Einige Waggons eines irr schnell rasenden Zuges entgleisen in einer wunderschönen, irgendwie wild-romantisch wirkenden Landschaft in der Nähe einer Meeresbucht. Eine Hand hebt sie auf. Spielzeugeisenbahn oder ein Riese am Werk? Das ist eine der ersten Szenen, die auf den Animations-Action-Kinofilm „Tierisch abgefahren – Rettet die Pets!“ einstimmen. Ab 19. März (2026) ist dieser in Kinos zu erleben.
Das meiste, noch dazu abenteuerliche, gefährliche, wird sich in diesem Zug abspielen. Davor aber gibt’s noch eine Story rund um einen der Hauptheld:innen, den Waschbären Falcon (englisch für Falke) – weil er, das wird er später erzählen, als Waisenkind von einem Falken gerettet und aufgezogen wurde. Was so nicht stimmt, aber das wird erst gegen Ende nach und nach ans Licht kommen und sei hier sicher nicht gespoilert.
Jedenfalls lebt Falcon von Essensdiebstählen, die er Robin-Hood-mäßig mit vielen anderen ebenfalls auf der Straße lebenden Tieren teilt.
Bei den bevorstehenden Weihnachten will er einen Riesen-Coup landen und all seinen Mit-Tieren ein üppiges Fest(mahl) schenken. Dazu hat er sich – gemeinsam mit dem Computer-Freak Hans, einem Dachs, ausgedacht, die Elektronik des neuesten, tollstes, schnellsten Zuges Richtung Toro-City zu hacken, den Zug zu entführen, um den Container mit Lebensmitteln zu stibitzen.
Der Zug steht bereit. Menschen, vor allem mit Haustieren, wollen in die Stadt. Die Tiere kommen in einen eigenen Waggon. Dann bittet eine Lautsprecherdurchsage die Fahrgäste, den Zug wegen der Behebung einer Störung kurzzeitig zu verlassen. Als alle draußen sind: Türen zu und Abfahrt.
Das Abenteuer kann beginnen. Immer schneller, vom Dachs gesteuert, unkontrollierter rast der Zug. Ozelot (eine in Südamerika beheimatete kleine Raubkatze) Maggie erkennt die Gefahr, dass in diesem Tempo mit diesem Gewicht des ganzen Zuges eine hohe Gebirgsbrücke einbrechen würde. Falcon – als Komplize von Hans – ist als einziges Tier ohne Käfig drumherum im Zug. Natürlich befreit er alle. Oder fast. Ein alter Polizeihund hat ihn, den Waschbären, einmal wegen Diebstahls hinter Gitter gebracht…
Wie auch immer, die ganze Handlung mit ihren spannenden, immer wieder auch atemberaubenden Momenten, bei der die große Katstrophe mehrmals so nahe ist, sei hier nicht verraten. Nur noch so viel, Hans, der Hacker-Dachs, hat noch eine eigene Agenda und versucht die von Falcon gestartete Rettungsaktion immer wieder zu durchkreuzen. Dass der Film letztlich trotz aller Crashs und entgleister Waggons, gebrochener Brücken und so weiter ganz am Schluss natürlich einigermaßen happy endet, muss nicht extra betont werden.
Neben den vielen spannenden, Action-Szenen zum Mitfiebern, leben die knapp eineinhalb Stunden einerseits vom Miteinander der Tiere mit Ausnahme von Dachs Hans – trotz so mancher Gegensätze. Und gerade von der Vielfältigkeit dieser tierischen Charaktere. Von Underdogs, solchen, die sich eigentlich zu fein für diese Gesellschaft fühlen, anderen die gern Stars werden wollen und weiteren, die wiederum draufkommen, dass sie von ihren Herrchen und Frauchen nur zur Generierung von Klicks und Likes auf Social Media missbraucht werden.
Für die Charaktere hat sich das Kreativteam natürlich an unterschiedlichen menschlichen Typ:innen Beispiel genommen. Nicht zuletzt spielt die Sympathie für den Außenseiter, den auf der Straße lebenden Waschbären mit ausgerissenem Ohrläppchen, eine große Rolle. Der stets auf Teilen der Beute aus ist, groß spricht und doch Angst hat. Die er klarerweise dann überwindet, wenn’s drauf ankommt…
Eine starke Ebene ist auch die mediale – was sich im Zug abspielt, wird immer wieder von Live-Kameras aus einem Hubschrauber auf TV-Monitore übertragen – ein solcher hängt auch im Zug. Und wie Reporterin Cynthia nun ihre große Chance wittert, groß rauszukommen mit einem Live-Einstieg von der totalen Katastrophe, die unausweichlich scheint. Und sie dafür Lisa, das Mädchen, dem Ozelot Maggie gehört, im Hubschrauber mitnimmt.
Spielerisch Umweltwissen vermitteln – das wollen Schüler:innen des Gimnazija „Panto Mališić“ aus Berane in Montenegro (Südosteuropa zwischen Kroatien, Bosnien & Herzegowina, Serbien, Kosovo und Albanien) mit ihrer Junior-Company nmb Ecostep. Dafür entwickelten sie eine App, mit deren Hilfe der eigene ökologische Fußabdruck verringert werden kann. Wer Altmaterialien zur – richtigen – Recycling-Sammelstelle bringt, kann den dortigen QR-Code scannen und kriegt dafür EcoCoins. Die wiederum lassen sich dann beispielsweise in manchen Kooperations-Geschäften gegen ökologische Produkte eintauschen.
13 Jugendliche haben an dieser Plattform mitgearbeitet, erzählen die Vertreter:innen in Wien bei der internationalen Juniorfirmen-Handelsmesse Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… „Neben“ der App haben sie auch kleine Bilderhefte gestaltet und sich dafür Geschichten mit Umwelt-Touch ausgedacht – samt zwei Kindern namens Nemi und Elias sowie den beiden Fantasie-Charakteren Lux und Infiny, die auch als Avatare für die App verfügbar sind. „Bei den Geschichten und Figuren haben wir und schon an bekannten Märchen und Geschichten orientiert, aber doch selber geschrieben und gezeichnet“, gestehen die drei Schüler:innen, die ihre Kolleg:innen in Wien vertreten. Begleitet wurden sie nicht nur von Lehrpersonen, sondern auch von einer Mentorin aus einem Unternehmen, das das Projekt unterstützt.
Derzeit gibt’s App und Stories nur auf Englisch, so die Schüler:innen, „aber wir richten uns ja an Jugendliche ab 13. Und wir haben die App schon von 4200 Schüler:innen testen lassen“, vertrauen sie stolz dem Reporter an.
Mit diesem „Seitenwechsel“ – Schüler:innen in der Rolle von Pädagog:innen – knüpft dieser Beitrag insofern an Teil 1 der Berichte über die schon erwähnte internationale Messer der Junior-Companies an, als es dort um Re-, Upcyling-Produkte und Nachhaltigkeit ging. Etwas, das hier später auch noch einmal im Zentrum der Produkte einer der Junior-Firmen stehen wird.
Zunächst einmal aber noch eine weitere „Seitenwechsel“-Company. MeDit ist ebenfalls eine pädagogische Online-Plattform, entwickelt von Schüler:innen in Albanien mit Inhalten auf Instagram und Facebook. Und einer breiten Palette an Themen. Umwelt spielt auch eine Rolle, aber ebenso Wissenschaft, Ethik, Handwerk, Sport, Gesundheit. Da sie sich, wie die Jugendlichen berichten, vor allem an sehr junge Kinder wendet, fragte der Journalist doch einigermaßen erstaunt: Alle diskutieren über Altersgrenzen für soziale Netzwerke, diese selbst geben 13 Jahre als unteres Alterslimit an?
„Wir richten unsere Angebote an Eltern und Lehrer:innen. Und die sollen unsere pädagogisch vermittelten Inhalte und Toolboxen aus der virtuellen in die reale, analoge Welt mit Kindern übertragen. So bieten wir eine echte kleine Schachtel mit kleinen Gartenwerkzeugen an und Anleitungen, wie verschiedene Samen gesät, Pflanzen gesetzt werden können. Oder es gibt Puzzles zu unserem Buch, das wir im Sortiment haben – Das Abenteuer von Lili und dem Hasen. Und dann haben wir noch unsere kleine Geheimnis-Box mit Knetmasse.“
Hinter dem Firmennamen, so verraten die Schüler:innen und eine ihrer begleitenden Lehrer:innen steckt auch ein albanisches Wortspiel: Ditë heißt Tag und das ähnliche dish steht für wissen.
MeDit gewann bei der Handelsmesse übrigens den Gesamtpreis für die beste Junior Company auf dem JA (Junior Achievement/ Leistung) Marketplace Vienna, weil sie „Bildung zu einem sinnvollen, langfristigen Abenteuer machen“.
Runde schwarze Schachteln mit Halb-, Drittel-, Viertel- und so weiter flachen Kreisteilen bis zu sozusagen zehn „Tortenstückchen“ – in unterschiedlichen bunten Farben offerierten Lara Domková, Sabina Urbánková und Nikola Majerovičová aus Nove Mésto nad Váhom (Slowakei, nahe dem bekannteren Trenčín). „Dieses Spiel zum leichteren Lernen von mathematischen Brüchen haben wir uns ausgedacht, weil wir uns selber damit in der Klasse im Matheunterricht schwergetan haben. So sind wir drauf gekommen, daraus nicht nur ein Spiel, sondern sogar ein Business zu machen, weil wir ohnehin nach einer Idee für unsere Junior-Company gesucht haben“, berichten die beiden erst Genannten die Entstehungsgeschichte von Lomiq.
Was es mit dem allgegenwärtigen Oktopus rund um das Spiel und den Messestand auf sich hat, wollte KiJuKU.at wissen. „Das ist nur so, weil Oktopusse schlau sind und sogar neun Gehirne haben.“
Es gibt den bekannten Spruch „wenn dir das Leben Zitronen schenkt, mach draus Limonade!“ Rund um diesen ranken sich auch – echte und vielleicht so manch erfundene – Geschichten von Kindern, die mit Limonaden-Verkaufsständen ihre ersten unternehmerischen Schritte gesetzt haben. Bekannt ist vielleicht jene der siebenjährigen Liza Scott aus Alabama (US-Bundesstaat), die mit einem Limo-Stand Geld für ihre eigene notwendige Hirn-Operation zu sammeln begann. Oder auch das Buch von Virginia E. Wolff „Wenn dir das Leben eine Zitrone gibt, mach Limonade draus“ (Originaltitel: Make Lemonade, Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch: Brigitte Jakobeit; Hanser Verlag, 1999).
Zitronen sind für die Schüler:innen-Firma Lemonaid aus dem zypriotischen Nikosia Ausgangsmaterial. Antonis Hadjiliasis, Eleni Michael, Vasilis Panayides, Konstantinos Konstan und Stefanos Nikolaos, einige mit witzigen, dunkelgelben Scherz-Brillen zeigen den Besucher:innen ihres Messestandes einerseits ihr Hauptprodukt: Wäsche-Weißmacher-Tabletten ohne Chemie nur aus vor allem geriebenen Schalen von Zitronen, meist ein Abfallprodukt. Die der Wäsche auch angenehm, frischen Duft verleihen und gesund und gut zur menschlichen Haut sind. Und natürlich haben sie bei ihrem Firmennamen ein Wortspiel eingebaut, klingt doch Lemonaid ähnlich wie Lemonade (Limonade), verbindet aber das englische Lemon (Zitrone) mit aid für Hilfe.
Die fünf Schüler:innen verwerten die Zitronen aber auch unter anderem für die Zubereitung von Keksen. Für ihren umfassenden Nachhaltigkeits-Gedanken bei ihrem Geschäft wurden sie mit dem entsprechenden Preis bedacht.
Wird fortgesetzt mit Berichten über weitere Juniorfirmen aus dem In- und Ausland.
Ziemlich mächtig einerseits, andererseits hängt es „nur“ da, an einer Art Nabelschnur. Das „es“ eine riesige schwarze „Wurst“, das erste Stück hängend, das noch größere liegend auf einer großen grünen Fläche, einem stilisierten Blatt (Bühne: Albert Frühstück). Und dann kommen sie herein – vier Männer in schwarzen Gewändern und Sportschuhen. Sie schnappen sich auf ärmellose Westen, die auf dieser „Wurst“ liegen und die an Kampfpanzer erinnern, dazu Helme wie sie in manchen Kampfsportarten (Kostüm: Sophie Schmid) zum Einsatz kommen.
Derart martialisch adjustiert beziehen sie Positionen auf diesem Blatt vor den links und rechts davon sitzenden Zuschauer:innen. Blicke wie wildgewordene Raubtiere im Käfig. Gewalt-ig. Toxisch. Männlich. Natürlich hier nicht angsteinflößen, weil eine bewusste Auseinandersetzung mit genau diesen – über Jahrtausende Patriarchat eingelernten Verhaltensweisen.
Und so verharren Tejus Menon, Stefan Schönholzer, Antonio Luque und Stefan Ebner, von dem auch die Idee und das Konzept stammt (Dramaturgie: Tanja Spielmann), nicht in solchen archaischen Positionen. Langsam und vorsichtig beginnen sie ihre abweisenden, kriegerischen Gesichtszüge und Körperhaltungen aufzuweichen. Die eine oder andere Annäherung, gar bitte um Hilfe, Reimen der Panzerung zu lockern. Sanfte Berührungen.
Bis es zu Bitten um „Hugs“ (Umarmungen) kommt – in der nicht ganz eine Stunde währenden Performance „Grow out – Herauswachsen“ der Gruppe „Material für die nächste Schicht“ (Koproduktion mit WUK – performing arts & Kinderkultur) fallen nur wenige Sätze bzw. fast immer nur einzelne Wörter, und diese auf Englisch. Das Spiel hält gegen Ende zu auch bunte Überraschungen – sowohl aus der bedrohlichen dunklen „Wurst“ als auch den kriegerischen Brustpanzern bereit, die hier nicht näher verraten werden sollen.
Auf wie beschrieben eben vor allem sehr körperliche und sinnliche Art stellen die Performer Rollenmuster schauspielerisch, mitunter fast tänzerisch kräftig in Frage. Nach einigen Jahrzehnten doch intensiver Diskussionen und Auseinandersetzungen mit solchen, scheint vielfach – wie auch bei Rückschritten in anderen Bereichen, Stichwort Demokratie – sind ja leider auch hier teils extreme Rückfälle zu erleben: Von Manosphere-Influencern auf Online-Plattformen bis zu übergriffigem Verhalten von Chefs, trotz fast schon zehn Jahre zurückreichender MeToo-Bewegung.
Während Klima- und Umweltschutz in öffentlichen Diskussionen an Stellenwert verliert, spielt er bei vielen Jugendlichen doch offenkundig eine große Rolle. Schüler:innen mehrerer Länder mach(t)en Re-, Upcycling und Nachhaltigkeit sogar zu ihren Geschäftsideen wie – wieder einmal – die jüngste internationale Handelsmesse von Junior-Unternehmen in der Wiener Millenniums-City eine Woche vor Frühlingsbeginn (2026) zeigte.
Seit mehr als 30 Jahren beteiligen sich auch österreichische Schulen an diesem praktischen internationalen, vor mehr als 100 Jahren in den USA gegründeten Wirtschaftslern-programm nach dem Motto „Learning Business by Doing Business“. Im Gegensatz den Übungsfirmen (ÜF) in Handelsakademien und -schulen wo die Geschäftsabläufe (in der Regel) „nur“ virtuell durchgespielt werden, müssen Junior-Companies mit echten Produkten bzw. Dienstleistungen Handel betreiben.
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… trieb sich einige Stunden zwischen den fast fünf Dutzend Messeständen auf der „Plaza“ dieses großen Einkaufszentrums in Wien-Brigittenau herum, sprach mit vielen der Jugendlichen über ihre Geschäftsideen. Vorweg muss und will sich der Journalist aber entschuldigen, dass Zeit und Energie doch nicht ausreichten, um mit allen 56 Companies ins Gespräch zu kommen. Sorry, prominte, izvini… bei den nicht in diesem, und weiteren, Bericht(en) vorkommenden Juniorfirmen sowie bei den Leser:innen, dass sie keinen Einblick in alle Unternehmensideen und Produkte bekommen.
So, nun aber endlich hinein in die – in diesem Bericht – Re-, Upcycling- und Nachhaltigkeits-Produkte. „Hangout“ in großen stylish runden Buchstaben vermittelt schon das Logo Freizeit- bzw. Festival-Feeling. Emilia L, Sena K. und Elias B.L. breiten fürs Foto, die an einer Ecke des Messestandes baumelnde Hängematte aus. „Unsere Hängematte kann auch als Picknickdecke verwendet werden, sie ist aus wasserabweisenden Stoffen, die wir aus Resten machen, die wir von Firmen bekommen haben“, erklären die drei Jugendlichen der Innsbrucker Ferrarischule.
Dieses Schüler:innen-Unternehmen hat dazu noch weitere Produkte im Angebot – praktische Taschen für Schlüsse, Geldbörse und anderes in einem – zusammenrollbar, Netze mit Karabinern für Thermosflaschen und Tees deren spezielle Papierbeutel samt dem ausgelaugten Tee kompostierbar sind. „In herkömmlichen Teebeuteln ist oft Mikroplastik“, nennen sie den umweltmäßigen Vorteil ihrer eigenen.
Ein recht großer Sitzsack, in den sich der Lehrer gemütlich versinken lässt und ein deutlich kleinerer daneben stehen vor dem Stand von „PolyBag“. Was in Österreich aufs Erste an eine Polytechnische Schule denken lässt, kommt von Schüler:innen der Handelsakademie im tschechischen Hradec Králové. Aus ehemaligen Polypropylen-Säcken (Kunststoff) schneiden die 15 Jugendlichen des dritten Jahrgangs dieser Junior-Company die Teile für die Sitzsäcke zu. „Das ist ein sehr starkes, langhaltendes Material und würde sonst nur im Müll landen“, berichten die drei nach Wien gekommenen „PolyBag“-Vertreter:innen Lenka Zemonová, Ondra Veselý und Fonda Vagenknecht. „Nähen lassen wir sie von Menschen mit Behinderungen in einer örtlichen geschützten Werkstätte, dem Daneta-Zentrum“, weisen sie noch auf die Kooperation hin, die Barrieren zwischen den HAK-Schüler:innen und Menschen mit Behinderungen abbauen will.
Kein Produkt, sondern eine Dienstleistung – samt Modell dazu – präsentierten und verkaufen Boris Stoyanov, Daria Tancheva, Iva Peychinova, Victor Simeonov und Aleksander Issakov aus der bulgarischen Hauptstadt Sofia mit „Rain Reborn“. „Wir haben ein Bewässerungssystem für Pflanzen entwickelt, das Regenwasser zum Gießen sammelt und über eine App automatisch so steuert wie die jeweiligen Pflanzen es brauchen – also nicht zu wenig und nicht zu viel“, schildern die fünf Schüler:innen aus der Handelsakademie Iva Apostolov. Sie haben sich nicht nur diese schlaue Wiederverwendung von Regenwasser ausgedacht, sondern auch das Gießsystem mit seinen Sensoren und die App so programmiert, dass sie nun Packages verkaufen: Von 150 € für jene, die’s dann selber installieren bis zum Full-Service um 500 €.
„Nur“ ein Teil der Kollektion einer der Junior-Firmen aus der W@lz, dem Wiener Alternativen Lernzentrum (einer privaten, alternativen Oberstufenschule) ist aus Altamterial. „Clutched“ verkauft hänkellose Handtaschen mit Schnapp-Verschluss-mechanismus – aus gehäkelter (Baum-)wolle in den verschiedensten Farben. „Einige haben wir aus recycelter Baumwolle gehäkelt, die sind aber härter. Viele mögen die weicheren aus neuer Wolle“, so Lenny zu KiJuKU.at bevor seine Kolleginnen Josephine und Emma dazustoßen, um die Taschen fürs Foto zu präsentieren.
Übrigens, so gestehen die Schüler:innen, „Keine leichte und schnelle Arbeit, jetzt brauchen wir für eine Tasche ungefähr zwei Stunden, am Anfang waren’s sogar bis zu vier Stunden.“
Ebenfalls alles Handarbeit sind die Produkte der Juniorfirma „A haße G’schicht“ von Georg Nader, David Schaller, Philip Rabitsch, Philip Seidl, Anant Kuna, Fabian Dachauer und Mila Aleksić, Schüler:innen des TGM (Schule der Technik, eins Technologisches GewerbeMuseum genannt) in Wien. „Zuerst wollten wir Feuerzeuge selber herstellen, auch schon aus Recyclingmaterial, dann hat uns ein Lehrer auf die Idee mit dem „ewigen Zündholz“ gebracht. Da haben wir dann schon eineinhalb Monate herumgetüftelt und -probiert, gestehen einige der Jugendlichen am Messestand.
Der Vater eines der Schüler ist Jäger, er überließ den Jugendlichen leere, alte Patronenhülsen. Die werden mit Feuerzeugbenzin gefüllt, in dem ein Metallteil mit schmalem, ebenfalls wiederverwendetem Sägeblatt und ein Docht steckt. An einer in die Hülse eingekerbten Stelle kommt eine Reibefläche, die über das Sägeblatt den Docht entzündet, der dem Wind standhält – Genaueres im Video, in dem Georg Nader dem Journalisten – und damit dir liebe Leserin, lieber Leser – die Funktion schildert.
Wird fortgesetzt mit Berichten über weitere Juniorfirmen aus dem In- und Ausland.
Vor einem breiten bräunlichen Etwas, das zunächst Gedanken an einen aufgeschnittenen ast-losen Baum vermittelt, beginnen Gianna Grimaldi, Annabella Tedone ihr anfangs wortloses, später von einigen italienischen Sätzen begleitetes Schauspiel. Sie platzieren zwei hellbraune flache Pölster am vorderen Bühnenrand – zu nahe an der ersten Reihe, was bewirkt, dass die Zuschauer:innen weiter hinten sich schwertun, zu sehen, dass sei symbolisch etwas in diese „Erde“ pflanzen.
Um Säen, Samen, Wachsen und Werden dreht sich das nicht ganz ¾-stündigen Stück, das Compagnia Teatrale Kuziba aus Italien für leider nur zwei Vorstellungen nach Wien mitgebracht hat. Glattstreichen der „Erde“, Wind in Form von entsprechenden Blas- und verstärkten Geräuschen. Regen, den sie mit Fingertrippeln auf den eigenen Köpfen und danach auf dem Boden beginnen – und der ebenfalls aus dem Off zu heftigem Schütten wird. Den zwischenzeitlichen aufgespannten Schirm abschütteln und mit diesem Wasser die kleinen Felder gießen…
So stellen die beiden – Tedone hat übrigens auch Regie geführt – zum Einen notwendige „Zutaten“ zum Pflanzen-Wachstum spielerisch dar. Zum Zweiten setzen sie an bei schon jungen Kindern bekannten Bewegungsspielen an und zum Dritten wollen sie die Freude am Staunen vermitteln. Was bei der Vormittagsvorstellung leider nicht durchgängig gelungen ist, weil viele so manches nicht wirklich sehen konnten, was schon zu Unruhe führte.
Doch bevor am Ende – das hier ja verraten werden kann, weil „Como SeMe“ einerseits schon vorbei ist und andererseits ohnehin vermutet würde – aus einem der Felder eine Grünpflanze wächst, muss das Warten darauf überbrückt werden. Das Duo nähert sich vertraulich an, miteinander spielen sie, „zerlegen“ den vermeintlichen Baum aus dem Hintergrund, was den Blick auf eine Leiter freigibt. Die wird zum leicht akrobatischen Spielplatz.
Das große Ding entfalten sie als Decke, unter die sie kriechen, sie dann wieder ent-falten… alles szenische Bilder eben rund um Werden, Wachsen, Veränderungen…
Später wieder als Art Schlafsack senkrecht an die Leiter gelehnt schlüpfte eine unten, die andere oben rein. Und so wie am Ende vorne eine Pflanze wachsen wird, so reift in diesem „Leib“ ein kleiner aus Packpapier geformter Mensch heran…
Ein wenig tricky ist schon der Titel des Stücks, das die Gruppe mit TRIC Teatri di Bari koproduziert und dafür auch mit Terreno Fertile, La luna nel pozzo, Armamaxa, IV Circ. Didattico „Don P. Uva“, Bisceglie (Italien) zusammengearbeitet hat: „Como SeMe“ – bewusst mit einem Großbuchstaben mitten im zweiten Wort, auf der Webiste der Gruppe an einigen Stellen mit einem großen Punkt zwischen „se“ und „me“ – verwandelt den kurzen Satz in zwei Bedeutungen: „Wie Samen“ bzw. wenn se und me getrennt gelesen wird: Wie mache ich 😉
Das geht leider auf der Homepage des Theaterhauses für junges Publikum im MuseumsQuartier, dem Dschungelwien, „dank“ der dortigen durchgängigen Großbuchstaben (was übrigens online immer als schreiend interpretiert wird), verloren.
Auf scheinbar beengtem, privatem Raum eröffnet ein Schauspiel-Duo, unterstützt, begleitet, mitunter auch fast getrieben von drei Musiker:innen im Hintergrund die doch große Welt. „John & Jen“, nur mehr kurz im kleinen, feinen, äußerst engagierten Theater Spielraum in der Kaiserstraße (Wien-Neubau) ist ein knapp mehr als zweistündiges Kammer-Musical aus den USA aus 1993, das hier seine österreichische Erstaufführung erlebt(e).
Das Original – und auch die Wiener Version – spielt im ersten Teil in den 50er und 60er, im zweiten Teil bis zu den 90er Jahren des vorigen, also des 20. Jahrhunderts in den USA. (2021 gab es in den Vereinigten Staaten von Amerika eine neue Version, die in die Zeit zwischen 1985 bis zur damaligen Gegenwart verlegt wurde).
Die Jahreszahlen flimmern übrigens im „Spielraum“, einem ehemaligen Kino (Erika) ebenso wie ein paar historische Videos über TV-Monitore, die in schmalen hohen offenen Kästen neben Büchern, Platten, einem Pokal, und auch so manchen Kleidungsstücken stehen (Bühne: Marc Rothschild). Ein kleines technisches Wunder, die alten Röhrenfernsehapparate synchron mit digitalen Daten zu speisen;)
Die Story kürzest gefasst: Jen ist – im ersten Teil vor der Pause – die ein paar Jahre ältere Schwester, John erleben wir sozusagen von Geburt an, was natürlich dem Schauspieler (Lukas Müller) erspart bleibt, ein Stoffbündel und Babyschreien, vor allem aber die Reaktionen der Schwester (Denise Jastraunig) darauf reichen. Die beiden sind mehr eine verschworene Gemeinschaft als zerstrittene Geschwister. Was sich massiv und heftig ändert, als er zum Militär und in den (Vietnam-)Krieg zieht. Wortloser Nicht-Abschied – so präzise gespielt, dass der fast schmerzhaft im Publikum ankommt.
19 Jahre und in einer Kiste mit US-Flagge landet der Bruder danach wieder in der Heimat, für die er so stolz ausgezogen war.
Im zweiten Teil ist Jen nun erst werdende und dann Mutter, nennt ihren Sohn nach dem verlorenen Bruder und wird zur Gluckhenne. Nichts darf der neue John alleine unternehmen. Für ihn peinlich führt sie sich auf, wenn er Baseball spielt. Dauernd sieht sie im Sohn eigentlich den getöteten Bruder, stattet ihn mit dessen einstigem uraltem Baseballhandschuh aus…
Was die 68er-Bewegunge vielleicht erstmals groß thematisiert hat – alles Private ist politisch – vermittelt das Kammermusical durch (Lied-)Texte, Schauspiel und Musik (Buch: Tom Greenwald – auch Gesangstexte – und Andrew Lippa – auch Musik; Deutsch: Timothy Roller; Regie in Wien: Robert G. Neumayr) nicht nur in der brisanten Frage rund um den Vietnamkrieg, der weltweit eine riesige Friedensbewegung gegen den Kolonialkrieg der Supermacht als Protest dagegen entstehen ließ. Auf die sprichwörtliche Brand-Aktualität hätten das Theater und seine Spieler:innen wohl gern verzichtet.
Die Fassade „heiler“ Familienbilder begann zu bröckeln. Was der Sohn und später der Enkel nicht so sehr sehen will, spürt, bemerkt und spricht die Tochter an: Der Vater übt Gewalt aus.
Und sie, sie schränkt dann als Mutter den eigenen Sohn ein – behindert eine eigenständige Entwicklung, wenngleich aus teilweise falsch verstandenem Beschützerinnen-Motiv. Aber dennoch!
Sowohl Denise Jastraunig als auch Lukas Müller gelingt es einerseits den doch raschen Alterswandel – von (Klein-)Kind zu Jugendlicher bzw. Jugendlichem, sie auch noch zur reifen Erwachsenen – über Schauspiel glaubhaft – durch Kleidungswechsel unterstützt (Kostüme wie hier immer bewusst gewählt: Anna Pollack) darzustellen. Und die beiden lassen die gefühlsmäßigen Windungen und Wenden entsprechend spüren.
Wobei den Gefühlsebene nicht zuletzt durch die Livemusik (Leitung und Piano: Bernhard Jaretz) und Cellistin Maike Clemens (bei anderen Vorstellungen: Margarethe Vogler) sowie Percussionist Marco Lentner (bei anderen Vorstellungen: Fabian Ratheiser) wie schon eingangs erwähnt je nach Situation untermalt, getragen oder gar getrieben wird.
Apropos: Tom Barcals Lichtstimmungen tut ein Übriges, um die jeweiligen, wandelnden Szenen angepasst zu unterstreichen.
Eine ziemlich große Regalkonstruktion samt Rutsche baute Teatro Lata für seine Szenen auf, die sie als Ausschnitt von „Bon App! – Heute bestellt, gestern geliefert!“ beim Jungspund-Schaufenster im Rahmen des Theaterfestivals für junges Publikum im Ostschweizer St. Gallen zeigten. Die beiden Spieler Gustavo Nanez & Dominik Blumer als Carlos und Frank in knallgelben Warnwesten und gleichfarbigen würfelförmigen Rucksäcken rasen, düsen, rennen andauernd hin und her. Der eine klettert die Regale hoch und lässt von dort braune Kartons unterschiedlicher Größe runterrutschen, der andere legt sie auf ein Walking-Pad, das hier zum kurzen Fließband wird.
Pakettürme mit Klebeband fixiert – und noch obendrauf auf die markanten Rück-Würfel, für alle erkennbar Transportbehälter für Essens-Lieferant:innen. Also zusätzlich auch noch Pakete zustellen. Als Fahrräder bzw. Mopeds dienen den beiden Kunststoff-Scooter wie sie sehr junge Kinder verwenden.
Mit viel Witz, situationskomischen Szenen, getanzten Momenten nimmt das Stück die turbokapitalistische Konsumgesellschaft aufs Korn – wenngleich so mancher Lacher mitunter im Hals stecken bleibt, wenn eingespielter Autolärm immer lauter und schneller werden und – hinter der großen Regalkonstruktion „nur“ über ebenfalls eingespielte Crash-Geräusche die Gefährlichkeit dieses Berufs verdeutlicht wird.
Idee, Konzept & Produktionsleitung stammen von Angela Sanders, die gemeinsam mit Gustavo Nanez, der auch für die Bühne verantwortlich ist, Co-Regie führte (End-Regie: Michel Schröder). Die immer wieder tänzerischen Momente verdankt das spielfreudige Duo der Choreografie von Manel Salas Palau. In der Recherchephase sind auch Interviews mit echten vor allem Essenslieferanten geführt worden, deren Schilderungen der in das Schauspiel eingeflossen sind und ihnen – natürlich überspitzt dargestellt – große Authentizität verleiht.
Übrigens lief im vergangenen Sommer wochenlang der Film „Happy“, der sich um einen Essenszusteller in Wien dreht – ebenfalls nach vielen Gesprächen des Regisseurs mit wirklichen unter ausbeuterischen Bedingungen arbeitenden und wohnenden rasenden Lieferanten; Besprechung des Films unten am Ende des Beitrages.
Compliance-Hinweis: Die Berichterstattung kann nur erfolgen, weil das Festival „Jungspund“ Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … für vier Tage nach St. Gallen (Schweiz) eingeladen hat.
Ein älterer Mann, Hut, Brille und erhobener Spazierstock – als würde er zu einem Schlag ausholen. Daneben ein rätselhaftes Wesen, das aber wirkt, als würde sich da wer unter Decken verstecken. So das gezeichnete Bild auf der Titelseite eines Bilderbuchklassikers, der kaum mehr bekannt ist. Auch Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… kam erst über einen Umweg auf die schräge, spannende Geschichte und ihre Bilder in „Das Biest des Monsieur Racine“, beides geschaffen vom französischen Autor, Illustrator, Grafiker Tomi Ungerer (1931 – 2019). Bekannter sind wohl seine „Die drei Räuber“, vielleicht auch weil sie vor rund 20 Jahren als Animationsfilm in Kinos kamen.
Dieser Herr (Monsieur ist die französische Bezeichnung dafür, auch wenn sie manchen vornehmer klingen mag) ist pensionierter „Steuereinnehmer“, also Finanzbeamter. Sein ganzer privater Stolz ist ein Birnbaum mit so köstlichen, hervorragenden Früchten, dass er damit schon viele Preise gewonnen hat. Nicht für viel Geld, das ihm immer wieder geboten wird, will er Früchte oder gar den Baum verkaufen.
Und dann merkt er eines Tages, dass die Birnen gestohlen worden sind. Akribisch, wie er es aus seinem Beruf kennt, wird er nun zum Detektiv, untersucht die Spuren und ist verblüfft. Mit keinen bekannten Fußabdrücken vergleichbar?!
Und dann steht da dieses irgendwie fast monströse Tier vor ihm. Schon freundet er sich mit ihm an – im Gegensatz zum Titelbild streckt er dem „Biest“ zwar einen Degen entgegen, aber an dessen Spitze ein Makrönchen. Von nun an tägliche Besuche, miteinander essen und trinken, gemeinsame Ausflüge… Racine baut dem verspielten Wesen sogar Rutsche und Schaukel im Garten – und freut sich selber daran, wird fast zum Kind.
Schon viel früher lässt ihn Autor und Illustrator Tomi Ungerer (Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche: Hans Manz) sagen: „Ich habe meinen Birnen verloren, aber einen Freund gefunden“, dachte der alte Steuereinnehmer.“
Gleichzeitig beobachtet, vermisst, analysiert der jahrzehntelange Zahlenfuchs das Tier, wendet sich an die Akademie der Wissenschaften, wird – gemeinsam mit dem „Biest“ eingeladen, um die Sensation vorzustellen – und dann… ach, das Ende – wird hier ausnahmsweise gespoilert: Während der Präsentation in ehrwürdigem Rahmen, passierte folgendes: „Das Biest, das sich immer still verhalten hatte, brach in hysterisches Kichern aus. Es schüttelte sich, rollte auf die Seite, platzte aus den Nähten und riss sich selbst auseinander. Aus einem Haufen von Decken und Fellen krochen zwei Kinder…“
Und noch verblüffender: „Aber Monsieur Racine, der Sinn für Humor hatte, fand den Spaß einzigartig…“
Der „Verrat“ der letzten Wendung – eine große Ausnahme hier auf dieser Plattform – erfolgt, weil, und nun wird der Kreis zum Anfang geschlossen: KiJuKU stieß bei „Jungspund“, dem jüngsten (fünften) Theaterfestival für junges Publikum im Ostschweizer St. Gallen über kurze Szenen von „Zämme-n-es Viehchi si“ (gemeinsam das Biest sein) des Figurentheaters Michael Huber erst auf dieses Buch. Und der Spieler nimmt in dem stark von diesem Buch inspirierten Stück, das er erst entwickelt, das Ende sozusagen vorweg – KiJuKU hat darüber auch schon berichtet – Link dazu am Ende der Buchbesprechung. In der Theaterversion mit kleinen Figuren auf einem Tisch und live gespielter Ukulele-Musik tauchen die Kinder zunächst als solche auf und fragen Racine um Birnen. Kommt überhaupt nicht in Frage, meinte der geizig. Und dann verkleiden die sich eben als Biest…
Mit der neu gewonnen Freundschaft, wenngleich erst im Alter, wird der zunächst geizige einstige Finanzbeamte sozusagen (wieder?) zum Kind und beginnt sogar den fast peinlichen Spaß (in der Akademie der Wissenschaftenzu verstehen 😉
Bläulich getönt empfängt die Ankommens-Station im Zoom Kindermuseum die jungen und jüngsten Besucher:innen der „brand“aktuellen, neuen Mitmachausstellung im Wiener MuseumsQuartier – ein atmosphärischer Einstieg in „Donaurauschen und Flussgeflüster“ (6 bis 12 Jahre). Viel(fältig)es rund um den zweitlängsten Fluss Europas (2.857 Kilometer) selbst, aber auch Allgemeines über Flüsse, ihre – natürlichen und künstlich eingezwängten – Verläufe, ebenso wie darüber hinausgehend generell über den Kreislauf von Wasser sind Themen. Und werden – wie üblich hier und insgesamt in Kindermuseen mit ihren „Hands on“-Zugängen be-greifbar.
So ziehen sich die ersten Kinder gleich nach dem kleinen Atrium, in dem die Gruppen auf die künftigen 1½ Stunden eingestimmt werden, bei „Hochwasseralarm“ gelbe Warnwesten über, schnappen sich bretterähnliche Elemente aus leichtem Material und schieben sie zwischen die Metallsteher des Hochwasserschutzes, den Anfang machte Gabriel, Schulsprecher der Volksschule Pfeilgasse, wo er eine der Mehrstufenklassen besucht. Die war die allererste in der neuen interaktiven Ausstellung und durfte schon bespielen, während im Forum Direktorin und zwei Stadträtinnen den Medienleuten darüber erzählten, Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… aber – so wie ein ORF-Team lieber gleich Kinder bei ihren Aktivitäten begleitete.
Einige Meter weiter steht ein großer durchsichtiger „Kasten“ mit Kurbeln – jener Abschnitt der Donau, wo sie durch Wien fließt – samt der Möglichkeit über die Kurbeln ein bisschen Wasser in den Strom fließen zu lassen, und wenn’s zu viel wird, über einen Hebel einiges davon in die „Neue Donau“ umzuleiten. Geplant und gebaut als effizienter Hochwasserschutz, wurde vor Jahrzehnten mit dem für diesen Kanals ausgehobenen Erd- und Gesteinsmaterial die Donauinsel aufgeschüttet; längst zum beliebten Erholungs- und Freizeitgebiet geworden.
Ein riesiger, heb- und senkbarer, Flusslauf mit kleinen Holzhäusern an verschiedenen Ufer-Abschnitten, lässt den natürlichen, mäandernden Lauf von Fleißgewässern erleben – samt möglichen Überschwemmungen, wenn die Kinder der Person, die diese Station betreut sagen, sie solle viel mehr Wasser reinlaufen lassen. Aber auch mit der Möglichkeit aus dem Kies Dämme zum Schutz davor zu bauen.
Gleich neben dieser recht riesigen Fluss-Installation findest du das Modell eines Flusskraftwerkes. Wenn du es per Knopfdruck in Bewegung setzt, fließt Wasser, das treibt die Turbine an und erzeugt so Strom. Bald danach leuchten unterschiedlich hohe Türme auf einem an der Wand hängenden Stadtplan von Wien – und symbolisieren sozusagen die Energie, die nun in die Haushalte fließt.
In einer der digitalen Spielstationen kann miterlebt werden, wie eine Schleuse funktioniert, damit Schiffe wie eine einem mit Wasser gefüllten oder eben abgelassenen „Aufzug“ rauf- oder runterfahren können. Die Sprachauswahl ermöglicht allerdings nur zwischen Deutsch und Englisch zu wählen. Schade, Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… hatte erwartet, dass wenigstens die Sprachen der Donauländer verfügbar wären. Die gibt es schon, aber „nur“ bei der Puzzle-Station.
An einer spiegelnden halbrunden Metallwand finden die mitspielenden Besucher:innen zehn große bzw. kleine Teile – die Karten jener Länder, durch die die Donau fließt: Deutschland, Österreich, Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Rumänien, Bulgarien, Republik Moldau und Ukraine.
Samt den entsprechenden ähnlichen und doch unterschiedlichen Namen: Donau – Dunaj – Duna – Dunav – Dunărea – Dunav – Dunaj sowie den Wörtern für Fluss: Rieka – Folyő – Rijeka – Reka – Râu – Reka – Rischka. Für Bulgarisch und Ukrainisch hätte es sich jedenfalls zusätzlich in deren kyrillischer Schrift angeboten – was auch für Serbisch gilt, das eben in zwei Alphabeten existiert. Übrigens hieß Fluss im Ukrainischen eigentlich Потік (Potik).
Bei einer anderen Station kannst du sozusagen analog die Donau flussaufwärts scrollen – am Rad drehen, die Kilometeranzahl von der Mündung bis zur Quelle erscheint – und dazu Fotos einiger Städte am entsprechenden Ufer.
Das ist aber bei Weitem nicht alles. Es warten – übrigens bis Ende Juni des kommenden Jahres (2027) etliche weitere Stationen – beispielsweise Mikroskope mit deren Hilfe du sehr kleine Lebewesen aus der Donau betrachten kannst, ein beeindruckendes Video über die Donaulandschaften…
Drei recht unterschiedliche verspielte Stationen haben es vielen Kindern der genannten Klasse angetan, die nun hier noch näher beschrieben seien: Einige der in der Donau heimischen Fischarten inspirierten Künstler:innen zu Kostümen, die diesen nachgebildet sind und in die Kinder leicht hineinschlüpfen können. Zu dritt wanderten Frida, Sofia und Amina gefühlt fast die ganze Zeit als „Wels“ durch „Donauraschen & Flussgeflüster“ und immer wieder auch durch senkrechte von der Decke eines Tunnels hängende dicke Stoffnudeln – entweder gegen oder mit dem Strom. Yola „flatterte“ als Muschel, die sich immer wieder öffnete und schloss durchs Gelände.
Inad fühlte sich offensichtlich sehr wohl in einem Kostüm, das meisten aufs erste für ein Seepferdchen hielten; trotz Skepsis, ob solche in der Donau beheimatet sind (Süßwasser-Gattungen gibt es). Das Wort für Seepferdchen zeigte Inad auch KiJuKU in seiner Sprache, der Österreichischen Gebärdensprache, die übrigens auch alle anderen Kinder dieser Klasse lernen. Ach ja, zum Glück fragte der Reporter später beim Kindermuseum nach und erfuhr: Wird zwar von vielen – auch Mitarbeiter:innen – als Seepferdchen gesehen, ist aber ein Fisch namens Nase und grundelt in Bodennähe – müsste also statt aufrecht gehend, eher kriechend verwendet werden.
Der Huchen – ein glitzerndes Kostüm dieses Fisches, ist aber wirklich ein solche – und den gebärdete Inad Buchstabe für Buchstabe.
Fischkostüme hatten es übrigens auch den beiden Stadträtinnen – Veronica Kaup-Hasler (Kultur und Wissenschaft) sowie Bettina Emmerling (Bildung, Jugend, Integration, Transparenz und Märkte) angetan. Als glitzernder Huchen sowie Hecht „mit dicker Lippe“ kostümiert „schwammen“ sie durch die hängenden Stoffnudeln mal mit und dann wieder gegen den Strom.
Fast noch beliebter war eine ebenfalls mit viel Stoff versehene erhöhte Art blauer Oase – mit vielen Pölstern an der kreisrunden Wand, großen mit Bildausschnitten bedruckten Stoff-Quadern, die an Würfel-Puzzle erinnern. „Donau-Raum“ genannt, kommen aus Kopfhörern, die zwischen den Wandpölstern angebracht sind, Geschichten – ein Fisch, ein Vogel und ein Mensch erzählen, wie sie sich die Donau wünschen. Das Konzept dieser Station ist aber beim Lokalaugenschein nicht wirklich aufgegangen –Kinder fanden eine ganze andere Spiel-Möglichkeit – in die Pölster springen, sich darin kuscheln, Pölsterberge bauen… – „die Station ist die beste, weil die Wände mit den vielen Pölstern so weich sind, da kannst du dich gegen die Wand werfen“, fanden fast im Chor Moritz, Lamin, Jakob und Lian als KiJuKU fragte.
Zur Donau selbst meinten die vier, „neu war für uns, dass sie durch zehn Länder fließt, sieben haben wir schon vorher gewusst, vor allem, dass die Ukraine auch dazugehört, war überraschend“.
Der oben schon erwähnte Inad war am meisten vom „Schwimmen“ in mehreren Fischkostümen durch den Stoff-Strom begeistert „und über die Donau hab ich schon vorher viel gewusst“.
Bei einer offenen Kreativstation kannst du dir Anhänger verschiedenster Formen gestalten – aus einem verblüffenden Material. Die dünne weiße Folie – vorbereitet in kreisen, Fisch- und anderen Formen – schrumpft und wird hart, wenn sie bei rund 150 Grad erhitzt wird. Auf die noch größere Folie malst du mit Bunt- oder Filzstiften, mit einem Locher machst du, so du willst, ein Loch rein. Und kannst somit später ein Ohrring, ein Teil für eine Kette oder was auch immer damit basteln.
Zurück zum Fluss, der durch die oben aufgezählten zehn Länder fließt. Außerdem bringen Flüsse aus weiteren neun Ländern Wasser in die Donau. Der Kinder-KURIUER, Vorläufer von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… verwendete den oben zitierten Zwischentitel damals (Juli 2019) als Überschrift für einen Beitrag zwei Projekte junger Tschetschen:innen in Österreich – über ihre eigenen Sehnsüchte und Zukunftspläne sowie über Vorurteile mit denen si immer und immer wieder konfrontiert sind.
Hamzat (damals 18) hatte ein Video dazu gedreht und dafür verschiedene Ansichten der Donau gefilmt – mit folgendem Kommentar: „Die Donau wird von jedem akzeptiert. Schwimmen, fischen, mit Schiffen und Booten fahren … Die Donau fließt in verschiedenen Ländern und in jedem dieser Länder machen die Menschen dasselbe. Ich wünschte, jeder Mensch würde jeden Menschen so akzeptieren wie alle die Donau. Egal welches Alter, welche Religion, welche Hautfarbe. Deshalb hab ich gedacht, ich filme die Donau.“ – Link zum ganzen Beitrag unten, leider hinter einer Bezahlschranke.
„Welches Alter?“ – „Unser Alter!“ Zu diesem knappen, prägnanten Dialog animiert Olivia Stauffer das Publikum am Ende des ungefähr zehnminütigen Ausschnitts von „Wen kümmert’s?!“ Dieser war – wie acht andere – am letzten Tag des Theaterfestivals für junges Publikum im Ostschweizer St. Gallen zu erleben. Bei „Jungspund“ ermöglicht das „Schaufenster“ Einblicke in neue (entstehende bzw. schon fertige) Stücke aus der Schweiz – KiJuKU berichte(e).
Altersdiskriminierung – meist gedanklich verknüpft mit Senior:innen (neudeutsch Ageismus genannt) wird vom uantuzten theaterkollektiv generell erweitert, vor allem auf die „Ränder“, sprich Kinder und Alte. Dafür arbeitete die Gruppe (Regie, Text: Jette Jantine Clasen, Theaterpädagogik: Wilma Schapp) in der Recherchephase partizipativ mit einer Schulklasse und einer Senior:innengruppe.
Viele dieser Erfahrungen setzt die Performerin (Bühnen- und Kostümbild: Jana Brändle) in Szenen vor allem mit Schaumstoffteilen um. Ein Stück zusammengerollt wird zum Baby, später „entfaltet“, zum Kind, das sie von ersten Trippelschritten bis hin zur Selbstständigkeit gehen lässt. Doch kaum wird die Figur jugendlich, ist es vorbei mit der „Herzigkeit“. Nach „Gratulation“ für die Pensionierung werden hier die Schaumstoff-Oldies – zumindest in diesem Ausschnitt – weniger diskriminiert als vielmehr überhäuft mit Gratis-Care-Aufgaben überhäuft.
Wie auch immer, diese sehr oft zentral gestellt Frage nach dem Alter bzw. entsprechende Schubladisierung, wird in „Wen kümmert’s!“ mehr als in Frage gestellt. Und lautstark in einer Demonstration aus vielen bunten zu einem Tableau zusammenmontierten bunten Kartonfiguren von der Spielerin über die Bühne getragen – samt animierender Einladung an Zuschauer:innen, Sprüche wie die eingangs zitierten gemeinsam zu skandieren. Schon davor wirft sie ein Klebeband und einen Stift ins Publikum – jede und jeder kann ein eigenes Wunschalter draufschreiben und sich an die Kleidung kleben. Wobei praktisch alle dann erst recht wieder eine Zahl draufschreiben und damit der Altersangabe erst recht wieder eine wichtige Bedeutung zumessen. Der Berichterstatter wollte – aber bis zu ihm in der letzten Reihe kamen Klebeband und Stift nicht – einfach ein Fragezeichen oder ein Smilie aufmalen 😉
Ort der Handlung: Ein Krankenhaus, konkret ein Operationssaal. Das Geschehen: Dringender Eingriff am Herzen eines Kindes.
Ganz schön heavy, was die Gruppe „Engel & Magorrian“ mit der neuesten Produktion „Im Härz“ ab 6-Jährigen bieten wird; das Stück ist noch in Entwicklung, beim Schaufenster wurde darüber nur erzählt und einige erste Szenen im Video gezeigt. Übrigens, in den Titel hat sich kein Tippfehler eingeschlichen, die Gruppe spielte auch die beiden vorherigen Stücke im und mit Dialekt – „Was macht ds Wätter?“, „Guet Nacht, Chuchi!
Emily Magorrian mit beruflich medizinischer Vorerfahrung und Luzius Engel haben das neue Stück konzipiert und führen Regie. Drei Schauspieler:innen – Luisa Wolf, Moritz Alfons und Annina Mosimann – werden zu Ärztin, Assistenzarzt und OP-Assistentin. Das zu operierende Kind ist eine große Puppe, gebaut von Ernestyna Orlowska, die auch für Kostüme und viele Objekte sorgt; Bühne: Linda Rothenbühler.
Der chirurgische Eingriff, bei dem so „nebenbei“ die eine oder andere wichtige Information über unseren zentralen Muskel transportiert werden, der unser aller Leben taktet, rückt die viel größere Dimension von Herz, pardon Härz, ins Zentrum: (Vor-)Lieben, Leidenschaften, Ängste … fördern die „Mediziner:innen“ in Gestalt von Objekten aus der jungen Patientin zutage – von Musikinstrumenten bis zu Schläuchen, über die das OP-Team nun mit dem Herz und damit dem Kind auf dem Operationstisch telefonieren.
Gerade das Spiel mit diesen Objekten verspricht den aus den beiden bisherigen Stücken bekannten Humor und Spielwitz auch in dieser ernsten Ausgangssituation wieder aufleben zu lassen.
Eine helle OP-Lampe wird sich übrigens in eine Art Lautsprecher verwandeln, über den eine Audiodeskription ertönt, mit der das Geschehen auch leicht verständlich erklärt wird, um auch nicht (so gut) sehenden Besucher:innen dieses Theatererlebnis zu ermöglichen. Gespielt wird – so die Ankündigung – mit wenig Text in Mundart, kann aber auch auf Deutsch, Französisch oder Englisch erfolgen.
Compliance-Hinweis: Die Berichterstattung kann nur erfolgen, weil das Festival „Jungspund“ Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … für vier Tage nach St. Gallen (Schweiz) eingeladen hat.
Über der Bühne hängt an quer gespannten Seilen eine sehr große, leichte Kunststofffolie wie ein fast hauchdünne Wolke. An weiteren Seilen baumeln unterschiedlichste Flaschen, Dosen und Deckel – die meisten Behältnisse für Lebensmittel und Getränke. Und das ist bei Weitem noch nicht alles, was an Requisiten in der rund 50-minütigen Performance „Plastic!“ derzeit im Zirkus des Wissens, einem Veranstaltungsort der JKU (Johannes Kepler Uni) am Stadtrand von Linz, darauf wartet, bespielt zu werden.
Coco Brell spielt, tanzt, musiziert kunstvoll mit den genannten und vielen weiteren Objekten aus den künstlich von Menschen hergestellten Materialien. Parallel dazu „bespielt“ Regisseur Marcel Keller, als Klischee-Prof gekleidet, mit live gemalten und comicartig gezeichneten Bildern und vorbereiteten Grafiken, die große Rückwand mit den via Live-Kamera übertragenen Illustrationen: Zu Beginn mit breitem Pinsel und Wasserfarben bläuliche Wellen, die er sobald das Blatt voll ist mit schwarzen Linien durchkreuzt, bis alles zu einer grauen Soße verschwimmt.
So manche Fakten werden immer wieder eingestreut – wer, wann welche Kunststoffe erfunden hat. Wieviel Plastik produziert wurden und werden. Wie viele Millionen Tonnen davon in die Meere gespült werden – gewaltige Müllinseln, die immer wieder medial vorkommen, werden auch hier genannt, wie der „Müllstrudel“ im Pazifischen Ozean (Great Pacific Garbage Patch). Allerdings machen diese in Wahrheit nur einen Bruchteil des Plastiks in den Meeren aus, der überwiegende Großteil sinkt auf den Grund der Ozeane bzw. ist schnell sehr zerkleinert – Mikroplastik und landet mehr oder minder rasch in den Nahrungskette der Meeresbewohner:innen und in der Folge u.a über Fischkonsum in uns Menschen …
Chemische Atom- und Molekülketten(-reaktionen), die bei der Herstellung ablaufen oder auch, dass am Beginn Billardkugeln standen sind Elemente der erzählten, eingeblendeten und dargestellten Fakten. Die Kugeln für das Spiel auf grün befilzten Tischen wurden ursprünglich aus dem Elfenbein von Elefanten-Stoßzähnen hergestellt. Ein bis zwei der Dickhäuter mussten für einen Satz von Kugeln ihre Leben lassen. Und daswar obendrein recht teuer.
Nicht nur, aber auch ein von einer US-Firma ausgeschriebener Bewerb für Billardkugeln aus billigerem Ersatzmaterial ließ John Wesley Hyatt 1868 verformbares Celluloid aus Nitrocellulose und Kampfer entwickeln. Da Celluloid leicht Feuer fing und obendrein nicht besonders wasserfest war, wurde es bald von anderen, neueren Kunststoffen ersetzt.
Dennoch ist „Plastic!“ alles andere als eine Lehrveranstaltung, sondern eine spannende Aufführung rund um und vor allem mit Kunststoffen – samt ihren Ambivalenzen: Nicht nur langlebig und schlecht abbaubar, aber auch sehr praktisch, sondern nicht zuletzt für die Erzeugung erneuerbarer Energien – Windräder oder Solarpaneele – einsetzbar und (noch?) erforderlich.
Spielfreudig und lustvoll wechselt die Performerin zwischen Schauspiel, Tanz und Live-Musik – Ukulele, E-Gitarre, Keyboard und Schlagzeug, von dem aus sie mit kräftigen Trommelschlägen kleine Plastikteile in die Luft fliegen lässt. Zwischendurch schlüpft sie in die Rolle einer Hexe, die mit Zahlen-Zauberspruch alles Mögliche zusammenbraut oder wird zu drei verschiedenen Typ:innen von Influencer:innen, um Plastik-Dinge zu promoten oder ganz gegenteilig für ein kunststofffreies Leben zu werben.
Gegen Ende der Performance richtet sich dieser menschliche Wirbelwind an das (junge) Publikum, ersucht die eine und den anderen – nein, nichts zu sagen, sondern mit Kunststoffteilen an Kleidung oder auch auf Nägeln Geräusche zu erzeugen. Die nimmt sie mit dem Mikro auf und speist sie in den via Loopstation erzeugten Soundmix.
Apropos interaktiv – Feedback wird am Ende nicht „erfragt“, sondern kann mit Hilfe von Legosteinen – verspielt gegeben werden. Übrigens meldet das dänische Baustein-Unternehmen aktuell einen Rekordumsatz und -gewinn und verkündet unter anderem, dass die genoppten Steine mittlerweile zu mehr als der Hälfte aus erneuerbaren und recycelten Inhaltsstoffen produziert werden.
Einzig schade, dass das im Verlauf des Stücks einmal genannte Rezept, um selber zu Hause biologischen, auch formbaren, Kunststoff herzustellen, weder analog noch digital verteilt wird, was nebenbei für manch andere der transportierten Infos auch kein Fehler wäre. Aber KiJuKU hat aus dem Internet ein solches Rezept einer luxemburgischen Science-Site „gefischt“, das – zugegeben jetzt noch nicht ausprobiert -, mittelschwer bzw. -leicht machbar scheint, samt Zutatenliste: Wasser, Speisestärke, Essig, Glyzerin (aus der Apotheke), Kochtopf, Kochplatte, Schneebesen, Kochlöffel, Backblech oder andere Unterlage für heiße und feuchte Bioplastikmasse – Rezept und Kochanleitung sind am Ende des Beitrages ebenso verlinkt wie übersichtliche Seiten zur Geschichte von Kunststoffen unter dem Titel „Plastik – Fluch und Segen“.
Unter den Links unten findest du auch einen Bericht über eine monatelange, leider schon zu Ende gegangene Ausstellung / Installation namens „Metabolica“ im Wiener MuseumsQuartier. Dort hat der Künstler Thomas Feuerstein in einer großen Maschinen-Anordnung aus Algen und Bakterien einen Biokunststoff herstellen lassen; Bio-Kunststoff aus dem er schon davor Kunstwerke geschaffen hat.
science.lu/ –> bioplastik-rezept
nachhaltigkeit-im-unterricht.de –> plastik-geschichte
nachhaltigkeit-im-unterricht.de –> kann-plastik-nachhaltig-sein
„Schaufenster“ nennt das zweijährlich im Ostschweizer St. Gallen stattfindende Theaterfestival für junges Publikum „Jungspund“ den ausgedehnten Vormittag am letzten Tag. Gruppen oder Häuser aus der Schweiz zeigen jeweils rund zehnminütige Ausschnitte aus aktuellen Stücken, schon fertigen oder von solchen, die gerade erst im Entstehen sind, entwickelt werden und sich vor allem – aber wie generell bei guter Kunst nicht nur – an Kinder und / oder Jugendliche richten.
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… wurde vom „Jungspund“-Festival für mehrere Tage, auch dem letzten, eingeladen. In diesem Beitrag, aber auch weiteren Berichten werden die dabei insgesamt neun Stücke vorgestellt; eingeladen sind jeweils zehn, ein Theater (Teatro Pan mit „Piccoli universi sentimentali“, ab 3 Jahren) musste leider absagen. Um keine eeelendslange Scroll-Latte hier anzulegen, werden die Ausschnitte auf mehrere Beiträge – altersmäßig gestaffelt – aufgeteilt; beginnend mit den Jüngsten, zwei Stücken für ab 4-Jährige.
Geister – einerseits flößen sie Angst ein, andererseits lieben viele Kinder Gespenstergeschichten und -spiele. Und in der Doppeldeutigkeit brauchen doch alle gute Geister, auch Theater(-häuser). Ähnliche Überlegungen könnten Pate gestanden haben bei „Geisterstunde“ von vanderbolten.production.
Ein Trio aus Theatertechnikerin, Kostümbildnerin und Intendant – Luna Schmid, Natalina Muggli, Max Gnant – spielt Künstler:innen, die sich vor dem Poltergeist, der hier haust, doch eher fürchten. Was sie vor allem mit diversen Musik- und anderen Instrumenten, mit denen sie diese Ängste hör- sowie über Körper- und Gesichtsbewegungen sichtbar machen, ausdrücken. Sie schaffen es, mit dem Poltergeist zu kommunizieren. Und kommen drauf, der will ausziehen.
Aber ohne (gutes) neues Gespenst? Was gäbe das denn, wenn Bühnen „von allen guten Geistern verlassen“ wären? Also, auf, einen neuen Geist zu suchen – und hoffentlich – finden. Dafür soll, so das Versprechen, auch das Publikum einbezogen werden.
Fast ein wenig schüchtern steht er da – neben einem Tisch mit einer Bildcollage eines Birnbaums, die Saiten einer Ukulele anspielend kündigt Michael Huber „e luschtigi eigenartigi Gschicht“ an. „Zämme – n – es Viech si“ (zusammen das Tier sein) ist die Dramatisierung eines (nicht nur Kinder-)Buchklassikers von Tomi Ungerer „Das Biest des Monsieur Racine“ (erstmals 1972 erschienen).
Huber, der wie er sagt, seine Stücke zuerst immer im regionalen Schweizer Dialekt spielt, diese aber später auch auf Französisch und im kommenden Jahr auf Hochdeutsch zeigen will, „übersetzt“ diese einigermaßen schräge Bilderbuchgeschichte in Figurenspiel auf kleinstem Raum. Auf dem besagten Tisch führt er, von dem auch Idee, Konzept, Figuren- und Bühnenbau stammt, den älteren Zahlenfuchs Racine (pensionierter Steuereintreiber) vor seinem Birnbaum auf und ab, stolz auf die Früchte seines Baumes, die besten von ganz überhaupt.
Doch als Flora und Sami, zwei Kinder aus der Nachbarschaft, ihn um eine Birne fragen. Nix da. So weeeertvoll, unerschwinglich. – Na, Sie könnten uns doch eine schenken!?
Na das schon gar nicht.
Da lässt Tomi Ungerer die beiden Kinder zu einer List greifen, die Huber natürlich auch in eine weitere Handpuppe ummünzt: Aus Decken basteln sich die Kinder ein ungeheures monsterartiges Tier, das einfach Birnen klaut. Detektivisch ist der werte Herr Racine überfordert – solche Fußspuren? Und… es kommt zu einer doch recht überraschenden, bei Tomi Ungerer, dem Schöpfer dieses Buches, aber durchaus nicht ungewöhnlich;)
Compliance-Hinweis: Die Berichterstattung kann nur erfolgen, weil das Festival „Jungspund“ Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … für vier Tage nach St. Gallen (Schweiz) eingeladen hat.
