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Doppelseite aus dem Bilderbuch "Das Käsebrot"

Grauslich-humorvolle Käse- und Schmalzbrote

Irgendwie schauen die beiden Hauptfiguren Grigor und Tolja aufs erste nicht gerade besonders hübsch aus – nach recht weit verbreiteten Normen. Und dennoch strahlen sie gleichzeitig eine Mischung aus sympathisch und lustig aus. Mit einem Schuss Schusseligkeit.

Pascale Osterwalder, die sich für die (Wiener) Wochenzeitung „Falter“ schon den eher depressiven Alltag von Seifenspendern „Daily Soap (!) einfallen hat lassen, hat nun ein ziemlich schräges, witziges, üppiges Bilderbuch veröffentlicht. In „Das Käsebrot“ bereitet Tolja täglich das Frühstück zu. Doch Spieglei mit Algenbrei, Würmerpastete, geröstete Motten zu Karotten und mehr taugen Letzterem nicht. „Das klingt alles fürchterlich. Ein Käsebrot, das will ich.“

Problem, in der Vorratskammer gibt’s Vieles, aber – erraten, keinen Käse.

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Das Käsebrot“

Welchen Trick sich Tolja einfallen lässt – und wie grauslich das in der vom Text und den Bildern ausgelösten Vorstellung wirken mag … – ach nein, das sei hier nicht verraten. Immerhin scheint’s Grigor zu schmecken. Bis in der nächsten Nacht – beide schlafen auf Ästen einer knorrigen, fast wie ein Raubtier aussehenden, Eiche – der „Duft“ des Käses von ganz woanders her weht.

Da sinnt Grigor auf Rache, steht erstmals früher auf, bereitet Frühstück zu – ein „köstliches“ …-Schmalzbrot 😉

Wie und was dann passiert – nix wird hier gespoilert. Auch wenn selbst beim Wissen darüber die Geschichte und gleichermaßen die Bilder beeindrucken und mindestens zum Schmunzeln – gepaart mit wäääh oder igittt – veranlassen, die Spannung soll nicht zerstört werden.

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Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „Das Käsebrot“
Collage aus den Zeichnungen der Sieger:innen aller vier Altersgruppen beim Unicef-Ideenbewerb "Denk dir die Welt"

Unsere Welt ist kunterbunt – und so soll es sein!

„Unsere Welt ist kunterbunt
und jeder ist froh und gesund
im Körper und im Geiste.
Wir wissen auch das meiste.
Ein jeder hat den anderen gern,
egal ob Nachbar oder fern.
Ob dünn, ob dick, ob breit, ob schmal,
schwarz, weiß, rot, gelb ist ganz egal
.
Ob lesbisch, hetero oder schwul
wir finden wirklich jeden cool.
Nahrung ist für alle da:

Das ist doch wirklich wunderbar.
Das wäre unsere ideale Welt,
So wie sie uns sehr gut gefällt.“

Dieses Gedicht – handgeschrieben und jedes Wort in einem bunt umrandeten Feld, dazu noch gemalte Bilder der Weltkugel, eine Waage im Gleichgewicht, eines Kindes im Rollstuhl mit einem Teddybären in den Armen, einem fröhlich tanzenden einarmigen Mädchen und etlichen Hashtags, die für Gender-Gerechtigkeit, Menschenrechte, gegen Diskriminierung usw. stehen … – mit dieser Zeichnung plus Gedicht reihte sich die 13-jährige Cora in Lieste der Gewinner:innen der dritten Auflage des Kreativbewerbs „Denk dir die Welt“ der Österreich-Sektion des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen, Unicef, ein. Sie belegte den dritten Platz in der Altersgruppe der 11- bis 13-Jährigen.

„Ich wünsche mir Frieden – für immer und für alle. Manchmal bekomme ich Angst, wenn ich Nachrichten vom Krieg höre. Das muss aufhören!“
Corinna, 12 Jahre

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Grenzenlose Vielfalt

Buntheit und Vielfalt dominierten viele Bilder. Sabrina (16), die mit „Meine Welt“ den zweiten Platz in ihrer Altersgruppe (14 – 17) belegte, erklärte auf der Bühne ihr Anliegen so: „Mein Bild ist ein farbliches Durcheinander“ – auf die Zwischenbemerkung der Moderatorin „das macht nix“, meinte die Jugendliche aber „das ist ja genau der Sinn, weil unsere Gesellschaft ist eben ein gemischtes Durcheinander. Es ist eben jede und jeder anders…“ Außerdem habe sie bewusst keine Ländergrenzen auf ihrer Weltkarte eingezeichnet. Es sei eben eine Welt und mit ihrem Bild wolle sie bestärken, „dass wir alle zusammenhalten sollen“.

Werke der Gewinner:innen

Die Bilder aller jeweils fünf Gewinner:innen in den vier Altersgruppen – sowie Screenshots der jeweils vier Text- bzw. Video-Gewinner:innen sind hier auf dieser Seite in Bilder-Galerien veröffentlicht.

Jüngste Gewinner:innen

Beste Bilder der 9- bis 10-Jährigen

Top-Werke der 11- bis 13-Jährigen

Älteste Gewinner:innen (14 bis 17 Jahre)

Sonderpreis

Die besten Texte

Die vier von der Jury ausgezeichneten Texte hier als Fotos, den Text des Siegers, Sebastian Knap (14), darf Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… in voller Länge – leichter als hier unten lesbar – veröffentlichen; der Übersichtlichkeit wegen in einem eigenen Beitrag, der weiter unten verlinkt ist.

Hier geht’s zum besser lesbaren Text „Club der Außenseiter“ von Sebastian Knap (14)

Ideen-Katalog mit 126 Werken

Noch viel mehr als die prämierten Werke – wie immer fiel die Auswahl sehr schwer (KiJuKU war auch Teil der Jury) – gibt es im Ideen-Katalog von Unicef, nämlich 126 Bilder bzw. Texte. Die ersten gedruckten Exemplare wurden am Freitag (25. November 2023) bei der Gala in der Erste-Bank-Hall, wo die besten der jungen Kreativen ausgezeichnet wurden, überreicht. Und diesen Katalog mit … Arbeiten gibt es auch online – bei den Screenshots aus den Videos jeweils dabei ein QR-Code, der zum jeweiligen Video führt.

„Ich bin zu schüchtern, um meine Wünsche laut rauszuschreien. Durchs Zeichnen konnte ich zeigen, was mir wichtig ist. Es war sehr schön dabei sein zu können! Es ist gut, dass Erwachsene auch mal auf Kinder hören!“
Nico, 8 Jahre

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Kinder und Jugendliche in der Jury

In der Jury, die aus allen – analog und digital – eingesandten Arbeiten die Top-Werke aussuchte, waren übrigens erstmals Kinder und Jugendliche aus allen vier Alterskategorien: Nico (8), Jakob (11), Luisa (13) und Nusaiba (17). Diese vier hatten zuvor bei der zweiten Ausgabe des Bewerbs Top-Plätze belegt. Kinder und Jugendliche waren auch Teil der beiden Diskussionsrunden zu „Frieden & ein gutes Miteinander“ sowie über „Klima- und Umweltschutz“. In Letzterer, in der auch die Umweltministerin Leonore Gewessler saß, verlangten vor allem die beiden Jugend-Delegierten bei der diese Woche in Dubai beginnenden 28. Welt-Klimakonferenz (COP – Convention on Climate Change) Jasmin Lang und David Jablonski, dass auch Österreich im Umweltbereich „seine Hausaufgaben“ machen muss. Immerhin warten alle seit mehr als 1000 Tagen auf ein Klimaschutzgesetz.

„Dass keine Papas und Kinder in den Krieg ziehen müssen, und andere auch nicht. Keine Kriege mehr und, dass der Frieden zurückkehrt.“
Michael, 12 Jahre

Themen-Hitliste

Klima- und Umweltschutz waren auch die meisten der Einsendungen gewidmet, gefolgt von Frieden & gutem Miteinander; Freundschaft, Zusammenhalt, Familie und Solidarität. Viele der Werke – ob in Bildern, Texten oder Videos durchzog auch der Wunsch, dass alle Menschen gleichwertig behandelt, niemand diskriminiert und ausgegrenzt wird. Und dabei gehe es um Chancen-Gerechtigkeit und nicht (nur) Gleichheit. Am besten drückten das ein Vergleichsbild aus, für das Muhammed Amir, Ahmad und Ismael aus einer Flüchtlingsunterkunft des Roten Kreuzes Anleihe bei einem bekannten Cartoon genommen haben. Unterstützt vom Graffitikünstler Manuel Skirl malten sie auf dem rechten Bild drei unterschiedlich große Menschen auf gleich hohen Kisten, die über eine Bretterwand schauen wollen. Und die drei gleichen Menschen – der Größte braucht gar keine Kist, der kleinste Mensch steht dafür auf zwei Kisten und kann auch drüber schauen!

Zu diesem Thema meinte vor allem Lisa Wolfsegger von der asylkoordination, dass endlich in Österreich alle Kinder und Jugendlichen gleichbehandelt werden sollten – also auch jene, die hier ihre Zuflucht finden. Wofür es besonders starken Applaus gab.

Musikbeiträge

Kräftigen Beifall gab es auch für Yara-Lucia (9) und die gleichaltrige Amira, die ihre Songs aus ihren Videos live auf der Bühne performten. Musikalisch wurde übrigens auch eröffnet, von drei Sängerinnen mit dem Song „Past-Self“ aus dem Projekt „Demokratie, was geht?“

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Titelseite des neuen Denk-dir-die-Welt-Ideenkatalogs
Titelseite des neuen Denk-dir-die-Welt-Ideenkatalogs

unicef.at/ – Ideenkatalaog 2023

Text-Sieger Sebastian Knap (14)

Der Club der Außenseiter

Mark ging los. Er ließ den Kopf hängen. Mark war ein schlaksiger Junge von 11 Jahren. Er hatte blondes Haar, eine kleine Stupsnase und viele Sommersprossen im Gesicht. Er sah sich um. Er sah Kinder aus seiner Schule, sie gingen zu zweit oder zu dritt und redeten miteinander. Aber ein paar gingen auch alleine. Mark wusste, sie trafen ihre Freunde in der Schule. Er nicht. Er seufzte und ging weiter. Sein bester Freund war vor drei Monaten weggezogen. Er hatte keinen Kontakt mehr zu ihm, da dieser kein Handy hatte und Mark seine Adresse nicht kannte.

Er ging ins Schulgebäude und setzte sich auf seinen Platz. Der Einzeltisch ganz hinten im Eck. „Oh nein.“, dachte er. „Da kommt Leo.“ Leo mobbte ihn andauernd. Mark zog den Kopf ein, doch es war schon zu spät. Leo hatte ihn bereits entdeckt. Er kam direkt auf Mark zu. Mark sah ihn an. Leo grinste. „Nanu Nana, wen haben wir den da? Ist das nicht unser lieber Freund Mark? Was machst du denn schon so früh in der Schule?“, fragte Leo hämisch.

Text-Sieger Sebastian Knap (14)
Text-Sieger Sebastian Knap (14)

„Ich wollte nur schon mal etwas lesen.“, meinte Mark. „Und was?“, fragte Leo immer noch grinsend. Mark war sich nicht sicher, was er sagen sollte, also holte er sein Buch hervor. „Leben in der Hölle Teil 5, Der letzte Schritt zum Guten.“ Kurz sagte keiner etwas. Dann lachte Leo los. „Hahahaha! Leben in der Hölle, so ziemlich die bekloppteste Buchreihe der Welt. Hahahaha!“
„Ich finde sie toll“, meinte Mark.
„Guten morgen liebe Schüler.“ Der Lehrer kam herein. Schnell setzte Leo sich auf seinen Platz. Mark seufzte erleichtert.

Nach der Schule ging er an der Infowand vorbei und dabei stach ihm ein Wort ins Auge: „Außenseiter.“ Er las sich alles durch: Club der Außenseiter. Du bist allein und möchtest es nicht mehr sein? Dann komm doch heute um 15:00 Uhr zum Rathaus Eingang 5 hinten. Wir reden über dich, deine Gefühle und laden andere Kinder ein, mit denen du dich anfreunden kannst. Das Rathaus.

Mark sah auf die Uhr. „Um Himmelswillen, ich muss mich beeilen.“ Er lief nach Hause und aß etwas zu Mittag. Dann erzählte er seinen Eltern von dem Aushang. Er durfte hingehen. Auf dem Weg wurde er immer nervöser. Er war sich sicher: „Ich bin doch der einzige Außenseiter der Gemeinde. Als er beim Rathaus ankam, sah er niemanden bei der Tür stehen. Er ging hinein, und konnte nicht glauben, was er da sah. 10 bis 15 andere Kinder saßen da, darunter sogar Leo. Mark war sich sicher, dass er eingeladen wurde. Mark setzte sich auf einen freien Sessel.

Kurz darauf kam eine Frau in den Raum. „Hallo, schon das ihr alle da seid. Ich bin Jasmin, ihr könnt ruhig du zu mir sagen.“ Keiner sagte etwas. Jasmin fuhr fort. „Na dann erzählt doch mal von euch. Ach ja, wir haben heute noch einen Gast. Hab ich ja voll vergessen. Lukas, sagst du mal hallo?“

Text-Sieger Sebastian Knap (14)
Text-Sieger Sebastian Knap (14)

Mark stutzte. Lukas? Nicht Leo? Ein Junge erhob sich. Er hatte braunes, wuscheliges Haar, große Augen und einen schmalen Mund. „Hi Leute. Ich hätte echt nicht gedacht, dass es so viele Außenseiter oder Leute, die sich alleine fühlen gibt. Ich hoffe, dass ihr alle Freunde finden könnt.“

Er setzte sich wieder hin. Jasmin ergriff wieder das Wort. „Danke Lukas. Ich würde sagen, wir machen zuerst etwas in der Gruppe. Erzählt ein bisschen von euch.“ Die Gruppenübung war super. Jasmin teilte anschließend alle in zweiergruppen ein. Mark war mit Leo in einer Gruppe.

Mark stutzte. Leo war gar nicht mehr der große Leo aus der Schule. Er sah ganz anders aus. Irgendwie klein und schwach. Mark beschloss, mit ihm zu reden. „Hi Leo, alles gut?“

„Ne.“ Leo sah richtig traurig aus. Die zwei setzten sich hin. „In der Schule wollen die alle doch nur etwas mit mir zu tun haben, weil meine Mutter eine berühmte Sängerin ist. Und mein Vater ist vor einem Jahr bei einem Unfall gestorben. Ich versuche einfach nur meine Trauer zu überspielen. Dabei verletze ich nur andere. Ich wollte einfach nur echte Freunde. Und ich komme einfach nicht mehr dazu „Leben in der Hölle“ zu lesen, weil alle ständig etwas mit mir machen wollen.“

„Leben in der Hölle? Ich dachte du magst diese Buchreihe nicht?“, fragte Mark verwirrt.
„Bist du verrückt? „Leben in der Hölle“ ist die beste Buchreihe die ich je gesehen habe. Ich habe die ersten Bände förmlich verschlungen.“
„Ich auch. Es ist einfach so spannend.“
„Vielleicht haben wir ja doch viel gemeinsam.“
„Ja“, meinte Mark nachdenklich.

„Freunde?“ Leo hielt ihm die Hand hin. Mark war überrascht, aber auch überglücklich. „Freunde.“ Mark schlug ein. Und fortan ging er nicht mehr alleine zur Schule. Er saß auch nicht mehr alleine im Eck. Er hatte seinen Tisch zu Leo geschoben. Denn jetzt, hat Mark endlich einen Freund.

ENDE

Diese Geschichte soll zeigen, dass selbst die härteste Nuss einen weichen Kern hat. Es gibt viele Außenseiter in dieser Welt, vielleicht würde ihnen so ein Club in der Gemeinde helfen, Freunde zu finden.

Wer den Text lieber hören will – gelesen vom jungen Autor selbst – hier unten geht’s zum Video

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Zu einer Überblicksgeschichte über den dritten Unicef-Ideenbewerb „Denk dir die Welt“ geht’s hier unten

Szenenfoto aus "Natural.Born.Medea" von "das.bernhard.ensemble" im Wiener Off-Theater

Von allen Seiten zu beobachtende Verbrecherjagd auf der Bühne

Ein Soft-Start zieht das Publikum, das an den vier Wänden rund um das jüngste Mash-up von „das.bernhard.ensemble sitzen wird, schon beim Betreten der White Box im Wiener Off-Theater ins Geschehen. Schräge Figuren wandern, kriechen, umher, nähern sich den Zuschauer:innen, werden von einem Kollegen davon aber immer wieder abgehalten. Seit Jahren verbindet das Ensemble – meist nach einer Idee von Mastermind Ernst Kurt Weigel – einen Theater- mit einem Filmklassiker zu einer höchst intensiven theatralen Performance, selten auch mit Video-Einblendungen. Wie aber meist liegt auch dieses Mal die alleine Konzentration auf analoges, Live-Schauspiel mit starkem körperlichem Einsatz.

Medea

„Medea“, dritter Teil der Trilogie „Das golden Vlies“ von Franz Grillparzer stand Pate für den Theater-Ausgangspunkt. Meist bekannt als Kinder-Mörderin, liegt in manchen Versionen der Schwerpunkt der Interpretationen auf dem Mobbing gegen die Zugewanderte. Oder auch darauf, dass sie sich an Iason rächen will, dem zuliebe sie das Goldene Vlies klaut und mit ihm und den Argonauten aus Kolchis abhaut, der sie dann aber zugunsten der Tochter von König Kreos verlässt.

Hier war’s was anderes. „Bei der Beschäftigung mit dem Medea-Stoff hatte ich sofort diese Roadmovie-Assoziation des mordenden Liebespaares. „Bonnie und Clyde“, „Wild at Heart“, „True Romance“ waren sofort präsent und natürlich auch NBK“, schreibt Weigel im Programmheft. Mit NBK meint er „Natural Born Killers“, einen Film von Oliver Stone nach einem Drehbuch von Quentin Tarantino. In einem Lokal im US-Bundesstaat New Mexico richtet Mickey ein Gemetzel an, nachdem ein Gast seine Freundin Mallory belästigt hat. Das Ungewöhnliche: Am unteren Bildrand ist eine Pistole eingeblendet – wie bei einem Ego-Shooter-Computerspiel – und das 1994.

Killerpärchen

Im Gespräch mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… erzählt Weigel noch, dass er sich noch etliche andere Medea-Versionen reingezogen habe. Aber es blieb bei der Grundstimmung: Vermixung der Zeit, in der das Paar gemeinsam unterwegs ist mit jener der Flucht des eben genannten Paares aus dem Film.

Auf dieser Flucht bringen M & M Dutzende weitere Menschen um. In Rückblenden stellt sich obendrein heraus, dass Mallorys Vater die Tochter unzählige Male sexuell ausbeutet, die Mutter schaut weg… Neben den Morden spielt in dem Film nicht zuletzt die mediale Sensationsberichterstattung über die Taten einer- und die polizeiliche Verfolgung andererseits eine große Rolle.

Häfen-Theater

Und das mixte „das.bernhard.ensmeble“ zu einer heftigen, zweistündigen, immer wieder aber auch satirisch distanzierten/distanzierenden Performance zusammen. Die Originalnamen aus dem Film und dem Stück werden verändert – Mae (umwerfend: Rinu Juniku) und Jay (heftig: Andrzej Jaślikowski) statt Medea und Iason etwa – und alles als Theaterprojekt in einem Gefängnis angesiedelt, dessen Direktor Kajetan Dick sozusagen auch die „Show“ auf der Bühne dirigiert.

Als besessener und skurpelloser Kommissar Scagnetti (der auch im genannten Film so heißt) agiert Matthias Böhm, der auch den ekelerregenden, gewalttätigen Vater spielt. Als völlig schräge Figur hoppelt Yvonne Brandstetter als Hase durch die Szenen. Dazu gesellen sich noch die – wie alle ja ständig von allen Seiten beobachtet werdenden und damit immer präsenten Spieler:innen Anja Štruc (Gefängnis-Seelsorgerin Kreusa bzw. Geisel des mörderischen Duos sowie Jula Zangger als Schamanin und u.a. wegschauende Mutter).

Für rundum spielen

Für Bühne mit so manchen absurd erscheinenden Utensilien sowie Kostüme zeichnete Julia Trybula, für die ausgefeilte Choreografie- wenn Menschen von allen Seiten zuschauen – sorgte Leonie Wahl. Wie immer schuf Bernhard Fleischmann Kompositionen und die den Szenen angepasste Musik. Und: Ernst Kurt Weigel sitzt als Regisseur erstmals bei einem Mash-up von „das.bernhard.ensemble“ am Spielfeldrand statt mitten im Geschehen zu agieren.

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Szenenfoto aus "Herr der Diebe" in der Burgtheater-Spielstätte Kasino am Schwarzenbergplatz

Bunte „Kinderbande“ und das Geheimnis des Generationen-Karussells

Der Applaus und Jubel nach der Premiere war riesengroß. Eben hatte das kleine Ensemble die große Geschichte „Herr der Diebe“ von Cornelia Funke in einer neuen, sehr dichten Bühnenversion des Regisseurs und genialem wandelbaren Bühnenbild gespielt. Rüdiger Pape (Regie und Stückfassung) hatte in dem Gebäude am Wiener Schwarzenbergplatz, wo die Burgtheater-Spielstätte Kasino untergebracht ist, einen venezianischen Palast gesehen, wie er anlässlich eines Probenbesuchs von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… sagte. Was mitausschlaggebend war, diese Geschichte hier zu spielen. (Link zum Interview mit dem Regisseur am Ende des Beitrages.)

Die Story

Venedig ist der Ziel- und Spielort der Geschichte. Prosper und sein erst fünfjähriger Bruder Bo flüchten aus Hamburg hierher. Ihre kürzlich verstorbene Mutter hatte von dieser Stadt am/im Wasser geschwärmt. Die kinderhassende Tante Esther Hartlieb will nur den Kleinen übernehmen, den Großen (ca. 12 bis 14 Jahre) in ein Heim stecken.

Die beiden finden in Venedig bei einer Gruppe von Kindern, die in einem stillgelegten Theater lebt, Unterschlupf. Der Chef, „Herr der Diebe“ genannt, entpuppt sich allerdings im letzten Drittel als „Herr der Lügner“, weil kein Waisenkind, sondern Sohn aus ur-reichem Haus, von wo er die meiste „Beute“ mitgehen lässt.

Außerdem beauftragt die Tante einen Detektiv, die beiden Kinder zu finden. Und der Hehler, der den jungen Dieb:innen die Beute abkauft, vermittelt einen Spezialauftrag: Ein Löwenflügel soll gestohlen werden. Der gehört zu einer Figur auf einem Spezial-Karussell. Runden darauf können aus Kindern Erwachsen machen und umgekehrt.

Die Schaupieler:innen

Fabian Cabak als „großer“ Bruder Prosper, selber erst junger Jugendlicher, stemmt die Verantwortung für seinen kleinen Bruder Bo(nifazius) sehr glaubhaft. Samira Kossebau hat’s nicht ganz leicht – einen Fünfjährigen zu spielen ist keine Kleinigkeit. Dennoch gelingt ihr der Mix aus Naivität und doch schon schnellem Reinwachsen in die Figur des abgehauten Kindes. Clara Liepsch als Wespe ist die Schlaue der Bande, mit einem Schuss Fürsorglichkeit. Ihre eigene Lesefreude nutzt sie, um den anderen beim Einschlafen durch Vorlesen zu helfen. „Aufgelegt“, dass es Sätze aus „Tintenherz“, einem anderen berühmten Buch Cornelia Funkes sind. Julia Pitsch gibt ein weiteres Bandenmitglied, den toughen, etwas rauen Riccio. Scipio, wie der „Herr der Diebe“ heißt, den nur Bo auch Scip nennen darf, pendelt immer wieder zwischen den beiden Welten – Bande, wo er sich zu Hause fühlt und väterliche Villa, wo er ungeliebt, ja oft nicht einmal wahrgenommen wird. Julian von Hansemann muss da immer hin und her switchen.

Arthur Klemt gibt als Detektiv Victor Getz fast eine Witzfigur, tollpatschig und doch mehrmals seine „Genialität“ betonend. Einmal wird er von der Bande sogar in einen von Venedigs Kanälen geworfen, macht Trockenschwimmer-Bewegungen, um gleich danach natürlich staubtrocken weiter zu spielen. Er schlüpft noch in drei weitere Rollen – den Hehler Barbarossa, Scipios Vater sowie den Conte, der den Flügel-Diebstahl in Auftrag gibt. Klemt zeigt sich also sehr wandlungsfähig, wobei er als Conte obendrein – nach der Fahrt mit dem Ringelspiel noch als dessen kindliche Version bäuchlings auf einem Skateboard dahinrollt.

Wie eine Karikatur eines Klischees einer tussi-artigen kinderhassenden Tante hat Katharina Pichler ihre ersten Auftritte – mit mehrmals den selben Fast-Stolperern. Dafür darf sie als Ida Spavento, in deren Haus sich der Löwenflügel findet und die dessen Geheimnis kennt, große Herzlichkeit zeigen und spielen.

Die Bühne

Wie schon in der Probenreportage – Link am Ende des Beitrages – bewundert, ist das wandelbare Bühnenbild (Flavia Schwedler) eines falt- und drehbaren riesigen Kerzenständers die ideale Kulisse. Ob verlassenes Theater, Villa von Scipios Vater, Venedigs Kanäle, der Markusplatz oder das angedeutete Karussell – alles ist möglich – und wird von den Schauspieler:innen selber immer wieder verwandelt. Nicht selten singen sie dabei. Manchmal wird das Stück sozusagen zu Musical-Szenen (Musik: Sebastian Herzfeld).

Generationen-Thema

Das im Stück mehrfach angesprochene Thema, dass Erwachsene oft „vergessen“, wie sie als Kinder waren bzw. der Wunsch so mancher Kinder lieber erwachsen zu sein (Stichwort: selber bestimmen) kommt in vielen Kinderstimmen im Programmheft noch stärker zum Ausdruck. Die wurden im Burgtheaterstudio-Labor zum Stück „Herr der Diebe“ gesammelt – und sind in Flügelform abgedruckt.

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PS: An den Adventsamstagen geht je ein Teil einer digital aufgenommenen Lesung mit Musik aus Cornelia Funkes „Hinter verzauberten Fenstern“ online – Details siehe Info-Box.

Zwei Handelsschülerinnen informieren sich über den neuen Schwerpunkt Cyber-HAK

Nächstes Schuljahr gibt’s auch in Wien eine Cyber-HAK

Nach Tamsweg in Salzburg (seit zwei Jahren), Horn in Niederösterreich (seit diesem Schuljahr), bietet ab 2024/25 auch in Wien eine Handelsakademie den Schwerpunkt Cyber-Security an – in Zusammenarbeit mit der Polizei. Ob Betrugsmaschen bei Kryptowährung oder „nur“ elektronischen Bezahlsystemen, Phising-Mails und vielen anderen Online-Betrügereien, Erpressung von Institutionen und Unternehmen durch Hack-Angriffe und vielem anderen bis zur (Ab-)Sicherung der eigenen Daten, Mobbing und Hass in sozialen Netzwerken … – all das ist ein weites Feld, in dem viele Fachkräfte fehlen.

Im neuen Schwerpunkt in den beiden bisherigen oben schon genannten und ab kommendem Schuljahr der Floridsdorfer Handelsakademie des privaten VBS-Schulverbundes (Vienna Business School des Fonds der Wiener Kaufmannschaft) werden keine Programmierer:innen ausgebildet, sondern Jugendliche, die nach der Absolvierung der fünf Schuljahre Allgemeinbildung, wirtschaftliches Wissen mit intensiver Sensibilisierung in den verschiedenen Feldern von Cyber-Security (Sicherheit im digitalen Raum) verknüpfen.

Stundenplan

In diesem Zweig beginnen die Schüler:innen ab der 1. Klasse, also der neunten Schulstufe, als Laptopklassen und mit einer Wochenstunde – monatlich geblockt an einem Nachmittag – mit Vorträgen, Exkursionen und Workshops tiefer in dieses breite, weite Feld einzutauchen. Ab der zweiten Klasse finden sich zwei wöchentliche Unterrichtseinheiten auf dem Stundenplan, wurde Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… am samstäglichen Tag der Offenen Tür (25. November 2023) im Lehrsaal 4 berichtet. Dafür fällt die zweite lebende Fremdsprache weg. Ab der dritten Klasse – wo ohnehin auf einen Ausbildungsschwerpunkt gesetzt wird – ist in der Cyber-Hak eben hier dies der Fall: Von der Risikoanalyse in Sachen Cyber-Sicherheit bis zur Zusammenarbeit mit eben technischen IT-Spezialist:innen – zur Abwehr von Attacken bis zur Vorbeugung.

Die Polizei brachte auch Uniformen udn Ausrüstungsteile mit, die sich Interessierte anziehen und aufsetzen konnten
Die Polizei brachte auch Uniformen udn Ausrüstungsteile mit, die sich Interessierte anziehen und aufsetzen konnten

Der neue Schwerpunktzweig wurde – wie auch der in den anderen Handelsakademien – in enger Zusammenarbeit mit der Polizei entwickelt. Die war am Tag der Offenen Tür auch stark präsent. Neben dem Polizeiauto vor dem Schultor, boten Polizist:innen im Raum zur Cyber-HAK Informationen und teils aktionistische Stationen – mit VR-Brillen Einsatzfelder betrachten, ein Geschicklichkeits- und Geschwindigkeitsspiel, Uniform-Jacken und Helme anprobieren und Infos über umfangreiche Präventionsprogramme.

Umfassend

Manche bisherigen HAK-Schüler:innen bedauerten, dass es den neuen Zweig noch nicht gab, als sie begonnen haben. Adriana und Hazal, zwei Handelsschülerinnen, zeigten sich dem Journalisten gegenüber angetan von der Idee dieses Schwerpunkts. „Es gibt zwar immer wieder auch den einen oder anderen Workshop über Gefahren im Internet, aber so eine umfassende Ausbildung ist sicher eine gute Idee, die mehr bringt.“

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vbs -> floridsdorf -> cyber-hak

haktamsweg -> cyber-security

hakhorn -> cyber-security

onlinesicherheit.gv.at

Szenenfoto aus "S(ch)till here"

Sklavenarbeit in der Schattenwirtschaft sichtbar machen

Als Spielzeugfiguren verkleidete Schauspieler:innen liegen, sitzen, kugeln sozusagen auf dem Boden herum, eine steht. Sie spielen den lebendig werdenden Inhalt einer Blechkiste der Jugendlichen Sari (Dinda Daniar Darussalam). Diese hält die Box auf ihrem Schoß, sinniert und fasst den Entschluss – im heftigen Streit mit ihrer Mutter Nastja (zweisprachig und recht resolut: Vanda Sokolović) -: Ich halt’s in diesem Land voll Armut und Krieg nimmer aus, ich geh.

Sie habe über Internet einen Mann kennengelernt, der ihr versprochen hat, wenn sie zu ihm in sein Land komme, dann könne sie dort arbeiten, gutes Geld verdienen und alles haben. Und sie werde der Mutter auch regelmäßig Geld schicken.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „S(ch)till here“

Vieles selber erlebt

Wobei das alles in „S[ch]till here“ wie das jüngste Stück von „Die Fremden“ heißt, „nur“ gespielte Annahmen sind. Denn Dinda Daniar Darussalam sagt in ihren ersten Worten: „Sagen wir, ich bin Sari…“. Solche Passagen werden sich später – von anderen gesagt – im Laufe der nicht ganz zwei Stunden (eine Pause) wiederholen. Damit heben die elf Schauspieler:innen – allesamt Laien, viele schon seit Jahrzehnten bei der Theatergruppe „Die Fremden“ (1992 gegründet) – die Geschichte einerseits irgendwie ins Fiktive. Und das obwohl viele der Szenen auf Erlebnissen der Mitwirkenden der Theatergruppe basieren – nur die heftigste Einzelheit, die hier aber nicht gespoilert werden soll, musste niemand am eigenen Leib erleben. Andererseits deutet dieses „sagen wir, ich bin…“ auch an, was ganz am Ende als Schlusswort nach dem Schauspiel dem Publikum mit auf den Weg gegeben wird: Saris Schicksal ist nur eines von Millionen, das rechtlose, nicht „gesehene“ Arbeitsmigrant:innen, erleiden.

Denn darum dreht sich das Leben im neuen Land mit ach so viel versprochenen Möglichkeiten: Ein Hotel, das demnächst (wieder) aufsperren soll, braucht billige Mitarbeiter:innen. Die ordert sie über eine Agentur. Und dort werden den angeheuerten sehr arbeitswilligen Arbeitsmigrant:innen gleich einmal die Papiere weggenommen. Das Hotel zahlt die Beschäftigten nicht direkt, sondern an die Agentur, die einen Gutteil des Geldes einbehält und lediglich Taschengeld auszahlt…

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „S(ch)till here“

Tiefernst mit Humor-Würze

Soweit die Grundgeschichte. Zwischen – manche im Publikum sogar zu Tränen – rührenden Momenten und heiter-ironischen bis herzhaft lustigen Momenten nehmen die insgesamt elf Schauspieler:innen (Regie und Leitung wie immer Dagmar Ransmayr) das Publikum in eine (fast) unbekannte arge Schattenwelt mit. Mit wenigen, wandelbaren Requisiten – hauptsächlich kleine und größere Kübel – zaubert das Ensemble eine Hotellobby ebenso wie ein altes Auto (Klappstühle und vier liegende Kübel als Räder). Diese „Fahrt“ mit Ali (Besmellah Jafari), der keinen Führerschein, aber wenigstens den Pass von wem anderen hat, und Nastja, die keinen Pass hat – aber immerhin muss eine Grenze überwunden wird – ist sehr skurril und gehört zu jenen mit den meisten Lachern.

Flache Blechschachteln dienen als Smartphones oder Tablets, was mehr Charme versprüht, als würden sie mit echten oder funktionslosen Handy-Dummys (wie häufig auf Bühnen) spielen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „S(ch)till here“

Verwandlung

Wunderbar die mehrfache Verwandlung jener fünf Schauspieler:innen, die einerseits in die Rollen von Spielzeugfiguren schlüpfen – Tanzschwein (Sofie Leplae), Hexe (Katerina Rumenov Jost), Katze (Yasmin Navid), Bär (Armen Abisoghomyan), Einarmiger (Markus Payer), Roboter (Garegin Gamazyan) – und andererseits das Hotel bevölkern: Als windiger Chef, der zwielichtige Geschäfte macht, als Rezeptionist, der sich für alles andere zu schade ist, als überforderte Managerin, als Aufseherin über die Putzkräfte und ihre aufmüpfige Tochter Mona (Yasmin Navid) sowie als Haustechniker, der zwar vieles kann, dem aber so ziemlich alles „wurscht“ ist, er hat ja nur mehr kurz bis zur Pensionierung.

Das Duo Mme Olivia vs Mona (herzhaft aufmüpfig: Yasmin Navid) ist fast eine Parallel zu Nastja und Sari.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „S(ch)till here“

Sichtbar machten

Ein heftig-berührender Abend, der dennoch Raum zum Verschnaufen und immer wieder auch Lachen lässt, vor allem aber ein kaum thematisiertes Segment von Schattenwirtschaft mit sklavenähnlichen Zuständen beleuchtet. Gekonnt und leidenschaftlich gespielt und – was auf Theaterbühnen insgesamt noch viel zu wenig zu hören ist – auch mehrsprachig. Immer wieder bringen die Schauspieler:innen Sätze, manche auch viele, in jenen Sprachen, die sie neben Deutsch beherrschen, auch ein, u.a. BKS (Bosnisch / Kroatisch /Serbisch), Farsi bis zu Wiener Dialekt etwa in Arik Brauers „hinter meiner, vurder meiner siech i nix…“

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Szenenfoto aus „... und die Ideen sprudeln“

Tanzende Mikros, Lichter und Menschen

Eine „Manege“ aus Lichtbändern, die ein Vieleck, fast einen Kreis ergeben. In diesem tanzt, springt, turnt Quim Girón vom zeitgenössischen Zirkus „Animal Religion“. Apropos Animal – nicht selten bewegt er sich auch tierisch fort, hüpft wie ein Hase oder Frosch, rutscht auf dem Bauch wie Robben, wenn sie aus dem Wasser aufs Eis springen…

Und er – sowie seien beiden Kollegen Jou Serra und Joan Cot Ros an den digitalen Musik- und Lichtpulten – versuchen in „… und die Ideen sprudeln“ sanft und unaufdringlich die rundum sitzenden Kinder ins Geschehen einzubeziehen. Zuerst mit Hilfe eines Mikrophons an einer langen Ton-Angel. Der Performer richtet damit das Mikro vor den Mund des einen oder anderen Kindes. Erst zaghaft und dann immer kräftiger kommen nach dem ersten viele „Hallo“s. Die vermixt Joan Cot Ros im Computer mit bei früheren ihrer bisherigen 139 Shows aufgenommenen „¡Hola!“, „Bon Jour“ und anderen Grüßen.

