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Bild-Montage aus Fotos der Preisträger:innen der drei Altersgruppen - mit Honoratior:innen

Sie sind Teil der Veränderung zu einer bunten, diverseren, besseren Welt

161 Gewinner:innen – die standen schon seit Anfang Juni bei der 13. Ausgabe des mehrsprachigen Redebewerbs „SAG’S MULTI!“ fest. So viele Jugendliche zwischen 12 und ca. 19/20 Jahren hatten sich mit ihren inhaltsreichen, eloquenten mündlichen Beiträgen – immer in Deutsch UND einer anderen Erst- oder erlernten Sprache – ins Finale geredet. Die Jurys an diesen Finaltagen – in Landesstudios des ORF, der den Bewerb nun zum zweiten Mal hostet – mussten allerdings noch aus diesen besten Redner:inner der im Herbst gestarteten 400 Jugendlichen mit 39 verschiedenen Sprachen nochmals die Besten der Besten auswählen. Diese Preisträger:innen- 27 – wurden am Sonntag (26. Juni 2022) im Festsaal des Wiener Rathauses auf die Bühne geholt und – in den drei Altersgruppen des Bewerbs – ausgezeichnet.

Sie alle werden hier mit kurzen Zitaten aus ihren Finalreden – unter ihren Fotos – knapp vorgestellt. Im Verlauf der Woche durfte Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … einige dieser Top-of-the-Top – ohne dass diese von ihrem Preis erfuhren – interviewen. Links zu diesen sechs Beiträgen unten am Ende des Beitrages.

Vorgestellt wurden die neuen Preisträger:innen von eindrucksvollen jungen Erwachsenen, die vor unterschiedlich vielen Jahren bei „SAG’S MULTI!“ ihre Vorgänger:innen waren, einigen der Alumni.

Stellvertretend für die Besten der Besten durften einige von ihnen Auszüge aus ihren Finalreden vom ehrwürdigen Redepult der Bühne im Festsaal nochmals halten.

Die Jüngsten

Aus der 7. und 8. Schulstufe vertraten mit Rede-Auszügen: Ivy Stadler und Jermel Maimona ihre Alterskolleg:innen. Und hier nun alle Preisträger:innen dieser Altersgruppe (Kategorie 1):

Alis Nirschl
Alis Nirschl

Alis Nirschl, 13 Jahre, Englisch, WMS Maria Trapp Platz /Simonsgasse, Wien
Es wäre einfacher weg zu sehen, wenn man Leid oder Ungerechtigkeit sieht. Aber nur weil ich wegsehe, verschwindet das Problem nicht.  Also werde ich weiter hinsehen und versuchen kleine Dinge zu verändern. Dann gibt es nämlich auch für die anderen weniger Dinge, wo sie wegsehen müssen.

Belinay Can
Belinay Can

Belinay Can, 14 Jahre, Türkisch, MSi Feuerbachstraße, Wien
Eine Frau wird geschlagen, vergewaltigt, und getötet. Wer hat die Schuld? Natürlich das Opfer, weil die Frau sich zu freizügig angezogen hat, weil sie nachts alleine rausgegangen ist. NEIN! Anstatt solche Aussagen in die Köpfe der Töchter einzuprägen, müssen wir die Söhne anständig erziehen! Ihnen beibringen, dass nein NEIN heißt.

Duru Öztaş
Duru Öztaş

Duru Öztaş, 12 Jahre, Englisch, MS Ilse-Brüll-Gasse, Innsbruck, Tirol
Denn stell dir vor, du respektierst das Geschlecht nicht, welches dich auf die Welt gebracht hat, welches dich erzogen hat, in welches du dich verliebst und welches du heiraten wirst und denkst „Ab in die Küche“ zu sagen macht dich zu einem Mann! Nein danke, so einen Mann möchte ich nicht!

Hafso Mohamud
Hafso Mohamud

Hafso Mohamud, 14 Jahre, Somali, WMS Kauergasse, Wien
Wenn eine Frau einen Fehler macht, wird dieser Fehler so dermaßen thematisiert und dramatisiert. Aber wenn ein Mann den gleichen Fehler begeht, ist es nur ein Ausrutscher gewesen oder es kann jedem passieren. Meine Mutter hat mir immer gesagt, dass ich kein Stück schlechter bin als ein Junge und mir beigebracht, dass ich mich gegen jede Aussage, die mich schlecht macht, wehren kann. Genau aus diesen Gründen gehört meine Mutter für mich zu den größten Heldinnen und Vorbildern in meinen Leben.

Ivy Stadler
Ivy Stadler

Ivy Stadler, 13 Jahre, Englisch, BG/BRG Klosterneuburg, Niederösterreich
Nur vom Rassismus zu wissen, wird nicht reichen, um diesen zu überwinden. Es reicht nicht, sich zu Hause bequem in die Decke zu hüllen und über Rassismus zu lesen oder Nachrichten darüber zu sehen. So wie in meinem eigenen Fall auch: Lernen heißt, Erfahrungen machen, auch schmerzhafte, alles andere ist nur Information und wird nichts verändern.

Jermel Maimona
Jermel Maimona

Jermel Maimona, 13 Jahre, Portugiesisch, MS Roda Roda Gasse, Wien
Ich wuchs zweisprachig auf und mit zwei Kulturen. In Österreich bin ich der Schwarze, musste leider im Kindergarten schon negative Erfahrungen machen. Aber wenn ich zu Verwandten fahre auf Urlaub – da bin ich der, der in Österreich lebt, der nicht akzentfrei unseren Dialekt spricht. Man hat keine eindeutige Identität. Egal wo man hingeht, man ist immer der Ausländer. Natürlich ist es schwierig, aber ich habe den positiven Aspekt aus meinen jetzt noch jungen Jahren gezogen. Für mich ist es persönlich vorteilhaft, denn ich fühle mich in zwei Kulturen beheimatet.

Mittleres Alter

Aus der 9. und 10. Schulstufe hielten stellvertretend für diese Kategorie Mahsa Ehsani und Maya Serier Auszüge ihrer Reden, die sie zu Preisträgerinnen gemacht hatten. Alle Preisträger:innen dieser Altersgruppe – in Bild und Kürzest-Text-Auszug hier:

Maya Serier
Maya Serier

Maya Serier, 18 Jahre, Französisch, BORG Mittersill, Salzburg
Das heißt, wenn man Rassismus bekämpfen will, muss man zuerst Stereotypen bekämpfen. Wir müssen die unbewussten Stereotypen bewusst machen.
Wenn Ihr einen Satz z. B. mit „Alle Muslime…“ beginnt, so sprecht diesen Satz nicht zu Ende, weil, mit diesen Verallgemeinerungen geht die Individualität jedes Einzelnen verloren. Schließlich, um Stereotypen zu bekämpfen, gehen Sie auf Menschen zu, die anders sind als Sie.

Azka Zhumalieva
Azka Zhumallieva

Azka Zhumallieva, 15 Jahre, Englisch (erlernte Fremdsprache), BORG 3, Wien
Nach einem Gespräch mit einer Freundin von mir habe ich bemerkt, dass ich eine Mauer um mich herum gebaut habe. Aber alles, was du siehst, ist der Schmerz und die Vorurteile hinter der Mauer und wie du nicht willst, dass sie dich erreichen. Also bist du hinter ihr gefangen, ohne zu wissen, wie du entkommen kannst. Wenn wir versuchen, uns zu verändern und uns andere vorzustellen, unterdrücken wir das wahre Ich, das sich hinter der Mauer befindet. Wenn du dir Sorgen machst verurteilt zu werden, dann ist es nicht mehr dein wahres Ich, um das du dich sorgst.

Helena Černajšek
Helena Černajšek

Helena Černajšek, 15 Jahre, Tschechisch (erlernte Fremdsprache), BORG 3, Wien
Wer kann sich noch aller an das kleine „Ich bin Ich“ erinnern? Uns wurde immer klar gemacht, dass wir etwas Einzigartiges sind, aber wir wurden nicht dementsprechend behandelt. An alle Erwachsenen da draußen: Zeigt den Kindern in eurer Umgebung, dass sie wichtig sind und auch etwas zu sagen haben, ohne, dass man an ihnen dauernd etwas zu kritisieren hat.
ALSO: Die Message, die ich hier verbreiten möchte ist, dass WIR ,,Kinder“ für unsere Zukunft kämpfen müssen, also sollten wir den Respekt einfordern, den wir verdienen!

Simon Reiterer
Simon Reiterer

Simon Reiterer, 15 Jahre, Englisch (erlernte Fremdsprache), HLA Baden, Niederösterreich
Rassistische Strukturen sind kein modernes Phänomen, ein Relikt der Vergangenheit. Um dagegen anzukämpfen ist es wichtig sich den Mühen marginalisierter Gruppen und seiner eigenen Privilegien bewusst zu werden.
Auch wenn es für uns weiße, WEIRD– western, educated, industrial, rich, democratic – people, schwer ist Rassismen zu sehen und einzugestehen, ist es integral um Diskriminierung, Ausschluss und Unterdrückung vorzubeugen und ein erster Schritt auf einem langen Weg in die Gleichberechtigung.
Auseinandersetzung, kritische Selbstreflektion sind das Gebot der Stunde.

Helin Ağırdan
Helin Ağırdan

Helin Ağırdan, 16 Jahre alt, Türkisch, BG Reutte, Tirol
Was ich bis jetzt (16 Jahre) gelernt habe, ist, dass es zwei Sichtweisen für Menschen in Not gibt. Einmal die Flüchtlinge, die Ausländer sind und zurück ins eigene Land gehen sollen. Und Flüchtlinge, die Menschen sind, und Solidarität brauchen. Sagen Sie mir, liebes Publikum: Wer von uns verdient mehr Menschenrechte als der andere? Egal, wie viel Cent du in der Tasche hast – egal, ob du in Österreich oder in Afrika auf die Welt gekommen bist- egal, welche Hautfarbe- welches Geschlecht, welche Religion du hast – jeder Mensch hat das angeborene Recht auf Freiheit und Sicherheit

Können Sie mir eine 100-prozentige Sicherheit geben, dass wir niemals ein Flüchtling sein werden? Seien Sie sich nicht so sicher, niemand hätte gewusst, dass eine Krankheit uns jahrelang dazu zwingt, Masken zu tragen. Heute sind wir die Menschen, die in Sicherheit leben, aber was morgen passiert, kann keiner wissen.

Kyra Moisa
Kyra Moisa

Kyra Moisa, 16 Jahre alt, Französisch, Lycée Français de Vienne, Wien
Vor allem glaube ich, dass eine Anschauung, wie ein Geist, wie ein Herz erzogen werden kann. Der Respekt sich sowie anderen gegenüber ist ebenfalls eine Frage der Erziehung. Sich selbst respektieren und die anderen zu respektieren, das fängt inmitten der Familie an, das fängt in der Schule an, indem man lernt zu sprechen und zu schreiben, um zu sagen, wer wir sind, indem man neue Sprachen lernt um einander besser zu verstehen, indem man unsere Geschichte lernt, um aus ihr Lehren zu ziehen.

Lena Ditrt-Moore bei ihrer Finalrede von
Lena Ditrt-Moore

Lena Ditrt-Moore, 15 Jahre, Englisch, Gymnasium Sacré Coeur, Wien
Diese negativen Gedanken und Vorurteile zeigen sich oft unerwartet oder wenn man nicht über seine Wortwahl nachdenkt.

Auch Stereotypen wie zum Beispiel, dass Schwarze Menschen gut Basketball spielen können, mögen zwar nicht beleidigend erscheinen, funktionieren aber im Prinzip genauso wie negative Stereotypen. Sie werfen eine riesige Gruppe von Menschen in Kategorien, statt jede Person als ein individuelles Wesen zu betrachten. Es ist so schwierig diesen Denkweisen gegenzusteuern, da viele sich ihrer rassistischen Veranlagungen nicht einmal bewusst sind!

Larissa Arthofer
Larissa Arthofer

Larissa Arthofer, 16 Jahre, Englisch, BRG Krottenbachstraße, Wien
Erinnern wir uns an die Zeit in der wir noch an Superhelden und andere fantastische Wesen geglaubt haben. Rufen wir uns in Erinnerung, dass wir selber noch die Superhelden unserer Träume werden können. Denn nicht nur Spiderman kämpft für Gerechtigkeit, nicht nur der Weihnachtsmann macht Geschenke, nicht nur Robin Hood hilft den Schwächeren. Jeder muss selbst den Superhelden aus sich rauslassen, und mit der Veränderung des Verhaltens von jeden einzelnen können wir die Welt so verändern, wie nicht einmal ein Superheld mit Superkräften es könnte.

Luisa Kulterer
Luisa Kulterer

Luisa Kulterer, 16 Jahre, Englisch, ISC International School Carinthia Velden, Kärnten
Gleichgültigkeit ist wie ein Virus. Sie breitet sich in einem aus, geht von Mensch zu Mensch, denn wenn es dem anderen egal ist, darf es mir ja sicher auch egal sein. Was gegen den Virus namens Gleichgültigkeit hilft? Nein, keine Mundmasken und auch kein Desinfektionsspray. Schon gar nicht ein Baby-Elefant. Es ist Mut. Ich glaube, wir Menschen müssen einfach wieder wachgerüttelt werden und einmal hören, dass es unverzichtbar ist, Courage zu zeigen; den Kopf nicht weg zu drehen. Wir können die Welt verändern, wenn wir wollen. Wir müssen es nur wollen.

Mahsa Ehsani
Mahsa Ehsani

Mahsa Ehsani, 16 Jahre, Farsi/Deutsch, Gymnasium am Augarten, Wien
Zivilcourage ist, wenn ich sehe, dass Menschen insbesondere Frauen, die Rechte verletzt oder ihnen sogar abgesprochen werden, dann meine Stimme erhebe. Meine Stimme erhebe für die polnischen Frauen, die sich gegen das Abtreibungsgesetz wehren. Meine Stimme erhebe für die vielen Muslima in Frankreich, deren Recht auf Selbstbestimmung in Bezug auf ihre Bekleidung, missachtet wird. Meine Stimme erhebe für meine mutigen Schwestern in Afghanistan, wo schon deren Weiblichkeit eine Bedrohung und Gefahr für ihre Existenz darstellt. Meine Stimme erhebe, indem ich Petitionen unterschreibe, an Demonstrationen teilnehme und andere über ihre Situation informiere.

Die ältesten Schüler:innen

Stellvertretend für Jugendliche aus den Schulstufen 11, 12 und 13 (berufsbildende höhere Schulen haben ein Jahr mehr bis zur Matura) hielten Finn Wörnschimmel und Baara Auszüge aus ihren Reden. Und hierauch wieder alle Preisträger:innen in Fotos und knappen Zitaten aus ihren Reden:

Alexandra Kreuzer
Alexandra Kreuzer

Alexandra Kreuzer, 18, Englisch (erlernte Fremsprache), Stiftsgymnasium St. Paul im Lavanttal, Kärnten
Im Endeffekt sollten wir Gleichgültigkeit nicht nur für andere, sondern auch für uns selbst überwinden. Denn wenn ich das nicht tue, wenn ich nicht zulasse, dass mich der Schmerz, die Ungerechtigkeit, die Trauer berührt, dann sperre ich auch die Freude, die Liebe und die Hoffnung weg and that can never, ever happen.
Lasst uns heute einfach mal ein bisschen mutiger sein als gestern.

Banan Sakbani
Banan Sakbani

Banan Sakbani, 18 Jahre, Arabisch/Deutsch, AHS- Antonkriegergasse, Wien
Seien Sie der Grund für eine bunte und diverse Welt, seien Sie lauter, verändern Sie sich selbst und somit die gesamte Welt

Baraa
Baara

Baraa, 18 Jahre, Arabisch, HLW-Schrödinger Graz, Steiermark
Gleichberechtigung bedeutet nicht, dass Männern etwas weggenommen wird, vielmehr geht es um die Anerkennung, dass Frauen und Männer gleichwertig wichtig für die Gesellschaft sind. 
Wir Frauen und Männer sind nicht Gegeneinander, sondern füreinander. Wir ergänzen uns gegenseitig. Kämpfe für Gleichberechtigung. Wir halten Abstand, aber wir halten zusammen.

Büşra Özçelik
Büşra Özçelik

Büşra Özçelik, 17 Jahre, Türkisch, Gymnasium Werndlpark Steyr, Oberösterreich
Liebe Österreicherinnen und Österreicher, habt keine Angst! Habt keine Angst, dass durch meine Stimme, euch Schaden zugefügt wird. Habt keine Angst, dass durch meine Stimme, eure Stimme an Wert verliert. Vergesst nicht, ich bin genauso eine Österreicherin wie Ihr. Ich befolge genauso Gesetze, bilde mich stets weiter und habe Spaß, Teil der Gesellschaft zu sein. Ich bin der Meinung, dass ich mir die österreichische Staatsbürgerschaft verdient habe, nämlich nicht heute mit dieser Rede oder gestern, sondern bereits bei meiner Geburt.

Felix Oberhuber
Felix Oberhuber

Felix Oberhuber, 17 Jahre, Englisch (erlernte Fremdsprache), Akademisches Gymnasium Salzburg
Aber wir müssen doch zugeben, dass wir Menschen manchmal ein wenig kurzsichtig sind. Stichwort: Climate Change. Denn: Wenn wir wie Wunderkinder wären … dann hätten wir schon vor einem halben Jahrhundert Maßnahmen gegen den Klimawandel ergriffen. Meine Damen und Herren, wir können nicht darauf vertrauen, dass Politiker*innen das langfristige Denken für uns übernehmen. Nein, eine Denkwende muss von uns, den Bürger*innen kommen.

Finn Wörnschimmel
Finn Wörnschimmel

Finn Wörnschimmel, 17 Jahre, Englisch (erlernte Fremdsprache), HLW Lippizanerheimat Voitsberg, Steiermark
Warum muss ich Angst haben, jeden Tag, den ich mich aus meinem Haus bewege. Warum werden mir immer Steine in den Weg gelegt und jedes Mal, wenn ich den Mut aufnehme mich zu outen, begegne ich Hass und werde nur noch weiter in mich selbst gedrängt. In meine Gedanken, welche mich regelrecht auffressen.

Laura Ablasser
Laura Ablasser

Laura Ablasser, 18 Jahre, Englisch (erlernte Fremdsprache), BG/BRG Weiz, Steiermark
Uns für andere zu verstellen, damit wir besser in ihre Welt passen, macht den Weg der Suche nach unserem eigenen wahren Ich lediglich länger und beschwerlicher. Das Anpassen an andere, das sind Hindernisse auf diesem Weg, um die wir einen größtmöglichen Bogen machen sollten. Wir alle sind besonders, auf unsere eigene Art.

Lisa Muskovich
Lisa Muskovich

Lisa Muskovich, 17 Jahre, Englisch (erlernte Fremdsprache), BG/BRG/BORG Oberpullendorf, Burgenland
Anstatt Diversität und das „Anderssein“ unüberlegt schlecht zu reden, will ich euch fragen: Wie wichtig ist Vielfalt für unsere Gesellschaft und vor allem für die Demokratie? Wenn alle derselben Meinung wären, wozu dann Wahlen? Wenn alle dieselben Ambitionen hätten, wozu dann Ziele? Wenn alle dieselbe Vergangenheit hätten, wozu dann Zukunft? Wir brauchen jede Einzelne und jeden Einzelnen, wir brauchen uns alle, mit unseren Wünschen und Träumen, mit unseren Visionen und Gedanken, mit unseren Gemeinsamkeiten und unseren Eigenheiten. Denn die Wahrheit ist, wenn alle gleich aussehen, denken und handeln würden, dann wär’s doch langweilig!

Livia Anna Banek
Livia Anna Banek

Livia Anna Banek, 17 Jahre, Englisch (erlernte Fremdsprache), BHAK Leibnitz, Steiermark
Menschen ertranken, und wir redeten von einer „Obergrenze“.
Menschen erfroren, und wir errichteten Zäune.
Menschen starben, und wir machten es zu Politik.
Dabei geht es nicht um Politik, um Richtlinien, um Grenzen; es geht um unsere Menschlichkeit, die wir jetzt erst an den Tag zu setzen lernen. Und trotzdem scheint dieser Rassismus immer noch geleugnet zu werden, zumindest von einigen Personen in den Medien und in der Politik.

Marija Radojičić
Maria Magdalina Radojičić

Maria Magdalina Radojičić, 17 Jahre, Serbisch, AHS Bernoullistraße, Wien
Es sind Wunden, mit denen man mehr oder weniger auch geboren wird, weil sie mittlerweile zu uns gehören, aber nicht alle können lernen mit diesen umzugehen und passen sich an. Sie werden genau zu dem, was die Gesellschaft ja von ihnen erwartet hatte. Die typischen Zuwanderer aus dem Balkan, die sich nur vor Gott fürchten, wenn überhaupt, und vor mehreren verpassten Anrufen ihrer Mutter.

Veljko Vučković
Veljko Vučković

Veljko Vučković, 19 Jahre, Serbisch, Joseph Haydn Realgymnasium, Wien
Wenn es um Angst geht, so kann man wohl sagen, dass wir alle im selben Boot sitzen.  Wir alle haben unsere Ängste, Angst vor dem Unbekannten, Angst, ausgelacht zu werden. Angst, alleine zu sein und von der Gesellschaft nicht akzeptiert zu werden, oder wahrscheinlich Angst, neue Schritte im Leben zu setzen, weil wir nie sicher sein können, ob wir die Schwierigkeiten, die sich vor uns auftürmen, meistern werden.

Die Abschlussgala von „SAG’S MULTI!“ 2021/22 zum Nachsehen auf der ORF-TVthek

Szenenfoto aus "Alle sind schon da"

In einer verspielten, leicht verzettelten (Sprach-)Bastelwerkstatt

Ein Tisch voller Elektrogeräte und Werkzeuge – eine Art Bastelkeller. Im Hintergrund fünf Türen – jeder mit einer anderen Schnürtalle – wie Elli sagen würde, die insbesondere die Kinder im Publikum mit ihren Buchstaben-/Wortverdrehungen, die sie anfangs am laufenden Band loslässt, zum Kichern und Lachen bringt. Ihr Spielpartner Eddi ist der Reparateur. Seine Schrulligkeit: Er hört Fön, Maffekaschine oder Mohrbaschine bei seinen Untersuchungen mit Stethoskop ab bevor er ans Werk geht.

Mit „Alle sind schon da“ – inspiriert vom berühmten Kinderlied über Vöglein, dessen Melodie gegen Ende auch anklingt – wollte das Wolkenstein Theater (Deutschland) das Vermissen der Begegnung mit anderen Menschen thematisieren – ausgehend von Lockdown-Zeiten während der Pandemie. Zumindest wird dies in der Beschreibung thematisiert. Knut, Lotte, Niko, Lux, Leo und Tanja – Bewohner:innen ihres Hauses werden zwar in Worten und manchmal auch Video-Einblendungen vorgestellt, aber dass sie den beiden Schauspieler:innen auf der Bühne (Andrea Lucas und Thomas Marey) abgehen, ist (noch?) nicht wirklich zu spüren. Wobei über weite Strecken die beiden überhaupt mehr für sich zu spielen scheinen. Wenngleich sie im Verlauf des knapp mehr als eine Stunde dauernden Stücks sie wahrhaft große Szenen erzeugen, die auch alle im Publikum in ihren Bann ziehen.

Außen und drinnen

Grandios, wenn Eddi ein „Monster“-TV-Gerät repariert – und in diesem verschwindet. Im Inneren eines Wasserkraftwerks gefilmt (Pascal Kempa), hantiert er an Knöpfen, braucht mitunter Werkzeug wie Schraubendreher, das ihm Elli von oben in den Fernsehapparat reicht und er es scheinbar innen greift. Dass es kein überdimensionales Durcheinander von TV-Innereien ist, stört gar nicht, lässt vielleicht andeuten, dass natürlich für den Betreib auch eines solchen Elektrogerätes Strom erforderlich ist.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Alle sind schon da“

Sehr schön auch jene Szene als die Rede auf den Tuba-Spieler kommt, den sie auch schon lange nicht gehört und gesehen haben und Eddi aus der Lade des Basteltisches ein kleines Waldhorn zieht. Doch bevor er ansetzt, um diesem einen Ton zu entlocken, erklärt ihm Elli, er müsse doch erst die Gesichtsmuskulatur und den Mund lockern, u.a. zum Kussmundspitzen, die Lippen mit brrrr flattern lassen.

Gedichte und Malerei

Amüsant die lautmalerischen Gedichte, die Elli auf ihrer Reiseschreibmaschine – übrigens wie alle Geräte im gleichen Orange-Ton aus den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts – zu tippen scheint. Neben diesen Gedichten bringt das Wolkenstein Theater mit einem am Ende in einem riesigen vermeintlichen Pizzakarton auftauchenden gemalten Bild eine weitere Ebene künstlerischen Schaffens in diese Produktion ein. Gemalt von der auch abwesenden Frieda, die wir vorher schon einem and die fünf Türen als „Leinwand“ projizierten Video bei ihrer Tätigkeit ansatzweise in freier Natur hantierend sehen.

Verdoppelungen in einigen der Videos, das Nicht-Spüren des Vermissens der anderen, vielleicht ein bisschen zu viel und zu verzettelt – das sind Kritikpunkte, die im wertschätzend-kritischen, konstruktiven abendlichen Diskurs mit den Theatermacher:innen im Rahmen der organisierten Inszenierungsgespräche des Theaterfestivals „Luaga & Losna“ gefallen sind – nicht nur von den Mitwirkenden der Dramatiker:innen-Börse, sondern teils auch von den Theaterleuten selbst, die den Prozess der Entwicklung dieses Stücks noch (lange?) nicht abgeschlossen sehen. Neben Pandemie bedingten Nicht-Spielmöglichkeiten war ihr Theater auch noch vom heftigen Hochwasser im vergangenen Jahr betroffen – was zu weiteren Unterbrechungen, Verzögerungen und Komplikationen im Probenprozess  geführt hatte.

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Compliance-Hinweis: KiJuKU wurde von Luaga & Losna zur Berichterstattung nach Nenzing eingeladen.

Montage aus mehreren Fotos der Finalistin Duru Öztaş - Mit Skateboard, bei der Rede und Selfie

Wir bluten alle in der gleichen Farbe, nicht wahr!

„Was ich mir in der Zukunft wünsche, ist dass Frauen wenigstens in allen Ländern Arbeitsmöglichkeiten haben. Sie sollen wie jeder andere Mensch behandelt werden! Frauen sollten genauso respektiert werden! Wir sind auch Menschen mit Gefühlen und leben auch nur einmal!“ Das ist ein Zitat der damals 12-, mittlerweile 13-jährigen Duru Öztaş. Die Mittelschülerin aus Innsbruck sprach in der Vorrunde zum mittlerweile 13. Mehrsprachigen Redebewerb „SAG’S MULTI!“ über Frauenrechte – auf Englisch (und natürlich Deutsch, das müssen alle Redner:innen – neben einer anderen Erst- oder auch erlernten Fremdsprache – wählen.

„Englisch spreche ich seit meiner Kindheit, ich habe sehr viele englische Videos angeschaut. Meine Muttersprache ist eigentlich Türkisch, aber ich habe Englisch gewählt, weil die meisten Menschen ja Englisch sprechen oder verstehen können und das Übersetzen ist für mich einfacher“, begründete sie ihre Wahl gleich eingangs der schon oben zitierten Vorrunden-Rede.

Finalrednerin Duru Öztaş
Finalrednerin Duru Öztaş

Mensch = Mensch

Im Finale widmete sie sich Rassismus – und fand praktisch zum selben Kern wie beim vorigen Thema: Mensch ist Mensch, niemand sollte mehr oder weniger wert sein wegen des Geschlechts, der Hautfarbe usw. „Man muss nicht eine weiße Hautfarbe haben, um ein Mensch zu sein.  Man sollte sich nicht unwohl fühlen, wenn man etwas anders als andere sind. Wir bluten alle in der gleichen Farbe, nicht wahr?“, beendete sie ihren Redebeitrag im Finale.

Auf Frauenrechte sei sie über Dokumentationen gekommen, „in denen ich gesehen habe, wie Frauen in verschiedenen Ländern wie Afghanistan gar keine Rechte haben“, sagt sie im Telefon-Interview mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … Aber auch in Österreich werden viele Frauen nicht gleich bezahlt wie Männer, berichtet sie in ihrer Rede. „Und Frauen sind doch auch Menschen – ohne die wir alle gar nicht leben würden. Ich finde das komisch, dass sie oft nicht respektiert werden. Deswegen wollte ich darüber reden“, so schildert sie am Telefon engagiert ihre Motivation.