And the Winner is…! Oder doch nicht so. Natürlich vergab auch diese Jury Preise –einerseits gleich mehrere, sogar mehr als die ursprünglich gedachten drei. Und selbst dabei beließen es die vier begeisterten und trotz ihrer Jugend schon jaaahrelangen Theaterbesucher:innen nicht. Lila Bissinger, Carmen Caseli, Lionel Falkenbach und Yael von Wartburg (alphabetisch nach Nachnamen sortiert) waren bei der nunmehr fünften Ausgabe des Theaterfestivals für junges Publikum die erstmalige Jugendjury (eine der Neuerungen bei „Jungspund“, wie dieses Festival im Ostschweizer St. Gallen heißt).
Das Quartett, unterstützt von der Theaterpädagogin Lena Böllinger, die beim Festival für Kommunikation und Medien verantwortlich ist, hat nicht nur alle elf Stücke akribisch beobachtet, sich Notizen gemacht, jede:r für sich und gemeinsam in der Gruppe besprochen, reflektiert… sondern auch alle Produktionen zumindest „lobend erwähnt“. So würde dies im Jury-Fachjargon genannt werden. Die 13- bis 15-Jährigen fanden jedoch mehr – neben wertschätzenden Sätzen für alle Stücke erkannten sie diesen zumindest je einen Preis in Form einer Filzblume zu – das sei gleich zu Beginn hier vorweggenommen.
Dabei hoben die Juror:innen jeweils einen Aspekt besonders hervor, einige Beispiele seien hier zitiert, etwa das Bühnenbild bei „Für immer weg“, die „ganze Dynamik untereinander“ in „Heidi“ oder „dass mal die andere Seite von Märchen beleuchtet wurde“ im Figurenstück „Wolf und Nager“ bis hin zu „das rührendste Stück ever, das einen einfach nicht mehr loslässt“ als Charakterisierung von „Prinz*in“ – alle sieben prägnanten Wertschätzungen finden sich – wie auch die ausführlichen Begründungen für die noch größeren Preise auf der Jungspund-Homepage – unten am Ende des Beitrages direkt auf diese Site verlinkt.
Mit lila Brillen, leicht aufgeregt aber schnell abgelegter Nervosität, verkündeten die Jugend-Juror:innen zunächst die drei – vorgesehenen – Stücke, die sie mit den eigens dafür angefertigten Preisen mit dem roten frechen Jungspund-Logo-Maskottchen belohnten, wobei schon diese drei Preise nicht einer Reihung folgen, sondern für drei unterschiedliche Kategorien stehen: Originalität, Zusammenspiel sowie Szenografie.
„Von den mehrschichtigen Kostümen, über die Art der Bewegung, bis hin zu Leiterturm und den Früchten, die von der Decke gelassen wurden – alles am Stück war wirklich einzigartig und hat gut harmoniert“, argumentierte Lionel Falkenbach den Preis in der Kategorie Originalität für „Actapalabra“ (Théâtre Am Stram Gram aus Genf). Es „regt zudem viel zum Nachdenken und Interpretieren an. So haben wir Themen gesehen wie: sich Nähe trauen, ein Ziel verfolgen, Zwänge ablegen und locker werden. Durch das ganze Stück zog sich auch noch ein spannender Kontrast zwischen Ordnung und Chaos. All das wurde sehr kreativ in Bewegung, Licht, Musik und Bühnenbild ausgedrückt. Deshalb: Gratulation an alle, die an diesem gelungenen Stück mitgewirkt haben.“
„Das Stück, das in dieser Kategorie den ganzen Applaus einsackt, ist – wie viele andere – eines, das sich ins Gedächtnis einbrennt und einfach nicht mehr wegzukriegen ist“, begann Yael von Wartburg die Begründung für den Preis fürs Top-Zusammenspiel an „Gugus!“ (Rebecca Weingartner, Basel). Wobei hier zunächst noch erklärend für den Stücktitel anzumerken ist, dass dieses Wort im Schweizerdeutschen sowohl „Hallo“ als auch „Unsinn“ bedeuten kann.
„Die beiden Schauspieler (Demian Bucci, Guilhèm Charrier) vertrauten sich nicht nur vollkommen, sondern ergänzten sich auch in ihren Bewegungen, als ob sie sich schon ewig kennen. Das Stück war abwechslungsreich, interessant und mit sehr viel Humor gestaltet. Außerdem haben die Darsteller mit dem Publikum interagiert und mit Bonbons um sich geschmissen. Nicht zu vergessen sind auch die akrobatischen Leistungen, die die beiden vorgeführt haben. Mit vielen, aber einfachen Requisiten haben sie das Theater kreativ ausgebaut. Das Publikum war außerdem begeistert. Genauso wie wir.“
„Wir, die heiß gefürchtete Jugendjury“, brachte Lila Bissinger einen Schuss Selbstironie in die Preisverleihung auf der Bühne im Festivalzentrum der Lokremise beim Bahnhof St. Gallen, „sind aus dem Figurentheater (FigurenTheater St. Gallen und Theater Sven Mathiasen) rausgegangen und waren sehr fasziniert. Ich glaube, ich sogar am meisten. „Ronja Räubertochter“ ist schon immer eines meiner Lieblingsbücher gewesen. Und diese humorvolle, rührende, zeitlose Geschichte der Tochter des Räuberhauptmanns haben diese beiden Männer (Lukas Bollhalder, Sven Mathiasen) wunderschön rübergebracht. Aber wieso jetzt den Preis für Szenografie? In dieser Kategorie haben wir uns Bühnenbild, Requisiten und alles rundherum angeschaut.
Und in diesem Stück wurden Vielfältigkeit und Wandelbarkeit durch einfachste Dinge toll zum Ausdruck gebracht. Auf der Bühne standen eigentlich nur ein paar Boxen und so Pappgerüste. Und durch ein paar Handgriffe entstanden neue Welten. Durch Decken-Drüberlegen und Verschieben der Boxen konnte man von der Mattisburg bis zur Bärenhöhle übergehen. Und aus den Boxen kamen immer mehr Schätze raus. Und die Puppen dürfen nicht vergessen werden! Die Puppen hatten so nette Kostümchen und ihr habt nur zu zweit sooo viele Puppen gespielt, mit ganz tollen Stimmen! Und selbst habt ihr auch mitgespielt! Mit Überzeugung und Witz! Am besten waren die Puppen von Ronja, Birk und Glatzen-Per. Wie viel ich hier noch reden könnte! Aber auch insgesamt war es ein Stück, das man so schnell nicht vergisst. Vielen Dank für diese tolle Vorstellung!“
Und dann hatten sich die vier Mitglieder der Jugendjury noch einen vierten großen Preis samt eigener Kategorie ausgedacht: Beste Umsetzung in Bezug auf Aktualität und Relevanz. Carmen Caseli erläuterte die Bewegründe dafür: „Liebes Publikum, während wir uns tiefgründige Gedanken über die drei Kategorien gemacht haben, sind uns Stücke ins Auge gefallen, die nicht nur in die Kategorien Szenografie, Zusammenspiel oder Originalität passen – und trotzdem ihren Charme hatten. Für diese Stücke mussten wir kreativ werden und haben noch eine weitere Kategorie überlegt. In dieser geht es um die beste Umsetzung in Bezug auf Aktualität und Relevanz.
Nach einer langen, zweiseitigen Diskussion haben wir uns entschieden. Herzlichen Glückwunsch für das Team von „Versteckt“ (Konzert und Theater St. Gallen). Im Stück ging es um Rassismus und Ablehnung. Uns hat das Stück überzeugt, weil es politisch sehr relevant ist, das Thema lokal ist und ohne Sarkasmus oder Unglaubwürdigkeit rübergebracht wurde. Die Geschichte war erfunden, aber gleichzeitig auch wahr. Herr Herbster war der Nachbar, der dort aufgewachsen ist und wir fanden, dass er nicht unbedingt als Bösewicht oder als schlechte Person dargestellt wurde. Der wichtigste Punkt zum Schluss war wohl, dass man in diesem Stück sehr viele Interpretationsfreiheiten hatte.“
Die vier jungen Juror:innen leben in St. Gallen, waren hier schon oft, von ganz jungen Jahren an, in Theatervorstellungen, kennen aber auch sozusagen die andere Seite, erzählen sie im Interview nach der Preisverleihung Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… Sie haben schon immer wieder auch auf Bühnen gespielt, sei es mit Gruppen in ihren Schulen oder teils auch in anderen Theatern.
Für die Jugendjury wurden einige von ihren Lehrer:innen darauf angesprochen, „ich habe dann eine eMail mit einer Bewerbung geschrieben, in der ich ausführlich begründet habe, warum ich bei der Jury dabei sein möchte“, schildert beispielsweise Lila Bissinger.
Irgendwie können sich einige Schauspiel auch als möglichen Beruf vorstellen, alle aber fassen sicherheitshalber (aus-)bildungsmäßig jedenfalls ein zweites anderes, sichereres Standbein ins Auge. „Schön wär’s schon“, tönt es dem Journalisten entgegen, aber sich keiner solchen Unsicherheit aussetzen ist der angedeutete bis geäußerte Tenor.
Jedenfalls hätte auch die Arbeit als Teil der Jugendjury tiefere Einblicke in die Welt rund um das Theater gebracht, lassen einige noch anklingen.
Compliance-Hinweis: Die Berichterstattung kann nur erfolgen, weil das Festival „Jungspund“ Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … für vier Tage nach St. Gallen (Schweiz) eingeladen hat.
Soft startet die in der Folge über weite Strecken (mehr als) rasante Tanzperformance des Kollektivs „remi demi“ (ausgelassenes Treiben) zum Abschluss des Theaterfestivals für junges Publikum im Schweizer St. Gallen. Schon während das Publikum den Saal betritt, ertönt Musik, links und rechts stehen wie in einem sportlichen Spielfeld je drei Tänzer:innen, schwingen hin und her, stimmen sich – und die Hereinkommenden -gewissermaßen ein.
Ein wilder Mix aus unterschiedlichen Hip*Hop-Stilen samt artistischen Breakdance-Szenen reißt das Publikum rund eine Stunde lang mit, das dies immer wieder auch spontan lautstark bekundet; vielleicht auch, weil kurz vor dem echten Start eine Mitarbeiterin des Kollektivs rund um die Performer:innen selbst erklärt, dass dies durchaus erlaubt sei; ebenso wie fotografieren und filmen – nur ohne Blitz und Auslöser-Klick-Geräusche.
Atemberaubende Moves im Zeitraffer-Modus werden aber auch mehrmals von fast stillen, jedenfalls langsamen Momenten bis hin zu Tanzbewegungen in SloMo (Slow Motion) unterbrochen: Oder ist dies gar nicht das passende Wort? Sind doch die Zeitlupen-Szenen genauso Teil des Gesamtkonzepts. Denn „remi demi“ will mit den „Großen Schritten“, nicht nur eine artistische, körperliche Tanzshow auf höchstem Niveau liefern. Das Kollektiv, das „Giant Steps“ in einem langen, nicht immer einfachen, gemeinsamen demokratischen Prozess erarbeitet hat, will mit wenigen Worten – unter anderem einer Leuchtschrift-Botschaft am Ende – vor allem aber durch ihre Körpersprache einerseits Mut machen, „bitte, groß zu träumen“. Und dafür durchaus Risiko einzugehen.
Aber sich gleichfalls Momente der Ruhe zu gönnen, sich aus dem daily Struggle – immer besser, immer schneller, immer funktionieren zu müssen, wie es andere wollen – rauszunehmen. Sich eng umschlungen als Gruppe gegenseitig zu stützen, Halt zu geben, Kraft zu tanken – um den eigenen Weg zu suchen, zu finden, zu gehen. Wobei diese (tänzerischen) Wege nicht „lonely wolves“-Fährten sein müssen. Wenngleich immer wieder die eine oder der andere der Tänzer:innen kurze Solo-Auftritte auf den roten Tanzboden zaubert, so verstehen die anderen dies praktisch immer als Einladung, davon zu lernen, die entsprechenden Moves aufzunehmen, mitzumachen.
Plötzlich landen, nicht prall aufgepumpte, vorher an einzelne Zuschauer:innen verteilte, Bälle bei den Tänzer:innen, die sie in mehreren Szenen auf unterschiedlichste Arten mit in ihre Bewegungen integrieren. Und damit eine – immer wieder auch sonst mehr als nur durchblitzende – Facette von „Giant Steps“ offensichtlich zeigen: Verspieltheit, spielerische Leichtigkeit trotz oder gerade bei hochprofessioneller Performance: Leistung, aber aus eigenem, gemeinsam beschlossenem, erarbeitetem Antrieb und nicht wegen Vorgaben einer sogenannten Leistungsgesellschaft, die eher auf Funktionieren-sollen als Rädchen fremdbestimmter Maschinerien setzt.
Übrigens steht in riesengroßen weißen Buchstaben zu Beginn in der Mitte „des roten Tanzteppichs „Keep on“ geschrieben. Wie sich – so viel darf durchaus verraten werden, selbst wenn du die Chance haben solltest, die Produktion „Giant Steps“ (große Schritte) irgendwo irgendwann zu erleben, dass die Buchstaben mit Hilfe einer Schablone mit Kreide gesprayt sind. Und damit natürlich im Laufe der vielen nicht nur Tanzschritte, sondern Ganzkörperbewegungen auf dem Boden nach und nach verschwinden – weitermachen aber nicht auf schreiende (Großbuchstaben gelten in Social-Media-Posting ja als solche) Aufforderung;)
Ein wenig ins Grübeln und Zweifeln ist der Rezensent allerdings gekommen, bei dem – schon zu Beginn – Einsatz eines ferngesteuerten Autos. Verspielt kokettiert es über Vorderradbewegungen mit einem Tänzer, stößt immer wieder an die Notausgangs-Tür im Hintergrund der Bühne – bis diese geöffnet wird und der Bolide ab ins Freie düsen kann. Diese Botschaft schon – aber warum ausgerechnet ein Auto, eines DER Symbole dieser Rädchen getriebenen „Leistungsgesellschaft“?!
Mehrere „remi demi“-Mitwirkenden räumten danach diesem Einwand ein gewisses Nachdenkpotenzial ein und meinten, es sei eine Reminiszenz an Kindheitsspiele – und der Vater einer Tänzerin hätte gemeint, seine Tochter agiere auf der Bühne rasant wie ein Rennwagen.
„remi demi“ sind übrigens nicht nur die Tänzer:innen – bei dieser Produktion Astro Scheidegger, Elina Kim, Elisa Eloy Pinos Serrano, Egon Gerber, Giulia Esposito, Louis Lüthard, Robin Waldburger und Sophie Chioma Gerber (sortiert nach den Anfangsbuchstaben der Vornamen).Sie haben die rund einstündige Performance in enger Zusammenarbeit mit den beiden Choreografinnen Jana Dünner und Ariana Qizmolli, von der die Idee und das Konzept stammt, über viele Monate hinweg in mehreren bezahlten (was in der Szene nicht immer üblich ist) erarbeitet. Teil des Kollektivs sind genauso der Musiker Claudius „Vlaude“ Leopold, Dramaturgin Arlette Dellers, Szenograf:innen Harumi Mummenthaler, Moa Bomolo sowie Giulia Esposito, Jana Dünner, Marc Jenny (Kostüm, Styling), Phoebe Wong (Lichtdesign) sowie – später dazugestoßen Eva Cabañas, die gemeinsam mit Tänzer Astro Scheidegger für die Produktion verantwortlich wurde. Die übrigens eine von zwei ausgeschriebenen Koproduktionen des Festivals Jungspund war / ist (die andere war „Heidi“ – Stückbesprechung unten verlinkt).
Compliance-Hinweis: Die Berichterstattung kann nur erfolgen, weil das Festival „Jungspund“ Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … für vier Tage nach St. Gallen (Schweiz) eingeladen hat.
Dunkelrote, feste Haare umkränzen den Kopf der älteren Dame mit Brille im langen schwarz-weiß karierten Kleid an einem der Tische bei jenem Eingang ins Halbrund der Lokremise beim Bahnhof der Schweizer Stadt St. Gallen, der zu den Theatersälen führt. Freundlich, wenngleich mit hoher verstellter, auf die Dauer ein wenig nerviger Stimme, begrüßt sie Besucher:innen des aktuell hier stattfindenden Festivals Jungspund.
Als Gertrud Müller stellt sie sich vor, weist in Worten sowie mit einem und noch einem zweiten Flyer auf „ihr“ Jubiläum hin, den 70. Geburtstag des Figurentheaters St. Gallen.
Sie selbst, die auf dem Schoß von Frauke Jacobi sitzt, die ihr Stimme und Arm- bzw. Kopfbewegungen verleiht, dürfe ja nicht für das vor allem junge Publikum des genannten Theaters spielen: „Ich hatte schon Auftritte – mit lustigen Geschichten und Liedern, aber die waren gruselig. Ich hab Gemüse geköpft und in den Topf befördert.“
Da meinte Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…, für vier Tage zum Theaterfestival für junges Publikum eingeladen: „Aber viele Kinder mögen doch gruselige Geschichten. Außerdem, wenn Gemüse getötet wird – abgesehen davon, dass es ja schon nicht mehr lebt, wenn es gepflückt oder geerntet wurde – ist es doch sicher vielen Kindern lieber, als wenn Tiere sterben müssen, um auf ihren Tellern zu landen!“
Gertrud Müller: „Da haben Sie vielleicht sogar Recht, aber das Gemüse ist doch so niedlich und uns im Spiel schon ans Herz gewachsen…“
Nach der Bewunderung für das kräftige, rote Haar wollte der Journalist, der seine Haare seit Jahrzehnten immer mit Henna färbt, noch wissen, mit welcher Methode sie ihrem Kopfschmuck die Farbe verleiht.
„Gar nicht, das ist meine natürliche Haarfarbe“, verblüfft sie den Neugierigen. „Und die Farbe hält sich so gut, weil mich meine Chefin immer in eine Kiste einsperrt. Die Dunkelheit macht die Farbe dauerhaft. Und übrigens im September zum richtigen Jubiläum darf ich wieder einmal – zum ersten Mal seit 2020 – auftreten, aber nur für Erwachsene.“
Und dann erzählt sie, bzw. in dem Fall mit deren eigener tieferer Stimme, die künstlerische Leiterin des St. Galler Figurentheaters, die schon erwähnte Frauke Jacobi: „Die Figuren auf den beiden Flyern sind aus Teilen von Figuren aus dem Stückfundus des Theaters grafisch zusammen montiert – alles Puppen gebaut von Sophie Taueber Arp, Urs Widmer und Johannes Eisele.“
Dem Flyer ist übrigens kurz die Entstehungsgeschichte des Theaters 1956 zu entnehmen: „Es begann mit einem Puppenspiel von Schülerinnen und Schülern des St. Galler Gymnasiums: „Goethe im Examen“, inszeniert von Dr. Hans Hiller… 70 Jahre später wagen wir zusammen mit einem anderen Urgestein des Ostschweizer Puppenspielszene einen Rückblick: Kurt Fröhlich vom Figurentheater-Museum in Herisau wird die dortige Jahresausstellung 2026/27 dem Figurentheater St. Gallen widmen, und mit zwei gemeinsam kuratierten Ausstellungen in unserem Bistro geben wir einen historischen Einblick in den Theaterfundus.“
Im Foyer des Theaters sind schon jetzt „Schmankerln“ zu sehen wie „Hauptbüro des Zeitwächters“ auf einer Metalltafel unter einer Figur neben der Uhr. Oder ein Foto einer Schere mit Besenkopf und Telefon-Wählscheiben-Körper als „Wegabschneider“. Gleich neben dem Eingang in den Theatersaal – mit seinen übrigens höhenverstellbaren und drehbaren Publikumssitzen – hängt ein Bild vom „Logenplatz der Einlasskontrolle“.
Compliance-Hinweis: Die Berichterstattung kann nur erfolgen, weil das Festival „Jungspund“ Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … für vier Tage nach St. Gallen (Schweiz) eingeladen hat.
Düster und dunkel liegt sie da die Bühne, ein wenig Theaterrauch von der Seite. Zentral ein riesiges Irgendwas, irgendwie bedrohlich und dann doch wieder nicht ganz so, denn das große viereckige, hochkantige Ding hat den Anschein einer stofflichen „Haut“ mit Augen- oder Gucklöchern. Dahinter eine Anmutung von Schlachtenlärm, Kampfschreien, Metallgeklirr. Und dann der Held oben auf dieser Burg, der sich als Drachentöter outet. Einerseits.
Und andererseits beginnt Rotz und Wasser zu heulen, „ich bin doch Vegetarier!“ als nächsten Satz zur eben verkündeten Handlung. Und außerdem sei ihm urkalt, der Hintern tue ihm vom vielen Reiten weh und die metallene Krone drückt auf seinen Glatzkopf.
… genau, um dieses „überhaupt“ dreht sich die rund 1¼-stündigen fast durchgängige Solo-Performance „Prinz*in“ des „Luki*ju theaters luzern“ von und mit Kim Emanuel Stadelmann, die er jüngst bei „Jungspund“, dem Theaterfestival für junges Publikum im Schweizer St. Gallen spielte, und die er gemeinsam mit einem großen Team entwickelt hat – aber wesentlich ausgeht von seiner höchstpersönlichen Geschichte (Regie: Beatrice Fleischlin).
Er liebe es auf der Bühne zu stehen – und das schon von frühen Kindesbeinen an; beginnend in einem Ballettkurs. Wobei ihm noch viel wichtiger als der Tanz zur Musik der Traum vom rosa Tütü war. Das er, offenbar weil Junge, nicht einmal zur Aufführung bekam, sondern nur in grauer Strumpfhose und ebensolchem T-Shirt tanzen musste. Als er dann einmal zum Geburtstag doch das Röckchen kriegt, brauchte er auch den Ballettunterricht nicht mehr, tanzte mehr oder minder Tag und Nacht zu Hause „nur“ für sich.
Und er schlüpft bei seiner szenischen Erzählung immer wieder in die unterschiedlichsten Figuren, nicht zuletzt die von Tieren, vor allem aber immer mehr in die Phasen seiner eigenen weiteren Geschichte – erster Liebesbriefe in der vierten Klasse Grundschule, weil alle das taten und zwei Jahre später in die der eigenen wirklichen Verliebtheit – in Matteo.
Mit dem Outing als queer beginnen in dem Dorf, in dem er lebte, schreckliche und schmerzhafte Mobbingjahre, die Kim Emanuel Stadelmann schauspielerisch und tänzerisch in immer wieder fantasievollen Kostümen (Kostüme, Ausstattung: Diana Ammann) berührend nachvollziehbar darstellt. Samt der Rettung dadurch, dass er in der nächsten Stadt einen Klub entdeckt, in dem er merkt, er ist nicht allein. Es gibt auch andere junge Menschen, die nicht in die von vielen verlangte Norm fallen – und das ist ganz „normal“.
Außerdem liebt er vor allem Pflanzen – UND eine Gießkanne, die immer wieder hinter anderen Türen des vielteiligen Schranks auftaucht und noch eine riesengroße Überraschung parat hat. Neben den stark wandlungsfähigen Szenen – bis hin zu einer poetische Bilder erzeugenden leicht-luftig schwebenden Wolke (Bühne, Ausstattung: Isabelle Mauchle) – ertönen immer wieder aus dem Off die Stimmen vor allem von Kindern und Jugendlichen aus Dutzenden Interviews.
Mit dem gegen Schluss mehrfach inszenierten und gesagten Wunsch, der dem Stück „Prinz*in“ auch den Untertitel gab: „Was wäre, wenn du sein kannst, wer du willst“, egal ob Mensch, Tier, Pflanze oder was auch immer, sogar etwas, wofür es noch gar keinen Namen gibt.
Ganz am Ende betont Kim Emanuel Stadelmann übrigens noch extra überschwänglich, „Prinz*in, das bin nicht nur ich, das sind auch … und dann beginnt er aufzuzählen von der Regisseurin Beatrice Fleischlin über Dramaturgie Anton Kuzema, musikalische Leitung und Komposition Rosanna Zünd, Bühne: Isabelle Mauchle, Kostüme: Diana Ammann, technische Leitung: Pablo Stadler, Savino Caruso, Unterstützung beim Licht: Savino Caruso, theaterpädagogische Mitarbeit: Nicole Davi, fachliche Beratung: Hannes Rudolph bis hin zu Produktionsleitung: Nadja Bürgi und ihre Mitarbeiterinnen Klara Förster, Catherine Claessen“ und insgesamt geht ihm das Herz dabei fast über vor so viel Dankbarkeit nicht zuletzt auch fürs Publikum.
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Selten ist Klara authentischer besetzt als in dieser „Heidi“-Inszenierung von Theater Frei-Raum in Kooperation mit Heitere Fahne aus Bern (Schweiz). Louis Amport bewegt sich auch außerhalb der Bühne im Rollstuhl fort. Theater spielt er erst seit rund einem Jahr, „aber ich hatte schon Bühnenerfahrung, hab getanzt und Referate gehalten“, vertraut er KiJuKU.at an nach der mehr als umjubelten ersten der Vorstellungen bei „Jungspund“, dem Theaterfestival für junges Publikum im Schweizer St. Gallen.
Sieben Akteur:innen spielen die bis Japan und Australien bekannte Geschichte nach den beiden Büchern Johanna Spyri (1827 – 1901) über das Waisenmädchen, das von der Tante zum anfangs griesgrämigen Opa hoch oben auf der Schweizer Alm gebracht wird. Ihn ebenso aufheitert wie später das Mädchen Klara aus der deutschen Stadt Frankfurt, die „behütet“ mehr oder minder eingesperrt lebt und für die Heidi eine Spielgefährtin werden soll und wird. Aber selber unter Heimweh nach Luft, Licht, Alm und den Ziegen leidet…
Das vor fast 20 Jahren gegründete Kollektiv Frei_Raum (2009) versteht sich von Anfang an als inklusive Kultur- und Theatergruppe von Menschen mit und ohne Behinderungen. Manche spielen schon seit einem Dutzend Jahren in vielen Produktionen, etwa Katrin Jenni, die hier in die Rolle von Fräulein Rottenmeier schlüpft – überstreng, keine Freude am Leben aufkommen lassend und aus Heidi – „so heißt niemand“ – eine Adelheid macht.
So wie sie treten übrigens zu Beginn (Regie: Meike Schmitz) alle Spieler:innen als Ziegen (Ausstattung: Renate Wünsch) in Erscheinungen mit unterschiedlichem Naturell und verschiedensten Gemeckern. Aus der Geißen-Sicht beginnen sie sich über die Menschen zu wundern, bevor sie deren Rollen übernehmen. Dominik Blumer verzieht sich vor allem in eine Art Cockpit mit analogen und elektronischen Instrumenten, wo er für Live-Musik mit Gitarre, Akkordzither, Keyboard und Laptop sorgt; aber auch Klaras Vater Sesemann bzw. Geißenpeters Großmutter spielt.
Den frechen, aufmüpfigen Geißenpeter, der Heidi die wunderbare Berg- und Ziegenwelt eröffnet, der aber eifersüchtig ungut reagiert als Klara aus der Stadt die zurückgekehrte Heidi auf der Alm besucht, gibt Vera Roher. Und in ähnlicher Art spielt sie den Drehorgel-Straßenjungen in Frankfurt.
Mehrere Rollen – alle natürlich neben schon erwähnten Ziegen – übernehmen auch Christoph Schmocker als Alp-Öhi und den Sesemann-Diener Sebastian sowie Marie Omlin als Heidis Tante Dete, Haushälterin bei Sesemanns, zusätzlich die des herbeigeholten Arztes, weil Heidi krank und kränker wird und es obendrein im Hause Sesemann zu spucken scheint.
Und die Hauptfigur selbst? Die spielt in einer ganz eigenen Liga – als große Hand geführte Puppe (Leonard Wanner), der vor allem Anniek Vetter immer wieder stauendes Leben einhaucht. In so manchen Szenen unterstützen jeweils weitere Schauspieler:innen die Bewegungen der Puppe, etwa wenn sie scheinbar viele Stufen steigt, auf den Heuboden klettert oder einen Kirchturm in der Stadt erklimmt.
In einer Art Disco-Szene mit dem Drehorgel-Jungen hüpft Puppe Heidi kurz ins Publikum, um dieses zum Mittanzen im Sitzen einzuladen. Wozu sich die Zuschauer:innen großteils mitreißen ließen, um zu merken, dass dies sehr gut funktioniert, womit sich der Kreis zu Klara (siehe erster Absatz des Beitrages) wiederum schließt.
Außerdem sorgen die wenigen Videos und das stimmungsvolle Lichtdesign von Cyril Lüthi für so manch große Augen im Publikum sowie für einen magischen Moment gegen Ende mit flatternden Schmetterlingen – an Angeln, in Flügelkostümen und digital im Video: „The perfect inclusive happy place“ nennt Louis Amport als Klara diese Augenblicke; die vielleicht sogar das bessere Ende wären als der Epilog, in dem alle der Reihe nach erzählen, welche Wege ihre Figuren weiter nehmen.
Compliance-Hinweis: Die Berichterstattung kann nur erfolgen, weil das Festival „Jungspund“ Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … für vier Tage nach St. Gallen (Schweiz) eingeladen hat.
„Mädchen und junge Frauen im Globalen Süden sind weiterhin überproportional von Bildungsbenachteiligung betroffen. Dabei ist Bildung der wichtigste Schlüssel für Gleichberechtigung.“ Das sagt der Geschäftsführer der österreichischen Entwicklungsorganisation Jugend Eine Welt, Reinhard Heiserer im Vorfeld des diesjährigen (2026) Internationalen Frauentages (immer am 8. März).
Er beruft sich auf Schätzungen der UNESCO, der Sonderorganisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, wonach weltweit bis zu 133 Millionen Mädchen nicht in die Schule gehen können/ dürfen. Der Großteil der benachteiligten Mädchen lebt in Subsahara-Afrika. „In den Ländern südlich der Sahara bleibt etwa jedes fünfte Mädchen im Grundschulalter vom Schulbesuch ausgeschlossen“, so der „Jugend Eine Welt“-Geschäftsführer. „Ein Schwerpunkt unserer geförderten Projekte liegt daher seit der Gründung auf der Schul- und Berufsausbildung für Mädchen und Frauen. Denn Bildung ermöglicht ein selbstbestimmtes Leben und überwindet Armut.“
Jugend Eine Welt unterstützt insgesamt fünf Berufsbildungszentren der Salesianer Don Boscos in Uganda und Ruanda. Diese bieten jungen Menschen aus benachteiligten Gesellschaftsgruppen eine qualitativ hochwertige technische Ausbildung. Die 23-jährige Kwagala Gorret hat dank dieser den Weg in ein selbstbestimmtes Leben gefunden. „Ich bin mit drei Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Mein Vater ist früh gestorben, deshalb lag es an meiner Mutter für unser finanzielles Überleben zu sorgen“, erzählt Kwagala aus Uganda. „Mit Ackerbau und dem Verkauf von Gemüse kämpfte sie dafür uns eine Schulbildung zu ermöglichen.“
Als junges Mädchen kam Kwagala in Kontakt mit dem von Jugend Eine Welt geförderten Don Bosco- Berufsausbildungsprogramm. Kwagala erhielt eine Ausbildung in Elektrotechnik, sammelte erste Berufspraxis und eröffnete 2024 ihr eigenes Unternehmen in Kamuli, einer 67.000 Einwohner:innen zählenden Stadt im Osten Ugandas. „Mit dem Verkauf von Elektro- und Solarprodukten komme ich auf einen monatlichen Umsatz von knapp 120 Euro. Dazu kommen noch Einnahmen von Installationsarbeiten vor Ort von rund 100 Euro. Somit kann ich auch meinen Teil beisteuern, damit meine Geschwister eine Schulausbildung erhalten“, freut sich Kwagala.
1.600 Frauen bilden knapp ein Drittel der 4.000 Studierenden in den von Jugend Eine Welt und der Austrian Development Agency (ADA) im Rahmen von International Partnerships Austria geförderten fünf Berufsbildungszentren in Uganda und Ruanda. Da Absolventinnen es besonders schwer haben, in den von Männern dominierten Branchen, wie zum Beispiel Solartechnik, Elektrotechnik oder Installateursarbeiten, einen Arbeitsplatz zu finden, erhalten sie dank der Unterstützung von Jugend Eine Welt und der ADA konkrete Hilfe.
Die Jugend Eine Welt-Projektpartner wie Mutala Innocent optimieren stetig das Ausbildungsprogramm an den Berufsbildungszentren, um dieses an den Arbeitsmarkt anzupassen. Gleichzeitig liegt ein Fokus auf der Förderung und Unterstützung weiblicher Studierender. Dazu werden geschlechtsspezifische Barrieren an den Ausbildungsstätten beseitigt und gendergerechte, auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Ausbildungsmodule entwickelt. „Das Programm ‚Gender Matters for Green TVET‘ hat die Don Bosco TVET-Zentren zu einem Ort gemacht, an dem sich alle Jugendlichen willkommen, umsorgt und unterstützt fühlen, um ihre Träume zu verwirklichen. Es hat sich gezeigt, dass Mädchen und Buben mit einem unterstützenden Umfeld, der richtigen Einstellung und erworbenen Fähigkeiten im TVET-Bereich und auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich sein können.
„Bildung für Frauen im Globalen Süden bedeutet: Schutz vor Ausbeutung, vor früher Verheiratung und vor Perspektivlosigkeit. Frauenförderung heißt für Jugend Eine Welt aber auch, sichere Lernorte zu schaffen und junge Frauen gezielt zu ermutigen, Berufe zu ergreifen, die traditionell als ‚Männerdomänen‘ gelten – etwa im technischen Bereich. Wenn Mädchen erleben, dass sie Fähigkeiten entwickeln und wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen können, verändert das nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch ihr gesellschaftliches Umfeld“, so Heiserer. „Zusammengefasst: Wer in die Bildung von Mädchen und jungen Frauen investiert, investiert in Stabilität, in wirtschaftliche Entwicklung und in eine gerechtere Zukunft.“
Ein Tisch, dahinter etliche – noch leere – Bilderrahmen, ein Schild mit rotem Kreuz und ein Ring-Block mit Nummern. Nach und nach lassen die Schau- und Figurenspielerinnen Sibylle Grüter und Jacqueline Surer zunächst kleine Tierfiguren auftauchen – mit dem einen oder anderen Schmerz oder auch „nur“ Wehwechchen. Mit ihrem „Theater Gustavs Schwestern“ laden sie das Publikum im FigurenTheater St. Gallen (Schweiz) beim aktuell laufenden „Jungspund Festival“ ein in eine (tier-)ärztliche Praxis am Rande des Märchenwaldes. Und deswegen findet sich in „Wolf trifft Nager“ unter den Patient:innen auch eine menschliche Prinzessin.
Irgendwann lassen die beiden Spielerinnen, die nicht nur die Figuren führen, sondern – so das Konzept dieser Gruppe – immer wieder auch selbst direkt ins Geschehen eingreifen, einen viel größeren Wolf auftauchen. Im Kostüm der Großmutter aus dem bekannten Märchen Rotkäppchen schleppt er sich ins Wartezimmer der Ordination. Es tut ihm mehr oder minder alles weh. Statt vom Block eine Nummer zu ziehen, er wäre als Nummer 30 dran, klaut er dem daneben wartenden – auch großen – Hasen dessen Zettel und drängt sich somit als 29. vor.
Dem – recht kleinen – Arzt klagt er seine Beschwerden. So musste er beim Verzehr der Großmutter schon ordentlich würgen, vor den Geißlein gruselt es ihm sogar schon…
Gründliche Untersuchung – inklusive Röntgen, womit noch ein drittes Element nämlich Schattentheater ins Spiel kommt – und dann die Diagnose: „Sie sind alt!“
„Ist das ansteckend, gar tödlich?“, will der Patient wissen.
Das muss der Arzt natürlich bejahen.
Was ihm sofort das Leben kostet, der Wolf verschlingt ihn.
Obwohl recht klein, liegt ihm der aber doch im Magen. Er leieieidet. Da kommt der Hase angehoppelt. Als täglicher Gast in der Ordination mit immer wieder anderen – echten und eingebildeten Krankheiten – hat er sich schon ordentlich viel medizinisches Wissen angeeignet, setzt vor allem auf natürliche Heilmittel. Er schickt den Wolf ins Bett, bringt ihm eine Wärmflasche. Und legt sich zu ihm.
Nach und nach kann er dem neuen Gefährten, irgendwie sogar Freund, sogar beibringen, dass der eben wirklich alt wird oder schon ist. Als er dem Wolf eine Brille übereicht, wundert der sich, was er alles (wieder) sieht – sogar die kleinen Waldameisen auf dem Boden. Aber nein, abfinden will er sich doch (noch?) nicht, er ist doch DER Ober-Bösewicht, wild und arg und überhaupt der, der im Märchenwald aufräumen muss.
Sein Aufbäumen, sein altes Gehabe, auch das Fortschicken des Hasen … – wenn der Körper nicht mehr so mitspielt!?
Schweren Herzens beginnt sich Wolf damit anzufreunden, im jetzigen Lebensabschnitt eine neue Aufgabe zu suchen. So hilft er dem Hasen die ärztliche Praxis zu übernehmen, nachdem’s im Märchenwald schon Tumult gibt, weil die Warteschlange der unbehandelten Patient:innen immer länger geworden ist. Mit immer gleichen Floskeln begrüßt der die „Kranken“, sogar einen in der Ordination eintrudelnden Baum 😉
Die beiden Spielerinnen des ¾-stündigen, kurzweiligen, abwechslungsreichen Stücks mit so mancher überraschenden Wendung (Regie: Sebastian Ryser; Dramaturgie: Dominik Busch, Musik: Roland Bucher, illustrierte Bilder, die nach und nach die Rahmen füllen: Lisa Walder) verraten Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… dass der Ausgangspunkt für „Wolf trifft Nager“ die eigene Frage „wie gut altern“ war. Daraus ergab sich aber nicht nur ein Stück zur Auseinandersetzung mit (eigenem) Altern, sondern so „nebenbei“ stellt sich rund um den Wolf auch das Hinterfragen der gängigen Rollenzuschreibung ein. Ist er so böse? Oder steht er gewaltig unter Druck, dem Bild entsprechen zu müssen oder wenigstens sollen, das alle anderen von ihm zeichnen? Schlägt sich das auf seinen Magen und die ganze Gesundheit?
Die Akteurinnen lüften übrigens auf Nachfrage auch das Geheimnis des Theaternamens „Gustavs Schwestern“: „Wir haben beide nur Schwestern und hätten uns immer einen großen Bruder gewünscht.“ Mit dem Gruppennamen „haben wir uns eben einen ausgedacht“.
Compliance-Hinweis: Die Berichterstattung kann nur erfolgen, weil das Festival „Jungspund“ Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … für vier Tage nach St. Gallen (Schweiz) eingeladen hat.
Schräg wie diese Story, die sich die bitterbösen Satiriker Carl Merz und der noch bekanntere Helmut Qualtinger Mitte der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts ausgedacht haben, präsentiert sich nun in den Wiener Neustädter Kasematten im Rahmen des „Wortwiege“-Festivals die Bühne (Andreas Lungenschmid; Bau gemeinsam mit Christoph Wölflingseder). Ein Boden aus „Brettern, die die Welt bedeuten“ – wie Theater seit „ewigen“ Zeiten oft auch genannt wird – ist das erste, das die Zuschauer:innen von „Das Volksfest“ zu sehen bekommen. Die Parkett-Quadrate lassen sich auf- und zuklappen, Figuren aus dem Untergrund auf- und wieder abtauchen oder mit Requisiten leicht in anderes Ambiente umbauen.
Zunächst hier kürzest gefasst die „ver-rückte“ Story des legendären Autorenteams: Ein armer Schlucker wird auserkoren, gegen eine sehr namhafte Summe – 10 Millionen (damals Schilling) – noch dazu einen glanzvollen Auftritt zu bekommen; seinen ersten, einzigen und letzten zugleich. Dafür muss er sich öffentlich hinrichten, also ermorden lassen durch die Guillotine: Die Hälfte der Summe kriegt er im Voraus, die andere danach – für Frau und Kinder. Folgerichtig hieß das Stück „Die Hinrichtung“, wurde im Wiener Volkstheater (20. Februar 1965) uraufgeführt, und schon ein Jahr später als TV-Spielfilm ausgestrahlt, in dem Qualtinger himself die Rolle des Herrn Engel, des Henkers, übernahm.
Wobei der nunmehrige Titel „Das Volksfest“ Anleihe bei den historischen Vorbildern öffentlicher Hinrichtungen in Wien, vor allem nahe dem Denkmal der Spinnerin am Kreuz bei der südlichen Ausfahrt der Hauptstadt in Richtung Süden nimmt. Die waren wahre Volksfeste mit bis zu 50.000 zahlenden Besucher:innen, Verkauf von „Arme-Sünder-Würsteln“ (bis 1868).
Schon Jahre vorher – 2018 – spielte das Stationentheater Susita Fink „Das Mordsweib vom Hunglbrunn“, eine ihrer Sozial-Kriminal-Geschichten an historischen Schauplätzen. Und diese endete 1809 mit der Hinrichtung Theresia Kandls, zu der „40.000 Menschen aus Wien und den Vorstädten zum Galgen an der Triesterstraße pilgerten, wo es spezielles Bier und ebenso Würstel gab. Nachdem die per Todesstrafe ins Jenseits Exekutierte keinen priesterlichen Beistand erhalten hatte, war noch lange die Rede davon, dass ihr Geist herumspukte – insbesondere Männern, die ihre Frauen misshandelten, soll im Traum der Geist der Theresia Kandl mit einem großen Hackl erschienen sein“, schrieb Kinder-KURIER, Vorläufer von KiJukU.at Mitte März 2028 – Link unten am Ende dieses Beitrages.
Was bei Weitem kein Wiener Spezifikum war. Vor rund drei Jahren verarbeitete die freie Theatergruppe „Das Planetenparty Prinzip“ dies in der szenischen, artistischen Performance „Am Galgen“. Und zeigte diese nicht nur nahe dem genannten Wiener Tatort, sondern zuvor im Wald von Birkfeld (Steiermark) bei historischen steinernen Galgen wo einst ebenfalls Todesstrafen in Form von Massenbelustigungen vollzogen wurden.
Engel ist übrigens die einzige Figur, die Anleihe bei einem historischen Vorbild nimmt – Josef Lang (1855 – 1925), letzter Scharfrichter der Monarchie. Die erste Republik schaffte als ein frühes Gesetz die Todesstrafe 1918 ab, die erst mit dem Austrofaschismus (1934 – 38) wieder eingeführt und in der Nazizeit – dann mit der Guillotine, die bewusst genau deswegen von Qualtinger und Merz ins Spiel gebracht wurde, – fortgeführt wurde.
In der Regie von Ira Süssenbach verkörpert Martin Schwanda diesen letzten Henker, der eeeendlich wieder einmal nach laaaanger Pause seinen heiß geliebten Job ausüben darf, davor musste er auf Fußpfleger umschulen. Die „Volksfest“-Inszenierung verleiht Herrn Engel starke Anklänge an den viel bekannteren „Herrn Karl“ vom selben Duo Qualtinger / Merz, dem sich in allen Phasen der damals (1961 verfasst) jüngeren österreichischen Geschichte durch-schlawinernden Typen, der den sich „harmlos“ darstellenden Mitläufer damit als Mittäter sich ironisch demaskieren lässt.
Das an sich mehr als absurd, an den Haaren herbeigezogen wirkende unmoralische „Angebot“ entwickelt sich nach und nach – und das relativ schnell – zur Satire auf das was heute wohl Reality-Show genannt werden würde.
Isabella Wolf als kaltherziger, tougher Boss plant, organisiert und verkauft das Event. Ida Gold als ihr Assistent Horak mit einer Frisur, die entfernt an den Möchtegern-König Donald erinnert (Kostüme: Antoaneta Stereva Di Brolio; Maske: Henriette Zwölfer), scheint auf der Jagd nach Lachern doch ein wenig zu überdreht gezeichnet; mag vielleicht ein entkrampfendes Gegenstück zum regungslosen „Boss“ sein. In dem 2¼-stündigen Stück (eine Pause) gibt es übrigens recht viel zu lachen – das war die Kunst des Autorenduos und gilt auch für die Inszenierung in der ehemaligen Wehranlage, deren älteste Teile bis ins tiefste Mittelalter zurückreichen. Ein wenig öfter könnte es, das Lachen, so angepeilt werden, dass es – wohl die Qualtinger / Merz-Absicht – im Halse stecken bleiben würde.
Das Opfer, Herr Reindl (gespielt von Lukas Haas, der zwischendurch auch mal mit Gitarre zum Musiker wird; Musik: David Lipp), das zuerst natürlich ablehnt, wandelt sich zum Möchtegern-Star. Die hochrangige Beamtin die anfänglich doch irgendwie Bedenken andeutet, wischt diese bald beiseite (Frau Doktor: Jens Ole Schmieder, der hin und wieder in die Rolle eines scheinbar Blinden wechselt, der später Reindl ein Konkurrenz-Angebot zum Ausstieg aus dem Vertrag macht).
Die Kinder (Ida Gold und Martin Schwanda praktisch stets aus einer der geöffneten Luken der Versenkung) beginnen die Geschichte in ihre Spiele zu integrieren. Die ständig überforderte, mit ihrer Lage – davor – hadernde, unglückliche, grantige, verschlafene, trinkende Ehefrau, scheint sich im neuen Reichtum einzurichten. Und als zahnärztliche Assistentin Inge – Reindl muss für den großen Auftritt mit Close-Up-Aufnahmen natürlich ein blendendes Gebiss kriegen – lässt sich deren Darstellerin Saskia Klar nun gegensätzlich Süßholz raspelnd auf eine Affäre mit dem neuerdings zum Star Gewordenen ein, dessen große und letzte Stunde am 12. Mai schlagen soll. Sie wollte schon immer mit jemandem Berühmten zusammen sein. Als sie von seinem Alternativangebot, das dieses Event abbläst und den Promi-Bonus zu verblassen droht, gar von seinen Träumen eines langen Lebens mit ihr, hört, dann… – nein, wird hier nicht gespoilert.
Verraten wird hier übrigens ebenfalls das – sehr starke – Ende nicht, in dem sich Reindl direkt ans Publikum wendet…
Auf den Spurren einer hingerichteten Mörderin <— 2018 im Kinder-KURIER
Am internationalen Frauentag spielen – dieses Mal vor der Bühne am Bodensee (Bregenz, Vorarlberg) – der gehörlose Schauspieler Werner Mössler in Österreichischer Gebärdensprache und parallel Markus Rupert in deutscher Lautsprache den zweiten Abschnitt der auf insgesamt fünf Jahre angelegten „5 Schritte Frieden“, einem Projekt der Visuellen Theaterbibliothek und des Theaters im Urbanen Raum. Arbos – Gesellschaft für Musik und Theater inszeniert – seit dem Vorjahr – jeweils einen von vier Texten Dževad Karahasans (1953 – 2023), der fünfte stammt von diesem in Bosnien geborenen, in Österreich Zuflucht gefunden habenden Schriftsteller – gemeinsam mit Herbert Gantschacher, der alle fünf inszeniert.
Als bosnischer Moslem wurde er im Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegowina mit Ermordung bedroht, weil er mit einer Frau serbischer Herkunft verheiratet war. Die Flucht aus Sarajevo führte den Schriftsteller 1993 nach Österreich und da bald zu einer engen Zusammenarbeit mit ARBOS mit vielen gemeinsamen Produktionen. Die „5 Schritte Frieden“ durchaus auch als eine Art Vermächtnis des 2023 in Graz verstobenen Schriftstellers begannen im Vorjahr am Klagenfurter Hauptbahnhof mit „Privileg Sterben“. Heuer folgt „Auf der Akademie“, ebenfalls als Uraufführung – live gespielt und online in alle Welt ausgestrahlt.
„Ihre Aufgabe ist das Einzige, was Sie für einen Augenblick von der Angst befreien kann, was Ihnen hilft, die Menschenwürde zu bewahren, was Ihnen die Empfindsamkeit und den Verstand erhalten kann“, schrieb er im Text „Auf der Akademie“. Eine Szene, die im belagerten, dauernd unter Beschuss liegenden Sarajevo spielt – und leider für viele Orte der Welt, erst jüngst brandaktuell wieder, gilt.
„Die Menschen haben uns den Rücken gekehrt, das Glück hat uns verlassen, diese Welt hat sich von uns losgesagt. Noch schützt uns die Kunst vor der Gleichgültigkeit, der Mensch aber lebt, solange er nicht gleichgültig ist. Sie sind besser als die Herren vom Westen, die uns nicht helfen, obwohl sie es könnten. Sie sind besser, denn Sie sind lebendig, und jene sind gleichgültig. Sie fühlen Schmerz, Angst, Hunger und Durst. Sie fühlen Liebe und Zorn. Dienen Sie Ihrer Kunst, sie wird Sie gegen alles schützen, was gegen Sie anstürmt, wie ein warmer und dunkler Mutterleib.“
Und weiter schreib Karahasan, dass er den Studierenden diese „pathetische Rede“ gar „nicht zu halten“ brauchte. „Ich musste ihnen überhaupt nichts sagen. Sie arbeiteten besser als je zuvor. In weniger als zwei Monaten studierten sie vier Vorstellungen ein, die in der ganzen Stadt gespielt wurden. Ohne elektrische Beleuchtung, ohne eine vom Zuschauerraum getrennte Bühne, ohne Dekoration. Einfach ohne alles, außer mit spieldurstigen Schauspielern, einem Text und theaterhungrigen Zuschauern. Bei den ersten Proben wurden sie durch Granaten gestört, die in der Nähe einschlugen. Da verloren sie noch die Konzentration, machten Pausen, hörten einen Moment auf. Mit der Zeit gewöhnten sie sich so sehr daran, dass sie einfach nicht mehr auf die Granaten reagierten, ja, manche sogar die Möglichkeit fanden, die Granaten ins Spiel einzubinden, als einer ihrer Ausdrucksmittel. Ähnlich war es mit den Zuschauern – am Anfang achteten sie auf die Granaten, doch dann überließen sie sich der Vorstellung mit mehr Genuss als seinerzeit im Frieden.“
Den Text „Auf der Akademie“ begann der Schriftsteller mit der Schilderung „Zehn Tage nach dem großen Bombardement versammelten wir uns auf der Akademie, meine Studenten und ich. Da der Haupteingang dem Trebević zu gekehrt, einem ehemals beliebten und oft besungenen Ausflugsziel, und deshalb gefährlich ist, schlugen wir ein Loch in die Hofmauer und erhielten so einen Durchgang zum Keller. Wir verabredeten, dass unsere erste Arbeit den Exams-Auftritten der Studenten gelten solle, die im vierten Schauspieljahr sind. Einen normalen Unterricht für jüngere Studenten können wir nicht organisieren, aber wir können den Absolventen helfen, das Examen zu machen.“
Das Programm, das am Frauentag – 8. März, in dem Fall 2026, ab 20 Uhr live online gestreamt wird – begann wie schon erwähnt im Vorjahr, damals am Klagenfurter Hauptbahnhof., 2025 mit „Privileg Sterben“. Nach „Auf der Akademie“ (Frauentag, 8. März 2026) folgen in den kommenden Jahren „Die einen und die anderen“ (2027), „Eine alte orientalische Parabel“ (2028) sowie als Teil 5 der „Friedensschritte) „Gespräch als Kunst“ (2029) – ebenfalls von Dževad Karahasan, aber wie schon oben erwähnt gemeinsam mit Herbert Gantschacher.
Acht schwarz gekleidete Menschen verschiedenen Alters stellen sich auf verschiedene Stufen einer hölzernen mobilen Tribüne und beginnen als Chor Laute zu singen, noch lange keinen Text. Das kommt erst viel später.
Im selben Rot wie die Tribüne ist eine Konstruktion aus waag- und senkrechten Stangen gestrichen – Kanten und Umrisse einer Busstation (Ausstattung: Milena Czernovsky, Caroline Haberl), wie aus dem Ankündigungstext zum Stück, das eben auf der Bühne beginnt, geschlossen werden kann und darf. Schemenhaft im Dunkel sind Umrisse einer weiteren Akteurin wahrzunehmen. „Kri“, so der Name der Titelheldin – und des Stücks – zieht in das Wartehäuschen ein. Das steht schon lange leer, der Bus hat längst keine Station mehr hier.
Und dennoch beginnen so manche der Bewohner:innen des nahegelegenen Dorfes zu rumoren. Ja, derf die denn des? Wer is’n des? Die ersten „wagen“ sich auch an den Ort des neuen Geschehens. „Wem gheast denn du?“, „Woher kummst denn?“, „Was machst’n da?“…
Zwischen Ablehnung der unbekannten Person, noch dazu zunächst ausschließlich aus der Ferne und ersten Annäherungsversuchen pendelt gut das erste Viertel des Stücks, das von Dialogen gekennzeichnet ist wie sie aus dem echten Leben des Unverständnisses Erwachsener für Verhaltensweisen Jugendlicher stammen (könnten). Und eines „Achtung, Fremde!“ als zweite Ebene.
Nach und nach macht sich die eine oder der andere aus dem Dorf – die Chorsänger:innen schlüpfen in unterschiedliche Rollen und archetypische Charaktere – auf zum einst verlassenen, nun neu bezogenen, Wartehäuschen. Die einen feindselig: Des is unser Platz, da hängen wir ab! Andere vorsichtig annähernd, wohlwollend fürsorglich. Dritte irgendwo und irgendwie dazwischen, eine vierte, Buslenkerin, die sich angeblich verfahren hat, ziemlich lost.
Wie auch immer Manuela Cortolezis, Michaela Czernovsky, Stefan Egger, Emma Glauninger, Dietmar Hirzberger, Balasz Illyes, Martina Koller-Maier und Markus Teufelberger dem Mädchen in der Busstation auf ihre unterschiedlichen, ziemlich authentisch wirkenden Arten begegnen, Kri (Michaela Neuhold) lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Fest davon überzeugt, ihren Weg der Suche nach einem Leben frei von unlogischen, einengenden Zwängen gehen zu wollen und nun eben hier Station zu machen, macht sie – vor allem durch Gegenfragen – ihre Gegenüber mitunter sprachlos, lässt selbst wütende Reaktionen verpuffen…
Viele der sehr abwechslungsreichen Szenen sind – trotz der Tiefe und Ernsthaftigkeit – immer wieder von Wort- und Spielwitz gekennzeichnet, womit die Botschaften noch viel direkter ins Gemüt gehen.
Auch unter der Dorfbewohner:innen teilen sich nun die Meinungen, und als alle ihren dringenden Wunsch, irgendwo dazu zu gehören, beginnen fast zu akzeptieren, aber nur, weil… – ach, nein die Rolle des gastauftretenden Co-Regisseurs David Valentek sei jetzt hier sicher nicht gespoilert …
Wie auch immer, Kri, die vielleicht so heißt, weil sie mit den „krah, krah, krah“-Krähen sprechen kann, sucht weiter ihren Weg nach Unabhängigkeit.
Stefan Wipplinger hat mit dem Stücktext im Vorjahr einen der Retzhofer Dramapreise für junges Publikum gewonnen – neben „Löwenschwestern“ von Fabienne Dür – KiJuKU berichtete, Link unten am Ende des Beitrages. Lohn für diese Preise ist jeweils die Umsetzung zu einem Bühnenstück. Die beiden Grazer Jugendtheater TaO! – Theater am Ortweinplatz und Next Liberty haben diese Dramatisierung und Inszenierung (Regie: Manfred Weissensteiner, Dramaturgie: Dagmar Stehring) vorgenommen, nun gastiert das Stück – leider nur eineinhalb Tage – im Dschungel Wien (MuseumsQuartier), im Mai ist es wieder in Graz, dieses Mal im Tao! nach einer ersten Spielserie im größeren Next Liberty zu erleben.
Und die Salzburger Festspiele zeigen eine eigene Inszenierung (Regie: Tanju Girişken) – im Sommer im Schauspielhaus der Landeshauptstadt auf der Studiobühne, aber schon von März bis Mai im Rahmen einer Schul-Tour durch das Bundesland in acht Städten und Orten – Infos und Links in der Info-Box am Ende des Beitrages.
Stell dir vor, jedes einzelne Kind in den 27 Ländern der gesamten Europäischen Union müsste arbeiten. Unvorstellbar, oder?! Und dennoch käme diese Zahl – rund 67 Millionen (bis 14 Jahre) nicht einmal an jene heran, die auf der Welt wirklich arbeiten müssen und keine 12 Jahre jung sind (79 Millionen). Insgesamt müssen rund 138 Millionen Kinder arbeiten, um selbst überleben zu können oder mitzuhelfen, dass ihre Familien halbwegs was zu essen haben. 54 Millionen Kinder verrichten sogar Arbeiten unter gefährlichen Bedingungen, unter anderem in Minen, wo seltene Erden zu Tage gefördert werden, die zum Beispiel für Smartphones wichtig sind.
Dabei sollten gerade die zuletzt genannten Arbeiten – unter gefährlichen Bedingungen – schon im Vorjahr abgeschafft sein. Das haben Vertreter:innen vieler Länder in der Agenda 2030 in den 17 Nachhaltigkeitszielen (SDG – Sustainable Development Goals) unter anderem beschlossen, unter Ziel 8, Punkt 7. Das steht auch in der Konvention 182 der Internationalen Arbeitsorganisation ILO.
Vor kurzem – 11. bis 13. Februar 2026 – kamen wieder einmal Vertreter:innen von Regierungen, aber auch Gewerkschaften und Unternehmerverbänden sowie NGO (Nicht-Regierungs-Organisationen) zu einer Konferenz zusammen. In Marrakesch, der viertgrößten Stadt Marokkos (Nordwest-Afrika) beschlossen 500 Teilnehmer:innen einen „globalen Aktionsrahmen gegen Kinderarbeit (Marrakech Global Framework for Action against Child Labour). Dieser sieht einerseits, wenn schon, dann Mindeststandards für Arbeiten vor, höhere Löhne für Erwachsene, bessere Sozialsysteme, sodass Kinder nicht (mehr) arbeiten müssen und den Zugang zu Bildung für diese Kinder.
Auch wenn Kinderarbeit vielleicht nicht in unmittelbarer Nähe stattfindet, so ist auch Österreich betroffen. Zur Herstellung von Schokolade braucht’s Kakao – die Früchte mit den Bohnen werden nicht selten von Kindern von den Bäumen gepflückt; und das ist nur ein Beispiel. Österreich ist übrigens nicht Teil der sogenannten „Alliance 8.7“, der internationalen Plattform, um dieses Nachhaltigkeitsziel eeeeendlich zu erreichen. Das offizielle Österreich war bei der Konferenz in Marokko nicht vertreten.
Das kritisierten – einem Bericht der Onlinezeitung „Unsere Zeitung -Die Demokratische“ untet anderem die Geschäftsführerin der Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar (DKA), Sigrid Kickingereder. Dort wird auch berichtet: „Am selben Tag, an dem die Konferenz in Marrakesch begann, starteten der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB), solidar Austria und das Netzwerk International die ganzjährige Kampagne „Wir gegen Kinderarbeit!“.
„Kinderarbeit verschwindet nicht durch Verbote allein, sondern durch existenzsichernde Löhne für die Eltern. Wer Kinderarbeit wirklich beenden will, muss Gewerkschaften stärken und für faire Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern sorgen. Geht’s den Eltern gut, geht’s den Kindern gut“, wird dort Marcus Strohmeier, Internationaler Sekretär des ÖGB, dazu zitiert.
Weiterhin setzt sich natürlich die Initiative Kinderarbeit stoppen – DKA, Jugend Eine Welt, Kindernothilfe Österreich, solidar Austria und FAIRTRADE – seit Jahren dafür ein, dass Kinder nicht mehr arbeiten müssen.
„Wenn wir in Österreich Schokolade essen, Smartphones nutzen oder Kleidung kaufen, profitieren wir von globalen Lieferketten, in denen Kinder ausgebeutet werden. Freiwillige Selbstverpflichtungen von Unternehmen sind gescheitert. Österreich muss jetzt handeln“, fordert Peter Schissler, Vorsitzender von solidar Austria.
Österreich müsste Gesetze beschließen, dass der Verkauf von Waren aus Kinderarbeit verboten ist, lautet eine der zentralen konkreten Forderungen. Mit der Kampagne „Wir gegen Kinderarbeit!“ soll dieser Ungerechtigkeit, die natürlich auch gegen die Kinderrechtskonvention verstößt, die aus dem Fußball bekannte „Rote Karte“ für unsportliches Verhalten, gezeigt werden.
Unten geht’s zu einem rund 6½-minütigen grafischen Erklärvideo über den (neuen) Aktionsplan gegen Kinderarbeit, wie ihn 500 Vertreter:innen in Marrakesch beschlossen haben.
Freudestrahlend lachten die allermeisten Gesichter der Demonstrant:innen, ob sehr jung oder ganz alt, mit den Sonnenstrahlen sozusagen um die Wette. Tausende feierte ausgelassen Sonntag ab dem frühen Nachmittag erst auf dem Wiener Heldenplatz, dass bei einem der ersten Bombenangriffe Israels in Irans Hauptstadt Teheran Ali Khamenei, oberster politischer Führer des Iran, der seine Herrschaft religiös verkleidete, gezielt getötet worden war.