Quim Girón verwandelt die Ton-Angel danach in ein Zirkus-Gerät, jongliert sie auf Schultern, auf dem Kopf, lässt sie wirbeln und tanzen wie er es auch selber tut. Später „wachsen“ aus dieser Teleskopstange – nun ohne Mikro – glitzernde Lichtfäden. Mal leuchtet’s nur aus dem Loch, dann wuseln sie hervor, wandern und springen von Kopf zu Kopf im Publikum, werden zur Lockenpracht oder schweben als ein Mix aus Quallen und Oktopussen durch den Raum…
Zwischendurch wechselt Jou Serra bei jedem Publikumskontakt des Performers die Lichtfarbe.

Gegen Ende der halbstündigen Show holt der Performer eines der Kinder in die Manege. Jeder Schritt, jeder Hüpfer ein anderer Ton. Dann ein weiteres Kind und noch eines, bevor die beiden Kollegen an den Computern von denen aus sie Licht und Ton steuern, den Lichterkreis am Boden öffnen – als Einladung für alle. Wovon – bei der Vorstellung, die Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… besuchte – fast alle auch Gebrauch machten. Die einen zögerlich, die anderen gleich wilder. Kreuz und quer, im Kreis herum tanzten Kinder und ließen sich auf dieses Spiel von Bewegung, Licht und Ton ein.

Drei“faltigkeit“

Diese zuletzt genannte Drei-heit ist die Philosophie des Trios aus dem katalanischen Barcelona (Spanien), verraten sie im anschließenden Gespräch mit dem Journalisten. Seit gut zehn Jahren machen sie zeitgenössischen Zirkus. „Das ist aber unser erstes Programm für Kinder. Wir haben es 2019 entwickelt. Wir wurden zu einem Festival eingeladen, wo vor allem Künstler:innen, die bis dahin für Erwachsene Programm gemacht hatten, etwas für Kinder machen sollten.“

KiJuKU: Und wie sind Sie dann auf dieses Stück gekommen, was war der Ausgangspunkt?
Animal Religion: Zuerst einmal sind wir in viele Schulen und Kindergärten gegangen und haben mit den Kindern geredet und gespielt. Klar war für uns jedenfalls, wir wollen – wie immer – Licht, Ton/Klang/Musik und Körperbewegung miteinander verbinden. Aus den Workshops mit den Kindern hat sich diese Show entwickelt.

KiJuKU: Macht ihr neue Stücke für Kinder?
Animal Religion: ja, im März bringen wir ein neues Programm „to copy“ (kopieren) heraus, das ist aber für ältere Kinder, so acht bis 10 Jahre. Da geht’s um Tanz und es können die Kinder von Anfang an alle auf die Bühne kommen. Auch dafür waren wir schon und werden noch weiter in Schulen sein.

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Szenenfoto aus "Schwarz ist eine Art von Bunt"

Platz für Trauer – und für viel Lebensfreude

Auf einer Seite der Bühne steht eine Frau in kunterbunt geflecktem Body-Suit und spielt Keyboard (Julia Schreitl), auf der anderen Seite sitzt ihre Schauspielkollegin Regina Picker in baugleichem, aber schwarzen, Overall. Sie kramt in einem lila Köfferchen, zieht eine weiße Vogelfeder heraus, betrachtet sie andächtig, riecht daran. Später holt sie ein Kuscheltier hervor. Mit diesem wagt sie erstmals verschämte Blicke ins Publikum.

So beginnt das jüngste Stück der Musiktheatergruppe „Grips’n’Chips“; dessen Titel „Schwarz ist eine Art von Bunt“. Nein hier geht’s, obwohl sich die Gruppe beispielsweise mit „Zuckerl Gurkerl Kackalarm“ der Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse über Verdauung widmete, nicht um Naturwissenschaften – also nicht darum, dass du ganz schön viele Farben entdecken kannst, wenn du mit einem schwarzen Filzstift auf ein Papier malst und dieses nass machst.

Intensive Vorarbeit

Schon im Untertitel nennen die Künstlerinnen das doch ernstere Thema „über das Trauern, den Tod und das Leben“. Es gibt zwar mittlerweile eine ganze Reihe sehr guter, brauchbarer Kinderbücher und -Theaterstücke rund um diese Themen – siehe dazu auch einige der Links am Ende dieses Beitrages. Aber die „Grips’n’Chips“-Macherinnen – zu den beiden auf der Bühne gehört noch Johanna Jonasch dazu – wollten etwas in ihrer Art entwickeln: Verbindung von Theater und Musik, Ernst und Spaß, Wissen und Gefühle.

Dafür holte sich das Trio Verstärkung durch eine dramaturgische Begleitung von Lorenz Hippe und bei der Stückentwicklung ebenfalls mit dabei Kostümbildnerin Sophie Meyer. Außerdem redeten die Theatermacherinnen zuerst einmal recht ausführlich untereinander über Tod und Trauer, dann viel mit Fachleuten und vor allem immer wieder mit Kindern. So manche der dabei eingesammelten Fragen und Aussagen von Kindern werden an manchen Stellen im Stück eingespielt. Und sie dien(t)en nicht selten als Ausgangspunkt für die eine oder andere Szene.

Immer wieder wenden sich die beiden Theaterfrauen während des Stücks direkt ans Publikum, wollen das eine oder andere wissen oder laden einige Kinder ein, kurzzeitig auf der Bühne zu spielen.

Aufführungsserie in Oberösterreich

Bevor es zu einer Aufführungs-Serie im Wiener WuK (Werkstätten- und Kulturhaus) im Jänner 2024 kommt, spiel(t)e die Gruppe – derzeit (gegen Ende November 2023) in mehreren oberösterreichischen Städten und Orten. Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… besuchte eine Aufführung in der Musikschule im oberösterreichischen Kirchdorf an der Krems. Dort boten die Künstler:innen übrigens danach – erweitert etwa um einen Tanzlehrer dieser Musikschule – Workshops an, in denen Kinder rund um Trauer, Tod, aber generell Gefühle zeichnen, tanzen, musizieren und in Rollen schlüpfen können. Außerdem stehen Trauerbegleiterinnen bereit, wenn wer durch das Stück getriggert wird.

Tod vs. Königin

Was ist nach dem Sterben, wie schaut’s dort aus? Keine/r weiß es. Und doch machen sich viele Gedanken – seit Jahrtausenden. Welche Wörter, Umschreibungen oder Bezeichnungen gibt es fürs Sterben – vom Löffel abgeben bis zur letzten Reise… – da geht schon bald nach Beginn der Ball ans Publikum. Wie stell(t)en sich Menschen den Tod vor. Regina Picker schlüpft in einen edel-roten Umhang, als Königin bestimmt sie, wer über die Klinge springen soll. Bis Julia Schreitl im klassisch schwarzen Kapuzenumhang ihr den Garaus macht.

Zombie-Tanz

Da sie ja nun tot ist, kramt ihre Kollegin Skelett-Teile aus Karton aus einer der Kisten, klettet die ans Gewand der „Verstorbenen“ und diese hüpft als Art Zombie mit Spring-Augen wieder in den aufrechten Stand. Zeit für einen Zombie-Song.

Wie mit Trauer unterschiedlich umgegangen werden kann, wird in Szenen ebenso angespielt wie das Bühnenduo mögliche Trostspender:innen erfragt. Immer wieder beziehen die beiden die Zuschauer:innen ein – etwa mit ewig langen Tüll-Bahnen, die sie ins Publikum reichen, auf dass dieses in einem Großen Ganzen verbunden ist.

Diverse Klänge

Farbenprächtig wandert gegen Ende Regina Picker als Art plüschiges Regenbogen-Monster durch die Publikumsreihen. Obwohl das Ausgangsthema Tod war/ist, steht im Zentrum des rund einstündigen Stücks das Leben – es zu schätzen und wirklich zu leben in all seiner Buntheit und Vielfalt – da wär vielleicht noch ein bisserl mehr drin: Zwar bringt Julia Schreitl mit einer Shrutibox, einem aus Indien kommenden Musikinstrument, diverse Klänge in das Stück, aber vielleicht könnten wenigstens ansatzweise verschiedene Trauerkulturen angespielt werden. Oder bei der Abfrage nach weiteren Begriffen fürs Sterben auch solche in verschiedenen Sprachen erwünscht sein.

Aber insgesamt schafft das Stück das, was sich im Vorfeld Kinder gewünscht hatten: Ein Stück über Trauer und Tod „sollte lustig, aber nicht zu lustig, ein bisschen traurig sein, sonst passt das nicht zusammen und cool muss es sein. Und ein Fest soll es geben, weil wir jetzt leben.“ (Aus FAQs – Frequently Asked Questions/ häufig gestellte Fragen zum Stück)

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Eine Gastmusikerin des Abends: Sakina Teyna

Salam – Shalom: Gemeinsam musikalisch Grenzen überwinden

Die Bühne mit Teppichen ausgelegt, auch die unmittelbaren Flächen davor und daneben. Und der ganze Saal sozusagen um 90 Grad gedreht. Das was sonst frontale Bühne ist, wurde zum Publikums-Sitzreihen. Die „neue“ Bühne liegt an der Seite. Instrumente stehen bereit. Im Hintergrund hängt vor der Wand ein Teppich – auf diesen in weißen Schriften projiziert: Salam und Shalom – Begrüßungen auf arabisch und hebräisch, die beide „Frieden“ bedeuten.

„Wir sagen Nein zum Krieg“, startet der Betreiber des Lokals „Spektakel“ zwischen den U4-Stationen Kettenbrücken- und Pilgramgasse, der Künstler Abdel Rahman Hawy, und „Ja zum Frieden“. Deswegen hat eine Gruppe von Musiker:innen aus aktuellem Anlass ein Konzert organisiert.

„Salam – Shalom“ ist weit mehr als nur Musik – es ist eine kraftvolle Botschaft des Friedens“, hieß es schon in der Ankündigung. Und das wurde es auch. „Keine Party, ihr wisst, weshalb wir hier sind!“, dämpfte Karrar Alsaadi, genannt Kiri, aufkommende Party-Stimmung – die sich aus manchen der Musiknummern ergab.

Musik kann Grenzen überwinden

Denn er – singende, moderierend, teils auch trommelnd (Iraqi Kshba ), Mahan Mirarab (Gitarre), Jörg Mikula (Schlagzeug), Cheikh Ndao (Bass) und Raphael Puri-Jobi (Keyboard) spielten nicht nur traurige orientalische Klänge, sondern durchaus auch lebensfrohe Nummern, die trotz des tragischen – fast aussichtlos erscheinenden jüngsten Nahost-Krieges mit Tausenden Todesopfern in Israel und Palästina – so etwas wie Optimismus ausstrahlten. Und das Quintett vereinigte unterschiedlichste Musikkulturen zu einer organischen Klangwelt. Wie „Kiri“ schon in der Ankündigung des Konzerts geschrieben hat, woll(t)en sie – gemeinsam mit Gäst:innen – Musik „universelle Sprache, die Grenzen überwindet“, spielen. Als Gegenkonzept zu jenen Herr-schaften, die auf Terror, Gewalt und Krieg setzen.

Das oben genannte Quintett lud für das Konzert auch zwei Gäst:innen ein, die jeweils ein paar Musikstücke mitsangen bzw. mitbrachten: Mahmod Moneka (Gesang) sowie

Sakina Teyna (Gesang). Letztere hatte eine kurdischen (Kurmandschi) Text zu Musik geschrieben, die Mahan Mirarab komponierte. Der übrigens auf seiner Doppelgitarre einen Sticker im Gedenken an Mahsa Amini, die im Vorjahr zu Herbstbeginn im Iran in Polizeigewahrsam zu Tode gekommen war – was massive Proteste nach sich gezogen hatte.

One State Embassy

Neben dem „Hausherren“ Hawy sprachen noch zwei Redner:innen vor der Musik, Ruth Katz und Osama Zatar von One State Embassy, einer schon vor Jahren von Künstler:innen verschiedenster Sparten gegründete Initiative von Jüd:innen und Araber:innen aus Israel und Palästina. Sie und einige andere starteten auch die Initiative Standing.Together.Vienna, die alle zwei Wochen eine Kundgebung auf dem Platz der Menschenrechte (neben/vor dem MuseumsQuartier) organisieren.

Spenden für Projekte vor Ort

Übrigens wurden mehr als zwei Drittel (70%) der Einnahmen für Humanitäre Hilfe gespendet – für Caritas-Projekte in Gaza, dem Westjordanland, dem Libanon, Jordanien und Syrien, wo lokale Partner:innen mit mehr als 150 Mitarbeiter:innen dringendste Hilfe unter schwierigsten Bedingungen leisten.

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onestateembassy

caritas-wien -> nahost-konflikt-wir-helfen

Christoph Mauz liest kaum aus seinen Büchern, er spielt sie szenisch

KiJuBU: Wo Bücher lebendig werden

„Ohne dich fühl ich mich wie Leberkäse“ – klingt schon schräg. Und so sind auch die „Lesungen“ von Christoph Mauz. Nur hin und wieder las er auch zu dieser frühen Stunde am zweiten Tag des aktuellen, mittlerweile 20. Internationalen Kinder- und Jugendbuch Festivals (KiJuBu) in St. Pölten (Niederösterreich). Der gelernte Buchhändler, der auch Schauspielunterricht nahm (und eine Sprecherausbildung gemacht hat), spielt stets die eine oder andere Szene aus seinen Büchern. „Ich würd mich aber nicht als Schauspieler bezeichnen, sondern als Schmierenkomödiant“, meint er zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…

„Trägermedium Buch“

35 Bücher hat er mittlerweile geschrieben, seit er seine Jobs erst im Buchhandel, dann in einem Verlag, zugunsten der Arbeit als freier Autor aufgegeben hat (ab 2004). Die ersten schrieb er noch neben den Jobs. Seit 2015 leitet er als „Inten-Tante“ das KiJuBu-Festival und achtet vor allem darauf, einerseits jüngere Autor:innen zu Wort kommen zu lassen. Und andererseits „Buch als Trägermedium zu betrachten auch für verschiedene Workshops wie Tonstudio, Illustration, Bilderbuchkino, Theater und mehr“. Wobei da die beteiligten Institutionen – etwa Festspielhaus und Landestheater – einfach selber auswählen sollen, zu welchen Büchern sie Workshops anbieten wollen. Das Festival findet nicht nur in verschiedenen Einrichtungen des Kulturbezirks statt, sondern beispielsweise auch in der Stadt slbet, etwa der Stadtbücherei.

Christoph Mauz verwendete für seine morgendliche szenische Performance Kapitel aus diesen drei Büchern
Christoph Mauz verwendete für seine morgendliche szenische Performance Kapitel aus diesen drei Büchern

Bücher-Mix

An diesem Morgen mixte Mauz in der Lounge des Museums NÖ vor allem Szenen übers „richtige Männlich-Sein“ von Burschen in Sachen Aufriss und Romantik aus drei seiner Bücher: „Selfie-Mania! – Unglaubliche Geschichten von Tscho! Reloaded“ (Illustration: Beate Fahrnländer), „O-Män Fast fantastisch“ (Illustrationen Eva Schöffmann-Davidov) und „Mumpitz macht Theater“, das er gemeinsam mit Helmut Emersberger geschrieben hat (Illustrationen: Sibylle Vogel).

Bilderbuch wird lebendig

Im Kinosaal des Museums ließen Jugendliche der BASoP/BAfEP (BundesAnstalt für Sozial- bzw. ElementarPädagogik) Erwin Mosers „Der glückliche Biber“ lebendig werden. Zu projizierten Seiten aus dem Bilderbuch hatten sie sich Szenen ausgedacht, Kostüme organisiert bzw. angefertigt und spielten diese – und dazu teils auch analoge Live-Musik (Klarinette).

Szenen spielen, Phantombild zeichnen

In der Stadtbücherei mitten in St. Pölten animierte Petra Forster zu Erzählungen von Geschichten u.a. Astrid Lindgren Kinder, selber aktiv in szenisches Spiel einzusteigen. Dazu brachte sie Material mit – blaue Tücher wurden zum Meer, ein Fernrohr machte aus einer Schülerin eine Kapitänin… Später nahm sie die Geschichte vom Räuber Hotzenplotz zum Anlass, um die Kinder Phantombilder dieses Diebes anzufertigen.

Pubertät und Solidarität

Abstecher in die Landesbibliothek – die wiederum im Kulturbezirk: Dort las u.a. Verena Hochleitner aus ihrem Jugendbuch „Flimmern“, das sie auch selbst illustriert hatte. In diesem erzählt sie die Geschichte immer wieder aus drei verschiedenen Perspektiven, für die sie sich drei unterschiedliche Charaktere ausgedacht hat: Sydney, Nico und Katha. Letztere siedelt sie in jenem Haus in Wien-Leopoldstadt an, das eine gewisse Berühmtheit erlangt hat (Pizzeria Anarchia). Der Hausbesitzer wollte die Mieter:innen rausbringen, um es gewinnbringend zu vermarkten. Dafür siedelte er Punks ein, von denen er hoffte, dass sie die Altmieter:innen rausekeln. Doch die solidarisierten sich miteinander.
Und nicht zuletzt geht es auch bei dem genannten Trio um Solidarität untereinander.

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Sitzung des Campus-Parlaments

Zügige, sachorientierte Sitzung junger Parlamentarier:innen

Noch sind alle Sessel leer. Sie stehen im Kreis im Speisesaal des Bildungscampus Donaufeld (Wien-Floridsdorf). Ihre Füße stecken alle in aufgeschnittenen Tennisbällen. Das verhindert beim Schieben laute und unangenehme Geräusche. Solche werden hier dennoch wenig später ein Thema sein. Die Sessel warten auf alle Klassensprecher:innen bzw. mindestens eine Vertreterin/einen Vertreter aus jeder Klasse.

Nach und nach kommen die von ihren Mitschüler:innen in den 16 Klassen dieser Volksschule (393 Kinder) gewählten Sprecher:innen mit Zetteln, manche auf einem Klemmbrett, und Stift, lassen sich im Kreis, in dem auch der Direktor (Richard) sitzt – aber kein Stimmrecht hat – nieder. Den Vorsitz führt die Campus-Sprecherin, die neunjährige Ana Erion.

Spiel- und Sportgeräte

Auf der Tagesordnung stehen vor allem Wünsche für den großen Garten des Campus, den sich die Schule auch mit dem Kindergarten teilt. Wobei letzterer einen eigenen Bereich hat, den die Volksschüler:innen auch mitbenutzen dürfen, wenn sie zuvor jeweils fragen.

Für den Volksschulbereich geht’s um Netze für die Tore auf dem Hartplatz, größere Rutschen, Trampolins. Da sind sich alle schnell einig. Für Verwirrung sorgt zunächst der Wunsch aus einer Klasse nach „Flying Fox“. Da bringt sich der Direktor als Warner ein, weil er mit dem Begriff ein hoch oben gespanntes Seil verbindet, an dem du mit einem Klettergurt dran hängst und „fliegst“, die Kinder aber eine Seilrutsche wie es sie auf gar nicht so wenigen Spielplätzen gibt, wo du dich auf einen Reifen setzt, der an einem Seil hängt und in geringer Höhe dahinschwebst.

Essen

Diskussionen gibt es beim Thema Essen, mehr vegetarische Tage, mehr Tage mit Süßspeisen oder nicht. Hier in dieser Schule hatte die demokratisch gewählte Schüler:innenvertretung vor gut zwei Jahren nach einem Tag mit nur vegetarischem Essen verlangt – und diesem Beispiel haben sich andere Schulen angeschlossen. Süßes steht freitags – alle zwei Wochen auf dem Speiseplan. Da dies, wie die jungen Palramentarier:innen einbringen, (wieder) ein Diskussionsthema in den Klassen ist, beschließt das Campus-Parlament, dies auf die Tagesordnung fürs nächste Plenum in zwei Monaten zu setzen. Bis dahin diskutieren alle in den Klassenräten die Meinung der (Mit-)Schüler:innen, um dann diese ins Campus-Parlament einbringen zu können.

Campus-Sprecherin

Ana Erion findet es nach der Sitzung sowie dem Gruppenfoto vor Plakaten, die Schüler:innen der 3a und 3d zum Thema Kinderrechte gestaltet haben, im kurzen Interview mit Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… „sehr schön, was dafür zu tun, dass die Wünsche der Kinder verwirklicht werden“. Wenngleich die Arbeit als Campus-Sprecherin „schon auch ein bissi stressig ist“.

Jedenfalls hat sie das Plenum souverän geleitet, immer darauf geachtet, dass alle zu Wort kommen. Und – für Erwachsene durchaus erstaunlich – obwohl doch etliche Punkte zu besprechen waren, verlief die Sitzung recht kurz und knackig. Keine langwierigen Wiederholungen von schon Gesagtem, kein sich-ins-Szene setzen. Sach-orientiert und zügig. Und schon war das Plenum von Vertreter:innen aus allen 16 Klassen zu Ende – und ab ging’s in die jeweiligen Klassen.

Die Campus-Sprecherin vertraut dem Journalisten auch noch an, dass sie liebend gern in diese Schule geht. „Früher wollte ich eigentlich im Kindergarten bleiben, aber als ich dann hier war, nicht mehr. Hier macht Schule Spaß.“

„Die Kinderrechte hängen alle zusammen“, so die Neunjährige, „weil wenn du zum Beispiel Bildung haben darfst, dann kommst du leichter auch zu vielen anderen wie einer Wohnung und anderem.“  

Kinderrechte

Kinderrechte sind schon vor dem Schulgebäude – in dieser Woche – sichtbar mit einer wehenden Fahne, durch manche von Kindern gestaltete Plakate an Wänden und Fenstern. Sie sollen noch weiter verankert werden – vielleicht auch mehr im Unterricht – und vertiefend im gesamten Schul-Zusammenleben aller Beteiligten. Diese Schule ist immerhin in einem Pilotversuch, auch in Österreich Unicef-Kinderrechtschulen zu etablieren.

Und das würde hier sogar zum neuen Namen der Christine-Nöstlinger-Gasse passen, in der der Schuleingang liegt, hat sich diese bekannte vor allem Kinderbuch-Autorin praktisch in all ihren Büchern auf die Seite von Kindern und Gerechtigkeit gestellt.

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campusdonaufeld

Szenenfoto aus "I really liked you Piggyboy" im Theater Forum Schwechat

Lehrstück über „Nein heißt einfach Nein!“

Vier Frauen und ein Todesfall – das scheint zu Beginn der Bühnenabend zu werden; wenn nicht vorher ins Programmheft hineingelesen worden wäre 😉 Vier in Trauerschwarz gekleidete Frauen – mit roten Hühnerkämmen, die aus einem ineinander verschachtelten „Schlaf“ am Bühnenrand erwachen – finden sich zwischen und auf roten Sesseln, die vor einem Sarg mit Blumenkranz stehen; für die ersten Sitzreihen sind letztere kaum zu sehen ;(

Nachdem Vroni (Pia Zimmermann) detailreich die Hinrichtung eines Huhnes erklärt (am Beginn des zwieten Teils dann eine Schweineschlachtung in ähnlicher Weise), beginnen sich die anderen drei – Marlene (Charlotte Kaiser), Elisabeth (Kaija Ledergerber) und Marianne (Manuela Seidl) – ein bisschen die Mäuler zu zerreißen über einen „Vorfall“, der sich unlängst nach dem Dorffest ereignet haben soll. Laura (Christine Tielkes), der gleich mal das Etikett „Flittchen“ umgehängt wird, soll naja, so direkt will es keine aussprechen, angeblich vergewaltigt worden sein. Aber man hätte ihr anderntags gar nix angemerkt, weder Verletzungsspuren noch Niedergeschlagenheit und so weiter…

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „I really liked you Piggyboy“ im Theater Forum Schwechat

Gemeinsam aus der Stückvorlage entwickelt

Um Machtausübung in Form sexualisierter Gewalt dreht sich „I really liked you Piggyboy“ (Ich mochte dich wirklich, Schweinchen-Bub), einer Eigenproduktion im Theater Forum Schwechat. Satirisch geschrieben von Raoul Eisele, von Regisseurin Rachel Müller mit dem Fünf-Frauen-Schauspiel-Ensemble in eine eigene Fassung geformt, dreht sich der erste Teil darum, wie noch immer Frauen oft von der Öffentlichkeit im Fall von Vergewaltigungen eine Art Mitschuld angedichtet wird – aufreizend angezogen, offenherzig, freizügig. Und nicht akzeptiert wird: Nein heißt einfach Nein! Schluss. Aus. Ende der Debatte.

Heftig jedenfalls. Dann ein krasser Bruch. Vorhang. Ende des ersten Teils. Pause. Eigentlich fast unaushaltbar jetzt so in Pausentratsch überzugehen. Zog es vor, im Saal sitzen zu bleiben.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „I really liked you Piggyboy“ im Theater Forum Schwechat

Nicht über mich ohne mich!

Und doch gelingt es dem Ensemble und der Inszenierung im zweiten Teil mit einem schrägen Auftritt in pinken großen Muschel-Planschbecken zu Regen- und Gewittergeräuschen einer und dem stilisierten Auto – mit echten Autositzen und Rückbank (Bühnenbild: Barbara Strolz, Werner Ramschak, Daniel Truttmann nach der Raum-Idee der Regisseurin) – in einem Mix aus Satire und bitterem Ernst an Teil eins anzuknüpfen. In einem fast echt wirkenden (inszenierten) Streit geht’s darum, ob nun Laura – im ersten Teil Randfigur, weil nur über sie geredet wurde – nun im Zentrum als jene, die sich selbst zu Wort meldet, aus dem Abend „ein Lehrstück“ machen will und damit der (Spiel-)Witz verloren ginge.

Nein, es solle ein „Ver-Lehr“-Stück werden, das Publikum solle die Chance haben, eingelernte Muster zu verlernen. Laura schildert nicht nur, wie und was passiert war, sondern kämpft auch darum, nicht als das niedergeknüppelte, zu Tode betrübtes Opfer weiterhin durch die Welt rennen zu müssen. Solle sich doch der Täter, ein im Dorf anerkannter beliebter Mann und obendrein Tochter einer der vier Frauen, mit seinem Verhalten auseinandersetzen, mit seiner Übergriffigkeit, dem Nicht-Respektieren gesetzter Grenzen, dem deutlichen mehrmaligen Nein. Und obendrein der mehrfach auch gestellten Frage: Macht dir das wirklich Spaß?

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „I really liked you Piggyboy“ im Theater Forum Schwechat

Rollenzuschreibungen hinterfragen

Im Dialog mit dem Quartett bringt dieses die unterschiedlichsten gängigen Ausreden, „Entschuldigungen“, Erklärungen, alte Rollenklischees in satirischem Unterton zur Sprache. Um schließlich ernsthaft Rollen-, aber auch Geschlechterzuschreibungen zu hinterfragen.

So ernst und richtig das Gesagte ist, wird hier das Stück dann doch zu dem, was davor vermieden werden wollte: Belehrung. Da wird zu wenig darauf vertraut, dass das Publikum schon aus dem zuvor Gespielten, selber die entsprechenden, richtigen Schlüsse ziehen kann.

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Foto des gesamten Teams von
Foto des gesamten Teams von „I really liked you Piggyboy“ im Theater Forum Schwechat
Gruppenfoto der Schüler:innen der beiden projekte der OMSi Glasergasse

Schüler:innen forschten zu fehlender Umsetzung von Kinderrechten

„Wenn ich mit wem befreundet bin, dann mit dem/der und nicht mit seiner/ihrer Religion!“ Das ist – angesichts der Aktualität – vielleicht jener Satz, der von dieser Veranstaltung am und zum Tag der Kinderechte (20. November) in der Wiener Bildungsdirektion am stärksten hängen bleibt. Schüler:innen der Offenen Mittelschule Glasergasse (Wien-Alsergrund) hielten handgezeichnete Plakate mit Symbolen und/oder Schriftzügen von Judentum, Islam, Christentum, Buddhismus… hoch und sagten zusammengefasst, wie und was sie in den vergangenen Monaten dazu diskutiert und erarbeitet hatten.

„Kind sein in Krisenzeiten“

Sie waren eine von fünf Gruppen, die sich intensiv mit Kinder- und damit auch Menschenrechten auseinandergesetzt und gemeinsam mit Wissenschaftler:innen des Ludwig Boltzmann Instituts für Grund- und Menschenrechte (LBI-GMR) sowie Expert:innen des Human Rights Space (HRS) an Themen und Bereichen geforscht haben. „Kind sein in Krisenzeiten – Ansichten, Erfahrungen und das Kinderrecht auf Partizipation“ wurde vom Open Innovation in Science Center der Ludwig Boltzmann Gesellschaft gefördert.

Die Kinder bzw. Jugendlichen an diesem partizipativen Forschungsprojekt wählten in der Anfangsphase in Workshops zunächst die ihnen wichtigsten Themen, arbeiteten und recherchierten dazu und entwickelten daraus auch Forderungen bzw. Wünsche, die sie als „Aktionspläne“ auch bei der oben genannten Veranstaltung im Festsaal der Wiener Bildungsdirektion vorstellten.

Aktionsplan zu Religionsfreiheit in der Schule von Schüler:innen der Offenen Mittelschule mit Informatikschwerpunkt (OMSi) Glasergasse (Wien-Alsergrund)
Aktionsplan zu Religionen

Die besagte Gruppe etwa: „Respekt für unterschiedliche Religionen sowohl untereinander als auch im Kontakt mit Lehrpersonen.“ Und sie wünschen sich, selber Schulstunden über ihre Glaubensbekenntnisse gestalten zu dürfen. Oder unter anderem auch fasten zu dürfen, wenn sie das aus religiösen Gründen tun wollen (Stichwort Ramadan).

Keine Bezahlung für Pflichtpraktika in den Sommerferien!

Für fast unglaubliches Staunen sorgte ein anderes der fünf Projekte. Naomi R., Ilvy K.D. und Sandra Katrin S., Schülerinnen der BAfEP 10 (BildungsAnstalt für ElementarPädagogik), berichteten, dass sie für ihre – in den Sommerferien zu absolvierenden – Pflichtpraktika NICHT bezahlt werden. Außerdem müssen sie Materialien, die sie dann im Kindergarten einsetzen, selber kaufen.

Sie und ihre Klassenkolleginnen kamen in der Recherche bei Jugendlichen aus anderen BHS (Berufsbildenden Höheren Schulen) wie beispielsweise HTL (Höhere Technische Lehranstalten) sogar in verschiedenen Bundesländern drauf: Die bekommen sehr wohl Geld für ihre verpflichtenden Praktikumswochen, wenngleich unterschiedlich viel. Irgendwie handelt es sich bei Pflichtpraktika offenbar um eine Art Graubereich. Vor mehr als zwei Jahren berichtete auch eine Wiener HAK (Handelsakademie), dass ihre Schüler:innen selbst in einem großen Handelskonzern anfänglich nicht bezahlt worden sind.

Aktionsplan zu
Aktionsplan zu „bezahlte Pflichtpraktika in den Sommerferien – ebenfalls von Schülerinnen der BAfEP10

Versprechen dreier Parteien-Vertreterinnen

Die drei Schüler:innen, die ihre Projektgruppe aus einer der dritten Klassen vertraten, hatten ihre Präsentation in Form einer Podiumsdiskussion organisiert. Dazu waren von den Organisator:innen des Nachmittags auch drei Politikerinnen eingeladen worden. Die Nationalratsabgeordneten Sibylle H. (Grüne; da die Schüler:innen nur mit Vornamen und Anfangsbuchstaben des Nachnamens genannt werden dürfen, handhabt KiJuKU das – wie in anderen Fällen – auch für die Erwachsenen gleichermaßen), Katharina W. (Neos) sowie die Bundesrätin Daniela G.-P. (SPÖ) versprachen, gegen diese Ungerechtigkeiten anzugehen und es sowohl im Parlament als auch beim Bildungsministerium zur Sprache zu bringen. Und sie verwiesen auf das Beispiel der erst kürzlich beschlossenen BHS für Pflegeberufe, wo die Bezahlung der Pflichtpraktika sogar gesetzlich beschlossen worden ist.

Sicherheits-Event

In Form eines pantomimischen Spiels stellten Schüler:innen einer zweiten Gruppe aus der eingangs schon genannten Mittelschule Glasergasse Probleme in Sachen Sicherheit auf Schulwegen und in Parks dar. Daraus leiteten sie ihre Forderung ab: Eine eigene Veranstaltung mit Eltern, Grätzelpolizei und nahegelegenem Jugendzentrum, um diese Fragen zu besprechen und zu mehr Sicherheit für die Kinder und Jugendlichen zu kommen.

Mental Health

Gerade durch die Pandemie – mit den anfangs zu wenig berücksichtigten Folgen für die psychische Gesundheit vor allem von Kindern und Jugendlichen – wurde „Mental Health“ ein – zumindest diskutiertes – Thema. Zwei Peer Buddies aus der VBS (Vienna Business School, private HAK bzw. HASchule) Hamerlingplatz (Wien-Josefstadt) hatten gemeinsam mit einigen wenigen anderen Kolleg:innen, die sich auch als ältere Schüler:innen um Neue, also Erstklässler:innen kümmern, einige Forderungen erarbeitet, wie insgesamt mehr für die psychische Gesundheit von Schüler:innen gemacht werden könnte. In ihrem Aktionsplan verlangen sie mehr Schulpsycholog:innen, aber auch – als „Vision“ – österreichweit ein eigenes Schulfach. In diesem sollten möglichst alle Fragen, aber auch Tipps, Hilfestellungen usw. behandelt werden, die der psychischen Gesundheit dienen. Woraus auch folgt, dass dieses Fach auch nicht benotet werden dürfe.

Bis dahin schlagen sie „analoge und digitale Informations-Kampagnen sowie regelmäßige Übungen zur Stärkung der psychischen Gesundheit“ vor.

Angstfreie Schule

Was macht Kindern und Jugendlichen in der Schule Angst – und zwar zunächst einmal auf das Verhältnis zwischen Schüler:innen und Lehrer:innen konzentriert. Dies nahm sich ein Teil einer der dritten Klasse der schon oben erwähnten BAfEP 10 als Forschungsaufgabe her. Und arbeitete dazu einen Fragebogen aus, „es ist erst eine Beta-Version“, gestehen die Jugendlichen. Diesen präsentierten drei Vertreterinnen der Projektgruppe, Fay W., Lena S. und Ikra Su A. und bekamen dafür große Anerkennung durch die Expert:innen des immerhin wissenschaftlichen Grund- und Menschenrechtsinstituts.

Dennoch wollen die Jugendlichen den Fragebogen weiterentwickeln, dann zunächst in ihrer Schule die Antworten – anonymisiert – erheben. Ihr Wunsch: Eine flächendeckende Erhebung unter möglichst allen Schüler:innen – und natürlich, dass dann auch Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen gezogen werden. Denn das Ziel sollte ja eine angstfreie Schule sein.

Poetry Slammerin

Einer von vielen Punkten, die insbesondere Schülerinnen Angst machen: Sexuelle Belästigung durch Lehrer. Und damit schließt sich der Kreis zum Beginn des Kinderrechte-Projektpräsentations-Nachmittags. Denn eröffnet wurde dieser durch die meisterhafte Poetry Slammerin Elena S. (wie schon oben erwähnt, zwecks Gleichheit mit den Schüler:innen, von denen nur die Vornamen und Anfangsbuchstaben der Nachnamen genannt werden dürfen auch hier so gehandhabt), die einen Text, der sich genau damit auseinandersetzt zu Gehör brachte.

Follow@kiJuKUheinz

Über Elena Sartos Poetry-Slam-Auftritt bei den U20-Meisterschaften 202 -> noch im KiKu

Doppelseite aus dem Bilderbuch "Koala denkt sich heut' was aus"

Wie Koala aus einem Buch Geschichten „zaubert“

Känguru ist recht stark, will Boxweltmeister werden. Wombat tanzt super. Die Hüpfmaus baut kunstvolle Sandburgen. Schnabeltier schwimmt ur-schnell, ist sogar Australien-Meisterin bei der Bewegung durchs Wasser. Die vier sind Freunde von Koala. Doch der lehnt traurig an einem Baumstamm. Mögen sie ihn vielleicht gar nicht, lassen ihn nicht mitspielen?

Nein, gar nicht. Koala hat das Gefühl, rein gar nichts zu können. Natürlich muss und wird sich das ändern. Ein (Bilder-)Buch kann doch dabei nicht stehen bleiben 😉

Die fünf finden am Sandstrand immer wieder allerlei, das Menschen „vergessen“ haben. Eines Tages ist es ein Ding – du kennst es auf den ersten Blick, die Tiere (noch) nicht. Wombat verwendet es als Hut, die Maus als Zelt, Schnabeltier meint, es könnten Flügel sein und Känguru macht draus eine Art Boxsack.