Und für die Finalrede erinnerte sie sich an ihre Volksschulzeit. „Mir selbst ist das zwar nicht passiert, aber ein Mädchen wurde viel gemobbt, nur weil sie eine andere Hautfarbe hatte. Das hat mich sehr mitgenommen, ich habe mich um sie bemüht und wollte ihr immer helfen und zeigen, dass sie nicht alleine ist.“

Portrait-Selfie der Finalrednerin Duru Öztaş
Portrait-Selfie der Finalrednerin Duru Öztaş

Sonst nervös …

Schwierig beim Vorbereiten der beiden Reden mit den so großen Themen war nur, „dass ich da so viele Gedanken hatte und als ich sie aufgeschrieben habe, einiges wieder löschen musste“, erzählt die 13-Jährige, die „Richterin werden will. Ich denke, das ist eine Arbeit die gut zu mir passen würde und eine, wo ich jeden Tag Lust darauf habe und sie lebenslang machen kann“.

Eigentlich sei sie normalerweise beim Reden vor anderen „nervös, so dass sogar die Hände zittern, aber bei SAG’S MULTI! ging’s mir voll gut, ich hab mich einfach auf das Thema konzentriert“.

Duru Öztaş mit ihrem Skateboard
Duru Öztaş mit ihrem Skateboard

Super-Klasssengemeinschaft

An der Schule mag sie „vor allem, dass wir eine sehr gute Klassengemeinschaft haben, in der ich mich richtig wohl und glücklich fühle. Wir verstehen uns alle sehr gut.“ An Fächern mag „ich vor allem Mathe, nur nicht dann, wenn wir es gleich in der Früh haben.“

An liebsten Freizeitbeschäftigungen nennte die Innsbruckerin: „Ich geh gern mit Freunden raus, spiele Volleyball – ein Mal pro Woche. Sonst mag ich Radfahren, schwimmen und ich liebe es; Neues auszuprobieren.“ Auf die Nachfrage, was das letzte war, das sie neu ausprobiert hat, sagt Duru Öztaş: „Skateboard fahren, das mach ich noch nicht so lange.“

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Szenenfot aus TRASHedy

So viel Mist machen wir: Mit viel Witz gewürztes Umweltstück – ohne Zeigefinger

In die Hand genommen, an den Mund geführt, scheinbar trinken und in mehr oder minder hohem Bogen weggeworfen. Becher für Becher. Aus Plastik. Der Vorrat, den die Schauspielerin Julia Mota Carvalho hinter dem Rücken ihres vor ihr stehenden Kollegen Daniel Mathéus hervor„zaubert“, scheint fast unerschöpflich. Nach und nach füllt sich der Bühnenboden in „TRASHedy“ mit diesem Mist. Einer der Becher landet hinter der Projektionswand und „taucht“ gezeichnet in der dortigen Animation im Meer oder Badesee wieder auf.

Direkt auf Publikum zugehen

„performing:group“ aus Köln und „tanzhaus nrw“ (Nordrhein-Westfalen) aus Düsseldorf (Deutschland) touren seit gut zehn Jahren mit dem Stück über Konsumverhalten und Umweltschutz, einem Mix aus Schauspiel, Tanzeinlagen, Pantomime, wenig Worten dafür viel animierten Zeichnungen sowie Musik, Geräuschen und Klängen. Der Auftritt bei „Luaga & Losna“, dem Theaterfestival für junges Publikum im Vorarlberger Nenzing war der 165. Das sagt Martin Rascher, der bei der Stückentwicklung von Anfang an dabei war, sowie für die Videos, Animationen, Klang und Sound sorgt.

Szenenfot aus TRASHedy
Szenenfoto aus „TRASHedy“

An den Anfang setzt das Stück pantomisch in Kürzestfassung die Entwicklung des bewegten Lebens – aus dem Meer an Land, zu Wasser, auf der Erde sowie in den Lüften. Und führt schließlich die Menschheit ein, die mehr und mehr den Planeten und seine Ressourcen ausbeutet und vermüllt. Die eingangs geschilderte Plastikbecher-Szene ist nur eine. In anderen wird das Publikum direkt angespielt, Zuschauer:innen Schuhe oder Handys vorübergehend abgenommen, im Mistkübel versenkt, nachdem zuvor die Lieferkette animiert projiziert wird.

Szenenfot aus TRASHedy
Szenenfoto aus „TRASHedy“

Selbst in Frage stellen – mit viel Humor

Droht das Stück spätestens da in eine Zeigefinger-Lehrstunde in Sachen Klimakrise abzudriften, so bricht das Duo den „pädagogischen Auftrag“ immer wieder – nicht zuletzt, indem es diese Belehrungen hinterfragt und vor allem das Spiel immer wieder stark mit Humor würzt (Idee, Regie, Zeichnungen: Leandro Kees, der auch das Stück gemeinsam mit dem schon genannten Rascher sowie Spieler Mathéus entwickelte). Gegen die Vermittlung des Gefühls von Ohnmacht schlüpfen die beiden Spieler:innen in die Rolle von Klima-Aktivist:innen in Protest-T-Shirts, samt Transparenten und Plakaten mit Forderungen nicht nur für Umweltschutz, sondern auch Demokratie, Freiheit, Achtsamkeit, Empathie und nicht zuletzt Humor. Und enden doch nicht hier, sondern stellen auch in Frage, ob das allein hilft oder gar die Lösung ist. Denn eine solche können – und wollen – sie mit ihrem Stück gar nicht anbieten. Höchstens zum Weiterdenken, -spinnen anregen.

Eigene Beiträge

Das nicht belehrende und der Witz im Spiel beeindruckten auch Schüler:innen der Mittelschule Nenzing, die Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … erzählten, dass sie das Stück sehr gut gefunden haben, es ihnen Spaß machte. Sie so manches ohnehin schon gewusst haben und auch darauf achten – Stofftaschen zum Einkaufen nutzen statt Plastiksackerln, nicht dauernd Getränke in Plastikflaschen kaufen und viele mit dem Fahrrad in die Schule kommen.

Wiewohl das individuelle Verhalten auch „nur“ ein – und nicht der größte – Beitrag gegen die Klimakrise sein kann. Die Theatergruppe selber achtete selber schon bei der Entwicklung des Bühnenbildes darauf, „dass alles in einen großen Koffer passt, mit dem wir möglichst mit der Bahn reisen können“, so der schon oben zitierte Martin Rascher.

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Compliance-Hinweis: KiJuKU wurde von Luaga & Losna zur Berichterstattung nach Nenzing eingeladen.

Montage aus mehreren Fotos - Mahsan Ehsani bei ihrer Finalrede, mit Freund:innen in einer Pause hinter dem Redepult und beim Spaziergang in der Natur

Rassismus, Klimakrise: nicht wegschauen, aktiv was dagegen tun!

Ihr halbes Leben verbringt sie schon in Österreich. Während sie sich in der Schule aufgehoben und wohl fühlt – „wir sind eine internationale Klasse, in der rund 80 Prozent Migrationshintergrund haben“ – erlebt Mahsa Ehsani im Alltag außerhalb der Schule immer wieder Beschimpfungen. „So ist einmal ein Mann mit dem Fahrrad an mir vorbeigefahren und hat mir zugerufen Sch…Taliban“, erinnert sich die 16-Jährige, die in Afghanistan geboren wurde und deren Familie in den Iran flüchtete. Wo Menschen aus Afghanistan sehr oft als Menschen zweiter Klasse behandelt werden, wenig bis keine Rechte haben, weshalb sich die Familie entschloss, weiter zu flüchten. Und 2015 in Österreich landete.

Mahsa Ehsani bei ihrer Finalrede von
Mahsa Ehsani bei ihrer Finalrede von „SAG’S MULTI!“

„Die ständige Verachtung und Entmenschlichung seitens der Gesellschaft und der Politik trieb uns letztendlich nach Europa. Hier angekommen dachte ich wir hätten all den Hass hinter uns. Dachte die Wunden könnten nun endlich heilen. Doch es dauerte nicht lange bis ich anfing, daran zu zweifeln“, berichtet sie darüber in ihrer Vorrunden-Rede von „SAG’S MULTI!“ 2021/22. Am Sonntag werden in einer großen Abschlussveranstaltung im Wiener Rathaus 27 Preisträger:innen der 13. Auflage des mehrsprachigen Redebewerbs ausgezeichnet. Jugendliche – von der 7. Schulstufe an bis zum Ende der Schulzeit (also 12. oder 13. Schulstufe in BHS) – treten mit Reden an, in denen sie jedenfalls Deutsch verwenden (müssen) und einer anderen, frei gewählten Sprache – Erst- oder Familien- bis erlernte Fremdsprachen. Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … veröffentlicht diese Woche täglich ein Interview mit einer/einem der Finalist:innen – Links zu den bisherigen Gesprächen sowie Detail-Infos zum Bewerb siehe unten am Ende dieses Beitrags.

Die Rednerin mit Freund:innen aus ihrer Klasse rund um das Redepult im ORF-Wien-Funkhaus
Die Rednerin mit Freund:innen aus ihrer Klasse rund um das Redepult im ORF-Wien-Funkhaus

Nicht wegschauen

Mahsa Ehsani wählte Farsi (Persisch, die Amtssprache im Iran aber auch in Afghanistan – als Dari – weit verbreitet). Um Rassismus – samt eigenen leidvollen Erfahrungen – kreiste ihre erste Rede. Und auch das Telefoninterview. „Ich kann zum Glück gut mit meiner Familie und Freundinnen und Freunden über rassistische Angriffe reden, wir ermutigen uns gegenseitig, überzeugen auch andere, nicht wegzuschauen, sich nicht alles gefallen zu lassen. Denn wenn alle immer wegschauen und nichts sagen, wird die Lage nicht besser, es wird dann nur schlimmer und rassistische Ideologie bekommt mehr Platz.“

In ihrer Klasse im Gymnasium am Augarten (1o. Bezirk in Wien, genannt Brigittenau) „sind alle offen und lernbereit, auch sich zu entschuldigen, wenn die eine oder der andere einmal etwas sagt, das rassistisch und ihr oder ihm gar nicht so bewusst ist“.

Engagiert gegen Klimakrise

Im Finale stellte sie Zivilcourage ins Zentrum ihrer Rede. Natürlich auch gegen Rassismus und für Frauenrechte, aber sie fasst den Begriff viel weiter: „Zivilcourage ist, wenn ich mir beim Kauf von Kleidung, sei es online oder im Shop, die Lage der Näherinnen und Näher aus Kambodscha oder China vor die Augen führe und bewusst meinen Modekonsum verringere. … Da ich der Überzeugung bin, dass auch solche kleinen Taten eine große Wirkung auf diese Industrie haben. Zivilcourage ist, wenn ich aufgrund der Klimakrise meinen Alltag umgestalte. Wenn ich mich also bewusst für öffentliche Verkehrsmittel entscheide oder wenn ich sparsamer mit unseren natürlichen Ressourcen umgehe. Versuche unnötigen Müll zu vermeiden und auch meine Familie und Freunde dazu bewege, klimabewusster zu leben.“

Die Rederin bei einem Spaziergang - fotografiert von ihrer Schwester
Die Rederin bei einem Spaziergang – fotografiert von ihrer Schwester

Medizin und sozial aktiv

In der Schule mag sie an Fächern am liebsten Deutsch, überhaupt alles Sprachen (derzeit Englisch und Latein) und Geschichte. Seit einem Jahr besucht sie nun dieses Gymnasium in Wien, „davor war ich in St. Pölten in einem Gymnasium, das war nicht so angenehm wie hier“, verrät sie dem Journalisten. Gefragt nach ihrem Berufswunsche, nennt Mahsa Ehsani: „Ich würde gern Medizin studieren, aber jedenfalls daneben auch sozial aktivistische Arbeit für mehr Gerechtigkeit und Diversität leisten.“

Angesprochen auf liebste Freizeitbeschäftigungen sagt die 16-Jährige: „Ich geh gerne spazieren in der Natur, um einen freien Kopf zu bekommen. Ich lese gerne – und suche gezielt Lektüre aus, derzeit die Autobiographie von Malcolm X, der sich in den USA für Bürgerrechte für Schwarze Menschen eingesetzt hat. Sein Engagement find ich sehr inspirierend.“

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Szenenfoto aus einer früheren Aufführung mit teils anderer Besetzung "Von Füßen und Pfötchen"

Wundervoll getanzte Bilder und Geschichten

„Von Füßen und Pfötchen“ beginnt voll im Dunkeln – ungewöhnlich für ein ganz junges Publikum ab 3 Jahren. Dennoch ist keine Angst auch der jüngsten Zuschauer:innen zu spüren. Ist nicht immer so, gestehen die Tanztheaterleute der Compagnie Irene K. (aus dem belgischen Eupen aus der dortigen deutschsprachigen Minderheit). Große Stoff-Krallen tauchen aus der Finsternis, die sich allmählich lichtet, auf. Gehören sie Riesenechsen. Egal. Sie tapsen, trampeln – aber sanft –, nähern sich an, greifen ineinander, lösen sich wieder. Und werden bald abgestreift. Menschliche Füße kommen – wie zu erwarten – zum Vorschein.

Szenenfoto aus einer früheren Aufführung mit teils anderer Besetzung
Szenenfoto aus einer früheren Aufführung mit teils anderer Besetzung „Von Füßen und Pfötchen“

Die gehören den beiden Tänzer:innen Gold Mayanga und Ilke Teerlinck. Die sich mal langsam und zart, dann wieder wild und fast artistisch den Raum, der nun ihre Welt ist, erobern. Nein, eher entdecken, nicht beherrschen im Sinne von untertan machen. Sie beherrschen hingegen ihre Körper und deren Bewegungen perfekt, präzise, höchst genau – ob große oder auch kleinste, ob explosive oder sanfte, zärtliche (Choreografie: Anaïs Van Eycken, Irene Kalbusch, letztere auch künstlerische Leiterin). Zwängen ihre Füße später mitunter in Bekleidungen – von Stöckelschuhen bis zu schwer wirkenden überdimensionalen Schaumstoff-Sneakers, die sie kaum vom Boden abheben lassen.

Szenenfoto aus einer früheren Aufführung mit teils anderer Besetzung
Szenenfoto aus einer früheren Aufführung mit teils anderer Besetzung „Von Füßen und Pfötchen“

Watschelnde und schwimmende Enten

Außer den eigenen Füßen holt der Tänzer das bekannte Watschelenten-Spielzeug an langem Holzstab und bringt damit neue Füße und deren platschende Geräusche neben der die Szenerie untermalenden Musik (Milan Warmoeskerken) ins Spiel. Es bleibt nicht die einzige Ente. Im Bühnenhintergrund warten schon einige auf ihren großen Auftritt. Bevor sie – an einer Schnur gezogen – die Bühne diagonal queren, birgt die Tänzerin eine große Stoff-Ente unter ihrem Pulli. Bringt sie die zur Welt oder schützt sie diese nur vor der Außenwelt? Jedenfalls will er nicht nachstehen und stopft sich die schon abgelegten Krallen und Schuhe unter seinen Pulli – „Schau her, ich hab auch was!“

Szenenfoto aus einer früheren Aufführung mit teils anderer Besetzung
Szenenfoto aus einer früheren Aufführung mit teils anderer Besetzung „Von Füßen und Pfötchen“

Manch erwachsene Zuschauer:innen such(t)en nach einer Geschichte, die das ca. ¾-stündige Tanztheaterstück erzählt, ließen sich dann aber doch auf das ein, was die Kinder von Anfang an taten/tun: Sich auf das Erzeugen schöner, bewegter Bilder und kleiner Geschichten durch den wundervollen Tanz des Duos – sowohl einzeln als auch vor allem im Zusammenspiel – einzulassen bis die aufgefädelte Schar der Wasservögel sanft ausklingend den Abschied ankündigt: Ente/Ende.

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Compliance-Hinweis: KiJuKU wurde von Luaga & Losna zur Berichterstattung nach Nenzing eingeladen.

Szenenfoto aus "Romeo und Julia"

Shakespeares Haarbüschel und Seufzer von Julia-Darstellerinnen

Ein ziemlich altes Büro – noch mit Wählscheiben-Telefon – wird zum Ort, in dem die vielleicht bekannteste „Liebesgeschichte“ der Welt von einer Schau- und Puppenspielerin sowie einer Musikerin erzählt wird. Und wie! Selbst bei Zuschauer:innen, die mit einem „nicht schon wieder Romeo und Julia“ in die Vorstellung beim Festival „Luaga und Losna“ in den Nenzinger Ramschwagsaal gegangen sind, hellte sich Stimmung und Miene schon in den ersten Minuten auf.

Schulaufsätze

Aus den verschiebbaren Schrankwänden des Archivs (Bühne: Maurus Leuthold) holt sie eine Kiste nach der anderen – mitunter daraus auch Puppen in Comic-Stilen – hervor. Humorvolle Distanz und Ironie zum Stoff durchzieht die 1 ¼ Stunden, räumt die Ehrfurcht, mit der oft an diese Geschichte herangegangen wird, beiseite. So erzählt die Archivarin von so „heiligen“ Gegenständen der Sammlung wie Haarbüschel Shakespeares, die er sich ausgerissen haben soll, als er beim Verfassen der Balkonszene nicht weiter kam. Außerdem beherbergt die Sammlung Bleistiftstummel – Reste jener Stifte, die DER dramatische Dichter schlechthin beim Schreiben des Stücks stets abgekaut hatte. Sie kramt aber auch Schätze hervor wie Dosen und Etuis mit Angstseufzern von Darstellerinnen der Julia vor deren jeweils erstem Auftritt sowie Aufsätze von Schüler:innen über DAS klassische Liebesdrama, u.a. mit der kürzestmöglichen Fassung eines Jugendlichen: „Love = Death“ (Liebe ist Tod) …

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Romeo und Julia“, Koproduktion von Figurentheater St. Gallen (Schweiz) und Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin (Deutschland)

„Frau Linzer“, jahrzehntelange Archivarin im „Institut für anrührende Liebesgeschichten“, wirft zunächst ihre aus der Generalüberholung zurückgekommene automatisierte Kollegin Hanka Robowsky an. Sie versorgt sie mit Strom, worauf die auf ihrem Cello zu spielen beginnt. Melodien und Geräusche – passend zu den jeweiligen Stimmungen. Sowohl des Geschehens in diesem verstaubt wirkenden Büro als auch bei der häppchenweise – auch immer wieder in kleinen eingespielten animierten Filmen – erzählten klassischen Shakespear’schen Geschichte.

Hey, was soll der Quatsch …

Die Puppen bespielen eine sehr große Bandbreite rund um die tragische Love-Story. Da ist die Figur einer alten Frau aus der Theatergruppe eines Senior:innenheims. Elisabeth setzt an: „Es war die Nachtigall und nicht die – Amsel, nein, die war es nicht, Fink …“ Die offenbar schon vorhandene Demenz lässt ihre Sätze immer frühzeitig beenden. Als Gegenpart vielleicht Yuki, die frisch-fröhlich, redegewandte goscherte Jugendliche, die den Mythos – gepackt in Jugendsprache – entzaubert: Was soll denn das für eine Liebe sein. 14 Jahre, einmal sehen, unsterblich verliebt sein, gleich heiraten??? Nach dem Motto: Was soll der Sch…

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Romeo und Julia“, Koproduktion von Figurentheater St. Gallen (Schweiz) und Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin (Deutschland)

Kiste „flüchtiger Dinge“

In (übersetzter) Shakespeare’scher Sprache erzählen die in animierte Filme (Video: Lars Wolfer, Sebastian Ryser) abgewanderten Puppen in mehreren zwischendurch eingestreuten Szenen wie schon oben erwähnt die Original-Geschichte, um die herum sich auch die live auf der Bühne zu erlebenden Szenen zwischen Kisten etwa „der flüchtigen Dinge“, eingeschickte Liebesbriefe usw. abspielen. Eine angeblich legendäre Julia-Darstellerin taucht aus einer solchen Kiste ebenso auf wie ein genauso berühmter Regisseur. Der zeichnet sich vor allem durch seine autoritäre kommandierende Brüllkraft aus.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Romeo und Julia“, Koproduktion von Figurentheater St. Gallen (Schweiz) und Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin (Deutschland)

Loser-Typ als Jugend-Romeo

Eine Art Gegenspielerin zur goscherten Yuki stellt der schüchterne „Verlierer“-Typ Sven da, ein Romeo-Darsteller einer Schultheatergruppe. Dem’s die Red‘ verschlagt, wenn Lucia, eine Mitschülerin, in die er hoffnungslos verliebt ist, auftaucht. Brief um Brief, den er nächtens schreibt, zerreißt er am Morgen. Er traut sich nicht, seiner Angebeteten die Liebe zu gestehen – spürbar nicht zuletzt, weil er die Enttäuschung nicht ertragen möchte, die er vermutet. Das lässt die Figurenspielerin zwischen den gesagten Zeilen wohl durchklingen. Übrigens jede Figur, auch wenn alle im Comic-Style, ein schon als Puppe individueller Charakter – gebaut von Johannes Eisele.

Switchen

Genial switcht Frauke Jacobi, künstlerische Leiterin des Figurentheaters St. Gallen (Schweiz), das in einer Koproduktion mit der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin (Deutschland) dieses Stück entwickelt hat (Regie: Sebastian Ryser), zwischen Schauspiel als Archivarin, die zwischendurch auch Sehnsucht nach Zuneigung spüren lässt und kunsthandwerklich perfekter Puppenführung samt der dazu passenden Stimm(lag)en. Die Livemusikerin Lorena Dorizzi sorgt nicht nur für die tolle Musik sowie die schier unmöglichsten Geräusche, die sie mit Hilfe von Stricknadeln und anderen Gegenständen den Saiten ihres Cellos entlockt, sondern gibt auch eine wunderbare (Fast-)Roboterin.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Romeo und Julia“, Koproduktion von Figurentheater St. Gallen (Schweiz) und Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin (Deutschland)

Es fehlt wieder einmal die Versöhnung

Vielleicht würde dieses Stück noch einen Zusatz im Titel zu „Romeo und Julia“ ganz gut vertragen können, der schon auf das Setting hinweist, das sich mit Geschichten rund um diesen Klassiker sowie generell um Theater-Hintergründe sowie Liebesgeschichten generell hindeutet – ohne natürlich so lange zu sein. Jedenfalls ist es ein höchst amüsantes, vergnügliches Stück Theater. Einziger Wermutstropfen: Auch in dieser – wie vielen anderen – Romeo-und-Julia-Inszenierungen oder Verfilmungen bleibt als Schluss: Tragischer Tod der Liebenden – und Shakespeares eigentlicher Schluss ausgespart: Versöhnung der beiden verfeindeten Familien in Verona, weil sowohl die Capulets als auch die Mantagues endlich schnallen, dass ihre Feindschaft sie beide das Leben ihrer Kinder gekostet hat. Was übrigens der vielleicht wohl bessere Kern an diesem mehr als 400 Jahre alten Stoff ist als die Liebesgeschichte selbst.

Wobei der Schluss des hier besprochenen Stücks sich gar nicht auf den Klassiker bezieht, sondern auf den schon genannten Sven. Und der ist super – sei aber nicht verraten, vielleicht hast du/haben Sie ja noch irgendwann irgendwo die Gelegenheit dieses Meisterwerk zu erleben.

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Compliance-Hinweis: KiJuKU wurde von Luaga & Losna zur Berichterstattung nach Nenzing eingeladen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Romeo und Julia“, Koproduktion von Figurentheater St. Gallen (Schweiz) und Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin (Deutschland)
Montage aus mehreren Fotos: Lena Ditrt-Moore bei ihrer Finalrede sowie bei sportlichen Aktivitäten

Aus Scham ist Stolz geworden

„Sind die nicht wild?“, war wahrscheinlich die schlimmste Frage, mit der ich vor vier Jahren konfrontiert wurde, als ich einem gleichaltrigen Kind über meine Familie erzählt habe und wo wir ursprünglich herkommen. …
Mittlerweile habe ich gelernt meine Herkunft und meine schwarzen Züge zu lieben und schätzen zu lernen, statt zu verdrängen. Aber das hat definitiv seine Zeit gebraucht!“

Diese Sätze stammen aus einer der Reden von Lena Ditrt-Moore, Finalteilnehmerin des mehrsprachigen Bewerbs „SAG’S MULTI!“, Während Englisch für viele Redner:innen eine, meist die erste, erlernte Fremdsprache ist, wuchs die Wiener Schülerin mit Englisch genauso auf wie mit Deutsch – letztere von der Mutter, erstere vom Vater weitergegeben, der Afro-Amerikaner ist. Darauf bezog sich auch das schockierende, eingangs zitierte Erlebnis der damals elfjährigen Gymnasiastin. „Ich hab in der Kindheit oft Ausgrenzung erlebt“, sagt sie im Telefoninterview mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … Deswegen habe sie sich sofort zum Rede-Thema „hab keine Angst zu sein, wer du bist“ hingezogen gefühlt.

Lena Ditrt-Moore bei ihrer Finalrede von

Kein leichter Weg

Wenngleich es kein leichter Weg war. Diskriminierung, Rassismus, Ausgrenzung führte bei Lena Ditrt-Moore anfangs eher zu Rückzug, Hoffnung, dass sie der Vater nicht vom Kindergarten oder der Schule abhole, um ihn und sich selbst vor bösen Worten zu bewahren. „Mein Selbstwert hat stark gelitten“, gesteht sie in einer ihrer Reden und schildert dort weiter: „Der erste Schritt zur Besserung war der richtige Umgang mit meinem Haartyp. Ich stehe heute zu meinen Locken. Aus Scham ist Stolz geworden. Ich habe gelernt meine Herkunft und meine schwarzen Züge zu lieben und zu schätzen, anstatt sie zu verdrängen.“

Im Gespräch sagt sie weiters: „Heutzutage lass ich mich nicht mehr so einschüchtern, ich habe meine Herkunft aus beiden Kulturkreisen kennen und schätzen gelernt“. Genau das wollte sie mit ihren Reden bei „SAG’S MULTI!“ „auch möglichst vielen anderen mitteilen und sie so ermutigen, dasselbe zu tun!“

Englisch als ihre zweite Erstsprache liebt sie in de Schule ebenso wie auch Spanisch, das sie dort als Fremdsprache lerne. „In meiner Freizeit betreibe ich gern Sport, drei Jahre war ich sogar in einem Leistungsturnverein, das geht sich aber jetzt mit der Schule nicht mehr so gut aus. Dafür spiele ich auch gern Tennis.“

Aufgeregt, aber hat mich weitergebracht

Bei der Finalrede „war ich definitiv sehr aufgeregt, aber ich hab mich dann auf den Inhalt und meine Botschaft fokussiert und konnte damit die Nervosität besser ausblenden. Außerdem stelle ich mich auch gern Herausforderungen und SAG’S MULTI! hat mir definitiv auch in meiner Persönlichkeitsbildung weiter geholfen!“

Zum Abschluss noch zwei Sätze aus der Finalrede der 15-Jährigen, die sich vor allem an Eltern und Pädagog:innen richten: „Wecken Sie in Ihren Kindern ein ehrliches Interesse an anderen Kulturen, damit sie auch andere Kulturkreise kennen und schätzen lernen können!
Racism is an artificial social construct, that can be broken, if we learn to fully respect one another! (Rassismus ist ein künstliches soziales Konstrukt, das ge- bzw. durchbrochen werden kann, wenn wir lernen, einander voll zu respektieren!)“

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Szenenfoto aus "Wolf/ Loup"

Kann Liebe die mörderische Kraft der Rache heilen?

Der Wolf – das ist wohl in den meisten Märchen DER Böse schlechthin. Und in der wirklichen freien Natur, wo er beispielsweise hierzulande fast ausgerottet war und nun nach und nach wieder auftaucht, ertönt oft der Ruf: Tötet ihn. Sobald das eine oder andere Exemplar dieses „wilden Hundes“ ein Schaf reißt, um den Hunger zu stillen, soll’s ihm uns seines- oder ihresgleichen an den Kragen gehen. Obwohl wir Menschen oft mehr Tiere töten als wir essen können.

Eine „Entzauberung“ des „bösen“ Wolfs versuchen einerseits Tier- und Naturforscher:innen, die sich mit echten, lebendigen Wölfen beschäftigen. So manche Künstler:innen trachten – besonders in Büchern und Theaterstücken, die sich an Kinder richten – dem Wolf gerecht zu werden, ihn aus der Ecke der Ausgrenzung zu holen, sich gegen das Mobbing dieser Vierbeiner zu stellen und nicht zuletzt zu zeigen, dass diese Tiergattung – wie viele andere – vor allem Opfer menschlicher Jagd sind. Einige Links zu verschiedenen Stückbesprechungen unten.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Wolf/ Loup“

Der letzte Wolf wird Mensch …

Das Theater La Grenouille (Französisch: Frosch) aus einem zweisprachigen Teil der Schweiz (Biel/Bienne) gastierte mit „Wolf/Loup“ beim 34. Internationalen Theaterfestival „Luaga & Losna“ im Nenzinger Ramschwagsaal. In dem vom Niederländer The Fransz geschriebenen, von Charlotte Huldi inszenierten Stück, in dem manchmal auch französische Sätze fallen – bewusst eingesetzt als hörbar Fremdes – taucht der letzte überlebende Wolf verwandelt in Menschengestalt auf. Der junge Mann namens Mas kommt mit dem Auftrag seine Vorfahren und Verwandten, die von den Jägern des Dorfes ausgerottet worden sind, zu rächen. Das Herz der Tochter des letzten Jägers, Virginie, soll er den Göttern opfern, dann könne er wieder zum Wolf werden – und glücklich.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Wolf/ Loup“

Jägerstochter will raus

Diese Virginie ist aber nicht nur keine Jägerin geworden, sie hält es in der Enge und Kleinkariertheit des kleinen Dorfes überhaupt nicht aus. Will weg. Kann aber nicht, weil auch sie einen Auftrag zu erfüllen hat – den ihrer weiblichen Vorfahrinnen: Als weise Frau muss sie den Mythos, Sand über die Toten zu streuen, um die Lebenden vor einem (zu frühen) Tod zu bewahren.