Aus dem Freudenfest formierte sich schließlich eine Demonstration, die dann ebenso fröhlich vorbei an Präsidentschaftskanzlei, Bundeskanzleramt und Burgtheater zur Ringstraße zog, vorbei am Hauptgebäude der Uni Wien in Richtung Währinger Straße und weiter zur Boltzmangasse in Wien-Alsergrund (9. Bezirk) vor die Botschaft der USA.
Üblicherweise ist diese das Ziel für Demonstrationen, die Handlungen der US-Regierung (stark) kritisieren, an diesem Sonntag erlebten die Vertretung der Vereinigten Staaten von Amerika in Wien vielleicht erstmals eine Kundgebung mit Danksagungen. Im Demozug waren immer wieder neben der – alten persisch-iranischen Löwenfahne – auch Sternenbanner (USA) sowie Flaggen Israels, mitunter auch die von Österreich, zu sehen.
So manche Demonstrant:innen, zumeist Menschen, die selbst oder deren (Groß-)Eltern aus dem Iran geflüchtet sind, trugen auch Fotos von Donald Trump mit Danksagungen für die koordinierte Bombardierung durch Israel mit. Viel mehr Fotos – handlich A3 bis riesig – zeigten Cyrus Reza Pahlavi, den ältesten Sohn des 1979 von der islamischen Revolution gestürzten Schah Mohammad Reza Pahlavi. Die Revolution beendete damals zwar die Herrschaft der undemokratischen Monarchie, wurde aber selber rasch zur noch ärgeren diktatorischen Schreckensherrschaft. Mit Zehntausenden Todesopfern erst kürzlich bei den großen Protesten im Jänner 2026. Das bewirkt offenbar eine Art Verklärung der seinerzeitigen Monarchie.
Viele oppositionelle Gruppen hoffen, dass – sollte es überhaupt zu einem Ende des Regimes kommen – Pahlavi wie er mitunter betont, einen Übergang zur Demokratie moderieren würde. Bei der Demo in Wien ertönten allerdings immer wieder lautstarke Rufe nach König (Shah) Reza Pahlavi.
„In vielen Medien und auch von vielen oppositionellen Iraner:innen wurde Ali Khamenei immer wieder als „Ayatollah“ bezeichnet. Dabei war der 1939 im ostiranischen Maschhad Geborene nie mehr als ein Hujjat al-Islam, also ein Geistlicher mittleren Ranges“, schreibt der bekannte österreichische Politikwissenschafter Thomas Schmidinger in der Wochenzeitung „Die Furche“ – und zuvor ähnlich schon in einem Posting auf Social Media. „Als Ayatollah wurde er von Unterstützer:innen des iranischen Regimes erst bezeichnet, als er die Nachfolge Ayatollah Khomeinis als „Oberster Führer“ (Rehbar) antrat – also ein politisches Amt, das in Khomeinis Konzept der „Herrschaft der Rechtsgelehrten“ (welāyat-e faqīh) für die Oberhoheit der Religion über dem gewählten Staatspräsidenten stand, gewissermaßen als Statthalterschaft für den verschwundenen zwölften Imam. Für die traditionellen schiitischen Gelehrten galt bis zu Khomeini, dass erst die Wiederkehr des verborgenen Imam Mahdi zur Errichtung einer religiös legitimierten Herrschaft führen dürfe. Bis dahin hätten die schiitischen Gelehrten auf Distanz zur jeweiligen weltlichen Herrschaft zu achten und ihre religiösen Stiftungen dem Einfluss des Staates zu entziehen.“
Schmidinger postete übrigens am Montag: „In den letzten 24h hat der iranische Präsident Masoud Pezeshkian, der eigentlich immer dem reformistischeren Lager innerhalb des Regimes angehört hatte, in Worten und Werken klar gemacht, dass es mit ihm keine Venezuela-Lösung geben wird. Sollte das das Ziel Donald Trumps gewesen sein, ist dieses vorerst gescheitert. Das iranische Regime hat einige wichtige Leute zu ersetzen, es ist aber weder politisch oder militärisch bereits am Ende, noch bereit mit den USA zu kooperieren. Vielmehr deutet sich vorerst eine Verhärtung und weitere Eskalation an. Das geschwächte Regime scheint zumindest vorerst zusammenzuhalten und sich zu verbunkern.“
„Wer zu den 32 000 Toten und dem Blutbad, dass die islamische Republik am 8. und 9. Januar im Iran angerichtet hat geschwiegen hat, aber jetzt die Menschen, die ihre toten Kinder zu Grabe geführt haben, belehren will, ist bigott“, postete die deutsche Autorin, Jorunalistin, Filmemacherin, Politologin Düzen Tekkal am Montag auf Instagram.
„Niemand will Krieg. Die islamische Republik führt seit 47 Jahren Krieg gegen Ihre eigene Zivilbevölkerung. Die Betroffenen wünschen sich Demut, statt Belehrungen angesichts der grausamen Situation, in der sie sich gegenwärtig befinden. Sie befinden sich zwischen Todesangst und Hoffnung und haben große Angst am Ende wieder verraten zu werden.“
Sticker unter anderem mit pochenden offenen Herzen und dem berühmt gewordenen Spruch „Pumpaj“ (pumpen), der immer wieder auch laut gerufen wurde, erklang Sonntagmittag in der kleinen Ölzeltgasse in Wien-Landstraße. Wieder hatte Blokada Beč (Blockade Wien), eine Initiative der Diaspora, aus Solidarität mit den Protesten eingeladen. Unermüdlich wie ein Herz pumpt und pumpen muss, um dessen Besitzer:in am Leben zu erhalten, organisieren Aktivist:innen Kundgebungen, Demos und andere Aktivitäten zur Unterstützung all jener, die gegen Korruption und für ein demokratisches Serbien kämpfen und eintreten.
Anlass für die jüngste Kundgebung – zwar nicht mehr wie bei einer großen Kundgebung vor mehr als einem Jahr (KiJuKU berichtete) direkt vor dem Gebäude der serbischen Botschaft, aber bei der Kreuzung mit der Lagergasse am Eck des besagten Hauses – war der ersten Jahrestag einer Großdemo in Niš, der drittgrößten Stadt Serbiens. Und diese wiederum hatte ihren Ursprung in dem Einsturz des Vordachs in Novi Sad am 1. November 2024, bei dem 16 Menschen starben. Ein Unfall der kein Naturereignis war, sondern Folge von Korruption und Misswirtschaft beim Bau dieses Vordaches.
Noch immer warten die Angehörigen der 16 Todesopfer auf Gerechtigkeit durch Verurteilung der für den tödlichen Dach-Einsturz Verantwortlichen.
Die beiden Rednerinnen auf einem improvisierten Podest in Sicht-und Hörweite der Botschaft, Katarina Milisavljević (serbisch) und Anastasija Stojanović (deutsch) wiesen bewegend aber auch auf die Ausweitung der Protestgründe hin: Verbindungen zu und Solidarität mit Aktionen von Freund:innen über Serbien hinaus wie in Griechenland anlässlich des zweijährigen Gedenkens der Eisenbahntragödie in Tempi, aus Nordmazedonien nach der Tragödie in Kočani, aus Zagreb nach dem Mord an der Grundschule Prečko, aus Cetinje nach der Massenschießerei, die viele Leben forderte, und aus Bosnien und Herzegowina nach der Tragödie in Jablanica. „Dieses Mal stehen wir im gemeinsamen Schmerz an der Seite unserer Freundinnen und Freunde aus Sarajevo nach dem schweren Straßenbahnunfall, der das Leben mehrerer Menschen gefährdete, leider aber auch einem jungen Mann das Leben nahm.“
Der zuletzt genannte Unfall war Anlass, die bisher bei den Kundgebungen üblichen 16 Schweigeminuten für die Novi-Sad-Opfer auf dieses Mal 17 Minuten für zusätzlich Erdoan Morankić aus Sarajevo zu verlängern.
„Im vergangenen Jahr haben wir erlebt, dass Stille uns oft mit einem noch größeren Schmerz konfrontiert als jedes ausgesprochene Wort. Deshalb laden wir euch ein, gemeinsam einen Ausweg aus diesem Schmerz zu finden – indem wir jetzt, indem wir heute so laut wie möglich sind, mindestens so laut, dass man uns bis nach Niš hören kann!“ – und dann setzten die „Pumpaj“-Rufe mehr als lautstark ein, andere Losungen, unter anderem „ruke su vam krvave“ (deine Hände sind blutig – an die politisch Verantwortlichen bis hinauf zum Staatspräsidenten) folgten.
Und die Hoffnung, dass die Proteste – in Serbien sowie in der Diaspora – das „Potenzial haben, das gesamte System und die Gesellschaft zu heilen, die bedroht war, vollständig unterzugehen durch unzählige Skandale, Machtmissbrauch, Erpressung, Nötigung, Einschüchterung, brutale, organisierte Gewalt, Korruption und kriminelle Netzwerke, die an der Spitze des Staates Serbien stehen… Lasst uns daran erinnern und es uns einprägen – die scheinbare Minderheit, geführt von der Kraft der Gemeinschaft, im Bewusstsein ihrer Stärke und ihres Potenzials, ist genau diejenige, die den Grundstein für eine neue Gesellschaft aus Freiheit, Würde, Gerechtigkeit und Solidarität legt.“
„Blokada Beč“ will aber nicht nur zu Kundgebungen aufrufen, sondern startet demnächst mit Vernetzungstreffen und vor allem Diskussionen auf verschiedenen Ebenen – und bei Weitem nicht nur für Serbien relevant. So wurde auf die beginnende Veranstaltungsreihe „Days of Attention“ hingewiesen, „die vom Team aus Studierenden und Dozenten der geschichtswissenschaftlichen Institute der Universität Wien organisiert wird und sich den Protesten in Serbien widmen wird. Der Leitgedanke der Veranstaltungen wird sich auf folgende Fragen konzentrieren: Auf welche Weise werden zivile Proteste Teil politischer Veränderungsprozesse, wie funktioniert Aktivismus ohne konkrete Führungspersönlichkeiten, und welche Rolle können Universitäten dabei als Orte demokratischen Engagements spielen?“
Über den universitären Rahmen hinaus wird es ab 4. April jeden ersten Samstag im Monat ab 11.30 Uhr zwanglose Zusammenkünfte im Wiener Stadtpark geben mit „Raum für Dialog, den Austausch von Ideen und Erfahrungen sowie für Begegnung, um gemeinsam Strategien und Pläne zu entwickeln, wie wir die Unterstützung aus Wien auf ein noch höheres Niveau heben können. Wichtig ist uns zu betonen, dass die Treffen einen informellen Charakter haben – mit dem Ziel, Gleichgesinnte zu vernetzen und sich für zukünftige Aktionen zu verbinden“ – Infos werden auf dem Insta-Kanalgeteilt, Link am Ende des Beitrages.
Gesungene Liebe
Für einen höchst emotionalen Abschluss der Kundgebung sorgte Sänger Aleksa Jevtić, der mit dem vertonten Auszug aus dem Gedicht „Ljubav“ („Liebe“) des serbischen Dichters Djura Jakšić, manche Teilnehmer:innen sogar zu Tränen rührte – Video-Ausschnitt unten.
Aufs erste mag es vielleicht eine ungewöhnliche Kombination sein: Als Jugendlicher begann er sich selber das Programmieren von Computerspielen beizubringen, erfand mit „Prince of Persia“ eine langanhaltende weltberühmt gewordene Erfolgsserie mit Animationstechnik die damals sogar bahnbrechend war. Nun ist – in einem kleinen niederösterreichischen Verlag seine auf Deutsch (nach Französisch, Englisch, brasilianischem Portugiesisch) übersetzte – Familiengeschichte als Graphic Novel erschienen: Replay – Erinnerungen einer entwurzelten Familie“.
Der gebürtige New Yorker Jordan Mechner, der später in Kalifornien wohnte und seit fast einem Jahrzehnt in Frankreich lebt und arbeitet, weilte kürzlich in St. Pölten und Wien, wo er das druckfrische Buch vorstellte, unter anderem im Jüdischen Museum in der Dorotheergasse (Wiener Innenstadt), wo auch die Fotos zu diesem Beitrag entstanden sind.
Für den Schöpfer viele Computerspiele, Drehbücher, Comic-Schöpfer und fast andauernden Skizzen-Zeichner gibt es – wie er sagte eine große Gemeinsamkeit: „Ich liebe Story-Telling. Für mich ging es auch in den Computerspielen – vor „Prince of Persia“ (das erste 1989) entwickelte er schon „Karateka“ (1984) und später „The Last Express“ (1997) – nicht um Punktsammeln, sondern eben darum, eine Geschichte zu erzählen.“
Doch während in seinen Computerspielen die Storys erfunden sind – wenngleich „natürlich überall auch Erlebnisse, Begegnungen, Bilder aus dem eigenen Leben einfließen“ auch als „Echo der Geschichte“ – ist „Replay“ die reale Lebensgeschichte seiner Familie. Großeltern, die vor den Nazis, unter anderem aus Wien, flüchten mussten – und, mit Hindernissen und Umwegen (u. a. Kuba) – auch konnten… Der Großvater väterlicherseits hat viel schriftlich festgehalten, Fotos aufgehoben. Später gescannt, digitalisiert für die Familie, als Website erstellt, macht sich der Autor und Illustrator auch im Buch selbst an manchen Stellen auf die Suche nach einer fehlenden Seite 305A.
Der Großvater Adolf, Spitzname Bubi, vielleicht weil auch schon sein Vater, also Jordans Urgroßvater Adolf hieß, musste schon als Kind zum ersten Mal flüchten – im ersten Weltkrieg aus Czernowitz, damals noch in Rumänien, heute in der Ukraine. Sein Sohn, Francis, genannt Franzi, wurde dann als junger Volksschüler in Wien, wo die Familie zuerst Zuflucht gefunden hatte, zum Flüchtling und landete zunächst in Frankreich, später in den USA.
Wobei wie – in den meisten Familien -, bei Weitem nicht alle Mitglieder der Familie Mechner / Bayer / Ziegler / Feingold / Weitzberg Ermordung durch die Faschisten entgehen konnten.
Die immer wieder auch abenteuerliche Familiengeschichte konnte nicht selten nur dank des Zusammenspiels von Zufällen überhaupt weitergehen – und so erst die Geburt von Jordan und seiner drei Geschwister Linda, Emily und David ermöglichen. Die teils filmreife, aber eben echte, Story lässt der Dauer-Zeichner auf 315 Seiten in spannenden, lebendigen Bildern lebendig werden, die immer wieder die jeweilige – nicht selten lebensbedrohliche – Situationen noch mehr erahnen lassen als die dazugehörigen Texte (Übersetzung ins Deutsche: Lucia Engelbrecht).
Jordan Mechner springt auf den mehr als 300 Seiten immer wieder hin und her zwischen der großväterliche, der väterlichen und seiner eigenen Geschichte. Um jedwede mögliche Verwirrung zu verhindern, hat er sich einen durchgängigen Farbcode ausgedacht, der auf der Rückseite des Buches mit – passend zu Flucht- und Umzugsgeschichten – mit Gepäckstücken symbolisiert ist: Gelb für die Gegenwart, blau für die Erinnerungen an seine Kindheit und Sepia – wie alte Fotos – für die Passagen mit Erinnerungen seines Vaters bzw. Großvaters.
Onkel Joschi fand eines Tages in seinem Keller zwei gemalte Bilder, die er viele Jahre vorher in Wien vor dem Ersten Weltkrieg einem unbekannten, erfolglosen Künstler abgekauft hatte – Adolf Hitler. Mit diesen erwirkte er bei einem begeisterten Nazi-Funktionär Visa für ihn, seine Ehefrau und den gemeinsamen Sohn für Frankreich. (S. 18)
Jordan ist Vater von Jane und Ethan. In einer Episode (S. 208 und 209) treffen Vater und Tochter den (Ur-)Großvater. Sie ist urangefressen über den schulischen Geschichtsunterricht, wo sie gerade Frankreich zur Zeit der Nazibesetzung behandeln – bei Jordans Opa könnte die Schülerin Infos aus erster Hand erfahren. Jane aber ist noch viel erboster über die sexistischen, antisemitischen und rassistischen Anspielungen und Äußerungen des Lehrers und zitiert Sager wie „Ihr wisst ja, wie die Juden sind… Bei Muslimen ist es noch ärger. Die beiden algerischen Jungs regen sich immer auf und diskutieren mit ihm, und er schickt sie aus dem Klassenzimmer.“
Auch Jane hat gesagt: „Das geht gar nicht!“ – „Er (der Lehrer) hat mich zur Direktorin geschickt…“
Wo und wann tritt der Sinneswandel ein? So wie sich viele Kinder in einem unaufgeräumten, bespielbaren Kinderzimmer wohlfühlen, während die Eltern auf Zusammenräumen drängen, spielt sich ähnliches in so mancher Haltung rund um Schule ab. Während knapp mehr als ein Drittel von 1.194 befragten Schüler:innen (10 bis 19 Jahre) Hausübungen für sehr (7,4%) bzw. eher (26,9%) „sinnvoll“ halten, meinen mehr als zwei Drittel der 404 Eltern dies (44,6% sehr; 22,5 % eher).
Durchgeführt wurde die Umfrage vom Nachhilfeinstitut Lernquadrat gemeinsam mit dem Bundeselternverband, die Ergebnisse wurden nun (letzte Ferbruarwoche 2026) vorgestellt.
Weniger weit auseinander lagen die Einschätzungen des Zeitaufwandes: Rund ein Fünftel schätzte diesen auf weniger als eine halbe Stunde, rund die Hälfte auf bis zu einer, nochmals ein Fünftel bis zu 1½ Stunden. Wobei sowohl bei Schüler:innen als auch bei Eltern jeweils knapp mehr als 50 % die Hausübungsmenge für o.k. hielten; doch mehr als vier von zehn Kindern bzw. Jugendlichen diese als „zu viel“ einschätzen, während fast 13 % der Eltern „bitte mehr“ angaben.
Übrigens sind Eltern auch nicht die erste Anlaufstelle, wenn Schüler:innen Hilfe bei Hausübungen brauchen – Mütter zu 23,5, Väter zu 19 Prozent. An der Spitze der „Ratgeber:innen“ liegen Internet und da KI (Künstliche Intelligenz: 52,9%), aber schon bald gefolgt von Mitschüler:innen (44,6%) und Freund:innen (32,1%). Lehrer:innen wurden von 11 Prozente und Nachhilfe-Lehrer:innen von 7,7% genannt; Mehrfachnennungen war da möglich 😉
Wobei das Werkzeug zum ersten Ratgeber – Smartphone – allerdings auch als die größte Ablenkung angegeben wurde, interessanterweise von den Schüler:innen in einem deutlich höheren Ausmaß als von den Eltern. Letztere nannten nur zu rund einem Viertel Handys als (sehr) häufige Ablenkung ihrer Kinder, diese selbst räumen fast zur Hälfte ihren Geräten diese unerwünschte Funktion zu.
Die genannte Umfrage wollte neben Fragen rund um Hausübungen auch noch wissen „Was würdest du gerne in der Schule noch lernen, was derzeit nicht unterrichtet wird?“ Wobei dies als offene Frage – ohne mögliche Antworten gestellt wurde. Ergebnis: Kompetenzen fürs Leben (19 %), Finanzen (10,1%), Kochen / Backen / Ernährung (7,1%), Psychologie / Mentale Gesundheit (4,3%), Politik ebenso 4 Prozent wie Soziale Kompetenzen / Rhetorik / Selbstmanagement, Digitales /KI / Medienkompetenz (3,3%) sowie Wirtschaft (3,1%).
Knapp mehr als eine Schulstunde rockt Julia Wozek als „Die Neue“ in der Klasse und überhaupt der Stadt die Bühne als Ophelia. Ein nicht so alltäglicher heutiger Name. Da war doch was. Irgendwas mit Literatur und so, oder mit Taylor Swift???
Genau, beides. Letztere, die Jugendlichen vielleicht geläufiger sein mag, veröffentlichte im Vorjahr (2025) „The Fate of Ophelia“ (Das Schicksal der Ophelia). Der Song wurde wie viele andere von Taylor Swift ein Nummer1-Hit und ihre Ophelia ist vom Original in William Shakespeares „Hamlet“ inspiriert. Der wohl bekannteste Theaterautor hatte vor gut 425 Jahren in diesem – wie bei vielen anderen seiner Stück von älteren oft (sehr) bekannten Geschichten – Schauspiel Ophelia als heimlich Geliebte Hamlets geschrieben.
Diese Neue trifft eben auf Hamlet, Klassensprecher, der dieses Amt, in das er gewählt wurde, ebenso hinterfragt wie praktisch alles andere auch, vor allem die Meinungen übe sich selber. Jeder, vor allem sein Vater, habe Dutzende Meinungen, wie er, der junge Hamlet, zu sein habe. Was ihn mehr als ankotzt. Diesen spielt Nicolas Hoser – zurückhaltender, zweifelnder, lange Zeit unzugänglicher. Eine schöne „Nebenbei“-Botschaft, die noch dazu durch die beiden Charaktere nie aufgesetzt wirkt.
Dennoch funkt es zwischen den beiden. Die end-20-jährigen Schauspieler:innen verkörpern glaubhaft Jugendliche, die einerseits mit den Rundum-Anforderungen von Gesellschaft und Schule hadern, sich auseinandersetzen. Und andererseits mit ihren nicht immer klaren und noch weniger erklärbaren Gefühlen füreinander umgehen können / wollen / müssen.
Den Text zu diesem Stück namens „Hamlet X = Y“ hat Holger Schober vor gut ¼ Jahrhundert (im Jahr 2000) geschrieben. Karl Wozek vom Theater Wozek hat Regie geführt, es an so mancher Stelle adaptiert und in die Gegenwart transportiert – ja natürlich kommen auch Instagram und an der einen oder anderen Stelle ein Smartphone vor – ohne dass diese aber überhandnehmen.
Die Stunde lebt vom Schauspiel der beiden Darsteller:innen – in der Rolle von Jugendlichen und gleichzeitig mit dem ins Hier und Heute „übersetzten“ Shakespeare’schen „Hamlet“-Plot: Dem Prinzen der seinen Vater rächen will, weil der vom eigenen Bruder beseitigt wurde, um sich dessen – in dem Fall nicht dänisches Königreich, sondern Teppich-Unternehmen, unter den Nagel zu reißen; und obendrein die eigene Schwägerin zu heiraten. Und Ophelias Part, die von Hamlet zurückgestoßen wird – aus für sie, und hier auch ihn – de facto unerklärlichen Gründen.
Achterbahn der Gefühle mit bewusst unterschiedlichen Energie-Levels, da die Draufgängerin, dort der Zweifler, gepaart mit Klassiker und sehr viel Spielfreude. Damit tourt Theater Wozek durch viele Theater in ganz Österreich, was durch das spartanische Bühnenbild auch leicht möglich ist. Und natürlich kommen die klassischen Zitate wie „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“ oder „Der Rest sich Schweigen“ auch noch vor 😉 Aber auch Anspielungen an Pop-Songs, Filme und Streaming-Serien.
Bukephalos, das sagenumwobenen Pferd von Alexander dem Großen hatte es einem 11-jährigen Buben im Archäologiemuseum Neapel (Italien) besonders angetan. Er entdeckte auf dem großen Mosaik, das in Pompeji ausgegraben worden war, „dass es auf dem Mosaik die gleichen Haare wie Alexander habe und ein wenig traurig aussehe. Das war mir nie aufgefallen, Kinder sehen die Welt ganz anders als Erwachsene.“ So erzählte es der bekannte Autor Ferdinand von Schirach dem Verlag (Penguin Junior). Diese Begebenheit ist letztlich „schuld“ daran, dass der Anwalt und Schriftsteller, Pate des damals 11-Jährigen, nach vielen anderen – auch verfilmten – Büchern, nun sein erstes (nicht nur) für Kinder eben druckfrisch bzw. als eBook und als Hörbuch (sowohl CD als auch Downloads) veröffentlicht hat.
Die geschilderte Episode liegt 30 Jahre zurück, die Betrachtungen seines Patenkindes, hätten ihn damals veranlasst, dem Buben mehr über Alexander – wohl Historisches sowie Legenden – zu erzählen. Bei einem Familientreffen vor einem Jahr erzählte der längst erwachsene und in New York verheiratete Patensohn, dass er sich noch immer an die Geschichten erinnere, sie gern seiner zehnjährigen Tochter vorlesen wolle. Dafür aber müsse dieser sie erst aufschreiben 😉
Nun liegt sie druckfrisch vor – und könnte vielleicht kaum aktueller sein. Denn Schirach baute nicht nur die Legende ein, dass der Alexander aus seiner Erzählung so manches Abenteuer des Großen Alexander erlebte, sondern auch ein Lehrstück in Sachen Demokratie und Friedenswillen – und das ganz ohne erhobenen Zeigefinger.
In dem erfundenen Ort Kaliste sitzt der Bub am liebsten ganz weit draußen auf einer kleinen Mauer am Meer, hält eine Angel ins Wasser. Ohne wirklich zu fischen, aber damit er hier in Ruhe sitzen und in die Ferne blicken kann. Und er wolle keine Fische töten. Es gäbe schon genug Tote durch den Krieg, den der Tyrann von Kaliste gegen die Nachbarregion führte. Auch Alexanders Vater wurde dabei das Leben genommen.
Ein neuer Krieg droht, sollte die Stadt nicht dauerhaft Tyrannen-frei bleiben. Es brauche gute Gesetze, um eine solche künftige Schreckensherrschaft zu verhindern. Und dazu solle jemanden aus Kaliste durch die Welt ziehen, um sich nach solchen Gesetzen umzuhören.
Dass dies letztlich Alexander werden würde, liegt bald auf der Hand. Schirach lässt ihn dazu als einzigen des Städtchens das bekannte Rätsel der Sphinx (Löwenkörper, Flügel, Menschenkopf) lösen: Was geht morgens auf vier, mittags auf zwei und abends auf drei Beinen? Aus der Beobachtung eines Babies, von Erwachsenen und einem alten Mann mit Stock wusste der junge „Angler“ Bescheid.
Und so zieht der Junge los, trifft auf der Reise die unterschiedlichsten interessanten Menschen, erfragt deren Ansichten über „gute Gesetze“ – von der Gleichheit bis zur Meinungsfreiheit, wird hin und wieder auch vor fast unlösbare Rätsel gestellt und …
Die Zeit wird knapp, erst sollte nach sieben Tagen zurück sein. Da trifft er auf Bukephalos – die einzige Rettung, doch noch rechtzeitig zurückzukommen. Aber keine und keiner kann dieses Pferd reiten, so wild ist es. Und weil diese Legende sehr bekannt ist, kann sie hier auch – ohne allzu viel zu spoilern, ist doch ohnehin klar, dass Alexander rechtzeitig wieder in Kaliste ist – jenen verraten werden, für die es noch ein Geheimnis ist: Der Bub beobachtet wie es so seine Art ist genau und checkt: Das große Pferd hat Angst vor seinem Schatten, so redet er gut auf Bukephalos ein, der Hengst bewegt sich so, dass der Schatten hinter ihm liegt – und los geht’s.
Probleme tauchen sozusagen in letzter Minute ohnehin noch mit einem Ober-Militär auf, bevor…
Ferdinand von Schirach hat mit eineinhalb Dutzend Zeichnungen die leicht und locker geschriebenen fast 150 Seiten auch illustriert; leider darf hier aus rechtlichen Gründen seitens des Verlages nur eine einzige – außer der auf der Titelseite – veröffentlicht werden. Vielleicht sind die weltpolitischen Krisen, die „Zeitenwende“ in Richtung Militarisierung und Bedrohung von Demokratien der Anlass gewesen, es jetzt zu veröffentlichen. Immerhin erfindet er für eine Begegnung Alexanders wohl in Delphi, denn hier sucht er nach dem Orakel, den „Schaumschläger“ (mit gelbem Haarschopf). Dies ist ein ehemaliger Tyrann, den sie in eine riesige Badewanne mitten auf dem Marktplatz setzten. „Jetzt muss er dort den ganzen Tag Schaum schlagen… damit man nicht sieht, dass er nackig ist…. Schaumschlagen kann er wirklich gut… Er mag es, wenn man ihm zusieht… jetzt ist er harmlos in seiner Badewanne. Er kann uns nicht mehr gefährlich werden.“
Die allgegenwärtigen Augen starten nicht erst im Bühnenraum, sondern schon im Foyer des Theaters. „Big Brother ist watching you“ (Großer Bruder beobachtet dich), der aus George Orwells dystopischem Roman „1984“ (1948 veröffentlicht) verfolgt dich sogar bis aufs Klo des Theaters Arche (Wien-Mariahilf; 6. Bezirk). Mit aufgeklebten Augenbildern ebenso wie dem einen oder anderen Spruch – bis hin zu „2 + 2 = 5“, das im Roman eine zentrale Figur beim Schachspiel in den Staub des Tisches schreibt.
Jugendliche der 7 D des Polyästhetik-Zweiges des BORG (Bundes OberstufenRealGymnasiums) in der Hegelgasse 12 (Innere Stadt; 1. Bezirk) spielten hier eine von besagtem Roman stark inspirierte Neufassung: „2062“ (ebenfalls Zahlendreher und obendrein zufällig selber Jahresabstand 36 Jahre), geschrieben von Daphne Anders. Knapp mehr als eine Stunde lassen die Schüler:innen in der Inszenierung des Theater-Co-Leiters (seit einigen Schuljahren gibt es diese Kooperation; Dramaturgie, Choreo und Musik von Lehrpersonen) in diese vor allem Verinnerlichung der Überwachung, des Bewusstseins, ja nicht gegen den Strom schwimmen zu dürfen, alles zur Zufriedenheit der Obrigkeit zu tun, erschreckend lebendig werden.
Winston Smith ist Mitarbeiter des MiniWa – Ministeriums für Wahrheit. Seine und die Aufgabe aller Archivar:innen: Alles je Veröffentlichte ständig an die vorgegebenen Richtlinien der Herrschenden anzupassen, damit keine abweichenden Nachrichten mehr verfügbar sind. Doch langsam behagt ihm das nicht ganz, er beginnt heimlich eigene Tagebuchnotizen zu verfassen. Wie bei sämtlichen der wenigen Einzel- Protagonist:innen schlüpften bei den Vorstellungen abwechselnd Schüler:innen in diese Rolle (Stephan Arlt / Elena Murauer).
Die Mehrheit der Jugendlichen erfüllten in diesem Stück die Aufgabe des unheimlich starken Chores (Thembe Aboulez-Schmid, Helene Hof, Lisa Katschnig, Hannah Koloseus, Viola Kretschmer, Pixie Kronenfels, Sophie Lelenta, Marlen Minichbauer, Tobias Müller, Emma Panić, Julian Ressler, Luise Schaffer, Lilia Schmid, Hannah Stockinger). Ob als Marschkolonnen – mit dem „wachsamen“ offenen Auge auf der Kappe -, oder als extrem bedrohlich stark auf Abwechler:innen zukommende, ohne diese zu berühren aber mehr als einschnürende Stumm-Macher:innen, machten sie mehr Angst als direkte Drohungen von Vorgesetzten Winstons.
Dieser starke Chor manifestiert sozusagen szenisch, dass Diktaturen und Wahrheit-Unterdrückungen über längere Zeit nur dann funktionieren, wenn es ausreichend Mitläufer:innen gibt, die das Herrschaftssystem stützen.
Ob „2062“, „1984“ oder so manch andere Dystopie, die Wirklichkeit scheint fast alle Schreckens-Szenarien zu überholen: In autoritären Regimes à la Putins Russland darf der Krieg gegen das Nachbarland Ukraine nicht einmal so genannt werden, sondern muss „Spezial-Operation“ heißen. Und sogar gewählte Präsidenten (da reicht meist un-gegendert), setzen sich über Gesetze, Verträge… hinweg, diskreditieren seriös recherchierende Medien als Fake News, bauen eigene „Wahrheiten“ auf (Donald Trump nennt seine eigene Plattform Truth Social!), verspottet Journalistinnen (da vor allem Frauen), aber auch sich nicht unterwerfende Politiker:innen…
Und seit mehr als einem Vierteljahrhundert (Start 1999) werden in mehr als fünf Dutzend Ländern TV- bzw. mittlerweile Streaming-Shows „Big Brother“ ausgestrahlt, wo sich Menschen zum Gaudium des Publikums, freiwillig eingesperrt von Kameras dauernd verfolgen lassen…
„Über mir die Lüfte, unter mir die Erde, rechts die Stadt und links das Land. In der Mitte das, was die Menschs „Zoo“ nennen. Ein Zoo hat Viechs von überall, alle in ihrem eigenen Zuhause.“ Die Autorin Melanie Laibl lässt die „Wilde Kraa“ über einen exemplarischen, bewusst nirgends konkret verorteten Tiergarten erzählen. Und das vor allem aus der Sicht dieses fliegenden, flatternden, schwebenden, keinen Grenzen ausgesetzten und den Überblick habenden schwarzen Wesens – eines Kolkrabens (wie spätestens am Beginn der sechs Erklär-Seiten im Anhang zu entdecken ist).
Aus ihrer eigenen Erfahrung will die Wilde Kraa etwas worüber sie „die halbe Nacht… gebrütet und gegrübelt“ hat den Tieren, die sie gern besucht, verklickern: Ihr könnt genauso frei sein wie ich. Noch dazu wo sie in der Früh miterlebt, wie die auf ihre „Mjam-Nams“ warten, damit ihnen die Futter bringen und ebenso auf die Abwechslung durch die „Schau-Waus“.
Für die Bezeichnung von Tieren, aber eben auch Menschen, greift die Autorin einerseits auf einen Mix aus Wortspielen zu in der Tradition der Autor:innen von Klassikern wie „Das Sprachbastelbuch“ (Christine Nöstlinger, Renate Welsh und viele andere). Und andererseits erinnert manches an Tierlauten bzw. Beschreibungen, die häufig (nicht nur) von Kindern für die jeweilige Gattung verwendet werden. Wer übrigens – aufgrund der Tierlaut-Bezeichnungen samt den Bildern nicht ganz sicher sein sollte, wen Laib gemeint hat, findet auf den schon erwähnten (sechs) Seiten im Anhang die Erklärung – samt Infos zu der jeweiligen Tierart, oder auch den Menschen (Tierpfleger:innen bzw. Besucher:innen) sowie der Autorin (Krtz-Krtz) und der Illustratorin – Krikel-Krakel.
Apropos Illustratorin: Linda Schwalbe hat nicht nur einen kunterbunten, abwechslungsreichen, und auch beim mehrmaligen Betrachten des Bilderbuchs immer wieder neue Details zu entdeckenden Kosmos der Zoo-Bewohner:innen geschaffen. Mit der durchgängig aus geometrischen Figuren zusammengesetzten Lebewesen und Landschaft gelingt es ihr auch die zwei widersprüchlichen Seiten der Geschichte ideal zum Ausdruck zu bringen. Scheinbar begrenzt wirkende geometrische „unnatürliche“ Formen zaubern doch eine fast unendliche Vielfalt.
Und Laibl lässt in dem Versuch, sich in die Tiere hineinzuversetzen, die freiheitsliebende Rabin bei ihrem überzeugten Befreiungsversuch bei so manchen der Zoo-Tiere auf gar keine (große) Gegenliebe stoßen. Und es ist nicht nur deren mögliche „Bequemlichkeit“ wegen de Rundum-Versorgung, sondern auch die – in vielen Zoos – schon lange neue Grundhaltung möglichst artgerechter Haltung plus Schutz und (Wieder-)Vermehrung gefährdeter Arten. Samt dann doch weitergehenderer Einrichtungen wie Auffang- und Aufzuchtstationen in wildnisnaher Umgebung und vieles mehr (ebenfalls auf den Erklär-Seiten).
Und über die „animalischen“ Welten hinaus transportiert diesen, wie natürlich viel gute Bücher über Tiers so manches über Menschen – samt den auch wachsenden Gedanken, dass diese „nichts Besseres“ sind.
Vielleicht die einzige Chance, sich noch auf eine neue Art, aufzurütteln, den Welt- vielmehr den drohenden selbst bewirkten, verschuldeten Untergang der Menschheit entgegenzutreten: Sarkastische Satire!?
„Radio Goo Goo“ – ein nicht ganz zweistündiges Feuerwerk an Gedankenspielen, Wort- und Spiel-Witz von Judith Humer (Regie: Nehle Dick); entstanden übrigens im Drama Lab der Wiener Wortstaetten. Das Kosmos Theater als „Patentheater“ hat den Schreibprozess begleitet und bringt das Stück nun zur Uraufführung.
Seit Jahrzehnten bekannte wissenschaftliche Erkenntnisse: Werden ignoriert.
Appelle, Konferenzen…: Wenig Effekte
Selbst breite Bewegungen wie – vor allem von jungen Menschen initiierte und getragene – Fridays For Future: Mittlerweile auch am Verpuffen
Aktionismus à la „Letzte Generation“: Weit mehr angefeindet als Verursacher der Klimakatastrophe und vergraulten sogar Aufgeschlossene
Die Tribüne, auf der in den allermeisten Fällen das Publikum Platz nimmt, ist nun stufenförmige, kahle Landschaft mit einem darauf gepflanzten Gartenhäuschen, das Geburtenstation, Lift in den Untergrund usw. wird (Bühne & Kostüm: Michael Lindner). Das Publikum in Sitzreihen auf der Bühne hört und sieht sozusagen dem vorgeführten eigenen Untergang zu.
Claudia Kainberger als Radioreporterin, Johanna Orsini, die sich als bewegte Bürgerin das Radiomikro aneignet, Aline-Sarah Kunisch als absurde Erinnerungsstücke häkelnde Phlegmatikerin und der live musizierende, phasenweise Friedhofswärter Luka Vlatković spielen, klettern und turnen dem Untergang entgegen. Der letzte Tag der Beziehung zwischen Erde und Menschheit steht datumsmäßig fest.
Poetisch beginnt der Text, wie die filmreif geschilderte Romanze der beiden begann. Die nun unweigerlich enden wird. Die Radioreporterin soll diese unaufhaltsamen letzten Tage mit Berichten, Interviews und Reportagen begleiten. Was nicht selten zu absurden Situationen führt. Wer werde denn am Ende die Toten bestatten, wenn eh alle aussterben? Tief unter der Erde ein Milliardär, der in seinem Bunker zu überleben glaubt und die Reporterin dazu bewegen will, mit ihm zur neuen Ur-Mutter zu werden.
Statt möglicher, denkbarer, vielleicht sogar naheliegender, sich aufdrängender Auflehnung gegen den fix scheinenden, feststehenden Untergang bitterböser satirischer Umgang damit. Und dennoch basteln an Hinterlassenschaften für – mögliche künftige Historiker:innen oder intelligente Besucher:innen von anderen Galaxien? Was soll in zeitkapseln. Vielleicht auch für diese Betrachter:innen Verwirrendes? Wollene Outfits für achtbeinige, 20-äugige, Vielarmige Wesen für eine der Zeitkapseln? Wer wird dann die auf den Gräbern wachsenden Paradeiser (Tomaten) verzehren? Und wieso ausgerechnet Radio?
Nun, vielleicht liegt’s ja auch an dem Rocksong „Radio Ga Ga“ von den Queens aus dem Jahr 1984, der angesichts des Stücktitels fast unweigerlich in den Sinn kommt? Und zu dem sich Roger Taylor der übrigens – laut wikipedia – „von seinem damals dreijährigen Sohn Felix“ inspirieren“ ließ, „der eine Radiosendung mit den Worten „radio ca ca“ beziehungsweise „radio poo poo“ kommentierte. Taylor entwickelte daraus den Titel, erst danach schrieb er den Liedtext. Radio Ga Ga thematisiert laut Taylor die historische Bedeutung des Radios vor dem Aufkommen des Fernsehens und zugleich die wichtige Rolle, die das Radio für ihn persönlich gespielt hat.“
Hier wird das Radio-Hören, das teilweise auch ins Selber-machen übergeht (Johanna Orsini, siehe oben), zum vielleicht verklärten oder erhofften Gegenpol der Dystopie, dem gemeinsamen „Lagerfeuer“ – Miteinander wenigstens im Angesicht des gemeinsamen Untergangs. Und vielleicht damit doch noch ein – letzter – Ausweg aus dem fixen Datum: Mit- statt Gegeneinander, aber auf subtil, sehr, sehr humorvolle Art und Weise.
Der bekannte erwähnte Queens-Song nimmt übrigens unter anderem Bezug auf das Radio-Hörspiel nach dem satirischen Roman „Krieg der Welten“ von Herbert George Wells (1897/98), das als Hörspiel 1938 angeblich Massenpanik ausgelöst haben soll; was viel später eher als Erfindung gedruckter Zeitungen gegen das neue Medium Radio interpretiert wurde / wird.
So „nebenbei“: Die Inszenierung, die nicht nur rund um Radio, sondern vor allem um Gesprochenes bzw. Gesungenes – an- und ausgespielte Endzeit-Songs („The End oft eh World“, Skeeter Davis, Franz Schuberts „Ave Maria“) – setzt, eignet sich auch gut für meist von Theatervorstellungen nicht angesprochenen blinden bzw. seh-beeinträchtigen Menschen.
Apropos „blind“: Ab 23. Februar läuft im Theater Arche das Musiktheaterstück „Kassandra 4D“ von Ensemble 21 in einer geänderten Neuinszenierung – Stückbesprechung der vorigen Version unten am Ende verlinkt – in der die im Herbst des Vorjahres verstorbene optimistische Wissenschafterin und Aktivistin für das Zusammenleben des Menschen mit seiner (tierischen) Umwelt, Jane Goodall, gewürdigt wird.
Irgendwie kommt beim satirischen Zugang auf das Ende der Menschheit immer wieder auf Jury Soyfers „Der Weltuntergang oder Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang“ in den Sinn. Und die Entlastung für die angeklagte Erde, das Sonnensystems aus dem Gleichgewicht gebracht zu haben: Sie kann nichts dafür, weil sie hat Menschen – Links zu Besprechungen mehrerer „Weltuntergangs“-Inszenierungen unten am Ende des Beitrages.
Samstagmittag versetzt die „John Lennon Tribute Band“ (sehr) viele der 280 Gäst:innen im großen Saal des Austria Trend Hotels Savoyen am Wiener Rennweg um Jahrzehnte zurück in ihre Jugend. Oder ließ deren junge Jahre wieder „auferstehen“. Zum Tanzen – wie die Musiker:innen es sich wünschten, ließen sich nur wenige und das eher zaghaft animieren.
Für diesen Auftritt rangen sich Andy Baum, Ramona Kasheer (beide Gesang und Gitarre), Alex Gantz (E-Gitarre), Martin Payr (Keyboards), Jürgen Mitterlehner (Saxofon und Percussion), Arnulf Lindner (Gesang, Bass, Cello) und Bandleader Robin Gillard (Gesang und Schlagzeug) sowie Erik Trauner als Gast (Gitarre, Gesang, Mundharmonika) zu einer für sie ungewöhnliche Premier durch: Auf einer Matinee hatten sie noch nie gespielt. Aber was machen engagierte Künstler:innen nicht alles für gute Zwecke!? Denn das Konzert war Teil des diesjährigen Theaterhotels, reloaded by Modul.
Bei Leser:innen von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… sowie dem Vorläufer dieser Plattform, dem Kinder-KURIER, klingelt’s vielleicht: Dies ist ein riesiges, wahrscheinlich das größte Schul-Charity Österreichs. Jugendliche einer Tourismusschule – mehr als eineinhalb Jahrzehnte der öffentlichen Bergheidengasse, nun im zweiten Jahr von Modul (Wiener Wirtschaftskammer) verbinden ihre fachliche Ausbildung – kochen, servieren, Projekt- und Eventmanagement. Sie organisieren diese große Veranstaltung mit exquisiten allesamt selber zubereiteten kulinarischen Genüssen, treiben ebenso hochwertige Kultur auf. Und die Einnahmen kommen Vereinen, Initiativen, Projekten zugute.
2008 fand das erste dieser „Theaterhotels“ noch in kleinem, schon ein Jahr später in größerem Rahmen und danach immer im oben genannten Hotel, vormals Heimat der Wiener Zeitung, statt. Initiiert von Schauspiellegende Otto Tausig (1922 – 2011) und einem der Bergheidengassen-Lehrer, Helmut Kuchernig-Hoffmann. Tausig hatte als Kind nur deswegen die Nazi-Zeit überlebt, weil er mit einem der bekannten Kindertransporte nach England entkommen konnte, war also einer von Tausenden minderjährigen Flüchtlingen. Mit seiner Schauspielkunst hat er abseits der Bühnen (Burgtheater) sich vielfach und stets gesellschaftspolitisch engagiert. Und so kam’s zu diesem großartigen Projekt. Er selbst hatte damals schon Projekte des Entwicklungshilfeklubs unterstützt. Und so werden mittlerweile Menschen in rund 100 Dörfern in Guntur im indischen Bundesstaat Andrha Pradesh, vor allem Angehörige ausgegrenzter Minderheiten, dabei geholfen, fixe Behausungen zu bekommen. Darüber hinaus werden immer wieder noch andere Projekte im Aus-, aber auch im Inland unterstützt. Aus aktuellem Anlass wanderte 2023 ein Teil der Einnahmen in die Erbebengebiete in der Türkei und in Syrien. Die Musik-Initiative für Kinder weniger betuchter Eltern, Superar und andere werden seit einigen Jahren auch unterstützt.
Freitag Abend – beim Dinner mit geschmortem Topinambur, getrüffelter Pastinakencreme, Rinderschulter und Rotkraut bzw. als fleischlose Alternativen Pilze und Kohlsprossen sowie einem optischen Kunstwerk aus Sesamparfait, „servierte“ Cornelius Obonya den 250 Besucher:innen ein literarischen-philosophisches Programm unter dem Titel „Platon und Schnabeltier gehen in eine Bar“. Dazu spielte Christoph Paula am Klavier, Alexandra Aleksiuk am Cello und Andy Grabner Percussion.
Für Obonya gab es auf der Bühne eine überraschende Begegnung. Cornelia Karl, die gemeinsam mit Florian Aurelio Neumayr beide Tage moderierte, erinnerte ihn daran, dass sie schon Jahre vorher, als siebenjähriges Kind mit einem Chor von Kärntnerinnen in Wien im Stift Klosterneuburg die Bühne geteilt hatte.
Das Moderationsduo hat gemeinsam mit Regie-Assistentin Olivia Leopold – alle nun in der Abschlussklasse – den reibungslosen Ablauf sowohl Freitagabend als auch Samstagmittag organisiert. Die beiden Moderator:innen haben in dieser Profession – abseits der Bühne – Erfahrungen gesammelt in einer 17-teiligen Podcast-Serie im vergangenen Schuljahr, wie sie KiJuKU.at berichten: „Die ganze Klasse hat sich mit den Nachhaltigkeitszielen intensiv beschäftigt. Jede und jeder hat sich eines der 17 SDG – Sustainable Development Goals hergenommen und dazu recherchiert, wo und wie in Wien das exemplarisch erfüllt wird. Und wir beide haben unsere Klassenkolleginnen und -kolelgen dann für die jeweilige Folge interviewt.“ (Wien nachhaltig entdecken -Dein SDG-Guide für Wien, Modul onAir; Spotify; am Ende des Beitrages verlinkt.)
Und: Die Jugendlichen haben nicht nur über Nachhaltigkeit geredet, das Theaterhotel ist – wieder – als „ÖkoEvent+“ ausgezeichnet worden, weil von der Planung bis zur Durchführung klimabewusst gearbeitet wird, also geachtet wird möglichst Ressourcen zu schonen, Abfall soweit wie möglich zu vermeiden, auf regionale, saisonale, biologische Lebensmittel gesetzt wird, …
An den beiden Tagen waren insgesamt 250 Schüler:innen von der ersten bis zur 5. Klasse im Einsatz. Der der jüngsten, die mit leeren, runden Tablets vor Beginn der Veranstaltung im Foyer vor dem großen Saal Ausschau hielten, wo was von den Stehtischen schon abzuservieren sei, verrieten Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… nicht nur, dass „wir heute schon seit 7 Uhr in der Früh da sind, weil viel vorzubereiten war“, sondern ach, weshalb sie sich für diese Oberstufe entschieden haben.
Mira Theodora Germann: „Ich wollte schon immer Schule mit mehr Praxis verbinden.“ Julia Böhm, ebenfalls 14 Jahre: „Schon in der Unterstufe wusste ich, dass ich eine Oberstufe will, in der ich auch schon einen Beruf lernen kann. Und ich wollte einen Beruf, in dem ich viel mit Menschen zu tun haben kann – das ist im Tourismus der Fall und macht mir großen Spaß. Außerdem haben wir in der Schule wirklich sehr viel Praxisausbildung – kochen, servieren…“
Mora Buisman beginnt damit, dass „mir im Gymnasium etwas gefehlt hat. Ich wollte nicht nur die „normalen“ Fächer lernen und so hab ich mir weiterführende Schulen bei Tagen der offenen Tür angeschaut. Beim Modul fand ich das mit dem Einsatz bei Veranstaltungen außerhalb der Schule sehr interessant. Und es gefällt mir immer noch. Neben kochen und servieren haben wir in der Schule noch weitere Praxistage, wo wir zum Beispiel für das Schüler-Café und dort für alles zuständig sind – bis dahin, wie man so eine Großküche auch ordentlich sauber halten kann.“
Über die Hilfsprojekte in Indien <– damals, 2019, noch im Kinder-KURIER, Vorläufer vonKiJuKU.at
„Zusammenhalt beginnt mit einem Lächeln“, meinte unter anderem Qianxan Han (AHS Maria Regina) beim Speech Off, dem neu konzipierten Regionalfinale des mehrsprachigen Redebewerbs Sag’s Multi im ORF-Zentrum am Küniglberg (Wien). Die besten der 384 Jugendlichen, die ihre Reden per Video im Herbst eingereicht hatten, halten seit Mitte Februar – bis Mitte März – in den ORF-Landesstudio live und analog (digital gestreamt) ihre Reden vor den Jurys. Die Jüngeren (7. und 8. Schulstufe) in der Kategorie YoungStars, die älteren (9. bis 13. Schulstufe) eben der Speech Masters. An jedem der Tage werden Sieger:innen gekürt – mehr Wettbewerb als bisher. Die Landessieger:innen (neuen Bundesländer plus Südtirol) der Älteren halten dann beim Abschluss-Finale im Wiener Rathaus (17. April) eine neue Rede; eine Jury wählt die beste aus.
Hier nun der vierte und letzte Teil – die anderen sind am Ende des Beitrages verlinkt – über die 30 Reden der Speech Masters aus Wiener Schulen, bewusst heue 821. Februar) veröffentlicht, dem internationalen Tag der Muttersprachen – dazu ein eigener, ebenfalls unten verlinkter Beitrag.
Und damit zurück zu Qianxan Han, die Chinesisch (Mandarin) und – wie alle anderen – auch Deutsch sprach (Bewerbsregel). Das erwähnte Lächeln sei Basis für den Aufbau von Vertrauen, so die Schülerin. Zusammenhalt sieht sie übrigens wie in einem schönen Bild in vielen bunten Farben, der Vielfalt. Denn Unterschiede sollten nicht Grund für den Bau von Mauern zwischen einander sein, sondern für Fenster die es ermöglichen raus-, aber auch rein zu schauen, sich kennen zu lernen… „Denn Zusammenhalt in Vielfalt ist die Hoffnung, dass aus dem DU und Ich ein WIR wird.“
Es sei Zeit, „uns selbst wieder zu finden“, denn alle seien mehr als ihre Likes, geposteten gefilterten Fotos, appellierte Liran Shabtai (Vienna European School) auf Hebräisch und natürlich Deutsch (Bewerbsregel, siehe oben, die ab nun nicht mehr in jedem Abschnitt extra erwähnt wird) an die live anwesenden vor allem Jugendlichen und jene, die via Live-Stream zuschauten – und nicht zuletzt auch sich selbst.
Die Selbstdarstellung in den Netzwerken hätte dazu geführt, nur Bilder von sich zu „verkaufen“. Vergessen werde zu lachen, zu fühlen… Doch jede und jeder habe die Wahl, weiterhin nur zu scrollen oder echt zu leben mit allen Fehlern, Unsicherheiten, Narben. Sie, die es liebe, auf der Bühne zu stehen (vor allem als Tänzerin), rief abschließend auf, es sei Zeit, „Masken fallen zu lassen“.
„Fairness nicht gefunden, Fehler 404“ konstatierte Viola Kaltenberger (Hertha Firnberg Schulen für Wirtschaft und Tourismus, Französisch), wenn – wie es oft passiert, Sprachen in wertvolle und weniger wertvolle auseinanderdividiert würden / werden. Während Englisch, Französisch, Spanisch auch – öffentlich verwendet – vielfach geschätzt werden, heißt es bei Türkisch, Arabisch oder Somali nicht selten „die sprechen ja zu Hause kein Deutsch“.
Damit werden Menschen dieser Sprachen strukturell diskriminiert, ausgegrenzt, ausgeschlossen. Jede Sprache und jede Kultur ist aber gleich viel wert und Vielfalt nicht nur dann super, wenn sie bequem ist, sondern nur echt, wenn alle Stimmen zu hören sind. Und wenn nicht nur davon geredet, sondern erst wenn sie gelebt wird. Sonst bleibe am Bildschirm: Fehler 404.
„Wer Hoffnung sät, erntet Licht!“, so optimistisch und tatbereit beendete Enesa Qorri (GRG 21; Albanisch) ihre Rede. In der hatte sie zuvor die von außen auf ihre, die junge, Generation aufgebürdeten Erwartungshaltungen einer- und die großen Krisen, der sie und ihre Altersgenoss:innen ausgesetzt sehen, andererseits aufgezählt: Sorgen über die Zukunft, Klimawandel, Druck, perfekt sein zu müssen oder wenigstens sollen, „das Gefühl, nie genug zu sein.
Gleichzeitig aber sei dies eine Generation, die viele Fragen und vieles in Frage stelle und sich eine Welt wünsche, in der Menschlichkeit mehr zähle als Leistung.
Schlagzeilen über Kriege und Kämpfe, dann wieder Tanzvideos – solche und andere werden tagtäglich wild durcheinandergemixt in Timelines sozialer Netzwerke gespült, schilderte Kumru-Xezal Merey (VBS – Vienna Business School, private Handelsakademie – Floridsdorf; Englisch) eingangs. Das trage mit dazu bei, mentale Gesundheit zu beeinträchtigen.
Sie versuchte in ihrem Speech-Masters-Beitrag einen Weg aus der Misere aufzuzeigen: Aufhören, einander zu beschuldigen; anfangen an einem Strang zu ziehen; miteinander kreativ sein, statt übereinander zu urteilen. Immerhin werde heute viel über mentale Gesundheit geredet, etwas, worüber früher geschwiegen wurde.
Sie rief letztlich zu einem Austausch für einen Prioritäten-Wechsel in Richtung mit- statt gegeneinander auf: Ex-Change!
Und an die Erwachsenen gerichtet, meinte sie: „Wir sind das Ergebnis eurer Fehler und Erfolge! Aber, wir werden nicht so sehr gehört, wie es sein sollte!“
Auch wenn sie und andere Mädchen und junge Frauen hier und heute ihre Reden halten und dies vor etwas mehr als 100 Jahren hier – und heute in vielen anderen Ländern noch nicht möglich (gewesen) wäre, sei es nicht genug, sich auf Erreichtem auszuruhen. Darüber sprach Hana Cunaku (GRG 21; Albanisch).
Gleichberechtigung sei auch bei uns oft nur auf dem Papier gegeben. Exemplarisch schilderte sie drei Mädchen, allesamt in Österreich geboren, aufgewachsen, hier lebend und Schulen besuchend und doch würden sie nicht gleichwertig wie viele andere behandelt: (Nach-)Name, Hautfarbe oder Kopftuch würden nicht selten „ausreichen“, um verletzende Kommentare abzukriegen, die seelische Wunden hinterlassen. „Niemand sollte sich an Ungerechtigkeit gewöhnen müssen! Gerechtigkeit muss man leben, jeden Tag im Unterricht, auf der Straße… Ich wünsche mir ein Österreich, ein Land, das nicht fragt, woher kommst du, sondern wohin willst du?!“
Und weil sie Realität menschlicher Gesellschaften mit einem bunten statt eintönigem Gemälde verglich, hatte sie ein – von ihrem Vater gemaltes – Bild einer farbenfrohen Landschaft mit zum Redepult genommen.
Sie liebe bulgarische Volkstänze gleichermaßen wie Kaiserschmarren – mit diesem plastischen Wortbild stieg Viktoria Boucheva (AHS Maria Regina; Bulgarisch) in ihre Rede. Sie besuche zwei Schulen, neben dem österreichischen Gymnasium am Wochenende noch die bulgarische, wo sie Sprache und vieles über die Kultur des Herkunftslandes ihrer Eltern lerne. „Was manchmal anstrengend, aber meistens wunderschön ist.“
Was sie nerve: Wenn sie in ihrer Tracht zu Auftritten in der U-Bahn fahre und manche Menschen heimlich Fotos machen, andere die Kleidung angreifen – alles ohne zu fragen oder sich zu interessieren; dann fühle sie sich „wie etwas Fremdes, obwohl ich hier geboren bin, hier lebe und träume“.
Vielfalt bedeute doch, sich eben nicht entscheiden zu müssen für die eine oder andere Seiten, sondern beides leben zu dürfen, ohne sich schämen zu müssen. Sie wünsche sich mehr Schulprojekte, in denen wir gegenseitig voneinander lernen, statt übereinander zu reden, nicht um zu vergleichen, sondern um zu teilen. Unterschiede sollen uns nicht voneinander trennen, sondern verbinden, denn nur gemeinsam sind wir wirklich stark.
Irgendwo anders auf der Welt gibt es – nicht nur – ein 15-jähriges Mädchen, das nichts zu essen hat, hungrig aufwacht und ebenso abends schlafen gehen muss, während sie und ihresgleichen sich hier sorgen, was es zu Mittag gebe oder der Unterricht auch spannend werden würde. Mit diesem plastischen Bild von Ungerechtigkeit begann Victoria Peña (AHS Wien West; Spanisch) ihren Beitrag, einen der letzten am Wien-Tag der Speech Masters wie nun die ältere Kategorie bei Sag’s Multi reloaded heißt.
Diese Ungerechtigkeit widerspreche dem Grundsatz, dass alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren werden, wie sie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte gleich in Artikel 1 festhält.
Und weil es so ist, heiße das aber, bereits in kleinstem Rahmen sich für Menschen einzusetzen, wenn sie unfair behandelt werden. Nur durch Hinsehen und aufzeigen können Veränderungen angestoßen werden. Und wenn sich viele, möglichst alle zusammentun und mithelfen, dann kann auch Großes verändert werden!
Gerechtigkeit wählte auch Asya Sen (HTL Rennweg; Türkisch) als Inhalt ihrer Rede. Und dennoch wird 2026 noch immer von Frauen- und Männerberuf gesprochen, wird Frauen vorgeschrieben, wie sie sein sollen. Sie selbst habe – gemeinsam mit ihrer Mutter – wie zwei Polizisten ein arabisches Ehepaar aufforderten, die Ausweise zu zeigen und die Frau anherrschten, sie möge ihr Tuch abnehmen, um ihre Identität überprüfen zu können. Erst die Mutter der Sag’s-Multi-Rednerin habe die Polizisten dann aufgefordert, diese Frau nicht öffentlich zu entblößen.
Das Kopftuchverbot werde verkauft als gleiche Chance für alle, doch das Verbot sei nichts anderes wie auf der anderen Seite der Zwang zur Verschleierung. In beiden Fällen werden Frauen zu Objekten degradiert und nicht wie denkende Subjekte behandelt. „Eine Frau ist kein Projekt, sondern ein Mensch mit Verstand und Würde!“
Die für Erziehung, Wissenschaft und Kultur zuständige Organisation der Vereinten Nationen hat vor einem Vierteljahrhundert den 21. Februar zum internationalen Tag der Muttersprachen ausgerufen. Einerseits geht es darum, Minderheitensprachen, die vom Aussterben bedroht sind, Aufmerksamkeit zu schenken. Und andererseits will die UNESCO damit „sprachliche und kulturelle Vielfalt und Mehrsprachigkeit“ als Schlüssel zum gegenseitigen Verständnis und Respekt fördern.
Mitarbeiter:innen des Wien Museums boten heuer (2026) am Vortag ½-stündigen kostenlose Führungen in 25 Sprachen an, denn „viele der über 100 in der Stadt gesprochenen Sprachen sind auch in unserer Institution präsent“.
1952 beschloss die Regierung des damaligen Pakistans, dass Urdu die einzige Amtssprache sein sollte; obwohl es nur für drei Prozent der Bevölkerung die Muttersprache war. In Ostpakistan wurde sogar fast ausschließlich Bengalisch gesprochen. Bei Protesten in Dhaka am 21. Februar schoss die Polizei auf Demonstranten und erschoss dabei einige.
Die sprachliche und kulturelle Unterdrückung Ostpakistans führte 1971 zur Abspaltung und zur Gründung von Bangladesch. Der 21. Februar wird dort seitdem als Tag der Märtyrer begangen. Auf Antrag von Bangladesch wurde dieser Tag im November 1999 durch die UNESCO zum Internationalen Tag der Muttersprache erhoben.
Darüber hinaus hat der Europarat im Europäischen Jahr der Sprachen (2001) zusätzlich den Europäischen Tag der Sprachen ausgerufen – seit 2002 wird dieser jeweils
am 26. September begangen. Ziel ist es, aller Sprache und Kulturen gleich wertzuschätzen, Vorteile von Sprachkenntnissen bewusst zu machen, Mehrsprachigkeit zu fördern und Menschen in Europa zum lebensbegleitenden Lernen von Sprachen zu motivieren. Und letztlich auch darauf aufmerksam zu machen, „das reiche Erbe der 200 europäischen Sprachen zu bewahren“.
