu Zehntausenden auf die Straße. Protestieren nicht nur wegen der unleistbaren Preissteigerungen, sondern fordern immer wieder auch das Ende der Diktatur.

Und dennoch ist das aktuelle Stück, an dem die multikulturelle außerberufliche (früher Amateurtheater) Gruppe intensiv ein Jahr lang gearbeitet hat, nicht (nur) auf dieses Land, das derzeit im Fokus der Nachrichten steht, fokussiert. Die Story des rund 1½-stündigen Stücks richtet sich gegen jede Form undemokratischer Herrschaft. So tritt Herr Dušman (Markus Payer), der gern Länder annektieren bzw. Wahrheit oder Pflicht spielt samt Todesschüssen für unerwünschte Anworten, tritt in einer antiken Toga auf; mit Blumentopf als Krone auf dem Kopf. Lächerlich machen ist schließlich eine Form des Widerstandes. Frau Dušman (Sabrina Bee) ist mit einer Art Turban bestätigend an seiner Seite.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Fighting Dušman“ der Theatergruppe „Die Fremden“

Dušman / Düşman /Dashman

Das Wort steht sowohl in den BKS-Sprachen (Bosnisch, Kroatisch, Serbisch) als auch im Türkischen (Düşman) sowie auf Farsi / Persisch als Dashman) für Feind.

Alle Protagonist:innen treffen zu Beginn immer wieder auf einem Flachdach aufeinander – mit guter Aussicht ins gegenüberliegende Theater bis hinein zur Bühne. Die beiden Mädchen Elena (Rabia Alizada) und Pegah (Yasmin Navid) sind Vorkämpferinnen gegen das Regime; Letztere ein bisschen mutiger, erstere rät immer wieder zur Vorsicht.

Das Flachdach ist nicht nur Aussichts„warte“. In der Fantasie der hier aufeinander Treffenden mutiert es mitunter zum fliegenden Teppich oder zum Nest für Greifvögel.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Fighting Dušman“ der Theatergruppe „Die Fremden“

Gewalt

Pegah landet eines Tages im Gefängnis, dessen Wärter Yuri (Garegin Gamazyan) lange Zeit nicht einmal mit ihr spricht, sie dafür aber immer wieder, wenn sie auch hinter Gittern sich nicht einschüchtern lässt, schlägt. Wobei die Schläge völlig kontaktlos gespielt werden, weit voneinander entfernt führt der Wärter Schlag-Bewegungen aus. Armbewegungen des einen und das Zusammenzucken samt Schreien der anderen reichen aus, um die Zuschauer:innen bis tief unter die Haut zu berühren.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Fighting Dušman“ der Theatergruppe „Die Fremden“

Für alles zuständig

Zeitsprung: 30 Jahre später, Elena und Pegah haben unterschiedliche Entwicklungen durchgemacht und sich weit voneinander entfernt, nachdem Erstere die Freundin, die sich bei ihr vor Verfolgung versteckte, weggeschickt hatte. Die ältere Pegah (Sofie Leplae) ist nach wie vor Widerständlerin – und jetzt im Gefängnis. Elena (Katerina Rumenova Jost) ist nun mit dem regimetreuen, speichelleckenden Theaterregisseur Andrej (Armen Abisoghomyan) verheiratet. Seine Sklavin trifft’s viel eher. Dass sie ab 5 Uhr früh in der Fabrik arbeitet, ist ihm egal, sie muss ihm sein Hemd richten, im Theater in der Garderobe einspringen, seine Texte korrigieren und noch der immer wieder anrufenden Tochter Miriam (Bojana Djogović) helfen und für die Star-Schauspielerin Olga (Vanda Sokolović) noch deren Lieblings-Bluse umschneidern, damit diese beim Treffen mit dem Präsidenten und seinen Freunden glänzen kann.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Fighting Dušman“ der Theatergruppe „Die Fremden“

Alte Texte

Vom Treffen mit den hohen Herren kommt Olga sehr zerstört wieder bei Elena an, die hohen Herren interessierte die Schauspielkunst nicht im Geringsten, sie dürften sich an der Künstlerin heftig „vergriffen“ haben. Elena hat mittlerweile in alten Sachen gekramt und einen Rucksack ihrer damaligen Freundin Pegah gefunden – mit Heften, in denen diese kritische Texte aufgeschrieben hatte – von den beiden damals Jugendlichen. Und nun einen neuen Text für den Monolog der Schauspielerin ergibt.

Und zum Wiedersehen (nicht nur) dieser beiden, sondern der einstigen Flachdach-Gemeinschaft führt – ein trotz der herrschenden Verhältnisse Mut machendes Symbol.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Fighting Dušman“ der Theatergruppe „Die Fremden“

Vielsprachig

Übrigens: Die Requisiten – ob Leiter, Kübel, Holzböcke, gewellte Kunststoffwand oder Betonziegel – haben alle etwas mit den persönlichen, von den Mitwirkenden erzählten und ins Stück eingebrachten, Erlebnissen zu tun.
Und: Was ansatzweise in professionellen Theaterhäusern als relativ junge Errungenschaft eingebracht wird, spielt bei dieser 1992 von Dagmar Ransmayr gegründeten und seither geleiteten Gruppe „Die Fremden“ gegründeten Theatergruppe von Anfang an eine große Rolle: Verschiedene (Herkunfts-)Sprachen der Mitwirkenden sind – neben hauptsächlich auf Deutsch gespielt – zu hören; dieses Mal Armenisch, Bulgarisch, Farsi, Flämisch, Italienisch, Kroatisch und Slowakisch.

Die Leiterin führte auch bei „Fighting Dušman“, das sich gegen jede Version undemokratischer Herrschaft bzw. autoritäre Anwandlungen richtet, Regie, für die Choreografie – in einigen Szenen spielt sich Erzähltes fast wortlos in Tänzen ab – sorgte Garegin Gamazyan.

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Doppelseite aus dem Bilderbuch "Fritzi Furchtlos - Von einer, die auszog, das Fürchten zu lernen"

Ziege Fritzi hat vor gar nix Angst…

Furcht und Angst – eine Reihe von (Bilder-)Büchern erzählen Geschichten, wie die eine oder der andere – ob Kind oder Tier – mit Angst umgehen lernt, sich ihr stellte, sie verarbeitet… Dieses über Fritzi, die Ziege geht vom Gegenteil aus. Denn dieses Tier ist, wie schon der Titel klar macht, „Furchtlos“.

Was aufs erste super wirkt, ist für die Hauptfigur alles andere als toll. Weder „vor der D-d-dunkelheit“ noch „vor dem sch-sch-schrecklichen Schrei der Eule“ ängstigt sich Fritzi. Auch Gedanken an einen Wolf können ihr nichts anhaben.

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Fritzi Furchtlos – Von einer, die auszog, das Fürchten zu lernen“

Gefahr für sich und alle

Die Ziege ist damit aber nicht nur Außenseiterin in ihrer Herde, die anderen Ziegen fürchten, dass Fritzi nicht nur Gefahren für sie selbst unterschätzt, sondern die ganze Gruppe gefährdet sein könnte. Und so wollten alle Fritzi das Fürchten lernen. Es begann damit, dass der alte Bock Zecke der ganzen Schar Schauergeschichten erzählte.

Doch – und das ist jetzt sicher keine Überraschung – während die anderen heulten, deren Zähne klapperten und sie letztlich gar davonrannten, meinte Fritzi: „Eigentlich war deine Geschichte ja recht lustig… aber wann, verflixt, sträuben sich bei mir endlich die Haare?“

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Fritzi Furchtlos – Von einer, die auszog, das Fürchten zu lernen“

Auf dem Weg

Nächster Versuch: Fritzi sollte eine Nach allein im Wald verbringen. Selbst wenn du das Buch noch nicht kennst, kannst du dir wahrscheinlich denken, hilft auch nix in Sachen Furcht lernen. Erschrecken mit Wolfsmaske – auch Fehlanzeige. Wäre da jetzt ein echter Wolf – dann große Gefahr für die ganze Herde. Und so schickten sie Fritzi in die weite Welt – ganz allein – um… eh schon wissen.

Und klar, irgendwann wird das Buch „Fritzi Furchtlos – von einer, die auszog, das Fürchten zu lernen“ genau damit enden, dass die angstbefreite Ziege sich das aneignet. Dass dies nicht über Grusel, Grausamkeiten und Finsternis passiert, sondern aus Angst um einen Weggefährten, den sie kennenlernt, ist nur folgerichtig von der Autorin Katja Reider mit gezeichneten Bildern von Thorsten Saleina.

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Doppelseite aus "Ferri - Mutig ist, wer Hilfe holt!"

Das Happy End steht schon am Anfang

Mobbing – schon für jüngste Kinder leicht und anschaulich ist in diese Bilderbuchgeschichte, die unter Meerestieren spielt, eingebaut. Und sie beginnt schon auf der ersten Doppelseite mit dem Happy End: „Tief unten im Meer leben alle Tiere friedlich miteinander und füreinander. Jeder achtet nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf den anderen, damit es allen gut geht.“
Das war aber – ist ab dem nächsten Satz zu lesen und auch viel zu schauen – „nicht immer so…“

Die Hauptfigur ist ein Fisch mit gelb und rötlich gestreiften Flossen namens Ferri. Der war urgut drauf, immer fröhlich, obendrein hilfsbereit und sang gerne. Was nicht allen gefiel. Rocho, der Rochen, pöbelte Ferri an „schrei nicht so!“, und das ziemlich heftig und lautstark. Da merkte Ferri an, dass doch Rocho schreie. Und schon ging der Knatsch richtig los. Der griesgrämige Rochen drohte dem kleinen Sänger mit Gewalt.

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Ferri – Mutig ist, wer Hilfe holt!“

Und – so die Dramaturgie, die sich die beiden Autorinnen Gertraud Mesner und Beate Welsh ausgedacht haben – kam gleich die nächste angeschwommen, die Ferri einschüchterte: Krabbe Krabbi, es folgte Kraki (klarerweise ein Krake). Qualli – du weißt sicher aufgrund des Namens schon, um welches Salzwassertier es sich handelt – fand das Verhalten der anderen gar nicht nett, aber nach kurzen Tröstungsversuchen für Ferri, verschwand die wieder.

Natürlich kann’s dabei nicht bleiben, wissen wir ja seit den ersten Sätzen und Bildern von Antje Bohnstedt.

Schlauer Wal

Für die Wendung zum Guten sorgt der schlaue Wal, den die Autorinnen schlicht Wali nannten. Bei ihm schüttete Ferri sein Herz aus, auch mit der großen Frage in seinem Kopf: „die anderen Tiere mögen mich nicht mehr. Ich weiß eigentlich nicht warum.“

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Ferri – Mutig ist, wer Hilfe holt!“

Wali erklärte dem verzweifelten Fischlein, dass es nicht an Ferri, sondern an den anderen, den Mobbern liege, was da abgeht und „so wie du bist, so ist es gut“ und dass die, die zu anderen böse und grausam sind, sicher nicht stark seien. Und der Wal lud alle zum gemeinsamen Spiel ein, wobei er für den ersten in der Reihe derer, die Ferri geärgert hatten, die Rolle eines Außenseiters vorsah. Woraufhin Rocho das ziemlich blöd fand – aber auch kapierte, weil er es selber spürte, wie ungut solches Verhalten ist…

Pädagogische Doppelseite nach dem Ende

Womit es durch folgendes gemeinsames Spiel in die letzte Kurve ging, die den Kreis zum Happy End am Beginn des Buches „Ferri – Mutig ist, wer Hilfe holt!“ schließt. Wobei sich der Untertitel nicht aus der Geschichte erschließt, kam doch der Wal von selber angeschwommen, sondern eher aus der nach der Bilderbuchgeschichte angeschlossenen Doppelseite „Mobbing verstehen“ wo es unter anderem heißt: „Hilfe holen ist kein Petzen!“

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Verbeugung des "Törleß"-Ensembles - Bühnen-Aktuere und die Fachkräfte "hinter den Kulissen", samt Regisseur und TdJ-Direktor Thomas Birkmeir (3. von rechts)

„Törleß ist für mich kein Pubertätsroman (mehr)“

KiJuKU: du hast die Stückversion nach Robert Musils Roman vor rund 25 Jahren geschrieben und sie damals dann auch hier inszeniert. Was ist der wesentliche Unterschied deiner Herangehensweise von damals im Vergleich zu heute?
Thomas Birkmeir: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, wusste schon der englische Philosoph Thomas Hobbes. Dieses Thema wird immer wieder auf Bühnen dargestellt, aber es wird allzu leicht verdrängt. Die Gefahr ist, dass vieles weggewischt wird oder wie C.G. Jung (Schweizer Psychiater, Begründer der analytischen Psychologie, 187 – 1961, Anm. der Redaktion) sagt: Schau dir deine Schattenseiten an. So lange du nicht checkst, dass auch in dir eine Bestie steckt, bist du kein ganzer runder Mensch.

KiJuKU: Aber das gilt ja über alle Zeit hinweg…
Thomas Birkmeir: Ja, aber Törleß wird von vielen als Pubertäts- und Entwicklungsroman gesehen und ich weiß nicht, warum man Entwicklung mit Pubertät gleichsetzt, das ganze Leben ist eine Entwicklung – hoffentlich.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ vom Theater der Jugend (Wien): Ludwig Wendelin Weißenberger (Törleß)

KiJuKU: Wobei Törleß hier ja schon fast so endet, er wird dann zum angepassten, nützlichen Teil der Gesellschaft…
Thomas Birkmeir: Das haben wir bei Büchner (Georg, Schriftsteller, Mediziner, Revolutionär, 1813 – 1837) geklaut: Die drei werden zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft.
Und Verwirrungen – auch das beschränkt sich nicht auf Pubertät. Wenn du dir die heutige Weltlage anschaust, sind doch die allermeisten verwirrt, ich selber bin es auch. Stichworte Trump Venezuela und Grönland, Putin Ukraine, China und Taiwan. Das Zusammenbrechen jeglicher halbwegs erarbeiteter Ordnung. Da kommt das Gefühl auf, Europa ist fast noch die letzte Bastion der Vernunft und Demokratie. Auch da bin ich schon vorsichtig.

KiJuKU: War dies der Grund für die Auswahl dieses Musil-Romans für eine Bühnenversion gerade jetzt, in dieser Saison?
Thomas Birkmeir: Ja, wir haben diese Spielzeit ja unter das Motto Antifaschismus gestellt. Wir hatten „Der überaus starke Willibald“ (Stückbesprechung unten am Ende verlinkt), haben jetzt den Törleß, dann „König Gilgamesch“ (Mitte Februar bis Mitte März) und „Er ist wieder da“ im April. Und dann spielten auch die Vorwürfe gegen meine Person mit in einer Art Selbstjustiz wirst du an den Pranger gestellt. Da laufen noch meine Klagen.

KiJuKU: Zurück zur ersten Frage: Was war der wesentliche Unterschied im Herangehen an die Inszenierungen vor einem Vierteljahrhundert und heute?
Thomas Birkmeir: Damals hab ich das viel mehr als Pubertätsdrama gesehen. Jetzt ist es die Frage, wie kann man sich gegen solche Menschen, die wie die Ajatollahs im Iran für die der Beineberg mit seinem religiösen Wahn steht oder Machtmenschen wie der Reiting und die Indifferenz vom Törleß, der genauso gefährlich ist wie die Täter, wehren. Solche Typen werden ja sogar in demokratischen Systemen gewählt, was bei Trump für die Hälfte der US-Amerikaner:innen gilt.

Was ist dieses Gewaltsame – auch ein ähnliches kolonialistisches Herangehen, siehe Grönland?! Nicht wenige meinen ja, vieles davon erinnere an die Zeit vor dem 1. Weltkrieg. Und Musil hat seinen Roman ja nicht zuletzt geschrieben unter dem Eindruck dieser patriarchalen Gesellschaft, die später auch im Faschismus mündete. Wir haben als 16-Jährige in der Schule Klaus Theweleit „Männerphantasien“ gelesen, uns mit patriarchalem Verhalten auseinander gesetzt und wie solche Strukturen in den Faschismus geführt haben.

KiJuKU: Geht so etwas verloren?
Thomas Birkmeir: Du hast jetzt immer mehr das Gefühl, es gibt rundum kaum mehr Moralkodizes – und darum geht’s auch im Törleß-Stück. Es erzählen uns Lehrer:innen, dass Jugendliche sagen, warum soll ich mich moralisch verhalten, Herr Trump gebärdet sich unter anderem so, dass er eine Journalistin als Schwein beschimpft (Die Bloomberg-Reporterin Catherine Lucey hatte eine kritische Frage zu den Epstein-Akten gestellt und der US-Präsident sie mit „Quiet, piggy“ / „Sei still, Schweinchen“ angeherrscht).

KiJuKU: Noch eine Frage, die Musikauswahl für die jetzige Inszenierung war anders als vor 25 Jahren?
Thomas Birkmeir: Die war neu, das heißt deckungsgleich waren die Sones „Tears go by“.

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Zur Stückbesprechung – samt Detailinofs, wer, wo bis wann spielt im ersten Link unten.

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Szenenfoto aus "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" vom Theater der Jugend (Wien): Jakob Elsenwenger als Beineberg, Ludwig Wendelin Weißenberger als Törleß und Haris Ademović als Reiting

Zuschauen bei Mobbing, Gewalt und Machtspielen?

Heftig. Heftiger. Heftigst. Immer wieder musst du (wahrscheinlich) wegschauen, die Augen schließen, vielleicht sogar die Ohren zuhalten. (Fast) nicht auszuhalten. Auch wenn du natürlich weißt, das alles spielt ist nur auf der Bühne gespielt. Schläge, Gürtel-Peitschenhiebe treffen nicht, Blutergüsse sind geschminkt. Schmerzens-Schreie gut gestimmte Laute eines Profis.

Und dennoch, wer nicht gänzlich unter Empathie„befreiung“ leidet, kann so manche Szene dieser 1¾ Stunden im Theater im Zentrum (Wien) schwer ertragen, insbesondere die in gänzlicher Finsternis (Licht: Lukas Kaltenbäck). Bei der – am Ende vielumjubelten – Premiere der Neu-Inszenierung von Robert Musils Klassiker jugendlicher gewalttätiger Mobbing-Attacken „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ verließen einige Zuschauer:innen auch deswegen den Saal des kleineren Hauses des Theaters der Jugend in Wien.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ vom Theater der Jugend (Wien): Jakob Elsenwenger (Beineberg)

Konzentriert auf Prototypen

Vor 120 Jahren erschienen, wirkt der erste Roman des damals 26-jährigen Autors lediglich anhand des althergebrachten Begriffs Zögling alt. Die Bühnenversion von Thomas Birkmeir, die er schon vor einem ¼ Jahrhundert – vor seiner Übernahme der Direktion des Theaters der Jugend – geschrieben und inszeniert hat, konzentriert sich auf die vier Haupt-Charaktere in einem Internat. Basini der vielen Mitschülern Geld schuldet, wird bei einem Banknoten-Diebstahl ertappt. Beineberg, dem das Geld gehört und Reiting, dem er es schuldet(e), wollen ihn – entgegen dem Ratschlag von Törleß – nicht anzeigen. Viel ärger, sie schreiten zur Selbstjustiz, machen ihn zum Sklaven, demütigen, schlagen, missbrauchen ihn.

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Szenenfoto aus „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ vom Theater der Jugend (Wien): Haris Ademović (Reiting)

Adenoid Hynkel

Musil hat die drei unterschiedlich typologisiert: Reiting, der Möchtegern-Diktator genießt die Erniedrigung des Opfers und seinen autoritären Macht-Status. Beineberg fantasiert sich in ein Glaubens-Konstrukt, eine Art religiösen Fanatismus, aus dem heraus er zum Quäler wird. Und schließlich Törleß, dem Musil ja auch den Titel weiht, zeichnet sich durch Abgehobenheit, scheinbare Abgeklärtheit aus, er will nur beobachten, „studieren“, wie sich Basini fühlt, was in ihm vorgeht. Als dieser gegen Ende Törleß auf Knien anfleht, ihm zu helfen, kommt als Reaktion: „Ich werde dir nicht helfen. Ich hatte vielleicht eine Zeit lang ein Interesse an dir…“ und nach längerer Pause: „Nur eines noch: Wie ist dir jetzt zumute?“

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Szenenfoto aus „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ vom Theater der Jugend (Wien): Haris Ademović (Reiting) und Jakob Elsenwenger (Beineberg)

Die Inszenierung auf der schiefen Gitterrost-Ebene (Bühnenbild: Ulv Jakobsen) lebt einerseits vom starken Spiel des Quartetts: Robin Jentys als das Opfer Basini bringt dennoch immer wieder die Kraft auf, um sein (psychisches) Überleben zu kämpfen. Haris Ademović in der Rolle des Drahtziehers Reiting, lässt in wenigen Momenten mitschwingen, aus Angst vor eigener Schwäche zum Riesen-A…-loch zu werden – samt Spiel mit einem Weltkugelball und damit unverkennbar einer Anspielung auf Charlie Chaplins Film „Der große Diktator“ (1940) und seinen Anton Hynkel (original Adenoid Hynkel) als Satire auf eh schon wissen.

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Szenenfoto aus „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ vom Theater der Jugend (Wien): Ludwig Wendelin Weißenberger (Törleß), Robin Jentys (Basinii)

Beineberg-Darsteller Jakob Elsenwenger versucht in seinem Glaubenskonstrukt eine Rechtfertigung für sein Agieren zu finden, mit hin und wieder aufblitzenden Anflügen, es selbst vielleicht gar nicht so wirklich zu glauben, es aber so „verkaufen“ zu können. Und last but not least verkörpert Ludwig Wendelin Weißenberger den über den Dingen zu schwebend scheinenden Törleß, der aber die ärgste Gewalt gewähren lässt; kein dumpfer Mitläufer, sondern ein „schöngeistig“ Intellektueller, der zwischendurch immer wieder auch live dem Geigenspiel frönt.

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Szenenfoto aus „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ vom Theater der Jugend (Wien): Ludwig Wendelin Weißenberger (Törleß)

Stones und Faithfull

Apropos Musik, Regisseur Birkmeir baute mit vielen ohrwurmgängigen Hit-Schnipseln, darunter mehrmals „As Tears Go By“ – sowohl in der Version der Rolling Stones als auch der von Marianne Faithfull gesungenen des von Mick Jagger, Keith Richards auf Drängen des Band-Managesr Andrew Loog Oldham geschriebenen Songs – eine Art Brücke vom Originaltext zum zeitlosen Spiel um „Herr oder Knecht“ bzw. allgemeiner Herrschaft und Unterdrückung.

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Szenenfoto aus „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ vom Theater der Jugend (Wien): Ludwig Wendelin Weißenberger (Törleß)

Individuum + System

Denn schon Musil beschränkte die Gewalttätigkeit nicht auf das individuelle Verhalten seiner Protagonisten, sondern bettete sie – nicht zu plakativ, mitunter humorvoll – ins autoritäre System – beispielhaft des Internats – ein. Wenn Törleß an einem Konstrukt wie imaginäre Zahlen zweifelt, ihm Lehrer erklären, das seien „Denknotwendigkeiten“ und Beineberg kontert: „Einem vernünftigen Menschen vermögen sie ihre Geschichten nicht vorzuerzählen. Erst wenn er zehn Jahre in der Schule mürbe gemacht wurde, geht es…“

Diese Inszenierung setzt – fast – an den Schluss eine im Roman früher angesiedelte Passage, die (nicht nur) Törleß‘ weitere Entwicklung zeichnet: Als in der Mitte der Gesellschaft angekommener, angesehener Mann, der die „Verwirrungen“ seiner Jugend mitnichten bereute.

Und das trifft erst so richtig mitten ins Herz, samt fast schon Zwang zu fragen, wie steht’s da bei einem selbst!

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Szenenfoto aus „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ vom Theater der Jugend (Wien): Ludwig Wendelin Weißenberger (Törleß)

Törleß –> Ulrich?

Manche meinen ja, Törleß wäre „nur“ die jugendliche Version von Ulrich, dem Protagonisten in Robert Musils dreibändigem gut 1500 Seiten starken und wahrscheinlich noch bekannterem, wenngleich eher weniger gelesenem Monumental-Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“. Ist übrigens in einer sehr spannenden Inszenierung mit vier verschiedenen Schauspieler:innen in der Hauptrolle im Theater Arche (1060, Münzwardeingasse) zu erleben – in mehreren Spielblöcken jetzt im Jänner und dann im März 2026.

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Gespräch mit Regisseur Thomas Birkmeir hier unten

Theater Arche –> Der Mann ohne Eigenschaften

Szenenfoto aus "Die total verjüngte Oma oder Mister Bats Meisterstück", Volkstheater in den Bezirken

Zu viel vom Zaubertrank

So wie schon der zentral auf der Bühne stehende Tisch mit seinem alten gestickten Deckerl nur zweidimensional und bloß bedruckt ist, so werden im Laufe der gesamten rund 1¼ Stunden alle anderen Requisiten auch nur flach sein und magnetisch am Tisch oder wo auch immer erforderlich „picken“ – ob Schöpflöffel, Schultasche, Hefte, Rucksack, Tasche oder was auch immer.

Dreidimensional und live sind hingegen Schauspiel und Musik. Der Live-Musiker in einer Art Cockpit auf der Bühne sorgt auch für die Schlürf- und anderen Geräusche der Schauspieler:innen. Das Volkstheater tourt durch viele Wiener Bezirke mit einem Stück nach einem Buch von Christine Nöstlinger, dessen Titel für die Theaterversion umgedreht wurde. Aus „Mr. Bats Meisterstück oder Die total verjüngte Oma“ wurde „Die total verjüngte Oma oder Mister Bats Meisterstück“.

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Szenenfoto aus „Die total verjüngte Oma oder Mister Bats Meisterstück“, Volkstheater in den Bezirken

Verjüngung?

Die Story bleibt im Wesentlichen erhalten – mit einigen markanten Änderungen. Robi Seiferitz ist oft bei seiner Oma. Die leidet unter einem schmerzhaften Bein und kann daher nicht mehr so viel mit dem Enkel unternehmen. Der hat von Verjüngungen gehört. Aber neben Salben, Cremen, Tinkturen, Pillen und allem möglichen Zeug, das da so verkauft wird, gibt’s auch die magische Frau Arabella Bat, die aus einer klitzekleinen Tasche große Tafeln Schokolade hervorzaubert und die sogar – wenn wer solche nicht mag – in Wurst verwandeln kann. „Die alte Bat“ (Robi) – „hör mal, die ist drei Jahre jünger als ich“ (Oma)  hat noch einen Bruder, der gar über ein großes Versuchslabor verfügt und allerhand erfindet.

Vielleicht… gedacht, gesagt, getan. Robi und Oma, mit Vornamen Alice, machen sich auf den Weg zu diesem Mr. Bat. Der kann zwar über eine Art Telefonzellen-Aufzug genannt „Transmutation“ Leute durch „Dematerialisierung“ in andere Räume und Zeiten schicken, aber …?

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Szenenfoto aus „Die total verjüngte Oma oder Mister Bats Meisterstück“, Volkstheater in den Bezirken

Zu viiiiiel

Ach, da fällt ihm ein, irgendwo im Keller gibt’s doch eine Kiste mit Erfindungen der Isabella Raubatmeier, einer Urahnin einige Generationen zurück. Und tatsächlich – ein braunes Fläschchen mit Verjüngungstinktur taucht auf. „Aber nur ein Löffelchen bitte“, meint er beim Aushändigen. Was die Oma gar nicht beherzigt, sondern, weil’s nach Eierlikör riecht und schmeckt auf einen Sitz austrinkt.

Folge: Die Oma ist wie der Titel schon verspricht „total verjüngt“ – ein Kind, im Buch ungefähr fünf Jahre, im stück zehn.

Pfeif auf viele erwachsene Regeln

Und das gibt Anlass für ziemlich viel Spaß – in beiden Versionen. In der Buchversion führt sie sich im Kindergarten auf, im Stück in der Schule. Da lebt Christine Nöstlinger ihre schon von Beginn an bedingungslose Kritik an so vielen erwachsenen Vorschriften, die Kinder einengen, aus. Dieses Buch – vor mehr als einem halben Jahrhundert, 1971, veröffentlicht – und die jetzige theatrale Umsetzung (Regie: Fanny Brunner) stellt durchaus in Astrid Lindgrens Pippi-Langsgtrumpf’scher Manier Vorschriften in Frage, fordert (mehr) Freiräume für Kinder. Und in diesem Stück bzw. Buch hat Nöstlinger das auch schon zu Beginn der alten Oma ins Gemüt geschrieben. Robi ist so gerne bei der Großmutter, weil die so wenig von den Benimm-Regeln hält, die sie selbst schon nicht ausgehalten, aber dennoch ihrem Sohn, Robis Vater, lange eingetrichtert hat.

Szenenfoto aus

Schauspiel

Die Oma – sowohl als rund 70-jährige Frau als auch als Kind, dann eben auch körperlich befreiter – wird überzeugend von Claudia Sabitzer gespielt, ihren Enkel Robi – der gegen Ende checkt, Bat, ach Batman und Robin, verkörpert Sana Schmid. Was sich Robi nicht traut, für das angelt sich die Oma dessen Freund Tomi – dargestellt von Stine Kreutzmann, die auch Arabella Bat gibt. Vierter im Bunde der Schauspieler:innen ist Dennis Cubis, der sowohl den verschrobenen Erfinder Mr. Bat als auch die Generationen zurückliegende Tante (Rau-)Batmeier sowie die ganz unentspannte, auszuckende fast ein wenig zu klischeehafte Lehrerin Haslinger spielt.

Beatles bzw. The Mojos

Live auf der Bühne performt der Musiker Thomas Esser, nur der Song, dessen Titelzeilen aus dem Chor schon auf der Bühne stehen – „One Day Baby, we’ll be old“ wird eingespielt. Dieser Reckoning Song des israelischen Folk-Rock-Musikers Asaf Avidan und seiner Band The Mojos ersetzt Christine Nöstlingers Anspielung im Buch auf den Beatles-Song „When I’m Sixty-Four“ (1967, Album Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band).

Und noch wer hat immer wieder Kurz-Auftritte im Stück: Die beiden Kulissen- und Requisitenbringer und -wegräumer Georgios Taxifotis und Nicolaus Twerdy, die hier nicht unerwähnt bleiben sollen.

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Szenenfoto aus "Der fabelhafte Die", Linzer Landestheater in den Kammerspielen

Wer ist wer oder wir und warum vielleicht doch nicht ;)

Die ersten ausgelassenen Lacher erntet die jüngste Premiere für Kinder des Linzer Landestheaters in den Kammerspielen noch beim geschlossenen, edlen, samt wirkenden roten Vorhang. Aus dem Off ertönen Werbesprüche die eindeutig schon zum Stück gehören: „Dieses Ereignis wird Ihnen präsentiert von Matschis süßem Kribbel-Schleim… Kommt oben in die Öffnung rein!… Kann bei „übermäßigem Konsum“ zu unangenehmem Völlegefühl, Übelkeit und Magendruck ohne erlösendes Erbrechen führen… Weiterhin wird Ihnen dieses Ereignis präsentiert von Köttelspeiers Rülpskompott… Kaum gerochen, schon erbrochen!…“

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Szenenfoto aus „Der fabelhafte Die“, Linzer Landestheater in den Kammerspielen

Rülpsen und Furzen zieht allemal. Doch die Sprüche – wie der Großteil des gesamten einstündigen Stücks in Reimen – ertönen selbstironisch und spielen damit schon mit Schein und Sein. „Der fabelhafte Die“, verfasst vom deutschen Schauspieler, Regisseur und Erfolgsautor junger Stücke Sergej Gößner ist in einem zirkus-artigen Setting angesiedelt und jongliert mit Rollen, Identitäten und vielen Wechseln und Wandlungen. Ein, nein DAS Ur-Ding des Theaters an sich: In (andere) Rollen und Geschichten schlüpfen!

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der fabelhafte Die“, Linzer Landestheater in den Kammerspielen

Rollenwechsel

Zwei bunt gekleidete und geschminkte clowneske Figuren stürmen links und rechts neben den Sitzreihen die Tribüne hinunter zur Bühne, die dritte Figur schwebt in einem großen leuchtenden Ring aus dem Zirkushimmel hernieder (Bühne und Kostüme: Anne Horny). Die drei Figuren vom Stück und im Programmheft – auf der Bühne jedoch so nie aus- oder angesprochen – tragen jeweils nur einen Buchstaben als Rollennamen: W (Levi R. Kuhr), I (Jakob Schmölzer) und R (Alexandra Diana Nedel) – unschwer als ein Gemeinsames zu erkennen. Alle drei spielen jeweils mehrere Figuren:

W: DIE / eine der klassischen Zirkusfiguren als der stärkste Mann der Welt / einen Jungen namens Ben sowie Fisch Kim namens Barsch;
I: Ente Klaus, den alle nicht zuletzt aufgrund seines Kostüms für einen Schwan halten und Frau Zahn sowie Verein fürs Richtgsein
R: F. Meyer-Schmitt / das aufgeweckte Mädchen Ayla, ein Vetterlein und ebenfalls vom Verein fürs Richtgsein.

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Szenenfoto aus „Der fabelhafte Die“, Linzer Landestheater in den Kammerspielen

Stärkster Mann liebt Socken stopfen

So verwirrend das aufs Erste klingen mag, so lustvoll und spielfreudig wechseln die Figuren ihre Rollen, spielen Szenen, die immer wieder zum Lachen anregen. Aber auch zu mehr. Denn das Stück selbst (Regie in Linz: Swaantje Lena Kleff) bricht auch noch in sich mit vermeintlichen Rollenzuschreibungen: „Hinter all den Muskeln, tief in der behaarten Brust / schlug ein musisch talentiertes Herz“ beim stärksten Mann der Welt.

Seine Hobbies: Socken stopfen, Fashion und blonde Locken. Doch das muss er lange verbergen, tanzen doch die beiden anderen mit großen Maßbändern und Linealen an als Leute vom „Verein fürs Richtigsein“, um Normen zu vermessen.

Während Mädchen spätestens seit Pippi Langstrumpf stark sein dürfen, ist es für Buben und Männer noch immer – und in jüngster Zeit erst recht wieder erneut – schwierig, sich offen sanft und fürsorglich zu zeigen. Da hilft zunächst nicht einmal die Ermutigung, dass dem stärksten Mann der Welt doch egal sein könne, was die anderen sagen. Aber natürlich gibt’s in diesem Erzählstrang ein mutiges Outing und nichts da mit den einschränkenden Vorschriften. Und wird dennoch auch wieder relativiert: Alles inszeniert und einstudiert 😉

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der fabelhafte Die“, Linzer Landestheater in den Kammerspielen

Alles nur erfunden, oder?!

Der Stücktitel kommt gegen Ende direkt ins Spiel. Was ist mit Herrn F Punkt Meyer-Schmitt? „Vielleicht arbeiten die zwei inzwischen zu dritt… oder er als Schaufensterpuppe … und ganz vielleicht, man weiß ja nie, nennt er sich inzwischen Die. Und fabelhaft obendrein…“

Um gleich danach in weiteren Reimen wieder gebrochen zu werden: „Das kann nur erfunden sein. Bei aller Liebe zur Fantasie. Das ist Quatsch. Das macht er nie…“ Und gleich nochmals eine Wendung… – aber die wird jetzt hier nicht gespoilert.

Szenenfoto aus „Der fabelhafte Die“, Linzer Landestheater in den Kammerspielen

(Weiter-)Spinnen

Jedenfalls ein kurz(weilig)es Fest fantasievoller Wort-, Bilder- und Rollenspiele das dank des mitreißenden Schauspiels und der teils ohrwurmtauglichen Reime – samt Musikalität (Musik und Sounddesign: Ludwig Peter Müller) vielleicht noch zum „weiterspinnen“ animiert. Apropos Spinnen – die kommen – textlich – auch recht witzig vor: „I bzw. Ente Klaus: „Was mich an Spinnen stört / Ist, dass man sie schlichtweg nicht hört“ 😉

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Szenenfoto aus Speed (kills content) vom aktionstheater ensemble

Trotz – oder wegen? – Raserei kein Vorwärtskommen

„1, 2, 3, 4, vorwärts, Rückschritt…“ zum rasend schnellen, live gespielten, Rhythmus exerziert die erste Performerin, die die Bühne entert, gehetzte Tanzbewegungen. Und schon schwingt Doppeldeutigkeit mit. Werden hier nicht nur Moves gezählt und vorgegeben, sondern auch gleich ein Kommentar zur (gesellschafts-)politischen (Welt-)Lage?

„Speed (kills content)“ heißt die jüngste Produktion vom aktionstheater ensemble beim Wiener Gastspiel. Traditionsgemäß spielt die Gruppe die erste Serie der neuen Stücke in Vorarlberg, wo Mastermind – jeweils Konzept und Regie – Martin Gruber in Dornbirn lebt. Im Herbst war die Gruppe mit „All about me“ übrigens sogar am Off-Broadway in New York eingeladen – mit etlichen Triggerwarnungen für das dortige Publikum.

Szenenfoto aus Speed (kills content) vom aktionstheater ensemble
Szenenfoto aus Speed (kills content) vom aktionstheater ensemble

Mitten ins Herz

Die Aufführungen der Gruppe gehen immer von sehr persönlichen, nicht gerade ruhmvollen Situationen aus, die tief berühren. Dennoch bedienen sie nie Voyeurismus, weil die eine oder andere auch vielen im Publikum gleichermaßen bekannt sein dürften. Keine (Welt-)Erklärungen von oben oder außen, sondern aus dem tiefsten Inneren – (Bauch-)Gefühl + hirnige Reflexion miteinander unmittelbar verwoben – und dies symptomatisch für gesellschafts(-politische) Zustände und Entwicklungen.

Das gemeinsam Erarbeitete wird nicht selten auch zum szenischen Gegeneinander. Männer die Frauen erklären, dass sie depressiv oder sicher nicht glücklich seien. Körperliche und seelische Entblößungen inklusive. Aktionstheater-Performances vereinen Gefühl, Geist und (extrem) starke Körperlichkeit miteinander. Dieses Mal vom Tempo her noch heftiger, noch rasanter eben „Speed“ und der killt den Inhalt – scheinbar.

Szenenfoto aus Speed (kills content) vom aktionstheater ensemble
Szenenfoto aus Speed (kills content) vom aktionstheater ensemble

Teuerung

Letzterer manifestiert sich vor allem in Szenen, die den in den Mittelpunkt der meisten Menschen gerückten Kampf mit den Kosten des täglichen Lebens betreffen. Vom unmöglichen Auszug aus einer gemeinsamen Wohnung trotz Trennung, weil die Kosten für eine neue Unterkunft nicht leistbar sind bis zum fast entwürdigend erscheinenden Ringen um Rabattpunkte im Supermarkt.

Szenenfoto aus Speed (kills content) vom aktionstheater ensemble
Szenenfoto aus Speed (kills content) vom aktionstheater ensemble

Tränen

Oder die auf durchaus tiefstem, untergriffigen Niveau ausgetragene Schrei-Orgie zwischen Klientin und Arbeitsamts-Mitarbeiterin, bei der Isabella Jeschke beispielsweise echte Tränen aus den Augen schießen. Und die trotz der Heftigkeit ihrer Schimpfkanonade dem fiktiven Gegenüber von unbändiger Verzweiflung Zeugnis geben.

Szenenfoto aus Speed (kills content) vom aktionstheater ensemble
Szenenfoto aus Speed (kills content) vom aktionstheater ensemble

Rasanter Stillstand

Und schon im nächsten Moment wieder kraftvolle Tanzschritte von ihr und den fünf begeisternd mitreißenden Kolleg:innen Zeynep Alan, Thomas Kolle, Kirstin Schwab, Tamara Stern, Benjamin Vanyek auf sowie der drei musizierenden Kollegen Andreas Dauböck, Pete Simpson und Jean Philipp Oliver Viol am Rand der Bühne. Und trotz der rasenden Geschwindigkeit, der volle pulle Power kein Schritt weiter – das aktuelle Lebensgefühl. What the fuck ist auf dieser Welt los? Undenkbares wird Wirklichkeit, Unsagbares poppt in der Mitte vermeintlich aufgeklärter Gesellschaften auf, Teuerungen, Demokratie-Abbau, kaum Hoffnung und DAS große, die Menschheit insgesamt bedrohende Thema Klimakrise – rückt in den Hintergrund.

Überforderung im Großen, die sich im alltäglichen Leben im scheinbar Kleinen, niederschmetternd, niederdrückend auswirkt. Druck, Druck, Druck. Angst. Angst. Angst.
Angst auch vor Stillstand und gar Rückschritt. Hilft da Tempo, Tempo, Tempo? Oder killt die ziel- und planlose Geschwindigkeit eben die Inhalte?

Immerhin aber sind viele der rasanten Gruppenpassagen des gesamten Ensembles Momente der gemeinsamen Bewegung – immer auch synchron zur Live-Musik – ein Hoffnungsbild das wenngleich kraftvoll laut aber doch subtil ins Publikum schwappt.

Szenenfoto aus Speed (kills content) vom aktionstheater ensemble
Szenenfoto aus Speed (kills content) vom aktionstheater ensemble

Diffuse Doppelgänger:innen

Von Beginn an tauchen die live auf der Bühne Performenden auch noch in projizierten Bewegtbildern auf durchscheinenden Wänden im Hintergrund auf. Für diese Videos hat die Künstlerin Resa Lut die Darsteller:innen schon im Vorfeld gefilmt, die Videos verfremdet, diffus gemacht, solarisiert – anfangs erscheinen diese schemenhaft, gegen Ende immer klarer, naturlaistischer.

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Szenenfoto aus "Extrablatt! Extrablatt" vom Theater zum Fürchten / Theater Scala

Alte aber leider noch immer gültige gute Satire auf (Boulevard-)Medien und so manche Deals

Ausstattung und Kostüme (Raum: Marcus Ganser, Kostüme: Anna Pollack) versetzen Spiel und Publikum in die Mitte des vorigen Jahrhunderts: schwarze, schwere Telefonapparate mit Wählscheiben, Gabel und knochenartigen Hörern stehen auf dem großen langen Tisch im Presseraum des Chicagoer Gerichtsgebäudes. Journalist:innen der lokalen und überregionalen Zeitungen berichten über einen zum Tod verurteilten Kriminellen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Extrablatt! Extrablatt“ vom Theater zum Fürchten / Theater Scala

Doch was und wie immer wieder auch humorvoll, (selbst-)ironisch gespielt wird – mit Ausnahme der Muße, die diese Reporter:innen haben und die Zeit mit Kartenspiel vertreiben, was heute wo es auch um darum geht, wer stellt’s als erstes online -, wirkt so gar nicht alt: Konkurrenz um die beste Schlagzeile, einige der Medien, die sich in Übertreibungen überbieten, korrupte Deals zwischen Medienleuten und dem Sheriff sowie dem Bürgermeister. Heftige ideologische Schlagseite mit dem mehrfach zitierten Slogan „nur ein toter Roter ist ein guter Roter“ samt angeblich überall lauernder Kommunisten. Ein Gouverneur, der angeblich nicht erreicht werden kann, weil er fischen ist. Jobangebote vom Bürgermeister an einen Polizisten, um das vom Gouverneur doch unterschriebene Gnadengesuch des Verurteilten nicht in Empfang nehmen zu müssen…

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Szenenfoto aus „Extrablatt! Extrablatt“ vom Theater zum Fürchten / Theater Scala

Fast zeitlos

Turbulent, intrigant und – leider – fast zeitlos, wenngleich vom Impresario des Theaters zum Fürchten, Bruno Max, in eine aktuelle Bühnenfassung gegossen, läuft „Extrablatt! Extrablatt!“ frei nach „The Frontpage“ (auch mehrfach verfilmt) von Ben Hecht und Charles MacArthur derzeit im Wiener Theater Scala, nachdem es schon im Dezember im Mödlinger Stadttheater gespielt wurde. Unter anderem hat Max, der auch Regie führte, wenigstens eine Journalistin unter die männlichen Kollegen gesetzt.

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Szenenfoto aus „Extrablatt! Extrablatt“ vom Theater zum Fürchten / Theater Scala

Plot

Die Story: Die Reporter:innen warten auf die Hinrichtung des Kommunisten Earl Williams (Felix Frank), der einen schwarzen Polizisten erschossen haben soll. Der Bürgermeister (Anselm Lipgens) will ihn noch vor seiner Neuwahl hängen sehen, um Law- and Order-Fans und die Stimmen der Schwarzen zu bekommen. Aber Williams kann beim abschließenden Gespräch mit dem aus Österreich aus der Freud’schen Schule stammenden Psychologen aus dem Büro des Sheriffs flüchten; vor allem, weil ihm Sheriff Hartman (Robert Notsch) mit dümmlich Trump’schen Zügen seinen eigenen Revolver leiht, um die (angebliche) Tat nachzustellen.

Verfolgungsjagd mit vielen Pannen und „Kollateralschäden“. Und die Reporter:innen auf der Jagd nach der besten Story: Bensinger von der „Tribune“ (Hermann J. Kogler), Murphy vom „Chicago Journal“ (Christian Kainradl), Frau Schwartz von der „Daily News“ (Ildiko Babos), Endicott von der „Post“ (Christopher Korkisch), McCue von der „City Press“ (Leopold Selinger), Wilson vom „American“ (Christoph Prückner).

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Szenenfoto aus „Extrablatt! Extrablatt“ vom Theater zum Fürchten / Theater Scala

Ausstieg – Einstieg

DER Starreporter Hildy Johnson (Paul Barna) hat sich kurz davor eigentlich aus dem Spiel genommen und seinem Chef, dem Herausgeber des „Examiner“, Walter Burns (Alexander Rossi) eröffnet, dass er aussteigt, um seine Verlobte Peggy Grant (Chiara Larson) zu heiraten und ins Werbe-Business seiner Schwiegerfamilie einzusteigen – gemütlicher und lukrativer.

Doch dann – während seine Kolleg:innen im Gerichtsgebäude nach dem Flüchtigen suchen, klettert der Todeskandidat beim offenen Fenster in den Presseraum. DIE Exklusivstory. Da lässt Hildy die Braut im Taxi mit den Koffern warten und …

Jede Menge Verwicklungen, Ungewöhnliches Versteck für den Todeskandidaten, dessen einzige Fürsprecherin, Mollie Maloy (Stephanie-Christin Schneider) aus dem Puff taucht auf. Earl Williams und sie sind die einzigen die einander auf Augenhöhe begegnen, alle anderen blicken auf sie herunter.

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Szenenfoto aus „Extrablatt! Extrablatt“ vom Theater zum Fürchten / Theater Scala

Dealmaker

Mehr sei über die Handlungsstränge nicht verraten. Neben spannenden Wendungen lebt es mit nicht wenigen Anspielungen auf kleine und größere Deals zwischen Polizei, Politik und Medien(leuten), die leider keine historisch überwundenen sind, wenngleich vielleicht als Gegenpol wenigstens ein Qualitätsmedium mit Bemühen um Wahrheit abgeht. Für eine doch eher kleine Bühne agiert hier ein relativ großes Ensemble von 16 Schauspieler:innen – mit einer reifen Ensembleleistung, unterschiedlichen Journalist:innen-Typen, aber auch sogenannte Nebenfiguren wie etwa Ulrike Hübl als irgendwie schräge Putzfrau Jenny bringt einen eigenen Schwung mit ihren Auftritten in den Presseraum des Gerichtsgebäudes und deutet immer wieder an, dass sie viel mehr Durchblick hat als ihr alle anderen zutrauen.

kijuku_heinz

Starke Kinder werben um (ihre) Elementarpädagog:innen

Neugierige Kinder werben um Pädagog:innen

Neu- und wissbegierige, aufgeweckte, fröhliche (sehr) junge Kinder blicken direkt in die Kamera, zeigen auf dich und dich und dich. Oder zumindest, jene, die sich von den Sprüchen „du bist elementar für… mein Selbstvertrauen / meine Neugier / meine Autonomie / meine Entwicklung“ jeweils mit einem Rufzeichen, gemeint fühlen (könnten).

Werbung für neue Pädagog:innen und generell für diese Berufe

Mit diesen wortspielerischen inhaltlich zentralen Aussagen startet das Bildungsministerium seine – heuer einzige große – Werbekampagne. Diese soll, zunächst vor allem online und via social Media vorläufig bis April Tausende Maturant:innen oder / und Berufs-Umsteiger:innen ansprechen, sich für die Ausbildung zur Elementarpädagogin oder zum Elementarpädagogen zu interessieren. Um dann idealerweise einen der unterschiedlichen Ausbildungswege zu beschreiten und den anspruchsvollen, wertvollen Beruf zu ergreifen.

Die am Freitag von Bildungsminister Christoph Wiederkehr vorgestellte Werbeoffensive will und soll aber gleichzeitig generell das Image dieser Berufsgruppe und ihrer für die Entwicklung von Kindern im kognitiven und sozialen Bereich wichtigen Grundlagenbildung fördern. Noch immer wird Elementarbildung ja vielfach eher als Kinderbetreuung gesehen und auch so behandelt – bis hin zu veralteten Begriffen (Stichwort „Tanten“).

Nicht zufällig heißt’s auch im Englischen kindergarten

Erste Stufe, Phase, Grundbaustein der Bildung (junger und jüngster) Menschen – das ist der Kindergarten, der nicht zufällig im Englischen übrigens genau so heißt, manchmal fälschlicherweise auch mit einem d statt t als kindergarden geschrieben. Grund: Er ist eine Erfindung des deutschen Pädagogen Friedrich Wilhelm August Fröbel (1782 – 1852), von Mitchel Resnick, Miterfinder des spielerischen Programmierlernspiels Scratch, vom berühmten MIT (Massachusetts Institute of Technology) immer wieder als die wichtigste Erfindung der vergangenen 500 Jahre genannt: Professionelle, außerhäusliche, ergänzende Früherziehung.

388.000 Kinder, 71.000 Beschäftige, 20.000 Fachkräfte bis 2030 gebraucht

„Bundesweit sind mehr als 388.000 Kinder in institutionellen Kinderbildungs- und -betreuungseinrichtungen. Insgesamt arbeiten mehr als 71.000 Personen in institutionellen Kinderbildungs- und -betreuungseinrichtungen“, sind aktuelle Zahlen auf der mit Beginn der Kampagne eingerichteten Homepage (Link am Ende des Beitrages).

„Jährlich werden rund 1.800 Stellen aufgrund von Pensionierungen, Umzügen, Karenz oder anderen Gründen frei. Wird eine Verbesserung der Strukturqualität in Form des Fachkraft-Kind-Schlüssels angestrebt, so werden laut einer Studie bis zum Jahr 2030 voraussichtlich rund 20.200 Elementarpädagoginnen/ Elementarpädagogen gebraucht“, heißt es dort weiter.

Bildungsminister Christoph Wiederkehr und die Plakate der neuen Image-Kampagne zum Werben um künftige Elementarpädagog:innen mit dem Fotografen Konstantin Reyer, die diese Kinderfotos gemacht hat
Bildungsminister Christoph Wiederkehr und die Plakate der neuen Image-Kampagne zum Werben um künftige Elementarpädagog:innen mit dem Fotografen Konstantin Reyer, die diese Kinderfotos gemacht hat

Ausbildungsoffensive

Wiederkehr wies auf die Ausbildungsoffensive hin, für die – trotz Sparkurses – 32 Millionen für 4000 neue Ausbildungsplätze zur Verfügung stehen. Neben der vielleicht am bekanntesten Ausbildung in BAfEP (Bildungsanstalt für Elementarpädagogik) sowohl als BHS (berufsbildende höhere Schule) als auch als Kolleg gibt es die Fachschulen für Assistenzberufe, Studien an PH (pädagogischen Hochschulen) sowie FH (Fachhochschulen) und Universitäten, aber auch einen Hochschullehrgang zum Quereinstieg. Neu ab Herbst 2026 wird es flächendeckendberufsbegleitende BAfEP-Kollegs (Zielgruppe20- bis 45-Jährige) geben, neue Bachelor-Studien Elementarpädagogik an einigen PH. Alle Möglichkeiten sind übersichtlich auf der neuen, bunten Homepage – mit den vier Sujets der aufgeweckten Kinder mit der Pose „Wanted“ aufgelistet.

Die – auf KiJuKU-Nachfrage 360.000 €-Kampagne soll helfen, den eklatanten Fachkräftemangel zu verringern. Allerdings hapert es – so Expert:innen aus dem Berufsfeld – an den Arbeitsbedingungen, „um fertig ausgebildete Elementarpädagog:innen auch im Berufsfeld zu behalten.“ Wobei die Bezahlung, die in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich erhöht wurde, aber noch immer nicht auf dem Niveau von Volksschullehrer:innen liegt, wie gefordert, „nicht das Hauptproblem ist. In erster Linie ist es das Fehlen von interdisziplinären Teams, vor allem Psycholog:innen, die bei Inklusion wichtig wären, und es ist noch immer die zu große Anzahl von Kindern pro Gruppe“, so heißt es vom NeBÖ (Netzwerk elementarer Bildung in Österreich).

Bei den Kleinstkindern in Krippen liegt die Spannbreite der Gruppen zwischen 8 und 15 je nach Bundesländern und in den Kindergartengruppen zwischen 20 und 25. Die Forderung der Berufsgruppe lautet seit Längerem pro Jahr um je ein Kind weniger pro Gruppe, für Kindergartengruppen sei – auch wissenschaftlich untermauert – ein Verhältnis von sieben Kindern pro Pädagog:in sinnvoll und wünschenswert.

Auf diese Forderungen angesprochen unterstützte der Bildungsminister sie grundsäzlich, vieles sei eine Frage der Verhandlungen zwischen Bund, Ländern, Gemeinden und Trägerorganisationen. Generell hoffe er, dass im Zuge der Debatten um die Reformpartnerschaft Bund / Länder jedenfalls der aktuellen „Fleckerlteppich“ ein Ende finde und es „endlich gesamtösterreichische Qualitätsstandards“ geben werde.

Plakat zu einer zentralen Wiener Veranstaltung zum Tag der Elementarbildung 2026
Plakat zu einer zentralen Wiener Veranstaltung zum Tag der Elementarbildung 2026

Tag der Elementarbildung

Die oben schon mehrfach erwähnte Image-Kampagne, um Tausende neue Bewerber:innen für Ausbildungen in diesem Berufszweig zu finden, startet somit rund zwei Wochen vor dem Tag der Elementarbildung, der heuer zum neunten Mal am 24. Jänner stattfindet. Dieser geht auf die Initiative Raphaela Kellers zurück, die mit der Gründung des „Österreichischen Berufsverbandes der Kindergarten- und Hortpädagog_innen“ (ÖDKH) am 24. Jänner 2018 diesen Aktionstag ins Leben gerufen hat. Mit dem vierten TdEB (2021) ist der ÖDKH im Netzwerk elementare Bildung Österreich NEBÖ aufgegangen. Verschiedene Veranstaltungen in etlichen Bundesländern werden laufend auf der Homepage von NeBOe veröffentlicht – link ebenfalls am Ende des Beitrages. In Wien wird es einige Tage davor (21. Jänner) neben einem Impulsvortrag samt Diskussion zu „Harmonie in Diversität – Praxisimpulse für eine kultursensible Bildungskooperation“ die Präsentation von Umfrageergebnisse zum Tag der Elementarbildung geben.

kijuku_heinz

neboe.at/tdeb

elementarwichtig.at

Biologin Hanitra Rakotonirina, Checker Tobi und ein Chamäleon, eine Art, die es nur in Madagaskar gibt

Vom Superhelden und seiner Superkraft Kacke und anderen „erdigen“ Faszinationen

„Wer hinterlässt die mächtigsten Spuren im Erdreich? Es ist …“ und dann folgt nur mehr ein Bildrauschen auf der uralten Videokassette. Das ist eine der ersten Szenen im neuen, dem dritten Checker-Tobi-Kinofilm: „Checker Tobi 3 – Die heimliche Herrscherin der Erde“.