Und wie es Autor ausgedacht und natürlich auch ein gewisser dramatischer Bogen erfordert, treffen ausgerechnet Mas und Virginie (Clea Eden, Christoff Raphaël Mortagne) aufeinander – auf dem Friedhof. Und verlieben sich ineinander. Womit der Mensch-Wolf/Wolf-Mensch mit seinem Auftrag zu hadern beginnt. Seine Liebe will er ja nicht umbringen. Außerdem hat er, als Virginie ein Kind war und sie sich im Wald bei einem Sturz verletzt hat, vorsichtig zu ihrem Haus geschleift. Was ihm die Dorfbewohner:innen keineswegs gedankt haben.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Wolf/ Loup“

Viele Anklänge

Die Regisseurin schickt neben dem Schauspiel-Duo, das manche Szenen auch tanzt (Choreografie: Jeanne Lehnherr) einen Live-Musiker (E-Gitarre und Mischpult) auf die Bühne. Die liegt in der Mitte, an vier Seiten von Bänken fürs Publikum umgeben. In den Ecken neben den Zuschauer:innen stecken Äste in „Steinen“ in Form von Tierkopfskeletten (Ausstattung Verena Lafargue). Idee: Wir sitzen sozusagen im Wald, im Wolfsgebiet und schauen auf das Geschehen im Dorf, oder viel mehr auf die Annäherung der beiden Angehöriger verfeindeter „Stämme“. Was bei Shakespeares „Romeo und Julia“ die Montagues und Capulets, sind hier eben Wölfe und Menschen.

Anklänge, Assoziationen liefert der Autor viel – nicht wenige meinen, zu viele. Ob die Genannte oder Märchen wie Schneewittchen – Mas tötet ein Wildschwein, dessen Herz er den Göttern (Jäger/Stiefmutter) – oder natürlich Rotkäppchen, Mythen, Göttersagen und noch viel mehr… Oder die Rettung des jungen Mannes/Wolfes durch die Opferung einer Frau wäre ebenso zu finden wie rohe, archaisiche, vor allem männliche Gewalt. Obwohl sich hier durchaus auch die Großmutter ihres tyrannischen Ehemannes mörderisch entledigt hat …

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Wolf/ Loup“

Zwei Kerne?

Im Kern scheinen aber zwei zentrale Geschichten stecken zu können: Die tödliche Feindschaft gegenüber Fremden, die – zumindest im Einzelfall – durch Liebe überwunden werden kann/könnte. Denn tragischerweise scheint durch einen blöden Zu-/Unfall Virginie sehr wohl letztlich zu sterben – wenngleich am Ende der Satz steht, dass das Ende frisch wieder ein Anfang wäre.

„Wolf/Loup“ könnte aber auch für den mörderischen Umgang eines Großteils der Menschheit mit Tier und Natur stehen – und der neue Anfang die Erkenntnis sein, dass am Ende der Vernichtung der Natur natürlich der Tod der Menschen steht/stehen würde.

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Compliance-Hinweis: KiJuKU wurde von Luaga & Losna zwecks Berichterstattung nach Nenzing eingeladen.

Eine andere VErsion des oben besprochenen Stücks von Theo Fransz – vor neuen Jahren im Dschungel Wien wurde von mir damals noch im Kinder-KURIER besprochen und zwar hier

Stückbesprechung von „Wolf!“ von Raoul Biltgen hier

„Grimm! – Die wirklich wahre Geschichte von Rotkäppchen und ihrem Wolf“: hier

„Das Rotkäppchen und der gar nicht so böse Wolf“ von Theater Zeppelin-Stück: hier

Stückbesprechung von „Rotkäppchen und der hungrige Wolf“ von Theater Asou: hier

Über eine Inszenierung von „Die besseren Wälder“ von Martin Baltscheit geht es hier

Szenenfoto aus "Zwergensafari"

Schau und hör genau, dann findest du sicher Spuren …

Ausflug in die Natur, bevorzugt Wälder. Kinder sperren Augen und Ohren weit auf. Passt voll zum Titel des zum 34. Mal stattfindenden Theaterfestivals „Luaga & Losna“ – was vom Gsibergerischen ins Hochdeutsche übersetzt „Schauen und Hören“ heißt. Iris Waldvogel (gespielt von Alma Jongerius aus der Schweiz), niederländische Zwerg:innen-Forscherin lädt ihr Publikum ein, sich auf die Suche nach Spuren dieser kleinen Wesen zu begeben. Nein, sie vera….t nicht kleinwüchsige Menschen. Es geht um die Fabel und Fantasiewesen.

Und die Einladung, sich mit ihr daran zu machen, die Gegend zu erforschen, vor allem in Bodennähe. Und da kann praktisch alles auf die Anwesenheit von Zwerg:innen hindeuten. Klein Holzstückchen können Spielzeug oder auch Essbesteck der Wesen sein, die sich aber nicht so gerne selber zeigen. Kartonröhren, um die sonst Klopapier herumgewickelt ist, werden zu Zwergographen, um die lebendigen Forschungs-Objekte vielleicht doch sehen oder wenigstens hören zu können.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus einer „ZwergenSafari“

Suchfreudige Kinder

Beim Lokalaugenschein einer der mehrfachen beim Festival gespielten „ZwergenSafari“ mit einer Kindergartengruppe aus Nenzing (Vorarlberg) in einem Waldstück am Ufer der Meng fanden die 14 Kinder aber nicht nur Natürliches, auch offenbar von Menschen „Verlorenes“ wie den Kunststoff-Schraubverschluss einer Getränkepackung landete auf der Decke, auf der die Fundgegenstände gesammelt – und danach in der Runde gemeinsam besprochen werden. Wozu könnte dies, das oder jenes für die (fast) Unsichtbaren dienen. Eine Muschel wurde so zur Schüssel oder auch Kochtopf, ein scharfkantiger Stein zum Messer …

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus einer „ZwergenSafari“

Die Forscherin, ausgestattet mit Fundstücken und Forschungsgeräten, führt auch ein Heft mit Aufzeichnungen. Angeblich – zumindest behauptet sie das – hat sie schon Zwerge gesehen – und einen solchen gezeichnet. Der ist allerdings wie aus dem Klischee-Bilderbuch, dabei könnte da wohl der Fantasie freierer Lauf gelassen werden. Ebenso bei „der Zwergensprache“ – einem Mix aus aneinandergereihten Mimi-Silben in verschiedener Tonhöhe -, forscht sie doch vorgeblich weltweit.

Noch zwei Mal ist die Zwerg:innen-forscherin mit Kindergartengruppen beim Festival unterwegs und darüber hinaus noch einmal für interessiertes privates Publikum – Details in der Info-Box.

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Montage aus mehreren Fotos: Finn Wörnschimmel bei seiner Finalrede und drei private Bilder

Wünsche mir Akzeptanz und Respekt

„Wurde euch als Kind auch oft gesagt, du kannst alles sein, was auch immer du willst? Arbeitest du nur hart genug, kannst du alles erreichen und wir, wir werden immer hinter dir stehen.
So naiv wie ich war, glaubte ich an diese Sätze, meine Eltern würden mich doch nicht anlügen. Nur je älter man wird, desto mehr realisiert man, wie stark jede einzelne Person in unserer Gesellschaft in Boxen gedrängt wird.“

Finn Wörnschimmel bei der Finalrede von
Finn Wörnschimmel bei der Finalrede von „SAG’S MULTI!“

Dieses Reinstecken in Schachteln oder Schubladen traf und trifft Finn Wörnschimmel, HLW-Schüler in der Steiermark besonders hart. Darüber sprach er in sowohl in der Vorrunde als auch im Finale des mehrsprachigen Redebewerbs „SAG’S MULTI!“ auf Englisch – und natürlich auch Deutsch, das alle Jugendlichen sowieso verwenden (müssen). Seit der ersten Klasse der HLW lernt er auch Russisch sowie seit diesem Schuljahr noch Italienisch. „Die russische Schrift konnte ich sogar schon vorher lesen, die hab ich mit meinem Bruder, der zehn Jahre früher die selbe Schule besucht hat, mitgelernt. Aber Englisch beherrsch ich von den erlernten Fremdsprachen am besten, da kann ich meine Gedanken sogar oft besser rüberbringen als in Deutsch“, sagt Finn Wörnschimmel im Telefon-Interview mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … Und Deutsch sei überhaupt sein Lieblingsfach – dort habe er auch von „SAG’S MULTI!“ erfahren.

Finn Wörnschimmel
Portraitfoto von Finn Wörnschimmel

Im falschen Körper

Dem Schubladisieren habe er sich schon früh ausgesetzt gefühlt, „nicht erst seit der Geschlechter-Identitätsfrage – ich fühle mich als Transmann, sondern auch schon vorher. Meine Eltern sind Zeugen Jehovas und da waren wir als Familie schon immer mit Vorurteilen konfrontiert. Als ich mich mit ungefähr 13 zum ersten Mal gegenüber meiner Mutter ge-outet habe, dass ich mich in einem falschen Körper fühle, wurde das ignoriert. Das wird schon wieder, war die Reaktion. Ich war dann lange sehr unglücklich und eifersüchtig auf andere Menschen, die von ihrer Familie einfach unterstützt werden darin so sein zu dürfen wie sie sind.“

Heute, vier Jahre später „bin ich sehr sicher in meiner Identität, das gefunden zu haben, was zu mir passt. Ich weiß, dass ich das bin. Aber das waren schon immer wieder sehr krasse Konflikte in der Schule. Manche Lehrerinnen und Lehrer akzeptieren und unterstützen das voll, andere haben sehr arg, richtig verletzend reagiert. Meine Eltern sind auch keine Unterstützung, aber auf vielen Freundinnen und Freunden kann ich zählen, andere geben sich zumindest Mühe.

Finn Wörnschimmel
Beim Fitness tanken

In seiner Freizeit zeichnet Finn Wörnschimmel gerne, „ich lerne auch tätowieren, derzeit auf einer Übungshaut, lese ziemlich viel. Jahrelang war ich auch in einer Theatergruppe und ich koche gerne – das aber lieber in der Freizeit als in der Schule.“

Endlich wohlfühlen

Derzeit absolviert er in Wien ein dreimonatiges Tourismus-Praktikum für seine HLW-Ausbildung. „Es war generell ganz, ganz schwierig, einen Praktikumsplatz zu finden“, erzählt der Jugendliche. Einerseits weil die Branche nach mehr als zwei Corona-Jahren in der Krise steckt, aber zusätzlich, „weil für viele Hotels und Gastro-Betriebe schon gefärbte Haare ein No-Go sind und die meisten meine Identität gar nicht verstanden haben.“

Finn Wörnschimmel
Fröhlich unterwegs …

Nach der Zusage aus Wien hatte Finn Wörnschimmel zunächst „ein bisschen Angst gehabt, was die Kolleginnen und Kollegen sagen werden, aber dort wo ich jetzt arbeite – auch wenn’s bei einer 40-Stunden-Woche und wechselnden Schichten schon recht stressig ist – fühl ich mich sehr wohl und aufgehoben. Dafür bin ich extrem dankbar, auch wenn das in Wien in einem Studierenden-Heim jetzt schon eine große Umstellung ist, dass ich für alles selber verantwortlich bin. Aber nach der Umstellung in den ersten Wochen ist es auf jeden Fall sehr befreiend.“

In der Umfänglichkeit erlebt der 17-Jährige jetzt offenbar zum ersten Mal, was er – nicht nur für sich -in seiner zweisprachigen Rede gewünscht hatte: „Alles was ich mir wünsche ist Akzeptanz und denselben Respekt, den man sich von mir erwartet.“

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Montage mehrere Fotos der SAG'S-MULTI!-Finalistin Ivy Stadler - bei ihrer Rede, in der internationalen Schule in Shanghai, in der chinesischen Samstagsschule in Österreich

Courage statt Gleichgültigkeit

„Liebe Zuhörer, dieser Planet ist jetzt schon keine friedliche Spielwiese und keine klimatische Komfortzone mehr. Wenden wir uns daher ab von der Gleichgültigkeit und brechen wir auf in ein Zeitalter vielsprachiger global gelebter Verantwortung. Füllen wir unser Lebenszeitbudget daher mit vielen kleinen Momenten, von denen wir im Rückblick stolz sagen können, nicht gleichgültig gegenüber unserer eigenen Zukunft gewesen zu sein. Gleichgültig… gleichgültig sollte nur sein, in welcher Sprache und wo diese couragierten Momente auf unserem Planeten stattfinden, um diesen intakt und friedlich für eine gemeinsame Zukunft zu erhalten.“

Ivy Stadler mit Schulkamerad:innen der internationalen Primary-School in Shanghai (China).
Ivy Stadler mit Schulkamerad:innen der internationalen Primary-School in Shanghai (China).

Erst privilegiert, dann diskriminiert

Die ist eine, vielleicht die zentrale Schlussfolgerung der 13-jährigen Ivy Stadler, die sie in ihrer Finalrede des mehrsprachigen Redewettbewerbs „SAG’S MULTI!“ mit ihrem Publikum teilt – auf Deutsch und Mandarin-Chinesisch. Eine Erkenntnis, zu der sie keinen einfachen, leichten Weg hatte, wie sie in ihren Reden beschreibt. Geboren und die ersten Jahre – bis Mitte der 2. Grundschulklasse – in China bilingual (Chinesisch und Englisch) aufgewachsen, oft bestaunt und bewundert und privilegiert als Europäerin, erlebte sie in Österreich zunächst das genaue Gegenteil. Obwohl die Schule leichter war. „In China hatten wir viel mehr Hausübungen und Testes. Sogar im Kindergarten haben wir schon Tests gehabt.“

Der erste Tag in der Nachmittagsschule. Ivy Stadler durfte chinesische Schriftzeichen erklären.
Der erste Tag in der Nachmittagsschule. Ivy Stadler durfte chinesische Schriftzeichen erklären.

Vorurteile, Ausgrenzung

„Zwar fanden andere meine zweite Sprache interessant, aber ich wurde mit vielen Stereotypen und Vorurteilen über China und Chines:innen konfrontiert“, erzählt sie im Telefoninterview mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … „In China, wo ich eine internationale Schule besucht habe, waren alle nett zu mir, ich hatte deswegen ein gutes Ego. Hier in Österreich bin ich sozusagen vom Thron gefallen wegen der Ausgrenzung und Diskriminierung. Trotzdem hab ich immer versucht, Klassenkameradinnen und -kameraden zu sagen, dass ihre Vorurteile falsch sind.“

Besser wurde es erst mit dem Wechsel ins Klosterneuburger Realgymnasium. „Ich hatte zwar nicht sehr viel erwartet, aber schon am ersten Tag war es anders, die Atmosphäre viel offener, ich konnte ich sein.“ Damit stieg auch ihr Selbstbewusstsein.

Nach den ersten beiden Gym-Jahren mit guten Erfahrungen erlebte Ivy Stadler mit der Wahl des Zweigs mit einer weiteren Fremdsprache – neben Englisch nun auch Französisch – eher Rückschritte. Ausgerechnet in diesem Zweig „haben wieder Vorurteile mir gegenüber ein bisschen angefangen. Aber jetzt hab ich schon mehr Erfahrungen damit und kann versuchen, nicht alles so nah an mich heran zu lassen.“

Sprachen als Lieblingsfächer

Ihr Lieblingsfach ist „auf jeden Fall Englisch, nicht nur weil’s mir leichter fällt; es ist meine Zweitsprache. Deutsch ist meine dritte Sprache, die hab ich zu lernen begonnen als ich noch in China war, aber in den Sommerferien bei Opa und Oma in Österreich. Französisch als meine vierte Sprache finde ich sehr schön und interessant.“ Ihr Chinesisch – sowohl in Sprache, Schrift und Kultur – pflegt die 13-Jährige seit sie in Österreich lebt „immer samstags in der chinesischen Schule“.

In ihrer Freizeit beschäftigt sich die Redewettbewerbs-Finalistin „öfter mit Kunst, ich mach mir öfter auch Notizen vom Tag mit Zeichnungen und schön gestalteten Überschriften – auch bei meinen Lernunterlagen, das motiviert mich oft auch mehr zum Lernen“. Außerdem liest sie gern Geschichten und mag Videospiele.

Rechtsanwältin oder Politikerin

Als „Traumjob“ nennt sie „Rechtsanwältin – ich mag es vor Menschen zu sprechen und andere zu überzeugen“. Da Ivy Stadler aber auch findet, „man muss in politische Probleme eingreifen, könnte ich vielleicht auch Politikerin werden wollen“.

Die offiziell anerkannten Niveaus im chinesischen  Auslandsschulsystem werden HSK genannt. Für gute Ergebnisse bekommt man ein Preisgeld.Ivy Stadler ist derzeit auf HKS 5 Niveau.  Mit HSK 6 darf sie in China studieren
Die offiziell anerkannten Niveaus im chinesischen Auslandsschulsystem werden HSK genannt. Für gute Ergebnisse bekommt man ein Preisgeld.Ivy Stadler ist derzeit auf HKS 5 Niveau. Mit HSK 6 darf sie in China studieren

Die Entscheidung, an „SAG’S MULTI!“ teilzunehmen, „war eher impulsiv. Eine Lehrerin ist an einem Donnerstag in der zweiten Schulstunde gekommen und hat von dem mehrsprachigen Redebewerb erzählt und ich hab mir gedacht, das ist etwas wo ich mich gut auskenne, weil ich ja bilingual aufgewachsen bin. Vor anderen Menschen zu reden, die eigene Meinung vor Publikum zu sagen, war aber dann schon etwas sehr Neues für mich.“ Das ihr anfangs sogar ein wenig Angst gemacht hat, wie sie gesteht, „weil die Rede in der Vorrunde war ja nur ein Video, das wir alle jeweils zu Hause aufgenommen haben“ (aus herbstlichen Lockdown-Gründen).

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Szenenfoto aus "Truckermärchen" bei der Schule Nenzing-Halden

Den Beginn machte eine LKW-Fahrerin

Vor der kleinen Volksschule in Nenzing-Halden, einem weit vom Zentrum dieser Vorarlberger Gemeinde mitten in den Hügeln spielen Kinder Ball zwischen schräger Wiese und Klettergerüsten. Irgendetwas ist an diesem Vormittag anders. Ein paar Reihen mit Plastikstühlen, einige Holztische und Bänke stehen für eine Aufführung bereit. Der Direktor läutet die Pause ab, alle suchen sich Plätze – unter Sonnenschirmen. Eine Theatervorstellung, die erste des 34. Theaterfestivals für junges Publikum in Vorarlberg, „Luaga & Losna“ (schauen und hören) soll demnächst beginnen: „Truckermärchen“ – wobei offiziell eröffnet wurde das Festival erst am Nachmittag im Hauptspielort, dem Ramschwagsaal mit „Toto, Laura und die Stadtmusikant:innen“ von der Schweizer Theatergruppe Kolypan, ein Stück, das Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … schon vor ein paar Monaten beim „Jungspund“-Festival im Schweizer St. Gallen gesehen hat; zu dieser Stückbesprechung geht es hier unten:

Und tatsächlich rauscht ein LKW mit blauer Plane die Bergstraße herunter, „Hans im Glück“ steht groß auf der einen Seite, der Lastwagen biegt in den Schul-Vorplatz ein, die Lenkerin parkt sich ein, öffnet die Tür der Fahrer:innen-Kabine und beginnt sich vorzustellen. Anfangs vielleicht ein bisschen bemüht verspielt mit „A ….“ Auf ein Kind zeigend: „sag mal Stopp!“ Um dann, egal wann das Kind Stopp sagt, „V – wie Vorstellung“ zu starten.

Das Buchstaben-Zählspiel wiederholt die Schauspielerin Friederike Schreiber, die nur für dieses Stück LKW-Fahren gelernt hat – „normalerweise fahr ich mit dem Fahrrad“ – mehrmals, dann sagt sie sich aber selber Stopp oder gleich den Buchstaben, zu dem sie was erzählen will.

Von Klischees zu echten Menschen

Als Vorspiel verwandelt sie sich noch blitzschnell in einige Klischee-LKW-Fahrer und -Fahrerinnen, um überzugehen in die eigentlichen Geschichten, die sie – und mit ihr das TheaterGrueneSoose aus Frankfurt am Main (Deutschland) erzählen wollen: Einerseits von ganz echten Menschen, die sie bei der Recherche für das Stück getroffen haben. Die Schauspielerin, Filmer:innen – Merlin Heidenreich und Liljan Halfen, die auch Regie führte – sowie ein Übersetzer, Yuriy Kusen – haben sich auf Autobahn-Raststätten bei wirklichen LKW-Lenker:innen umgehört, sind mit einigen ins Gespräch gekommen, haben sich deren Geschichten und Erlebnisse angehört. Alle ganz anders als die durch Filme und andere Medien in vielen Köpfen erzeugten Bilder über „Kapitän:innen der Landstraße“.

Automechanikerin, Buchhändlerin, Truckerin

Und einige davon erzählt Friederike Schreiber, die natürlich längst ausgestiegen ist, die Plane übers Dach geworfen hat und auf die Ladefläche gesprungen ist. Von Ruth, der Automechanikerin, Buchhändlerin und Truckerin. In ihren riesigen, großen 40-Tonnen-Lastwägen kutschiert sie Obst und Gemüse quer durch Europa. Das hin und her schaffen von Waren, bei Textilien die Produktion zu Billiglöhnen und die Wertsteigerungen kommen so „nebenbei“ zur Sprache. Ruth, mittlerweile 70 Jahre und im Vorjahr in Pension gegangen, führte aber auch Kulissen und Deko-Teile für Musicals, unter anderem – und dazu zeigt sie ein Bild – einen großen pinken Drachen – was beim Öffnen der Türen schon so manchen erschreckte.

Maler und Koch

Sehr oft kommt Vadim in der guten ¾ Stunde vor. Immer wieder hat das Team ihn getroffen. Er lädt sie auf einen Borschtsch ein, eine traditionelle ukrainische und russische Gemüsesuppe vor allem mit roten Rüben (Bete) und Kohl. Und er malt Bilder. Eines schenkte er dem Theaterteam – das die Schauspielerin auch an Leisten, die die Ladefläche begrenzen, aufhängt. Nach und nach hängt oder stellt sie auch auf Leinwand gedruckte Fotos aus – ihrer LKW-fahrenden Gesprächspartner:innen.

Während sie von Vadim und seinen Kochkünsten erzählt, beginnt sie selber Gemüse zu schneiden und Suppe zu kochen – ein alter Aktenkoffer entpuppt sich als mobile Herdplatte. Und das – so in der Fragenrunde danach – „ist nicht von unserem Theater für diese Vorstellungen gebaut worden (Bühne: Sandra Li Maennel Saavedra), die sind so, viele verwenden diese Kochgelegenheit“.

Ukraine-Krieg

Leandro und dessen Geburtstagsüberraschung für Antonio kommen ebenso wie noch die eine oder andere kleine Geschichte vor. Obwohl hauptsächlich im Vorjahr recherchiert, bringt eine weitere Begegnung mit Vadim einen krass-aktuellen Bezug ins Spiel. Der feinsinnige Trucker hat auf seinen LKW Losungen gegen den Krieg in der Ukraine geschrieben. Und ist nun seit schlecht zwei Wochen nicht mehr erreichbar, so die Schauspielerin. „Wir wissen nicht, was mit ihm ist, wie’s ihm geht. Vielleicht ist er auch nur nicht erreichbar, weil er zum Militär eingezogen wurde. Da müssen die Soldaten ihre Handys abgeben.“

Wissbegierde

Die kräftige Sonne, die trotz Sonnenschirmen, die immer wieder eingespielten Videos von Interviews mit den Trucker:innen, fast nicht sehen ließen, trübten ein wenig die Freude, sorgten für Unruhe bei den jungen Zuschauer:innen, die doch durch Platzwechsel versuchten, was von den Videos mitzukriegen. Dass es sich um echte Geschichten wirklicher Menschen handelte, weckte großes Interesse und nach dem Stück viele Fragen an die Schauspielerin.

Bis 25. Juni

„Truckermärchen“ ist beim Festival, das bis zum 25. Juni 2022 läuft, noch zwei Mal zu sehen. Eingebettet in das Theaterfestival ist auch die mittlerweile 27. Dramatiker_innenbörse, bei der Autor:innen Theatertexte vorstellen und gemeinsam darüber – erfahrungsgemäß – wertschätzend diskutieren. Außerdem trifft die Schar der Autor:innen abends die Theaterleute der jeweiligen Vorstellungen um mit diesen über die Aufführungen – und Hintergründe dazu zu sprechen.

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Compliance-Hinweis: KiJuKU wurde von Luaga & Losna zwecks Berichterstattung nach Nenzing eingeladen.

Bildmontage der mehrsprachigen REdnerin: bei der Rede, beim Handball und ein Portraitfoto

Ungerechtigkeiten haben sich als Thema richtig aufgedrängt

„24. Februar 22. Kriegsverbrechen Russland. Das erste Mal war ich wirklich stolz, da wir gemeinsam den Menschen in Not helfen konnten. Allerdings zeigt dieses Datum uns auch, dass die bekannten Aussagen wie ,Wir haben keinen Platz mehr und können nicht allen helfen‘, nur aus Lügen bestehen.“ Dies ist ein Satz aus der Rede der 16-jährigen Tiroler Gymnasiastin Helin Ağırdan im Finale des mehrsprachigen Redebewerbs „SAG’SMULTI!“.

39 Sprachen beim 13. Bewerb

Zum 13. Mal konnten Schülerinnen und Schüler aus ganz Österreich ihre Gedanken, Meinungen, Standpunkte, Forderungen, Wünsche, Sehnsüchte aber auch ihren Ärger, manches Mal auch ihre Wut zu wichtigen Themen öffentlich aussprechen – und das jeweils zweisprachig – in Deutsch und einer anderen Sprache ihrer Wahl. Ob dies eine Erst-, Familien- oder auch eine erlernte Fremdsprache ist. Insgesamt waren in diesem Schuljahr mehr als drei Dutzend (genauer 39) verschiedene Sprachen zu hören. Und jene, die es nach der – auch heuer wie in den bisherigen Coronajahren – zuerst nur Videorede in der Vorrunde – ins Finale geschafft hatten, sind alles Gewinner:innen. Das ist nicht nur eine Floskel der Jury und ihres Vorsitzenden Peter Wesely, der den Bewerb zur Förderung der Gleichwertigkeit aller Sprachen erfunden hatte. Alle, die den Reden der Jugendlichen wirklich zuhören, finden das. Darüber hinaus, weil es doch ein Wettbewerb ist, gibt es auch Preisträger:innen – jeweils mehrere in den drei Altersgruppen (7./8. sowie 9./10. und schließlich 11./12./13. Schulstufe).

Weil Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … bei der Preisverleihung auf dem Weg zwischen den Kinder- und Jugendtheaterfestivals „Luaga & Losna“ in Vorarlberg und „spleen*graz“ ist, kann von der Gala der Würdigung der besten der besten vielsprachigen Redner:innen nicht berichten. Einige der Top-Redner:innen erklärten sich, ohne zu wissen ob sie zu den Preisträger:innen zählen werden, jedoch bereit, schon vor der Preisverleihung Telefon-Interviews mit dem hier berichtenden Journalisten zu führen.

Helin Ağırdan bei ihrer
Helin Ağırdan bei ihrer Finalrede von „Sags Multi!“

Zwei aus drei ihrer Erstsprachen

Die Rednerin aus Reutte wählte neben Deutsch, das alle verwenden müssen, Türkisch, eine der drei Sprachen mit denen sie aufgewachsen ist – zusätzlich zu diesen beiden ist es Kurmandschi (die bekannteste und am meisten verbreitete der kurdischen Sprachen). „In Türkisch bin in grammatikalisch, aber auch beim Schreiben viel besser als bei Kuridsch. Ich les auch oft Bücher auf Türkisch“, vertraut sie dem Reporter an.