Derzeit wird dieser Tag laut Wikipedia in bis zu 45 Ländern für Aktionen genutzt. Diese werden vom Europäischen Fremdsprachenzentrum (EFSZ/ECML/CELV) des Europarates in Graz koordiniert und mit Partnerorganisationen in den einzelnen Ländern lokal durchgeführt. In Graz selbst fand ab 2013 das jährliche Sprachenfest auf der Grazer Murinsel statt, seit 2016 steigt es im Graz Museum.
Mutig, hoffnungsfroh und mit mehr als nur einer Portion Optimismus sperrt ein kleines Wiener Theater (wieder) auf. Aus der vor 50 Jahren von Topsy Küpers gegründeten und mit Jahresende 2025 geschlossenen Freien Bühne Wieden wird nun die Freie Bühne Wien. Ganz ohne Subvention, nur angewiesen auf Spenden, künftig Eintrittsgelder und eigenes, privates Geld, aber mit einigen engagierten vor allem jungen Künstler:innen, traut sich Gernot Kranner (Musicaldarsteller, Schauspieler, Sänger und Regisseur), zu „diese wichtige Seelennahrung, denn eine solche sind Kunst und Kultur in jeder Form, Art und Weise“ dieses Unterfangen zu starten.
Wobei, künstlerisches Programm bzw. Kost-, pardon Hörproben, gab es schon im Rahmen der Pressekonferenz: Sänger Michael Havlicek, begleitet von Pianist Pavel Singer, sangen und spielten klassisch die Begegnung von Mozart und Salieri; Stella Kranner (Nichte des neuen Theater-Intendanten) mit dem All-Time-Hit „I’m so Excited“ („Ich bin so aufgeregt“ von den Pointer Sisters, 1982).
Am Gründungs-Jahrestag (27. Februar) startet das Programm mit „Heute Abend Lola Blau“ (Musik und Libretto von Georg Kreisler), einem Stück, mit dem auch Topsy Küppers vor einem halben Jahrhundert eröffnet hatte. Giulia Jahn, am Klavier begleitet von Marcel Jahn gastieren aus Liechtenstein mit diesem Soloprogramm für eine Sängerin / Schauspielerin. Die Kostüme für Giulia Jahn hat Adrian Hall Kranz gestaltet, die als Visual-Artist seit fünf Jahren in Wien lebt.
Programmatischer Schwerpunkt des nun wieder eröffneten Theaters unter leicht geändertem Namen: Förderung junger und jüngster Künstlerinnen und von (jungen) Menschen, die sich künstlerisch betätigen wollen, so Kranner bei einem Mediengespräch Donnerstagmittag, eine Woche vor der Eröffnung. Weil er selbst das Glück hatte, sehr jung schon auf seinem künstlerischen Weg gefördert zu werden, möchte auch er heute jungen Leuten Chancen zu geben und eine Bühne zu bieten. „Talenteschmiede“ fiel mehrmals als Begriff.
Darüber hinaus werde es Workshops und Begegnungen von angehenden Künstler:innen unterschiedlichster Sparten – Schauspiel, Musik, Gesang, Tanz, Pantomime… – geben mit möglichen gemeinsamen Auftritten. Aber auch „nur“ Treffen von Alt und Jung bis Jüngst in der Caféteria des Theaters, um miteinander ins Gespräch zu kommen, genannt „Club 4“ – die Freie Bühne Wien, vormals Wieden liegt im 4. Bezirk der Bundeshauptstadt).
Die Teilnehmer:innen eines mehrtägigen Masken-Workshops im August mit der Theaterpädagogin Claudia Bühlmann, werden auch das Haus selbst verlassen und in die Umgebung – die Wiedner Hauptstraße bis zum Südtiroler Platz – ausstrahlen; mit der zuvor entwickelten Performance sozusagen Menschen auf der Straße mit Kunst und Kultur „anstecken“.
Theaterworkshops für Kinder (8 bis 12 Jahre) werden die schon genannte Stella Kranner und Setareh Eskandari, ebenfalls Sängerin, Schauspielerin, Musicaldarstellerin – und Schwester dreier schauspielender, tanzender, singender Mädchen bzw. junger Frauen – siehe KiJuKU-Berichte über Produktionen von teatro) leiten – Start am 7. März mit „Komm in die Schule der magischen Musical-Tiere“).
Einbinden will der neue Direktor aber auch nicht nur darstellende Künste, so holte er mit Ludwig Max Laengauer einen gelernten Schuhmacher auf die Bühne, der Maßschuhe ebenso vorstellte wie eine ungewöhnliche Hose – aus der Auseinandersetzung mit Uniformen -, angefertigt Milena Todorova, einer Modekünstlerin, die derzeit in Paris lebt. An den Wänden einiger Räume des Theaters hängen farbenkräftige Bilder von Hannes Simoner aus der Obersteiermark. Diesem Maler mit besonderen Bedürfnissen kauft Gernot Kranner immer wieder Bilder ab und animiert durch das Sichtbarmachen dessen Werke auch andere, es ihm gleich zu tun. Simoner verwendet das Geld, um wieder neue Farben zu kaufen und bunte Zeichen zu setzen.
Sophie Berghäuser, eine junge Regisseurin und Sebastian Kranner (Sohn von Gernot), den es ab 13 Jahren zur Regie hinzog, werden einerseits einschlägige Nachwuchs-Werkstätten leiten, andererseits bei Eigenproduktionen des neuen/alten Theaters inszenieren. Programmatisch für die knappen bis kaum vorhandenen Gelder für freie Kulturinitiativen, aber auch das seit einigen Jahren für viele Menschen kaum leistbare Leben wird als erstes Dario Fos sozialkritische Komödie „Bezahlt wird nicht“ in Angriff genommen.
Sophie Berghäuser kündigte an, die bekannte satirische Komödie in neuer Form zu inszenieren und freute sich über dieses Theater, das jungen Leuten Raum gibt, sich selbst erproben zu dürfen, abseits hierarchischer Strukturen.
Übrigens, der Stücktitel wird nicht zum Motto im Umgang mit den Künstler:innen. Trotz – noch – leerer Kassen, „werden die Künstlerinnen und Künstler selbstverständlich bezahlt“, wie der Intendant betont.
Davor gastiert das Lessingtheater – hervorgegangen aus der AHS in der Lessinggasse (Leopoldstadt), wo Theater auf dem Stundenplan steht, aber eigenständig geworden – mit Dürrenmatts „Die Physiker“ in der Freien Bühne Wien (Regie: Simon Malleczek; 7. und 14. März 2026).
Der „Prinzipal“ himself wird die Bühne für Auftritte seiner Mitsing-Musicals nutzen, zunächst im März „Die Bremer Stadtmusikanten“ und „Pinocchio“ sowie „Der Zauberer von Oz“. Um aber auch älteres Publikum in das 10 Sitzplätze fassende Theater zu bringen, wird es beispielsweise ein „Heinz Conrads Galakonzert“ mit Gerhard Ernst, Christl Prager und Charlotte Ludwig geben, am Akkordeon: Christian Höller, moderiert von Günter Tolar.
Geplant sind auch „brückenbauende“ Workshops, unter anderem für Orchester mit dem Dirigenten Oleksandr Drahan, der – wie viele andere auch Künstler:innen – vor dem Krieg in der Ukraine Zuflucht in Wien gefunden hat. Griechische Live-Musik von Mikis Theodorakis liefern Ni & KO – Nikos Kritikos und Kostas Liaskos, moderiert von Charlotte Ludwig (15. März 2026).
Apropos Brücken bauen, Gernot Kranner wird aber jetzt nicht alle seine Aktivitäten in den vierten Wiener Bezirk verlegen, beibehalten will er das von ihm – heuer zum fünften Mal – organisierte auch vom Bezirk unterstützte „Please Peace Festival“ auf dem Sobieskiplatz im Alsergrund (9. Bezirk) rund um die Jahrestage der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki (6., bzw. 9. August 1945).
„Das Logo ist wichtig! Heller, nein dunkler“, bittet Gernot Kranner. Er steht wenige Minuten vor der Pressekonferenz zur (Wieder-)Eröffnung der Freien Bühne Wien, vormals – 50 Jahre lang – Freie Bühne Wieden (Name des 4. Bezirks von Wien) auf „den Brettern, die die Welt bedeuten“. Seine Bitten spricht er nach hinten in den Bühnen-Backstage-Bereich. Nachdem von dort aus die Lichtregler nicht ganz optimal einzustellen sind, kommt die künstlerische Assistentin Stefanie Gutmann mit einer Leiter und justiert Scheinwerfer und Spots händisch, live und analog im Scheinwerferlicht der schon aufgebauten Kameras.
Blick auf die Uhr, ins Handy, auf papierne Unterlagen, Barhocker zurecht rücken. „Werf ich eh nicht zu viel Schatten durch meinen Hut?“, so der neue Intendant und Tausendsassa. Irgendwie charmant improvisiert wirkt so manches.
Das neue, alte – nunmehr ohne Subventionen auskommen müssende – Theater lebt auch davon, dass wie bei kleinen freien Gruppen fast alle fast alles machen (müssen). So wie eingangs die künstlerische Assistentin auf der Leiter Lichter richtet, so hat Jung-Regisseur Sebastian Kranner noch nächtens Schilder gemalt für Dario Fos „Bezahlt wird nicht“.
Übrigens liegt das Theater im Gebäude eines ehemaligen Klosters, später Wohnsiedlung für Arme sowie Siechenhaus. Diese damaligen Gebäude – heute Wiedner Hauptstraße 60 bis 62 bzw. ums Ecke Große Neugasse 1 – wurden im 19. Jahrhundert abgebrochen. „Sie (die Siedlung) trug aus nicht ersichtlichen Gründen die Bezeichnung „Abgebranntes Haus“ (wien wiki, unten verlinkt). Was übrigens noch heute in einem Schriftbogen über der Holztür des Hauses Große Neugasse 1 steht.
„Abgebrannt“ ist auch ein Altwiener Ausdruck für kein Geld haben. Womit sich der Kreis zur Freien Bühne Wien schließt. Mindestfixkosten – Miete, Energie, Versicherung usw. -3500 Euro pro Monat. Ziemlich genau so viel hat, so erzählte Kranner während des Mediengesprächs mehrfach, er über Spenden – zwischen 15 und 500 € – bisher eingenommen; die Tickets werden zwischen 25 und 45 € kosten, Ermäßigungen bis runter zu 15 Euro.
Für den Themenbereich „Online. Offline. Echt?“ hatte sich Katharina Meizer vom privaten ORG (OberstufenRealGymnasium) Vienna European School entschieden. Die Grenzen verschwinden zwischen beiden Welten begann sie ihren Englisch-Deutschen Beitrag beim mehrsprachigen Redebewerb Sag’s Multi im Wiener ORF-Zentrum. Und wies darauf hin, dass – und das schon lange – Menschen sich auch im „echten“ Leben verstellen (können).
In beiden Welten, in der digitalen vielleicht noch mehr, weil dort Filter eingesetzt werden, gehe es zu sehr ums Äußere, wie Körper ausschauen. Und dabei die Seele ignoriert werde. Dies sei ein Element des ständigen Drucks.
Ihr Rat als Gegenmittel: Selbstliebe und Echt-Sein und zwar dies nicht nur zu zeigen, sondern auch zu spüren bzw. spüren zu lassen. „Echt sein ist wichtiger als perfekt zu sein!“
Monatelange Wartezeit auf einen Kassen-Therapieplatz rechnet Sarah Schermaier (VBS – Vienna Business School, private Handelsakademie, Schönborngasse) in Sekunden um. So begann sie Englisch und setzte Deutsch fort über den Mangel an psychotherapeutischer und psychologischer Versorgung für Jugendliche zu sprechen, immer wieder zwischen beiden Sprachen wechselnd – ein Charakteristikum von Sag’s Multi.
Krass die Zahl, die sie für einige Momente raten ließ, um die Antwort gleich zu geben: Den 1,1 Millionen Schüler:innen in 5936 Schulen stehen ganze 190 Schulpsycholog:innen „zur Verfügung“. Ihr selbst konnten die Eltern private, teure Psychotherapie bezahlen, weshalb es ihr heute wieder gut gehe. Und genau deswegen wollte sie dieses Thema offen ansprechen, weil es auch noch immer schambehaftet sei.
Zu einer sehr außergewöhnlichen Form griff Olivia Kampmüller (AHS Wien West, in Penzing, 14. Bezirk). Auf Schwedisch – und selbstverständlich Deutsch (Wettbewerbsregel, die ab nun auch in diesem Beitrag nicht mehr jedes Mal erwähnt wird) – führte sie ein Gespräch mit ihrem möglichen künftigen Kind.
Sie fühle sich angesichts der Krisen diese Welt, nicht zuletzt der Sorge, ob die Klimaziele erreichbar wären, hilflos. Und je mehr sie die Welt verstehe, desto eher halte sie es für egoistisch, ein süßes Baby in diese zu setzen. Noch dazu wo Millionen von Kindern in totaler Armut aufwachsen.
Aber sie versprach diesem – vielleicht nie geborenen – Kind, weiterhin für eine bessere Zukunft dieser Welt zu kämpfen.
Ihre Hände verwendete Kaya Lehmann (AHS Maria Regina) als zwei Waagschalen. Damit illustrierte sie optisch eindrucksvoll die noch immer vorhandenen Ungerechtigkeiten zwischen Frauen und Männern – von Löhnen und Gehältern bis zur unbezahlten Care-Arbeit in Haushalt, Kinderbetreuung und Pflege meist älterer Angehöriger.
Auf die Idee zu dieser (Englisch-Deutschen) Rede sei ihr gekommen, als sie zum ersten Mal vom Equal Pay Day gehört habe, der Tag bis zu dem Frauen, wenn ihre Arbeits-Einkommen mit dem von Männern verglichen werden, sozusagen gratis gearbeitet haben.
Wie könne es sein, dass im 21. Jahrhundert diese längst bekannte Tatsache noch immer bestehe?! Auf Worte müssten endlich Taten folgen – einerseits gesamtgesellschaftlich, andererseits aber auch in Partnerschaften.
Wie so manch andere Teilnehmer:innen des mehrsprachigen Redebewerbs Sag’s Multi bringt auch die beim Wiener Speech-Masters angetretene Amira Zaina Celina Talab (RG /WRG Real- bzw. Wirtschaftliches RealGymnasium Feldgasse, Wien-Josefstadt, 8. Bezirk) schon verschiedene kulturelle und sprachliche Schätze mit. Sie, die Englisch als Erstsprache für ihren Beitrag wählte, nannte syrische, kroatische, slowenische und österreichische Wurzeln. Ihr Thema: On- und offline und die Frage nach der Echtheit, dem Echt-Sein.
Vor allem durch Social Media würden sich Lügen oft schneller verbreiten als ein Waldbrand. Es trage jedoch jede und jeder selber auch Verantwortung, nicht alles zu glauben, Nachrichten, Meldungen usw. zu überprüfen, auch wenn es zeitintensiv sein möge.
Die gute Nachricht, sagte sie: Du bist nicht alleine auf der Suche nach der Wahrheit. Wir können lernen, Lügen zu durchschauen, denn Wahrheit ist wertvoller als Gold!
Aufgewachsen in Washington D. C. (Hauptstadt der USA) mit einem US-amerikanischen Vater und einer irischen Mutter, nun in Wien lebend, fühle sie sich im Herzen als Europäerin, so Nerys McInterney Lankford (Lycée français de Vienne). Sie musste sich, wie viele andere, für eine ihrer Sprachen neben Deutsch entscheiden und wählte Englisch, obwohl es genauso gut Französisch (siehe ihre Schule) oder aber auch Spanisch sein hätte können.
Gerechtigkeit machte sie zu ihrem Thema – gerade in den USA, wo sie lebte als George Floyd, der im Todeskampf dem auf ihm knieenden Polizisten vielfach zurief, dass er nicht mehr atmen könne, ziehe sich diese Diskriminierung Schwarzer Menschen lange hindurch. Sie erinnerte an Rosa Parks und Martin Luthe King. In Nordirland sei immerhin nach jahrzehntelangen erbitterten tödlichen Kämpfen 1998 ein Friedensabkommen erreicht worden – Feinde fanden Frieden, statt gegenseitige Rache weiter zu verüben.
Nun lebe sie in Wien, aber auch das sei „wahre Gerechtigkeit oft leise“. Ihre Wege zu mehr Gerechtigkeit: Menschen, die hören, sehen, empathisch sind, den Mut haben, Stimmen hörbar zu machen, auch wenn ringsum Schweigen herrscht.
Aus der selben Schule wie seine Vorrednerin kommt Renátus Kollar. Er sprach Slowakisch zum Thema Zukunft Europas und verknüpfte dies mit der Frage zur Suche nach der Wahrheit. Sogenannte soziale Netzwerke würden nicht nur psychische Gesundheit von Menschen stören, sondern auch die Gesundheit der Demokratie beeinträchtigen. Denn diese beruhe auf Wahrheit.
Vor drei Jahren sei er die 60 Kilometer aus der slowakischen Hauptstadt Bratislava nach Wien gezogen, um hier die französische Schule zu besuchen. Eine kurze geografische Distanz der beiden Städte seines Herzens, aber eine ganze Welt liegt zwischen ihnen.
Kollar erinnerte an die Ermordung des Aufdecker-Journalisten Ján Kuciak und seiner Verlobten Martina Kušnírová vor fast genau acht Jahren (21. Februar 2018) „auf dem Altar der Wahrheit“.
Er habe aber selber dann im Lockdown in historischen Online-Rollenspielen erlebt, wie schnell sich rassistische, antisemitische Lügen verbreiten können. Deshalb sei es umso wichtiger, dass – nicht zuletzt über Initiativen wie Lie Detectors – schon früh in Sachen Fake News, Verdrehungen der Wahrheit …. Sensibilisiert werde.
Denn die Freiheit stirbt im Schweigen derer die aufhören zu denken, nicht im Lärm der Kriege.
Bezug auf die aktuell in Italien stattfindenden Winterspielen nahem Amelie Kröpfl (AHS Wien West, Englisch) mit dem zweiten Olympischen Motto (neben Dabei sein ist alles): Höher, schneller, weiter.
Der ständige Wettkampf, das dauernde Vergleichen, sei aber ein harmlos klingender Virus, der den Zusammenhalt gefährde. Und dazu führe, dass eine fiktive Andrea ständig das Gefühl habe „nicht gut genug zu sein“ und Ängste entwickle, dass andere auch diese Meinung teilten.
Daher brauche das Schulsystem dringend ein Update. Und zwar jetzt! Feedbacksystem statt Noten mit dem Ziel, niemandem das Gefühl zu geben, schlecht zu sein: Menschen, nicht Konkurrent:innen!
Leider setzt übrigens auch der neue Modus von Sag’s Multi reloaded mehr auf den Wettbewerb
Nicht zuletzt Elon Musk habe mit Algorithmen mit dazu beigetragen, dass Fake News spannender geworden sind als reale, echte, wahr Informationen, meinte Fabian Christ (HTL Rennweg, Englisch). Der 16-Jährige, der schon vor zwei Jahren eine Agentur gegründet hat, um für Kund:innen Videos zu gestalten, rief auf, erst Dinge zu lesen und zu checken, Quellen zu prüfen, bevor jemand sie teilt. Denn Fake News zerstören Vertrauen.
Natürlich sei es schwierig und nicht selten auch anstrengend, Meldungen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, Quellen zu checken, rauszufinden, was ist Wahrheit und was Lüge. Aber dafür brauche es – mehr! – Medienkompetenz-Unterricht und das möglichst früh, forderte Haya Al-Taie (GRG 10, Arabisch). Dazu zähle übrigens auch unterscheiden zu lernen, was von künstlicher Intelligenz erstellt wurde und was nicht.
Am Ende liegt es an uns allen, unterscheiden zu lernen zwischen Wahrheit und Lüge, denn die Wahrheit ist etwas Seltenes, Wertvolles.
Wird fortgesetzt mit weiteren Beiträgen über die Wiener Speech-Masters-Reden.
Kleinen Kindern ist es noch egal, welche Sprache die anderen Kinder sprechen, ob wer Türke, Jude oder Araber ist, sie spielen, gemeinsam. So begann Flavio Carmignani von der AHS Rahlgasse in Wien-Mariahilf (6. Bezirk) seine Ree auf Englisch und Deutsch beim Wiener Speech-Masters-Tag von Sag’s Multi im ORF-Zentrum auf dem Küniglberg. So wie nach ihm 29 Jugendliche äußerte auch er live und analog seine Gedanken beim mehrsprachige Redebewerb, nunmehr im 17. Schuljahr vor vielen anderen Jugendlichen im Atrium – und noch mehr Zuschauer:innen / Zuhörer:innen im Live-Stream (der übrigens in der TV-Thek nachgeschaut werden kann, siehe Link in der Info-Box am Ende dieses Beitrages). Dies ist übrigens – wie im Untertitel angemerkt – Teil 2 der Beiträge über diesen Wien-Tag, dem ähnliche in allen ORF-Landestudios folgen; Teil 1 unten am Ende verlinkt, weiter folgen, um alle 30 Reden vorzustellen.
Englisch ist für den nach eigener Definition halb serbischen, halb italienischen Österreicher mit US-amerikanischer Stiefmutter eine erlernte Sprache. Menschen werden nicht mit Vorurteilen geboren, doch irgendwann ändere sich das, so Carmignani: Beeinflusst nicht zuletzt durch Medien. Mit Mut und Zivilcourage gelte es, Unrecht zu erkennen und aktiv dagegen anzukämpfen. Das könnten auch schon sogenannte kleine Dinge sein, die aber Großes bewirken: Der betroffenen Person zeigen, dass sie nicht allein ist, ihr zuhören. Denn das Gefühl von Unterstützung hilft mehr als alles andere (meistens). Es gelte, andere Menschen zu respektieren, auch wenn sie anders sind, nicht die gleiche Sprache sprechen, keine hohe Bildung oder eine andere politische Meinung hätten.
Gerechtigkeit ist jenes Thema, das viele der Redner:innen zum Inhalt ihrer Rede machten – übrigens in derart ausgezeichneter Form, dass ORF-Redakteurin Judith Weissenböck, Vorsitzende der Jury, mehrfach betonte, fast am Rande der Verzweiflung zu sein, denn Entscheidungen fallen da mehr als schwer.
Auch Wajd Badran vom TGM, der Schule für Technik, wo sie den Zweig Biomedizin in der zweiten Klasse besucht, machte es ihr und ihren Mit-Juror:innen nicht leichter. Sie könne hier wie eben viele Schulen besuchen und dürfe lernen. Vielleicht gar nicht so weit weg gibt es viele, vor allem Mädchen, die keine schule besuchen können oder gar dürfen, weil sie am „falschen“ Ort geboren worden sind. Mit der Empathie, sich das vorzustellen, könnte das Eintreten gegen diese Ungerechtigkeiten beginnen. Denn jedes Leben ist gleich viel wert. Wenn genug Stimmen dies fordern, dann könne sich etwas ändern. Damit diese Mädchen nicht nur von Bildung träumen müssen, sondern sie erleben dürfen, meinte sie engagiert auf Arabisch (und natürlich ebenfalls Deutsch – das ist die Regel des mehrsprachigen Redebewerbs).
Das Pendeln, nein viel mehr für diese Generation übliche Verbinden der On- und der Offline-Welten nahmen viele der Jugendlichen für ihre Rede her, so auch Alisha Kamilova (privates ORG – OberstufenRealGymnasium – der Vienna European School) auf Russisch (die Ergänzung und auf Deutsch wird ab nun nicht mehr jedes Mal erwähnt!).
Trotz dem „Zuhause“-Sein in beiden Welten, verhalte auch sie sich wie viele andere nicht in beiden gleich. Agiere sie in der Schule eher verhalten, so im digitalen Raum eher offen. „Hey Bro“, würde sie dort oft einsteigen, „Online kann ich leichter ich sein, beste Gespräche habe ich oft, wenn ich auf einen Bildschirm starre… Aber, wo Licht ist, gibt es oft auch Schatten: Druck, Likes zu zählen, auf Kommentare zu achten oder zu schauen, ob man auf Fotos auch „schön genug“ sei… Irgendwann misst man seinen Wert nur noch in Zahlen und verschweigt, wie es einem wirklich geht.“
Als Schlussfolgerung plädierte sie dafür, in beiden Welten lieber echt zu sein.
So wie erst viele kleine, bunte, unterschiedliche Mosaiksteinchen ein wunderschönes Bild ergeben, so sei eben Vielfalt keine Schwäche, sondern eine Stärke, illustrierte Nahla ElSayed (GRG 10, Ettenreichgasse, Arabisch) ihr Wortbild, das damit in den Köpfen der Zuhörer:innen entstand.
Die Wienerin hat familiäre Wurzeln in Ägypten. Man kann eben mehrere Identitäten haben. Sie kann eben Arabisch und Deutsch auch Englisch, Türkisch, das si zufällig durch Schauen türkischer Serien erst mit Übersetzungen und Untertiteln und dann unter Verzicht auf diese gelernt habe und Italienisch. Sprachen sind nicht nur Worte, sondern Brücken zwischen den Menschen. Man lerne, die Welt mit den Augen anderer zu sehen.
Natürlich gebe es auch Herausforderungen, weil sich manchmal Menschen ausgeschlossen fühlen, wenn sie nichts verstehen oder nicht verstanden werden. Da gelte es eben gemeinsame Lösung zu finden: Zugehörigkeit entsteht durch Begegnung nicht durch Herkunft, Diskriminierung ist Gift für den Zusammenhalt, und da können schon „kleine“ Dinge können große Wunden hinterlassen. Eine gute Strategie dagegen: Solidarität, nicht still sein, es braucht Nein, denn Schweigen stützt immer nur die Täter.
Stärke liege nicht in Uniformität, sondern im Miteinander, darum nicht fragen, was uns trennt, sondern was uns verbindet!“
Sehr mutig offen gewährte Aya Farhat (BAfEP – Bildungsanstalt für Elementarpädagogik Wien-Strebersdorf, Englisch als erlernte Sprache) höchst persönliche Einblicke in Angstzustände, die sie ab 13 Jahren entwickelte. Angefangen davon, wie sie online aussehen sollte bis zu Selbstzweifeln, dass alles falsch sei, was sie sage oder mache. Was andere über sie sagen und denken sei ihr wichtiger gewesen als eigene Gedanken.
Und sie haben sich zu dieser Offenheit entschlossen, um die Chance zu nutzen auf diesen gesellschaftlichen Erwartungsdruck aufmerksam zu machen und darauf, was dieser ja nicht nur für sie, sondern für viele Jugendliche bedeute.
Nach sehr viel Selbstreflexionen könne sie sagen, es bringe nichts, ewig anderer Erwartungen zu erfüllen. Glücklich werde man nur, wenn man auf das eigene Herz höre. Und sie wollte eben diese Rede nutzen, um mit ihrer Stimme offen jene eine Stimme zu geben, die (noch) keine haben.
… machte Catinca Militaru (Vienna European School) mit einer – „erstmals auf Rumänisch (Erstsprache) gehaltenen Rede (Deutsch lernt sie überigens erst seit 2½ Jahren) zu ihrem Thema. Wenn man oft genug die selben Meinungen höre und lese, die Algorithmen einspielen, könne man diese leicht für Wahrheiten halten.
Viele Menschen übernehmen Meinungen aus dem Netz, statt sich eigene Gedanken zu machen. Wie viele Ideen haben wir übernommen, ohne sie zu hinterfragen, sondern halten sie für wahr?
Wird fortgesetzt mit weiteren Beiträgen über die Wiener Speech-Masters-Reden.
„Merhaba, Nasılsın“, startete Niklas Sieberer von den Hertha-Firnberg Schulen für Wirtschaft und Tourismus in Wien-Donaustadt (22. Bezirk) seine Rede bei „Sag’s Multi!“ im ORF-Zentrum am Küniglberg am Faschingsdienstag (17. Februar 2026). Und setzte gleich verschmitzt fort: „Ich hoffe, zwei Wörter in einer dritten Sprache verstoßen nicht gegen die Regeln.“
Trotz einiger Neuerungen im 17. Durchgang des mehrsprachigen Redebewerbs, die nun mehr Wert auf Wettbewerb legt – siehe Info-Box – bleibt nach wie vor: Die Rede muss in einer anderen – ob mitgebrachter oder erlernter – Sprache und in Deutsch gehalten werden. Und Sieberer hatte sich für Französisch (erlernt) entschieden. Obwohl, wie er in der Rede ausführte, er auch Türkisch lernt – aus eigenem Antrieb, auf eigene Faust und privat, weil dies im österreichischen Bildungssystem in praktisch kaum einer Schule angeboten wird.
Und genau dies kritisierte er auch, dass die Sprachen, die unterrichtet werden, alle sehr verwandt sind – von Latein über Französisch bis Spanisch oder Italienisch und nicht zuletzt Latein. Er vermisse, gerade, wenn immer wieder von Vielfalt und Diversität gesprochen werde, diese in der schulischen Sprachen-Praxis- Sprachen eben aus ganz anderen Sprachfamilien, ob eben Türkisch, Arabisch, Serbisch beispielsweise.
Die Jury nahm ihm offensichtlich weder die beiden türkischen noch eingeflochtene spanische und lateinische Wörter übel und kürte ihn zum Dritten des Wiener Tages der nunmehr Speech Masters genannten älteren Kategorie (9. bis 13. Schulstufe).
…. Bringen Schüler:innen, aber auch Lehrer:innen der kaufmännischen Schulen des bfi (Bildung. Freude Inklusive, vormals Berufsförderungsinstitut) Wien mit. Die 3bk begleitete eine Mitschülerin, Meryem Çetinkaya, die es als eine von 30 aus Wiener Schulen zu den Speech Masters dieses Bundeslandes geschafft hatte. Und versprachen, zumindest dem Journalisten von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… beim Gruppenfoto hinter dem Redepult in der Pause: „Nächstes Jahr treten sicher mehrere von uns an. Albanisch, Bosnisch, Pashto, Polnisch, Punjabi, Russisch, Slowakisch, Spanisch, Tschetschenisch, Türkisch“, nennen sie als mögliche Antrittssprachen neben Deutsch sowieso.
Türkisch ist übrigens auch die Sprache, in der ihre Mitschülerin über ihre Generation sprach – zwischen Hoffnungsträger:innen und Sorgenkindern. Wie auch einige anderer Redner:innen dieses Tages widmete sie sich den Erwartungen an heutige Jugendliche mit dem daraus sich ergebenden Druck und den vielfältigen Krisen, die vorherige Generationen den heute jungen Leuten noch dazu aufbürden. „Unsere Last ist eine andere, aber nicht weniger ernste.“
Diese Generation fordere und wolle Gerechtigkeit und Veränderung einerseits und andererseits spreche sie als erste so offen mentale Ängste an- und aus, was von Stärke zeige. „Wir sind keine verlorene Generation, wir stellen Fragen… Wir sind Hoffnungsträger:innen mit Sorgen, keine Sorgenkinder.“
Sie selber wolle Lehrerin – für wirtschaftliche Fächer an einer Handelsakademie werden, um selber auch Vorbild für künftige Jugendliche sein zu können.
Aus der selben Schule, aber einer anderen Klasse, kommt Yazan Fran, der Stunden später an der Reihe war – KiJuKU.at wird alle 30 Redner:innen hier zu Wort und Bild kommen lassen, aber in mehreren Beiträgen, verstreut über mehrere Tage, da erfahrungsgemäß nur wenige uuuurlange Beiträge bis weit hinunter-scrollen.
Dieser Jugendliche, der bereits öfter bei Sag’s Multi angetreten ist, verwendete neben Deutsch seine Erstsprache Arabisch.
Und er verpackte seine Botschaft gegen Hass und für ein Miteinander in (s)eine Geschichte. Als Zehnjähriger musste er mit seiner Familie das eigene Zuhause in Syrien verlassen.an seinem ersten Schultag in Österreich verstand er kein Wort, fühlte sich ausgeschlossen. Doch wenige Tage später fragte ihn eine Mitschülerin, ob er Hilfe bei der Hausübung brauche. Anfangs sei er misstrauisch gewesen, doch dann fühlte er, dass sie es ehrlich meinte. Und so half sie ihm, nicht nur mehr zu verstehen, sondern auch das Gefühl der Ausgrenzung zu überwinden.
Zuhören, statt urteilen, helfen, statt verletzen, versuchen zu verstehen, statt wegzuschauen – das seien die Mittel und Wege, damit kein Kind mehr in der letzten Reihe Angst haben müsse, nicht dazu zu gehören, denn Vielfalt ist keine Schwäche, sondern die größte Stärke.
Seine Rede begeisterte die Jury noch mehr als dies alle anderen auch schon taten, was sie alle vor große Herausforderungen stellte. Und obwohl Yazan Fran mehrmals – auch in der Pause zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… meinte, „es geht nicht ums Gewinnen, mir ist wichtig, den Zuhörerinnen und Zuhörern meine Botschaft sagen zu dürfen“- muss bzw. darf er als Wien-Sieger der Speech-Masters beim Finale im Wiener Rathaus eine neue Rede vorbereiten.
Weil es thematisch – leider – gut passt, sei hier gleich auch noch Sham Alhamdani (BORG 15, Arabisch) mit ihrer Rede vorgestellt. Sie und ihre Familie lebte in Damaskus (Hauptstadt von Syrien) in einem großen Haus. „Mitten im Unterricht kamen Männer mit schwarzen Masken, schossen, töten einige Mitschüler:innen… die Stadt war voller Rauch, Straßen rochen nach Angst, Bomben haben das Lachen der Kinder übertönt.“
Wie Millionen andere Menschen mussten auch sie fliehen. All das stehe im Gegensatz zu dem, was die Kinderrechtskonvention besage, dass jedes Kind das Recht auf Schutz vor Krieg und Gewalt habe. Und warum dann? Daher sei für sie das Wichtigste um zu Gerechtigkeit auf der Welt zu kommen, dass es nie wieder irgendwo Krieg geben dürfe.
„Gerechtigkeit gibt es nicht!“ Mit diesem ersten Satz in ihrer Rede verblüffte Vesna Tegeltija aus dem Gymnasium am Laaerberg (Wien-Favoriten, 10. Bezirk) zunächst. Sie, die Gerechtigkeit, sei wie Schwarze Löcher – unbekannt und unerreicht. Auf Deutsch und Serbisch kam sie eben auf die Realität, die Ungleichheiten zu sprechen.
Und das obwohl die Menschen zu 99% in ihrer DNA gleich sind, doch dieses kleine eine Prozent und das in den Vordergrundstellen der unterschiede führe zu Ungleichheiten, Ungerechtigkeiten bis hin zu Unterdrückung, Folter und Mord. „Alle Tiere sind gleich, manche aber gleicher“ nahm sie Bezug auf George Orwells „Farm der Tiere“.
Ihre neben Deutsch verwendete Sprache Serbisch, die sie in diesem Zusammenhang jugoslawisch nannte, nutzte sie um das Wort Drushdo zu erläutern. Das habe zwei Bedeutungen – Gesellschaft im Sinne einer sozialen Gemeinschaft und zweitens Freunde bzw. Freundesgruppe; also Freundschaft statt Feindschaft.
Sie und ihre Rede wurde von den Juror:innen mit Platz 2 des Wiener Speech-Masters-Tages belohnt.
Wird fortgesetzt mit weiteren Beiträgen über die Wiener Speech-Masters-Reden.
Nur heimlich im Kino, um die Disneyverfilmung von „Schneewittchen“ zu sehen: Und aus lauter Angst davon fast nix mitgekriegt, weil der 8- oder 9-jährigen Ruth 1940 die 19-jährige Bäckerstochter aus einer begeisterten Nazifamlie begegnete. Die ihr auch an den Kopf warf „Weißt du, dass deinesgleichen hier nichts zu suchen hat? Juden ist der Eintritt ins Kino gesetzlich untersagt. Draußen steht’s beim Eingang an der Kasse…“
Das ist eine der Szenen aus dem echten Leben von Ruth Klüger (1931 – 2020), Literaturwissenschafterin und Autorin, unter anderem von „weiter leben – eine Jugend“ (erstmals 1992 erschienen). Schon vor rund 25 Jahren hat die Theatermacherin Nika Marie Sommeregger mit ihrer Gruppe ISKRA dieses dramatisiert und in mehreren Versionen immer wieder, unter anderem im Dschungel Wien, inszeniert. Da eher als szenische Lesungen, manches Mal war sogar die Autorin des Romans bei Publikumsgesprächen anwesend. Nun hat Sommeregger es neu gebaut, viel szenischer, gespielter. „Damals war’s eine Hommage an den Text, nun ist es auch eine Liebeserklärung ans Theater“, meinte sie zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…
Ab dieser Woche – bis zum 20. März (2026) – tourt „weiter leben – eine Jugend“ in dieser theatraleren Neuinszenierung (Bühnenfassung: Pete Belcher & Hubertus Zorell) durch die Wiener Bezirke Liesing, Floridsdorf, Favoriten und Donaustadt – mit Junge Theater Wien. Premiere hatte das rund einstündige, berührende und gleichzeitig reflektierende Stück über die Kindheit und Jugend der Literaturwissenschafterin und Autorin Ruth Klüger im Simmeringer Schloss Neugebäude; bewusst am Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, der später zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus wurde.
Zum einen spielt Linnea Jonasson die (sehr) junge Ruth Klüger – als Kind, der bald die Kindheit geraubt wurde, in so manchen, natürlich nicht nur der eingangs beschriebenen Szene. Später als junge Jugendliche schon in Konzentrationslagern der Nazis, samt der für die wahrheitsliebende Ruth, die nur dank einer Lüge überlebte. Die damals 12-Jährige sollte im KZ sagen, dass sie schon 15 wäre – dann käme sie zum Arbeitsdienst und würde nicht (gleich) unter die Vergasungs-Dusche.
Gerade rund um diese reale Episode wird auch das schwierige, sehr problematische Verhältnis zwischen Ruth und ihrer Mutter sicht- und spürbar. Der Mutter vertraut sie schon lange nicht mehr. Erst als eine Sekretärin im KZ ihr diese Alterslüge noch einmal rät, tut sie dies. Was ihr letztlich glücklicherweise sogar das Überleben ermöglichte.
Nur wenig nach der jungen kommt mit Katharina Pajenk eine zweite Ruth ins Spiel – die ihre eigene Kindheit wie im Roman reflektierende Schriftstellerin. Immer wieder wechselt bei ab dann ständiger gleichzeitiger Anwesenheit ein und dieselbe Szene von der Darstellung des Erlebten in die Betrachtung Jahrzehnte später. Manches Mal aus einiger Distanz, dann wieder ganz, ganz nahe.
Zu den beiden gesellt sich Anja Kerbitz, deren Sprache die Klarinette ist. Live spielt sie aus Improvisationen zum Text und Schauspiel geborene Untermalungen, Hervorhebungen, Begleitungen der schrecklichen – und doch immer wieder von einem starken Kampf ums (Weiter-)Leben charakterisierten Erinnerungen von Ruth Klüger.
Den Hintergrund der Bühne dominiert ein geometrisches Gebilde: Auf einem großen roten Quadrat finden sich vier Reihen mit golden glänzenden Quadraten, Kreisen sowie nach oben bzw. unten gerichteten Dreiecken. Die lösen vielleicht Assoziationen an die verschiedenen „Winkel“, mit denen Nazis ihre Gefangenen in Konzentrationslagern gekennzeichnet haben – rote für politische, gelbe für jüdische, rosa für homosexuelle… Das könnte sein, die beabsichtigte Intention für dieses Bühnenbild von Peter Ketturkat (Mitarbeit: Karin Bayerle) erläutert Regisseurin und Dramaturgin Nika Marie Sommeregger aber so: „Das ist ein wechselnder Jahreszeitenkalender, die Dreiecke übereinandergelegt ergeben den Davidstern. Und eines der glänzenden Quadrate (das noch in sich vier erhabene, kleine Quadrate aufweist, was so nur aus der Nähe sichtbar ist), soll an die Steine der Erinnerung (nicht wie irrtümlich ursprünglich hier stand „Stolpersteine“) erinnern.“
Übrigens spannend Ruth Klügers Schlussfolgerung aus dem von ihr in der Kindheit geliebten Märchen: „Schneewittchen lässt sich auf die Frage reduzieren, wer im Königsschloss etwas zu suchen hat und wer nicht. Die Bäckerstochter und ich folgten der vom Film vorgegebenen Formel. Sie, im eigenen Hause, den Spiegel ihrer rassischen Reinheit vor Augen, ich, auch an diesem Ort beheimatet, aber ohne Erlaubnis, und in diesem Augenblick ausgestoßen, erniedrigt und preisgegeben.“
Junge Kritik zu früheren Fassung <– damals noch im Kinder-KURIER
Renate Welsh-Rabady hat bisher rund 90 Büchern für junge und erwachsene Leser:innen geschrieben, viele davon wurden mit preisen ausgezeichnet. Außerdem initiiert und leitet sie zahllose Schreib-Werkstätten mit Menschen aller Altersgruppen, oft an den Rand der Gesellschaft gedrängten wie beispielsweise Obdachlosen und nicht zuletzt ist sie Präsidentin der IG (Interessengemeinschaft) Autorinnen Autoren. Sie lud KiJuKU.at zum ausführlichen Gespräch in ihre Wohnung in Wien-Neubau.
KiJuKU: Zuallererst einmal, danke und Gratulation – für all deine Bücher, aber nicht zuletzt die jüngsten Bücher wie unter anderem „Ich ohne Worte“, die vielen Schreib-Werkstätten, den Film und die darin dir gegenüber selber auch schonungslose Offenheit; den Mut und die Kraft, aus dieser Sprachlosigkeit nach dem Schlaganfall dich zurückzukämpfen. Schwächen in Stärke zu verwandeln, die auch anderen Menschen Mut machen kann und wird.
Dennoch die sich aufdrängende Frage, woher nimmst du diese Kraft, was ist dein „Zaubermittel“? Ist es nicht mitunter frustrierend, wenn du – wie auch andere Autor:innen seit Jahrzehnten durch ihre Geschichten für (mehr) Mit- statt Gegeneinander, gegen Ausgrenzung, Diskriminierung, für eine bessere Welt schreiben – und dann schaut sie so aus wie eben jetzt?
Wählen vielleicht sogar nicht wenige, die die „Vamperl“-Bücher gelesen haben über den kleinen Vampir, der den Menschen ihre Giftigkeit raussaugt, Parteien, die Gift und Hass verbreiten?
Renate Welsh: Es sind nicht die großen Dinge, es sind die einzelnen Menschen, die diese Energie geben. Wenn ich merke, dass jemand aus meinen Büchern Kraft holt – und ich kriege immer wieder Briefe von heute Erwachsenen, aber auch von Kindern, die mir schreiben, dass das eine oder andere meiner Bücher ihnen Mut gemacht hat oder noch immer macht.
Vor 30 Jahren hat mir ein Bub aus Athen geschrieben: „Keiner versteht, dass ich traurig bin, dass meine Katze gestorben ist. Ich glaub, Sie können mich verstehen.“ Ich hab ihm zurückgeschrieben und seither schreiben wir einander immer wieder.
Das ist für mich die Bestätigung, dass das Zuhören, das aufmerksame Lesen von Briefen, Nachrichten… an das ich unbedingt glaube, funktioniert. Nicht, dass ich glaub, dass es so wichtig ist, was ich sage oder schreibe, dass dies eine Art Knöpferl bewegt und alles ist gut. Aber, solche Reaktionen zeigen mir, dass die eine oder der andere beim Lesen der Geschichten auf was Eigenes draufkommt.
KiJuKU: Wie der Bub, den du auch im Film zitierst, der dir geschrieben hat, dass er gar nicht gewusst hat, dass Nachdenken so viel Spaß machen kann. Und dass er nach dem Lesen eines deiner Bücher dieses jetzt öfter tun werde…
Renate Welsh: Genau, das war übrigens ein wunderbarer Brief in einer herrlichen Orthografie, dass ich drei Mal lesen musste, bis ich gewusst hab, was er meint 😉
Oder der Bub, der meine Geschichten mag, „weil in ihnen auch Platz für mich ist“. Das alles sind immer wieder Bestätigungen, die wir als Schriftstellerinnen und Schriftsteller so dringend brauchen, um nicht im echolosen Raum zu schreiben.
Wenn du nicht weißt, wo du das letzte Zipferl von Hoffnung heranziehst, du trotz alledem dranbleiben kannst, dann hilft die bloße Tatsache, dass dir immer wieder Menschen das Gefühl geben, dass sie froh sind, dass man einen Augenblick zweistimmig gedacht hat.
Oder dass die eine oder der andere durch einen deiner Text auf die Idee kommt, dass es vielleicht doch eine bessere Idee ist, selber zu denken. Das ist ein, nein DER Schritt in die richtige Richtung. Und ich glaub, nein bin fest davon überzeugt, dass die kleinen Schritte, die einzige Chance sind, die wir haben.
Die großen Entwürfe sind ja leider letztlich alle schief gelaufen, ob es das Heil im Osten, Modelle wie China waren, von denen viele meinten, sie würden die Welt retten – ich erinnere mich, wie wir mit roten Wangen „Arzt in China“ (J. S. Horn, 1972) gelesen haben -; letztlich haben die alle mit Denkverboten geendet.
KiJuKU: Es gibt ja nicht „nur“ die Reaktionen auf deine Bücher bzw. die Lesereisen mit direktem Kontakt zu Leser:innen, sondern vor allem die dir sehr wichtigen Schreib-Werkstätten, wo es noch viel intensivere Begegnungen gibt, wo du Räume für Gedanken öffnest, bei Menschen, die sich solches vorher oft gar nicht zugetraut hätten.
Renate Welsh: Ich hab da dann immer wieder auch die eine oder andere Methode aus der Situation heraus entwickelt, was und wie gut passen könnte. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine dreiwöchige Werkstatt mit Jugendlichen vor viiiielen Jahren in Norddeutschland. Damals haben wir noch mit Tonband gearbeitet. Die Aufgabe, die ich ihnen gestellt hab: Sie sollten bei einer Geschichte die Stopp-Taste drücken, wenn sie an einem Punkt anders handeln könnten. Meistens haben sie dann davon erzählt, wie die anderen anders reagieren könnten. Das war ein schwieriger Lernprozess, zu sich selbst zu kommen. Aber es hat dann gut funktioniert, auch wenn ich mich zwischendurch mal anbrüllen lassen musste, Wir haben aber auch viele gelacht und Blödsinn gemacht. Ich glaube an die kreative Kraft des Blödsinns.
KiJuKU: Magst du unseren Leser: innen verraten, woran du aktuell schreibst und arbeitest?
Renate Welsh: Das Archiv der Zeitgenossen hat meinen Vorlass übernommen. Die haben nicht nur analoge Unterlagen, sondern auch alles Mögliche aus meinem Computer geholt. Sie wollen alte Texte oder Entwürfe, von denen ich von vielen gar nicht mehr gewusst habe – herausbringen. An deren Überarbeitung schreibe ich.
Außerdem an „Bruchstücken von Erinnerungen von diversen Lesereisen“, Impressionen von Begegnungen, zum Beispiel der fast unglaublichen Kommunikation mit der Mutter des Chauffeurs als ich in Teheran (Iran) war. Sie konnte weder Englisch noch Französisch noch Deutsch und ich außer „bitte“ und „danke“ nichts auf Farsi. Sie hat mir erzählt, dass sie drei Stunden vor Sonnenaufgang aufstehen muss, um für all ihre Familienmitglieder, die nicht mehr fromm sind, zu beten. Ich hab das alles verstanden, wie mir der Sohn später erklärt hat, aber nur, weil ich kein Wort verstanden habe. Wenn du wenige Wörter kannst, bleibst du bei dem einen oder anderen hängen. Wenn du gar nix verstehst, schaust du auf die Körpersprache, die Mimik.
Solche Aha-Erlebnisse aus verschiedenen Teilen der Welt will ich in diesen Impressionen aufschreiben.
KiJuKU: Hast du dir das alles aufgeschrieben?
Renate Welsh: Manches schon, vieles andere hab ich brühwarm Shiraz (Ehemann) erzählt, wenn ich nach Hause gekommen bin. Viele davon auch gut 1000 Mal und so erzählt er sie mir, dass ich sie aufschreiben kann.
KiJuKU: Jetzt läuft der Film „Renate“ über dich im Kino, wie war das, dich so groß auf der Leinwand zu sehen?
Renate Welsh: ich finde den Film sehr gelungen, der Martin (Nguyen, Filmemacher) hat mich da über Jahre hindurch sehr sanft begleitet, so dass oft die Kamera „verschwunden“ ist. Aber so groß, das ist nicht einfach, auch auf der Straße dem Plakat mit der Filmankündigung zu begegnen – da reißt’s mich jedes Mal.
KiJuKU: Du hast mir im Herbst geschrieben, dass auch „Vamperl“ verfilmt werden soll, wird es das – als Spiel- oder Zeichentrickfilm?
Renate Welsh: Ja, jetzt kann’s ich offiziell sagen, Verträge sind unterschrieben. Es wird ein Spielfilm. Beim Drehbuch will ich nix dreinreden, davon versteh ich nix. Aber die Dialoge will ich schon beeinflussen, Dialoge schreiben kann ich.
Außerdem wird ein altes Buch von mir „Alle Kinder nach Kinderstadt“ (Jugend & Volk, 1974) in Vorarlberg für die Bühne dramatisiert. Kinder kommen in die Kinderstadt, die Alten in die Seniorenstadt, alle Gruppen werden getrennt. Aber ein kleines Mädchen hat enge Verbindungen zu ihrem Großvater – die beiden beginnen zu buddeln und einen Tunnel zu graben, um diese Spaltungen zu überwinden.
Dann soll „Johanna“ (erstveröffentlicht 1984, zuletzt neu 2021 im Czernin Verlag) verfilmt werden und das „Theater Spielraum“ (Wien, Kaiserstraße) bringt „Die alte Johanna“ (ebenfalls 2021, Czernin Verlag) auf die Bühne (April, Mai 2026).
KiJuKU: Anknüpfend oder besser gesagt / geschrieben den Bogen zu unserem letzten Interview kurz vor deinem 80er im Jahr 2017: Damals war dein Wunsch ein „Spiegel, in dem sich groß und allmächtig gebende Männer, die oft nur von Speichelleckern und Kriechern umgeben sind und keine Kritik an sich heranlassen, sehen wie sie im Grunde genommen wirklich sind, oft lächerlich.“
Ein Spiegel, der sozusagen die Rolle des Kindes übernimmt, das in „Des Kaisers neue Kleider“ sagt: „Der Kaiser ist ja nackt!“ Reicht ein solcher Spiegel heute, sieben Jahre und zwei Monate später, noch?
Renate Welsh: Die Trumps, und es ist ja eben nicht nur er, es herrschen derzeit viele solcher Typen, sind furchtbar gefährlich, weil sie so von Angst zerfressen sind, irgendwann nicht (mehr) die Allmacht zu besitzen von der sie glauben, dass sie sie haben. Die meinen, die Rettung der Welt würde von ihren jämmerlichen Egos abhängen. Wenn man ihnen diese ihre Angst nehmen könnte, dann bräuchten die vielen, vielen anderen keine Angst mehr vor diesen angstdurchfressenen Gewaltmenschen haben.
KiJuKU: Sozusagen ein „Vamperl 2.0“?!
Renate Welsh: Ich glaube an die Klarheit und Ehrlichkeit. Im Grunde braucht es einen ehrlichen, konstruktiven Egoismus, einen der sich nichts vormacht. Der wäre eine bessere Form des Umgangs miteinander. Es kann mir nur gut gehen, wenn die Kluft zwischen mir und den anderen nicht größer ist als die Natur sie verlangt. Es gibt schon genug Ungerechtigkeiten in der Natur durch unterschiedliche Voraussetzungen und Lebensbedingungen. Menschen sollten diese Ungerechtigkeiten nicht noch vergrößern.
Dann muss der Mensch nicht so schrecklich Angst vor den Nachbarn haben. Nur, wenn’s den anderen gut geht, kann’s mir auch gut gehen.
Ein Grundübel sind die ständigen Vergleiche. Warum kann ich nicht einfach etwas schön, gut, wert… finden, sondern nur, wenn es größer, besser und so weiter sein soll?!
Wir müssten lernen, uns an der Vielfalt der Welt zu freuen, statt immer alles zu benoten, zu be- und abwerten.
Ich bin ja überzeugt, dass der Mensch im Grunde gut ist, oder zumindest gut sein möchte.
KiJuKU: Viiiiielen, herzlichen Dank, liebe Renate – auf noch viele Bücher, Schreibwerkstätten und Gespräche!
Von mutigen Frauen, die in knappen Sätzen heftigste Schicksale zu Papier bringe über kreative Sprachspielereien von Kindern und Obdachlosen, die vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben sich zutrauten, Texte zu verfassen erzählt dieser Film. Auch. Denn nicht nur die genannten Menschen(gruppen) kommen in den wenig mehr als 80 Minuten des aktuell in Kinos angelaufenen Film zu Wort. „Renate“ kreist um – eben Renate mit Nachnamen Welsh-Rabady, mit dem ersten Nachnamensteil schon viel länger bekannt.
Die Mutmacherin in unzähligen Schreibwerkstätten in verschiedenen Ländern der Welt hat mittlerweile rund 90 Bücher veröffentlicht. Kein einziges davon so rasch mal hingefetzt. Fast immer brauche sie für ein Werk neun Monate – wie sie (nicht nur) im Film von Martin Nguyen (Kamera: er selbst und Astrid Heubrandtner, Montage: Esther Fischer; mehr Details in der info-Box am Ende des Beitrages) – auf die Frage eines Kindes erklärt. Und so wie sie in ihren Werkstätten den Teilnehmer:innen Mut darauf mache, ihre Gedanken und vor allem Gefühle zum Ausdruck zu bringen, so machen ihre Bücher ebenfalls Mut. Sie rückt oft an den Rand der Gesellschaft gedrückte Menschen in den Mittelpunkt. Da spielen sie einerseits eine zentrale Rolle und andererseits helfen sie mit, das eine oder andere Vorurteil – zumindest – in Frage zu stellen.
Der berührende, behutsame Film, in dem das Team die Autorin über mehrere Jahre begleitet hat, enthält aber auch noch eine dritte Mutmach-Ebene: die zutiefst einschneidende gesundheitlich-persönliche des Schlaganfalls 2021. Renate Welsh die heuer (2026) zwei Tage vor Weihnachten 89 wird – was für sie als Fan von Primzahlen vielleicht bedeutender ist als der nächstjährige 90er – musste danach (fast) alles wieder neu lernen: Von der Motorik – Arme und Beine taten oft nicht, was sie wollte – bis hin zu jener ganz essentiellen Welt der Schriftstellerin: Sprache.
In „Ich ohne Worte“ (wie einige andere ihrer Bücher im Czernin Verlag) beschreibt sie offen und sich selber gegenüber schonungslos diese anfängliche fast Hilflosigkeit, auch die Wut, dass fast alles, was sie wollte, nicht gelang. Aber eben auch ihren Kampfeswillen, sich diese Fähigkeiten zurückzuerobern.
Die Literatin, studierte Übersetzerin, gewährt im Film auch sehr nahe Einblicke in diese Phase der Physio- und Sprach-Wiedererlangung. Samt dem Erlernen, Hilfe auch annehmen zu können und sich darüber zu freuen. Ein wichtiger Begleiter – nicht nur in dieser Phase – ist ihr zweiter Ehemann, der Arzt Shiraz Rabady, mit dem sie seit fast 60 Jahren zusammen ist. Als zweiter Protagonist im Film ist er wie auch sonst fast immer zurückhaltend, Ruhe und Geduld ausstrahlend, Teil des harmonischen Duos, das einander ergänzt.
Und last but not least baut der Film ein weiteres wichtiges Element dieser Schriftstellerin, die mittlerweile längst als Autorin sowohl für Kinder und Jugendliche als auch Erwachsene bekannt und ausgezeichnet ist: Austausch mit anderen, Vor allem als Teil jener – namenlosen, aber wichtigen – Gruppe von damals jungen vor allem Autorinnen (u.a. Christine Nöstlinger, Mira Lobe), die völlig neues in die Kinder- und Jugendliteratur einbrachten – sprachlich und inhaltlich. Aufwachsen in anderen als Normfamilien, Gewalt in der Erziehung, Ausgrenzung und Strategien dagegen, Behinderungen… kurz und gut das echte Leben statt vorgeblich heiler Welt.
Und zu den Geschichten, auch wenn sie oft fiktiv waren und sind, kamen diese Autor:innen durch Hinschauen und Hinhören auf eben echte Lebensgeschichten. Aktives Zuhören – und das nicht nur mit den Ohren, sondern mit dem ganzen Körper – ist eine der ganz großen Eigenschaften von Renate Welsh-Rabady (seit 2000 verheiratet). Das im Film auch ziemlich gut zum Ausdruck kommt. Wie „Renate“ überhaupt das schafft, was die Protagonistin auszeichnet: Eine unglaubliche Einheit zwischen der Person und ihrem Werk.
Rund um den Start des Kinofilms „Renate“ – Filmbesprechung unten am Ende dieses Beitrages verlinkt – über die vielfältige Arbeit und das Leben der Autorin Renate Welsh fand in der „Alten Schmiede“, einem Kunst- und Kulturzentrum in Wien ein Symposium – gemeinsam mit dem Archiv der Zeitgenossen statt: „Geschichten hinter den Geschichten“ – (Re-)Lektüren des Werks von Renate Welsh“.
Vortragende, die sich meist schon sehr lange mit dem schriftstellerischen Schaffen, aber auch den Schreibwerkstätten, beschäftigten, referierten über einzelne, wichtige Aspekte dieses Schaffens. Und alle freuten sich darüber, dass überraschenderweise die Autorin selbst gleich zu Beginn erschien und die gesamte Zeit den Vorträgen lauschte, sich in den Diskussionen danach zu Wort meldete – obwohl sie selbst am Abend der Veranstaltung noch einen Stock tiefer eine Lesung zu halten hatte.
Michael Hammerschmid, selber Lyriker sprach über Haltung und Poesie in Renate Welshs Gedichten. Obwohl sie mit „Leih mir dein Ohr“ erst 2024 ihren ersten Lyrikband veröffentlicht hatte, analysierte er nicht nur diese – im übrigen zum Teil auch schon viel früher entstandenen Gedichte. In „Erfahrungen festgezurrt in Worte“ zog er auch einen Bogen zu ihren Dutzenden Prosa-Büchern – und der auch dort präzisen Sprache.
Fermin Suter, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Archivs der Zeitgenossen an der Universität für Weiterbildung Krems (NÖ) befasste sich mit der innovativen, engagierten Arbeit Welshs in den Schreibwerkstätten und nannte seinen Beitrag „Kleine Schritte und Quantensprünge“.
Die Obfrau der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung sowie Mitherausgeberin von libri liberorum, der Zeitschrift der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung, Susanne Blumesberger, präsentierte die literarische Vernetzung der Autorin in der Gruppe, die keinen Namen hatte, aber vieles in der Kinder- und Jugendliteratur zum Realistischeren veränderte (u.a. Christine Nöstlinger, Mira Lobe…). Den meisten ist auch heut „Das Sprachbastelbuch“ bekannt. „Manchmal wussten wir selbst nicht mehr, wer einen bestimmten Text geschrieben hatte“, lautete ein Zitat, das Blumesberger als Titel für den Vortrag verwendete.
Hanna Prandstätter, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Archivs der Zeitgenossen an der Universität für Weiterbildung Krems (NÖ) sprach über feministische Schreibweisen bei Renate Welsh unter dem Titel „Ich habe mir erlaubt, Lücken aufzufüllen.“ Sie arbeit den Vorlass der Autorin auf.
Julia Danielczyk, Lehrende an der Uni Wien, Abteilung für Vergleichende Literaturwissenschaft, referierte – per Online-Video über Aufbegehren und Aufbruch in Renate Welshs „Johanna“ und „In die Waagschale geworfen“ und betitelte den Vortrag „In der Sprache liegt ein kleines Prinzip Hoffnung.“
Schließlich sprach noch die Obfrau des Netzwerks Archiv und Gender (NAG), Susanne Rettenwander, über „Versteckte Selbstzeugnisse. (Auto-)Biographisches Schreiben in der Jugendliteratur am Beispiel von Renate Welsh und Vera Ferra-Mikura
Und bei der abendlichen Lesung aus „Ich falle mir selbst ins Wort“ durch die Autorin selbst, bezogen sich die beiden österreichischen Schriftstellerinnen Elke Laznia und Margit Schreiner in „Respondenzen zu Renate Welsh“ eben auf das Schaffen bzw. einzelne Werke der 88-jährigen Autorin und Bögen zu ihrem eigenen Schreiben.
Ein hoher Berg von Matratzen. Während das Publikum den kleineren Saal des Theaterhauses im MuseumsQuartier, Dschungel Wien, betritt, liegt eine märchenhaft verkleidete Spielerin drauf, stellt sich schlafend, also recht lange. Auch wenn irgendwann aus dem Off eine Stimme mit den bekannten Worten „es war einmal“ beginnt, legt das zweite „e“ im Titel „Prinzessen“ der Gruppe Plaisiranstalt mehr als nahe, dass dies kein klassisches Märchenstück ist.
Das macht der heftige, wilde Auftritt der zweiten Schauspielerin nach wenigen Augenblicken noch klarer. Die schwarz irgendwie punkähnlich gekleidete (Ausstattung: Alexandra Burgstaller) Frau zuckt richtiggehend aus. „Na supa, scho wieder a Turm!“ Durch Dornenhecken hindurch wurde sie hierher verbannt. Dann entdeckt sie die Schlafende, erinnert sich an Märchen, geht einige durch und – eh klar Dornröschen. Sie erklimmt den Matratzenberg und küsst die Prinzessin wach.