Die alte Videokamera fällt Freundin Marina (Marina Blanke) beim gemeinsamen Kramen in Tobis alten Sachen in die Hände. Die hier zu Beginn und auch fast am Anfang des Films gestellte Frage kommt vom – erfundenen – achtjährigen Tobi. Den spielt Theodor Lotta. Für den achtjährigen ist das eine Premiere. Und er taucht in der auf alt gemachten, natürlich neu gedrehten, Szene auf, macht mit seiner Freundin Marina (die junge Marina wird von Lilou Jyoti Weerts dargestellt) selber „Tobi TV“ und spielt schon den Checker, der alles ergründen will. In diesen „alten“ Szenen hat es ihm die Erde „unter unseren Füßen“ – und zwar die natürlich, nicht die betonierte oder asphaltierte – angetan. Er schlüpft in ein „selbstgebasteltes“ Regenwurmkostüm und erklärt: Er ist ein Superheld und seine Superkraft ist die Kacke“ (also die des Regenwurms!), weil die für die fruchtbarste Erde sorgt.

Gar kein Checker mehr?

Und dennoch ist das nicht die Antwort auf die Frage am Anfang. Dem rund 30 Jahre älteren Tobi (Tobias Krell) aber fällt die Antwort seines (angeblichen) eigenen achtjährigen Ichs nicht und nicht ein. Da spielt der junge Kollege auf sehr enttäuscht, dass aus dem wissbegierigen Checker-Buben ein langweiliger Erwachsener geworden ist.

Bleibt natürlich nicht so. Angestachelt durch diesen Trick macht er sich – nach Wasser im ersten und Luft im zweiten nun im dritten Kinofilm auf in verschiedenste Gegenden der Welt, um nach spannenden Geschichten rund um Erde zu suchen und sie ins Bild zu rücken (Buch und Regie: Antonia Simm).

Auf Klettertour in den messerscharfen Felsen von Tsingy in Madagaskar
Auf Klettertour in den messerscharfen Felsen von Tsingy in Madagaskar

Madagaskar und Arktis

Mit der in Madagaskar aufgewachsenen, in Deutschland studierten und arbeitenden Biologin Dr. Hanitra Markolf Rakotonirina reist er in deren ersten Heimat, zu Tieren, die es nur dort und sonst nirgends auf der Welt gibt. Aber auch zu einem von ihr mitgegründeten und immer wieder besuchten und betriebenen Umweltprojekt „Chances for Nature“ und einer Baumschule für junge Baobabs, von denen er ausgewachsene 800 und 1000 Jahre alte live erlebt. Und er nimmt eine Kiste solcher Samen mit, um sie in Spitzbergen fast am Nordpol mit dem dort lebenden und arbeitenden deutschen Geologen Malte Jochen in den weltweiten Saatguttresor in einem natürlichen Tiefkühlstollen zu bringen.

Mexiko

Aber weder Regenwurm, noch Madagaskar, noch die 60 Millionen Jahre alten Bäume, die zu Steinkohle geworden sind, bringen den „alten“ Checker Tobi näher an die Antwort auf die Frage des eigenen kindlichen Ichs. Und so reist er weiter nach Mexiko. Die Anthropologie-Studentin aus Österreich Samara Sánchez-Pöll, die in ihrer ersten Heimat bei den Maya in einem sozialen Landwirtschaftsprojekt nach uralten Rezepten kocht, bringt ihn zu einem faszinierenden traditionellen Anbaufeld, wo Mais, Bohnen und Kürbis gemeinsam wachsen, weil die Indigenen wussten, dass alle drei Früchte davon profitieren.

Toabias Krell bei Nachfahren der alten Maya in Mexiko
Toabias Krell bei Nachfahren der alten Maya in Mexiko

Ausgrabungen

Aber auch das bringt ihn noch nicht nur gesuchten Antwort, ebenso wenig wie die Hilfe beim Archäologen Nicolaus Seefeld – auch wenn sie dabei auf einen Mais-Mahlstein bei einer Ausgrabung stoßen. Beim Aufstieg auf eine der Maya-Pyramiden von Calakmul philosophiert Checker Tobi schließlich, ob es nicht überhaupt egal sei, die oder eine Antwort zu finden, sondern viel wichtiger ständig Fragen zu stellen und nach deren Antworten zu suchen. Und findet letztlich doch eine Antwort – die aber hier sicher nicht gespoilert werden soll.

Feuer als Teil 4

Was aber schon verraten werden darf, weil es Marina Blanke im Interview für das Medienheft zum Film schon verraten hat: „Tatsächlich sammeln wir auch gerade schon fleißig Ideen, wie ein Film über das Feuer entstehen könnte. Wie die anderen drei, ist auch das Feuer ein spannendes Element, über das man viel erzählen und herausfinden kann. Feuer hängt untrennbar mit den anderen Elementen zusammen, es braucht Luft um zu brennen, Material, das es verzehren kann und Wasser, das es löscht… da lässt sich doch eine spannende Geschichte mit vielen Gesichtern des Feuers draus machen, oder? Ich freue mich besonders darüber, dass wir diesen Film als allerersten Checkerin-Marina-Kinofilm planen. Mal sehen, was sich da so checken lässt!“

Im mexikanischen Dschungel vor einer Maya-Pyramide
Im mexikanischen Dschungel vor einer Maya-Pyramide

„Total lustig und spannend“

Denn beim Erde-Film spielt Marina nur echt eine kleine Nebenrolle und damit auch ihr kindliches Ebenbild, die zehnjährige Lilou Jyoti Weerts, während ihr junger Kollege Theodor Latta immer wieder im Film auftaucht – für alle anderen außer Tobi in den Szenen aber nicht zu sehen. Die Dreharbeiten fand er – laut Medienheft der Filmfirma – „total lustig und spannend am Set. Die Crew war supernett und wir haben viel gelacht. Mit Tobi hab ich mich auch super verstanden. Wir hatten auch vor jedem Dreh ein kleines Ritual. Und ich hatte einen Schauspiel-Coach, Joe, er war beim Dreh immer dabei und hat mir sehr geholfen, in meine Rolle vom kleinen Tobi zu schlüpfen. Mit ihm war’s auch immer lustig.“ Am Coolsten fand er: „Die Reise nach Mexiko war natürlich mega aufregend und ich habe viel erlebt und gesehen. So weit bin ich noch nie geflogen!“

Autorin und Regisseurin

„Die Erde ist ein wahres Wunderwerk, über das sich unzählige Geschichten erzählen lassen“, wird Drehbuchautorin und Regisseurin Antonia Simm im Presseheft des Filmverleihs zitiert und weist auf die bekannte, nicht selten aber zu wenig präsente Erkenntnis hin, dass „in einer einzigen Handvoll Erde mehr Lebewesen“ existieren, „als es Menschen auf der Welt gibt!“
„In dieser Geschichte war es mir besonders wichtig, den Kindern eine Stimme zu geben – sind sie doch die wahren Expertinnen, wenn es um Erde geht: Sie erleben sie hautnah, mit allen Sinnen. Kinder zu bestärken, selbst etwas in die Hand zu nehmen, war mir schon immer ein großes Anliegen. Mit diesem Film möchte ich außerdem zeigen, dass in uns allen ein kleiner Tobi steckt. Ich wünsche mir, dass unsere Kinobesucherinnen – ob groß oder klein – Lust bekommen, die Ärmel hochzukrempeln, die Welt um sich herum neugierig zu entdecken und so die Zukunft aktiv mitzugestalten.“

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Plakat zum Kinofilm
Filmplakt zum dritten Checker-Tobi-Kinofilm
Doppelseite aus "Robotti, wir haben ein Problem!"

Lotti bastelt einen Karton-Robotti

Pendeln zwischen digitaler und analoger Welt – was (fast) allgegenwärtig geworden ist, machen die Autorinnen und die Illustratorin zum Inhalt des Bilderbuchs „Robotti, wir haben ein Problem!“, Untertitel: „Lotti und Robotti auf Entdeckungsreise durch die digitale Welt“.

Lotti, ein junges Mädchen, ist die Hauptfigur der Geschichte. Sie liebt Filme, in denen Roboter zentrale Rollen spielen. Pädagogisch eingebettet, schaut sie diese mit ihren Eltern und ihrem älteren Bruder Konrad. Inspiriert von diesen Videos will sie selber einen Roboter bauen – der muss nicht elektronisch sein und nicht wirklich funktionieren. Das haben sich die Autorinnen Sarah Hofmann und Miriam Prätsch, die in ihrem Hauptberuf Psychologinnen und Psychotherapeutinnen sind, so ausgedacht und Jasmin Hirtl in plastischen, bunten Bildern dargestellt. Am Ende findest du – via QR-Code – unter anderem zu einer Bastelanleitung eines solchen Karton-Gefährten samt alter Computertastatur und altem Handy.

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Robotti, wir haben ein Problem!“

Wenigstens hören UND sehen

Papas – echtes – Handy verschafft Lotti aber auch einen Video-Kontakt zur Mutter, die nach einer heftigen Fußverletzung bei einem Wanderausflug in die Berge mit Tante Karo im Krankenhaus liegt. Seite für Seite entdeckst du mit Lotti so manches, was Handys, Computer, Internet, Suchmaschinen und Apps können, gut und nützlich ist, so du es nicht ohnehin schon kennst.

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Robotti, wir haben ein Problem!“

Lieber in den Himmel schauen 😉

Als Lotti und Papa auf dem Weg zum Einkaufen in heftigen Regen geraten, obwohl die Wetter-App meinte, es werde trocken bleiben. „Da hätte ich wohl besser mal in den Himmel geschaut und nicht ins Handy“, lassen die Autorinnen den Vater einbekennen.

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Robotti, wir haben ein Problem!“

Online-Rezept trotz Backbüchern?

Warum der Vater übrigens ein Rezept für Lottis Geburtstagskuchen online sucht, wenn die Tochter mit aufgeschlagenem Backbuch auf dem Küchenboden sitzt und vor sich noch weitere Bücher mit Rezepten liegen hat, bleibt ein ungelöstes Rätsel!

Hin und wieder findest du eigens gekennzeichnete Text-Kasterln mit Fragen an dich und deine digitalen Erfahrungen. Einige Begriffe im Buch wie Roboter oder Künstliche Intelligenz sind blau gedruckt – dazu findest du nach der Bilderbuchgeschichte über Lotti und die natürlich rechtzeitig zu ihrem Geburtstag aus dem Krankenhaus wieder zurückgekommene Mutter zwei Erklärseiten.  

Und daran schließen sich 16 Seiten an, mit denen die Autorinnen in einem pädagogischen Begleitmaterial sich an Erwachsene richten, um ihnen Fakten und Gedanken im Umgang mit digitaler Welt und Kindern zu vermitteln.

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Nicht tagesaktuell, aber ein Foto einer Kinderbetreuung in Barquisimeto von ProjektPartner:innen von Jugend Eine Welt

Venezuela: Nahrungsmittelpakete als erste Hilfe

„Die Lage in Venezuela ist ruhig, aber angespannt. Vor allem in der Hauptstadt Caracas patrouillieren die sogenannten Colectivos, dem Maduro-Regime zurechenbare paramilitärische Gruppen. Die Bevölkerung ist verunsichert, pendelt emotional zwischen Hoffnung auf eine bessere Zukunft und Angst, was nach der Verhaftung von Maduro folgen könnte.“ Das berichtet Wolfgang Wedan, Globaler Nothilfe-Koordinator der österreichischen Entwicklungsorganisation Jugend Eine Welt, nach Gesprächen mit den Projektpartner:innen vor Ort.

Ab 2021 koordinierte der Steirer von Caracas aus die weltweiten Nothilfe-Aktivitäten von Jugend Eine Welt, seit drei Monaten befindet sich Wedan allerdings wieder aus Sicherheitsgründen, da sich die Lage für ausländische Staatsbürger:innen in Venezuela konstant zuspitzte, in seiner Heimat Österreich. „Ich bin im täglichen Austausch mit unseren Projektpartnern vor Ort in Venezuela – vornehmlich mit den Salesianern Don Boscos und den Don Bosco Schwestern. Gemeinsam ermitteln wir zur Stunde die wichtigsten Punkte für eine schnelles Nothilfe-Programm für die Bevölkerung vor Ort. Als ersten Schritt sammelt Jugend Eine Welt Spenden, um den Ärmsten der Armen Nahrungsmittelpakete zur Verfügung zu stellen. Denn viele Geschäfte sind aufgrund von Hamsterkäufen mittlerweile leergeräumt bzw. geschlossen“, erzählt Wedan.

Wolfgang Wedan, Globaler Nothilfe-Koordinator der österreichischen Entwicklungsorganisation Jugend Eine Welt, bei der Verteilung von Nahrungsmittelpaketen in Venezuela im Sommer 2025.
Wolfgang Wedan, Globaler Nothilfe-Koordinator der österreichischen Entwicklungsorganisation Jugend Eine Welt, bei der Verteilung von Nahrungsmittelpaketen in Venezuela im Sommer 2025.

„Dazu gehen im ganzen Land Benzin und Diesel aus. LKW können nicht mehr fahren, die Geschäfte somit auch nicht mehr versorgt werden. Besonders schlimm ist die Lage in den ländlichen Gebieten, wo Menschen mittlerweile kein Essen mehr haben und Hunger leiden müssen.“ Zusätzlich werden auch Medikamente für ältere Personen, die von der zusammengebrochenen logistischen Versorgung im ganzen Land betroffen sind, dringend benötigt.

Notschlafstellen für Kinder

Die unsichere Lage in Venezuela bedingt laut den Einschätzungen von Wedan nach Gespächen mit Helfer:innen vor Ort allerdings auch die Wahrscheinlichkeit eines einsetzenden Flüchtlingsstromes Richtung Kolumbien in den nächsten Wochen. „Ich gehe davon aus, dass sich sehr viele Venezolanerinnen und Venezolaner nach Westen, zur kolumbianischen Grenze aufmachen werden. Erfahrungsgemäß bringen sie ihre Kinder in der Zwischenzeit bei Verwandten unter. Meist sind es Onkeln, Tanten oder Großeltern. Diese sind jedoch zunehmend mit der Situation überfordert. Schlussendlich landen die Kinder dann oft auf der Straße “, schildert der Venezuela- Experte. Neben der Planung von Nothilfe-Maßnahmen gilt das Augenmerk aktuell daher auch der Reaktivierung von Notschlafstellen für Kinder. „Damit sie zumindest in der Nacht einen sicheren Platz in einer kindergerechten Umgebung haben. Wir wissen aus unserer langjährigen Erfahrung in der Arbeit mit Straßenkindern, dass das Leben auf der Straße ein täglicher Überlebenskampf ist, oft endet er in der Kinder- Prostitution“, so Wedan.

Nicht tagesaktuell, aber ein Foto einer Ausbildungseinrichtung für Schweißtechnik, ebenfalls projektparter von Jugend Eine Welt
Nicht tagesaktuell, aber ein Foto einer Ausbildungseinrichtung für Schweißtechnik, ebenfalls projektparter von Jugend Eine Welt

Schnelle Hilfe nötig

„Schätzungen zufolge sind in den vergangenen zehn Jahren knapp acht Millionen Venezolanerinnen und Venezolaner aus ihrem Heimatland geflohen und abgewandert. Schon vor dem Angriff durch die USA bestanden in Venezuela vier große Probleme: Nahrungsmittelknappheit, fehlende Gesundheitsversorgung, eingeschränkte Transportmöglichkeiten und regelmäßige Stromausfälle. Die aktuellen Vorgänge verschärfen die ohnehin prekäre Lage jetzt zusätzlich. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit vor Ort und helfen Sie der notleidenden Bevölkerung mit Ihrer Spende!“, appelliert Jugend Eine Welt-Geschäftsführer Reinhard Heiserer.

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jugendeinewelt –> venezuela-hilfe-dringend-noetig

Doppelseite aus "Der Tag, an dem sich die Musik veränderte - wie ich als Kind vor dem Nazi-Regime fliehen musste"

Erster Schultag: Beschimpft und ausgeschlossen

Eines Tages in Österreich, als ich 4 Jahre alt war, ging ich mit meinem Vater spazieren. Mein Vater war eine besondere Art von Anwalt- er verteidigte Leute, die in Schwierigkeiten waren, aber es sich nicht leisten konnten, viel zu bezahlen. Es war 1933, Hitler war gerade der „Führer“ von Deutschland geworden. Wir waren gerade auf dem Heimweg, als ein Mann, der meinem Vater Geld schuldete, uns anhielt und schrie: „Einen Drecksjuden bezahle ich nicht!“, und dann spuckt der meinen Vater an und lief davon.

So beschreibt Hedi Schnabl Argent, die heuer 97 Jahre wird, ihre früheste Erinnerung an die Anfeindung die sie als jüdisches Mädchen im niederösterreichischen Schwechat miterleben musste. Vor wenigen Wochen ist ihre Lebensgeschichte auf Deutsch erschienen: „Der Tag, an dem sich die Musik veränderte – Wie ich als Kind vor dem Nazi-Regime fliehen musste“.

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Doppelseite aus „Der Tag, an dem sich die Musik veränderte – wie ich als Kind vor dem Nazi-Regime fliehen musste“

Hedi ist Einzelkind, aber mit einem Cousin, den alle „Bubi“ nennen fast wie mit einem Bruder oft beisammen. Und die eingangs geschilderte Szene ist nicht die einzige. Zwei Jahre später an ihrem ersten Schultag wird sie selbst beschimpft. Und was noch härter ist, niemand will mit ihr spielen, „weil ich Jüdin bin… ich mag den Unterricht, aber ich gehe nicht gerne in die Schule.“

Trotz allem, auch Lichtblicke

Die Autorin ihrer eigenen, echten Geschichte nennt aber auch einen wichtigen Lichtblick. Gerti kam auf sie zu und lud sie ein, gemeinsam zu spielen. Auf die Frage, warum sie sich anders verhalte als alle in der Umgebung zitiert Hedi Schnabl Argent ihre Freundin – bis heute übrigens: „Meine Mutter hat mir gesagt, dass es keine Rolle spielt, was man ist, solange man ein guter Mensch ist.“ Und Gerti lässt sich auch nicht davon abbringen, als nun andere Kinder auch mit ihr nicht spielen und sie als „dreckige Judenfreundin beschimpfen“.

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Doppelseite aus „Der Tag, an dem sich die Musik veränderte – wie ich als Kind vor dem Nazi-Regime fliehen musste“

In einfach zu lesenden, aber – selbst beim Wissen um den mörderischen Holocaust, in dem sechs Millionen Jüdinnen und Juden ermordet wurden – nur schwer zu verdauen sind, beschreibt Hedi Schnabl Argent auch außergewöhnlich schöne Tage wie ihren achten Geburtstag und die drei Geschenke, Weihnachten samt Besuchen bei nicht-jüdischen Nachbarn, die zu den wenigen Menschen gehören, die sie nicht anfeinden.

Hymnen-Wechsel

Aber auch jenen Tag, der dem Buch den Titel gab: den 13. März 1938, als Hitlerdeutschland Österreich einverleibte („Anschluss“), was von sehr, sehr vielen Menschen bejubelt wurde. Zum letzten Mal lief im Radio die damalige österreichische Bundeshymne. „Doch nach der Hälfte der schönen Haydn-Melodie wird das Tempo schneller: Sie ist nun die deutsche Hymne.“

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Doppelseite aus „Der Tag, an dem sich die Musik veränderte – wie ich als Kind vor dem Nazi-Regime fliehen musste“

Und damit war klar, früher oder später muss die Familie das Land verlassen, wenn sie überleben will. „Von heute auf morgen sind wir Flüchtlinge. Wir gehen nicht auf die Straße. Wir haben kein Zuhause mehr und bleiben, wo immer uns jemand eine Woche, einen Monat oder auch nur ein Wochenende lang Unterkunft gewähren kann…“

Flüchtlinge für immer?

Die Familie kann – nach einer vorübergehenden Verhaftung ihres Vaters – doch noch rechtzeitig gemeinsam nach England flüchten. „Wir fragen uns, werden wir uns immer wie Außenseiter fühlen? Werden wir immer Flüchtlinge bleiben?“

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Doppelseite aus „Der Tag, an dem sich die Musik veränderte – wie ich als Kind vor dem Nazi-Regime fliehen musste“

Und fast natürlich gelingt es dem jungen Mädchen schneller als den Eltern sich in der neuen Heimat zurecht zu finden – ihr Buch ist vor drei Jahren auch im Original auf Englisch erschienen.

Kleine Susi-Puppe

Das Buch lebt von den authentischen Erlebnissen des sehr jungen und später jugendlichen Mädchens in nachvollziehbar verfassten Episoden – und nicht zuletzt den echten Fotos von ihr selbst, aber zum Beispiel auch von der kleinen Puppe Susi, die sie als einziges als Ebenbild der großen Susi-Puppe mit auf die Flucht nehmen konnte. Sogar ihre Enkelkinder haben damit noch gespielt. „Jetzt ist sie alt und zerbrechlich und wohnt zu ihrem Schutz sorgfältig eingepackt in Seidenpapier, in einer Schachtel im National Holocaust Museum in Nottinghamshire.“ (ungefähr in der Mitte Englands).

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Doppelseite aus „Der Tag, an dem sich die Musik veränderte – wie ich als Kind vor dem Nazi-Regime fliehen musste“

Bogen zur Gegenwart

Hedi Schnabl Argent baut in die rund 60 Seiten immer wieder trotz der tragischen Geschichte ihrer Kindheit hoffnungsvolle Momente ein – Freundin Gerti oder die Nachbarn sind hier erwähnt, aber im Buch finden sich noch mehr. Und sie spannt den Bogen von der Verfolgung von Jüd:innen durch Nazis und andere Antisemit:innen zu Menschen, die auch heute flüchten müssen, um zu überleben.

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Der Tag, an dem sich die Musik veränderte – wie ich als Kind vor dem Nazi-Regime fliehen musste“

Alle anders, alle gleich

In einer Art Vorwort schreibt sie unter anderem ebenfalls in einfachen Sätzen diese großen Gedanken: „Dass wir alle anders sind, ist großartig, aber kurioserweise sind wir gleichzeitig auch alle gleich, weil wir alle Menschen sind. Egal woher wir kommen, welche Haut-, Haar- oder Augenfarbe wir haben, ob wir Behinderungen haben oder nicht, an was wir glauben oder nicht, welche Sprache wir sprechen, wir sind alle Menschen und Teil der einzigen Menschheit, die es gibt.

Meine Geschichte handelt davon, was passiert, wenn wir Menschen, die anders sind, so behandeln, als ob sie keine Menschen wären.“

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Der Tag, an dem sich die Musik veränderte – wie ich als Kind vor dem Nazi-Regime fliehen musste“

Entstehungsgeschichte

Spannend ist übrigens auch das Nachwort des Herausgebers Nikolaus Franz, der die Entstehungsgeschichte dieses Buches ausgehend von einem Dokumentarfilmprojekt „Schwechat im Krieg“ schildert.

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Szenenfoto aus dem Figurentheaterstück "Die Abenteuer des braven Soldaten Švejk"

Krieg macht alle zu Zombies

Zwischen Wirtshaus und Toren im Packpapier-Design (Bühne: Claudia Vallant) mit einer Vielzahl politischer Graffiti-artigen Zeichnungen bzw. Bildern vom gestreckten Mittelfinger bis zu Diktatoren-Konterfeis bzw. einem Hund, der ein Haxerl hebt und sozusagen politisch brunzt, spielt das Schubert Theater in der Wiener Währinger Straße knackig in einer Stunde „Die Abenteuer des braven Soldaten Švejk“.

Was Jaroslav Hašek, im ersten Weltkrieg selbst Soldat der Habsburger-Armee bis er desertierte und zu den Russen überlief, Anfang der 20er Jahre in einem vierteiligen, unvollendeten Roman auf mehr als 650 Seiten satirisch über Militär geschrieben hat, wurde von Martina Gredler (Textfassung und Regie) verdichtet und nochmals überhöht.

Hundehändler wird (toter) Hund

Die Hauptfigur, der nunmehrige Ex-Soldat Švejk (Schwejk), verdiente sich seinen kärglichen Lebensunterhalt in den anschließenden Friedenszeiten mit dem Handel von Hunden. Hier kriegt er selbst glich ein Hundegesicht. Und das auf eine Art Totenkopfmaske (Puppenbau & Ausstattung: Annemarie Arzberger). Sozusagen ein Zombie – als mehr als deutlich sichtbares Zeichen dafür, was Krieg aus Menschen macht. Die psychische Deformation sozusagen ins Gesicht geschrieben.

Mehr noch als mit Hunden zu handeln, säuft der Figurentheater-Švejk wie das sprichwörtliche Loch. Sein „hündischer“ Begleiter entpuppt sich als überdimensionaler Hundefloh. Als dritte Figur lassen die beiden Spieler:innen Andrea Köhler und Markus-Peter Gössler noch eine Raupe aus einem anderen Repertoire-Stück des Figurentheaters für Erwachsene ins Geschehen tanzen.

Aber die Realität…

Die satirische Kritik Hašeks an Krieg und Militarismus wird hier noch eine Runde weiter ins Absurde gedreht, mit versuchten kafkaesken Anwandlungen, manches Mal vielleicht ein wenig zu fest gedreht, wie eine Schraube, die zu stark angezogen wird.

Andererseits – wenige Gehminuten vom Schubert Theater entfernt liegt die US-Botschaft. Wie Möchtegern-König Donald die Kriegsmaschinerie gegen Venezuela fest und immer stärker bis zum Zerreißen fest zurrte bis zum nächtlichen Bombardement der Hauptstadt Caracas am ersten Wochenende des neuen Jahres, da scheint keine noch so absurde Satire heranzukommen…

Hintergrund

Jaroslav Hašek, selbst Soldat im ersten Weltkrieg in der kaiserlich-königlichen Armee des Habsburgerreiches – zunächst in České Budějovice (Budweis), dann mit dem 91. Infanterie-Regiment ins niederösterreichische Bruck an der Leitha verlegt, desertierte und lief zu den Russen über. Nach der Oktoberrevolution wurde er Kommissar in der politischen Abteilung der 5. Armee der Roten Armee. Als er nach dem Krieg in die Heimat, dann schon Tschechoslowakei, begann er an dem Roman, erst in Wirtshäusern, zu schreiben, wo er viele der Texte anderen Gästen vorlas und auf ihr Urteil hörte.

So manche der Figuren, des letztlich unvollendeten Romans, haben reale Vorbilder vor allem aus der Zeit in Bruck an der Leitha, weiß Wikipedia zu berichten.

Unsinnige Wortmeldungen

Dort wird auch vermutet, dass er sich den Namen seiner Hauptfigur bei einem Josef Švejk, „einem Reichsratsabgeordneten der tschechischen Bauernpartei (Agrarier)“ ausborgte, „der … in seinen seltenen Wortmeldungen meist Unsinn von sich“ gab. „Auf diesen Abgeordneten soll die damals populäre Redensart Pan Švejk – něco žvejk (etwa: »Herr Schwejk sprach eben – wieder mal daneben“) gemünzt gewesen sein.“

„Inhaltlich hat die literarische Figur Josef Schwejk aber nichts mit dem vermutlich namensgebenden Abgeordneten zu tun. Möglicherweise kam Hašek die Idee für den braven Soldaten Schwejk durch die Lektüre einer Geschichte, die 1905 in der auch in Prag erhältlichen und von Hašek viel gelesenen deutschen satirischen Wochenzeitschrift Simplicissimus erschien und in tschechischer Übersetzung in der sozialdemokratischen Prager Tageszeitung Právo lidu nachgedruckt wurde.“ Link zum entsprechenden Wikipedia-Eintrag am Ende dieses Beitrages.

kijuku_heinz

wikipedia –> Schwejk

Demo vom Sigmund-Freud-Park vor der Votivkirche über die Währinger Straße in Richtung US-Botschaft in der Alsergrunder Boltzmann-Gasse

„Hände weg von Venezuela!“

„Stop bombing Caracas!“ schallte es vielfach und sehr lautstark Samstagnachmittag (3. Jänner 2026) erst im Sigmund-Freud-Park, einem Teil der Grünfläche vor der Wiener Votivkirche. Anschließend hallten diese Sprech-Chöre durch die Währinger Straße auf dem Demonstrationszug bis zur Boltzmanngasse, wo die Botschaft der USA ihren Sitz in der Bundeshauptstadt hat. Obwohl seit gut eineinhalb Jahrzehnten ohnehin die halbe Gasse davor mit einer Art Käfig weiträumig abgesperrt ist, werden Demos noch etliche Dutzend Meter davon entfernt gestoppt. Umso lauter riefen die Demonstrant:innen diese Losung und dazu noch den All-Time-Hit aller weltpolitischen Aktionen „Hoch die internationale Solidarität!“ In der Nähe der US-Botschaft gesellte sich noch der Spruch „Hej, USA, how many kids did you kill today?!“ (Hej, USA, wie viele Kinder hast du heute schon getötet?!“)

Heftig Kritik gab es aber nicht nur am Angriff der USA, sondern auch an der autoritären Herrschaft Maduros, wenngleich manche ihn noch immer als „Sozialisten“ verklären möchten. Immer wieder wurde auch der Vergleich von Trumps Vorgehen mit dem Putin’schen Überfall auf die Ukraine gezogen.

Die Aktion fand wenige Stunden nach der Bombardierung der Hauptstadt Venezuelas durch Spezialeinheiten der US-Armee samt Kidnapping des autoritären Machthabers Nicolás Maduro und seiner Ehefrau Cilia Flores statt. Schon vor Tagen, als sich der US-Angriff als weitere Eskalation der Gewalt abzeichnete, hatte ein loser Zusammenhang linker Organisationen für Tag X Kundgebung und Demo angekündigt.

Seit Monaten und in den vergangenen Wochen verstärkt hatten die USA angebliche Drogenboote beschossen samt Mord der Besatzungen, Öltankschiffe überfallen und beschlagnahmt. Deshalb hatten Arbeiter*innenstandpunkt, Revolution, Linkswende, Abya Yala DeScolonial, Fem Bloco Descolonial, Migrantifa, Komintern und Young Struggle unter anderem auf Instagram auf Spanisch und Englisch gepostet: „Hände weg von Venezuela“-Marsch am X. Tag gegen die US-Militärintervention in Venezuela“. Das ursprünglich hier irrtümlich genannte Bündnis Anitiimperialistische Koordination (AIK), das eine eigenständige Organisation ist, war bei der Aktion mit dabei.

Als in der Nacht zum Samstag dann der völkerrechtswidrige Überfall stattgefunden hat, wurde dem Ort Sigmund-Freud-Park auch eine Uhrzeit hinzugefügt. Der Tag war ja nun klar.

Solo-Aktion

Übrigens zufällig traf Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… schon Stunden vorher in der U-Bahn einen nicht genannt werden wollenden Solo-Aktivisten, der zu Hause ein Plakat gestaltet hatte – siehe Foto -, von der Aktion gar nichts wusste, aber das Bedürfnis hatte, „was tun zu wollen und zur US-Botschaft zu fahren, ich hoffe, dass dort auch andere sein werden!“ Was dann auch so war – allerdings erst Stunden später.

Initiativer Einzel-Aktivist schon Stunden vor der Kundgebung und Demo mit der U-Bahn auf dem Weg zur US-Botschaft
Initiativer Einzel-Aktivist schon Stunden vor der Kundgebung und Demo mit der U-Bahn auf dem Weg zur US-Botschaft

Dass es „nur“ linke Organisationen waren, hängt vielleicht auch mit den doch relativ verhaltenen Reaktionen auch vieler europäischer und österreichischer Politiker:inn zusammen, die es sich scheinbar nicht mit den USA verscherzen wollen, obwohl deren Präsident Donald Trump nicht nur diesen Überfall auf ein anderes Land anordnete, sondern erst kürzlich gegen Europa und vor allem die EU wetterte.

Mehr zu den aktuellen Ereignissen im – unten verlinkten – Beitrag auf orf.at, wenngleich in der Sondersendung nur in Wien lebende Venezolaner:innen zu Wort kamen, die sich über die Gefangennahme Maduros freuen und Kundgebung und Demo ausgespart wurden.

kijuku_heinz

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Mehr Informationen

orf.at –> USA-wollen-Venezuela-vorerst-selbst-fuehren

Interessanter Kommentar dazu übrigens von Peter Pilz auf zackzack.at

Wenn Satire die tragische Realität kaum noch toppen kann <— Tagespresse zu Trump und Venezuela

Doppelseite aus dem Bilderbuch "großer Stunke"

Zu klein, zu groß, zu kurz, zu lang, … zu „anders“

„Affe gesucht“, steht auf einem handgeschriebenen an die Wand geklebten Zettel, darunter zum Abreißen kleine Kontakt-Zettelchen, wie sie von vielen ähnlichen Such-Anzeigen auf Pinnwänden, schwarzen Brettern, Litfaßsäulen, Hausfluren… bekannt sind. Davor steht ein Affe und schaut möglicherweise interessiert, wir sehen auf der Vorsatzseite dieses Bilderbuchs nur seinen Rücken.

Der Sucher: Ein Maler namens Leander, erfahren wir auf der ersten Doppelseite. Er „wollte Affen malen. Da er Affen nur aus Büchern kannte, lud er Affen zu sich ein“, schreibt Autor Christian Duda, der eigentlich Christian Achmed Gad Elkarim heißt, wie auf der Verlagsseite zu finden ist. Ziemlich unschlüssig, irgendwie grübelnd sitzt er da – so zeichnete ihn Julia Friese auf dieser genannten Anfangs-Doppelseite.

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „großer Stunke“

Viele oder doch nur einer?

Und er hat – einmal umgeblättert, ziemlich großen Erfolg: eine ganze Reihe unterschiedlichster Affen fand sich bei Leander ein. Seine Freude teilten die Besucher:innen nicht. „Die Affen freuten sich nicht. Nanu, dachte ein jeder still für sich, hier ist nur ein einziger Affe. Und das bin ich…“

Denn was spielte sich ab. Jede und jeder sah nur die Unterschiede und meinte eben, alle anderen wären gar keine richtigen Affen. Nase zu lang, Schwanz zu kurz, falsche Haarfarbe. „Zu klein, zu dumm, zu anders!… Sie sieht das denn aus? …“

Seitenweise geht das so. Die einen beschimpfen die anderen, weil sie anders aussehen. Kommt dir das vielleicht bekannt vor – aus der Welt der Menschen? Hoffentlich musst du es nicht allzu oft miterleben.

Zwei Seiten aus dem Bilderbuch
Zwei Seiten aus dem Bilderbuch „großer Stunke“

Laute und eisige Stille

Leander kommt nicht und nicht zu dem, was er wollte: Affen zu malen. „Es ist auch ganz unwichtig, ob ihr euch ähnlich seht… innen drin seid ihr nämlich alle gleich!“, lässt der Autor den Maler belehren. Und dann fällt Christian Duda eine wunderbare Formulierung ein: „Darauf folgte ein stilles Durcheinander. Ein stilles Durcheinander ist eigentlich auch laut, man hört es nur nicht.“

Ähnlich spielt er später als das Mädchen Luzi auftaucht und unter anderem erklärt: „Wir alle sind Affen und Affen sind Tiere…“
„Eisige Stille war im Zimmer. Eisige Stille ist, wenn man friert, obwohl es nicht kalt ist.“

Und schon hat Luzi damit den Maler Leander in eine ähnliche Lage versetzt wie er zuvor die Affen: Wer will kein Tier sein. „Er verlor die Fassung, die Schuhe, die Klamotten und jetzt war allen klar: Auch Leander hatte einen Kopf, zwei Beine, zwei Arme, zehn Finger…“

Zwei Seiten aus dem Bilderbuch
Zwei Seiten aus dem Bilderbuch „großer Stunke“

Mehr gemeinsam als verschieden

Gerade die Doppelseite zu dieser Szene verdeutlichen die Bilder noch viel stärker als schon diese Worte die vielen Gemeinsamkeiten Leanders und seiner Mal-Objekte.

Ein wunderbares Plädoyer, eben Gemeinsamkeiten statt Unterschiede in den Vordergrund zu rücken, um weniger Eiseskälte selbst bei warmen Temperaturen zu verspüren und verbreiten!

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Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „großer Stunk“
Doppelseite aus Band 1 von "Lesen nervt!"

Einladung zum Lesen mit einem witzigen Schmäh

„Lesen nervt!“ Was für ein genialer Titel für ein Buch. Noch dazu mit einer gezeichneten vielbeinigen Figur, der die Sprechblase „Bücher? Nein, danke!“ aus dem Mund kommt und die auf einem Berg von Büchern thront vor einer Wand voller Bücher.

Wer gern liest, schmunzelt sicher schon und freut sich über den schrägen Zugang so als würde über einem Geschäft mit Süßwaren stehen: Nur für all jene, die Schokolade hassen… 😉

Und wer wirklich nicht und nicht und nicht lesen mag oder das sogar echt hasst, wird vielleicht doch neugierig sein. Ist es ein Buch ganz ohne Text, nur mit Bildern? Gibt es ja auch. Und kann auch Lesefreund:innen erfreuen, sich die gezeichnete oder gemalte Geschichte dazu selber zu denken.

Doppelseite aus Band 1 von
Doppelseite aus Band 1 von „Lesen nervt!“

Hör sofort auf!!! 😉

Aber nein, dieses Buch hat ganz schön Text, beginnt zunächst mit dem Spiel der gezeichneten Hauptfigur, einer Spinne namens Karoline Kneberwecht, mit dir und natürlich allen anderen Leser:innen: „Stopp“ samt gleich zwei Ausrufzeichen. „Aufhören“ und nochmals zwei von der Sorte, die den Ruf ausdrücken. „Schließ dieses Buch wieder und stell es zurück ins Regal! Sofort!!“

Du befindest dich, so ergeben die nächsten Seiten in einer Bibliothek – alle Seiten irgendwie im Karton-Design. Es gebe gar keine spannenden Büche, so die Spinne meist mit vor Ärger grünem Gesicht. Weil du sie in ihrer Ruhe, in ihren Netzen störst, pardon „nääärvst“.

Doppelseite aus Band 1 von
Doppelseite aus Band 1 von „Lesen nervt!“

Wort- und Lesespiele

Und schon lädt sie dich zu Wortspielen und Rätseln ein, mit denen sie dir zeigen will, dass Buchstaben so ihre Tücken haben. Und im Nu schafft sie natürlich das Gegenteil des Buchtitels bzw. dessen, was sie von Anfang an vorgibt, dir zu verklickern. Schon liest du sogar Texte mit ausgelassenen Buchstaben über einen kleinen H_elden namens Knurpsi und seinen H_mster… und das sogar seitenweise 😉
Und das ist nicht das einzige der Rätsel und Lesespiele.

Doppelseite aus Band 1 von
Doppelseite aus Band 1 von „Lesen nervt!“

Das war schon vom Start weg so erfolgreich, dass das Autoren-Illustratoren-Duo des erst vor nicht einmal zwei Jahren erschienen ersten Bandes mittlerweile drei weitere „Lesen nervt!“-Bücher – Untertitel „Bloß keine Bücher!“, „Bücher? Voll anstrengend!“ sowie „Bücher? Weg damit“ produzieren mussten / durften.

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Rechnen nervt!“, Band 1

Nun kommt „Rechnen nervt!“

Und nach dem selben Muster folgt im Februar des neuen Jahres (2026) noch eines für Mathe: „Rechnen nervt! – Mathe? Ohne mich!“, dem auf der Verlagsseite schon Band 1 hinzugefügt wurde, also weitere Bücher in Aussicht gestellt werden. Hier tritt an die Stelle der erzählenden Lese-„Hasserin“ Karoline Kneberwecht eine Schabe (Kakerlake oder Küchenkäfer) namens Konstantin Kukerluk. Dieser wohnt in einer Schublade bei der Kassa eines kleinen „Alles Marktes“ der beiden Schwestern Emma und Edna Göpgörk. Und natürlich wirst du da auf ähnliche Weise ins spielerische Rechnen reingezogen wie von der Spinne in die Welt der Buchstaben, Wörter und Sätze.

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Puppentheater-Inszenierung von "Der Kaiser von Atlantis oder die Tod-Verweigerung"

Antikriegs-Oper zum Neujahrstag

Noch nicht so traditionsreich wie das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, aber auch nicht zum ersten Mal, strahlt Radio Arbos – Gesellschaft für Musik und Theater – am 1. Jänner 2026 das Musiktheaterstück „Der Kaiser von Atlantis oder die Tod-Verweigerung“ aus; und zwar in einer Inszenierung für Puppentheater, die vor einem Jahr im Salzburger Breloque Theater produziert worden ist – mehr dazu in einem Link zum vorjährigen Beitrag auf dieser Seite, unten am Ende des Beitrages.

Anlass ist die Wiederkehr des Geburtstages des Komponisten dieser im Konzentrationsalge Theresienstadt geschriebenen Antikriegsoper, Viktor Ullmann (1.1.1898 in Teschen).

Mitschnitt der Erstausstrahlung

Rund vier Wochen später, am 27. Jänner, dem 81. Jahrestag der Befreiung des Nazi-Massenvernichtungslagers Auschwitz, in dem auch Ullmann ermordet wurde (18.Oktober 1944) strahlt Arbos auf seiner Website dann einen Live-Mitschnitt jener Fassung der genannten Antikriegsoper aus, die am 23. Mai 1995 im tschechischen Terezín (Theresienstadt) 50 Jahre nach Faschismus und Krieg erstaufgeführt wurde – in der rekonstruierten Originalfassung Ullmanns von Karel Berman, Paul Kling und Herbert Thomas Mandl. Alle drei waren am Prozess der Fertigstellung von Ullmanns Anti-Kriegsoper im Rahmen der „Freizeitgestaltung“ im Konzentrationslager Theresienstadt beteiligt. Im KZ Theresienstadt wurde Ullmanns Antikriegsoper ja „nur“ geprobt, nie gespielt.

Karel Berman probte die Partie des Todes in Theresienstadt. Bermans Rollenbuch des Todes von Ullmanns „Der Kaiser von Atlantis oder die Tod-Verweigerung“ war die wichtigste Quelle zur Rekonstruktion der Originalfassung, neben den Berichten des Konzertmeisters der Theresienstädter Proben, dem Geiger Paul Kling, und den Berichten von Herbert Thomas Mandl, der bei allen in Theresienstadt statt gefundenen Proben anwesend war. Musik und Libretto zur Anti-Kriegsoper stammen von Viktor Ullmann, die auf den eigenen Kriegserfahrungen im Ersten Weltkrieg basiert.

Die Tschechische Erstaufführung fand am 24. September 1993 im Národní památník na Vítkově im Prager Bezirk Žižkov – gegenüber der Prager Burg und Symbol für den Kampf um Freiheit der Tschechoslowakei – statt durch „ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater“ und war die Opernaufführung des Jahres 1993 in der Tschechischen Republik.

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arbos.at –> Livestream 1. Jänner 2026

arbos.at/arbos-radio – 27. Jänner 2026

Warme Mahlzeiten für Kinder in Kulmasa, im Norden Ghanas

Spenden statt böllern

„Während auf anderen Kontinenten Menschen verhungern, verbrennen in Österreich Menschen buchstäblich ihr Geld, indem sie zu Silvester Raketen in den Himmel schießen. Gerade in Zeiten, in denen Länder ihre Mittel für Entwicklungszusammenarbeit massiv kürzen, wäre es eine solidarische Alternative, das eingesparte Geld zu spenden“, appelliert Reinhard Heiserer, Geschäftsführer der österreichischen Entwicklungsorganisation Jugend Eine Welt, kurz vor dem Jahreswechsel 2025/26.

„Es gibt so viele Projekte, die dank einer Spende Kindern eine täglich warme Mahlzeit bereitstellen, Kinder von Kinderarbeit befreien, Schulbildung fördern – einfach Leben verändern und eine bessere Zukunft ermöglichen. Bitte denken Sie daran und zünden Sie zu Silvester kein Strohfeuer, sondern ermöglichen Sie ein Leben in Würde für Menschen in Risikosituationen!“

Warme Mahlzeiten für Kinder in Kulmasa, im Norden Ghanas
Warme Mahlzeiten für Kinder in Kulmasa, im Norden Ghanas

Äthiopien und Ghana

In der aktuellen Information dieser Organisation werden auch zwei konkrete Projekte – in Äthiopien und Ghana genannt, die von Jugend Eine Welt unterstützt werden und vorgeschlagen, statt Geld zu verbrennen es dafür zu spenden. So könnten mit den geschätzt zehn Millionen, die in Österreich zum Jahreswechsel ver-böllert werden in Kulmasa (Nord-Ghana) ein ganzes Jahr lang 62.500 Schulkinder täglich mit einer warmen Mahlzeit versorgt werden.

Feuerwerke und Böller ängstigen (Haus-)Tiere
Feuerwerke und Böller ängstigen (Haus-)Tiere

Große Belastung für alle Tiere

Feuerwerke und andere Knallkörper stellen außerdem eine Belastung für die Umwelt dar UND versetzen durch die Knallerei und die Lichter am Himmel auch viele Tiere in Panik. Darauf weist die Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ in einer aktuellen Meldung hin. „Jedes Jahr aufs Neue leiden sowohl unsere Haustiere als auch Wildtiere wie zum Beispiel Igel, Wildvögel und Rehe enorm. Auch sogenannte Nutztiere wie Pferde oder Kühe erleben diese Nacht als Horror. In extremen Fällen kann Feuerwerk sogar zum Tod der Tiere führen.“

Übrigens hat „Vier Pfoten“, aber auch der WWF, eine eigene Petition gegen Böllerei gestartet – beide am Ende des Beitrages verlinkt.

Infos der Plattform Jugendarbeit.at zu Böllern, Raketen und Feuerwerken
Infos der Plattform Jugendarbeit.at zu Böllern, Raketen und Feuerwerken

Verletzungsgefahr

Auch wenn diesen Argumenten so etwas wie der „Geschmack“ von „Spaßbremsen“ anhaftet, so weist die Plattform jugendarbeit.at genau unter dem Titel „Böller & Raketen – Spaß oder Gefahr?“ darauf hin, dass zu jedem Jahreswechsel vor allem viele Jugendliche bzw. junge Erwachsene Verletzungen erleiden. Samt Hinweisen auf die gesetzlichen Bestimmungen und einem Quiz zum entsprechenden Wissensstand.

kijuku_heinz

feuerwerk-kinderarbeit-fuer-bunte-sterne <— damals noch im Kinder-KURIER, Vorläufer von KiJuKU

jugendeinewelt –> verbrennen-sie-nicht-ihr-geld-mit-silvester-raketen

vier-pfoten –> boellerfrei

wwf.at –> silvester-ohne-boeller

jugendarbeit.at –> Böller, Spaß oder Gefahr?

Unicef kann nach der Waffenruhe im Gazastreifen wieder Hilfe leisten

Dieses Jahr war leider kein einfaches für Kinder…

Hungersnot in Gaza, Gräueltaten im Sudan, der vierte Kriegswinter in der Ukraine, schwere Naturkatastrophen wie das Erdbeben in Myanmar und Afghanistan, dazu weltweite Kürzungen der Auslandshilfen. So fasst Unicef-Österreich in einem Blog auf seiner Website in einem der letzten Beiträge des Jahres 2025 zusammen.

Funken Hoffnung

Nicht ohne den Unicef-typischen Schlenker in Richtung doch-noch-Optimismus. „Es gibt auch Hoffnung! Mit der Waffenruhe zwischen Israel und Gaza konnten wir mit Ende dieses Jahres unsere Hilfe im Gazastreifen ausweiten. In Österreich engagiert sich außerdem ein neu gegründeter Jugendbeirat für die Rechte der Kinder. Und Sie an unserer Seite – als UNICEF Unterstützer und Spender – sind ein Grund zur Hoffnung. Es zeigt: Vielen Menschen ist es nicht egal, wie es den Kindern rund um die Welt geht. Diese Solidarität stimmt uns hoffnungsvoll, dass wir gemeinsam etwas bewirken können!“

Nackte Tatsachen

Dennoch die nackten, tragischen Fakten: Die Zahl hungernder Menschen hat in den vergangenen fünf Jahren um 122 Millionen zugenommen. Hungerkrisen verschärfen sich rund um die Welt. Die Ursachen sind komplex: Von diversen Krisen bis zu Wetterextremen als Folge der Klimakrise. Weltweit sind rund 43 Millionen Kinder unter fünf Jahren akut mangelernährt und 150 Millionen chronisch mangelernährt.

Im Jahr 2025 wuchsen so viele Kinder in Krisen- und Konfliktgebieten auf wie nie zuvor. Fast jedes fünfte Kind, und damit fast doppelt so viele wie Mitte der 90er Jahre, war betroffen.

Kürzungen der Hilfsgelder durch Geberländer gefährden Fortschritte für Kinder und Familien in Not. 14 Millionen mangelernährte Kinder weltweit können deswegen nicht mehr behandelt werden.

Außerdem sei die Zahl schwerer Kinderrechtsverletzungen stark gestiegen, was konkret bedeutet, dass Zehntausende Kinder, „getötet, verstümmelt, von bewaffneten Gruppen rekrutiert oder eingesetzt, entführt oder Opfer sexualisierter Gewalt wurden, denen Bildung, Schutz, medizinische Versorgung oder humanitäre Hilfe fehlen“, wird Unicef in einer ORF.at-Meldung zusätzlich zitiert.

Der neue Unicef-jugendbeirat samt dem Österreich-Geschäftsführer
Der neue Unicef-jugendbeirat samt dem Österreich-Geschäftsführer

Jugendbeirat von UNICEF Österreich

Zwölf junge Menschen aus sieben Bundesländern setzen sich seit Februar für die Kinderrechte in Österreich ein. Der neue Jugendbeirat ist nicht nur eine starke Stimme für Kinderrechte. Er plant darüber hinaus aktiv Veranstaltungen, um Kinderrechte in Österreich zu stärken.

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Unicef-Blog-Beitrag: 2025 in Bildern

Doppelseite aus dem Bilderbuch "Es war einmal ein Schneesturm"

Große Bilder, keine Worte – riesige Geschichte

Ein Kind reitet auf einem Bären mitten durch einen Wald im Schneetreiben. Grell rot golden leuchtet die Schrift „Es war einmal ein Schneetreiben“, so der Titel dieses abenteuerlichen, textlosen Bilderbuchs von Richard Johnson.

Alles beginnt zunächst im fast eingeschneiten Haus des Kindes und seines Vaters. Letzterer liest gedruckte Zeitung, ersteres liegt gemütlich auf dem Boden und zeichnet. Dann ziehen sie sich ziemlich warm an und stapfen durch das Schneegestöber.

Doppelseitige und mitunter einzelne sozusagen herangezoomte gemalte Bilder wechseln einander ab. Unter anderem riesig das Gesicht des Kindes, das glückselig von tanzenden, dicken Schneeflocken umgeben ist. Oder in einem der kleinen Bilder groß die Hand des Kindes sowie die des Vaters, die nacheinander zu greifen suchen, aber sich verlieren.

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Es war einmal ein Schneesturm“

Einladung

So wie die beiden. Und wir blieben – natürlich – beim Kind. Vom anfänglichen freudigen Tollen im Schnee bis zur Suche. Begleitet von einem Nachthimmel mit tierischen Sternbildern bis zu echten irdischen Tieren, die sich mit neugierigen Blicken um das suchende Kind scharen – und auf der folgenden Doppelseite Einzelporträts erhalten, ebenso wie die Hauptfigur, das Kind, das nun einigermaßen erschrocken dir entgegenblickt. Bis es – einmal umgeblättert – vom großen Bären eingeladen wird, gemeinsam mit ihm und den anderen Tieren zu spielen, essen und feiern.

Und als es dann doch so etwas wie offensichtlich Heimweh bekommt, vom Bären zum Aufsteigen eingeladen und auch das ist nicht überraschend, aber in wunderschönen Bildern festgehalten, nach Hause zum Vater gebracht wird…

kijuku_heinz

Szenenfoto aus "Der überaus starke Willibald"

Farm der Mäuse – der Weg in Tyrannei und mögliche Auswege

Einige blau-weiß gemusterte große Fliesen an den vorwiegend grauen Wänden, gaaaanz weit oben eine überdimensionale Steckdose. Projiziert auf einen durchscheinenden Vorhang erscheinen riiiiesige menschliche Waden und Füße. Womit die Größenverhältnisse höchst wirksam abgesteckt werden, denn alles Folgende spielt sich im Reich von Mäusen ab. Ein weiteres beeindruckendes Beispiel aus diesem Bühnenbild (Ulv Jakobsen) bleibt allerdings gut einem Viertel des Publikums – auf der linken Seite der Sitzreihen mindestens bis zur Mitte derselben – leider verborgen: Ein Regal mit zwei Dosen – Bohnen und Mais sowie einem Glas eingelegter Weichseln; schaaaade. Die Mais-Dose kommt wenigstens später als Podest für die Titelfigur in „Der überaus starke Willibald“ im Renaissancetheater ins Spiel.

Sehr gut sichtbar für alle ab 6 Jahren wird dafür in dem Stück (Bühnenfassung und Regie: Sebastian von Lagiewski) nach dem gleichnamigen 120 Seiten starken, leicht lesbaren gleichnamigen Kinderroman von Willi Fährmann (Autor und Pädagoge; 1929 – 2017) ein Mechanismus, wie jemand Demokratie zerstört und sich zum Tyrannen macht.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der überaus starke Willibald“

Alle kamen zu Wort

Bisher haben die Mäuse liebend gern Fangen und anderes in der Küche gespielt und hatten ihren Spaß am Leben, wenn die Menschen schliefen. Und wenn es galt, eine Entscheidung zu fällen, haben „wir seit Mäusegedenken beraten, alle kommen zu Wort und am Ende stimmen wir ab“, bringt der gewählte Präsident Georg (Leon Lembert) das demokratische Prinzip auf den Punkt.

Das bleibt nicht so, ähnlich wie George Orwell (1903 – 1950) in der viel berühmteren „Farm der Tiere“ (Animal Farm; 1945 erschienen) schildern Buch (1983 veröffentlicht) und Stückfassung angesiedelt im Tierreich, wie Demokratie – und das leider ziemlich schnell – zerstört werden können. Die Titelfigur Willibald, der sich als „überaus stark“ aufspielt, und Josef, der schon zu Beginn die spielenden Mäuse wegen fehlender Disziplin und nur Spielen im Kopf anherrscht, basteln an der Legende einer gar wilden Katze im Garten.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der überaus starke Willibald“

Ab in die Bibliothek

Bei der großen Gefahr aber würde beraten und reden nicht funktionieren. Es brauche einen der da das Sagen hat. Die verbreitete Angst vor dem Außenfeind lässt viele der Mäuse einknicken. Die einen sind gleich für den Führer Willibald, andere wie Georg besänftigen, das wäre aber nur für diese Gefahrenzeit. Lediglich Lili (nachdenklich, hinterfragend, mutig Lara Haucke) widerspricht. Und wird – noch dazu als einzige weiße Maus mit roten Augen – zum inneren Feindbild auserwählt, gar verdächtigt, mit der Katze „unter einer Decke zu stecken“, und in die Bibliothek verbannt. Nur zum Hackeln darf, nein muss sie in die Küche kommen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der überaus starke Willibald“

Propagandasprüche

Willibald (herrlich unsympathisch herr-isch und noch dazu kunstvoll dümmlich Sebastian Pass) und vor allem aber sein Ideengeber Josef (gespielt unterwürfig gegenüber dem Boss, gnadenlos zu jeder Art von in-Frage stellen: Valentin Späth) schmieden Abwehrpläne, bei denen alle anpacken müssen. Außer die beiden selbst. Doch auch das traut sich nur Lilimaus anzumerken. Als Philipp (Sebastian von Malfèr) wagt, seiner Kollegin recht zu geben, wird er in die Schranken gewiesen.