In der Schule „hab ich bisher immer in allen Fächern etwas Interessantes gefunden, aber wenn ich drei Lieblingsfächer aussuchen müsste, so sind das Mathe, Bio und Latein. Ich weiß, das ist zwar eine tote Sprache, aber wir sprechen in der Schule in Latein oft auch über Philosophie. Außerdem finde ich, Latein ist wie eine Matheformel. Wenn du die verstehts und beherrscht ist es wirklich licht.“

Die Themen für den Redewerbe seine „wie von allein gekommen. Schon von Klein auf haben mich Ungerechtigkeiten aufgeregt – gegenüber Menschen aber auch anderen Lebewesen in Not. Das macht mich automatisch betroffen. Eigentlich sollte das doch bei allen Menschen so sein, oder?“

Helin Ağırdan - professionelles Portraitfoto
Professionelles Portraitfoto der vielsprachigen Tirolerin

Diskriminierungs-Erfahrungen

Schon früh musste sie Ungerechtigkeiten selbst erleiden wie sie unter anderem in ihrer Finalrede erzählte: „Diesen Hass gegenüber Flüchtlingen habe ich mit 6 Jahren kennengelernt. Als ich mit meiner Mutter vom Spielplatz wieder nach Hause gehen wollte, hat uns ein Auto fast auf dem Zebrastreifen überfahren. „Nimm deine Kinder und hau wieder in dein Kriegsgebiet ab!“, sagte der Fahrer mit dem Kopf aus dem Fenster rausgesteckt. Er hatte gedacht, dass wir Flüchtlinge waren. Kind mit braunen Haaren und Augen – Mutter trägt Kopftuch- muss doch jemand sein, der kein Deutsch kann.“

Und das sei kein Einzelfall gewesen, sagt sie im Interview. „Oft ist es auch „nur“ (die Anführungszeichen sind deutlich hörbar!) so, dass du gehässig Blicke spürst oder sie auch siehst, wenn sie anderen, etwa einer Frau mit Kopftuch gelten.“

Einschreiten, helfen

Ungerechtigkeit regen sie aber nicht nur innerlich auf. „Ich finde, nur ärgern reicht nicht. Es geht auch darum, einzuschreiten, zu sagen, wenn etwas falsch und diskriminierend ist. Auch darauf hinzuweisen, dass Diskriminierung sogar gegen Gesetze verstößt. Ich versuch schon oft, zu helfen.“

Helin Ağırdan als Handballspielerin
Voll in Action beim Handball

Top-Schülerin

Sei selber ist eine sehr gute Schülerin, gesteht sie, um auch gleich hinzuzufügen, „dass das jetzt fast wirkt, als wäre ich eine Streberin. Das bin ich aber nicht, es ist nur so, dass mir Lernen leichtfällt.“

Neben den schon genannten drei Sprachen, mit denen Helin Ağırdan aufgewachsen ist und dem schon erwähnten Latein lernt sie in der Schule natürlich Englisch und auch Spanisch. „Sicher fallen mir Sprachen leichter, weil ich schon mit dreien aufgewachsen bin. Trotzdem würde ich sagen, es wäre besser, wenn Latein früher drankommen würde, das wäre eine gute Basis für andere Sprachen.“

Handball

In ihrer Freizeit spielt die 16-Jährige seit gut vier Jahren Handball in einem Verein mit Turnieren und Wettkämpfen. Früher habe sie zwei Mal in der Woche trainiert, jetzt aus schulischen Gründen nur mehr ein Mal. „und ich les gerne – Romane von Dostojewski, Victor Hugo und andere Klassiker oder auch Texte von Platon und Sokrates. Ich finde viele dieser Zitate (insbesondere der beiden zuletzt Genannten) passen auch jetzt ins 21. Jahrhundert“, meint Helin Ağırdan.

Medizin, Biologie oder Politik

Ihr oberster Berufswunsch ist es, Medizin zu studieren. „Naturwissenschaften, besonders Biologie haben mich schon seit dem Kindergarten interessiert. Wenn nicht Medizin kann ich mir vorstellen in die Forschung zu gehen. Andere Pläne wären die Politik, das interessiert mich auch sehr da etwas gegen Ungerechtigkeiten zu machen.“

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Kids spüren die Bewegungn des großen Steuerrades - mit dem aber schon lange nicht gelenkt wird

Friedensfahrt auf der Donau/ Dunay/ Danube

Lange Schlangen zwischen Schifffahrtszentrum bei der Wiener Reichsbrücke und MS Stadt Wien. MS steht für Motorschiff. Aus den ursprünglich geplanten rund 300 Fahrgästen wurden fast 600 – das oberste Limit, das dieses Ausflugsschiff auf der Donau aufnehmen kann. „Friedensfahrt auf der blauen Donau“, nannte die Organisatorin, die Austro-Ukrainerin Irina Guda, die Aktion für ukrainische Kinder und Jugendliche, die fast allesamt in den vergangenen drei Monaten Zuflucht in Österreich vor dem Krieg in ihrer Heimat gefunden haben.

Die allererste Schifffahrt

Für viele, etwa den fünfjährigen Daniil „ist es überhaupt meine allererste Fahrt auf einem Schiff“. „Wundervoll“, so sagt seine Mutter nach der Fahrt am frühen Sonntagabend. Da waren alle schon ziemlich geschlaucht, erschöpft vom bunten, vielfältigen Programm, den Eindrücken der Fahrt am Wasser – bis Klosterneuburg und zurück mit mehrmaligen Schleifen dazwischen – und der Sommerhitze knapp vor dem meteorologischen Beginn dieser Jahreszeit. Aufgrund der Verschiebung vom ursprünglich geplanten 12. Juni (Vatertag – in Österreich) auf den 19. Juni (Vatertag in der Ukraine) und damit auch einen Tag vor dem Weltflüchtlingstag konnte natürlich trotz Spaß- und Spielprogramm von vielen auch der Anlass ihres Aufenthalts in Österreich nicht wirklich ausgeblendet werden. Väter und Ehemänner fehlen, sind im Kriegseinsatz. Jeden Tag zittern, ob sie telefonisch, per SMS oder sonst irgendwie noch erreichbar sind.

Spiel und Spaß

Der Nachmittag an Bord soll und will die Kinder und Jugendlichen und ihre Mütter ein wenig von den Sorgen ablenken. Dafür hat die Organisatorin – unterstützt von einer Schar freiwilliger Helfer:innen ein umfangreiches Freizeitprogramm auf die Beine gestellt. Das reicht vom Zeichnen und Malen in Heften und Ausmalbüchern, bzw. mit Profifarben und Pinseln, bei dem Kinder vor allem blau-gelbe Hintergründe mal mit großen Friedenstauben, dann wieder mit Sonnenblumen, andere, die auf einem Laptop in einem Malprogramm zeichnen, deren Bilder über einen Beamer an eine der Schiffswände projiziert werden übers Knoten langer dünner Luftschlangen zu Tieren, Herzen, Blumen und mehr. Nicht zuletzt versetzt Zauberer Max Schneider – nicht nur die Kinder – in Erstaunen. Seine große Nummer: Er bringt einen Tisch zum Schweben.

Bewegte Unterhaltung

Schnurspringen auf einer freien Fläche am Schiffsheck gehört ebenso dazu wie ein kleiner Tanzkurs. Aus den Lautsprechern schallen die Klänge von „Stefania“, das ist jener Song mit dem Kalusha Orchestra den heurigen Eurovison-Songcontest gewonnen hat. Maria Riabushkina zeigt den tanzwilligen Kindern Moves vor, die gut dazu passen. Die 18-Jährige, die Anfang dieser Woche ihre mündliche Matura samt Präsentation ihrer VWA (vorwissenschaftliche Arbeit) über Musik und Emotion absolviert, lebt seit zehn Jahren in Österreich. Schon in Slawuditsch – in der Nähe von Tschernobyl – hatte sie da schon einige Jahre getanzt. Als Turniertänzerin (lateinamerikanische Tänze) erreichte sie mit Partnern schon Semifinali von Europa- und Weltmeisterschaften. In der Jugend-Weltrangliste haben sie sich in die Top 6 getanzt, erzählt sie in einem Interview Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … „Jetzt tanz ich aber auch Comtemporary (zeitgenössisch), Afro und Dance Hall. Und ich unterrichte Kinder. Das mag ich gern.“ Was auch an Bord bei ihrer Lektion zu spüren ist.

Sorgen

Zu Sylvester, so berichtet sie weiter, sei sie bei Verwandten in ihrer ersten Heimat gewesen, „da war gar nichts zu merken von einem bevorstehenden Krieg. Außer einer Tante, die wir dann von der Grenze abgeholt haben, die jetzt bei uns wohnt, sind alle anderen Verwandten noch dort.“ Und sie in Angst um diese, „von meinem ersten Tanztrainer in der Ukraine hab ich schon seit zwei Monaten kein Lebenszeichnen vernommen“.

Online-Studium daheim und Schule hier

Eine der freiwilligen Helferin bei diesem Schiffs-Ausflug ist Lisa (18). Ich hab auf Facebook die Ankündigung von Irina gesehen, hab sie angeschrieben und angeboten, mitzuhelfen. Nun sitzt sie bei einer von zwei Stationen mit kleinen kurzen Sprachkursen. Ein paar bunt geschriebene Zettel mit Begrüßungs- und anderen Sätzen – auf Ukrainisch und Deutsch stehen da und laden Kinder ein, sie zu lesen und selber abzuschreiben. Sie selber ist mit ihrem kleinen Bruder da, der versucht, einen der langen dünnen Luftschlangen mit dem Mund aufzublasen. Beide sind im März nach Österreich geflüchtet und leben jetzt in Baden bei Wien. Wo sie auch Schulen besuchen. „Ich habe aber schon in der Ukraine zu studieren begonnen – auf Englisch – online studiere ich dort weiter. Ich muss jetzt dort Prüfungen ablegen und hier in der Schule. Ich lerne sozusagen in zwei Welten, was nicht gerade einfach ist.“ Außerdem lebt ihre ältere Schwester – mit eigener Familie – noch immer in Sjewjerodonezk, jener derzeit fast täglich in den Medien auftauchenden, heftig umkämpften Stadt.

Happy Birthday to …

Eine besondere gemeinsame Überraschung erlebten Aleksander und Artem. Die beiden wurden just am Tag der Bootsfahrt jeweils 13 Jahre. Der Eintritt in die Teen-Ager-Ära brachte sie kurzfristig in den Mittelpunkt mit dem viel kehlig gesungenen „Zum Geburtstag viel Glück…“ und einem Rucksack mit Geschenken.

Mehrsprachige Bücher

Apropos Geschenke – solche gab es am Ende der Schifffahrt für alle – ein Goodie-Bag unter anderem mit drei Büchern. Eines davon ist DER österreichische Kinderbuchklasser „Das kleine ich bin ich“ von Mira Lobe und Susi Weigel – in einer deutsch- und ukrainisch-sprachigen Sonderausgabe: „Malenka Ja – tse ja“, so der Titel in der zweiten Sprach, zur Verfügung gestellt von den Österreichischen Kinderfreunden. Die Edition 5Haus hat gar ihr geplantes broschürtes Heft auf Ukrainisch „Strauß, Schtrauß und Kaschan“ auf Hochdruck in der Produktion vorgezogen. Es ist ein Auszug aus den in diesem Verlag erschienenen Donau-Geschichten. Immerhin verbindet dieser Fluss, der in Österreich ja sogar besungen und betanzt wird, zehn Länder, darunter auch die Ukraine. „Vogel Strauß und Fledermaus“ ist eine der Gesichten aus dem 2. Buch „ASAGAN – Neue Geschichte(n) aus Wien“ und nicht – wie irrtümlich hier zuerst stand aus dem Donau-Buch – obwohl sie auch dorthin passen würde 😉

„Straus, Schtrauß und Kaschan“ zeigen die Kinder Evelina, Vlad und Vadim gemeinsam mit Magda und Wolfgang vom Verlag sowie die Checkerin des groß(artig)en Ausflugs Irina und ihr Ehemann Walter dem Reporter für – mehr als – ein Foto. Die beiden genannten sowie ein weiteres Buch auf Ukrainisch und Russisch halten bei der Goodie-Bag-Verteilung Alexander und Elisabeth in die Kamera.

Operngesang

Walzer, Opernarien und andere Lieder luden einige Erwachsene zum Tanzen ein. Miki Sojanov schmetterte ein herzhaftes „O Sole mio“ in die Runde, die siebensprachige Opernsängerin Anastasia Lapochkina (Ukrainisch, Russisch, Italienisch, Deutsch, Englisch, Spanisch und Kasachisch) stimmte nicht zuletzt die ukrainische Hymne an, die so manche der Erwachsenen kerzengrade stehen und mitsingen ließ und zu Tränen rührte.

Friedliches Meer

An Bord der MS Stadt Wien waren bei dieser Friedensfahrt auch einige Mitarbeiter:innen der großen Initiative „Mirno More – Friedensflotte“. Seit fast 30 Jahren segeln unter diesen Flaggen – mirno more ist ein alter dalmatinischer Seefahrergruß und heißt „friedliches Meer“ – Kinder und Jugendliche, um über sprachliche, nationale, religiöse und alle anderen Grenzen hinweg Zeichen des Miteinander zu setzen. Diesen Herbst will auch der 17-jährige Niki Scharner mitsegeln. Er ist einer der Söhne der schon genannten Organisatorin Irina. Eigentlich hatte der Vielfach-, aber vor allem malerisch Talentierte – Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … hat öfter berichtet – seine Mutter durch einen eigenen Traum auf die Idee dieser Friedensfahrt auf der Donau gebracht. Mirno More wurde während der Kriege in Ex-Jugoslawien gegründet, um Kinder und Jugendliche zu vermitteln: Ein Segelboot kommt nur voran, wenn alle zusammenhelfen und dabei erleben, dass Vorurteile genau solche sind.

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Montage aus Fotos von einem der Workshops von texte.wien, dem Buchcover der nächsten Preistexte-Ausgabe der edition exil, einer Broschüre der Vorjahrssieger-Klasse aus Linz, einer Schreibzeit-Woche der Literaturwerkstatt sowie einer Computertastatur mit Blick auf einen Text am laptop-Monitor

Anders, zwischen den Kulturen, Zukunftszauber und weiter Weg

Du schreibst gern – nicht nach Vorgaben wie bei Hausübungen oder Schularbeiten, sondern das wonach dir der Sinn steht. Du willst formulieren, was dir wichtig ist. Und dich vielleicht auch gar nicht so sehr an formale Regeln halten, an Textsorten, sondern auch experimentell, literarisch, gedichtet oder wie auch immer – jedenfalls deine Gedanken via Tastatur auf einen Computer-, Laptop-, Tablet, ja vielleicht sogar einen Smartphone-Monitor bringen. Und dann möglicherweise doch auch gedruckt, gar in einem Buch wiederfinden?

Nun, derzeit läuft noch die Einsendefrist für zwei Bewerbe für junge und noch jüngere Autor:innen, bei einem dritten Bewerb startet die Einreichfrist erst im September.

Titelseite der Broschüre mit Texten der Mittelschule Löwenfeldschule in Linz
Titelseite der Broschüre mit Texten der Mittelschule Löwenfeldschule in Linz, die im Vorjahr den Gruppenpreis des Bewerbs der Edition Exil gewonnen hat

Bis 30. Juni übers „Anderssein…“

Zunächst jener, wo nur mehr bis 30. Juni 2022 Texte eingereicht werden können: Hier steht sogar schon das Titelbild des Buches fest, in dem die besten Texte – nicht nur von Jugendlichen – abgedruckt werden – siehe Foto. Der Verein exil veranstaltet seit einem Vierteljahrhundert den Bewerb mit dem Untertitel „Schreiben zwischen den Kulturen“. Heute berühmte Schriftsteller:innen wie etwa Julya Rabinowich oder Dimitré Dinev haben las noch unbekannte Jung-Autor:innen in der Edition dieses kleinen Verlages ihre ersten Bücher veröffentlicht. Das Theaterstück „karpatenflecken“ von Thomas Perle, das schon in Berlin und Graz gespielt wurde und – verzögert nicht zuletzt durch die Lockdowns – verspätet auch ins Burgtheater (Vestibül) kommt, basiert auf seinen in Buchform hier erschienenen „wir gingen, weil alle gingen“ auf.

Das soll dir aber jetzt keinen Druck erzeugen, sondern eher die Attraktivität dieser Edition zeigen. Im Rahmen des Wettbewerbs vergibt die Jury jedes Jahr auch zwei Jugendpreise – einen für einzelne Autorinnen/Autoren und einen für Schulprojekte – jeweils neben der Veröffentlichung mit 1000 Euro Preisgeld belohnt.

Die Texte sollen sich im weitesten Sinne mit den Themen Fremdsein, Anderssein, Leben zwischen Kulturen auseinandersetzen – Genaueres wie Seitenumfang usw. findet sich auf deren Homepage – Link dazu sowie zu den anderen Bewerben ganz unten in der info-Box.

Hier unten geht’s zu Berichten und Interviews rund um die Gewinner:innen der vorjährigen exil-Literaturpreise:

Europa-Bewerb „Weiter Weg“ – bis 15. Oktober

Der nächste europäische Jugend-Literaturwettbewerb „Weiter Weg“ bewertet Texte von jungen Autorinnen und Autoren in zwei Alterskategorien – 8 bis 13 sowie 14 bis 18 Jahre. Einsendeschluss ist hier der 15. Oktober 2022.

In der Ausschreibung der Jugend-Literaturwerkstatt (Graz) heißt es: „Es ist dir überlassen, ob du eine Fantasiegeschichte schreibst oder etwas erzählst, das wirklich passiert sein könnte, ob deine Geschichte gut ausgeht oder ein böses Ende hat – lass deiner Fantasie freien Lauf! Das Thema sollte also für dich nur eine erste Anregung sein. Titel und Inhalt deiner Texte kannst du frei wählen!

Screenshot von der Homepage der Literaturwerkstatt mit Foto aus einer der Schreibzeit-Workshops mit Freizeitprogramm
Screenshot von der Homepage der Literaturwerkstatt mit Foto aus einer der Schreibzeit-Workshops mit Freizeitprogramm

Als Preis winkt die Teilnahme an einer Woche „Schreibzeit“, bei der einander lauter junge Menschen treffen, die gerne schreiben und auch darüber reden, in Workshops von Profis erfahren, was wo vielleicht noch genauer, besser usw. verfasst werden könnte. Und viel Raum für Spaß und Freizeit ist.

Infos und Links unten in der Info-Box.

Foto aus einem der Workshops der jungen Literat:innen des Bewerbs von texte.wien
Foto aus einem der Workshops der jungen Literat:innen des Bewerbs von texte.wien

Zukunftszauber

Viel näher gerückter Krieg – wirklich ohne einen solchen ist die Welt schon „ewig“ nicht ausgekommen. Pandemie noch immer nicht wirklich vorbei. Klimakrise – kriegt die Menschheit sie überhaupt noch in den Griff. Die Zukunftsaussichten sind alles andere als rosig. Möglicherweise gerade deswegen stellt der Bewerb „Texte. Preis für junge Literatur“ als Thema für die nächste Runde: „Zukunftszauber“.

14- bis 19-Jährige können Texte, die ihnen dazu einfallen, zwischen 5. September und 5. Oktober einsenden. Die Gala mit der Bekanntgabe der Preisträger:innen findet – so C. nicht wieder einen Strich durch die Rechnung macht wie in den vergangenen beiden Jahren – im Burgtheater-Kasino statt, wo Schauspieler:innen dieses renommiertesten Theaters im deutschsprachigen Raum Auszüge aus den Texten aller Finalist:innen lesen.

In der Ausschreibung der im Herbst anlaufenden Bewerbsrunde heißt es: „Verlasse die üblichen Pfade schulischer Textsorten. Alle literarischen Formen sind möglich. Sei mutig, sei verwegen, sei Du!“

Infos und Links unten in der Info-Box.

Hier unten geht’s zu Berichten und Interviews mir Vorjahrssieger:innen.

Bachmannjuniorpreis

Bis 31. Mai konnten 8- bis 17-Jährige ihre Texte – dieses Jahr zum Thema „Wasser weiß zu reden“ für den Bachmann Junior Preis von Literatur Hermagor (Kärnten) einreichen. Jeweils im Oktober werden die 15 besten Texte des aktuellen Bewerbs öffentlich in Hermagor präsentiert.

Link unten in der Info-Box.

Lukas Gahleitner-Gertz (Asylkoordination), Manuela Ertl (Train of Hope), Ferry Maier (Menschen.Würde.Österreich), Anne Schlack (Amnesty International Österreich), Cornelius Obonya (Courage – Mut zur Menschlichkeit)

Zivilgesellschaft krempelt Ärmel auf – Politik versagt bei Asyl und Migration

„Die österreichische Politik versagt weitgehend im Tun, vergreift sich zu oft im Ton, wenn es um geflüchtete Menschen geht – im Inland, wie auch im internationalen Kontext. Das gefährdet langfristig Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Menschenrechte für alle Menschen in Österreich.“

Mit dieser massiven Kritik am Umgang der österreichischen Regierung mit den Themen Asyl und Migration meldeten sich bei einem Pressegespräch am internationalen Tag zum Theme Flucht (20. Juni) zivilgesellschaftliche Initiativen zu Wort. Asylkoordination, Amnesty International, Courage-Mut zur Menschlichkeit, Menschen.Würde.Österreich und Train of Hope kritisieren strukturelles Versagen von Politik und Verwaltung, unverantwortliche populistische Wortmeldungen und fehlende internationale Solidarität.

Zivilgesellschaft schaut hin, wo die Politik wegschaut

„Dem steht das Engagement von zivilgesellschaftlichen Initiativen und Einzelpersonen entgegen. „Die Zivilgesellschaft handelt – wo die Politik Worte spendet, vernebelnde P.R.-Botschaften absetzt und damit grundsätzlich versagt – Österreich, Balkan, Griechenland, Afghanistan, Syrien, Libanon – die Zivilgesellschaft schaut hin – wo die Politik wegschaut – und wer die Ärmel hochkrempelt ist auch eindeutig“, so Ferry Maier, Mitinitiator der Allianz „Menschen.Würde.Österreich“. Er war 2015/16 gemeinsam mit Christian Konrad Flüchtlingskoordinator im Auftrag der Bundesregierung.

Ein Trümmerhaufen

Lukas Gahleitner-Gertz von der Asylkoordination beschreibt die österreichische Asyl- und Migrationspolitik der vergangenen Jahre „als gescheitert: Die Placebo-Politik der ,fremdenrechtlichen Knaller‘ hat Österreich ins menschenrechtliche Schmuddel-Eck gestellt“.

Zu lange hatten medial hochgekochte Werbe-Botschaften wie „2015 dürfe sich nicht wiederholen, die Balkanroute müsse geschlossen werden und Pull-Faktoren reduziert werden, die Lufthoheit im Diskurs“, erinnert Gahleitner. „Mit dem russischen Angriffskrieg ist da einiges zerbröselt: Wir haben Mitte des Jahres 2022 mehr Schutzsuchende als am Ende des Jahres 2015, am Balkan sehen wir die hässliche Fratze einer höchstgerichtlich bestätigten illegalen Pushback-Route unter Beteiligung des österreichischen Innenministeriums.  Das Grundversorgungssystem wurde – um vermeintliche Pullfaktoren zu reduzieren – zu einem Schikanierungs-System Schutzsuchender umgebaut mit der Folge, dass die vom Innenminister ausgegebene Losung ‚unbürokratisch und rasch Hilfe zu leisten‘ nicht umsetzbar ist.“

Versorgung von Ukrainer:innen wäre ohne Zivilgesellschaft noch prekärer

Kritik, die auch von „Train of Hope“ untermauert wird. Manuela Ertl – 2015 am Hauptbahnhof und jetzt im Ankunftszentrum für Vertriebene aus der Ukraine in Wien im Einsatz: „Während die Politik den Eindruck vermittelt, dass die Versorgung von Ukrainer:innen in Österreich bestens gelingt, zeigt sich in der Realität ein ganz anderes Bild. Die politische Entscheidung, aus der Ukraine geflüchteten Menschen nur Grundversorgung zu gewähren und den Zugang zu Sozialleistungen zu verwehren, führt zu einer immensen materiellen Not. Verzweifelte Mütter, die nicht wissen, wie sie ihre Kinder ernähren sollen und Familien, die von Hilfsorganisation zu Hilfsorganisation ziehen, um sich mit dem nötigsten zu versorgen – das ist die traurige Realität tausender ukrainischer Familien in Österreich.“

Ohne Zivilgesellschaft … na serwas

Das Resümee ist ernüchternd. „Ohne das Engagement der Zivilgesellschaft wäre die Situation der Ukrainer:innen in Österreich noch weitaus prekärer. Erneut war es die Zivilgesellschaft, die bei der Versorgung von Schutzsuchenden einsprang und dies auch nach dreieinhalb Monaten noch tut. Wenn es darum geht, das Versagen der zuständigen Stellen zu kompensieren, kommt zivilgesellschaftliches Engagement gerade recht. Doch weder Politik noch Verwaltung haben in den letzten sieben Jahren gelernt, die Potenziale der Zivilgesellschaft zu nutzen und deren Bedeutung anzuerkennen.“

Die Hilfe der österreichischen Bevölkerung ist beeindruckend, wird betont: Zwei Drittel der schutzsuchenden Menschen aus der Ukraine (80% davon Frauen, Kinder und Jugendliche) sind privat untergebracht, die Zivilgesellschaft verschafft durch beherztes Anpacken dem Staat Zeit, die staatlichen Strukturen hochzufahren. Dieser kommt aber leider viel zu langsam in die Gänge.  Lukas Gahleitner: „Die wahren Herausforderungen liegen noch vor uns. Dazu braucht es eine realistische und schonungslose Fehleranalyse der Verwaltung, politische Entscheidungen, die lange hinausgezögert wurden und die Unterstützung der Zivilgesellschaft.“

Pushbacks, Folter, Misshandlungen

Den Blick über die Grenzen Österreichs hinaus weitet Anne Schlack, Geschäftsführerin von Amnesty International Österreich. „Menschen in Gefahr zu schützen ist nicht nur eine menschenrechtliche, sondern auch eine menschliche Pflicht Österreichs und aller EU-Regierungen. Seit Jahren dokumentiert Amnesty International allerdings das Gegenteil: An den Land- und Seegrenzen der EU-Länder finden illegale Pushbacks, Folter und Misshandlungen statt. Vor kurzem hat die britische Regierung versucht, irregulär eingereiste Asylsuchende im Gegenzug für Zahlungen nach Ruanda auszufliegen.“ Schlack ortet auch Versagen von Österreich auf internationaler Ebene. „Österreich beteiligt sich seit 2017 gar nicht mehr an Resettlement-Programmen. Wenn Pläne zur Auslagerung von Asylverfahren Teil der europäischen Flüchtlingspolitik werden, läuft die EU und auch Österreich Gefahr, gerade selbst das Fundament, auf dem sie gebaut sind, nämlich Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte, zu untergraben.“

Keine Teilnahme an Relocation-Programm

Am Beispiel der Situation der Menschen in den griechischen Flüchtlingslagern wird deutlich, dass es auch anders gehen könnte, erinnert Cornelius Obonya, gemeinsam mit Katharina Stemberger und Judith Kohlenberger prägender Proponent von „Courage – Mut zur Menschlichkeit“: „Österreich hätte es in der Hand, einen Beitrag zu leisten, um diese unhaltbaren Zustände zu verbessern. Rund 5.000 Menschen wurden seit 2020 im Rahmen eines freiwilligen Relocation-Programms in anderen Europäischen Ländern aufgenommen. Österreich hat sich nicht daran beteiligt. Diese Politik ist ein Teil des Problems und nicht der Lösung. Sie untergräbt die „Europäische Solidarität“. Sie missachtet die Menschenrechte. Und sie muss daher beendet werden.“

Für Obonya sind die Informationen über den unmenschlichen und gegen internationales Recht verstoßenden Umgang mit flüchtenden Menschen an der Außengrenze der EU auch Anlass, an die Geschichte Österreichs zu erinnern. „Gerade hierzulande sollten wir eigentlich gelernt haben, dass das Vergessen und Verdrängen, oder präziser: das Verleugnen solcher Missstände sich früher oder später rächen. Darum appellieren wir an die österreichische Politik und insbesondere an die ÖVP: Beenden Sie das Verleugnen und beginnen Sie die Verantwortung zu übernehmen, an der die Geschichte sie messen wird.“

Zivilgesellschaftliches Engagement anerkennen

Der Weltflüchtlingstag wäre ein guter Tag für Politik und Verwaltung, um zivilgesellschaftliches Engagement endlich als wichtigen Pfeiler der Flüchtlingshilfe- und Integrationsarbeit anzuerkennen, sich einem partnerschaftlichen Umgang mit zivilgesellschaftlichen Akteur:innen zu verpflichten und das notwendige zivilgesellschaftliche Engagement finanziell abzusichern.

Außerdem wurde ein zehn Punkte umfassender Anstoß zur Verbesserung der Situation geflüchteter Menschen in Österreich vorgelegt. Diese „Impulse für die Politik“ sind unten in der Info-Box zu finden.

mwoe

asyl.at

trainofhope

amnesty.at

Szenenfoto aus "Des Knaben Wunderhorn"

Vom Schlaflosen zum Träumer

Die Mitte des Bühnenbodens zieren drei konzentrische Kreise rund um eine große rote Scheibe. Vielleicht nicht aufs erste gleich zu erkennen. An der Bühnenwand zwischen den vier Türen hängt einsam eine schwarze Schallplatte. Aha. Klar, auch das rote Ding am Boden symbolisiert eine solche. „Gustav Mahler“ in Großbuchstaben steht auf der Scheibe. Und Musik von diesem Komponisten beginnt zu ertönen – gespielt vom fünfköpfigen Orchester – Klavier (Hibiki Kojima, gleichzeitig auch Dirigent und Arrangeur), Klarinetten (Josef Lamell), Geige & Bratsche (Gregor Fussenegger), Akkordeon (Piotr Motyka) und Schlagzeug (Linus Rastegar) am rechten Bühnenrand.