Die meint zunächst – ganz im klassischen Märchen verhaftet – von einem Prinzen erweckt worden zu sein. Und dann? Weder Prinz, ja nicht einmal Prinzessin! Und dann noch geküsst auf den Mund!?
Rapunzel, so gibt sich die Wachküsserin zu erkennen, gelingt es nicht und nicht Dornröschen, die hier mit Roswitha sogar einen richtigen Namen hat, schmackhaft zu machen, dass sie doch jetzt aus der vorgesehenen Rolle ausbrechen könnte.
Von dieser Dynamik mit viel szenischem Humor und Wortwitz lebt das Stück über lange Zeit. Da die wilde, Freiheit und Unabhängigkeit liebende Rapunzel (Sophie Berger), die sich aus dem Turm befreite – einfach schlau genug, ihr uuuurlanges Haar abzuschneiden, um sich selbst abzuseilen.
Als Gegensatz die der Tradition verhaftete Prinzessin (Charlotte Zorell), die vom Prinzen träumt. Alles will sie regelkonform und brav machen, versucht das auch von der anderen zu verlangen, pocht auf feine Sprache, immer wieder oberlehrerinnenhaft korrigierend… Und doch stets mit einer Spur Überspitzung, die dieses Verhalten in Frage stellt.
Autor Raoul Biltgen, Regisserin Paola Aguilera und das gesamte Team woll(t)en von Anfang an diesen Druck zum sogenannten Brav-sein-müssen bzw. -sollen thematisieren und in Frage stellen, was witzig und immer wieder abwechslungsreich gelungen ist. Natürlich macht Roswitha eine Wandlung durch. Aber auch Rapunzel wird auf die Probe gestellt. Sie weiß zwar gut, was sie alles nicht möchte, aber was sie denn wirklich wolle – da muss sie auch erst hinfinden.
Ach ja, im letzten Drittel, so viel darf schon verraten werden, taucht dann doch noch ein Prinz auf, Charly mit Namen (Paul Graf). Auf „Retter“ vorprogrammiert, strahlt er aber auch aus, so ganz taugt ihm die auferlegte Rollenzuschreibung nicht. Was er letztlich ziemlich am Ende als seinen Berufswunsch gesteht – nein, das wird hier nicht gespoilert.
Was schon noch verraten werden soll: Sophie Berger greift immer wieder zum Mikro, um zu singen (Lieder: Thorsten Drücker).
Wie viele Bücher sie genau geschrieben hat, weiß sie nicht. „Ich glaube so um die 80“ und diese Antwort ist nicht kokett. Und obwohl Schreiben seit Jahrzehnten ihr Beruf ist, strahlt jedes ihrer Bücher auch die Berufung aus, mitzuhelfen, Leserinnen und Leser mutiger, die Welt ein Stück besser zu machen.
Dieser Beitrag stammt übrigens aus dem Dezember 2017, ist also mehr als acht Jahre alt. Er ist noch im Kinder-KURIER erschienen, dem Vorläufer von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… Ich durfte fast drei Jahrzehnte lang die auch von mir gegründeten Seiten für junge Menschen dieses großen Medienhaues betreiben und kurz vor dem 80er von Renate Welsh dieses Gespräch in ihrer Wohnung in Wien-Neubau führen. Schon vor dem Gespräch schenkte die Autorin, der nun ein berührendes, bewegendes, bewegtes filmisches Porträt gewidmet ist – dazu eigene Beiträge, unten verlinkt – über den Kinder-KURIER einer Wiener Schule einen Schreib-Workshop – aus dem diese Reportageteile und Fotos stammen.
Schreiben ist „nur“ eine von vier Säulen des Schaffens von Renate Welsh-Rabady.
Die tiefgreifende Begründung für ihr Engagement in Schreibwerkstätten formuliert sie selbst am Treffendsten in der Eröffnungsrede für einen internationalen Psychologie-Kongress, wo sie unter dem Titel „Der Phantasie ein Fenster öffnen“ u.a. sagte: „… war ich immer davon überzeugt, dass Sprachlosigkeit die gemeinsame Wurzel vieler Übel ist, die mir Angst machen… Wer sich selbst nicht achtet, kann anderen kaum auf Augenhöhe begegnen, er braucht jemanden, den er verachtet, aber ebenso dringend jemanden, dem er aus welchen Gründen auch immer Gefolgschaft leisten kann…“
Und bei der Begegnung mit Kindern erfreut sich Renate Welsh-Rabady vor allem an deren Neugier, der Lust zu fragen und in den Werkstätten deren Fantasie – wenn sie noch nicht zerstört wurde. Denn hin und wieder muss sie erleben, „dass Kinder mich mit sooo großen Augen anschauen und ganz ungläubig feststellen: Das interessiert sie ja wirklich, was wir denken!“
Partei ergreifen für Außenseiter:innen, Ausgegrenzten Mut machen, Vorurteile zumindest in Frage stellen – Themen ihrer Bücher baut die Autorin in glaubhafte Geschichten samt dazugehöriger Charaktere ein, klar und virtuos geschrieben und nie vordergründig oder plakativ. Geschichten erzählen und schreiben zu können, hat ihr als sehr junges Mädchen in der Volksschule zunächst einmal sozusagen das (Über-)Leben ermöglicht. Sie sei ein kleines, aber neugieriges, aufgewecktes und schlaues Kind gewesen, aber eher so „ein aufg‘stellter Hühnerdreck“. In der Schule hätten ein paar deutlich größere und stärkere Buben sie immer wieder verdroschen. Bis, ja bis eines Tages der größte und stärkste von denen der kleinen Renate einen Deal angeboten hätte: Sie schreibe für ihn die Hausübungen und müsse ihm obendrein auf dem Heimweg Geschichten erzählen und die dann aufschreiben – und dafür würde er dafür sorgen, dass Renate von allen in Ruhe gelassen würde. Dieser Junge brüstete sich dann mit den geschriebenen Geschichten – „was ich schon ungerecht empfunden habe, aber dafür musste ich keine Angst mehr haben.“
In ihre Geschichten „stolpere ich oft“, vertraut sie dem Journalisten an. Der „Renner“ unter ihren Kinderbüchern sind die vom „Vamperl“. Dieser kleine Vampir saugt Gift aus der Galle. In einem Verkehrsstau habe sie diese verärgerten, oft eben richtig giftigen Menschen erlebt und sich „gedacht, da müsste man was erfinden, das dieses Gift aus den Menschen saugt“. So kam’s zu diesem kleinen Vampir. Eine 2-Seiten-Fassung habe sie ihrem Vater, mit dem sie oft heftig darüber streiten konnte, ob eher die Gene oder mehr das Umfeld für unser Verhalten verantwortlich wäre, zu dessen 80. Geburtstag geschenkt. „Du bist mit deinen 40 Jahren noch ein genauso frecher Fratz wie als Kind“, quittierte der die Story. Aus der 2-Seiten-Version schreib die Autorin später ein Hörspiel fürs Radio und auf Anraten eines Redakteurs im Rundfunk ein ganzes Buch – und in der Folge Fortsetzungen. Mindestens die 42. Auflage ist mittlerweile vom „Vamperl“ erschienen.
Neben dem „Stolpern“ gibt es auch Bücher, die auf Anregungen von Kindern zurückgehen – „Drachenflügel“ oder „Schneckenhäuser“.
Ihr erstes Buch, das sie für Erwachsene geschrieben hat (das aber erst später veröffentlicht wurde) ist „Lufthaus“. In das stolpert sie über die Frage ihres Vaters, ob sie als Geschenk lieber einen Ring oder eine Schachtel alter Briefe hätte. Na was wohl?
Die Briefe stammten von einem Vorfahren der Familie, von Maximilian Joseph Gritzner und der war bei den Aufständen von 1848 führend beteiligt. Briefe und Zettelchen waren der Anfang, intensive Recherchen erfolgten, „doch dann war er mir in seiner Selbsteinschätzung zu selbstgefällig und darum habe ich die von seinem Sohn entführte Frau, also seine Schwiegertochter Pauline zur Hauptfigur des Romans gemacht“. Die Lektorin des Verlags fragte die Autorin allerdings, ob sie sich nicht vorstellen könnte, über Constanze Mozart zu schreiben, wo sie sich doch so gut im 19. Jahrhundert auskenne. Die wäre doch eher fad, meinte Welsh. Wie wäre das mit Vorurteilen und ihrer Haltung, solche in Frage zu stellen, wollte die Lektorin wissen. Das war Anreiz genug für Welsh, sich in die Geschichte der Ehefrau des berühmten Komponisten zu vertiefen – „ihre Entwicklung vom jungen Ganserl zur gestandenen Frau hat mich dann doch interessiert“.
Was sie sich zu ihrem 80. GEburtstag wünsche (heuer wird sie am 22. Dezember 89), wollte damals KiKu (Kinder-KURIER) wissen.
Renates Antwort: Einen Spiegel, in dem sich groß und allmächtig gebende Männer, die oft nur von Speichelleckern und Kriechern umgeben sind und keine Kritik an sich heranlassen, sehen wie sie im Grunde genommen wirklich sind, oft lächerlich.“ Ein Spiegel, der sozusagen die Rolle des Kindes übernimmt, das in „Des Kaisers neue Kleider“ sagt: „Der Kaiser ist ja nackt!“
https://www.schule.at/lernwelt/lesen-mit-edi/detail/das-vamperl
Erstveröffentlicht im Kinder-KURIER hier
Bericht über eine Lesung von Renate Welsh-Rabady damals im Kinder-KURIER
Dunkelgrau bis schwarz dominiert eine der Doppelseiten dieses Bilderbuchs – siehe oben. Doch von einem Pinsel und dessen Übergabe von Kind Emil an Malerin Ayesha geht ein heller Kreis aus. Der im eigenen Kopf spürbar auch dieses Dunkel zumindest mit einer Portion Hoffnung erleuchtet.
„Ayeshas Pinsel“, geschrieben von Cornelia Funke, illustriert in unterschiedlichsten Techniken (Aquarell, Kugelschreiber, Buntstifte, Tusche) und gestaltet von Pauline Pete, beginnt bunt und (bild-)freudig. Das Bilderbuch erzählt von Ayesha, die lebensfrohe, farbkräftige Bilder malt und in einer bunten Stadt lebt.
Doch eines Tages oder Nachts vermeinten Menschen, die Krieg führten, auch diese Stadt zu bombardieren. Die Düsternis zieht ein. Höchstens durch Feuerblitze von Bomben „erhellt“. Die Menschen müssen in die – hoffentlich – bombensicheren Keller flüchten.
… So viele Tränen! Und der Keller war dunkel und grau. Ayesha spürte, wie sich auch ihr Herz mit Grau füllte. Da stand plötzlich Emil vor ihr. Er hielt ihr einen Pinsel hin.“ – Dies ist der Text auf der ganz oben beschriebenen Doppelseite.
Von da an kehrt Hoffnung in die Kellerräumlichkeiten ein. Alle, die hier Zuflucht suchen, beginnen, wenigstens die Wände bunt zu bemalen. Was sie einerseits durch die kreative Tätigkeit aus der Tristesse wenigsten ein bisschen herausbrachte und sie durch die Bilder, die sie schufen trotz alledem aufzuheitern vermochte. Sie malten nicht, wie zerstört die Stadt oben nun geworden war, sondern all das Schöne, das ihnen der Krieg gestohlen hatte. Das gab / gibt gleichzeitig Raum und Zeit für die Trauer, aber auch gepaart mit Hoffnung auf ein Leben jenseits des Krieges.
Gestern, heute, morgen, übermorgen … – jeden Tag wurde 2024 allein im südamerikanischen Kolumbien ein Kind mehr als gezwungen, schon ganz junger Soldat oder Soldatin zu sein. Auch auf der karibischen Insel Haiti hat die Zahl der Kindersoldat:innen deutlich zugenommen. Auf diese beiden länderspezifischen Beispiele weist das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, Unicef, am 12. Februar (2026) hin. Anlass: dieser Tag ist seit mehr als zwei Jahrzehnten der internationale Red Hand Day – mit runden Handabdrücken wird dagegen protestiert, dass Kindern als Soldat:innen ihre Rechte als Kinder, ihre Kindheit geraubt und sie unter Waffen gezwungen werden.
Und Anlass dafür war, dass am 12. Februar 2002 die UNO-Kinderrechtskonvention (schon 1989 beschlossen) um einen Vertrag erweitert wurde, sich aktiv gegen die Rekrutierung von Kindern als Soldaten einzusetzen.
„Kinder in Kolumbien geraten nicht nur ins Kreuzfeuer, sie werden seit Jahren aktiv rekrutiert und eingesetzt. Die Auswirkungen auf sie und ihre Familien sind verheerend“, sagte die UNICEF-Vertreterin in Kolumbien, Tanya Chapuisat. „Dringendes Handeln ist erforderlich, um Kinder vor Rekrutierung, sexueller Gewalt und anderen schweren Rechtsverletzungen zu schützen.“
Zehntausende Kinder sind durch die anhaltende Gewalt im bewaffneten Konflikt gefährdet. Besonders betroffen sind ländliche Regionen, in denen Armut, fehlender Zugang zu Bildung sowie eine unzureichende soziale Infrastruktur die Verwundbarkeit von Kindern weiter erhöhen.
„Kinder in Kolumbien geraten nicht nur ins Kreuzfeuer, sie werden seit Jahren aktiv rekrutiert und eingesetzt. Die Auswirkungen auf sie und ihre Familien sind verheerend“, sagte die UNICEF-Vertreterin in Kolumbien, Tanya Chapuisat. „Dringendes Handeln ist erforderlich, um Kinder vor Rekrutierung, sexueller Gewalt und anderen schweren Rechtsverletzungen zu schützen.“
Mehr als 1,4 Millionen Menschen sind innerhalb des Landes vertrieben, über die Hälfte davon Kinder. Sie sind mit sich überlagernden Krisen konfrontiert: bewaffnete Gewalt, Naturkatastrophen und extreme Armut. Diese Bedingungen haben das Wachstum bewaffneter Gruppen begünstigt und erhöhen den Druck auf Kinder, sich ihnen anzuschließen.
Kinder werden häufig unter Zwang angeworben, um ihre Familien finanziell zu unterstützen, aus Angst vor Gewalt im eigenen Umfeld oder aufgrund direkter Drohungen. Viele werden rekrutiert, nachdem sie von ihren Bezugspersonen getrennt wurden und ohne Schutz oder Überlebensmöglichkeiten sind. Bewaffnete Gruppen nutzen zunehmend soziale Medien mit falschen Versprechungen von Arbeit oder einem besseren Leben. Ein Austritt aus den Gruppen ist in der Regel nicht möglich.
Anlässlich des Red Hand Days, des internationalen Aktionstages gegen den Einsatz von Kindersoldaten, warnt Unicef vor einem sich verschärfenden Kreislauf aus Gewalt, Vertreibung, Armut und fehlenden Schutzmechanismen.
„Die Rechte von Kindern sind nicht verhandelbar“, sagte Unicef-Exekutivdirektorin Catherine Russell. „Jedes Kind muss geschützt werden. Und jedes Kind, das von bewaffneten Gruppen rekrutiert oder eingesetzt wurde, muss freigelassen und unterstützt werden, damit es heilen, wieder lernen und seine Zukunft neu aufbauen kann.“
Die Rekrutierung und der Einsatz von Kindern durch bewaffnete Gruppen stellen eine schwere Verletzung ihrer Rechte dar und sind nach internationalem Recht – einschließlich des humanitären Völkerrechts und der internationalen Menschenrechtsnormen – verboten.
Kinder, die rekrutiert werden, sind vielfältigen Gefahren ausgesetzt: Verletzungen, Verstümmelung oder Tod in Kampfhandlungen, sexuelle, psychische und körperliche Gewalt, willkürliche Inhaftierung sowie der Verlust des Zugangs zu Bildung. Ihre Sicherheit, ihr Wohlbefinden und ihre gesamte Entwicklung werden nachhaltig beeinträchtigt.
Zu den sechs schweren Rechtsverletzungen gegen Kinder in bewaffneten Konflikten zählen: Tötung und Verstümmelung, Rekrutierung und Einsatz, Sexuelle Gewalt, Angriffe auf Schulen oder Krankenhäuser, Entführung, Verweigerung humanitären Zugangs
Kinder, die tatsächlich oder mutmaßlich mit bewaffneten Gruppen in Verbindung stehen – auch wenn ihnen Straftaten vorgeworfen werden –, müssen vorrangig als Opfer betrachtet werden, nicht als Täter.
Unicef arbeitet in beiden Ländern mit Regierungen, lokalen Institutionen, Zivilgesellschaft, UN-Organisationen und humanitären Partnern zusammen, um Rekrutierung zu verhindern und betroffene Kinder zu schützen.
Die Unterstützung umfasst unter anderem: Psychosoziale Betreuung, Fallmanagement und Überweisungen an Gesundheits- und Schutzdienste, Zugang zu Bildung und temporären Lernräumen, Familiensuche und -zusammenführung, wenn im besten Interesse des Kindes, Reintegration und Rehabilitation
In Haiti unterstützt das PreJeunes-Programm Jugendliche dabei, bewaffnete Gruppen zu verlassen oder schützt gefährdete Kinder durch Stärkung sozialer Inklusion und schützender Umfelder. Seit Unterzeichnung des Übergabeprotokolls im Januar 2024 konnten dort mehr als 500 Kinder mit spezialisierten Schutz- und Wiedereingliederungsdiensten unterstützt werden.
In Kolumbien hat die Präventionsarbeit zur Einführung einer nationalen Strategie zur Verhinderung von Kinderrekrutierung beigetragen. Unicef setzt auf einen systemischen Ansatz, der den Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen innerhalb von Familien und Gemeinschaften stärkt und konfliktbedingte Risiken – auch unter Berücksichtigung ethnischer Perspektiven – gezielt adressiert.
Unicef ruft nationale Behörden und alle relevanten Akteure auf, Kinderschutzsysteme zu stärken, sicheren und nachhaltigen Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen zu gewährleisten und Programme zur Prävention und Reintegration auszubauen.
Zugleich appelliert die UN-Organisation an Geberregierungen, den Privatsektor und die internationale Gemeinschaft, dringend benötigte Programme für von Gewalt betroffene Kinder und Familien finanziell zu unterstützen, da diese weiterhin erheblich unterfinanziert sind.
„Kinder dürfen nicht zum Ziel bewaffneter Gruppen werden. Ihr Schutz ist keine Option, sondern eine Verpflichtung!“, heißt es abschließend in der medien-Aussendung von Unicef anlässlich des Red Hand Days 2026.
Rote Handabdrücke werden auf Transparenten, Plakate usw. als Aktion gemalt, gedruckt, gezeigt, um diesen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen zu stoppen. Die zentralen Forderungen zum Red Hand Day, dem internationalen Aktionstag an das Schicksal von Kindersoldat:innen im Folgenden
Der 12. Februar ist in Österreich der Jahrestag (1934), an dem die Führung des damals autoritären, austrofaschistischen (Stände-)Staates bewaffnete Einheiten (Polizei, Gendarmerie, Bundesheer) und die paramilitärische Heimwehr auf Gemeindebauten und aufständische Arbeiter:innen schießen ließ.
Dieser Tag ist aber auch seit mehr als 20 Jahren der „Red Hand Day“, Aktionstag dagegen, dass dass Kinder und Jugendliche zu Soldat:innen gezwungen werden. Anlässlich des Red Hand Days 2026 veröffentlicht KiJuKU hier einen recht alten Bericht aus der Zeit des Kinder-KURIER, gleichsam Vorläufer von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…, verfasst und fotografiert aber eben von dem hier tätigen Journalisten. Dieser Bericht ist der einzige, noch online verfügbare auf kiku.at, obwohl nicht nur 2013, sondern einige weitere Jahre das Heeresgeschichtliche Museum in Wien sich an diesem Aktionstag beteiligte und jedes Jahr ehemalige Kindersoldat:innen einlud, über ihre bitteren Erfahrungen und den von verschiedenen Organisationen unterstützten Weg aus diesem brutalen Elend heraus schilderten.
Da die Berichte auf der kurier.at-Site (fast) alle nur mit Abo-Zugang verfügbar sind, erlaube ich mir hier, ihn – ein wenig verändert – Absatzreihenfolge und kleine Formulierungen – kopiert zu veröffentlichen; aber durchaus mit Link zum Original.
Wie alt, viel mehr jung er genau gewesen ist, das weiß John Kon Kelei gar nicht mehr. „Ich wurde entführt, als ich so irgendwas zwischen vier und fünf Jahren war. Ich kam in ein Camp mit vielen anderen Kindern. Und dachte eigentlich, dass ich am Abend wieder zu meiner Familie gebracht würde. Das war aber nicht so. Da war ich dann ganz traurig und trotz der vielen anderen Kinder fühlte ich mich einsam und verlassen. Wir wurden zum Soldaten-Dasein gezwungen, mit zehn hatte ich das Glück flüchten zu können. Ja, du bist nach diesen Jahren in Uniform und Drill kein Kind mehr, du bist schon sehr erwachsen. Ich konnte in die Hauptstadt Khartum (Sudan, Afrika) entkommen und dort dann in eine Schule gehen. Später konnte ich in die Niederlande kommen.“
Dort studierte er Jus, machte seinen Master im internationale europäischem Recht und gründete – gemeinsam mit Zlata Filipović und Ismael Beah, der Kindersoldat in Sierra Leone (Afrika) war, die Hilfsorganisation NYPAW (Network of Young People Affected by War – Netzwerk junger Leute, die Opfer von Kriegen wurden). John Kon Kelei gründete außerdem die Cuey Machar Secondary School Foundation im neuen Staat Süd-Sudan. „Ich hab die Chance auf höhere Schulbildung gehabt und so wollte ich helfen, dass in meiner Heimat auch andere Kinder mehr lernen können – das ist für sie gut, aber auch für die Entwicklung unseres jungen Staates.“
Auf der Homepage zu diesem Projekt zitiert er ein sudanesisches Sprichwort: „Gib einem hungrigen Menschen heute zu essen, er wird morgen wieder hungrig sein. Lehre ihn zu fischen und er kann auch morgen essen, aber schaffe Bildung für seine Kinder – dann hast du ihm eine Zukunft gegeben!“
„Eine ältere Schülerin hatte ein Tagebuch. Und das war sehr cool. Als ich ungefähr 8 oder 9 war, hab ich auch eines gekriegt und begonnen Tagebuch zu schreiben“, beginnt Zlata Filipović im Rahmen der Ausstellung über Kindersoldaten im Heeresgeschichtlichen Museum (HGM) in Wien zu erzählen. „Es war aber ziemlich langweilig, Sätze die ungefähr nur aussagten wie eh alles gut oder so. Und dann war von einem Tag auf den anderen alles anders. Aber nicht nur für mich kam der Krieg überraschend, auch meine Eltern hatten nicht im Geringsten damit gerechnet. Von einem Tag auf den anderen war das Leben ganz, ganz anders. Sarajevo war von den Bergen, die ringsum sind und vorher schöne Ausflugsziele warn, belagert.“
Bald waren die wichtigsten Versorgungsleitungen zerstört. „Wir hatten keinen Strom, kein Gas, kein Wasser. Wasser zu holen war aber sehr gefährlich, viele sind dabei durch Schüsse von den Bergen getötet worden. Bei Fliegerangriffen mussten wir in die Keller, um Schutz zu finden. Dort konntest du nichts machen, nur warten.“
Rund zwei Jahre – von 11 bis 13 – lebte Zlata Filipović mit ihrer Familie und anfangs auch noch einem gelben Kanarienvogel in der belagerten Stadt, „aber es gab kein Futter für ihn und außerdem war’s viel zu kalt für ihn, wir konnten ja nicht heizen“, erinnert sie sich traurig daran, dass er gestorben ist.
Auf die plötzlich spannenderen Einträge in ihrem Tagebuch hätte sie gern verzichten können, wenngleich die ihr und ihren Eltern das Entkommen aus dem Krieg ermöglichten. Journalisten aus Frankreich suchten nach Tagebüchern von Kindern, die die Schrecken des Krieges erzählen. Meines wählten sie dann aus – und dafür halfen sie unserer Familie rauszukommen, Wir lebten dann zuerst in Frankreich, bevor wir nach Irland übersiedelten.“
In Dublin lebt sie heute (2013) noch – als Dokumentarfilmerin, kommt aber seit bald nach dem Krieg möglichst jedes Jahr mindestens einmal nach Sarajevo, „wo viele Verwandte und Freundinnen und von mir leben“.
Nicht zuletzt die kriegerischen Auseinandersetzungen im vormaligen Jugoslawien zeigten die neuen Dimensionen: War im zweiten Weltkrieg jedes zweite Opfer eine Zivilistin/ein Zivilist (also Nicht-Soldaten), so waren hier – und in den meisten Kriegen heute – neun von zehn Toten KEINE Soldaten.
Viele kleine Fähnchen mit roten Händen als deutliches „Stopp“-Schilder stecken im Schnee vor dem Haupteingang zum Heeresgeschichtlichen Museum auf dem Gelände des Wiener Arsenal. Gebastelt wurden sie von Kindern am (damals an mehreren Jahren rund um den) Red hand Day – gegen Kindersoldaten. Es soll ein (kleiner) Beitrag dazu sein, dem Wahnsinn Einhalt zu gebieten, dass schon ganz jungen Buben, aber auch Mädchen ihre Kindheit geraubt wird und sie zum Soldaten-Dasein gezwungen werden. Das Museum, das die Geschichte von Militär und Waffen zeigt, will damit nicht zuletzt zeigen, wie grausam Kriege sind.
Nicole Krenn, Katrin Frühaus und Tamara Milosavljević aus der2. Klasse der Berufsschule für Verwaltungsberufe in Wien, die der (damals) Kinder-KURIER beim eigenen Lokalaugenschein im HGM trifft, erzählen dem KiKu nach ihrem Rundgang in der Ausstellung und ihrer Diskussionsrunde mit Zlata Filipović über ihre Eindrücke. Und die waren einerseits bedrückend, andererseits aber auch sehr berührend, „weil es toll war, mit Menschen reden zu können, die das echt erlebt haben“. Deshalb sei dieser Besuch „überhaupt das interessanteste Museum, in dem wir bisher waren“ gewesen. „Es ist sehr schrecklich, dass sogar so junge Menschen schon so Grausames erleben mussten und immer wieder auch müssen“. „Und dass sie dann so einfach darüber erzählen können, dazu gehört schon viel Kraft und Mut, Respekt!“
„Irgendwie hat man ja schon vorher auch davon gehört, aber so viel haben wir nicht gewusst. Und außerdem ist es dann schon noch einmal etwas anderes, wenn du dann wen vor dir hast, die das echt erleiden musste. Das war schon auch schockierend. Und du fühlst dich dann doch richtig machtlos. So was aufzuhalten ist nicht leicht.“
„Außerdem ist das ja alles völlig sinnlos und unnötig, wir können nur froh sein, dass wir in einer Gegend leben, wo’s schon mehr als halbwegs harmonisch zugeht!“
Originalbeitrag erstveröffentlicht im Kinder-KURIER
unicef.de –> Ishmael Beah, ehemaliger Kindersoldat, heute Unicef-Botschafter
Triggerwarnung vorweg. Die sechste und in der Reihenfolge – nicht nur hier, sondern auch am vergangenen Wochenende als sich die jeweils rund 174-stündign Stückentwürfe in der dritten Ausgabe des Theater-Nachwuchsbewerbs im Dschungel Wien – gemeinsam mit dem Drama Forum (Graz) präsentierten: Erst ab 12 Jahren und mit kriegerischen Kampf-Szenen. Letztere nicht als Schauspiel, sondern in einem Set von Legofiguren als Video projiziert: „Kampfbaukasten in 4K“ (Text: Laura Bernhardt; Regie und Sound: Lori Brückner).
Constanze Winkler verkriecht sich als zockender sehr junger Bub, angegeben wird weniger als die 12, die als untere Altersgrenze fürs zuschauen gilt, in einer Art Zelt (Bühne und Kostüm: Julie Fritsch, Stefanie Edlhofer), in dem gleichsam Video gekämpft wird. Mit einschlägigen Sounds und Wortfetzen.
Als reale Gegenspieler:innen treten Merle Zurawski als Mutter, Jakob merkle als älterer Bruder sowie Alexandru Weinberger-Bara als Vater in Erscheinung. Alle drei mit Ganzkopf-Masken, die jede Mimik verbergen. Was einerseits noch präziseres Spiel erfordert. Aber andererseits auch von vornherein eine extreme noch dazu paradox erscheinende Distanz aufbaut. Da die Schauspielerin, die einen Jungen darstellt, der eigentlich in der virtuellen Welt unterwegs ist und dort die in der Realität angesiedelten Figuren, engste Verwandte, die durch die Masken eher künstlich wirken.
Der Kampf des Gamers in der scheinbar digitalen, jedenfalls via Film übertragenen Schlachtenwelt setzt sich in der realen Welt vor allem als Fight mit dem älteren Bruder, dessen (Geld-)Forderungen und Sagern aus seinen aufgesaugten Manosphere-Influencer-„Weisheiten“ fort. In dieser Familie herrscht eine Atmosphäre nicht nur ausgesprochener Feindseligkeiten, die im Raum schwebenden „unsichtbaren“ sind die viel brutaleren.
Doch irgendwie fragwürdig wirkt der mehrfache Bezug der Lego-Maxerl-Videoschlacht auf Stalingrad. Das mögen vielleicht auch schon Jugendliche dieses Alters das eine oder andere Mal, insbesondere im Zusammenhang mit World War II Videospielen gehört haben. Die historische Einordnung dieser Entscheidungsschlacht zwischen der Wehrmacht Nazideutschlands gegen die Armee der Sowjetunion im zweiten Weltkrieg fehlt jedoch meist. Von den Faschisten als die Eroberung des bolschewistischen Feindes gedacht, wurde dieses Gemetzel zum Wendepunkt. Die Rote Armee gewann und so begann – später im Bündnis mit alliierten Kräften aus dem Westen (USA, Großbritannien und dem befreiten Frankreich) – die Niederringung der Nazi-Herrschaft und die Befreiung weiter Teile Europas von der faschistischen Diktatur. Und das in irgendeiner Form einzubauen wird schwierig, Stalingrad ist noch immer eine Art Mythos. Und wäre wohl verzichtbar, Krieg ohne ihn zu verorten als Produzent menschlichen Leids, würd’s auch tun. Noch dazu, wo derzeit allgegenwärtig eine neue Aufrüstungsspirale in Gang gesetzt wurde und wird.
Übrigens, am 12. Februar ist – seit mehr als 20 Jahren – der Red Hand Day, der internationale Gedenktag an das Schicksal von Kindersoldat:innen. Rote Handabdrücke werden auf Transparenten, Plakate usw. als Aktion gemalt, gedruckt, gezeigt, um diesen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen zu stoppen.
Trümmer einer riesigen Uhr kugeln verstreut auf der Bühne herum (Ausstattung: Killian Chyba, Hanna Masznyik, Marina Schütze). Dieser, der hier besprochene fünfte, ¼-stündige Stückentwurf für den Theater-Nachwuchsbewerb Magma in seiner dritten Auflage, dreht sich also um Zeit. In „Kairos“ (Text und Co-Regie: Hannah Zauner; Co-Regie und Dramatrugie: Lukas Schöppl) spielt Caroline Szivak die achtjährige Tilda, die einerseits nach und nach Ziffern und andere Teile der (Kuckucks-)Uhr (wieder) zusammenbaut, die sie unachtsam zerschlagen hat. Und andererseits und noch viel mehr macht sie sich Gedanken über Zeit – ausgesprochen und szenisch dargestellt.
Es ist fast ein – Achtung Wortspiel – zeitloses Thema. Schon DER Klassiker „Momo“ Michael Endes Roman ist vor mehr als einem halben Jahrhundert (1973) erschienen, dutzendfach auf Bühnen dramatisiert und mehrfach – zuletzt im Vorjahr in den Kinos – verfilmt worden, dreht sich genau darum. Das Mädchen Momo, aber auch der alte Straßenkehrer Beppo, schätzen den Moment, den Augenblick, während die Gegenspieler, die grauen Herren, Zeitdiebe sind.
Hier philosophiert Tilda, was alle kennen, warum in einem Fall Zeit uuuuurlangsam und bei anderen Gelegenheiten rasend schnell vergeht, wenngleich vielleicht ein bisschen zu viel auf Klischeebilder zurückgegriffen wird. Schule ist – zum Glück – längst nicht für alle insbesondere jüngere (Volksschule-)Kinder ein Feindbild, bei dem sich Stunden wie Strudelteig ziehen.
Der Kuckuck aus der zerlegten Uhr tritt – in Person von Stanislaus Dick ebenso in Erscheinung wie die Uhroma, deren Uhr es war/ist (Achtung aufs bewusst gesetzt, leider auf der Bühne zu wenig hörbare, h) in Gestalt von Evgenia Stavropoulou-Trska. Sie hat zunächst nur andeutungsweise Auftritte im Hintergrund, im Uhrenrund wird sie zur Zeigerin.
Für die Musik sorgt Philipp Pettauer – auch als Art Chronos, eines zweiten (alt-)griechischen Wortes für Zeit und zwar jenes, das der messbaren, also der Uhrzeit entspricht, während Kairos für den idealen Zeitpunkt steht, an dem Entscheidungen zu treffen wären / sind. Aiṓn (Äon) als dritte Zeit-Bezeichnung aus der antiken Sprache, der in diesem Stückentwurf (noch?) nicht vorkommt, steht für Zeitalter oder auch Lebenszeit.
In der Begegnung des Trios spielen stoffliche und wörtliche Falten – oft als Symbol für zunehmendes Alter – noch eine gewisse Rolle – und auch da wieder mit Wortspielen, denn die Achtjährige pocht auf schon möglichste viele davon, schließlich wolle sie sich ent-falten können.
Wird fortgesetzt mit einem weiteren Beitrag über den sechsten bei Magma 2026 präsentierten Stück-Entwurf.
Ein viereckiges, einige Zentimeter erhöhtes Podest auf der großen Bühne, viel (Theater-)Rauch und ein Weiß-Clown, der – naja, zumindest recht traurig dreinschaut. Und das liegt nicht nur an der Schminke. Er, Kevin Bianco, verkörpert Niedergeschlagenheit in all seinen Bewegungen, in seiner Mimik. Mit einem kleinen Schuss Bemühung, andere vielleicht mit dem einen oder anderen Anflug von gespielter Tollpatschigkeit erheitern zu wollen.
Und dann wird er aus der ersten Publikumsreihe recht unfreundlich angeherrscht: „Das ist mein Zimmer!“ Und er solle sich von dannen machen. Klar, es ist nicht wirklich wer aus dem Publikum, sondern eine Schauspielerin, Gesa Bering. Und auch bald offensichtlich, er wird es nicht tun und die beiden – nun ist sie bereits auf dieser Bühne und gleich auf dem Podest – kommen aus diesem anfänglichen Gegensatz miteinander ins Gespräch. Erst stark contra gebend und dann doch immer versöhnlicher werdend.
Was sich hier offenbar in einem Krankenhaus abspielt, setzt einerseits auf gedankliche Verbindungen zu den seit Jahrzehnten bekannten Humor-Doktor:innen in Spitälern. Weltweit – ausgehend vom US-amerikanischen Arzt, Profi-Clown und „Sozial-Aktivisten“ Patch Adams – setzen mittlerweile meist gut ausgebildete Clown:innen in Krankenhäusern auf „Lachen als (beste) Medizin“, die professionelle ärztliche Behandlungen nicht er-, sondern unterstützen.
Das ist aber – trotz der doch dominierenden Figur des hier (bewusst) recht traurigen Clowns – nur die eine Seite. Viel tiefer gehend, wenngleich natürlich stark damit verwandt, dreht sich das Spiel von Kind und Clown um – vor allem in und nach der Corona-Zeit, stärker in den Blickpunkt gerückte – Mental Health (psychische Gesundheit). Und subtil, ohne es groß auszustellen, wird auch angespielt, dass sich gerade Jungs und Männer noch immer eher schwertun, Gefühle zuzulassen oder gar darüber zu reden – „nein, ich bin nicht traurig“ manifestiert der Clown recht lange.
Schon der Titel dieser ebenfalls „nur“ ¼-stündigen Performance, die ja lediglich, wie fünf andere ein Stück-Entwurf im Rahmen des Wettbewerbs Magma (2026, dritte Ausgabe) war: „Uns geht’s gut – ein Fiebertraum“ von einem Kollektiv, das sich „The dark comedy united“ nennt. Und damit schon die Doppeldeutigkeit mitschwingen lässt (Text: Text: Mario Wurmitzer; Regie: Ira Süssenbach). Und so „nebenbei“ vielleicht auch die Oberflächlichkeit formelhafter Begrüßungen demaskiert. Wird doch in Begegnungen immer mehr statt „wie geht’s?“ – wo übrigens auch meist keine Antwort erwartet oder gar erwünscht wird – durch „Geht’s gut?!“ ersetzt.
Die beiden jedoch reden tatsächlich miteinander, öffnen sich jeweils und lassen damit auch Hoffnungs(träume) zu.
Wird fortgesetzt mit weiteren Beiträgen über die anderen bei Magma 2026 präsentierten Stück-Entwürfe.
Eine kinderlebensgroße Puppe in einem Kinderbett starrt auf ein Handy, neben sich im Bett ein großes, grünes Stoff-Krokodil, vor dem Bett ein Stoffball. Rund um diese Installation auf dem Platz der Menschenrechte beim Wiener MuseumsQuartier stellten sich junge Erwachsene in roten bzw. hellblauen Westen auf. Sie sind Teil des neuen Jugendbeirates des Österreich-Zweiges von Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. Michael, Harleen, Naomi, Jad, Florian, Sabrina und Jasmin und dazu noch Charlotte (bei der UN-Organisation für Jugend-Partizipation und Engagement verantwortlich) wollten mit der auffälligen Aktion auf ihre Anliegen in Sachen Schutz und Sicherheit in der Online-Welt, insbesondere auf den unsozial gewordenen Plattformen hinweisen.
Zentrale Themen, die ihnen dabei besonders wichtig waren, fassten sie in Adjektiven zusammen – positive im Unicef-blau: Respektiert, informiert, geschützt und geliebt. Die negativen, Gefahren und Risiken trugen die Kolleg:innen in den roten Warnwesten in schwarzer Farbe: sexualisiert, desinformiert, ausspioniert und gemobbt.
Eine erste konkrete Sicherheitsmaßnahme setzten sie selber, indem sie für die Fotos mit den genannten Begriffen, ihre Gesichter gut zur Hälfte vermummten, um zu verhindern, dass ihre Fotos mit gut erkennbaren Gesichtern und diesen Begriffen missbräuchlich verwendet werden.
Mit der Aktion „Digitalen Schutz im Kinderzimmer“ im aktuellen Safer Internet Monat und vor dem internationalen Safer Internet Day (2026 am 10. Februar, immer am zweiten Februar-Dienstag) wollte bzw. will der Jugendbeirat, aber auch Unicef Österreich insgesamt „deutlich machen: Digitaler Kinderschutz ist kein Randthema, sondern eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe. Kinder und Jugendliche wachsen heute in dieser digitalen Welt auch online auf – doch Schutz, Aufklärung und klare Regeln halten damit oft nicht Schritt. Unser Ziel ist es, Bewusstsein für die Risiken digitaler Räume zu schaffen, Gespräche mit Passant:innen, Eltern und Großeltern anzuregen und gleichzeitig konkrete Handlungsoptionen aufzuzeigen. Wir wollen zeigen, dass echte Sicherheit nicht durch oberflächliche oder rein technische Maßnahmen entsteht, sondern durch Bildung, Aufklärung und klare politische Rahmenbedingungen“, wird die 20-jährige Sarah zitiert.
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… interviewte selber drei der Jugendbeiratsmitglieder – das Gespräch mit Florian, Jad und Jasmin folgt in einem eigenen Beitrag, der am Ende unten verlinkt ist.
Jugendbeiratsmitglied Michael (19) betont die Wichtigkeit von Jugendpartizipation bei der Erarbeitung von Lösungen: „Junge Menschen wollen bewegen und mitgestalten. Egal ob es um moralische Fragen von Datenschutz und Kontrolle, um die Regulierung von Inhalten oder um den Schutz von Meinungen geht. Wir müssen eine digitale Welt schaffen, fernab von für Kinder schädliche Inhalte und mit Blick auf die mentale Gesundheit aller. Wir müssen den digitalen Raum aktiv mitgestalten dürfen und ihn gemeinsam mit anderen Generationen und Kulturen so einfordern wie wir ihn wünschen.“
Zur Aktion der Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen auf dem Platz der Menschenrechte gesellte sich mit Barbara Meier, Schauspielerin, Model und Ehrenbeauftragte von Unicef-Österreich auch prominente Unterstützung. „Als Mama mache ich mir Sorgen, wie es künftig für meine beiden Töchter einmal in der digitalen Welt sein wird. Es ist aus meiner Sicht wichtig, dass wir Kinder mit den Online-Gefahren nicht alleine lassen und dass wir sie als Eltern und als Gesellschaft zu Hause und in der Schule bei diesem Thema begleiten.“
Unicef Österreich fordert Regierungen, Regulierungsbehörden und Unternehmen auf, über einfache Slogans und pauschale Verbote hinauszugehen und gemeinsam mit Kindern, Familien und Fachexpert:innen daran zu arbeiten, Social-Media-Umgebungen zu schaffen und zu regulieren, die von Grund auf sicher, inklusiv und rechtskonform sind.
Außerdem verweist Unicef anlässlich des Safer Internet Days nochmals auf die eigene Petition „Online sicher – für jedes Kind“ für mehr Kinderschutzmaßnahmen auf Plattformen, digitale Bildung für jedes Kind sowie Einbeziehung junger Menschen, über die KiJuKU.at schon berichtet hat – Beitrag unten verlinkt; ebenso auf die Verurteilung von KI-generierten sexualisierten Bildern von Kindern – ebenfalls unten verlinkt.
Ein generelles Social Media Verbot unter einem gewissen Alter berge auch Risiken und könnte nach hinten losgehen, meinte Unicef Österreich rund um diese Aktion. „Wenn Kinderrechte missachtet werden, könnte das etwa dazu führen, dass Kinder von Informationen, Freundschaften und Unterstützung abgeschnitten werden, die sie anderswo nicht finden können – besonders bereits ohnehin marginalisierte Kinder. Junge Menschen könnten in unsichere, unregulierte Räume gedrängt werden und viele Kinder umgehen Altersgrenzen ohnehin.
Klara Krgovic-Baroian, stellvertretende Leiterin der Abteilung Advocacy & Kinderrechte, betont: „Es ist eine genaue Abwägung und ein ganzheitlicher Ansatz notwendig. Kinder bis zu einem gewissen Alter von Social Media auszuschließen kann zum Schutz beitragen, darf aber keine Ausrede dafür sein sonst keine weiteren Schutzmaßnahmen auf Plattformen zu setzen. Zudem muss sichergestellt sein, dass Kinder den Umgang mit Plattformen lernen, bevor sie Zugang zu diversen sozialen Netzwerken erhalten.“
Darüber hinaus braucht es bessere Moderation von Inhalten, altersgerechte Designs und vorgegebene Kinderschutzeinstellungen, die ihre Daten schützen. Bei der Umsetzung von Altersüberprüfungen müssen Kinderrechte wie Datenschutz und Nicht-Diskriminierung beachtet werden – es gilt genau hinzuschauen: Wie wird die Überprüfung durchgeführt? Welche Informationen über die Kinder erhalten die Plattformen? Haben alle Kinder die Möglichkeit, ihr Alter nachzuweisen, oder sind manche Kinder davon ausgeschlossen, weil etwa Dokumente fehlen oder nur eine einzige zu komplizierte Methode zugelassen ist?
Am Tag vor dem internationalen Safer Internet Day (heuer am 10. Februar 2026, zum 23. Mal, immer am zweiten Februar-Dienstag) stellte der – neue – Jugendbeirat von Unicef Österreich ein Kinderbett auf den Platz der Menschenrechte vor dem MQ-Wien. In das legten sie eine kindegroße Puppe, die in ihr Handy starrt – mehr dazu in einem eigenen Beitrag, am Ende des Interviews verlinkt. Dem Jugendbeirat gehören zwölf Jugendliche bzw. junge Erwachsene an, sieben konnten zur Aktion in Wien kommen. Florian, Jad und Jasmin sprachen mit KiJuKU.at
KiJuKU: Zunächst einmal, aus dem riesigen, umfangreichen Thema Sicherheit im Internet, digitaler Kinderschutz, wie haben Sie was ausgewählt, um es in dieser Aktion darzustellen?
Jad (18): Wir als Jugendbeirat haben uns im Unicef-Büro getroffen. Uns ist ein sicheres Internet, Safer Internet, ein riesengroßes Anliegen und dachten uns, wie können wir als Jugendliche dazu beitragen, dass es ein sicheres Netz für Kinder gibt. Wir haben diskutiert und dachten uns, dass eine öffentliche Aktion mit einem Kind auf einem Bett die beste Möglichkeit wäre, um so viel Aufmerksamkeit wie möglich zu schaffen. Damit Passant:innen darauf aufmerksam werden, dass Kinder auch in Gefahr sind, wenn sie auf dem Bett liegen – nur durch das Smartphone.
KiJuKU: Da war also die Umsetzung, die aufmerksamkeitserregende Aktion da. Was waren oder sind für Sie die wichtigsten Gefahren, die Sie thematisieren wollten?
Florian (20): Die, die man an den Schildern, die wir auf unseren Westen tragen, sieht: Ausspioniert, gemobbt, sexualisiert, desinformiert. Es war uns auch wichtig, das zu personifizieren, zu repräsentieren, dass also immer eine oder einer von uns stellvertretend eine solche Erfahrung zeigt. Um zu dokumentieren, wie alltäglich und wie nah diese Gefahren sind.
KiJuKU: Wie gehen Sie selber mit möglichen Gefahren um? Haben Sie schon ungutes in der Online-Welt erlebt?
Jasmin (18): Am besten umzugehen, finde ich, ist mit Desinformationen, weil man da mit Nachfragen, Recherchieren und Wissen dagegen ankann. Am schlimmsten ist es, glaube ich, bei Sexualisierungen. Natürlich sind eben auch ausspionieren, Absaugen persönlicher Daten und Mobbing große Gefahren. Da finde ich, ist immer die beste Lösung, mit anderen – echten Menschen, auch Erwachsenen – zu reden, Hilfe zu suchen…
KiJuKU: Und machen Sie das auch selber? Manchmal ist es ja so, dass du dir sagst, das wäre gut, aber in der Wirklichkeit, naja? Und bleibt dennoch auch auf unguten Videos hängen…?
Jad: Ich glaub, dass das vor allem bei KI-Videos passieren kann, wo du dann oft nicht weißt, ist das echt oder gefaked. Und das kann schon verunsichern.
KiJuKU: Nachdem derzeit ja massiv über Verbote und Altersgrenzen diskutiert wird, wie stehen Sie dazu?
Florian: ich denke, dass es zwar gut gemeint ist, es greift aber zu kurz. Meiner Meinung nach sind es oft oder fast immer die einfachsten Lösungen, die gut klingen, aber nicht so gut funktionieren.
Jad: Das ist meiner Meinung nach eine sehr oberflächliche Lösung, denn Jugendliche können sehr wohl VPN (virtuelle private Netzwerkverbindungen), Darknet nutzen oder was auch immer. Verbote werden nicht helfen. Was wir brauchen, ist Medienbildung und Medienkompetenzen, sodass Jugendlichen sich in Medien auskennen.
KiJuKU: Finden Sie, gibt es davon genug oder zu wenig? Und wenn zu wenig, wo und von wem sollten diese Kompetenzen vermittelt werden?
Jasmin: Es gibt zu wenig. Es gibt zwar das Fach digitale Grundbildung in dem Kinder ein bisschen über digitale Plattformen lernen, aber kaum bis nichts über Social Media. Da befinden sich aber Kinder und Jugendliche die meiste (Frei-)Zeit und nicht auf Word, Excel oder Powerpoint.
KiJuKU: Könnte das aber auch daran liegen, was die, die unterrichten selber wissen oder nicht wissen?
Florian: Auf jeden Fall, ich glaube, die Lehrerinnen und Lehrer, die uns heute unterrichten, haben ja eine ganz andere Digitalisierung mitbekommen. Und ich glaube, alles gleich zu verbieten, wäre der falsche Schritt. Aber man muss eben schauen, dass Lehrerinnen und Lehrer, Erziehungsberechtigte eben auf den neuesten Stand kommen bei der Digitalisierung, die sich eigentlich auch fast täglich verändert.
KiJuKU: Danke, Shukran Dzasilan, Modsha kheram / Kheli mamnoon / Sepaz
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„Gekommen, um zu bleiben“ seien die eher schon unsozialen Medienplattformen ebenso wie „KI, die größte technische Disruption“, so der unter anderem für Digitalisierung (neben Verfassung, öffentlichem Dienst und Kampf gegen Antisemitismus) zuständige Staatssekretär Alexander Pröll am Montag. Seine Aussagen erfolgten beim Mediengespräch zur aktuellen Studie von Safer Internet.at zu KI-Chatbots, die von 94 Prozent der befragten 500 Jugendlichen (11 bis 17 Jahre) genutzt werden – ausführlicher Beitrag zu dieser Studie weiter unten verlinkt.
Während er (1990 geboren also ein Mitt-30er) sich noch per Telefon mit Freunden zum Fußballspielen verabredet habe, würden heutige Kinder und Jugendliche stundenlang am Handy abhängen. „Im Idealfall wird es – gemeinsam mit dem Koalitionspartner – eine europäische Regelung zur Altersbegrenzung des Zugangs zu Social Media geben.“ Wenn dies zu langsam kommen würde, dann lieber ein österreichischer Alleingang, so Pröll.
Aber noch wichtiger sei die „digitale Kompetenz-Initiative mit Gratis-Workshops und mehr digitale Bildung in den Schulen. Als Gesellschaft haben wir alle miteinander Verantwortung, Kinder und Jugendliche bestmöglich zu schützen. Die KI bietet enormen Chance, die sollten wir nutzen, aber auch die Risiken bestmöglich“ in den Griff kriegen, so der Staatssekretär.
Die vielen Ergebnisse und Antworten der befragten Jugendlichen präsentierten Barbara Buchegger von Safer Internet, Birgit Satke von Rat auf Draht und Stefan Ebenberger von ISPA – Internet Service Providers Austria. Buchegger, die übrigens vorschlug, statt Social Media bzw. soziale Netzwerke „Kurzvideoplattformen“ zu sagen, wies unter anderem darauf hin, dass viele der Befragten blauäugig viel zu viele private Daten und Informationen in Gesprächen mit KI-Chatbots preisgeben.
„Wir müssen transparenter machen, warum es nicht gescheit ist, allerpersönlichste Informationen weiterzugeben, bewusster machen, dass KI ein Werkzeug ist und dürfen im Umgang mit Künstlicher Intelligenz nicht die Fehler wiederholen, die wir bei den Plattformen gemacht haben“, nämlich sie mehr oder minder laufen zu lassen. Es brauche taugliche Schutzmaßnahmen („Safeguards“), Werbung müsse ebenso als solche gekennzeichnet werden, wie Bilder, Videos, Material, das mit KI erstellt wurde. Neben diesbezüglicher Bildung in Schulen und für und durch Eltern brauche es auch die entsprechende Vorbildwirkung Erwachsener.
Buchegger thematisierte aber auch noch die Gefahr einer neuen digitalen Kluft, denn die „Kommunikation mit KI-Chatbots erfordere, gut beim Formulieren zu sein, hohes Sprachvermögen und -gefühl“.
Birgit Satke von Rat auf Draht berichtete unter anderem, dass im Gegensatz zu früher, wo viele Jugendliche sich mit klassischen Teenager-Fragen an die kostenlose, rund um die Uhr erreichbare Hotline 147 gewandt haben, heute oft Anfragen kommen, „wie kann ich ein Gespräch beginnen“ mit vielen Ängsten vor Zurückweisungen oder gar komplizierten Gesprächen“. Dies erkläre, warum sich der Umfrage zufolge viele der 500 Jugendlichen lieber an KI-Chatbots wenden als mit echten Menschen zu reden. „Wobei wir oft am Beginn gefragt werden, ob wir echt oder KI sind.“
Während die (mediale) Öffentlichkeit heftig über den Plan des Bildungsministers diskutiert, Künstliche Intelligenz in die schulischen Lehrpläne aufzunehmen und dafür Lateinstunden zu kürzen, nutzen Jugendliche längst KI – in einem vielleicht sogar überraschend hohem Ausmaß. Dies ergab die aktuelle für den Safer Internet Day, den mittlerweile 23. dieser von der EU-Kommission ins Leben gerufenen Initiative: Mehr als neun von zehn (94 Prozent) der – online – 500 befragten 11- bis 17-Jährigen nutzen KI-Chatbots; und da wiederum üüüberwiegend (89,9%) ChatGPT, gefolgt von Alexa, Siri, Gemini … (rund ein – weiteres – Viertel). Und dennoch stimmten 53 Prozent der Aussage zu „ich würde gern mehr dazu lernen, wie KI eigentlich funktioniert“. Und zu zwei Drittel wünschen sich die Befragten, dass sie dies in der Schule lernen sollten (66,3%), gefolgt von einem Drittel durch die Eltern sowie einem Fünftel (Mehrfachnennungen waren möglich) durch Videos, Foren usw. im Internet.
Als Motiv, weshalb sie KI-Tools nutzen, meinten fast ¾ (71%) „aus Neugierde“, mehr als die Hälfte – Mehrfachnennungen (!) – „für Ratschläge und Tipps zu verschiedenen Lebensbereichen“ (55%), „zur Unterhaltung, gegen Langeweile“ (43%), „um Sorgen, Probleme oder Gefühle zu besprechen“ (30 %), „um Stress oder Ärger abzubauen“ (26 %), „für freundschaftliche Gespräche“ (24 %), „um Gespräche mit echten Menschen zu üben“ (23 %) sowie „für romantische oder flirtende Gespräche“ (19 %).
Ratschläge von ChatGPT schätzten fast sechs von zehn (57%) als gut ein, auch noch mehr als die Hälfte (52%) „vertrauen darauf, dass KI-Tools wie ChatGPT richtige Antworten liefern“.
Bei der Frage nach den Anwendungsgebieten bzw. Zwecken nannten fast drei Viertel Schule und Hausaufgaben, fast die Hälfte (natürlich überschneidende Auskünfte) „Informationen suchen oder zusammenfassen“ und noch ein Drittel „Erklärungen“. Als Übersetzungswerkzeug bedient rund ein Fünftel (18,3%) künstliche Intelligenz. Jede/r Fünfte nutzt KI als Gesprächspartner:in, fünf Prozent auch um „persönliche oder ernste Themen zu besprechen“ – was allerdings widersprüchlich wirkt zu den oben zitierten Angaben von den selben Befragten in der selben Studie.
Übrigens ergab die von Safer Internet.at in Auftrag gegebene und vom Institut für Jugendkulturforschung und Kulturvermittlung durchgeführte Online-Umfrage (Oktober und November 2025), dass Mädchen öfter täglich ChatGPT nutzen (25,7%, Burschen: 21,6%) und bei schulischen und Haus-Aufgaben bzw. zu Zusammenfassungen von Informationen deutlich öfter die künstlichen Werkzeuge bedienen (78,1 sowie 50,8% vs. 68.1 und 44 %). Sie sind allerdings auch skeptischer, was die Antworten / Ergebnisse betrifft. „Sehr hilfreich“ fanden nur 29,4% der Mädchen die KI-Antworten, während dies fast vier von zehn ihrer männlichen Kollegen taten (39,3%). Dafür fühlten sich Jungs fast zu einem Viertel (23,2%) „schon einmal bei etwas, das die KI gesagt oder getan hat, unwohl“, bei den Kolleginnen lag dieser Anteil mit 13 Prozent deutlich darunter. Und, Mädchen prüfen öfter nach, „ob Ergebnisse von KI-Chatbots stimmen“ – zu fast einem Viertel (24,4 Prozent) gegenüber nur einem Fünftel (20%) bei Jungs.
Die oben schon genannten hohen Vertrauenswert auf die Antworten künstlicher Intelligenzen schlägt sich auch in einem anderen Bereich nieder. Mehr als ein Viertel der Befragten stimmt sehr bis eher zu, dass die via KI-Chatbots gemachten Eingaben vertraulich wären und „von niemandem gelesen oder genutzt werden können“.
491 der 500 Jugendlichen beantworteten auch mit stimme (eher) zu auf die Aussagen, ob KI-Chatbots zu fragen „oft hilfreicher“ sei „als einen Menschen zu fragen“. Vier von zehn bejahten dies. Mehr als ein Viertel (28 %) vertraut einem Chatbot „eher intime Dinge an“. Und für gar 29 Prozent der 11- bis 17-Jährigen kann KI ein Freund / eine Freundin sein und fast glich viel (28%) erwarten sich Trostspenden, ein Viertel (26%) „glauben, dass sich Jugendliche in einen Chatbot verlieben können“.
Als Gründe für diese hohen Werte nennen die Befragten vor allem, dass die KI immer und zu jeder Zeit antwortet (fast 60%), „es ist unkompliziert“ (38,6%) UND“KI verurteilt mich nicht“ (14,7%).
Gefragt wurden die 11- bis 17-Jährigen, wie sie KI einschätzen. Und da meinten mehr als die Hälfte (55,1%) „als Chance für sich persönlich“, aber „nur rund vier von zehn als Chancen für die Gesellschaft (41,7%). „Als Gefahr“ aber schätzen die befragten 500 Jugendlichen KI für die Gesellschaft lediglich zu 14,8%, für sich persönlich gar nur zu 6,5%.
Nachdem ja seit Monaten intensiv über Altersgrenzen für Social Media diskutiert wird, wurden die 500 Jugendlichen auch nach Limits in Sachen KI-Chatbots befragt. Mehr als die Hälfte (53%) sprachen sich dafür und konkret mehrheitlich für 14 Jahre aus. Aber, so die 11- bis 17-Jährigen „ab 10 Jahren soll der Umgang mit KI erlernt werden“.
Ein Dreieckszelt aus Patchwork-Stoff trägt die Buchstaben des Namens der Protagonistin. ANNI. Das I ist durchge-ixt und daneben ein E. Denn Schluss mit der verniedlichten Form.
„Morgen wird ich 11!“ und so müssen auch die bisherigen – auch sehr geliebten – Spielsachen weg. In einen großen braunen Karton. Oder sie werden von Fanny Holzer, die dieses Mädchen verkörpert, in hohem Bogen durch die Luft geschleudert. Alles sozusagen babysch in „Dings – all unsere kleinen Dinge“, einem der sechs jeweils rund ¼-stündigen Stück-Skizzen für die dritte Runde von Magma, dem Nachwuchspreis von Dschungel Wien (Theaterhaus für junges Publikum im MuseumsQuartier) und Drama Forum (Graz); zwei Präsentationen wurden hier schon vorgestellt – Links am Ende des Beitrages, die anderen drei folgen in weiteren Beiträgen der Reihe nach.
So, nun wieder zu „Dings“ bzw. Anne, wie sie nun genannt werden will. Und für die Party auf einschlägige Live-Hack-Videos einer angesagten Influencerin, der DIY-Marie, schaut, um sich vorzubereiten. Auch die richtigen Posen für Selfies zu üben…
Und natürlich geht nicht alles glatt. Dramatik, Spannung braucht’s. Auch und nicht zuletzt im Theater (Text: Nadja Lotz; Regie: Anja Jemc). Und so wehrt sich die jahrzehntelang abgeschnuddelte, mit Bussis, Speichel und Rotz getränkte allerallerliebste Stoffpuppe gegen ihr Ausmisten. Und damit natürlich Annes Innerstes. Oder sind es noch die tiefsten Gefühle von Anni?
Jedenfalls erwacht diese Puppe, die bisher immer nur sagte und machte, was Anni wollte, im Widerstand gegen Anne zum leben – in Gestalt der Schauspielerin Alina Kesselbacher in einem mit unzähligen Kuschel- und anderen Figuren übersäten Kostüm (Bühne und Kostüm: Lena Hirschenberger). Die Anni sei viel eigenständiger gewesen, so „Dings“: Du hingegen, liebe Anne, machst nur, was dir diese Typen aus den Social Media raten, vorschreiben… – wird indirekt ein Aspekt der aktuellen Debatte um Altersgrenzen beim Zugang zu Plattformen angespielt. Und noch viel mehr das Hin- und Her-Gefühl von (Jung-)Pubertierenden, aber generell von Trennungen – von Menschen, aber nicht zuletzt auch von Dingen.
Wird fortgesetzt mit weiteren Beiträgen über die anderen bei Magma 2026 präsentierten Stück-Entwürfe.
Magma – der Begriff für so heiß gewordenes Gestein im Erdinneren, dass es zäh fließt, in Vulkanen an die Oberfläche drängt und dort als Lava rausrinnen kann – ist auch der Titel des nunmehr zum dritten Mal von Dschungel Wien und Drama Forum (Graz) ausgeschriebenen Theater-Nachwuchsbewerbs. Nach mehreren Jahren „Try Out“ – ohne der Grazer Institution – spielten am ersten Februar-Samstag 2026 fünf neue zusammengestellte Kollektive viertelstündige Ausschnitte möglicher künftiger Stücke für Kinder und eines für Jugendliche (ab 12 Jahren) vor. „Brachland“ (ab 6 Jahren) wurde hier im ersten Teil besprochen, nun folgt die Kritiken zu einer weiteren Präsentatio, wie schon oben im Untertitel erwähnt: „Augustine Feuerfluss“; selbstverständlich folgen auch die restlichen vier – in weiteren Beiträgen.