Koalas Stunde, oder?

Genau, jetzt schlägt DIE Stunde von Koala. „Wisst ihr nicht, was ein Buch ist? … Da sind Geschichten drin“, erklärt er. Die Freunde fragen gleich, ob es solche sind, die sie sich erträumen, kriegen die aber nicht und nicht raus – weder beim Schütteln, noch beim Draufklopfen und auch nicht, wenn sie ein Ohr an das Ding halten.

Und dann beginnt Koala „Es waren einmal fünf Freunde…“
Wowh, der kann lesen!
Oder, wie sich dann herausstellt – und der Titel des Bilderbuchs schon verrät –, vielleicht doch nicht?

Jedenfalls hat Nastja Holtfreter, die sich die Geschichte für „Koala denkt sich heut‘ was aus“ ausgedacht und die Illustrationen gezeichnet hat, noch einmal einen Twist ausgedacht. So leicht geht’s nicht, da braucht’s noch einen Rückschlag, aber dann… – Und nicht nur Koala kommt drauf, jede und jeder kann was!
Follow@kiJuKUheinz

Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „Koala denkt sich heut‘ was aus“
Bildmontage aus Bildern der drei Gewinnerfilme: DAncing Queen, Große Träume und Drei Räuber und ein Löwe

And the Winners are…

Diesen Sonntag (26. November 2023) findet sozusagen die „Zugabe“ zum eben zu Ende gegangenen 35. Internationalen Kinderfilm-Festivals in Wien statt: Die drei Gewinner-Filme werden nachmals – in den drei Festivalkinos gezeigt.

Die Kinderjury – Beitrag über sie am Ende dieses Berichts verlinkt – vergab den „Großen Preis“ an den norwegischen Film „Dancing Queen“.
„Der Tanzfilm rund um Mina hat uns ziemlich beeindruckt. Sie ist ein mutiges Mädchen, das sich nicht unterkriegen lässt und während des Films eine große Veränderung durchmacht, die auch an ihrer Kleidung zu erkennen ist“, beginnt die Filmkritik der Kinderjury.

Dieser Film überzeugte die jungen, kritischen Filmbetrachter:innen weiters durch eine fesselnde Erzählweise, die Themen wie Tanz, Body Shaming, Tod und Liebe anspricht. Die poppige Machart, trendige Outfits und herausragende Schauspieler*innen machen diesen norwegischen Film zu einem Highlight des Festivals.

Die Kinderjury vergibt seit Jahren aber auch einen eigenen UNICEF-Preis für jenen Film, der am besten/meisten Kinderrechte transportiert. Dafür wählten die jungen Juror:innen „Große Träume“ aus. Zwei der jungen Hauptdarsteller:innen aus Tschechien waren am Eröffnungswochenende sogar in Wien.

Die Jury befand, es handelt sich um einen unterhaltsamen Film, der den Zusammenhalt einer Kindergruppe in den Fokus rückt. Die Geschichte verdeutlicht eindrucksvoll verschiedene Kinderrechte, darunter das Recht auf Schutz vor Gewalt, das Recht auf Mitbestimmung und das Recht auf Freizeit und Spiel.

Der dritte Preis ist jener, den das Publikum mit den Kinotickets in jeweils einer der drei Röhren mit Smilies – lächelnd, neutral, und weniger gut – gewählt hat. Und dieser geht an den Animationsfilm (übrigens auch aus Norwegen) „Drei Räuber und ein Löwe“.

Lobende Erwähnungen

Die Kinderjury vergab neben ihren beiden Preisen auch zwei lobende Erwähnungen, und zwar an:
„Hühnerfarm“ aus Kanada für seine humorvolle und gleichzeitig spannende Geschichte, in der Kinder eine entscheidende Rolle spielen sowie
„Kokon und Schmetterling“ (Iran) für seine nachdenkliche Darstellung und den Einblick in eine andere Welt. Kinderrechte wie das Recht auf Bildung, ärztliche Versorgung und Mitbestimmung werden hier thematisiert.

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(Wieder) sehen

Die drei preisgekrönten Filme sind am Sonntag, 26. November zu sehen – siehe Infobox. UND: In der Steiermark (Graz, Kapfenberg, Leibnitz, Liezen) hat das 15. internationale Kinderfilmfestival erst am vergangenen Wochenende begonnen – und läuft bis 26. November 2023.

Szenenfoto aus "Body Music Explosion"

Hin- und mitreißende Körpermusik-Tanz-Performance

Zwischen aufspringen und mittanzen oder wenigsten -swingen wollen einer- und phasenweise wiederum sich fast meditativ fallen lassen reißen dich die fünf Performer:innen in „Body Music Explosion“ von Theater Foxxfire! auf den Sitzreihen des großen Saals im Dschungel Wien hin und her. In schier unglaublich perfektem Timing klatschen und stampfen sie fast ohne Ende – Body-Percussion und Mundmusik sind ihre Instrumente.

Wandlungsfähig wie ihr Tempo, ihre Rhythmen ist ihr Auftreten, sind ihre Kostüme (Ausstattung: Karoline Hogl). Kommen sie nach unzähligen erst in Reih und Glied eingeblendeten kleinen projizierten Punkten, die sich durch Töne und Klänge zu bewegen beginnen, zunächst als geschleckte uniformierte Musterschüler:innen auf die Bühne, so entledigen sie sich bald dieser Maskerade.

Gemeinsam erarbeitet

Das Quintett, das Regie, Choreo und Musik gemeinsam ausgesucht und erarbeitet hat, „explodiert“ immer wieder und bleibt dennoch stets im Gleichklang – ob synchron oder als Weitergabe der Impulse von einer zum anderen. In der Anfangsphase scheint es als könnten die fünf Performer:innen, die mit ihren Körpern Musik machen, ganz ohne Atempause auskommen. Erst nach rund ¼ Stunde kurz mal Break (Pause). Aber schon geht’s wieder weiter – immer wieder Tempo- und Rhythmuswechsel. Hin und wieder fast szenische kleine Erzählungen. Wenn Text zu Gesang kommt, dann nur englische Fragewörter. Die unterschiedliche Intonation von „what“ (was) beispielsweise ergibt fast schon eine kleine Geschichte.

Hin und wieder löst sich die 5er-Formation auf, Duette werden gespielt/getanzt, ge-körper-trommelt – vom an eine Kinderspiel erinnernden abwechselnden Handklatschen in komplizierter Abfolge bis zum gegenseitigen Necken. Nebeneinanderstehend mit der eigenen Hand den anderen an der weiter entfernten Schulter antippen, als käme jemand von der anderen Seite 😉

Und alles vor ständig wechselnden auf die jeweilige Bewegungsformation abgestimmten Visuals, die – ebenso wie das Konzept für diese hin- und mitreißende Performance – von Richard Schmetterer kommt, der auch Teil der Performance-Gruppe ist, die sich Groove-Crew nennt.

Als Antwort auf den – erwartbaren jubelnden Applaus – hat die Crew eine Zugabe einstudiert – bei der sie zum Mitklatschen und -stampfen einlädt.

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Didaktik-Praxisraum

Schulbeginn um 9 Uhr, eigener Schularbeitskalender und vieles mehr…

Selbstbestimmt
Eigenverantwortlich
Lebensnah
Facettenreich
Interaktiv
Elementar

Das sind die Begriffe, mit denen sich die recht junge Schule für künftige Elementarpädagog:innen (Kindergärtner:innen), die BAfEP De La Salle in Wien-Strebersdorf, definiert. Mag schon sein, dass die Anordnung nicht ganz zufällig gewählt ist. Denn die Anfangsbuchstaben von oben nach unten gelesen ergeben – genau! Natürlich ist S.E.L.F.I.E.-Pädagogik ein Hingucker. Dass es vielleicht nicht nur ein Verkaufsschmäh ist, wie Marketing-Gags auf „neudeutsch“ heißen, könnte sich schon daraus ergeben, dass diese BAfEP (BundesAnstalt für ElemenatarPädagogik) gegen Ende September dieses Jahres mit einem der neun zweiten Plätze beim Staatspreis Innovative Schulen ausgezeichnet worden ist – KiJuKU hatte berichtet, Link unten am Ende des Beitrages. Obendrein hatte die Schule schon vor drei Jahren beim selben Bewerb einen Anerkennungspreis gewonnen.

Bei der Messe „Zeitreise Bildungsinnovation“, die sich an die jüngste Preisverleihung anschloss, machten Schüler:innen der BAfEP bunt, lustig und fröhlich auf ihre Bildungsinstitution aufmerksam und Lust. Und so wurde ein Besuchstermin für eine Reportage vor Ort mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… angedacht und später in einem Telefonat mit der Direktorin Brigitte Cizek vereinbart.

Nicht um 8!

Selbstbestimmt ist schon der Schulbeginn – von dem viele Kinder und Jugendliche träumen: 9 statt 8 Uhr. Der Besuchstermin beginnt allerdings doch an einem Montag um 8 Uhr statt: Selfie-Einheit sozusagen: Der „alte“ Schulsprecher und seine Stellvertreterin Jan Schenk, Katharina Jassek übergaben die Schlüssel für den Kasten der Schüler:innenvertretung an die neu Gewählten: Alexandra Djokić, Linda Haschek, Sophia Marik, Ylvi Pöschko, Marie Blaha und Mia Schweitzer.

Danach wurde in gemütlicher großer Runde mit interessierten Schüler:innen, Lehrer:innen und der Direktorin – sowie kurzfristig auch dem Schulwart – aktuell aufgetauchte Fragen behandelt. Mit dem Letztgenannten praktische Dinge rund um den (gerade laufenden) Fenstertausch. Ansonsten standen Themen wie Respekt, Freundlichkeit, die manches Mal abgehe, Nutzung der unterschiedlichen Räume – in den Fokus-Bereichen sollte Ruhe herrschen für konzentriertes Arbeiten – auf der Tagesordnung. Regelmäßig ist, so wird dem Reporter verraten, Lob für besonders bemerkenswerte Leistungen ein Gesprächsthema. Jugendliche können nominiert werden, die Runde stimmt darüber ab. Wem das meiste Lob in dieser Woche gebührt, die/der darf sich ein Lied/einen Song aussuchen. Und diese Melodie wird in der Woche drauf statt sonst üblicher „Schulglocken“ gespielt.

Wohlfühl-Atmo

Schon der erste Eindruck beim Betreten des Gebäudes, erst recht beim Rundgang, durch den die Schüler-Vertreter:innen den Journalisten führen: Räume, Farben, Bereiche vermitteln eine Wohlfühl-Atmosphäre. Und die wirkt derart, dass sie nicht für einen Medienbesuch zurecht-„gezimmert“ sein kann.

Apropos „Zimmer“. Diese Schule hat einen eigenen klassenzimmergroßen Praxis-Didaktikraum, der den Eindruck vermittelt, nun in einem Kindergarten zu sein. Dieser Unterricht wird in anderen BAfEP im Klassenzimmer abgehalten. Natürlich haben die Schüler:innen auch echten Praxis-Unterricht – und dazu nicht weit, im selben Haus befindet sich ein sieben-gruppiger Kindergarten.

In unmittelbarer Nähe des eben erwähnten Praxisraums führen die Schüler:innen den Reporter in ein Sinneslabor, das zum Eintauchen in verschiedenste Materialien und Lichtstimmungen einlädt (Snoezelen-Raum). Weiter geht’s durch Kreativwerkstätten mit Siebdruck, Unmengen an unterschiedlichsten Stoffen für Textiles und guter Ausstattung nebenan für Holz und andere Materialien machen Lust auf Werken. Schon weiter oben wurde angedeutet, dass es in allen Ebenen unterschiedliche Bereiche für eher ruhige, konzentrierte Einzel- sowie andere für Team-Arbeit sowie zum Chillen gibt.

Räume sind wichtig, aber…

Neben dem späteren Schulbeginn können die Jugendlichen – BafEP ist eine berufsbildende höhere Schule ab dem neunten Schuljahr – 5-jährig und endet mit Matura – beispielsweise auch einen eigenen Schularbeitskalender zusammenstellen und jeweils zwischen zwei verschiedenen Terminen wählen.

Viel Auswahl

Selbstbestimmt – und damit einhergehend natürlich auch immer eigenverantwortlich – wird hier in der relativ kleinen Schule (zehn Klassen, 228 Schüler:innen) ziemlich groß geschrieben. Mit viel Freiraum für eigene Schwerpunktsetzungen in Kursen und Modulen. Aber auch sich selbst Einbringen wird gefördert – ob bei der Mitgestaltung des Klassenklimas bis zu einem Klimaklub. Das was seit Jaaahren in der Bildungsdiskussion als Schlagwort „Individualisierung“ sozusagen „gepredigt“ wird, nehmen die Beteiligten – Schüler:innen, Lehrer:innen, Schulleitung – ernst. Über gecoachte Einheiten vor Schularbeiten – was Nachhilfe überflüssig macht – wird auch individuelle Lernbegleitung angeboten. Hilfe kommt aber nicht nur von Lehrenden, ein ausgedehnten System von „Buddies“ – ob fürs Lernen oder für die Mitbeteiligung – unterstützt insbesondere Neuankömmlinge durch ältere Schüler:innen.

Wermutstropfen: Die Schule ist privat, das heißt, es ist Schulgeld zu bezahlen (je 330 € pro Schulmonat, also 3.300 €/ Schuljahr).

Tag der offenen Tür

Ein bisschen Reinschnuppern können jene, die sich für die Ausbildung der professionellen und dennoch empathischen wichtigen Arbeit für die Jüngsten, also Kindergartenkinder, aber auch für Älter (Hort) interessieren, am Tag der offenen Tür: 25. November 2023. Nach der Vorstellung des Schulsprecher:innen-Teams sowie aller Lehrer:innen bieten Jugendliche und Lehrende Workshops an – Details in der Infobox ganz unten.

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Viele weitere Fotos aus dieser Schule

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Szenenfoto aus "Die Entdeckung der Langsamkeit" im Theater Spielraum (Wien)

Langsamkeit muss genau gar nicht langweilig sein

Weil die Zeit immer hektischer, aufgeregter werde, darum wählte das kleine, feine, sehr engagierte Theater Spielraum – Motto: „Wir nehmen Texte beim Wort!“ – für seine jüngste Produktion einen Klassiker, der einen Gegenpol setzte: Sten Nadolny in seinem Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“, vor genau 40 Jahren erschienen (1983).

Folgerichtig beginnt recht langsam, Erwachen aus „eingefrorenem“ Zustand (freeze) in einer Art Zeitlupe. Um dann doch in den nicht ganz zwei Stunden (110 Minuten, ohne Pause) kurzweilig die Grundlinie des berühmt gewordenen Romans anschaulich miterleben zu lassen.

Gleichwertige Schauspieler:innen

Hauptfigur des Romans – im Stück dreht sich fast alles um seine Geschichte, doch die vier Schauspieler:innen agieren annähernd gleichgewichtig – ist John Franklin (Adrian Stowasser). Er und Christian Kohlhofer, Julia Handle sowie Nicole Metzger, die gemeinsam mit Regisseur Peter Pausz aus dem Roman eine spielbare Bühnenfassung geschrieben hat, agieren in Matrosen-ähnlichen Gewändern (Kostüme wie immer dem Stück, der Zeit und dem Bühnengeschehen angepasst von Anna Pollack). Wer gerade das Sagen hat, drückt optisch eine dunkle Uniformjacke aus – an den Schulterpolstern glänzende „Auszeichnungen“ aus einer Vielzahl von (Zeiger-)Uhren.

Die fast zwei Stunden, die nie auch nur einen Moment der Langeweile ausstrahlen und dennoch nicht hektisch ablaufen, spielen sich in einem immer wieder mit wenigen Handgriffen wechselnden Bühnenbild (Raoul Rettberg) ab, die von vornherein – sowohl jedes einzelne hölzerne Teil, besonders aber in ihrer Gesamtheit das Bild von Schiffen in den Köpfen des Publikums erzeugen.

Wahre Hintergründe

John Franklin hat wirklich gelebt (1786 bis 1847), war englischer Kapitän großer (Forschungs-)Schiffe und vor allem im hohen Norden auf Suche, wenngleich er wenige Jahre auch auf der anderen Seite der Erdkugel, in der südöstlich von Australien gelegenen Insel, die heute Tasmanien heißt, unterwegs war.

Das mit der Langsamkeit ist die literarische Freiheit des Autors, die er daraus erdachte, weil Franklin – so Überlieferungen – eher bedächtig überlegte, bevor er Entscheidungen traf. Daraus zimmerte Nadolny, der drei Jahre zuvor in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen hatte und das Preisgeld unter allen Teilnehmer:innen aufteilte, um „den Wettbewerb zu entbittern“.

Seine Erzählung – auch die in der Inszenierung im Theater Spielraum – setzt beim zehnjährigen John ein, der von anderen zum Außenseiter wird, heute würde dafür das Wort gemobbt verwendet werden – wobei hier sicher sehr viel literarische Freiheit in den Roman floss. Vielleicht setzte Nadolny schon bei seiner Hauptfigur dieses Romans ein, weil die Geschichte auch schon bei ihm früh begonnen hatte.

Sehr informative Programmhefte

Wie dem – wie immer im „Spieltraum“ umfangreichen, hintergründigen – Programmheft (wahrscheinlich den besten der Stadt) zu entnehmen ist, hatte das Schicksal der bei ihrer letzten Expedition im ewigen Eis verschollenen Forscher, namentlich John Franklins, Sten Nadolny schon als Schüler interessiert. Das schreib er im Einleitungsabsatz eines Artikels für die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“ Anfang dieses Jahres anlässlich des 40. „Geburtstages“ dieses Romans. Damals träumte er davon, selber eine Expedition zu leiten, um die verschollenen Schiffe bzw. eventuelle Überreste zu finden. Um viel später daraus einen Roman zu schreiben.

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Doppelseite aus dem Bilderbuch "Dunkel war's, der Mond schien helle"

Finster, gleichzeitig hell und andere Nonsens-Reime

Finster, oder in anderen Versionen „Dunkel war’s, der Mond schien helle“ ist ein über viiiiele Generationen, meist mündlich weitergegebenes sogenanntes Nonsens-Gedicht. Ein Widerspruch nach dem anderen reimt sich in Gedichtform aneinander. Blitzschnell und langsam ergeben im Normallfall gleichzeitig genau gar keinen Sinn. In der Fantasie, in der Literatur, speziell der Lyrik (Gedichtform) ist aber so ziemlich alles möglich. Gedanken- und Wortspiele sind nicht nur erlaubt, sondern in manchen gerade die Voraussetzung.

Uwe Gutzschhahn dichtet gern und viel. Weil er aus Erfahrungen in Schul-Workshops befürchet, dass dieses oben angesprochene wohl bekannteste Nonsens-Gedicht im deutschsprachigen Raum in Vergessenheit zu geraten droht, ergriff er eine Initiative. In der Coronazeit bat er digital einige Kolleginnen und Kollegen, sich neue Reime für das anonyme Gedicht einfallen zu lassen. Rund ein Dutzend Autor:innen, darunter so bekannte wie Paul Maar, Heinz Janisch und Elisabeth Steinkellner sowie Jens Rassmus sandten fantasievolle Widersprüche in jeweils vierzeiliger Reimform. Der zuletzt Genannte schuf auch die dazu passenden wunderbaren, ebenfalls fantasievollen Bilderwelten für jede der Doppelseiten, schon beginnend mit dem an einer Schnur baumelnden Mond als O in „seinem“ Wort über düsterem Durcheinander unter der Schrift.

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Dunkel war’s, der Mond schien helle“

Was Lyrik alles kann…

Wenn Uwe Gutzschhahn über Kinderlyrik spricht, gerät er ins Schwärmen – darüber welche Welten sich in knappen, verdichteten Zeilen öffnen (können). Und wie scheinbar widersprüchliches doch voll und ganz passt. Anlässlich der Präsentation seines Buches „Der kleine Eiskönig“ – wunderbar illustriert von Linda Wolfsgruber (Links dazu unten am Ende des Beitrages) schildert Gutzschhahn dies am Beispiel eines Reimes von einem Schüler in einem seiner Workshops – Video-Link dazu ebenfalls unten am Ende dieses Beitrages.

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Dunkel war’s, der Mond schien helle“

Als Herausgeber der nunmehrigen fortgesetzten – wobei sich, insbesondere zu Beginn, auch Reime aus dem Original finden – trug er natürlich auch selbst ein Gedicht bei, aber er holte auch vier Zeilen einer zwölfjährigen Schülerin aus einem seiner Workshops ins Buch, Laura Depperschmidt. Welches der gereimten widersprüchlichen Bilder von ihr stammt, wissen mehr oder minder nur die beiden. Als Herausgeber nennt er zwar alle Autor:innen, aber in keinem Fall eine Zuordnung. Beim Urgedicht weiß es ja auch niemand, von wem die Zeilen sind, so sein Argument im Nachwort.

Kleiner Wermutstropfen: Obwohl ein Drittel der Autor:innen weiblich ist, hat’s keine von ihnen auf das Buchcover geschafft, wo nur auszugsweise Männer genannt werden.

Am Ende des Nachwortes hofft der Herausgeber, dass Leserinnen und Leser sich von den Gedichtzeilen anregen lassen, selber weitere schräge (Wort-)Bilder zu finden…

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Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „Dunkel war’s, der Mond schien helle“
Szenenfoto aus "NICHTS Was im Leben Wichtig ist" im Theater Arche (Wien)

Intensive, heftig gespielte Sinn-Suche

Der einst heftig umstrittene (Jugend-)Roman „Nichts“ von Janne Teller erlebt in einer sehr jungen Inszenierung im Wiener Theater Arche eine Auferstehung – gespielt von Jugendlichen und sehr jungen Erwachsenen, inszeniert vom Co-Leiter des Theaters.

Vor fast einem ¼-Jahrhundert (2000) im dänischen Original erschienen, wurde das Buch erst zehn Jahre später ins Deutsche übersetzt – und mit dem Untertitel „Was im Leben wichtig ist“ gleich als eine Art pädagogischer Gebrauchsanleitung versehen.

Die Story

Die Grundgeschichte: Ein Schüler der 7A (im Stück der 7 D) im kleinen fiktiven dänischen Ort Tæring (was übrigens Korrision, also zersetzen, zerfressen, sozusagen kaputtgehen wie verrosten bedeutet) namens Pierre-Anthon, beginnt alles und das offen in Frage zu stellen. Welchen Sinn macht es, zu lernen, zu leben, wenn wir doch am Ende alle sterben – und das nach kurzer Zeit, verglichen mit der Existenz der Erde. Noch dazu leben im täglichen Einerlei, Trott… Er setzt sich in eine. Zwetschgenbaum nahe der Schule und bespuckt die Mitschüler:innen.

Diese wollen ihn erst vom Baum schießen, bis sie die Idee haben, ihn nur dann herunterzubekommen, wenn sie ihm beweisen, dass es doch Sinn und Bedeutung im Leben gibt, in ihrer aller, in jeder/jedem einzelnen von ihnen. Und so lässt die Autorin die (Ex-)Klassenkolleg:innen einen „Berg aus Bedeutung“ in einem alten, stillgelegten Sägewerk errichten. Jede und jeder muss etwas opfern, das ihr/ihm wirklich wichtig ist. Und das wird heftig.

Wowh…

Wobei hier das Stück – fast ließe sich sagen natürlich – gleich anfangs vom Original abweicht, um später sehr wohl wieder dort zurückzukehren. Das erste was alle – und zwar gleichermaßen auf den Berg legen: Ihre Handys. Und das löste die stärkste Reaktion in den 1¼ Stunden im erwachsen dominierten Publikum aus – von Erstaunen mit „wowh“s bis zu verhaltenem Jubel darüber, dass (ihre) Kinder sich von Smartphones trennen können. Obwohl sie das selbst wahrscheinlich auch kaum zustande brächten und höchstwahrscheinlich auf der Bühne Dummies verwendet wurden.

Doch danach geht’s erst so richtig zur Sache, lässt Janne Teller – und die Theaterversion – Schritt für Schritt die Sache eskalieren. Denn nach teuren Schuhen, zu denen die Erzählerin Agnes (Livia Andrä) die Mutter erst monatelange überreden musste, dem geliebten gelben Fahrrad von Hans (Adria Just-Font) usw. müssen beispielsweise Gerda (Viktoria Ginzel) ihren Hamster Oskar sowie Marie Ursula (Kieran Foglar-Deinhardstein) schon ihre blauen Zöpfe, darbringen. Schon da scheinen glaubhaft Bühnentränen zu fließen.

Heftigst

Und es wird heftiger, wenn es noch intensiver an die körperliche Integrität geht. So soll Jan-Johann (Jakob Köllesberger), der das Stück schon vor Beginn mit Gitarre und Beatles-Songs u.a. „Here comes the Sun“ und „Let it be“ einleitet, seinen rechten Zeigefinger opfern. Sophie (Lena Hergolitsch), die am intensivsten versucht, mit Pierre-Anthon (Max Melo, der die Stufen zwischen den Publikumsreihen hinaufgeht und auf einem einsamen Sessel Platz nimmt) zu diskutieren, wird gar – es wird verbrämt ausgedrückt – ihrer „Unschuld“ beraubt, also eigentlich vergewaltigt. Was ihr noch mehr raubt, ihre ganze Empathie-Fähigkeit. Sie muss, um zu überleben, einen emotionalen Panzer errichten und kann nur mehr eiskalt (re-)agieren.

Meister:innen-haft

Gerade die Szenen, in denen Darsteller:innen weinen spielen oder gar die logischen und doch fast unaushaltbaren Schreie, mitunter auch lautlose sind höchst berührend und professionell gespielt. Solche könnten ur-leicht ins peinliche kippen. Tun sie hier aber nie und nimmer.

Schul-Kontext

Alle schon Genannten und dazu noch Elizabeth Dorner (als Die hübsche Rosa und Theresa Gerstbach (Die fromme Asta), wobei fast alle immer wieder kürzestfristig auch in weitere Nebenrollen aus dem Roman schlüpfen, sind noch bzw. waren bis vor Kurzem Schüler:innen des polyästhetischen Zweiges im BORG (BundesOberstufenRealGymnasium) Hegelgasse 12 (Wien-Innere Stadt) – mit Ausnahme von Adria Just-Font (Hans). Nach Einmietungen von Bühnenprojekten dieses Zweiges hatte Jakub Kavin, Co-Leiter von Theater Arche, als Regisseur im vergangenen Schuljahr mit einer ganzen Klasse ein Bühnenstück erarbeitet („Sommernachtstraum“), heuer steht – in derselben Konstellation – „Lysistrate“ auf dem Programm. Jetzt – bis 9. Dezember 2023 (Details siehe Info-Box) handelt es sich eine kleine Gruppe sehr leidenschaftlicher junger Schauspieler:innen, die in diesem Metier teils auch ihre berufliche Zukunft sehen.

Fraaaagen

Trotz der immer heftiger werdenden Opfergaben und des noch ärgeren Schlusses – alles soll nicht gespoilert werden, und jene, die den Roman kennen, wissen’s ohnehin – stehen auch in dieser Inszenierung wie in Janne Tellers Roman die Fragen, die Suche nach dem im Zentrum, was für jede/n Einzelnen einer- und die Gesellschaft insgesamt andererseits im Leben Sinn macht, bringt, stiftet. Und hat nicht

„Ich sehe es als eine Art modernes Märchen. Ich will gar nicht mit Wahrscheinlichkeit oder Plausibilität argumentieren: Ich finde am wichtigsten, dass Literatur ihre eigene Logik hat. Weil sie nicht abgebildete Realität ist, kann sie uns Einsichten in unsere eigene Wirklichkeit vermitteln. Wie ein magischer Spiegel. Während ein realistischer Spiegel uns nur die Oberfläche zeigt“, sagte Janne Teller in einem Interview mit Susanne Gaschke in der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ kurz nach Erscheinen der deutschen Übersetzung dieses Romans (5. August 2010, Link zum gesamten Interview weiter unten). Auf die Frage der Journalistin, weshalb denn nicht Erwachsene eingreifen, wenn Pierre Anthon die Schule verweigert.

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zeit.de -> janne-teller-interview

Gezeichnet wurde aber auch auf Papier

Öfter Straßen sperren – fürs Spielen!

Je zwei Leute spannen abwechselnd das Seil zu einem länglichen Oval quer über die Straße. Veronika läuft an – Sprung – drüber. Sie ist nicht die einzige, wenngleich sie die höchsten Hürden meistert. Die Neunjährige ist ein besonderes Bewegungstalent, schlägt ein Rad nach dem anderen, setzt einen Spagat auf den Asphalt. Das tut aber auch Melek. Andere spielen mit Hockeyschlägern und einem kleinen Ball. Kinder laufen, spielen, malen mit bunten Kreiden auf dem Boden. An diesem Nachmittag ist der Abschnitt der Grazer Rechbauerstraße zwischen Schützenhof- und Krenngasse für drei Stunden autofrei. Also nicht ganz, an den Seitenrändern parken solche und wer mit der Karre wegmuss oder ankommt – für die/den, wird das Sperrgitter an einem der beiden Enden geöffnet.

Solche Aktionen, bei denen für einige Stunden ein Straßenabschnitt in der steirischen Landeshauptstadt bespielbar wird, gibt es immer wieder von der Initiative Auto:Frei:Tag, auch wenn’s nicht unbedingt ein Freitag sein muss 😉

Das Besondere bei der Aktion am Beginn der Herbstferien, über die hier berichtet wird: Das Grazer KinderParlament hatte beschlossen, dieses Mal – im Bezirk St. Leonhard – dabei sein zu wollen und einen Teil des Treffens mit dem Journalisten aus Wien genau hier ablaufen zu lassen. Unicef-Österreich hatte – zum wiederholten Mal – KiJuKU gebeten, eine Reportage aus einer jener Gemeinden zu liefern, die als „kinderfreundlich“ ausgezeichnet wurden/werden – mehr dazu im Info-Block am Ende des Beitrages

Klima- und spielfreundlicher

Weniger Autos und mehr Bewegungsfreiheit für gehende, Rad fahrende oder gar spielende (nicht nur) Kinder ist einer der großen Wünsche – nicht nur in Graz;) „Wir setzen uns für viele Themen ein, die Kindern in Graz wichtig sind, da gehört das Thema Verkehr und Umwelt dazu“, sagte Felix (10), gewählter Kinder-Bürgermeister ins Mikrophon. Seine Kollegin Hannah, ebenfalls als Kinder-Stadtoberhaupt gewählt, hatte an diesem Tag leider keine Zeit, dafür andere KinderParlaments-Mitglieder. „Wir waren als KinderParlament auch schon einmal von der Stadt Graz für die Erstellung eines Klimaschutzplans eingeladen“, setzt Felix fort „und konnten bei einer Gemeinderatssitzung unserer Ideen vorbringen. Das sind zum Beispiel: Weniger Autos, mehr Bäume, mehr Grünflächen – so dass Graz CO2 neutraler wird und schöner und gemütlicher.“

Fabienne meinte: „So eine autofreie Straße ist eine gute Idee, da müssen wir nicht unsere Spielsachen weggeben.“
Maja: „Ich find es auch toll, dass wir hier spielen dürfen, aber schade, dass sehr selten Straßen autofrei sind.“

„Es ist ein schönes Gefühl, dass die Straße gesperrt ist und wir hier laufen dürfen“, strahlte Melinda sehr freudig als sie dies der versammelten Schar über Mikrophon gut hörbar mitteilte.

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Gespräche auf dem Hauptplatz

Schon vor der Straßenbahnfahrt bis in die Nähe des autofreien und damit bespielbaren Straßenstücks gaben aktive Kinder in ihrem Parlament (das es seit 18 Jahren gibt und wo jährlich je eine Bürgermeisterin und ein Bürgermeister neu gewählt werden) dem Journalisten aus Wien ein bisschen Einblicke in ihre Wünsche, Forderungen und Ideen. Dieses Treffen – organisiert von Heidi* (da die Kinder nur mit Vornamen genannt werden gilt dies auch gleichwertig für die Erwachsenen, die in diesem Bericht vorkommen) vom „Kinderbüro – die Lobby für Menschen bis 14“ – fand auf dem Hauptplatz vor dem Grazer Rathaus statt – die Interviews auf den Stufen zum Erzherzog-Johann-Brunnendenkmal. Rasch eroberten die Kinder vor und nach den Gesprächen mit bunten Kreiden einen Teil des Platzes – Zeichnungen und nicht zuletzt ganz zentral der Schriftzug Frieden entstanden in Windeseile. Und Felder mit Ziffern, um daraus Hüpfspiele zu machen.

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Was Felix, Fabienne, Maja, Yarennur, Ana, Melek, Melinda, Veronika, Jonas und Aela in kurzen Interviews KiJuKU an Wünschen, Forderungen und Anregungen zum Schulessen, zu Spielplätzen, zum Autoverkehr sowie gegen’s Rauchen Erwachsener auf Spielplätzen, aber auch bei haltestellen öffentlicher Verkehrsmittel sagen – das findest du/finden Sie im Gastbeitrag auf der – unten verlinkten – Homepage von Unicef-Österreich.

Dort findet sich dann auch einiges zu den Bemühungen der Stadt Graz, Kinder und Jugendlichen einzubeziehen, ihre Meinungen zu erfragen – ob schriftlich oder gezeichnet…

unicef -> gastbeitrag-zur-kinderfreundlichen-gemeinde-graz

* Da die Kinder nur mit Vornamen genannt werden gilt dies auch gleichwertig für die Erwachsenen, die in diesem Bericht vorkommen

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Compliance-Hinweis: Unicef-Österreich hat die Aufwandskosten für diese Reportage-Reise übernommen

kinderparlament.at

graz.at -> Kinderwuensche_zur_Gestaltung_der_Stadt

Kinder-Parlamentarier:innen beantwortn schriftliche Fragen
Kinder-Parlamentarier:innen beantwortn schriftliche Fragen

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autofreitag Graz

Bunte Klangstäbe in verschiedenen Tonhöhen - von Kindern bespielt

Nicht nur Laterne und Sterne leuchten – Musikwerkstatt im Krankenhaus

Die zehnjährige Daria sitzt schon erwartungsvoll neben ihrer Mutter in einer Nische gleich neben der Eingangstür auf Ebene 11 in der Kinder- und Jugendklinik des Allgemeinen Krankenhauses (AKH) in Wien. Beate kommt mit ihrem Geigenkoffer. Zwei weitere große Taschen werden gebracht. Inzwischen kommen Oliver mit seinem Papa, Rana, Mustafa und später noch Rihan, teils mit, teils ohne elterliche Begleitung. Leona hat auch schon ihre Geige ausgepackt, Vanessa eilt mit ihrem großen Kontrabass herbei. Gleich beginnt die wöchentlichen halbstündige Musik-Werkstatt.

Die drei Gästinnen mit ihren Saiteninstrumenten kommen seit zwei Jahren regelmäßig hierher, um mit den Kindern bzw. Jugendlichen zu musizieren. Davor hatte ein Mediziner (Vito – weil hier die Kinder nur mit Vornamen vorkommen, werden auch die Erwachsenen nur so genannt) begonnen in seiner Freizeit mit den Patient:innen Gitarre zu spielen. Nun sind es eine Professorin und Studierende – der Musikpädagogik, die dabei Praxiserfahrung sammeln -, die mit den Kindern singen und Musik machen.

Klangstäbe, Jongliertücher, Geige

Weil der 11. November noch nicht so lange her ist, steht an diesem Vormittag unter anderem das bekannte Lied „Ich geh mit meiner Laterne“ auf dem Programm. Auf einem Sessel vor Rana, Daria und Mustafa baut Beate bunte Klangstäbe auf – jede Farbe ein anderer Ton. Zu Geigen-, Kontrabas-Spiel und Gesang „trommeln“ die drei Rhythmus, Takt und Melodie.

Bei einem anderen Lied machen die fünf Kinder die Tonhöhen sichtbar – sie halten Jongliertücher mal oben, dann wieder unten – je nach den gespielten Tonhöhen.

Zuguterletzt reicht Beate ihre Geige jenen Kindern, die das möchten, hin, damit diese zuerst Saiten zupfen und dann versuchen, sogar mit dem Bogen über diese zu streichen. Da wäre vielleicht ein wenig mehr Zeit – und Vertrauen in die Kinder – nicht schlecht, sodass diese ganz alleine den Bogen halten dürften.