Szenenfoto aus
Das Orchester bei „Des Knaben Wunderhorn“

Mahler und Murakami

Ausschließlich Musik von Mahler ist in der folgenden Stunde zu hören, in der die Bühne von einer märchenhaften Geschichte rund um den recht jungen Komponisten gespielt – und gesungen – wird. Er kommt – so die von Miharu Sato (Inszenierung & Konzept) ausgedachte Geschichte, die Lieder und Instrumentalmusik verbindet. Damit versucht(e) die Regisseurin, die über Mahlers Zeit an der Wiener Staatsoper dissertierte, eine Opernskizze, die er hinterlassen hatte, zu rekonstruieren. Für „Des Knaben Wunderhorn“ ließ sie sich aber auch von Haruki Murakamis „Tony Takitani“ inspirieren. Diese Kurzgeschichte über Einsamkeit und Liebe eines jungen Mannes passte für sie – und offenbar auch fürs Publikum der vielumjubelten Premiere im Wiener Theater Arche – gut zum hin- und hergerissenen jungen Mahler, unruhig, suchend – vor allem im Leben.

Musik löst Sprachlosigkeit

Mit Einschlafstörungen kommt er (Michael C. Havlicek) zur Psychiaterin (Eszter Hollósi), die versucht irgendetwas aus ihm herauszubringen. Kein Wort entkommt ihm anfangs – außer, wenn er seine Träume versinkt. Da scheint er aufzublühen, wenn ihm eine junge Frau (Opernarien und Lieder singend so wie er: Manami Okazaki), begegnet. Erst die Erinnerung an ein bestimmtes Lied in seiner Kindheit (als Bub kommt tatsächlich ein Bub auf die Bühne – Theo Koszednar – beginnt die Zunge des jungen Mannes (Michael C. Havlicek), der einerseits wie Gustav Mahler und dann doch wie ein anderer unbenannter Mann wirkt, im Gespräch mit der Psychiaterin zu lösen. Die klassische Couch ist die große rote „Schallplatte“ auf dem Boden, auf der er immer wieder auch in Träume eintaucht. Seine Worte kommen als Gesang über seine Lippen. Hatte er anfangs Probleme einzuschlafen, scheint er nun kaum mehr aus seinen Träumen zu erwachen.

Engels-Chor

Neben den genannten, handelnden, singenden, schauspielenden und musizierenden Künstler:innen kommen noch – als unterschiedliche Figuren in den Träumen Monika Konvicka, Elise Busoni und in der Ordination Paula Hofer (als Tochter der Psychiaterin und später mehr) ins Spiel. Und ein aufgeweckter, tanzender Engels-Kinderchor: Lola Koszender, Amelie Okazaki, Katharina Thurner.

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Doppelseite aus dem Bilderbuch "Schneelöwe"

Welches Tier steckt – vielleicht – in dir?

Obwohl dieses Bilderbuch nur zweifarbig ist – Blau auf weißem Papier – eröffnet „Schneelöwe“ eine kunterbunte, vielfarbige Bandbreite von Geschichten und Persönlichkeiten. Nicht zuletzt umweht die erzählende Hauptperson mehr als ein Hauch von Geheimnis. Und das obwohl sich dieses Kind gleich von Anfang an outet: „Ich bin ein weißer Schneelöwe“, sagt es.

Und Autor Heinz Janisch lässt diesen Erzähler auch noch gleich hinzufügen: „Ich sage das mit dem Weiß extra dazu, weil mein Cousin, der müde Walter, sich immer als schwarzer Schneelöwe vorstellt. Und das nur, weil er ein paar winzige schwarze Flecken auf dem linken Ohr hat.“

Auf zur Suche …

Wobei schon eine Doppelseite weiter andere „nur einen Jungen“ sehen, „der wie ein Angeber in der Luft herumsteht“. Es gehe um die inneren Werte, darum wie er sich innen drin fühle, so der „weiße Schneelöwe“, lässt der Autor ihn weiter erzählen, und uns immer wieder das eine oder andere Stück weit in dessen Inneres blicken. Und dennoch umweht selbst am Ende und nach einer Aufklappseite diesen „Schneelöwen“, der bis zum Schluss namenlos bleibt, etwas Mysteriöses. Als sei es „nur“ ein starker Gedanke, in anderen Menschen unterschiedliche Tiere zu sehen – oder spüren. Und anzuregen, das passende Tier in sich selber zu finden.

Auch wenn in den vergangenen Monaten durch seltsame billig gemachte teuer um Steuergeld verkaufte „Studien“ die Sache in Verruf gekommen sein mag, (prominenten) Menschen das eine oder andere Tier zuzuordnen – dieses Bilderbuch lässt (nicht nur) Kinder in diese Suche nach dem Tier in dir eintauchen.

Unglaublich viel Arbeit

Apropos billig. Billig mag an diesem Bilderbuch vielleicht das Illustrationswerkzeug gewesen sein. Schlicht ein Kugelschreiber, oder wahrscheinlich mehrere. Aber was dem Illustrator Michael Roher da gelungen ist: Meisterlich. Nicht nur von der Geduld, die er offenbar gehabt haben muss. Alles mit Kugelschreiberstrichen gezeichnet – von feinen Konturstrichen über viiiiiiele Punkte und Pünktchen bis zu riesigen Flächen, oft ganze Seiten. Nicht einfach zugeschüttet mit einem Kübel in einem Computerprogramm, sondern sicher mitunter ordentlich wild, aber immer mit von der Hand geführten Kugelschreibern.
Die gesetzte Schrift ist ebenfalls in Blau – oder in blau gestrichten Flächen Weiß.

Ein auch von dieser Optik her lange bleibender Eindruck einer Geschichte, die sich in Gedanken fortspinnt und wie ein aus Text und Zeichnungen gewebtes, geflochtenes Gedicht.

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Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „Schneelöwe“
Der junge Maler mit einigen seiner Bilder

„Ich experimentiere gerne mit Farben und Material“

Bei einem kürzlichen Atelierfest „Brutstätte“, in dem eine Malerin und Yogalehrerin (Eva Karel) sowie zwei Bilderbuch-Macherinnen (Lena Raubaum und Nadine Kappacher alias Meerweh) kreativ tätig sind, fiel vielen der geladenen Gäste bunte, kraftvolle abstrakte Bilder an den Wänden auf. Sie stammten gar nicht von der Malerin und Ateliers-Eignerin, sondern von ihrem 12-jährigen Sohn. Über so manche der Bücher der Autorin und der Illustratorin hat Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … (und davor Kinder-KURIER) schon berichtet. Und so vereinbarte KiJuKU.at einen eigenen Interviewtermin mit dem jungen Maler.

Am Feiertag (Fronleichnam) düst Jakob Sebastian Karel mit seinem Fahrrad – und natürlich behelmt – die Haslingergasse entlang, um die Tür zum Haus und dann zum ebenerdig gelegenen Atelier aufzusperren. Einige seiner Bilder hängen noch an den Wänden, andere sind schon verkauft, weitere hängt der 12-Jährige für die Foto-Session auf.

Leidenschaft

„Ich experimentiere gerne mit allen möglichen Dingen – mit Farben und anderen Materialien“, steigt er in die Schilderung seiner Mal-Leidenschaft ein. Das hat er von ziemlich Klein auf mitbekommen, erzählt der weiters. „Nicht nur meine Mama malt, meine Oma schnitzt, eine Tante hat früher auch gern gemalt, die musste das aus gesundheitlichen Gründen aufgeben, hat mir aber sehr viel Material geschenkt – Farbpigmente, Pinsel, Leinwände und einige Bilder, die ich übermalen durfte.“

Dann rollt der junge Maler die – ebenfalls von der Tante geschenkte – große Staffelei sowie ein kleines fahrbares Regal mit viel Mal-Zeug heran. Die Staffelei lässt sich auch umklappen und sozusagen als horizontaler Tisch verwenden, führt Jakob Sebastian Karel vor.

Experimente

Als Experimente, die Jakob Sebastian Karel anspricht, zeigt und schildert er abgeklebte Streifen, Folien mit Lufteinschluss in den dick aufgetragenen Farben „und manches Mal verwende ich auch Sprühkanonen sie beim Autowaschen eingesetzt werden. Autos sind auch eine Leidenschaft von mir und bei einer Werkstatt in der Nähe des Ateliers darf ich manches Mal ein bisschen mithelfen. Meistens schütt ich Farbe auf die Leinwand, lass sie verrinnen, male dann mit verschiedenen Pinseln. Manchmal kratze ich auch mit einer Spachtel Farbe wieder weg. Oder“ und dann greift sich Farben-Fan eine Fliegenklatsche „experimentiere ich auch mit verschiedenen anderen Sachen, zum Beispiel Küchenrollen“ und was ihm so unter die Finger komme. „Manchmal nehm ich auch ein Bild, geh damit raus auf die Straße, leg es mit der Farbe auf den Gehsteig und steig auf die Rückseite, damit es die Struktur vom Boden kriegt.“

Höre nicht einmal den Straßenlärm

Wenn er in Mutters Gemeinschaftsatelier malt, dann versinke er fast in einer eigenen Welt, „also ich hör schon zum Beispiel Musik, ansprechbar bin ich auch, aber ich nehm nicht einmal die Geräusche auf der Straße wahr von den Angeber-Autofahrer, die mit ihren getunten Fahrzeugen durch die Gasse brausen. Und die zeit vergeht wie im Flug.“ Vor dem oben besagten Brutstätten-Fest hat er mehrere Nächte fast durchgemalt. Müde sei er dann zwar schon, „aber das macht mir nichts aus, das Malen macht mir so viel Spaß und das hält mich wach“. Wobei selbst die vielen Leinwände aus Tantes Schatz nicht immer ausreichen, auch so mancher Abschnitt einer Atelier-Wand ist von ihm bemalt – mit Erlaubnis der Mutter. Manche Farbspuren ziehen sich sogar an die Decke. „Da bin ich auf der Leiter gestanden und hab als Schutz vor den Augen eine alte Lesebrille aufgesetzt, aber es ist überhaupt kein Farbspritzer auf mich getropft.“

Malen sei wie ein Rausch obwohl er so einen „natürlich noch gar nicht kenne“. Wenn Jakob Sebastian Karel „gerade, wie jetzt wo wir in der Schule viele Tests hatten, keine Zeit“ hat, „dann geht mir das schon sehr ab“.

Vom Verkauf der ersten Bilder kaufte er sich ein neues Handy, mein voriges hab ich meinem jüngeren Bruder, den ich sehr mag, geschenkt, weil der sich schon lange ein Smartphone gewünscht hat. Und ich wollt eines mit einer viel besseren Kamera.“

Schlüssel

Neben Malen hat der 12-jährige ein nicht alltägliches weiteres Hobby: „Ich sammle Schlüssel. Von klein auf haben die mich schon fasziniert – vom Aussehen her und den verschiedenen Formen. Früher hab ich immer auch überlegt, welcher Schlüssel für welche Tür passen könnte.“

In der Schule „ist die Pause mein Lieblingsfach, ansonsten mag ich Englisch ganz gerne, überhaupt Sprachen“. Bildnerische Erziehung gefällt ihm weniger, „weil es da immer so strenge Vorgaben gibt, ich mag eben lieber experimentieren“.

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Hier unten geht’s zu einer Story über einen anderen jugendlichen Maler

Und hier geht’s zu Berichten über Bücher der genannten Autorin sowie der Illustratorin:

Szenenfoto aus "The Pleasure of Shame"

Lust- und humorvolles (Schau-)Spiel um Schämen

„Wofür schämst du dich?“ – Zettel mit dieser Frage und der Gebrauchsanleitung, dass die Antworten anonym bleiben und in der Performance auch nicht vorgelesen werden – bekommen die Besucher:innen von „The Pleasure of Shame“. Es ist dies die noch bis Sonntag (19. Juni 2022) zu sehende, nein erlebende, Abschluss-Performance des Theater:Klubs im Dschungel Wien.

Zwischen langen, hängenden Stoffsäulen, in denen sie sich immer wieder verstecken und zurückziehen können, öffnen sich neun Jugendliche sehr. Manchmal teils verschüchtert, zunehmend offener und lustvoller gestehen sie so manches, für das sie sich schämen oder geschämt haben. Wobei offen bleibt, ob’s die jeweils eigenen Erlebnisse sind oder solche, die im Prozess der Erarbeitung der knapp mehr als einstündigen Performance entstanden sind. Tut auch nichts zur Sache. Vieles davon kommt dir als Zuschauerin oder Zuschauer ohnehin aus eigenem Erlebnis bekannt vor.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „The Pleasure of Shame“

Befreiendes Lachen

Je länger Nikolay Chulev, Nora Czapek, Amina Guggenbichler, Flora Lasinger, Lara Matter, Alexander Ross, Elisabeth Schmidt-Schmid, Morty Schneider und Simón Serra damit und rund um das Thema an sich – auch mit zitierten theoretischen Abhandlungen – schauspielerisch, teils tänzerisch spielen, desto mehr befreien sie sich vom einschränkenden Gefühl. Durchs Gestehen und Aussprechen wird es ihnen immer weniger peinlich. Nicht nur ihr Selbstbewusstsein steigt, sondern auch der humorvolle Umgang, Spaß, Witz und letztlich brauchen sie auch ihre Rückzugs-Röhren nicht mehr, fetzen die Stoffbahnen von ihrer Aufhängung.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „The Pleasure of Shame“

Gegen Rasur-Diktatur

Aber nicht nur persönlich Peinliches kommt zur Sprache und zum Spiel, sondern auch, dass Vieles davon gesellschaftlich geprägt ist – Stichwort Body Shaming. „Gegen die Rasur-Diktatur“ begehrt etwa eine der Spielerinnen auf und lobt die Flauschigkeit ihrer Beinbehaarung. Der Ruf „Akzeptanz und Toleranz für meinen Körper!“ wird mit Zwischenapplaus belohnt. Diskriminierung und Rassismus werden in diesen Zusammenhang eingebettet und mit konkreten Beispielen von Promis – von Meghan Markle bis Serena Williams illustriert.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „The Pleasure of Shame“

Gäb’s nicht doch auch gute Gründe für Scham

Der weitere Aufruf, sich endlich einmal für nichts schämen zu müssen samt lustvollem, herzhaftem Abtanzen lässt letztendlich aber durchaus vermissen, dass dies bis zu einem gewissen Grad schon im Widerspruch steht mit der völlig richtigen Anklage von Diskriminierung, Rassismus oder Body-Shaming. Wäre es nicht vielleicht doch wünschenswert, wenn sich jene, die andere beschämen, dafür schämen solches zu tun – als erster Schritt damit aufzuhören?

Ach ja, die vom Publikum ausgefüllten Zettelchen mit eigenen Scham-Erfahrungen werden beim Eintritt in den Theatersaal in eine glitzernde, oben offene Disco-Kugel in einer Art Herzform geschmissen, in die Höhe gezogen und schweben sozusagen über allem und allen. Was damit passiert – ach, lassen Sie sich/lass dich überraschen.

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Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „The Pleasure of Shame“
Szenenfoto aus "In die weite Welt hinein"

Sie opfert ihr Herz für seine Larifari-Geige

Jährlich verwandelt sich rund um den Sommerbeginn jener launige Innnenhof mit seiner großen, alten Platane in eine Freiluft-Bühne, bespielt von „Zenith Productions für Theater und Musik“ mit einem märchenhaften Stück (nicht nur) für Kinder. Mal sind es bekannte Märchen, ein bisschen oder mehr neu aufgemischt, dann wieder – wie in diesem Jahr – unbekanntere Geschichten. Nicht selten inspiriert aus dem hohen Norden. Da nützt Mastermind Kari Rakkola seine Herkunft und Sprachkenntnisse aus Finnland.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „In die weite Welt hinein“

Die Story

„In die weite Welt hinein“ erzählt eine voll arge Geschichte – hier kürzest zusammengefasst. Personal: Ein Mädchen und ein Bub. Er spielt auf einer Mundharmonika, was sie tief berührt. Er will aber mehr – eine Geige, ist aber arm. Wie sie auch. Sie begibt sich auf die beschwerliche Reise zu einer Waldfee. Die reißt ihr das Herz aus der Brust, um daraus die Saiten für seine Geige zu bauen. Mit seiner Musik könne er das Loch sozusagen füllen. Sie kommt mit der Geige zurück – und er macht sich bald danach aus dem Staub, zieht in die weite Welt, denn nur eine Zuhörerin ist ihm zu wenig. Weltberühmtheit – das strebt er an. Ist außerdem schon von Anfang an immer wieder recht garstig zu ihm.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „In die weite Welt hinein“

Schau- und Puppenspiel sowie Live-Musik

Der schon genannte Rakkola griff im Kern auf zwei finnische Volkslieder zurück – „Die weinende Flöte“ und „Die Weidenflöte“ – wie er nach der Premiere am Vorabend des Fronleichnamtages Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … anvertraut. Daraus baute er die Geschichte und schrieb gemeinsam mit Roland Bonimair eine Bühnenfassung.

Diese wird – teils mit Puppenspiel, großteils mit Schauspiel – von Hanna Victoria Bauer, Carlos Delgado Betancourt, Deborah Gzesh und Rakkola selbst dargestellt. Mindestens genauso viel Anteil an der szenischen Umsetzung liefert Muamer Budimlić mit viel atmosphärischer Live-Musik am Akkordeon.

Humorvolle Momente

Trotz der argen Grundgeschichte schafft es die internationale Gruppe – anfangs sind Gesänge sowohl in Finnisch als auch in Hebräisch, Spanisch, Latein und Deutsch zu hören – auch humorvolle Elemente einzubauen. So landet der nun tollste Geiger der Welt vor einer Jury, die sich ein Beispiel aus einer der TV-Castings-Shows nimmt – im Gehabe und teils mit Zitaten aus einem der Originale, in denen die Juror:innen darum buhlen, wer den Kandidaten zum Sieg bringen dürfe.

Auch zwischendurch würzt die Gruppe ihr Spiel mit manch witzigen Anspielungen – so meint einer der Juror:innen, er hätte „Hühnerhaut“ bekommen oder die Wundergeige stammt aus der traditionsreichen Familie der Larifari …

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „In die weite Welt hinein“

Botschaften

Und so „nebenbei“ purzeln Botschaften aus dem krassen Märchen, wenn die Waldfee dem jungen Mädchen sagt, dass sehr viele Menschen ohne Herz leben könnten und das noch ziemlich gut. Oder – ganz ohne Worte – wenn sich der weltmeisterliche Violinist aus einer Art Fliegengitter-Umhang wie eine Raupe durchkämpft, um als Schmetterling davon fliegen zu können. Nachdem er draufgekommen ist, der Star-Rummel ist doch nicht so sein’s und er Heimweh empfindet – nicht zuletzt auch nach der Herz-Spenderin…

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Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „In die weite Welt hinein“
Montage aus mehreren Fotos lesender Jugendlicher vor em Hintergrund eines Bücherregals

„Und es gibt uns doch – junge Buch- und Lese-Fans!“

Er ist sozusagen der Star unter den heimischen jungen Buch-Präsentator:innen: Adam, mittlerweile 12, stellt Bücher vor, die er gelesen hat – auf YouTube, TikTok und Instagram. Und er ist Teil der „Literaturbagage“, die am 21. Juni im Wiener WuK (Werkstätten- und Kulturhaus) ihre – nach Diskussionen – ausgewählten Buch-Favoriten und warum diese das wurden, präsentieren – siehe dazu einen eigenen Artikel, Link hier unten.

Die Literaturbagage-Kids sind aber nicht die einzigen. Destina Deniz aus der Fachmittelschule in Wien-Donaustadt wurde mit ihrem sehr engagierten, pointierten Plädoyer fürs Bücher-Lesen beim Landesjugendredewettbewerb Zweite – Link zum Bericht über den Bewerb hier unten:

Erst spät Lese-Leidenschaft entdeckt

Dabei, so die Rednerin, gehöre sie gar nicht zu jenen, die schon von Klein auf gern und viel gelesen haben. Erst vor drei Jahren sei sie auf den Geschmack gekommen, erzählt sie nach der Preisverleihung des genannten Redebewerbs Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … „Da hab ich das Buch zum Film „Drei Schritte zu dir“ gelesen. Das hat mir viel besser gefallen als der Film. Ich fand es unglaublich gut. Dann hab ich begonnen Rezensionen auf Buchplattformen zu lesen oder anzuschauen – auf YouTube, Instagram und TikTok. Überall gibt es Buch-Communitys. Und so bin ich selber ins Bücherlesen reingekippt.“

In ihrer Rede gesteht sie, dass sie früher selber Menschen, die Bücher lasen, als „komisch und uncool abgewertet“ habe, „aber ich hab sie nie erniedrigt“. Heute fühle sie sich manchmal „angestarrt als wäre ich ein Geist“, wenn sie sagt, dass sie gern Bücher lese. Weiters führte sie aus, dass – wie bei anderen Hobbys – der Genuss oft erst durch einige Übung (Training) komme. Als wichtigste Regel nennt Destina Deniz in ihrer Rede: „Nur Bücher lesen, die wirklich interessieren!“

Dadurch „erlebe ich viel Action, Drama, Spannung, die ich im echten Leben gar nicht haben kann … ich habe viel gelernt … neue Welten betreten und mich in ungefähr 50 verschiedene Charaktere verliebt…“

Seit sie gerne liest und Bücher liebt, sei sie der Meinung „Die Kraft der Wörter ist die mächtigste Kraft überhaupt“.

Sie betreibt auch einen eigenen Bücher-Blog auf Instagram – Link hier

Zum Beitrag von Destina Deniz im Finale des Wiener Landesjugend-Redewettbewerbs:

Krieg und Frieden

Zu solchen, die gerne Bücher lesen und dazu erst später gekommen sind, gehört Theo. Bei einem Reportagenbesuch in der Mittelschule Hainburgerstraße, in der sich Jugendliche gemeinsam mit dem nahegelegenen Figurentheater Lilarum an einem Projekt beteiligen, das sich um Demokratie dreht (und am 27. Juni 2022 im Festsaal des Bezirksamts mit einer Uraufführung abgeschlossen wird), fällt Theo auf: Vertieft in ein dickes Taschenbuch – „Warten bis der Frieden kommt“ (von Judith Kerr, Band 2 der „Rosa Kaninchen“-Trilogie).

Theo kam erst spät auf den Geschmalc von Bücher-Lesen
Theo kam erst spät auf den Geschmalc von Bücher-Lesen

„Als ich klein war, fand ich Lesen langweilig“, meint Theo. „Das ist übrigens mein neuer Name, seit ich mich als non-binäre Person verstehe. Das akzeptieren auch fast alle. Fürs Lesen interessiere ich mich erst, seit wir in der Schule über Themen wie Krieg und Frieden sprechen und ich dabei auf spannende Bücher gekommen bin.“

Zu der Reportage über die Arbeit der Jugendlichen in diesem Projekt geht es hier unten:

Innovativstes Projekt einer Wiener HAK

Ende Mai wurden die „Mekure“, die gewichtigen Statuen für die besten Projekte, Schüler:innen und Lehrer:innen der privaten Handelsschulen und -akademien des Fonds der Wiener Kaufmannschaft (VBS – Vienna Business School) vergeben. Die sechs Schulsandorte nominierten ihre jeweils Besten in den verschiedenen Kategorien. In jener des innovativsten Projekts hatte die Schule am Hamerlingplatz (Josefstadt, 8. Bezirk) „BiB-Buddies“ nominiert.

Drei der Jugendlichen, die sich in der HAK Hamerlingplatz für Bücher ins Zeug legen: Kim Wiatr, Johanna Höllbacher und Gabriella Heitzer
Drei der Jugendlichen, die sich in der HAK Hamerlingplatz für Bücher ins Zeug legen: Kim Wiatr, Johanna Höllbacher und Gabriella Heitzer

Lisa-Marie Langer, Tuba Kaya, Denisa Grambličkova, Anita Nader, Marileen Bremer, Kim Wiatr, Johanna Höllbacher und Gabriella Heitzer im Team mit Lehrerin Magdalena Öllinger betreuen die Schulbibliothek, bespielen darüber hinaus eine eigene Instagram-Seite mit Buchtipps. Vor Weihnachten bespielten sie dort einen „Adventkalender“. Hinter den „Türchen“ versteckten sich eigene Buchtipps, aber auch solche oder Gespräche über Lektüre mit Promis aus dem Bezirk. Neben dem Bezirksvorsteher Martin Fabisch haben sie herausgefunden, dass zufällig die Direktorin der Österreichischen NationalBibliothek, Johanna Rachinger, in der Josefstadt wohnt.

„Wir wollten unseren Mitschülerinnen und Mitschülern, aber nicht nur ihnen, vor allem mit dem Insta-Auftritt zeigen und vermitteln, dass Lesen von Büchern auch ziemlich cool sein kann“, meinten Kim Wiatr, Johanna Höllbacher und Gabriella Heitzer vor der Merkur-Verleihung zu Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … Zu deren Insta-Account geht es hier

Die Statue ging letztlich an das Projekt einer anderen der sechs VBS – Link zum Bericht über die Merkure hier unten:

Screenshot der Lesemaus.at-Homepage
Screenshot der Lesemaus.at-Homepage

Vor fast 20 Jahren …

Schon vor fast 20 Jahren (2004) hat die damals 12-jährige Lilly Maier, heute Autorin mehrerer Bücher, eine eigene Homepage für Buchbesprechungen von ihr und anderen jungen Leser:innen gestartet – gegliedert nach verschiedenen Kategorien. Die wird zwar schon lange nicht mehr aktuell bespielt, aber gut 100 lesenswerte – und bei Kinder- und Jugendbüchern meist immer aktuelle – Buchbesprechungen finden sich ja noch immer auf „Lesemaus“ – dazu geht es hier

Link zum Interview mit der Autorin über ihr jüngstes Buch (aus dem Vorjahr) hier unten:

Leseforscherin: Der Geruch von Büchern …

Naomi Baron, emeritierte (pensionierte) Uni-Professorin aus der USA-Hauptstadt Washington D. C., ist Leseforscherin. Am Mittwoch (15. Juni 2022) erschien in der Zeitung „Der Standard“ ein Interview mit ihr. In diesem sagte sie unter anderem: „Drei Kollegen und ich haben an zwei internationalen Schulen in Norwegen und den Niederlanden Untersuchungen mit Schülern der Sekundarstufe durchgeführt. Wir haben gefragt, was ihnen am besten und was am wenigsten gefällt, wenn sie gedruckte Bücher lesen. Viele Schüler sagten, dass sie sich besser an das erinnern, was sie in gedruckter Form lesen. Die Frage ist nun: Warum ist das so? Ich denke, die Antwort hat viel mit der physischen Beschaffenheit von Büchern zu tun.“

Auf die Nachfrage der Redakteurin meinte die Forscherin: „Digitale Bücher sehen alle ziemlich gleich aus. Aber bei gedruckten Büchern erinnert man sich daran, wie groß das Buch war, wie die Titelschrift aussah. Man erinnert sich an die Beschaffenheit des Papiers. Was mich anfangs überraschte, war die Zahl der jungen Leute, die sagten: „Das, was ich am meisten an gedruckten Büchern mag, ist der Geruch des Buches.“ Das heißt, sie sind der Meinung, dass die Sinne ein Teil des Lesens sind. Oft erinnern wir uns an etwas nicht aufgrund der verwendeten Sprache, sondern aufgrund der Plattform, auf der wir es gelesen haben.“

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Montage aus zei Fotos der beiden Buchdiskussions-Gruppen, dem Logo der "Literaturbagage" und im Hintergrund ein Bücherregal

Von der Blaubeersuppe zu Bibern

Blaubeersuppe steht auf dem Tisch. Also nicht echt eine Suppe aus den kleinen kugeligen dunkelblauen Früchten, die hierzulande meist Heidelbeeren heißen. Sondern „nur“ als Teil des Buchtitels „Frida und die Blaubeersuppe“. Alina, Lilja (beide 9 Jahre) sowie Ilvi und Flora (jeweils 10) diskutieren mitunter auch hitzig über dieses Kinderbuch. Wie sie die Geschichte finden, wie sie den Schreibstil der beiden Autorinnen (Alva Bengt) schätzen, aber auch was sie zum Buch-Cover sagen.

Bei Frida, so ist den Gesprächen der vier Lesefreundinnen zu entnehmen (der Reporter gesteht, dieses Buch nicht zu kennen), handelt es sich um ein Kind, das „meschugge“, „ein bisschen sehr verrückt“ ist. Mit ihr freundet sich Leni an, die in Schweden (dort ist die oben besagte kalte Suppe verbreitet) auf Ferienurlaub auf den Bauernhof verschickt wird. Es ist das Zuhause der genannten Frida.