Magma, sozusagen zum Dritten, spielt in „Augustine Feuerfluss“ als laaaaange rote Stoffbahn eine so große Rolle, dass sie Teil des potenziellen Stücktitels wurde, eben Feuerfluss (Text: Katharina Cromme; Regie: Alexandru Weinberger-Bara; Bühne und Kostüm: Veronika Müller-Hauszer; Sound: Alex Huber). Paula Belická spielt das Mädchen Augusta Augustine – „die Eltern konnten sich nicht einigen, so hab ich beide Namen“. Wobei sie – neu in eine Klasse kommend – kaum wer so oder in der anderen Vollversion, sondern eher in Abkürzungen nennt. Wenn überhaupt. Eher ist sie entweder außen vor. Oder sehr innen drin. Zurückgezogen in einer senkrecht von der Decke hängenden Röhre aus verschiedenen Stoffschichten. Und dann verwandelt – in einen Elch. Der hat Angst vor einem Wolf.
Sie, als Kind, hat diese Angst nicht. Allerdings kann Lehrerin Kleinlich ihr schon Angst einjagen. Auch aufgrund von Missverständnissen, die sich aus durchaus wohlgemeinten Sätzen ergeben. Sie möge sich den anderen Kindern der Klasse vorstellen. Und stellte sich einige Schritte nach vor. Oder schließt die Augen, um sich etwas vorzustellen – Vulkane.
Nähren sich Augusta Augustines Ängste aber auch aus ihrem Innersten, sozusagen aus Magma, das siedend heiß nach außen dringen will und als Lava es dann tatsächlich tut – siehe Beginn dieses Abschnitts. Da tanzt die Performerin wild mit der roten Stoffbahn und bringt diese selber zum Pirouetten und spiralförmigen Tänzen.
Passagenweise wirkt die Performance sehr lehrstundenhaft – Hörner vs. Geweih, Vulkan-Erklärungen – und erschließt sich dramaturgisch erst aus dem kurzen Nachgespräche, dass die Solo-Figur eine Autistin darstellen soll, um Neurodiversität vs. Normalität zu thematisieren.
Wird fortgesetzt mit weiteren Beiträgen über die anderen bei Magma 2026 präsentierten Stück-Entwürfe.
Ein Baustellen-Absperrband verschließt an diesem ersten Februar-Samstagnachmittag des Jahres 2026 den Zugang zu Bühne 2 des Theaterhauses für junges Publikum im Wiener MuseumsQuartier. Die Überbreite des rot-weiß-gestreiften Bandes einer- sowie die Ankündigung der drei folgenden Performances, die mit „geheime Hintereingänge“ beginnt andererseits geben Hinweise: Das könnte Teil der Inszenierung sein.
Ist es auch. Vor dem „Hintereingang“ neben der Garderobe steht eine Lautsprecherbox. Eine Person mit Mikro öffnet die Glastür und bitte das Publikum ihr zu folgen. Zwischen Regalen, Boxen, Technik- und anderem Zeugs geht’s mehrmals ums Eck in den kleineren der beiden mit Tribünen ausgestatteten Säle im Dschungel Wien. Die Tribüne ist ebenfalls baustellen-band-gesperrt.
Stattdessen urviel Theaterrauch, ein riesiges aufgeblasenes Ding, das wie eine überdimensionale Sitzpolster-Landschaft ausschaut, aber alles andere als einladend wirkt. Auch so gedacht ist – also nicht zum Sitzen. Einige schwarze Klebelinien auf dem Boden, die an verkohlte Äste erinnern. Kristin Jackson Lerch ergreift die Stimme, rezitiert Gedichtzeilen, wird später auch singen und sich erinnern, hier Star gewesen zu sein. Das Teil ist ein altes, verfallendes, von der Natur Stück für Stück zurückerobertes Theater. „Brachland“ heißt die Performance.
Der Lost Place – aus Sicht vieler Menschen – ist Heimstatt für eine wie aus dem Nichts und schrill auftauchende Fledermaus (Antonia Meier). Ihr droht der Verlust ihrer Unterkunft, denn das Haus soll abgerissen werden. Wer braucht heute noch Theater? Wofür soll das gut sein? Fragen, die auch angespielt werden.
Aber mehr noch das Verhältnis zwischen – von Menschen errichteten Bauwerken und Natur. Verdrängung einer-, Rückeroberung andererseits. Und in dieser zweitgenannten Phase das Dazwischen von Brache. Für viele nichts anderes als mögliches, erforderliches Bauland, für andere Möglichkeit für Zwischennutzungen, oftmals künstlerischer Natur samt der Chance, über den Umgang von Menschheit mit dem Planeten in vielfältiger auch performativer Form nachzudenken. Vor fast zwei Jahren gab’s in Wien ein eigenes Festival dazu: Brachiale mit einem extrem gedehnten groß geschriebenen H als langem Freiraum (siehe Fotos des Buchcovers oben; Logo übrigens: Michael Bigus) auf und rund um den „Zukunftshof“ in Rothneusiedl, samt nachfolgendem Sammelband mit Beiträgen aus unterschiedlichsten Perspektiven – Link zur Website unten am Ende des Beitrages.
Ach ja, aus dem einstigen Bühnenstar wird nun ein Schwammerl, ein Pilz mit Verbindungen zum großen Myzel, dem größer und mächtiger werdenden Aufblas-Ding.
Das Publikum darf, nein muss, übrigens nicht nur auch Schleichwegen in den Theatersaal. „Brachland“ (Text vom gesamten Team gemeinsam; Regie: Anaïs-Manon Mazić; Bühne und Kostüm: David Degasper, Alma Rothacker; Sound: Jan Aimé Fräulin) hat die ¼ Stunde so angelegt, dass Zuschauer:innen an manchen Stellen auch zu Mitwirkenden – ob Rhythmuserzeugend sogenannte Schädlinge bekämpfend, oder eben das alte Theater besetzende Aktivist:innen – werden.
So nebenbei wirkt „Brachland“ wie ein kleiner Schlenker zur beschlossenen, dank zentraler Budgetknappheiten der Republik verschobener Übersiedlung des Hauses der Geschichte Österreich aus den mehr als beengten Räumlichkeiten in der Neuen Hofburg ins ein wenig zu erweiternde MuseumsQuartier. Dem neuen HdGÖ werden Teile der jetzigen Dschungel-Wien-Räumlichkeiten (u.a. Bühne 3) weichen und verlegt werden.
Die oben erwähnte Viertelstunde war kein Fehler. „Brachland“ ist (noch?) kein fertiges Stück, sondern ein Entwurf, ein Teil eines Projekts, das sich – wie fünf andere – an diesem Tag in Aktion vorstellte. Dies ist die dritte Ausgabe des Nachwuchsbewerbs „Magma“, der den vorherigen „Try Out“ ablöste. Wie auch bei letzterem übernimmt der Dschungel Wien, der ihn – beim neuen gemeinsam mit dem Drama Forum aus Graz – die ausgewählte Stück-Skizze zu einem nachmittag-füllenden Stück weiterzuentwickeln und in der kommenden Saison auf den Spielplan zu setzen.
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… wird nach und nach auch die anderen fünf Magma 2026-Teilnehmer:innen präsentieren; übrigens gelang es bisher auch einigen der – meist neu zusammengekommenen – Kollektive, ihre Ideen über andere Förderschienen ebenfalls umzusetzen und aufzuführen, auch wenn sie diesen Nachwuchsbewerb nicht gewonnen haben.
Wird fortgesetzt mit weiteren Beiträgen über die anderen bei Magma 2026 präsentierten Stück-Entwürfe.
Über ein junges, rothaariges, namenlos bleibendes Kind erzählt die Autorin und Illustratorin die Geschichte einer sicher recht ungewöhnlichen Freundschaft. Dieses Kind sitzt gleich auf der Titelseite neben einem Eisbären in einer blau-weiß gemusterten Badehose.
Liebevoll und neugierig wenden beide ihre Blicke aufeinander. Das Kind offenbar aber „nur“ von einem Buch aufblickend, aus dem es dem kolossalen Sitznachbarn entweder vorliest oder vielleicht auch „nur“ schildert, was es gerade gelesen hat.
Wie es zu dieser Begegnung – das Kind übrigens eher leicht sommerlich gekleidet, also nicht in natürlicher Eisbärengegend – kam, erzählt Helga Bansch auf der ersten Doppelseite. Sie hat dieses Mal sowohl geschrieben als auch gezeichnet. In einem Gartenhäuschen vor dem neuen Zuhause des übersiedelten Kindes wohnt der große weiße Bär. Und der ist leidenschaftlicher Sammler von allem Möglichen. Weshalb so manche Gegenstände aus dem Kinderzimmer mit den Besuchen beim Eisbären zu diesem wandern. Dabei verlieren sie aber ihre Farben. Die kommen erst dann ins Spiel, als die kindliche Erzählfigur Geschichten vorzulesen begann.
Angeregt davon und auch irgendwie aus Dankbarkeit präsentierte Eisbär eines Tages seiner jungen Besucherin – es könnte auch ein junger Besucher sein – ein selbst verfasstes Buch. Mit vielen bunten Punkten. „Für jedes Glück ein Punkt. Je schöner das Erlebnis, desto dicker der Punkt“, schildert der Eisbär sein Werk und sagt: „Ich bin jetzt Glückssammler.“
„Hielt ich meinen Finger auf einen Punkt in seinem Glücksbuch, erzählte er mir sofort das entsprechende Erlebnis dazu. In der Baumkrone sitzen und saftige Kirschen naschen war zum Beispiel ein roter Punkt.“ Von dieser Doppelseite ausgehend tauchst du auf den darauf folgenden Bildern und Texten ein in das was der Eisbär erzählt, der nun die Rolle mit dem Kind getauscht hat und der mit dem jeweiligen Farb-Punkt die dazugehörige Geschichte zum Leben erweckt…
Wie „Das Glück ist ein Punkt“ ausgeht?
Lass dich überraschen – und vielleicht auch anregen. Solltest du selber noch nicht schreiben können, oder auch das eine oder andere Mal keine Lust dazu haben, aber dennoch Glücksmomente festhalten wollen, vielleicht malst du Punkt, Kreise, Striche, Vier- oder Viel-Ecke, Wellenlinien oder was auch immer 😉 Beim Erzählen oder auch „nur“ Anschauen werden möglicherweise die Augenblicke, in denen du dieses Glück empfunden hast, wieder lebendig.
Social Media Verbote, Altersgrenzen, wie sie eingehalten werden können oder soll(t)en, mitunter doch auch Appelle samt dem einen oder anderen vorschlage, die Plattformen selber in die Pflicht zu nehmen. Doch aber auch mehr Unterricht in digitalem Wissen bzw. Medienkompetenz… schwirren durch, vor allem zunächst einmal Medien. In dieser fast aufgeheizten Atmosphäre wirft der von der EU-Kommission ausgerufene, kommenden Dienstag (10. Februar 2026) zum 23. Mal ausgerufene Safer Internet Day sozusagen Schatten voraus. Dessen internationales Motto lautet dieses Jahr: „Together for a better internet“.
Die heimische Initiative saferinternet.at wird – wie jedes Jahr, am Vortag eine eigene in Auftrag gegebene Studie vorstellen. Nach dem kürzlich veröffentlichten regelmäßigen Jugend-Internet-Monitor hat sich das Tummeln auf Social Media-Plattformen junger Menschen – auf hohem Niveau – um einige wenige Prozentpunkte verringert. Stark zugenommen hat die Verwendung von künstlicher Intelligenz – und diesem Bereich ist die aktuelle Studie gewidmet.
Unmittelbar danach lädt die Österreich-Sektion des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen Unicef zu einer Aktion mit ihrem neuen Jugendbeirat zum Thema digitaler Kinderschutz im Kinderzimmer. „Eine inklusive, respektvolle und gerechte Onlinewelt ist kein Privileg, sondern ein Recht jedes Kindes. Ein sicherer digitaler Raum entsteht dort, wo junge Menschen ernst genommen werden und ihre Perspektiven einbringen können sowie die notwendigen Fähigkeiten erhalten, um sich online sicher zu bewegen. Gleichzeitig müssen technische Schutzmaßnahmen entwickelt werden, die die Kinderrechte stärken und nicht einschränken,“ wird in der Ankündigung des (Medien-) Termins Klara Krgović-Baroian, die stellvertretende Leiterin der Abteilung Advocacy und Kinderrechte von Unicef-Österreich, zitiert.
Schon vor dem Wochenende, am Freitag (6. Februar 2026) meldeten sich die heimischen Mobilfunknetzbetreiber per Aussendung zu Wort und schrieben, dass sie Cybersicherheit sehr ernst nehmen würden und „deshalb Lösungen anbieten, die das digitale Leben sicherer machen“.
Mit Verweis auf Bedrohungen – Viren, Datendiebstahl, Betrug beim Online- Shopping, Missbrauch von Zahlungsdaten und Identitätsdiebstahl und damit technischer Art einerseits sowie Cybermobbing und Hass im Netz, aber auch zu langen Bildschirmzeiten als andererseits gesellschaftlicher Natur – priesen die Mobilfunkbetreiber „Sicherheitslösungen für Smartphones, Tablets, Computer und Router“ an. „Das Forum Mobilkommunikation (FMK) empfiehlt Nutzer:innen dringend, die Sicherheitsangebote der Netzbetreiber zu nutzen.“
Das FMK habe deshalb den offiziellen FMK-Handyführerschein für Schüler:innen ins Leben gerufen. „Die Basis für die Prüfung zum Handyführerschein bildet der interaktive Tablet-Kurs „Mobile Generation“, der für die 6. bis 8. Schulstufe entwickelt wurde. Begleitendes Lehrmaterial steht kostenfrei und ohne Registrierung online zur Verfügung. Ziel ist es, Jugendlichen niederschwellig praxisnahes Wissen zu vermitteln und sie für Themen wie Datenschutz, digitale Sicherheit und die reflektierte Nutzung der sozialen Medien zu sensibilisieren.
Die Prüfung ist als Online-Quiz mit 25 Fragen konzipiert, die den kritischen Umgang mit mobilen Endgeräten und deren Möglichkeiten im Fokus haben. Wer mindestens 22 der 25 Fragen korrekt beantwortet, erhält den offiziellen FMK-Handyführerschein in Form einer personalisierten Urkunde.“ Link zum Kurs und zur „Führerscheinprüfung“ unten am Ende des Beitrages, ebenso ein Link zu einem YouTube-Video, das schon einige Fragen des Tests vorwegnimmt.
„Zunehmend alarmiert über Berichte von einem rasanten Anstieg der Menge an KI-generierten sexualisierten Bildern… darunter auch Fälle, in denen Fotos von Kindern manipuliert und sexualisiert wurden“, zeigt sich das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, Unicef in einer Medien-Aussendung wenige Tage vor dem Safer Internet Day (immer am zweiten Dienstag im Februar).
Deepfakes – Bilder, Videos oder Audiodateien, die mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) erzeugt oder manipuliert werden und real erscheinen sollen – werden zunehmend zur Herstellung sexualisierter Inhalte mit Kindern genutzt, unter anderem durch sogenannte ‚Nudification‘, bei der KI-Werkzeuge Kleidung auf Fotos entfernen oder verändern, um fingierte Nackt- oder sexualisierte Bilder zu erzeugen.
In einer Studie in elf Ländern (Armenien, Brasilien, Dominikanische Republik, Kolumbien, Mexiko, Montenegro, Marokko, North Mazedonien, Pakistan, Serbien, Tunesien) gaben im vergangenen Jahr mindestens 1,2 Millionen Kinder (12 bis 17 Jahre) an, dass ihre Bilder zu sexuell expliziten Deepfakes manipuliert worden seien. In manchen Ländern entspricht dies einem von 25 Kindern, also etwa einem Kind in einer durchschnittlichen Schulklasse. Erstellte wurde die Erhebung von Unicef, Ecpat (End Child Prostitution, Child Pornography & Trafficking of Children for Sexual Purposes;internationales Netzwerk zivilgesellschaftlicher Organisationen für die Beendigung sexueller Ausbeutung von Kindern) und Interpol (Teil von „Disrupting Harm Phase 2“, Link am Ende des Beitrages).
Auch Kinder selbst sind sich dieses Risikos sehr bewusst. In einigen der untersuchten Länder sagten bis zu zwei Drittel der Kinder, sie hätten Angst davor, dass KI zur Erstellung gefälschter sexueller Bilder oder Videos verwendet werden könnte. Das Ausmaß der Sorge variiert stark zwischen den Ländern und unterstreicht den dringenden Bedarf an verstärkter Aufklärung, Prävention und Schutzmaßnahmen.
Sexualisierte Bilder von Kindern, die mithilfe von KI-Werkzeugen erzeugt oder manipuliert werden, sind Darstellungen sexuellen Missbrauchs von Kindern (Child Sexual Abuse Material, CSAM). Deepfake-Missbrauch ist Missbrauch – und an dem Schaden, den er verursacht, ist nichts ‚fake‘.
Wenn das Bild oder die Identität eines Kindes verwendet wird, wird dieses Kind direkt zum Opfer. Selbst ohne identifizierbares Opfer normalisiert KI-generiertes Material sexuellen Missbrauchs von Kindern die sexuelle Ausbeutung, befeuert die Nachfrage nach missbräuchlichen Inhalten und stellt Strafverfolgungsbehörden vor erhebliche Herausforderungen bei der Identifizierung und dem Schutz von Kindern, die Hilfe benötigen.
Unicef begrüßt daher Bemühungen jener KI-Entwickler, die Security-by-Design-Ansätze und robuste Schutzmechanismen einbauen, um den Missbrauch ihrer Systeme zu verhindern. Zu viele KI-Modelle werden jedoch ohne ausreichende Schutzvorkehrungen entwickelt. Die Risiken können sich weiter verschärfen, wenn generative KI-Werkzeuge direkt in soziale Medien integriert werden, wo sich manipulierte Bilder rasend schnell verbreiten.
Unicef hat schon vor einigen Wochen eine Petiton „Online sicher – für jedes Kind“ für einen besseren Kinderschutz im digitalen Raum initiiert – Link ebenfalls am Ende des Beitrages.
Außerdem läuft seit einiger Zeit eine Petition der Plattform #aufstehn.at speziell gegen Elon Musk KI Grok. „Wer für seine Plattform X (früher: Twitter) zahlt, kann Kinder und Frauen auf hochgeladenen Bildern entkleiden und damit sexualisieren. Das verstößt gegen Gesetze“, merkt aufstehn an. „Die EU zieht aber bislang keine klaren Konsequenzen – weil man US-Präsident Donald Trump nicht verärgern möchte. Doch Österreich kann handeln“, verlangt die Initiative und weist darauf hin, dass „Malaysia Grok bereits gesperrt hat. In Frankreich ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen die KI.“
Die EU‑Kommission sammle zwar Beweise für den Bildmissbrauch durch Grok. „Das Problem: Personen, die mit Grok Kinder und Frauen entkleiden und entstellen, holen keine Einwilligung für verwendete Bilder ein. Betroffene können also nicht wissen, ob die Missbrauchs‑KI auch eigene Fotos verfälscht hat. Darum fordern wir mit unserem Appell Missbrauch stoppen, Grok sperren!, dass auch Österreich tätig wird und die Missbrauchs-KI abdreht.“
Mehr als 25.000 Menschen haben den Appell bereits unterzeichnet, „aber damit der für KI zuständige Staatssekretär Alexander Pröll rasch handelt“, bräuchte es noch rund 5000 Unterschriften. „Bei 30.000 Unterschriften tragen wir unsere Botschaft vor Prölls Büro“, so #aufstehn.at
Eine weitere Initiative, „Die schweigende Mehrheit“ startete eine ähnlich genannte Petition wie Unicef „Kinderrechte im digitalen Raum schützen“, aber mit weiterreichenden Forderungen, u.a. EU-weites Verbot von Tiktok – ebenfalls unten verlinkt.
Durchscheinende Vorhänge zaubern Wälder aber auch Projektionsflächen für Bilder aus dem Schloss der Moors und nicht zuletzt das Ambiente einer urigen Wirtsstube bald nach Beginn. Hier kriegt der mit seinen Kumpels trinkende und Karten spielende Bummelstudent Karl den verhängnisvollen Brief (Bühne und Kostüme: Birgit Leitzinger). Den hat sich der berühmte Autor Friedrich Schiller als Intrige im reichen Haus ausgedacht. Franz, der sich ständig benachteiligt fühlende zweitgeborene Sohn des alten Schlossherren, schreibt einen frühen Fake-Brief an seinen Bruder. Der Vater habe mit ihm, dem Lieblingssohn Karl, gebrochen…
Was die Dynamik in Gang setzt. Karl gründet mit den Freunden eine Bande, die dem ersten und am berühmtest gewordenen Dramas Schiller auch den Titel gab / gibt: „Die Räuber“. Mit – vorgeblich – guten Absichten. In Robin-Hood-Manier: Reiche bestehlen, Arme beschenken.
In der Inszenierung (Mia Constantine) des niederösterreichischen Landestheaters, die seit Kurzem in der St. Pöltner Bühne im Hof oft auch in vormittäglichen Schulvorstellungen spielt, im Mai dann im Stadttheater von Wiener Neustadt gastiert, wird die Bande immer wieder zur musikalischen Band. Die Schauspieler:innen Laura Laufenberg, Julius Béla Dörner, Julian Tzschentke und Bettina Kerl wechseln dann von gesprochenen zu gesungenen Stimmen, hauen in Tasten (Keyboard), zupfen Saiten (Gitarre, E-Gitarre) oder blasen Trompete. Für die Songs bedienen sie sich mintunter bei bekannten Melodien (unter anderem „You’v got a Friend“). Musikalisch steigen sie meist aus den gespielten Szenen aus, um das eine oder andere sozusagen zu kommentieren oder Grundstimmungen zu vermitteln (Musik: Kilian Unger).
Und greift damit zu einem der Erfolgsrezepte neuerer Inszenierungen. So tourte im Herbst das Volkstheater in der Version des innovativen Bronski- und Grünberg-Theaters mit einer rockigen Version durch Veranstaltungszentren in den Wiener Bezirken mit „Charly Moors Band“. Und schon vor drei Jahren setzte die Gruppe „Plaisiranstalt“ in ihrer „Räuber“-Überschreibung im Dschungel Wien (MuseumsQuartier) auf Disco-Sound und wildes Abtanzen – auch mit der Frage Familie oder Kumpels. Erster kann sich bekanntermaßen keine/r aussuchen 😉 – Links zu Besprechungen dieser beiden Versionen unten am Ende des Beitrages.
Das Räuberbanden-Dasein als Mix aus einer Art Rache des (vermeintlich) vom reichen Hof Verstoßenen mit Suche nach einerseits Freundschaft und andererseits Sinn im Leben „läuft aus dem Ruder“ – wie gleich zu Beginn noch vor dem Einstieg ins szenische Spiel als Triggerwarnung dem Publikum mit auf den Weg gegeben wird (Stückfassung: Felix Krakau). Mehr noch als die Räuber- und Robin-Hood-Beweggründe spielen die erwähnten Elemente Freundschaft und Sinnsuche eine große Rolle. Frischer Wind, neue Ideen – Schlagworte wie sie immer wieder recht aktuell klingen – fallen; wie die ganze Inszenierung weitgehend in heutiger Sprache immer wieder mit Zitaten aus dem Original organisch verknüpft wird.
Aufkeimende Machtkämpfe – Spiegelberg hält sich für die besser geeignete Führungspersönlichkeit – kommen auch ins Spiel. Eine ausführliche(re) Phase stellt hingegen die erweiterte Sinnfrage dar: Die Reflexion der eigenen Taten. Um einen der ihren, Rolle, der nicht wirklich mitspielt, vom Galgen zu retten, steckt die Bande eine ganze Stadt in Brand – mit Dutzenden Todesopfern. Wollten für eine besser Welt kämpfen, doch was haben wir letztlich getan!?
Während Laura Laufenberg als einzige des Bühnen-Quartetts ausschließlich eine Figur, sehr stark in seinen wechselnden Gefühlen nachvollziehbar, den Karl Moor gibt, schlüpfen die Mit-Räuber Bettina Kerl (Spiegelberg), Julian Tzschentke (Razman) und Julius Béla Dörner (Schweizer) zunächst in Videos (Hannah Strobl), später dann auch live adelig kostümiert in der hier angegebenen Reihenfolge in die Rollen von Vater Moor, dem intriganten Bruder Franz sowie Karls Verlobter Amalia.
Ein schwarz-weißer Mix aus tierischen, eher kleinen Fantasiewesen mit dem einen oder anderen orangefarbenen Tupfer bevölkert die Stadt, in der sich dieses Bilderbuch abspielt. Da entdeckt Wimpf, der ganz oben wohnt und über den besten Aus- und Überblick verfügt, eines Morgens: „Da liegt ein RIESIGES Tier vor unserer Stadt!“ und diesen Ausruf beginnt er mit dem Wort „Obacht!“, das dem ganzen Buch auch den Titel gab.
Diese Warnung vor so etwas Unbekanntem, das jedenfalls gefährlich sein muss… Die einen jammern, die anderen fürchten sich, nur das kleine Mienchen „fragt neugierig: Ach ja?“
Aber schon Timpe-Pa bestimmt: „Da müssen wir etwas machen.“, schnappt eine große orangefarbene Decke: „Problem erkannt. Gefahr gebannt. Jetzt sehen wir das Tier nicht mehr.“
Denkste, ein bisschen ist es – wie Stella Dreis zeichnet, was sich Kerstin Hau von der Geschichte und den wenigen, knappen Sätzen ausgedacht hat – noch zu sehen. Und es ist so RIESIG, dass es den Zu- und Ausgang der Stadt versperrt.
Also braucht’s andere Problemlösungen: Brücke, Tunnel, Umfahrungsstraße… Eins nach dem anderen – wie und warum’s doch nicht funktioniert? Nein, hier wird nicht zu viel verraten, in ein paar Tagen erscheint dieses spannende Bilderbuch – zu einem weltweit allgegenwärtigen, überall recht aufgeblasenen Thema: Angst vor Fremdem / Fremden, Unbekannten / Unbekanntem. „Alles ist unbekannt, bis du es kennenlernst“, preist der Nord Süd Verlag die Botschaft von „Obacht!“ an.
Kerstin Hau und Stella Dreis lassen immer wieder als Gegenpol das schon erwähnten „Mienchen“ in Erscheinung treten. Schon relativ früh versucht es, Wimpf, Wompf, Timpe-Ma, Timpe-Pa und den anderen Stadtbewohner:innen zu verklickern: „Wir sollten das Tier fragen, was es will.“ – Und stößt damit laaaaaange auf gar kein Gehör, ja im Gegenteil auf krasse Ablehnung. Aber dann… – nein, bitte, nicht spoilern!
Pech gehabt, sich kränken, ärgern, vielleicht sogar ziemlich wütend werden über so viel Gemeinheit. Das alles wäre nicht nur möglich, sondern auch mehr als verständlich für die Hauptfigur dieses neuen Bilderbuchs. Sein Aussehen – auf den ersten, den zweiten, vielleicht sogar dritten Blick gab dem Buch sogar den Titel: „Popofisch“. Pauline Pinson (Übersetzung aus dem Französischen: Marie Gamilscheg) und Magali Le Huche haben sich diesen rosa Fisch ausgedacht; in – genau einer Form, die an ein Hinterteil, allerdings gar keines eines Fisches, sondern eines Menschen – erinnert.
Autorin und Illustratorin haben dem Popofisch allerdings von Anfang an eine ziemlich schlaue, wirksame Gegenstrategie auf den Leib geschrieben und gezeichnet. Gelcih auf der zweiten Doppelseite geht das so: „Der Popofisch weiß nicht, was er darauf sagen soll“ (dass ihm alle sein Aussehen vorhalten, Anm. der Redaktion) … „Also beginnt er, mit seinem Mund zu pupsen.“
Und schon erschallt es von anderen Fischen- in Sprechblasen: „Zugabe!“, „So witzig!“, „Komm, noch einmal!“
Und im Text – übrigens durchgängig in der zusammenhängenden Schreibschrift was das Selbstlese-Alter allerdings nach oben verschiebt (!?) – darunter heißt es: Alle finden das sehr lustig. So denken sie auch gar nicht mehr daran, ihn auszulachen.“
Könnte eine Anregung sein, möglichen Mobbing- und Ausgrenzungsversuchen mit Humor den sogenannten Wind aus den Segeln zu nehmen. Sollte aber keinesfalls bedeuten, nicht Verspottungs-Versuchen nicht auch entschieden entgegenzutreten.
Außerdem will der Protagonist des Buches nicht immer nur lustig sein, sondern einfach als einer von vielen verschiedenen Fischen akzeptiert werden. Und so macht er sich aus dieser Region auf den Weg, andere Gegenden und Meerestiere zu erkunden. Was auf weiteren Seiten spannende Begegnungen bringt und stößt auch auf einen anderen Außenseiter in seiner Umgebung…Übrigens hat der Titelheld auch einen Namen, der viele Seiten später enthüllt wird – aber hier nicht gespoilert werden soll.
Noch weniger wird hier verraten, dass der „Popofisch“ – fast ganz am Ende von einem Meeresbewohner aus anderem Blickwinkel ganz anders betrachtet und bezeichnet wird – auch wie ein menschlicher – innerer – Körperteil. Vielleicht kommst du da ja schon durch Drehen der Titelseite drauf, wenn nicht, dann viele Spaß beim Entdecken dieses letzten Geheimnisses.
Die einen – Australien – haben es schon beschlossen. Dort gilt Social Media erst ab 16 Jahren seit 10. Dezember des Vorjahres (2025). In verschiedenen europäischen Ländern werden unterschiedliche Altersgrenzen diskutiert: 16, 15, 14, 13… – 14 lautet der Vorschlag vom unter anderem für Digitalisierung zuständigen Staatssekretär Alexander Pröll.
Nur: Während die US-amerikanischen Plattformen wie Instagram als Mindestalter für den Beitritt von 13 angeben, gilt in Österreich – eigentlich – ohnehin 14 als untere Altersgrenze!
„Für Nutzer:innen in Europa wird das Mindestalter durch die 2018 in Kraft getretene Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) geregelt. Dieser zufolge müssen alle Nutzer:innen ausdrücklich zustimmen, dass ihre personenbezogenen Daten (z. B. Name, Geburtsdatum, Wohnort) an Soziale Netzwerke übermittelt und von diesen verarbeitet werden“, weist Safer Internet auf seiner Website – detaillierter Link am Ende des Beitrages – hin.
Safer Internet listet auf dieser erwähnten Site auch die Nutzungsbedingungen der Plattformen selber in Bezug aufs Mindestalter auf:
WhatsApp: Mindestalter 13 Jahre, in Österreich 14 Jahre, „wobei auch jüngere Kinder die App problemlos installieren und nutzen können. WhatsApp empfiehlt Kindern unter 18 Jahren, die Nutzungsbedingungen gemeinsam mit den Erziehungsberechtigten durchzulesen.
YouTube: Mindestalter 14 Jahre, ist auch das Alter, ab dem in Österreich die Verwaltung eines eigenen Google-Kontos möglich ist – und ein solches ist für die eigenständige Anmeldung bei YouTube erforderlich. „Allerdings benötigen Unter-18-Jährige laut Nutzungsbedingungen dennoch die Erlaubnis ihrer Eltern, um YouTube nutzen zu dürfen. Ist das Kind noch nicht 14, können die Eltern mit der App Google Family Link ein Google-Konto für ihr Kind einrichten und dieses verwalten. Für jüngere Kinder können Eltern zudem ein Benutzerkonto auf YouTube Kids einrichten.
Instagram: Mindestalter 13 Jahre, wobei bei der Registrierung das Geburtsdatum angegeben werden muss. Dasselbe gilt für das ebenfalls zum Meta-Konzern gehörende Netzwerk Facebook. Jüngeren Kinder ist die Nutzung beider Dienste untersagt: Meta gibt an, Konten von Kindern unter 13 Jahren bei Bekanntwerden sofort zu löschen. Bei Instagram werden die Accounts von Nutzer:innen, die jünger als 18 sind, zudem automatisch auf „privat“ gestellt: Dadurch können nur Freund:innen die veröffentlichten Inhalte sehen. Dies kann allerdings jederzeit in den Einstellungen geändert werden, d.h. auch Unter-18-Jährige können ihr Konto problemlos öffentlich machen.
Snapchat: Mindestalter 13 Jahre, wer unter 18 ist, darf die App zudem nur mit Einwilligung der Eltern nutzen. Das Alter wird bei der Registrierung zwar abgefragt, aber nicht überprüft.
TikTok: Mindestalter 13 Jahren, TikTok gibt an, die Konten Minderjähriger gegebenenfalls zu schließen. Je nach Alter ist zudem der Zugang zu bestimmten Funktionen eingeschränkt: So kann die Direktnachrichtenfunktion erst ab 16 Jahren genutzt werden, einen Livestream zu hosten oder virtuelle Geschenke zu machen ist überhaupt erst ab 18 möglich.
„Auch wenn viele Soziale Netzwerke in ihren Nutzungsbedingungen ein offizielles Mindestalter von 13 Jahren angeben, gilt für österreichische Nutzer:innen immer mindestens das gesetzlich festgelegte Mindestalter von 14 Jahren!“, so nochmals Safer Internet ausdrücklich.
saferinternet.at –> mindestalter
schau-hin.info –> ab-welchem-alter
„SCHAU HIN! Was Dein Kind mit Medien macht.“ ist eine gemeinsame Initiative des – deutschen – Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, von ARD und ZDF sowie der AOK – Die Gesundheitskasse.
Auch am Sonntag demonstrierten Kurdinnen und Kurden in Wien lautstark, immer wieder unterstützt auch von Musik, vor allem für die in Syrien nun bedrohte Autonomie der Region Rojava. Diese Autonomie, ein Modell für demokratisches, gleichberechtigtes Zusammenleben, ist vom zentralsyrischen Regime bedroht.
Deshalb erklangen unter anderem der schon lange, im Westen erst seit der Tötung der iranischen kurdischen jungen Jîna Mahsa Amini 2022 in iranischem „Polizeigewahrsam“ bekannt gewordene Slogan „Jin îyan, Azadî“ (Frau – Leben – Freiheit). Und die Losungen: „Jolani Terrorist, Erdoğan Terrorist“. Sowohl der letztgenannten türkische als auch der erstgenannte syrische Machthaber nach dem Sturz von Diktator Assad bedrohen die demokratischen, gleichberechtigten, unabhängigen Bestrebungen der Kurd:innen.
In Wien wehen seit gut zwei Wochen beinahe täglich die rot-weiß-grünen Fahnen mit gelber Sonne bzw. die gelb-rot-grünen Fahnen. Am Sonntag trugen jeweils sechs Demonstrant: innen übrigens neben einer großen kurdischen auch eine ebenso große österreichische Fahne. So aufgesplittet Kurd:innen auf die Staaten Türkei, Syrien, Irak, Iran und teilweise Aserbeidschan leben, so viele Konflikte sie mitunter untereinander haben, in der akuten Bedrohung demonstrieren sie meist gemeinsam für die Verteidigung Rojavas – übrigens von ganz junge bis mit dem Rolator. Und wiesen immer wieder auch darauf hin – so auch bei der Demo am Sonntag, die am Stadtpark vorbei über Ring, Urania, Schwedenplatz, Taborstraße zum Praterstern zog – dass kurdische Einheiten es waren, die gegen den sogenannten islamischen Staat (ISIS), unter hohem eigenen Blutzoll kämpften und Gebiete von der Herrschaft der islamistischen Terroristen befreit haben. Und anschließend von türkischem Militär immer wieder bombardiert wurden.
„Sehr gemütlich, aber auch sehr kreativ und es macht starken Spaß, diese Dinge zu erkunden“, fanden Dunja und Clara die künstlerisch-verspielte Rauminstallation auf Bühne 3 im Dschungel Wien, dem Theaterhaus für junges Publikum im MuseumsQuartier. Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… sprach mit den beiden 12-Jährigen – und durfte sie beim Bespielen einiger der Installationen – so fotografieren, dass sie nicht erkennbar sind. Die beiden sind, vertrauen sie dem Journalisten an, sehr Theater- bzw. Schauspiel-begeistert, schon jeweils ihr halbes Leben lang. Dunja: „Ich hab mit fünf Jahren das erste Mal gespielt. Und ich hab auch schon in drei Kurzfilmen mitgespielt.“ Ihre Freundin Clara: „Ich hab mit sechs angefangen, hab auch schon in der Josefstadt gespielt und war im Fernsehen“.
Zurück zur Rauminstallation. Dunja und Clara konnten hier die Leidenschaft für Schauspiel mit der Lust auf spielerisches Entdecken verknüpfen. Die bespielbare Ausstellung war leider nur für einen, den Samstagnachmittag für Kinder zugänglich. Studierende der Uni für Angewandte Kunst haben unter dem Titel „Misfits“ (Außenseiter) in Gruppen unterschiedlichste ganz ohne Anleitung, spontan zu entdeckende bespielbare Kunstwerke geschaffen. Da fand sich ein Puzzle aus unterschiedlichsten großen Legeteilen am Boden – das keine „richtige“, dafür viele unterschiedlichen „Lösungen“ ermöglicht. Daneben stand ein großer Holzrahmen mit ausgeschnittenen Apfel-Formen und drei große Pappmaschee-Äpfel – rot, grün, gelb. Das Ding erinnert an die pädagogischen Formen-Loch-Würfel für sehr junge Kinder, meist mit drei-, vier- und sechs-eckigen Öffnungen für Objekte in diesen Formen. Doch die Apfel-Löcher luden gar nicht ein, die großen, leichten Äpfel reinzustecken, sondern deren eigene Öffnungen zu verwenden, um sie sich über den Kopf zu stülpen.
Eine Art mehrstöckiger Plattenspieler mit einem Wurm oder einer Raupe (?) aus mehreren Kugeln, dazu noch Flug-Insekten und einem quallenartigen Gebilde war drehbar über zwei Fußt-Taster. Und das Ding lud die meisten, so auch die beiden oben zitierten Bespielerinnen zum Sprung-Spiel – ohne, dass irgendwer das anregen musste / wollte / sollte.
Davor hingen gefüllte Stoffschläuche von der Decke – fast zum Schaukeln einladend verknotet, dafür aber zu wenig stabil. Sie berühren teilweise eine „Landschaft“ aus unterschiedlichst geformten Pölstern mit „Armen“, „Beinen“ oder was auch immer.
An anderer Stelle der Bühne war eine Art Labyrinth aus beweglichen verschieden hohen, bunten, transparenten Wänden aufgebaut. Die Transparenz ermöglicht, dass sich bei Beleuchtung die Farben mischen. Die Flexibilität der Stellwände erlaubt den „Bau“ von „Mauern“ ebenso wie von Wegen…
Was sich hier ausbreitete, ist das Ergebnis einer Semesterarbeit von Studierenden an der Uni für Angewandte Kunst. Sie hatten sich mit Arbeiten der Künstler:innen Bruno Munardi (Italien, 1907 – 1998), Lina Bo Bardi (Brasilien, 19914 – 1992) und Josef Schagerl junior (Österreich, 1923 – 2022) beschäftigt. Von Ersterem borgte sich das Projekt den Untertitel für die Installation aus „Bequemlichkeit im Unbequemen“, Zweitere vertrat die Haltung, allüberall sollten bespielbare Räume für Kinder Teil der baulichen Konzepte sein und der Dritte, Bildhauer wie sein Vater, schuf vor allem bespielbar Skulpturen im öffentlichen Raum, unter anderem in Wohnhausanlagen.
„Gewürzt“ wurden die auch schon sehr jungen Kindern eroberten bespielbaren Installationen durch Lesungen von (noch?!) unveröffentlichten Bilderbuch-Texten Studierender eines anderen Zweigs der Angewandten, der Abteilung für Sprachkunst. Katharina Karl verfasste ihre beiden Bände in speziellen Gedichtformen, die ihnen auch die Titel gaben: „Haiku“ (aus Japan kommende kurze Gedichtform, meist 5 – 7 – 5 Silben), gezeichnet von Abel Dijkstra. Immer lässt sich die Hauptfigur Haiku aber durch irgendetwas aus dem Gedichtrhythmus rausbringen, weshalb auf der folgenden Seite diese „verloren“ geht; vor allem sucht Haiku nach (s)einem Schuh
Ihr Kollege Étienne Thierry las Auszüge aus seinem recht umfangreichen „Nach Norden“, illustriert von Janka Kočíšen: Igel Hérisson (französisch für das Stacheltier), Beutelmeise Remiz (lateinische Gattungsbegriff für diese Vogelfamilie) und Glisglis (lateinische Bezeichnung für Sieben-Schläfer). Dunja und Clara vertieften sich in die Lektüre des Buches nach Norden, so dass sie spontan eine Episode vor Mikro den anderen vorlasen.
Was dann Katharina Karl veranlasste das Duo zu bitten, ihr zweites Buch „Limerick lauscht in den Wind“ mit ihnen mit verteilten Rollen zu lesen. Limerick ist auch eine kurze Gedichtform, angeblich auf die gleichnamige irische Stadt zurückzuführen – fünzeilig; erste, zweite, fünfte Zeile gereimt, 3. und 4. Zeile gereimt)
Mehr als (doppelt so viele) Kinder und Jugendliche wie in der gesamten Europäischen Union leben (rund 67 Millionen) leben weltweit mehr oder minder auf der Straße; zwischen rund 100 bis zu 150 Millionen Kinder und Jugendliche haben kein Zuhause, auch in einigen Ländern der EU, aber da noch am wenigsten. Der 31. Jänner gilt seit fast 30 Jahren (seit 1997) als „Tag der Straßenkinder“, ins Leben gerufen von der Hilfsorganisation „Jugend Eine Welt“, ausgehend von den Salesianern Don Bosco. Und dessen Namensgeber, den italienischen katholischen Priester, Jugendseelsorger und Reformpädagogen (1815 – 1888), der im Turiner Stadtteil Valdocco aus einem Schuppen eine Zufluchtsstätte für (Straßen-)Jugendliche machte uns später gemeinsam mit den Salesianern in weiteren Ländern Europas aber auch Lateinamerikas Häuser für Jugendliche aufbaute und (Aus-)Bildungen anbot.
Anlässlich des Straßenkinder-Tages 2026 ist Pater Rafael Bejarano Rivera aus Kolumbien zu Gast in Österreich. Seit vielen Jahren setzt er sich für benachteiligte Kinder und Jugendliche ein. Besonders Kinder in Straßensituationen, junge Menschen in extremer Armut sowie ehemalige Kindersoldaten stehen im Mittelpunkt seines Wirkens.
„Pater Rafael kennt in seiner Funktion als Generalrat der Salesianer Don Boscos, als oberster Vertreter und Experte für Jugend- und Sozialarbeit, alle von Jugend Eine Welt unterstützten Projekte aus der Sicht eines Projektpartners. Er kann somit gute Einblicke in die weltweite Arbeit unserer Entwicklungsorganisation in den Bereichen Straßenkinder, aber auch Schul- und Berufsausbildung geben“, so Reinhard Heiserer, Geschäftsführer von Jugend Eine Welt.
„Seit Beginn meines priesterlichen Wirkens habe ich stets im sozialen Bereich gearbeitet – dort, wo junge Menschen Begleitung brauchen, um ihre Rechte und ihre Würde wiederzuerlangen“, so Rafael Bejarano Rivera aus Kolumbien, einem Land, das über Jahrzehnte von Gewalt, sozialer Ungleichheit und bewaffneten Konflikten geprägt war. Früh entschied er sich für den Weg der Salesianer Don Boscos und stellte sein Leben in den Dienst junger Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Nach seinem Studium der Philosophie und Theologie sowie einer zusätzlichen Ausbildung im Bereich Soziales Management und Entwicklung übernahm er verantwortungsvolle Aufgaben in der Jugendarbeit der Salesianer.
Ein zentraler Meilenstein seines Werdegangs war seine Tätigkeit in der Ciudad Don Bosco in Medellín, einer der größten salesianischen Sozialeinrichtungen Kolumbiens, die auch von Jugend Eine Welt unterstützt wird. Dort arbeitete Bejarano Rivera über Jahre hinweg direkt mit Kindern und Jugendlichen, die auf der Straße lebten, aus zerrütteten Familien stammten oder Gewalt, Missbrauch und den Einsatz als Kindersoldaten erlebt hatten. „Heute sprechen wir bewusst von ‚Kindern in einer Straßensituation‘ und nicht mehr von reinen ‚Straßenkindern‘, da es sich um eine vorübergehende Lebenssituation handelt und ihre Rechte wiederhergestellt werden müssen“, so der Jugend Eine Welt-Projektpartner.
Viele Jahre lebte Michelle in Nairobi (Hauptstadt von Kenia, Afrika) dort, wo andere ihren Abfall entsorgen: auf Dandora, der größten Mülldeponie ihrer Heimatstadt. Zwischen meterhohen Müllbergen suchte sie nach Essen, Schutz und Hoffnung.
Dandora ist größer als 50 Fußballfelder. Verfaulte Essensreste und brennender Müll liegen in der Luft. Schweine und wilde Hunde streifen durch die Abfälle. Über allem kreisen Marabus, die nach Nahrung suchen. Bis zu 10.000 Menschen leben hier – ohne Sicherheit, ohne medizinische Versorgung, ohne Perspektive. Kinder sind dieser Realität besonders schutzlos ausgeliefert. Viele verlieren den Kontakt zu ihren Familien. Mädchen schließen sich Gangs an oder geraten in ausbeuterische Abhängigkeiten. Für die meisten scheint ein Ausweg unerreichbar.
Für Michelle aber änderte sich alles. Sozialarbeiterin Mary Gatitu ist täglich in Dandora unterwegs. Sie begleitet Mädchen wie Michelle, hört zu, stärkt sie – und greift ein, wenn Hilfe dringend nötig ist. Im Rescue Dada Center, Partner der Dreikönigskation, finden sie Schutz, regelmäßige Mahlzeiten, medizinische Versorgung und Zugang zu Schule und Ausbildung.
Michelle hat diese Chance genutzt. Heute geht sie in die Schule, wächst in Sicherheit auf und blickt mit Hoffnung in die Zukunft. Aus einem Leben im Müll wurde eine echte Perspektive. Für Michelle und anderen Kinder in vergleichbaren Situationen sammelt die DKA – mehr dazu im Link am Ende des Beitrages.
Zurück nach Kolumbien, wo – wie überall in nachhaltigen Projekten Bildung eine zentrale Rolle spielt. „In mehreren Städten begleiten wir diese Kinder. Während man früher Kinder dauerhaft auf der Straße lebend antraf, hat sich die Situation verändert: Heute haben viele von ihnen Familien, verbringen jedoch viel Zeit auf der Straße und sind dort großen Risiken ausgesetzt – insbesondere Gewalt, Drogenhandel und Prostitution.“, so Pater Rafael Bejarano Rivera. Ziel sei es, jungen Menschen Schutz zu bieten und ihnen durch Bildung, psychosoziale Begleitung und Berufsausbildung echte Zukunftsperspektiven zu eröffnen.
Viele der Kinder und Jugendlichen, die mehr oder minder auf der Straßen leben müssen, besitzen keine Geburtsurkunde, wurden nie offiziell registriert und haben keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung oder Schulbildung. „Diese Kinder bleiben oft unsichtbar, obwohl sie großen Risiken ausgesetzt sind“, so Bejarano Rivera.
Heute wirkt der Jugend Eine Welt-Gast auf internationaler Ebene. Als Generalrat für Jugendpastoral und soziale Werke im weltweiten Leitungsteam der Salesianer koordiniert er Bildungs- und Sozialprojekte in 138 Ländern. Mit Jugend Eine Welt verbindet Bejarano Rivera eine langjährige und enge Partnerschaft. Gemeinsam mit der österreichischen Entwicklungsorganisation arbeitet er daran, nachhaltige Bildungs- und Sozialprojekte für Straßenkinder und gefährdete Jugendliche umzusetzen – insbesondere in Lateinamerika.
„Über viele Jahre hinweg haben wir gemeinsam Programme entwickelt – zur Bewusstseinsbildung, zur Begleitung junger Menschen und zur Förderung von Bildung und Ausbildung. Dabei gab es Kooperationen mit österreichischen Unternehmen sowie zum Beispiel mit der österreichischen Botschaft in Kolumbien“, erzählt Bejarano Rivera.
„Die Unterstützung von Jugend Eine Welt ist von zentraler Bedeutung. Internationale Zusammenarbeit wirkt auf vielen Ebenen, doch entscheidend ist die Beziehung zwischen den Menschen. Spenderinnen und Spender – etwa in Österreich – können durch ihr Engagement Entwicklungsprozesse in ganz unterschiedlichen Realitäten ermöglichen. Jugend Eine Welt trägt dazu bei, jungen Menschen weltweit neue Hoffnung, neue Wege und neue Chancen zu eröffnen, ihre Träume zu verwirklichen und ihre Gemeinschaften zu stärken. Dafür bin ich sehr dankbar.“
Jugend Eine Welt unterstützt unter anderem technische Ausbildungsprogramme, Maßnahmen zur Arbeitsvermittlung und Projekte für Kinder in Straßensituationen. „Besonders wichtig ist auch der Einsatz von Freiwilligen im Rahmen der von Jugend Eine Welt und den Salesianern Don Boscos getragenen Entsende-Organisation ‚VOLONTARIAT bewegt‘, zum Beispiel in den Städten Medellín und Cali meiner Heimat Kolumbien“, unterstreicht der Salesianer. „Diese Einsätze gehen weit über finanzielle Unterstützung hinaus: Sie ermöglichen echte Begegnungen. Für viele junge Menschen, die viel Leid erfahren haben, ist es von unschätzbarem Wert, Menschlichkeit, Nähe und Solidarität aus anderen Kulturen zu erleben. Gleichzeitig ist Freiwilligenarbeit eine der schönsten Ausdrucksformen gelebter Solidarität. Ich habe viele junge Freiwillige, entsendet durch ‚VOLONTARIAT bewegt‘, aus Österreich in Kolumbien erlebt und gesehen, wie sie persönlich gewachsen sind. Sie haben – genauso wie Freiwillige aus dem Senior Experts-Programm von Jugend Eine Welt – unsere Projekte nachhaltig unterstützt. Es ist eine echte Win-Win-Situation – fachlich, menschlich und auch spirituell.“ Darüber hinaus hilft Jugend Eine Welt auch mit Stipendien für Bildung, Lernmaterialien, Lebensmittel und berufliche Qualifizierung.
Im Zuge des von Jugend Eine Welt ins Leben gerufenen „Tages der Straßenkinder“ am 31. Jänner 2026 berichtet Bejarano Rivera bei zahlreichen Veranstaltungen in Österreich aus erster Hand über die Lebensrealitäten von Kindern in Straßensituationen, spricht über globale Herausforderungen und zeigt, wie konkrete Hilfe wirkt. Einen eindrucksvollen und nachhaltigen Einblick in die Lebensrealitäten von Kindern in Straßensituationen lieferte der Gast aus Kolumbien am Tag vor dem Straßenkinder-Tag rund 100 Schüler:innen der fünften und sechsten Klassne des GRG13 Wenzgasse (im selben Bezirk Hietzing hat die Organisation Jugend Eine Welt ihren Sitz).
dka.at –> kenia-schutz-fuer-maedchen
jugendeinewelt –> tag-der-strassenkinder-2026
„Yippie-Ya-Yay“ schwebt – für (Groß-)Elterngenerationen ein bekannter Ausruf aus diversen meist actionreichen Filme aus dem sogenannten Wilden Westen der USA über dem lange Zeit wortlos bleibenden klassisch-klischee-beladenen Ambiente der Bühne des kürzlich im Dschungel Wien gestarteten Stücks „Cowboys“: Ein riesiger Stoff-Kaktus, eine rötliche stilisierte Berglandschaft, ein Teppich, der an ein überdimensionales Kuhfell erinnert und an Seilen hängt, zwei halbhohe Saloon-Schwingtüren, zwei hölzerne „Pferde“ und vier herumlümmelnde Protagonistinnen in unterschiedlichen aber ebenfalls aus solchen Filmen stammenden Outfits, manche mit dem „einschlägigen“ Hut (Bühne und Kostüm: Flora Valentina Besenbäck). Er bringt vielleicht auch Reminiszenzen an den ersten der digitalen Animations-Filme der Toy-Story-Reihe aus den Kinderzimmern, wo Andys liebste Spielfigur der Cowboy-Sheriff Woody ist.
Während Defne Uluer eher schüchtern, verhalten neben dem Kaktus lehnt, breitet sich Emmy Steiner (gemeinsam mit Sarah Gaderer auch künstlerische Leiterin der einstündigen Produktion für ab 7-Jährige) sehr raumgreifend auf der Bank vor dem Saloon aus. Die beiden und dazu zunächst noch Martina Rösler und Elina Lautamäki kämpfen – meist (panto-)mimisch, nur selten mit einigen englischen und deutschen Worten um den Platz in der Mitte oder wo auch immer. Mit bekanntem Manspreading- Gehabe, nicht zuletzt dadurch, dass dies von ausschließlich Frauen gespielt wird, schon mit einer gewissen ironischen Distanz. Das zusätzlich übertriebene Spiel von Spuck- und anderen grauslich-abstoßenden Gesten verstärkt die nachvollziehbare szenische Kritik an solchen Verhaltensmustern.
Das Schauspiel, in dem es später zu wilden Ritten auf den hölzernen Pferden und verschiedensten Interaktionen kommt, eröffnet aber auch mehr, denn irgendwann outet sich beispielsweise die oben schon erwähnte schüchtern lehnende Defne Uluer als eine, die Pferde gar nicht mag, weil sie nicht reiten kann. Und wird aber dennoch von den anderen drei nicht ausgegrenzt. Liefert sich aber ein Duell mit Emmy Steiner – auf Mundharmonikas.
Musik spielt auch eine immer wieder kehrende Rolle in „Cowboys“, zum Glück nicht klassische Western-Lieder „vom Tod“, sondern von Elina Lautamäki geschriebene liebliche Songs, mit teils schrägen Texten von einer traurigen Tomate und lächelnden Blumen. Wobei Musik auch in Form rhythmischer Spiele rund ums Reiten auf den Holzpferden eine Rolle spielt und diese Rösser entfernt an den schulischen Turnunterricht und noch entfernten an den alten deutschsprachigen Begriff für Hobby, nämlich „Steckenpferd“, erinnern.
Irgendwann stößt mit Aurora Hackl Timón noch eine fünfte Performerin, die gemeinsam mit den vier anderen und Lina Venegas das Stück entwickelt hat, zur Szenerie. Fast unbemerkt platziert sie sich im Hintergrund, strickt und strickt. Sie hat gegen Ende einen überraschenden – und hier sicher nicht gespoilerten – kräftigen, fulminanten (musikalischen, so viel sei verraten) Auftritt.
Auch wenn klassische „Western“ samt Karl-May-Romanen eher eine (Groß-)Eltern-Kiste sind, sind die raum- und besitzergreifenden Verhaltensweisen vor allem durch Männer „dank“ Manosphere-Influencern auf Social Media selbst für junge Kinder wieder stärker präsent. Ein solcher kam sogar in der Kinoverfilmung von Christine Nöstlingser „Geschichten vom Franz“ als Influencer Hank Haberer vor. Amüsante und sympathisch bricht und hinterfragt diese Vorstellung solches. Und übersiedelt ganz am Ende in sprechgesangähnlicher Tonalität das Geschehen von Texas nach Wien samt dem fast schon pädagogischen Appell, über Gefühle zu sprechen und den Mut, um Hilfe zu bitten, wenn sie erforderlich ist oder wenigstens erscheint.
Allerdings wird eine riesige Leerstelle aufgerissen. Abgesehen davon, dass die „Cowboys“, egal ob als einsame Helden oder doch weniger heroisch und vor allem durchaus divers – die echten solchen waren eben Kuhhirten, Landarbeiter unter wenig ruhmreichen Arbeitsbedingungen. Und doch einfach Helfer, durchaus auch schwarze aus der Sklaverei, jener weißen Eroberer aus Europa, die sich Land und Vieh der angestammten indigenen Bevölkerung unter den Nagel gerissen haben. Und auch das wäre natürlich auch jenseits der „Prärie“ oder des „wilden Westens“ angebracht. Damit sich der Dialog nicht nur unter Privilegierten oder zumindest sich als solche Aufspielenden abspielt und gerade jene, denen sie den Raum wegnehmen, ganz ignoriert werden.
174 Meldungen über Verdacht auf rechtswidrige Inhalte auf Tiktok, Instagram & Co. erhielt Rat auf Draht im vergangenen Jahr. Knapp ein Drittel (64 Inhalte) wurden als rechtswidrig eingestuft – Gewaltverherrlichung, Erpressung mit Nacktbildern, Missbrauchsdarstellungen. Die meisten Plattformen reagierten innerhalb von 48 Stunden und entfernten die Inhalte.
Möglich macht dies der Trusted Flagger Status, den Rat auf Draht seit Anfang 2025 trägt. Trusted Flagger sind so genannte „vertrauenswürdige Hinweisgeber“, die im Rahmen des DSA (Digital-Service-Act) rechtswidrige Inhalte auf Online-Plattformen melden und von diesen bevorzugt behandelt werden müssen.
Seit März 2025 können Kinder und Jugendliche direkt über die Rat auf Draht-Website derartige Inhalte melden. Über das Meldeformular kann die URL eines potenziell rechtswidrigen Beitrags oder Kommentars geschickt werden. Das Team von Rat auf Draht überprüft die Meldungen auf ihre Rechtswidrigkeit. Danach werden diese Beiträge bei der jeweiligen Onlineplattform in einer eigens eingerichteten Möglichkeit für Trusted Flagger gemeldet. Onlineplattformen sind im Rahmen des DSA verpflichtet, vertrauenswürdige Hinweisgeber über die ergriffenen Maßnahmen zu informieren. Rat auf Draht informiert wiederum die Melder:innen über das Ergebnis per Mail.
Die meisten Meldungen betrafen die Netzwerke Tiktok (24), Instagram (17) und Discord (15). Auffallend ist auch, dass die Art der rechtswidrigen Inhalte von Plattform zu Plattform stark variiert. So wurden auf Tiktok am meisten Inhalte zu Gewaltverherrlichung gemeldet (17), auf Instagram war die Erpressung mit Nacktbildern (Sextortion) das häufigste Thema (16) und auf Discord Missbrauchsdarstellungen von Minderjährigen (9). „Rechtswidrige Online-Inhalte können für Betroffene mit starkem Leidensdruck und psychischer Belastung einher gehen. Daher ist es uns ein wichtiges Anliegen, die Kinder und Jugendlichen im Rahmen der Anfragen auch auf die Möglichkeit einer begleitenden Unterstützung durch unsere Beratungsangebote hinzuweisen“, sagt Birgit Satke, Leiterin des Beratungsteams von Rat auf Draht.
Von den 174 Meldungen, die 2025 eingingen, wurden 64 Inhalte als rechtswidrig eingestuft und bei den jeweiligen Onlineplattformen gemeldet. Beim Großteil der gemeldeten Inhalte konnte eine Entfernung bei den Online-Plattformen erreicht werden. „Einige Melder:innen teilten uns mit, dass sie bereits selbst versucht hatten, die Online- Inhalte bei der Plattform zu melden, jedoch ohne Erfolg. Als Trusted Flagger konnten wir in vielen dieser Fälle dann doch eine Entfernung erwirken. Dies zeigt, dass die meisten Plattformen die Tätigkeit der Trusted Flagger ernst nehmen. Aber auch, dass viele User:innen auf die Unterstützung der Trusted Flagger angewiesen sind“, so Satke.
Die bisherigen Erfahrungen zeigen auch, dass sich viele Nutzer:innen nicht sicher sind, ob gewisse Inhalte rechtswidrig sind oder gegen die Nutzungsbedingungen der Plattformen verstoßen. „Auch der Aufbau der Meldemöglichkeiten auf Onlineplattformen ist für viele junge Menschen zu komplex gestaltet. „Einige Plattformen erwarten sich im Rahmen eines Meldevorgangs die Zuordnung zu einem Gesetz, gegen das mit dem gemeldeten Inhalt verstoßen wird. Dies ist insbesondere für Kinder und Jugendliche oft eine unüberwindbare Herausforderung“, erklärt Satke.
Zudem besteht für Online-Plattformen mit dem Digital Service Act eine europaweite gesetzliche Verpflichtung, auf Meldungen der Trusted Flagger zeitnah zu reagieren. Davor hatten viele User:innen die Erfahrung gemacht, dass sie auf gemeldete Inhalte keine Rückmeldung haben oder problematische Inhalte nicht entfernt wurden. Die gesetzliche Verankerung ermöglicht es, die Plattformen bei der Entfernung rechtswidriger Inhalte besser in die Pflicht zu nehmen.
„Wir hoffen, dass noch mehr Kinder und Jugendliche den Mut finden werden, gegen illegale Inhalte im Internet vorzugehen. Gemeinsam können wir mit nur ein paar Klicks viel erreichen“, so Satke.
Zum kompletten Trusted Flagger Jahresbericht von Rat auf Draht geht es hier
Kann Eis wärmen? Rein physikalisch und biologisch wohl eher nicht. Aber vielleicht kommen bei eisigen Temperaturen draußen beim Gedanken an Speise-Eis sommerliche Gefühle ins Spiel.
Nun, so entführt die heutige Buchbesprechung in einen Eissalon. Auf der Titelseite serviert ein Eisbär der fröhlich-freudig lachende Stella ein Stanitzel (eine Tüte) mit drei bunten Kugeln, samt Sonnenschirmchen als Deko. Auf der ersten Seite finden sich neben den beiden Titelfiguren Bären in verschiedenen Farben.