Josef, den Autor Fährmann bewusst so genannt hat, erfindet auch zwei Propagandasprüche: „Ein Boss! Ein Haus! Ein Rudel!“ sowie „Flink wie Fledermäuse! Zäh wie Schweineschwarte! Hart wie Käserinde!“ (im Buch statt letzterem Tirolerbrot), die auch nicht zufällig an „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ bzw. „Flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“ der Nazis und ihres Propagandaministers Josef Goebbels erinnern. Im Buch hat Willibald zudem noch neben Josef eine Hermannmaus in seinem Herrschaftsstab (Hermann Göring war Chef der Nazi-Luftwaffe und Reichswirtschaftsminister).

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der überaus starke Willibald“

Militarisierung

Disziplin, militärische Übungen, Verteidigungswall aus ausgestreuten Erbsen jede Nacht bauen und in der Früh, bevor die Menschen kommen, wieder einsammeln – nix ist mehr mit Spielen. Da werden auch die treu ergebenen Mäuse – neben den schon genannten noch Friederike (Shirina Granmayeh), einst enge Freundin von Lili und die stets hungrige Karin (Beate Korntner) ein wenig mürbe. Als Philipp dann noch nach langer Beobachtung aus dem Fenster im Garten gar keine Katze ausfindig macht, schleichen die Mäuse mitunter zu Lili in die Bibliothek, die dort in Bilder-Lexika blättert, lesen lernt und Geschichten erzählt. Geschichten, die Mut machen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der überaus starke Willibald“

Gefährliches Denken

Zu viel sehen, zu viel denken – das finden die Machthaber gefährlich. Noch findet Karin es super, dass ihnen der Boss das Denken abnimmt. Lili wird als Gefahrenherd als „Nichtmaus“ tituliert. Sie beginnt an Flucht zu denken, es gibt doch auch andere graue Häuser und Mäusefamilien, noch dazu wo ihre einstigen Freund:innen zu „Duckmäusen“ geworden sind, „aber das alles zurücklassen…?“

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der überaus starke Willibald“

Kraft von Geschichte(n)

Außerdem schöpft sie Kraft aus gelesenen Geschichten und will dem Tyrannen die Küche und das Haus nicht überlassen. Und so lassen Autor und Regisseur die Geschichte mit dazwischen noch einigen spannenden, gefährlichen Szenen natürlich happy enden, den Tyrannen und seinen Helfer / Einflüsterer / Propagandisten stürzen, wobei die sich selbst zu Fall bringen und zum Prinzip des gemeinsamen Beratens und Beschließens zurückkehren…

Ankündigungsgrafik zu
Ankündigungsgrafik zu „Er ist wieder da“

„Er ist wieder da“

Im April kommt übrigens eine Dramatisierung des Romans von Timur Vermes „Er ist wieder da“ (Bühnenfassung und Regie: Thomas Birkmeir) ins Renaissancetheater (das große Haus des Theaters der Jugend in Wien). In diesem 2012 erschienen satirischen Buch, das bald danach verfilmt wurde, erwacht Adolf Hitler 2011 wieder, meint einen Filmriss zu haben, bis er auf das richtige Datum und nach und nach die weitere historische Entwicklung draufkommt. Wie Menschen auf ihn reagieren – von der Vermutung eines Schauspielers über Erschrecken bis zum Wittern eines möglichen Geschäftserfolges mit ihm spannt sich der Bogen, den Stefano Bernardin spielen wird.

Ankündigungsfoto für das Stück
Ankündigungsfoto für das Stück „Der kleine Diktator“ vom Theater „Die Kurbel“

„Der kleine Diktator“

Schon früher, 9. Jänner bis 19. Februar – zunächst im NordbahnSaal und dann bei Junge Theater Wien in Simmering und Liesing – spielt das Figuren- und Objekttheater „Die Kurbel“ ein selbst entwickeltes Stück namens „Der kleine Diktator“. In der Welt von Schachfiguren rebellieren diese gegen den Schachlehrer, der daraufhin „eine Anleitung zum Chef werden“ erteilt – inspiriert von Michela Murgias Buch „Faschist werden – eine Anleitung“ und mit Anspielungen an Charlie Chaplins „Der große Diktator“.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der überaus starke Willibald“

Aus der Geschichte lernen?

Natürlich kommt bei Willibald, dem „kleinen“ oder auch „großen Diktator“ und erst recht bei „er ist wieder da“ und vor allem der derzeitigen aktuellen politischen Entwicklung fast weltweit der furchtsame Gedanke auf: Lernt die Menschheit nie aus der Geschichte? Und das häufig wiedergegebene Zitat von Ingeborg Bachmann aus ihrem Roman „Malina“: „Die Geschichte lehrt, aber sie hat keine Schüler.“

Ein Gedanke, der schon mehrfach hier im Zusammenhang mit anderen Stückbesprechungen – „Astoria oder: Geh‘ ma halt ein bisserl unter“ und „Hand made Tyrant“ im Schubert Theater sowie „Das Lebewohl.Wolken.Heim Und dann nach Hause“ von Elfriede Jelinek im Theater Arche (beide Wien) – geschrieben schon Jahrzehnte früher von Antonio Gramsci (1921 in „Ordine Nuovo“) formuliert wurde: „Die Illusion ist das zäheste Unkraut des Kollektivbewusstseins; die Geschichte lehrt, aber sie hat keine Schüler.“

Willi Fährmann

Der Autor des bereits vor mehr als 40 Jahren erschienen Buches „Der überaus starke Willibald“ hat übrigens einige historische Romane, manche ausgehend von echten leidvollen Erfahrungen von Flucht, Ausgrenzung, Vorurteilen verfasst; u.a. „Das Jahr der Wölfe“, „Kristina, vergiss nicht“, „Es geschah im Nachbarhaus“, „Zeit zu hassen, Zeit zu lieben“.

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diekurbel.at

wikipedia –> willi fährmann

Schülerinnen und Schüler der ersten ethnischen Grundschule mit Internat in Thuong Ha, Bezirk Bao Yen, Provinz Lao Cai (Vietnam), nehmen an einem speziellen von Unicef unterstützten Unterricht teil, in dem sie erstmals mit Tablets arbeiten und eine neue Lernmethode kennenlernen. Unicef arbeitet mit seinen Partnern daran, die digitale Kluft, insbesondere für Kinder in benachteiligten Gebieten, zu überbrücken.

„Altersbeschränkungen alleine genügen nicht!“

Australien hat es eingeführt. In der EU wird es diskutiert. In den letzten Tagen des Jahres 2025 meinten Vertreter von Regierungsparteien, wenn’s in der Europäischen Union zu langsam geht, könnte Österreich vorpreschen mit einer Social-Media-Beschränkung ab – das Alter blieb noch offen. Handyverbot in den ersten acht Schulstufen gilt schon seit einigen Monaten. Im Herbst startete eine Online-Petition unter dem Titel „Kinderrechte im digitalen Raum durchsetzen!“ in der ein generelles TikTok-Verbot in Österreich und idealerweise der EU, eine Altersbeschränkung für Social Media bis 16 Jahre verlangt wird. 876 von 1000 erforderlichen Unterschriften war der Stand am 27. Dezember Mittag.

„Diese Beschränkungen spiegeln eine echte Besorgnis wider: Kinder sind online Mobbing, Ausbeutung und schädlichen Inhalten ausgesetzt, mit negativen Auswirkungen auf ihre psychische Gesundheit und ihr Wohlbefinden. Der Status quo versagt gegenüber Kindern und überfordert Familien“, begrüßte das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, Unicef, erst kürzlich – zum Tag der Menschenrechte (10. Dezember) „das wachsende Engagement für die Online-Sicherheit von Kindern“, zeigt sich aber skeptisch in Sachen Verbote. Sie „könnten sich sogar als kontraproduktiv erweisen“, heißt es im Statement.

Zwei Kinder schauen in ein Smartphone
Zwei Kinder schauen in ein Smartphone

Digitale Lebensader

„Soziale Medien sind kein Luxus – für viele Kinder, insbesondere für jene, die isoliert oder marginalisiert sind, sind sie eine Lebensader, die Zugang zu Lernen, Verbindung, Spiel und Selbstdarstellung bietet. Darüber hinaus werden viele Kinder und Jugendliche weiterhin auf soziale Medien zugreifen, sei es durch Umgehungen, gemeinsame Geräte oder die Nutzung weniger regulierter Plattformen, was es letztendlich schwieriger macht, sie zu schützen“, wird argumentiert.

„Altersbeschränkungen müssen Teil eines umfassenderen Ansatzes sein, der Kinder vor Schaden schützt, ihre Rechte auf Privatsphäre und Beteiligung respektiert und sie nicht in unregulierte, weniger sichere Räume drängt. Regulierung sollte kein Ersatz dafür sein, dass Plattformen in die Kindersicherheit investieren. Gesetze, die Altersbeschränkungen einführen, sind keine Alternative dazu, dass Unternehmen das Plattformdesign und die Inhaltsmoderation verbessern.

Bild-Montage aus Social-Media-Logos und einem Verbotsschild mit der Schrift:
Bild-Montage aus Social-Media-Logos und einem Verbotsschild mit der Schrift: „Kein Zutritt unter 16“

Verantwortung der Plattformen

Unicef fordert Regierungen, Regulierungsbehörden und Unternehmen auf, mit Kindern und Familien zusammenzuarbeiten, um digitale Umgebungen zu schaffen, die sicher, inklusiv sind und die Rechte von Kindern respektieren. Dies beinhaltet:

kijuku_heinz

Unicef –> Onlinesicherheit für Kinder

unicef –> Petition

Sternsingende Kinder und Jugendliche in Österreich

Hilfe im Zeichen des leuchtenden Sterns

Weihnachten wird oft mit Lichterglanz und Gemeinsamkeit in Verbindung gebracht. Der „leuchtendem Stern“, der den Weg zur Geburtskrippe gewiesen haben soll, steht für die vielfältigen drei „Weisen aus dem Morgenland“, zu deren Ehren der 3-Köngistag am 6. Jänner erfunden wurde. Steht aber auch für eine der größten Solidaritätsaktionen, die Sternsinger:innen.

Zehntausende Kinder ziehen Jahr für Jahr zwischen Weihnachten und dem besagten Feiertag durch Land und Städte, läuten oder klopfen an Türen und sammeln Spenden, in Österreich sind jährlich rund 85.000 Sternsinger:innen unterwegs. Im Schnitt werden rund 500 Projekte in Afrika, Asien und Lateinamerika von der Dreikönigskation, dem Hilfswerk der Katholischen Jungschar, mit dem gesammelten Geld unterstütz. Wobei längst nicht nur katholische, auch nicht nur christliche Kinder bei den Aktionen der Sternsinger:innen mitmachen. Allen Hass fördernden Sprüchen zum Trotz beteiligen sich viele junge Menschen anderer nicht zuletzt muslimischer oder gar keiner Glaubensrichtung an dieser großen Solidaritätsaktion.

Auch wenn viele Projekte unterstützt werden, so holt die Dreikönigsaktion jedes Jahr einige Schwerpunktprojekte in den Vordergrund. Rund um den Wechsel von 2025 zu 2026 sind dies:

Eines der von der DKA unterstützten Projekte in Tanzania (Afrika)
Eines der von der DKA unterstützten Projekte in Tansania (Afrika)

Arusha in Tansania

Viele Familien kämpfen täglich ums Überleben. Dürren, Armut und fehlende Bildungsmöglichkeiten treffen besonders die Kinder. Mit den Spenden wird nachhaltige Landwirtschaft unterstützt, damit Felder wieder genügend Nahrung liefern. Gefördert werden Gemüsegärten und gesunde Mahlzeiten für eine bessere Entwicklung der Kinder.

Nach dem Taifun unterstützt die DKA auf den Philippinen Projekte zum Wiederaufbau von Wohnhäusern
Nach dem Taifung unterstützt die DKA auf den Philippinen Projekte zum Wiederaufbau von Wohnhäusern

Philippinen nach dem Taifun

Supertaifun „Fung-Wong“, vor Ort „Uwan“ genannt traf Anfang November mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 200 km/h auf die Küste von Luzon. Die dabei zerstörte Schule wurde bereits mit Dreikönigs-Aktion-Spendengelder wieder aufgebaut – ökologisch und stärker gesichert.

Aber viele Familien auf den Philippinen stehen buchstäblich vor Trümmern: Häuser, Felder und wichtige Infrastruktur sind zerstört. Um die größte Not zu lindern, erhalten die Familien einfache Haushaltswaren, Werkzeug und Fischernetze, damit sie ihre Häuser aufbauen, und die Fischerboote wieder instandsetzen können.

Unterstütztung für Bewohner:innen des Regenwaldes in Brasilien
Unterstütztung für Bewohner:innen des Regenwaldes in Brasilien

Regenwald-Bewohner:innen in Brasilien

Bei der jüngsten Weltklimakonferenz im brasilianischen Belem war das Amazonasgebiet und sein Regenwald (Rand-)Thema. Ist aber entscheidend für die Menschen vor Ort UND das Weltklima.

Die Dreikönigsaktion unterstützt Bildungsprogramme für Kinder und Jugendliche und hilft den Regenwald zu bewahren. Denn, wenn der Regenwald verschwindet, verlieren Menschen ihre Heimat – und wir alle einen wichtigen Schutzschild gegen die globale Klimakrise.

Gemeinsam für eine gerechte(re) Welt, gemeinsam Gutes tun – sind Botschaften unter denen nun Zehntausende Kinder und Jugendliche als Sternsinger:innen Spenden schwerpunktmäßig für die genannten drei Projekte sammeln.

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Sternsingende Kinder und Jugendliche in Österreich
Sternsingende Kinder und Jugendliche in Österreich

dka.at

Doppelseite aus dem Buch "Michael Magone und der wirkliche Mut"

Kämpfen oder lernen – was ist wirklich mutig?!

Ausgehend von der spannenden – echten – Geschichte des italienischen Straßenkindes Michele Magone (1845–1859) hat Thomas Brezina dessen Leben mit vielen erfundenen Ausschmückungen zu 200 leicht lesbaren Seiten verarbeitet. Zum ersten Mal von 20 Jahren erschienen, ist es nun 2025 knapp vor Jahresende in einer neuen Version „Michael Magone und er wirkliche Mut“ veröffentlicht worden.

Doppelseite aus dem Buch
Doppelseite aus dem Buch „Michael Magone und der wirkliche Mut“

Überlebenskampf

Der Großteil der Kapitel umfasst den abenteuerlichen Überlebenskampf Magones und einiger weniger ihm in seiner Bande verbliebener Straßenkinder. Viele seiner früheren Mitstreiter:innen haben sich zum Gegenspieler Alessandro vertschüsst. Bei einem großen Einbruch verletzt sich der jüngste aus Magones Gruppe sehr. Da sieht der Banden-Chef keinen anderen Ausweg als ihn zur Kirche zum aufgeschlossenen Priester Don Bosco (Giovanni Melchiorre Bosco 1815 – 1888) zu bringen. Die freundliche, offene Begegnung auf Augenhöhe lässt Magone aber dennoch recht misstrauisch bleiben. Schlechte Erfahrungen, vor allem im Kinderheim des Ehepaares Peporelli, haben sein Grundvertrauen mehr als erschüttert.

Misstrauen

Dennoch scheinen die Angebote, Essen, lesen und anderes zu lernen und nicht zuletzt Fußball spielen zu dürfen verlockend. Aber echt? Und wie würden / werden andere reagieren? Showdown eines Kampfes der Banden-bosse Magone und Alessandro und … Steckt der wirkliche Mut im Kampf oder?…

Und was meint Don Bosco mit der Haselnuss, die er Michael für einige Tage borgt – in dir steckt so viel wie in dieser Nuss?…

Vorwort und erste Seite aus dem Buch
Vorwort und erste Seite aus dem Buch „Michael Magone und der wirkliche Mut“

Brezinas Buch über den Wandel vom kriminellen Straßenkind zum lernbegierigen Schüler des reformpädagogischen Priesters Don Boscos – mit vielen Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Petra Lefin – hat natürlich ein Happy End.

Ein „heiliges Kind“

Der echte Magone allerdings starb schon recht früh als Jugendlicher. Er war „einer von drei Schülern, die der Heilige Johannes Bosco für heilig hielt“; die anderen beiden: der Heilige Dominikus Savio und Franziskus Besucco. „Ein Gemälde der drei Schüler befindet sich in der Kirche San Francesco de Sales in Valdocco, Turin.“ (Wikipedia).

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Titelseite des Buchs
Titelseite des Buchs „Michael Magone und der wirkliche Mut“
Doppelseite aus dem Bilderbuch "Was macht ein Dino im Museum?"

Kommen lebendige Saurier ins Museum…

(Weihnachts-)Ferien ist auch eine Zeit, in der du möglicherweise mit Verwandten ein Museum besuchst. Solltest du Dino-Fan sein, ist das Naturhistorische Museum in Wien ein lohnenswertes Ziel – mit einem eigenen Sauriersaal, großen Skeletten von Diploducus, Allosaurus, Iguanodon und dem Flugsaurier Pteranodon samt so manche Computeranimation.

Und vielleicht magst du deiner Fantasie freien Lauf lassen und dir vorstellen, was wäre, wenn nun echte Dinosaurier auch das Museum besuchen würden, um ihre Verwandten, oder das was von ihnen übrig geblieben ist, besuchen wollen?

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Was macht ein Dino im Museum?“

Das könnte der Ausgangspunkt für die Autorin Marie Gamillscheg und die Illustratorin Anna Süßbauer gewesen sein für ihr Bilderbuch „Was mach ein Dino im Museum?“ Wobei sich Geschichte und Bilder nicht nur um einen, sondern eine ganze Schar unterschiedlicher Saurier drehen. Gemeinsam fahren sie mit einem Bus, der schon ausschaut wie ein Stegosaurier, ins Museum. Dort ist die erste Hürde das Eintrittsgeld. Wobei die Info, dass ab 12 Jahren zu bezahlen sei, offenbar ignoriert, dass in österreichischen Bundesmuseen Kinder und Jugendliche bis 19 Jahre freien Eintritt haben.

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Was macht ein Dino im Museum?“

Natürlich sorgen die versammelten Dinos für so manches Chaos, am meisten aber stört es sie, dass die Ausstellung – egal in welchem Museum – nicht die Vielfalt der Saurier abbildet, fast immer sind die Größten die Stars. Das ärgert vor allem Minisaurus. „Uns gibt es in allen möglichen Formen… mit verschiedensten Frisuren … und mit den verrücktesten Outfits!“

Womit dieses Bilderbuch auch zwischen Zeilen und Bildern für viel mehr als Dinosaurier und Museen steht 😉

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Zeitungs-Ausschnitte zum Weihnachtsfrieden 1914 und Titelseite der Broschüer übers belagerte Przemysl

Kein Weihnachtsfriede in Sicht -Musik aus dem „Großen Krieg“

Auch heuer scheint es -nicht einmal zu Weihnachten – einen kurzen Waffenstillstand in den Kriegen in der Ukraine, im Sudan und auch nicht in dem darauf zusteuernden von Donald Trumps USA gegen Venezuela geführten zu geben.

Vor mehr als 90 Jahren gab es einen solchen im ersten Winter des ersten Weltkrieges. Im Ersten Weltkrieg gab es an der Front zu Weihnachten 1914 am Heiligen Abend und am Ersten Weihnachtsfeiertag einen Weihnachtsfrieden. Und am Heiligen Abend, am 24. Dezember 1914 gab es die Weihnachtsbotschaft von Kaiser Franz Joseph I, dem Herrscher der Donaumonarchie an die Eingeschlossen der von russischen Truppen belagerten Stadt Przemyśl. Anstatt Krieg zu führen, wurde ein Friedensfest gefeiert, am Heiligen Abend und am Ersten Weihnachtsfeiertag.

Musik von Johann Strauss und Viktor Ullmann

Dies ist auch in diesem Jahr wieder Anlass für „Arbos – Gesellschaft für Musik und Theater“ online „Musik aus dem Großen Krieg zu übertragen (Link am Ende des Beitrages) – u.a. mit Johann-Strauss-Melodien, aber vor allem von Kompositionen Viktor Ullmanns: „Präzision, meine Herren, ist die Hauptsache“, dadaistische Komposition aus dem Ersten Weltkrieg arrangiert für Klavier, Sopran und Bassbariton, „Marsch“ nach dem gleichnamigen Gedicht von Theodor Kramer arrangiert für Violine, Cello, Klarinette, Saxophon, Horn, Klavier und Schlagwerk, Gebärdensprache und Stimme „Wendla im Garten“ nach dem Gedicht von Frank Wedekind, jeweils arrangiert von Herbert Gantschacher vom genannten Verein Arbos.

Weiters zu hören sein werden ebenfalls Ullmanns „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ nach dem gleichnamigen Gedicht von Rainer Maria Rilke, Nr. 2 aus Teil I in der Originalfassung des Komponisten für großes Orchester rekonstruiert von Elmo Cosentini und Herbert Gantschacher, „und nicht zuletzt Viktor Ullmanns „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ (Musik und Libretto in der Originalfassung des Komponisten rekonstruiert in Zusammenarbeit mit Karel Berman, Herbert Thomas Mandl, Paul Kling, Ingo Schultz, Alexander Drčar und Herbert Gantschacher im Auftrag von „Gesellschaft für Musik und Theater)

Eine Produktion aus dem Projekt „krieg=daDa“ von ARBOS gesungen und gespielt vom Kronthaler Saxophonquartett, Markus Rupert, Christoph Traxler, Rupert Bergmann, Katrin Koch, „ensemble kreativ“, Werner Mössler, Projekt-Chor, „arbos ensemble“ Stephen Swanson, Stefani Kahl, Ingrid Niedermair und Johannes Strasser Sendung auf ARBOS-Radio

Zeitungsberichte über Weihnachtsfrieden 1914

Über den Weihnachtsfrieden im ersten Weltkrieg berichteten „The Daily Mirror“, „The Sphere“ und die „London Illustrated News“ auch mit Bildern. Die Soldaten kamen aus den Schützengräben heraus und feierten gemeinsam an der Frontlinie, spielten Fußball, es war ein Friedensfest von kurzer Dauer, denn danach wurden sie von ihren Kommandeuren bei Todesstrafe gezwungen, den Kampf fortzusetzen. Dieser Weihnachtsfrieden war lange Zeit nur von der Westfront im Ersten Weltkrieg zwischen britischen, französischen, belgischen und deutschen Soldaten bekannt. Einen Weihnachtsfrieden gab es aber auch im Osten zwischen den Truppen des Russischen Reiches und der Habsburgermonarchie im belagerten Przemyśl. Darüber berichtete die Krankenschwester Ilka Michaelsburg, deren Buch „Im belagerten Przemyśl“ 1915 erschien, dies geschah am Heiligen Abend 1914. Ebenso am Heiligen Abend, dem 24. Dezember 1914, übermittelte Kaiser Franz Joseph I., der Herrscher der Donaumonarchie aus dem Erzhaus Habsburg die Weihnachtsbotschaft via einer Radiostation, die in Wien aufgebaut war, und an die Radiostation im belagerten Przemyśl übermittelt wurde. In dieser Botschaft wünschte er den Eingeschlossenen zum Weihnachtsfest alles Gute und bat die Bevölkerung und Soldaten auszuharren. Am Neujahrstag 1915 und zum russischen Weihnachtsfest Anfang Jänner 1915: „Im Vorfeld schwenkte der Feind die weiße Fahne und schickte eine Deputation von zwei russischen Offizieren zur Weihnachtsbeglückwünschung in unser Lager herüber. Sie brachten russischen Tabak und Zigaretten als Weihnachtsgabe … daß am russischen Weihnachtsabend österreichische Offiziere die russische Beglückwünschung erwidert haben, indem sie gleichzeitig als Gegenleistung für die Zigaretten der Belagerungsarmee – Sardinen und Salami überreichten.“

arbos-radio –> Musik aus dem Großen Krieg zum Weihnachtsfrieden

Doppelseite aus dem Buch "Die magische Weihnachtsglocke"

Eine Elfe und viele kleine Tiere auf dem Weg zu Weihnachten

24 Kapitel lang dreht sich alles um die titelgebende „magische Weihnachtsglocke“. Sie gehört zu den in einem Hollerbusch lebenden Elfen. Zum Fest leuchtet und erklingt sie und alle dürfen sich dann was wünschen.

Eine der vielen Elfen ist Lisabella, die noch dazu zu Weihnachten Geburtstag hat. Und ausgerechnet sie, die mit der Weihnachtsglocke Anfang Dezember fliegt, wird von einem Menschen entdeckt, gepackt und weit weg verfrachtet. Ihr rechter Flügel wird dabei verletzt, also nix mit Heimflug.

Kein leichter Weg

Soweit die Ausgangslage rund vier Wochen vor dem Fest. Mühsam und beschwerlich wird der Rückweg, der noch dazu nicht so einfach ist. Wo befindet sie sich? Wo ist der Hollerbusch. Nach und nach kommen verschiedene Tiere zu Hilfe und gesellen sich zur Wandergruppe: Maus Pepi, Maulwürfin Hanni, krähe Karli, Spatz Franz, Hase Leo. Irgendwann dazwischen hilft auch noch eine namenlose Kuh. Eine Igelin namens Ida, die Elster Josi und das Eichhörnchen Fanny, die rote Katze Blumi sowie Silver, ein altes Pferd, Fischlein und zwei Schwäne kommen auch noch in der abenteuerlichen Geschichte vor.

Doppelseite aus dem Buch
Doppelseite aus dem Buch „Die magische Weihnachtsglocke“

Klar geht aber auch gemeinsam nicht immer alles glatt. Soll auch nicht, die Geschichte, die sich Brit Blumilon ausgedacht und am Beginn jedes der meist knapp mehr als dreiseitigen Texte mit einer magisch wirkenden Schwarz-Weiß-Zeichnung versehen hat, soll ja bis zum Schluss spannend bleiben. Auch wenn natürlich von Anfang an klar mitschwingt, dass Lisabella – und einige ihrer tierischen Begleiter:innen – es sicher rechtzeitig zum Hollerbusch schaffen werden.

Wo du dann – per QR-Code nach der letzten Seite – zu einem nicht ganz alltäglichen Weihnachtslied kommst, in dem das Christkind unter anderem pupst (Lied: Urban Elves)

Das Buch hat übrigens die Gruppe „Töchter der Kunst“ zu ihrem musikalischen Theaterstück „Wirrum Warrum Wundeglocke“ inspiriert – Stückbesprechung unten verlinkt.

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Großgruppenfoto aller (anwesenden) Finalist:innen, Juror:innen, Schauspieler:innen, Organisator:innen

„Beschleunigen Sie Ihr Denken“ vs. Trauer um Momente

„Ich beginne meinen Arbeitstag, wie es das Protokoll besagt: Optimieren Sie Ihre Atmung. Beschleunigen Sie Ihr Denken… Ich arbeite im Ministerium für Informationsfluss, in der Abteilung für Textverdichtung. Unsere Mission ist es, jegliches entschleunigte Denken aus den Netzwerken zu entfernen. Wir sortieren Wörter, die zu lange brauchen, aus. Intern nennen wir das Entschleunigungsterrorismus, die größte Gefahr aller Zeiten, dicht gefolgt von der Mittagspause. Der Begriff wurde übrigens in Rekordzeit erfunden: 0,8 Sekunden.
Mein Kollege kaut zu langsam, sein Kiefer unterschreitet die vorgeschriebene Bissrate. Kein Wunder, dass zwei Wächter schon auf ihn zustürmen. Letzte Woche wurde jemand abgeführt, weil er beim Niesen eine halbe Sekunde zu spät Gesundheit gesagt hat. …
Mein Pacer piept leise. Warnstufe Gelb. Ich habe zu lange nachgedacht, wie gefährlich!…“

Aus den 23 Finaltexten lasen die Profi-Schauspieler:innen Markus Meyer, Kaspar Locher, Zeynep Buyraç und Maximilian Thienen
Aus den 23 Finaltexten lasen die Profi-Schauspieler:innen Markus Meyer, Kaspar Locher, Zeynep Buyraç und Maximilian Thienen

Jubiläum

Diese Sätze stammen aus einem der 23 Finaltexte Jugendlicher bzw. junger Erwachsener des Literaturbewerbs Texte Wien. Zum zehnten Mal waren junge kreative Schreiber:innen – und das trotz des Namens nicht nur aus Wien – eingeladen, ihre Gedanken zu einem Jahresthema zu verfassen; rund 4000 junge Leute haben in diesem Jahrzehnt Texte für den Bewerb eingereicht. „Tempo“ war das Motto für den Jubiläumsbewerb. „Schneller atmen“ titelte Julia Bohrer aus dem Gymnasium Neusiedl am See ihren Beitrag, aus dem die Eingangspassage zitiert ist.

Zum zweiten Mal fand die Preisverleihung – immer mit genau zweiminütigen Textauszügen – gelesen von vier Profi-Schauspieler:innen (Zeynep Buyraç, Kaspar Locher, Markus Meyer und Maximilian Thienen) im Schauspielhaus Wien (davor viele Jahre – mit Ausnahme der Pandemie-Ära im Burgtheaterspielort Kasino am Schwarzenbergplatz) statt; jeweils untermalt von einer jugendlichen Band, heuer Leeta – mehr dazu in einem eigenen Beitrag.

Veröffentlichungen

Übrigens: Alle Texte, mit denen die jungen Autor:innen ins Finale gekommen sind, können auf der Homepage des Bewerbs – am Ende des Beitrages verlinkt – (nach-)gelesen werden, und zwar aus allen Bewerbsjahren bis 2016 zurück.
Der Text des aktuellen Siegers ist in einem eigenen Beitrag auch hier auf dieser Website – ebenfalls unten verlinkt – vollständig veröffentlicht: „Elfzwanzig“ von Philip Pecoraro, eine Hommage an den 12. Bezirk von Wien, übrigens ist Meidling einer von nur drei der 23 Bezirke, die den Bewerb – bisher – nicht unterstützen.

Auszüge aus dem zweit- und dritt-platzierten Text – „Sonne über dein Haupt“ von Theresa Schmerold sowie „Ein Haufen Kindheit“ von Bruna Karolyi – sind ebenfalls in eigenen Beiträgen unten verlinkt – die Top 3 jeweils auch mit den Begründungen der Jury (Judith Fischer, Erwin Greiner, Andrej Haring, Eva Holzmann, Julia Jost, Vanja König, Hanno Millesi, Lene Moormann und Jana Podbelsek).

Unterschiedliches Zeitempfinden

Tempo, obwohl sich dies – wie im eingangs zitierten Beitrag – mit Rasanz in den meisten Köpfen fast automatisch verknüpft, kann aber auch das glatte Gegenteil sein. Und so kreisen so manche der jugendlichen Texte durchaus um Innehalten, ja sogar Stillstand.

Wechselbad

„Ich lebte ein temporeiches Leben, das vom schnellen und dreckigen Geld finanziert wurde. Am Anfang tat ich es für die bunten Scheine, dann für die unantastbare Macht und letztendlich, um die Welt zu erobern. Ich hatte mich schon damit abgefunden, entweder Gefängnis oder Millionen. Doch das ewige Streben nach mehr zog mich in die Strömung eines Teufelskreises, in dem ich, ohne es zu bemerken, ertrank“, beginnt er Text von Arda Aksoy aus dem Schulzentrum Ungargasse (Wien-Landstraße).
„Mir kam es so vor, als ob die Sanduhr meines Lebens durch die Risse im Glas unkontrollierbar Körner verlor. Mein Leben verging wie im Zeitraffer, Klamotten von Designern, deren Namen ich nicht aussprechen konnte, Freundlichkeiten von Menschen, die mich verachteten, die Sättigung meiner Gelüste, alles lief perfekt, bis der Traum platzte. Als die Tür aufknallte und die engen Handschellen sich schmerzhaft in mein Fleisch bohrten, überrumpelte mich ein Gefühl der Reue, ein Drang, die Welt anzuzünden und mit ihr zu verbrennen.
Die restliche Zeit meiner Existenz soll ich hier verbringen? An einem Ort, an dem keine Blumen aufblühen, die Vögel nicht zwitschern, die Sterne nicht leuchten und die Tage nicht vergehen. Ist es leicht, immer die gleiche Wand zu sehen und mit Kreide jeden Tag zu zählen? Der kalte Luftzug, der unter der Stahltür durchzieht, die verrosteten Gitter oder das steinharte Bett, alles ist hier verflucht, oder bin ich derjenige, der seine Umgebung mit einem Fluch belegt?
Der Tag, an dem ich einen Fuß auf diesen kalten Beton setzte, änderte alles. Die Zeit verlangsamte sich und die Sühne meiner Sünden fing an…“

Er schreibe eigentlich erst seit rund 1½ Jahren, vertraut der Autor des Textes „Gefallene Sterne“, aus dem die vorigen Absätze zitiert sind, dem Reporter an, sei ein Fan von Romanen russischer Dichter wie Dostojewski, lese aber auch auf Türkisch und Deutsch. „Ich sammle im Alltag Ideen, verknüpfe sie dann wie bei diesem Text viel mit Szenen aus Filmen, die mich inspirieren. Zu „Tempo“ wollte ich den krassen Wechsel von der Hektik zum Stillstand, wie ich ihn mir in einem Gefängnis vorstelle, zumindest von dem, was ich in Filmen gesehen habe.“

Lesung aus dem Text von Yuliia Obukhivska
Lesung aus dem Text von Yuliia Obukhivska

Zitate

So wie Jury-Entscheidungen durchaus subjektiv sein können, so ist es auch die Auswahl an Zitaten hier in diesem Beitrag, der eben nicht nur die Top3-präsentieren will. Alle 23 jungen Autor:innen, die es mit ihren Texten ins Finale geschafft haben, sind schon Sieger:innen. Dieser Beitrag und die vielen Zitate aus Texten wollen Lust darauf machen, selber in den einen oder anderen, vielleicht auch mehrere der eingereichten Texte reinzulesen.

„Der Bühnenraum eines Theaters war schon immer ein Zufluchtsort der Randständigen, dort galten die gesellschaftlichen Regeln weniger streng“, schreibt Yuliia Obukhivska von der Grazer HTBLVA (Höhere Technische Bundeslehr und Versuchsanstalt) Ortweinschule mit einem künstlerischen Zweig in „Niko, oder Vom Kolonialismus erzählt“. In einem Beitrag, der nur unwesentlich kürzer ist als alle anderen 22 zusammen, baut sie eine Jahrhunderte umfassende Geschichte der Ukraine ebenso ein wie Vampirismus, Neu-ankommen in einer Schulklasse und eben Außenseitertum sowie intensive Gefühle.

Franziska Payr in „Chronoton“

„… jede Sekunde Stillstand hinterlässt eine Verbrennung, und er wird bewundert, ja man bewundert ihn hinter vorgehaltener Hand, denn Bewunderung ist nur eine höfliche Reform des Ekels… weil Zersetzung Bewegung ist, ein Prozess. Kein Stillstand…“

Anna Rauch, „Das schönste Gefängnis der Welt“, Juridicum Wien

„Ich werde mich nicht mehr biegen und nicht mehr versuchen, mich in mich selbst zu verleben, stattdessen über meine einsamen Dämonen siegen und, Freiheit. Ich atme Sie ein und nie wieder aus, halte sie fest, wie ein Kind seinen Traum.“

Leonard Reichmann, „Vorbei“, Wiedner Gymnasium, Sir Karl Popper Schule

„Mein Schleichen wird zu einem sicheren Gang, mein Gehen zu einem gehetzten Lauf – ich laufe nach vorne, in die unendliche Weite, ohne Ziel, ohne Richtung, ohne klar ersichtbaren Sinn. Nach einiger Zeit komme ich erschöpft zum Stehen. Ich keuche atemlos vor mich hin und setze mich langsam auf den Boden. Wie anstrengend es doch ist, so lange zu laufen, ohne dabei vorwärtszukommen.“

Lara Wieser, „grundlos“, ISK Kufstein

„Ich habe doch alles, was das Herz begehrt. Mir kann es nicht schlecht gehen. Trotzdem ertrinke ich nun neben all diesen Dingen. Sie könnten mein Anker sein, mein Fels in der Brandung. Doch ein Fels sinkt schneller als ein menschlicher Körper. Drückt nach unten… Es ist viel einfacher, dem Sog zu folgen, als gegen ihn anzukämpfen…“

Marie Sekira-Philippe, „Endenlernen“, Wirtschaftsuni Wien

„Ich wünschte, ich wäre ein Schwamm. Ich wünschte, ich könnte jeden Moment wie ein Schwamm aufsaugen. Ich versuche krampfhaft, alles festzuhalten. Alle Erinnerungen so lebhaft zu behalten, als wären sie nie zu Ende gegangen. Ich trauere Momenten nach noch während sie passieren…“

kijuku_heinz

https://texte.wien

Texte.wien-Sieger 2025: Philip Pecoraro

Siegertext: Elfzwanzig

Er war eine Bimgeburt. Im 62er, Ecke Dörfelstraße, Meidling. Die Jungen hat’s gefreut, weil Kinder doch so lieb sind, und die Alten gestört, weil allweil so ein Lärm is‘. Nur der Fahrer hat wieder nur ans Dienstrecht gedacht und ob er an allem schuld ist oder nicht. Dabei war Er nur eine Störung im Betriebsablauf.
Eingeschult, ausgeschult, früh angestellt, schnell entlassen worden. Lang studiert – also die Speisekarte beim Wirten. Gegen Akademiker keine Abneigung, aber auch keine Sympathie. Die haben immerhin noch nie richtig gearbeitet. Eh, Er auch nicht, ja klar, sowieso. Aber bei Ihm ist das doch was anderes.
Und so steigt Er montags in seinen Toyota Corolla und fährt Richtung Niederhofstraße. Da ist in der Ruckergasse – etwa da, wo die Ratschkygasse kreuzt – ein Riesen-Bahö. Er fährt langsam, das will Er sich anschauen. Wann ist in Elfzwanzig immerhin sonst was los? Die ultrarechten Linksliberalen werfen den linksextremen Rechtsradikalen Hühnereier ans Parteilokal. Die Linken hassen nämlich die Rechten und die Rechten hassen die Linken, nur den Hausbesorger Rypacek interessiert das alles nicht. Der will nur wissen, welche Güteklasse die Eier haben, weil Güteklasse A sich so schwer wieder entfernen lässt.
Er hält sich da aber raus aus dem Bahö, immerhin ist es nicht seines, und mit Politik hat Er nichts am Hut. Entscheiden, das tun sowieso die da oben – das denkt nicht nur Er, das denken viele, betont Er gern. Deshalb gibt man in Österreich vermutlich alle 30 Jahren dem Extremen eine Chance. Aber damit kann man Ihm gestohlen bleiben.
Nein, Er muss weiter. Gang rein, auf’s Gas, Ruckergasse runter. Nicht geschaut, nicht gebremst. Mit 50 Sachen in einen Mistkübler rein. Von hinten. Toyota hin. Er auch.
Am Folgetag erwacht Er müde, in kater-ähnlichem Zustand in einer Einliegerwohnung am Schöpfwerk, Meidling. Eine Wiedergeburt ist anstrengend. Am Tisch zwei leere Bier und ein Bescheid des Himmlischen Comebackfragenzentrums. HiCofraZ. Hunger hat Er, und keine passende Hose. Dafür in der Garage einen Tiguan.
Er fährt einkaufen und trifft am Eingang, da wo die Hunde draußen bleiben müssen, die Grüß-Gotts mit ihren Zeitungskalendern und die Zum-Wohls mit ihrem Großgebinde Rotwein. Er hat keine Angst. Nur der hat Angst, dass die Zum-Wohls einem was tun, dem sie noch nie was getan haben, sagt Er. Ihn hat am Bahnhof mal einer beleidigt, in einer Fremdsprache. Doch sowas kann Er verkraften.
Nur an der Kassa hört der Spaß auf. Riesenschlange – eine alte Dame hat’s genau. Zweite Kassa! Er ruft sowas nicht, das schickt sich nicht, findet Er. Die neue Hose gleich einem Schal lässig umgeschwungen, weil Er keine Hand frei hat, geht Er in die Tiefgarage. Da fällt der Alten von der Kassa das 6er-Tragerl Bier hinunter und drei Flaschen gehen zu Bruch.
Er hilft und bückt sich. Kniebeuge, Armstrecken, Bierheben. Wird dabei völlig übersehen. Im Rückwärtsgang, beim Ausparken. Kastenwagen. Installateur Atesli, bei Rohrgebrechen aller Art. Firmenauto ein Totalschaden. Er auch.
Am Folgetag liegt Er benebelt auf einem Kuhfellteppich in der Zöppelgasse, Meidling. Ein Hund zerreißt seinen Bescheid des HiCofraZ. Guten Morgen! Eine alte Dame gießt Hortensien. Sie hat einen Hund namens Katze, eine Katze namens Erwin und einen Erwin namens Holecek. Der liegt bei ihr am Sofa.
Er verlässt die Wohnung und belädt seinen Twingo. Da blickt Er in die Ferne und sieht schwarze Punkte. Die Zugvögel, seufzt Er, aber in Wahrheit sind es nur Mistelbacher im Stau gen Italien. Er träumt, träumt vom Meer, von Amore, von Espresso und von Jesolo. Dabei sind eigentlich nur Mistelbacher dort. Wenn Er unten ist, trinkt Er immer Birra Moretti und Montepulciano und benimmt sich auch sonst wie zuhause, nur dass man da ins Meer schiffen kann. Nicht wie daheim ins Bankett.
Die alte Holecek ruft Ihn, Erwin ist gestürzt. Er denkt zunächst an die Katze, sieht aber bald ihren Alten im Stiegenhaus liegen. Schnell hilft Er, bei Stürzen zählt jede Sekunde, das weiß Er. Da geht die 3er-Tür auf und die Czapka ruft, was allweil so ein Radau ist, man könne sich nicht aufs Fernsehen konzentrieren. Als sie den Holecek sieht, eilt sie zur Hilfe und verwendet zwei Freiminuten für einen gebührenfreien Notruf.
Zwei Zivildiener verladen den Holecek. Bahre, festzurren, Abfahrt. Sie sind in Eile. Da beißt ihn Katze. Er stolpert, vor die Rettung. Die Zivis erschrecken. Ihre Nerven hinüber. Er auch.
Am Folgetag sitzt Er zugedröhnt an einem Esstisch in Hetzendorf, Meidling. Er weiß schon, was Sache ist, und zündet sich mit dem Wisch vom HiCofraZ eine Zigarette an. Er will unter die Leute kommen und fährt mit seinem Fiat Punto zum Wirten.
Drinnen wird geschimpft, über Preise, echte Wiener, solche die es werden wollen und über solche, die es nicht sind, obwohl sie so tun. Wer Wien hasst, der kann sich schleichen gehen!, ruft einer. No na, denkt Er, was sonst. Wer Wien hasst, liebt es in Wahrheit, das sagt Er immer. Und wer Ihn nicht liebt, ist sowieso selbst schuld. Da fängt einer, der Vucevic heißt, mit den Ausländern an. Daraufhin meint ein anderer, der Novak heißt, dass der Vucevic ja selber einer ist.
Das will der Vucevic nicht auf sich sitzen lassen und nennt den Novak einen Tschechen, was der Novak bestreitet, immerhin wären seine Ahnen schon in der Kaiserzeit gekommen. Da hat er Recht, denkt Er, das kann der Vucevic nicht von sich behaupten. Aber der winkt nur ab und beschwichtigt in ein Krügerl hinein. Er steht auf der Gasse, da fällt Ihm noch was ein. Am Ende sind wir alle Elfzwanziger!, ruft Er hinein und erntet Zustimmung. Klar, sowieso, no na.
Dem 8A versagen da die Bremsen. Rutscht, rollt, schlittert. Direkt auf den Wirten zu. Er weicht nicht aus. Er weiß, was jetzt kommt. Eilmeldung. Kronen Zeitung. Bus rast in Wirtshaus. Eingangstür zerstört, Mann überfahren. Das war Er. Schon ein Scheißpech, denkt man im HiCofraZ. Arme Sau. Aber Er, Er sieht die Sache gelassen. Den Kater morgen wird Er verkraften. Solange Er nur wieder in Elfzwanzig lande
t.“

Texte.wien-Sieger 2025: Philip Pecoraro mit Christoph Brandle, dem Initiator und Leiter dieses Jugendliteraturbewerbs und Markus Meyer, Burgschauspieler und Obmann des Vereins Literarische Bühnen Wien
Texte.wien-Sieger 2025: Philip Pecoraro mit Christoph Brandle, dem Initiator und Leiter dieses Jugendliteraturbewerbs und Markus Meyer, Burgschauspieler und Obmann des Vereins Literarische Bühnen Wien

Aus der Jurybegründung

„Der Text überzeugt durch seinen rasanten, pointierten Erzählfluss, der das Wettbewerbsthema Tempo meisterhaft umsetzt. In schnellen Schnitten und mit wienerischem Schmäh jagt die Geschichte ihren Protagonisten durch ein Leben voller absurder Zufälle, alltägliche Katastrophen und grotesker Wiedergeburten. Die temporeiche Abfolge von Szene – jedes Mal abrupt endend, jedes Mal nahtlos neu beginnend – erzeugt eine komische wie tragische Dynamik, die den Leser atemlos mitreißt.

Sprachlich präzise, rhythmisch, humorvoll und mit scharfem Blick für gesellschaftliche Eigenheiten verbindet der Text das Wettbewerbsthema mit Charaktertiefe und Milieugespür. Die Geschwindigkeit mit der Leben, Tod und Wiedergeburt ineinander krachen, macht den Text formal wie inhaltlich zu einem herausragenden Siegerbeitrag.“

https://texte.wien

Zweitplatzierte bei Texte.wien 2025: Theresa Schmerold

„Sonne über dein Haupt“

„Da steht er, zwischen den anderen, eine grün-weiße Raupe mit Zyklopenauge, schief am Stammplatz, du hast es eilig gehabt. Dein Bus ist mutterseelenallein, schwach beleuchtet. Ich habe ihn an den Post-its erkannt, sie kleben an der Windschutzscheibe und am Armaturenbrett. Ich gehe langsam auf ihn zu, hole die Stange aus dem schwarzen Rucksack, leger auf einer Schulter, lege das Eisen ans Gummi der Tür, es gibt leicht nach, ganz einfach, ich stemme die Tür auf, wie du es mir gezeigt hast und steige ein, dein Platz ist frei, aber ich sehe dich noch sitzen, verschmolzen mit dem bedruckten Stoffsitz. Direkt über dem Fahrersitz ist eine Sonne gezeichnet, dein eigener Stern…

Ich habe erst nach zwei Wochen meines neuen Schulwegs erkannt, dass immer du da vorne sitzt und fährst, immer im selben Bus, wie hast du das geschafft, habe ich dich gefragt, wenn du lange genug dabei bist, bist du frei irgendwann. Die Leute bemerken dich nicht mehr, so bist du mit dem Bus verwachsen und er mit dir, hast beobachtet und mitgeschrieben. Notierst die Geschichte, sie klebt gelb um dich rum. Du hast mir ab der vierten Woche eine Bedeutung zugewiesen, ich bin der, der sein Geld nie dabei hat, Schwarzfahrer, der trotzdem bezahlt, mit Kastanien, mit Nimm2, mit Spickzetteln oder einem Wort, ich habe dir nie eine Münze gegeben, du hast gesagt, ich nicht, ich muss mehr zahlen, den höheren Preis, du hast dir das ausgedacht in der vierten Woche, beim achten Mal Geld vergessen.
Unsere Freundschaft, Bekanntschaft, die lief so: Ich steige ein, ich bezahle (ich mache eine Pirouette, gebe dir ein Herbstblatt, sage meine Lieblingseissorten alphabetisch auf, du bestimmst den Preis), du schüttelst mir ernst die Hand, grüßt, ich gehe die Reihen entlang, der Rucksack schief auf den Schultern. Immer derselbe Platz, du links vorne, ich rechts hinten, in Fahrtrichtung. Auf dem Sitz vor mir steht: Lebn ist hart ohne S-Budget Juneberry, und, ich war das nicht, habe ich dir gesagt, als wir Plätze getauscht haben.“

Zweitplatzierte bei Texte.wien 2025: Theresa Schmerold mit Melina Papoulia, Dramaturgi-Assistentin am Schauspielhaus Wien und Markus Meyer, Burgschauspieler und Obmann des Vereins Literarische Bühnen Wien
Zweitplatzierte bei Texte.wien 2025: Theresa Schmerold mit Melina Papoulia, Dramaturgi-Assistentin am Schauspielhaus Wien und Markus Meyer, Burgschauspieler und Obmann des Vereins Literarische Bühnen Wien

Aus der Jurybegründung

Sonne über dein Haupt“ ist die Geschichte eines Schülers, der im Chauffeur des Busses, mit dem er in seine neue Schule fährt, einer alternativen Form von Lehrer begegnet. Von ihm lernt er unter anderem, dass es auch andere Formen der Bezahlung gibt, dass es gilt, Freiheit auszusitzen, und erst dann davon gesprochen werden kann, wenn man für die anderen unsichtbar geworden ist.
Sukzessive verwandelt sich das Innere des Busses in eine sonderbare Form von Klassenzimmer, in dem rund um den Fahrersitz auf zahlreichen Post-its Die Geschichte geschrieben steht. Als der Chauffeur eines Tages tatsächlich nicht mehr ist, nimmt der Protagonist dieses Zettelwerk an sich. Zurück lässt er hingegen die Zeichnung einer Sonne, dort, wo sich, knapp darunter, tagtäglich die Halbglatze des Fahrers befunden hat.
Was diesen Text auszeichnet, ist der Mut, erzählerisch alternative Wege zu gehen, das Erblühen einer Beziehung zwischen einem Heranwachsenden und einem Rädchen im Alltagsbetrieb zu schildern und dabei, anstatt auf altbekannte Bilder zurückzugreifen, selbst welche zu erfinden. Auch scheut der Text nicht davor zurück, jene Akteure ins Zentrum zu rücken, die dazu tendieren, Teil des Hintergrundrauschens unseres Lebens zu sein und anzuerkennen, dass gerade ihre Menschlichkeit und die Eigenheit das Gewöhnliche zu etwas Besonderem werden lassen können. Wir tauchen in die Vorstellungswelt eines sich entwickelnden kreativen Geistes ein, der bereit ist mit seinen eigenen Einfällen vorlieb zu nehmen.“

Drittplatzierte bei Texte.wien 2025: Bruna Karolyi

„Ein Haufen Kindheit“

„Schließlich tat ich das, was ich immer getan hatte, ich floh in mein Kinderzimmer. Wie erstarrt in der Zeit, so unberührt, dass es mir Angst machte. Mit einem seltsam fremden Gefühl ging ich im Raum auf und ab. Ich riss das Fenster auf, um den abgestandenen Geruch loszuwerden. Auf dem Bett unter der Dachschräge saß Rudi, mein Kuschelbär, mit dem von Oma bestickten Blümchenpullover. An den Wänden, glänzend poliert, hingen Medaillen, Pokale und Bilder von einem strahlenden Mädchen mit Dutt und Tutu neben einer noch strahlenderen Mutter. Die Spitzenschuhe, am Haken daneben, ließ ich unberührt in ihrem grazilen Stolz.
Dann begann ich nacheinander die Schubladen meines Schranks zu öffnen. Betrachtete alles mit Sorgfalt, als wäre es fremdes Eigentum. Vorsichtig strich ich über die aus Holz geschnitzten Tiere, mit denen ich mich stundenlang beschäftigt hatte. Die verblasste Spieldose, mit der sich drehenden Tänzerin, hielt ich besonders lange und summte die Melodie. Gemeinsam mit meiner Herzchen-Kette, die ich von meiner besten Freundin bekommen hatte, bildeten Rudi, die Holztiere und die Spieldose einen kleinen Haufen am Parkettboden vor mir. Die anderen Spielsachen schlichtete ich mit gründlicher Genauigkeit an ihren Platz zurück. In der untersten Lade meiner hellrosa Kommode fand ich meine alte Barbiepuppe Annelies. Ihre blonden Haare waren in einen großen Knoten zusammengefilzt, ihre Plastikhaut hatte längst den frischen Glanz verloren und ihr fehlte der rechte Stöckelschuh. Ich hielt sie und weinte. Endlich weinte ich. Die tiefgekühlten Gefühle schmolzen und tropften auf meine Hose. Ich weinte um das kleine Mädchen, ein Werkzeug der verpassten Träume ihrer Mutter und die Schuld, immer wieder daran zu scheitern, diese einzuholen…“

Drittplatzierte bei Texte.wien 2025: Bruna Karolyi mit Melina Papoulia, Dramaturgi-Assistentin am Schauspielhaus Wien und Markus Meyer, Burgschauspieler und Obmann des Vereins Literarische Bühnen Wien
Drittplatzierte bei Texte.wien 2025: Bruna Karolyi mit Melina Papoulia, Dramaturgi-Assistentin am Schauspielhaus Wien und Markus Meyer, Burgschauspieler und Obmann des Vereins Literarische Bühnen Wien

Aus der Jurybegründung

Ein Haufen Kindheit entfaltet seine Dramatik in ruhigen, präzisen Bildern, die jedoch emotional mit großer Wucht voranschreiten. Durch die Gegenüberstellung des erstarrten Elternhauses und der sich immer schneller verdichtenden inneren Aufarbeitung erzeugt der Text ein stilles, aber stetig zunehmendes Tempo der Erkenntnis.
Die Autorin zeigt, wie kraftvoll langsames Erzählen sein kann: Die Rückkehr in das Kinderzimmer, das Öffnen der Schubladen und das Wiederentdecken der Objekte der Kindheit werden zu einer sukzessiven Beschleunigung des inneren Wandels. Der Moment des Weinenkönnens markiert einen emotionalen Durchbruc, der den Text – ohne äußere Hast – in ein starkes finales Tempo führt. Das scheint vor allem dem Publikum besonders gefallen zu haben. Denn ausschlaggebend für den dritten Platz war hier das Public Voting.“

Lesung aus "Elfzwanzig" von Philip Pecoraro

Sammle gern sprachliche Kuriositäten

Zeitreisen spielten in manchen Texten zum Thema Tempo der jugendlichen Autor:innen eine Rolle. Neben vordergründigen Wiedergeburten baute der Autor des dieses Jahr siegreichen Textes „Elfzwanzig“ – der Ort seiner Handlungen, gleichzeitig sein Heimatbezirk, ist Meidling, der 12. Wiener Bezirk mit der Postleitzahl 1120 – auch gleichsam zeitreisende Altwiener Begriffe ein. So verwendet er „Mistelbacher“ für Polizisten, was einen rund 100 Jahre zurückliegenden historischen Grund hat (Link weiter unten).