Die Meinungen der vier Leserinnen über das Buch gehen weit auseinander. Während ihm die einen sowohl von der Geschichte als auch vom Cover her die Höchstpunktezahl 10 geben, meint eine aus dem Quartett: 0 fürs Buch und 5 für die Titelseite – was Kathi (31), die die Gruppe begleitet, in eine Liste einträgt.

Lesen und regelmäßig darüber diskutieren

Die vier Kinder treffen einander alle zwei Wochen als „Literaturbagage“ im „Plateau“, einem Atelier, das gemeinsam von einigen Künstler:innen betrieben wird. Die Buch-Diskutant:innen sind sozusagen die Nachfolge-Generation von Kindern – und Jugendlichen (dazu weiter unten) -, die gerne lesen, aber auch sich darüber austauschen. Und am Ende des Schuljahres ihre gemeinsamen Buch-Lieblinge auswählen und vorstellen (jetzt am 21. Juni 2022; Genaueres weiter unten). Spoiler: Das Buch, über das die vier Leserinnen beim Lokalaugenschein von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … diskutiert haben, wurde nicht ihr Favorit.

Vor-Geschichte

Vor fast 30 Jahren waren Anna, Sara, Kathi und Greta, Gründerinnen und Betreiberinnen der „Literaturbagage“, selber als Kinder Mitglieder der „Jury der jungen LeserInnen“, einer im Literaturhaus Wien von Mirjam Morad ins Leben gerufenen und engagiert geleiteten Initiative. Nach deren überraschendem Tod vor etwas mehr als zwei Jahren hatten sich die genannten vier weiterhin sehr Buch-affinen Erwachsenen (im Bereich Kunst und Journalismus tätig) zusammengetan, um auch heutigen Kindern und Jugendlichen diese Chance zu bieten (mehr darüber in diesem Artikel aus dem Vorjahr, hier unten).

Jugendliche

In einem anderen Raum des Ateliers diskutieren Jugendliche über ihre gemeinsame Lektüre. Beim Reporterbesuch hatte nur ungefähr die Hälfte der Leser:innen (ja, hier gibt es auch einen Burschen!) Zeit. Emma (13), Flora und Adam (beide 12) besprachen noch ein bisschen „Der Himmel über dem Platz“ (Martina Wildner) nach; die ausführliche Diskussion hatten sie schon vorher. Die Geschichte dreht sich um den Fußballverein Blau-Weiß, vor allem aber um Jolanda. Sie ist nicht nur begeisterte, sondern auch gute Fußballerin, muss mangels eines eigenen Mädchenteams im Bubenverein spielen. Keine leichte Sache. Nicht alle Buben schätzen das und dies wiederum nährt so manchen Selbstzweifel der Fußballerin.

Emma schätzt vor allem die Botschaft, dass es Unterstützung braucht – die Jo, wie Jolanda genannt wird – von einigen außerhalb, aber doch auch innerhalb des Vereins erhält. „Am Anfang hat sie keine sehr hohe Meinung von sich selbst.“ Adam gefällt, „dass die Autorin zeigt, wie falsch Klischeebilder über Mädchen und Jungs sind“.

Aktiv und initiativ

Zwar nicht Fußball, aber jedenfalls Sport zählt zu den Hobbys der 12-jährigen Flora, die erzählt, „richtig viel lese ich erst seit der dritten Klasse. Meine Hauptthemen sind: Fantasy – auf Deutsch und auf Englisch. Zeichnen mag ich aber auch sehr gerne.“ Noch mehr als all das schätzt sie aber Initiativen, in denen sie aktiv werden kann, „weil ich doof finde, wie wir Menschen heute leben, die Umwelt zerstören und dass es Rassismus gibt. Und es nervt mich, dass ich so oft erklären soll, warum gendern wichtig ist.“ Es sollte selbstverständlich allen klar sein, dass alle Menschen gleich viel wert sind – und damit spannt sie den Bogen wieder zu Jo, der Fußballerin Jolanda aus dem besprochenen Buch. Die natürlich – durch die Hilfe anderer und im Team – zur erfolgreichen Kickerin wird.

YouTuber und TikToker

Adam (12) ist mittlerweile ein ziemlich bekannter Leser. Er stellt seit gut zwei Jahren Bücher auf seinem YouTube-Kanal vor – und wurde damit schon in vielen Medien vorgestellt. „In sehr jungen Jahren hat mir meine Mutter sehr viel vorgelesen“, schildert er die Anfänge seiner Buch-Leidenschaften beim Besuch von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … bei der Literaturbagage. Die schätzt er dafür, „dass wir uns hier intensiv über das Gelesene austauschen können“.

Das viele Vorlesen bewirkte, dass er selber bald lesen lernen wollte und „schon in der ersten Klasse viel und schnell gelesen habe“. Schon bald las er dicke Bücher wie „Warrior Cats“. Vor rund zwei Jahren begann er mit seinem YouTube-Kanal – unter „Infos Teilen Mit Adam“ stellt er regelmäßig ein Buch vor. „Als ich 11 geworden bin, hab ich auch begonnen, auf TikTok Bücher vorzustellen – dort sprech ich schneller und nicht nicht so detailliert darüber.“

Ob er von Beruf Influencer werden will, verneint Adam. „So nebenberuflich schon, aber hauptberuflich will ich Paläontologe werden, weil ich sehr an Dinosauriern interessiert bin und sehr viel mehr über die lernen und forschen will.“

Wahlergebnis

Hier die beiden ausgewählten Bücher der lese- und diskussionsfreudigen Kinder bzw. Jugendlichen – in zwei Fotos – und textlich ausgeführter in der Info-Box.

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Zu einem weiteren Artikel über junge Buchfans, die ihre Leidenschaft auch über Online-Kanäle teilen – Link hier unten:

Fast noch wichtiger als die Kategorie-Gewinne: Reisepreise zu internationalen Bewerben und Messen

Onlinevoting, Reisepreise und Vorarlberger Sonderpreise für junge Erfinder:innen

Oft noch mehr Wert als die Preise in den sieben Kategorien des Erfinder:innen-Bewerbs Jugend Innovativ, der in diesem Schuljahr zum bereits 35. Mal stattgefunden hat, sind die „Reisepreise“. Dabei handelt es sich nicht um Geschenke von Urlaubsreisen, sondern die Auswahl von Projekten, die an internationalen Wettbewerben oder Messen teilnehmen dürfen. Das besonders Wertvolle daran ist die Vernetzung mit Jugendlichen vieler anderer Länder der Welt, die ebenfalls tolle Erfindungen und Forschungen gemacht haben.

Nach zwei Jahren, in denen viele dieser Veranstaltungen wenn überhaupt nur virtuell stattfinden konnten, ist derzeit ja zu hoffen, dass es tatsächlich zu analogen Live-Begegnungen und Bewerben kommt. Die Liste der dafür ausgewählten Projekte – nicht nur Kategorie-Gewinner:innen – unten in der Info-Box.

Vorarlberger Sonderpreise

Erstmals wurde bei Jugend Innovativ ein Sonderpreis für Projekte aus Vorarlberg verliehen – über die Initiative mit „Jugend Vorarlberg forscht“ soll technischer und wissenschaftlicher Nachwuchs aus Vorarlberg für herausragende Lösungen im Bereich Energie- und Elektrotechnik zu Ehren des österreichischen Erfinders Friedrich Wilhelm Schindler mit diesem „Special Award Vorarlberg“ ausgezeichnet werden.

Neben den beiden Bundesfinal-Projekten „Stickoxidmessung in Kleinfeueranlagen mittels isokinetischer Messtechnik“ (HTL Dornbirn, Kategorie Sustainability/Nachhaltigkeit) und „Rohrroboter für die Vermessung der Spaltbreiten bei Druckrohrleitungen“ (HTL Bregenz; Kategorie Engineering II) auf Platz 1 und 2 dieses Special Awards wurde als drittes „SmortLamp – die Smarte Lampe, die die Umwelt schützt“ (HTL Dornbirn) ausgezeichnet. Und damit die Bühne mit lauter männlichen Preisträgern gefüllt.

Heuer gab es erstemals einen Vorarlberger Sonderpreis - eines der Teams
„SmortLamp“-Erfinder aus der HTL Dornbirn

Letzteres ist ein Beleuchtungssystem, das sich automatisch – ohne Steuerung via Handy-App – nach dem Licht von außen reguliert, also bei genug Tageslicht selber zurückfährt und Energie spart, so die Jugendlichen zu Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … „allerdings konnten wir unseren Prototypen wegen lieferketten-Schwierigkeiten nicht fertig bauen“.

Seit 13. Juni läuft das Online-Voting: alle 35 Finalprojekte stehen zur Abstimmung
Seit kurzem stehen alle 35 Finalprojekte zur Abstimmung

Publikums-Voting

Alle 35 Finalprojekte stehen zur Wahl – für das Online-Publikums-Voting. einen Überblick über die Erfindungen, Forschungen und anderen Arbeiten bieten die in sieben Beiträgen – entsprechend der Kategorien – auf Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … beschriebenen Projekte. Viele der beteiligten Jugendlichen kommen in diesen Beiträgen zu Wort – Links hier gleich unten.

jugendinnovativ -> Online-voting

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Montage aus fünf Fotos der Finalisten und ihrer Projekte in der Kategorie Engineering II

Flexible Seilwinde, neue Tiefschnee-Holzski, Rohr-Rohrroboter …

So genial und einfach ist die Erfindung drei Schüler der Höheren Technischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt in Salzburg, so hilfreich für Menschen, die in nicht gerade leicht zugänglichen Bergregionen arbeiten. Komplizierter der Name des Hilfsmittels, das Tobias Sacher, Thomas Huber und Nico Hainz sich ausgedacht, entworfen, konstruiert – und gebaut haben: Universal Hilfswinde für die alpine Forstwirtschaft.

Bisher mussten Forstwirt:innen, ganz konkret auch ein Onkel eines der Schüler, Baumstämme bestenfalls mit einer sogenannten Forstseilwinde zu Tal ziehen. Aber, das Stahlseil dafür mussten/müssen sie erst raufschleppen. Das Trio erfand einen „Seilturm“ mit -Trommel, in dem das Stahlseil aufgewickelt werden kann – und das maschinell mit Hilfe einer Hydraulikkuppelung. Das ganze Ding – 55 Kilo schwer und doch recht handlich – kann beispielsweise auf einem Traktor fixiert werden. „Gebaut haben wir’s teilweise in der Schule, vieles davon aber in der Freizeit in einem privaten Hobby-Werkraum“, erzählen die Schüler, die damit die Kategorie Engineering II bei der 35. Ausgabe von Jugend Innovativ gewonnen haben, Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr …

Neuartige Holzski

„Heutige Ski sind eigentlich nach Gebrauch in Wahrheit Sondermüll“, schildern die leidenschaftlichen Tiefschnee-Skifahrer Michael Kreidl, Maximilian Falzberger und Daniel Angerer dem Reporter die Ausgangsüberlegung für ihre Erfindung, die ihnen schließlich Platz zwei in dieser Kategorie einbrachten. Die Schüler im Holztechnikum Kuchl hatten sich daran gemacht, ihr Hobby und ihren Ausbildungsschwerpunkt zu verknüpfen. Neue Ski aus Holz.

Gut, auch die ersten Skier waren aus Holz. Aber einfach zurecht geschnitzte Bretter, kein Vergleich mit dem Fahrkomfort heutiger Kunststoff- und Glasfaser-Latten. „Wir arbeiteten schon mit mehreren Holz-Schichten, dazwischen Schichten von Flachsfasern, verbunden mit Kasein-Leim, also einem Milchprotein. Im Prinzip kannst du unseren Ski, wenn er nicht mehr gebraucht wird, kleinhacken und in den Wald werfen, wo er verrotten kann“, so das Trio. „Vorher solltest du nur die Metallkanten, die wir draufschrauben, obwohl du sie im Tiefschnee nicht wirklich brauchst, abschrauben.“ Und natürlich die Bindung, die kann ja aber wieder bei anderen Skiern verwendet werden.

Der erste Prototyp war nicht so toll zu fahren, aber die drei skifahrenden Schüler, hatten nicht aufgesteckt, sondern weiter gearbeitet und ihre Schichtholz-Ski sind nun nicht nur nachhaltig, sondern weisen auch gute Fahreigenschaften auf, so Kreidl, Falzberger und Angerer.

Rohr-Roboter

Philip Unterluggauer, Leon Schobel, Alexander Vetter und Noah Plank aus der HTL Bregenz (Vorarlberg) erfanden – und bauten – einen Roboter, der bisher unlustige, mühsame Tätigkeit von Menschen ersetzt. Speziell für Wasserkraftwerke entwickelt, kann dieser Rohr-Roboter sicher später noch vielerorts zum Einsatz kommen.

Aufgabenstellung war: bisher müssen Menschen in die Rohre eines Wasserkraftwerks kriechen (120 Zentimeter Durchmesser) und durch klettern (eineinhalb Kilometer), um regelmäßig die Spaltbreiten bei den Stellen, an denen die Rohre zusammengesteckt sind, zu überprüfen. Ist aber äußerst wichtig, um Veränderungen zu bemerken und nachzujustieren.

Jenes Unternehmen, das für die Messungen zuständig ist, war an die Schule herangetreten, um eine technische Lösung zu suchen. Die genannten Jugendlichen haben sie gefunden. Ihr – fernsteuerbarer – Roboter Und so bewegt sich der Roboter angetrieben von leistungsfähigen Nabenmotoren auf fährt auf Reifen das Rohr entlang. Ein beweglicher Mechanismus, der auf und zuklappen kann wie eine Schere, sorgt dafür, dass die Räder nach außen, also an die Rohr-Innenwand gedrückt werden. Eine Kamera und Abstandssensoren messen die Spaltbreiten. Das Ganze mit Fernsteuerung. Die vier Schüler kündigen eine Weiterentwicklung an: Ein integriertes Bildbearbeitungsprogramm soll künftig dafür sorgen, dass die derzeit aufgenommenen Bilder nicht mehr nachträglich überprüft werden müssen, sondern, dies automatisch erfolgt.

Automatischer Würfel-Löser

Generationen von (nicht nur) Kindern und Jugendlichen spiel(t)en mit der fast 50 Jahre alten Erfindung des ungarischen Mathematikers Ernő Rubik, dem nach diesem benannten Würfel, einer Art 3D-Puzzle. Nach allen drei Richtungen drehbar, sollen am Ende alle sechs Seitenflächen je eine einheitliche Farbe der neun kleinen Flächen aufweisen. Wer gut in räumlicher Vorstellung ist, dreht so flink, dass in wenigen Sekunden die Lösung erzielt ist.

Wer sich das Geduld- und Gedankenspiel nicht geben will, kann auf die Entwicklung von Maximilian Gerner und Marcel Leitner aus der HTL Braunau (OÖ) setzen und den durcheinander gedrehten Würfel in die „Magic-Cube Solving Machine legen“. Die Apparatur verfügt über Farbsensoren. Sechs Motoren drehen die Seiten in der – nach dem programmierten Algorithmus – kürzest möglichen Zeit in die Position der sechs einheitlichen Farbflächen.

Wenngleich geübte Würfel-Dreher:innen mit dem richtigen räumlichen Denken definitiv schneller als die Zauberwürfel-Maschine sind.

DTA hilft bei Kunststoffmüll-Trennung

Ist es ohnehin schon nicht immer leicht zu wissen, welcher Abfall in welchen Trenn-Kübel gehört und was in den Restmüll, so ist sind selbst für Profis Kunststoffe eine Herausforderung. Genaueres Wissen erleichtert bzw. ermöglicht oft überhaupt erst die Wiederverwertung (Recycling).

Differenz-Thermo-Analytikmessgerät (DTA) heißt das „geheimnisvolle“ Zauberwort hinter der Entwicklung von Sebastian Matt und Roman Redl. Mit diesem von ihnen gebauten – und programmierten – Gerät lassen sich, wie der Name nahelegt, aus den Unterschieden von Temperaturen (etwa Schmelzpunkt) die verschiedenen Kunststoffe auseinander dividieren. „Im Prinzip gibt es solche Analysen schon“, so Matt (sein Kollege war an dem Tag verhindert) zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … „Nur bisher war das sehr kompliziert und teuer, wir sprechen da von fünfstelligen Beträgen, z. B. 20.000 Euro. Unsere Entwicklung ist zwar noch nicht serienreif, käme aber auf unter 300 Euro.“ Was eine größere Verbreitung, leichteres Kunststoffe-Trennen und mehr Recycling bewirken könnte.

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Doppelseite aus dem Bilderbuch "Papa Storch"

Papa + Papa Storch und Kind Pinguin

Edgar und Holger sind zwei Störche in einem Tiergarten. Rund um sie wimmelt es von Tierfamilien mit Nachwuchs. Ein Storchenbaby fehlt ihnen zu ihrem Glück. Und eines Tages rollt ihnen ein Ei vor die Füße. So beginnen sie es abwechselnd zu „be-sitzen“, um es auszubrüten. Als das Junge das ei von innen zu knacken beginnt, ist die Überraschung groß. Es ist – ein Pinguin.

So weit, kürzest zusammengefasst die Story des Bilderbuchs „Papa Storch“ (Achse Verlag). Es ist das zweite Kinderbuch, das Paloma Schreiber geschrieben und gezeichnet hat. Und auch das ist keine (ganz) ausgedachte Geschichte. So wie bei ihrem Erstling „Mulya die Kuh“ (siehe Link zur Buchbesprechung, damals noch im Kinder-KURIER) ließ sich die Künstlerin von einer wahren, von vielen Medien aufgegriffenen, echten Begebenheit inspirieren.

Damals war’s eine in Polen eine Kuh, die auf dem Transport zum Schlachthof ausgebüxt ist, die Schreiber aufgegriffen – und im Bilderbuch mit Happy End versehen – hat. Nun nutzte sie die wahre Geschichte aus dem Tiergarten von Osnabrück (Deutschland). Dort hatten tatsächlich die beiden Störche mit genau diesen Namen zusammengelebt. Das Pinguin-Ei rollte ihnen allerdings nicht zufällig zu, sondern sie bekamen es vor fast 20 Jahren (1995) von einer Tierpflegerin, weil sich das Humboldt-Pinguin-Paar zerstritten hatte und dabei das Ei weggerollt war.

Für „Papa Storch“ hat sich die Autorin und Illustratorin natürlich auch einiges dazu ausgedacht, etwa wie es ganz schön lange dauert, bis die beiden Papas draufkommen, was „ihr“ Kind zu essen braucht. Einige Doppelseiten lang endet der Text mit „so blieb der kleine Magen leer, wo kam nur schnell Hilfe her? – Hunger, Papa, piepte er.“ Denn weder Frösche noch Würmer oder Körner waren die richtige Nahrung. Doch dann …

…. Nein, es soll nicht alles verraten sein.

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Besprechung von Mulya die Kuh im KiKu

Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „Papa Storch“
Montage aus Fotos aller fünf Finalprojekte der Kategorie "Engineering I"

Anatomisch angepasste Patschen, ein Rüttelstuhl und …

Brauchst du Einlagen in deinen Schuhen, weil du Plattfüße oder andere Fehlstellungen hast, die ein gesünderes, besseres Gehen unterstützen, so stehst du bisher über viele Stunden des Tages an. Es gibt kaum Hausschuhe, in die einlagen passen. Das gilt aber nicht nur für daheim, in vielen Schulen herrscht Patschenpflicht. Das war für Leo Probst und Bernhard Böhm der Ausgangspunkt für die Entwicklung neuartiger und damit gesünderer Hausschuhe, die sie „PantoPlus“ nannten. Und damit den Sieg in der Kategorie Engineering I beim nunmehr 35. Schulbewerb Jugend Innovativ in die HTBLA Eisenstadt holten. Vielleicht noch nie haben zwei Projekte aus dem Burgenland zwei Kategorien gewonnen – mit ihrer „vertikalen Windkraftanlage“ haben Michael Strudler und Andreas Strommer das nachhaltigste Projekt abgeliefert (Kategorie Sustainability).

Das Pantoffel-Duo hat ein Verfahren entwickelt, bei dem du deine Einlegesohle mitbringst, die wird eingescannt. Über eine automatisierte CNC-Fräse wird ein hölzerner „Pantoletten-Rohling“ erstellt. Im Schuhgeschäft deiner Wahl wird daraus ein Hausschuh – mit sozusagen eingebauter Einlage, also anatomisch richtig „angegossen“. Das Verfahren ist in der Patentierungsphase, die beiden Jugendlichen haben Kontakt mit einem traditionsreichen Holzschuhunternehmen aufgenommen, die nun den digitalen Zwischenweg einbauen, um passgerechte „Patschen“ herzustellen, die natürlich auch modisch sein dürfen 😉

Rüttel-Stuhl

Der Gesundheit dient auch die Erfindung von Tobias Unterweger, Felix Sterner und Alexander Neuwirth (beim Gespräch und Foto mit Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … verhindert) aus der HTL Wolfsberg (Kärnten). Ein Trick der Tante einer der drei sportbegeisterten Schüler brachte die Jugendlichen auf die Idee, etwas Schlaueres zu erfinden, den „Faszienrollen-Stuhl“.

Faszien sind Weichteilkomponenten des Bindegewebes, die bei Massagen durchgeknetet werden (sollen). Als Hilfsmittel – so keine Masseurin/kein Masseur zur Verfügung steht, gibt es sogenannte Faszienrollen. Die besagte Tante, selbst Leichtathletik-Trainerin, ist draufgekommen, wenn sie ihre Waden nach dem Training auf die Waschmaschine legt, wenn die gerade in Betreib ist, werden die Beine richtig gut und richtig durchgerüttelt.

In Zusammenarbeit mit Mediziner:innen und Sportwissenschafter:innen entwickelte das sportliche und technische Schülertrio einen Sessel mit vielen Rollen im Rücken-, Oberschenkel- und Wadenbereich, die über Motoren bewegt werden – und mittels einer – auch von den Jugendlichen programmierten – SamrtPhone-App (Bluetooth-Verbindung) leicht und flexibel zu steuern sind.

Segelflieger abschleppten

Bisher braucht es ganz schön viel Kraft – und vielleicht sogar noch mehr Geschick, um Segel- und andere Kleinflugzeuge auf Flugplätzen in oder aus dem Hangar zu schieben. Nicht selten kommt’s zu kleinen Zusammenstößen. Dem wollen vier Jugendliche der HTL Rennweg (Wien) ein Ende bereiten. Johannes Swientek, Tobias Rubitzko, Christoph Zill und Manuel Valenta entwickelten mit TOWY Hard- und Software einer fernsteuerbaren Abschlepp-Vorrichtung.

Valenta, selbst Pilot eines Segelflugzeugs, brachte die eingangs genannten Probleme als Aufgabenstellung mit in die Gruppe, die daraus ihr Diplomprojekt machten. Die Vorrichtung, in die das Bugrad des Flugzeugs eingehängt wird, funktioniert mit einem Antrieb auf Raupen-Kettenbasis. Dadurch kann sich „Towy“ auch im Stand drehen, was die Rangierrichtungen flexibler gestaltet.

„Der Prototyp“, so das Quartett zum Reporter, „muss noch optimiert werden.“ Im Optimalfall wollen die vier Maturanten „Towy“ letztlich dazu bringen, sogar vollautomatisch, also autonom den Flieger – kollisionsfrei – abzuschleppen – in die Park- oder Flugposition.

Powerpaste

Aus der selben Schule arbeiteten Tobias Laun, Daniel Lueger, Fabian Reicher, Maximilian Hrdina und Mohammed Shah daran, ein anderes Problem anzugehen. Wasserstoff wird als eines der Mittel zur sauberen Lösung von Energiefragen angesehen. Größte Herausforderung noch immer ist die mögliche Speicherung. Hrdina und Shah erklären Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … den Zugang des Quintetts. „Powerpaste“. Die, so gestehen sie von vonrherein „haben wir nicht erfunden, die gibt es, allerdings ist sie kaum erhältlich. Sie würde aber andere sehr kostspielige und höchst komplizierte Verfahren zur Speicherung von Wasserstoff erleichtern und verbilligen, so die Erkenntnisse aus den theoretischen Überlegungen und Versuchsanordnungen der fünf Jugendlichen. Der Strom, im Idealfall aus erneuerbaren Energien wie Sonne oder Wind erzeugt, wird in dieser Paste sozusagen gesammelt. „Unser System hat eine Steuerungs-Unit, einen Behälter für diese Powerpaste sowie eine Brennstoffzelle, einen Wasserbehälter und einen Reaktionsbehälter. Wenn der Strom dann gebraucht wird, kommt Wasser zur Paste, wodurch Wasserstoff freigesetzt wird. Mit Hilfe der Brennstoffzelle können wir so Strom erzeugen, der in einen Akku fließt – und über den verwendet wird.

Weiter, nicht schneller

Bei Autorennen geht es nicht immer nur darum, wer das Fahrzeug schneller über einen Kurs lenken kann. Umweltschutzgedanken und Nachhaltigkeit haben längst auch andere Bewerbe erschaffen – etwa einen für „verbrauchsarme Fahrzeuge“. Gewinnt, wer mit möglichst wenig Energie am weitesten kommt. Dabei geht es nicht nur um den idealen Antrieb. Es kommt auch auf die Konstruktion an, je windschlüpfriger, aber auch je leichter, desto und so weiter…

Alexander Ploy, Vanessa Pugl-Pichler, Michael Bäuchler, Paul Sommer, Niko Serdar und Dominik Hohla von der HTBLuVA Salzburg entwickelten nicht die bisherigen Fahrzeuge weiter, sondern „erfanden“ ihr Vehikel neu. „Wir arbeiten jetzt an der dritten Generation so eines Autos. Seit zehn Jahren beteiligt sich unsere Schule an dem Bewerb. Aus umweltfreundlichen Materialien haben wir uns eine „Gitter-Rohr-Konstruktion überlegt, die wir dann mit einer reißfesten, dünnen Folie bespannen, wie sie auch im Flugzeugbau verwendet wird.“

Ihr Fahrzeug, das – so gestehen die sechs Jugendlichen ein – noch nicht einsatzbereit ist, nannten sie Scorpion. „Es ist ein Forschungsprojekt, an dem im nächsten Schuljahr ein anderes Team weiterarbeiten wird. Ziel ist, dass 2023 ein Team aus unserer Schule bei dem Wettbewerb mitfahren kann.“

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Szenenfoto aus "Misento"

Fast ohne Worte über Freude und Schmerz spielen

Sechs große Kartons, drei Schauspieler:innen – in gelber, orangefarbener und grüner Hose, eine rosa Faltgirlande auf dem Boden im Hintergrund. Der in gelber Hose löst sich aus dem Bühnenhintergrund, schnappt sich eine der Kisten und setzt sich in die Mitte der Bühne 3 im Dschungel Wien. Schaut starr in Richtung Publikum, beginnt zu lächeln, das Gesicht zu verziehen. „Was willst du uns damit sagen?“ fragt eines der Kinder im Vorschulalter aus dem Publikum.

Der Spieler drückt nun – allein mit seinem Gesicht – die unterschiedlichsten Gefühle aus, seine beiden Kolleginnen kommen nach vor und ein Spiel zu dritt beginnt. Erst streichen und reiben sie einzeln über ihre Körper, spüren Schmerzen aber auch Freude, um sich schließlich ineinander fast zu verknoten.

Nach rund zehn Minuten fallen die ersten Worte und Sätze. „Ich fühle mich froh, traurig, kaka-furz sch… wurscht“, so Mor Dovrat, Christina Rauchbauer und Luigi Guerrieri in „Misento“ von der Gruppe „Fuori / thank you for the compliments“ aus der Schweiz. In der nicht ganz ¾ Stunde werden sie nicht viel mehr sprechen, aber viel über mögliche Gefühle allein durch ihre Körperbewegungen, die Mimik in ihren Gesichtern sowie das mit- oder gegeneinander im (Schau-)Spiel ausdrücken.

Hin und wieder wenden sie sich direkt an das junge Publikum – auch das oft ohne Worte, um die Kinder einzuladen, mit ihnen auf der Bühne zu spielen: Einmal, um zu helfen, dann wieder um am Ende gemeinsam Party zu feiern.

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Szenenfoto aus "Once upon tomorrow"

Jal Saheli – Wasser-Freund:innen und andere Klimakrisen-Kurzstücke

Wenn es regnet, füllt sich der Dorfbrunnen und Bewohner:innen stellen alle nur möglichen Gefäße vor ihre Hütten, um das Wasser einzusammeln. In Phasen der Trockenheit müssen die Menschen – nicht nur – in diesem kleinen Dorf in Mittelindien das flüssige Lebensmittel von weit her holen. Meist eine Aufgabe, die an Mädchen hängen bleibt. Die Regenwolken am Himmel lassen immer länger auf sich warten. Der Brunnen schon lange leer.