Gitarre mitgebracht

Doch, nach rund einer halben Stunde ist die Musik„stunde“ schon wieder vorbei, weiter geht’s zwei Stock weiter runter. Auf Ebene neun ist Zeynep schon da und in ein Bilderbuch – „In meinem kleinen Herzen“ vertieft, als die drei Musikerinnen – diesmal mit dem KiJuKU-Journalisten im Schlepptau – „antanzen“. Ein Patient, Patrick, bringt seine Gitarre mit und wird später ein Lied federführend spielen. Dazu gesellen sich noch David und Helena. Auch hier wird das Leuchten von Laternen und Sternen besungen – unter anderem.

Heilstättenschule

Kinder und Jugendliche (6 bis 15), insbesondere solche, die öfter oder länger in einem Spital verbringen, erhalten ihren Schulunterricht von den Außenstellen der „Heilstättenschule“. Vor zwei Jahren hat die Universität für Musik und darstellende Kunst (mdw) mit dieser Musikwerkstatt begonnen. Beate hatte für ihre Studierenden schon davor Seminare zu inklusiver Musikpädagogik angeboten. Die Musikwerkstatt ist im Studium ein Wahlfach. Andere inklusive Inhalte können im Masterstudium der Instrumental- und Gesangspädagogik auch als Pflichtfach belegt werden. Ein Teil dessen ist übrigens eine an der mdw angesiedlete Band namens „All Stars inclusive“.

Plakat der Musik-Werkstatt
Plakat der Musik-Werkstatt

Kooperation

Die mehrmals genannte „Musikwerkstatt“ ist ein Projekt der Uni für Musik und dastellende Kunst Wien, der Uniklinik für Kinder- und Jugendheilkunde und des Comprehensive Centers for Pediatrics (CCP) von AKH Wien und MedUni Wien sowie der Heilstättenschule Wien.

Inklusion

Seit 2012 findet alle drei Jahre ein Inklusives Soundfestival statt, berichtet Beate an Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… und ergänzt auf die entsprechende Frage nach inklusiven Angeboten der Musik- und darstellende Kunst Uni: „Inklusion in Seminaren findet auch im Bereich des Elementaren Musizierens statt, inzwischen fließt es auch ein in das Studium der Musikerziehung sowie in die Bildungswissenschaft, welche wir seit 2 Jahren auch ans Institut bekamen.“

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Foto aus "Kleine Instrumente"

Vogelgezwitscher musizieren und ein Furzo-phon

Kleine und kleinste Klaviere neben Gitarren, Schlag- und Klangwerken sowie wirklich nicht zählbaren kleinen und ein bisschen größeren Dingen, die wie Spielzeug aussehen und wirken – mitten drin in diesem „Spielplatz“ stehen und sitzen die vier Musiker:innen Iwona Sztucka, Justyna Skoczek, Tomek Szczepaniak und Paweł Romańczuk. Letzterer hat vor 17 Jahren begonnen, sich auszudenken, was derzeit als „Kleine Instrumente“ zu erleben ist – bis 20. November 2023 – Details in der Infobox am Ende des Beitrages.

Schon nachdem die Kinder den Raum auf Bühne 2 im Theaterhaus Dschungel Wien (MuseumsQuartier) betreten, klingen „singende Schläuche“, die die Musiker:innen über ihren Köpfen drehen. Später im Verlauf der guten Stunde spielt das Quartett unterschiedlichsten Melodien, Klänge, Töne und Geräusche. Übrigens mit einem solchen bringt Mastermind Paweł Romańczuk die an drei Seiten rundum sitzenden (nicht nur) Kinder zum Lachen. Er bittet Justyna Skoczek an einigen Kurbeln zu drehen. Die sind mit Kunststoffschnüren und die wiederum mit Plastikbehältern, Hölzchen und Metallplättchen verbunden und – erzeugen Geräusche, die an menschliche erinnern, die oft mit nicht so feinen Düften verbunden sind 😉

Nun dürfen die Zuschauer:innen versuche, mit ihren Mündern auch Töne wie das „Furuo-phon“ hervorzubringen. Dann sind wieder die vier Profis dran, Musikstücke zu spielen – unter anderem einen Walzer von Igor Stravinsky unter anderem auf Okarinas, Flöten aus Ton mit einigen Löchern. Solche wurden übrigens vor 150 bis 90 Jahren in Wien hergestellt.

Die vier spielen aber nicht nur auf Instrumenten, die es zu kaufen gibt, sondern – wie nicht zuletzt dem Furzo-phon -, die sie sich selber ausdenken, basteln, bauen.

Nicht nur letztere beeindrucken das Publikum. Eines, das es sehr wohl zu erstehen gibt aber doch sehr selten verwendet wird, scheint wie ein Zauberding. Ohne irgendetwas an dem Instrument zu berühren, sondern „nur“ mit Bewegungen in der Luft produziert das Theremin Töne. Dieses elektronische Musikinstrument, erfunden von Lew Termen, ist vielleicht das einzige, das berührungslos funktioniert. Das wollen (fast) alle Kinder ausprobieren – einige wenige kommen in der Show dran, auf die anderen wartete es am Ende nach rund einer Stunde. Da dürfen (fast) alle „kleinen Instrumente“ ausprobiert werden.

Das eine oder andere wirkt sicher so anregend, dass so manche der – vor allem – Kinder zu Hause, in der Schule oder wo auch immer „Instrumente“ entdecken oder selber basteln werden. Das Konzept für die Musikvermittlung hat Sarah Scherer entwickelt, die auch als Gong-Schlägerin, Zeichengeberin für Start und Ende sowie als Übersetzerin der englischen Ansagen Paweł Romańczuks in Aktion tritt.

Furzo-phon von Małe Instrumenty
Furzo-phon von Małe Instrumenty

Der aus dem polnischen Wrocław kommende Kopf von Małe Instrumenty erfindet zusammen mit immer wieder wechselnden Musiker:innen stets neue Instrumente, gut 600 Stück umfasst die Sammlung bereits. Seit ein paar Jahren arbeiten er und Kolleg:innen immer wieder auch sehr inklusiv, bauen mit blinden, sehbehinderten „unsichtbare“ Instrumente. Und mit gehörlosen bzw. schwerhörigen Menschen bauten die Musiker:innen in Workshops sozusagen „spürbare“ Instrumente.

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Die Kinderjury: Oliver (11 Jahre), Emma (12), Mathilda (11), Finni (12), Franzi (11), Ruth (13), Mia (11) im Foyer des Gartenbaukinos mit dem Plakat des Kinderfilm-Festivals

Cool, weil wir so viele Filme anschauen und darüber ausführlich reden

Mittwoch, 15. November 2023, mitten im 35. Internationalen Kinderfilm-Festival. Für Kinder und Jugendliche in Niederösterreich und Wien ist schulfrei – Leopoldi ist dem Landespatron Leopold (Markgraf Leopold III, ein Babenberger, der vor rund 900 Jahren lebte und „der Heilige“ genannt wird) gewidmet. Viele Kinder – und Eltern – nutzen dies, um sich einen der Filme aus verschiedensten Ländern der Welt anzuschauen und so ein bisschen die „Luft“ anderer Kulturen zu schnuppern.

Sieben Kinder schauten sogar zwei Filme an diesem Tag an – und in der ganzen Festivalwoche sogar neun. Emma, Finni, Franzi, Mathilda, Mia, Oliver und Ruth sind die heurige Kinderjury des Festivals. Sie schauen die Filme – jene, die für Sechs- bis 12-Jährige angegeben sind – nicht nur an, sondern sie diskutieren jeweils rund eine Stunde darüber. Dabei geht’s – wie Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… an diesem Mittwoch nach dem ersten Film miterleben durfte – um vielfältige Aspekte.

Bevor die Jurydiskutiert, schreiben alle ihre ersten Notizen ins
Bevor die Jury diskutiert, schreiben alle ihre ersten Notizen ins „Film-Tagebuch“

Filmheftchen

Doch bevor sie zu diskutieren anfangen, schnappt sich jede und jeder ein kleines Heftchen. „Filmtagebuch“ steht auf der Titelseite. Jedem der Filme sind zwei Seiten gewidmet – eine, um selber Gedanken zum jeweiligen Film zu notieren, auf der gegenüberliegenden sind oben zwei Zeilen mit je neun verschiedenen Smilies gedruckt. „Da können wir so viele auswählen wie wir wollen. Darunter laden Felder und „Wolken“ ein, die Lieblingsszene aufzuschreiben, was gefallen hat und was nicht und – darüber stöhnen einige verständlicherweise – den Film in drei Wörtern zu beschreiben.

Neben der gezeigten Geschichte, tauschen sich die jungen Filmjuror:innen auch über Kameraführung, Farben, Ton, Verständlichkeit, die einzelnen – wichtigsten – Figuren aus, darüber wie diese gespielt haben… Oder auch – wie bei „Kokon und Schmetterling“ (dem Mittwoch-Vormittagsfilm im Cine-Center, übrigens noch am 16. November zu sehen – siehe Infoblock) ob sie den Titel zum Film passend finden.

Foto aus
Bild aus dem Film „Kokon und Parvaneh“

„Kokon und Parvaneh“

In dem Film in einem kleinen Dorf im Norden des Iran darf das Mädchen Parvaneh (was übrigens zu Deutsch Schmetterling bedeutet) nicht in die Schule. Ihr Bein wurde bei einem Brand schwer verletzt, der Vater kann – und will – sie nicht in die weit entfernte Schule tragen. Außerdem scheint er nicht davon überzeugt, dass auch Mädchen Bildung brauchen und wollen. Der Nachbarsbub Yavar versucht zunächst vor allem heimlich Parvaneh beizubringen, was er schon in der Schule gelernt hat. So baut er ein „Becher-Telefon“, um von Fenster zu Fenster mit ihr reden zu können, hält Rechnungen auf Papier an seine Scheibe, sie haucht ihre Fensterscheibe an und malt die Ziffern nach…

Offenes Ende

Sehr oft fallen in diesem Film-Nachgespräch Worte wie „sehr süße, wie sich der Junge bemüht“, aber auch Sätze wie „sehr langgezogen, weil so wenig geredet wird“. Die Altersangabe „ab 7 Jahren“ finden praktisch alle Juror:innen für zu niedrig angesetzt. Sie selber, die alle – das ist Vorgabe für die Teilnahme – zwischen 11 und 13 Jahren sind, hätten selbst mit 8 Jahren wenig mit dem Film anfangen können. Ziemlich unzufrieden waren alle mit dem offenen Ende. Parvaneh darf doch wenigstens zur Prüfung in die Schule, der Vater schaut beim offenen Fenster rein – und nicht mehr so böse und grantig.

Die Jurorinnen und der Juror reden, wie sie selber die Geschichte weiterspinnen würden oder gerne hätten, dass sie fortgesetzt und dann anders geendet hätte.

Einige der jungen Juror:innen im Gartenbaukino
Einige der jungen Juror:innen im Gartenbaukino

Kinderrechte

Paula, die gemeinsam mit Annalies, für das Festival die Kinderjury begleitet, bittet, noch einen weiteren Gesichtspunkt zu diskutieren: Welche Kinderrechte werden denn in diesem Film angesprochen? Denn die Kinderjury vergibt nicht nur einen Preis für den ihrer Meinung nach insgesamt besten Film, sondern auch einen weiteren für den Film, in dem Kinderrechte am besten thematisiert werden.

„Dass alle Kinder ein Recht auf Bildung haben“ – kommt fast zeitgleich von allen Jury-Mitgliedern. Aber auch Gesundheitsversorgung. Denn als sich Yavar den Arm verletzt, behandelt ihn der Arzt, Parvanehs kaputtes Bein bleibt unbehandelt, weil der Vater dafür zahlen müsste. „Im Winter haben die Kinder nur dünnes Gewand“, ist einigen aufgefallen. „Und die Kinder haben gar keinen Raum für sich, keine Privatsphäre“.

Kinderjury auf der Bühne des Gartenbaukinos bei der Eröffnung des 35. Internationalen Kinderfilm-Festivals
Kinderjury auf der Bühne des Gartenbaukinos bei der Eröffnung des 35. Internationalen Kinderfilm-Festivals

Nachdenklich, dankbar

„Der Film macht sehr nachdenklich“, ist einer der Sätze, die Paula in den Laptop tippen soll. „Und dass wir viel dankbarer sein könnten, was wir hier haben, wenn diese Kinder nicht alle in die Schule gehen dürfen oder kein warmes Gewand.“ Beeindruckend fanden einige die Landschaftsaufnahmen.

Aus den Sätzen, die sie von der Kinderjury einsammelt, stellt sie Filmkritiken zusammen, die auf der Homepage des Festivals veröffentlicht werden – Link dazu am Ende des Beitrages.

Warum dabei?

Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… wollte dann noch von den jungen Juror:innen wissen, was sie bewogen hat, Teil der Kinderjury zu werden, wie das nun ist und ob sie vorher schon über Filme (so intensiv) gesprochen hätten.

Da sich viele Aussagen decken, seien die Antworten gar nicht einzeln angeführt. Viele der Jury-Mitglieder haben ältere Geschwister, die schon Teil der jeweiligen Kinderjury waren. Was diesen sehr gefallen hat – und deren Begeisterung sich auf sie übertragen hat. Dass sie selbst schon mal in früheren Jahren beim Kinderfilm-Festival waren ist eine der Voraussetzung, da die Bewerbungen nur dort fürs jeweilige kommende Jahr abgegeben werden können.

Das meiste Wort das bei der Einschätzung fiel: Cool. Auf die Nachfragen, was das Coole sei, kam oft: Weil wir uns gemeinsam die Filme anschauen und dann darüber reden, man deshalb auf Dinge achtet, auf die man vorher nicht so geschaut hat. Vor der Jury-Tätigkeit sei nach Filmen höchstens über Handlung, vielleicht noch über Charaktere gesprochen worden, aber nie so viel auch über Kamera, Bilder, Dialoge, ob etwas logisch oder weniger ist, wie die Darsteller:innen spielen – immerhin sind bei allen Filmen des Kinderfilm-Festivals Kinder bzw. Jugendliche die Hauptdarsteller:innen. Jedenfalls ist große Begeisterung deutlich herauszuhören.

Erst als Anneliese und Paula zaghaft ansprechen, dass es doch auch ganz schön anstrengend sei, fällt den Mitgliedern der Kinderjury ein: „Ja, sehr zeitaufwendig ist es schon!“. Immerhin schauen sie in einer Woche neun Filme – samt ausführlicher Gespräche und Diskussionen darüber.

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kinderfilmfestival -> kritiken-der-kinderjury

Probenszene aus "Herr der Diebe" - vom Burgtheater freigegeben

Spiel auf drehbarem, wandlungsfähigen Klettergerüst

An einer Seite lehnt eine hölzerne 2D-Gondel, an einer anderen Wand ein kleineres solches Schifferl. Vor der großen Gondel steht eine kräftig rote, große Gesichtsmaske. Der Großteil der Bühne wird von einem Gestell aus golden lackierten Stangen eines Baugerüsts beherrscht. An manchen Stellen haben einige der senkrechten Stangen blütenähnliche Gebilde als „Kopf“. Die senkrechten Stangen ruhen auf Rollen. Die gesamte Konstruktion ist somit fahrbar – was die Schauspieler:innen mehrfach unter Beweis stellen werden – und ein Klettergerüst.

Wir befinden uns im Kasino am Schwarzenbergplatz und dies ist eine der Spielstätten des Wiener Burgtheaters. Noch wird hier intensiv geprobt, am 25. November 2023 ist Premiere des rund 1 ½-stündigen Familienstücks „Herr der Diebe“ nach dem Roman von Cornelia Funke (2000 erschienen, einmal verfilmt – 2006, und mehrfach fürs Theater bearbeitet. In Wien wird eine neue Bühnenversion gespielt, die der Regisseur Rüdiger Pape auch selber geschrieben hat – dazu befragte ihn Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… in einem Interview, das als eigener Beitrag weiter unten verlinkt ist.

Vielleicht zunächst zwei Absätze über den Hauptstrang der Geschichte

Kürzest die Story

Vor der bekannten „Tintenwelt“-Trilogie und nach der „Die wilden Hühner“-Serie veröffentlichte Cornelia Funke „Herr der Diebe“. Nachdem die Mutter von Bo(nifazius) und Prosper gestorben ist, droht deren nicht gerade kinderliebende Schwester Esther den kleinen Bo (5 Jahre) zu sich zu nehmen, Prosper hingegen nicht. Daraufhin flüchtet dieser mit dem kleinen Bruder nach Venedig, der Lieblingsstadt der Mutter. Esther beauftragt einen Detektiv, namens Victor Getz, die Kinder zu finden.

Diese finden in der italienischen Lagunenstadt Zuflucht bei einer Kinderbande von Dieben, die in einem alten, heruntergekommen, stillgelegten Kino – für die Stückversion wird dieses zu einem alten Theater (!) – leben. Ihr Anführer, der „Herr der Diebe“ heißt Scipio – und führt ein Doppelleben. Seinem Vater gehört nicht nur das Kino, sondern ziemlich viele Häuser. Aber er ist nie da, weshalb auch Scipio Zuflucht bei der Bande gefunden hat.

Probenszene aus
Probenszene aus „Herr der Diebe“ – vom Burgtheater freigegeben

Proben

So, jetzt aber hinein in die Probenbeobachtung: Detektiv Victor (gespielt von Arthur Klemt, der noch in drei andere Rollen schlüpft), der sich mehrfach vorsagen muss, dass er genial ist, weil er immer wieder eher patschert (wienerisch für tollpatschig) auftritt, nähert sich dem „kleinen“ Bo (Samira Kossebau). Diesmal ist er geschickt, entlockt so manch Geheimnisse – als Kontrapunkt rutscht er gekonnt „ungeschickt“ von einer der Querstangen ab als er selbst fast seinen Beruf verrät.

Noch wirkt die Szene unrund, und so wiederholen die beiden sie. Das ist bei Proben auch ganz normal. „Lass es uns mal ruhiger machen!“, regt der Regisseur an, um Hektik aus der Szenen rauszunehmen.

Gruppen-Schritte

In der nächsten Szene kommt die ganze Bande zusammen. Bos Bruder Prosper (Fabian Cabak), Wespe (Clara Liepsch), Riccio (Julia Pitsch) und natürlich der Titelheld „Herr der Diebe“, Scipio mit Vornamen (Julian von Hansemann). Bo darf ihn Scip nennen. Sie checken, dass der Kleine zu viel geplaudert hat, sie aber davon leben, dass niemand etwas über sie weiß. Shit. Und dann ist er da vorne noch, der Detektiv. Was wiederum Wespe ein wenig dahinschmelzen lässt, will sie doch selber Detektivin werden.

Bart-„Tausch“

Nun gilt es, den Detektiv zu fangen. Der Weg dorthin – da wird nun viel geprobt – gehen sie nebeneinander oder hintereinander. „Aber wir können nicht nur in die eine Richtung schauen, wir müssen uns auch ein bisschen in die andere öffnen, da sitzt ja auch Publikum“, bringen gleich mehrere der Schauspieler:innen ein. Also noch einmal.

Jetzt springt Sebastian Herzfeld helfend ein, er ist für die Musik der Inszenierung zuständig. Der Rhythmus, den er für diese Szene unterlegt, hilft dem „Diebs-Quintett“ sehr. Fast filmisch wirkt dieser Gang von einer Bühnenseite zur anderen, wo sie – natürlich – den Detektiv schnappen und ihm alles abnehmen, sogar den Bart. Den hängt sich nur Wespe ins Gesicht.

Da dieser Vorgang von vornherein hektisch angelegt ist, regt auch da der Regisseur ein bisschen Ruhe – und damit Klarheit – an. Wenn Samira Kossebau als Bo dem Victor (Arthur Klemt) das Sakko auszieht, bleiben die Ärmel hängen, also probiert sie sich das Sakko nun gleich verkehrt herum anzuziehen. Wie’s letztlich sein wird? Die Premiere wird’s zeigen!

Taschenlampen

Die Szene, wenn im alten Theater das Licht ausfällt und eine Verfolgungsjagd – Detektiv vs. Kinder – fast ganz im Dunklen spielt, muss nur einmal wiederholt werden. Schon dürfte sie „sitzen“. Einzig die Taschenlampen bereiten Probleme. „jedes Mal, wenn wir drücken, kommt ein anderes Programm, könnten wir welche haben, die einfach nur stark leuchten, wenn wir den Knopf drücken“, bitten die Schauspieler:innen. Ausstatterin Flavia Schwedler entgegnet, dass „andere die so stark leuchten, noch mehr Programme haben“.

Probenszene aus
Probenszene aus „Herr der Diebe“ – vom Burgtheater freigegeben

Geniales Bühnenbild

Flavia Schwedler ist der Kopf hinter der genialen so flexiblen Bühne aus den relativ wenigen Stangen, die damit viel Luft und Freiraum lassen. Diese wenigen Stangen eröffnen so viel Bilder. Sie können auf ihren Rollen nicht nur gedreht, sondern auch auseinandergezogen und zusammengeschoben werden. So entstehen parallele „Gassen“ – und schon siehst du Kanäle. Aber auch das alte heruntergekommene Theater, die Villa von Scipios Vater (auch Arthur Klemt) und – ach nein, das sei noch nicht gespoilert…

„Nicht gern“, lasse sie sich fotografieren, „nur, kurz, wenn ich schnell durchgehe“, meint sie zum Reporter. Beantwortet aber gern die Frage, wie sie auf die Idee für dieses Bühnenbild gekommen ist. „Ich bin über einen Flohmarkt gegangen, hab einen Teelichterhalter gesehen, der sich so zusammenschieben und auseinanderziehen lässt. Und mit diesem Vorschlag bin ich in die Besprechung mit Regisseur und Bühnentechnik gekommen – so etwas aus Baugerüststangen zu machen. Ich hab gar nicht damit gerechnet, dass sich das realisieren lässt. Aber alle waren sofort dafür. Dann hab ich noch gedacht, das würde beim Drehen und Ziehen fürchterlich quietschen. Aber die haben das hier toll hingekriegt“, freut sie sich. „Und mit der Goldbemalung schaut das so edel aus!“

Es ist sozusagen eine „Drehbühne“ der anderen Art – die gesamte Kulisse fährt – angetrieben jeweils durch Schauspieler:innen, die verschiedene Drehungen in einer Probenphase ausprobieren.

„Verwandlung“

Der Detektiv will zum Besitzer des Theaters (im Roman Kinos), läutet und trifft auf einen jungen Mann im eleganten in rotem Anzug – zu Beginn hängt noch das Preisschild aus einem Hosenbein. In dem steckt nicht der Dottore, sondern – der Scipio-Darsteller. Nicht in einer Doppelrolle, sondern ein und derselbe. Der „Herr der Diebe“ ist Sohn aus reichem Haus. Welch Überraschung! Die beiden spielen diese Begegnung und Auseinandersetzung mehrfach in Varianten. Mal packen sie einander gegenseitig am Kragen, dann wieder beugen sie sich fast slapstick-artig weit über den jeweils anderen, nachdem sie zuvor verblüfft Blicke tauschen und nach dem dritten zu schreiben beginnen. „Sollen wir uns anschreien, oder sollen wir uns nach vorne drehen und ins Publikum schreiben?“, fragt Hansemann (Scipio) den Regisseur. Der gibt – wie öfter nicht gleich was vor, sondern regt an: „Macht mal, spielt es mal, schauen wir uns an, wie’s funktioniert“.

Wenige Einsätze für die Souffleurin

An diesem Proben-Vormittag, den KiJuKU mitverfolgen darf, kommt Monika Brusenbauch als Souffleurin nur selten zum Einsatz, da kaum wer von den Schauspieler:innen einen Text-Hänger hat. Der Großteil ihrer Arbeit in diesen Stunden: Mit Bleistift, Sätze streichen bzw. da und dort Wörter verändern, die sich aus dem Spiel – und dem Dialog der Spieler:innen mit dem Regisseur ergeben.

Songs

Das dreh- und fahrbare Metallstangen-Gerüst wird in einer Szenen auch sozusagen zum Schlagzeug. Wenn die „Bande“ singt „Wir sind die Kinder vom Sternenversteck“ (das alte

Theater heißt Stella – italienisch für Sterne), dann trommeln sie im Takt mit Sticks auf die Metallstangen. „Wir nehmen das Leben in die Hand – Freiheit kommt von Kinderhand!“

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Probenszene aus "Herr der Diebe" - Regisseur mit einem Teil der "Diebsbande"

Dieser Ort hat etwas von einem venezianischen Palazzo

Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… durfte eineinhalb Wochen vor der Premiere bei einer Probe für das Familienstück „Herr der Diebe“ in der Burgtheater-Spielstätte Kasino am Schwarzenbergplatz zuschauen – diese Proben-Reportage ist weiter unten verlinkt. Und in einer Probenpause den Regisseur, Rüdiger Pape interviewen.

KiJuKU: Erstens Danke, dass ich bei einer Probe dabei sein darf und zweitens schon vorab für das Interview. Wurdest du für dieses Stück angefragt, oder hast du es selbst vorgeschlagen?
Rüdiger Pape: Das haben wir zusammen gemacht. Ich wurde angefragt, hier wieder ein Kinderstück zu inszenieren. Dann haben wir viele Stücke gelesen, hin und her gewälzt, welches könnte es sein. Die Brücke zu „Herr der Diebe“ ist im Grunde genommen das Kasino selber. Das Buch war zwar schon mit im Topf der in Frage kommenden Stücke, aber der Ort hier hat ja so etwas von einem venezianischen Palazzo. Die Anmutung der Architektur hat auf jeden Fall eine Assoziation zu Venedig. Irgendwie matcht das, wie man so modern sagt.

KiJuKU: Das heißt, eigentlich war der Ort ausschlaggebend für die Auswahl des Stücks?
Rüdiger Pape: Ja schon, natürlich waren wir uns auch einige, dass die Geschichte großartig ist, Cornelia Funke ist einfach eine super Autorin. 2018 hab ich mal „Tintenherz“ inszeniert am Schauspiel Frankfurt. Sie kann Geschichten schreiben und erfinden, die sowohl Kinder als auch Erwachsene faszinieren. Das finde ich immer ganz wichtig. Und sie kann eine klassische Abenteuergeschichte mit fantastischen Elementen verbinden. Das finde ich fürs Theater spannend.

Aber es war hier schon auch mit einem Risiko verbunden. „Herr der Diebe“ wird normalerweise mit großem Ensemble auf großer Bühne gespielt. Aber hier, das war dafür eine tolle Herausforderung, finde ich.

KiJuKU: Was hat dich an „Herr der Diebe“ fasziniert?
Rüdiger Pape: Neben der spannenden Abenteuergeschichte dieses Element, dass einige der Kinder sich wünschen, erwachsen zu sein, und einem der Erwachsenen gern Kind wäre. Dadurch, dass dies durch das Karussell dann möglich wird, kriegt das durch diesen Dreh fast so einen philosophischen Aspekt.

KiJuKU: Beim Schreiben der eigenen Fassung bist du dann von bisherigen Bühnenversionen ausgegangen oder hast nochmals auf den Roman selbst zurückgegriffen?
Rüdiger Pape: Ich bin nur vom Roman ausgegangen, ich hab eine Bühnenfassung gelesen aber wieder weggelegt. Ich dachte, ich versuche einen eigenen Weg zu gehen. Außerdem hat es natürlich Einfluss auf die Fassung, wie viele Schauspielerinnen und Schauspieler hast du zur Verfügung, hier eben wenige. Wir arbeiten mit Doppelbesetzungen, Arthur spielt sogar vier verschiedene Rollen (Detektiv, Hehler, Scipios Vater und den Conte, der den Diebstahl des hölzernen Löwenflügels beauftragt). Katharina Pichler spielt die böse Tante Esther und Ida, die gute Warmherzige.

KiJuKU: Dann hattest du den Roman vor dir, die Anzahl der Spieler:innen – hast du dann einen großen Bogen skizziert, oder Szene für Szene geschrieben?
Rüdiger Pape: Was die Texte angeht bin ich eng bei Cornelia Funke geblieben. Ich hab vor allem geschaut, welche Szenen können und welche will ich jedenfalls zeigen. Manches haben wir einfach ganz weggelassen – und das vermisse ich auch gar nicht, etwa die Barbarossa-Geschichte hintendran mit Esther.

Das sind einerseits inhaltliche und andererseits auch ganz pragmatische Gründe, warum wir manches weglassen.

KiJuKU: Du hast dann beim Schreiben schon die Szenen im Kopf oder vor deinem geistigen Auge?
Rüdiger Pape: Das ergibt sich dann alles nach und nach. Wobei da auch das Bühnenbild eine große Rolle spielt. Dadurch, dass das so ein offener Raum ist, arbeiten wir ganz anders. Wir schieben ja keine Kulissen raus und rein, sondern bieten so eine Art Imaginationsraum an. Wobei das Publikum ja sieht, wie die Spieler:innen das Gestänge immer wieder in neue Orte verwandeln.

KiJuKU: War das eine gemeinsame Entscheidung, so einen flexiblen Raum zu schaffen?
Rüdiger Pape: Das war schon auch ein Zufall – mehr dazu in der Probenreportage, wo Bühnenbildnerin Flavia Schwedler das KiJuKU erklärt. Es gibt ja den berühmten Spruch, den ich persönlich so mag: „Der Zufall begünstigt diejenigen, die darauf vorbereitet sind.“

KiJuKU: Warst du auch bei der Entscheidung über die Schauspieler:innen dabei?
Rüdiger Pape: Ja, wir haben zwei Studentinnen von der MuK (), wir hatten Casting, die haben vorgesprochen.

KiJuKU: Was sind die wichtigsten Elemente an dieser Geschichte?
Rüdiger Pape: Einmal ist es der Traum, so eine Bande zu haben, die unabhängig von Erwachsenen, fast wie autark ihr eigenes Leben schafft. Fast jede und jeder von uns, die an dem Stück beteiligt sind, hatte irgendwie so eine Bande. Aber hier geht es ja nicht nur um diese romantische Vorstellung, sondern diese Waisenkinder kämpfen ja ums Überleben, das ist harter Existenzkampf.
Dann die Erwachsenenwelt, die feindlich erscheint. Die Tante ist, naja, sagen wir, emotionsarm. Der Victor hat seinen Detektiv-Auftrag, aber der ändert seine Meinung, womit wir eine schöne Drehung einer Person haben – wo sich Einstellungen verändern und wir eine Entwicklung mitverfolgen können; eine Erkenntnis, dass die Kinder es schaffen, so zu leben, aber andererseits fehlt ihnen Schutz und alle sehen sich nach einer Art Familie – auch wenn sie selber gemeinsam wie eine solche funktionieren.

KiJuKU: Die Figur des Scipio kommt zwar aus sehr privilegiertem Haus, ist aber dank der ständigen Abwesenheit des Vaters doch auch so etwas wie ein Sozialwaise. Gleichzeitg lügt er seine neue Familie die ganze Zeit an.
Rüdiger Pape: Das ist eine ganz interessante Figur, finde ich – die Mutter kommt bei uns gar nicht vor und auch im Roman spielt die keine Rolle. Der Vater distanziert sich stark von seinem Sohn, kann mit ihm gar nichts anfangen, lässt jede Wertschätzung fehlen. Dieser Scipio sucht sich sozusagen diese neue Familie, die Bande, die er gründet und in die er als Diebsgut Zeug mitbringt, das er zu Hause mitnimmt. Der lebt dann in zwei Welten, täuscht beide Seiten und baut ein Lügengebäude auf. Dass das dann auffliegt und was das nicht nur mit ihm, sondern der ganzen Gruppe macht – das ist unheimlich spannend. Aber so wie das gebaut ist, können wir ihn verstehen, warum er so handelt. Und natürlich hat er dann den größten Wunsch, erwachsen zu werden, um aus dieser Situation irgendwie rauszukommen.

Eigentlich haben alle Figuren, die hier vorkommen, interessante Aspekte. Mich interessieren auch diese emotionalen Geschichten der einzelnen Figuren. Wespe ist die Schlaue, Riccio ist ein wenig grober gestrickt, Prosper sorgt sich um seinen kleinen Bruder Bo, ist aber selber erst so 13 oder 14 Jahre – also viel zu viel Verantwortung für seine Jugend. Bo ist noch viel zu klein, betrachtet alles sehr naiv. Und Victor (Detektiv) hat zum Beispiel so einen Moment, wo er sich betrachtet und fragt, weiß ich eigentlich noch, wie ich mit fünf Jahren war – das geht dann so über den einfachen Erzählstrang einer spannenden Abenteuergeschichte hinaus. Also sehr vielseitig und spannend.

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Doppelseite aus dem Bilderbuch "Das Tännchen Felix"

Immer auf die Kleinen losgehen…

Kurt ist eine große, mächtige Tanne. Und stolz darauf. Aber auch mehr als überheblich. Grausam macht er sich lustig über seinen Artgenossen Felix, nur weil der viel kleiner ist und deshalb – nicht nur von Kurt Tännchen genannt wird. Was Felix verständlicherweise sehr kränkt.

Kurt hört rein gar nicht auf die Ermahnung der Lehrerin Immergrün, einer Bärin, in der Baumschule: „Nett sein ist was für alle“ – so die Aufforderung der Lehrerin. Aber schon auf der nächsten Doppelseite, in der es um die Vorbereitung der Tannen auf Weihnachten geht. Wobei all diese Nadelbäume des Waldes das Glück haben, nicht abgeholzt und nur für wenige Tage oder zwei, Wochen in einem Wohnzimmer stehen zu müssen. Sie dürfen im Wald bleiben, werden dennoch geschmückt – damit Tiere hier dieses Fest feiern können.

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Das Tännchen Felix“

Weshalb die Lehrerin dann allerdings den Bäumen die Aufgaben gibt: „gerade stehen“, „möglichst wenig Nadeln verlieren“ entzieht sich doch der Logik. Dass sie nicht mitsingen sollen – gut, das passt dazu, dass die Tannen auch für die Tiere hier geschmückt werden wie in Wohnungen.

Und es kommt wie fast vorauszusehen – zur Freude Kurts – Ob Familie Fuchs, Dachs, Maulwurf, Reh, Specht und so weiter – alle „übersehen“ Felix.

Natürlich nur fast alle, Happy End muss her und – nein, welches Tier sich gerade darüber freut, dass Felix nicht größer ist, das wird nicht gespoilert. Nur so viel: Dieses Tier kann auch die eigene Familie davon überzeugen, rund um diese kleine Tanne zu feiern.

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Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „Das Tännchen Felix“
Szenenfoto aus dem Film "Große Träume" (Děti Nagana /Kinder Naganos)

Großteils eine wahre Geschichte verfilmt

Die ersten Sekunden des Films bleiben schwarz, nur die Stimme eines Sportreporters ist zu hören. Eine sehr aufgeregte noch dazu, die sich fast überschlägt. Hier wird das Original des Kommentators eines historischen Eishockeymatches eingespielt: Tschechien gegen Kanada bei den Olympischen Winterspielen im japanischen Nagano 1998. Österreichs nördliches Nachbarland hat nicht nur dieses Halbfinal-Spiel, sondern später auch das Finale gegen Russland gewonnen und damit Gold geholt.
Aber im Halbfinale gegen Kanada wurde der Tormann Dominik Hašek zum Helden, weil er im Penalty-Schießen kein Tor zugelassen hat.

Szenenfoto aus dem Film
Szenenfoto aus dem Film „Große Träume“ (Děti Nagana /Kinder Naganos)

Die Folgen

Die ersten Bilder des Films „Große Träume“ (im tschechischen Original: Děti Nagana /Kinder Naganos) blenden dann in eine Schulklasse, die das Match verfolgt, jubelt und bei Dom, einem der Schüler, den Traum auslöst, selber Eishockey-Tormann werden zu wollen. Und genau darum dreht sich der knapp mehr als 1 ½-stündige Film. Der ist übrigens noch am Dienstag, 14. November, 15 Uhr im Rahmen des Kinderfilm-Festivals zu erleben – im Cinemagic in der Wiener Urania.

Kurzauftritt des echten Helden von Nagano

Doms Stiefvater macht den Buben ständig runter, nichts traut er ihm zu, verdonnert ihn ständig dazu, ihm bei Arbeiten im Garten zu helfen, er lässt ihn gar nicht zum Hockey-Training – mit Tennisbällen, weil Sommer ist. Er schleicht sich doch immer wieder weg, beim ersten Spiel – gegen deutlich ältere und noch dazu eingespielte Jungs – verliert Doms Team, in dem mit Katka auch ein Mädchen mitspielt. Aber… – natürlich kommt’s zu einer Wendung, ein Film lebt schon auch von Spannung. Mehr sei nicht verraten – oder doch eines noch: Der oben genannte seinerzeitige Held von Nagano, der damalige Torhüter Dominik Hašek hat einen Kurzauftritt im Film – und in Tschechien kennen ihn viele, wahrscheinlich nicht weniger als in Österreich den Fußballer Hans Krankl, der noch immer – obwohl heuer schon 70 Jahre geworden – besonders für seine zwei Tore gegen Deutschland bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1978 (!) in Cordoba bekannt ist.