„Ich mag so alte Wiener Bezeichnungen und sammle sprachliche Kuriositäten“, beantwortet er die Frage von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… woher er diesen – seit vielen Jahrzehnten gar nicht mehr üblichen Begriff – kenne. Texte, die nicht für die Schule sein müssen, schreibe er ungefähr seit der Zeit, als er im Gymnasium begonnen habe. „Zeitweise wenn mir sehr fad ist, beginne ich Texte zu schreiben oder zumindest Gedanken zu sammeln. Das meiste auf papiernen Zetteln. Mein Laptop ist so langsam, da mach ich nur das Nötigste. Manches Mal schreibe ich auch in Hefte. Einmal hab ich leider ein solches mit vielen Notizen in einem Lokal verloren. Vielleicht finde ich ja einmal irgendeinen Text von jemandem, der das Heft gefunden und meine Aufzeichnungen verwendet hat“, meint Philip Pecoraro augenzwinkernd.

kijuku_heinz

sagen.at –> weinviertel/–> polizisten

Lesung aus dem Text von Bruna Karolyi

Eiseskälte rund um eine Teetasse

Eine der vielleichtheftigsten Passagen der rund 100 A4-Seiten der 23 Finaltexte des Jubiläums-Jugendliteraturbewerbs „texte.Wien“ stammt aus „Ein Haufen Kindheit“ von Bruna Karolyi (Gymnasium Neusiedl am See), die damit den dritten Platz belegte: „Die einzige Wärme im Raum ging von der Tasse Tee aus. Geredet wurde nur wenig. Die Stille war mir so vertraut, dass es beinahe komisch war, wie sehr sie mich erdrückte. Nur die Uhr tickte. Immer lauter…“ Bleibt zu wünschen, dass möglichst wenige solche Gefühle an den bevorstehenden Feiertagen erleben (müssen).

Drittplatzierte bei Texte.wien 2025: Bruna Karolyi mit Melina Papoulia, Dramaturgi-Assistentin am Schauspielhaus Wien und Markus Meyer, Burgschauspieler und Obmann des Vereins Literarische Bühnen Wien
Drittplatzierte bei Texte.wien 2025: Bruna Karolyi mit Melina Papoulia, Dramaturgi-Assistentin am Schauspielhaus Wien und Markus Meyer, Burgschauspieler und Obmann des Vereins Literarische Bühnen Wien

Wobei die Autorin im Gespräch mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… betont, dass „Dies aber nichts Autobiographisches ist, sondern alles ausgedacht. Ich versuche beim Schreiben immer wieder, mich in andere Personen hineinzuversetzen.“ Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… erzählt sie: „Ich hab schon in der Volksschule begonnen mehr zu schreiben als für die Schule gefragt war. Und im Gymnasium in Neusiedl hatte ich das Glück, dass wir da eine kreative Schreibwerkstatt haben. Trotzdem schreib ich das meiste dann in der Freizeit. Für diesen Text hatte ich ziemlichen Zeitdruck. Genau deshalb wollte ich mit Verlangsamung, ja fast Stillstand experimentieren.“

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Junge Band "Leeta" begleitete die Preisverleihung von texte.wien 2025 im Schauspielhaus der Bundeshauptstadt

Verspieltes Outfit, wortspielerischer Bandname

Alljährlich begleitet eine neue, junge Band die feierliche Preisverleihung mit professioneller Lesung aus den Finaltexten durch Schauspieler:innen, zunächst „nur“ des Bugtheaters, seit der neuen Location auch aus dem Schauspielhaus Wien. In diesem Jahr spielte „Leeta“ auf. Noah Sarich (eGitarre und Gesang), Leona Sperrer (ebenfalls eGitarre und Gesang), Lea-Carlotta Walenta (Bass) und Paul Peschke (Schlagzeug) spielten und sangen selbst geschriebene Songs – in auch selbst gemalten und geschneiderten T-Shirts mit den Symbolen von Spielkarten.

Junge Band
Junge Band „Leeta“ begleitete die Preisverleihung von texte.wien 2025 im Schauspielhaus der Bundeshauptstadt

„Wenn wir uns treffen, um neue Songs zu schreiben, reden wir über das Thema, das wir bringen wollen, und entweder schreiben wir gemeinsam oder die eine oder der andere schreibt dann. Und das mit den Spielkarten haben wir einmal ausprobiert und uns gedacht, das ist ganz cool und hat einen Wiedererkennungswert. Vorerst bleiben wir sicher dabei.“

Die jungen Musiker:innen verraten Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… auch den Hintergrund für den Bandnamen. Die beiden Frauen haben in einer WG beim Karmelitermarkt in Wien-Leopoldstadt gewohnt. „Das hat uns gefallen und wir wollten von dem Namen ausgehend, was Verfremdetes und so sind wir von Karme-liter auf Leeta gekommen!“

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Von Grinch inspirierter Pulli - Fröhliche Was-auch-immer

Fröhliche Was auch immer: Spenden statt Spekulation

Festliche Krippen gibt es in unterschiedlichsten Formen, einer der wohl ungewöhnlichsten steht derzeit in einer Auslage eines Geschäftslokals in der Wiener Burggasse (Hausnummer 24): Das beim krippenverein Wien gestaltete Modell der Baustellenruine des geplanten Kaufhauses Lamarr, eines einst Prestigeobjekts von René Benkos Signa.

„Spenden statt spekulieren!“ ist die Erklärung der Marketing-Agentur HFA zu dieser Beton-Krippe übertitelt. Der QR-Code führt zum Winterpaket“ der Obdachlosen-Zufluchtsstätte Gruft der Caritas. „Die handgemachte Krippe zeigt die Ruine an der Mariahilfer Straße als Symbol für Größenwahn, Macht und den Verlust an sozialem Bewusstsein. Und soll daran erinnern, dass Weihnachten von Mitgefühl, Gemeinschaft und Menschlichkeit handelt – und nicht von Profit.“

Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens

Passend zum Thema Gier vs. Menschlichkeit läuft übrigens das teatro-Musical nach Charles Dickens’ berühmter „Weihnachtsgeschichte“ von bis 23. Dezember in der Stadtgalerie Mödling; Stückbesprechung und Detailinfos unten am Ende des Beitrages verlinkt.

Lichterkette, Tee, Punsch

Tourte „Die Werkstatt – Baumanstraßen-Verschönerungsverein“ im Vorjahr vor Weihnachten mit einem Fahrradanhänger als mobilem Punschstand an einige Orte des dritten Bezirks, Landstraße, so spielte sich 2025 am letzten Adventsonntag ein einmaliger Tee- und Punschstand in der Grätzel-Oase dieser kleinen Gasse ab. Diese von den Werkstattleuten eigenhändig gebaute gemütlich gestaltete Insel ist Teil des Projekts, die Gasse menschenfreundlicher und lebenswerter zu gestalten. Dazu gehören auch die gegen Ende der Sommerferien seit zwei Jahren organisierten Straßenfeste – siehe unten verlinkte Berichte.

kijuku_heinz

gruft.at

Ellen Wollmann vor einigen der Bilder, an deren Erstellung sie mitgewirkt hat

Hammerhai ist für Künstliche Intelligenz Hammer + Hai

„Ein Mann chillt mit einem Hammerhai“ – zwei Mal gaben unterschiedliche Jugendliche in einem KI-Workshop diesen Prompt (Ein- oder Aufgabe für das Programm) ein. Beide Male „spuckte“ die mit „künstlicher Intelligenz“ arbeitende Fotobearbeitungs- und -erstellungs-Software Canva Bilder mit einem Hai und einem Mann aus – und jedes Mal mit einem Hammer. In einem Fall hält der Mann – bärtig wie der zweite – das Werkzeug in Händen; beim anderen Bild schwebt der Hammer über den Wellen, dafür neben definitiv einem Hammerhai 😉

Es sind dies zwei von Dutzenden Fotos, die Jugendliche im KI-Medienlabor seit Beginn des Schuljahres in Workshops erstellt haben – teil einzeln, immer wieder aber auch in Gruppen. Ein Teil dieser Jugendlichen befindet sich in einer AusbildungsFit-Maßnahme der ÖJAB (Österreichische JungArbeiterBewegung), andere verbringen Lern- und Freizeit mit der Vienna Hobby Lobby, die mit ÖJAB zusammenarbeitet. Manche hatten sich schon selbstständig (Vor-)Wissen in Sachen KI beigebracht, für andere boten die Workshops die ersten Einstiege in diesen relativ neuen Zweig der digitalen Welt. Der aber sicher unerlässlich sein wird in der gegenwärtigen und noch viel mehr zukünftigen Arbeits- und Berufswelt und darüber hinaus im (Alltags-)Leben.

Galerie – Leistungsschau

In der Woche vor Weihnachten lud die ÖJAB-Zentrale in Wien zu einer Veranstaltung, in der Ergebnisse dieses KI-Medienlabors präsentiert wurden und viele der Bilder – leider nur für einen Nachmittag – in einer Ausstellung zu sehen waren, „AI × Youth Gallery – Jugend gestaltet Zukunft“.

Das was als „Katzenvideos“ seit vielen Jahren sprichwörtliche Attraktionen an Bewegtbildern auf Social Media Plattformen sind, fand auch in so manchen der mit Artificial Intelligence, der englischen Version von KI, produzierten Bilder in den Workshops seinen Niederschlag: Von der gekrönten Stubentigerin und ihrer fast identen Gefolgschaft, die Canva zum Prompt „Katzen übernehmen die Weltherrschaft 2“ kreiierte bis zur Golf-spielenden Katze vor einer im Hintergrund explodierenden Sonne.

Drei Jugendliche in Interviews

Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… präsentiert hier nicht nur viele dieser Bilder der Ausstellung, drei Jugendliche erklärten sich bereit für kurze Interviews. Die 18-jährige Ellen Wollmann nutzte vor den Workshops „vor allem Chat GPT für Alltagsfragen, zum Beispiel wollte ich einmal wissen, wie lange Milch in einem schon geöffneten Packerl haltbar ist; aber auch für schulische Sachen wie Referate und Präsentationen. In den Workshops, die vier Mal fünf Stunden dauerten, haben wir mit Fotos und Videos gearbeitet, was für mich neu war. Zuerst haben wir mit Vorgaben für Bilder gelernt mit diesem Werkzeug umzugehen und dann konnten wir frei arbeiten“, freut sie sich über etliche der Ergebnisse, die sie mit Kolleg:innen erstellt hat und präsentiert sich zwischen solchen Fotos.

Zuerst Flop

Raphael (19) gesteht, dass der erste Versuch eigentlich ein Flop war. „Ich hab als Prompt geschrieben: Mann, der mit einer Ameise am Strand chillt. Aber die Ameise ist nicht und nicht zu finden, sie ist einfach zu klein.“ Dafür freut er sich umso mehr über den sehr gelungenen Erdbeer-Elefanten, der gleich drunter hängt.

Eine anonym bleiben wollende Jugendliche zeigt das Ki-generierte Foto, das sie mit den Angaben Zukunft Mödling erhalten hatte
Eine anonym bleiben wollende Jugendliche zeigt das Ki-generierte Foto, das sie mit den Angaben Zukunft Mödling erhalten hatte

Zukunft –> düster

Ein Teil der Workshops fand in Wien-Brigittenau in Räumen der Hobby Lobby, der andere in Mödling im ÖJAB-Haus statt. „Zukunft Mödling“ mit diesem kurzen Begriffspaar fütterten verschiedene Jugendliche die KI – und beide Mal waren seeeehr düstere Bilder das Ergebnis. Womit das Internet zu Mödling und der Zukunft dieser Stadt gefüllt ist?

Eine der Jugendlichen, die anonym bleiben will, zeigt dem Journalisten das Bild, das auf ihre Zwei-Wort-Angabe hin von der KI angefertigt worden ist. „Trotzdem hat die Arbeit mit diesen KI-Werkzeugen Spaß gemacht, es war überraschend, was da oft mit der Eingabe von einem Satz oder nur höchstens drei Wörtern an Bildern rauskommt“, resümiert sie bei der Präsentation der Ergebnisse der Workshops.

Rausfinden, was wie (nicht) funktioniert

„Die KI wird die Zukunft sein und wir werden sehr abhängig von ihr sein! Deswegen sollten wir uns jetzt schon mit der KI beschäftigen, um herauszufinden wie sie funktioniert, was sie gut machen, was sie nicht gut machen kann, damit wir sie positiv einsetzen können!“, wurde bei den Präsentationen Emanuel zitiert. Er ist jugendlicher Leiter bei Hobby Lobby und Co-Workshop-Leiter des Medienlabors.

„Es waren sehr coole und spannende Workshops! Die Jugendlichen zeigten Interesse und hatten viel Spaß mit den KI-Gestaltungsmöglichkeiten. Sie setzten sich auch sehr reflektiert und kritisch mit KI auseinander“, meinte der erwachsene Workshop-Leiter Markus Toth.

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oejab –> ausbildungsfit

hobbylobby.ngo

Vielfältige handgeschriebene Plakate brachten die Schüler:innen zur Aktion mit

Wiener Jugendliche streikten Freitag gegen Gewalt an Frauen

„Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr Frauen das Leben klaut!“ Diesen Spruch riefen Freitag um die Mittagszeit Dutzende Jugendliche der AHS-Oberstufe Geringergasse in Wien-Simmering zwischen den großen metallenen Buchstaben die gemeinsam „Information“ ergeben und der Glasfassade dieser Schule, die neben der eigenen noch eine Handelsakademie beherbergt.

Die allermeisten Gymnasiast:innen der 6. bis 8. Klasse strömten in der Pause vor der vierten Schulstunde vor ihr Gebäude, viele hielten handgeschriebene Plakate auf Karton oder weißem Papier hoch. Mit vielfach bekannten, aber auch neuen, kreativen Variationen von Sprüchen gegen Gewalt an Frauen und deren Spitze des Eisbergs, Femizide. Die Bandbreite reiche von „Gewalt hat viele Gesichter, oft ist es ein bekanntes“, „Man(n) tötet nicht aus Liebe“, „Girls just wanna have fun(damental human rights)“ bis „Femizide sind die Probleme von allen“.

Auch Schweigen tötet

„Wir sind heute laut, weil Schweigen tötet, weil Wegschauen tötet und weil Ignoranz tötet. Dieser Protest ist für Gerechtigkeit, für Schutz, für ein Leben ohne Angst. Und wir hören nicht auf, bis Gewalt gegen Frauen beendet ist!“, rief Schulsprecherin Lea Schraufek, verstärkt durch ein Megaphon aus der Schuldirektion, die die Aktion ebenso unterstützt wie so manche Lehrer:innen – mit Plakaten oder mit Bodenmalkreiden. Und so wurden sogar auf dem regennassen Boden sichtbar manche der Plakat- und Sprech-Chor-Losungen von Jugendlichen aufgemalt.

Initiative der Jugendlichen

„Die Aktion war spontan innerhalb von wenigen Tagen von Schüler:innen der Peer-Mediations- bzw. Projektmanagement-Teams ausgegangen“, berichtet die schon genannte Schulsprecherin Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… „Wir haben die Aktion nur für Schülerinnen und Schüler der sechsten bis achten Klassen zugänglich gemacht, weil die ja nicht mehr schulpflichtig sind und selber entscheiden können, ob sie mitmachen oder nicht. Am Mittwoch hatten wir dann noch einen gemeinsamen kreativen Plakatmal-Termin angeboten.“

Kein Frauenthema

Die Schulsprecherin machte in einer kurzen Rede auf einige der erschreckenden Fakten aufmerksam, dass jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben von Gewalt betroffen ist. Dass dies sich vor allem aber nur dann ändern wird, wenn es nicht ein „Frauenthema“ bleibt, sondern Männer sich gegen gewalttätige Handlungen ihrer Geschlechtsgenossen engagieren, stellten teilnehmende Burschen mit unterschiedlichsten Plakaten klar. Vom bekannten „Man(n) tötet nicht aus Liebe“ bis zu einer schnell hingekritzelten Penis-Zeichnung mit der Frage „Rechtfertigt das Deine Gewalt?“

Schon die Tage vor dieser Aktion gab es dann in den Oberstufenklassen so manche Diskussionen zum Thema, die Plakate sollen im Schulhaus angebracht werden, um es nicht bei dem einstündigen Streik zu belassen, sondern noch länger und intensiver darüber zu diskutieren.
Gesprächsrunde mit einigen Schüler:innen in einem weiteren Beitrag.

#Männersache der Marketing-BHAK Fürstenfeld

Eine andere Schule, die Marketing-Handelsakademie im steirischen Fürstenfeld, beteiligte sich schon vor zwei Wochen an der internationalen Aktion „16 Tage Gegen Gewalt an Frauen“ (25. November bis 10. Dezember) mit Plakaten, einem Banner an der Schulfassade „Stoppt Gewalt gegen Frauen“ und einem beeindruckenden rund 1½-minütigen YouTube-Video – unten verlinkt.

Nach den ersten 20 Sekunden, in denen eine Jugendliche über diese Gewalt als großes, fast unsichtbares Problem spricht, kommt’s im ersten Moment zu einer Art irritierendem Mansplaining: Ein Bursch grätscht ins Bild: „Stopp! …“

Doch es kommt tatsächlich ganz anders. „Das ist kein Frauenthema, das ist jetzt reine Männersache!“, bringt er ins Spiel. „Wir Männer sind das Problem und deshalb auch Teil der Lösung…“ Später meint ein Kollege: „Wenn wir nicht eingreifen und nicht widersprechen und einfach nur wegschauen, dann werden wir Teil des Problems…“

kijuku_heinz

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Viele Fotos von der Streikstunde vor und rund um das G11

Vielfältige handgeschriebene Plakate brachten die Schüler:innen zur Aktion mit

„Catcalling erleben viele von uns“

Nach der Streikstunde traf Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… noch einige Jugendliche, vor allem der 6A, aber auch einige aus der achten Klasse zu einer Interviewrunde. „Vor allem die jüngste Geschichte, wo ein Mädchen das SOS-Notzeichen gemacht hat und der Stiefvater dann doch freigesprochen worden ist, aber auch die Aktion der Wiener Linien (Aufkleber auf Sitzen in U-Bahnstationen: „Kein Platz für Gewalt“) hat uns dazu gebracht, dass wir auch in der Schule ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen und Mädchen setzen wollten“, eröffnet Laura den Gesprächsreigen. „Die Initiative ist von der Schulsprecherin ausgegangen“ – siehe Reportage über die Aktion, unten verlinkt.

Anmache und Übergriffe

Die 6A begann mit der Diskussion darüber in einer unverbindlichen Übung, rasch kam’s zu vielen Ideen und einer gemeinsamen Plakatmal-Aktion Mitte der Woche aller interessierten Oberstufen-Schüler:innen. In den Gesprächen sei vor allem auch „Cat-Calling“ (sexuell aufgeladene Anmachsprüche) immer präsent gewesen, „weil viele von uns das immer wieder erleben“, tönt es aus der Runde. Sara zählt eigene und andere Beispiele auf – von penetranter Anmache älterer Männer im Fastfood-Restaurant über körperbetonte Sprüche in der Physiotherapie bis zu handgreiflichen Übergriffen dabei. Andere berichten von sexuellen Übergriffen eines jugendlichen Cousins auf die damals Siebenjährige.

Button mit dem englischen Spruch: Zerstör das Patriarchat, nicht den Planeten
Button mit dem englischen Spruch: Zerstör das Patriarchat, nicht den Planeten“

Schäme mich für andere Männer

Als Bursch schäme er sich sehr oft für das Verhalten seiner Geschlechtsgenossen meinte der 8-Kläss’ler Raphi. „Solches Verhalten und die Ängste der Mädchen sind die Schuld von Männern, aber eben dieser Männer und nicht von allen.“
Wie er reagiere, wenn er solches wahrnehme, wollte KiJuKU wissen. „Es kommt darauf an, je näher dir so einer ist, desto leichter fällt es zu sagen: Das geht so gar nicht!“

Was bewirkt?

Der Reporter will von der Runde noch wissen, ob die Jugendlichen nun das Gefühl haben, doch ein bisschen was bewirkt zu haben, dass gerade die angesprochenen Belästigungen auch breit thematisiert worden sind.
„Das war schon gut so vor der Schule, aber ich fände es besser so eine Aktion zum Beispiel auf der Simmeringer Hauptstraße zu machen, wo es doch viel mehr Leute sehen und hören“, resümiert Sara abschließend.

kijuku_heinz

Doppelseite aus dem Bilderbuch "Ein Fest für den Weihnachtsmann"

Feiert der Weihnachtsmann selber Weihnachten?

Ob Christkind oder Weihnachtsmann ist eine Art Glaubensfrage. Jedenfalls existieren einigermaßen mehr (Bilder-)Bücher über die männliche Version der 8angeblichen) Gabenbringer:innen. Mann mit weißem Bart, rotem Mantel und ebensolcher Mütze, Schlitten, gezogen von Rentieren. Flug um die Welt…

Dieser eine 24-Stunden-Tag erfordert aber viel Vorarbeit – von ihm, Mitarbeiter:innen wie Wichtel, Elfen und so manchen Tieren. „Der Weihnachtsmann feiert kein Weihnachten?“, fragt Mac Barnett (Übersetzung aus dem Englischen: Bernadette Ott) im Bilderbuch „Ein Fest für den Weihnachtsmann“.

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Ein Fest für den Weihnachtsmann“

Frühstück ans Bett

„Er schläft aus“, sagten die Wichtel über den Tag nach Weihnachten. „Eine halbe Stunde länger als sonst.“ Das scheint dem Eisbären nicht genug und so bringen die Wichtel an diesem Tag dem Weihnachtsmann Frühstück ans Bett. Dann wollte er sein Tagwerk beginnen – Vorbereitungen fürs nächste Weihnachtsfest.

Nix da, meinten die Helfer:innen…
… und so begannen sie mit ihrem Chef ein Weihnachtsfest für den Weihnachtsmann vorzubereiten – mit einem überraschenden Gabenbringer – ähnlich gekleidet, nur doch größer. Im Text wird nicht verraten, um wen es sich handelt. Aber in den gemalten Bildern des kanadischen Illustrators Sydney Smith sehr wohl – womit du’s dann auch weißt. Die Bilder, die mehr als einen Hauch von Kinderzeichnungen aufweisen, bringen viel zauberhafte winterweihnachtliche Stimmung auf die Doppelseiten.

Übrigens Smith hat im Vorjahr – gemeinsam mit dem österreichischen Autor Heinz Janisch -den wichtigen, berühmten nach dem dänischen Märchendichter Hans Christian Andersen benannten Preis bekommen.

kijuku_heinz

Szenenfoto aus "Die Weihnachtsgeschcihte" von teatro nach Charles Dickens

„Was bin ich nur für ein Mensch geworden?!“

Auch wenn es „Die Weihnachtsgeschichte“ heißt und sich diese Erzählung von Charles Dickens rund um dieses – demnächst bevorstehende – Fest dreht, ist sie doch viel mehr: Gier, die zu Hart- und Kaltherzigkeit führt; und sich doch sogar im fortgeschrittenen Alter noch ändern lässt.

Im mittlerweile zehnten Jahr spielt, singt und tanzt ein teatro-Ensemble eine Musicalversion dieser Geschichte, die der bekannte britische sozialkritische Autor 1843 unter dem Originaltitel „A Christmas Carol in Prose, Being a Ghost-Story of Christmas“ (Ein Weihnachtslied in Prosa, oder Eine Geistergeschichte zum Christfest) erstmals veröffentlichte. Noch bis 23. Dezember ist dieses rund 2½-stündige immer wieder mitreißende schwungvolle Plädoyer für Empathie zu erleben.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Weihnachtsgeschcihte“ von teatro nach Charles Dickens

Die Story

Knapp für jene, die Dickens‘ Geschichte nicht kennen die Handlung: Ebenezer Scrooge schaut nur auf das Geld seiner Firma, will keine Zeit für Freundlichkeiten „verschwenden“. Verwandtenbesuche zu Weihnachten hasst er ebenso wie das Festüberhaupt. Seiner Untergebenen, den so behandelt er seine Mitarbeiterin, gibt er zum Fest nur frei, weil er ihr enttäuschtes Gesicht nicht sehen will. Und dann erscheinen ihm der Reihe nach drei Geister – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Die Vergangenheit lässt ihn in seine Kindheit reisen. Der junge Schüler Ebenezer hat einen Aufsatz voller Empathie geschrieben! Doch der Jugendliche bzw. junge Erwachsene schon lässt seine Freundin zu Weihnachten sitzen, weil er sich um seine Geschäfte kümmern muss. Die Zukunft? Er wird sterben wie alle, aber niemand wird um ihn trauern, ja eher froh sein, dass der Geizkragen nicht mehr lebt.

Und so… – eben Happy End, nachdem er erkennt „was bin ich nur für ein Mensch geworden?!“ Der Erkenntnis folgen Handlungen – mit anderen feiern, die notwendigen teuren Medikamente für ein schwer krankes Kind zu finanzieren…

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Weihnachtsgeschcihte“ von teatro nach Charles Dickens

Spiel, Gesang, Tanz

Im großen Globe-Wien-Theater in der Marx-Halle applaudierte das Publikum praktisch nach jedem Song. Gesang und Tanz rissen die Zuschauer:innen mit, Schauspiel zog es in seinen Bann. Aber alles andere als nur happy, denn in vielen Momenten jener Phase in denen Scrooge so grausam zu anderen – und spürbar auch zu sich selbst – handelt, berührt das Spiel auch sehr, schnürt fast – auch wenn klar ist, dies ist „nur“ Bühne – die Kehle zu. Das schafft Peter Faerber, die diese Rolle von Anfang an verkörpert(e). Damals hätte Niklas Petzer noch gar nicht Eby, den Ebenezer Scrooge als Schulkind, spielen können. Denn er ist heuer erst 14, steht aber nun im zweiten Jahr in dieser Rolle, in der Professionalität in nichts seinem viel älteren, jahrzehntelangen Kollegen um nichts nach.

Szenenfoto aus

Vom Kind zur Profi-Ausbildung

So manche der Kinder und Jugendlichen, die bei – oder nicht selten erst durch – teatro zu spielen, singen und tanzen beginnen, machen dies später auch zu ihrem Beruf. So ist Lili Beetz nun schon im zweiten Jahr ihres Bachelor-Studiums Musikalisches Unterhaltungstheater an der MuK (Musik- und Kunstuniversität der Stadt Wien). Heuer gibt sie Belle – und das entsprechend wandlungsfähig. Sie ist – bei der Reise in die Vergangenheit die Freundin des jugendlichen Ebenezer (Im Globe Wien: David Mannhart für den erkrankten Timo Petz) und in der Gegenwart eine eben ungefähr gleich alte Frau wie Scrooge. Während Ebenezer in den drei Altersstufen von drei Darsteller:innen verkörpert wird, schlüpft Lili Beetz sowohl in die Rolle der sehr jungen als auch der alten Frau.

Szenen aus teatros
Szenen aus teatros „Die Weihnachtsgeschcihte“ im Wiener Globe Theater

In den ersten vier Jahren der teatro-Version der „Weihnachtsgeschichte“ (Buch: Norbert Holoubek) spielte sie Timmy – den Tiny Tim bei Charles Dickens, das kranke Kind der von Scrooge schlecht behandelten Mitarbeiterin Mrs. Cratchit (Lena Mausser, die auch die Lehrerin gibt und heuer Regie führte).

Auch wenn hier im Text nicht alle Mitwirkenden genannt werden, so seien dennoch einige noch unbedingt erwähnt: Für die Choreografie sorgte Rita Sereinig, als Dance Captain agiert Emily Fisher, die von der Nichte Laureen in Cathleen Fezziwig und einen Tanzgeist wechselt. Für die passenden, üppigen Kostüme zeichnet – wie immer – Brigitte Huber und für die Maske Renate Harter verantwortlich.

Szenen aus teatros
Szenen aus teatros „Die Weihnachtsgeschcihte“ im Wiener Globe Theater

Live-Musik

Was die teatro-Aufführungen auch auszeichnet: Live spielt auf der Bühne ein kleines Orchester: Klavier: Walter Lochmann, der auch die Arrangements zu dem Kompositionen von Norberto Bertassi (auch Intendanz, Bühnenbild sowie Scrooges Vater und einen Arzt spielt) schrieb; Gitarre: Wilfried Modlik; Bass: Stephan Först; Violoncello: Elisabeth Zeisner; Querflöte: Katrin Weninger; Percussion: Wolfgang Wehner.

Szenen aus teatros
Szenen aus teatros „Die Weihnachtsgeschcihte“ im Wiener Globe Theater

Globe Wien

Zum zweiten Mal gastierte teatro damit im gut gefüllten Wiener Globe Theater. Die Gruppe verbindet seit mehr als einem ¼ Jahrhundert Kinder, Jugendliche und erwachsene Profis zu einem harmonischen Ensemble, in dem die Jungen und Jüngsten gleichwertig agieren; so manche aus diesem Kreis schlagen dann auch eine professionelle Karriere ein, wie nicht zuletzt Moritz Mausser. Der Falco-Darsteller im Wiener Ronacher und nun in der Rolle von Maria Theresias Gegenspieler Friedrich II hatte bis vor drei Jahren

Szenen aus teatros
Szenen aus teatros „Die Weihnachtsgeschcihte“ im Wiener Globe Theater

Botschaft

„In Zeiten, in denen Menschen weltweit mehr auf ihre Differenzen als auf ihre Gemeinsamkeiten achten, in denen Krieg und Armut herrscht, in denen gespaltet statt geeint wird, wäre es schön, wenn die drei Geister der Weihnacht unserer Geschichte vielleicht nicht nur den grantigen, geizigen Scrooge heimsuchen, sondern auch mal wieder durch die Welt fliegen und einigen anderen Menschen einen Besuch abstatten. Vieles könnten Sie doch lernen, von Nächstenliebe bis hin zu der Freude an den kleinen Dingen im Leben, und sich vielleicht wie Scrooge doch noch ändern“, schreibt Lena Mausser, Regisseurin – und wie schon erwähnt in den Rollen der Lehrerin sowie der von Scrooge unterirdisch behandelten Mitarbeiterin Mrs. Crachtit – der Jubiläums-Aufführungsserie im – wie immer – umfangreichen, lesenswerten Programmheft.

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familien-musicals-scrooge-mal-2 <— damals noch im Kinder-KURIER

geht-s-dem-geizkragen-an-den-kragen <— auch noch im KiKu

Doppelseite aus dem Bilderbuch "Schnurrige Weihnachten"

Das kommende Fest – aus Katzenperspektive

„Schnurrige Weihnachten“ zeigt von Lieblingsmenschen nur Füße und Hände und rückt die Sicht des wohnungsbesitzenden Katers und einem neuen Kätzchen ins Zentrum von Text und Bildern.

Und hier noch eine Besprechung eines (vor-)weihnachtliches Buches mit vielen Bildern. Schon der Titel „Schnurrige Weihnachten – Bo und Flöckchen warten aufs Christkind“ und natürlich das Cover verraten, dass zwei Katzen im Mittelpunkt der Geschichte von Christine Auer (Text) und Kristin Pfannkuchen (Illustration) stehen.

(Fast) menschenlos

Hin und wieder kommt der Lieblingsmensch von Kater Bo vor – aber nur auf drei der zwölf Doppelseiten sind ein Teil der Arme und Beine von diesem zu sehen. Ansonsten spielt sich alles unter den Katzen ab. Und das ist anfangs gar nicht so einfach. Bo ist alles andere als erfreut, als eines Tages ein Korb mit einem kleinen weißen Kätzchen steht – samt vielen Umzugskartons und einem zweiten Menschen, der bisher öfter schon zu Besuch war. Da aber ohne Vierbeiner.

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Schnurrige Weihnachten“

Und dann will dieses quietschvergnügte, ausgelassen herumspringende und -laufende Kätzchen namens Flöckchen noch mit lauter Glitzerzeugs das ganze Haus weihnachtlich schmücken. Das passt Bo, dem Hausherren, so gar nicht. Als eines Tages Flöckchen mit ihrem Lieblingsmenschen außer Haus ist, verräumt Bo alles in seinem Versteck.

Doch statt nun froh zu sein, plagt den Kater schlechtes Gewissen, als er die heimkommende Katze ur-traurig sieht – und erlebt.
Und so kommt wie’s kommen muss ein Happy End. Bo rückt den Weihnachtsschmuck wieder raus. „Als Bo sieht, wie sich Flöckchen freut, wird ihm ganz warm vor Glück…“

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Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „Schnurrige Weihnachten“
Proben-Szenenfoto aus "König Drosselbart leicht verhext"

Influencer Schlumpfine, Hexe und Musik peppen Märchen auf

(Vor-)Weihnachten heißt in vielen Theatern: Ein Stück für Kinder muss ins Programm. Schon lange nicht mehr immer eines, das mit dem bevorstehenden Fest und seiner Geschichte zu tun hat. Aber sehr oft jedenfalls ein Klassiker – entweder Märchen oder bekannte (Kinderbuch-)Figuren. Das Theater Forum Schwechat (übrigens mit der S-Bahn wirklich schnell von Wien aus erreichbar) baut sich seit einigen Jahren jeweils einen eigenen witzigen Märchen-Mix, aufgepeppt mit Musical-Einlagen.

Heuer (2025) ist es „König Drosselbart leicht verhext!“. Die Grundgeschichte dieses Märchens bleibt: Eine hochnäsige, eitle, überhebliche, alle anderen Menschen abwertende Prinzessin. Ein König, der sich in sie verliebt, den sie genauso erniedrigend abweist. Und ein Fluch, der sie dazu verurteilt, den nächstbesten Bettler zu heiraten und unter ärmlichen Verhältnissen leben zu müssen. Und natürlich, wie sich’s für ein Grimm’sches Märchen gehört: Happy End. Die verstoßene Prinzessin lernt Mitgefühl und der „Bettler“ entpuppt sich als – eben König Drosselbart…

Proben-Szenenfoto aus
Proben-Szenenfoto aus „König Drosselbart leicht verhext“

Influencerin

Hier spielt sich’s in 1¼ Stunden, gewürzt mit eigenen Songtexten zu Melodien bekannter Hits, unter anderem zwei von ABBA (Details, siehe Info-Box) natürlich ein bissl anders ab. Abgesehen davon, dass die Prinzessin wenigstens einen Namen kriegt – Glinda (gespielt von Nadine Schimetta) – ist sie eine Internet-Celebrity. Aber sogar das bewerkstelligt sie nicht selber. Dafür hält sie sich eine Untergebene: Influencer-Schlumpfine. In deren Rolle springt die künstlerische Leiterin des Theaters, die sich auch – wie immer – die Geschichte ausgedacht und Regie geführt hat, ein (der vorgesehene Schauspieler, David Kieber, ist länger erkrankt). Die Influencerin filmt aber nicht nur ihre Chefin, sehr häufig dreht sie die Kamera-Ansicht und setzt sich selbst zentral und groß ins Bild.

Live-Videos

Und dies geht technisch ausgetüftelt über die Bühne. Schlumpfine spielt nicht nur, als würde sie filmen, sie tut es mit einem Smartphone tatsächlich live. Die Bewegtbilder werden auf zwei senkrechte große Monitore überspielt – Zwischenstation einer von zwei Laptops, von dem aus dies gesteuert wird. Vom zweiten aus landen – teils KI-generierte – Bilder und Animationen als „Kulisse“, beispielsweise viele getöpferten Vasen und Töpfe, in einem Regal (Bühnenbild und diese Video-„Zauberei“: Thomas Fischer-Seidl sowie Werner Ramschak, Daniel Truttmann, Jakobus van Ederen, Manuela Seidl, Amy Parteli).

Proben-Szenenfoto aus
Proben-Szenenfoto aus „König Drosselbart leicht verhext“

Grüne Hexe

Zurück zum Schauspiel: Neu – im Gegensatz zum Original – ist eine grüne Hexe namens Elphaba (Amy Parteli), gleichzeitig die beste Freundin von Drosselbart (Mirkan Öncel). Sie ist es, die Glinda, nachdem sie Drosselbart als 10.000 Heirats-Bewerber gedemütigt hat, dazu verzaubert, sich dem besagten Bettler anzuschließen. Obendrein verhext sie die eigentlich selber Möchte-gern-Influencerin Schlumpfine zum Handy-Entzug.

Proben-Szenenfoto aus
Proben-Szenenfoto aus „König Drosselbart leicht verhext“

Mütter

Hier ist es übrigens nicht der Vater der Prinzessin, sondern ihre Mutter, auch die bekommt einen Namen, Marlene (gespielt von Sandra Högl), die an ihrer Tochter verzweifelt, auch wenn sie gleich in der Eingangs-Szene ein nicht unähnliches Verhalten vor dem großen Spiegel vorlebt. Drosselbart hat hier ebenfalls eine in Erscheinung tretende Mutter, Königin Nathalie (Sabrina Zettl).

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titelseite eines eBooks mit 200 Grimm'schen Märchen
Titelseite eines eBooks mit 200 Grimm’schen Märchen
30 Jahre Weihnachtsbuchaktion: v.l.n.r. oben: Eva Steffan, GF Wiener Kinderfreunde Daniel Bohmann, Fachbereichskoordinatorin Pflege Natasa Jovanovic, Abteilungsvorständin Kinder- und Jugendheilkunde Angela Zacharasiewicz, Ärztlicher Direktor Peter Gläser, Bereichsleiterin Pflege der Abt. für Kinder- und Jugendheilkunde Margarethe Maurer, unten: Stv. Pflegedirektorin Daniela Frey, Vorsitzender Wiener Kinderfreunde Christian Oxonitsch, Thomas Brezina, rechts unten: Pflegedirektorin der Klinik Ottakring Bianka Langmaier, oben: GF Wiener Kinderfreunde Alexandra Fischer und Kinder mit Brezina-Büchern

Thomas Brezina seit 30 Jahre Spitals-Weihnachtsmann

Seit 30 Jahren und damit fast sein halbes Leben schlüpft der bekannte Autor Thomas Brezina im Advent in die Rolle eines Art Weihnachtsmanns, bringt Kindern in der Klinik Ottakring (vormals Wilhelminenspital) Bücher – Und Zeit für das eine oder andere Gespräch mit jungen und jüngsten Patient:innen. Aber auch der Gabenbringer fühlt sich selber beschenkt – durch die Freude der Kinder.

Die Aktion gemeinsam mit den Kinderfreunden war heuer zum runden Jubiläum noch ein bisschen größer – von der Begleitgruppe von Funktionär:innen und mit einem aufblasbaren 3er und 0er für Fotos neben und unter einem geschmückten Weihnachtsbaum im Eingangsbereich des Krankenhauses. Die Dutzenden Bücher wurden von den Verlagen G & G, Joppy und edition a zur Verfügung gestellt.

Thomas Brezina beim Besuch in der Kinderabteilung der Klinik Ottakring im Rahmen der Kinderfreunde-Weihnachtsbuchaktion
Thomas Brezina beim Besuch in der Kinderabteilung der Klinik Ottakring im Rahmen der Kinderfreunde-Weihnachtsbuchaktion

Dankbarkeit

„Dass wir nun schon seit drei Jahrzehnten Kinder in der Klinik Ottakring besuchen dürfen, erfüllt mich mit großer Dankbarkeit. Die Freude der Kinder ist jedes Jahr aufs Neue ein riesiges Geschenk. Besonders berührt mich, dass mich heute Erwachsene ansprechen, die damals als Kinder hier lagen und sich noch an meinen Besuch erinnern. Mein größter Respekt gilt allen Mitarbeiter:innen der Kinder- und Jugendabteilung, die so viel dafür tun, dass sich Kinder und Eltern im Krankenhaus wohlfühlen. Es ist wunderbar, dass wir mit dieser Aktion seit so vielen Jahren Freude bereiten können“, erklärt Thomas Brezina in einer Medien-Aussendung der Wiener Kinderfreunde.

Leuchtende Augen

Margarethe Maurer, Bereichsleiterin Pflege der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde der Klinik Ottakring, betont die besondere Bedeutung des Jubiläums: „Die Kinder freuen sich jedes Jahr sehr. Wenn Thomas an ihr Krankenbett kommt und sich mit ihnen unterhält, gibt es immer leuchtende Augen. Wir bedanken uns herzlich für diese jahrzehntelange Treue und die unvergesslichen Momente für unsere Kinder und ihre Eltern.“

Thomas Brezina beim Besuch in der Kinderabteilung der Klinik Ottakring im Rahmen der Kinderfreunde-Weihnachtsbuchaktion
Thomas Brezina beim Besuch in der Kinderabteilung der Klinik Ottakring im Rahmen der Kinderfreunde-Weihnachtsbuchaktion

Bücher und Musical

„Diese schöne gemeinsame Aktion mit Thomas Brezina ist das Highlight unserer alljährlichen Weihnachtsbuchaktion. Seit den frühen 50er Jahren schenken die Kinderfreunde Bücher an Tausende Kinder und ermöglichen ihnen in Wien den Besuch eines Kinder(freunde)Musicals im Raimund Theater“, erklärt Nationalratsabgeordneter Christian Oxonitsch, Vorsitzender der Wiener Kinderfreunde. Apropos: Mehr zum diesjährigen Musical-Geschenk für rund 6000 Kinder in mehreren Vorstellungen in einem KiJuKU-Bericht am Ende des Beitrages verlinkt.

Warum?!

Vor elf Jahren, 2014, begleitete der Kinder-KURIER, Vorläufer von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… Brezina bei seinen Krankenbesuchen in der Kinderabteilung des Krankenhauses im 16. Bezirk in Wien. Auf die Reporter-Frage, warum er bei dieser Aktion mitmache, meinte Brezina: „Ich komm jedes Jahr echt sehr gerne her, weil dieses Krankenhaus eine Atmosphäre ausstrahlt, dass es den Kindern und Jugendlichen hier gut geht und die Kinder sich über meinen Besuch, die Bücher und die Gespräche freuen. Und an dieser Freude teilhaben zu können, freut natürlich auch mich.“ (kiku.at – 2014; gesamter Beitrag unten ebenfalls verlinkt).

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brezina-als-weihnachtsmann-im-wiener-wilhelminenspital <– damals im Kinder-KURIER

Odilia Hochstetter und Christoph Singewald

„Nicht stressen, aber aufräumen!“

Der samtrote Vorhang wird zur Seite geschoben und auf der Bühne: Nichts als Wäscheleinen, behängt mit Socken, Geschirrtüchern, Kleinstkindergewand und einem riesigen Leintuch und Teebeutel (?). Rätselnde Blicke zu Beginn eines nicht ganz einstündigen Programms dreier Duos im „erstbesten Theaterhaus für Clownerie, dem Theater Olé in Wien-Landstraße.

Doch das erste Duo versteckt sich nicht zwischen oder hinter den Wäschestücken und den doch irritierend hier hängenden Teebeuteln. Aber clowneske Schauspieler:innen machen so manch scheinbar verrückte Dinge 😉

Odilia Hochstetter und Christoph Singewald
Odilia Hochstetter und Christoph Singewald

Christoph Singewald und Odilia Hochstetter als Kuno und Gloria tauchen dann von hinter dem Publikum auf – das darf gespoilert werden, noch sind keine weiteren Termine bekannt. Mit einem Wäschekorb. Und natürlich kommt’s beim Abhängen zu ziemlichem Chaos. Kleidungsstücke wie zwei Hosen werden von dem beiden zu eigenem Leben erweckt, die durch die Welt wandern. Und nachdem sie einmal erwähnen, sie müssten da jetzt eigentlich schnell die Wäsche im Korb verstauen, um die Bühne für das Theater frei zu machen, ruft mindestens eines der Kinder immer wieder „nicht stressen!“. Hin und wieder aber ergänzt von einem „ihr müsst noch aufräumen!“ Womit jene Kinder, die spontan reinrufen mindestens so viel Lacher kriegen wie die Bühnen-Clown:innen. Immerhin haben sie so ge-checkt, dass Clownerie nicht selten von Widersprüchlichkeiten lebt.

Polizei vs. Verbrechen

Das Prinzip von Gegensätzen, die – entsprechend gespielt – für viel Lachen sorgen, setzen die folgenden beiden Duos als scheinbare Gegner:innen. Zunächst schlüpfen Emanuelle Bidaud und Brigitte Cwickl als Dores und Bridget in die Rollen von Polizei und Verbrechen. Die Verbrecherin sorgt – trotz Bemühungen – nicht und nicht dafür, dass sich das Publikum fürchtet. Bitte, eher sogar bettelnd: „könnt’s euch ned a bissl fürchten!“

Erst als die Polizistin die insbesondere jungen und jüngsten Zuschauer:innen bitte, wenigstens so zu spielen, dass ihr euch fürchtet. Das gelingt, auch wenn insbesondere die Kinder mehr als nur durchblitzen lassen, dass sie ihre Angst mehr als übertreiben spielen…

Chef und Arbeiter

Widersprüchlich auch die Ausgangsbasis für Duo Nummer 3 – alle sechs Clown:innen haben den zweisemestrigen Workshop des Theaters Olé absolviert: Alexander Czernin und Roman Seidl geben sich als Chef und Bauhackler, der auf die herrischen Anweisungen per Hand-zeigen da und dort was ausmessen muss. Bis das Maßband zum Blechsalat und gar zur Fessel für den Boss wird. Bis sie – wie auch das Duo zuvor einfach die Kopfbedeckungen tauschen – Bauhelm für den Chef und Polizeikapperl für die Verbrecherin…

Dreikäsehoch in kariert und gestreift

Als gemeinsamen Titel für ihre dreiteiligen lustigen Duette verwenden sie den fast schon in Vergessenheit geratenen Begriff „Dreikäsehoch“ und fügen dem ein „in kariert und gestreift“ hinzu.

Wobei – wie Wikipedia weiß – dieser nicht nur „2007 zum drittschönsten bedrohten Wort der deutschen Sprache gewählt“ wurde, sondern vielleicht gar nix mit drei übereinander gestapelten Käselaiben als Größenangabe für Kinder zu tun haben könnte. „Andererseits wird vermutet, dass das Wort … vom französischen Wort caisse (deutsch: Kiste, Kasten) abstammt.“

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Doppelseite aus "Stille Nacht, heilige Nacht - Ein Lied geht um die Welt"

Ein Lied geht um die Welt…

Demnächst wird – wie jedes Jahr – in vielen Wohnzimmern vor dem Nadelbaum mit Glas- Kunststoff- oder auch selbst gebasteltem Schmuck ausechten Strohhalmen eines der wohl berühmtesten Lieder der Welt gesungen. Zu Weihnachten gehört „Stille Nacht! Heilige Nacht!“

In mehr als 300 Sprachen bzw. Dialekte ist jener Text, den Joseph Mohr 1818 gedichtet hat – zur Melodie, komponiert von Franz Xaver Gruber -, übersetzt worden. Übrigens hat Mohr sechs Strophen geschrieben, meistens werden nur die ersten beiden und die letzte gesungen.

24. Dezember 1818

Aber alle sechs Strophen sind – und das gleich zwei Mal – Teil des Bilderbuchs. In wenigen, knappen Sätzen und großen bunten Bildern, im Stile alter künstlerisch angefertigter Kinderzeichnungen – wird die (mögliche) Entstehungsgeschichte von Text und Musik dieses Liedes geschildert. Armut und schwere Lebensbedingungen schienen – dem Buch zufolge – am 24. Dezember 1818 durch, mit und nach dem Singen dieses Liedes in der römisch-katholischen Kirche St. Nikola in Oberdorf bei Salzburg fast wie weggeblasen. Wenigstens für einig Stunden. So die Legende.

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Stille Nacht, heilige Nacht – Ein Lied geht um die Welt“

Übrigens erfahren wir aus diesem Bilderbuch, das heuer, zehn Jahre nach dem ersten Erscheinen, neu aufgelegt wurde, warum die Melodie sozusagen zu einem Ohrwurm geworden ist. „Die Orgel in St. Nikolaus war alt und beschädigt. Franz Xaver Gruber versuchte also, für das Gedicht eine einfache Melodie zu finden, die sich leicht mit der Gitarre begleiten ließ.“

Großer Gesang

Nachdem das Duo aus Textdichter und Komponist das neue Lied anstimmten, und alle in der Kirche zunächst andachtsvoll gelauscht hatten, „verwandelte sich die Stille in einen großen Gesang…“

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Stille Nacht, heilige Nacht – Ein Lied geht um die Welt“

Stärker als die Nazis

Die (ur-)alte Kirche wurde knapp mehr als 100 Jahre danach – nach dem ersten Weltkrieg (1914 – 1918) in langer Bauzeit (1924 – 1936) durch eine neu errichtete „Stille-Nacht-Gedächtniskapelle“ ersetzt. Vor fast 15 Jahren (2011) wurde das Lied von der für Bildung und Kultur zuständigen Organisation der Vereinten Nationen, UNESCO, zum immateriellen Kulturerbe in Österreich erklärt (Quelle: wikipedia, nicht das hier besprochene Bilderbuch)

Übrigens ist das Lied mit seinem Text so stark unter viiiielen Menschen in Hirn und Herz verankert, dass es den Nazis nicht gelungen ist, ihre Umdichtung, in der es unter anderem hieß, dass Adolf Hitler über alle wacht…, breit durchzusetzen!

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Szenenfoto aus "zur Rettung der Blasmusik"

Schauspiel und Musik rund um „Rettung der Blasmusik“

Irgendwie trist die Bühnen-Szenerie, wenn das Publikum den Theaterort betritt: eine von einer hölzernen Bande U-förmig umgebene Bühne mit 15 leeren Sesseln. Nicht ganz leer – über den Lehnen hängen rote Uniformjacken. Hinter der Bande im vorderen rechten (vom Publikum aus) Eck dann doch drei Menschen in ebensolchen Blazern (Bühne und Kostüm: Rosa Wallbrecher; die uniformen Jacken sind eine Spende der Blasmusikkapelle „Harmonie“ aus dem Schweizer Wettingen-Kloster).

Das Schauspiel beginnt mit der Begrüßung zur Versammlung des Vereins, Feststellung der Beschlussfähigkeit und dem Hinweis, dass eigentlich 15 Minuten gewartet werden müsste, um verspäteten Vereinsmitgliedern die Möglichkeit zur Teilnahme zu gewähren.

Nein, das Publikum muss nicht warten, in Übereinstimmung mit diesem wird auf diese ¼ Stunde verzichtet und die erste Abstimmung – samt Publikum – kann starten. Es geht um die – wie der Stücktitel dieser österreichisch-schweizerischen Koproduktion schon verspricht – „Rettung der Blasmusik“.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „zur Rettung der Blasmusik“

Vorurteile

Von manchen noch immer mit dem Vorurteil behaftet, überholt, von gestern, sehr konservativ, hat sie sich schon lange aus dieser Ecke gespielt. Das musste auch die ÖVP im Frühjahr 2024 beinahe leidvoll erfahren. In ihre selber vom Zaun gebrochene Kampagne zur „Leitkultur“ baute sie etliche Fotos von Blasmusik-Kapellen ein. Die damalige Jugendstaatssekretärin, in der jetzigen Regierung Kanzleramts-Ministerin für Familie, Integration, Europa, spielt selber seit ihrem 10. Lebensjahr Zugposaune in einer solchen in ihrem Heimatort Walding (Oberösterreich).

Da Blechhauf’n beim WDB (Woodstock der Blasmusik) 2024
„Da Blechhauf’n“ beim WDB (Woodstock der Blasmusik) 2024

Offenheit vs. „Leitkultur“

Doch der Präsident des Österreichischen sowie Landesobmann des steirischen Blasmusikverbands Erich Riegler wehrte sich öffentlich gegen die Vereinnahmung. „Als ich zu musizieren begann, glichen etliche Blasmusikkapellen noch Altherren-Clubs“, zitierte ihn die Wochenzeitung Falter. „Doch im Laufe der Jahrzehnte seien immer mehr junge Menschen – vor allem Frauen ­– aktiv geworden. Bei den unter 30-Jährigen stellen sie mittlerweile die Mehrheit, nämlich 55 Prozent der Mitglieder. Heute findet sich im Repertoire der Blasmusikkapellen auch viel zeitgenössische Musik.“ (Falter) „Wir schöpfen aus unserer Tradition und entwickeln uns weiter…Wir sind für alle offen.“ (Erich Riegler).

In der Blasmusik spielten „Menschen aller Geschlechteridentitäten, aller Altersgruppen und aller sozialen Schichten“; auch „Menschen mit Beeinträchtigungen“ seien willkommen, zitierte der Standard den Blasmusikpräsidenten. Und: In einer Musikkapelle „ist es egal, woher ein Mensch stammt, welchen Glauben er hat und mit welcher politischen Richtung er liebäugelt“, alle seien gleich viel wert.“

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „zur Rettung der Blasmusik“

Vereinsmeierei und doch Musik

So zurück zum Schauspiel – das Publikum stimmt wohl immer für die Fortsetzung der Rettungskampagne. Wenn nicht, fällt dem Schauspiel- und Musiktrio sicher auch etwas ein.

Vereinsprozeduren werden abgewickelt mit allen bewussten auf unfreiwillig gespielten laienhaften Reden. Und immer wieder wird natürlich wirklich geblasen – Christian Spitzenstätter, Nora Winkler und Max Gnant spielen Klarinette, Zugposaune, Horn und dazu hin und wieder eine große Trommel (Regie: Simon Windisch).

Das Klischee vielen Biertrinkens wird bedient, aber auch die Aufstellung eines Art Maibaums in einer Bierkiste (Mastkonzeption/-bau und Rigging: Nik Huber). Diese erklettert Max Gnant, um beim dosierten, urlaaangsamen Runterrutschen gleichzeitig ein Horn zu blasen und dies noch gekonnt musikalisch im Zusammenspiel (Komposition: Robert Lepenik) mit seinen beiden Kolleg:innen zu ebener Erd.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „zur Rettung der Blasmusik“

Überraschung

Und nicht zuletzt wird das Publikum gegen Ende nochmals und dann musikalisch eingebunden, wie, das sei aber hier nicht gespoilert. Nach Wien und Graz (Kristallwerk) dann wieder Wien (jeweils Theater am Werk / Petersplatz), im Jänner tourt die Koproduktion von „bum bum pieces“ (Österreich) und vanderbolten.production (Schweiz) dann in der Schweiz – Baden, Bern, Zug.

Übrigens: Spätestens seit dem Festival „Woodstock der Blasmusik“ in Ort im Innkreis (Oberösterreich) ab 2011 in Österreich und international nicht zuletzt beim jährlichen Guča-Trompetenfestival (Dragačevski sabor u Guči, eine halbe Million Besucher:innen, was 2009Rekord war) wissen viele auch über die Bläser:innen hinaus, dass die altbackene Ecke längst überholt ist. Auch wenn parteipolitisch versucht wird – siehe oben sowie die Aufsplittung zwischen Volks- und anderer Kultur durch die blau-schwarze Landesregierung in der Steiermark – das Rad zurückdrehen zu wollen.

Und das Stück „Zur Rettung der Blasmusik“ selber thematisiert in verschiedenen Szenen immer wieder auch die Wichtigkeit des Vereinslebens rund um die örtliche Blasmusik für insbesondere kleinere Gemeinden.

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Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „zur Rettung der Blasmusik“
Doppelseite aus dem Bilderbuch "NUR ICH allein will Omas Farbe sein"

Ich, ich, ich und sonst nix…

Teuflisch böse blickt dir eine urwütende dunkelrote mehr als unsympathische Figur von der Titelseite dieses Bilderbuchs entgegen. In großen schwarzen hingemalten Buchstaben prangt daneben „NUR ICH“ als erster Teil des Buchtitels, in lieblicherer roter Schrift darunter die Fortsetzung „allein will Omas Farbe sein!“

Und es bleibt nicht beim Rot, das diesen Anspruch stellt. Die Story: sehr unzufrieden lümmelt Pippa auf der Couch – mit zehn „o“ versieht die Illustratorin Angela Holzmann das „so“ vor dem langweilig, wie das Mädchen den eigenen Gemütszustand beschreibt. Da schlägt auf der nächsten Doppelseite offenbar die Mutter vor: „Mal Oma doch ein buntes Bild, / das von Farben überquillt!“
Als Antwort reimt Autor Michael Schwankhart: „Und welche Farben nehm ich da, / für das Bild der Omama?“

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „NUR ICH allein will Omas Farbe sein“

Nimm mich und nur mich!