Da hat die 20-jährige Navya eine Idee: Wasser fließt doch. Warum nicht eine Leitung mit Pumpen bauen, um von dort wo sie es heranschleppen es bis in ihr Dorf rinnen zu lassen? Dieser realen kleinen und doch so großen Idee widmete Himali Kothari ihre kurze, starke Hoffnung gebende Geschichte als rund fünfminütiges Theaterstück. „Jal Saheli“ (für Wasser und Freunde) nennt sich die echte Geschichte, die mittlerweile in 200 indischen Dörfern aufgegriffen wurde – mit 700 mitwirkenden Frauen, die für diese Wasserleitungen gesorgt haben.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Once upon tomorrow“

Zehn aus 50

Die Autorin ist eine von insgesamt 50, die von der „Climate Change Theatre Action“ (mehr darüber in der Info-Box ganz unten) gebeten wurde, Texte Theatertexte zur Klimakrise zu schreiben. Alle zwei Jahre – seit 2015 – macht diese Initiative dies und stellt anschließend diese 50 Texte Theaterhäusern und anderen Veranstalter:innen zur Verfügung. Das Schauspielhaus Graz hat aus zehn dieser Texte den 1 ¼-stündigen Abend „Once upon Tomorrow“gestaltet, der auch beim jüngsten Dramatiker:innen-Festival zu erleben war. Himali Kothari und Camila Le-bert aus Chile (2079) waren bei der Aufführung dabei. Die letztgenannte wählte das genannte Jahr aus, weil sie dann 97 sein wird/würde – so alt wie ihr vor wenigen Jahren verstorbener Großvater. Aber, ob sie angesichts dessen, wie die Menschheit die Umwelt zerstört überhaupt erleben wird/will? Andererseits sei Veränderung möglich, wie gerade kürzlich ihr Heimatland unter Beweis stellt(e), wo nicht zuletzt die jahrzehntealte noch aus der Pinochet-Diktatur stammende Verfassung durch eine demokratische ersetzt wurde.

Schon am Vortag sorgte ein weiterer der zehn ausgewählten Autor:innen, der Brite Nathan Ellis mit „Us In The Past“ beim Vernetzungsdiskurs für einen „We“- Moment. Er ließ Auszüge aus seinem Text über eine Brücke – betrachte aus der Gegenwart und aus der perspektive in 3000 Jahren – in verteilten Rollen lesen. Das Schaffen eines Gemeinschaftsgefühls war/ist ihm ein Anliegen.

Sehr junge Schauspieler:innen

Inszeniert von Rachel Müller, erweckten die sehr jungen Schauspieler:innen Adele Emil Behrenbeck, Aron Eichhorn, Irem Gökçen, Jenny Groß, Anke Helen Hoffmann, Charlotte Kaiser, Alicia Peckelsen, Max Rehberg, Magdalena Julia Simmel und Edgar Wolfgang Sproß die geschriebenen Texte zu szenischem Leben. Manchmal blickten sie vom Heute auf die Gegenwart und die (mögliche) Zukunft, dann wieder aus letzterer auf uns im hier und jetzt.

Autor:innen aus allen Weltgegenden

Die in einen dramaturgischen Bogen gegossenen Texte stamm(t)en neben den genannten drei Autor:innen von Chris Thorpe, Elena Eli Belyea, Whiti Hereaka, Nicolas Billon, Mwendie Mbugua, Pat To Yan, Carla Zúñiga Morales, Angela Emurwon aus Chile, Großbritannien, Hong Kong, Indien, Kenia/USA, Kanada, Neuseeland und Uganda.

Die Bandbreite reichte von schrägen witzigen bis zu dystopischen und dann wieder Mut-machenden sowie faktenreichen Geschichten, die sich in der Mitte der Bühne zwischen dem rundherum sitzenden Publikum abspielten. Zentral stand ein Kühlschrank inmitten eines Hügelchens aus schwarzem Mikroplastik – zum Leidwesen der barfuß auftretenden Schauspieler:innen. Und ein bisschen irritierend, weil der Kühlschrank am Ende symbolisch begraben wird. Wofür Erde nicht nur naheliegender, sondern auch im Sinne der Botschaft gegen Klimakrise naheliegender gewesen wäre.

Grüne Theater-Pipeline

Unter dem Titel „The Drama of the Climate Crisis – New Narratives and Tools for the Future“ (Das Drama der Klimakrise – Neue Erzählungen und Werkzeuge für die Zukunft) diskutierten während des Dramatiker:innen-Festivals Nachhaltigkeitsexpert:innen der europäischen Theater Konferenz (ETC) Green Theatre Committee über die Schaffung eines neuen Bewertungsinstruments zur Verringerung des CO₂-Fußabdrucks des Theaters. Die Diskussion befasst sich mit praktischen Maßnahmen, wie Fortschritte bei nachhaltigem Handeln am besten gemessen und das übergeordnete Ziel eines klimaneutralen Theatersektors erreicht werden können.

Diese Diskussionen vernetzten sich mit dem ETC-Projekt „Pipelines“, ein europaweites Theaterprojekt über Ölpipelines, Korruption und fossile Brennstoffe. Die teilnehmenden Autor:innen aus Albanien, Belgien, Österreich, Malta und Luxemburg setzten sich mit Stücken und Herausforderungen des Schreibens über die Klimakrise auseinander.

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Compliance-Hinweis: KiJuKU wurde zur Berichterstattung über das Dramatiker:innen-Festival nach Graz eingeladen.

Montage aus Fotos aller fünf Final:istinnen in der Kategorie ITC & digital bei Jugend Innovativ 2021/22

Medizinnahe und andere praxistaugliche Apps aus Jugendhand und -kopf

Mit einem kleinen, handlichen Kastl wollen die fünf Burschen dem Haufen papierener Rechnungen, die sie auf dem Tisch vor dem Gemeinschaftsstand ICT & Digital sammeln, den Garaus machen. Obendrein sind diese Rechnungen, wie wir alle vom täglichen Einkauf wissen, gar nicht wirklich auf Papier gedruckt, können also nicht einmal in den Altpapier-Container, m recycelt und wieder zu Papier werden. Thermopapier nennt sich das, enthält nicht nur den giftigen Bestandteil Bisphenol A, sondern ist obendrein auch nicht einmal wirklich haltbar, das aufgedruckte verblasst – womit es für Garantiefälle auch nicht brauchbar ist.

Weg damit, so der Gedanken, mit dem Julian Haas, Stephan Herbe, Noah Stallinger, Moritz Weibold und Markus Stadler aus der HTBLA Leonding (Oberösterreich) an ihre Digitalisierungsprojekt „EcoBill“ herangegangen sind. Die Box mit ihrem elektronischen Innenleben, das sich die fünf Jugendlichen ausgedacht und zusammengebaut haben, wird an die Supermarktkassa angeschlossen. Und via App, die sie ebenfalls programmiert haben an die SmartPhones der Kund:innen gesendet.

Wer nicht will oder grad das Handy nicht dabei hat, kann sich die Rechnung natürlich weiterhin ausdrucken lassen.

Bedenken von wegen Datenschutz wischen die Entwickler von „EcoBill“ mit dem sie die Kategorie ICT & Digital bei der 35. Ausgabe von Jugend Innovativ gewonnen haben, keinesfalls  vom Tisch, obwohl die meisten Konsument:innen via Kund:innen-karten aller Art darauf kaum bis nicht achten. „Natürlich haben wir von Anfang an Datenschutz mit bedacht und eingebaut.“

Haltungstrainer

Ebenfalls aus der Leondinger HTL kommen Julia Hinterberger mit Tanja Stadler. Sie zeigen erst vor, um anschließend dem Journalisten vorzuschlagen, selber ihr spezielles Brustgeschirr anzulegen. Ein Stoff-Konstrukt aus Trägern an den Schultern und einem breiten mit Klettverschluss zu fixierendem Band um Brust und Rücken soll für richtige, aufrechte Haltung sorgen. Gibt es längst im Handel. Jedoch ist der streng sitzende „Haltungstrainer“ nur die stoffliche Basis für die Erfindung der beiden Schülerinnen. Sie entwickelten eine kleine elektronische Box, die sie – mittels Klettverschluss – an einer der beiden Schulterträger andocken. Über die lässt sich messen, wie weit sich die Trägerin/der Träger von der – anfangs eingestellten, individuellen Optimal-Position wegbewegt, den Rücken krümmt, schlampig sitzt usw. Die Messungen werden via Bluetooth an eine SmartPhone-App übertragen. Abweichungen haben die beiden, von denen sich erstere vor allem der Hard- und Zweitere der Software widmeten, in ein einfaches Ampelsystem „übersetzt“. So weiß die Trägerin/Träger, hoppla ab Gelb ist Vorsicht geboten und bei Rot: Haltungsänderung. Natürlich nur jener des (Ober-)Körpers.

Tele-Reha Sitzauflage

Ebenfalls der Gesundheit dient die Erfindung von drei Schüler des Wiener TGM. Lukas Blazsovsky, Martin Holzinger und Benedikt Möslinger haben sich eine Sitzauflage mit mehreren eingebauten, unterschiedlich befüllten, Luftpölstern überlegt. Soll aber nicht nur zum angenehmeren, bequemeren Sitzen dienen, da wärs ja noch lange nichts für diese digitale Kategorie des innovativen Bewerbs. Microcontroller und Verbindung zum Computer mit darauf installierten Geschicklichkeitsspielen dienen der Überprüfung von physiotherapeutischen Übungen und Zuständen – und brachte Platz 3 ein. Und via Online-Verbindung können so Patient:innen, denen diese High-Tech-Tele-Reha-Sitzauflage mit nach Huse gegeben wird, ihre Trainingseinheiten absolvieren und die Daten an die Rehabilitations-Einrichtung ihres Vertrauens übermitteln.

Rettende Daten für Feuerwehr

Sebastian Leirich, Jakob Jelinek, Sebastian Bareck und Alexander Schöfbänker sind vier Schüler der HTL Rennweg (Wien). Einige von ihnen haben Erfahrungen als Brandbekämpfer bei der freiwilligen Feuerwehr. Und dabei fiel einiges auf, was sich mit Hilfe von Elektronik und Digitalisierung verbessern ließe, um die Sicherheit zu erhöhen. „Die Atemschutzgeräte haben Luft für eine halbe Stunde. Aber wenn du erst nach einer halben Stunde merkst, einer/eine ist noch nicht rausgekommen, kann es für die betreffende Feuerwehrfrau/den -mann schon zu spät sein“, erzählt das Quartett dem Journalisten. „Also haben wir uns einiges an elektronischer Überwachung einfallen lassen. Temperatur, Flaschendruck, aber auch über einen Beschleunigungssensor Daten, ob sich jemand überhaupt noch bewegt – oder vielleicht ohnmächtig geworden und hingefallen ist – werden in Echtzeit an ein Tablet übertragen, das jemand im Feuerwehrauto oder davor ständig beobachtet.“

Noch ist es, so die vier Maturanten, ein Prototyp, „soll aber im internen Einsatz und bei Übungen demnächst erprobt werden“, erfährt Kinder I Jugend I kultur I und mehr …

Umfassende Ruder-App

Aus ihrem sportlichen Freizeithobby entwickelten Johannes Mlinar, Gabriel Pasterk, Daniel Smrecnik und Niko Markitz von der HTL Mössingerstraße (Klagenfurt, Kärnten) ein Projekt, das sie ins Bundesfinale von Jugend Innovativ 2021/22 brachte, wo sie einen Anerkennungspreise gewannen. Noch viel mehr aber haben – nicht nur – sie von „Rowing Performance Monitoring System“, wie ihr Ding heißt. Es handelt sich dabei um eine App fürs Rudern. Damit können sie sowohl technische Dinge wie die Schlagzahl bei der Ausübung ihres Sports messen, zu Trainingszwecken aufzeichnen und anschließend analysieren. „Mit unserer App kann aber auch so ziemlich die gesamte Verwaltung des Vereins gemacht werden. So wissen alle, welche Boote draußen sind und auch wo, wie viele grad frei sind, also ausgeborgt werden können…

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Szenenfoto aus "und alle tiere rufen: dieser titel rettet die welt auch nicht mehr (monkey gone to heaven)": Sarah Sophie Meyer und Janus Torp

Klimakrise spielt sich vielfältig auch auf Bühnen ab

In höchst unterschiedlichen szenischen Formen hält „natür“lich das Thema Klimakrise immer stärker Auftritte auf Bühnen. Endzeit- und Katastrophenszenarien einer- und aufrüttelnde Stücke andererseits. Wobei, so neu ist das nicht. Ist ja auch das Thema nicht. Wissenschafter:innen warnen seit Jahrzehnten, auch in der Kunst wird der desaströse Umgang der Menschheit mit unserem Planeten und seinen Ressourcen schon lange verhandelt. Selbst engagierte Initiativen sind schon lange tätig – mal gehypt, dann wieder unter dem Radar der veröffentlichten Meinung. Gut zehn Jahre vor Greta Thunberg und der damit angestoßenen weltweiten Bewegung „Fridays For Future“ startete „Plant for the Planet“ – ebenfalls von Kindern und Jugendlichen ausgehend – mit ganz konkreten Maßnahmen: Wie der Name schon sagt, mit dem Pflanzen von Bäumen. Milliarden zusätzlicher dieser „Maschinen gegen den Klimawandel“ wachsen seither.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „und alle tiere rufen: dieser titel rettet die welt auch nicht mehr (monkey gone to heaven)“: Astrid Meyerfeldt in Aktion

Klappe zu, Affe tot

Und dennoch scheint (fast) alles zu spät. Zumindest vermittelt das die – neben anderen Stücken beim sechsten Dramatiker:innen-Festival (die in loser Folge hier in eigenen Beiträgen beschrieben werden) – Performance „Monkey gone to heaven“, im deutschsprachigen Titel nicht wirklich übersetzt, sondern noch drastischer, was Autor Thomas Köck (zweifacher Gewinner des renommierten Mühlheimer Dramatikpreises) in der guten Stunde – über Schauspieler:innen und einen Musiker (Nico Link, Sarah Sophia Meyer, Astrid Meyerfeldt, Janus Torp; Regie: Marie Bues) dem Publikum an den Kopf wirft: „und alle tiere rufen: dieser titel rettet die welt auch nicht mehr“, Untertitel „ein requiemmanifesto of extinction“.

Wollen nichts?

Nein, sie wollen die Zuschauer:innen nicht aufrütteln, zum Nachdenken bewegen. Es ist ohnehin alles zu spät. Zwar habt ihr zahlreiche Tierarten ausgerottet – so manche der realen Gattungsmorde werden geschildert, andere Arten lediglich aufgezählt -, aber insgesamt wird sich die Erde von der kurzfristigen Herrschaft der Menschen befreien, sie überwinden und nichts wird mehr an dieses unsägliche Zeitalter erinnern. „Erinnerungen an Zukünfte, die noch überhaupt nicht existiert haben – Erinnerungen an Leben und Existenzen, die nie gelebt worden sein“ und ähnliche Mahnungen werden mal eindringlich, dann wieder lautstark in den Garten vor dem Festivalzentrum im Heimatsaal hinausposaunt, hin und wieder von heftigen Schlagzeugklängen verstärkt. Wobei die Künstler:innen sich nicht anmaßen in die Rollen der Tiere zu schlüpfen, sondern sie eher anwaltlich vertreten.

Also, eh alles zu spät!? Sollen nun jedwede Aktivitäten und alles Engagement eingestellt werden? Auf zum Sterben-gehen? Irgendwie auch nicht. Trotz der intensiven Spielweise wirkt „Affe ging zum Himmel“ eher wie ein intellektuelles Gedankenspiel für eine neue Zeitrechnung. „Es will nichts!“, sagen Spieler:innen merhfach.

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Compliance-Hinweis: KiJuKU wurde zur Berichterstattung über das Dramatiker:innen-Festival nach Graz eingeladen.

Stückbesprechung von „Nachtscahttengewächse“, das auch beim Dramatiker:innen-Festival gezeigt wird, ich aber schon vor Monaten im Grazer taO! gesehen habe

Stückbesprechung von „Finstergewächs“, das auch beim Dramatiker:innen-Festival gezeigt wird, ich aber schon in Wien im Schubert Theater gesehen habe
Montage aus Fotos aller fünf Design-Finalprojekte

Magische Kartentricks, federndes Transboard, unter die Haut gehende Fotos, neue Kirchen-Möbel und Metall-Kleider

An den Tagen des Bundesfinale von Jugend innovativ knapp vor Pfingsten gab es kaum einen Tag, das heißt eigentlich selten einen Moment an dem der 18-jährige Pascal Glaser nicht Spielkarten in der Hand hielt. Also nicht wirklich gehalten hat, er ließ sie schweben, fliegen, jonglierte und zauberte die jeweils von einem Gegenüber ins Auge gefasst Karte aus dem Stapel in den sie gesteckt wurde auf Anhieb oder ganz woanders hervor. Da es keine Kategorie Magie beim Wettbewerb für innovative Projekte aus Schulen gibt – wiewohl der Jugendliche schon eigene Tricks erfunden hat – schufen er und sein Kollege Christian Albl, am Rande auch Manuel Abfalter, eigene Karten-Sets, die Albl düster-magisch designte. Ebenso die beiden Boxen mit unterschiedlich vielen Kartensets. In einem der beiden Varianten scheint das aktuell verwendete Karten-Deck sogar beim Öffnen des Deckels aus der Schatulle zu schweben.

Via Kickstarter sammeln die „Zauber“-Schüler aus der Graphischen in Wien das nötige Geld, Kartensets und Boxen produzieren lassen zu können. Wobei Zauberer ist nur der Erstgenannte. „Aber wir verkaufen nicht nur die Karten und die „Trickkiste“. Über den QR-Code kommen die Kundinnen und Kunden zu Videos. Ich hab ungefähr sechs Stunden aufgenommen, in denen ich Tricks, die ich selber erfunden habe, erkläre“, vertraut der Schüler Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr an… Und verrät auch, dass er schon seit seinem 12. Lebensjahr, also nun gut ein Drittel seines Lebens übt, lernt und zaubert. Die Fingerfertigkeit muss und will er fast ständig trainieren, durchaus auch in Schulstunden wie vor allem sein Kollege schelmisch lächelnd anmerkt. Diese Fähigkeit beschränkt sich dann aber gar nicht nur auf Karten, nach dem Sieg in der Kategorie Design lässt er auch einzelne der orangefarbenen Legosteine aus denen die Jugend-Innovativ-Trophäe gebaut ist da verschwinden und dort wieder auftauchen.

Transboard

Mit ihrem Projekt „Transboard“ hätten Claudia Thal und Katja Mitterbacher aus dem BG Dornbirn nicht nur unter den Designer:innen mit einem der beiden (ex-aequo) zweiten Plätze Erfolg haben können, sondern sicher auch in einem der – noch immer stark männlich dominierten technischen Bereiche. Ausgangspunkt waren zergatschte (okay, in Vorarlberg wird das sicher anders genannt) Erdbeeren und das entsprechend eingesaute Stoffsackerl in dem die Früchte im Fahrrad-Korb transportiert wurden. Kuchen wollten sie so gar nicht von da noch dort bringen. Oder eigentlich schon. „Das Problem haben ja viele und so dachten wir uns, da müsste es doch was geben“, schildern die beiden den Ausgangspunkt für ihr gefedertes mit Stoßdämpfern versehenen mit Hilfe eines 3D-Druckers produziertes flexibles Brett. Dabei zeigen sie auch Vor-Versionen, an denen sie weiter herumtüftelten – leichter, praxistauglicher mit Vorrichtungen, in die Halterungen wie Gummi oder „Spinnen“ eingehängt werden können, um einen Korb, eine Kuchen-Transportform usw. einzuhängen.

Übrigens hat dieses Duo es schulübergreifend mit der – gemeinsam mit Katjas Schwester Sara – schon vor zwei Jahren mit „Light it up“ ins Design-Finale von Jugend Innovativ geschafft und dort mit den im Dunklen nach Bedarf leuchtenden Säulen bei Busstationen sogar gewonnen. Zu einem Bericht darüber – damals noch im Kinder-KURIER – geht es hier.

„Sexismus hautnah erleben“

Ähnlich wie das beste Sozialprojekt beim Merkur der VBS (Vienna Business School – private Handelsschulen und -akademien) „Recht hat §ie“ (Link zur „Merkur“-Story ganz unten) waren im privaten Umfeld erlebte Gewalt der Ausgangspunkt für Paula Polónyi, Natalie Stefanowski und Viola Voldrich von der Graphischen in Wien. „Es gibt einfach zu viel häusliche Gewalt bis hin zu Femiziden. Aber auch alltäglichen Sexismus, verbale Übergriffe auch in der Öffentlichkeit, unter der die Opfer oft zunächst sprachlos übrigbleiben und leiden.“ Nicht zuletzt daran, dass die Umstehenden kaum eingreifen, ja vielleicht noch blöd lachen.

Das genannte Trio führte einfühlsame Gespräche mit zehn betroffenen Frauen, die zu den Protagonist:innen eines umfangreichen Bild-Text-Bandes wurden. Bedenken des Reporters, ob nicht so manche der (Halb-)Nackt-Fotos die Opfer sozusagen ein weiterer Übergriff wären, räumten die drei – mit dem zweiten Platz belohnten – Schülerinnen aus. „Es ist nichts passiert, was die Frauen nicht wollten. Wir sind deswegen auch nicht mit ihnen an die Schauplätze der Übergriffe gegangen, sondern allein mit der Kamera. Wir wollten die aber dokumentieren.“

Die höchst künstlerische, teils sehr düstere Gestaltung kann und soll Betrachtern – hier bewusst die rein männliche Form gewählt – vielleicht den einen oder anderen kalten Schauer über den Rücken laufen lassen und vermitteln, wie sich scheinbar „nur blöde Sprüche“ unter die haut gehend bei Betroffenen anfühlen können. Um letztlich hoffentlich solches Verhalten zu überdenken und abzustellen.

Innenleben einer Kirche modernisieren

Die Maria-Rain-Kirche/ Žihpolje über dem Rosental/ Rož soll in absehbarer Zeit renoviert werden. Vier Schüler:innen der EUREGIO HTBLVA (Höhere technische Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt im ebenfalls in Kärnten liegenden Ferlach machten dazu Vorschläge. Und welche und wie!

„Auch diese Kirche ist, die Sitzbänke unbequem, die Atmosphäre nicht sehr einladend“, so der erste Befund von Anna Schmidl, Carina Schaschl, Alex Glantschnig und Adanna Kohl. Und dann begann das Quartett. Erster Schritt: genaues Ausmessen des gesamten Innenraums, denn aus den Plänen war das nicht abzulesen. Dann kamen eigene Umgestaltungs-Ideen wie manche hölzerne Teile – auch schon beim Eingang – durch Glas zu ersetzen, macht alles schon heller. Vor allem aber dachten sich die vier Schüler:innen völlig neu gestaltetes Mobiliar aus, in erster Linie natürlich Sitzbänke. „Wir ersetzen die starren, unbequemen langen Bänke durch kürzere, flexiblere Zweier-Bänke, die sich auseinander oder zusammen stellen lassen. Und natürlich viel angenehmer zum Sitzen sind. Und oben auf dem Dach sollen Sonnenkollektoren angebracht werden, um erneuerbar und nachhaltig die kostenlose Energie von unserem Zentralgestirn einzusammeln.

Und wie die vier dran arbeiteten: Neben einem Modell der Kirche gestalteten sie ein umfangreiches Buch – natürlich mit den bildhaftem neuen Innenleben. Und – eine mehr als umfangreiche Arbeit: Das Quartett aus der Ferlacher Schule digitalisierte die gesamte Kirche – außen und innen. Mit Hilfe einer Virtual-Reality-Brille kannst du durch alle Räume aber auch außen herum gehen – und dich sogar auf die Spitzen der Kirchtürme „beamen“.

Der Pfarrer, so die Schüler:innen zu Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … zeigte sich sehr angetan und hofft darauf, dass die Kirche zur Basilika geweiht wird – mit möglichem Papst-Besuch. Das würde vielleicht zusätzliche Mittel frei machen für die vorgeschlagenen Modernisierungen.

Moderne Ritter:innen-Rüstungen

Wiederverwertung von Altmetall – vor allem Kupfer, Aluminium und Eisen – zur Verfügung gestellt von einem Recyclingbetrieb kennzeichnen zehn Kleidungsstücke. Skizziert, entworfen sowie zurecht gebogen, ausgestanzt, an Stoffe angenäht haben Anja Ibele, Christina Bereuter und Malena Düsel aus der HTL Dornbirn (Vorarlberg). „Wir wollten einmal mit anderen Materialien arbeiten als bisher mit Pappmaché oder Holz und haben uns dieses Mal für Metall entschieden. Erste Idee waren die Verschlüsse von Getränkedosen, jedenfalls sollte es Recycling-Metall sein“, so das Trio zum Reporter, der unter anderem nach der Tragbarkeit fragte. In einem Video haben Mitschülerinnen solche Kleider an. „naja, sie sind schon schwer, weil wir ja auch schwere Möbelstoffe verwenden mussten“, sonst wären die womöglich gerissen.

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Szenenfoto aus "Karpatenflecken" - mit der Originalbesetzung im Deutschen Theater Berlin; von der Aufführung in Graz mit der kurzfristig eingesprungenen Isabel Schosnig anstelle der verhinderten Katrin Klein gibt es leider keine Fotos ;(

Mehrsprachige Zeitreisen (s)einer Familie

Drei Generationen von Frauen – von der Enkeltochter über die Mutter bis zur Großmutter – erzählen Geschichten und Geschichte. Persönliche Lebenserfahrungen eingebettet und vor dem Hintergrund historischer Einschnitte, neuerdings Zeitenwenden genannt. Von Wanderungsbewegungen, Flucht, Vertreibung und der Sehnsucht nach Verwurzelung.

Passend dazu beginnt „Karpatenflecken“ von dem in Wien lebenden Autor Thomas Perle, der Stücktext war vor drei Jahren mit dem renommierten Retzhofer Dramapreis ausgezeichnet worden. Es sollte seine erste Aufführung im Vestibül des Wiener Burgtheaters haben. Corona und Renovierungen verschoben dies. Ende des Vorjahres hat das Deutsche Theater Berlin das Stück aus Fragmenten, Splittern einer Lebensgeschichte, die historische Entwicklungen mit abrollen lässt, uraufgeführt. Nun gastierte es damit im Grazer Schauspielhaus im Rahmen des Dramatiker:innen-Festivals in der steirischen Landeshauptstadt (mit einer kurzfristig nötigen Umbesetzung).

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Karpatenflecken“ – mit der Originalbesetzung im Deutschen Theater Berlin; von der Aufführung in Graz mit der kurzfristig eingesprungenen Isabel Schosnig anstelle der verhinderten Katrin Klein gibt es leider keine Fotos ;(

Ach ja, der vorige Absatz fing damit an, dass er den Beginn des Stückes beschreiben wollte. Nach den Fakten-Einschüben also die Fortsetzung dessen: Das knapp mehr als einstündige Bühnengeschehen beginnt mit – einem Baum. Ihm leiht Judith Hofmann, die später vor allem die mittlere der drei Frauen, aber auch einen (Klischee-)Rumänen spielt, ihre Stimme. Die im stilisierten Gebirge – aus einem riesigen weißen Tuch über darunter später auftauchende Unmengen von Schachteln und Kisten (Bühne & Kostüme: Sigi Colpe) – fest Verwurzelte spricht mit dem Berg, dargestellt durch die Projektion des Gesichtes von Katrin Klein (Video: David Benjamin Schulz). Sie, die vor allem die Großmutter spielt, ist an diesem Abend verhindert und wird durch die sehr kurzfristig eingesprungene Isabel Schosnig ersetzt. Was kein leichtes Unterfangen ist, spricht die „Alte“ doch einen komplizierten, alten „teitschen“ Dialekt, Wischaudeutsch.

Sprachen-Vielfalt

Diese Sprache hat sich in den Waldkarpaten im Norden Rumäniens gehalten. Der Autor des Stücks, in das er so manches aus seinen Prosa-Texten „wir gingen weil alle gingen“ (2018, edition exil, siehe Info-Box) eingebaut hat, ist dort auf die Welt gekommen. Im Stück nennt er den Fuß des Berges „Wurzelort“. Schon in seiner frühesten Kindheit „ging“ die Familie, deren Vorvorvorfahren wie viele andere um 1770 aus Oberösterreich, der Steiermark und anderen Gegenden hierher in den Osten zum Arbeiten gezogen waren, in den Westen. Konkret nach Deutschland. Wo Thomas Perle mit den am Wurzelort verwendeten drei Sprachen – Rumänisch, Ungarisch und eben Wischaudeutsch – aufgewachsen ist, sie beherrscht. „wie mehr språchn weißt, ßo mehr pist a mensch“, zitiert der Autor seine Urgroßmutter im Programmheft zu „Karpatenflecken“.