Szenenfoto aus dem Film
Szenenfoto aus dem Film „Große Träume“ (Děti Nagana /Kinder Naganos)

Besuch zweier Hauptdarsteller

„Ungefähr zu 80 Prozent ist die Geschichte wahr. Es ist die vom Regisseur (Dan Pánek), der auch das Drehbuch geschrieben hat“, sagt der 13-jährige Tom Brenton (volle Vornamen Tomáš Ríchard). Er spielt den schon genannten Dom. Und er war gemeinsam mit Fabian Šetlík, der in die Rolle des wichtigen Mitspielers des Hockeyteams Dvořka schlüpfte, am Eröffnungs-Wochenende des 35. Internationalen Kinderfilm-Festivals in Wien. Nach dem Film beantworteten die beiden viele Fragen von Kindern – und einigen Erwachsenen – im vollbesetzten Kino-Saal. Und schon vor dem Film durfte Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… die beiden – auf Englisch – interviewen (KiJuKu hatte vom Festival den Film – mit englischen Untertiteln – vorher bekommen, im Kino wurde über das tschechische Original – wie bei allen internationalen Filmen des Festivals der Text, vor allem die Dialoge, live Deutsch eingesprochen.

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Zu dem Interview mit den beiden jungen Hauptdarstellern geht es hier unten.

KiJuKU-Interview mit Tom Brenton (im Film Dom) und Fabian Šetlík (m Film Dvořka) im Cine-Center, wo der Film im Rahmen des Internationalen Kinderfilm-FEstivals (auch) gezeigt wurde

Konnten uns gut in die Rollen der Hockey-Jungs reinfühlen

Tom Brenton (volle Vornamen Tomáš Ríchard) spielt in „Große Träume“ (im tschechischen Original: „Děti Nagana“ / Kinder Naganos) Dom, den Torhüter im Hockey-Team, für den der reale tschechische Eishockey-National-Tormann Dominik Hašek DAS Vorbild ist. Sein bester Freund ist Dvořka. Diesen spielt Fabian Šetlík. Die beiden 13-Jährigen aus Prag waren am Eröffnungs-Wochenende des 35. Internationalen Kinderfilm-Festivals in Wien. Zum ersten Mal ohne den Regisseur, mit dem sie schon bei anderen Kinderfilmfestivals waren. Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… durfte die beiden interviewen.

KiJuKU: War es dein erster Film?
Tom Brenton: Es ist mein dritter Film, aber es war meine erste Hauptrolle.

KiJuKU: Was waren die beiden anderen Filme?
Tom Brenton: Im ersten Film „Vlastníci“ (einer Komödie) hab ich nur eine sehr kleine Rolle, da komm ich nur ungefähr fünf Minuten vor, der zweite war ein Dokumentarfilm.

KiJuKU: Wie alt warst du beim ersten Film?
Tom Brenton: Ich hab mit neun Jahren mit Film-Schauspiel begonnen.

KiJuKU: Wie kam’s vor vier Jahren dazu, dass du begonnen hast für Filme zu spielen?
Tom Brenton: Ein Freund meiner Schwester hat in Filmen gespielt. Meine Schwester wollte das dann auch. Als sie zu einer Casting-Agentur gegangen ist, war ich dabei und sie haben mich gefragt, ob ich mich auch bewerben will. Wir haben gesagt: Warum nicht. Und zwei Monate später wurde ich für den ersten Film eingeladen.

Tom Brenton (im Film Dom) und Fabian Šetlík (m Film Dvořka) im Kino - auf der Leinwand der Trainer des Film-Hockey-Teams
Tom Brenton (im Film Dom) und Fabian Šetlík (m Film Dvořka) im Kino – auf der Leinwand der Trainer des Film-Hockey-Teams

KiJuKU: Wie waren die ersten Drehs – vor der Kamera, warst du nervös oder happy?
Tom Brenton: Es war sehr interessant. Da waren so viele bekannte Schauspielerinnen und Schauspieler – also viele kannten sie, ich kannte nur Jiří Lábus, er ist ein in Tschechien sehr bekannter Schauspieler. Ich bin mit meiner Mutter angekommen – die war voll fasziniert von den vielen bekannten Darsteller:innen, ich hatte von den meisten keine Ahnung.
Natürlich war ich nervös, aber schon am zweiten, dritten Tag hatte sich das gelegt, weil alle so nett waren.

KiJuKU: Wie war das mit den vielen, ewig langen Wartezeiten, bis du selber dran warst oder auch damit, eine Szene drei, vier Mal oder noch öfter wiederholen zu müssen?
Tom Brenton: Anfangs war das schon ein bisschen nervig, aber dann hab ich mich schnell auch daran gewöhnt. Da der Film ungefähr zu 80 Prozent die echte Kindheit des Regisseurs Dan Pánek zeigt – also genau meine Rolle -, konnte er mir immer wieder gut und genau erklären und erzählen, wie er sich in der jeweiligen Szene wirklich gefühlt hat. Das hat mir für mein Schauspiel sehr viel geholfen. So konnte ich mich reinfühlen in die Figur des Dom. Und es ist gelungen so zu spielen, als wäre da gar keine Kamera und nicht all die Leute vom Film, sondern nur meine Freund:innen und ich und wir spielen ein Match.

KiJuKU: Wie war es, so einen Buben zu spielen, der vom Stiefvater ständig runtergemacht wird, dem so viel misslingt?
Tom Brenton: Daran hab ich gar nie gedacht, ich hab mich konzentriert auf den Dom, der immer versucht, sein Bestes zu geben.

KiJuKU: Es war dein dritter Film, ist das dein Berufswunsch, Filmschauspieler zu werden?
Tom Brenton: Schon, ich liebe das, weil es wirklich jeden Tag – obwohl wir um ½ 6 oder 6 Uhr früh aufgestanden sind – ein so schönes Gefühl war, zum Dreh zu gehen oder fahren. Alle waren so nett und freundlich. Der Regisseur hat auch keinen Druck gemacht, sondern wir hatten auch viel Spaß bei den Dreharbeiten. Es gab immer gute Stimmung. Es war wie ein Sommer-Camp von Montag bis Freitag (insgesamt 26 Drehtage).

KiJuKU-Interview mit Tom Brenton (im Film Dom) und Fabian Šetlík (m Film Dvořka) im Cine-Center, wo der Film im Rahmen des Internationalen Kinderfilm-FEstivals (auch) gezeigt wurde
KiJuKU-Interview mit Tom Brenton (im Film Dom) und Fabian Šetlík (m Film Dvořka) im Cine-Center, wo der Film im Rahmen des Internationalen Kinderfilm-FEstivals (auch) gezeigt wurde

KiJuKU: Hast du „nur“ für Filme gespielt oder auch auf Theaterbühnen?
Tom Brenton: Noch nie im Theater, und ich denke, das wäre auch nichts für mich. Vor der Kamera fühl ich mich wohl. Wenn etwas nicht gleich passt, kann ich’s wiederholen. Das geht im Theater nicht, das macht mehr Druck, würde mich nervös machen. Und wenn ich nervös bin, ist mein Mund wie verschlossen, dann krieg ich kein Wort raus.
Da käme ich fast in eine Situation wie Dom nach dem ersten Match, das sie haushoch verloren haben. Da wollte er zuerst gar nicht mehr spielen. Ich fürchte, das würde mir dann am Theater passieren.

KiJuKU: Was machst du gern in der Freizeit?
Tom Brenton: Ich spiele seit neun Jahren Eishockey in Prag.

KiJuKU: Neun Jahre, das heißt du hast mit vier Jahren begonnen, wowh!
Tom Brenton: Naja, das ist jetzt meine neunte Saison, das heißt ich hab zwischen vier und fünf Jahren begonnen.

KiJuKU: Und bist du in deinem Team Tormann?
Tom Brenton: Nein, ich spiele Verteidiger.

KiJuKU: Wie oft in der Woche trainierst du?
Tom Brenton: Wir trainieren vier Mal in der Woche und einmal haben wir Match.

KiJuKU: Daneben geht sich Schule noch aus?
Tom Brenton: Der Trainer stimmt den Zeitplan auf die Schule ab.

Die beiden Hauptdarsteller des Films - in Dressen des Film-Hockeyteams - im Kino beim Q & A mit dem Publikum
Die beiden Hauptdarsteller des Films – in Dressen des Film-Hockeyteams – im Kino beim Q & A mit dem Publikum, links: Fabian Šetlík, rechts: Tom Brento

Fabian Šetlík: Schon an professionellen Theater gespielt

KiJuKU: Auch an dich als erste Frage, war das dein erster Film?
Fabian Šetlík: Für mich war’s der erste Film, aber ich hab davor schon oft und viel im Theater gespielt – und in einigen TV-Werbungen.

KiJuKU: Theater hast du in der Schule gespielt oder auch auf anderen Bühnen?
Fabian Šetlík: In professionellen Theatern spiele ich in Stücken für kleine Kinder.

KiJuKU: Wie war für dich der Wechsel vom Theater zum Film?
Fabian Šetlík: Das war eine komplette Umstellung für mich. Hier konntest du manches mehrmals wiederholen, womit es perfekter wird.

KiJuKU: Bevorzugst du eines der beiden und willst du weiter sowohl im Theater als auch für Filme spielen?
Fabian Šetlík: Ich mag beides, aber jetzt bevorzuge ich schon Film-Schauspiel ein bisschen.

Tom Brenton (im Film Dom) und Fabian Šetlík (m Film Dvořka) im Kino - auf der Leinwand der Trainer des Film-Hockey-Teams
Tom Brenton (im Film Dom) und Fabian Šetlík (m Film Dvořka) im Kino – auf der Leinwand der Trainer des Film-Hockey-Teams

KiJuKU: Warum?
Fabian Šetlík: Weil du etwas nochmals spielen kannst, wenn’s nicht so gut war.

KiJuKU: Du willst auch Schauspieler werden?
Fabian Šetlík: Ich liebe Schauspiel, aber ich sehe mich selber nicht als späteren Berufs-Schauspieler, sicher wird es nicht meine zentrale Karriere.

KiJuKU: Was schwebt dir als Berufsweg vor?
Fabian Šetlík: Ich weiß es noch nicht genau, aber ich liebe Mathematik und Zahlen – irgendetwas in diese Richtung möchte ich vielleicht machen. Oder Physik, Wirtschaft…

KiJuKU: Was machst du gern in deiner Freizeit?
Fabian Šetlík: Seit sechs Jahren spiele ich Tennis und seit einem halben Jahr geh ich auch noch klettern und bouldern.

KiJuKU: Mit deiner Rolle im Film – Dvořka, Mitspieler im Hockeyteams – warst du zufrieden?
Fabian Šetlík: Ja, er ist ja der beste Freund von Dom – also dem Regisseur als der jung war.

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KiJuKU-Interview mit Tom Brenton (im Film Dom) und Fabian Šetlík (m Film Dvořka) im Cine-Center, wo der Film im Rahmen des Internationalen Kinderfilm-FEstivals (auch) gezeigt wurde
KiJuKU-Interview mit Tom Brenton (im Film Dom) und Fabian Šetlík (m Film Dvořka) im Cine-Center, wo der Film im Rahmen des Internationalen Kinderfilm-FEstivals (auch) gezeigt wurde
Azalea López "belebt" Gymnastik-Bänder in "Punkt und Linie"

Vom unsichtbaren Punkt bis zum großen Ball

Aus Mexiko angereist kamen eine Tänzerin und ihre Regisseurin mit dem Stück „Punkt und Linie“ für das jüngste Publikum – ab sechs Monaten. Geplant waren neben vier ¾-stündigen Auftritten im Dschungel davor schon drei Wochen in Palästina. Woraus kurzfristig klarerweise nichts geworden ist.

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Unsichtbar und doch zu erkennen

Auf der großen weißen Tanzfläche verharrt Azalea López zunächst fast starr sitzend bis alle Zuschauer:innen auf ihren Plätzen sitzen – auf zwei Seiten des Tanzbodens. Der Punkt, von dem im Titel des Stücks die Rede ist: Unsichtbar greift die Tänzerin mit Daumen und Zeigefinger in die Luft und schnappt sich einen solchen. Mit dem tanzt sie durch den Raum – mal nahe an die eine, dann wieder die andere Publikumstribüne. Um danach aus diesem so bewegten „Nichts“ auch noch baugleiche Linien zu ziehen. Klar sind diese zu erkennen.

Soweit sozusagen die Einleitungsphase des Stückes, bei dem Michelle Guerra Regie führte. Ursprünglich waren beide in der Gruppe „Colectivo de Teatro en Espiral“ (Ensenada im Nordwesten Mexikos nahe der US-Grenze) bevor die Tänzerin mit „Indómita Danza I Teatro“ in Guadalajara ebenfalls im Westen aber gut 33 Autobus- bzw. an die drei Flugstunden entfernt) ihre eigene Gruppe gründete.

Bänder, Reifen, Ball

In der Folge agiert die Tänzerin mit drei der fünf „Geräte“ in der rhythmischen Sportgymnastik: Band, Reifen und Ball (dort noch Keulen und Seil). Die Tänzerin verwendet jedoch einen riesigen Gymnastik (Sitz-)Ball – womit sie sozusagen den Kreis zum anfänglichen unsichtbaren Punkt gleichsam schließt.

Wenngleich sehr sportlich tanzt, geht’s ihr – und der Regisseurin – mehr um Bilder, die sie mit ihren Bewegungen mit Hilfe der drei genannten Objekte „malt“ und die kleine oder auch große Geschichten in den Köpfen der Zuschauer:innen auslösen. So manche Szene beinhaltet auch einen Schuss Witz.

Die Tänzerin agiert so animierend, dass einige der Kinder im Publikum recht bald, den Tanzboden mit ihr und ihren Objekten teilen wollen. Was zu gefährlichen Zusammenstößen führen könnte. Erst die letzten zehn bis 15 Minuten überlässt die Tänzerin – auch deutlich sichtbar gemacht durch ein Band, das sie von einer zur gegenüberliegenden Publikumstribüne mehrfach hin und her gespanntes Band signalisiert.

Möglicherweise bräuchte es mehr als die Ansage vor Stückbeginn – eventuell eine deutlich markierte Trennlinie zwischen Tanzboden und Publikumsreihen?

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Doppelseite aus dem Bilderbuch "Mein königsblauer Freund"

Gezeichnet und handgeschrieben im Stile von Kindern

Der weltberühmte Maler Pablo Picasso wird häufig damit zitiert, dass er zwar schon sehr früh sehr perfekt malen konnte, es aber sehr viele Jahre gebraucht hätte, „bis ich zeichnen konnte wie diese Kinder“. Dabei bezog er sich auf eine Ausstellung von Kinderzeichnungen, die das Britisch Council in Paris organisiert hatte.

Dieses Zitat kommt fast unweigerlich in den Sinn, wenn du „Mein königsblauer Freund“ von Monika Helfer und Michael Köhlmeier auch nur durchblätterst. Der letztgenannte, mehr durch seine vielen preisgekrönten schriftstellerischen Werke bekannte Autor hat hier die Geschichte illustriert – im Stile von Kinderzeichnungen. Nach wenigen Seiten gesteht der Illustrator „Hände zeichnen kann ich leider nicht gut. Entschuldigung“. Was er auch gleich beweist mit einigermaßen missglückten Hände-Darstellungen, von denen er eine gleich noch mit zwei großen roten Linien durchstreicht.

Handschrift im Kinder-Stil

Und der Text der – ebenfalls vielfach preisgekrönten Autorin – ist in großen dicken Bleistiftstrichen handgeschrieben, auch das eher in Kinderschrift, manchmal auch mit durchgestrichenen Buchstaben und eingefügten Wörtern – ausgedacht von Monika Helfer, handgeschrieben von Michael Köhlmeier. Beide sind mehr als 70 Jahre jung – jeweils.

Es handelt sich um eine – in Text und Bildern wunderbare Geschichte. Moritz, den alle nur Monki nennen, hat einen heißgeliebten blauen Pulli. Der erinnert ihn an die Farbe seiner Mama. „Auf einmal war sie nicht mehr da. Darum wohne ich bei Opa und Oma.“

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Mein königsblauer Freund“

Fatma, Baum, Pulli

Monki hat schon Freund:innen – Fatma etwa oder einen Baum. Aber keiner ist so eng an ihm dran wie der Pullover. Und so ist der Bub auch lange auf keiner Zeichnung ohne dieses Kleidungsstück zu sehen. Natürlich muss was passieren. Beim Fußballspielen zieht er ihn aus, geht danach nach Haus und vergisst. Und klar, am nächsten Tag liegt er nicht mehr beim Fußballtor, aber…
Na, sicher wird hier nicht verraten, wie’s weiter- und gar ausgeht.

Nur so viel noch: Auf der Buch Wien wurde Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… vom Verlag verraten, dass es noch weitere solche Bücher des bekannten Duos geben werde 😉

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Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „Mein königsblauer Freund“
Doppelseite aus "Tom Turbo - Geheimbuch"

„Geheimbuch“ mit kleinen Krimi-Rätseln und einigen Tricks

Kürzlich feierte das Alles-Könner-Zauber-Fahrrad „Tom Turbo“ seinen 30. Geburtstag – womit es ziemlich genau halb so alt ist wie sein Schöpfer, Thomas Brezina. Für ihn war als Kind ein Fahrrad DER Inbegriff von Freiheit wie er dem Schreiber dieses Beitrages und Betreiber von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… einmal vor etlichen Jahren – damals noch für den Kinder-KURIER – in einem Interview anvertraute.

In „Tom Turbo – Geheimbuch“ versammelt der Autor am gegen Ende auf fünf Seiten eine übersichtliche Liste aller 111 Tricks, die das Fahrrad so draufhat. Davor lädt die der Autor – schön übersichtlich, teils auch verspielt, illustriert von Pablo Tambuscio – ein, deine detektivischen Fähigkeiten einzusetzen und selber den einen oder anderen kleinen Fall (insgesamt ein halbes Dutzend) zu lösen. Schau genau – auf die entsprechenden Abbildungen ist eines der Geheimnisse wie du auf die Lösung kommst; ein anderes: Mitdenken und kombinieren. Ob du recht hast oder nicht – nein, zeigt dir nicht das Licht, sondern die jeweilige Lösung auf einer der vorletzten sieben Seiten. Die letzte ist reserviert für eine Urkunde, in der du nur mehr deinen eigenen Namen einfügen musst.

Außerdem enthält dieses rund 150 Seiten starke Buch ein paar brauchbare Tricks. Dazu zählen einige, wie du dein Zimmer schützt und gleich draufkommst, wenn wer die Tür heimlich aufmachen will, wobei auf Seite 20 Zeichnung und Text auseinanderklaffen (Türschnalle und im Bild hängen die metallenen Kleiderbügel am Türrahmen).

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Titelseite von
Titelseite von „Tom Turbo – Geheimbuch“
Löwenzahn hofft auf "Wiederauferstehung"

Wutbox und Löwenzahn-Wiederbelebung

Hauptdarsteller:innen sind Tausende Bücher und Hunderte Autor:innen, die diese geschrieben haben – daraus lesen und darüber mit Besucher:innen diskutieren. Noch einen Tag lang (Sonntag, 12. November 2023) ist die aktuelle Buch Wien in der Halle D der Messe Wien (ganz wenige Gehminuten von der U2-Station Krieau entfernt).

Neben den Lesungen, dem Stöbern auf den Ständen vieler Verlage, gibt es auch einige Angebote, selber was zu tun. Das reicht von vielfältigen (digitalen) „Basteleien“ wie Dinge am Computer zeichnen, die dann 3D ausgedruckte werden mit dem „roadLAB“ rund um ein Fahrzeug des Technischen Museums Wien und dessen „Maker*Space über „Nachrichten machen“ mit der „Kinderzeitung“ der „Kleinen Zeitung“ bis zu einer „Wutbox“.

Wut

Bei letzterer kannst du entweder auf Zettel mit Stiften schreiben, was dich wütend macht, oder du betritts durch eine Tür die Box selbst, scannst einen QR-Code mit deinem SmartPhone und kannst eine bis zu zwei-minütige Wut-Rede aufnehmen und absenden. Der Verein „Sapere Aude“ an den du deine Aufnahme schicken kannst, wertet die aus. Im Vorjahr wurden die an verschiedenen Orten aufgenommenen Wutreden an Schriftsteller:innen weitergeleitet, die daraus literarische Texte verfassten und veröffentlichten.
Übrigens bietet die Wutbox auf der zweiten Seite/Tür auch an, zu schreiben – oder sagen, was du dir wünscht, deine „Utopie“ auszudrücken.

Utopie-Seite der Wutbox
Utopie-Seite der Wutbox

Pusteblume

Der Buchklub lädt mit „Löwenzahn und Knolle“ zu Geschichten aus der Pflanzenwelt ein (nur bis 15 Uhr). Einerseits gab es Geschichten und Gedichte rund um Löwenzahn, Erdäpfel und Bohnen und andererseits konnten vor allem Kinder zum Beispiel getrocknete Bohnen eingipsen – und mit nach Hause nehmen. In wenigen Tagen werden die Bohnen ihr „Gefängnis“ durchbrechen und Ranken wachsen raus. Schon vor Tagen gepflückte Löwenzähne konnten ein bisschen angefeuchtet (Putzschwämme) und mitgenommen werden – nach zwei, drei Stunden sollte wieder eine Pusteblume „wachsen“. Was bei den Vorzeigeexemplaren nicht immer funktioniert ;(

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Szenenfoto aus "Tschandala - The Romani Version"

Den Rassismus eines Klassikers kunstvoll zerlegt

Berührend einer- und mitreißend andererseits stürzen Lindy Larsson und die Bon Bon Band, die er an diesem Abend in Bangalo umbenennt, August Strindberg und andere hochdekorierte „Bildungs“kanon-Typ:innen vom Sockel (Selma Lagerlöf etwa). Enthüllen ihre rassistischen Ansichten und Äußerungen gegenüber Roma, ihren Antiziganismus sowie den anderer hochdekorierter Größen aus weiteren Bereichen (Sozialwissenschaft, Politik, beispielsweise Alva Myrdal). Die nicht ganz zweistündige Theater-Musik-Performance deckt dies nicht im Sinne eines „ätsch“ auf, sondern bettet es ein in die Verfolgung von Roma, Sinti, Lovara, Jenischen… – in dem Fall konkret in Schweden. Von Vertreibung über Versuche durch Zwangssterilisierungen diese Volksgruppe zu vernichten bis hin zu späterer „nur“ Ausgrenzung und derart großem Druck, dass sich viele nicht zu ihrer Volksgruppe bekennen woll(t)en.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Tschandala – The Romani Version“

Gutheißen des Mörders

Um konkreter zu werden. August Strindberg hat 1889 seine Erzählung „Tschandala“ 200 Jahre zuvor in einem alten schwedischen Schloss. Herr Törner (Akademiker) mietet sich dort mit seiner Familie vorübergehend ein, trifft auf „Tattare“, wie fahrende Roma in diesem Land genannt werden. Törner verabscheut sie, findet jedoch eine Tochter der Familie attraktiv – als exotisches Lustobjekt. Trotzdem betrachtet er selbst nach dem Sex die junge Frau noch immer nur als „Tier“. „Mischmasch“ muss sterben. Törner ermordet sie. Und Strindberg stellt sich in seinem Text auf die Seite des Mörders als „Überlegenem“, sozusagen einem „Herrenmenschen“.

Das besagt im Übrigen auch der Titel der Erzählung. „Tschandala“, das sich von Chandala aus der Sanskrit-Sprache ableitet, steht dort für niedere Kaste/Klasse. Friedrich Nietzsche, von dem Strindberg den Begriff übernommen haben dürfte, bezeichnet mit diesem Wort „Mischmasch-Menschen“, die der Züchtung neuer, höherwertigerer Menschen im Wege stehen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Tschandala – The Romani Version“

Zitate und ihre Zerlegung

Lindy Larssen, der gemeinsam mit seine, Ehemann Stefan Forss den Text für „Tschandala – The Romani Version“ geschrieben hat, zitiert mehrmals in der Performance aus der englischen Version von Strindbergs Erzählung. Mal wird sie von Musik durchbrochen. Die Band besteht aus Sara Edin (Geige, singende Säge, Gesang), Miriam Oldenburg (Akkordeon, Glockenspiel), Mats Lekander (Kontrabass), Pia Lundstedt (Gitarre) und Michael Vinsao (Schlagzeug, Glockenspiel, Hackbrett) – und immer wieder auch Lindy Larsson himself – etwa auf einem elektronischen Akkordeon. Und als Draufgab spielen Sara Edin und Lindy Larsson manches Mal mit einem frühen elektronischen Instrument mit bunten Knöpfen und einem Slide-Board, das eher wie ein Spielzeug wirkt. Mal untermalt die Musik, dann wieder konterkariert sie den Text, andere Male wieder ist sie Ausdruck von Widerstand oder unterstreicht geschilderte erlittene Ungerechtigkeiten, Schmerz und Leid.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Tschandala – The Romani Version“

Dann wieder stellt er den Textabschnitten des berühmten Schriftstellers reale allgemeine, aber oft auch sehr persönliche Erlebnisse aus der eigenen Familie gegenüber. Der eigene Vater wurde – wie viele Roma- aber auch Kinder indigener Familien in Nordamerika und Australien – der eigenen Familie weggenommen, in ein Heim gesteckt. Und brutal be-, vielmehr misshandelt. So heftig, dass Lindys Vater mit elf Jahren ernsthaft an Selbstmord (nicht nur) dachte. Was ihm zum Glück misslang. Mit Müh und Not entging er der Zwangssterilisierung…

Früh auf Kunst orientiert

Lindy Larsson hatte als Kind oft Angst, dasselbe Schicksal wie sein Vater zu erleiden, rettete sich in Fantasiewelten und wollte früh Schauspieler und Sänger werden. Was als Angehöriger einer so diskriminierten Gruppe – selbst in Schweden, das sich so offen und tolerant präsentiert und in vielfacher Hinsicht auch ist – kein leichter Weg war. Auch darüber erzählt das Stück – sowohl den Weg Larssons, also auch die nur halbherzige Entschuldigung des schwedischen Staates für die ewig lang zugefügten Leiden. Für Lacher sorgte der Musiker und Schauspieler als er auf die Kirche zu sprechen kann – eine Institution, die mehr als kräftig an die Verbrechen an Roma beteiligt war. „Dabei ist doch die Bitte um Vergebung eines der Kerngeschäfte der christlichen Religion von Anbeginn an…“

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Tschandala – The Romani Version“

Für Berlin entwickelt

„Tschandala – The Romani Version“ entwickelte er für das Berliner Gorki-Theater, das ihn schon 2017 eingeladen hatte im Stück „Roma Armee“ mitzuwirken. Sandra und Simonida Selimović, die vor zehn Jahren in Wien „Romano Svato“ (Romanes – auf Deutsch: Stimme erheben) gegründet und nun zum dritten Mal das Festival „E Bistarde /vergiss mein nicht“ organisierten, in dessen Rahmen auch die hier besprochene Performance zu sehen und hören war, hatten dieses kämpferische Selbstermächtigungs-Stück konzipiert und federführend daran und darin mitgewirkt.

In der Performance eröffnet Lindy Larsson nicht zuletzt, dass so manche in seiner Familie viel offener auf sein Homosexuellen-Outing reagiert haben als darauf, dass er sich offen zu seiner Roma-Identität bekannte. Was viel darüber aussagt, wie’s wirklich um die Offenheit der schwedischen Gesellschaft steht.

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Bildmontage: Einerseits das Podium und andererseits das Auditorium bei der Vorstellung der Umfrage unter vor allem (ÖBB-)Lehrlingen

Lehrlinge wünschen sich stabile Arbeitsverhältnisse

Statt Balance mögen Lehrlinge lieber Separation, also Trennung, wenn es um die Bereiche Arbeit (work) und Freizeit (Leben/life) geht. Das ist eines der Ergebnisse einer großen Studie und Jugendlichen und teils auch jungen Erwachsenen, die einen Beruf erlernen, ein Gutteil von ihnen bei den Österreichischen Bundesbahnen. Folgerichtig wurden die Ergebnisse am Donnerstag auch in einer der ÖBB-Lehrwerkstätten, in jener in Wien-Favoriten vor gut 200 Lehrlingen – gemeinsam mit Pia Gsaller, Vorsitzende der Konzern-Jugendvertretung sowie der für den Ausbildungsbereich zuständigen Vorständin in der ÖBB-Infrastruktur AG (Silvia Angelo) präsentiert.

Studienautor Matthias Rohrer und sein Team (Das Zielgruppen Büro) hatten insgesamt rund 1700 Jugendliche/junge Erwachsene befragt – zunächst 800 Jugendliche (nicht nur Lehrlinge) zwischen 14 und 20 Jahren, darunter ein Viertel ohne ÖBB-Bezug. Weiters wurden 930 aktive ÖBB-Lehrlinge online bzw. etliche auch analog in Fokusgruppen um ihre Meinungen und Antworten zu Fragen gebeten.

Persönliche Erfahrungen aus dem analogen Live-Umfeld

Erstes vielleicht doch überraschendes Ergebnis: Mindestens genauso wichtig wie Internet waren bei der Berufswahl bzw. dem jeweiligen Arbeitgeber für die Befragten „Eltern, Verwandte, Freund:innen oder Bekannte (je ein Drittel). Rund ein Fünftel fand Schnuppertage in Unternehmen entscheidend für die Ausbildungssuche – und dies übrigens in der Gruppe aller befragten Jugendlichen – es wurden nicht nur (künftige) Lehrlinge befragt.

Soziale Medien eigenen sich der Umfrage (Februar bis Oktober 2023) zwar gut als erster Berührungspunkt, später dann, um mehr Einblick in das jeweilige Unternehmen zu gewinnen, aber weniger für ausführlichere (Aus-)Bildungsinformation; Ausnahme: YouTube.

Gutes Arbeitsklima sehr wichtig

Die befragten 14- bis 20-Jährigen fanden übrigens ein gutes Arbeitsklima mindestens genauso wichtig wie gute Bezahlung, wobei Mädchen viel stärker darauf setzten als Burschen. Während 36 Prozent (also knapp mehr als ein Drittel der weiblichen Befragten auf gutes Arbeitsklima setzten, taten dies ihre männlichen Kollegen „nur“ zu einem Fünftel (26 %). Die nannten als Priorität ein möglichst hohes Gehalt (28%).

Noch wichtiger als gutes Arbeitsklima ist für die Befragten ein sicherer Arbeitsplatz und ebenfalls ganz weit vorne rangieren: genügend Freizeit neben dem Beruf, eine interessante Tätigkeit.

Stabile Arbeitsverhältnisse

Was (künftige) Lehrlinge weniger mögen sind Deregulierung, Flexibilisierung sozusagen Dinge, die unter „neuen Selbstständigen“, Start-Ups usw. gang und gäbe sind. Diese Gruppe junger Menschen – die übrigens (noch?) immer medial weitgehend „übersehen“ wird, sehnt sich nach stabilen „normal-Arbeitsverhältnissen“, durchaus mit Arbeitszeitverkürzung 4-Tage-Woche wie die oberste Lehrlingsvertreterin im Gespräch danach Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… erzählte.

Erwartungen gut erfüllt

Doch zuvor noch zurück zur Studie. Ein Viertel fand die Erwartungen, die sie davor an ihre Lehrausbildung hatten, „voll und ganz“, weitere 56 % „eher schon“ erfüllt. „Eher nein“ gaben 14 %, „ganz und gar nicht“ zwei Prozent der Befragten an (drei % keine Angabe/weiß nicht). Übrigens gab es hier nur ganz minimale Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Lehrlingen.

Die allermeisten der ÖBB-Lehrlinge wollen übrigens im Unternehmen bleiben (mehr als ein Drittel „auf alle Fälle“ (35%) nochmals ein bisschen mehr (37%) „eher schon“. Nur 3 von 100 Befragten antwortete auf die Frage „planst du nach der Lehrer bei den ÖBB zu bleiben“ mit „auf gar keinen Fall“ und „eher nicht“ sagten 11 %.

Neben rund 200 Lehrlingen hörten auch ÖBB-Vorständin Silvia Angelo und Studienautor Matthias Rohrer der Konzernjugendvertretungs-Vorsitzenden Pia Gsaller aufmerksam zu
Neben rund 200 Lehrlingen hörten auch ÖBB-Vorständin Silvia Angelo und Studienautor Matthias Rohrer der Konzernjugendvertretungs-Vorsitzenden Pia Gsaller aufmerksam zu

Bei Frauenanteil: Viel Luft nach oben

In Sachen Frauen in die Technik – wobei es bei den ÖBB derzeit 27 Lehrberufe in technischen und kaufmännischen Berufen gibt (aktuell 2.100 Lehrlinge) – ist noch einiges Luft nach oben. „Mit aktuell 21 % weiblichen Lehrlingen liegen wir hier zwar im Branchenvergleich recht gut, aber das Ende der Fahnenstange ist noch lange nicht erreicht“, meint Silvia Angelo, Vorständin in der ÖBB-Infra.

Rund einem Drittel der befragten – ausschließlich weiblichen Lehrlinge – fehlen im Betrieb manchmal weibliche Ansprechpersonen. Was Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… auch zur Frage veranlasste, wie viele Ausbildnerinnen es gibt. Da liegt der Anteil bei rund einer von zehn, also ca. zehn Prozent!

Studienautor Matthias Rohrer, Oberste ÖBB-Jugendvertreterin Pia Gsaller
Studienautor Matthias Rohrer, Oberste ÖBB-Jugendvertreterin Pia Gsaller

Verbesserungen in der Ausbildung möglich

Die Studie zeige, dass „die ÖBB im Großen und Ganzen ein guter Lehrbetrieb ist, dass es dabei aber Luft nach oben gibt“, meinte die Vorsitzende der Konzern-Jugendvertretung Pia Gsaller bei der Studienpräsentation, verwies aber auch darauf, dass generell ihre Generation der Belastung von Corona ausgesetzt war. Deshalb gelte es auch da genau hinzusehen, wie es den Lehrlingen psychisch gehe und wo sie mental welche Unterstützung brauchen. Die Studie habe ja gezeigt, dass das Arbeitsklima für die Lehrlinge sehr wichtig ist. Deshalb gelte es darauf zu schauen, wo und wie AusbildnerInnen noch besser pädagogisch geschult werden können. „Da kommen auch wir Jugendvertrauens-RätInnen ins Spiel. Wir müssen darauf schauen, dass es den Lehrlingen gut und immer wieder besser geht.“ Als einen ihr wichtigen Punkt nannte Gsaller, „dass wir mehr weibliche Ausbildnerinnen brauchen“. (Zu einem Interview mit Pia Gsaller geht es in einem eigenen Beitrag – unten verlinkt.)

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Reportage aus der ÖBB-Lehrwerkstätte Hebbelplatz -> damals noch im Kinder-KURIER

Pia Gsaller, oberste Lehrlikngsvertreterin bei den ÖBB, am Coding-Arbeitsplatz

Gratis-Laptops für Lehrlinge erwirkt

Die Österreichischen Bundesbahnen bilden derzeit 2100 Lehrlinge in 27 Berufen – technisch bzw. kaufmännisch – aus. Die oberste Vertreterin aller Lehrling eist die Vorsitzende der Konzern-Jugendvertretung Pia Gsaller, die am Donnerstag – gemeinsam mit ÖBB-Infra(struktur)-Vorständin Silvia Angelo und dem Autor einer großen Lehrlingsstudie mit Schwerpunkt ÖBB, Matthias Rohrer auf der Bühne stand – mehr dazu in einem eigenen Beitrag, der hier unten verlinkt ist.

Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… bat die Lehrlingsvertreterin zum Gespräch – mal sozusagen zwischen Tür und Angel vor und nach der Präsentation und dann an ihrem Arbeitsplatz in der Lehrwerkstätte Hebbelplatz in Wien-Favoriten. Sie bat um das Du-Wort.

KiJuKU: Für welchen Lehrberuf hast du dich entschieden – und wie kamst du auf diesen?
Pia Gsaller: Ich bin erst später Lehrling geworden. Zuerst habe ich die Matura in einer berufsbildenden höheren Schule mit wirtschaftlichem Schwerpunkt (HLW) in Kärnten gemacht. Danach bin ich nach Wien gegangen und habe begonnen Theater-, Film-, und Medienwissenschaften (TFM) zu studieren. Das war mir zu theoretisch, ich wollte nach einem Jahr etwas anderes machen, komm aus einer Familie wo nicht genug Geld da ist, vielleicht auf eine Fachhochschule zu wechseln. Daher war klar, es muss eine Lehre sein, wo ich auch schon selbst verdienen kann. Ich hab mich dann für Coding entschieden.