Und damit beginnt die Geschichte, die sich um den Vor-Kampf der Farben dreht und so symbolisch für vieles in Konkurrenzdenken steht: „NUR ICH“ – wie schon am Beginn das Rot auf der Titelseite entgegenbrüllt, so spielen sich der Reihe nach ganz ähnlich auch blau, rosa, gelb, violett, grün, orange… auf. Bevor Pippa auch nur einen Pinselstrich malen kann, dominiert jeweils eine der Farben das Geschehen, will die junge Malerin davon überzeugen dies und nur diese zu verwenden. Nur sie sie schließlich die schönste, größte, beste Farbe…

Zu den entsprechenden Reimen der sich als die einzig Wahre aufspielenden Farben, hat die Illustratorin ganz schön wilde Bilder eben (fast) nur in dieser Farbe auf der jeweiligen Seite gemalt.
Wie die Geschichte ausgeht?

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „NUR ICH allein will Omas Farbe sein“

Vielleicht findest du (d)eine Lösung?

Das sei hier nicht verraten, aber vielleicht fällt dir ja eine eigene Lösung ein – und wirst möglicherweise staunen, wenn du dann dieses Buch liest und anschaust. Wahrscheinlich kommst du auf ein Bild, das zwar ganz anders aussehen könnte als das Schlussbild in diesem Buch, aber im Prinzip wird dein Bild oder die Vorstellung eines solchen nicht viel abweichen von dem, was sich das Duo Autor und Illustratorin einfallen haben lassen.

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Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „NUR ICH allein will Omas Farbe sein“
Proben-Szenenfoto aus "Wirrum Warrum Wunderglocke"

Märchenhaftes Spiel rund ums Wünschen

Ein alter, geöffneter, Koffer, aber so hingelegt, dass das Publikum nicht reinschauen kann. Nur, wer ein bisschen seitlich sitzt, sieht, dass es da aus dem Koffer leuchtet. Ein zweiter, offenbar ebenso alter Koffer, der aber lange zu bleibt und aufgestellt bei einer elektronischen Musikanlage steht. Und dann steht da auf der Bühne, vor der viele Kinder auf Matten Platz nehmen, eine uralte Stehlampe, an deren Stange zwei Regenschirm hängen, einer mit Rüschen-Rand. Ach ja, „da ist eine Schatztruhe“, entdecken noch Kinder, die beim Warten genau schauen.

Bevor das Schauspiel „Wirrum Warrum Wunderglocke“ aber anfängt, mischt sich die Regisseurin Nico Wind unters Publikum, stellt sich vor und lädt alle ein, sich an einem Wünsche-Ritual zu beteiligen: Hände reiben, öffnen, Wunsch reinsagen und ihn in die Lüfte blasen. Jetzt einmal wünschen sich – mit ihr – alle, dass das Theaterstück (endlich) losgeht.

Proben-Szenenfoto aus
Proben-Szenenfoto aus „Wirrum Warrum Wunderglocke“

Feen

Veronika Vitovec und Theresa Seits betreten in bunten Latzhosen und farbenfrohen Socken und Schuhen die Bühne, erstere legt sich in den geöffneten Koffer, Zweitere versteckt sich hinter dem Turm mit Musikgeräten. Sie wird immer wieder auch live Töne und Klänge in die Szenerie schicken. Aber sich auch – wie die Erstgenannte, die zuerst eine Hand, dann einen Fuß und schließlich ihr Gesicht aus dem Koffer schauen lässt – in eine Fee verwandeln.

Plötzlich rollt ein kugelrunder Wollknäuel zur nun aus dem Koffer gestiegenen Veronika Vitovec. „Was hast du da?“, fragt Kollegin Theresa Seits. „Eine Wunderglocke, die kann Wünsche erfüllen!“ Die eine wünscht sich die andere her und die eine gemeinsame abenteuerliche Reise.

Proben-Szenenfoto aus
Proben-Szenenfoto aus „Wirrum Warrum Wunderglocke“

Wundertüten

Auf eine solche nehmen die beiden sich und das Publikum rund eine Stunde lang mit. Dabei „verzaubern“ sie einen weiteren Regenschirm in eine Maus namens Warrum, aus dem ersten und später aus dem zweiten Koffer Stoffbahnen (Ausstattung: Myriel Meißner), die fast nie zu enden scheinen und diese in schlangenlinienförmige Wege und so manche Tiere, zum Beispiel einen Igel. Die Musikerin selbst wird zum Maulwurf, der sich als Rapper versucht.

Und rund um diese beiden Tiere, vor allem aber den Igel, ein flauschig-weiches Stoffbündel, das sich von Kindern streicheln lässt, erzählen die beiden, dass die Menschen ihm und seinesgleichen kaum Laub liegen lassen, das sie aber brauchen für ihren Bau. Eigentlich würden sie ja Winterschlaf halten, aber sie finden dafür häufig nicht genug Nahrung, um sich darauf vorzubereiten.

Proben-Szenenfoto aus
Proben-Szenenfoto aus „Wirrum Warrum Wunderglocke“

Adventkalender-Buch

Dies geht, wie die ganze Geschichte des Theaterstücks, aus von dem Buch „Die magische Weihnachtsglocke“ von Brit Blumilon. In 24 Kapiteln – wie so manch andere „Adventkalender“ in Buchform – erlebt Elfe, die im Buch Lisabella heißt, mit tierischen Freundinnen und Freunden Abenteuer. Die Regisseurin hat gemeinsam mit den beiden Schauspielerinnen, ausgehend von diesem Buch das Stück recht frei entwickelt. Unter anderem trifft sie auf Igelin Ida, die ihre Familie verloren hat. (Buchbesprechung folgt in ein paar Tagen).

Igel-Rettung

Das Igel-Kapitel hat das Theaterteam stark berührt, weshalb sie dieser Geschichte auch viel Zeit einräumten, im Foyer liegen auch Materialien einer Igel-Initiative auf. „Vielleicht auch, weil ich selber in meinem Garten, den ich jetzt so richtig verwildern lasse, eine Igel-Rettungsstation habe“, ergänzt die Regisseurin. Igel fressen vor allem Käfer und die finden sie oft in Totholz. Bei Schnecken und Würmern können sie sogar so krank werden, dass sie ihre Stacheln verlieren…“, sprudelt Nico Wind begeistert im Gespräch mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… nach der Vorstellung drauf los.

Nun, die beiden Schauspielerinnen wollen die Wunderglocke ins Elfendorf zurückbringen und kommen dabei auch zwischen den auf den Matten sitzenden Kindern vorbei. Hin und wieder im Laufe dieser Stunde – für die Kindergartenkinder irgendwann zwischendurch ein wenig zu lang – dürfen sie mit den Händen auf den Boden trommeln, auch sonst sind sie – oder einig von ihnen – manchmal gefragt. Was schwierig ist, wieder einzufangen.

„Töchter der Kunst“, so die Theatergruppe, tourt nach Donaustadt, Floridsdorf, Simmering (Bears in the Park, in der Nähe der Gasometer), mit und für Junge Theater Wien noch Favoriten und Liesing – Termine in der Info-Box am Ende.

Kindergartengruppe hilft und erzählt

In Simmering stand der Reporter vor der Hausnummer 12 in der Eyzinggasse ein wenig verloren, sah aber eine Kindergartengruppe den Gehsteig entlang kommen. Also Frage: Geht ihr zum Theaterstück? Ja, wir gehen auch zum Theater, der Eingang zum Veranstaltungsort „Bears in the Park“ ist um die Ecke in der Otto-Herschmanngasse.

Nach dem Stück plaudern die Vorschulkinder aus dem Kindergarten Rinnböckstraße zum einen darüber, was ihnen am besten im Stück gefallen hat. Sehr häufig nannten die jungen Theaterbesucher:innen den Igel, einer ergänzte, „weil er nicht echt war“, andere hatten auch eine Giraffe gesehen. „Alles“ meinte eines der Kinder und sofort schlossen sich andere an.

Proben-Szenenfoto aus
Proben-Szenenfoto aus „Wirrum Warrum Wunderglocke“

Wünsche

Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… wollte aber, nachdem es ja viel ums Wünschen gegangen war, wissen, was sich die Kinder wünschen. Da reichte die Palette von „eine Uhr, aber eine richtige“ über einen Roller, einen Hund, ein Auto, eine Krone bis zu einem Fahrrad. Als schon fast alle Kinder abgerauscht waren, um Schuhe und Jacken anzuziehen, meinte ein Mädchen noch schüchtern: „Ich wünsche mir Malen“, auf Nachfrage, „ja selber malen will ich“. Vielleicht erfüllt sie ja mit gemalten Bildern den einen oder anderen der Wünsche ihrer Kindergartenkolleg:innen.

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Bunter Protest vorm Wiener Burgtheater für den Erhalt des Kulturzentrums Amerlinkhaus am Spittelberg in Wien-Neubau

Bunte, kleine Aktion für Erhalt des Kulturzentrums

Ein bunter „Fallschirm“ wie er vor allem von Kinderfesten bekannt ist, wird von einigen, auch meist farbenfroh gekleideten, Menschen vor dem Seitentrakt des Burgtheaters aufgespannt. Kinder laufen drunter hin und her. Ein bemalter Regenschirm tanzt auf dem abwechselnd rauf und runter gezogenen bunten Tuch auf und ab. Viele Touris fotografieren und filmen die kleine Gruppe, nicht selten von anderer perspektive mit Blick auf den erleuchteten Christkindlmarkt vor dem Wiener Rathaus.

Hin und wieder, leider zu selten, rufen einige aus der Gruppe den Grund ihrer fröhlichen Aktion – mit ernstem Hintergrund: „Amerlinghaus muss bleiben!

Es geht um dieses unabhängige Kulturzentrum im nahegelegenen siebenten Bezirk, Wien-Neubau, für das die Stadt Wien die Subvention so stark kürzen will, dass es im Frühjahr 2026 mehr oder minder den Betreib einstellen müsste.

Ganzes Viertel gerettet

Wenige Tage zuvor, in der ersten Dezemberwoche, gab es eine Demo mit mehr als 500 Teilnehmer:innen für den Erhalt des Amerlinghauses als Kulturzentrum. „Mei Deitschkurs is net deppat!“, war wohl das kreativste der Protestplakate bei der Demonstration gegen die massive Subventionskürzung für das unabhängige Kulturzentrum Amerlinghaus in Wien-Neubau. Vor 50 Jahren durch die Besetzung des damals eher baufälligen Hauses überhaupt erst – so wie die anderen alten Häuser am „Spittelberg – heute längst als mustergültige Sanierung eines Viertels gefeiert.

Budgetnot ist überall. Daher sparen, sparen, sparen! Kürzen, kürzen, kürzen! Aber wo?
Nun, selbst in der Stadt Wien, die immer Wert darauflegt, sozial und kulturell zu sein, wird bei Beschäftigungsprojekten in der Suchthilfe, Deutschkursen, der Unterstützung für Menschen die aus Ländern flüchten mussten, in denen sie Gefahren ausgesetzt sind, aber dennoch kein Asyl bekommen haben, und vielem mehr der sprichwörtliche Rotstift zur Hand genommen.

Eines dieser Projekte, das bedroht ist: Das Amerlinghaus. Es bietet physisch und geistig Raum für Dutzende kulturelle, politische, soziale Initiativen und Vereine, viel Diskussionen, Deutschkurse, eine selbstverwaltete reformpädagogisch Kindergruppe und, und, und…

Buch über 50 Jahre Amerlinghaus - und daneben Spekulatius-Kekse
Buch über 50 Jahre Amerlinghaus – und daneben Spekulatius-Kekse

Umfangreiches Buch

Erst Anfang Oktober wurde ein fast 300 Seiten starkes Buch mit 50 Kapiteln zur Geschichte, Philosophie, einzelnen Initiativen und Bewegungen, u.a. Frauenbewegung, Kampf um demokratische Mitbestimmung, Kinderrechte, zivilgesellschaftliches Engagement, solidarisches Zusammenleben, Diversität und vieles andere präsentiert – nicht zuletzt mit vorweihnachtlichen Keksen, entsprechend dem Buchtitel: „Spekulatius statt Spekulation!“ Einem der Sprüche, die irgendwann bei einer Aktion in den Anfangsjahren – wo es ja um die Rettung des gesamten Spittelbergs und seiner – heute längst geschätzten – renovierten alten Häuser ging, die vor einem halben Jahrhundert bedroht waren aus Spekulationsgründen alle abgerissen und durch – höhere – Neubauten ersetzt zu werden.

Kostet weniger als ein seltsamer Spitzenjob

Bei dieser Buchpräsentation waren natürlich Finanzen auch ein Thema, weil das Kulturzentrum in den 50 Jahren seines Bestehens immer wieder darum kämpfen musste. Doch, so hieß es Anfang Oktober noch hoffnungsfroh, das Jahr 2026 wäre gesichert. Nun will die Stadt Wien die Unterstützung auf unter 150.000 Euro und damit rund die Hälfte der erforderlichen Mittel wie Energie, knappe Personalressourcen kürzen. Was übrigens wahrscheinlich sogar weniger ist als der zweite – ohne Ausschreibung – bestellte Geschäftsführer der Wirtschaftsagentur Wien, der ehemalige ÖVP-Wien-Chef Manfred Juraczka – kosten wird.

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Kulturstadt Wien retten (nicht nur das Amerlinghaus)
Link zu einem offenen Brief – in einfacher Sprache

Link zu einem Video über die Demo am 4. Dezember 2025

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Mehr Informationen
Titelseite des Buchs über 50 Jahre Amerlinghaus
Titelseite des Buchs über 50 Jahre Amerlinghaus
Grafik mit dem Hashtag der Initiative "Kulturstadt Wien retten!

Offener Brief in einfacher Sprache: Kulturstadt Wien retten!

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Michael Ludwig,
sehr geehrte Frau Vizebürgermeisterin Bettina Emmerling,
sehr geehrte Frau Stadträtin Veronica Kaup-Hasler,
sehr geehrte Frau Stadträtin Barbara Novak,

Die geplanten Kürzungen bei der Förderung von Kunst und Kultur – besonders die Halbierung der Arbeitsstipendien – haben schwere Folgen. Sie gefährden:

Gerade in Krisenzeiten sind Kunst und Kultur wichtig. Sie schaffen Orte, an denen Menschen sich treffen, nachdenken und neue Ideen finden können. Auch die Regierung hat in ihrer Erklärung „Aufschwungskoalition für Wien“ erkannt, dass Kultur für den sozialen Zusammenhalt in unserer Stadt zentral ist.

Treffen vor allem freie Szene

Kürzungen treffen vor allem die freie Kulturszene. Viele Projekte könnten nicht mehr stattfinden, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden ihre Arbeit verlieren, und Kulturstätten müssten schließen. Wenn engagierte Menschen ihre Arbeit verlieren, geht wichtiges Wissen verloren – und sie stehen für die Kulturarbeit nicht mehr zur Verfügung.

Die Ziele der Stadtregierung – faire Löhne und sichere Arbeitsbedingungen für Künstlerinnen und Künstler – können dann nicht mehr erreicht werden. Gleichzeitig fordert auch die EU in ihrem neuen Papier „Culture Compass“, dass Kunst und Kultur für Demokratie unverzichtbar sind und faire Bedingungen brauchen.

Verlust auch für die Stadt

Wien ist weltweit bekannt für Kunst und Kultur. Wenn hier gespart wird, verliert die Stadt an Anziehungskraft – auch für Tourismus und Wirtschaft. Eine erhöhte Tourismusabgabe ab 2026 könnte helfen, aber das Geld käme zu spät, wenn 2026 bereits viele Einrichtungen schließen müssen. Dieses Geld sollte gezielt der freien Szene zugutekommen, weil diese keine festen Förderzusagen oder sicheren Arbeitsverträge hat.

Außerdem wurde in den letzten Jahren zu wenig in die freie Szene investiert. Es fehlen bezahlbare Arbeitsräume, Ateliers und Bühnen. Viele Fördermittel müssen für Miete ausgegeben werden, statt für die eigentliche künstlerische Arbeit. Die Stadt braucht mehr kostenlose oder günstige Räume, damit sich Kunst und Kultur frei entwickeln können.

Auch Kulturprojekte, die von der Bildungsabteilung (MA 13) statt aus der Kulturabteilung (MA 7) gefördert werden, sind von Kürzungen bedroht – mit denselben Folgen: weniger Vielfalt, Projekte werden gestrichen, Menschen verlieren ihre Jobs.

Sparen darf nicht auf Kosten der Kunst, Kultur und sozialen Sicherheit gehen.

Wir fordern deshalb:

Außerdem bleiben alle Forderungen aus dem 4-Themen-Programm der Interessengemeinschaften für Kunst und Kultur“ vom April 2025 bestehen.

Dieser Brief wurde am 24.11.2025 verschickt.

Unterzeichnet haben:

Berufsvereinigungen der bildenden Künstler Österreichs, Zentralverband
Forum Literaturübersetzen Österreich
Forum Österreichischer Filmfestivals
IG Autorinnen Autoren
IG Bildende Kunst

IG Freie Theaterarbeit
IG Kultur Wien

Kulturrat Österreich
Österreichischer Musikrat

Hier klicken, um die Originalfassung des offenen Briefs zu lesen

Doppelseite aus "Mein Christkind Wimmelbuch"

Da kannst du viel schauen, suchen und finden

Wimmelbücher kennst du sicherlich, dieses kreist um Weihnachten. Auf der Titelseite mit zusätzlichem Gold-Glitzerdruck kannst du vielleicht schon stundenlang hängenbleiben, suchen und finden und wieder was Neues entdecken.

Noch mehr zum Schauen – auch ohne Glitzer – findest du natürlich im Inneren auf den großen Doppelseiten von „Mein Christkind-Wimmelbuch“ von Matthias Kahl. Sicher weit mehr als 100 Kinder im ersten Kapitel „Spiel und Spaß im Schnee“, folgen Szenen aus einer Weihnachtsbackstube, Wichtelwerkstatt, Advent in der Stadt, Christkindlmarkt, aber auch Weihnachtszauber im Wald.

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Mein Christkind Wimmelbuch“

Such-Aufgaben

Wie bei Wimmelbüchern üblich, wird dir auch beim x-ten Mal anschauen noch immer das eine oder andere Detail auffallen, das du bis dahin übersehen hast. Und sollte dir fad werden, versuch vielleicht die auf der Rückseite des Buches abgedruckten drei kleinen Bilder bzw. sechs weiteren Bildausschnitte auf den vorangegangenen Seiten zu suchen und – nicht ganz so leicht – zu finden; fast ein österlicher Brauch, nach Verstecktem zu suchen 😉

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Titelseite von
Titelseite von „Mein Christkind Wimmelbuch“

Simon Malleczek (17) im Interview mit KiJuKU-heinz

Mit drei mit Geige angefangen, dieses Jahr Schule abgebrochen, um zu spielen und singen

Er spielt und singt im seit dem Feiertag (8. Dezember 2025) im Wiener Raimund Theater nicht nur den „kleinen Stanislaus“ im Musical „Die drei Stanisläuse“, das die Kinderfreunde heuer – wie jedes Jahr ein anderes – rund 6000 Kindern schenken. Simon Malleczek hat auch zwei Auftritt mit verschiedenen Saxofonen. Und er ist erst 17, also nur wenige Jahre älter als sein Publikum. Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… führte kurz nach der umjubelten Premiere und vor einer zweiten Vorstellung am Nachmittag ein kurzes Interview mit dem Newcomer.

KiJuKU: Seit wann machen Sie Musik und Schauspiel?
Simon Malleczek: Eigentlich schon immer.

KiJuKU: Was heißt immer?
Simon Malleczek: Ich hab mit drei angefangen mit Geige, ich hab Fagott gespielt, ich spiel Saxofon, was ich heute auch spielen durfte. Ich hab im Kindergarten zu singen angefangen.

KiJuKU: Wie kommt man mit drei auf die Idee, Geige zu spielen?
Simon Malleczek: Das ist eine sehr gute Frage. Angeblich – ich hab keine Erinnerung daran, aber so wurde es mir immer wieder erzählt – sobald ich stehen konnte, stand ich vor der Übertragung des Neujahrskonzerts, hab mich auf Bücher gestellt und versucht das zu dirigieren. Das heißt die Begeisterung für Musik war irgendwie schon immer da.

KiJuKU: Ist nicht Geige gerade zum Beginnen schwierig?
Simon Malleczek: Es gibt auch schon kleine Geigen.

KiJuKU: Aber bei einer Flöte oder einem Tasteninstrument ist es schon leichter, bald einmal Töne zu spielen, was bei Geigen ja nicht so einfach ist?
Simon Malleczek: Ich war auch nicht besonders gut, aber die Schwierigkeit hat das gefördert, ich wollt einfach Töne rauskriegen.

KiJuKU: Und dann haben sie Musikschulen besucht?
Simon Malleczek: Ja, zuerst mit Fagott und dann mit Saxofon.

KiJuKU: Jetzt gehen Sie noch in die Schule, oder?
Simon Malleczek: Nein, ich bin nicht mehr in der Schule, ich hab in der 7. Klasse abgebrochen, ich hab schon so viele Projekte gespielt, dass ich gesagt hab, ich hör mit der Schule auf.

KiJuKU: Sie wechseln in eine Schauspiel-, Musik oder kombinierte Ausbildung?
Simon Malleczek: Genau, das Ziel ist eine professionelle Ausbildung, vorerst Schauspiel.

Simon Malleczek (jüngster Stanislaus) und Stella Kranner (jüngste Veronika)
Simon Malleczek (jüngster Stanislaus) und Stella Kranner (jüngste Veronika)

KiJuKU: Wie sind Sie zum Kinderfreund-Musical gekommen?
Simon Malleczek: Das war ganz witzig, ich kenn die Stella Kranner, die die jüngste Veronika spielt, schon ganz lang. Die hat mich angerufen: Ich hab ein Casting für dich! Dann war ich auf einer Konzertreise in Vorarlberg und hab ein WhatsApp-Nachricht bekommen: Heute 12.30 Uhr eCasting, geht klar? Dann bin ich von der prob weg ins Hotel gegangen, hab das eCasting gemacht und wurde genommen.

KiJuKU: Was haben Sie im eCasting gemacht – schon Texte aus den Stanisläusen?
Simon Malleczek: Nein, zwei Lieder gesungen, einen Monolog aus meinem Repertoire, ich glaub es war auch was aus dem Phantom der Oper dabei, aber ich weiß es nicht mehr.

KiJuKU: Kannten Sie die Stanisläuse-Geschichten?
Simon Malleczek: Ich bin voll mit diesen Büchern aufgewachsen, zuerst vorgelesen, dann selber gelesen. Und ich war jedes Jahr beim Kinderfreunde-Weihnachts-Musical. Ich hab im Dezember Geburtstag, war jedes Jahr – meistens genau an meinem Geburtstag mit meinen Freunden in der Vorstellung, nachher sind wir zum Christkindlmarkt gegangen. Das ist jetzt so ein kleiner Kreis, der sich gerade schließt, dass ich da mitspielen darf. Heuer ist leider an meinem Geburtstag keine Vorstellung.

Gespielt wird bis 20. Dezember – Infos im unten verlinkten Beitrag, in dem das Musical besprochen wird.

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Szenenfoto aus dem Kinderfreunde-Musical "Die drei Stanisläuse"

Drei Veronikas spielen und singen gleichberechtigt mit den drei Stanisläusen

„… und natürlich den drei Veronikas!“ – schon in der mehrfach wiederholten Ansage im sich füllenden Raimund Theater ertönt eine Ergänzung zum Titel des Musicals „Die drei Stanisläuse“, das am Feiertagsvormittag seine umjubelte Uraufführung erlebte (Details in der Info-Box ganz am Ende des Beitrages). Einige der sechs Bilderbücher – geschrieben von Vera Ferra-Mikura und illustriert von Romulus Candea zwischen 1962 und 1995 – werden immer und immer wieder neu aufgelegt – Buchbesprechungen auf KiJuKU.at am Ende des Beitrages verlinkt.

Wie die Protagonist:innen aus drei Generationen greifen offenbar heutige Großeltern zu den Büchern aus ihrer Kindheit, um sie ihren Enkelkindern vorzulesen oder zu schenken. Schon die Einleitung oben deutet den wesentlichen Unterschied zwischen den Büchern und dem Musical an – nicht nur die schwungvolle, ins Ohr gehende Musik: Geschrieben und in Bildern sind Bub, Vater und Großvater die aktiven, die abenteuerlustigen, die Entdecker, die drei Generationen Veronikas sind eher die Randfiguren und treten in althergebrachten Rollen mit überholten Aufgaben in Erscheinung.

Szenenfoto aus dem Kinderfreunde-Musical
Szenenfoto aus dem Kinderfreunde-Musical „Die drei Stanisläuse“

 „Nichts gemacht“ – „ja eben“

Auf der Bühne singen und spielen sie gleichberechtigt, lassen sich nicht alles gefallen. Stella Kranner als die Jüngste, das Kind Veronika, gibt ihrem Bruder, dem jüngsten Stanislaus (Simon Malleczek) schon recht früh zu verstehen, das mit der „kleinen Schwester“ könne er sich abschminken, sei sie doch größer als er. Und wenn Georg Hasenzagl als mittlerer Stanislau neben dem Wäschekorb auf unschuldig singt „ich hab ja nichts gemacht“, kontert ihm Anna Knott (die auch gemeinsam mit Janine Hickl für die Choreo zuständig ist) als Ehefrau und damit mittlere Veronika: „ja eben, das ist ja das Problem“, denn im Haushalt mit anpacken wäre ja wohl angesagt.

Szenenfoto aus dem Kinderfreunde-Musical
Szenenfoto aus dem Kinderfreunde-Musical „Die drei Stanisläuse“

Songs

Was noch in einem der Songs mit teilweise Ohrwurm-Potenzial verstärkt und unterstrichen wird, wenn es heißt, dass die Welt nur ändern kann, der sich selber ändern kann. Andere Texte besingen vor allem das, was auch die Autorin der Bücher so toll in Szenen verpackt hat: Fantasie schafft Abenteuer. „Es braucht nicht viel, nur Fantasie und jedes Spiel wird schön wie nie: Wir stellen’s uns vor!“ kommt in mehreren Liedern vor – mit dem Versuch das Publikum gerade in den letzten Satz miteinstimmen zu lassen.

Szenenfoto aus dem Kinderfreunde-Musical
Szenenfoto aus dem Kinderfreunde-Musical „Die drei Stanisläuse“

Die schon genannten vier Darsteller:innen – und dazu noch Elena Schreiber und Martin Petraschka als das älteste eh klar Veronika und Stanislaus-Paar – schlüpfen aber auch noch in andere Rollen. So geben die drei Frauen auch Feen, die die Stanisläuse – und das auch schon im sechsten Buch, in dem die Veronikas es auf den Titel geschafft haben – dazu bringen, Küche zu putzen und Kekse zu backen. Die drei Männer treten als diebische Mäusefänger auf.

Musicalisch

Die Bühnenfassung hat – wie schon im Vorjahr bei „Die Omama im Apfelbaum“ nach Mira Lobe und Susi Weigel – Stephan Lack geschrieben, für Regie und künstlerische Leitung zeichnet wieder Caroline Richards verantwortlich. Die Songs komponiert und die Live-Musik geleitet hat erneut Michael Hecht, der auch Bass spielt; an den Keyboards Ed Reardon und Benjamin Alan Kubaczek und das Schlagzeug bedient wieder Lukas Schlintl. Wobei zusätzlich zu den vier Musikern der Jüngste auf der Bühne Simon Malleczek (17 – Interview in einem eigenen Beitrag) neben Schauspiel und Gesang in zwei Szenen Saxofon bzw. Sopransaxofon spielt.

Szenenfoto aus dem Kinderfreunde-Musical
Szenenfoto aus dem Kinderfreunde-Musical „Die drei Stanisläuse“

Malen per Videoeinspielungen

Das vor allem dank – teils überraschender (Malereien!) Videoeinspielungen – wandelbare Bühnenbild stammt von Alois Ellmauer bzw. Videoproduktion: Alexander Trinkl, Lisa Punz. Da die Schauspieler:innen, die gleichzeitig auch Sänger:innen sind – eben Musical – natürlich nicht Kinder / Eltern bzw. Großeltern sind, hilft auch die generationenmäßig unterschiedliche Kleidung mit, niemanden durcheinander zu bringen (Kostüme: Natalie Pedetti Prack).

Geschenk der Kinderfreunde

Die Kinderfreunde schenken seit fast 40 Jahren in der Vorweihnachtszeit Tausenden Kindern ein Musical, seit langem im Raimund Theater. Bis vor zwei Jahren war es fast immer ein eigens dafür geschriebenes Stück Musiktheater. Im Vorjahr wurden Konzept und Leading-Team – Bühnenfassung, Regie, Musik – verändert, seither werden Bilderbücher aus dem zu den Kinderfreunden zählenden Verlag Jungbrunnen dramatisiert. War es im Vorjahr „Die Omama im Apfelbaum“ vom Duo Mira Lobe und Susi Weigel, so bildeten heuer die sechs Bücher über die drei Generationen Stanisläuse – und in der Musicalversion viel stärker als in den Büchern die drei Veronikas, ebenfalls Großmutter – Mutter -Kind – die Grundlage für das vorweihnachtliche für Kinder kostenlose Musiktheater.

Szenenfoto aus dem Kinderfreunde-Musical
Szenenfoto aus dem Kinderfreunde-Musical „Die drei Stanisläuse“

Bruno-Kreisky-Preis

Übrigens: Dem Verlag wurde erst in der Vorwoche der Bruno-Kreisky-Preis (nach dem Bundeskanzler von 1970 bis 1983) des Karl-Renner-Instituts überreicht. In der Begründung heißt es unter anderem: „Jungbrunnen überzeugt durch seinen Mut, auch schwierige und kontroverse Themen wie Inklusion, Diversität und Nachhaltigkeit in seinen Publikationen aufzugreifen, ohne dabei die Magie kindlicher und jugendlicher Erzählwelten zu verlieren. Der Verlag setzt konsequent auf hochwertige Illustrationen, innovative Ansätze und literarische Qualität und erreicht so Generationen von Jugendlichen, die durch die Bücher nicht nur unterhalten, sondern auch zum Nachdenken angeregt werden… Die Jury würdigt den Verlag Jungbrunnen für sein nachhaltiges Engagement, kulturelle und politische Bildung zu fördern. Er ermöglicht durch seine unermüdliche Arbeit Kinder- und Jugendliteratur auf höchstem Niveau. Der Verlag ist ein Leuchtturm für die Bedeutung von Literatur als Werkzeug politischer Bildung, demokratischen Bewusstseins und gesellschaftlichen Zusammenhalts.“

Warum dann ausgerechnet Bücher für das aktuelle Musical ausgesucht wurden, die zwar Fantasie fördern, aber ein überholtes Frauenbild – auch schon in den Entstehungszeiten; 5. Buch 1974, 6. Buch 1995 – verbreiten? Na gut, immerhin hat die Musicalversion den einen oder anderen kleineren Ansatz neuerer Sichtweisen aus diesen Büchern vergrößert bzw. hinzugefügt – siehe oben.

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Interview mit dem Darsteller des jüngsten der drei Stanisläuse

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Doppelseite aus "„Veronika!“ „Veronika!“ „Veronika!“ rufen die drei Stanisläuse"

Sohn, Vater, Großvater: Drei Stanisläuse

„Veronika!“, „Veronika!“, Veronika!“ – nein, hier ruft niemand drei Mal nach einem Mädchen oder einer Frau dieses Namens. Drei Veronikas sind gesucht – Großmutter, Mutter bzw. Tochter der erstgenannten sowie deren Tochter, die natürlich gleichzeitig auch Enkelin der ältesten der drei Veronikas ist.

Obendrein ruft nicht eine einzige Person, es sind deren drei. Und wie heißen die? Jeweils Stanislaus – ihres Zeichens untereinander ebenso verwandt wie die Veronikas, nur dass die Jüngste die Schwester des dritten Stanislaus ist, während die ältesten und mittleren miteinander verheiratet sind.

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Der alte und der junge und der kleine Stanislaus“

Klassiker, in 20. Auflage

Ältere Semester kennen wahrscheinlich mindestens eines der sechs Bücher von den drei Stanisläusen – sie sind die Hauptfiguren, jedenfalls die aktiv(er)en, die immer in den Titeln vorkommen in den stark bebilderten (Illustrationen: Romulus Candea) Büchern der einst bekannten Kinderbuchautorin Vera Ferra-Mikura (1923 – 1997), die sich mehr als vier Dutzend Bücher für junge Leser:innen ausgedacht und geschrieben hat. Warum hier zwei der sechs Stanisläuse-Bücher besprochen werden, liegt nicht nur daran, dass insbesondere der „Klassiker“, Band 1, schon in 20. Auflage vor drei Jahren erschienen ist. Der Hauptgrund: Das diesjährige vorweihnachtliche Geschenk der Wiener Kinderfreunde an Tausende Kinder, ein Musical im Raimundtheater, basiert auf den Ferra-Mikura-Büchern über die drei Generationen namens Stanislaus; vielleicht spielen die Veronikas größere und aktivere Rollen als in den Büchern, wer weiß? Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… wird die Premiere am 8. Dezember 2025 besuchen und danach berichten.

Fantasie trifft Alltag

Aus der einen oder anderen Alltagssituation lässt die Autorin – und mit ihr der Illustrator – die Protagonist:innen, meist die drei männlichen, in fantasievolle Abenteuer gleiten. So reisen die drei Stanisläuse im allerersten der sechs Bücher – „Der alte und der junge und der kleine Stanislaus“ (1962) – mit einem Zeitungspapier-Schiff zuerst auf dem Bach und später auf einem unruhigen Strom. So wie das Schiffchen groß und größer wird, so magisch funktioniert auch das Fernrohr, das der Jüngste der drei Stanisläuse auf einmal in Händen hält – damit kann er Dinge wie eine Burg heran-zoomen – aber nicht nur näher und größer sehen, sie ist auf einmal wirklich zum Greifen nahe.

Das mit dem (Papier-)Schiff geht natürlich nur flussabwärts. Und dann ruft sozusagen das Essen zu Hause. Zubereitet von den Veronikas. Für die Rückreise hilft allerdings nicht das Fernrohr, sondern… – nein, wird nicht verraten.

Doppelseite aus
Doppelseite aus „„Veronika!“ „Veronika!“ „Veronika!“ rufen die drei Stanisläuse“

Veronikas

Spielten die Veronikas wie schon mehrfach erwähnt eher Neben- bzw. klassische Klischeerollen, so beginnt das letzte der sechs Bücher, das immerhin die Frauen bzw. das Mädchen in den Buchtitel rückt – „Veronika!“ „Veronika!“ „Veronika!“ rufen die drei Stanisläuse“ (1995) – hoffnungsfroher, was dies betrifft. Die drei Stansiläuse sagen eines Morgens zu ihren Ehefrauen bzw. zur Schwester, sie könnten ruhig liegenbleiben, denn an diesem Tag würden die Männer bzw. der Bub sich ums Frühstück kümmern.

Was folgt, ist eine fantasievolle Szene um sieben Eier, obwohl es nur sechs Hühner gibt und – ansonsten nicht viel in Sachen Frühstück. Erst recht müssen wieder die drei Generationen Veronika ran, während die drei männlichen Figuren schon wieder auf Abenteuertrip gehen.

Allerdings ließ sich die Autorin – immerhin knapp mehr als 30 Jahre nach Band 1 und mittlerweile nur mehr wenig vom Ende des 20. Jahrhunderts entfernt – eine doch spannende List einfallen. Auf einer ihrer Stationen „nach irgendwo“ landet das Trio bei drei Feen. Und die teilen die drei Stanisläuse zu Putz- und Kochdiensten ein 😉

Vornamen

Übrigens scheint die Autorin mit dem ihr selber zugeteilten Vornamen Gertrude ja nicht ganz glücklich gewesen zu sein, nannte sie sich als Autorin – ab ungefähr 25 Jahren war sie freie Schriftstellerin – eben Vera 😉

Und sie schrieb auch so manches jenseits alter Rollenklischees, nicht zuletzt arbeitete sie mit der jungen Generation neuer Kinderbuchautor:innen wie Christine Nöstlinger, Renate Welsh und anderen mit am berühmt-beliebten Sprachbastelbuch (1975), in dem diese alle sehr kreativ mit Sprache gespielt haben, was damals nicht alle Erwachsenen gut fanden. Rund ein Jahrzehnt später (1984) erschien übrigens „Macht die Erde nicht kaputt: Geschichten für Kinder über uns“.

Ach, und apropos Musical: Nach Vera Ferra-Mikuras Buch „Das Luftschloß des Herrn Wuschelkopf“ entstand 1966/67 das erste österreichische Kindermusical.

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Großgruppenfoto aller anwesenden Preisträger:innen, Juror:innen, Preisübergeber:innen, Team der edition exil

Literarische Reisen in nahe und für viele doch neue Welten

„Die Beerdigung darf nur am Dienstag, Donnerstag, Samstag oder Sonntag stattfinden. Die Leiche muss sichtbar sein. Der Sarg soll in der Mitte des größten Raumes des Hauses stehen… Alle Spiegel im Haus müssen mit einem weißen Tuch bedeckt werden. Der Tod soll sich nicht spiegeln, sonst besucht er das Haus bald wieder… In Georgien kommen die Menschen ins Haus der Verstorbenen, um den Angehörigen ihr Beileid auszudrücken, doch vor allem beobachten sie, wie die Familie lebt, wer weint und wie geweint wird…“

Eingebettet in die ausführliche Schilderung, welche Bräuche sich rund um den Tod und Neujahr, in ihrer ersten Heimat abspielen, weil sie in ihrem Text beides zeitlich zusammenfallen lässt, gibt Lali Gamrekelashvili aber auch Einblicke in die georgische Sprache. Sie flicht nicht nur zwanglos einige Wörter – samt der Schrift – ein, sondern baut auch Erklärungen über die Struktur der Sprache ein und vergleicht sie mit Deutsch, der Sprache, in der sie schreibt. Die wenigen Vokale im Georgischen – nur fünf, aber keine Umlaute und Diphtonge (also so etwas wie ei, eu, au…) „sind besonders dehnbar“. Und es gibt keine vielfach zusammengesetzten Wörter. „In der deutschen Sprache gibt es reichlich davon, das längste Wort, laut Duden, mit dem ich meine Zunge brach, habe ich auswendig gelernt: Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung.“

Mit „Ein anderes Neujahr“ hat sie den diesjährigen Hauptpreis der edition exil gewonnen. „Der Autorin gelingt es, dieses intime und stimmungsvolle Bild ganz unaufdringlich mit einer Reflexion über ihre doppelte Identität zu verbinden, … subtil thematisiert sie dadurch Zweisprachigkeit, Fremdheit und Vertrautheit und nimmt vielleicht nicht nur von ihrem Vater Abschied, sondern auch von ihrer Herkunft“, begründete die Jury – Jessica Beer, (Residenz Verlag), Paula Pfoser (ORF) und der Autor Thomas Perle – die Vergabe des ersten Platzes – dotiert mit 3000 € an Gamrekelashvili.

Dinosaurier-Biss

Platz zwei – 2000 € – vergab die Jury an Nastasja Penzar. Auch sie nimmt die Leser:innen in ihrem Text – „der erste Sommer“ – mit auf eine berührende Reise mit in ihre erste Heimat, viel eher eigentlich die ihrer Eltern. Denn sie selbst wurde da vom Vater aus dem Kindergarten im deutschen Frankfurt abgeholt – mit der Ankündigung einer großen, geheimnisvollen Überraschung. Die sich dann für sie – und noch mehr für ihre schon älteren Schwestern als naja… – schon der erste Absatz dieser Reise zu den Großeltern in Kroatien umreißt das Gegenteil:

„Der erste Sommer, den wir hier unten verbrachten, war der erste, in dem der Krieg gerade einmal so lange pausierte, dass die Eltern sich eine Ferienlänge ohne Bombardement erhofften. „Ein bisschen verrückt war das schon“, würde meine sonst sicherheitsbewusste Mutter später sagen und dabei den Finger über der Schläfe drehen. Es war der Sommer der Sandsäcke.“

Für die Kinder eine Ankunft in einer eher fremden, verstörenden Atmosphäre – und doch eingebaut mit kindlicher, fantasievoller Perspektive: „Schau dir das an, komm.“ Er schob mich den Gartenweg entlang, bis zur Seite des Hauses und zeigte nach oben. Über all den Sommersprossen klaffte eine Bisswunde, so sah es aus. Die oberste Ecke des Hauses war weg.
„Abgebissen“, nickte ich, „wahrscheinlich ein Dino-saurier.“ Ich sah meinen Vater ernst an.
„Ja, denkst du?“ Er lächelte, hob seine Augenbrauen, „Vielleicht.“ Dann klopfte er mir leicht auf den Kopf und ging zu seinen Eltern zurück.
Später gaben die Erwachsenen dem Dino den Namen Granata.“

Die Welt einer Immer-schon-Lehrerin

Seit vielen Jahren vergibt die edition auch einen Preis für Autor:innen mit deutscher Erstsprache. Der Untertitel „Schreiben zwischen den Kulturen“ will gerade mit diesem Zeichen die Literatur, die die Preise und der Verlag fördern, zusätzlich aus der „Migrations“-Ecke holen. Die Bereicherung von Texten durch unterschiedliche Sichtweisen, auch Sprachkulturen, steht im Zentrum. Und – wie schon in anderen Beiträgen zu diesem Preis mehrfach erwähnt, sind aus dieser Initiative schon lange auch große Namen der österreichischen Literatur erwachsen, Stichwort Julya Rabinowich, Dimitré Dinev; der zuletzt Genannte hat erst in diesem Jahr den Österreichischen Buchpreis mit „Zeit der Mutigen“ gewonnen.

So, zurück zu Deutsch als Erstsprache. Diesen Preis bekam 2025 Felicia Schätzer für ihren Text mit dem Titel „Was, wenn ich am Ende genauso bin, wie ich immer schon war?“

„Seit wir in der Sandkiste waren, haben alle zu mir gesagt, ich würde mal Lehrerin werden“, lautet ihr erster Satz. Lebhaft und gut vorstellbar schildert sie ihr Agieren als ganz junges Kind, aber auch später als Schülerin und die Verwirklichung der schon frühen Beobachtungen der meisten Außenstehenden. Sie wurde Lehrerin. Dabei nimmt sie die Leser:innen aber in eine dann doch recht fremde Welt mit – ihre Verzweiflung als Werklehrerin in einer Volksschule, ihre Überforderung… aus der eher der Hang zum Aufgeben deutlich aus dem Text springt.

Was wird, wenn…

Bis sie ihre eigene Reflexion schildert und einen berührenden Moment: „Während mich Nala am letzten Schultag also weinend umarmt und mir die lila Blume in die Hand drückt, die sie extra für mich ausgesucht hat, denke ich mir, was nur aus den Kindern wird, die von allen anderen Lehrerinnen liegen gelassen werden, weil sie einfach keinen Bock auf Schreiben haben, und zu denen immer jeder sagt: Du kannst das nicht und du kannst das nicht, du machst das falsch und das und das, zu denen nie wer sagt: Du wirst bestimmt mal Lehrerin. Jetzt, in genau diesem Moment, werden diese Kinder wie Nala also genau von diesen Lehrerinnen wie mir links liegen gelassen. Weil sich diese Lehrerinnen lieber mit sich selbst beschäftigen. Weil unterrichten zu anstrengend ist. Weil sie die eigenen Energien aufsparen, um noch andere Jobs auszuprobieren, angespornt von der brennenden Frage, wer zum Teufel man eigentlich ist oder noch aller sein könnte. Eine Frage zufällig vererbter Privilegien. Das alles ist irgendwie so unfair, dass ich gleich wieder anfange zu schlucken, obwohl es ja ich bin, die es in der Hand hätte. Was wird aus den Kindern, die niemand dabei begleiten kann, herauszufinden, dass es Dinge gibt, die sie gut können, und nicht nur Dinge, die sie schlecht können.“

Weitere (Sprach-)Kulturen: Musik

Die Preisverleihungen, die nun seit einigen Jahren im Literaturhaus stattfinden, wo mehr Zeit und Raum ist als in früheren Jahren Samstagabend bei der Buch Wien mit höchstens einer Stunde im Rundum-Trubel werden jeweils auch musikalisch begleitet, seit Jahren von dem Duo Miloš Todorovski (Akkordeon) und Andrej Prozorov (Tenorsaxofon), ein Duo, das mit seinen Beiträgen in unterschiedlichen Stimmungen noch einmal weitere Sprachen und Kulturen in die Veranstaltung einbringt.

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Beiträge aus früheren Jahren

Acht der elf Teilnehmer:innen des Jugend-Gruppenprojekts vom Jugendcollege mit ihrer Lehrerin sowie der Vertreterin des u.a. Kulturministeriums

Selber schon 100 Seiten auf arabisch geschrieben

„Es war unmöglich, einen Fuß auf den Boden zu setzen, ohne auf zerknüllte Plastikverpackungen oder benutzte Zahnbürsten zu treten. Den Boden selbst konnte man gar nicht sehen. Und auch die kleinen Hütten, in denen sie alle lebten, bestanden aus Abfall. …
Die Ältesten unter ihnen – jene, die noch ein anderes Zeitalter miterlebt hatten – behaupteten, dass die Welt einst eine andere gewesen sei. Damals habe es verschiedene Jahreszeiten gegeben statt eines Lebens in einem endlosen Glutofen… es sollte etwas, das man Schnee nannte, gegeben haben – winzige Eiskristalle, jeder einzigartig geformt, die vom Himmel fielen wie ein stilles Wunder.“

Diese Sätze stammen aus einer dystopischen Schilderung namens „Kinder der Zukunft“. Mit dieser hat Selina Le einen der – aufgrund der vielen Einsendungen heuer geteilten – Jugendpreise der von der editon exil vergebenen Literaturpreise gewonnen.

„Die Menschen hier waren nicht krank, sie waren längst tot. Auch wenn ihre Herzen vielleicht noch nicht aufgehört hatten zu schlagen – ihr Geist war schon lange erloschen…“, heißt es an anderer Stelle des ausgezeichneten Textes, der zum 29. Mal vergebenen Preise mit dem Motto „Schreiben zwischen den Kulturen“; diese Autorin war krankheitshalber bei der Preisverleihung verhindert.

Preisträgerin Paula Dorten - mit der Vertreterin des u.a. auch für Kultur zuständigen Bundesministeriums sowie Moderatorin und Jurorin Jessica Beer
Preisträgerin Paula Dorten – mit der Vertreterin des u.a. auch für Kultur zuständigen Bundesministeriums sowie Moderatorin und Jurorin Jessica Beer

Zweifell

„Die Eltern erzählten mir später / Als Baby im Kreischsaal / Das Krankenhauspersonal unterbesetzt / Blieb ich unbewacht/ Mit langen Beinen und großem Mund / Zog sich die Sprache über den Fensterrand / Und biss sich fest in meinem Babynackenspeck“, spielt die zweite Jugend-Preisträgerin Paula Dorten nicht nur mit Sprachbildern, sondern auch mit humorvoll veränderten Wörtern.

Wobei sie gesteht, sich den ebenso ausgedachten Titel „Zweifell“ von einer anderen Autorin, Frieda Paris, aus einer Literaturwerkstatt ausgeborgt zu haben.

„Das Zweifell“ ist eine unterhaltsame Achterbahnfahrt durch den Schreibprozess, die Gleise mit dem zweifelnden Schreibkörper verwoben. Eine Vivisektion. Eines vorab: Esge ht gut aus. Paula Dorten gelingt es, in ihrer operativen Funktion als Autorin, die eigene Schreibwut fruchtbar zu machen – ohne Zweifel auch im real life, wie die Prämierung des Textes beweist“, würdigten die Juror:innen Grzegorz Kielawski und Christa Stippinger, die Initiatorin und Motorin der edition exil diesen Text.

Jugend-College

Neben Einzelpreise für junge Autor:innen vergibt die edition exil Jahr für Jahr auch einen Preis für schulische Projektgruppen oder Klassen. In diesem Jahr vergab ihn die Jury an Schüler*innen des Jugendcollege – Wien #advanced OST: Projekt „Fremd in Österreich“, betreut von Ganna Gnedkova-Huemer.

Zunächst einige Zitate aus den Texten von Bita, Hussein, Huzaifa, Mouhanad, Ozlo, Saleh, Samira, Shalali, Yahya und zwei Teilnehmer:innen, die aus Sorge um ihre politische und sonstige Sicherheit die Pseudonyme Abenteuer und Auswanderung verwendeten, wobei auch die beiden Namen Ozlo und Shalali aus den selben Gründen nicht die echten sind.

„Mein größter Wunsch ist, glücklich zu sein, eine Familie zu gründen und in Frieden zu leben. Diese Geschichte ist nicht nur eine von Flucht… sondern von Hoffnung, Geduld und Würde. Ich bin stolz auf mich, stolz darauf, dass ich nie aufgegeben habe. Und an jedem Tag, an dem ich in Österreich aufwache, sage ich mir: „Du bist nicht ohne Grund hier… du verdienst es zu leben… Es fehlt oft dieses besondere Gefühl und die vertrauten Aromen, die mich an meine Kindheit und an meine Familie erinnern. Manchmal vermisse ich einfach diese kleinen Details, die das Essen so besonders gemacht haben…“, heißt es unter anderem in den Texten von Mouhanad.

Und Bita formuliert: „Wenn ich an die Gerüche und Klänge meines Heimatdorfes denke, spüre ich eine Welle von Sehnsucht und das stille Verlangen, genau dorthin zurückzukehren.“
Ozlo: „Ich vermisse es, die Freizeit draußen auf der Straße zu verbringen. Wir blieben zu Hause jeden Tag bis vier Uhr morgens wach.“

Samira und Shalali vermissen vor allem Kamel-Milch aus ihrer ersten Heimat Somalia. „Diese Milch hat sehr viele Vitamine und ist sehr sättigend. Sie schmeckt überhaupt nicht so wie Ziegen- oder Kuhmilch. Bei uns in Somalia konnte man sie überall kaufen. Was ich nicht vermisse, sind Krokodile…“ (Shalali)

Saleh vermisst vor allem „Jasmin und die Pflanzen neben unserem Hus und frische Säfte, die man aus ihnen machen kann…“

Fremd in Österreich

„Als Titel für das eingereichte Projekt haben die Teilnehmer „Fremd in Österreich“ gewählt. Ich hätte mir gewünscht, dass sie sich nicht so fremd fühlen, und als Lehrerin tue ich alles, damit sie sich nicht fremd fühlen, aber das ist der Titel, den sie gewählt haben“, meint im erklärenden Text dazu Ganna Gnedkova-Huemer, selbst Wienerin aus der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw, die „statt Integration lieber Interaktion“ verwendet, „weil ich glaube, dass wir einen Dialog der Kulturen führen sollten und auch voneinander lernen könnten“.

Vorher schon viel geschrieben

Huzaifa, wie die meisten seiner Kolleg:innen aus Syrien, einige davon haben auf der Flucht einige Zeit in der Türkei verbracht, andere kamen aus Somalia, dem Iran und Jemen, erzählt nach der Preisverleihung Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…: „Ich hab schon bevor uns die Lehrerin nach Texten auf einige ihrer Fragen gebeten hat, rund 100 Seiten auf Arabisch über meinen Weg nach Österreich geschrieben. Das was daraus als Antworten auf ihre Fragen gepasst hat, hab ich dann auf Deutsch übersetzt, das heißt eigentlich nur ein bisschen davon, weil alles zu viel gewesen wäre, und ihr gegeben.“

Mouhanad ergänzt: „Ich hab vorher nichts darüber geschrieben, aber alles hier oben drin“ – und er deutet mit der linken Hand auf seine Stirn.
Jener junge Mann aus Somalia, der sich der Anonymisierung wegen Shalali nennt, erklärt: „Auf Englisch hatte ich mehr, das Wichtigste davon hab ich dann auf Deutsch übersetzt.“

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Beiträge aus früheren Jahren

Zwei der diesjährigen exil-Literatur-Preisträgerinnen: Ludmila Doležalová und Olja Alvir

„Diese fremde Sprache kitzelt und kratzt im Mund…“

„Ich habe mir eure Sprache geliehen,
diese fremde Sprache, die in meinem Mund kitzelt,
krabbelt, kratzt,
ich beiße auf Buchstaben, kaue sie, versuche sie zu
schlucken, aber meine Zunge wehrt sich,
unbekannte Silben, Umlaute, Präpositionen, Artikel
strömen auf mich ein – ich kann es nicht.
Und es geht mir besser.
Nach dieser Schwimmleistung geht es mir immer besser.
Jetzt kann ich sie euch also zurückgeben“

So steigt Ludmila Doležalová in ihren Text „Wir Ausländer“ ein. Dafür wurde ihr Freitagabend im Wiener Literaturhaus der dritte Preis in der 29. Ausgabe der exil-Literaturpreise verliehen; initiiert und vergeben von der edition Exil, die im – „dank“ der enormen Subventionskürzungen der Stadt Wien bedrohten Kulturzentrum Amerlinghaus in Wien-Neubau – wie Dutzenden andere Initiativen – ihren Sitz hat.

Die kleine, feine Edition fördert seit Jahrzehnten die Veröffentlichung von Texten in deutscher Sprache, geschrieben vor allem von Autor:innen, die mehrere Sprachen und Kulturen mit- und einbringen. So manche, die vor Jahr(zehnt)en hier ihre ersten Texte veröffentlichten, sind heute namhafte Teile des österreichischen Literaturbetriebes wie Julya Rabinowich, Dimitré Dinev, Didi Drobna oder Thomas Perle, der in den vergangenen Jahren vor allem für seine Theaterstücke bekannt ist. Er war auch Teil der Jury für die Preise 2025 – und las bei der Preisverleihung Auszüge aus allen ausgezeichneten Texten.

Grenzenlos

Übrigens die eingangs genannte Autorin bekam ihren Preis in der Kategorie Prosa – nach der lyrischen Einstimmung schildert sie in Abschnitten einerseits – und das humorvoll – Die Arbeit bei der Essenszubereitung in einer selbstverwalteten Kindergruppe mit vielfachen Hinweisen auf die so wichtigen Hygienevorschriften und andererseits von ihrem Wunsch einer ziel- und damit wohl auch irgendwie grenzenlosen, nie enden sollenden Zugreise mit Gedanken und Reflexionen über Ungerechtigkeiten auf der Welt.

Lyrik

In diesem Jahr wurde auch – wieder, nicht immer – ein eigener Lyrik-Preis vergeben. Dieser ging an Olja Alvir, die lange Zeit Prosa, darunter auch vielfach journalistische Texte – für biber und Der Standard – verfasst hatte. In mehreren – sprachspielerischen Gedichten verbindet sie mitunter höchstpersönliche Gefühle mit fast schwebend daherkommenden gesellschaftspolitischen Kommentaren auch und gerade in Sachen Migrationsdebatte. „irgendwo herzukommen / ist völlig passeé“ lauten etwa zwei Zeilen in „das Ich Ist eine falltür“.

In „literhin immeratur“ beginnt sie mit „zumindest kann man drüber gedichte schreiben! / zumindest lässt sich das in strophen gießen / zumindest kann ich das in verse wursteln“… um später die Zeile „wenigstens textdingseln“ zu erfinden und mit „immerhin“ zu spielen, es in „immer hin“ zu zerlegen.