Jutta Treiber, die Autorin, und Illustrator Alex Nemec haben sich ausgedacht, dass die Bären die Farben des Eis-Geschmacks – und gleich dazu die passenden „Namen“ annehmen mit dem Schmäh, dass im Deutschen Beeren und Bären ziemlich ähnlich klingen 😉
Und so treten Heidel-, Erd-, Brom-, Him-, Schwarz- und Stachelbär bzw. -bärin auf den Seiten in Text und Bildern auf und bestellen genau „ihre“ fruchtigen Beeren-Sorten. Und siehe da, die 20 Seiten kommen ganz ohne Streit oder Konflikt aus – „das ist ein Gelächter und Gelecker und Geschlecker und Geklecker“, und das ist kann ja auch ganz schön erwärmend sein 😉
Eine sprachspielersiche Überraschung hat Jutta Treiber dann auf der vorletzten Seite noch eingebaut von einem Bär-Rücken-Bär, vielleicht kommst du selber drauf, welche Fantasie-Bären-Art sie da erfunden hat.
Der große weiße Tisch lässt erahnen – auch wenn er erst später beim Kippen, oder von Anfang an beim Aufstehen mit einem Blick von leicht oben als überdimensionaler Controller erkennbar ist, hier wird gespielt. Auf der Theaterbühne (Bühne & Kostüm: Daniel Sommergruber) rund um und in Computer- bzw. Video- und Online-Games. Der „Held“, der die Stunde über im Stück namenlos bleibt, zockt, was das Zeug hält. Und ist – wie sich herausstellen wird – gar nicht besonders gut darin. Aber lieber als Schule, die für ihn ein „schwarzes Loch“ ist, das alle Energie einsaugt, oder gar mit der Mutter zu reden, ist das Eintauchen in abenteuerliche erfundene Welten allemal. Und das am liebsten eher allein, Single Player Modus. Gemeinschaft ist nicht so sein’s. Aber als Einzelkämpfer da wächst er. Irgendwie.
Bis er auf eine Spielerin trifft. Elli nennt sie sich. Und ist viel besser als er, was er doch anerkennend feststellt. Wenngleich sie ihn auf den Boden der (Spiel-)Realität holt, dass dies im Vergleich mit ihm keine Kunst sei.
Vor diesem Grundsetting spielt die Theatergruppe „Jugendstil“ ihr diesjähriges Stück „Reset your Mind“ (Setz deinen Geist / deine Denkweise zurück), verfasst von Vielfachtalent Charlotte Zorell – siehe einige der Links am Ende des Beitrages. Regie führte erstmals für Theater Jugendstil Claudia Waldherr.
Mirkan Öncel ist einerseits der Zocker und andererseits in Game-Szenen der Solokämpfer. In einem fiktiven Podcast-Interview mit sich selbst outet er sich als in der Realität schüchtern, unsicher und so weiter und als Interviewpartner als ur-tough – wie er eben gern wäre. Dieses Pendeln lässt er auf der Bühne gut spüren, mit stärkerer Schlagseite auf den nicht so ganz „starken“ Anteilen der realen Figur.
Seine Schauspielkollegin Susanne Preissl ist Tausendsassa, die Umzugs-Queen. Sie schlüpft nicht nur in die Rolle der Gamerin bzw. der Kämpferin im Spiel, wo sie sich Elli nennt. Bald nach Beginn gibt sie die strenge Klischee-Lehrerin, die der – in dieser Szene nicht vorhandenen – Mutter erklärt, dass der Sohn nix fürs Gymnasium ist. Wobei die beiden jugendlichen Charaktere allerdings einiges jenseits der Volksschulzeit angesiedelt sind.
Als Mutter bemüht sie sich um den Sohn, in Sorge um seine Zukunft, kann ihn jedoch erst gegen Ende wirklich erreichen, wo sie selber auch zugibt, in der Schule nicht die beste gewesen zu sein. Weshalb sie bereits zu Hause im Krankenpflege-Gewand auftaucht, irritiert ein wenig – angesichts strenger Hygiene-Vorschriften im Gesundheitswesen. Sie wechselt so überzeugend in ihre jeweiligen Figuren, dass am Ende bei der Verbeugung – da ist sie die Gamerin, nach der Mutter gefragt wurde. Und als sie ihre schwarze Langhaar-Perücke abnimmt, fragen Jugendliche, ob sie wirklich die Mutter des Kollegen ist, der nur ein paar Jahre jünger ist als sie.
Der Zocker anerkennt nicht nur, dass die Gamerin viel besser ist, beide beginnen sich anzufreunden. Er lädt sie ein, dazuzustoßen, wenn er mit seinen Kumpels doch manchmal spielt. Sie äußert ihre Bedenken, dass Jungs sehr oft (mehr als) ungut auf Mädchen reagieren. Seine Gang sei nicht so, meint er. Sind sie aber dann doch. Mehr als. Blöde, abwertende Sprüche, Beschimpfungen und das volle Programm (Stimmen aus dem Off: Curdin Caviezel, Jonas Graber, Philipp König). Und unser „Held“? Der – schweigt.
Ist ihm zwar spürbar unangenehm, aber kein einziges Wort, mit dem er die „Freunde“ in die Schranken weist… Das wird so unangenehm, dass etliche der Schüler:innen der Premierenvorstellung – traditionell für die Theatergruppe im Stadttheater Bruck an der Leitha (Niederösterreich) – im kurzen Publikumsgespräch sagen, er hätte für sie Partei ergreifen müssen. Also – wie der Titel will – seinen Geist / seine Denkweise neu aufsetzen.
„Geh hin und entschuldige dich“, rät ihm die Stimme der „Oma“ aus dem Off, mit der er immer wieder am Handy telefoniert. Doch auch wenn der Draht zu ihr besser zu sein scheint als zur Mutter, schwingt auch da eine ignorante Ebene mit. Die Großmutter (Sehnaz Taftali) ist zweisprachig mit Deutsch und Türkisch, was sie immer wieder einfließen lässt. Doch dem Enkelsohn kommt kein einziges Wort, weder eine Begrüßung noch ein Danke auf Türkisch über die Lippen.
Im Game selber wird der Tisch = Controller zu allem Möglichen, unter anderem einem Auto, da spielt sich Action ab, bei der viele der jugendlichen Zuschauer:innen so richtig mitgehen. Gar nicht so viele zeigen im Publikumsgespräch auf, als gefragt wird, wer gern und viel spielt. Im Gegensatz zu den Schüler:innen einer Klasse, in der die Autorin des Textes zur Recherche war: „Da haben alle gespielt!“
Als Korrektiv aus der Zielgruppe holte sich „Theater Jugendstil (Susanne Preissl und Sophie Berger) erstmals eine jugendliche Hospitantin mit der 16-jährigen Schülerin Lalezar Bülbül.
Das Zurechtrücken von noch immer weit verbreiteten Klischees ist einer der Grund-Anstöße des Stücks. Immerhin ist fast die Hälfte aller, die spielen, weiblich – 47 Prozent der mehr als drei Milliarden weltweiten Spieler:innen wie die Game-Expertin – Spielerin, Designerin und Forscherin (Computerspiele, Virtual Reality, Künstliche Intelligenz) Johanna Pirker (Technische Unis München und Graz) im Buch „Game On – wie Gaming unsere Welt revolutioniert“ schreibt.
Sie sieht die Welt des Gamings auch weitaus positiver als die Warner:innen vor den Gefahren: „Leider werden Games immer noch oft auf problematische Aspekte wie Gewalt oder Sucht reduziert, anstatt das Spiel als vielfältiges, komplexes Medium zu begreifen.“ (S. 32) Entwicklung von Spielen, das Business darum herum sei außerdem ein wichtiger Wirtschaftszwei, mittlerweile größer „als die Film-, Buch- und Musikindustrie zusammen“ (S. 23).
Über die Gamerin, Moderatorin, Speakerin Rebecca Raschun alias JustBecci in einem der Berichte über die Game City 2025 im Wiener Rathaus, immerhin die siebentgrößte Stadt Österreichs – im ersten Link unten.
„Im Monat Jaguar bewege ich mich mit großer Geschmeidigkeit“, beginnt Heinz Janisch den Text in diesem Bilderbuch. Monat Jaguar? Hääää??? Wann ist denn der? Und wo? In welchem Kalender?
Nun der Buchtitel „Jaguar, Zebra, Nerz“, deutet schon drauf hin, dass sich wer einen Spaß mit Jänner, Februar, März erlaubt hat. Auch die anderen neun Monate haben Bezeichnungen, die eine hörbare Verwandtschaft zu den echten und mit Tieren zu tun haben. Wobei es nicht alle der zwölf „Tiere“ gibt, etwa den Locktauber, sowie Wespen-, Robben- und Zehenbären.
Der bekannte österreichische Autor Heinz Janisch hat sich von einem alten Gedicht von Christian Morgenstern (1871 – 1914) inspirieren lassen. In zwölf Zeilen unter dem Titel „Wie sich das Galgenkind die Monatsnamen merkt“ hatte er eben „Jaguar, Zebra, Nerz, Mandrill, Maikäfer, Pony, Muli, Auerochs, Wespenbär, Locktauber, Robbenbär, Zehenbär“ erfunden.
Im Nachwort zum hier besprochenen, vor ein paar Jahren schon erschienenen Buch schreibt Janisch, dass er „große Lust“ bekommen habe, „über diese sonderbaren Monate nachzudenken…“
Und so gibt es hier zwölf gefühls-starke, nicht selten auch -schwankende Texte, die mitunter von der jeweiligen Jahreszeit der Originalmonate bestimmt oder wenigstens beeinflusst sind. Im „Muli“ etwa „Vorfreude auf den Sommer und die langen Ferientage“.
Aber weit über die Jahreszeit hinaus reichen wohl von allen hin und wieder oder auch öfter scheinbar widersprüchliche Empfindungen zwischen urschwer und federleicht wie im Monat Auerochs (August) oder in einer kleinen, riesengroßen Welt wie im Robbenbär (November) wo Janischs Badewanne „groß und größer“ wird, „sie dehnt sich aus, eine Nord-Ost-West-Südsee, die nicht endet.“
Michael Roher hat die Texte als Inspiration für riesige erweiterte eigene Bilderwelten hergenommen. Die etwa dieses endlose Meer nochmals vergrößern. Oder im Jaguar mit der riesigen Tänzerin mit vielen Jaguar-Augen auf ihrem Kleid die „Geschmeidigkeit“ aus dem Text noch vergrößern lässt.
Sowohl Text als auch Bilder und nicht zuletzt Morgensterns Gedicht selbst drängen sich bei vielen möglicherweise zum Weiterspinnen von (Wort-)Bildern und gänzlich neuen fantasievollen Monatsnamen auf.
Ach ja, noch was: Das Buch wird hier gerade jetzt besprochen, weil seit Kurzem eine musikalische Theaterperformance ausgehend von diesen Monatsnamen und „Jaguar, Zebra, Nerz“ zu erleben ist: „Auerochs Zehenbär und noch viel mehr“ – als Liebeserklärung an Natur(schutz); Stückbesprechung unten verlinkt.
Während Australien seit knapp eineinhalb Monaten Jugendlichen bis 16 Jahre Social Media verbietet, andere Länder, darunter auch Österreich über Ähnliches diskutiert, ging im Vorjahr die Nutzung ohnehin zurück. Dies ergab der jüngste Jugend-Internet-Monitor der EU-geförderten Initiative Saferinternet.at. lediglich per Künstlicher Intelligenz getriebene Chatbots wie Chat GPT weisen Zuwächse auf, alle anderen Plattformen verlieren Zugriffszeiten.
Bereits zum elften Mal erhob das Institut für Jugendkulturforschung für Saferinternet.at in einer repräsentativen Studie mit Unterstützung der EU und der FFG (Österreichische ForschungsFörderungsGesellschaft) die Social-Media-Favoriten der österreichischen Jugendlichen – befragt wurden 500 Jugendliche zwischen 11 bis 17 Jahren aus ganz Österreich. Die Top 6 der beliebtesten Plattformen sind gleichgeblieben, auch in der Reihenfolge gibt es kaum Veränderungen. Allerdings verlieren alle Plattformen an Nutzerinnen und Nutzern.
Der Schwerpunkt sozialer Netzwerke hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verschoben: Direkter Austausch mit Freundinnen und Freunden verliert an Bedeutung. Stattdessen rückt das endlose Durchscrollen von Kurzvideos in den Vordergrund.
WhatsApp bleibt auch 2026 die Nummer eins – trotz rückläufiger Nutzung. Mit 82 Prozent Nutzung (davon 84 % tägliche Nutzung) führt der Messenger-Dienst das Ranking an, gefolgt von YouTube mit 76 Prozent (50 % tägliche Nutzung). Während WhatsApp im Vergleich zum Vorjahr 5 Prozentpunkte verliert, büßt YouTube 4 Prozentpunkte ein. Auf dem dritten Platz liegt die Messenger-App Snapchat mit 65 Prozent Nutzung (davon 85 % tägliche Nutzung).
Damit landet Snapchat nur knapp vor TikTok und Instagram, die jeweils von 64 Prozent der Jugendlichen genutzt werden, wobei TikTok (83 % tägliche Nutzung) den vierten und Instagram (77 % tägliche Nutzung) den fünften Platz belegt. Alle Plattformen verzeichnen deutliche Rückgänge im Vergleich zum Vorjahr: Snapchat und Instagram verlieren je 9 Prozentpunkte, TikTok 8 Prozentpunkte. Auch Microsoft Teams, mit einer Nutzung von 31 Prozent auf Platz sechs, ist um vier Prozentpunkte rückläufig.
Abseits der großen Netzwerke ist die App-Landschaft der Jugendlichen vielfältig. 31 Prozent der Jugendlichen nutzen die digitale Pinnwand Pinterest. Weiters werden die Spieleplattform Roblox von knapp einem Viertel (23 %) und die Kommunikationsplattform Discord von knapp einem Fünftel (18 %) genutzt. Die Streamingplattform Twitch kommt auf 14 Prozent. Auch diese Plattformen verzeichnen Rückgänge gegenüber dem Vorjahr. Lediglich der Messenger-Dienst Signal sowie das Internetforum Reddit (jeweils 9 %) müssen keine Verluste hinnehmen.
Der größte Verlierer des Jahres ist BeReal: Die Instant-Foto-App, die 2024 noch von knapp einem Drittel der Befragten genutzt wurde, verliert seither kontinuierlich an Bedeutung und wird 2026 nur noch von 7 Prozent der Jugendlichen verwendet.
Bei den beliebtesten sozialen Netzwerken fallen die geschlechtsspezifischen Unterschiede insgesamt gering aus. YouTube (Jungs: 79 %, Mädchen: 73 %) und TikTok (Jungs: 67 %, Mädchen: 61 %) werden zwar weiterhin etwas häufiger von Jungs genutzt. Bei WhatsApp, Snapchat und Instagram zeigen sich 2026 hingegen keine Unterschiede mehr – ein deutlicher Wandel im Vergleich zum Jahr 2025, als Snapchat vor allem bei Mädchen klar dominierte. Microsoft Teams wird, wie bereits im Vorjahr, häufiger von Mädchen (35 %) als von Jungs (27 %) genutzt.
Deutlicher werden die Unterschiede bei Video-Streaming- bzw. Gaming-Plattformen: Discord (Jungs: 28 %, Mädchen: 8 %) und Twitch (Jungs: 23 %, Mädchen: 5 %) bleiben klar männlich dominiert. Bei der Spieleplattform Roblox ist die Differenz weniger stark ausgeprägt: Ein Viertel der Jungs (25 %) nutzt Roblox, aber auch über ein Fünftel der Mädchen (21 %). Erhebliche Unterschiede gibt es dagegen bei der Nutzung der digitalen Pinnwand Pinterest, die über die Hälfte der Mädchen (55 %) anspricht, aber nur 8 Prozent der Jungs. Weitere deutliche Unterschiede zeigen sich bei Reddit (Jungs: 14 %, Mädchen: 3 %) und X (Jungs: 12 %, Mädchen: 4 %).
Der Schwerpunkt sozialer Netzwerke hat sich – wie oben schon erwähnt – in den vergangenen Jahren deutlich verschoben. Austausch mit Freund:innen, über das eigene Umfeld informiert zu bleiben oder bestimmten Personen gezielt zu folgen, gehen zurück. Stattdessen rückt das endlose Durchscrollen von Kurzvideos in den Vordergrund. Dieses Prinzip, das vor allem TikTok geprägt hat, bestimmt inzwischen die Funktionsweise fast aller großen Social-Media-Plattformen. Jugendliche konsumieren deren Content überwiegend passiv und lassen sich von Inhalten, die der Algorithmus vorschlägt, berieseln. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass viele von ihnen kaum mehr benennen können, welchen Content-Creatorinnen und -Creatoren sie tatsächlich folgen. Der algorithmische Konsum ersetzt zunehmend das bewusste Abonnieren und Verfolgen einzelner Persönlichkeiten.
KI-Chatbots sind im Alltag von 11- bis 17-Jährigen bereits fest verankert. Aus diesem Grund hat Saferinternet.at diesem Thema eine zusätzliche Erhebung gewidmet. Diese ergab: Bereits 94 Prozent der Jugendlichen nutzen Chatbots, was den beobachteten Rückgang der Social-Media-Nutzung zum Teil erklären dürfte. Hinzu kommt die enorme Vielfalt digitaler Angebote: Neben sozialen Netzwerken werden auch Streaming-Dienste wie Spotify, Netflix oder Disney+ genutzt. Unter den Jugendlichen zeigt sich zudem ein zunehmendes Sättigungsgefühl: Obwohl soziale Netzwerke weiterhin ein wichtiger Bestandteil ihres Alltags sind, äußern viele junge Menschen in Fokusgruppengesprächen mit Saferinternet.at Kritik. Als besonders störend empfunden werden die große Menge an Werbung und die ähnlichen Inhalte auf den verschiedenen Plattformen. Auch belastende Inhalte und Hasskommentare machen soziale Netzwerke für viele Jugendliche unattraktiv.
Vor zwei Wänden mit Wiesenmuster und einigen dort hinein gesteckten künstlichen Blumen tauchen zunächst abwechselnd die beiden Performerinnen Regina Picker und Karin Steinbrugger wie aus dem „Nichts“ aus diesen Wiesen-Wänden auf. Ähnlich gekleidet, wirkt’s aufs erste, als würde sich die eine in die andere verwandeln.
Mit einem Schmäh steigen sie in Wortspiele, die sich durch das Stück ziehen, ein. „Auer“ – wie meist fast wie „Aua“ ausgesprochen – bringt die eine dazu, zu fragen, wo die andere denn Schmerzen habe. Auch wenn da schon klar ist, dass es eben um Auer… geht, heißt das Stück, das am letzten Jänner-Wochenende des nicht mehr ganz neuen Jahres (2026) im Wiener WuK Premiere hatte, „Auerochs, Zehenbär und noch viel mehr“.
Die beiden Tiere haben sich die beiden, die das Stück entwickelt haben und gemeinsam mit dem Live-Musiker Carles Muñoz Camarero spielen, sozusagen doppelt ausgeborgt. Das Bilderbuch von Heinz Janisch und Michael Roher „Jaguar, Zebra, Nerz“ versammelt die von Christian Morgenstern (1871 – 1914) gedichteten zwölf Tiergattungen, mit denen er verspielt die Monate mit ähnlich klingenden Bezeichnungen benennt: Neben Jänner, Februar, März, die’s tierisch in Janischs und Rohers Buchtitel geschafft haben, noch: Mandrill, Maikäfer, Pony, Muli, Auerochs, Wespenbär, Locktauber, Robbenbär und schließlich Zehenbär für den Dezember.
Morgensterns Gedicht „Wie sich das Galgenkind die Monatsnamen merkt“ – nur mit den zwölf tierisch-verspielten Monaten, regte vor einem halben Jahrzehnt den bekannten Autor Heinz Janisch dazu an, jedem dieser Monate einen eigenen gefühlsstarken Text zu widmen. Und Michael Roher „übersetzte“ diesen in eine riesig erweiterte fantasievolle eigene Bildsprache. Neben den Monatsnamen waren das fantasievolle Spiel mit Worten und Bildern merkbar eine weitere Anregung für das nunmehrige genannte Stück.
Doch Picker und Steinbrugger machten – im Wechselspiel mit Camarero – eine völlig neue Geschichte aus den Anregungen. Abgesehen davon, dass neben den beiden titelgebenden Tieren nur mehr das Zebra als weiteres der fantasievollen Monatstiere, dafür so manch andere vorkommen, lässt das Trio vor allem in die Schönheit und Vielfalt der Natur – von Tieren UND Pflanzen – eintauchen.
Es sei auch gar nicht so einfach gewesen, aus der Fülle der anregenden Wort- und gezeichneten Bilder dann zum eigenen Stück zu kommen, erzählt Regina Picker Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… nach einer der ersten Aufführungen. „Wir haben zuerst viele der Tiere gehabt, das war eindeutig zu viel, zu verwirrend. Wir mussten streichen, streichen, streichen. Das ist jetzt so ungefähr unsere 25. Fassung…“
Konzentration auf wenige, um näher auf diese einzugehen einerseits. Der Auerochs hat’s dem Team deswegen angetan, weil es eines der ersten Tiere ist, das die Menschen ausgerottet haben. Seit mehr als zehn Jahren gibt es erfolgreiche Projekte, mühevoll in Naturparks vor allem mit Hilfe moderner Gentechnik – aus DNA von rund 7000 Jahre alten Fossilen – dass Auerochsen einigermaßen „rückgezüchtet“ werden konnten.
Dieser sorglose Umgang und die mühsame Arbeit, Natur (wieder) zu schützen, nicht zuletzt subtil und „nebenbei“ Klimakrise ins Spiel zu bringen, ist dem Team ein Anliegen – und kommt aber ganz ohne Zeigefinger, schön eingebettet in der Geschichte vor.
Als Gegenstück zur doch wuchtigen Hörnermaske sollte dann der Zehenbär in Erscheinung treten – mit bunten Zehensocken Pickers – und dem fast naheliegenden Wortspiel zu zehn – Fingern, Zehen, Blumen, Schritten rund um ein blaues Stück Stoff als „See“ oder „Meer“, naja jedenfalls „mehr“… Bis gar gegen Ende die Zuschauer:innen nach ihren Lieblingstieren gefragt werden. Vor allem der Komponist und Live-Musiker Carles Muñoz Camarero versucht, die Genannten mit Tönen auf dem Cello und einem eher ungewöhnlichen Instrument, einer schwedischen Nyckelharpa (Schlüsselharfe oder auch -geige), einem Mix aus Saiten- und Tasteninstrument, klingend und mimisch zum Bühnenleben zu erwecken.
Ein dunkler Erdhügel, allerlei Grünzeug sprießt daraus hervor und einige Karotten schauen aus der Erde, verstreut kugeln zwei grüne Gummistiefel irgendwo in der Gegend und eine Gießkanne ist von einer Art Hut mit schneckenförmigem Muster bedeckt (Bühnenbild: Gernot Ebenlechner). Gina, so heißt die Schnecke, die Schauspielerin Cordula Nossek (Regie: Beate Sauer) hervorzaubert – unter dem Hut mit ihrer Hand und zwei Fingern, die dank Fingerhüten mit Augenpunkten zu deren Fühler werden.
Fast eine ¾ Stunde zieht sie in dem Stück, mit dem sie derzeit durch einige Spielorte von Junge Theater Wien tourt (siehe Info-Box am Ende des Beitrages), junges und jüngstes Publikum in ihren Bann. Lässt die Schnecke Salat speisen – zum Gaudium der Zuschauer:innen dabei rülpsen.
Doch hat es nun schon lange nicht mehr geregnet, Trockenheit droht. Vielleicht hilft eine Art Regentanz. Und in der Tat „zaubert“ sie Wasser herbei – was bei einer Aufführung in der VHS Großjedlersdorf Kinder fragen ließ „ist das echtes Wasser?“ In ihrem Spiel spricht Nossek immer wieder das eine oder andere Kind mit Merkmalen der T-Shirts oder deren Bewegungen an.
Lediglich der Stücktitel ist mit „Schneckenalarm“ naja verwirrend, bedeutet er doch für Gärnter:innen eher Angst, dass die (behausten) Weichtiere über das Gemüse herfallen, weshalb die zu unterschiedlichen Fallen und Abwehrmitteln greifen. Das (Schau-)Spiel hingegen macht Lust auf gärtnern, Gemüse und auch auf lebendige Schnecken.
Weißlich Plüschwand in Form eines einfachen Hauses, wie es die meisten schnell mal zeichnen. Der Boden davor in der gleichen Form, als wär’s der gleich helle – nicht verzerrte – Schatten (Bühne und Kostüm: Caro Stark). Auf diesem ein ebenfalls plüschiger Hocker und auf diesem liegt – alle Viere von sich streckend – eine Frau im Business-Kostüm. Ach ja, in der Hauswand unten eine durchsichtige Katzenklappe, die Blick auf Grünlich-Glitzerndes ermöglicht.
Um Katze(n) und Menschen, um die Verwandlung einer Zwei- in eine Vierbeinerin dreht sich der vom „Ensemble für unpopuläre Freizeitgestaltung“ inszenierte Monolog von Caren Erdmuth Jeß „Die Katze Eleonore“. In einem extrem körperlichen, kraftvollen, energiegeladenen mit dem assoziativen, teils sprachspielerischen Text lässt Darstellerin Maria Fliri schon die Immobilien-Maklerin mehr und mehr zur alternativen, zur anderen Existenz werden, bis sie sich vollends fellig auf offener Bühne umzieht und auch am Ende die Landschaft verwandelt (Regie: Stephan Kasimir).
Sie schlüpft aber auch kurzfristig in die Rollen ihres Vorgesetzten, einer Kollegin und vor allem immer wieder ihres Therapeuten „Wildbruch“, spezialisiert auf „Identitätsthemen“. Seine Fragen und Sager gehen in Richtung vermeintliche / vermutete / wohlmeinende Existenzängste der Aussteigerin aus dem Business gepaart mit – anfänglich – ziemlichem Unverständnis dafür. Doch seine „Klientin“ lässt sich nicht beirren, geht, springt, tanzt, schleicht, konsequent den Weg in Richtung Unabhängigkeit und Überwindung von Normen der „Normalität“ – wie sie (viele) Menschen sehen.
Und eröffnet Denk- und Gefühlsräume – Abschütteln von Zwängen einer- und menschlicher Sicht auf Tierwelt, die Erde, den Kosmos überhaupt. Reißt aber auch das Spannungsfeld zwischen Instinkt und Vernunft auf.
Wo üblicherweise Publikum Theatervorstellungen oder Tanz- und andere Performances verfolgt, mitunter auf Tribünen-Publikums-Reihen oder wo selbst abgetanzt wird, standen Donnerstagabend (22. Jänner 2026) festlich gedeckte Tische. Fünfgängige Menüs – fleischlich oder vegan – wurden serviert. Jede Speise ein eigenes Kunstwerk. Oft viel zu schade, um zerstört zu werden. Aber der Geschmack – so die Festgäst:innen – stand dem optischen Genuss in nichts nach.
Eingelanden in den großen Veranstaltungssaal des WuK (Werkstätten- und Kulturhaus) in Wien-Alsergrund hatten Schüler:innen, Absolvent:innen und Lehrpersonen der öffentlichen Tourismusschule Bergheidengasse (HLTW, Wien-Hietzing). Die Festgäst:innen finanzierten mit ihrem Menü- UND Kultur-Ticket das neue Charity-Projekt dieser Schule. Bei dem am Ende 15.000 Euro für das Wiener Integrationshaus zusammenkamen.
Die ersten von gut 100 Jugendlichen, die im Einsatz waren, begannen mit der Aufbauarbeit um 10 Uhr Vormittag, die letzten verließen einiges nach 2 Uhr früh die Eventlocation nach dem Ende des Clubbings.
Mehr dazu auch in der unten verloinkten Reportage über das vorbereitende Kochen in der Schulküche.
Auf einem Kasten mit etlichen Klappfenster liegt ein großes Schachbrett. Auf dem Feld nur mehr die beiden Könige, dazu noch bei Weiß ein Pferd / Springer, ein Läufer und drei Bauern; Schwarz verfügt nur mehr neben dem König über einen Bauern. Im Hintergrund steht mit Kreide geschrieben: „Matt in 8“.
Neben dem Kasten steht noch ein Sessel mit kleinem, handelsüblichem Schachbrett.
So präsentiert sich die Bühne – auf einem geknüpften Teppich – für das Stück „Der kleine Diktator“ mit Untertitel „Chef werden – eine Anleitung“ der vor allem auf Objekt- und Figurentheater spezialisierten Gruppe „Die Kurbel“. Derzeit gastiert sie mit dem Stück bei „Junge Theater Wien“, tourt aber gern auf Anfrage auch durch Schulen und andere Orte.
Am Anfang Schnarchgeräusche aus dem Hintergrund, die Figuren beginnen scheinbar zu sprechen und versetzen und in eine Schulstunde. Der Läufer jammert, die Hausübung nicht gemacht zu haben, das Pferd wiehert, irgendwer ruft warnend „er kommt“. Der Schachlehrer taucht auf, und versucht nach der Lösung für Lektion 421 zu fragen – der Ausgangsposition die zu Schachmatt in acht Zügen führen soll. Im Schnelldurchlauf erklärt er’s einmal, zwei Mal, drei Mal samt „vergifteten“ Zügen, die scheinbar harmlos wirken, aber dann…
Figuren wandern irgendwie magisch über Felder und lehnen sich gegen den Lehrer auf. „Ich mag nicht mehr hier stehen“, bewegt sich der Turm wie von Geisterhand von seiner auf die gegenüberliegende Grundlinie – inzwischen hat der „Lehrer“ (Schau- und Figurenspieler Fabricio Ferrari) alle weißen Figuren in die Ausgangsposition gestellt, der Bauer vor dem Turm hat sich selber entfernt. Aus einem der Klapp-Fenster taucht der Kopf eines zweiten Spielers auf (David Fuchs), was auch die Magie der Figurenbewegungen erklärt. Und an den legendären „Schachtürken“ erinnert – einen angeblichen mechanischen Schachroboter aus 1769, in dem aber ein menschlicher Schachspieler versteckt war.
Der Widerpart aus dem Kasten lässt die Figuren sagen, dass sie nicht tun müssen, was der Schachlehrer anordnet, sie hätten die Wahl, das sei eben Demokratie. Was der Lehrer zunächst mit dem Wortspiel Wahl = Qual beantwortet, um hernach dem König den Kopf abzubeißen, ihm einen Luftballonkopf zu verpassen und diesem aufgeblasenen Kopf auch die Luft auslässt.
Mit der Demokratie hat’s der Herr Lehrer nicht so, aber die alte Monarchie habe auch ausgedient. Er selbst wolle sich gern wählen lassen – zum Chef. Und zwar zu einem unumschränkten – womit wir beim Titel des Stücks „Der kleine Diktator“ und seinem Untertitel wären.
Und – ohne es im Stück anzusprechen – bei einer der Inspirationen für das Stück, neben der anderen von Charlie Chaplins „großem Diktator“: Das Buch der italienischen Autorin Michela Murgia „Faschist werden – Eine Anleitung“ (Übersetzung ins Deutsche: Julika Brandestini, Verlag Klaus Wagenbauch, Berlin).
Ihre acht Schritte absoluter, unumschränkter Chef zu werden – klingt ja viel moderner als Diktator – verwandelt „Die Kurbel“, die als Figurentheater rasch Schach als DAS Machtspiel gefunden hatte, in acht Züge
1. Feindbilder: In diesem Fall wird eine übergroße Playmobilfigur aufs Feld gestellt. Erstens bunt, zweitens Arme und Beine – also anders. Schuld an allem.
2. Angst bei den eigenen Figuren gegenüber diesem Angehörigen der „anderen“ schüren
3. … ach nein, alles soll hier sicher nicht gespoilert werden, das Stück ist spannend zu erleben, auch wie die beiden auf der Bühne im immer stärker werden Wechsel- und Kontraspiel der eine die acht Züge entwickelt, der andere doch versucht dagegen zu halten.
Angeteasert werden sollen hier nur lediglich zwei der weiteren Schritte / Züge: Popolismus – bewusst mit diesem einen anderen Buchstaben gespielt und dem einander nicht zuhören – das beide meisterhaft bis hin zum Schrei-Duell exerzieren. So manches kommt einem da aus dem Gruselkabinett der aktuellen (Welt-)Politik mehr als bekannt vor.
Wobei das Stück viel öfter und leichter die satirisch überhöhte Darstellung bricht als das Buch, das durchaus dazu verleiten könnte, auf diese Ideologie auch reinzukippen.
Verraten möchte ich dennoch, dass Fabricio Ferrari am Ende aus seiner Rolle aus- und in sein Leben einsteigt. Dabei schildert er berührend, wie er als Kind in Uruguay (Südamerika) südlich von Brasilien, östlich von Argentinien, in den 13 Jahren Militärdiktatur aufgewachsen ist. Wie er riesengroße Angst der Menschen aber auch beginnenden und schließlich erfolgreichen Widerstand der Donnerstags-Protestaktionen erlebte, die letztlich zum Sturz der Diktatur und Rückkehr zur Demokratie führten.
Konzept, Dramaturgie und der immer wieder auch gruselig-humorvoll Text stammen von Lisa Fuchs, Regie und Gestaltung von Erik Etschel; Figuren-, Kostüm- und Bühnenbau haben neben Fabricio Ferrari, der ja auch spielt, Emanuela Semlitsch und Sofie Pint vorgenommen – Schachfiguren aus Pappmaschee und die übergroße Playmobilfigur aus dem 3D-Drucker.
Ausgehend von dem angeblichen, so manche meinen eher inszenierten, Putschversuch Mitte Juli 2016 in der Türkei, beschreibt Ece Temelkuran in „Wenn dein Land nicht mehr dein Land ist oder Sieben Schritte in die Diktatur“ die Entwicklung ihrer Heimat in ein autoritäres System unter Recep Tayyip Erdoğan.
„Die Verwandlung des Populistenführers von einer Witzfigur in einen furchteinflößenden Autokraten vollzieht sich meiner Erkenntnis nach in sieben Schritten, mit denen er die gesamte Gesellschaft seines Landes von Grund auf korrumpiert“, schreibt die Autorin. Und warnte damals schon, Trump war erstmals Präsident (2017-2021), Großbritannien hatte mehrheitlich für den Austritt aus der EU gestimmt, dass ähnliche Szenarien auch „dem Westen“ nicht erspart bleiben würden. „Ob Sie es glauben oder nicht – das was in der Türkei passiert ist, blüht Ihnen erst noch. Dieser politische Irrsinn ist ein globales Phänomen…“ – und das wurde vor sieben Jahren veröffentlicht.
Gründen Sie eine Bewegung / Zersetzen Sie das Vernunftprinzip und terrorisieren Sie die Sprache / Schaffen Sie das Schamgefühl ab: Im postfaktischen Zeitalter ist unmoralisches Verhalten gefragt / Demontieren Sie die rechtlichen und politischen Grundlagen / Entwerfen Sie Bürger nach Ihrem Geschmack / Sollen sie über das Grauen lachen! / Erschaffen Sie sich Ihr eigenes Land – heißen die einzelnen Schritte / Kapitel ihres Buches – Details unten in der Info-Box.
„So entsteht ein neuer Zeitgeist, ein historischer Trend, der die Banalität des Bösen (Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen von Hannah Arendt, Anm. der Redaktion) in das Böse der Banalität verwandelt.“
Vor, neben, zwischen und unter einer doppelten Bühne spielen die Performer:innen (ihre) Verwirrungen aus. Zwischen sch… auf alles, konfusen (Traum-)Bildern und der Frage: Widerstand oder aufgeben? „Out Loud – Resistance“ ist einerseits ein zweiter Teil einer Trilogie mit dem Titel-Teil „Out Loud“ (Link zur Besprechung von Teil 1 am Ende des Beitrages) und andererseits die erste Produktion eines neuen Kollektivs namens Gobo Performs, hervorgegangen aus der Theater-Akademie DiverCITYLAB.
Wie so manch andere aktuelle Bühnenproduktion kreist diese einstündige Performance rund um ein angesichts der verwirrenden, unerwarteten, bedrohlichen Entwicklungen der (Welt-)Politik rund um diese innere Zerrissenheit vieler Menschen, die mit autoritären, zerstörerischen Mächten nichts zu tun haben wollen: Ich kann nicht mehr, es hat alles keinen Sinn (mehr) auf der einen und jetzt erst recht müsste was und sogar ziemlich viel getan, dagegen gehalten werden.
Und dennoch schaffen die Akteur:innen zwischen einer schwebenden, hängenden Tischplatte mit einem Modell, das Ab- oder Vorbild für die Bühne (Szenografie: Ece Anis Kollinger) im Hintergrund vor der geschwungenen Treppe im Theater am Werk Stephansplatz ist, nicht destruktiven Pessimismus zu verbreiten. Immer wieder mit kräftigen Portionen von Selbstironie spielen Rae (Anillo Sürün), Com (Charlotte Zorell), Ve (Violetta Zupančič), Kuf (Evrim Kuzu) und die Erzählerin Didem Kris – letztere mal aus dem off, dann wieder mitten im Geschehen. Letztere hat auch Regie geführt sowie – gemeinsam mit Berk Kristal und Anna Schober den Text, teils in Englisch, teils in Deutsch – geschrieben.
Mit- und gegeneinander werden diskursiv Sinnfragen gestellt und darüber performativ gestritten. Als weiterer Performer musiziert Aras Levni Seyhan live von einer Art überhöhten Kanzel. Das schon erwähnte Ebenbild der Bühne im Hintergrund als Modell auf der schwebenden Tischplatte hat übrigens noch einen Untergrund, eine bizarre, morbid wirkende Höhlenlandschaft, die Anklänge an das erste „Out Loud“-Stück enthält, das zwischen Wirklichkeit und Träumen im Untergrund spielte.
Die zu Beginn angesprochenen emotionalen und geistigen Widersprüche manifestieren sich gegen Ende besonders stark, wenn Charlotte Zorell einerseits stöhnend, schnaufend ausführt „ich kann nicht mehr“ und ihrem Monolog dennoch eine kämpferische Stärke verleiht. Und dem Publikum keine Antworten auf eigene Zerrissenheiten mit auf den Weg gibt, sondern vielleicht Denk-und Gefühls-Anstöße für eigenes (Hinter-)Fragen.
Die einen schneiden Pilze, die anderen schälen Mandarinen, unter anderem Ines Schatzmayr und Sarah Haczay befreien die Mandarinenschalen vom Weiß, denn die Schalen wandern nicht in den Abfall, sondern werden im Ofen zu Chips getrocknet. Daneben rollen Jugendliche Teig zu dünnen Stangen, schneiden kleine Stückerln ab und drücken mit einem Rundmesser diese zu Muscheln, im Fachjargon Cavatelli (Italienisch für hohl).
In einer anderen Ecke der professionellen Großküche, einer von mehreren in der öffentlichen Tourismusschule Bergheidengasse (Wien-Hietzing, 13. Bezirk), liegen Rinderschultern in Metallwannen. In einer riesigen, beheizbaren Wanne röstet Absolvent Clemens Groß Zutaten für die Bratensoße an, viele Liter dieser gemüsehaltigen Soße können, dank Kipp-Mechanismus dann in einen hohen Topf abfließen und müssen nicht rausgeschöpft werden.
Eine grüne Soße in einer kleinen Metallwanne ist nicht wie’s aufs erste vielleicht ausschauen mag Cremespinat, sondern feingemixter Schnittlauch. In einem Spezialverfahren gewinnen die jungen Köchinnen und Köche daraus Öl: Zunächst gießen sie den Wanneninhalt in ein in einem Metallsieb liegendes Tuch, binden das Tuch zu und hängen es auf. Durch das Eigengewicht – „Wunder“ Schwerkraft – tropft das Öl in einen darunter stehenden Topf.
Woran hier Schülerinnen und Schüler der 3. und 4. Jahrgänge samt dem schon oben erwähnten Absolventen (2020), der Küchenchef im Refugium Lunz ist, und Kochlehrer Kristijan Bačvanin arbeiten, sind Teile eines fünfgängigen Menüs für ein neues Charity-Dinner dieser Schule – samt Kulturprogramm im WuK (Werkstätten- und Kulturhaus) am 22. Jänner 2026 – für 185 Gäst:innen, nochmals mehr als 100 werden dann zum anschließenden Clubbing dazustoßen (Details siehe Info-Box am Ende des Beitrages).
Eineinhalb Jahrzehnte lang haben Jugendliche dieser HLTW (Höhere (Bundes-)Lehranstalt für Tourismus und wirtschaftliche Berufe) Jahr für Jahr in einem Hotel, zuletzt gut zehn Jahre in jenem am Rennweg, unter dem Titel „Theaterhotel“ für Gäste aufgekocht und ihnen auch Kulturprogramm serviert. Dieses Projekt wurde im Vorjahr von der privaten Tourismusschule Modul übernommen, „aber schon davor haben wir nach einem neuen Projekt Ausschau gehalten, wir wollten jedenfalls wieder unsere Kompetenzen beim Kochen, im Service und beim Organisieren von Kulturprogramm verbinden und das für einen guten Zweck“, fasst Franziska Granzer aus dem Maturjahrgang für Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… zusammen, bevor sie wieder in den Unterricht muss. Sie ist eine der Projektleiterinnen gemeinsam mit Victoria Nagy. Rund 100 Schülerinnen und Schüler sind für die Veranstaltung im Einsatz, gekocht wird seit Montag, aber viele der organisatorischen Arbeiten haben schon bald nach Beginn des Schuljahres im Herbst angefangen, Vorgespräche wie erwähnt schon im vergangenen Schuljahr.
„Im November 2024 haben wir mit den ersten Ideen begonnen, das WuK als Location war blad klar, weil unsere Schule mit dem Kulturzentrum mehrere Kooperationen hat. Der Titel war nicht so einfach, wir haben viele Vorschläge gehabt. Und weil der Absolventenverein stark involviert ist, sind wir auf „klingt nach“ gekommen. Genauso wichtig war uns, dass es wieder eine Charity-Veranstaltung wird. Dank einiger Kontakte haben wir uns das Integrationshais ausgesucht. Im Herbst waren einige von uns schon dort und haben Interviews geführt. Natürlich kommen auch einige Leute aus dem Integrationshaus zur Veranstaltung.“
Im Hotel konnten die Jugendlichen die in der Schulküche vorgekochten bzw. vorbereiteten Speisen(teile) in der dortigen Küche fertigstellen, kühl lagern, aufkochen… all das geht im WuK nicht. „Da müssen wir auch die Kühlschränke und Öfen mitnehmen“, verraten Manuel Sänger und Daniel Siegmund vom Organisationsteam dem Reporter. „Aber zum Glück haben uns die Absolventen ein großes Transportauto zur Verfügung gestellt.
Die Verwandlung der Mandarinenschalen in Chios ist nicht nur ein Gag, sondern Teil des Konzepts, möglichst nachhaltig zu arbeiten, erklärt der erwähnte Lehrer Kristijan Bačvanin, der vor einem ¼ Jahrhundert die Bergheidengasse absolviert hat (2000) und einer von sieben Lehrpersonen ist, die direkt am Projekt „kochlöffelführend“ tätig sind. „Wir verwenden Bio-Sojasauce aus Oberösterreich, Miso (Paste aus Sojabohnen) aus der Steiermark“, verkündet und zeigt er stolz und gesteht „aber die Algen sind natürlich nicht regional“.
Begleitend zu durchaus ausgefallenen Speisen wie „Buddhas Hand“, eine spezielle Zitrusfrucht aus den Schönbrunner Bundesgärten, Flower Sprouts, einer Mischung aus Kohlsprossen und Grünkohl, und vielem mehr, entführe „lnsingizi feat. Pascal Loponogo“ auf eine musikalische Reise nach Zimbabwe. Die Kabarettistin Aida Loos „serviert“ zum Dessert Auszüge aus ihrem „Best of“-programm, um Lachmuskeln zu stimulieren. DJ Nitkov sorgt parallel zu Tichys Eismarillenknödel für lässige Beats.
Nach dem Dinner verwandeln die Schüler:innen den großen Saal in eine Clubbing-Location, bei der DJ Fisso – DJ Andrea Fissore, Drumatical Theatre, Juicy Crew feat. DJ Jessy Gem & Silybeatz für tanzbare Rhythmen sorgen.
Ein laaanges Fahrrad – gleich Platz für vier unterschiedliche Kinder, drei davon, die in die Pedale treten, das vierte und Jüngste sitze in einem Korb am Ende, ein kleines Hündchen noch dazu in einem Korb vor der ersten Lenkstange. Und vorwärts geht’s nur gemeinsam.
Mit diesem schon so vielsagenden gezeichneten Bild von Zinelda McDonald startet das von ihr und der in Johannesburg lebenden Autorin Refiloe Moahloli Buch „Wir sind eins“ (Übersetzung aus dem Englischen: Africandiva alias Fatima Sidibe).
Und weiter geht’s in dieser Tonart – mit wenigen, knappen Sätzen und farbenfrohen, fröhlichen Bildern. „Wenn ich in diene Augen schaue, sehe ich mich selbst. Ich bin du und du bist ich“, heißt es etwa auf der ersten Doppelseite dieses Bilderbuchs – mit zwei Kindern, großen Augen und mitten unter bunten Blumen.
Egal ob weiß oder schwarz, im Rollstuhl oder nicht, mit Blindenstock, spielend, tanzend, springend, auf oder unter Bäumen – jede der Doppelseiten beschreibt und bezeichnet das eine oder andere Element der Philosophie „Ubuntu“ aus dem südlichen Afrika. Respekt füreinander, Achtung voreinander, Leben miteinander… trotz oder gerade weil vielfältig, ob Hautfarbe, Handicaps oder nicht, egal welche Religion oder Sprache. Fein wäre nur gewesen, wenn auf der Doppelseite mit verschiedenen Sprachen noch – vielleicht auch „nur“ im Anhang erklärt worden wäre, dass es sich um Xhosa, Sesotho, Afrikaans neben Deutsch und Englisch handelt – und was die Sätze, die nicht alle das gleiche bedeuten, heißen.
Am Ende des Buches erklärt die Kinderbuchautorin Minitta Kandlbauer, die auch die Umschlaggestaltung des deutschsprachigen Buches gemeinsam mit der Illustratorin vorgenommen hat, den aus den Bantusprachen Zulu und Xhosa kommenden Begriff, der bedeutet: „Ich bin, weil wir sind.“
PS: Unten ist eine Wikipedia-Seite verlinkt, auf der du ein Video findest, in dem Nelson Rolihlahla Mandela (1918 – 2013) in einem Interview Ubuntu mit praktischen Beispielen erklärt – auf Englisch mit deutschen Untertiteln. Mandela war der vielleicht berühmteste Freiheitskämpfer gegen die Apartheid, die jahrzehntelang die schwarze Mehrheitsbevölkerung Südafrikas rechtlos hielt. Dafür musste er sogar mehr als ¼ Jahrhundert im Gefängnis verbringen. 1994 wurde er dann der erste schwarze Präsident des Landes.
Zu einem Ausflug auf den afrikanischen Kontinent in eines der nicht näher bestimmten 55 Länder lädt die Schauspielerin ein. Knallrote Sonne auf der schwarzen Stoffrückwand, ein blaues geschwungenes Stoff-Flussband, ein Hocker aus Zweigen, „Erde“ und eine Art Baum aus geflochtenen Seilen – Naturmaterialien, die sie einst unter anderem in Nigeria erworben hatte. Und dann liegt da ein großes Ei mit schon angedeutetem Knacks.
Natürlich erraten die zuschauenden Kinder, dass da wohl ein Krokodil rausschlüpfen wird, heißt das nicht ganz ¾-stündige Stück von Dachtheater, mit dem Cordula Nossek derzeit bei Junge Theater Wien (Details siehe Info-Box am Ende) an mehreren Spielorten auftritt „Krokodilstränen“ (Text von ihr und Gernot Ebenlechner, der auch für Regie und Bühnenbild verantwortlich ist).
Das später entschlüpfende Krokodilbaby ist eine Schaumstoff-Handpuppe, der die Schauspielerin Stimme und Gefühle verleiht. Sie gibt aber unter anderem auch einen Vogel Strauß – wofür ihr zwei zu Augen „verzauberte“ Kugeln zwischen Fingern und ein entsprechender Gang über die Bühne reichen. Aus dem „Fluss“ lässt sie auch das Wasser mit einfachsten Mitteln steigen und sogar scheinbare Spritzer ins Publikum fliegen. Die Bilder entstehen in den Köpfen der Zuschauer: innen.
Ach ja, von wegen Tränen, der Begriff wird ja meist dann verwendet, wenn Menschen nicht echt, sondern nur vorgetäuscht weinen. Er beruht darauf, dass bei Krokodilen Tränen fließen und Laute ausstoßen, die an kindliches Weinen erinnern, wenn sie Beutetiere fressen. Ihnen wurde seit Jahrtausenden unterstellt, so erst Beute anzulocken. Dabei dürfte einfach das weit geöffnete Maul auf die Tränendrüsen der Reptilien drücken.
Jedenfalls sind diese lautstark in eine Schüssel fallenden, schweren, glänzenden Tränen aus geschliffenen Kugeln aus Nigeria, ein Erlebnis für das mit dem kleinen Krokodil mitfiebernden (nicht nur) jungen Zuschauer:innen bei dem Ausflug in brennheiße Hitze in kalten Wintertagen.
Ein Text vier Mal gleich hintereinander gespielt – und doch weder gleich und damit auch nicht fad. „Staatsfragmente“, geschrieben von Kiki Miru Miroslava Svolikova, „zerlegt“ Herr-schaftsformen derzeit im Theater Drachengasse. Regisseurin Valerie Voigt siedelt das „Königsmärchen“ (so der Untertitel) einmal in der ersten Runde in der Steinzeit an. Die Menschen bewegen sich da eher äffisch mit überlangen Armen auf allen Vieren voran. Das Auftauchen eines – längst ausgestorbenen – Dinosauriers irritiert doch, oder ist es ein Element von Humor?
Die Wiederholungen spielen sich dann zunächst im 13. Jahrhundert rund um eine Papstwahl ab, hernach im monarchistischen Absolutismus und schließlich zwischen Gegenwart und Zukunft ab.
Die vier Schauspieler:innen – Johanna Sophia Baader, Lukas Haas, Nataya Sam, Sebastian Thiers – wechseln dabei jeweils in einer der Perioden in die Rolle des „Königs“ bzw. Papstes, das heißt eigentlich der Päpstin. Die anderen drei sind Berater:innen, die immer wieder darüber stöhnen, dass die herr-schende Person stets zu nächtlichen Treffen „einlädt“, um die Frage zu klären, soll sich Monarch:in, Päpst:in… dem Volk zeigen und wenn ja, in welchem Gewand (üppige Kostüme: Kostüm: Katia Bottegal, im Gegensatz zur schwarz-weißen Bühne von Thomas Garvie).
Mit dem Volk zeigen sich alle eher bis sehr unzufrieden, raten dazu, ein neues zu wählen. Und bleiben damit immer auf der Seite der Machthaber:innen. Was das Volk will, und ob sich dieses nicht lieber einen anderen oder gar keinen „König“ wünscht oder angesichts diktatorischer Regimes lieber selber das Land verlässt – das interessiert nicht einmal auch nur eine der Beratungspersonen, geschweige denn die jeweils herrschende Figur. Die immer wieder mit Wortspielen ausgehend vom untertänigen „Durchlaucht“ humorvoll bis hin zu „Knob-lauch“ in Frage gestellt wird.
Auch wenn in jeder der vier Wiederholungs-Episoden ein anderes Thema – in schwimmender Schrift projiziert: Sprache und Gewalt / Glaube / Inszenierung / Technik – in den Fokus rückt und damit nicht nur die Rollen getauscht werden, so demaskiert das 1½-stündige Stück die (fast) immer gleichen Mechanismen Mächtiger. Mit einem dezenten Anflug von Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“, wenn die vier am Ende ihrer Kleider entledigt werden und – nicht nackt, aber in Unterwäsche – dastehen bzw. -sitzen.
„Jin îyan, Azadî“ (Frau – Leben – Freiheit), die Demonstrations-Losung, die nach dem gewaltsamen Tod der kurdischen Iranerin Jîna Mahsa Amini 2022 weltweit bekannt wurde, war Samstagnachmittag (17. Jänner 2026) vielfach und lautstark am Wiener Stephansplatz zu hören. Eine andere der Losungen bei dieser Kundgebung „für Freiheit im Iran“ war: „Nieder mit der Diktatur!“ Und natürlich durfte der All-Time-Slogan-Hit „Hoch die internationale Solidarität!“ nicht fehlen.
Iranische Flaggen – ohne das vom Mullah-Regime eingeführte Hoheitszeichen in der Mitte bzw. ältere Versionen der Fahne -, und viele kurdische Flaggen hatten Teilnehmer:innen mitgebracht. Erinnert wurde dabei nicht nur an den oben erwähnten Tod der 23-Jährigen in der „Obhut“ uniformierter Kräfte, die sie bei einer Demonstration festgenommen hatten. Kurd:innen sind eine der Volksgruppen im Iran, die diskriminiert werden. Angesprochen wurde aber auch, dass die neue syrische Regierung ebenfalls Kurd:innen bekämpft. Ähnliches gilt für die Türkei. Wo die Kampfparole „Jin îyan, Azadî“ (Frau – Leben – Freiheit) schon jahrzehntelang erklingt. Dort wo linksdemokratische, kurden-affine Parteien – die müssen sich in der Türkei immer wieder neu gründe, weil das dortige autoritäre Regime Erdoğans sie häufig verbietet – bei Wahlen antreten, tun sie das übrigens stets mit einer gleichberechtigten Doppelspitze aus weiblichen und männlichen Kandidat:innen.
Zur Kundgebung – eine von vielen Aktionen in den vergangenen Tagen – und weitere folgen – aufgerufen hatten mehrere säkular-demokratische Gruppen. Sie klagen nicht nur das seit fast 50 Jahren herrschende Regime, sondern verlangen nach Demokratie und wenden sich auch gegen die vielfach ins Spiel gebrachte Wiederinstallierung des Kaiserhauses Pahlavi.
„In diesen schicksalhaften Augenblicken hat die Regierung der Islamischen Republik einen Massenmord unmenschlicher Natur begangen. Um ihre Repression fortzusetzen und das Ausmaß ihrer Verbrechen zu verschleiern, hat dieses Regime das Internet und den freien Informationsfluss gekappt, um die Stimmen der freiheitsliebenden und wehrlosen Menschen zum Schweigen zu bringen.
Wir, die iranischen säkularen Demokrat*innen in Österreich, stehen an der Seite aller freiheitsliebenden Kräfte, an der Seite der Protestierenden im Iran. Wir sind entschlossen, die Stimme der Menschen zu sein, die sich mutig der Tyrannei widersetzen. Lasst uns der Welt zeigen, dass das verbrecherische Regime im Iran illegitim ist.
Mit internationaler Solidarität kann unser Ruf nach Freiheit das Ende der Tyrannei und den Beginn von Freiheit, Demokratie und nationaler Souveränität einläuten und ein Licht in der Dunkelheit sein.“
Auf diese tödliche Aktualität hätte die Theatergruppe liebend gern verzichtet. So widmen „Die Fremden“ ihr jüngstes Stück „Fighting Dušman“ im Wiener Off-Theater den mutigen Menschen im Iran. Trotz massenmörderischer Schüsse des wankenden Systems der Ajatollahs gehen sie zu Zehntausenden auf die Straße. Protestieren nicht nur wegen der unleistbaren Preissteigerungen, sondern fordern immer wieder auch das Ende der Diktatur.
Und dennoch ist das aktuelle Stück, an dem die multikulturelle außerberufliche (früher Amateurtheater) Gruppe intensiv ein Jahr lang gearbeitet hat, nicht (nur) auf dieses Land, das derzeit im Fokus der Nachrichten steht, fokussiert. Die Story des rund 1½-stündigen Stücks richtet sich gegen jede Form undemokratischer Herrschaft. So tritt Herr Dušman (Markus Payer), der gern Länder annektieren bzw. Wahrheit oder Pflicht spielt samt Todesschüssen für unerwünschte Anworten, tritt in einer antiken Toga auf; mit Blumentopf als Krone auf dem Kopf. Lächerlich machen ist schließlich eine Form des Widerstandes. Frau Dušman (Sabrina Bee) ist mit einer Art Turban bestätigend an seiner Seite.
Das Wort steht sowohl in den BKS-Sprachen (Bosnisch, Kroatisch, Serbisch) als auch im Türkischen (Düşman) sowie auf Farsi / Persisch als Dashman) für Feind.
Alle Protagonist:innen treffen zu Beginn immer wieder auf einem Flachdach aufeinander – mit guter Aussicht ins gegenüberliegende Theater bis hinein zur Bühne. Die beiden Mädchen Elena (Rabia Alizada) und Pegah (Yasmin Navid) sind Vorkämpferinnen gegen das Regime; Letztere ein bisschen mutiger, erstere rät immer wieder zur Vorsicht.
Das Flachdach ist nicht nur Aussichts„warte“. In der Fantasie der hier aufeinander Treffenden mutiert es mitunter zum fliegenden Teppich oder zum Nest für Greifvögel.
Pegah landet eines Tages im Gefängnis, dessen Wärter Yuri (Garegin Gamazyan) lange Zeit nicht einmal mit ihr spricht, sie dafür aber immer wieder, wenn sie auch hinter Gittern sich nicht einschüchtern lässt, schlägt. Wobei die Schläge völlig kontaktlos gespielt werden, weit voneinander entfernt führt der Wärter Schlag-Bewegungen aus. Armbewegungen des einen und das Zusammenzucken samt Schreien der anderen reichen aus, um die Zuschauer:innen bis tief unter die Haut zu berühren.
Zeitsprung: 30 Jahre später, Elena und Pegah haben unterschiedliche Entwicklungen durchgemacht und sich weit voneinander entfernt, nachdem Erstere die Freundin, die sich bei ihr vor Verfolgung versteckte, weggeschickt hatte. Die ältere Pegah (Sofie Leplae) ist nach wie vor Widerständlerin – und jetzt im Gefängnis. Elena (Katerina Rumenova Jost) ist nun mit dem regimetreuen, speichelleckenden Theaterregisseur Andrej (Armen Abisoghomyan) verheiratet. Seine Sklavin trifft’s viel eher. Dass sie ab 5 Uhr früh in der Fabrik arbeitet, ist ihm egal, sie muss ihm sein Hemd richten, im Theater in der Garderobe einspringen, seine Texte korrigieren und noch der immer wieder anrufenden Tochter Miriam (Bojana Djogović) helfen und für die Star-Schauspielerin Olga (Vanda Sokolović) noch deren Lieblings-Bluse umschneidern, damit diese beim Treffen mit dem Präsidenten und seinen Freunden glänzen kann.
Vom Treffen mit den hohen Herren kommt Olga sehr zerstört wieder bei Elena an, die hohen Herren interessierte die Schauspielkunst nicht im Geringsten, sie dürften sich an der Künstlerin heftig „vergriffen“ haben. Elena hat mittlerweile in alten Sachen gekramt und einen Rucksack ihrer damaligen Freundin Pegah gefunden – mit Heften, in denen diese kritische Texte aufgeschrieben hatte – von den beiden damals Jugendlichen. Und nun einen neuen Text für den Monolog der Schauspielerin ergibt.
Und zum Wiedersehen (nicht nur) dieser beiden, sondern der einstigen Flachdach-Gemeinschaft führt – ein trotz der herrschenden Verhältnisse Mut machendes Symbol.
Übrigens: Die Requisiten – ob Leiter, Kübel, Holzböcke, gewellte Kunststoffwand oder Betonziegel – haben alle etwas mit den persönlichen, von den Mitwirkenden erzählten und ins Stück eingebrachten, Erlebnissen zu tun.
Und: Was ansatzweise in professionellen Theaterhäusern als relativ junge Errungenschaft eingebracht wird, spielt bei dieser 1992 von Dagmar Ransmayr gegründeten und seither geleiteten Gruppe „Die Fremden“ gegründeten Theatergruppe von Anfang an eine große Rolle: Verschiedene (Herkunfts-)Sprachen der Mitwirkenden sind – neben hauptsächlich auf Deutsch gespielt – zu hören; dieses Mal Armenisch, Bulgarisch, Farsi, Flämisch, Italienisch, Kroatisch und Slowakisch.
Die Leiterin führte auch bei „Fighting Dušman“, das sich gegen jede Version undemokratischer Herrschaft bzw. autoritäre Anwandlungen richtet, Regie, für die Choreografie – in einigen Szenen spielt sich Erzähltes fast wortlos in Tänzen ab – sorgte Garegin Gamazyan.
Furcht und Angst – eine Reihe von (Bilder-)Büchern erzählen Geschichten, wie die eine oder der andere – ob Kind oder Tier – mit Angst umgehen lernt, sich ihr stellte, sie verarbeitet… Dieses über Fritzi, die Ziege geht vom Gegenteil aus. Denn dieses Tier ist, wie schon der Titel klar macht, „Furchtlos“.
Was aufs erste super wirkt, ist für die Hauptfigur alles andere als toll. Weder „vor der D-d-dunkelheit“ noch „vor dem sch-sch-schrecklichen Schrei der Eule“ ängstigt sich Fritzi. Auch Gedanken an einen Wolf können ihr nichts anhaben.
Die Ziege ist damit aber nicht nur Außenseiterin in ihrer Herde, die anderen Ziegen fürchten, dass Fritzi nicht nur Gefahren für sie selbst unterschätzt, sondern die ganze Gruppe gefährdet sein könnte. Und so wollten alle Fritzi das Fürchten lernen. Es begann damit, dass der alte Bock Zecke der ganzen Schar Schauergeschichten erzählte.