KiJuKU: Das liegt ja doch etwas weg sowohl von HLW als auch von TFM?
Pia Gsaller: Mich hat Programmieren schon vorher interessiert und hab bei uns in der Schule am Computer und im Netzwerk so manches erledigt, was Lehrer:innen nicht gekonnt haben. Dann war klar, ich will einen Beruf in diese Richtung erlernen. In einem Zeitungsartikel hab ich dann von der Möglichkeit gelesen, bei den ÖBB Coding zu erlernen. Obwohl ich spät mit meiner Bewerbung dran war, wurde ich genommen. Und bin mit meiner Wahl sehr zufrieden, ich bin jetzt im dritten von vier Lehrjahren.

Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… bat Pia Gsaller, ihren Arbeitsplatz sehen zu dürfen, um sie dort – auch – fotografieren zu können. Und fragte natürlich sofort auch ihre Kolleg:innen an. Die sind mit ihrer Berufswahl und dem Arbeitsplatz auch recht zufrieden.

KiJuKU: Wie bist du dann Jugendvertreterin geworden, warst du schon vorher Klassen- oder Schulsprecherin?
Pia Gsaller: Gar nicht, aber mir sind insbesondere feministische Anliegen wichtig, deshalb habe ich als Jugendvertrauensrätin in einer Gruppe kandidiert und wurde gewählt.

KiJuKU: Was hast du/was habt ihr bisher als Lehrlingsvertretung erreichen können?
Pia Gsaller: Zum einen gibt’s eine deutliche Erhöhung der Gehälter. Als ich begonnen habe, hat die Lehrlingsentschädigung im ersten Jahr 620 Euro ausgemacht, heute liegt sie über 800 Euro. Wir verhandeln über Arbeitszeitverkürzung und 4-Tage-Arbeitswoche. Und im Vorjahr konnten wir erreichen, dass alle Lehrlinge bei den ÖBB einen Gratis-Laptop bekommen.
Denn wieder einmal wurden Lehrlinge, die ja auch Berufsschüler:innen sind, bei der Laptop-Aktion des Bildungsministeriums nicht berücksichtigt. Das ist uns auch schon in der Corona-Zeit so ergangen, auf uns wurde oft „vergessen“.

Außerdem werden Lehrlinge jetzt beim Anspruch auf eine ÖBB-Wohnung schneller berücksichtigt als früher. Da standen wir immer an der letzten Stelle, jetzt sind Lehrlinge in den Wartelisten ein Stück weiter nach oben gerückt.

Eine weitere Forderung von uns sind noch Gratis-Hygiene-Menstruationsartikel für die weiblichen Lehrlinge.

KiJuKU: Danke für das Gespräch.

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Szenenfoto aus "Homo Perfectus"

Männliche Erfolgs-Business-Methode spielfreudig zerlegt

Zu Beginn ein Video. Ein schickes Auto fährt vor, Tür öffnet sich, schwarzer Business-Schuh – mit Fuß dran tritt ins Bild. Steht da – mit seinem zweiten Bein und dem ganzen Mann im Business-Anzug dran. Nicht einer, nicht zwei, nein drei Männer – und einem Chauffeur in Security-Pose. Die Szene spielt in einem ansonsten fast menschenleeren neuen Stadtviertel.

Noch im Video und schon auf der Bühne. Die drei Männer betreten, nein stürmen gleichsam – zunächst einzeln nun live den Messestand  wie das Bühnenbild ausschaut. Jeder auf seine Art und dennoch eint das Trio: „Wir sind die Macher. Wir bestimmen wo’s lang geht – oder wollen das zumindest tun. Siruan Darbandi, Simon Schober und Kajetan Uranitsch, der Kern der Kompanie Freispiel, nimmt das aufs Korn was weit verbreitet als (männliches) Erfolgsmodell verkauft wird.

Durchgestylt

Apropos Verkauf: Für dieses Stück namens „Homo Perfectus“ hat sich die wahrhafte Erfolgsgruppe – umjubelte und preisgekrönte Stücke – ein eigenes Logo schaffen (Video und Grafik: Sara Schober), Roll-Ups produzieren lassen sowie einen rollbaren Shop zusammengestellt – von der Getränkedose über Kugelschreiber, Rucksack bis zu riesigen Behältern für Protein„bomben“. „Kommen Sie, kommen Sie, kaufen Sie, kaufen Sie“ – und vor allem „Buchen Sie, buchen Sie!“, schreit es förmlich – ungesagt aber lautstark den Besucher:innen entgegen. Immerhin agiert das Trio auf, vor und rund um einen „Messestand“ wie schon oben erwähnt.

Alle die Merchs sind aber nur „Nebenprodukte“. Hauptsache ist „Die Methode“: Vom Zniachtl zum Slim-Fit-Top-Manager, vom Schulversager zum Boss. Und das in nur wenigen Schritten, bzw. auf der Bühne in vielen, nicht selten auch tänzerischen, aber nur wenigen Etappen – samt Bashing sogenannter Loser.

Der Weg zum Erfolg im Business scheint offenbar ein reines Männerding zu sein. Schön, wenn drei Männer weit propagierten Herren-Mythos durch den Kakao ziehen. Wobei sie beim Ironisieren, bei der Satire, vielfach gar nicht so stark draufdrücken – aber genug Raum für Lacher lassen. So manche der Szenen (Choreografie: Desi Bonato; Assistenz: Elli Deutsch; Regie-Assistenz: Anna Schmid) sind nur um Nuancen überdreht gegenüber tatsächlich off- und online angebotenen Erfolgs-Coachings. Am stärksten parodistisch wirkt dabei noch die eingestellte (weibliche) abgehackte Computerstimme.

Hoch hinauf und …

Aufstieg und Fall kann mitunter ganz schnell – und überraschend – gehen, wie derzeit das Beispiel eines relativ jungen österreichischen realen Schulabbrechers und Parade-Unternehmers zeigt, das aktuell durch alle Medien geht (René Benko).

In etwa das letzte Fünftel des einstündigen Stücks ist dem Scheitern des zuvor aufgebauten angepriesenen Erfolgsmodells gewidmet. Wie die Geschichte kunstvoll zwischen humorvoll und tragisch aus dem Ruder läuft, im Chaos endet ist ein Feuerwerk an rasanten Bewegungen mit Slapstick-Elementen.

Ein bissl mitmachen und ein Song

Zu erwähnen wäre noch: Das Publikum kann bei einem Pseudo-Gewinnspiel mitmachen und sich überlegen und ausfüllen, welche der fast ein Dutzend in einem Abschnitt wortlos gespielten Szenen Erfolg oder das Gegenteil sind.

Und in einer Szenen springt das Trio in die Rollen einer Band: Am Schlagzeug Siruan Darbandi, an der Stromgitarre Kajetan Uranitsch und als fast auszuckender Sänger Simon Schober.

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Oyindamola Alashe und Gianni Jovanović lasen abwechselnd Kapitel aus dem Buch, Celina Bostic in Warteposition auf ihre Gesangs-Auftritte

Nicht Minderheit, sondern „kleine Mehrheiten“!

„Da habe ich tatsächlich lange getüfelt, bis ich diesen Begriff gefunden habe“, verrät Gianni Jovanović, Performer, Showmaster und Aktivist sowohl in Sachen Rom*nja und Sinti*zze als auch LGBTQI+ nach der berührenden und doch auch aufbauenden performativen Buchpräsentation im Rahmen des Roma-Kulturfestivals „E Bistarde/ Vergiss mein nicht“ im Dschungel Wien. Und weil „kleine Mehrheiten“ statt „Minderheiten“ oder „marginalisierte Gruppen“ so genial ist, meinte die Journalistin Oyindamola Alashe, die aus den Gesprächen mit dem oben Genannten das Buch „Ich, ein Kind der kleinen Mehrheit“ (Aufbau Verlage) geschrieben hat: „Der Titel ist von Anfang an festgestanden.“

Kein Opfer-Buch

Was ebenso klar war: Das Buch sollte – trotz etlicher sowohl körperlicher als psychischer schmerzhafter Erfahrungen als Angehöriger der oben schon genannten beiden „kleinen Mehrheiten“ kein Opfer-Buch werden. Auch wenn einige dieser gewalttätigen Erlebnisse natürlich Teil der veröffentlichten Gespräche sein mussten – bei den Lesungen präsentiert die Co-Autorin diese Passagen -, ist das Buch (eine ausführlichere Besprechung folgt später nach Lektüre der 180 Seiten) eine Erfolgs- und damit auch Mutmach-Geschichte des Titelhelden. Viele Male hatte er – ob aus der Familie, den Communities oder auch von einer ehemaligen Lehrerin in der Sonderschule, die ihn und die Familie gedrängt hatte, eine weiterführende Schule zu besuchen – er ist bislang der einzige aus dieser Schule, der studiert hat: „Du bist unser Held“ – im Sinne eines Vorbildes, dass es auch andere schaffen können.
„Wenn ich heute als Mann und Aktivist über Persönlichkeitsentwicklung spreche, dann geht es auch um Empowerment und darum, wie man sich und andere stark macht. Persönlichkeitsentwicklung ist im Idealfall ein lebenslanger Prozess, der drei Komponenten beinhaltet: Selbsterkenntnis, Selbstakzeptanz und Selbstveränderung.“ (S17)

Vom ausgegrenzten, diskriminierten, geprügelten Jungen zum TV- und Video-Star. Aktuell moderiert er mit Barbie Breakout „Drag Race Germany“ – mit Teilnhemer:innen auch aus Österreich, Finale: 21. November 2023 (Paramount +).

Nie wieder leise

Sowohl der Text und noch viel mehr die Lesungen sind stark von aufbauendem aber auch gegenseitig ein wenig auf die Schaufel gekennzeichneten Humor durchzogen: Die Lese- und Erzählabschnitte werden immer wieder mit Songs der Berliner Songwriterin und Sängerin Celina Bostic verwoben. „Nie wieder leise“ ist ihr aktuelles fünftes Studioalbum. Obwohl sie dennoch eher leise, ja teils sogar fast zerbrechlich wirken, entfalten ihre Songs subversive bis offene Kraft, stärken jene, die oft unterdrückt werden und ermutigen alle, die sich gegen herr-schende Zwänge des Systems auflehnen. Ursprünglich lernten die Musikerin und der aktivistische Performer einander via Instagram kennen, aber erst bei einem echten analogen Treffen seien die drei recht rasch zum Schluss gekommen – keine Lesung ohne Celina Bostic. So heißt es in einem der in Wien performten Lieder „Die Resilienz“ unter anderem „Kein Panik, das hab ich alles schon erlebt“ – im Video dazu wandert Gianni Jovanović mit der Roma-Flagge über der Schulter durchs Bild. „Ein Wunder, dass ich immer noch da bin so oft wie meine Welt untergeht. Ich bin die Resilienz“.

Bei „Lass uns wieder Kinder sein – ich glaub an den Moment, das ist meine Religion“ ersuchte Bostic, das Publikum „mitzuschwofen“ – wenigstens mit den Armen und einem inbrünstigem „ooooohooo“.

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Gianni Jovanovic

Oyindamole Alashe

Celina Bostic

Einige Fotos aus Filmen des Internationalen Kinderfilmfestivals 2023 sowie das Logo

Von der Blume des Himalaya bis zu großen Träumen

15 Lang und sechs Kurz- bzw. Kürzest-Filme laden demnächst je eine Woche in Wien (11.- 19. November 2023) bzw. vier steierischen Städten (18. – 26. 11.) ein, in die Welt von Kindern und Jugendlichen in verschiedensten Gegenden der Welt (mehr als eineinhalb Dutzend Ländern) zu reisen. Unterschiede aber vor allem auch viele Gemeinsamkeiten beim Umgang mit Herausforderungen verschiedenster Art sind auf hochwertigem Niveau zu erleben.

In Wien ist es das 35., in der Steiermark das 15. Internationale KinderFilmFestival. Und wie immer werden die Filme in Originalsprache gespielt und in den Kinos deutsch eingesprochen – der O-Ton wird ein wenig leiser, aber immerhin ist doch die Melodie der jeweiligen Sprache zu hören – beziehungsweise können sich Kinder, die die jeweilige Sprache beherrschen freuen, den Originalstimmen zu folgen.

Kinder-Perspektive

Stets stehen bei den neuen Filmen (aus 2023 bzw. 2022 – Ausnahme der Klassikers „Der geheime Garten“, 1993) Kinder bzw. Jugendliche im Zentrum des Geschehens. Aus ihrer Sicht erzählen sich die Geschichten.

Übrigens: Kinder im Zentrum: Jedes Jahr trifft sich auch eine – natürlich immer neue – Kinderjury. Sie wählen die besten Filme – unter anderem einen, in dem Kinderrechte am besten zur Sprache kommen – aus. Mitbestimmen darf aber auch das Publikum – mittels Ticket-Abschnitt in eine von drei Säulen mit lachendem, neutralem und weniger erfreutem Smilie.

Foto aus
Yuku und die Blume des Himalaya
Ab 6 Jahren
Frankreich/ Belgien/ Schweiz 2022; 65 Minuten; Farbe
Regie: Rémi Durin, Arnaud Demuynck; Animationsfilm
Deutsche Fassung

Eröffnungsfilm

Den Auftakt macht im Wiener Gartenbaukino „Yuku und die Blume des Himalaya“ (Frankreich, Belgien, Schweiz). In dem knapp mehr als einstündigen Animationsfilm geht es um Abschied – wie in mehreren anderen Filmen des diesjährigen Festivals. Aus der Beschreibung im Programmfolder – mehr daraus zu allen Filmen weiter unten, sowie Link in der Info-Box am Ende des Beitrages – heißt es dazu: „Als für ihre geliebte Oma die Zeit gekommen ist, die letzte Reise anzutreten, beschließt die kleine Maus Yuku, ihr die Blume des Himalaya zu besorgen. Deren geheimnisvolle Blüte soll der Großmutter auf ihrem dunklen Weg ins Innerste der Erde leuchten.

Aber der Himalaya ist weit und hoch. Yuku muss sich Gefahren und ihrer Angst davor stellen, findet auf ihrer Reise aber auch Freunde, die ihr helfen. Und außerdem hat sie ihre Ukulele, die sie aus mancher misslichen Lage befreit. Aber wird es Yuku gelingen, rechtzeitig mit der Blume zurück zu sein?“

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Hier eine Bildstrecke mit Kürzestbeschreibungen aller Filme

Dancing Queen

Mina ist eine Musterschülerin. In der Schule gehört sie nicht dazu, aber in Markus hat sie einen treuen Freund, mit dem sie ihre ganze Freizeit verbringt. Das ändert sich, als zu Beginn des Schuljahres E.D. Win als neuer Schüler auftaucht. Er ist ein bekannter Hip-Hop Tänzer, und alle Mädchen schwärmen von ihm. Obwohl sie eigentlich nicht tanzen kann, meldet sich Mina zu einem Tanzwettbewerb an …

Foto aus
Ab 9 Jahren
Norwegen 2023; 1 ½ Stunden; Farbe
Regie: Aurora Gossé
mit: Liv Elvira Kippersund Larsson, Viljar Knutsen Bjaadal, Cengiz Al, u. a.
norwegische Originalfassung, deutsch eingesprochen

Drei Räuber und ein Löwe

In Kardamom ist Markttag, an dem sich die gesamte Stadt zum Singen und Feiern auf dem Hauptplatz versammelt. Die drei Räuber glauben deshalb, leichtes Spiel zu haben bei ihren Diebeszügen durch die Stadt. Schließlich haben sie einen hungrigen Löwen zu Hause, der gefüttert werden muss.

Foto aus
Ab 5 Jahren; Animationsfilm
Norwegen 2022; 80 Minuten; Farbe
Regie: Rasmus A. Sivertsen
Norwegische Originalfassung, deutsch eingesprochen

Die Eigenschaft der Metalle
Pietros Fähigkeit, Metalle mit der Kraft seiner Gedanken zu verbiegen, ist in dem kleinen italienischen Dorf, in dem er lebt, bekannt. Pietro möchte diese Fähigkeit nicht ausstellen oder deshalb interessant sein. Als ein auswärtiger Professor sich für ihn zu interessieren beginnt, tun sich jedoch für Pietros Vater ungeahnte Möglichkeiten auf.

Foto aus
Ab 10 Jahren
Italien; 1 ½ Stunden; Farbe
Regie: Antonio BiginiMit: David Pasquesi, Martino Zaccara, Antonio Buil Pueyo, Edoardo Marcucci, u. a.
Italienische Originalfassung, deutsch eingesprochen

Der geheime Garten
Als Mary bei einem Erdbeben in Indien ihre Eltern verliert, wird sie von ihrem Onkel in England aufgenommen. Früher von einer Schar Dienstboten umgeben, muss das verwöhnte junge Mädchen nun einer strengen Hausdame gehorchen. Auf ihren einsamen Streifzügen durch das Gut findet sie einen verschlossenen Garten, der verwildert, jedoch wunderschön ist.

Foto aus
Ab 8 Jahren
USA/Großbritannien 1993; 101 Minuten; Farbe
Regie: Agnieszka Holland
mit: Kate Maberly, Heydon Prowse, Andrew Knott, Maggie Smith, u. a.
deutsche Fassung

Im Wiener Theater der Jugend lief eine Bühnenversion dieser Geschichte

Große Träume
1998. Die tschechische Eishockeymannschaft gewinnt bei den Olympischen Spielen in Nagano die Goldmedaille. Obwohl Dom keine Sportskanone ist, keimt in ihm der Wunsch auf, diesen Sport zu erlernen. Entgegen dem Widerstand seiner Familie stellt er mit Kindern aus der Nachbarschaft eine Hockeymannschaft zusammen. Mit improvisierten Hockeyschlägern und Tennisbällen wird auf dem Asphalt hinter dem Haus geübt, um irgendwann gegen die Mannschaft aus dem benachbarten Dorf zu gewinnen. So kommt Dom auch Katka näher, auf die er schon länger ein Auge geworfen hat.

Ein Hauch von Nostalgie weht in diesem Film, der uns in solider tschechischer Filmtradition in eine Zeit entführt, als noch nicht jeder Mensch ein Handy besaß und das Spielen in der freien Natur zum kindlichen Alltag gehörte.

Foto aus
Ab 8 Jahren
Tschechien 2023; 102 Minuten; Farbe
Regie: Dan Pánek
Mit: Tom Brenton, Hynek Čermák, Fabian Šetlík, Johana Racková, u. a.Tschechische Originalfassung, deutsch eingesprochen

Hühnerfarm
Wegen finanzieller Probleme müssen Max und sein Vater aus der Stadt aufs Land ziehen. Im Gegensatz zu dem verträumten Möchtegernschriftsteller hat Max Geschäftssinn. Die hofeigenen Frühstückseier seiner Tante bringen ihn auf die Idee, eine Biohühnerfarm zu gründen. Gemeinsam mit seinem Cousin Charles, der Youtuberin Alice und dem alten Raymond als Fahrer geht es ans Werk. Die Bioeier der Kinder werden schnell ein kommerzieller Hit. Doch sie haben die Rechnung ohne die Großkonzerne gemacht, denen das erfolgreiche Unternehmen ein Dorn im Auge ist.

Foto aus
Ab 8 Jahren
Kanada 2023; 1 ½ Stunden; Farbe
Regie: Sébastien Gagné
Mit: Oscar Desgagnés, Joey Bélanger, Emma Bao Linh Tourné, u. a.
Französische Originalfassung, deutsch eingesprochen

Juniors
Alles beginnt mit einem verpfuschten Haarschnitt. Jordan und Patrick verbringen ihre Nachmittage damit, Kampfspiele im Internet zu spielen. Als die Spielkonsole kaputt geht, fehlt das Geld, um eine neue zu kaufen. Und so benutzen die beiden Jordans Glatze dazu, in einem Fake Video um Spenden für eine Krebsbehandlung zu bitten. Am nächsten Tag weiß die ganze Schule von Jordans angeblicher Erkrankung. Plötzlich schlagen dem ehemaligen Außenseiter Sympathie und Loyalität entgegen.
Aber wie windet man sich aus einem immer dichteren Lügengespinst unbeschadet wieder heraus?

Foto aus
Ab 13 Jahren
Frankreich 2022; 1 ½ Stunden; Farbe
Regie: Hugo Thomas
Mit: Vanessa Paradis, Ewan Bourdelles, Noah Zandouche, u. a.
Französische Originalfassung, deutsch eingesprochen

Kokon und Schmetterling
Trotz des weiten Schulwegs lernt Yavar gerne und kann nicht verstehen, dass Parvaneh (zu Deutsch: Schmetterling) aus dem Nachbarhaus nicht zur Schule gehen darf. Seit einem Brand in ihrer Kindheit ist das Mädchen gehbehindert und würde den weiten Weg ins nächste Dorf nicht schaffen. So sieht es zumindest ihr Vater, der vom Schulbesuch seiner Tochter absolut nichts wissen will. Aber Yavar will nicht aufgeben und findet immer wieder neue Mittel und Wege, um Parvaneh selbst schreiben, lesen und rechnen beizubringen.

Foto aus
Ab 7 Jahren
Iran 2021; 78 Minuten; Farbe
Regie: Mohammad Salehinezhad
Mit: Saleh Malek Tabar, Fatemeh Malek Tabar, Radmehr Ali Nasab, u. a.
Originalfassung (Farsi), deutsch eingesprochen

Mary, Tansey und die Reise in die Nacht
Mary ist stinksauer, aber in Wahrheit ist sie todtraurig. Mit dem Kochkurs in den Sommerferien hat es nicht geklappt, ihre beste Freundin verlässt Irland, und ihre geliebte Großmutter Emer ist schwer krank und wird bald sterben. Aber wer ist die geheimnisvolle fremde Frau, die plötzlich vor Mary im Wald steht und sie von da an begleitet? Anastasia weiß erstaunlich viele Einzelheiten über das Leben von Marys Familie, aber ist sie wirklich der Geist von Marys Urgroßmutter, wie sie behauptet?

Foto aus
Ab 9 Jahren
Luxemburg/Italien/Irland/Großbritannien/Estland/Lettland/Deutschland 2023; 1 ½ Stunden; Farbe
Regie: Enzo d’Alò; Animationsfilm
englische Originalfassung, deutsch eingesprochen

Meeresleuchten
Lena liebt ihren Vater, und beide lieben das Meer. So wie Lena unerschrocken bei Wettkämpfen mit ihrem Segelboot durch die Wellen prescht, fährt Antoine bei Wind und Wetter zum Fischfang hinaus. Doch eines Tages kehrt er mitsamt seiner Crew nicht zurück. Ein Unfall oder purer Leichtsinn?
Lena ist davon überzeugt, dass ihren Vater keine Schuld trifft, sondern ein riesiges Seemonster das Boot angegriffen und zum Kentern gebracht hat.

Foto aus
Ab 12 Jahren
Belgien/ Niederlande 2023; 98 Minuten; Farbe
Regie: Domien Huyghe
Mit: Saar Rogiers, Dunia Elwaleed, Sverre Rous, Valentijn Dhaenens, u. a.
Niederländische Originalfassung, deutsch eingesprochen

Oonas und Babas Insel – Neue Freunde

Oona und Baba sind zwei junge Papageientaucher, die auf ihrer kleinen Insel mit ihren Eltern wie im Paradies leben. Auf der Suche nach einer neuen Heimat treffen andere Vögel auf der Insel ein, unter ihnen Isabelle und der Goldfasan Felix. Er freundet sich schnell mit Oona und Baba an, aber Isabelle tut sich in der fremden Umgebung schwer und ist eifersüchtig auf die neuen Freunde.

Foto aus Oonas und Babas Insel - Neue Freunde
Ab 5 Jahren
Großbritannien/Irland 2023; 80 Minuten; Farbe
Regie: Jeremy Purcell; Animationsfilm
englische Originalsprache, deutsch eingesprochen

Popular Theory
Erwin ist ein hochbegabtes Mädchen und deshalb trotz ihrer jungen Jahre schon in der High School. Das bringt es mit sich, dass sie sozial isoliert ist und sich mit dem Plakat Erwin Schrödingers, das in ihrem Zimmer hängt, unterhalten muss. Doch dann kommt Winston als neuer Schüler in ihre Klasse. Auch er zeichnet sich durch einen scharfen Geist aus. Nach einigem Zaudern tut sich Erwin mit ihm zusammen, um für einen Schulwettbewerb eine chemische Substanz zu entwickeln, die die Beliebtheitshierarchie in der Schule vollkommen umkrempeln wird.

Foto aus
Ab 10 Jahren
USA 2023; 100 Minuten; Farbe
Regie: Ali Scher
Mit: Sophia Reid-Gantzert, Lincoln Lambert, Cheryl Hines, Marc Evan Jackson, u. a. englische Originalfassung, deutsch eingesprochen

Sweet as
Entgegen ihrem Willen schickt Murras Onkel sie auf einen Camping- und Wanderausflug für gefährdete Jugendliche, hauptsächlich, um sie für eine Weile aus dem Einflussbereich ihrer drogenabhängigen Mutter zu holen. Betreut von den SozialarbeiterInnen Fernando und Mitch, erhalten die jungen Leute analoge Kameras, die sie dazu anregen sollen, das Erlebte festzuhalten und über sich und ihr Leben nachzudenken. Auf der Reise durch das Land ihrer Vorfahren stößt Murra auf ihre Wurzeln, entdeckt ihre Liebe zur Fotografie, gewinnt neue Freunde und erfährt ihren ersten Liebeskummer.

Foto aus
Ab 12 Jahren
Australien 2022; 1 ½ Stunden; Farbe
Regie: Jub Clerc
Mit: Shantae BarnesCowan, Mark Coles Smith, Tasma Walton, u. a.
englische Originalfassung, deutsch eingesprochen

Die Wächter des Deltas
Das Donaudelta – dort, wo die Donau in das Schwarze Meer mündet – befindet sich zum größten Teil in Rumänien, ist ein Naturschutzgebiet und wurde von der UNESCO in die Liste des Weltnaturerbes aufgenommen. Dort verbringt eine Gruppe von Kindern mit ihren BetreuerInnen ihre Ferien, lernt Kajak fahren und sammelt Plastikmüll, der von gedankenlosen Menschen zurückgelassen wurde. Als einige der Kinder Wilderer entdecken, die sich verbotener Fangmethoden bedienen, setzen sie sich auf ihre Fährte. Eine abenteuerliche Jagd beginnt.

Foto aus
Ab 7 Jahren
Rumänien 2021; 81 Minuten; Farbe
Regie: Liviu Mărghidan
Mit: Florentina Tilea, Vasile Calofir, Viorel Păunescu, Elias Ferkin, u. a.
Rumänische Originalfassung, deutsch eingesprochen

Miteinander füreinander – Kurzfilmprogramm

Die Filme aus der Schweiz, Frankreich, Belgien, Tschechien und Deutschland eigenen sich für ein Publikum ab vier Jahren, die Gesamtdauer beträgt rund eine Stunde. Es handelt sich um Animationsfilme ohne Dialog bzw. Originalfassungen deutsch eingesprochen.

Tümpel

Foto aus
Regie: Lena von Döhren, Eva Rust, Schweiz 2023,
8 ½ Minuten, ohne Dialog

Susi im Garten

Foto aus
Regie: Lucie Sunková, Tschechien 2022
13.19 Minuten, englische Fassung, deutsch eingesprochen

Warum ist der Schnee weiß?

Foto aus
Regie: Pascale Hecquet; Frankreich 2022
4.17 Minuten, französische Originalfassung, deutsch eingesprochen

Verschwinde, Alfred!

Foto aus
Regie: Arnaud Demuynck, Célia Tisserant, Belgien/Frankreich 2023,
11 Minuten, ohne Dialog

Verzeih mir!

Foto aus
Regie: Alžbeta Mačáková Mišejková, Tschechien 2022,
8.18 Minuten, ohne Dialog

Katze

Foto aus
Regie: Julia Ocker, Deutschland 2022
3.37 Minuten, ohne Dialog

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Auf zum 35. internationalen Kinderfilmfestival (Wien), dem 15. in der Steiermark
Auf zum 35. internationalen Kinderfilmfestival (Wien), dem 15. in der Steiermark
Bildmontage: Plakat einer- und Kundgebung andererseits

Trauern um alle zivilen Opfer und für Waffenstillstand

„Ich denke, ich spreche im Namen vieler Menschen hier, wenn ich sage, dass die letzten Wochen absolut verheerend waren. Für viele von uns waren sie nicht nur deshalb verheerend, weil wir oder unsere Freund:innen vielleicht Freund:innen oder Angehörige durch Terror und Krieg verloren haben, sondern auch, weil viele von uns den Raum verloren haben, um um alle zivilen Opfer zu trauern, ob sie nun Israelis oder Palästinenser:innen sind. Ich habe das Gefühl, dass es zu einer umstrittenen Position geworden ist, Empathie für alle Opfer von Gewalt zu empfinden, auch wenn sie zur „anderen Seite“ gehören. Es ist zu einer umstrittenen Position geworden, sich gegen das Töten unschuldiger Menschen zu stellen und ein Ende des Krieges zu fordern.“ Dies ist der Beginn der Rede von Isabel Frey, die sie Sonntagabend bei der mittlerweile zweiten Kundgebung innerhalb von zwei Wochen auf dem Platz der Menschenrechte vor dem Wiener MuseumsQuartier gehalten hat – die ganze Rede, die zum Besten und Differenziertesten gehört, das in den vergangenen vier Wochen nach dem ungeheuren brutalen Terror-Überfall der Hamas im Süden Israels gesagt worden ist, darf Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… veröffentlichen – sie ist in einem eigenen Artikel, der am Ende dieses Beitrages verlinkt ist.

Konfliktfreier Raum

Mehr als 500 Menschen waren zu dieser „Mahnwache“ vor und rund um das von Ulrike Truger gestaltete Denkmal an Marcus Omofuma, der im Zuge einer Abschiebung im Flugzeug gefesselt mit zugeklebtem Mund erstickte (Mai 1999), gekommen.  Aufgerufen hatte die oben schon kurz beschriebene Initiative „standing.together.vienna“. Zu Beginn wurde gebeten, weder Fahnen noch Logos zu hissen. Die Kundgebung selber solle ein konfliktfreier Raum sein und bleiben – jenseits aller ideologischen, ethnischen, religiösen und sonstiger Unterschiede. Sogar eigene Awareness-Teams wanderten umher, für den Fall, dass sich jemand unwohl fühle oder Angst habe. Diese Ehrenamtlichen blieben „arbeitslos“.

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Kurdische Musik

Den Auftakt zur Kundgebung spielten die kurdischen Musikerinnen und Sängerinnen Sakîna Têyna und Özlem Bulut. Sie kennen das Leben als verfolgte Angehörige einer Minderheit und sangen unter anderem ein Wiegenlied – niemand auf der Welt solle Angst um ein kleines Kind in der Wiege haben!

Kunst und Künstler:innen bekamen überhaupt mindestens soviel Raum wie Redner:innen – wobei manche beides verbanden. So bat das Kunst-Duo Osama Zatar (geboren im palästinensischen Ramallah) und Inbal Volpo (aus Oranit, Israel) um eine Minute der Stille mit brennenden Kerzen. Die beiden sind Teil der Initiative One State Embassy, die wenigstens in der Kunst alle Grenzen der Welt überwinden will.

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Jiddisches Lied

Isabel Frey, die schon eingangs erwähnte Rednerin ist jiddische Sängerin und brachte das Lied „A shtik fun harts“ (Ein Stück vom Herzen – das in viele Teile zerspring/zersprungen ist) von Josh Waletzky zu Gehör – Video-Ausschnitt ist in diesem Beitrag verlinkt. Der bekannte Marwan Abado konnte als Abschluss sein Instrument (Oud) nicht mehr spielen, da nach zweieinhalb Stunden seine Finger schon zu kalt dafür waren, er sang über die Sehnsucht nach einem ganz langweiligen Tag in Palästina, an dem einfach „nichts passiert“ – auch da Videoausschnitte verlinkt.

Medina Abau verwies in ihrer Rede u.a. auf die herkünfte ihrer Eltern - aus dem iran bzw. dem Kosovo
Medina Abau verwies in ihrer Rede u.a. auf die herkünfte ihrer Eltern – aus dem iran bzw. dem Kosovo

Iran, Kosovo

So wie die kurdischen Sängerinnen eigene Erfahrungen mit dem jetzigen Nahost-Krieg verbanden, so tat dies auch die Rednerin Medina Abau. Sie habe eine Mutter aus dem Iran und einen Vater aus dem Kosovo, wo vor Jahren am Höhepunkt der bewaffneten Auseinandersetzungen sie 182 Tage nichts von den Verwandten väterlicherseits gehört und täglich um deren Leben gezittert hätten. Seit dem Vorjahr, seit dem Tod von Jina Mahsa Amini engagiere sie sich verstärkt für die Demokratiebewegung im Heimatland ihrer Mutter.

Nadine Sayegh, Autorin des Buches „Orangen aus Jaffa“, spielte mit dem Brechen von Klischees. Sie begann auf Französisch zu begrüßen, um Arabisch fortzusetzen und sich eine Kufiya (traditioneller palästinensischer Schal) um den Hals zu hängen. Und sie versuchte – trotz der aktuellen fast aussichtslosen Lage auf Frieden – Mut zu machen. Auch in Südafrika sei die Apartheid überwunden, in Ruanda der Völkermord der Hutu an den Angehörigen der Tutsi-Minderheit (geschätzte 800.000 Tote in knapp mehr als drei Monaten), überwunden worden. Auch wenn damit nicht alle Konflikte und Probleme vorbei wären.

Allen Opfern gedenken

Der Tenor aller Reden, aller künstlerischen Beiträge, der gesamten Kundgebung: Allen zivilen Opfern gedenken – und als Konsequenz die Forderung nach einem Waffenstillstand sowie humanitärer Hilfe für die Bewohner:innen Gazas. Der Krieg wirft aber auch Schatten nach Europa, Auswirkungen sind hier spürbar wie der extrem gestiegene Antisemitismus, aber auch antimuslimischer Rassismus habe zugenommen, konstatierte Muna Duzdar, Nationalratsabgeordnete der SPÖ. „Es darf nicht einmal der Eindruck entstehen, dass Menschen feiern, wenn Menschen getötet werden!“, verlangte sie. Anderseits dürften Menschen niemals als „Kollateralschaden“ bezeichnet und getötet werden. Außerdem kritisierte sie das Abstimmungsverhalten des neutralen Österreich in der UNO bei der Resolution, die in der Vorwoche sofortigen Waffenstillstand und humanitäre Hilfe für die Zivilbevölkerung verlangte.

Ausschnitt aus der Petition
Ausschnitt aus der Petition

Petition

Immer wiesen Redner:innen auf einen herumgereichten, groß ausgedruckten, QR-Code hin, mit dem Teilnehmer:innen zu einer Petition an die österreichische Bundesregierung kamen/über die untern verlinkte Homepage kommen. Diese beginnt mit dem Satz „als Mitglieder jüdischer und arabischer Gemeinschaften in Wien, vereint in unserem Bestreben nach Frieden und Gerechtigkeit in Israel und Palästina und als besorgte österreichische Bürger*innen und Bewohner*innen dieses Staates, sind wir zutiefst bestürzt, sowie enttäuscht darüber, dass Österreich gegen die Resolution der UN-Generalversammlung, die einen sofortigen Waffenstillstand im blockierten Gazastreifen fordert, gestimmt hat.“

Und weiter heißt es: „In einer für so viele Menschen tragischen Zeit verurteilen wir unmissverständlich sowohl die brutalen Angriffe der Hamas auf Israel, bei denen 1.400 Israelis getötet und über 3.000 verletzt wurden, als auch die israelische Blockade und Bombardierung des Gazastreifens, bei der über 9.000 Palästinenser*innen getötet, zehntausende Menschen verletzt und 1,4 Millionen Zivilist*innen in Gaza zur Flucht aus ihren Häusern gezwungen wurden.

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Um eine weitere Verschärfung der bereits katastrophalen humanitären Lage zu verhindern, muss die Bombardierung des Gazastreifens sofort eingestellt  und die unverzügliche Lieferung von dringend benötigten Nahrungsmitteln, Wasser, Strom und medizinischer Hilfe sichergestellt werden.

Wir appellieren dringend an die österreichische Bundesregierung, besonders in ihrer Rolle als Vertretung eines neutralen Staates, sich gegen die Tötung aller Zivilist*innen auszusprechen und einzuschreiten. Jede Intervention muss darauf abzielen, die anhaltende Gewalt zu beenden und den Konflikt zu deeskalieren. Wir würden uns auch wünschen, dass sich Österreich für integrative, langfristige Lösungen in der Region einsetzt, um Frieden, Gerechtigkeit und Sicherheit für alle zu erreichen. …“

Shoah nicht instrumentalisieren!