„Den Alltag in die Lyrik zu bringen, alltägliche Ausdrücke in der Lyrik zu verwenden, das mochte ich schon immer. Ich verwende gern alltägliche Sprache, um die vermeintliche Abgehobenheit der Lyrik zu konterkarieren“, schreibt sie im an ihre Texte anschließenden Beitrag über sich und ihr literarisches Schreiben.

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Beiträge aus früheren Jahren

Bücher der jüngsten Jahre mit den Preistexten
Bücher der jüngsten Jahre mit den Preistexten
Szenenfoto aus "Der Wolkenmacher"

Berührend-poetisch clowneskes Spiel mit einem Regenschirm

Schon im Foyer der Kinderkultur im Wiener WuK (Werkstätten- und Kulturhaus) „empfängt“ ein von der Decke hängender Regenschirm mit kleinen Lichtern das Publikum und stimmt auf die Vorstellung „Der Regenmacher“ ein. Der, nein nicht dieser, aber ein Regenschirm war die erste Idee für das neueste Stück des Künstlers Christoph Schiele aus der Sparte Nouveau Cirque, in der er eine Clownfigur für sich – und das Publikum – entwickelt hat. War er in seinem vorigen Programm ein Bademeister, so spielt er nun einen den Tücken und dem Seelenleben eines Regenschirms Ausgelieferten.

Ein Lichter-Schirm im Foyer
Ein Lichter-Schirm im Foyer

Wohin die Reise in dem schon recht schrägen Bühnenbild (Bühnenbau: Thomas Weinberger) aus einer Leiter mit Knick, einem hölzernen Wegweiser, einer Kiste mit Rädern und vielen Seilzügen, die (fast) alles miteinander verbinden, geht, gibt scheinbar der Schirm vor. Gekonnt scheitert der Clown – wie es das Wesen solcher Figuren ist – immer und immer wieder, Slapstick-artige Szenen, inszenierte Hoppalas sind vielfach eingebaut und provozieren Lacher fast am laufenden Band.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der Wolkenmacher“

Neben der Artistik und dem Wechselspiel des Bühnen-Solisten mit seinem Haupt-Protagonisten, dem Schirm spielt natürlich die Sehnsucht nach dem eine große Rolle, worin der Regenschirm seinen Sinn sieht – und mit ihm sein Träger. Aber, weit und breit keine Wolken am Himmel. Keine Wolke – kein Regen – kein Wasser!  Mit dem Performer entwickelte Miriam V. Lesch das Konzept für „Der Regenmacher“, sie ist auch für die Dramaturgie dieser ¾ Stunde zuständig, wobei darüberinaus Helga Jud, Manfred Unterluggauer, Anatoli Akerman und Michal Chovanec dramaturgisch beratend tätig waren (External Eyes). Abgerundet wird die äußerst unterhaltsame Performance durch ein schräges Kostüm (Elke Tscheliesnig), eigens passend komponierte Musik und Sounds (Paul Kotal) sowie Lichtstimmungen (Jan Wielander).

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der Wolkenmacher“

In unzähligen Momenten – wohin die Reise auch geht – ob rauf auf die Leiter und damit ganz in der Höhe, im Norden, im Süden, wo immer auf der Bühne und bei Gängen mitten ins Publikum: Stets die selbe enttäuschend-traurige Erkenntnis. Und diese in unterschiedlichsten Sprachen geäußert: Englisch, Italienisch, Spanisch, Französisch, Tschechisch, Russisch, Türkisch, Hebräisch, Dänisch, Ungarisch, Schwedisch – hätte er sie auf Lager, verrät der Artist nach der Uraufführung Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… Nicht alle hat er verwendet, manche wurden von den Kindern eingefordert. Aus den knallvoll mit Kindern besetzten Reihen kamen überhaupt merhmals spontane Reaktionen, unter anderem Hilfsangebote, wenn der Clown bewusst „scheiterte“.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der Wolkenmacher“

Klarerweise kann das rund ¾-stündige Stück so nicht enden, der Clown versucht, eine Wolke zu bauen – aber wie?
Nein, das wird hier sicher nicht verraten, obwohl es sich in der Vorstellung früh andeutet, wohin diese „Reise“ gehen könnte. Aber diese Überraschungsmomente sollen nicht vernichtet werden – auch wenn die aktuellen Vorstellungen in der WuK-Kinderkultur bis 8. Dezember restlos ausverkauft sind.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der Wolkenmacher“

Im Juni ist „Der Wolkenmacher“ im Grazer Kindermuseum Frida & freD zu erleben, dazwischen noch in einigen Bundesländern, da sind die Termine aber noch nicht fix – in der Infobox am Ende des Beitrages gibt es einen Link zur Website von Christoph Schiele und der Compagnie Filou, wo – so versprochen – Termine aktualisiert werden. Und – auch noch nicht fixiert – im kommenden Jahr wird dieses berührende-poetisch-lustige Stück mit dem doch sehr ernsten Hintergrund, dass es in vielen Teilen der Welt tatsächlich (fast) kein Wasser gibt, auch wieder in Wien gespielt, das seit Langem den Luxus hat, Trinkwasser einfach aus der Leitung genießen zu können.

kijuku_heinz

Der Text ist 40 Jahre alt. Bernd hat den Text geschrieben. Er ist damals 7 Jahre alt und er geht in eine Integrations-Klasse. Bernd schreibt: Wir sind sehr gemischt und darum hat jeder viel zu erzählen. Damals sagten Eltern: Kinder mit und ohne Behinderungen sollen gemeinsam lernen. Es soll keine Sonder-Schulen geben. Im Jahr 1984 gab es die 1. Integrations-Klasse in Österreich. Sie war in der Volksschule Oberwart im Burgenland. Dort lernten Kinder mit und ohne Behinderungen gemeinsam. Im Jahr 2008 unterschrieb Österreich die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Darin steht: Kinder haben ein Recht auf inklusive Bildung. Alle Kinder dürfen gemeinsam lernen. Aber es gibt Probleme: Österreich baut immer noch Sonder-Schulen und es gibt zu wenig Geld für Inklusion.

Transparente, Plakate, Christbaumkugeln: Pfeif auf Mitleid! Wir wollen gleiche Rechte!

Am Nikolaustag, dem Samstag nach dem Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung (3. Dezember – seit 1993), laden Selbstvertreter:innen und das Haus der Geschichte Österreich (HdGÖ) zu einem Ausstellungsrundgang in dieses Museum; und anschließend zu einer Lesung von Texten der Literatur-Bootschaft Ohrenschmaus.

Vor rund eineinhalb Jahren – April 2024 – begann das Haus der Geschichte Österreich (HdGÖ) gemeinsam mit dem Sozialministerium das „Disability History Project“. Damit sollen Geschichte und Perspektiven von Menschen mit Behinderungen im kulturellen Erbe Österreichs stärker oder überhaupt erst sichtbar werden. Das Zeitgeschichtemuseum startete damals einen Sammlungsraufruf. Seither wurden mehr als 400 Objekte angeboten, mehr als 100 sind jedenfalls online zu sehen und beschrieben – Link unten am Ende des Beitrages.

Breite Sammlung

Das reicht von Fotos von Kundgebungen und Demonstrationen, Pickerln, Transparenten, Plakaten, T-Shirts bis zu künstlerischen Objekten mit Botschaften gegen Diskriminierung und für gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben. Passend zur vorweihnachtlichen Zeit seine beispielsweise Christbaumkugeln genannt mit dem Schriftzug „piss on pity“ – wörtlich übersetzt „piss auf Mitleid“. Es kamen aber nicht nur Objekte und Fotos aus jüngster Zeit, sondern unter anderem auch ein Anstecker mit der Aufschrift „Arbeit statt Mitleid“ aus dem Jahr 1927!

Allzu oft erleiden Menschen mit Behinderung(en) noch immer – bestenfalls – Mitleid statt Anerkennung und Behandlung als gleichberechtigte Menschen, die allenfalls den Abbau von Barrieren und unterschiedlichste Unterstützungen brauchen – was auch Menschen ohne Behinderungen auf andere Art und Weise brauchen.

Die Neuzugänge zur Geschichte von Menschen mit Behinderungen in Österreich bereichern das Museum auch bei zukünftigen Ausstellungs- und Vermittlungsprojekten, wurde am besagten Internationalen Tag in einer Aussendung geäußert. Dabei wurde darauf hingewiesen, dass das Disability History Project vom Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMASGPK) nun auch weitere zwei Jahre finanziert wird.

Abzeichen der „Ersten österreichischen Krüppelarbeitsgemeinschaft“ von 1927
Abzeichen der „Ersten österreichischen Krüppelarbeitsgemeinschaft“ von 1927

„Unsichtbares“ sichtbar machen

„Mit dem Disability History Project machen wir die bislang oft unsichtbare Geschichte von Menschen mit Behinderungen in Österreich sichtbar. Die beeindruckende Beteiligung der Community und die weit übertroffenen Projektziele zeigen, wie groß der Bedarf an Anerkennung, Aufarbeitung und Bewusstseinsbildung ist. Deshalb setzen wir dieses wichtige Kooperationsprojekt mit dem Haus der Geschichte Österreich bis 2027 fort. Damit stärken wir die Forschung, fördern Inklusion und verankern die Geschichte von Menschen mit Behinderungen dauerhaft als Teil der österreichischen Zeitgeschichte“, meinte Sozialministerin Korinna Schumann dazu.

Am 5. Mai ist der Europäische Protest-Tag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen. An dem Tag gab es einen Protest vor dem Parlament in Wien. Der Protest hat Baustelle Inklusion geheißen.
Am 5. Mai ist der Europäische Protest-Tag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen. An dem Tag gab es einen Protest vor dem Parlament in Wien. Der Protest hat Baustelle Inklusion geheißen.

„Die Sammlung des Hauses der Geschichte Österreich ist Teil der Bundessammlungen. Durch die Neuzugänge im Rahmen des Disability History Projects konnten Leerstellen der Repräsentation österreichischer Geschichte gefüllt werden. Die Perspektiven von Menschen mit Behinderungen sind nun dauerhaft Teil des kulturellen Erbe Österreichs “, erklärt hdgö-Gründungsdirektorin Monika Sommer.

„Die Sammlung vom DisAbility History Project im hdgö macht marginalisierte Stimmen laut und beeinflusst wie über sie gesprochen und mit ihnen umgegangen wird “, sagt Kulturwissenschaftlerin und Obperson des Vereins CCC*** – Change Cultural Concepts Elisabeth Magdlener. „DisAbility History braucht es am hdgö, weil Menschen mit Behinderung* in unserer Gesellschaft noch immer unterdrückt, benachteiligt und diskriminiert werden!“

Partizipative Arbeitsweisen

Magdlener begleitet das Projekt mit weiteren Expert*innen als Teil der Fokusgruppe. Selbstvertreter*innen, Aktivist*innen, Forscher*innen und Community-Archivar*innen entscheiden gemeinsam mit dem hdgö über Objekte und stellt sicher, dass eine Vielfalt von Behinderungen in der Gesellschaft in den Neuzugängen repräsentiert wird. Parallel zum Sammlungsaufbau führte Kurator*in Vanessa Tautter Oral-History-Interviews mit einem trauma-informierten Ansatz, der Schenker*innen einen sensiblen Rahmen bietet, ihre Geschichte in ihren eigenen Worten zu erzählen.

Aufkleber: Wir dürfen nicht hinein!
Aufkleber: Wir dürfen nicht hinein!

„Wenn wir Vergangenes aufarbeiten und sichtbar machen, beschreiten wir einen Weg, an dem wir unsere Zukunft ausrichten können. Zu verstehen, was bereits erreicht worden ist und welche Herausforderungen noch vor uns liegen, motiviert, Ziele gemeinsam zu erreichen“, so Franz Groschan, Präsident des Kriegsopfer- und Behindertenverbandes. Er ist Teil der Fokusgruppe und des hdgö-Publikumsforums ist.

Aktions-Tag: Ausstellungs-Rundgang und Lesung

Am Samstag, den 6. Dezember, findet von 14 bis 18 Uhr im hdgö der schon genannte Aktionstag statt. Dabei erzählen Selbstvertreter*innen wie Menschen mit Behinderung um ihre Rechte und gegen Diskriminierung und Gewalt kämpfen, was sich dadurch schon verändert hat und was und wie viel noch zu tun bleibt – Details in der Info-Box ganz am Ende des Beitrages.
Mit neuen Objekten in der Haupt-Ausstellung zeigt das Museum, dass die Geschichte von Menschen mit Behinderungen ein wichtiger Teil der österreichischen Geschichte ist.

kijuku_heinz

wikipedia –> Internationaler_Tag_der_Menschen_mit_Behinderungen

UNO-Seite zu sozialer Inklusion – auf Englisch

Doppelseite aus dem Bilderbuch "Kein Weihnachtsbaum für Kleo?"

Kleo rettet Bäume vor dem Weihnachtsfest

Während in einem kürzlich hier vorgestellten (Vor-)Weihnachtsbuch seltsamerweise Bär und Biber für ihre Höhle im Wald einen Baum fürs bevorstehende Fest fällen, dreht sich das heute präsentierte Buch ums Gegenteil. „Kein Weihnachtsbaum für Kleo?“ beginnt schon mit der höchst unangenehmen „Begleiterscheinung“ von Hektik beim vorweihnachtlichen Einkauf. Kleo und ihr Vater werden von Packerl und Taschen schleppenden Kaufwütigen fast überrannt. „Pass doch auf, du Trampel-Tomate, schnaubte Kleo der roten Frau hinterher… eine Frau mit rotem Gesicht und noch roterer Jacke zwängte und dränge sich keuchend vorbei…“ Unter anderem damit und der Wortschöpfung „roterer“ beschreibt Autorin Caro Docar (mit „Opa Erwin fängt den Tod“ Dixi-Kinderliteraturpreisträgerin 2018) auf der ersten Doppelseite den ganz unfestlichen, vielen nur zu gut bekannten Stress.

Den verpackt Ewelina Wolnowska in die passenden Zeichnungen, deren Gesichter die entsprechenden Stimmungen ausdrücken – siehe Illustrationen dieses Beitrags mit Doppelseiten aus dem Buch.

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Kein Weihnachtsbaum für Kleo?“

Schilderung aus dem Regenwald

Obendrein vermisst Kleo ihren besten Freund Pedro, der in den Ferien Verwandte in Brasilien besucht. Seine plastischen Schilderungen im Videotelefonat eines Ausflugs in den Amazonas-Regenwaldes lösen bei Kleo einen erlebnisreichen Traum aus, in dem sie gleich aus dem Fenster in den Urwald mit einigen seiner tierischen Bewohner klettert. Samt Angstbildern von Rodungen jahrhundertealter Urwaldriesen von denen ihr Pedro auch Smartphone erzählt.

Aufgeschreckt aus dem Traum sieht sie im Innenhof natürlich keinen Urwald, doch die ihr bekannte, vertraute Tanne. „Was wär wohl, wenn jemand sie abholzen würde? Plötzlich wusste Kleo, was zu tun war.“

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Kein Weihnachtsbaum für Kleo?“

Mission Bäume retten

Am nächsten Morgen versucht sie zuerst ihre Eltern zu überzeugen, auf einen Weihnachtsbaum zu verzichten, dann klingelt sie sich durch die Nachbarschaft in ihrem Wohnhaus. Und kommt drauf, manche tun das schon längst. Levi und Tom, ein Tischler, haben ein hölzernes großes Dreieck über einem von ihm ebenfalls aus Holz gebautem Regal, das von seiner Form her stark an einen festlichen Baum erinnert. Die alte Frau Ferber schmückt ihren Gummibaum weihnachtlich, bei anderen kommt ihr ein kleiner, lebender Nadelbaum in einem Blumentopf unter. Frau Najjar und ihre Kinder Mira und Malik haben einen klassischen Weihnachtsbaum, den die Mutter aber aus dem Büro mitgenommen hat, wo er sonst über die Feiertage allein seine Nadeln verloren hätte.

Doch ein Weihnachtsbaum

Und doch ist es dann knapp vor dem Fest für Kleo nicht ganz so einfach, auf die Vorstellung von einem geschmückten Nadelbaum und „schief“ singenden Liedern davor zu verzichten. Aber – die Lösung, die du in der in der Infobox verlinkten, Schau- und Leseprobe des Verlags finden kannst, die hier aber nicht verraten wird, kannst du dir vielleicht sogar denken – sie ist im Text dieser Buchbesprechung versteckt schon angedeutet.

Übrigens, Anmerkung in eigener Sache: Ich habe – mit meinem damals jungen Sohn (heute ist er längst erwachsen) vor den Weihnachtsfesten in seiner Kindheit einen großen Philodendron Jahr für Jahr feierlich geschmückt; in einem Jahr haben wir für Fotos davon sogar einen Preis mit Buchgutschein und vielen weihnachtlichen Süßigkeiten gewonnen 😉

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Screenshot des Video-Gesprächs über Gewalt an Menschen mit Behinderung, organisaiert vom Österreichischen Behindertenrat

Menschen mit Behinderungen erleben häufiger Gewalt

Der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung – seit 1993 am 3. Dezember – fällt auch in den Zeitraum der Kampagne „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ (vom 25. November, dem Tag gegen Gewalt an Frauen bis zum Menschenrechtstag am 10. Dezember). Der Österreichische Behindertenrat, die gesetzliche Interessensvertretung, die unter ihrem Dach mehr als 80 Organisationen vereint, nahm heuer dieses zeitliche Zusammentreffen zum Anlass, „auf die hohe Gewaltbetroffenheit von Menschen mit Behinderungen“ aufmerksam zu machen.

„Besonders häufig sind Menschen betroffen, die in Einrichtungen leben. Gewalt gehört für viele Menschen mit Behinderungen zum Alltag und sie erleben deutlich häufiger Gewalt als Menschen ohne Behinderungen. Frauen und Mädchen mit psychosozialen Behinderungen oder Lernschwierigkeiten erfahren zudem deutlich häufiger sexuelle Gewalt als Frauen ohne Behinderungen“, erklärte Behindertenrats-Präsident Klaus Widl.

Österreich muss handeln

Der Österreichische Behindertenrat betont, dass viele Betroffene Gewalt nicht erkennen oder benennen können, weil es an zugänglicher sexueller Bildung mangelt. Daher braucht es flächendeckende, leicht verständliche und barrierefreie Informationen zu sexueller Selbstbestimmung, zu Formen von Gewalt und zu verfügbaren Unterstützungsangeboten. Gleichzeitig müssen Opferschutzeinrichtungen und Beratungsstellen umfassend barrierefrei gestaltet sein und auch im ländlichen Raum zur Verfügung stehen. Zudem ist es erforderlich, Daten zu Gewalt gegen Menschen mit Behinderungen systematisch zu erfassen, um wirksame Maßnahmen ableiten zu können.

„Menschen mit Behinderungen werden in Österreich noch immer nicht ausreichend vor Gewalt geschützt. Der Österreichische Behindertenrat fordert daher: ausreichend umfassend barrierefreie Opferschutzeinrichtungen und Beratungsangebote, wirksame Präventionsarbeit und die konsequente Umsetzung der UN- Behindertenrechtskonvention dürfen nicht länger aufgeschoben werden. Schutz und Sicherheit sind Grundrechte für alle.“

Logo der Initiative FmB – Interessensvertretung Frauen* mit Behinderungen
Logo der Initiative FmB – Interessensvertretung Frauen* mit Behinderungen

Lebensrealitäten und Forderungen der Frauen* mit Behinderungen in Österreich

Zum diesjährigen Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung meldete sich zum Thema Gewalt an Frauen, insbesondere solchen mit Behinderung auch eine neue Initiative: „FmB – Interessensvertretung Frauen* mit Behinderungen“. In einer Medien-Aussendung nahm die „erste unabhängige Interessensvertretung“ Bezug auf ein 2025 erarbeitetes „Positionspapier“ (vor einem halben Monat von der Generalversammlung beschlossen), in dem FmB zeigt, „wie Frauen* und Mädchen* mit Behinderungen in Österreich Abwertung durch Ableismus (Diskriminierung und Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderung) und Sexismus erleben“ und in zwölf Kapiteln 74 Forderungen aufstellt, um dies zu ändern. „Unser Positionspapier fasst zusammen, was wir Frauen* mit Behinderungen brauchen: Empowerment, Platz an den Entscheidungstischen und politische Maßnahmen, die unsere Lebensrealitäten ernst nehmen“, sagt Heidemarie Egger, geschäftsführende Co-Vorsitzende von FmB.

Die in der Aussendung aufgezählten „wichtigsten Forderungen“:

„Unser Positionspapier zeigt, was es braucht, damit Politik und Gesellschaft ihrer menschenrechtlichen Verantwortung gegenüber Frauen* und Mädchen * mit Behinderungen nachkommen. Gemeinsam mit der Community der österreichischen Frauen* mit Behinderungen setzen wir uns für die Umsetzung dieser Forderungen ein“, wird Julia Moser, geschäftsführende Co-Vorsitzende von FmB, zitiert; zum gesamten Positionspapier geht es hier

kijuku_heinz

behindertenrat.at

fmb-frauenmitbehinderungen.at

Zu einem 11 ½-minütigen Video, in dem der genannte Klaus Widl sowie Manuela Lanzinger, Helene Jarmer und Marlene Krubner über Gewalt gegen Menschen mit Behinderungen sprechen, geht es hier

Bangri in seinem 3-Rad-Handbike betreibt im Dorf Moaga (Burkina Faso) einen Straßenladen

Selbstbestimmt leben durch eigenes Einkommen

„Wer ein eigenes Einkommen hat, kann sich und seine Familie versorgen. Wer aber kein Einkommen hat, ist auf andere angewiesen oder armutsgefährdet. Als Licht für die Welt ermöglichen wir Menschen mit Behinderungen in Afrika ein selbstbestimmtes Leben, in dem wir ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit fördern“, betont Alex Buchinger, Geschäftsführer dieser Hilfsorganisation in Österreich, anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderungen am 3. Dezember.

In der UN-Behindertenrechtskonvention ist in Artikel 27 das Recht auf Arbeit festgehalten: Dies beinhaltet das Recht auf die Möglichkeit, den Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen. In der Realität wird oft auch jenen Menschen mit Behinderungen das Recht auf angemessene Arbeit verwehrt, die gerne produktiv sein möchten.

Frauen mehrfach diskriminiert

Die Überschneidung von Diskriminierungen aufgrund von Geschlecht und Behinderung diskriminiert Frauen mit Behinderungen mehrfach. Sie werden oft daran gehindert, gleichberechtig an der Arbeitswelt teilzunehmen und haben eine geringere Chance als Männer eine Ausbildung zu machen. Frauen und Mädchen mit Behinderungen erleben auch mindestens dreimal so oft körperliche oder seelische Gewalt als Frauen ohne Behinderungen.

Aus- und Weiterbildung

Licht für die Welt ermöglicht Menschen mit Behinderungen in sechs afrikanischen Ländern ein selbstbestimmtes Leben. Durch Aus- und Weiterbildung, Finanzierung und Aufbau einer Geschäftsidee und beim Finden eines inklusiven Arbeitsplatzes. Im Jahr 2024 konnten dank der Unterstützung von Licht für die Welt 8.922 Kinder mit Behinderungen die Schule besuchen und mehr als 20.800 Menschen mit Behinderung ein Jobtraining absolvieren.

Auf engstem Raum und teilweise bei ausfallendem Licht operiert Thérèse Sarli den Grauen Star, die Augenkrankheit, für deren Bekämpfung Licht für die Welt meist bekannt ist
Auf engstem Raum und teilweise bei ausfallendem Licht operiert Thérèse Sarli den Grauen Star, die Augenkrankheit, für deren Bekämpfung Licht für die Welt meist bekannt ist

Aus eigener Reportage vor Ort

Vor mehr als elf Jahren war KiJuKU-heinz, damals noch für den Kinder-KURIER, mit Licht für die Welt in Burkina Faso bei Inklusionsprojekten – Link zum damaligen Bericht unten am Ende des Beitrages verlinkt. Begonnen hatte die damalige Reportage mit dem Bericht über das Mädchen Assana, das auf allen Vieren in die Schule eilt als Beispiel für inklusive Bildung.

Eines der Beispiele, wie ein Mensch mit Behinderung seinen eigenen Lebensunterhalt verdient, traf die kleine Gruppe von Journalist:innen aus Österreich den damals 24-Jährigen Bangri. Er, der zuvor als unbehandelter schwer Kranker kaum bewegungsfähig war, konnte durch von den Licht-für-die-Welt-Partnern vor Ort organisierter zunächst medizinsicher Betreuung letztlich mit einem Dreirad-Hand-Bike einen Laden am meist frequentierten Weg des Dorfes Moaga betreiben. Ein Mikro-Kredit ermöglichte ihm den Aufbau – und neben Verdienst war er so auch mitten unter den Dorfbewohner:innen, die bei ihm nicht nur einkauften.

kijuku_heinz

Reportage über Inklusionsprojekte in Burkina Faso <— damals noch im Kinder-KURIER, Vorläufer von KiJuKU.at

Bildmontage aus einer Protestaktion vonn selbstvertreter:innen zum Internationalen Tag der menschen mit Behinderung - 2015, der Bronze-Silber-Gold-Flagge, die für Überwindung und der Behinderung steht sowie dem Piktogramm für Barrierefreiheit, angefertigt mit Hilfe der DeeVid-KI (Künstliche Intelligenz)

Barrierefreie, leistbare eigene Wohnungen statt Heime!

Zu viele Menschen mit Behinderungen leben weiterhin in Heimen. Es existiert keine umfassende politische Strategie zum Abbau institutioneller Strukturen. Ebenso fehlt ein klares Verständnis, was „De-Institutionalisierung“ im Sinne der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN-BRK) bedeutet. Unzureichende Unterstützungsleistungen und ein Mangel an barrierefreiem Wohnraum verschärfen die Situation. Dies zeigt der aktuelle „Monitor 2024 De-Institutionalisierung“, den der Unabhängige Monitoring-Ausschuss zum Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen veröffentlicht hat. Dieses Gremium bündelt Erfahrungsberichte von Menschen mit Behinderungen aus der Öffentlichen Sitzung 2024 und leitet daraus politische Maßnahmen ab.

„Die gesellschaftliche und politische Grundhaltung ist weiterhin, dass Menschen mit Behinderungen in Heimen am besten aufgehoben sind. Das steht in klarem Widerspruch zum Recht auf selbstbestimmtes Leben nach der UN-BRK“, sagt Daniela Rammel vom Vorsitzteam. Neben der inklusiven Bildung war die De-Institutionalisierung einer der zentralen Kritikpunkte des UN- Fachausschusses im Rahmen der Staatenprüfung 2023.

Zentrale Problemfelder

Empfehlungen des Monitoring-Ausschusses

kijuku_heinz

Zur Website des Monitoring-Ausschusses in Leichter Sprache geht es im Link unten:

monitoringausschuss –> aktuelles in leichter Sprache

Alle Preisträger:innen des Österreichischen Inklusionspreises 2025 samt Juror:innen und Sprecher:innen

Selbstverständliches Dabeisein und Mitmachen für alle Menschen

Am Vorabend des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderungen, den es seit 1993 – Abschluss des UNO-Jahrzehnts behinderter Menschen – gibt, fand 2025 zum achten Mal die Verleihung der Österreichischen Inklusionspreise statt. Am Rande dieser Veranstaltung hielt auch der Präsident von Down Syndrom Österreich, Simon Couvreur, eine Rede, in der er mehr Inklusion für Menschen mit Trisomie 21 forderte. Dies bedeute „das selbstverständliche Dabeisein und Mitmachen in allen Bereichen des Lebens für alle Menschen“.

Simon Couvreur, Präsident von Down Syndrom Österreich bei einer Rede zum Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung
Simon Couvreur, Präsident von Down Syndrom Österreich bei einer Rede zum Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung

Preise für Projekte und Initiativen

Lebenshilfe und Lotterien zeichnen beim Inklusionspreis Projekte und Initiativen aus, die sich für die Inklusion von Menschen mit Behinderungen und den Abbau von Barrieren in unserer Gesellschaft einsetzen. ​​​​​Eine prominent besetzte unabhängige Fach-Jury wählte zuvor in acht Kategorien Gewinner:innen aus.

Derzeit leider Rückschritte

„Die Preis-Träger*innen zeigen, dass Inklusion gelingen kann, das macht Mut! Echte Inklusion haben wir aber erst erreicht, wenn wir den Inklusionspreis nicht mehr brauchen. Wir fordern daher unsere Politiker*innen auf, endlich die gesetzlichen Rahmenbedingungen für ein inklusives und damit menschlicheres Österreich zu schaffen. Aktuell macht Österreich leider Rückschritte, es heißt: Alle müssen sparen. Aber Kürzungen, die dazu führen, dass Menschen ausgeschlossen werden, sind für uns ein absolutes No-Go!“, stellte Selbst-Vertreterin und Vize-Präsidentin der Lebenshilfe Österreich, Hanna Kamrat, zur Preisverleihung fest.

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Österreichischer Inklusionspreis 2025

Menschenrechte sind für alle da - eine Aktion von Selbstvertreter:innen zum Internationalen Tag der menschen mit Behinderung - schon vor zehn Jahren, 2015, am Wiener Stephansplatz

Sozialer Kahlschlag gefährdet Inklusion

„Wir sind entsetzt, wie angesichts klammer Budgets das soziale Netz demontiert wird. Für Menschen, die von Armut und Ausgrenzung betroffen sind, werden die undurchdachten Sparmaßnahmen schwerwiegende Folgen haben“, kritisiert Gerlinde Heim, Geschäftsführerin von VertretungsNetz – für Selbstbestimmung und Bewegungsfreiheit.

Bereits vor 17 Jahren hat Österreich die UN- Behindertenrechtskonvention unterzeichnet. Der UN-Ausschuss kritisierte anlässlich der letzten Staatenprüfung Österreichs vor zwei Jahren, dass die Bundesländer zu wenig anbieten, um die Inklusion von Menschen mit Behinderungen voranzutreiben. Nun legt man vielerorts mit einem Kahlschlag im Sozial- und Pflegebereich auch noch den Rückwärtsgang ein.

Hohe Folgekosten

Viele erfolgreiche Projekte und Initiativen im Gesundheits- und Sozialbereich werden aktuell gestrichen oder stark reduziert. „Zahlreiche Kooperationspartner berichten uns, dass ihre Förderungen überfallsartig gekürzt oder überhaupt eingestellt werden. Viele Träger stehen vor existenziellen Herausforderungen. Zentrale Hilfsangebote, die seit Jahrzehnten etabliert und erfolgreich sind, stehen vor dem Aus“, fasst Heim zusammen.

Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen – eine besonders stigmatisierte Personengruppe – verlieren die wenigen soziale Anlaufstellen, die es gibt. So wurde der Beratungsstelle „Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter“ (HPE) ein Viertel ihres Budgets gestrichen. Empfindliche Einbußen gibt es auch bei Arbeitsmarktprojekten für Suchterkrankte sowie für Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen.

Auch im Pflegebereich wird gespart. Die Community-Nurse-Projekte werden größtenteils wieder eingestampft, obwohl ihr Erfolg in der Prävention unbestritten ist. Wie es mit den – ohnehin sehr schleppend verlaufenden – Pilotprojekten für persönliche Assistenz in den Bundesländern weitergeht, ist noch offen.

„Viele der geplanten Kürzungen nehmen Menschen das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben, fördern Armut, Abhängigkeit, Stigmatisierung und Ausgrenzung – und werden am Ende hohe Folgekosten verursachen. Wir appellieren an die Verantwortlichen, durchdacht zu handeln. Es bringt nichts, mit der Abrissbirne in jahrzehntelang etablierte Strukturen zu fahren, um kurzfristig ein wenig Geld zu lukrieren. Denn der Preis, den wir zahlen, wird am Ende viel höher sein, wenn die Unterstützungsangebote fehlen“, so die VertretungsNetz-Sprecherin.

Auswirkungen

Für Inklusion braucht es soziale Absicherung

Dazu kommt, dass die meisten Länder aktuell ihre Sozialhilfegesetze verschärfen. Das trifft viele Menschen, die aufgrund einer psychischen bzw. chronischen Erkrankung nicht erwerbsfähig sind. Die verschlechterten Gesetze mit schwammig formulierten „Mitwirkungspflichten“ und überzogenen Sanktionen werden zu mehr Armut, Verschuldung und Wohnungslosigkeit führen. Wer aus der Sozialhilfe fällt, verliert in vielen Fällen auch die Krankenversicherung.

Sparen durch Bürokratieabbau ist hingegen nicht vorgesehen. „Wir vertreten viele Personen, die dauerhaft nicht erwerbsfähig sind, bestätigt durch mehrere Gutachten. Trotzdem stellen manche Sozialämter Bescheide nur für zwei Monate aus und verlangen monatlich Kontoauszüge und andere Belege, auch wenn sich an der Lebenssituation nichts ändert. Diese überschießende Kontrolle ist sinnlos und wird zu Recht als Schikane erlebt. Weil man die Menschen mit Bürokratie überfordert, braucht es außerdem immer mehr Erwachsenenvertretungen“, schildert Heim. Sie fordert Dauerbescheide zumindest für ein Jahr für jene Menschen, die dauerhaft nicht arbeiten können.

Armutsbekämpfung und Existenzsicherung müssen im Zentrum einer bundesweit einheitlichen Sozialhilfe stehen. Ebenso gilt es, Prävention auf allen Ebenen zum leitenden Prinzip zu machen. Heim dazu: „Wir müssen die Selbstbestimmung und Autonomie möglichst vieler Menschen so lange wie möglich erhalten. Dafür braucht es gezielte Unterstützung, die psychische und physische Gesundheit stärkt, Inklusion ermöglicht und Teilhabe fördert. So lassen sich nicht nur soziale Gräben schließen, sondern langfristig auch erhebliche Kosten vermeiden.“

kijuku_heinz

vertretungsnetz.at

aktionstag-schon 2015 <– damals noch im KiKu, Vorläufer von KiJuKU

Gebärdensprach-Buchstaben aus dem 3D-Drucker

Österreich spart an Inklusion – und damit an Gerechtigkeit

Anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderungen warnt auch der Österreichische Gehörlosenbund (ÖGLB) vor massiven Rückschritten bei Barrierefreiheit und gleichberechtigter Teilhabe durch die im Doppelbudget 2025/26 angekündigten Sparmaßnahmen im Sozialbereich.

„Inklusion ist kein Nice-to-have und kein Projekt für ‚bessere Zeiten‘ “, warnt Helene Jarmer, Präsidentin des Österreichischen Gehörlosenbundes. Inklusion braucht ausreichend finanzierte Gebärdensprach-Angebote, klare bildungspolitische Prioritäten und eine konsequente Umsetzung des Übereinkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK). „Wer beim Doppelbudget 2025/26 Inklusion und Menschen mit Behinderungen nicht mitdenkt, produziert Ausschluss mit Ansage. Der Internationale Tag der Menschen mit Behinderungen ist ein Reminder: Österreich hat sich zu einer inklusiven Gesellschaft bekannt – jetzt muss dieses Bekenntnis im Budget und in der Umsetzung des Regierungsprogramms sichtbar werden “, so Jarmer.

Ohren Schmaus - die beiden Dolmetscherinnen - Marietta Gravogl und Sabine Zeller - zeigen den Begriff in der Gebärdensprache
Ohren Schmaus – die beiden Dolmetscherinnen – Marietta Gravogl und Sabine Zeller – zeigen den Begriff in der Gebärdensprache – „Ohrenschmaus“ heißt der jährliche Literaturbewerb für Menschen mit Schreibtalent

Schlüssel zur gleichberechtigten Teilhabe

Die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) ist zentrale Kommunikations- und Unterrichtssprache für gehörlose Kinder, Jugendliche und Erwachsene. In Österreich leben schätzungsweise 8.000 bis 10.000 gehörlose Menschen, die die ÖGS als ihre Hauptkommunikationsform nennen. Darüber hinaus profitieren viele schwerhörige Personen von barrierefreien Angeboten und unterstützenden Maßnahmen. Ohne flächendeckende ÖGS-Kompetenz in Bildungseinrichtungen, Behörden und öffentlichen Institutionen sowie ohne flächendeckende Dolmetschangebote bleiben Informationszugang und Teilhabe für gehörlose und schwerhörige Menschen strukturell eingeschränkt.

Expert:innen

Im September 2025 fand in Wien unter dem Titel „Gebärden.Sprache.Bildung – Gebärdensprache stärken, Bildung verbessern“ der 5. Bildungskongress der Gehörlosenverbände des DACH-Raums (Deutschland, Österreich, Schweiz) mit international renommierten Expertinnen und Experten aus Pädagogik, Linguistik und Gehörlosenforschung statt. Er hat gezeigt, dass bilingual-bimodale Bildungskonzepte – mit ÖGS und Deutsch – nachhaltige positive Effekte auf Bildungsbiografien und langfristig verbesserte gesellschaftliche Teilhabe gehörloser Menschen haben. „Die dort erarbeiteten Empfehlungen müssen als Grundlage für bildungspolitische Entscheidungen dienen und dürfen nicht aus Spargründen aufgeschoben werden “, stellt Helene Jarmer fest.

Die im Doppelbudget 2025/26 vorgesehenen Sparmaßnahmen drohen jedoch genau jene Strukturen zu schwächen, die für eine inklusive Gesellschaftspolitik notwendig sind. Einschnitte bei barrierefreien Angeboten, bei Gebärdensprachförderung und bei Unterstützungsleistungen treffen gehörlose Menschen überproportional und stehen im klaren Widerspruch zu nationalen und internationalen Verpflichtungen.

Jugendliche erklären die internationale Gebärdensprach-Flagge
Jugendliche erklären die internationale Gebärdensprach-Flagge – bei einer Veranstaltung vor dem Wiener Hauptbahnhof am Internationalen Tag der Gebärdensprache (23. September, in dem Fall 2025)

Umfrage-Ergebnisse: Sparpläne gefährden Lebensqualität

Der ÖGLB hat dazu in den vergangenen Wochen eine Umfrage unter seinen Vernetzungspartnern – von Gehörlosenvereinen über Krankenhäuser und Universitäten bis hin zu Beratungs- und Bildungseinrichtungen – durchgeführt, um zu erheben, ob und in welcher Form sie bereits von Kürzungen betroffen sind oder Einschnitte befürchten. Die ersten Rückmeldungen sind ernüchternd: Sie reichen von drohendem Personalabbau, gekürzten Projekten und sinkender Dolmetsch- und Beratungsqualität über zusätzliche bürokratische Hürden bis hin zur akuten Gefährdung spezialisierter Angebote, etwa für taubblinde Menschen.

Forderungen

Der ÖGLB fordert die Bundesregierung auf, im Doppelbudget 2025/26 verbindlich und umfassend folgende Maßnahmen zur Stärkung von Gebärdensprache, Barrierefreiheit und Inklusion zu sichern:

„Diese Forderungen spiegeln die dringende Notwendigkeit wider, Inklusion als integralen und nicht verhandelbaren Bestandteil von Politik und Budgetpolitik zu verankern “, denn „wer Barrieren für gehörlose Menschen stehen lässt, baut gleichzeitig Mauern in den Köpfen. Es geht um nichts weniger als um Chancengleichheit und Menschenrechte “, so Helene Jarmer abschließend.

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Felix Hufnagl, Maximilian Ferner und Patrick Holzer lehren dem Computer die US-amerikansiche Gebärdensprache - eines der Finalprojekte von Jugend Innovativ 2024

Gleich(berechtigt)e Teilhabe im ganzen Land!

Die Anwältin für Gleichbehandlungsfragen für Menschen mit Behinderungen, Christine Steger, fordert anlässlich der laufenden Reformpartnerschaft von Bund, Ländern und Gemeinden eine tiefgreifende Neuordnung der klassischen „Behindertenhilfe,“ also der Zuständigkeiten im Bereich der Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Der derzeitige Zustand ist für Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen unübersichtlich, belastend und führt häufig dazu, dass notwendige Leistungen verspätet gewährt oder überhaupt nicht in Anspruch genommen werden können. Viel zu oft hören Menschen mit Behinderungen: „Dafür sind wir leider nicht zuständig.“

„Die Unterstützung eines Menschen mit Behinderungen darf nicht davon abhängen, welche Stelle zuständig ist“, betont Steger. „Die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention erfordert klare, koordinierte und barrierefrei zugängliche Strukturen“, verlangte die Geleichbehandlungsanwältin namens aller Betroffenen.

Plakate zu den Themen Demokratie, Teilhabe und Inklusion
Plakate zu den Themen Demokratie, Teilhabe und Inklusion

Reformbedarf auch im Bildungsbereich

Im Bildungsbereich zeige sich eine ähnliche Problematik der geteilten Verantwortlichkeiten zwischen Bund und Ländern. Die Kompetenztrennung erschwert eine durchgängige inklusive Schulpolitik und führt zu erheblichen Unterschieden in den Angeboten und Entscheidungswegen zwischen den Bundesländern. Obwohl der Bundesminister für Bildung bereits öffentlich Reformwillen bekundet hat, findet sich ein Bekenntnis zur Trennung noch in zahlreichen Regierungsprogrammen einiger Bundesländer.

Kinder mit Behinderungen werden zudem weiterhin zu oft in eigene Schulformen verwiesen, obwohl inklusive Bildung sowohl internationaler Standard als auch rechtlich vorgesehen ist. „Solange Bund und Länder einander im Bildungsbereich Zuständigkeiten zuschieben, bleibt eine wirksame Umsetzung inklusiver Strukturen blockiert“, betont Steger. Es brauche bundeseinheitliche Vorgaben und harmonisierte Umsetzungsschritte, um allen Kindern gleiche Chancen zu ermöglichen. Auch hier könnte die Reformpartnerschaft wesentlich zur Verbesserung der Situation beitragen.

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Zeichnung:Mensch im Rollstuhl vor unüberwindlichen Stiegen - abgeschrägte Flächen (Rampen) nur zwischendurch

Geplante Sparmaßnahmen gefährden Inklusion

Der aktuell erforderliche Sparkurs in Österreich trifft vor allem auch Menschen mit Behinderungen, und das gleich auf mehreren Ebenen: Programme zur Persönlichen Assistenz laufen aus, Arbeitsmarktprojekte verlieren ihre Finanzierung, und auch bei den Sozialbudgets wird der Rotstift angesetzt. Darauf weist der Behindertenverband KOBV Österreich in einer Aussendung anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderung am 3. Dezember hin; die Abkürzung steht für die historische Gründung, das KO für Kriegsopfer.

„Die Inklusion von Menschen mit Behinderungen steht auf dem Spiel“, sagt Franz Groschan, Präsident des Verbandes. „Wir werden durch die geplanten Kürzungen um Jahre zurückgeworfen.“ Die Sparmaßnahmen stünden in krassem Widerspruch zum Prinzip der Solidarität und gefährden die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, die Österreich bereits im Jahr 2008 ratifiziert habe.

Verkehrter Weg

„Anstatt an der Umsetzung von wichtigen Maßnahmen zu arbeiten, geht man den umgekehrten Weg“, kritisiert Groschan, „nehmen wir zum Beispiel den Arbeitsmarkt. Weniger Mittel für Arbeitsmarktprojekte und Kürzungen bei Förderungen aus dem Ausgleichstaxfonds bedeuten, dass Menschen mit Behinderungen noch schlechtere Jobchancen haben oder ihren Arbeitsplatz verlieren.“

Die Folge: steigende Arbeitslosigkeit, die wiederum zu psychischen Belastungen führt. Falle dann obendrein der soziale Rückhalt weg, etwa, weil die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben durch die Einsparungen nicht mehr oder nur noch eingeschränkt möglich ist, dann spitze sich die Situation für die Betroffenen immer weiter zu, warnt der KOBV-Präsident.

Bund und Länder streichen

Denn gespart werde nicht nur auf Bundesebene – und hier vor allem bei Arbeitsmarktprojekten und Persönlicher Assistenz -, sondern auch in den Bundesländern. „In der Steiermark werden die Mittel für barrierefreie Mobilität gekürzt. Das ist vor allem in ländlichen Regionen ein massives Problem“, zeigt Franz Groschan auf, „im Burgenland wird der Sparstift bei Förderprogrammen zur Inklusion in Bildung und Freizeit angesetzt. In Salzburg müssen wir mit Verzögerungen beim Ausbau von inklusiven Schulen rechnen, in Tirol und Vorarlberg wiederum steht die Weiterfinanzierung von regionalen Assistenzmodellen auf sehr wackeligen Beinen, Oberösterreich kürzt beim barrierefreien Wohnen.“

Auch in Wien würden harte Zeiten auf Menschen mit Behinderungen zukommen: „Die Kostenbeiträge für Pflege und Betreuung werden voraussichtlich weiter steigen, bestehende Förderungen sollen evaluiert werden. Das betrifft unter anderem die Wohnungslosenhilfe des Fonds Soziales Wien sowie Assistenz- und Inklusionsprojekte“, so Groschan weiter.

Erst im Oktober hatte der KOBV Österreich bei seiner Delegiertentagung ein umfassendes Forderungspapier verabschiedet, das von der Integration in den Arbeitsmarkt über inklusive Bildung und den Zugang zu qualifizierter medizinischer Versorgung bis hin zu Barrierefreiheit und Persönliche Assistenz alle Bereiche abdeckt und detaillierte Maßnahmen vorschlägt.

„Die Rechte von Menschen mit Behinderungen dürfen nicht dem ökonomischen Druck geopfert werden“, fordert der KOBV-Präsident abschließend, denn: „Inklusion ist die Voraussetzung für eine gerechte Gesellschaft.“

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Lichtzeichen zum Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen - der Hauptbahnhof in Wien erstrahlt lila

Wiener Hauptbahnhof leuchtet heute lila

Anlässlich des Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen setzen die ÖBB ein besonderes Zeichen und lassen den Wiener Hauptbahnhof als Teil der weltweiten Initiative „Positively Purple“ lila erstrahlen. Damit rücken die ÖBB ihr Engagement für Inklusion und Barrierefreiheit besonders in den Fokus, heißt es in einer Medienaussendung. Noch haben, so geben die Bundesbahnen aber auch – ein bisschen versteckt in der Jubelmeldung über Erreichtes, einiges zu tun: Noch sind mehr als zehn Prozent der Bahnhöfe nicht barrierefrei zugänglich – die internationale Behindertenkonvention wurde 2006 (!) von der UNO-Generalversammlung beschlossen und ist zwei Jahre später auch in Österreich – am 26. Oktober – in Kraft getreten.
Aktuell sind rund 490 Bahnhöfe und Haltestellen barrierefrei, damit können 88 % der Fahrgäste einen barrierefreien Bahnhof nutzen.

Die Railjets - aber nur der neuesten Generation - sind barrierefrei zu befahren und begehen
Die Railjets – aber nur der neuesten Generation – sind barrierefrei zu befahren und begehen

Barrierefreiheit an Bahnhöfen und in Zügen wird erweitert

Vom Ticketkauf über Bahnhöfe, Informationen in einfacher Sprache bis hin zu stufenlosen Einstiegen und barrierefreien Zügen soll das Progamm der ÖBB mit Ende 2027 mehr als 90 % aller Kund:innen barrierefreie zur Verfügung stehen. Derzeit ist ein Fünftel der Züge für Menschen im Rollstuhl nicht tauglich, Ende des kommenden Jahres (2026), sollen neun von zehn Zügen barrierefrei sein. ÖBB Postbusse sind bereits zu 100 Prozent barrierefrei. Sämtliche neue Fahrzeuge sind barrierefrei zugänglich und verfügen über visuelle wie auch akustische Fahrgastinformationen. Das erleichtert nicht nur Menschen mit Behinderungen die Orientierung und das Reisen, sondern unterstützt ebenso beispielsweise ältere Fahrgäste im Alltag.

Zusammenarbeit mit Interessensvertretungen

Bei der Angebots-Entwicklung setzen die ÖBB bewusst auf jene Expertise, die in Bezug auf Barrierefreiheit am meisten zählt: die Erfahrung von Menschen mit Behinderungen. Die Perspektiven von Mitarbeiter:innen mit Behinderungen tragen wesentlich dazu bei, die Bedürfnisse der Reisenden besser zu verstehen. Bei der Beschaffung neuer Fahrzeuge arbeiten die ÖBB zudem eng mit Interessensvertretungen zusammen, um Konzepte für Barrierefreiheit laufend zu optimieren und an reale Anforderungen anzupassen. So wurde z.B. bei der Entwicklung der neuen Railjets und Nightjets eng mit dem Österreichischen Behindertenrat (ÖBR) kooperiert.

ÖBB fördern inklusives, chancengleiches Arbeitsumfeld

Die ÖBB setzen nicht nur bei der Mobilität ihrer Fahrgäste auf Barrierefreiheit, sondern auch intern auf eine respektvolle und inklusive Arbeitskultur mit gerechten Chancen für alle Mitarbeiter:innen. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde 2020 die Charta der Inklusion ins Leben gerufen. Sie umfasst zahlreiche Maßnahmen, die auf unterschiedlichen Ebenen ansetzen: von Qualifizierungsangeboten für Führungskräfte über Kooperationen zur Unterstützung bei Vermittlung und Onboarding bis hin zu internen Kampagnen, die das Bewusstsein für Inklusion stärken. Darüber hinaus stehen Mitarbeiter:innen mit Behinderungen gezielte Beratungsangebote sowie die Möglichkeit zum Austausch im konzernweiten Netzwerk „Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen“ zur Verfügung. So schaffen die ÖBB ein Arbeitsumfeld, in dem Vielfalt gelebt und Barrieren abgebaut werden.

Die Railjets - aber nur der neuesten Generation - sind barrierefrei zu befahren und begehen
Die Railjets – aber nur der neuesten Generation – sind barrierefrei zu befahren und begehen

Globale „Positively Purple“ Kampagne: Wiener Hauptbahnhof leuchtet lila

Die ÖBB engagieren sich das ganze Jahr über intensiv für Inklusion und Barrierefreiheit. Am 3. Dezember, dem Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen, setzen sie ein besonders sichtbares Zeichen: Der Wiener Hauptbahnhof leuchtet im Rahmen der weltweiten „Positively Purple“-Kampagne in kräftigem Lila.

Am 23. September, dem Internationalen Tag der Gebärdensprache, hatten die ÖBB wieder insbesondere Kinder und Jugendliche eingeladen auf der Bühne vor dem Hauptbahnhof Performances in dieser sicht- aber nicht hörbaren Sprache aufzuführen – KiJuKU.at hat berichtet – unten verlinkt.

kijuku_heinz

Doppelseite aus "Tom Turbo - Ds Geheimnis der Weihnachtsburg"

Neuer Tom Turbo-Ratekrimi als Adventkalender

Fast Jahr für Jahr gibt es immer größere, ausgefallenere Adventkalender mit allem möglichen Zeug – und schon längst nicht mehr „nur“ für Kinder wie solche mit Kaffee, Kosmetika, Bier und anderen alkoholhältigen Getränken usw. zeigen. Zurück zu kleinen Bildchen für jeden der 24 Tage, allerdings mit viel drumherum führt ein neues Buch aus der seit mehr als 30 Jahren vom Autor immer wieder befüllten Reihe um das wohl außergewöhnlichste Fahrrad der Welt.

Gut, der Titel dieses Beitrags und die Illustrationen mit Buchseiten haben’s ja schon von Anfang an verraten: Thomas Brezina hat sich – wieder einmal – einen spannenden, abenteuerlichen Kriminalfall für Tom Turbo und seine zwei Bosse Klaro (Konstantin) und Karo(line) einfallen lassen. Tag für Tag sechs Seiten, davon jeweils in der Mitte eine großformatige von Pablo Tambuscio gezeichnete Doppelseite, auf der du immer wieder Hinweise zur Lösung eines kniffeligen Details im Fall rund um „Das Geheimnis der Weihnachtsburg“ finden kannst.

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Tom Turbo – Ds Geheimnis der Weihnachtsburg“

Platz für Pickerln

Davor auf der ersten Seite des jeweiligen Kapitels findest du in einem der ersten Absätze stets drei Punkterln und ein fehlendes Wort und einen Platzhalter in Tom Turbos Farben gelb und orange. Am Ende des Buches haftet ein Bogen mit 24 Klebebildern, die von ihrer unterschiedlichen Form her auf diese Stellen passen (daneben steht übrigens zur Sicherheit auch noch die Zahl des jeweiligen Tages). Obendrein lässt der Autor fast jedes der – natürlich – 24 Kapitel mit einer weiteren Rätselfrage enden, die sich am folgenden Tag auflöst, do du nicht schon vorher draufgekommen bist.

Die große Weihnachtsburg im Park verbirgt klarerweise ein nicht gerade nettes Geheimnis, das du – mit Hilfe des detektivischen Trios – Kapitel für Kapitel beim Lesen – und genauen Schauen – lösen wirst. Und – dir sicher auch schon aus früheren Tom Turbo-Abenteuern bekannt –, anfangs will kaum wer dem Verdacht des Trios glauben: „Die Bürgermeisterin meint… bei Tom wäre eine Schraube locker. Die Weihnachtsburg ist ein Geschenk eines sehr reichen Herrn namens Friedrich Mootnaaf.“

Solltest du die Ratekrimis rund um das Fahrrad mit seinen 111 Tricks schon gut kennen, kommst du möglicherweise schon recht früh drauf, welcher der Bösewichte – Alexa, Fritz Fantom, Dr. Gruselglatz, Rudi Ratte, Zacko -, die allesamt mitmischen, hinter dem fiesen Plan steckt.

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Tom Turbo – Ds Geheimnis der Weihnachtsburg“

112. Trick

Übrigens: Tom Turbo eignet sich in diesem Buch einen zusätzlichen Trick an – welchen, das wird hier genauso wenig verraten wie mehr aus der Story, in deren Verlauf das tollste Fahrrad der Welt mehrmals ziemlich kaputt geht, aber – eh klar – sich mit Hilfe der beiden Bosse und Freunde wieder reparieren kann.

Und: Es wird wohl kaum wer was dagegen haben, wenn du nicht von Tag zu Tag wartest, sondern schon lange vor Weihnachten alle Kapitel liest 😉

Übrigens: Da auch dieses Buch nicht nur vom Text, sondern mindestens ebenso von den vielen, auch mit versteckten Rätseln versehenen, Bildern lebt, hätte sich Illustrator Pablo Tambuscio wohl eine Erwähnung auf der Titelseite verdient.

kijuku_heinz

Doppelseite aus dem Bilderbuch "Ganz bald ist Weihnachten"

Warum fällen die beiden einen Baum fürs Fest im Wald?

Der erste Adventsonntag ist vorbei. „Ganz bald ist Weihnachten“ lautet der Titel eines Bilderbuchs, das den Reigen neuer (vor-)weihnachtlicher Bücher hier eröffnet. (Besprechungen von in früheren Jahren erschienene Bücher sowie Theaterstücke und Filme, auch ein aktueller, sind unten am Ende des Beitrages verlinkt.

Nun also zum im vorigen Absatz erwähnten Buch. Britta Sabbag (Text) mit Illustrationen von Eefje Kuijl führt uns in einen Winterwald zu zwei engen Freunden: Biber und Bär als Mix aus Tier und Kuschelfigur vermitteln – in Text und Bild – ihre Vorfreude und emsige Vorbereitung auf das Fest. Dazu gehört das Basteln von Girlanden und Schmuck, mit dem sie ihren Weihnachtsbaum schmücken wollen. Und das Vergnügen, durch den Schnee im Winterwald zu stapfen. Der Bär, natürlich ein bisschen schwer, sinkt bei jedem Schritt recht massiv ein. Da hat Freund Biber die Idee, aus Zweigen ein Geflecht zu fabrizieren, das ein bisschen aussieht wie Tennisschläger. Die bindet sich Bär an seine Füße und hat nun eine Art Schneeschuhe…

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Ganz bald ist Weihnachten“

Dass Bären eigentlich Winterruhe, nicht tiefen Winterschlaf, aber doch sämtliche Körperfunktionen – Atmung, Herzschlag, Kreislauf – in ihren Höhlen deutlich reduzieren und dauer-schlummern, ignoriert das Buch offenbar.