Die drei Sprachen kommen im Stück hin und wieder vor, am meisten dieser alte „Insel“-Dialekt, den die kurzfristig eingesprungen Schauspielerin zu beherrschen schient sowie Ungarisch und Rumänisch durch ihre „Tochter“ und „Enkelin“, Judith Hofmann und Julia Windischbauer. Das Trio spielt sehr einfühlsam, baut mühelos während des Spiels den Berg ab und zu einer dicken Mauer um.

(Zeit-)Reisen

Stück und Schauspielerinnen switchen durch 300 Jahre. Von der Einwanderung, gekleidet in alt wirkende Trachten über die Besetzung auch dieser Gegend durch die deutschen Faschisten bis hin in die Ära des sogenannten realen Sozialismus. Samt Jubel über den Tod des Conducător (Führer) Nicolae Ceaușescu und der im Volk noch viel verhassteren „liebenden Mutter der Nation“, der einflussreichen „First Lady“ Elena. Da war der Autor und seine Familie schon in Deutschland, besuchte aber immer wieder die zurückbleibenden Verwandten, im Stück konzentriert in einer Tante, ebenfalls von Judith Hofmann gespielt, die auch in die teils schon genannten Rollen von Mutter, Wald, Kolonistin und dem Rumänen geschlüpft war.

Und obwohl so konkret rund um eine Familiengeschichte gebaut, erzählt „karpatenflecken“ so nebenbei allgemeingültige Gefühle rund um (erzwungene) Wanderungsbewegungen, Heimaten und das Wunderbare von Sprachenvielfalt.

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Compliance-Hinweis: KiJuKU wurde zur Berichterstattung über das Dramatiker:innen-Festival nach Graz eingeladen.

Stückbesprechung von „Nachtscahttengewächse“, das auch beim Dramatiker:innen-Festival gezeigt wird, ich aber schon vor Monaten im Grazer taO! gesehen habe
Stückbesprechung von „Finstergewächs“, das auch beim Dramatiker:innen-Festival gezeigt wird, ich aber schon in Wien im Schubert Theater gesehen habe
Titelseite von Thomas Perles „wir gingen weil alle gingen“, aus dem er viel für sein stück „karpatenflecken“ schöpfte
Szenenfoto aus "Zitronen zitronen Zitronen"

140 Wörter pro Tag und dann ist Schluss

„Zitronen Zitronen Zitronen“ – ein Stück des Schauspielhauses Graz beim Dramatiker:innen-Festival über Zensur, Umgehungsversuche, Stille, nonverbale Kommunikation und Beziehungen.

Ein fast intimer Rahmen. Die beiden Schauspielerinnen still, einander innig verbunden auf einem Bühnenstreifen zwischen dem Publikum, das ein-reihig nahe am Geschehen sitzt. Die Bühne auf der einen Schmal-Seite begrenzt von großen, dunklen, rohen unbehauenen Steinen – die sich später als Schaumstoff herausstellen und auf der anderen von einem alten, halbhohen hölzernen Küchenkastl (Konzept und Entwurf: Eva Sol, Ausführung – und Kostüme: Philipp Glanzner).

„Nichts“ als Herzschläge zunächst zu hören. Dann Musik (Mihai-Constantin Codrea, Sânziana-Cristina Dobrovicescu). Cut.

140 Zeichen, pardon Wörter

„34, 21, Zeug, Yeah …“ Olivia (Maximiliane Haß) und Bernadette (Katrija Lehmann) beginnen zu reden. Knapp. Oft eben in wie die ersten Äußerungen zeigen in Zahlen. Dabei dürften sie jetzt noch mehr reden. Tun das auch noch ein wenig. Der zentrale Plot von „Zitronen Zitronen Zitronen“ von Sam Steiner (aus dem Englischen von Stefan Wipplinger). Ein neues Gesetz beschränkt alle Menschen darauf, mit 140 Wörtern pro Tag auskommen zu müssen. Eine Zahl, die wahrscheinlich nicht zufällig gewählt ist. In den Anfangszeiten von Twitter waren Tweets auf 140 Zeichen begrenzt; übrigens hieß der Dienst in der frühesten Phase (2006) nur twttr.

Aktivistin mit/vs. Juristin

Während die prekäre Künstlerin Olivia zu einer der wichtigsten Aktivist:innen gegen das drohende neue Gesetz wird und Demos organisiert, hält sich ihre Lebensgefährtin Bernadette da lange sehr zurück. Immerhin sieht sie als Juristin mögliche Aufgaben in der Kanzlei, in der sie stundenweise tätig ist: Tüfteln an Ausnahmeregeln und/oder -genehmigungen.

Die unterschiedliche bis teils widersprüchliche Haltung zu dieser Einschränkung der Meinungsfreiheit, das Ersinnen, wie Kommunikation unter den begrenzten Bedingungen doch möglich ist, auf welche (Füll-)Wörter verzichten werden kann ist aber nur eine der Ebenen des Stücks (Regie: Anne Mulleners). Sie finden unter anderem das Umgehungsmittel wie an so manchen Tagen Wörter zu sparen, um sie später lossprudeln zu lassen, Abkürzungen oder eben wie schon hier weiter oben, Zahlen zu verwenden. Von letzteren scheinen die beiden Protagonistinnen die Bedeutung zu kennen, wenngleich mitunter die gesprochenen Zahlen nicht übereinstimmen mit jenen am Monitor für die englische Untertitelung eingeblendeten. Das Publikum versteht aber wenigstens den Zweck.

Nonverbale Kommunikation

Verbale Kommunikation auf Kurzform – wie sie längst aus Social-Media-kommunikation bekannt und da oft viel reduzierter ist mit Abkürzungen und Emoijis – ist aber „nur“ eine, die vielleicht vordergründige Ebene der Beziehung der beiden Protagonistinnen. Die nonverbale – wie sie im Alltagsleben mindestens genauso wichtig ist – wird hier häufig ausgespielt. Ihr Beziehungsstatus ist nicht selten schon zu sehen und spüren bevor sie auch nur etwas sagen. Samt Auf und Ab jeder anderen Beziehung mit Gefühlen des nicht ausreichend beachtet, gehört zu werden, des sich schlechter/besser Fühlens, von Machtspielen, Eifersucht…

Und der – sozusagen zwischen den Zeilen – angespielten Frage, ob Stille auszuhalten ist und manches Mal Schweigen besser wäre als viel zu reden, ohne wirklich was zu sagen. „Die Regisseurin Anne Mulleners interessiert sich in ihrer Inszenierung des Stoffes nicht nur für die naheliegenden dystopischen Aspekte einer Beschränkung des Grundrechts auf Rede-freiheit, sondern auch für eine unerwartete Utopie der Stille“, formuliert es die Dramaturgin des Stücks, Franziska Beck im Programmzettel zum Stück.

Ebenso stößt das Stück natürlich die Frage an: Lassen wir uns alles gefallen, was Politik und noch viel mehr mächtige Konzerne vorgeben?

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Compliance-Hinweis: KiJuKU wurde zur Berichterstattung über das Dramatiker:innen-Festival nach Graz eingeladen.

Stückbesprechung von „Nachtscahttengewächse“, das auch beim Dramatiker:innen-Festival gezeigt wird, ich aber schon vor Monaten im Grazer taO! gesehen habe
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Foto aus dem Film "Das fünfte Rad"

Filmischer Hilferuf von Frauen eines afghanischen Untergrund-Theaters

Voll verhüllt, wie unter einem Berg von Stoff, erzählt die Frau von ihrem Gefängnis ohne Gitterstäbe. Dabei hatte sie und die anderen elf – aus Sicherheitsgründen komplett namenlos bleiben müssenden – Frauen so viel Hoffnung. So viel Freude am Theaterspielen. Von klein auf. Mit acht, neun Jahren begannen sie im Simorgh-Theater im afghanischen Herat die Lust daran, in andere Rollen zu schlüpfen, Szenen zu erarbeiten, darstellendes Spiel zu lieben.

Foto aus dem Film
„Azar“im Film „Das fünfte Rad“

Aus dem Dunkel holen

Aber auch mit Theater die Welt – zumindest für einige Stunden – für andere besser zu machen. Sie spielten und arbeiteten theaterpädagogisch für Kinder in Waisenhäusern ebenso wie für Gefängnis-Insaß:innen. Nun musste sie aus Sicherheitsgründen sogar ihre Identität ändern. „Ich heiße Azar“, sagte sie zu Beginn des knapp mehr als halbstündigen Films „Das fünfte Rad“ – da ist noch alles ganz dunkel.

Noch viel mehr als dass sie nicht einmal mehr unter ihrem richtigen Namen in Erscheinung treten kann, leidet sie darunter, wie all diese ihre Träume, die sie mit elf anderen Theatermachrinnen teilt, zerstört wurden/werden. Und noch viel mehr.

Foto aus dem Film
„Azar“im Film „Das fünfte Rad“

Rechtlos isoliert

Die letztlich für den Film elf Protagonistinnen können spätestens seit Mitte August des Vorjahres als die Taliban zum zweiten Mal nach 20 Jahren die totale Macht über das Land übernommen hatten – unter Krokodilstränen und Untätigkeit des Westens – oft nicht einmal mehr allein aus dem Haus. Isolationshaft in Wohnungen. Im „besten“ Fall. Ihre Zwangs-Einsamkeit überwinden sie phasenweise mit Handy-Telefonanten untereinander. Sicherheitshalber, so erzählt eine der Untergrund-Theaterfrauen, löschen sie alle einmal am Tag all ihre Kommunikationsdaten.

Montiert mit Texten aus Gedichten Bertolt Brechts – „Lesebuch für Städtebewohner“ und „Verwisch die Spuren“ – erzählen die Frauen vom Alltag im Leben seit fast einem Jahr. Auf Dari von unverhüllten Frauen der Theatergruppe sowie auf Deutsch von Tahera Hashemi. Sie hatte in Herat zum Theater gefunden und später die jetzigen Frauen als sie noch Kinder waren in Workshops ihnen diese Kunstform näher gebracht. Seit einem Jahrzehnt ist sie Schauspielerin in Deutschland. Und fühlt sich auch ihren einstigen Schülerinnen verpflichtet. Wobei nein, Pflicht stimmt nicht überein mit dem was sie ausstrahlt. Ihr ist es ein Anliegen, vielmehr ein Bedürfnis, dass nicht auf das Schicksal dieser und der meisten anderen Frauen in Afghanistan vergessen wird.

Foto aus dem Film
Ein weiteres Fot aus dem Film „Das fünfte Rad“

Retten

Daher tourt sie mit diesem Film, den Soliman Saien aus den Handy-Videos der Frauen und ihren deutschsprachigen Brecht-Rezitationen montiert hat und von Robert Schusters produziert wurde zum Brecht-Festival im deutschen Augsburg eingeladen war. Die 35 Minuten berühren sehr, gehen nahe, rühren so manche zu Tränen – von Trauer, aber auch Wut. Hashemi und Saien wollen einerseits aufmerksam machen und sammeln andererseits Unterstützung, Hilfe und Spenden. Hashemi und Saien setzen alle Hebeln in Bewegung, um diese elf Frauen aus der Gefahrenzone herauszubringen, appellieren die beiden eindringlich an das Publikum und bitten um Unterstützung. Mögliche Arbeitsplätzen oder Engagements in Theatern könnten ebenso helfen wie es Geld tut – für Visaanträge, Pässe, Flugtickets. Und so stehen bei allen Veranstaltungen des diesjährigen Dramatiker:innen-Festivals Spendenboxen genau für dieses Projekt!

Link zur Kula Compagnie, die das Untergrund-Theater Simorgh und die genannten elf Frauen unterstützt sowie die Kontoverbindungen unten in der Info-Box.

Foto aus dem Film
Bild aus dem Film „Das fünfte Rad“

Gegen das Vergessen

So manch politisch Verantwortliche spielen gerade Menschen, die flüchten müssen, gegeneinander aus. Hier Vertriebene aus der Ukraine, dort „Kulturfremde“, die nur ihre Lebenslage verbessern wollen. Dass in Syrien seit mehr als elf Jahren Krieg herrscht, die (wieder) neuen Herr-scher in Afghanistan nicht nur Demokratie, sondern auch praktisch sämtliche Frauenrechte abgeschafft haben – weitgehend sogar das auf Bildung!? Kaum noch ein Thema.

Stimmt natürlich nicht ganz. Eine (noch) kleine Schar engagierter Menschen für die Menschenrechte unteilbar sind, hat dafür gesorgt, dass der genannte film beim aktuellen Dramatiker:innen-Festival gezeigt wurde. Samt anschließender Diskussion mit der schon genannten Tahera Hashemi sowie Soliman Saien, und noch Mahboba Amiri vom Grazer Verein Fivestone, der Aktivistin Heidrun Primas und Edith Draxl von uniT – Dramaforum und Kunstlabor Graz, der Organisation, die das Festival organisiert.

Mehrfach international

Letztere, eine der Ober-Checkerinnen des Festivals, weist bei vielen Gelegenheiten darauf hin, dass sich das Dramatiker:innen-Festival mehrfach international versteht: Einerseits mit Mitwirkenden und Gäst:innen aus vielen Ländern, andererseits aber auch mit längst in Österreich, der Steiermark oder Graz heimisch gewordenen Menschen mit internationalem Hintergrund. So lasen bei der Eröffnung der sechsten Ausgabe dieser Begegnung von schreibenden und darstellenden Künslter:innen unter dem Titel „Weltzeit I“ die beiden Burgtheaterschauspieler Philipp Hauß und Markus Meyer aus den ersten Kapiteln von „Sechzehn Wörter“, dem ersten Roman von Nava Ebrahimi, den sie in ihrer Köln-Zeit veröffentlichte. Die im Iran geborene, in Deutschland aufgewachsene Autorin, die 2021 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen hat, lebt seit rund zehn Jahren in der Mur-Metropole. Mehrmals spielte vor und zwischen der Lesung Avanaz Hassani auf der Geige.

Titelseite von Nava Ebrahimis
Titelseite von Nava Ebrahimis „16 Wörter“

Gleich um welche Sprache es sich handelt, Übersetzungen kommen mitunter nicht an die volle, vielschichtige Bedeutung des Begriffs in einer anderen Sprache heran. Mehrsprachige verwenden nicht selten das eine oder andere aus ihrer ersten oder der Familiensprache für manches, Intimes, aber auch anderes. 16 Wörter, die sie lange „nur“ auf Farsi verwendete, „entwaffnete“ Ebrahimi wie sie im Vorwort zum genannten Buch schreibt erst durch ihre Übersetzung. Sie sei ihnen ausgeliefert gewesen. „… durch die Übersetzung hob ich den Bann auf, der auf dem Wort lag, und befreite mich aus der Geiselhaft. Wir waren nun beide frei, das Wort, und ich.“

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Stückbesprechung von „Nachtscahttengewächse“, das auch beim Dramatiker:innen-Festival gezeigt wird, ich aber schon vor Monaten im Grazer taO! gesehen habe
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Szenenfoto aus "Caliban an der Oder"

Von der angeblich, vorgeblichen sozialistischen Musterstadt, Asylverfahren und Comic-Heldinnen

Von der angeblich, vorgeblichen sozialistischen Musterstadt, Asylverfahren und Comic-HeldinnenEine andere, stark Comic-zentrierte, Geschichte – siehe auch jene über Wonder Woman („Emotionen normaler Menschen“ – Link unten am Ende dieses Beitrags) lieferte eines der Arbeitsateliers im Rahmen des 6. Dramatiker:innen-Festivals. Während fünf Schauspieler:innen, einer davon auch gleichzeitig der Sound-Macher mit gut 250 Cues in der ¾ Stunde, aus dem Text „Caliban an der Oder“ von Mehdi Moradpour lasen, zeichnete live die Illustratorin Giovanna Bolliger Comic in Art von Kinderzeichnungen an einem Grafik-Tablet. Projiziert auf einen großen Screen.

Grüne Utopien

Schon der Titel verspricht – was die Story auch hält. Gerichtsdolmetscher Caliban wandert als comic-hafter Bub durch die Stadt, ärgert sich über ein vergessenes Buch und dabei kommt ihm beim Gang durch die eher abgesandelte Stadtlandschaft in den Sinn, dass Frankfurt an der Oder in frühen DDR-Zeiten auserkoren war, eine „sozialistische Musterstadt“ zu werden – so die Geschichte, wobei darüber nicht wirklich leicht was zu finden war, galt doch eher Eisenhüttenstadt als die Parade-Musterstadt. Aber wie auch immer. Jedenfalls projiziert der Text frühe grüne Fantasien von bewaldeten Hausdächern und so weiter eine Art Utopie, die in Zeiten von Klimawandel viel aktueller geworden ist.

Gleichzeitig laufen in Calibans Kopf (nicht zufällig heißt er so wie jene Figur aus Shakespeares „Der Sturm“) Verfahren ab, in denen er übersetzt, Menschen auf der Flucht, ein zweites Mal Opfer, nun der deutschen Asylbehörden. Und sein Name scheint dabei nicht zufällig lautmalerisch Anklang an Taliban zu haben. Solche tauchen auch in den live gezeichneten Comics auf. Samt mehrfach erzähltem bitterbösen realsatirischen Witz: „Was braucht es, um eine Terrorgruppe durch eine andere zu ersetzen?“ – „20 Jahre und 1000e Milliarden Dollar…“

Comic-Heldinnen

Neben Musterstadt und Asylverfahren tauchen als drittes Element in Calibans Kopf kriegerische Figuren aus Computerspielen auf wie Terra Branford aus „Final Fantasy VI“ oder aber eine Richterin Miranda, die sich Caliban ausdenkt. Jedenfalls vorwiegend Heldinnen, Frauen, die die Welt vom Bösen retten und in utopische Zukunft führen…

Ein Mann nimmt sich auf die Schaufel

Im zweiten Arbeitsatelier in Räumen der Grazer Kunstuni nimmt sich in „Verlobung in Köln“ ein Mann – im Video taucht er in Split-Screens manchmal zwei-, dann wieder dreifach auf – selbst und vor allem Macho-Gehabe und Gedanken sehr auf die Schaufel. Setzt dabei nicht zuletzt an „göttlichen“ Ur-Mythen an: Sich eine ideale Frau aus Erde (Lehm) zu erschaffen. Wofür er, in dem Fall nicht er, sondern der andere (!), einen Schaufel braucht 😉

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Stückbesprechung von „Nachtscahttengewächse“, das auch beim Dramatiker:innen-Festival gezeigt wird, ich aber schon vor Monaten im Grazer taO! gesehen habe
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Benedikt Greiner in "Emotionen normaler Menschen"

Tribut an die erste Comic-Heldin – und Kritik am Patriarchat

Noch immer – oder schon wieder – dominieren Helden vielerorts, ob im realen Leben, auf Bühnen, in Filmen und Büchern. Und nicht zuletzt in Comics treten Heldinnen viel, ja sogar sehr viel weniger in Aktion. Eine, noch dazu schon vor 80 Jahren erfunden, sehr erfolgreich in den Print-Ausgaben, bekam erst vor wenigen Jahren einen Kinofilm: 2017 mit Schauspieler:innen, 2009 als Zeichentrick. Wonder Woman (ab 21. Oktober 1941) erschien damit übrigens nur drei Jahre nach Superman.

Der Schauspieler Benedikt Greiner, früher am Schauspielhaus Graz, war schon als Kind Riesenfan, dieser Superheldin, die oft gefesselt, eingesperrt oder sonst in Zwangslagen kommt, sich stets befreien – und immer wieder Rettungsaktionen setzen kann. Ihr widmete er – im Rahmen des aktuell laufenden, sechsten, Dramatiker:innen-Festivals einen Abend an seiner ehemaligen Wirkungsstätte. Eine Performance, die einerseits viel, teils wenig bekanntes Hintergrund-Wissen über WW – er bekam die Rechte des Comic-Verlags nicht und darf daher den ganzen Abend ihren Namen nicht aussprechen – in spannender Form szenisch erzählt.

Benedikt Greiner in
Szenenfoto aus „Emotionen normaler Menschen“

Wobei er an den Beginn das komplexe Making-Of stellt, und am Ende reflektiert, ob er als Mann über diese Comic-Heldin, die von einem Mann erfunden wurde, überhaupt so einen Abend gestalten dürfe. Und das ganz echt und ehrlich, nicht kokettierend, samt Video-Interviews mit mehr als einem halben Dutzend Regisseurinnen. Immer wieder zweifelnd und dann doch sich dazu zu entscheiden, weiter am Stoff und Thema zu arbeiten – dazu passt der Name der Gruppe, den er sich gemeinsam mit Dramaturgin und Produzentin Eva-Maria Burri gegeben hat: „schöner scheitern“.

Inklusive Making of und Reflexion

Knapp gefasst das Making of, das auch dem Abend den Titel verleiht: Im Wartezimmer einer Psychotherapeutin sitzend fällt Greiner das dicke Buch „Emotions of Normal People“ von William Moulton Marston auf, er greift sich’s, blättert darin. Und studiert es später noch ausführlicher, zitiert immer wieder daraus. Der Name des Autors erweckt Assoziationen bis ihm dämmert: Der hat doch …, genau richtig: W.W. wie er auf der Bühne nur sagen darf, erfunden.

Benedikt Greiner in
Szenenfoto aus „Emotionen normaler Menschen“

Sodann zitiert der Schauspieler, der in diesen 1 ¼ Stunden praktisch nie zwischen Darsteller und eigener Person unterscheidet, Marstons zentralen Beweggrund für diese von ihm geschaffene Heldin: „Nicht mal Mädchen wollen Mädchen sein, solange unsere weiblichen Stereotype nicht mit Macht, Stärke und Kraft verbunden sind … Die naheliegende Lösung ist es, einen weiblichen Charakter mit den Stärken von Superman und dem Reiz der guten und schönen Frau zu schaffen.“

Aber auch die Kritik vieler daran, dass die immer wieder gefesselte Frau auch ganz andere Gedanken in Männerköpfen freisetze. Doch, so des Autors sowie des Schauspielers Gegenargument: Sie kann sich stets befreien. Außerdem ist eine ihrer Waffen das Lasso der Wahrheit, mit der sie Gegner immer dazu bringt, genau das zu tun. Marston hat übrigens den ersten Lügendetektor erfunden.

Benedikt Greiner in
Szenenfoto aus „Emotionen normaler Menschen“

Entzauberung eines der großen männlichen Helden

Die Auseinandersetzung mit Männlichkeitsbildern führt Greiner auch über den Umweg Amazone, göttliche Wesen zur griechischen Mythologie und zum Entzaubern eines der großen antiken Helden: Herakles, Vater von viiiiiiielen Kindern, weil er mindestens, so die Wikipedia- und Internet-Recherche des Schauspielers, mit jedenfalls verbreiften 80 Frauen – von Aglaia bis Xanthis nennt er all deren Namen bzw. lässt sie einblenden – Kinder gezeugt hat – in den allerallermeisten Fällen gegen deren Willen, also ein Massenvergewaltiger.

Ausgehend von der ersten Comic-Heldin also eine recht umfassende Auseinandersetzung mit patriarchalen Bildern und Verhaltensweisen. Wobei die 80 Namen vielleicht der Anfang möglicher neuer Projekte sein könnte. Und der Abend mindestens für Comic-Fans so interessant wäre wie für klassische Theaterbesucher:innen.

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Szenenfoto aus "Eleos": Ensemble

Spielfreudige und oft humorvolle Wutausbrüche auf der Bühne

Die ganze Bühne ist fast verdeckt – von einer weißen und einer sehr dunklen eher billigen Bretterwand. Zwei Türen in ersterer, eine in der anderen Hälfte. Dazwischen ein schmaler Spalt – Blick auf Liegebetten wie sie an Pool-Beckenrändern verbreitet sind (Bühne & Kostüme: Mariam Haas, Lydia Huller, Robert Sievert). Oben drüber ein Display für Übertitel – „Eleos. Eine Empörung in 36 Miniaturen“ von Caren Jeß wird simultan auf Englisch übersetzt (im Schauspielhaus 2). Immerhin befinden wir uns beim internationalen Dramatiker:innen-Festival.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Eleos“: Susanne Konstanze-Weber, Henriette-Blumenau, Nico-Link

Die ersten Protagonist:innen tauchen auf, eine mondäne Frau in rotem Kleid, eine Damit in hellem Hosenanzug und ein eher abgefuckt daher kommender Mann. Der sich als Dreck bezeichnet, im Schnellsprech monologisiert, bis ihn die beiden Frauen mit Backpulver und Essig abfüllen – das schäumt. Wird in Kindergärten und Schulen als zutaten verwendet, um Vulkane zu simulieren.

Ob diese Assoziation gewollt war? Wie auch immer – in den nächsten rund 100 Minuten geht’s um emotionale Explosionen. Acht Schauspieler:innen – Henriette Blumenau, Daria Loewenich, Sarah Sophia Meyer, Oliver Chomik, Nico Link, Alexej Lochmann, Raphael Muff, Susanne Konstanze Weber – schenken sich nichts. Toben sich aus, lassen ihren Emotionen – kaum freundliche – freien Lauf. In riesiger Spielfreude, ja wahrem Spielrausch, fast musikalisch-rhythmisch fangen sie aus dem Alltag vertraute Szenen ein, in denen mal die eine, dann der andere oder mehrere Wutausbrüche kriegen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Eleos“: Raphael Muff, Oliver Chomik, Nico Link

„Das ist doch …“

„Sicher nicht …“ und das nicht nur einmal, sondern sich krass reinsteigernd brüllt einer, werde er die Bierdose in den dafür vorgesehenen Trennmüll-Kübel werfen, um sie lustvoll auf den Boden zu schleudern. Schon knapp nach der eingangs beschriebenen Eröffnungsszene steigert sich das Ensemble in den Sager „das ist doch …“ hinein. Immer und immer wieder die selben drei Wörter. Mit dem Freiraum für – was auch immer. Jedenfalls dafür, angefressen, verärgert, wütend zu sein. Aggressionspegel raufdrehen.

Ähnlich in den anderen der insgesamt – so angegeben, gestehe beim Besuch der Vorstellung nicht mitgezählt – 36 Wut-Miniaturen. Verbal fast immer „nur“ angedeutet, schauspielerisch vollendet, wie „Spitzen von Eisbergen“ wie es Regisseur Daniel Foerster im Interview für das Programmheft formulierte.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Eleos“: Sarah-Sophia Meyer, Alexej Lochmann

Ohne näher auf viele der weiteren Wut auslösenden Szenen einzugehen sei nur noch auf vier spannende Elemente des Stücks hingewiesen. Hinter den beiden eingangs beschriebenen Wänden befindet sich eine Art Wellness-Hotel mit Pool (Styropor-Teilchen, die an Kinder-Bällebad erinnern) und Bar. Mit Hauch von Luxus, dann aber doch eher ein bissl abgehalftert à la der berühmt gewordenen Finca auf Ibiza.

Das Geschehen hinter dem „Verschlag“ wird live gefilmt (Timo Neubauer) und vorne auf die helle Wand projiziert. Aber nicht nur, das was sich dahinter abspielt. Immer wieder werden die Protagonist:innen auch auf der Vorderbühne sozusagen mit ihren bewegten Bildern in dem Fall konfrontiert. Aufregung auch über sich selbst. Oder Anklänge an die Wut-Turbo-Maschinen der unsozialen Medien?

„Göttlicher Zorn“?

Element Nummer 3: Einer mit 3-Zack und andere erinnern in ihrem Styling ebenso wie natürlich der erste Teil des Titels an griechische Tragödien/Gött:innen-Sagen. Und damit daran, dass sich zwar durch moderne Medien die Empörungs-Maschinerie beschleunigt, sie sich überwiegend negativ bemerkbar macht, während Wut über unhaltbare Zustände durchaus auch Potenzial für Bewegungen in Richtung positiver Veränderung haben könnten, im Kern gar nicht so neu sind.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Eleos“: Raphael Muff, Susanne-Konstanze Weber

Angriff auf bequeme Position

Und viertens: Nicht nur „die anderen“ trifft. Bald nach Beginn attackieren Schauspieler:innen das Publikum verbal, holen aus der eigenen Komfortzone des Zuschauens und Zuhörens raus. „Sie glauben wohl, Sie sind gute Menschen?! Sind sie aber nicht!“

Vielleicht hilft das Lächerlich-Machen von Überkochen aus scheinbar nichtigen Anlässen und das damit auch über sich selber lachen ja dann doch, Räume und Zeiten für positivere Gefühle zu (er)öffnen.

Eleos …

Übrigens zum Begriff im Titel (aus Wikipedia): „Die Begriffe eleos und phobos wurden … lange Zeit mit ‘Mitleid’ und ‘Schrecken’ übersetzt. In (Johann Christoph) Gottscheds (18. Jahrhundert) Poetik wurden diese beiden Übersetzungen um den Begriff ‘Bewunderung’ erweitert… In der Zeit der Aufklärung stellte sich Lessing vehement gegen diese Auslegung und verbannte den bei Aristoteles nicht vorkommenden Begriff Verwunderung wieder. Zudem passte die Übersetzung von phobos nicht in seine Tragödienkonzeption, weshalb er das Wort umdeutete: „Das Wort, welches Aristoteles braucht, heißt Furcht; Mitleid und Furcht, sagt er, soll die Tragödie erregen.“

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