Walter Baier, Vorsitzender der europäischen Linken, der selber, wie er sagte, aus einer kommunistisch-jüdischen Familie stammt – eine Großmutter wurde im KZ Auschwitz ermordet, der Vater überlebte, schwer gezeichnet, das KZ Dachau, fand es unter anderem „un-erträääglich“, dass rechte Politiker zynisch die Shoah, den systematischen Mord der Nazis an Jüd:innen, instrumentalisieren, um den Krieg gegen die palästinensische Bevölkerung zu rechtfertigen. Dagegen gilt es realpolitisch anzuerkennen, dass es auf diesem Gebiet zwei Völker gibt, die beide das Recht haben, in Sicherheit, Frieden und Würde zu leben.

Die Shoah sei ein Verbrechen weißer Europäer an weißen Europäern gewesen. Dafür heute die Palästinenser:innen haftbar zu machen wäre ein Ausdruck des Kolonialismus, der noch immer die Mindsets in europäischen Staaten präge.

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onestateembassy _ standingtogetherpetition

Isabel Frey bei ihrer vielbeachteten Rede

„Zusammenstehen I Standing Together I الوقوف معا I עומדים ביחד“

Ich danke Ihnen allen, dass Sie heute hierher gekommen sind, um gemeinsam aller zivilen Opfer in Israel und Palästina zu gedenken und für Frieden und Menschlichkeit einzutreten. Ich denke, ich spreche im Namen vieler Menschen hier, wenn ich sage, dass die letzten Wochen absolut verheerend waren. Für viele von uns waren sie nicht nur deshalb verheerend, weil wir oder unsere Freund:innen vielleicht Freund:innen oder Angehörige durch Terror und Krieg verloren haben, sondern auch, weil viele von uns den Raum verloren haben, um um alle zivilen Opfer zu trauern, ob sie nun Israelis oder Palästinenser:innen sind. Ich habe das Gefühl, dass es zu einer umstrittenen Position geworden ist, Empathie für alle Opfer von Gewalt zu empfinden, auch wenn sie zur „anderen Seite“ gehören. Es ist zu einer umstrittenen Position geworden, sich gegen das Töten unschuldiger Menschen zu stellen und ein Ende des Krieges zu fordern. Und es ist noch umstrittener geworden, sich gegen die Besatzung und für die Notwendigkeit eines gerechten Friedens in Israel und Palästina auszusprechen.

Isabel Frey bei ihrer vielbeachteten Rede
Isabel Frey bei ihrer vielbeachteten Rede

„Krieg der Narrative“

In den letzten Wochen habe ich oft daran gedacht, wie mein Vater mir den israelisch-palästinensischen Konflikt erklärte, als ich achtzehn Jahre alt war. Er nannte ihn einen „Krieg der Narrative“, die miteinander völlig unvereinbar sind. Ich habe diese Unvereinbarkeit selbst erlebt, als ich mit einem Narrativ aufwuchs und dann von der Existenz eines anderen erfuhr. Ich bin in einer sozialistisch-zionistischen Jugendbewegung aufgewachsen, nicht weil meine Familie besonders zionistisch war, sondern weil dies die einzige Möglichkeit für ein säkulares jüdisches Leben in Wien war, auch als Folge der Zerstörung des jüdischen Lebens in der Stadt durch das Nazi-Regime. Bis ich 18 war, hatte ich das Wort „Besatzung“ noch nie gehört. Als ich für ein Jahr nach Israel-Palästina kam, begann ich zum ersten Mal zu verstehen, dass mir und den anderen jungen Menschen in meiner Gemeinde nicht die ganze Geschichte erzählt worden war. Als ich 2013 von einer von Breaking the Silence organisierten Tour durch Hebron zurückkehrte, rief ich meine Eltern unter Tränen an und fragte sie: „Warum habt ihr mir das nicht gesagt?“ Seitdem bin ich eine Aktivistin gegen die Besatzung und für Gerechtigkeit, gleiche Rechte und Frieden für alle in Israel und Palästina.

Isabel Frey bei ihrer vielbeachteten Rede
Isabel Frey bei ihrer vielbeachteten Rede

Ver- und Erlernen

Das vergangene Jahrzehnt war auch ein erfreulicher, aber manchmal auch schmerzhafter Prozess des Lernens, zwischen den Erzählungen zu wechseln. Es war ein Prozess des Verlernens – des Verlernens vieler der Erzählungen, mit denen ich aufgewachsen war, des Verlernens meiner eigenen Vorurteile und des verinnerlichten Rassismus; und gleichzeitig ein Prozess des Lernens – des Lernens, zuzuhören und die Erzählungen anderer Menschen zu akzeptieren, und des Lernens, zwischen verschiedenen Erzählungen zu koexistieren. Ich habe daran gearbeitet, einen Raum für das Jüdischsein zu schaffen, der Solidarität mit den Palästinenser:innen ermöglicht – Teil einer jüdischen Gemeinschaft zu sein und gleichzeitig die ethno-nationalistischen Tendenzen in ihr in Frage zu stellen und Teil einer breiteren nicht-jüdischen Linken zu sein, die das Recht der Israelis auf ein Leben in Sicherheit, Frieden und Selbstbestimmung akzeptiert und sich gegen alle Formen von Antisemitismus oder Judenhass wendet, während sie für eine gerechte und friedliche Zukunft für alle arbeitet. Diese Arbeit erforderte es, sich zwischen den Welten zu bewegen, die Worte sorgfältig zu wählen, und brachte es auch mit sich, dass ich mich dabei manchmal verbrannte. Aber ich blieb hartnäckig, weil ich der Meinung war, dass es sich zutiefst lohnt.

Isabel Frey bei ihrer vielbeachteten Rede
Isabel Frey bei ihrer vielbeachteten Rede

Alles brach zusammen

Am 7. Oktober, seit dem Massaker der Hamas an israelischen Zivilist:innen in der Grenzregion des Gazastreifens, fühlte es sich an, als ob alle Errungenschaften meiner Arbeit der letzten zehn Jahre einfach in Stücke zerbrachen. Es fühlte sich an, als ob alle Vermittlungskanäle, die ich aufgebaut hatte, plötzlich zusammenbrachen, als ob alle verständnisvollen Ohren plötzlich aufgehört hatten zuzuhören. Einige nichtjüdische Aktivist:innen, die ich als Verbündete im Kampf für palästinensische Freiheit betrachtet hatte, weigerten sich, Worte der Trauer für die 1400 von der Hamas getöteten israelischen Zivilist:innen zu finden und legitimierten diese brutale Gewalt manchmal sogar als notwendigen Widerstand. Einige jüdische Menschen aus meiner Gemeinde, die bis dahin nie virulent gewesen waren, riefen plötzlich zur Rache an unschuldigen Zivilist:innen und zur Kriminalisierung jeglicher Palästina-Solidaritätsaktivität auf. Ich fühlte mich hin- und hergerissen zwischen der Trauer um die von der Hamas getöteten und entführten Menschen, bei denen es sich manchmal um entfernte Verwandte handelte, die aber auch enge Freund:innen oder Familienangehörige hätten sein können, und der Trauer um die unschuldigen Menschen, die in Gaza durch Israels wahllose Bombardierungen getötet wurden und die nie mit einem anderen Namen als „Kollateralschaden“ bedacht oder anerkannt wurden. Aufgrund dieses Gefühls des Auseinanderfallens beschloss ich, eine Mahnwache zu organisieren, bei der es darum ging, zusammenzustehen, so schwierig das auch erscheinen mag.

Isabel Frey bei ihrer vielbeachteten Rede
Isabel Frey bei ihrer vielbeachteten Rede

Brücken bauen

Aber wie können wir in solchen Zeiten, in denen jeder Dialog oder jede gegenseitige Akzeptanz unmöglich erscheint, zusammenstehen? Es ist naiv zu glauben, dass wir die tiefen Gräben, die das jüdische und das palästinensische Volk so weit voneinander entfernt erscheinen lassen wie nie zuvor, vollständig überwinden können. Was wir jedoch tun können, ist, Brücken zu bauen, Brücken des Verständnisses, die es ermöglichen, dass unterschiedliche Erzählungen, Geschichten und Traumata nebeneinander bestehen können. Wir müssen verstehen, dass die schrecklichen Berichte über das Massaker jüdische Menschen weltweit an das Trauma jahrhundertelanger antisemitischer Gewalt in Europa und deren völkermörderischen Höhepunkt in der Shoah erinnern. Wir müssen verstehen, dass die Bilder von hunderttausenden Menschen im Gazastreifen, die ihre Heimat verlassen, die Palästinenser:innen weltweit an die Massenvertreibung und ethnische Säuberung erinnern, die sie seit Beginn der Nakba, der Katastrophe, bis zur Gründung des Staates Israel durchlebt haben. Verstehen, dass die Angst vor antisemitischen Angriffen die in Wien lebenden Juden und Jüdinnen an die Zerstörung jüdischen Lebens in dieser Stadt während des Naziregimes erinnert. Verstehen, dass in Wien lebende Palästinenser:innen, die die israelische Flagge auf dem Dach des Bundeskanzleramtes sehen, während sie als Hamas-Anhänger:innen kriminalisiert werden, weil sie um ihre in Gaza getöteten Verwandten und Freund:innen trauern wollen, sie an die jahrzehntelange Vernachlässigung und Unterdrückung der individuellen und kollektiven Rechte ihres Volkes in Israel und der Welt erinnert.

Isabel Frey bei ihrer vielbeachteten Rede
Isabel Frey bei ihrer vielbeachteten Rede

Zusamenstehen

Verstehen ist nicht gleichbedeutend damit, gleich zu werden. Es setzt nicht voraus, dass man die Erzählung eines/einer anderen vollständig akzeptiert und seine eigene aufgibt. Es bedeutet einfach, diese unterschiedlichen Realitäten nebeneinander bestehen zu lassen und Möglichkeiten zu finden, Brücken zwischen ihnen zu bauen. Ich glaube, dass wir alles tun müssen, was wir können, um zu verhindern, dass wir noch weiter auseinander getrieben werden, und dass wir fest zusammenstehen müssen gegen die Tötung unschuldiger Menschen, gegen Krieg, Besatzung, Massentötungen und Massenvertreibungen, und dass wir auch in den schlimmsten Zeiten weiter zusammenstehen müssen für Frieden, Gerechtigkeit und Sicherheit für alle Menschen, die in Israel und Palästina leben.

Isabel Frey bei ihrer vielbeachteten Rede
Isabel Frey bei ihrer vielbeachteten Rede

Israelische Aktivistin

Ich möchte mit einem Zitat der israelischen Aktivistin Sahar Vardi schließen, das mich sehr berührt hat. Sie schreibt: „Wir, die Linken, werden oft einer doppelten Loyalität bezichtigt. Und an Tagen wie diesem spüre ich das wirklich.“ Und weiter: „[…] Loyalität ist vielleicht nicht das richtige Wort. Es ist doppelter Schmerz, doppelter Herzschmerz, Sorge, Liebe. Es bedeutet, die Menschlichkeit von allen zu bewahren. Und das ist schwer. Es ist so schwer, hier Menschlichkeit zu haben. Es ist anstrengend, und es fühlt sich an, als ob die Welt dich immer wieder auffordert, loszulassen. Es ist so viel einfacher, „eine Seite zu wählen“ – es ist fast egal, welche. Entscheiden Sie sich einfach für eine Seite und bleiben Sie dabei, um zumindest den Schmerz zu verringern, den Sie empfinden. Und zumindest das Gefühl, Teil einer Gruppe zu sein und nicht so allein mit all dem. Als ob das wirklich eine Option wäre. Als ob wir nicht verstehen würden, dass unsere Schmerzen miteinander verbunden sind.“

Hier unten geht es zu einem Bericht über die Kundgebung, bei der Isabel Frey die obige Rede – dort auf Deutsch und Englisch – gehalten hat; mit Fotos und Videos.

Szenenfoto aus "Rom*nja City" im Rahmen des 3. "E Bistarde/vergiss mein nicht"-Festivals im Dschungel Wien

Verfolgung überwinden, Utopie anstreben

Aufbruch in eine Stadt befreiter Menschen (Mahagony) ist das Leitmotiv des Stücks „Rom*nja City“ des Theaterkollektivs Rom*nja Power (Berlin) – zusammen mit dem Wiener Theaterverein Romanosvato und dem Rroma Aether Klub Theater Berlin, das nun in Wien im Rahmen des dritten „E Bistarde/ vergiss mein nicht“-Roma-Kulturfestivals zu erleben war.

Das Ensemble nimmt das Publikum mit auf eine heftige Achterbahn der Gefühle. Zum einen ist der Weg ins utopische, herr-schaftsfreie Mahagony verheißungsvoll. Zum anderen wird eine wahre, erlebte schmerzhafte bis tödliche Geschichte aufgearbeitet. Die Szenen fließen – gespielt, getanzt mit Schrift- und Foto-Einblendungen – nicht-linear mitunter ineinander. Zu Tränen rührende Tragik wechselt mit humorvollen, parodistischen TV-Talk-Show-Elementen ebenso ab, wie widerständischer Kampf und selbstbewusst-befreites Auftreten.

Wahre Geschichte

Die wahre Geschichte von Rita, Rolanda und ihrer Mutter Theresia Winterstein, raubt den Atem, macht (fast) sprachlos. Theresia (1921 in Mannheim geboren), Tänzerin und Sängerin hatte als Sintiza die „Wahl“, in ein Konzentrationslager verfrachtet zu werden oder sich sterilisieren zu lassen. Sie war schon im dritten Monat schwanger. Im März 1943 wurden ihr die neugeborenen Zwillingsmädchen zwangsweise abgenommen und Menschenversuchen ausgesetzt (Uniklinik Würzburg, ähnlich den berüchtigten Mengele-Zwillings-Versuchen). Rolanda starb, Rita trug unter anderem Epilepsie und weitere Folgen aus den Experimenten davon. Erst ein Jahr später (April 1944) konnte die Mutter wenigstens die überlebende Tochter abholen.

Nach der Nazizeit und dem zweiten Weltkrieg wanderten Theresia und Rita zunächst in die USA aus, kehrten jedoch nach Deutschland zurück, um für die Aufarbeitung der – nicht nur an ihnen – erlittenen Verbrechen zu arbeiten und um Entschädigung zu kämpfen.

Gespenstischer Moment

In diesem Geschichtenstrang des Stücks spielt Joschla Weiss die erwachse Rita Prigmore, Estera Sara Stan schlüpft in die Rolle Ritas als Kind. Cat Jugravu gibt die Tänzerin und Mutter, Nebojša Marković wird zu Rolanda – überlebend in den Erzählungen und Erinnerungen und taucht mit einem Kinderwagen auf, aus dem er eine Babypuppe hervorholt – gespenstisch der Moment, wenn er sich umdreht und das Totenkopfgesicht der Puppe zum Vorschein kommt. Als Symbol für die vielen ermordeten auch Kinder, errichten die Schauspieler:innen ein Geviert aus Schuhen, die sie aus zwei großen Kartons holen. Das Viereck wird zum Grab Rolandas. Der Moment zum Heulen.

Selber die eigene Geschichte erzählen

Diese tragische, wahre Geschichte des Rassenwahns der Nazis, die an „Herrenmenschen“ bastelten, wird aber nicht linear niederschmetternd erzählt. Szenen von Rita, Rolanda und Theresia – immer wieder welche in denen getanzt wird, was ja ihre Profession war – wechseln sich ab mit jenen des Kampfes um Mahagony wie sie die Stadt befreiter Menschen nennen. Der Kampf um diese Befreiung umfasst eben auch die Erzählung der wahren tragischen Geschichte(n) nach dem Motto: Wir schreiben unsere Historie nun endlich selbst und lassen nicht die anderen, die uns jahrhundertelang diskriminiert, unterdrückt, verfolgt, ermordet haben bestimmen, was und wie über uns gesagt, geschrieben, verbreitet wird.

TV-Show-Persiflage

In dieser „neuen“ Stadt erleben wir mehrmals die „befreite“ TV-Talk-Show mit einer Moderatorin (Rea Andrea Kurmann), die doch fast wie eine Persiflage auf herkömmliche TV-Shows wirkt. Und eine utopische Stadt, zu der es aber nur Zutritt gibt, wenn die mit weißen Gesichtsmasken sich vor den Stadttoren Bewerbenden, zwei Zeug:innen mitbringen, die beweisen, dass die/der Neuankömmling auch wirklich reinrassig zu Rom:nja, Sinti:zze, Lovara usw. gehört. Eine ironische Kritik an – gescheiterten – Utopien?

Bäume und Göttin Kali

Der Name eines Baumes für die Stadt befreiter Menschen wird mehrfach angesprochen, in einer Szene dargestellt: Bäume haben Wurzeln, die unterirdisch mit den Artgenoss:innen vernetzt sind, sie können Ketten sprengen, sind eins mit der umgebenden Natur und – wie viele indigene Völker hätten viele Rom*nja, Sinti*zze… noch diesen Bezug, dieses Bewusstsein, Teil des Universums zu sein.

Fast ständig präsent ist Roxie Thiele-Dogan als Kali, Göttin der Zerstörung des Bösen – oft vom Rande aus auf einer Couch das Geschehen beobachtend, dann wieder mittendrin, als Teil der Tanzperformance in der Gruppe, immer wieder auch mit dominierenden Solo-Auftritten.

Ein Ziel erreicht

Und: In gewisser Weise haben die Schauspieler:innen/Tänzer:innen – ebenso wie andere Gruppen und Künstler:innen des Festivals – das noch bis 9. November im Dschungel Wien läuft – einen Teil ihrer Utopie schon verwirklicht: Rom:nja, Sinti:zze, Lovara, Jenische… erzählen ihre eigenen Geschichten, spielen die von inhen selbst gewählten(Haupt-)Rollen und nicht höchstens ihnen zugewiesene oft Klischee-Figuren.

Rita-Zitat

„Schaut euch die Menschen an, ohne Vorurteile, seht ihnen in die Augen und erkennt in jedem einzelnen, dass er ein Mensch ist, egal welche Hautfarbe er hat, ob er behindert ist, ob er fremd ist. Nur das Herz zählt, nur das Herz eines Menschen ist wichtig.“

Zitat aus einer Rede von Rita Prigmore auf der Homepage von Rom*nja Power Theater.

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wuerzburgwiki -> Rita Prigmore

wikipedia -> Theresia Winterstein

Szenenfoto aus (Gehäuse): Aurum von "Spitzwegerich" im Theater am Werk/Petersplatz

Graben bis zu historischen Wurzeln des „goldenen“ Etablissements

Zum vierten und nun abschließenden Mal lässt sich das Theaterkollektiv „Spitzwegerich“ wie schon bei den vorangegangenen vom jeweiligen Raum zu den Geschichten und Szenen inspirieren. (Gehäuse) nannte/nennt sich die Serie. Waren’s im ersten „Gehäuse“, einer ehemaligen Parfümerie Gerüche, später in einer einstigen Hand-Web-Teppich-Produktionsstätte Arbeit und „Verweben“, beim „Hin & weg“-Festival in Litschau (NÖ) Graben und Wasser, so wird’s dieses Mal „goldig“ einer- und sozusagen „unterweltlerisch“ andererseits.

Szenenfoto aus (Gehäuse): Aurum von
Szenenfoto aus (Gehäuse): Aurum von „Spitzwegerich“ im Theater am Werk/Petersplatz

„(Gehäuse): Aurum“ (lateinisch für Gold) spielt sich in der Spielstätte Petersplatz von „Theater am Werk“ ab (es gibt auch das in Meidling, am Gelände des ehemaligen Kabelwerks). An der vorvorigen Jahrhundertwende – vom 19. zum 20. – beherbergten die heutigen Theaterräume, in denen davor ein Jazzklub war, ein „Vergnügungs-Etablissement“ mit dem Titel Eldorado (El Dorado aus dem Spanischen: Der Goldene). Neben jungen „Nixen“ eines Nachtclubs boten die Besitzer offenbar auch einige menschliche Attraktionen an, wie sie auf Jahrmärkten gang und gäbe waren, sozusagen Menschen-Zoos, hier „kleinster Mann“ und Frau mit den längsten Haaren der Welt.

Szenenfoto aus (Gehäuse): Aurum von
Szenenfoto aus (Gehäuse): Aurum von „Spitzwegerich“ im Theater am Werk/Petersplatz

Zeitungs-Inserate

Bei der Recherche zu dem Ort stießen die Theaterleute als einzige Quelle auf Zeitungsinserate, in denen genau die beiden letztgenannten auftraten. Den „kleinsten Mann“ lässt hier die Figurenbauerin und -spielerin Rebekah Wild schon vor Beginn des Stationentheaters im Foyer immer wieder – in einer Bauchladenbühne – auftreten. Perfekt stolziert das Püppchen gesteuert von ihren Händen in dieser Manege. Gegen Ende der gesamten Performance (ca. 70 Minuten) im komplett umgebauten großen Theaterraum führt Rebekah Wild den Kleinen an der Oberkante einer Wand mal gehend, mal laufend, mal den Kopf verlierend derart gekonnt, dass selbst aus dem entferntesten Winkel jede einzelne Bewegung rund und gut sichtbar zu erkennen ist.

Emmy Steiner schlüpft unter eine 1,80 Meter lange grüne Perücke – mit Stock von der Schulter aus in die Höhe gehalten, um die genannte Attraktion in verschiedenen der Stationen zu spielen. Am Ende hat sie darüber noch eine zweite solche Perücke, die Simon Dietersdorfer in der Schlussszene übergestülpt kriegt, wo sich beide in „Pools“ als Wasserfrau und-mann niederlassen.

Pool

Denn einen solchen, noch dazu riesigen, Pool soll es hier im „goldenen“ Vergnügungstempel – den Anzeigen nach – gegeben haben. Er ist aber auch eine Erinnerung an (Gehäuse) 3 und den See in Litschau. Von wo „Spitzwegerich“ eine riesige Wassermann/frau-Puppe, die nur von drei bzw. vier Leuten an Stäben schwebend bewegt werden kann, hierher gebracht haben. Denn diese letzte Etappe ist auch als Vereinigung der vorherigen gedacht (Text: Franziska Füchsl, Natascha Gangl, Max Höfler; Choreographie: Martina Rösler, Emmy Steiner; Dramaturgie: Birgit Kellner, Alexandra Millner).

Während die letzte Station – an diesem Abend – wie schon erwähnt als einzige für alle gemeinsam im großen Saal stattfindet, steigen die anderen in Nebenräumen, Garderobe, Werkstatt, Bar bzw. eine gar im Keller. Roh und unbehauene Ziegelwände, im Hintergrund eine fast „zerbröselnde“ metallene Wendeltreppe, in einer Ecke hängt dafür eine Disco-Kugel. Davor heizt der Eldorado-Co-Besitzer und vormalige Blutwurstverkäufer Johann Bistricky (Simon Dietersdorfer) als DJ ein.

Wander-Klarinette

Ein besonderes Erlebnis ist unter anderem die wandelnde Riesenklarinette (Reminiszenz an den Jazzclub von Fatty George alias Franz Georg Pressler), in der Lisa Furtner steckt. Für bitterbösen Humor sorgt ein „Gehirn“, das sich in eine Art sprechenden Wurm verwandelt und später irgendwie ferngesteuert – oder aufgezogen (?) – über den Boden düst – „künstliche Intelligenz“? Die menschlichen Gegenübers in der „Hirn“-Szene sind die Frau mit den langen Haaren und jene mit der Taucherkugel um den Kopf (Flora Valentina Besenbäck, die mit Felix Huber, Birgit Kellner, Christian Schlechter und Rebekah Wild auch für die aufwendige Ausstattung der Produktion zuständig ist).

Gitarren-Wedel

Die Performances in den verschiedenen Räumen werden immer wieder von Musik begleitet, untermalt (Komposition und Live-Musik: Simon Dietersdorfer, Manfred Engelmayr, Anna Clare Hauf). Nicht nur hörens- sondern vor allem sehenswert, wie „Fredl“ (Engelmyer) die E-Gitarre mit einem Feder-Wedel spielt oder später aus ihr ein Schlaginstrument macht.

Ein vergnüglicher „goldiger“ Abend mit echten – und auch fiktiven – Einblicken in die Geschichte dieses heutigen Theaterorts.

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DenorecorDS rockte die Bühne...

Eine halbe Milliarde Zuhörer:innen

Da kochte die Hütte. Der Saal und die Tribünen bebten. Samstagabend – ungefähr in der Mitte des Roma-Kulturfestivals „E Bistarde/ vergiss mein nicht“ – trat DenorecorDS auf. Sein Motto: „Proud to be Roma“ (Stolz, ein Rom zu sein). Höchstwahrscheinlich jener, der von so vielen wie kein anderer/keine andere gehört wird: Mehr als eine halbe Milliarde (500 Millionen) Aufrufe weltweit verzeichnet er mit einigen seiner Hits wie „Mi Suzi“, „Cobra“, „Amza Tairov Horo“ (im Video vor einer Roma-Flagge), „Like a Bomba“, „Magisch Tallava“.

Doch der Meister performte nicht nur selbst, immer wieder ermutigte er Menschen aus dem Publikum, die Bühne zu ihrer zu erklären und zu tanzen. Auch wenn er dies als „Battles“ ankündigte – mit Applausiometer sozusagen – anerkannte er fast immer „gleich stark, unentschieden“ 😉

Und zuletzt stürmten (fast) alle die Bühne, tanzten ausgelassen – und DenorecorDS musste/durfte massenhaft für Selfies vor demDJ-Pult posieren.

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Alle der Top-Spiele auf dem Präsentationstisch

Beete pflanzen, Kaffee-brauen, Weltreise…

Jahr(zehnte)lang spielte es sich im Herbst an drei Tagen im Wiener Austria Center ab – im wahrsten Sinn des Wortes: Beim Spielefest wurden nicht nur von Unternehmen neue – vor allem – Brettspiel präsentiert, sondern Spielfreudige konnten Hunderte verschiedene Spiele ausprobieren. Corona hat so manches durcheinandergebracht. Geplant ist die nächste Großveranstaltung im Frühjahr 2024.

Eine Schmalspur-Ausgabe stieg kürzlich gegen Ende der Herbstferien in einem Wiener Einkaufszentrum. Auch dort konnten Dutzende Brettspiele an- oder durchgespielt werden. Und an einem der letzten Tage stellte die „Österreichische Spiele Akademie“ (gemeinnütziger Verein zur Förderung des Gesellschaftsspiels) die diesjährigen Favoriten, die Juror:innen in verschiedenen Kategorien – Kinder-, Familien-, Expert:innen-, Trend-, Karten-, Freund:innen-Spiele sowie DAS Top-Spiel der Spiele – ausgewählt hatten, vor – und zeichneten die entsprechenden Spieleverlage aus. Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… stellt die von den Spieleprofis gewählten Hits vor UND gesteht: KiJuKU hat all diese Spiele (noch) nicht ausprobiert, sondern verlässt sich hier sowohl auf die Urteile der Jury als auch deren Spielebeschreibungen.

Die Spiele-Akademie hat übrigens zu den gewählten Top-Spielen auch noch eine Auswahlliste erstellt, die in jeder der Kategorien zwischen fünf und zehn weitere von den Fachleuten als sehr gut bewertete Spiele umfasst – Link zum Download dieser Liste am Ende des Beitrages.

Die Jury bestand aus Alexandra Lugert (Geschäftsführerin Familienbund Österreich), Sonnja Altrichter (Leiterin der WienXtra Spielbox), Pia Lemberger (Organisatorin des Donauzentrum Spielefest – Leiterin Thalia), Rene Eichinger (Pädagoge und langjähriger Expertenspiel-Kenner), Johann Herrmann (Ludovico Graz – Spiel-Pädagoge, der auf der Bühne auch Urkunden übergab), Alexander Bürger (vermittelte auf der Bühne Background-Infos zum Spiel „Atiwa“) sowie Thomas Bareder (Obmann der österr. Spieleakademie, Herausgeber von „Frisch gespielt“, Mathematiker und Marktforscher).

Spiel der Spiele

Die Spieleakademie beschreibt das Top-Spiel jenseits aller Kategorien so: Als Barista gilt es, Kaffee-Spezialitäten möglichst Punkte-optimierend zuzubereiten und das in Konkurrenz zueinander. Die dafür benötigten Zutaten, Milch und Kaffee, werden von der allgemeinen Espressomaschine erworben, wobei die Preisbildung mit faszinierend simplem wie effektvollem Mechanismus erfolgt. Die Frage „Welche der fünf Kaffee-Spezialitäten bereitet man zuerst zu?“ hat jeder Spieler/jede Spielerin sich selbst, frei von Vorgaben und Zwängen, zu stellen.

Nahezu maximale Transparenz – man sieht jederzeit den Zubereitungsstatus aller Getränke aller SpielerInnen – hilft dabei, ohne zu überfordern.

Café del Gatto
Wirtschafts- und Sammelspiel, für 2 bis 5 SpielerInnen, ab 8 Jahren
Autorinnen: Lena Burkhard & Julia Wagner
Verlag: Schmidt

Jury: Ein höchst gelungenes Familienspiel, das auch in anspruchsvolleren Freundesrunden mit hohem Spielreiz und (ganz dem Motto des Spiels folgend) mit einer guten Mischung überzeugt… unkomplizierter Einstieg und zügiger Spiel-Rhythmus, viel Freiraum für taktische Überlegungen dank nahezu maximaler Transparenz. Dazu ständige Interaktion, eine Prise Glück und haptisch wie optisch ansprechendes Material.

Spiele Hit für Kinder

Als GemüsegärtnerIn wollen wir möglichst viel Gemüse ernten – Schnecken sollten nicht dabei sein. Was brauchen Pflanzen zum Wachsen? Richtig: Wasser. Genau das gießen wir auf die Samen in den Erdmulden, auf dass diese zu wachsen beginnen und – sind genug gleiche Pflanzen sichtbar – geerntet werden können. Doch wo sind die anderen Pflanzen versteckt und gelingt es mir, den Wassertropfen (Spielsteine) dorthin rollen zu lassen?

Beethupferl
Geschicklichkeits- und Memospiel, für 1 bis 4 SpielerInnen, ab 4 Jahren
Autor: Bernhard Weber
Verlag: Zoch

Kinderspiel des Jahres: Beethupferl, vom Zoch-Verlag war niemand anwesend
Kinderspiel des Jahres: Beethupferl, vom Zoch-Verlag war niemand anwesend

Jury: Was ihr gießt, das sprießt! heißt das Motto des herzigen, sympathisch anmutenden und vor allem sehr durchdacht gestalteten Geschicklichkeits-, Memo- und Sammelspiels. Mit einfachen Mitteln gelingt es nämlich dem Autor, einen höchst faszinierenden Vorgang der Natur spielerisch umzusetzen und am Spieltisch sogar zu simulieren – und das ohne Elektronik: „Gießen“ die Kinder Wassertropfen nachempfundene Murmeln aus den kleinen Karton-Gießkannen nach und nach über das Gemüsebeet, so „sickert“ das „Wasser“ zuerst ein und lässt bei erneutem Gießen das Gemüse(plättchen) durch Zauberhand „sprießen“. Spielerisch fördert das leicht zugängliche, witzige Wettgießen einfache taktische Überlegungen, Feinmotorik, Auge-Hand-Koordination sowie Merkfähigkeit.

Familien-Spiel

Weltreisende eifern Phileas Fog am Weg von London um den Erdball auf verschiedensten Routen per Heißluftballon, Zug oder zur See nach. Doch gewinnt nach fünf Etappen nicht, wer zuerst London erreicht (was aber immerhin lohnende Extrapunkte bringt), sondern wer außerdem unterwegs die lukrativsten Abenteuer bestehen konnte. Dafür benötigt es mal Schirm, Zylinder oder gar eine Pistole, Utensilien, die in den Koffer passen und ebenso erworben werden müssen, wie die Tickets je Transportmittel für die jeweiligen Reisestrecken. Doch aufgepasst: Die jeweiligen Kosten dafür steigen mit jedem Kauf eines Spielers/einer Spielerin – Reisen ist nicht billig! Vielleicht zwischendurch ein Abenteuer erleben oder auf ein aktuell günstigeres Transportmittel wechseln und die Route umplanen oder auch eine Reisepause einlegen, um Geld zu sparen.

80 Days
Laufspiel, für 2 bis 4 SpielerInnen, ab 10 Jahren
Autor: Emanuele Briano
Verlag: Piatnik

Jury: Ein erfrischend leichtgängiges, dennoch taktisch-strategisches Laufspiel, dem das seltene Kunststück gelingt, weitestgehend auf den Glücksfaktor zu verzichten und dennoch als Familienspiel zu begeistern. Dabei spielen sowohl modernes Design, moderate Spieldauer und ein höchst interaktiver Mechanismus eine (Haupt)Rolle. Auch auf den inhaltlichen Bezug zur literarischen Vorlage „In 80 Tagen um die Welt“ hat man nicht vergessen – Kartentexte erinnern an Passagen von Jules Vernes Klassiker.

Spielehit für Freund:innen

20 mörderische Fälle warten darauf, gemeinsam gelöst zu werden. Die jeweilige Fallakte gibt einen ersten Hinweis: „Als der Kapitän die Brücke betrat, wusste er, dass der Maschinist tot war.“ Weitere Szenenkarten, die nun nach und nach aufgedeckt werden, sollen helfen, dieses Rätsel zu lösen. Bei jeder gilt es, einige Fragen zu beantworten wie „Stimmt die Uhrzeit?“ „Ist das Schiff auf Kurs?“ „War die Crew bei der Besprechung vollzählig?“

Black Stories: Das Spiel
Krimispiel, für 1 bis 4 SpielerInnen, ab 13 Jahren
AutorInnen: Inka & Markus Brand und Folko Streese
Verlag: moses

Jury: Das Spiel ist ein höchst kommunikatives Krimi-Spiel auf kooperativer Basis, dem es gelingt, ohne große Vorbereitung und ohne lange Fallakten, mit wenigen Kniffen und sehr gut aufeinander abgestimmten Fall-Karten den Hercule Poirot oder die Miss Marple in jedem anzuspornen und herauszufordern. Das stimmige Design, die keineswegs Klischees und bekannten Schemata folgenden Fälle und die unbeschwerte, zu Diskussionen einladende Herangehensweise samt finaler Beurteilung der Ermittler-Leistung verwandeln den Spieleabend in ein 10-mal wiederkehrendes (es gibt 20 Fälle).

ExperInnen

An drei Markttagen wollen wir als Schmied, Alchemistin, Kapitänin und Zeitreisende möglichst viel Reichtum durch Warenverkauf anhäufen und in der Zeit davor möglichst die gefragtesten Waren produzieren. Diese Zeit gilt es effektiv zu nutzen, schließlich stellt sie auch die Kosten-Einheit in Form von Sanduhren für alle Aktionen dar. Tränke brauen, das Schmieden oder das Schätze-Heben bzw. Fischen sind solche, die sich je nach Rolle zwar völlig voneinander unterscheiden, im Ergebnis jedoch einen vergleichbaren Produktionsprozess darstellen.

Merchants Cove
Wirtschaftsspiel, für 1 bis 4 SpielerInnen, ab 13 Jahren
Autoren: Carl Van Ostrand, Jonny Pac und Drake Villareal
Verlag: Pegasus

Jury: Ein opulent ausgestattetes, spektakulär – fast bahnbrechend –asymmetrisch konzipiertes Produktions- und (interaktives) Handelsspiel, das seinen vollen Reiz erst nach zwei, drei Partien entfaltet. Aufgrund der individuell völlig unterschiedlichen Produktions-Mechanismen, die jeweils im Prinzip eigene Spiele darstellen mit allem was dazugehört,

sprich Brett, Material, Regeln, Hintergrund und Konzept jeweils (völlig) anders, lassen sich die Spielzüge der MitspielerInnen erst dann gut nachvollziehen und einschätzen, wenn man selbst diese Rolle schon mal gespielt hat. Grandios und variantenreich konzipiert, herausragend abgestimmt, im Design atmosphärisch, sogar mit 3D Elementen illustriert und – last but not least – ein Fest für OrdnungsliebhaberInnen, allerdings nicht ohne Auf- und Abbau-Aufwand.

Karten

Ganz historischen Fasanerien nachempfunden, die mit vielen schönen bunten Vögeln einst dem Adel als ein anmutiges Ausflugsareal dienten, „bevölkern“ in „Fasanerie“ hübsch anzusehende Vögel(-karten) das Deck. Diese sollen von uns – Angestellte von hohen Herrschaften – gesammelt werden, die wertvollste Tier-Sammlung gewinnt. Das Spannende dabei: Die Wertigkeit eines Tiers wird meist durch die Gruppe definiert, sodass unterschiedliche Sammel-Logiken zu berücksichtigen sind: Mal sollte man eher größere Gruppen einer Art, mal kleine, oder aber auch nur paarweise sammeln, um Punkte-maximierend zu agieren bzw. gar um Minus-Punkte zu vermeiden.
Das Sammeln selbst läuft höchst ungewöhnlich ab, legt man doch, beginnend mit fünf Karten, diese offen ab.