Genauso irritiert, dass die beiden beschließen, den größten Baum im Wald zu fällen, was der Biber ganz gut kann. Den Nadelbaum schleppen sie dann zu ihrer gemeinsamen Höhle – und er passt nicht rein. So stellen sie ihn vor die Höhle und feiern mit allen Tieren des Waldes gemeinsam.

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Ganz bald ist Weihnachten“

Hoffentlich lernen sie daraus und schmücken in folgenden Jahren gleich einen noch lebenden, verwurzelten Baum in der Nähe der Höhle 😉

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Szenenfoto aus "Pinocchio" im Dschungel Wien

So kannst du nicht untergehen

Ach, wie einfach wäre es doch, würden Fake News so deutlich erkennbar sein, wie die lang und länger werdende Nase des berühmten lebendig gewordenen Pinien-Holzstücks vulgo Pinocchio, bei dessen Lügen 😉 – die Erfindung von Carlo Lorenzini, besser bekannt unter dem Künstlernamen nach seinem Heimatort Collodi (Teil der Gemeinde Pescia in der Toskana, Italien) aus dem Jahr 1881. Diese Geschichte wurde und wird sehr oft auch in Dutzenden Theater- und Film-Versionen gespielt. Nun also – wieder – einmal als „Weihnachtsstück“ im Dschungel Wien, dem Theaterhaus für junges Publikum im MuseumsQuartier. Traditionell läuft hier einzig und allein in der Adventzeit ein Stück mehrere Wochen, laufen nur wenige Tage, so manche allerdings mit mehreren Wiederaufnahmen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Pinocchio“ im Dschungel Wien

Holz und Recycling

Passend zur Tischlerwerkstatt von Meister Geppetto ist ein Gutteil der Bühne im Holz-Design (Bühne, Kostüme: Alex Gahr); übrigens – wie aus dem (pädagogischen) Begleitmaterial hervorgeht, recycelt aus einem Bühnenbild in St. Pölten (Niederösterreich). Wobei anzumerken ist, dass auf Initiative des technischen Leiters im Dschungel Wien, Hannes Röbisch, der bei Pinocchio gemeinsam mit Christo Novak die Lichtstimmungen gestaltete, nicht selten bei Bühnenbilder Materialine wieder verwendet werden.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Pinocchio“ im Dschungel Wien

Italophil

Sich an die Geschichte des Originals haltend, haben Lukas Schrenk und Nils Strunk diese spielfreudige Version, die vor dem ersten Adventsonntag Premiere hatte, geschrieben und Musik dazu gefunden; Henry Morales als Co-Autor steuerte vor allem italienische Passagen bei – eine Brücke zum Original (Regie: Leonard Dick). Neben Textpassagen in dieser Sprache setzt diese knapp mehr als 1¼-stündige Fassung auf viele italienische Elementen, nicht zuletzt Musik von Volksliedern über Pop-Songs bis zu Opernarien (Musikalische Leitung: Andrej Agranovski) des südlichen Nachbarlandes.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Pinocchio“ im Dschungel Wien

Stimmen

Der Tischler, der eigentlich nur mehr das letzte Bein für einen Tisch aus einem Holzblock hauen will, meint erst Stimmen im eigenen Kopf zu vernehmen, als er „Nein, bitte nicht schlagen!“ hört. Womit schon bald nach Beginn die Botschaft gegen Gewalt in der Erziehung mitschwingt. Es braucht wohl nicht extra lang ausgeführt werden, dass es nix wird mit dem Tischbein, Geppetto schnitzt nun zunächst eine Holzpuppe, die natürlich jetzt erst recht sprechen kann – und ein richtiges Kind werden will.

Dieses Kind, anfangs mit bewusst hölzernen Bewegungen, wird von Florian Klingler verkörpert – der einzige des kleinen Ensembles, der „nur“ eine Rolle spielt. Selbst der finanziell ums Überleben kämpfende nun alleinerziehenden Tischlermeister muss sich seinen Darsteller Wolfram Rupperti zumindest kurzfristig mit dem Puppenspieler MangiaFuoco im Marionettentheater, einer der Stationen von Pinocchios Weg ins Leben, teilen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Pinocchio“ im Dschungel Wien

Wandelbare Schauspielerinnen

Die Fee aus dem Original ist hier „nebenbei“ der Geist der verstorbenen Ehefrau Geppettos. Sie wird – ebenso wie die Katze, eine Obstverkäuferin, eine Fischerin, eine Nachbarin und eines der den Tischler ärgernden Kinder namens Nico von Jasmin Weissmann gespielt. Den Fuchs, der gemeinsam mit der Katze Pinocchio mit einem bösen Trick diesen um seine Goldstücke bringt, gibt Lara Sienczak. Darüber hinaus tritt sie noch als zweite Fischerin, Nicos Kumpel Toni, eine Polizistin, aber vor allem als coole, in dem Fall auch singende, Grille Grillo Parlante (vom Italienischen parlare – sprechen, auf Korsisch – Insel Korsika – steht parlante übrigens für Lautsprecher) auf.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Pinocchio“ im Dschungel Wien

Nachteil kann Vorteil sein

Auf und vor der sich immer wieder wandelnden, drehbaren Bühnenkonstruktion nehmen die vier spielfreudigen Darsteller:innen das Publikum abwechslungsreich mit zu den Abenteuern der „Holzfigur“ auf der Suche nach der ganzen Welt und seinem Platz in dieser. Auch wenn er mit seiner Existenz hadert: „Ich wünschte, ich wäre nicht aus Holz“. Die Fee verklickert ihm einen wesentlichen Vorteil seiner Materialität: „Im Wasser schwimmst du immer oben!“ So könne er nicht untergehen – und das nicht nur im Wasser, was sie mit anklingen lässt.

Und das mit der Nase – die hier ohnehin nur selten und das nur vorübergehend, einmal dafür uuuuurlange, wächst, sei auch ein Vorteil: „Dein Körper zeigt immer die Wahrheit! Man kann dir vertrauen! Du bist immer ehrlich, ob du willst oder nicht!“
Und dann bestärkt sie ich – und damit die Inszenierung die jungen Zuschauer:innen gleichermaßen: „Es reicht, wenn du einfach du selbst bist, Pinocchio! Credi in te!“
Was Pinocchio ein „Was?“ entlockt und die Fee erklärend anfügt: „Glaub an dich!“

Übrigens – ähnlich wie in Miguel Cervantes zweiteiligem Roman „Don Quijote“, wo die Windmühlen keine zwei der rund 1500 Seiten umfassen, hat sich das Lügen-Nasen-Wachstum von Pinocchio in den 150 Jahren überdimensional überhöht verselbstständigt. In Collodis Buch kommt das nur auf den sechs Seiten des 17. von 40 Kapiteln (insgesamt rund 270 Seiten, je nach Ausgabe) vor;)

kijuku_heinz

Szenenfoto aus "Die Räuber"

Schillers erstes Drama (selbst-)ironisch und mit viel (Rock-)Musik

Viel näher am Original als bei „Romeo und Julia“ tourt ab nun eine aber genauso witzige, spielfreudige Überschreibung von Friedrich Schillers „Die Räuber“ durch Veranstaltungszentren in Wiener Bezirken. Das Volkstheater schickt – wieder in Kooperation mit dem innovativen, kreativen Bronski und Grünberg Theater – diesen Klassiker durch Volkshochschulen und Häuser der Begegnung. Als zusätzliches Element spielt Stefan Galler live auf der Bühne – schon lange vor Vorstellungsbeginn die gesamte Phase wenn das Publikum in den Saal kommt – auf dem Keyboard, später auch Gitarren, mit und ohne Strom. Wobei das Repertoire von Klassikern einerseits Versionen aus dem Pop- und Rockuniversum (Neil Diamond, Iggy Pop, Aretha Franklin, Jimi Hendrix, Rolling Stones…) und andererseits eigens von ihm für dieses Stück komponierte sieben Songs umfasst. „Nebenbei“ schlüpft er in die Rolle des Boten und wird Luft-Drummer in Charly Moors Band.

Szenenfoto aus
Szenenfotos aus „Die Räuber“…

Ausleben

Denn, aus Karl, dem erstgeborenen Lieblingssohn des Grafen Moor, wird Charly und das Doppel-o im Nachnamen natürlich englisch ausgesprochen. Er ist Leadsänger und Gitarrist einer Band mit seinem Namen „and the Buddy Boys“. Erst mit Popsongs, was den Vater, Chef des 50-Milliarden-Musikkonzerne „Easy Plate“ sehr freut. Deshalb investiert er in ihn, „macht“ ihn und seine Band erst – artig in grauen Anzügen und Pilzfrisur wie die frühen Beatles und andere Boy-Bands. So richtig ausleben und vor allem austoben und die Bühne im wahrsten Sinne rocken darf sich Julia Edtmeier aber erst in der späteren Phase der Klischee-Rockband.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Räuber“

Starke Amalia

Seine Mitmusiker sind zwei aus der Gefolgschaft Karls aus dem Schiller‘schen Original, Spiegelberg und Roller – gespielt von Doris Hindinger, die vor allem auch den sehr patriarchalen Vater der Lächerlichkeit preisgibt sowie Anton Widauer, der vor allem als des Schlossherren Pflegetochter Amalia – für damalige Verhältnisse (1781) schon recht selbstbewusst und emanzipiert von Schiller geschrieben – zwar den Grafen bedient, aber der blöden, übergriffigen Anmache von Franz Paroli bietet.

Ach ja, Franz, wehleidig und gleichzeitig bösartig verkörpert von Charlotte Krenz, ist der zweite Sohn Maximilian Moors, den der Vater so gar nicht mag, ihn oft „vergisst“ und der ob seiner ständigen Zurücksetzung immer nur als Opfer gesehen werden will. Und auf Rache sinnt – die Haupthandlung des ersten Stücks von Friedrich Schiller, ursprünglich nur als Lesedrama konzipiert: Intrigant verfasst er mehrere gefälschte Briefe und von einem Boten überbrachte Nachrichten – von Karl an den Vater samt Antwort, die den Erstgeborenen enterbt und somit ihn selbst begünstigt.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Räuber“

Triggerwarnung

In knapp mehr als zwei Stunden mit einer Pause – spielt das kleine Ensemble das Drama aus der Sturm-und-Drang-Periode mit sehr viel Witz, (Selbst-)Ironie, Macho-Gehabe mit Text aus dem Original, das durchs Schauspiel offensichtlich demaskiert wird. Dennoch erachteten es die Macher:innen – Text & Konzept Kaja Dymnicki (auch Ausstattung – 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts) und Alexander Pschill (auch Regie) – für erforderlich, der Aufführung eine Triggerwarnung voranzustellen: Die Macho-Sprüche der Protagonist:innen und ihr toxisches männliches Agieren würden von deren Schauspieler:innen nicht geteilt, verkündete Co-Kuratorin für die Bezirkstourneen Anja Sczilinski, nachdem ihre Kollegin Julia Engelmayer, auch Dramaturgin dieser „Räuber“-Version Schillers Drama knapp zusammengefasst hat, bevor das Spiel bei der vielfach umjubelten Premiere im Veranstaltungszentrum der Brigittenauer Raffaelgasse (20. Bezirk) losging.

Die Vorbemerkung wirkt ein wenig irritierend, als ob das Publikum eine Gebrauchsanleitung für Theater nötig hätten. Doch, in der Pause darauf angesprochen, meinte der Regisseur zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…: „Wir haben bei der vorigen Produktion (Rome & Julia) mehrfach böse Briefe und Reaktionen bekommen, sodass wir beschlossen haben, dass wir das jetzt jedes Mal davor klarstellen. Wir leben offenbar in einer sehr weidwund verletzlichen Zeit.“

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Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Räuber“
Doppelseite aus "Tatort Fußballplatz" aus der Reihe TKKG junior, Erstes Lesen

Spannung im Fußballspiel + Kriminalfall gleich nebenan

Tim, Karl, Klößchen und Gaby – die vier schlauen Kinder, bekannt als TKKG, lösen seit mehr als 40 Jahre kleine und größere Kriminalfälle. Buch-Serie, Hörspiele, später TV-Folgen und ein Kinofilm.

Für Erst-Leser:innen wurde eine eigene Reihe mit kürzeren Texten und leichteren Sätzen geboren – TKKG junior – und neuerdings gibt es noch Versionen „mit Bildern lesen lernen“. Wie vor allem in Schulbüchern sind so manche Wörter nicht in Buchstaben geschrieben, sondern in kleinen gezeichneten Bildern dargestellt. Wobei das eine oder andere nicht ganz leicht erkennbar ist; dafür gibt es auf den letzten Seiten als Hilfe die Auflistung der Bildchen und der dazu gedachten Wörter 😉

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Tatort Fußballplatz“ aus der Reihe TKKG junior, Erstes Lesen

Fußball und Einbrecher

Im Band „Tatort Fußballplatz“ (Text: Benjamin Schreuder; Illustrationen: José María Beroy und Oriol San Julian) spielt das Team, in dem auch die vier TKKG’ler:innen kicken, groß auf. Aber noch viel spannender ist ein Kriminalfall, dem die Jungdetektiv:innen im angrenzenden, am Sonntag eigentlich geschlossenen, Lager eines Einkaufszentrums auf die Spur kommen. Neben möglichem Miträtseln, wer da was angestellt haben könnte, hält der 44-Seiten starke Band aus der Reihe „Bücherhelden Erstes Lesen“ noch zusätzliche Rätsel bereit – ein Labyrinth, Buchstaben„salate“ in Fußballtoren oder Bilder, die in die richtige Reihenfolge gebrachten werden wollen.

Neben den schon angesprochenen kleinen Bildchen anstelle von Wörtern, ist das Buch noch darüber hinaus üppig bunt illustriert.

kijuku_heinz

Doppelseite aus "Art Academy - Das Geheimnis des weißen Kleides"

Ballett ja, aber kein „tanzender Flamingo“

Auch wenn Internate – jedenfalls im europäischen Raum mit Ausweitung von Schulen einer- und verbesserten öffentlichen Verkehrsverbindungen andererseits – in den vergangenen Jahrzehnten an Bedeutung verloren haben, erfreuen sie sich in Literatur samt Verfilmungen immer wieder großer Beliebtheit. Neuverfilmungen von Klassikern wie Erich Kästners „fliegendem Klassenzimmer“ oder die Buch- und mittlerweile auch Kinoreihe „Die Schule der magischen Tiere“ kennst du (wahrscheinlich).

Im Herbst – rund um den Schuljahresbeginn startete, aus der Schweiz kommend, eine neue Reihe, die in einem Spezial-Elite-Internat für Ballett tanzende Kinder und Jugendliche spielt: „Art Academy“. Den Auftakt macht der leicht und flott zu lesende – sorry, hier ist die Buchbesprechung länger auf Halde liegen geblieben, weil sich auch so viel anderes abgespielt hat – Band „Das Geheimnis des weißen Kleides“.

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Art Academy – Das Geheimnis des weißen Kleides“

So ein Riesentalent

Mary, die Hauptfigur um die sich alles dreht hat’s nicht leicht – sonst wäre ja so ein Roman, noch dazu als Beginn einer Reihe ja bald fad 😉

Sie ist – auch klar – eine super Tänzerin. „Mary! Dass ich ein Talent wie dich unterrichten darf. Das ist mir in meinen ganzen 71 Jahren noch nicht passiert. Die dreifache Drehung heute hätte jeden Profi vor Neid erblassen lassen“, schwärmt Frau Silber.

Doch „tanzender Flamingo“ will sie nicht sein, nicht das pinke Tutu, das ihr die Lehrerin andient.

Nun, aus der Aufführung wird für Mary ohnehin nix, ihre Mutter hat – überfallsartig – andere Pläne. Zuvor noch ein Zitat aus dem Buch über Marys Eltern: „Marys Mama war Sozialarbeiterin. „Mit Herz und Seele“, wie sie jedem erklärte, der es hören wollte. Und meist kam ihr irgendein „Notfall“ dazwischen, wenn Mary einen Auftritt hatte. Irgendein Kind, das dringend etwas brauchte. Dringender jedenfalls, als Mary sie als Zuschauerin benötigte. Und ihr Papa? Den hatte Mary überhaupt noch nie gesehen … Alles, was sie von ihm hatte, war ein silberner Ring…“

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Art Academy – Das Geheimnis des weißen Kleides“

Keine Mitsprache

Und nun, erfährt die Tochter die Neuigkeiten: Jolanthe Johann, ihre Mutter, bekam die Leitung eines Kinderheims in Colombo, der faktischen Hauptstadt der Insel Sri Lanka im Indischen Ozean. Und die Tochter wurde aufgenommen in der Art Academy der Oper Treunen.

„Theaterschule? Internat? Mama! Ich habe mich doch gar nicht beworben …“
„Aber ich! Erinnerst du dich an das Video, das Frau Silber von dir gemacht hat? Und diese Fotos von dem komischen Tanzwettbewerb, den du im Gemeindesaal gewonnen hast? Habe ich alles hingeschickt, tausend Formulare ausgefüllt und – tataaa! Du bist drin! In der besten Tanz-, Theater- und überhaupt-Schule der Welt! Aber ab jetzt, liebe Tochter, stehst du auf deinen eigenen schönen Füßen. Die sind ja gut trainiert.“

Patsch. Und so kommt wie es kommen muss – und so super geht’s dort für Mary natürlich gar nicht zu. Zickige Zimmermitbewohnerin, Außenseiterin, Mobbing, Und klar, natürlich wird alles gut, happy End samt spannenden, abwechslungsreichen Auf und Abs, unerwarteten Wendungen und klarerweise doch auch Freundschaften…

Zwangspause

Ausgedacht hat sich die Story – UND die Serie Teresa Arzberger. Und das „verdankt“ sie wie die Autorin, die Tanz und Musik studiert hat, offen gesteht, einem noch dazu peinlichen schmerzhaften Missgeschick: „Beinbruch live, auf der Bühne, vor Publikum!“
Gezwungen zu Tanz- und Auftrittspausen nutzte sie diese, um die Reihe zu konzipieren und zu schreiben.

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Art Academy – Das Geheimnis des weißen Kleides“

Dezent, meist mit kleinen Federn und anderen „leichten“, fast schwebenden Schwarz-Weiß-Zeichnungen illustriert, wurden die Seiten von Franziska Rosenteich, die über sich schreibt: „Ich habe buchstäblich getanzt, bevor ich richtig laufen konnte. Im Sitzen…“ Wobei es nicht geblieben ist. „Mit sechs Jahren begann ich klassisches Ballett zu tanzen, später kamen Jazz, Tap, Standard- und Lateintänze dazu.“

Egal ob Tanz oder… geh deinen Weg

Egal, ob Tanz oder gar Ballett dein bevorzugtes Hobby oder gar deine Leidenschaft ist, unabhängig davon erzählt „Das Geheimnis des weißen Kleides“ die Mut-machende Geschichte eines Kindes, einer beginnenden Jugendlichen, die sich durchbeißt, allen Hindernissen und nicht immer gerade netten Mitmenschen zum Trotz, das macht, das sie liebt – in dem Fall tanzen. Und das kann für alles andere genauso stehen.

Titelseite von
Titelseite von „Art Academy – Das Geheimnis des weißen Kleides“
Szenenfoto aus "Der atanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch" vom St. Pöltner Landestheater: Boris Popovic, Florian Haslinger, Sven Kaschte

Der (fast) unaussprechliche Wunschpunsch, gewürzt mit Musik

Einen höllisch bösen Zauberer, der Tierarten ausrottet, Flüsse vergiftet, Wälder vernichtet hatte sich Michael Ende – unter anderem „Vater“ von „Momo“ und der „unendlichen Geschichte“ – vor mehr als 35 Jahren ausgedacht. Dazu noch eine Tante, der es nur um möglichst hohe Gewinne geht. Daraus braute er die düstere und doch immer wieder lustige Geschichte um den Wunschpunsch mit dem nicht leicht auszusprechenden Namen: „Satanarchäolügenialkohöllisch“ – was leichter zu merken – und damit auszusprechen ist, wenn er in seine „Bestandteile“ zerlegt wird: Satan, Anarchie, Archäologie, Lüge, genial, Alkohol, höllisch 😉

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der atanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ vom St. Pöltner Landestheater: Sven Kaschte und Pierre Balazs

Gell, bunt, rhythmisch

Als Roman war es sein letzter fertig geschriebener (er starb im August 1995), erschienen 1989. Neben Übersetzungen in viele Sprachen wurden aus der Geschichte rund um das geldgierige, umweltzerstörende Duo, das von einer Katze und einem Raben – Agenten des Geheimen Rats der Tiere – letztlich daran gehindert wird, auch unzählige Theaterversionen und unter anderem eine Zeichentrickserie. In dieser Saison spielt das Landestheater Niederösterreich eine rund 1½-stündige mit Songs gewürzte Fassung (Musik: Gregor Sandler) – nicht nur in St. Pölten, sondern gastiert auch im Stadttheater Wr. Neustadt. Die mitunter schütter besuchten Vorstellungen – was im großen Theatersaal nicht ganz einfach für die Stimmung ist – wie KiJuKU kürzlich erlebte, ist grell, bunt (Bühne: Johannes Weckl; Kostüme: Elena Kreuzberger), rhythmisch gespielt von Sven Kaschte als Zauberer Professor Dr. Beelzebub Irrwitzer und sehr tänzerisch von Michaela Kaspar als seiner Tante Tyrannja Vamperl (Choreografie: Laura Sauer).

Szenenfoto aus
Boris Popović, Florian Haslinger

Gegenspieler Maurizio di Mauro (Florian Haslinger) würde gern Kammersänger sein, verfügt aber eher über keine optimale Stimme – von der Geschichte bei Michael Ende her. Dem Raben Krakel, Haustier der Tante, verpasst der Autor zunächst ein zerzaustes Aussehen. Ihn verkörpert Boris Popović.

Szenenfoto aus
Michaela Kaspar, Sven Kaschte

Gegenteil

Der Magier hat nur mehr wenige Stunden Zeit bis zum Jahreswechsel, um sein von der Hölle vorgegebenes Plansoll an bösen Taten zu vollbringen – das verklickert ihm der aus dem Kamin mit viel Theaterrauch auftauchende Teufelsbote Maledictus Made Pierre Balazs (der auch noch einen Kurzauftritt als Silvester hat). „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ (Inszenierung: Felix Metzner) soll ihm – unterstützt von der Tante – dabei helfen. Die – vermeintliche – List der beiden, damit die tierischen Spione in die Irre geführt werden: Gute Taten sagen, der Zaubertrank verwandelt sie ins Gegenteil – was Michael Ende damit wohl zwischen den Zeilen vermitteln wollte 😉

Natürlich kriegen’s Katze und Rabe mit und … wie und was passiert, um ein Happy – für die Bösen ein höllisches End – zu erreichen,  weißt du, solltest du das Buch schon kennen, sicherlich; wenn nicht, lass dich überraschen.

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Szenenfoto aus "Hell, Girl!"

Hier kannst du wirklich mitbestimmen, was gespielt wird

Interaktiv – so nennen sich gern so manche Theaterstücke, wo es aber nicht viel mehr gibt als den Kasperl durch Rufe vor Gefahren zu warnen. Dann gibt es Performances, die als begehbare, bespielte Installationen in Theaterräumen aufgebaut sind. Und nun tourt „Hell, Girl!“ von Theater Foxfire für Junge Theater Wien durch einige Bezirke (Favoriten und Floridsdorf – siehe Info-Box) und kehrt zwischendurch im Jänner wieder in den Dschungel Wien im MuseumsQuartier zurück, wo kürzlich die erste kurz Spielserie stattgefunden hat. Und so ist – auch wenn das generell am Theater immer gesagt wird – jede Vorstellung anders. Hier aber nicht nur in Nuancen, abhängig von der Energie zwischen Bühne und Publikum, sondern tatsächlich von der Handlung, die an mehreren Wendepunkten vom Publikum bestimmt wird – die Abstimmung erfolgt meist über Lautstärke von Applaus, Stampfen usw.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Hell, Girl!“

Road-Trip

Der Ausgangspunkt erinnert an – dort ohne Interaktion – an Wolfgang Herrndorfs Kult gewordenen Roman „Tschick“, den es in unzähligen Versionen auf Theaterbühnen (vor rund zehn Jahren das meistgespielte Stück) und einem Kinofilm gab / gibt. Sind es dort zwei Jungs – Maik Klingenberg und Andrej Tschichatschow, genannt Tschick – die mit einem Auto auf Tour gehen und dabei die toughe Isa Schmidt treffen, so startet hier ein Trio aus zwei Mädchen – Thea (gespielt von Kaisa Pušnik), Mirjam (Hannah Darabos) – und einem Burschen, Ben (Etienne Lestrange), gemeinsam in ihr(e) Abenteuer. Denn von diesen hat Autor Benedict Thill viel mehr geschrieben, als je in einer Stunde gespielt werden (Idee und Text: Benedict Thill, Regie: Richard Schmetterer).

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Szenenfoto aus „Hell, Girl!“

Wohin und was tun?

Soll‘s in die Steiermark gehen oder nach Slowenien? Ist zum Beispiel eine der Entscheidungen, die das Schauspieltrio ans Publikum überantwortet, nachdem sie selbst in ihren Rollen zu diskutieren begonnen haben. Je nach dem ändern sich aber nicht nur die Bilder der projizierten Landschaften. Der Autor hat insgesamt rund fünf Dutzend Szenen geschrieben, was heißt, dass die die Schauspieler:innen auch urviel Text zu lernen hatten, von dem immer „nur“ ein Teil zu spielen ist. Die Handlung kann auch ganz schön wild werden mit der Frage, ob eine der Personen irgendwo zurückgelassen wird oder ob das dann doch nicht geht… – hier seinen keine Details verraten, hätte mich selber mehr als geärgert, wenn da im Vorfeld zu viel gespoilert worden wäre.

Und es geht auch nicht immer darum, was sie wie an Handlung ergibt, sondern um die Dynamik in den Konfliktsituationen, wie gehen die drei – die in bester Freundschaft starten – mit haarigen Konfliktsituationen um. Und wie und was meinen die Zuschauer:innen, dass entweder alle oder die eine bzw. der andere jetzt machen soll.

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Szenenfoto aus „Hell, Girl!“

Überraschungen

Und es scheint wirklich so zu sein, dass auch in einem so gravierenden Punkt wie dem zuvor angesprochenen, die Publikumsentscheidung nicht immer „aufgelegt“ ist. Neben dem Schreiber dieser Zeilen saß der Autor im Publikum und meinte vor Beginn, er habe schon einige relativ gleich verlaufende Aufführungen erlebt, aber an diesem Vormittag „hab ich Szenen gesehen, die kenn ich nur vom Text, habe sie aber noch nie gespielt erlebt, weil sich das Publikum heute ganz anders abgestimmt hat“.

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Szenenfoto aus "Jeann d'Arc" im Wiener Rabenhoftheater in Kooperation mit dem Theater der Jugend

Heldin vs. dümmlich-machtgierige Männer

Nach vielen antiken Sagen und der ägyptischen Pharaonin Kleopatra stellt das Rabenhoftheater in seiner Reihe „Classic for Kids“ nun eine weitere Heldin in den Mittelpunkt des jüngsten Stücks für junges Publikum: Jeanne d’Arc, oftmals auch als „Jungfrau von Orleans“ tituliert. Kennzeichen jeder der Inszenierungen (Buch und Regie: Roman Freigaßner-Hauser) sind fünf durchgängige Elemente:

Nun also die sagenumwobene echte Figur. Eine Frau, die es – angeblich aufgrund von (göttlichen) Visionen – sich vor rund 600 Jahren in den Kopf gesetzt hat, in den Krieg zu ziehen, um die von englischen Soldaten eroberte französische Stadt Orleans zu befreien. Was ihren männlichen Kollegen nicht gelungen ist, schafft sie, nachdem diese zunächst einmal sie auch daran hindern wollen.

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Szenenfoto aus „Jeann d’Arc“ im Wiener Rabenhoftheater in Kooperation mit dem Theater der Jugend

Erst Heldin, dann verbrannt, dann heilig

Danach steigt sie zur Heldin auf. Als sie gefangen genommen, an die Engländer ausgeliefert wird, stimmen sowohl der französische König als auch die Kirche einem Deal mit den Feinden zu, wenn Jeanne d’Arc (geboren als Darc) im Alter von 19 Jahren auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird – soweit die kürzest zusammengefassten Fakten. Das tödliche Ende wird in der Version im Wiener Rabenhoftheater – die Reihe findet in Kooperation mit dem Theater der Jugend statt – ausgespart, ja sogar eine vermeintliche Rettung angedeutet; hinter der versteckt sich vielleicht die spätere Rehabilitierung und sogar Heiligsprechung durch die katholische Kirche (1920).

Clara Lou Kindel ist als Jeanne d’Arc die einzige der fünf Schauspielenden, die „nur“ diese Rolle tough, überzeugend zielstrebig einnimmt. Ihre vier Kollegen – Theo Colarusso (französischer König Karl VII., Pater Pius, ein Burgunder, Peter, ein französischer Soldat), Edward Lischka (Salisbury, Pierre, Beamter, Bischof), Bernhard Majcen (Beaudricourt / Berater des Königs, Jacques, französischer Hauptmann) und Christoph Radakovits (Bedford, Arture, ein Burgunder, Promoter/ Richter und Vollstrecker) switchen von Szene zu Szene in die verschiedensten – in Klammern genannten – Rollen. Und führen diese sehr oft kunstvoll dümmlich, mitunter bewusst übertrieben aus, anderen Figuren verleihen sie Hang zu Intrigen und Bösartigkeit, aber auch die gegen sie nicht selten der Lächerlichkeit preis (in den Brunnen pinkeln?).

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Jeann d’Arc“ im Wiener Rabenhoftheater in Kooperation mit dem Theater der Jugend

Brücken zur Gegenwart

Als schaler Geschmack bleibt jenseits der Lacher und der Bloßstellung (männlicher) Machtgier, dass Hass – hier vor allem zwischen Frankreich und England „nur“ als Beispiel dafür steht, was dem großen Friedensprojekt Europäische Union Wiederaufflammen von Nationalismus und Kriegslüsternheit leider Wiederauferstehung feiert.

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Doppelseite aus dem Bilderbuch "Jo! Als die Träume Walzer lernten"

Schüler:innen texteten zu Melodien von Johann Strauss Sohn

Das Geige spielende Kind mit den im (musikalischen) Wind wehenden Haaren auf der Titelseite dieses Buches voller spannender Bilder, Geschichten und Musiknoten ist nicht der Johann Strauss Sohn in seinen jüngsten Jahren. „Jo!“ mit Titel-Fortsetzung „Als die Träume Walzer lernten“ ist ein Mädchen mit diesem einsilbigen, kurzen Namen. Ob er als Abkürzung für Johanna, Josefine, Josipa, Jolanda oder welche Vornamen es mit diesen beiden Buchstaben am Anfang auch immer gibt – bleibt offen. Vielleicht eben auch nicht.

Und klar, der Untertitel deutet darauf hin, dass auch der oft als „Walzerkönig“ titulierte schon erwähnte Komponist und Musiker im Spiel ist: „Eine Geschichte inspiriert von Johann Strauss Sohn“ – passend zum fast allgegenwärtig zelebrierten Jubiläumsjahr. Der „Popstar“ seiner Zeit vor mehr als 150 Jahren wurde 1825, also vor 200 Jahren geboren und deswegen gab und gibt es heuer viiiiele Veranstaltungen, Projekte und so weiter.

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Jo! Als die Träume Walzer lernten“

Story, Bilder, Noten

Für das hier vorgestellte Buch haben sich Flo Staffelmayr und Julia Meinx eine Geschichte rund um diese Jo ausgedacht. Sie hört liebend gern Musik, pfeift Melodien, singt Lieder und beginnt – angeregt durch das Geigenspiel eines Straßenmusikers – dieses Streichinstrument zu erlernen.

Über die weitere Geschichte, ihren Traum in der Oper aufzutreten… sei hier gar nicht mehr verraten. Sie ist obendrein sehr spannend mit gezeichneten Bildern, in denen du viel entdecken kannst, illustriert – von Devi Saha, einer Künstlerin, die sehr oft für Theaterstücke Bühnenbild und / oder Kostüme entwirft.

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Jo! Als die Träume Walzer lernten“

Und dann hat das Buch noch etwas – oben schon angesprochen: Noten von bekannten, aber auch nicht so berühmten Melodien des Komponisten, um den sich das Buch dreht. Aber mit anderen, ganz neuen Texten. Und die sind entstanden in der Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen aus sieben Schul(klass)en: Ganztags-Volks- und -Mittelschule (GTVS, GTMS) Bildungscampus Sonnwendviertel, GTVS Wichtelgasse, MS Herzgasse, MS Josef-Ensleinplatz, OVS (Offene Volksschule) Svetelskystraße 5, VS Keplerplatz.

Aus Venezuela

Diese Klassen sind alle Teil des großen Superar-Projekts, das Musik fördern will und zwar besonders bei Kindern und Jugendlichen, deren Eltern sich eher keine Instrumente oder Kurse leisten können. Inspiriert wurde Superar, das seit einigen Jahren in sieben europäischen Ländern mehr als 5.000 Kindern und Jugendlichen musizieren und singen ermöglicht, von El Sistema aus Venezuela (1975 von José Antonio Abreu für Kinder und Jugendliche in den Ärmstenvierteln dieses südamerikanischen Landes.

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Jo! Als die Träume Walzer lernten“

Mehrere Sprachen

In diesen Liedtexten – Deutsch, Wienerisch, Englisch und Farsi – an denen insgesamt rund 900 Schüler:innen beteiligt waren, geht es um Donuts, Mäuse, Löwen, Bären, Regenbogen und vieles mehr. Und du kannst sie auch hören – bei jeder Doppelseite mit den Noten und dem Liedtext findest du einen QR-Code der dich zu den gesungenen und gespielten – von Profimusiker:innen begleitet – Liedern bringt. Und „nebenbei“ gibt’s immer wieder auch Anregungen, dass du als Leserin oder Leser dir selber Texte, Melodien oder Bewegungen ausdenkst.

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superar-musik-ueberwindet-grenzen <— damals noch im Kinder-KURIER

superar-choere-und-orchester <— ebenfalls noch im KiKu

kinofilm über Superar <— im Kinder-KURIER

Screenshot der Postings des Kinderfilmfestivals auf instagram zu den vergebenen Preisen

Preise für Filme über Kinder, die große Schwierigkeiten meistern

Nach einer Woche ging am Sonntag das 37. Internationale Kinderfilmfestival in Wien zu Ende, in der Steiermark läuft die 17. Ausgabe des Festivals, die erst dieses Wochenende beginnen hat, noch bis 30. November. Aber auch in Wien spielt es – traditionell als „Zugabe“ am Sonntag, 30. November drei Filme, und zwar die preisgekrönten eine Zugabe, den von der Kinderjury ausgewählten Film, und zwar am Samstag, 29. November, 15 Uhr im Cinemagic (Urania).

Kinderjury-Preis

Die Kinderjury wählte „Honey“ zu ihrem Favoriten. Die Hauptfigur, ein Mädchen namens Honey, ist immer für ihre Familie da: Für ihre überarbeitete Mutter, ihren kleinkriminellen Vater und ihre Schwester mit Down-Syndrom. Ständig übernimmt sie Aufgaben, für die eigentlich ihre Eltern verantwortlich wären. (Regie: Natasha Arthy; Honey: Selma Sol í Dali Pape; Dänemark 2025; 95 Minuten; ab 11 Jahren).

Im Statement der jungen Filmkritiker:innen – Arto, Lea, Livia, Matilda, Mathis, Noa und Philemon – heißt es: „Der Preis geht an einen musikalischen Film, der traurig und sehr realistisch ist. Er entführt uns in den harten Alltag der 13-jährigen Hauptfigur, die für ihr Alter sehr viel Verantwortung übernehmen muss. Im Laufe der Geschichte lernt sie auch ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen. Und durch den totgeglaubten Opa wächst di Familien enger zusammen.“

Szenenfoto aus dem Kinofilm
Standbild aus dem Kinofilm „Superkräfte im Kopf“

Die sieben jungen Jury-Mitglieder begnügten sich aber nicht nur mit einem Preis, den sie vergaben, sondern „wollen außerdem eine lobende Erwähnung für den Film „Superkräfte im Kopf“ aussprechen. Wir konnten uns gut in die Hauptfigur Lev hineinfühlen. Wir fanden den kindgerechten Film lustig und actionreich. Der Film macht Mut, laut zu sagen, wovor man Angst hat und zu seinen Gefühlen zu stehen.“ – Mehr zu diesem Film, samt Interview mit dem Hauptdarsteller Finn Vogels, in eigenen – unten verlinkten – Beiträgen; übrigens auch ein Interview mit der Kinderjury.

Erwachsenen-Jury-Preis

Erstmals gab es beim 37. Internationalen Kinderfilmfestival in Wien zusätzlich eine erwachsene Fachjury aus der Filmbranche – Claudia (Slanar, Co-Leiterin der Diagonale), David (Wagner, Regisseur und Drehbuchautor) und Stefan (Huber, Leitung der Filmvermittlung im Österreichischen Filmmuseum): Dieses Trio entschied sich für den Film „Lampje“.

Lampje ist die Tochter eines Leuchtturmwärters. Sie zündet jeden Tag das Licht im Turm an. Als ihr die Streichhölzer ausgehen, geschieht ein Schiffsunglück und Lampje wird zur Strafe in das geheimnisvolle Schwarze Schloss verbannt. Dort lebt ein Monster, – so wird im Dorf erzählt… (Regie: Margien Rogaar; Niederlande 2024; 93 Minuten; ab 11 Jahren).

Auch die Fachjury sprach darüber hinaus einem weiteren Film eine lobende Erwähnung aus- „Zirkuskind“. Santino ist elf Jahre alt und der Zirkus ist sein Zuhause. Das ganze Jahr über ist der aufgeweckte Junge unterwegs und packt, wie alle Mitglieder seiner großen Zirkusfamilie, bei Vorstellungen und beim Auf- und Abbau der Zelte mit an. Besonders gerne verbringt Santino Zeit mit seinem Opa Ehe, der aus seinem bewegten Leben als Zirkusdirektor erzählt. (Regie: Anna Koch, Julia Lemke; Deutschland 2025; 86 Minuten; ab 8 Jahren)

Szenenfoto aus dem Kinofilm
Szenenfoto aus dem Kinofilm „Das geheime Stockwerk“

Publikumspreis

Die Besucher:innen des Festivals konnten – wie von Anfang an – mit dem Abschnitt ihrer Eintrittskarte in drei verschiedenen Röhren abstimmen, ob ihnen der Film gar nicht, mittelmäßig oder sehr gefallen hat. Die meisten lachenden Smilies vergaben die Zuschauerinnen an den Film „Das geheime Stockwerk“ – mehr zu diesem Film, samt Interviews mit zwei Kindern, die mitgespielt haben und bei der Premiere im Wiener Uraniakino, dem Cinemagic von wienXtra, dabei waren, in eigenen – unten verlinkten – Beiträgen.

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Finn Vogels, Hauptdarsteller im Eröffnungsfilm des Festivals "Superkräfte im Kopf" auf der Bühne des Wiener Gartenbaukinos

Theater- und Film-Schauspieler, Hörspiel-Sprecher und Musical-Filmer

KiJuKU: Dieser Film war nicht dein erster, bei der Vorbereitung auf dieses Interview hab ich im Internet recherchiert, aber „nur“ deine Insta-Site gefunden, wo unter anderem ein Posting mit „Warten auf Godot“ oder „Pippi Langstrumpf“ zu sehen sind. Hast du in beiden gespielt und in Filmen oder Theaterstücken?
Finn: Es war nicht mein erster Film, stimmt, bei „Warten auf Godot“ hatte ich nur eine ganz kleine Rolle, bei Pippi war es ein Hörspiel, wo ich den Tom (Bruder von Annika – die beiden Nachbarsfreund:innen von Pippi Langstrumpf) gesprochen habe.

KiJuKU: Wie bist du überhaupt zum Schauspiel gekommen?
Finn: Als ich noch recht klein war, hab ich schon zu Hause kleine Theaterstücke für di Familie gespielt. Da haben mich meine Eltern dann gefragt, ich mich nicht bei einer Casting-Agentur bewrben möchte. Das hab ich gemachtund wrude dann eben immer wieder für Rollen genommen.

KiJuKU: Und wann hast du damit begonnen?
Finn: Alss so ungefähr mit vier oder fünf Jahren.

Interview von Finn Vogels, Hauptdarsteller im Film
Interview von Finn Vogels, Hauptdarsteller im Film „Superkräfte im Kopf“ mit KiJuKU-heinz

KiJuKU: Ab wann warst du dann bei der Casting-Agentur?
Finn: Dort hab ich mit neuen Jahren begonnen. Dann hat es ungefähr ein Jahr gedauert und dann kam eine Anfrage nach der anderen.

KiJuKU: Spielst du lieber Theater, wo das Publikum gleich direkt reagieren kann und eine Geschichte im Ganzen gespielt wird oder lieber im Film, wo immer nur zerhackt einzelne Szenen gedreht werden und die Leute erst im Kino oder bei der Ausstrahlung reagieren können und du ja meistens nicht dabei bist?
Finn: Ich finde beides gut, aber Film mag ich jetzt lieber, weil ich das auch schon öfter gemacht habe.

KiJuKU: Ist das etwas, das du später auch beruflich machen willst?
Finn: Ja, jedenfalls – was nicht übersetzt werden musste, weil er dabei voll strahlend gelächelt hat.

KiJuKU: Du hast im Kino bei dem Q & A mit dem Publikum auf eine Frage geantwortet, deine Superkraft ist, dass du immer weißt wo alle aus der Familie was hingegeben haben, wenn sie es suchen, weil du ein fotografisches Gedächtnis hast. Heißt das, dass du dir auch in der Schule urleicht tust, weil du dir alles gleich aufs Erste merkst?
Finn: Ja, das gilt auch für die Texte aus dem Drehbuch, die ich lernen muss.

Interview von Finn Vogels, Hauptdarsteller im Film
Interview von Finn Vogels, Hauptdarsteller im Film „Superkräfte im Kopf“ mit KiJuKU-heinz

KiJuKU: Gibt es die eine oder andere Superkraft, die du nicht hast, aber gerne hättest?
Finn: Ich will fliegen, das ist für mich Freiheit, also nicht mit dem Flugzeug, sondern abheben wie ein Vogel.

KiJuKU: Was machst du am liebsten in deiner Freizeit, außer Schauspielen?
Finn: Ich dreh selber gern Filme und spiele gern mit Lego.

KiJuKU: Welche Art von Filmen drehst du dann, eher Fantasiegeschichten oder reale aus dem Leben gegriffene Szenen und gemeinsam mit Freund:innen oder allein?
Finn: Ich mach gern Musicals mit meinen Freunden, das sind dann immer Fantasiegeschichten, aber natürlich nicht mit special effects.

KiJuKU: Das heißt, singst du gerne, oder spielst du Instrumente?
Finn: Ich spiele kein Instrument, aber ich besuche eine Musical-Schule wo Gesang und Tanz unterrichtet wird.

KiJuKU: Das ist neben der Schule oder hat deine Schule diesen Schwerpunkt?
Finn: Nein, das ist eine Spezialausbildung neben der Schule, die ist einmal in der Woche eher zum Spaß. Daneben hab ich auch Schauspielunterricht und der ist mir noch wichtiger.

KiJuKU: Welche Fächer oder Gegenstände magst du in der regulären Schule sehr und gibt es auch welche, die du weniger schätzt?
Finn: Mathematik find ich nicht so nett, Geografie und darstellendes Spiel mag ich sehr.

Interview von Finn Vogels, Hauptdarsteller im Film
Interview von Finn Vogels, Hauptdarsteller im Film „Superkräfte im Kopf“ mit KiJuKU-heinz

KiJuKU: Das heißt, ihr habt auch in der regulären Schule Theater und Schauspiel, in Österreich gibt es das nur in ganz, ganz wenigen Schulen?
Finn: Bei uns in den Niederlanden gibt es das in vielen Schulen, aber in meiner Schule ist es doch auch besonders, weil man da sogar in Schauspiel maturieren kann.

KiJuKU: In den Hintergrundinformationen zum Film hab ich gelesen, dass der auf der Basis eines Coaching-Buches („Dein Kopf, der Superheld – Wecke die 15 Superkräfte in dir“ von Wouter de Jong) für Kinder entstanden ist, kanntest du dieses Buch schon oder hast es, als du für den Film ausgesucht wurdest zur Vorbereitung gelesen?
Finn: ich kannte es zuerst nicht, aber für das Casting hab ich es mir gekauft und gelesen.

KiJuKU: Gibt es aus dem Buch oder aus dem Film Tipps, die du für dich und dein Leben mitgenommen hast?
Finn: Aus dem Buch nicht, aber aus dem Film hab ich diese sehr positive Lebenseinstellung von Ravi, dem Freund von Lev, mitgenommen.

Interview von Finn Vogels, Hauptdarsteller im Film
Interview von Finn Vogels, Hauptdarsteller im Film „Superkräfte im Kopf“ mit KiJuKU-heinz

KiJuKU: Hast du somit mehr von der Figur es Ravi Ravi (gespielt von Mex Vrolijks, was übrigens übersetzt aus dem Niederländischen Glücklich bedeutet) mitgenommen als von der, die du gespielt hast?
Finn: Natürlich hab ich vom Charakter des Lev, den ich spiele und mich in ihn hineinverestzt habe, auch viel mitgenommen.

Finn Vogels demonstriert im leeren Kinosaal wie er sich im Film für den
Finn Vogels demonstriert im leeren Kinosaal wie er sich im Film für den „Sturz“ auf den Boden gelegt hat

KiJuKU: Hat diese Rolle des Lev, der ja humpelt, deine Sicht auf Kinder oder generell Menschen mit einer Behinderung verändert?
Finn: Da hat sich sicher was verändert, davor hatte ich nicht viel Kontakt mit Menschen mit Behinderung und sie höchstens da oder dort gesehen und den Gedanken, okay, die oder der ist irgendwie anders. Aber durch diese genaue Beschäftigung mit dieser Figur ist mir jetzt klar, dass der Charakter ja nicht davon abhängig ist, ob jemand eine Behinderung hat oder nicht.

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Video von den Publikumsfragen und Finn Vogels Antworten – übersetzt von Anna Hofmann – im Gartenbaukino ganz unten am Ende nach den Links zu anderen Beiträgen über das 37. internationale Kinderfilmfestival in Wien.

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Mehr Informationen
Szenenfoto aus dem Kinofilm "Superkräfte im Kopf"

Heldenhaft in Gedanken – und dann auch in der Wirklichkeit

Entsprechend dem Filmtitel „Superkräfte im Kopf“ startet dieser 1½-stündige Kinofilm in Bildern, die sich die Hauptfigur Lev ausdenkt. Gestärkt durch einen Daumendruck auf seine Stirne vom Superhelden Healix (Jeroen Spitzenberger), rast er über Dächer hin zu einer Mitschülerin, die vom Bösewicht Rotzmann (Dylan Haegens, der übrigens auch Regie geführt hat) in lebensbedrohliche Gefahr gebracht wird.
Schnitt.
Angekommen in der Wirklichkeit, sitzt Lev in einem Treppenlift. Von unten kommt noch dazu die Stimme der Eltern (Elise Chaap und Bas Hoeflaak), er dürfe nicht vergessen, den Sicherheitsgurt anzulegen.  Lev humpelt dauerhaft nach einer Verletzung seines rechten Beins. Womit er ganz gut klar kommen würde, hätte er nicht super-super-Helikopter-Eltern. Vor allem und jedem wollen sie ihn beschützen, gerade, dass sie ihn nicht in eine Art Taucheranzug stecken wollten.

Szenenfoto aus dem Kinofilm
Szenenfoto aus dem Kinofilm „Superkräfte im Kopf“

Viel Humor

So ernst und einschränkend das wirkt, so amüsant, (selbst-)ironisch und immer wieder für herzhafte Lacher gut ist dieser Film. Allzu viel sei nicht gespoilert, er ist zwar beim internationalen Kinderfilmfestival in Wien schon gelaufen, aber bei der steirischen Ausgabe des Festivals ist er noch in Liezen, Kapfenberg und Graz zu erleben – Link zur Festivalseite in der Info-Box am Ende des Beitrages.

Verraten soll hier aber schon werden, wie sich Lev ausdenkt, er könnte sich Eltern aussuchen, die idealen aber wären zu teuer, die leistbaren … – nun die hat er bekommen 😉

Szenenfoto aus dem Kinofilm
Szenenfoto aus dem Kinofilm „Superkräfte im Kopf“

Coole Oma

Neben den Traumbildern in seinem Kopf rettet ihn im echten Leben aber seine Oma (Joke Tjalsma), die im Beiwagen-Motorrad mitten in die Blumen im Vorgarten des elterlichen Hauses landet und nun hier mit einzieht. Von nun ab, darf er – gegen den Widerstand der Eltern mehr. Das und seine aus den Traumreisen geholten Kräfte, versetzen ihn nach und nach in die Lage mutiger aufzutreten. Gegen Ende traut er sich noch viel mehr als alle anderen: Ohne dass hier vorweggenommen wird wie, überzeugt und begeistert er dadurch, dass er vor einem großen Publikum, das – wie vielleicht auch viele Kinobesucher:innen – ganz anderes erwartet, eher zaghaft und schüchtern, aber zu seinen Gefühlen steht. Und damit viele „ansteckt“…

Szenenfoto aus dem Kinofilm
Lev (im Vordergrund) und sein Superheld Healix

Überzeugender junger Hauptdarsteller

Lev wird verkörpert von Finn Vogels, der überzeugend zwischen den ausgedachten heldenhaften Szenen und jenen, in denen er im wirklichen Leben durch die ständigen Einschränkungen seiner Eltern sehr schüchtern agiert, switcht. In letzteren ist aber immer auch sein innerer, hin und wieder versuchter Widerstand zu spüren. Und großartig auch gegen Ende wie er, der Ober-Schüchterne, mit sich kämpft, bevor er die große Bühne – und dann ganz unerwartet – betritt.

Finn Vogels war am Beginn des – nunmehr bereits 37. Internationalen Kinderfilmfestivals in Wien, Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… durfte ihn interviewen – in einem eigenen Beitrag unten verlinkt.

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Szenenfoto aus dem Kinofilm
Szenenfoto aus dem Kinofilm „Superkräfte im Kopf“ – Bösewicht Rotzman, übrigens vom Rgisseur gespielt



Melissa Sakić im Interview mit KiJuKU-heinz

Je mehr du weißt, umso besser kannst du KI verwenden

Eine kleine Gruppe aus der 7. Klasse des Franziskaner-Gymnasiums in Hall in Tirol präsentierte auf der 46. Interpädagogica in der Messe Wien Erfahrungen und Erkenntnisse, die sie im Umgang bzw. Einsatz von KI (Künstlicher Intelligenz) bisher gewonnen haben: Melissa, Gernot, Philipp, Jakob, noch ein Philipp, Matteo und Sura sowie Lehrerin Ilka.

Melissa Sakić (17) besucht den naturwissenschaftlichen Zweig ihrer Schule und hat gleichzeitig mit dem Gymnasium begonnen, Geige zu spielen. Sie wählte aus den vielen Zusatzangeboten noch Sport, spielt Volleyball und nahm an der Physikolympiade teil. Außerdem belegt sie das Wahlfach Humanbiologie, „weil ich Medizin studieren will“. Und sie ist zweisprachig aufgewachsen – meine Eltern sind aus Bosnien, meine erste Sprache war aber Deutsch, erst dann hab ich Bosnisch gelernt, das ich fließend kann, auch Lesen und Schreiben. Sie gab Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… ein kurzes Interview als sie und ihre Kolleg:innen am Stand der Janusz-Korczak-Gesellschaft an einem kleinen Ballwurf-Spiel teilnahmen.

KiJuKU: Wo und wie verwenden Sie KI?
Melissa Sakić: In vielen Gegenständen, Mathe, Deutsch und mehr und auch in fächerübergreifenden Workshops.

KiJuKU: Lassen Sie dann Hausübungen sozusagen von ChatGPT schreiben?
Melissa Sakić: Nein, wir verwenden sie zum Beispiel in naturwissenschaftlichen Projekten, wenn wir viele Daten von Messungen über die Luft im Klassenzimmer und anderes sammeln, um diese Daten einfacher und schneller verarbeiten und mit Vergleichswerten zu überprüfen. Oft schauen wir auch genauer, um mögliche Fehlerquellen der KI zu finden.

KiJuKU: Und sie selber, wo und wie greifen sie zu KI-Tools?
Melissa Sakić: Ich verwende sie sehr oft, in der Schule aber hauptsächlich als Hilfsmittel. Sie ist oft ganz nützlich, aber du musst wissen, wie du mit ihr umgehst. Copy & Paste bringt nicht mehr Wissen. Je mehr du weißt, umso besser ist es und umso mehr kannst du sie wirklich sinnvoll einsetzen.

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Bilinguale Kinderbücher in vielen Sprachen, immer kombiniert mit Deutsch

Analoge und digitale Werkzeuge, Materialien und Wissen für Kindergarten und Schule

Von Schreib- bis Holzwerkzeug, von analog bis digital, von Exkursionszielen bis zu Schulsport- und -Kreativwochen, von Mini- bis zu XXL-Maxi-Ständen… – die Fachmesse für Menschen, die im Bildungsbereich arbeiten, die „Interpädagogica“ und zwar die 46. Ausgabe derselben, findet derzeit in Wien statt. Sie spielt jedes jahr in einem anderen Bundesland.

Hauptsächlich tummeln sich Pädagog:innen in den Gängen zwischen, vor und rund um die 194 Stände in Halle C der Messe Wien. Sie informieren sich über neue(ste) oder altbewährte Lehr- und Lernmaterialien, über Workshop-Angebote, die in Schulen kommen oder extern besucht werden können / müssen. Da finden sich etwa innovative Schulhefte in denen Schreib-Anfänger:innen zunächst für die wichtigsten Elemente- Kreise, schräge Striche usw. leichte Perforierungen auf den Seiten haben, um diese zunächst einmal nur nachzuzeichnen bevor’s ans Buchstabenlernen geht (Lemi Hefte, die übrigens kostengünstiger sind als viele andere Schulhefte). Ein anderes Unternehmen bietet gefühlt Hunderte Motivstempel mit (Tier-)Zeichnungen und Sprüchen wie „fleißig“, „tolle Leistung“, „ganz lieb“, aber auch „nicht aufgeben“ oder „es wird schon“.