Doch – und das ist jetzt sicher keine Überraschung – während die anderen heulten, deren Zähne klapperten und sie letztlich gar davonrannten, meinte Fritzi: „Eigentlich war deine Geschichte ja recht lustig… aber wann, verflixt, sträuben sich bei mir endlich die Haare?“
Nächster Versuch: Fritzi sollte eine Nach allein im Wald verbringen. Selbst wenn du das Buch noch nicht kennst, kannst du dir wahrscheinlich denken, hilft auch nix in Sachen Furcht lernen. Erschrecken mit Wolfsmaske – auch Fehlanzeige. Wäre da jetzt ein echter Wolf – dann große Gefahr für die ganze Herde. Und so schickten sie Fritzi in die weite Welt – ganz allein – um… eh schon wissen.
Und klar, irgendwann wird das Buch „Fritzi Furchtlos – von einer, die auszog, das Fürchten zu lernen“ genau damit enden, dass die angstbefreite Ziege sich das aneignet. Dass dies nicht über Grusel, Grausamkeiten und Finsternis passiert, sondern aus Angst um einen Weggefährten, den sie kennenlernt, ist nur folgerichtig von der Autorin Katja Reider mit gezeichneten Bildern von Thorsten Saleina.
Mobbing – schon für jüngste Kinder leicht und anschaulich ist in diese Bilderbuchgeschichte, die unter Meerestieren spielt, eingebaut. Und sie beginnt schon auf der ersten Doppelseite mit dem Happy End: „Tief unten im Meer leben alle Tiere friedlich miteinander und füreinander. Jeder achtet nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf den anderen, damit es allen gut geht.“
Das war aber – ist ab dem nächsten Satz zu lesen und auch viel zu schauen – „nicht immer so…“
Die Hauptfigur ist ein Fisch mit gelb und rötlich gestreiften Flossen namens Ferri. Der war urgut drauf, immer fröhlich, obendrein hilfsbereit und sang gerne. Was nicht allen gefiel. Rocho, der Rochen, pöbelte Ferri an „schrei nicht so!“, und das ziemlich heftig und lautstark. Da merkte Ferri an, dass doch Rocho schreie. Und schon ging der Knatsch richtig los. Der griesgrämige Rochen drohte dem kleinen Sänger mit Gewalt.
Und – so die Dramaturgie, die sich die beiden Autorinnen Gertraud Mesner und Beate Welsh ausgedacht haben – kam gleich die nächste angeschwommen, die Ferri einschüchterte: Krabbe Krabbi, es folgte Kraki (klarerweise ein Krake). Qualli – du weißt sicher aufgrund des Namens schon, um welches Salzwassertier es sich handelt – fand das Verhalten der anderen gar nicht nett, aber nach kurzen Tröstungsversuchen für Ferri, verschwand die wieder.
Natürlich kann’s dabei nicht bleiben, wissen wir ja seit den ersten Sätzen und Bildern von Antje Bohnstedt.
Für die Wendung zum Guten sorgt der schlaue Wal, den die Autorinnen schlicht Wali nannten. Bei ihm schüttete Ferri sein Herz aus, auch mit der großen Frage in seinem Kopf: „die anderen Tiere mögen mich nicht mehr. Ich weiß eigentlich nicht warum.“
Wali erklärte dem verzweifelten Fischlein, dass es nicht an Ferri, sondern an den anderen, den Mobbern liege, was da abgeht und „so wie du bist, so ist es gut“ und dass die, die zu anderen böse und grausam sind, sicher nicht stark seien. Und der Wal lud alle zum gemeinsamen Spiel ein, wobei er für den ersten in der Reihe derer, die Ferri geärgert hatten, die Rolle eines Außenseiters vorsah. Woraufhin Rocho das ziemlich blöd fand – aber auch kapierte, weil er es selber spürte, wie ungut solches Verhalten ist…
Womit es durch folgendes gemeinsames Spiel in die letzte Kurve ging, die den Kreis zum Happy End am Beginn des Buches „Ferri – Mutig ist, wer Hilfe holt!“ schließt. Wobei sich der Untertitel nicht aus der Geschichte erschließt, kam doch der Wal von selber angeschwommen, sondern eher aus der nach der Bilderbuchgeschichte angeschlossenen Doppelseite „Mobbing verstehen“ wo es unter anderem heißt: „Hilfe holen ist kein Petzen!“
KiJuKU: du hast die Stückversion nach Robert Musils Roman vor rund 25 Jahren geschrieben und sie damals dann auch hier inszeniert. Was ist der wesentliche Unterschied deiner Herangehensweise von damals im Vergleich zu heute?
Thomas Birkmeir: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, wusste schon der englische Philosoph Thomas Hobbes. Dieses Thema wird immer wieder auf Bühnen dargestellt, aber es wird allzu leicht verdrängt. Die Gefahr ist, dass vieles weggewischt wird oder wie C.G. Jung (Schweizer Psychiater, Begründer der analytischen Psychologie, 187 – 1961, Anm. der Redaktion) sagt: Schau dir deine Schattenseiten an. So lange du nicht checkst, dass auch in dir eine Bestie steckt, bist du kein ganzer runder Mensch.
KiJuKU: Aber das gilt ja über alle Zeit hinweg…
Thomas Birkmeir: Ja, aber Törleß wird von vielen als Pubertäts- und Entwicklungsroman gesehen und ich weiß nicht, warum man Entwicklung mit Pubertät gleichsetzt, das ganze Leben ist eine Entwicklung – hoffentlich.
KiJuKU: Wobei Törleß hier ja schon fast so endet, er wird dann zum angepassten, nützlichen Teil der Gesellschaft…
Thomas Birkmeir: Das haben wir bei Büchner (Georg, Schriftsteller, Mediziner, Revolutionär, 1813 – 1837) geklaut: Die drei werden zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft.
Und Verwirrungen – auch das beschränkt sich nicht auf Pubertät. Wenn du dir die heutige Weltlage anschaust, sind doch die allermeisten verwirrt, ich selber bin es auch. Stichworte Trump Venezuela und Grönland, Putin Ukraine, China und Taiwan. Das Zusammenbrechen jeglicher halbwegs erarbeiteter Ordnung. Da kommt das Gefühl auf, Europa ist fast noch die letzte Bastion der Vernunft und Demokratie. Auch da bin ich schon vorsichtig.
KiJuKU: War dies der Grund für die Auswahl dieses Musil-Romans für eine Bühnenversion gerade jetzt, in dieser Saison?
Thomas Birkmeir: Ja, wir haben diese Spielzeit ja unter das Motto Antifaschismus gestellt. Wir hatten „Der überaus starke Willibald“ (Stückbesprechung unten am Ende verlinkt), haben jetzt den Törleß, dann „König Gilgamesch“ (Mitte Februar bis Mitte März) und „Er ist wieder da“ im April. Und dann spielten auch die Vorwürfe gegen meine Person mit in einer Art Selbstjustiz wirst du an den Pranger gestellt. Da laufen noch meine Klagen.
KiJuKU: Zurück zur ersten Frage: Was war der wesentliche Unterschied im Herangehen an die Inszenierungen vor einem Vierteljahrhundert und heute?
Thomas Birkmeir: Damals hab ich das viel mehr als Pubertätsdrama gesehen. Jetzt ist es die Frage, wie kann man sich gegen solche Menschen, die wie die Ajatollahs im Iran für die der Beineberg mit seinem religiösen Wahn steht oder Machtmenschen wie der Reiting und die Indifferenz vom Törleß, der genauso gefährlich ist wie die Täter, wehren. Solche Typen werden ja sogar in demokratischen Systemen gewählt, was bei Trump für die Hälfte der US-Amerikaner:innen gilt.
Was ist dieses Gewaltsame – auch ein ähnliches kolonialistisches Herangehen, siehe Grönland?! Nicht wenige meinen ja, vieles davon erinnere an die Zeit vor dem 1. Weltkrieg. Und Musil hat seinen Roman ja nicht zuletzt geschrieben unter dem Eindruck dieser patriarchalen Gesellschaft, die später auch im Faschismus mündete. Wir haben als 16-Jährige in der Schule Klaus Theweleit „Männerphantasien“ gelesen, uns mit patriarchalem Verhalten auseinander gesetzt und wie solche Strukturen in den Faschismus geführt haben.
KiJuKU: Geht so etwas verloren?
Thomas Birkmeir: Du hast jetzt immer mehr das Gefühl, es gibt rundum kaum mehr Moralkodizes – und darum geht’s auch im Törleß-Stück. Es erzählen uns Lehrer:innen, dass Jugendliche sagen, warum soll ich mich moralisch verhalten, Herr Trump gebärdet sich unter anderem so, dass er eine Journalistin als Schwein beschimpft (Die Bloomberg-Reporterin Catherine Lucey hatte eine kritische Frage zu den Epstein-Akten gestellt und der US-Präsident sie mit „Quiet, piggy“ / „Sei still, Schweinchen“ angeherrscht).
KiJuKU: Noch eine Frage, die Musikauswahl für die jetzige Inszenierung war anders als vor 25 Jahren?
Thomas Birkmeir: Die war neu, das heißt deckungsgleich waren die Sones „Tears go by“.
Zur Stückbesprechung – samt Detailinofs, wer, wo bis wann spielt im ersten Link unten.
Heftig. Heftiger. Heftigst. Immer wieder musst du (wahrscheinlich) wegschauen, die Augen schließen, vielleicht sogar die Ohren zuhalten. (Fast) nicht auszuhalten. Auch wenn du natürlich weißt, das alles spielt ist nur auf der Bühne gespielt. Schläge, Gürtel-Peitschenhiebe treffen nicht, Blutergüsse sind geschminkt. Schmerzens-Schreie gut gestimmte Laute eines Profis.
Und dennoch, wer nicht gänzlich unter Empathie„befreiung“ leidet, kann so manche Szene dieser 1¾ Stunden im Theater im Zentrum (Wien) schwer ertragen, insbesondere die in gänzlicher Finsternis (Licht: Lukas Kaltenbäck). Bei der – am Ende vielumjubelten – Premiere der Neu-Inszenierung von Robert Musils Klassiker jugendlicher gewalttätiger Mobbing-Attacken „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ verließen einige Zuschauer:innen auch deswegen den Saal des kleineren Hauses des Theaters der Jugend in Wien.
Vor 120 Jahren erschienen, wirkt der erste Roman des damals 26-jährigen Autors lediglich anhand des althergebrachten Begriffs Zögling alt. Die Bühnenversion von Thomas Birkmeir, die er schon vor einem ¼ Jahrhundert – vor seiner Übernahme der Direktion des Theaters der Jugend – geschrieben und inszeniert hat, konzentriert sich auf die vier Haupt-Charaktere in einem Internat. Basini der vielen Mitschülern Geld schuldet, wird bei einem Banknoten-Diebstahl ertappt. Beineberg, dem das Geld gehört und Reiting, dem er es schuldet(e), wollen ihn – entgegen dem Ratschlag von Törleß – nicht anzeigen. Viel ärger, sie schreiten zur Selbstjustiz, machen ihn zum Sklaven, demütigen, schlagen, missbrauchen ihn.
Musil hat die drei unterschiedlich typologisiert: Reiting, der Möchtegern-Diktator genießt die Erniedrigung des Opfers und seinen autoritären Macht-Status. Beineberg fantasiert sich in ein Glaubens-Konstrukt, eine Art religiösen Fanatismus, aus dem heraus er zum Quäler wird. Und schließlich Törleß, dem Musil ja auch den Titel weiht, zeichnet sich durch Abgehobenheit, scheinbare Abgeklärtheit aus, er will nur beobachten, „studieren“, wie sich Basini fühlt, was in ihm vorgeht. Als dieser gegen Ende Törleß auf Knien anfleht, ihm zu helfen, kommt als Reaktion: „Ich werde dir nicht helfen. Ich hatte vielleicht eine Zeit lang ein Interesse an dir…“ und nach längerer Pause: „Nur eines noch: Wie ist dir jetzt zumute?“
Die Inszenierung auf der schiefen Gitterrost-Ebene (Bühnenbild: Ulv Jakobsen) lebt einerseits vom starken Spiel des Quartetts: Robin Jentys als das Opfer Basini bringt dennoch immer wieder die Kraft auf, um sein (psychisches) Überleben zu kämpfen. Haris Ademović in der Rolle des Drahtziehers Reiting, lässt in wenigen Momenten mitschwingen, aus Angst vor eigener Schwäche zum Riesen-A…-loch zu werden – samt Spiel mit einem Weltkugelball und damit unverkennbar einer Anspielung auf Charlie Chaplins Film „Der große Diktator“ (1940) und seinen Anton Hynkel (original Adenoid Hynkel) als Satire auf eh schon wissen.
Beineberg-Darsteller Jakob Elsenwenger versucht in seinem Glaubenskonstrukt eine Rechtfertigung für sein Agieren zu finden, mit hin und wieder aufblitzenden Anflügen, es selbst vielleicht gar nicht so wirklich zu glauben, es aber so „verkaufen“ zu können. Und last but not least verkörpert Ludwig Wendelin Weißenberger den über den Dingen zu schwebend scheinenden Törleß, der aber die ärgste Gewalt gewähren lässt; kein dumpfer Mitläufer, sondern ein „schöngeistig“ Intellektueller, der zwischendurch immer wieder auch live dem Geigenspiel frönt.
Apropos Musik, Regisseur Birkmeir baute mit vielen ohrwurmgängigen Hit-Schnipseln, darunter mehrmals „As Tears Go By“ – sowohl in der Version der Rolling Stones als auch der von Marianne Faithfull gesungenen des von Mick Jagger, Keith Richards auf Drängen des Band-Managesr Andrew Loog Oldham geschriebenen Songs – eine Art Brücke vom Originaltext zum zeitlosen Spiel um „Herr oder Knecht“ bzw. allgemeiner Herrschaft und Unterdrückung.
Denn schon Musil beschränkte die Gewalttätigkeit nicht auf das individuelle Verhalten seiner Protagonisten, sondern bettete sie – nicht zu plakativ, mitunter humorvoll – ins autoritäre System – beispielhaft des Internats – ein. Wenn Törleß an einem Konstrukt wie imaginäre Zahlen zweifelt, ihm Lehrer erklären, das seien „Denknotwendigkeiten“ und Beineberg kontert: „Einem vernünftigen Menschen vermögen sie ihre Geschichten nicht vorzuerzählen. Erst wenn er zehn Jahre in der Schule mürbe gemacht wurde, geht es…“
Diese Inszenierung setzt – fast – an den Schluss eine im Roman früher angesiedelte Passage, die (nicht nur) Törleß‘ weitere Entwicklung zeichnet: Als in der Mitte der Gesellschaft angekommener, angesehener Mann, der die „Verwirrungen“ seiner Jugend mitnichten bereute.
Und das trifft erst so richtig mitten ins Herz, samt fast schon Zwang zu fragen, wie steht’s da bei einem selbst!
Manche meinen ja, Törleß wäre „nur“ die jugendliche Version von Ulrich, dem Protagonisten in Robert Musils dreibändigem gut 1500 Seiten starken und wahrscheinlich noch bekannterem, wenngleich eher weniger gelesenem Monumental-Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“. Ist übrigens in einer sehr spannenden Inszenierung mit vier verschiedenen Schauspieler:innen in der Hauptrolle im Theater Arche (1060, Münzwardeingasse) zu erleben – in mehreren Spielblöcken jetzt im Jänner und dann im März 2026.
Gespräch mit Regisseur Thomas Birkmeir hier unten
So wie schon der zentral auf der Bühne stehende Tisch mit seinem alten gestickten Deckerl nur zweidimensional und bloß bedruckt ist, so werden im Laufe der gesamten rund 1¼ Stunden alle anderen Requisiten auch nur flach sein und magnetisch am Tisch oder wo auch immer erforderlich „picken“ – ob Schöpflöffel, Schultasche, Hefte, Rucksack, Tasche oder was auch immer.
Dreidimensional und live sind hingegen Schauspiel und Musik. Der Live-Musiker in einer Art Cockpit auf der Bühne sorgt auch für die Schlürf- und anderen Geräusche der Schauspieler:innen. Das Volkstheater tourt durch viele Wiener Bezirke mit einem Stück nach einem Buch von Christine Nöstlinger, dessen Titel für die Theaterversion umgedreht wurde. Aus „Mr. Bats Meisterstück oder Die total verjüngte Oma“ wurde „Die total verjüngte Oma oder Mister Bats Meisterstück“.
Die Story bleibt im Wesentlichen erhalten – mit einigen markanten Änderungen. Robi Seiferitz ist oft bei seiner Oma. Die leidet unter einem schmerzhaften Bein und kann daher nicht mehr so viel mit dem Enkel unternehmen. Der hat von Verjüngungen gehört. Aber neben Salben, Cremen, Tinkturen, Pillen und allem möglichen Zeug, das da so verkauft wird, gibt’s auch die magische Frau Arabella Bat, die aus einer klitzekleinen Tasche große Tafeln Schokolade hervorzaubert und die sogar – wenn wer solche nicht mag – in Wurst verwandeln kann. „Die alte Bat“ (Robi) – „hör mal, die ist drei Jahre jünger als ich“ (Oma) hat noch einen Bruder, der gar über ein großes Versuchslabor verfügt und allerhand erfindet.
Vielleicht… gedacht, gesagt, getan. Robi und Oma, mit Vornamen Alice, machen sich auf den Weg zu diesem Mr. Bat. Der kann zwar über eine Art Telefonzellen-Aufzug genannt „Transmutation“ Leute durch „Dematerialisierung“ in andere Räume und Zeiten schicken, aber …?
Ach, da fällt ihm ein, irgendwo im Keller gibt’s doch eine Kiste mit Erfindungen der Isabella Raubatmeier, einer Urahnin einige Generationen zurück. Und tatsächlich – ein braunes Fläschchen mit Verjüngungstinktur taucht auf. „Aber nur ein Löffelchen bitte“, meint er beim Aushändigen. Was die Oma gar nicht beherzigt, sondern, weil’s nach Eierlikör riecht und schmeckt auf einen Sitz austrinkt.
Folge: Die Oma ist wie der Titel schon verspricht „total verjüngt“ – ein Kind, im Buch ungefähr fünf Jahre, im stück zehn.
Und das gibt Anlass für ziemlich viel Spaß – in beiden Versionen. In der Buchversion führt sie sich im Kindergarten auf, im Stück in der Schule. Da lebt Christine Nöstlinger ihre schon von Beginn an bedingungslose Kritik an so vielen erwachsenen Vorschriften, die Kinder einengen, aus. Dieses Buch – vor mehr als einem halben Jahrhundert, 1971, veröffentlicht – und die jetzige theatrale Umsetzung (Regie: Fanny Brunner) stellt durchaus in Astrid Lindgrens Pippi-Langsgtrumpf’scher Manier Vorschriften in Frage, fordert (mehr) Freiräume für Kinder. Und in diesem Stück bzw. Buch hat Nöstlinger das auch schon zu Beginn der alten Oma ins Gemüt geschrieben. Robi ist so gerne bei der Großmutter, weil die so wenig von den Benimm-Regeln hält, die sie selbst schon nicht ausgehalten, aber dennoch ihrem Sohn, Robis Vater, lange eingetrichtert hat.
Die Oma – sowohl als rund 70-jährige Frau als auch als Kind, dann eben auch körperlich befreiter – wird überzeugend von Claudia Sabitzer gespielt, ihren Enkel Robi – der gegen Ende checkt, Bat, ach Batman und Robin, verkörpert Sana Schmid. Was sich Robi nicht traut, für das angelt sich die Oma dessen Freund Tomi – dargestellt von Stine Kreutzmann, die auch Arabella Bat gibt. Vierter im Bunde der Schauspieler:innen ist Dennis Cubis, der sowohl den verschrobenen Erfinder Mr. Bat als auch die Generationen zurückliegende Tante (Rau-)Batmeier sowie die ganz unentspannte, auszuckende fast ein wenig zu klischeehafte Lehrerin Haslinger spielt.
Live auf der Bühne performt der Musiker Thomas Esser, nur der Song, dessen Titelzeilen aus dem Chor schon auf der Bühne stehen – „One Day Baby, we’ll be old“ wird eingespielt. Dieser Reckoning Song des israelischen Folk-Rock-Musikers Asaf Avidan und seiner Band The Mojos ersetzt Christine Nöstlingers Anspielung im Buch auf den Beatles-Song „When I’m Sixty-Four“ (1967, Album Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band).
Und noch wer hat immer wieder Kurz-Auftritte im Stück: Die beiden Kulissen- und Requisitenbringer und -wegräumer Georgios Taxifotis und Nicolaus Twerdy, die hier nicht unerwähnt bleiben sollen.
Die ersten ausgelassenen Lacher erntet die jüngste Premiere für Kinder des Linzer Landestheaters in den Kammerspielen noch beim geschlossenen, edlen, samt wirkenden roten Vorhang. Aus dem Off ertönen Werbesprüche die eindeutig schon zum Stück gehören: „Dieses Ereignis wird Ihnen präsentiert von Matschis süßem Kribbel-Schleim… Kommt oben in die Öffnung rein!… Kann bei „übermäßigem Konsum“ zu unangenehmem Völlegefühl, Übelkeit und Magendruck ohne erlösendes Erbrechen führen… Weiterhin wird Ihnen dieses Ereignis präsentiert von Köttelspeiers Rülpskompott… Kaum gerochen, schon erbrochen!…“
Rülpsen und Furzen zieht allemal. Doch die Sprüche – wie der Großteil des gesamten einstündigen Stücks in Reimen – ertönen selbstironisch und spielen damit schon mit Schein und Sein. „Der fabelhafte Die“, verfasst vom deutschen Schauspieler, Regisseur und Erfolgsautor junger Stücke Sergej Gößner ist in einem zirkus-artigen Setting angesiedelt und jongliert mit Rollen, Identitäten und vielen Wechseln und Wandlungen. Ein, nein DAS Ur-Ding des Theaters an sich: In (andere) Rollen und Geschichten schlüpfen!
Zwei bunt gekleidete und geschminkte clowneske Figuren stürmen links und rechts neben den Sitzreihen die Tribüne hinunter zur Bühne, die dritte Figur schwebt in einem großen leuchtenden Ring aus dem Zirkushimmel hernieder (Bühne und Kostüme: Anne Horny). Die drei Figuren vom Stück und im Programmheft – auf der Bühne jedoch so nie aus- oder angesprochen – tragen jeweils nur einen Buchstaben als Rollennamen: W (Levi R. Kuhr), I (Jakob Schmölzer) und R (Alexandra Diana Nedel) – unschwer als ein Gemeinsames zu erkennen. Alle drei spielen jeweils mehrere Figuren:
W: DIE / eine der klassischen Zirkusfiguren als der stärkste Mann der Welt / einen Jungen namens Ben sowie Fisch Kim namens Barsch;
I: Ente Klaus, den alle nicht zuletzt aufgrund seines Kostüms für einen Schwan halten und Frau Zahn sowie Verein fürs Richtgsein
R: F. Meyer-Schmitt / das aufgeweckte Mädchen Ayla, ein Vetterlein und ebenfalls vom Verein fürs Richtgsein.
So verwirrend das aufs Erste klingen mag, so lustvoll und spielfreudig wechseln die Figuren ihre Rollen, spielen Szenen, die immer wieder zum Lachen anregen. Aber auch zu mehr. Denn das Stück selbst (Regie in Linz: Swaantje Lena Kleff) bricht auch noch in sich mit vermeintlichen Rollenzuschreibungen: „Hinter all den Muskeln, tief in der behaarten Brust / schlug ein musisch talentiertes Herz“ beim stärksten Mann der Welt.
Seine Hobbies: Socken stopfen, Fashion und blonde Locken. Doch das muss er lange verbergen, tanzen doch die beiden anderen mit großen Maßbändern und Linealen an als Leute vom „Verein fürs Richtigsein“, um Normen zu vermessen.
Während Mädchen spätestens seit Pippi Langstrumpf stark sein dürfen, ist es für Buben und Männer noch immer – und in jüngster Zeit erst recht wieder erneut – schwierig, sich offen sanft und fürsorglich zu zeigen. Da hilft zunächst nicht einmal die Ermutigung, dass dem stärksten Mann der Welt doch egal sein könne, was die anderen sagen. Aber natürlich gibt’s in diesem Erzählstrang ein mutiges Outing und nichts da mit den einschränkenden Vorschriften. Und wird dennoch auch wieder relativiert: Alles inszeniert und einstudiert 😉
Der Stücktitel kommt gegen Ende direkt ins Spiel. Was ist mit Herrn F Punkt Meyer-Schmitt? „Vielleicht arbeiten die zwei inzwischen zu dritt… oder er als Schaufensterpuppe … und ganz vielleicht, man weiß ja nie, nennt er sich inzwischen Die. Und fabelhaft obendrein…“
Um gleich danach in weiteren Reimen wieder gebrochen zu werden: „Das kann nur erfunden sein. Bei aller Liebe zur Fantasie. Das ist Quatsch. Das macht er nie…“ Und gleich nochmals eine Wendung… – aber die wird jetzt hier nicht gespoilert.
Jedenfalls ein kurz(weilig)es Fest fantasievoller Wort-, Bilder- und Rollenspiele das dank des mitreißenden Schauspiels und der teils ohrwurmtauglichen Reime – samt Musikalität (Musik und Sounddesign: Ludwig Peter Müller) vielleicht noch zum „weiterspinnen“ animiert. Apropos Spinnen – die kommen – textlich – auch recht witzig vor: „I bzw. Ente Klaus: „Was mich an Spinnen stört / Ist, dass man sie schlichtweg nicht hört“ 😉
„1, 2, 3, 4, vorwärts, Rückschritt…“ zum rasend schnellen, live gespielten, Rhythmus exerziert die erste Performerin, die die Bühne entert, gehetzte Tanzbewegungen. Und schon schwingt Doppeldeutigkeit mit. Werden hier nicht nur Moves gezählt und vorgegeben, sondern auch gleich ein Kommentar zur (gesellschafts-)politischen (Welt-)Lage?
„Speed (kills content)“ heißt die jüngste Produktion vom aktionstheater ensemble beim Wiener Gastspiel. Traditionsgemäß spielt die Gruppe die erste Serie der neuen Stücke in Vorarlberg, wo Mastermind – jeweils Konzept und Regie – Martin Gruber in Dornbirn lebt. Im Herbst war die Gruppe mit „All about me“ übrigens sogar am Off-Broadway in New York eingeladen – mit etlichen Triggerwarnungen für das dortige Publikum.
Die Aufführungen der Gruppe gehen immer von sehr persönlichen, nicht gerade ruhmvollen Situationen aus, die tief berühren. Dennoch bedienen sie nie Voyeurismus, weil die eine oder andere auch vielen im Publikum gleichermaßen bekannt sein dürften. Keine (Welt-)Erklärungen von oben oder außen, sondern aus dem tiefsten Inneren – (Bauch-)Gefühl + hirnige Reflexion miteinander unmittelbar verwoben – und dies symptomatisch für gesellschafts(-politische) Zustände und Entwicklungen.
Das gemeinsam Erarbeitete wird nicht selten auch zum szenischen Gegeneinander. Männer die Frauen erklären, dass sie depressiv oder sicher nicht glücklich seien. Körperliche und seelische Entblößungen inklusive. Aktionstheater-Performances vereinen Gefühl, Geist und (extrem) starke Körperlichkeit miteinander. Dieses Mal vom Tempo her noch heftiger, noch rasanter eben „Speed“ und der killt den Inhalt – scheinbar.
Letzterer manifestiert sich vor allem in Szenen, die den in den Mittelpunkt der meisten Menschen gerückten Kampf mit den Kosten des täglichen Lebens betreffen. Vom unmöglichen Auszug aus einer gemeinsamen Wohnung trotz Trennung, weil die Kosten für eine neue Unterkunft nicht leistbar sind bis zum fast entwürdigend erscheinenden Ringen um Rabattpunkte im Supermarkt.
Oder die auf durchaus tiefstem, untergriffigen Niveau ausgetragene Schrei-Orgie zwischen Klientin und Arbeitsamts-Mitarbeiterin, bei der Isabella Jeschke beispielsweise echte Tränen aus den Augen schießen. Und die trotz der Heftigkeit ihrer Schimpfkanonade dem fiktiven Gegenüber von unbändiger Verzweiflung Zeugnis geben.
Und schon im nächsten Moment wieder kraftvolle Tanzschritte von ihr und den fünf begeisternd mitreißenden Kolleg:innen Zeynep Alan, Thomas Kolle, Kirstin Schwab, Tamara Stern, Benjamin Vanyek auf sowie der drei musizierenden Kollegen Andreas Dauböck, Pete Simpson und Jean Philipp Oliver Viol am Rand der Bühne. Und trotz der rasenden Geschwindigkeit, der volle pulle Power kein Schritt weiter – das aktuelle Lebensgefühl. What the fuck ist auf dieser Welt los? Undenkbares wird Wirklichkeit, Unsagbares poppt in der Mitte vermeintlich aufgeklärter Gesellschaften auf, Teuerungen, Demokratie-Abbau, kaum Hoffnung und DAS große, die Menschheit insgesamt bedrohende Thema Klimakrise – rückt in den Hintergrund.
Überforderung im Großen, die sich im alltäglichen Leben im scheinbar Kleinen, niederschmetternd, niederdrückend auswirkt. Druck, Druck, Druck. Angst. Angst. Angst.
Angst auch vor Stillstand und gar Rückschritt. Hilft da Tempo, Tempo, Tempo? Oder killt die ziel- und planlose Geschwindigkeit eben die Inhalte?
Immerhin aber sind viele der rasanten Gruppenpassagen des gesamten Ensembles Momente der gemeinsamen Bewegung – immer auch synchron zur Live-Musik – ein Hoffnungsbild das wenngleich kraftvoll laut aber doch subtil ins Publikum schwappt.
Von Beginn an tauchen die live auf der Bühne Performenden auch noch in projizierten Bewegtbildern auf durchscheinenden Wänden im Hintergrund auf. Für diese Videos hat die Künstlerin Resa Lut die Darsteller:innen schon im Vorfeld gefilmt, die Videos verfremdet, diffus gemacht, solarisiert – anfangs erscheinen diese schemenhaft, gegen Ende immer klarer, naturlaistischer.
Ausstattung und Kostüme (Raum: Marcus Ganser, Kostüme: Anna Pollack) versetzen Spiel und Publikum in die Mitte des vorigen Jahrhunderts: schwarze, schwere Telefonapparate mit Wählscheiben, Gabel und knochenartigen Hörern stehen auf dem großen langen Tisch im Presseraum des Chicagoer Gerichtsgebäudes. Journalist:innen der lokalen und überregionalen Zeitungen berichten über einen zum Tod verurteilten Kriminellen.
Doch was und wie immer wieder auch humorvoll, (selbst-)ironisch gespielt wird – mit Ausnahme der Muße, die diese Reporter:innen haben und die Zeit mit Kartenspiel vertreiben, was heute wo es auch um darum geht, wer stellt’s als erstes online -, wirkt so gar nicht alt: Konkurrenz um die beste Schlagzeile, einige der Medien, die sich in Übertreibungen überbieten, korrupte Deals zwischen Medienleuten und dem Sheriff sowie dem Bürgermeister. Heftige ideologische Schlagseite mit dem mehrfach zitierten Slogan „nur ein toter Roter ist ein guter Roter“ samt angeblich überall lauernder Kommunisten. Ein Gouverneur, der angeblich nicht erreicht werden kann, weil er fischen ist. Jobangebote vom Bürgermeister an einen Polizisten, um das vom Gouverneur doch unterschriebene Gnadengesuch des Verurteilten nicht in Empfang nehmen zu müssen…
Turbulent, intrigant und – leider – fast zeitlos, wenngleich vom Impresario des Theaters zum Fürchten, Bruno Max, in eine aktuelle Bühnenfassung gegossen, läuft „Extrablatt! Extrablatt!“ frei nach „The Frontpage“ (auch mehrfach verfilmt) von Ben Hecht und Charles MacArthur derzeit im Wiener Theater Scala, nachdem es schon im Dezember im Mödlinger Stadttheater gespielt wurde. Unter anderem hat Max, der auch Regie führte, wenigstens eine Journalistin unter die männlichen Kollegen gesetzt.
Die Story: Die Reporter:innen warten auf die Hinrichtung des Kommunisten Earl Williams (Felix Frank), der einen schwarzen Polizisten erschossen haben soll. Der Bürgermeister (Anselm Lipgens) will ihn noch vor seiner Neuwahl hängen sehen, um Law- and Order-Fans und die Stimmen der Schwarzen zu bekommen. Aber Williams kann beim abschließenden Gespräch mit dem aus Österreich aus der Freud’schen Schule stammenden Psychologen aus dem Büro des Sheriffs flüchten; vor allem, weil ihm Sheriff Hartman (Robert Notsch) mit dümmlich Trump’schen Zügen seinen eigenen Revolver leiht, um die (angebliche) Tat nachzustellen.
Verfolgungsjagd mit vielen Pannen und „Kollateralschäden“. Und die Reporter:innen auf der Jagd nach der besten Story: Bensinger von der „Tribune“ (Hermann J. Kogler), Murphy vom „Chicago Journal“ (Christian Kainradl), Frau Schwartz von der „Daily News“ (Ildiko Babos), Endicott von der „Post“ (Christopher Korkisch), McCue von der „City Press“ (Leopold Selinger), Wilson vom „American“ (Christoph Prückner).
DER Starreporter Hildy Johnson (Paul Barna) hat sich kurz davor eigentlich aus dem Spiel genommen und seinem Chef, dem Herausgeber des „Examiner“, Walter Burns (Alexander Rossi) eröffnet, dass er aussteigt, um seine Verlobte Peggy Grant (Chiara Larson) zu heiraten und ins Werbe-Business seiner Schwiegerfamilie einzusteigen – gemütlicher und lukrativer.
Doch dann – während seine Kolleg:innen im Gerichtsgebäude nach dem Flüchtigen suchen, klettert der Todeskandidat beim offenen Fenster in den Presseraum. DIE Exklusivstory. Da lässt Hildy die Braut im Taxi mit den Koffern warten und …
Jede Menge Verwicklungen, Ungewöhnliches Versteck für den Todeskandidaten, dessen einzige Fürsprecherin, Mollie Maloy (Stephanie-Christin Schneider) aus dem Puff taucht auf. Earl Williams und sie sind die einzigen die einander auf Augenhöhe begegnen, alle anderen blicken auf sie herunter.
Mehr sei über die Handlungsstränge nicht verraten. Neben spannenden Wendungen lebt es mit nicht wenigen Anspielungen auf kleine und größere Deals zwischen Polizei, Politik und Medien(leuten), die leider keine historisch überwundenen sind, wenngleich vielleicht als Gegenpol wenigstens ein Qualitätsmedium mit Bemühen um Wahrheit abgeht. Für eine doch eher kleine Bühne agiert hier ein relativ großes Ensemble von 16 Schauspieler:innen – mit einer reifen Ensembleleistung, unterschiedlichen Journalist:innen-Typen, aber auch sogenannte Nebenfiguren wie etwa Ulrike Hübl als irgendwie schräge Putzfrau Jenny bringt einen eigenen Schwung mit ihren Auftritten in den Presseraum des Gerichtsgebäudes und deutet immer wieder an, dass sie viel mehr Durchblick hat als ihr alle anderen zutrauen.
Neu- und wissbegierige, aufgeweckte, fröhliche (sehr) junge Kinder blicken direkt in die Kamera, zeigen auf dich und dich und dich. Oder zumindest, jene, die sich von den Sprüchen „du bist elementar für… mein Selbstvertrauen / meine Neugier / meine Autonomie / meine Entwicklung“ jeweils mit einem Rufzeichen, gemeint fühlen (könnten).
Mit diesen wortspielerischen inhaltlich zentralen Aussagen startet das Bildungsministerium seine – heuer einzige große – Werbekampagne. Diese soll, zunächst vor allem online und via social Media vorläufig bis April Tausende Maturant:innen oder / und Berufs-Umsteiger:innen ansprechen, sich für die Ausbildung zur Elementarpädagogin oder zum Elementarpädagogen zu interessieren. Um dann idealerweise einen der unterschiedlichen Ausbildungswege zu beschreiten und den anspruchsvollen, wertvollen Beruf zu ergreifen.
Die am Freitag von Bildungsminister Christoph Wiederkehr vorgestellte Werbeoffensive will und soll aber gleichzeitig generell das Image dieser Berufsgruppe und ihrer für die Entwicklung von Kindern im kognitiven und sozialen Bereich wichtigen Grundlagenbildung fördern. Noch immer wird Elementarbildung ja vielfach eher als Kinderbetreuung gesehen und auch so behandelt – bis hin zu veralteten Begriffen (Stichwort „Tanten“).
Erste Stufe, Phase, Grundbaustein der Bildung (junger und jüngster) Menschen – das ist der Kindergarten, der nicht zufällig im Englischen übrigens genau so heißt, manchmal fälschlicherweise auch mit einem d statt t als kindergarden geschrieben. Grund: Er ist eine Erfindung des deutschen Pädagogen Friedrich Wilhelm August Fröbel (1782 – 1852), von Mitchel Resnick, Miterfinder des spielerischen Programmierlernspiels Scratch, vom berühmten MIT (Massachusetts Institute of Technology) immer wieder als die wichtigste Erfindung der vergangenen 500 Jahre genannt: Professionelle, außerhäusliche, ergänzende Früherziehung.
„Bundesweit sind mehr als 388.000 Kinder in institutionellen Kinderbildungs- und -betreuungseinrichtungen. Insgesamt arbeiten mehr als 71.000 Personen in institutionellen Kinderbildungs- und -betreuungseinrichtungen“, sind aktuelle Zahlen auf der mit Beginn der Kampagne eingerichteten Homepage (Link am Ende des Beitrages).
„Jährlich werden rund 1.800 Stellen aufgrund von Pensionierungen, Umzügen, Karenz oder anderen Gründen frei. Wird eine Verbesserung der Strukturqualität in Form des Fachkraft-Kind-Schlüssels angestrebt, so werden laut einer Studie bis zum Jahr 2030 voraussichtlich rund 20.200 Elementarpädagoginnen/ Elementarpädagogen gebraucht“, heißt es dort weiter.
Wiederkehr wies auf die Ausbildungsoffensive hin, für die – trotz Sparkurses – 32 Millionen für 4000 neue Ausbildungsplätze zur Verfügung stehen. Neben der vielleicht am bekanntesten Ausbildung in BAfEP (Bildungsanstalt für Elementarpädagogik) sowohl als BHS (berufsbildende höhere Schule) als auch als Kolleg gibt es die Fachschulen für Assistenzberufe, Studien an PH (pädagogischen Hochschulen) sowie FH (Fachhochschulen) und Universitäten, aber auch einen Hochschullehrgang zum Quereinstieg. Neu ab Herbst 2026 wird es flächendeckendberufsbegleitende BAfEP-Kollegs (Zielgruppe20- bis 45-Jährige) geben, neue Bachelor-Studien Elementarpädagogik an einigen PH. Alle Möglichkeiten sind übersichtlich auf der neuen, bunten Homepage – mit den vier Sujets der aufgeweckten Kinder mit der Pose „Wanted“ aufgelistet.
Die – auf KiJuKU-Nachfrage 360.000 €-Kampagne soll helfen, den eklatanten Fachkräftemangel zu verringern. Allerdings hapert es – so Expert:innen aus dem Berufsfeld – an den Arbeitsbedingungen, „um fertig ausgebildete Elementarpädagog:innen auch im Berufsfeld zu behalten.“ Wobei die Bezahlung, die in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich erhöht wurde, aber noch immer nicht auf dem Niveau von Volksschullehrer:innen liegt, wie gefordert, „nicht das Hauptproblem ist. In erster Linie ist es das Fehlen von interdisziplinären Teams, vor allem Psycholog:innen, die bei Inklusion wichtig wären, und es ist noch immer die zu große Anzahl von Kindern pro Gruppe“, so heißt es vom NeBÖ (Netzwerk elementarer Bildung in Österreich).
Bei den Kleinstkindern in Krippen liegt die Spannbreite der Gruppen zwischen 8 und 15 je nach Bundesländern und in den Kindergartengruppen zwischen 20 und 25. Die Forderung der Berufsgruppe lautet seit Längerem pro Jahr um je ein Kind weniger pro Gruppe, für Kindergartengruppen sei – auch wissenschaftlich untermauert – ein Verhältnis von sieben Kindern pro Pädagog:in sinnvoll und wünschenswert.
Auf diese Forderungen angesprochen unterstützte der Bildungsminister sie grundsäzlich, vieles sei eine Frage der Verhandlungen zwischen Bund, Ländern, Gemeinden und Trägerorganisationen. Generell hoffe er, dass im Zuge der Debatten um die Reformpartnerschaft Bund / Länder jedenfalls der aktuellen „Fleckerlteppich“ ein Ende finde und es „endlich gesamtösterreichische Qualitätsstandards“ geben werde.
Die oben schon mehrfach erwähnte Image-Kampagne, um Tausende neue Bewerber:innen für Ausbildungen in diesem Berufszweig zu finden, startet somit rund zwei Wochen vor dem Tag der Elementarbildung, der heuer zum neunten Mal am 24. Jänner stattfindet. Dieser geht auf die Initiative Raphaela Kellers zurück, die mit der Gründung des „Österreichischen Berufsverbandes der Kindergarten- und Hortpädagog_innen“ (ÖDKH) am 24. Jänner 2018 diesen Aktionstag ins Leben gerufen hat. Mit dem vierten TdEB (2021) ist der ÖDKH im Netzwerk elementare Bildung Österreich NEBÖ aufgegangen. Verschiedene Veranstaltungen in etlichen Bundesländern werden laufend auf der Homepage von NeBOe veröffentlicht – link ebenfalls am Ende des Beitrages. In Wien wird es einige Tage davor (21. Jänner) neben einem Impulsvortrag samt Diskussion zu „Harmonie in Diversität – Praxisimpulse für eine kultursensible Bildungskooperation“ die Präsentation von Umfrageergebnisse zum Tag der Elementarbildung geben.
„Wer hinterlässt die mächtigsten Spuren im Erdreich? Es ist …“ und dann folgt nur mehr ein Bildrauschen auf der uralten Videokassette. Das ist eine der ersten Szenen im neuen, dem dritten Checker-Tobi-Kinofilm: „Checker Tobi 3 – Die heimliche Herrscherin der Erde“.
Die alte Videokamera fällt Freundin Marina (Marina Blanke) beim gemeinsamen Kramen in Tobis alten Sachen in die Hände. Die hier zu Beginn und auch fast am Anfang des Films gestellte Frage kommt vom – erfundenen – achtjährigen Tobi. Den spielt Theodor Lotta. Für den achtjährigen ist das eine Premiere. Und er taucht in der auf alt gemachten, natürlich neu gedrehten, Szene auf, macht mit seiner Freundin Marina (die junge Marina wird von Lilou Jyoti Weerts dargestellt) selber „Tobi TV“ und spielt schon den Checker, der alles ergründen will. In diesen „alten“ Szenen hat es ihm die Erde „unter unseren Füßen“ – und zwar die natürlich, nicht die betonierte oder asphaltierte – angetan. Er schlüpft in ein „selbstgebasteltes“ Regenwurmkostüm und erklärt: Er ist ein Superheld und seine Superkraft ist die Kacke“ (also die des Regenwurms!), weil die für die fruchtbarste Erde sorgt.
Und dennoch ist das nicht die Antwort auf die Frage am Anfang. Dem rund 30 Jahre älteren Tobi (Tobias Krell) aber fällt die Antwort seines (angeblichen) eigenen achtjährigen Ichs nicht und nicht ein. Da spielt der junge Kollege auf sehr enttäuscht, dass aus dem wissbegierigen Checker-Buben ein langweiliger Erwachsener geworden ist.
Bleibt natürlich nicht so. Angestachelt durch diesen Trick macht er sich – nach Wasser im ersten und Luft im zweiten nun im dritten Kinofilm auf in verschiedenste Gegenden der Welt, um nach spannenden Geschichten rund um Erde zu suchen und sie ins Bild zu rücken (Buch und Regie: Antonia Simm).
Mit der in Madagaskar aufgewachsenen, in Deutschland studierten und arbeitenden Biologin Dr. Hanitra Markolf Rakotonirina reist er in deren ersten Heimat, zu Tieren, die es nur dort und sonst nirgends auf der Welt gibt. Aber auch zu einem von ihr mitgegründeten und immer wieder besuchten und betriebenen Umweltprojekt „Chances for Nature“ und einer Baumschule für junge Baobabs, von denen er ausgewachsene 800 und 1000 Jahre alte live erlebt. Und er nimmt eine Kiste solcher Samen mit, um sie in Spitzbergen fast am Nordpol mit dem dort lebenden und arbeitenden deutschen Geologen Malte Jochen in den weltweiten Saatguttresor in einem natürlichen Tiefkühlstollen zu bringen.
Aber weder Regenwurm, noch Madagaskar, noch die 60 Millionen Jahre alten Bäume, die zu Steinkohle geworden sind, bringen den „alten“ Checker Tobi näher an die Antwort auf die Frage des eigenen kindlichen Ichs. Und so reist er weiter nach Mexiko. Die Anthropologie-Studentin aus Österreich Samara Sánchez-Pöll, die in ihrer ersten Heimat bei den Maya in einem sozialen Landwirtschaftsprojekt nach uralten Rezepten kocht, bringt ihn zu einem faszinierenden traditionellen Anbaufeld, wo Mais, Bohnen und Kürbis gemeinsam wachsen, weil die Indigenen wussten, dass alle drei Früchte davon profitieren.
Aber auch das bringt ihn noch nicht nur gesuchten Antwort, ebenso wenig wie die Hilfe beim Archäologen Nicolaus Seefeld – auch wenn sie dabei auf einen Mais-Mahlstein bei einer Ausgrabung stoßen. Beim Aufstieg auf eine der Maya-Pyramiden von Calakmul philosophiert Checker Tobi schließlich, ob es nicht überhaupt egal sei, die oder eine Antwort zu finden, sondern viel wichtiger ständig Fragen zu stellen und nach deren Antworten zu suchen. Und findet letztlich doch eine Antwort – die aber hier sicher nicht gespoilert werden soll.
Was aber schon verraten werden darf, weil es Marina Blanke im Interview für das Medienheft zum Film schon verraten hat: „Tatsächlich sammeln wir auch gerade schon fleißig Ideen, wie ein Film über das Feuer entstehen könnte. Wie die anderen drei, ist auch das Feuer ein spannendes Element, über das man viel erzählen und herausfinden kann. Feuer hängt untrennbar mit den anderen Elementen zusammen, es braucht Luft um zu brennen, Material, das es verzehren kann und Wasser, das es löscht… da lässt sich doch eine spannende Geschichte mit vielen Gesichtern des Feuers draus machen, oder? Ich freue mich besonders darüber, dass wir diesen Film als allerersten Checkerin-Marina-Kinofilm planen. Mal sehen, was sich da so checken lässt!“
Denn beim Erde-Film spielt Marina nur echt eine kleine Nebenrolle und damit auch ihr kindliches Ebenbild, die zehnjährige Lilou Jyoti Weerts, während ihr junger Kollege Theodor Latta immer wieder im Film auftaucht – für alle anderen außer Tobi in den Szenen aber nicht zu sehen. Die Dreharbeiten fand er – laut Medienheft der Filmfirma – „total lustig und spannend am Set. Die Crew war supernett und wir haben viel gelacht. Mit Tobi hab ich mich auch super verstanden. Wir hatten auch vor jedem Dreh ein kleines Ritual. Und ich hatte einen Schauspiel-Coach, Joe, er war beim Dreh immer dabei und hat mir sehr geholfen, in meine Rolle vom kleinen Tobi zu schlüpfen. Mit ihm war’s auch immer lustig.“ Am Coolsten fand er: „Die Reise nach Mexiko war natürlich mega aufregend und ich habe viel erlebt und gesehen. So weit bin ich noch nie geflogen!“
„Die Erde ist ein wahres Wunderwerk, über das sich unzählige Geschichten erzählen lassen“, wird Drehbuchautorin und Regisseurin Antonia Simm im Presseheft des Filmverleihs zitiert und weist auf die bekannte, nicht selten aber zu wenig präsente Erkenntnis hin, dass „in einer einzigen Handvoll Erde mehr Lebewesen“ existieren, „als es Menschen auf der Welt gibt!“
„In dieser Geschichte war es mir besonders wichtig, den Kindern eine Stimme zu geben – sind sie doch die wahren Expertinnen, wenn es um Erde geht: Sie erleben sie hautnah, mit allen Sinnen. Kinder zu bestärken, selbst etwas in die Hand zu nehmen, war mir schon immer ein großes Anliegen. Mit diesem Film möchte ich außerdem zeigen, dass in uns allen ein kleiner Tobi steckt. Ich wünsche mir, dass unsere Kinobesucherinnen – ob groß oder klein – Lust bekommen, die Ärmel hochzukrempeln, die Welt um sich herum neugierig zu entdecken und so die Zukunft aktiv mitzugestalten.“
Pendeln zwischen digitaler und analoger Welt – was (fast) allgegenwärtig geworden ist, machen die Autorinnen und die Illustratorin zum Inhalt des Bilderbuchs „Robotti, wir haben ein Problem!“, Untertitel: „Lotti und Robotti auf Entdeckungsreise durch die digitale Welt“.
Lotti, ein junges Mädchen, ist die Hauptfigur der Geschichte. Sie liebt Filme, in denen Roboter zentrale Rollen spielen. Pädagogisch eingebettet, schaut sie diese mit ihren Eltern und ihrem älteren Bruder Konrad. Inspiriert von diesen Videos will sie selber einen Roboter bauen – der muss nicht elektronisch sein und nicht wirklich funktionieren. Das haben sich die Autorinnen Sarah Hofmann und Miriam Prätsch, die in ihrem Hauptberuf Psychologinnen und Psychotherapeutinnen sind, so ausgedacht und Jasmin Hirtl in plastischen, bunten Bildern dargestellt. Am Ende findest du – via QR-Code – unter anderem zu einer Bastelanleitung eines solchen Karton-Gefährten samt alter Computertastatur und altem Handy.
Papas – echtes – Handy verschafft Lotti aber auch einen Video-Kontakt zur Mutter, die nach einer heftigen Fußverletzung bei einem Wanderausflug in die Berge mit Tante Karo im Krankenhaus liegt. Seite für Seite entdeckst du mit Lotti so manches, was Handys, Computer, Internet, Suchmaschinen und Apps können, gut und nützlich ist, so du es nicht ohnehin schon kennst.
Als Lotti und Papa auf dem Weg zum Einkaufen in heftigen Regen geraten, obwohl die Wetter-App meinte, es werde trocken bleiben. „Da hätte ich wohl besser mal in den Himmel geschaut und nicht ins Handy“, lassen die Autorinnen den Vater einbekennen.
Warum der Vater übrigens ein Rezept für Lottis Geburtstagskuchen online sucht, wenn die Tochter mit aufgeschlagenem Backbuch auf dem Küchenboden sitzt und vor sich noch weitere Bücher mit Rezepten liegen hat, bleibt ein ungelöstes Rätsel!
Hin und wieder findest du eigens gekennzeichnete Text-Kasterln mit Fragen an dich und deine digitalen Erfahrungen. Einige Begriffe im Buch wie Roboter oder Künstliche Intelligenz sind blau gedruckt – dazu findest du nach der Bilderbuchgeschichte über Lotti und die natürlich rechtzeitig zu ihrem Geburtstag aus dem Krankenhaus wieder zurückgekommene Mutter zwei Erklärseiten.
Und daran schließen sich 16 Seiten an, mit denen die Autorinnen in einem pädagogischen Begleitmaterial sich an Erwachsene richten, um ihnen Fakten und Gedanken im Umgang mit digitaler Welt und Kindern zu vermitteln.
„Die Lage in Venezuela ist ruhig, aber angespannt. Vor allem in der Hauptstadt Caracas patrouillieren die sogenannten Colectivos, dem Maduro-Regime zurechenbare paramilitärische Gruppen. Die Bevölkerung ist verunsichert, pendelt emotional zwischen Hoffnung auf eine bessere Zukunft und Angst, was nach der Verhaftung von Maduro folgen könnte.“ Das berichtet Wolfgang Wedan, Globaler Nothilfe-Koordinator der österreichischen Entwicklungsorganisation Jugend Eine Welt, nach Gesprächen mit den Projektpartner:innen vor Ort.
Ab 2021 koordinierte der Steirer von Caracas aus die weltweiten Nothilfe-Aktivitäten von Jugend Eine Welt, seit drei Monaten befindet sich Wedan allerdings wieder aus Sicherheitsgründen, da sich die Lage für ausländische Staatsbürger:innen in Venezuela konstant zuspitzte, in seiner Heimat Österreich. „Ich bin im täglichen Austausch mit unseren Projektpartnern vor Ort in Venezuela – vornehmlich mit den Salesianern Don Boscos und den Don Bosco Schwestern. Gemeinsam ermitteln wir zur Stunde die wichtigsten Punkte für eine schnelles Nothilfe-Programm für die Bevölkerung vor Ort. Als ersten Schritt sammelt Jugend Eine Welt Spenden, um den Ärmsten der Armen Nahrungsmittelpakete zur Verfügung zu stellen. Denn viele Geschäfte sind aufgrund von Hamsterkäufen mittlerweile leergeräumt bzw. geschlossen“, erzählt Wedan.
„Dazu gehen im ganzen Land Benzin und Diesel aus. LKW können nicht mehr fahren, die Geschäfte somit auch nicht mehr versorgt werden. Besonders schlimm ist die Lage in den ländlichen Gebieten, wo Menschen mittlerweile kein Essen mehr haben und Hunger leiden müssen.“ Zusätzlich werden auch Medikamente für ältere Personen, die von der zusammengebrochenen logistischen Versorgung im ganzen Land betroffen sind, dringend benötigt.
Die unsichere Lage in Venezuela bedingt laut den Einschätzungen von Wedan nach Gespächen mit Helfer:innen vor Ort allerdings auch die Wahrscheinlichkeit eines einsetzenden Flüchtlingsstromes Richtung Kolumbien in den nächsten Wochen. „Ich gehe davon aus, dass sich sehr viele Venezolanerinnen und Venezolaner nach Westen, zur kolumbianischen Grenze aufmachen werden. Erfahrungsgemäß bringen sie ihre Kinder in der Zwischenzeit bei Verwandten unter. Meist sind es Onkeln, Tanten oder Großeltern. Diese sind jedoch zunehmend mit der Situation überfordert. Schlussendlich landen die Kinder dann oft auf der Straße “, schildert der Venezuela- Experte. Neben der Planung von Nothilfe-Maßnahmen gilt das Augenmerk aktuell daher auch der Reaktivierung von Notschlafstellen für Kinder. „Damit sie zumindest in der Nacht einen sicheren Platz in einer kindergerechten Umgebung haben. Wir wissen aus unserer langjährigen Erfahrung in der Arbeit mit Straßenkindern, dass das Leben auf der Straße ein täglicher Überlebenskampf ist, oft endet er in der Kinder- Prostitution“, so Wedan.
„Schätzungen zufolge sind in den vergangenen zehn Jahren knapp acht Millionen Venezolanerinnen und Venezolaner aus ihrem Heimatland geflohen und abgewandert. Schon vor dem Angriff durch die USA bestanden in Venezuela vier große Probleme: Nahrungsmittelknappheit, fehlende Gesundheitsversorgung, eingeschränkte Transportmöglichkeiten und regelmäßige Stromausfälle. Die aktuellen Vorgänge verschärfen die ohnehin prekäre Lage jetzt zusätzlich. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit vor Ort und helfen Sie der notleidenden Bevölkerung mit Ihrer Spende!“, appelliert Jugend Eine Welt-Geschäftsführer Reinhard Heiserer.
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„Eines Tages in Österreich, als ich 4 Jahre alt war, ging ich mit meinem Vater spazieren. Mein Vater war eine besondere Art von Anwalt- er verteidigte Leute, die in Schwierigkeiten waren, aber es sich nicht leisten konnten, viel zu bezahlen. Es war 1933, Hitler war gerade der „Führer“ von Deutschland geworden. Wir waren gerade auf dem Heimweg, als ein Mann, der meinem Vater Geld schuldete, uns anhielt und schrie: „Einen Drecksjuden bezahle ich nicht!“, und dann spuckt der meinen Vater an und lief davon.“
So beschreibt Hedi Schnabl Argent, die heuer 97 Jahre wird, ihre früheste Erinnerung an die Anfeindung die sie als jüdisches Mädchen im niederösterreichischen Schwechat miterleben musste. Vor wenigen Wochen ist ihre Lebensgeschichte auf Deutsch erschienen: „Der Tag, an dem sich die Musik veränderte – Wie ich als Kind vor dem Nazi-Regime fliehen musste“.
Hedi ist Einzelkind, aber mit einem Cousin, den alle „Bubi“ nennen fast wie mit einem Bruder oft beisammen. Und die eingangs geschilderte Szene ist nicht die einzige. Zwei Jahre später an ihrem ersten Schultag wird sie selbst beschimpft. Und was noch härter ist, niemand will mit ihr spielen, „weil ich Jüdin bin… ich mag den Unterricht, aber ich gehe nicht gerne in die Schule.“
Die Autorin ihrer eigenen, echten Geschichte nennt aber auch einen wichtigen Lichtblick. Gerti kam auf sie zu und lud sie ein, gemeinsam zu spielen. Auf die Frage, warum sie sich anders verhalte als alle in der Umgebung zitiert Hedi Schnabl Argent ihre Freundin – bis heute übrigens: „Meine Mutter hat mir gesagt, dass es keine Rolle spielt, was man ist, solange man ein guter Mensch ist.“ Und Gerti lässt sich auch nicht davon abbringen, als nun andere Kinder auch mit ihr nicht spielen und sie als „dreckige Judenfreundin beschimpfen“.
In einfach zu lesenden, aber – selbst beim Wissen um den mörderischen Holocaust, in dem sechs Millionen Jüdinnen und Juden ermordet wurden – nur schwer zu verdauen sind, beschreibt Hedi Schnabl Argent auch außergewöhnlich schöne Tage wie ihren achten Geburtstag und die drei Geschenke, Weihnachten samt Besuchen bei nicht-jüdischen Nachbarn, die zu den wenigen Menschen gehören, die sie nicht anfeinden.
Aber auch jenen Tag, der dem Buch den Titel gab: den 13. März 1938, als Hitlerdeutschland Österreich einverleibte („Anschluss“), was von sehr, sehr vielen Menschen bejubelt wurde. Zum letzten Mal lief im Radio die damalige österreichische Bundeshymne. „Doch nach der Hälfte der schönen Haydn-Melodie wird das Tempo schneller: Sie ist nun die deutsche Hymne.“
Und damit war klar, früher oder später muss die Familie das Land verlassen, wenn sie überleben will. „Von heute auf morgen sind wir Flüchtlinge. Wir gehen nicht auf die Straße. Wir haben kein Zuhause mehr und bleiben, wo immer uns jemand eine Woche, einen Monat oder auch nur ein Wochenende lang Unterkunft gewähren kann…“
Die Familie kann – nach einer vorübergehenden Verhaftung ihres Vaters – doch noch rechtzeitig gemeinsam nach England flüchten. „Wir fragen uns, werden wir uns immer wie Außenseiter fühlen? Werden wir immer Flüchtlinge bleiben?“
Und fast natürlich gelingt es dem jungen Mädchen schneller als den Eltern sich in der neuen Heimat zurecht zu finden – ihr Buch ist vor drei Jahren auch im Original auf Englisch erschienen.
Das Buch lebt von den authentischen Erlebnissen des sehr jungen und später jugendlichen Mädchens in nachvollziehbar verfassten Episoden – und nicht zuletzt den echten Fotos von ihr selbst, aber zum Beispiel auch von der kleinen Puppe Susi, die sie als einziges als Ebenbild der großen Susi-Puppe mit auf die Flucht nehmen konnte. Sogar ihre Enkelkinder haben damit noch gespielt. „Jetzt ist sie alt und zerbrechlich und wohnt zu ihrem Schutz sorgfältig eingepackt in Seidenpapier, in einer Schachtel im National Holocaust Museum in Nottinghamshire.“ (ungefähr in der Mitte Englands).
Hedi Schnabl Argent baut in die rund 60 Seiten immer wieder trotz der tragischen Geschichte ihrer Kindheit hoffnungsvolle Momente ein – Freundin Gerti oder die Nachbarn sind hier erwähnt, aber im Buch finden sich noch mehr. Und sie spannt den Bogen von der Verfolgung von Jüd:innen durch Nazis und andere Antisemit:innen zu Menschen, die auch heute flüchten müssen, um zu überleben.
In einer Art Vorwort schreibt sie unter anderem ebenfalls in einfachen Sätzen diese großen Gedanken: „Dass wir alle anders sind, ist großartig, aber kurioserweise sind wir gleichzeitig auch alle gleich, weil wir alle Menschen sind. Egal woher wir kommen, welche Haut-, Haar- oder Augenfarbe wir haben, ob wir Behinderungen haben oder nicht, an was wir glauben oder nicht, welche Sprache wir sprechen, wir sind alle Menschen und Teil der einzigen Menschheit, die es gibt.
Meine Geschichte handelt davon, was passiert, wenn wir Menschen, die anders sind, so behandeln, als ob sie keine Menschen wären.“
Spannend ist übrigens auch das Nachwort des Herausgebers Nikolaus Franz, der die Entstehungsgeschichte dieses Buches ausgehend von einem Dokumentarfilmprojekt „Schwechat im Krieg“ schildert.
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