Trickfilmstudio

Und dann gibt es natürlich jede Menge digitaler Endgeräte bzw. Werkzeuge – vom Smart Board über einen Laptop mit vergrößerbarem Monitor (OLED-Folie, die eingezogen oder ausgefahren werden kann). Aus Italien stellte ein Unternehmen einen transportablen hölzernen Tische mit integriertem großen Monitor und Scanner für einfache Gestaltung von Trickfilmen (Theatre) vor, der ähnlich funktioniert wie das Lab im Großen im Kindermuseum Zoom im Wiener MuseumsQuartier. 3D-Drucker, unterschiedlichste gute Sitz- und andere Schulmöbel, pädagogische Spiele unterschiedlichster Art – meist in Richtung Kooperation – wo es darum geht, nicht gegen- sondern miteinander ein Ziel zu erreichen, vom gemeinsamen Zeichnen mit Stiften an Schnüren bis zum Bau eines hölzernen Turms durch im Kreis stehende Mitspieler:innen, die diese Holzklötze über Seilzüge heben und aufeinander stellen…

Kinderrechte

Darüber hinaus finden jede Menge Vorträge, Diskussionen, Präsentationen zu unterschiedlichsten Themen statt – von praxisnahen Beispielen für gelingende Frühpädagogik, schulischen Unterricht bis zu Prinzipien wie Demokratie-Erziehung oder Kinderrechte. Die Österreichische Janusz-Korczak Gesellschaft ist mit einem eigenen Stand vertreten. Korczak, Arzt und Pädagoge gilt als „Vater der Kinderrechte“, er hat darüber vor gut 100 Jahren nicht nur geschrieben, sondern sie als Leiter eines Kinderheims durch gleichberechtigte Mitbestimmung der Kinder praktiziert. Und das sogar im Warschauer Ghetto, dem Freiluft-Gefängnis, in das die Nazis einen abgemauerten Teil der polnischen Hauptstadt verwandelt hatten.

Am Eröffnungstag, der auf den Jahrestag des UNO-Generalversammlungsbeschlusses der Kinderrechtskonvention fiel (20. November), hatten übrigens Kinder vor der und im Gang zur Halle C auf lautstark darauf aufmerksam – Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… hat berichtet, unten am Ende dieses Beitrages verlinkt.

Schüler:innen über KI-Erfahrungen

Bei dieser Fachmesse sind Kinder meist höchstens als Begleiter:innen erwachsener Besucher:innen mit dabei, Jugendliche auch eher die Ausnahme. Eine kleine Gruppe von Schüler:innen aus dem Franziskanergymnasium im Tiroler Hall waren nach Wien gereist, um gemeinsam mit ihrer Lehrerin zum Schwerpunkt Künstliche Intelligenz in über ihre Praxis-Erfahrung mit dem Einsatz insbesondere im naturwissenschaftlichen Unterricht zu berichten. Eine der Jugendlichen führte stellvertretend für ihre Kolleg:innen ein Interview mit KiJuKU.at – in einem eigenen Beitrag, ebenfalls unten verlinkt.

Um den Bogen zum Beginn (siehe Überschrift) zu schließen: Mehrsprachigkeit ist sowohl in gedruckten bilingualen Büchern (Wort & Laut) als auch digital – zu rund 200 (Bilder-)Büchern in deutscher Sprache gibt es online – Versionen in 70 Sprachen als Hörbücher, eingesprochen jeweils von echten Menschen deren Erstsprache das ist (Polylino).

Hier – weiter unten – noch rund 100 Fotos mit bildhaften Eindrücken von der Interpädagogica 2025.

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Szenenfoto aus dem Kinofilm "Das geheime Stockwerk"

Kinder-Detektiv-Trio aus zwei verschiedenen Zeiten

„Das geheime Stockwerk“ verspricht nicht nur im Titel Spannung. Der Knapp mehr als 1½-stündig Film hält sogar noch mehr als das. Zum einen beinhaltet er eine kriminalistische Räuber-Suche durch drei Kinder-Detektiv:innen, zum anderen eine Zeitreise. Und was für eine! Samt einfühlsamer, gut nachvollziehbarer Geschichtsstunde auch schon für ein recht junges Publikum.

Karli (12, gespielt von Silas John) zieht mit seinen Eltern in eine mondäne Baustelle, das alte „Grand Hotel Europe“ in den Alpen, das diese renovieren. Einerseits hilft er ein bisschen mit, andererseits geht er auf Entdeckungstour. Und landet mit dem uralten Aufzug plötzlich in einem ganz eigenartigen Stockwerk. Wie in den Fantasy-Geschichten durch ein Portal landet er plötzlich in einem nicht renovierungsbedürftigen, aber aus einer ganz anderen Zeit stammenden Ambiente. Alle starren ihn an, er wirkt ja als Fremdkörper. Sie sind irritiert von seinem kleinen Kästchen, das angeblich telefonieren, fotografieren und Musik spielen kann. Was natürlich nicht funktioniert. Klar gibt’s da keinen Empfang. Und Akku auch leer.

In der beginnenden Nazizeit gelandet

Er ist – das ist schnell klar – in der Zeit, als Österreich nicht mehr eigenständig existierte und Teil des deutschen faschistischen Reichs unter Adolf Hitler war, Hakenkreuzfahnen und die Nazi-Propaganda-Zeitung „Der Stürmer“ rücken ins Bild. Es ist „erst“ der Anfang vom Ende für Millionen Menschen, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden, wenn sie nicht rechtzeitig flüchten konnten, Frühjahr 1938.

Noch wohnt im Hotel auch Hannah Friedländer (dargestellt von Annika Benzin) mit ihrem Vater. Gleichzeitig hetzt aber auch schon ein höchst unangenehmer, unsympathischer Gast, Otto Hartwig (Maximilian Simonischek) gegen diese Juden. Angestachelt vom Vater gehen auch seine beiden Söhne Heinrich (Konstantin Horn) und Hermann (Ben Winkler) immer wieder gegen Hannah vor – und damit auch gegen Karli, der sich mit ihr anfreundet.

Szenenfoto aus dem Kinofilm
Szenenfoto aus dem Kinofilm „Das geheime Stockwerk“

Wandel

Die vielleicht spannendste Figur unter den Kindern, die allesamt im Zentrum des Geschehens dieses Films stehen – weshalb er ja Teil des 37. Internationalen Kinderfilmfestivals in Wien ist: Der Schuhputzer-Junge Georg. Anfangs ist er voll auf Linie seiner Zeit, hetzt gegen Hannah und die Juden im Allgemeinen. Schön langsam kommt er drauf, dass er Vorurteilen aufsitzt, ändert seine Meinung und Haltung und wird zum Dritten in der Detektiv-Crew mit Karli und Hannah. Dieser Georg wird von Max Reinwald gespielt. Er war – mit Regisseur, einigen weiteren Darsteller:innen und Crew-Mitgliedern – bei der Wien-Premiere von „Das geheime Stockwerk“ beim Wiener Kinderfilmfestival. Dort konnte Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… übrigens mit ihm ein Interview führen – unten am Ende des Beitrages verlinkt; ein weiteres Interview mit Ben Winkler, der Hermann Hartwig spielt, ebenfalls verlinkt.

Szenenfoto aus dem Kinofilm
Szenenfoto aus dem Kinofilm „Das geheime Stockwerk“

Nix wird gespoilert

Was und wie sich da auch an Diebstählen, Erkenntnissen der Kinder über den Täter und da wieder eine ganz dramatische Wendung ergibt, und wie da das viel größere Verbrechen mitspielt, sei hier sicher nicht gespoilert (Drehbuch: Antonia Rothe-Liermann und Katrin Milhahn; Regie: Norbert Lechner). Erstens kommt der Film im März des nächsten Jahres (2026) regulär in österreichische Kinos. Und zweitens könnte es ja sein, dass dieser Film einen der Preise des Festivals – einen von der Kinderjury, einen vom Publikum, einen der neuen erwachsenen Fachjury – bekommt. Und dann würde er eine Woche nach dem Festival (bis 23. November, also am 30. November) noch einmal gezeigt werden.

Einige Preise hat „Das geheime Stockwerk“ schon bekommen, unter anderem den „Children‘s Jury Main Award“ des großen internationalen Kinderfilmfestivals im tschechischen Zlín und den der Kinderjury beim Festival „Goldener Spatz“ (Gera und Erfurt, Deutschland) für den besten Film (Fiktion-Langfilm) und für den besten Darsteller Maximilian Reinwald.

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Szenenfoto aus dem Kinofilm "Das geheime Stockwerk"

Diese Rolle find ich voll cool

Max Reinwald (14) spielt Georg, einen Buben, der im Hotel – in jenem „geheimen Stockwerk“, das 1938 am Beginn der Nazizeit in Österreich spielt, einen jungen Schuhputzer spielt, der noch dazu eines Diebstahls bezichtigt wird, anfangs gegen Jüdinnen und Juden hetzt, sich dann mit Hannah und Karli – der ist aus der Gegenwart in einer Zeitreise hier gelandet – anfreundet und als Detektiv-Trio den wahren Dieb sucht – und der einen Wandel in seiner Sichtweise durchmacht.

KiJuKU: Auch für dich war das nicht der erste Film?
Max Reinwald: Mein erster Film war „Der Fuchs“ von Adrian Goiginger, beim Dreh war ich da noch unter zehn Jahren, dann hab ich noch in zwei Kurzfilmen mitgespielt.

KiJuKU-Interview mit Max Reinwald
KiJuKU-Interview mit Max Reinwald

KiJuKU: Wie kamst du zum „geheimen Stockwerk“?
Max Reinwald: Meine Mama hat auf Facebook gesehen, dass für diesen Film ein Bub gesucht wird, ein Lehrer hat mich auch darauf angesprochen, dann hab ich mich mit einem Video beworben, war beim Casting, dem Recall, da hab ich dann auch schon Silas John (spielt den Karli) und Annika Benzin (Rolle des jüdischen Mädchens Hannah) kennengelernt.

KiJuKU: Warst du mit der Rolle des Georg zufrieden?
Max Reinwald: Als ich genommen worden bin und das Drehbuch gelesen hab, fand ich diese Rolle voll cooool.

KiJuKU: Wusstest du schon vor dem Film einiges über diese schreckliche Zeit?
Max Reinwald: Ich hab mich schon davor ein bissl für die Themen der Nazizeit interessiert, aber mit dem Norbert (Regisseur) haben wir uns einen Film dazu angeschaut und bei Proben am Starenberger See einiges darüber geredete.

KiJuKU: Wie ist es dann als Georg zuerst so gegen die Jüdinnen und Juden hetzen zu müssen, noch dazu auch gegen Kinder wie Hannah?
Max Reinwald: Das ist ja nur die Rolle als Schauspieler. Und Georg sieht das ja dann auch ein, dass eben die Juden nicht lügen und böse sind.

KiJuKU: Schuhe hast du schon vorher zu Hause auch geputzt, oder erst im Film?
Max Reinwald: Mein Opa hat ein richtiges Schuhputzzeug gehabt, aber mit dem Norbert haben wir dann in München einen richtigen Schuhputzkurs für diese Szenen gemacht.

KiJuKU: Georg wird dann ja zum Tellerwaschen strafversetzt, machst du das zu Hause auch?
Max Reinwald: Wir haben eine Jugendherberge, da gibt’s viel Gschirr zum Waschn.

KiJuKU? Aber wahrscheinlich auch einen Geschirrspüler?
Max Reinwald: Schon, aber die Speisereste müssen vorher mit der Hand weggespült werden.

KiJuKU-Interview mit Max Reinwald
KiJuKU-Interview mit Max Reinwald

KiJuKU: Willst du Schauspielen zu deinem Beruf machen?
Max Reinwald: Naja, zuerst geh ich in eine landwirtschaftliche Fachschule in Bruck an der Glocknerstraße und danach möchte ich eine Lehre als Landmaschinentechniker machen. Mit dem Schauspielen, das lass ich auf mich zukommen, ist für mich aber eher ein Hobby und macht Spaß.

KiJuKU: Was magst du in der Schule und was eher nicht so besonders?
Max Reinwald: Mathe gefällt mir recht gut, auch wenn ich da nicht der Beste bin. Die anderen Hauptfächer sind auch nicht so schlecht, eigentlich find ich eh alles ganz gut. Naja, Fit for Life mag ich nicht so, da haben wir zwei Stunden, wo wir nur reden über alles mögliche und das find ich langweilig.

KiJuKU: Aber du machst ja – auf der Bühne und jetzt nicht den Eindruck, dass du ungern redest?
Max Reinwald: Ich red eh sehr gern, aber nix Langweiliges und ich mach noch lieber was Handfestes.

KiJuKU: Deine liebsten Freizeitbeschäftigungen sind?
Max Reinwald: Ich geh gern im Winter Skifahren und im Sommer geh ich gern Fischen, früher mit meinem Opa, aber der ist heuer leider gestorben, jetzt mach ich das mit seinem Neffen. Und mit dem geh ich auch Jagern.

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Szenenfoto aus dem Kinofilm "Das geheime Stockwerk": Ben Winkler als Hermann Hartwig (unten) und sein "Filmbruder" Heinrich, gespielt von Konstantin Horn

Interessant, ganz andere Menschen zu spielen

In „Das geheime Stockwerk“ spielen – natürlich wie bei allen Filmen dieses zum 37. Mal stattfindenden internationalen Festivals – Kinder die zentralen Rollen. Zwei junge Darsteller waren auch bei der Premiere am zweiten Tag des Kinderfilmfestivals in Wien im Cinemagic, dem wienXtra Kinder- und Jugendkino in der Urania anwesend, vor allem sie wurden vom Publikum befragt. Danach durfte auch Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… Ben Winkler (9) und Max Reinwald (14) interviewen; hier zunächst das mit Ben Winkler, das Interview mit Max Reinwald ist am Ende verlinkt.

Ben Winkler spielt Hermann, einen der beiden Söhne des autoritären, oft Watschen austeilenden Vaters, eines unbedingten Anhängers von Adolf Hitler. Er ist trotz seiner erst neun Jahre schon ein einigermaßen erfahrener junger Filmschauspieler.

KiJuKU: „Das geheime Stockwerk“ ist nicht dein erster Film, wann hast du mit Drehs begonnen?
Ben Winkler: Mein erster Film war „Macht der Kränkung“, da war ich vier Jahre.

KiJuKU-Interview mit Ben Winkler
KiJuKU-Interview mit Ben Winkler

KiJuKU: Wie kamst du so jung zum Film?
Ben Winkler: Mein Bruder Jan hat schon Theater gespielt, kam zu einer neuen Agentur, um Fotos zu machen. Dort bin ich dann gefragt worden, ob sie von mir auch Fotos machen sollen. Meine Mama hat „Nein“ gesagt, aber ich habe sie angefleht, ich wollte so sein wie mein großer Bruder. Und so hat das angefangen.

KiJuKU: In diesem Film spielst du den Hermann, einen der beiden Brüder in Lederhosen, die gegen Jüdinnen und Juden hetzen. Wie ist es, so jemanden zu spielen?
Ben Winkler: Im Film müssen eben alle Rollen besetzt werden. Auch schon in dieser kurzen Lederhose hab ich mich nicht wohlgefühlt. Aber das Interessante ist, dass du beim Film – auch im Theater – in andere Rollen schlüpfst, einen anderen Menschen spielst als du selbst bist.

KiJuKU: Hast du schon vor dem Film etwas darüber gewusst, wie die Nazis gegen Menschen wie Jüdinnen und Juden hetzten, sie verfolgten, umgebracht haben…?
Ben Winkler: Nein, ich hab das erst mit der Arbeit bei diesem Film gelernt, der Regisseur hat mit uns einen Film dazu angeschaut.

Anmerkung der Redaktion: Regisseur Norbert Lechner hatte zuvor im Publikumsgespräch auch erwähnt, dass er eine überlebende Zeitzeugin eingeladen hatte, um mit dem Team über die Zeit zu sprechen.

KiJuKU-Interview mit Ben Winkler
KiJuKU-Interview mit Ben Winkler

KiJuKU: Spielst du im echten Leben auch manches Mal Theater?
Ben Winkler: Beim Fußballspielen kann ich gut Schwalben machen.

KiJuKU: Spielst du in einem Verein?
Ben Winkler: Ja, im Tor bei Wimpassing und Eishockey spiel ich auch im Verein.

KiJuKU-Interview mit Ben Winkler
KiJuKU-Interview mit Ben Winkler

KiJuKU: Wowh, geht sich das alles neben der Schule aus?
Ben Winkler: Die Schule ist immer das Wichtigste. Ich bin sogar schon ein oder zwei Mal zu spät zum Training gekommen, weil ich zuerst immer meine Hausübungen fertig mache; außer wenn noch eine Leseübung offen ist, die kann ich auch nach dem Training machen.

KiJuKU: Was magst du in der Schule am liebsten?
Ben Winkler: Turnen und Werken, Zeichnen hasse ich, das mag ich aber auch so nicht; manches Mal hab ich Phasen wo ich gern was anmale.

KiJuKU: Soll Schauspiel später dein Beruf werden?
Ben Winkler: Jaaaaa!

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Kinderfreundegruppen aus der Leopoldstadt, dem 2. Wiener Bezirk, machten vor der Interädagogica aufmerksam auf den "Geburtstag" der Kinderrechtskonvention

Kinder machten lautstark auf Kinderrechte aufmerksam

„1, 2, 3, 4 – Kinderrechte wollen wir, 5, 6, 7, 8 – das wird heute klar gemacht!“ Immer wieder riefen einige Dutzend Kinder diesen Sprechchor – vor und im Zugang zu einer der Messehallen Wien. Drinnen startete die Interpädagogica, („Bildungsfachmesse für Lehrmittel, Ausstattung, Kultur und Sport – von der Kleinkindpädagogik bis hin zum kreativen, lebensbegleitenden Lernen“, Selbstzeichnung). Und zufällig fiel der Start der 46. Ausgabe dieser Messe in diesem Jahr auf den internationalen Tag der Kinderrechte, die eben an einem 20. November – und zwar im Jahr 1989 – von der UNO-Generalversammlung nach jahrzehntelangen Debatten in einer eigenen Konvention beschlossen worden sind.

Noch viel zu tun

Kinder aller fünf Kindergärten der Wiener Kinderfreunde im 2. Bezirk – wo auch die Messe Wien ihre Hallen beim Prater hat – hatten Plakate gezeichnet und geschrieben – mit Bildern zu jenem Recht, das ihnen jeweils am wichtigsten ist – vom gesunden Essen über eine ebensolche Umwelt bis hin dazu, dass kein Kind illegal ist. Den Sprechchören der Kinder folgten auch Lieder, unter anderem das allbekannte „Happy Birthday“ – eben für die Kinderrechtskonvention, immerhin schon 36 Jahre „alt“. In Österreich sind sie rund drei Jahre später als Bundesgesetz in Kraft getreten, 2011 – nach langjährigen Forderungen – wurden einige davon in den Rang von Verfassungsgesetzen erhoben, leider nicht die gesamte Konvention. Bis heute ist übrigens das im selben Jahr beschlossene „3. Zusatzprotokoll“, das Kinder eine Individualbeschwerde bei Verletzung von Kinderrechten einräumt, von Österreich nicht ratifiziert, also rechtlich anerkannt, worden.

Kinderfreundegruppen aus der Leopoldstadt, dem 2. Wiener Bezirk, machten vor der Interädagogica aufmerksam auf den
Eines der vielen von Kindern gemalten Plakate

Die Kinder der Donnerstag-Aktion kamen aus den Kinderfreunde-Kindergärten in der der Ausstellungsstraße, Rotensterngasse, Vorgartenstraße sowie den beiden ÖBB-betriebsnahen Kindergärten mit MINT-Schwerpunkt Lasallestraße und Praterstraße; sie alle sind in ihrem letzten Jahr bevor sie im Herbst in die Schule wechseln.

Endlich lückenlos!

Zum Tag der Kinderrechte forderte die Bundesorganisation der Österreichischen Kinderfreunde „entschlossene Maßnahmen, damit Kinderrechte in Österreich endlich lückenlos gelten – in jeder Gemeinde, in jeder Einrichtung und für jedes Kind“ gelten. Deren Budnesvorsitzender Jürgen Czernohorszky, Stadtrat in der Wiener Landesregierung, meinte in einer Aussendung: „Es darf auf keinen Fall passieren, dass Kinder die Leidtragenden von aktuellen Kürzungen werden.“

Außerdem verlangte er, dass „jede Organisation, die mit Kindern arbeitet, verbindliche und geprüfte Kinderschutzkonzepte“ brauche samt „regelmäßigen Schulungen für alle Beteiligten und externe Qualitätskontrollen“.

Inklusive Bildung statt Sonderschulen

„Bildungseinrichtungen müssen so aufgestellt sein, dass alle Kinder gemeinsam lernen können“, sagt Daniela Gruber-Pruner, Bundesgeschäftsführerin der Kinderfreunde. „Das heißt: multiprofessionelle Teams, ausreichende Ressourcen, Barrierefreiheit und Unterstützung dort, wo Kinder sie brauchen.“

Kinderfreundegruppen aus der Leopoldstadt, dem 2. Wiener Bezirk, machten vor der Interädagogica aufmerksam auf den
Eines der vielen von Kindern gemalten Plakate

Zu diesem Tham hatte der Unabhängige Monitoringausschuss schon am Tag davor „auf strukturelle Barrieren aufmerksam (gemacht), mit denen Kinder und Jugendliche mit Behinderungen in Österreich beim Aufwachsen konfrontiert sind. Als Basis dienen die Erfahrungen, die Menschen mit Behinderungen bei der diesjährigen Öffentlichen Sitzung 2025 des Unabhängigen Monitoringausschuss zum Thema „Aufwachsen mit Behinderungen“ geteilt haben. Die ersten Ergebnisse zeigen: Viele zentrale Rechte der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) bleiben noch immer unbeachtet.“

Barrierefreiheit fehlt oft

„Kinder und Jugendliche erfahren Ausgrenzung, Vorurteile und Gewalt, insbesondere in Schule und Freizeit. Lehr- und Betreuungspersonen greifen oft nicht ein, Sensibilität für Behinderung und spezifische Gewaltformen fehlt häufig. Ärzt*innen nehmen Beschwerden und Fragen oft nicht ernst, Erklärungen in Leichter Sprache fehlen…

Freizeitangebote sind oft nicht barrierefrei. Persönliche Assistenz fehlt, sodass Kinder stark von Eltern oder Geschwistern abhängig sind. Das erschwert Teilhabe und soziale Kontakte. Kinder und Jugendliche werden in wichtigen Entscheidungen zu Wohnen, Bildung oder Politik oft nicht einbezogen, ihre Interessen bleiben ungehört. Fehlende Unterstützungsstrukturen verhindern, dass sie selbstbestimmt handeln können.

Daniela Rammel vom Vorsitzteam dieses Monitoring-Ausschusses: „Kinder mit Behinderungen sind Trägerinnen und Träger von Rechten. Ihre Rechte dürfen nicht vom Wohlwollen, Wohnort, oder von familiären Ressourcen abhängen.“

Kinderfreundegruppen aus der Leopoldstadt, dem 2. Wiener Bezirk, machten vor der Interädagogica aufmerksam auf den
Eines der vielen von Kindern gemalten Plakate

Alle Therapien und Gesundheitsleistungen für alle Kinder

„Der Zugang zu medizinischer und therapeutischer Versorgung darf nicht vom Einkommen oder der Postleitzahl abhängen“, so Gruber-Pruner von den Kinderfreunden. „Wir brauchen österreichweit genügend Kassenplätze, kurze Wartezeiten und einen kräftigen Ausbau der Kinder- und Jugendgesundheit – von der Primärversorgung bis zur Psychiatrie.“

Gratis, ganztags, ganzjährig für jedes Kind

„Frühkindliche Bildung ist ein Recht – kein Luxus“, unterstreicht Czernohorszky. „Kostenfrei, ganztägig, ganzjährig und mit bester pädagogischer Qualität ausgestattet: mit kleinen Gruppen, gutem Betreuungsschlüssel und Öffnungszeiten, die Familien wirklich nützen.“

Kindergrundsicherung

„Die Zahlen zeigen ganz deutlich – wir brauchen die Kindergrundsicherung. Jedes Kind, das in Armut leben muss, erlebt Tag für Tag die Verletzung seiner Rechte. Kinderarmut gehört in die Geschichtsbücher – nicht in den Alltag von Kindern“, fordert Gruber-Pruner.

„Kinderrechte stehen nicht nur in der Verfassung, sie sind auch unser aller Verpflichtung“, ziehen die Kinderfreunde Bilanz. „36 Jahre nach der Beschlussfassung der Kinderrechte gilt es endlich, alle Kinderrechte für alle Kinder zum Leben zu erwecken.“

Kinderfreundegruppen aus der Leopoldstadt, dem 2. Wiener Bezirk, machten vor der Interädagogica aufmerksam auf den
Eines der vielen von Kindern gemalten Plakate

Spardruck gefährdet Kinderrechte

Den Kinderrechte-Geburtstag nahmen auch das Netzwerk Kinderrechte Österreich (das fast fünf Dutzend Organisationen vertritt) und Ökobüro zum Anlass, die konsequente Umsetzung dieser doch schon fast vier Jahrzehnte verankerten Rechte für Menschen bis 18 zu verlangen.

„Gerade in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten ist es essenziell, die Expertise zivilgesellschaftlicher Organisationen einzubeziehen, um langfristige Folgeschäden durch Sparpakete zu vermeiden. Organisationen, die täglich mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, erkennen die Auswirkungen politischer Entscheidungen frühzeitig – vorausgesetzt, sie verfügen über ausreichende Ressourcen und stabile Rahmenbedingungen. Gleichzeitig bestehen weiterhin Mängel im Bildungs- und Sozialbereich: Der Bildungserfolg hängt stark vom Elternhaus ab, Kinder mit Behinderung haben vielerorts keinen gleichberechtigten Zugang, und jedes fünfte Kind lebt in Armut – mit gravierenden Folgen für Gesundheit, Teilhabe und Zukunftschancen“, heißt es in einer Stellungnahme vom Netzwerk und Ökobüro.

Klimakrise verschärft soziale Ungleichheiten

Diese bestehenden sozialen Ungleichheiten werden durch die Klimakrise weiter verschärft. Sie bedroht eine Vielzahl von Kinderrechten unmittelbar: das Recht auf Gesundheit, auf Schutz vor Gefahren, auf eine sichere Lebensumwelt und auf faire Zukunftsperspektiven. Der UN-Kinderrechtsausschuss hat in seinem Allgemeinen Kommentar Nr. 26 unmissverständlich festgehalten, dass Vertragsstaaten verpflichtet sind, die Lebensgrundlagen heutiger und zukünftiger Generationen zu schützen. Fehlender Rechtsschutz und mangelnde Beteiligung von Kindern

„Obwohl der österreichische Staat zur Wahrung des Kindeswohls verpflichtet ist, reichen die aktuellen Klimaschutzmaßnahmen nicht aus, um diesem Anspruch gerecht zu werden“, sagt Gerlinde Schörghofer, Umweltjuristin bei Ökobüro. „Zahlreiche Klimaschutzprogramme wurden zuletzt zurückgefahren – mit direkten Folgen für junge Menschen.“

Hohe Rechtshürden

Auch der Zugang zu Gerichten ist für Kinder faktisch kaum möglich: „Trotz verfassungsmäßiger Schutzrechte setzt der Verfassungsgerichtshof die Zulässigkeitshürden so hoch an, dass Kinder ihre Rechte kaum wirksam geltend machen können.“ Ebenso werde ihr Recht auf Beteiligung in politischen Prozessen vielfach nicht umgesetzt. „Einsparungen zu Lasten der jungen Generation schwächen jene Strukturen, die notwendig wären, um Beteiligung als demokratischen Standard zu verankern.“

Kinderfreundegruppen aus der Leopoldstadt, dem 2. Wiener Bezirk, machten vor der Interädagogica aufmerksam auf den
Kinderfreundegruppen aus der Leopoldstadt, dem 2. Wiener Bezirk, machten vor der Interädagogica aufmerksam auf den „Geburtstag“ der Kinderrechtskonvention

Kinderrechte verbindlich berücksichtigen

„Kinderrechte dürfen nicht als optionale Luxusidee verstanden werden. Sie müssen in allen Gesetzen, Sparmaßnahmen und politischen Entscheidungen auf Bundes-, Landes- und Gemeindeebene verbindlich berücksichtigt werden. Es braucht sichtbaren politischen Willen – das ganze Jahr über, nicht nur am Tag der Kinderrechte.

Denn wer bei Kinderrechten spart, spart letztlich dort, wo die Grundlagen einer gerechten und zukunftsfähigen Gesellschaft entstehen“, so das Netzwerk Kinderrechte und das Ökobüro.

Kinder- und Jugendhilfe soll zum Bund

Der Dachverband der Österreichischen Kinder- und Jugendeinrichtungen (DÖJ) sowie die Volksanwaltschaft kritisierten am Tag vor dem Kinderrechte-Geburtstagh in Aussendungen wieder die seit 2019 zu den Bundesländern verschobene Kompetenz in der Kinder- und Jugendhilfe. Das führe zu großen regionalen Unterschieden, etwa bei Unterstützungsleistungen, bei Personalschlüsseln und Gruppengrößen in den Kinder- und Jugend-WGs und bei den Ausbildungsanforderungen an das Personal, kritisierte Volksanwalt Bernhard Achitz.

Kinderfreundegruppen aus der Leopoldstadt, dem 2. Wiener Bezirk, machten vor der Interädagogica aufmerksam auf den
Kinderfreundegruppen aus der Leopoldstadt, dem 2. Wiener Bezirk, machten vor der Interädagogica aufmerksam auf den „Geburtstag“ der Kinderrechtskonvention

Auch anderer Einrichtungen, wie FICE-Austria, Netzwerk Kinderrechte, die Kinder- und Jugendanwaltschaften und die Bundesjugendvertretung würden sich für eine österreichweite und qualitätsgesicherte Kinder- und Jugendhilfe einsetzen, betonte DÖJ-Obmann Gerald Herowitsch-Trinkl und richtete seinen Appell besonders an Familienministerin Claudia Plakolm (ÖVP).

Volksanwalt Achitz forderte auch die verpflichtende Einführung der Qualitätsstandards für die außerfamiliäre Erziehung von FICE, der internationalen Organisation für erzieherische Hilfe. Laut der aktuellen Kinder- und Jugendhilfestatistik waren im vergangenen Jahr 13.050 Kinder und Jugendliche in sogenannter „voller Erziehung“ fremduntergebracht. Um diese möglichst zu vermeiden und Minderjährigen den Verbleib in den Familien zu ermöglichen, forderte die Volksanwaltschaft zudem den Ausbau ambulanter Hilfen.

Die Situation in der Fremdunterbringung sei hingegen prekär, kritisierte das Österreichische Hilfswerk. Es komme zu langen Wartezeiten und überfüllten Einrichtungen. Das Hilfswerk warnte vor Sparmaßnahmen in der Kinder- und Jugendhilfe. Aufgrund fehlender finanzieller Ressourcen käme es immer wieder zu Fällen der Kindeswohlgefährdung.

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Netzwerk Kinderrechte

kinderrechte.gv.at

Derara (links) und sein Bruder (rechts) treiben die Ziege, die ihre Eltern kürzlich gekauft haben, zum Grasen hinaus.

1, 2, 3, 4, X – jedes fünfte Kind leidet an Entbehrungen von Lebenswichtigem

 1, 2, 3, 4, X, 6, 7, 8, 9, X, 11, 12, 13, 14, X – so wie hier an jeder fünften Stelle ein X steht, so ist jedes fünfte Kind in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen in mindestens zwei lebenswichtigen Bereichen die für Gesundheit, Entwicklung und Wohlbefinden entscheidend sind, stark benachteiligt. Und das sind immerhin rund 417 Millionen Kinder – also fast so viele wie Menschen in der gesamten EU leben (450 Millionen). Diese Zahlen gab die Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen zum Kinderrechtetag (20. November, Jahrestag des UNO-Beschlusses über die Kinderrechtskonvention, 1989) bekannt.

„The State of the World’s Children 2025: Ending Child Poverty – Our Shared Imperative“ (Die Lage der Kinder in der Welt 2025: Kinderarmut beenden – Unsere gemeinsame Aufgabe) wie dieser Bericht offiziell heißt, stützt sich auf Daten aus mehr als 130 Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen, um das Ausmaß multidimensionaler Armut zu bewerten. Gemessen wird sie anhand von sechs Kategorien: Bildung, Gesundheit, Wohnen, Ernährung, sanitäre Versorgung und Wasser. Die Analyse zeigt, dass 118 Millionen Kinder drei oder mehr Deprivationen (Entbehrungen) erleben und 17 Millionen vier oder mehr (Anm.: Die Daten stammen aus dem Jahr 2023).

Sylvia und Zhyumbyula gehören zu den 3600 Kindern und 2800 Eltern, die von mobilen Teams in sieben Gemeinden im Rahmen des dreijährigen Pilotprojekts zur Erprobung der „Europäischen Kindergarantie“ in Bulgarien von UNICEF unterstützt wurden.
Sylvia gehört zu den 3600 Kindern und 2800 Eltern, die von mobilen Teams in sieben Gemeinden im Rahmen des dreijährigen Pilotprojekts zur Erprobung der „Europäischen Kindergarantie“ in Bulgarien von UNICEF unterstützt wurden.

„Kinder, die in Armut aufwachsen und denen grundlegende Dinge wie gute Ernährung, angemessene sanitäre Versorgung und eine sichere Unterkunft fehlen, sind verheerenden Folgen für ihre Gesundheit und Entwicklung ausgesetzt“, sagte UNICEF-Exekutivdirektorin Catherine Russell. „Es muss nicht so sein. Wenn Regierungen sich dazu verpflichten, Kinderarmut durch wirksame politische Maßnahmen zu beenden, eröffnen sie Kindern eine Welt voller Möglichkeiten.“

Hohe multidimensionale Armut in Subsahara-Afrika und Südasien

Die höchsten Raten multidimensionaler Armut bei Kindern konzentrieren sich auf Subsahara-Afrika und Südasien. In Tschad beispielsweise erleben 64 % der Kinder zwei oder mehr schwere Deprivationen, und knapp 25 % sind drei oder mehr ausgesetzt.

Sanitäre Versorgung ist der am weitesten verbreitete schwere Mangel: 65 % der Kinder in Ländern mit niedrigem Einkommen haben keinen Zugang zu einer Toilette, 26 % in Ländern mit unterem mittleren Einkommen und 11 % in Ländern mit oberem mittleren Einkommen. Ein Mangel an angemessener sanitärer Versorgung erhöht die Gefahr, dass Kinder Krankheiten ausgesetzt sind.

Fortschritte bleiben stecken

Der Anteil der Kinder, die in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen mindestens eine schwere Deprivation erfahren, sank zwischen 2013 und 2023 von 51 auf 41 %, größtenteils dank der Priorisierung von Kinderrechten in nationalen Politiken und wirtschaftlicher Planung. Doch der Fortschritt stockt. Konflikte, Klima- und Umweltkrisen, demografische Veränderungen, steigende nationale Schulden und wachsende technologische Ungleichheiten verschärfen die Armut. Gleichzeitig drohen beispiellose Kürzungen der öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit (Official Development Assistance, ODA) die Deprivation von Kindern in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen zu vertiefen.

Am 13. August 2025 fährt die 17-jährige Antini Mahepa mit ihrem Fahrrad zu einem nahegelegenen See, um Wasser für ihre Familie im Dorf Malagalasi im Distrikt Uvinza der Region Kigoma in Tansania zu holen.
Am 13. August 2025 fährt die 17-jährige Antini Mahepa mit ihrem Fahrrad zu einem nahegelegenen See, um Wasser für ihre Familie im Dorf Malagalasi im Distrikt Uvinza der Region Kigoma in Tansania zu holen.

Dennoch ist Fortschritt möglich. Tansania etwa erzielte zwischen 2000 und 2023 eine Reduzierung der multidimensionalen Kinderarmut um 46 %, teilweise dank staatlicher Zuschüsse, die armen Haushalten finanzielle Entscheidungsspielräume eröffneten. In Bangladesch sank die Kinderarmut im gleichen Zeitraum um 32 %, dank staatlicher Initiativen, die den Zugang zu Bildung und Elektrizität ausweiteten, die Wohnqualität verbesserten und in Wasser- und Sanitärversorgung investierten. Offene Defäkation wurde so von 17 % im Jahr 2000 auf null Prozent im Jahr 2022 reduziert.

Armut beeinträchtigt das Leben von Kindern

Armut beeinträchtigt die Gesundheit, Entwicklung und das Lernen von Kindern – mit Folgen wie schlechteren Berufsaussichten, kürzerer Lebenserwartung sowie erhöhten Raten von Depressionen und Angststörungen. Der Bericht betont, dass besonders junge Kinder, Kinder mit Behinderungen und Kinder in Krisenkontexten gefährdet sind.

Am 16. September 2025 fährt die 10-jährige Ompfuna Nkhumeleni in Südafrika mit ihrem Plastikmotorrad am verschmutzten Juskei-Fluss entlang.
Am 16. September 2025 fährt die 10-jährige Ompfuna Nkhumeleni in Südafrika mit ihrem Plastikmotorrad am verschmutzten Juskei-Fluss entlang.

Ein Fünftel hat weniger als 2,50 €

Der Bericht untersucht auch monetäre Armut, die den Zugang zu Nahrung, Bildung und Gesundheitsdiensten weiter einschränkt. Laut aktuellen Daten leben mehr als 19 % der Kinder weltweit in extremer monetärer Armut, das heißt mit weniger als 3 US-Dollar (2,50 €) pro Tag. Fast 90 % dieser Kinder leben in Subsahara-Afrika und Südasien.

In reichen Ländern: Fast ein Viertel der Kinder in relativer Armut

Der Bericht enthält außerdem eine Analyse von 37 Ländern mit hohem Einkommen. Rund 50 Millionen Kinder – oder 23 % der Kinderpopulation in diesen Ländern – leben in relativer monetärer Armut. Das bedeutet, dass ihr Haushalt deutlich weniger Einkommen hat, als die meisten anderen im jeweiligen Land, was ihre Fähigkeit einschränken kann, vollständig am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Während die Armut in den 37 Ländern zwischen 2013 und 2023 durchschnittlich um 2,5 % sank, stagnierte oder kehrte sich der Fortschritt in vielen Fällen um. In Frankreich, der Schweiz und dem Vereinigten Königreich stieg die Kinderarmut beispielsweise um mehr als 20 %. Im gleichen Zeitraum senkte Slowenien seine Armutsquote um mehr als ein Viertel, vor allem dank eines starken Familienleistungssystems und Mindestlohnregelungen.

Kinderarmut in Österreich: Fast ein Fünftel

Laut den Daten des Berichts leben 17,9 % der Kinder unterhalb der Armutsgrenze (2023), ein Anstieg von über zehn Prozent seit 2018. Besonders besorgniserregend ist die Tiefe und Dauer der Armut: Kinder in einkommensarmen Haushalten liegen im Schnitt 19,8 % unter dem Schwellenwert, und 10,6 % sind von anhaltender Armut betroffen. Während die realen Einkommen leicht gestiegen sind, hat sich die relative Armut um mehr als 20 % verschärft, was auf wachsende Ungleichheit hinweist. Auch nicht-monetäre Aspekte zeigen Herausforderungen: 4,8 % der Kinder leben in Haushalten mit schwerer materieller Deprivation, 12,9 % der 15-Jährigen haben kein eigenes Zimmer, und 8,8 % der Jugendlichen berichten, mindestens einmal pro Woche nicht gegessen zu haben, weil kein Geld für Essen vorhanden war. Digitale Exklusion ist hingegen kaum ein Problem.

Deutschland: Kinderarmut steigt

„Der Anteil der armutsgefährdeten Kinder ist im vergangenen Jahr gestiegen. Einer aktuellen Erhebung des Statistischen Bundesamts zufolge waren 2,2 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren betroffen – das entspricht einem Anteil von 15,2 Prozent, bezogen auf die Altersgruppe. Ein Jahr zuvor hatte der Anteil erst 14,0 Prozent betragen“, schreibt Spiegel Online vor wenigen Tagen auf der Basis aktueller Zahlen des deutschen Statistischen Bundesamtes.

Raubt Perspektiven

Laut EU-SILC 2024 sind 344.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sowie 666.000 Frauen und 518.000 Männer ab 18 Jahren von Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung betroffen. 23 % aller Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten sind unter 18 Jahre alt. Das Risiko von Kindern und Jugendlichen für Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung beträgt 21 % und liegt damit über dem der Gesamtbevölkerung (16,9 %).

„Kinderarmut bedeutet gesellschaftlichen Ausschluss, raubt Perspektiven und hindert eine gesunde Entwicklung. Sie ist kein Schicksal, sondern eine Aufgabe, die entschlossen angepackt werden muss. Durch die konsequente Umsetzung des Nationalen Aktionsplans Kindergarantie und die Einführung einer Kindergrundsicherung wird die Grundlage für eine Gesellschaft, in der jedes Kind die Chance erhält, sicher und gesund aufzuwachsen, geschaffen“, erklärt UNICEF Österreich Geschäftsführer Christoph Jünger.

Am 25. Juli 2025 umarmt die siebenjährige Sawsan, die 2024 im Libanonkrieg verletzt wurde, Blanche Baz, Kommunikationsbeauftragte von UNICEF, während sie im American University of Beirut Medical Center (AUBMC) im Rahmen des Programms „Assistance & Care for War-Wounded and Affected Children“ (ACWA) in Beirut medizinisch versorgt wird.
Am 25. Juli 2025 umarmt die siebenjährige Sawsan, die 2024 im Libanonkrieg verletzt wurde, Blanche Baz, Kommunikationsbeauftragte von UNICEF, während sie im American University of Beirut Medical Center (AUBMC) im Rahmen des Programms „Assistance & Care for War-Wounded and Affected Children“ (ACWA) in Beirut medizinisch versorgt wird.

Kinderrechte müssen im Mittelpunkt der Armutsbekämpfung stehen

The State of the World’s Children 2025 zeigt, dass die Beendigung der Kinderarmut erreichbar ist, und hebt die Bedeutung hervor, Kinderrechte – wie in der UN-Kinderrechtskonvention festgelegt – in den Mittelpunkt aller staatlichen Strategien, Politiken und Maßnahmen zur Armutsbekämpfung zu stellen, indem:

Hansel posiert am 6. September 2025 in Ayacucho, Peru, mit seinem Papagei Pepe für ein Porträt.
Hansel posiert am 6. September 2025 in Ayacucho, Peru, mit seinem Papagei Pepe für ein Porträt.

Verringerung der Auslandshilfe kann Kinder töten

Der Bericht erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem viele Regierungen weltweit ihre Auslandshilfe zurückfahren. Laut The Lancet könnten Kürzungen bei der Entwicklungszusammenarbeit bis 2030 zum Tod von 4,5 Millionen Kindern unter fünf Jahren führen. Gleichzeitig zeigen aktuelle UNICEF-Schätzungen, dass infolge dieser Kürzungen bis nächstes Jahr sechs Millionen Kinder zusätzlich nicht zur Schule gehen könnten.

„Schon vor der globalen Finanzierungskrise hatten viel zu viele Kinder keinen Zugang zu ihren grundlegenden Bedürfnissen, nun droht sich die Lage deutlich zu verschlimmern“, sagte Russell. „Dies ist nicht der Moment, sich zurückzuziehen. Es ist die Zeit, auf den hart erarbeiteten Fortschritten für Kinder aufzubauen. Regierungen und Unternehmen können dazu beitragen, indem sie Investitionen in zentrale Dienste für Kinder stärken, um sie gesund und geschützt zu halten, und indem sie sicherstellen, dass sie Zugang zu essenziellen Dingen wie guter Ernährung haben – insbesondere in fragilen und humanitären Kontexten. Investitionen in Kinder schaffen eine gesündere und friedlichere Welt – für alle.“

kijuku_heinz

Die 14-Jährige posiert am 31. August 2025 während des Unterrichts im Lernzentrum in Camp 18 für Rohingya-Flüchtlinge in Cox’s Bazar, Bangladesch, für ein Porträt.
Die 14-Jährige posiert am 31. August 2025 während des Unterrichts im Lernzentrum in Camp 18 für Rohingya-Flüchtlinge in Cox’s Bazar, Bangladesch, für ein Porträt.
Aktion von Aktivist:innen für das Mahnmal an den Völkermord an Rom:nja und Sinti:zze auf dem Wiener Schmerlingplatz

Mahnmal für den Völkermord endlich rasch errichten!

„Hier, an einem geschichtsträchtigen Platz im Zentrum Wiens, soll ein sichtbares Zeichen der Erinnerung und Anerkennung entstehen“, sagte der weltberühmte Musiker und Roma-Aktivist Harri Stojka Anfang dieser Woche (Mitte November 2025) auf dem Wiener Schmerlingplatz. In der Hand hielt er ein Bild seines – von den Nazis ermordeten – Großvaters Karl Wakar Horvath.

Der bekannte Musiker Harri Stojka mit einem Foto seines von den Nazis ermordeten Großvaters Karl (Wakar) Horvath
Der bekannte Musiker Harri Stojka mit einem Foto seines von den Nazis ermordeten Großvaters Karl (Wakar) Horvath

„Das ist respektlos!“

Das Mahnmal soll an die faschistische Verfolgung und Ermordung der Volksgruppen der Rom:nja und Sinti:zze im Nationalsozialismus erinnern und zugleich als Appell gegen Diskriminierung und Ausgrenzung in der Gegenwart dienen. Jahr für Jahr wird beim Gedenken an den Porajmos (entspricht der Shoah an Jüd:innen) bei der Gedenkveranstaltung am 2. August auf dem Ceija Stojka Platz (Wien-Neubau) auch von Politiker:innen versprochen, dass es so ein Mahnmal geben wird. Seit Jahren verzögert sich die Umsetzung durch Diskussionen über den Standort. „Das ist ärgerlich und respektlos gegenüber der Roma-Community“, so Stojka.

Fotos ermordeter Verwandter

Es war aber keine Ein-Mann-Aktion, auch andere Aktivist:innen – übrigens nicht nur Angehörige der Volksgruppen – waren ebenso Teil der Mahnung daran, dass dieses Denkmal schon längst überfällig ist und nicht weiter verschleppt werden darf. Sie alle hielten Fotos von ermordeten Rom:nja und Sinti:zze, bei einigen waren es eigene Verwandte wie Großeltern oder Großtanten, aber auch Kinderbilder. Die Nazis brachten ja auch jede Menge Kinder und Jugendliche um.

Der Künstler spricht sich auch für eine internationale Ausschreibung für die künstlerische Gestaltung aus und richtet den klaren Appell an den Nationalfonds, die Stadt Wien und politisch Verantwortliche, 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs endlich zu handeln und die Umsetzung dieses wichtigen Erinnerungsprojekts nicht weiter hinauszuschieben.

Ausreden

Vor rund eineinhalb Jahren gab es – ausgehend von einem Positionspapier der Volksgruppenvereine eine Besprechung, wo der Schmerlingplatz in unmittelbarer Nähe zum Parlamentsgebäude vorgeschlagen wurde. Es sollten die statischen Voraussetzungen und damit Kriterien wie Höhe und Gewicht geprüft werden, damit Künstler:innen dies bei Entwürfen für eine Gestaltung berücksichtigen könnten.

Aktion von Aktivist:innen für das Mahnmal an den Völkermord an Rom:nja und Sinti:zze
Aktion von Aktivist:innen für das Mahnmal an den Völkermord an Rom:nja und Sinti:zze

Eineinhalb Jahre später die erst zweite Sitzung – mit keinen konkreten Antworten auf die technischen Umsetzungsfragen dafür nebulose Standortvorschläge, so manche weitab vom Stadtzentrum. Ein zentraler Standort war aber immer eine Forderung der Community – und wurde bei den oben schon erwähnten Gedenkveranstaltungen immer wieder versprochen. Diese Verschleppungstaktik passt leider genau ins Bild des Umgangs auch mit dem offiziellen Gedenktag am 2. August. Vor einem Jahrzehnt vom EU-Parlament beschlossen, ratifizierte der österreichische Nationalrat ihn im Jänner 2023 ebenfalls, aber die Veranstaltung muss nach wie vor von den Vereinen organisiert werden, das offizielle Österreich begnügt sich mit einer Mini-Kranzniederlegung mit beschränkter Teilnehmer:innen-Zahl.

kijuku_heinz

voiceofdiversity.at

Szenenfoto aus "Wo ist Walzer?" von kollektiv kunststoff

Getanzte und riechende Erinnerungen an Kindheit und Heimaten

Umzugskartons – gut zwei Dutzend dieser braunen Kisten spielen eine optisch zentrale Rolle – als Hintergrundwand einerseits, dann immer wieder, wenn das eine oder andere daraus hervorgekramt wird. Und eben als Symbol für Übersiedlungen, Reisen von einem Ort zu einem anderen. Schön, wenn solche Reisen freiwillig erfolgen, nicht selten allerdings müssen Menschen ihre Heimat verlassen, um woanders neu zu beginnen. Oft haben sie dann keine Umzugskartons dabei, sondern mitunter nicht viel mehr als sie am Leib tragen und vielleicht noch einen (kleinen) Rucksack…

Die Kartons auf der Bühne der Tanztheater-Performance von kollektiv kunststoff „Wo ist Walzer?“, die Mitte November Premiere im Kulturzentrum F23 (Wien-Liesing) bei einem der Standorte von Junge Theater Wien hatte, verbindet diese Ausgangsbedingungen mit der dahinterliegenden Frage, wo oder was ist Heimat?!

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Wo ist Walzer?“ von kollektiv kunststoff

Die tanzenden Performer:innen / performenden Tänzer:innen Raffaela Gras, Michael Gross, Kamil Mrozowski und Kamel Jirjawi haben im Prozess der Arbeit an diesem Stück eingebracht und „kramen“ diese unter anderem aus den Kisten hervor. Vor allem aber bringen sie es bewegt und bewegend tänzerisch auf die Bühne; manches auch in Songs – verstärkt durch Sängerin Theresa Eipeldauer, instrumental interpretiert, verstärkt, unterstrichen, hervorgehoben durch Peter Plos (u.a. E-Gitarre) und Didi Kern (Schlagzeug).

Ist es der Walzer?

Das aktuelle Johann-Strauss-Jahr (vor 200 Jahren wurde der Komponist und Musiker geboren) mit Dutzenden über ganz Wien verteilten unterschiedlichsten Produktionen hatte „kollektiv kunststoff“ angefragt, ob sich die Gruppe etwas rund um den „Walzerkönig“ einfallen lassen wolle. Und kam bald auf die wohl berühmteste Komposition von Johann Strauss Sohn. Mit ihm wird auf den meisten audiovisuellen Kanälen Österreichs das neue Jahr einge„läutet“, die Fluglinie AUA lässt ihn erklingen, wenn die Maschinen auf dem Vienna Airport landen…

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Wo ist Walzer?“ von kollektiv kunststoff

Aber ist das für alle so? Mögen alle diese Musik? Verbinden sie damit wirklich (ihre) Heimat? Was bedeutet für jede und jeden „Zuhause“, wo fühlt sich wer geborgen und warum? Oder wodurch?

Und so erinnert sich „Michi“ (Michael Gabriel Gross) an viel Zeugs aus seiner Kindheit, das er auf dem Dachboden ihres ehemaligen Hauses wieder zufällig entdeckt und lässt eine Art Zeitreise miterleben. Raffaela Gras bringt ihre Kindheits- und Jugenderlebnisse in jenem „Tagada“, das im Wiener „Wurstelprater“ die Benutzer:innen wilde Runden drehen lässt; samt Outing einer urpeinlichen Szene.

Dickes
Dickes „Drehbuch“ mit Recherchematerial und umfunktioniertes „Freund:innen-Buch“

Alle fuhren Tagada

„Das war so prägend, dass wir alle mit ihr im Tagada waren und es auch Inspiration für einige Choreos war“, verrät Choreografin Stefanie Sternig (Dramaturgie: Christina Aksoy) Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… Und sie zeigt ausführlicher das dicke Buch, das mit persönlichen Erinnerungen gefüllt ist – der Performer:innen aber auch Gedanken von Kindern aus Klassen, mit denen das Team im Vorfeld zusammengearbeitet hat. Die Choreografin hat übrigens ihr echtes Freund:innenbuch aus ihrer Kindheit, Anfang der 90er Jahre zur Verfügung gestellt, in das die Performer:innen einige ihnen wichtige Sätze auf eingeklebten zetteln „verewigt“ haben.

Rosmarin

Kamil Mrozowski singt – auf Polnisch – Ich bin wie Rosmarin, / ich entfalte mich / … habe starke Wurzeln, selbst wenn / der Wind weht, gebe ich nicht auf… Ich bin nicht hier, / um tatenlos zu stehen / Ich bin hier, um dir Freiheit zu geben / Du bist nicht zu anders, zu laut oder /zu seltsam, / Du bist genau richtig…“

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Wo ist Walzer?“ von kollektiv kunststoff

Bevor er jedoch zu diesem Song kommt, hat er mit einer der Umzugskartons allein gegen die drei Kolleg:innen irgendwie zu kämpfen, wird bedrängt, setzt sich zur Wehr bis die vier und mit der Sängerin zu fünft zu einem Miteinander im Kreis kommen, wie sie einander gegenseitig stützen.

Olivenbaum

Das was für Kamil Rosmarin bedeutet, das ist für Kamel Jirjawi, einen seit sieben Jahren in Berlin lebenden palästinensischen Tänzer, ein Olivenbaum – weit mehr als eine Pflanze, die Früchte trägt, eben ein Stück alter Heimat. An die er aber auch in einem arabischen Lied die Erinnerung singt, dass alle Autos haben, nur sein Großvater „hat einen Esel“.

Neben Tanz, Schauspiel, Gesang und der Live-Musik kommen immer wieder auch Projektionen zum Einsatz – Projektor in einem mit Fensteröffnungen versehenen Umzugskarton – die allerdings für jene, die seitlich im Publikum sitzen nicht immer (gut) zu sehen sind. Ein weiteres Element, das in „Wo ist Walzer?“ ins Spiel gebracht wird, erfüllt dafür immer wieder den gesamten Raum: Düfte.

Dickes
Dickes „Drehbuch“ mit Recherchematerial und umfunktioniertes „Freund:innen-Buch“

Geruchs-Spuren

Dass Erinnerungen sehr oft besonders stark mit Gerüchen verbunden sind, greifen die Performer:innen zu Tiegelchen und Schälchen mit Materialien, die sie persönlich mit starken Kindheits- und / oder Heimatgefühlen verbinden. Sie begeben sich damit immer wieder auch ganz nahe an die Publikumsreihen, um die Zuschauer:innen intensiver riechen zu lassen. Und dem widmet die Tanzperformance auch einen eigenen Song: „It’s all about the healing, / And the healing goes right through the scent. / A smell, a trace of (former) feeling, / its more than a place — it is you. / Every smell / Every fight… / every trace / every land / pulls me back to you. / … And the healing goes right through the pain. / A smell, a trace of (former) feeling, / its more than a place — it was you.“

(Es geht um Heilung, / und die Heilung geht direkt durch den Duft. / Ein Geruch, eine Spur (ehemaliger) Gefühle, / es ist mehr als ein Ort – es bist du. / … Jeder Duft / Jeder Streit …/ jede Spur / jedes Land / zieht mich zurück zu dir / … und die Heilung geht direkt durch den Schmerz hindurch. / Ein Duft, eine Spur (ehemaligen) Gefühls, / es ist mehr als ein Ort – es warst du…

„Wo ich frei reden kann“

Übrigens: Am Abend nach der ersten Aufführung von „Wo ist Walzer?“ im F23 sagte der kritische Journalist, Autor und Dokumentarfilmer Can Dündar, der in seiner ersten Heimat Türkei eingesperrt war und der jetzt im Exil in Deutschland lebt aber auch dort vor Anschlägen nicht sicher ist, in einem Interview anlässlich seines neuen Buches „ich traf meinen Mörder“ im ORF-Kulturmontag: „Für einen Journalisten, einen Autor ist zu Hause dort, wo man frei reden, frei denken kann.“

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