Fasanerie
Sammelspiel, für 1 bis 2 (6) SpielerInnen, ab 8 Jahren
Autor: Friedemann Friese
Verlag: 2F

Top-Kartenspiel:
Top-Kartenspiel: „Fasanerie“ – vom Verlag 2F konnte niemand kommen

Jury: Ein für Gelegenheits-, wie VielspielerInnen über nahezu alle Altersklassen zu begeistern vermögendes Sammelspiel, das mit ungewöhnlich transparentem Konzept, einem hohen Grad an Interaktion und Varianz für anhaltenden Spielspaß sorgt: Wenn gewünscht, sind (fast) immer neue Ausgangslagen möglich. Ebenso ein Plus: Die höchst ansprechende Illustration der Karten, der einfache Zugang und der niedrigschwellige Anreiz, strategische und taktische Überlegungen anzustellen.

Spielehit Trends

Wir übernehmen die Rolle von Bauern im westafrikanischen Regenwald, wobei es gilt, die Bedürfnisse der Bevölkerung möglichst gut mit denen der Natur zu verbinden und eine ökologisch nachhaltige Wirtschaft aufzubauen.
Flughund-Kolonien, Ziegen oder Buschtiere anzusiedeln, hilft ebenso, wie der Anbau von Obstbäumen. Die Schulung der Familien ist gar essentiell, sorgt diese doch für regelmäßiges Einkommen – im umgekehrten Fall für Ausbeutungsambitionen in Form von Schürfen nach Gold und Bauxit, was zu Verschmutzung führt. Gelingt es uns, das Nahrungsangebot so weit zu erhöhen, dass wir vor Dorfgründungen nicht zurückschrecken müssen?

Atiwa
Umwelt- und Aufbauspiel, für 1 bis 4 SpielerInnen, ab 12 Jahren
Autor: Uwe Rosenberg
Verlag: Lookout Games

Jury: „Atiwa“ demonstriert auf eindrückliche Weise, dass sich ein brandaktuelles Thema – nämlich Regenwälder vor der Ausbeutung zu schützen – adäquat auf Basis eines anspruchsvollen Familienspiels umsetzen lässt und dabei das faszinierende Zusammenspiel der Natur, das beeindruckende Lösungsansätze offeriert, aufzeigt. Der Mechanismus, der das Aufforstungspotential durch Ansiedlung von Flughund-Kolonien gut simuliert, überzeugt auch spielerisch und sorgt im Worker-Placement-Spiel um Ressourcen im Regenwald für Spieltiefe und weist – ergänzt durch eine gelungene graphische Umsetzung – hohen Wiederspielreiz auf.

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spielepreis.at

spieleakademie

spielepreis -> Empfehlungsliste

Einige der Mitwirkenden bei der Entwicklung dieses Weltklimaspiels: Daniel Scheyer, Carina Luksic, Matthias Mittelberger, Markus Müller, Lukas Mittelberger, Christian Kathan, Frederick Lins, Thomas Schinko

Gemeinsam – spielerisch – die Klimakatastrophe abwenden

„Sim-City“ in den verschiedensten Varianten, das „nur“ für die digitale Welt programmiert wurde, „Die Siedler von Catan“, das als Brettspiel begann und immer wieder erweitert wurde, von dem es auch eine virtuelle Version gibt – sie zeigen seit gut drei Jahrzehnten: Simulationsspiele faszinieren und sind beliebt. Und das sind nur zwei aus dem Universum von Games, in dem es darum geht, aufzubauen und nicht zu zerstören. Ein weniger bekanntes Aufbau-Simulationsspiel ist das World Peace Game.

Vor fast zehn Jahren durfte ich einen Tag lang dabei sein, wie Kinder und Jugendliche in der Mittelschule Emmersdorf (Niederösterreich) schon in einem weit fortgeschrittenen Stadium (sie hatten schon vier Tage lang gespielt) in die Rollen von Regierungen, Vereinte Nationen, Weltbank usw. schlüpften, um Dutzende Krisen auf der Welt friedlich beilegen bzw. Herausforderungen spielerisch meistern zu können.

Vom Friedens- zum Klimapsiel

Neben aktuellen wieder aufflammenden heftigen kriegerischen Auseinandersetzungen ist dennoch wohl DIE größte globale Aufgabe: Wie dem Klimawandel Einhalt gebieten und das (Über-)Leben der Menschheit zu sichern. Der Planet würde sich selbst von den ärgsten Szenarien in spätestens einigen Jahrhunderten erholen, wenn die Menschen sich selber ausgerottet hätten.

Angst lähmt, darum gilt es, die Menschen eher zu ermutigen, sich für das Klima stark zu machen – so der Tenor des Vortrages von Thomas Schinko vom Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA). Dieser Gedanke bildet sozusagen das Rückgrat das die Spielidee aufrecht erhält.

Digitale Ergänzung

In die Rollen von Politiker:innen, Wirtschaftsleuten, Aktivist:innen und die vieler anderer tauchen Teilnehmer:innen im neuen Weltklimaspiel ein. Dieses große Brettspiel für Gruppen, vor allem gedacht für Schüler:innen (ab 13 Jahren), aber nicht nur, wurde über einen längeren Zeitraum von Fachleuten der Klimawissenschaften ebenso wie aus den Bereichen Pädagogik und Psychologie entwickelt. Basis sind die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (Sustainable Developement Goals – SDG). Zusätzlich zu den Figuren, Ereignis- und Herausforderungs-Karten gibt es eine Online-basierte App-Ergänzung. Damit, so Matthias Mittelberger, einer der Masterminds des von der gemeinnützigen Weitblick GmbH erarbeiteten Spiels, „können wir unsere Zahlen, Daten und Fakten immer aktuell halten“.

Im Spiel geht es einerseits um die Vermittlung von faktenbasiertem Wissen, noch viel mehr aber um die Zusammenhänge, sozusagen das Zusammenspiel aller Player auf der Welt.

„Es kann das Spiel – Dauer drei Tage bzw. wenigstens fünf Halbtage (empfohlen sind – aus Testspieldurchgängen – 21 Stunden) – durchaus auch crashen, wenn alle nur auf ihren eigenen Vorteil setzen“, gesteht der schon genannte Mittelberger. Aber in den Testspielen habe sich gezeigt, selbst wenn anfangs manche auf Konkurrenz spielen, pendle sich das Geschehen nach einiger Zeit eher auf ein gemeinsames Miteinander-Überleben-wollen ein.

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Reportage über das World-Peace-Game -> damals noch im Kinder-KURIER

weltklimaspiel.org

weltklimaspiel -> Info-Folder

Szenenfoto aus "Platz da!" von schallundrauch agency im Dschungel Wien

Den Raum für Menschen (zurück) erspielen

Janina Sollmann kniet in einer Nische seitlich der Sitzreihen und schafft einer Pflanze durch Umtopfen mehr Platz. Gleichzeitig tanz ihr Kollege Lawrence Ritchie raumgreifend auf praktisch der gesamten Bühnenfläche von rund 45 Quadratmetern. „Platz da!“ heißt die jüngste, mittlerweile 30., Performance der „schallundrauch agency“. Frauenräume vs. Männerräume!?

Wobei letzteres nicht das explizite Thema war, sondern sich so ergeben hat, wie Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… im Gespräch nach der fast die Tribünen sprengenden übervoll besetzten Premiere erfuhr. „Aber es ist uns schon bewusst geworden, was das darstellt“.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Platz da!“ von schallundrauch agency im Dschungel Wien

Kampf um den Platz…

Wie immer bei dieser Performance-Gruppe, die mit dem neuen Stück den 20. Geburtstag ihres Bestehens feiert, gehen die Beteiligten, nachdem sie sich auf ein Thema geeinigt haben, von sehr persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen aus. Diese bringen sie in den Prozess der Stückentwicklung ein, arbeiten damit und daran. Daraus entstehen Szenen, die das jeweilige Thema von vielen Seiten beleuchten, angehen, auseinandernehmen, Assoziationen in den Köpfen der Zuschauer:innen auslösen. Eine durchgängige Geschichte ist eher der Ausnahmefall.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Platz da!“ von schallundrauch agency im Dschungel Wien

Und hier geht’s um die Frage des Platzes, des Raumes. Wodurch ist er belegt, wie kann er – mehr – für Menschen, nicht zuletzt für Kinder – (zurück-)gewonnen werden? Ohne dies auch nur ansatzweise plakativ auszuspielen, sondern spielerisch anzudeuten, zu umkreisen, damit zu spielen. Und so engen die Performer:innen – zu den beiden genannten gesellt sich ein paar Minuten nach Beginn Caterina Vögel mit Leiter, Holzkiste auf Rädern und aufblasbarer Weltkugel hinzu – die 9 mal 5 Meter Spielfläche selber zunehmen ein. Kreuz und quer spannen sie bunte Schnüre, müssen drüber und drunter hindurch klettern, tanzen, turnen. (Bühne und künstlerische Mitarbeit: Michael Haller, Licht und künstlerische Mitarbeit: Silvia Auer).

Junior-Berater

Dabei erzählen sie von Situationen, wo’s in ihrer Kindheit oder hin und wieder auch später ganz schön eng geworden ist – bis hin zu einem letztlich doch glimpflich ausgegangenen Unfall. Und bauen eine zweite Ebene ein: Doch eine Geschichte – die Stadt ist bedroht von einem Bösewicht. Das war die Idee bei der Entwicklung von „Platz da!“. Als Janina Sollmann, die in diesem Fall auch Regie führte – und gemeinsam mit Gabriele Wappel, die dieses Mal künstlerisch coachte, die Gruppe gründete und leitet – zu Hause davon erzählte, schlug der achtjährige Sebi vor: „Es könnte ein Nebelmonster sein“, wie er KiJuKU nach dem Stück erzählte.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Platz da!“ von schallundrauch agency im Dschungel Wien

Und so wurde es – Theaterrauch aus der oben genannten fahrbaren Kiste. Gerettet könne die Stadt nur werden, wenn Wald, Wasser und Weltall zusammenhelfen. Und ein bisschen Energie aus dem Publikum erbitten sie. Der Satz „Wir brauchen keine Hilfe, nur ein bisschen Unterstützung!“ ist übrigens auch ein Produkt von Sebi Moser-Sollmann, der in den Credits auch als Junior-Berater angeführt ist, weil er obendrein noch einige der Musikstücke ausgewählt hat.

Rettung

Und so reist das Trio in die genannten drei Gegenden, wo es auf ein Waldmonster, einen Libellenwal und einen Milchstraßenturm trifft. Stadt befreit – ein Podest mit einer Harfe fährt durch die Tür an der Bühnen-Rückwand, Caterina Vögel beginnt zu spielen, die dichtest eng sitzenden Zuschauer:innen können sich mehr Platz verschaffen und auf dem Boden rund um die Harfinistin platzieren 😉

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Für tanzbare, ausgelassene Festivalstimmung sorgten vier Musiker von „Trubači Austrija“

Von der Roma-Hymne über ein hebräisches Volkslied bis zu Bella Ciao

Verdienter heftiger, langanhaltender Applaus als Belohnung für die zuvor erlebten 1 ¼ Stunden „Land ohne Land“. Mit diesem Stück eröffnete das nunmehr dritte „E Bistarde/ Vergiss mein nicht“-Festival. Theater und Musik, von Roma-Künstler:innen geschaffen, ist – diesmal im Dschungel Wien – noch bis zum 9. November 2023 zu erleben.

Riesen-Applaus nach dem Eröffnungsstück
Riesen-Applaus nach dem Eröffnungsstück „Land ohne Land“

Die Internationalität dieser Volksgruppen brachte nicht zuletzt der sich an die erwähnte Stück-Premiere – Besprechung in einem eigenen Link am Ende dieses Beitrages – anschließende mitreißende musikalische „Wander“-Auftritt des Quartetts von „Trubači Austrija“ zum Ausdruck. Erst im Theater-Foyer und dann im Hof spielten die Musiker auf drei Blasinstrumenten und einer Trommel so auf, dass viele richtiggehend zum Mittanzen mitgerissen wurden. Die Bandbreite reichte unter anderem von der Roma-Hymne „Djelem Djelem“ über das hebräisch/jüdische Volkslied „Hava nagila“ bis zum besonders durch italienische Partisan:innen im antifaschistischen Widerstand berühmt gewordene „Bella Ciao“ – die allesamt, wie auch die anderen Musikstücke Freude am Leben ausstrahlen.

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Ballons bei der Lichtermeer-Kundgebung gegen Terrorismus, Antisemitismus... November 2023

Bringt sie – die Geiseln – nach Hause

Der vielleicht leiseste sichtbare Protest unter den rund 20.000 Teilnehmer:innen der Lichtermeer-Kundgebung gegen Terror, Hass, Gewalt und Antisemitismus stand auf drei weißen Luftballons: Bring them home, Yes we care, Stop Antisemitsim.

Bringt/holt sie nach Hause – damit sind die rund 240 Geiseln gemeint, die Terroristen der Hamas am 7. Oktober 2023 nach Gaza verschleppt haben. Zuvor hatten sie in koordinierten Angriffen etwa 1.400 Menschen ermordet, ja richtiggehend abgeschlachtet. Wie schon mehrfach erwähnt: Der größte Massenmord an Jüd:innen nach dem Holocaust, der systematischen Tötung durch die Nazis in der Zeit der faschistischen Herrschaft und des zweiten Weltkriegs.

Ballons bei der Lichtermeer-Kundgebung gegen Terrorismus, Antisemitismus... November 2023
Ballons bei der Lichtermeer-Kundgebung gegen Terrorismus, Antisemitismus… November 2023

Die Kundgebung am 2. November 2023 thematisierte aber auch die seit diesem Überfall im Süden Israels steigende Anzahl antisemitischer Attacken – in Wien etwa den Brandanschlag auf den jüdischen Teil am Wiener Zentralfriedhof mit Hakenkreuz-Schmierereien an der Mauer oder das Runterreißen der israelischen Flagge an der Außenmauer der Synagoge in der Wiener Innenstadt.

Gedacht wurde auch der Opfer des Terroranschlags in Wien drei Jahre zuvor. Organisiert worden war die Kundgebung von der Initiative „Yes we care“ (ja, wir kümmern uns), die schon in der Corona-Zeit mit Lichter-Ketten und -Ringen gegen den damals aufkommenden Hass beispielsweise gegen Pflegepersonal und für Gemeinsamkeit, Zusammenstehen demonstrierte.

Online-Plakat für die Mahnwache am 5.11.2023
Online-Plakat für die Mahnwache am 5.11.2023

Am Sonntag, 5. November 2023, findet übrigens auf dem Platz der Menschenrechte (Mariahilfer Straße neben dem MuseumsQuartier) eine Mahnwache für die zivilen sowohl israelischen als auch palästinensischen Opfer statt – zu der „standing.together.vienna“ (Jüdisch-arabische Initiative in Wien für Frieden in Nahost) aufruft.

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Laura Moldovan als "Wahrsagerin"

Wahrsagen 2.0 – mit Laptop UND Augenzwinkern

Ein Tischerl mit Karten, einer großen Glaskugel, geheimnisvollen Büchern, brennenden Kerzen. Die Frau dahinter ein wenig geheimnisvoll mit großem dunklem Hut mit breiter Krempe, großen Ohrringen und knallroten Lippen, schwarz-glänzend gekleidet. Der Tisch inmitten eines hölzernen Wagens neben dem Eingang zum Theaterhaus für junges Publikum im Wiener MuseumsQuartier.

So empfängt Laura Moldovan ihre Besucher:innen zu rund zehnminütigen Sessions mit dem Titel „Decode your Prophecy“ (entschlüssle/ entschlüsseln Sie Ihre Prophezeiung). Die „Wahrsagerei“ findet im Rahmen des dritten Roma-Theaterfestivals „E Bistarde/ Vergiss mein nicht“ statt. Was wie ein klassisches Klischee beginnt, wird rasch gebrochen. Die Vielfach-Künstlerin – Kamerafrau, Videoschnitt/Montage (u.a. beim Stück „Land ohne Land“, mit dem das Festival eröffnet wurde und das noch bis 3. November 2023 läuft), Radiomoderatorin, Bloggerin – legt weder Karten, noch blickt sie in die Glaskugel.

Laura Moldovan als
Das „Ergebnis“ für KiJuKU 😉

Moldovan fragt nach Namen und Geburtsdatum, tippt beides in den auf dem Seitentisch stehenden Laptop. Und lässt ein Programm, das sie selbst samt Algorithmen erstellt hat, drüber laufen. Es wirft dir eine Nummer aus und so manche Sätze, wie sie in vielen Horoskopen zu finden sind.

„Ich liebe es, Klischees zu brechen“, verrät sie Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… den Ausgangspunkt für diese ihre Performances 😉

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Simonida Selimović eröffnete das 3. EBistarde-Festival inhaltsstark

Von realer Diskriminierung zur Utopie

Mit „Land ohne Land“ (Puv bi puv) wurde Anfang November die dritte Ausgabe des Rom:nja-Kulturfestials „E Bistarde /vergiss mein nicht“ eröffnet. Für Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… zwackte sich die Co-Erfinderin, Kuratorin, Regisseurin, Podiumsdiskutantin und Vielfach-Checkerin Simonida Selimović zwischendurch ein Viertelstündchen für ein Interview ab.

KiJuKU: Der Titel des Stücks deutet schon an, dass diese wahrscheinlich internationalste Volksgruppe der Welt kein eigenes Land hat. Ein wichtiges Element spielt die Inhaftierung des Protagonisten Aca in Serbien in der Corona-Zeit. War dies einer der Ausgangspunkte für das aktuelle Stück?
Simonida Selimović: Nein gar nicht. Schon als wir „Roma Armee“ 2017 fürs Maxim-Gorki-Theater in Berlin entwickelt haben (das dann auch im Wiener Volkstheater gespielt wurde) ist mir diese weiterführende Idee eingefallen. Ein Land zu besitzen heißt ja auch, es verteidigen zu müssen. Außerdem, warum sollten die Roma auf der ganzen Welt in dieses eine Land wollen? Warum überhaupt ein Land als Bestandteil einer Identität?
Viele haben mehrere Identitäten, ich zum Beispiel bin Romni, bin in Serbien geboren, in Österreich aufgewachsen, bin also neben Romni auch ein Stück weit Serbin und auf jeden Fall Wienerin. Und darüber hinaus reise ich gerne, liebe es, mir andere Kulturen anzuschauen – also Weltbürgerin, eine universelle Identität.

Riesen-Applaus nach dem Eröffnungsstück
Riesen-Applaus nach dem Eröffnungsstück „Land ohne Land“

KiJuKU: Und die Corona-Geschichte?
Simonida Selimović: Ach ja, da gab’s ganz arge Geschichten, das was wir im Stück anspielen ist dagegen harmlos. In Rumänien wurde beispielsweise eine Romni mit Kind von einem Busfahrer verprügelt als sie einsteigen wollte. Aber nicht er, sondern sie wurde verurteilt, weil er behauptet hat, sie habe ihn verflucht. Und man wüsste ja, Flüche von Roma können Wirklichkeit werden. In einer anderen Stadt durften hochschwangere Rom:nja nicht in eine Geburtsklinik um ihr Kind zur Welt zu bringen. In Ungarn, Rumänien, Polen, Serbien war es ganz schlimm: Einsperren, oft auch Wasser abgesperrt – weil sonst alles mit Corona verseucht würde. Die Roma wurden als „Überträger:innen“ gebrandmarkt – bei einer weltweit verbreiteten Seuche. Bitte was sollte das – darum haben wir es ziemlich harmlos eingebaut.

KiJuKU: Die Verbindung von analogem Spiel und Szenen im digitalen Raum war auch von Anfang an als Idee da?
Simonida Selimović: Diese zweite Ebene kam mit dem Wunsch, eine Welt zu bauen, in der alle gleichberechtigt sind, agieren und teilhaben können – egal von welcher Ecke der Welt aus. Alle Roma, Romn:ja, Sinti, Sinti:zze und so weiter würden sich sozusagen digital registrieren – anonym, weil sie in vielen Ländern ja noch immer gewalttätig verfolgt werden. Es wäre ein Staat in der Cloud, in der wir Weltbürger:innen sind – aber eine nachgewiesene Existenz haben, also auch zahlenmäßig sichtbar sind. Kein Staat könnte dann sagen, nein, in unserem Land haben wir keine Roma. Und jede und jeder Einzelne wäre dann aber in der analogen Welt in dem Land in dem sie/er sich aufhält, berechtigt zu wählen, zu partizipieren.

Simonida Selimović eröffnete das 3. EBistarde-Festival inhaltsstark
Simonida Selimović eröffnete das 3. EBistarde-Festival inhaltsstark

KiJuKU: Du hast auch das Programm kuratiert/ausgewählt, wonach?
Simonida Selimović: Zum Teil hab ich die Stücke angeschaut, zum anderen Künstler:innen eingeladen, deren Arbeit ich gut kenne.

KiJuKU: Es gibt hier jetzt ein „temporäres Mahnmal“, ist das die „Antwort“ darauf, dass es das seit Jahren versprochene zentrale Mahnmal für die Opfer des Porajmos (Gegenstück zur Shoa an Jüd:innen) noch immer nicht gibt, obwohl in der Nazizeit rund eine halbe Million Angehörige der Volksgruppen der Roma ermordet wurde?
Simonida Selimović: Ich habe die bildende Künstlerin Luna De Rosa gebeten, einen Roma-Wagen künstlerisch zu bearbeiten – dazu gibt es demnächst hier einen eigenen Beitrag samt Gespräch mit Rosa.
Drinnen gibt es eine Installation sowie eine Performance von Laura Moldovan, sozusagen ein Handlesen 2.0 – auch dazu demnächst mehr.

Palikera, Hvala lepo, Grazie mille, Mulțumesc Tusen Tack, Vielen Dank

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Hier unten geht’s zu einer Besprechung des Eröffnungsstücks

Simonida Selimović eröffnete das 3. EBistarde-Festival inhaltsstark
Simonida Selimović bei ihrer inhaltsstarken Eröffnungsrede
Szenenfoto aus "Land ohne Land"

Ein Weltpass statt grenzenloser Diskriminierungen

Kosa und ihr jüngerer Bruder Aca leben seit mehr als 30 Jahren in Österreich, suchen um die Staatsbürgerschaft an, aus Reisetaschen packen sie Ordner voller Dokumente aus, überreichen diese der grummelnden, grantelnden, abwehrend und abwertenden Beamtin. Obwohl sie keinen Blick hineinwirft, zweifelt sie gleich einmal an, ob das wirklich alles vollständig ist. Erteilt Anweisungen, dass sie sich eine Kopierkarte in Stock x holen, diese in y aufladen und obendrein Summe z zu zahlen hätten.

Ob Serbien, ob Österreich – Ämter alle gleich

Im Publikum gequältes, lautstarkes Lachen jener Zuschauer:innen, die offenbar eigene Erfahrungen mit der MA35 haben.

Doch bevor die Geschwister – Kosa (Valentina Eminova) und Aca (Sebastian Malfer) endgültig in den Besitz eines österreichischen Passes kommen können, müssen sie die Entlassung aus der serbischen Staatsbürgerschaft erwirken. Am leichtesten, so scheint es, wenn sie’s vor Ort selber tun. Wo sie auf einer zwar viel gestyltere aber nichts desto trotz ebenso ignorante Beamtin treffen.

Soweit die Rahmenhandlung von „Land ohne Land“, mit dem am Totengedenktag (1. November) das dritte Internationales Roma-Festival „E bistarde 2023 | Vergiss mein nicht“ im Dschungel Wien eröffnet worden ist. Simonida Selimović, gemeinsam mit ihrer Schwester Sandra, Gründerin dieser Veranstaltungsreihe mit vor allem Theater und Konzerten, hat das Eröffnungsstück geschrieben und auch Regie geführt.

Noch heftigere Diskriminierung in der Corona-Zeit

Zu den sarkastisch, bitterbösen Amts-Szenen (Beamtin: Franziska Adensamer, die auch Svetlana, die Cousine der beiden spielt) gesellt sich noch ein Rückgriff auf eine der Corona-Phasen. In so manchen Ländern wie Serbien oder Rumänien wurden Angehörige der Volksgruppe der Roma noch mehr als üblich diskriminiert. Sie wurden beschuldigt, Überträger:innen zu sein mit Ausgangsverboten oder Gefängnishaft belegt. Was im Stück die Situation nochmals verkompliziert, können die Geschwister nun nicht einmal zurück nach Österreich wo Svetlana Kosas beide Kinder (Dominic Moldovan und Samuel Rosegger in Video-Einspielungen) betreut.

Pass nicht in dieses System

Valentina Eminova stellt als Kosa immer wieder dieses ganze System nationaler Grenzen und einschränkender Bestimmungen in Frage und bricht daraus aus – mit bunter „Daten“-Brille und -Handschuhen surft sie in eine virtuelle Welt – die schließlich riesengroße auf einen vorgezogenen dünnen Vorhang projiziert wird. Schon davor wurde aus den schauspielenden Figuren hin und wieder Avatare, die sich zu unendlichen Vervielfachungen ausweiteten. Nun läuft die digitale Kosa durch grenzenlose Landschaften, in der immer wieder Bilder, teils auch Videos aufpoppen von Roma-Vorkämpferinnen wie der in Österreich doch recht bekannten Ceija Stojka, die mehrere Konzentrationslager der Nazis überlebte und als eine der allerersten darüber zu malen, schreiben und sprechen begann. Aber auch – bei uns weniger bekannten – aus Rumänien, Schweden, USA…

Land-Kauf

Diese digitale Landschaft gegen Ende ist aber viel mehr, sie wird als Konzept schon früher im Stück angesprochen: Was wäre, wenn alle Rom:nja, Sinti:zze, Lovara… eine digitale Identität in einer gemeinsamen, grenzenlosen virtuellen Welt hätten, sozusagen einen – wie er mehrmals eingeblendet wird – Roma-Pass, eben ein „Land ohne Land“. Womit sich der Bogen zum Beginn des Stückes schließt. Da wird die bekannteste Suchmaschine eingeblendet und nach dem Online-Kauf eines digitalen Landes gesucht – wobei dabei natürlich Metaverse aufscheint 😉

Kombination

Das ca. 1 ¼-stündige Stück verbindet äußerst gelungen realsatirisches Schauspiel mit Live-Musik durch die beeindruckende Fagott-Bläserin Stefanny Leandro Aguilar, die mal untermalend, dann wieder zentral aufspielend fast durchgängig Klangteppiche webt mit Spitzen-Auftritten sowie Video-Einspielungen (neben den beiden schon genannten Kinder noch Radica Savić als u.a. Kaffee-Sud lesende serbische Tante) und ins Digitale ausgelagerter Utopie (Visual Art: Joanna Zabielska; Kamera & Cut: Laura Moldovan). Gerade letztere verschafft angesichts der in den vergangenen Jahren und Wochen noch heftigerer aufgeflammter brandgefährlicher nationaler Konflikte ein wenig sehnsüchtige Hoffnung.

Hintergrund

Etwa zwölf Millionen Roma leben im europäischen Raum. Auch wenn sie keine homogene Gruppe sind, sondern vielfältige Lebensstile pflegen, werden viele von ihnen sozial nach wie vor ausgegrenzt oder nicht wahrgenommen. Doch „Wir sind da, wir zeigen uns, wir lassen nicht zu, dass man vergisst, dass es eine Geschichte gibt, die uns seit Jahrhunderten verfolgt, und dass wir nichts davon wissen. Wir sind so viele und wir sind so unterschiedlich.“

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Das Festival „E Bistadrde/ vergiss mein nicht“ gibt den Rom:nja und Sinti:zze durch Theater und Kultur eine Stimme: „Es ist notwendig, einander, Roma und Nicht-Roma, zu kennen und anzuerkennen, um unsere historischen kulturellen Unterschiede zu versöhnen“, sagt Simonida Selimović-Rosegger, Gründerin des Roma Theatervereins Romano Svato. „Wir haben eine Auswahl an Shows zusammengestellt, die sich um aktuelle Themen und Ästhetiken drehen, die in der Dokumentation der Realität und der Mikrogeschichte verwurzelt sind.“ „E Bistarde“ hat eine klare soziale Botschaft in Bezug auf Bildung, Bewusstsein und Stärkung einer positiven Identität. Ihre kulturelle Vielfalt über und mit Roma arbeitet darauf hin, das Zusammenleben innerhalb der Roma-Gemeinschaften sowie außerhalb zwischen der Nicht-Roma-Mehrheit und den Roma-Gemeinschaften zu harmonisieren.

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Übersicht über die weiteren Auftritte in der Info-Box. Und es wird – natürlich – weiter ausführlich hier berichtet.

Szenenfotoa aus "Die Habsburger – A Vampirg’schicht" im Schubert Theater Wien

Der Vampir der Kaiserin

Passend zu Halloween startete das Wiener Schubert Theater mit dem ersten Teil einer geplanten Trilogie über „Die Habsburger“, und zwar mit „A Vampirg’schicht“. Und verknüpfte dabei Wahres – weitverbreiteten Vampirglauben Mitte des 18. Jahrhunderts im Kaiserreich. Den gab es wirklich, auf vielen Friedhöfen wurden Leichen ausgebuddelt und die vermeintlichen „Untoten“ gepfählt, verbrannt…

Obwohl das einmalige Premieren-Abend-Feeling mit verkleideten und geschminkten, teilweise unkenntlichen, Besucher:innen anlässlich des speziellen Datums nicht wiederholbar ist, die Bühnen-Performance ist allemal lohnenswert, unterhaltsam mit so manchen Anspielungen auf aktuelle Debatten – Seuche, Verschwörungstheorien, Schwurbeleien… Und die „G’schicht“ geht fantasievoll über die Geschichte hinaus – samt (traumhaften) Begegnungen der Kaiserin mit einem Vorfahren, der sich als Vampir ent„puppt“.

Vom Bett aus regieren

Die nicht ganz zwei Stunden führen vom Bett der Kaiserin in dem sie als Puppe entweder liegt, sitzt oder samt der Bettstatt aufrecht hängt über ihren Leibarzt Gerard van Swieten, der und in dem Fall in geheimer Mission gegen den Vampirglauben nach Böhmen und Mähren geschickt wird. Was sich im Hof so schnell herumspricht, dass von geheim keine Rede mehr sein kann. Herrlich die Kutschenfahrt mit allein durch laufendes Licht sich drehenden Rädern, dem schonmehr Vampir als Kutscher und Einflüsterer des Arztes und Wissenschafters.

Schau- und Puppenspieler:innen

Manuela Linshalm und Markus Peter Gössler sind einerseits – in welcher Rolle auch immer – ebenso überzeugende Schau- wie Puppenspieler:innen. Egal ob sie die vom Bett aus regierende Kaiserin mit Bewegung von deren Puppenkopf sprechen lässt oder Friedhofsgehilfen ganz ohne Puppen spielt. Oder er den Arzt ebenso wie einen kaiserlichen Diener – oder mit der Puppe Kaiser Maximilians, der als Untoter auferstanden ist im Widerstreit liegt. Die großartigen Puppen kommen – wie hier sehr oft – aus den Händen von Soffi Povo, Kostüm & Ausstattung: Lisa Zingerle, Bühne & Ausstattung: Angelo Konzett. Nicht zu vergessen: Licht und Technik – mit so manchem Gruseleffekt: Marvin Schriebl, Simon Meusburger; Stimme aus dem Off: Christoph Hackenberg.

So ernst die beschriebenen Szenen, so gibt es keine, in der nicht Humor wenigstens mitschwingt. Darüber hinaus sorgen Slapstick- und andere Einlagen für lautstarke, herzhafte Lacher. Die hin und wieder ein bisschen im Hal stecken bleiben – angesichts schon genannter Anspielungen (Text: Stephan Lack, Regie: Simon Meusburger).

Rätselhafterweise steht in einer Nische des Theatergangs, oft Platz für einen Notsitz oder zusätzliche Technik-Steuerung, ein großer hölzernen Sarg. So manche grübeln beim Einlass, ob da die eine oder der andere Spieler:in schon die ganze Zeit auf den Start wartet. Es kann gespoilert werden: Nein, aber der Sarg kommt gegen Ende dann doch noch ins Spiel 😉

Achja: Die 1 ¾ Stunden sind recht kurzweilige und machen auch schon neugierig auf die beiden folgenden Teile der als Trilogie angekündigten „Habsburger“.

Vampirismus

Obwohl lange Zeit kein Thema, wurde der Vampirismus-Glaube während der Regentschaft Maria-Theresias in den vergangenen Jahren mehrfach aufgegriffen, in Filmen sowie einem Jugendbuch über die „Vampirprinzessin“, Eleonore Schwarzenberg in Český Krumlov (Krumau, im böhmischen Teil Tschechiens) – Link zu einer Buchbesprechung am Ende des Beitrages.

Fortsetzungen

Teil 2: „A Liebeslied‘l“ – ausgehend von der Tragödie im Jagdschloss Mayerling (1889) ist für April 2024 angekündigt. Ein Jahr später soll „A Trauerspül“ Premiere feiern. In der Ankündigung heißt es: „Die Prunkbauten der einstigen Weltmacht strotzen prächtig und werden immer neu poliert – wohin auch mit all dem Schutt? Nach Spittelau, oder zum Recycling? Trotz Untergangs ist das Erbe Habsburg beliebter denn je.“

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Doppelseite aus dem Bilderbuch "Wie ich die Welt mir träume"

Gedankenflüge – in Wort und Bild – in ein mögliches echtes Paradies

Ach wie könnte die Welt doch schön sein ohne Autos, Beton und all dem Zeugs, das die Menschen erfunden und damit die Natur zerstört haben und es ständig weiter tun. Dieser Grundgedanke schwebt über dem dennoch sehr stimmungsvollen Bilderbuch „Wie ich die Welt mir träume“.

In – meist nicht gereimten – Gedichtzeilen fühlt sich die Autorin in ein Kind hinein, das sich solche Gedanken macht, wenn die Erde ganz menschenleer und die Natur unzerstört sein würde. Und sie verbindet diese weitschweifenden Überlegungen mit der Frage:
„Was wäre dann mit mir?
Würde es mich trotzdem geben,
würde ich leben, anderswie?
Auf dieser Welt als Anderswas?
Ein Anderswer im Anderswo?“

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Wie ich die Welt mir träume“

Baum, Schwammerl… Fuchs

Die hoch (kinder-)philosophischen Fragen spinnt sie sprachlich Fort als möglicherweise Baum, Pilz usw. Stella Dreis erweitert die knappen, Gedankenanstoßenden Zeilen zu einem weichen, sanften, endlos scheinenden Bilderkosmos. In den baut sie immer wieder das Bild eines kleinen, rötlichen Fuchses ein – und löst damit unwillkürlich die gedankliche Verbindung zu Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“ aus. Dieser vermittelt der Hauptfigur ja, dass er Sehnsucht hat nach Freundschaft, danach einander vertraut zu machen.

Denn – so die Überlegung des Kindes, das sich immer wieder in andere Naturobjekte/subjekte hineindenkt: …“ das Staunen, frage ich. Ist es noch da, mitten im Wundern und Bewundern?… Ohne ein wenig vom Menschenwesen/würden wir wohl genau das verlieren.“

Im Einklang

Als Ausweg finden Autorin in Worten und Illustratorin in Bildern ein sich Bescheiden, ein Leben im Einklang mit der Natur. Das liest sich dann etwa so:
„Paradies wie noch nie, mit einfachen Regeln:
Wer etwas nimmt, wird auch etwas geben…
Dadurch fehlt nichts und nichts geht verloren.
Reich ist die Werde, wunderbar…“

Die letzte Zeile erinnert wiederum an Jura Soyfers humorvolles und doch bitterböses Theaterstück „Der Weltuntergang oder Die Welt steht auf kein‘ Fall mehr lang“, in dem er unter anderem gedichtet hat:
Voll Hunger und voll Brot ist diese Erde,
Voll Leben und voll Tod ist diese Erde,
In Armut und in Reichtum grenzenlos.
Gesegnet und verdammt ist diese Erde,
Von Schönheit hell umflammt ist diese Erde,
Und ihre Zukunft ist herrlich und groß!

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Wie ich die Welt mir träume“

Indigene

Bleibt noch eine Anmerkung zum echt wunderbaren, tiefschürfenden und weitblickenden Bilderbuch, auch wenn natürlich nie alles umfassend angesprochen werden kann, aber vielleicht doch Platz in der einen oder anderen Nebenbemerkung finden hätte können: Die Menschheit wird auf das weit verbreitete sogenannte „zivilisierte“ Leben verallgemeinert. Sogenannte „Wilde“, so manch indigene Völler, leben sehr wohl im Wissen, „nur“ Teil des Universums zu sein, empfinden beispielsweise Schmerz, wenn ein Baum gefällt wird. Und einige sagen – und handeln: Wenn wir eine wichtige Entscheidung treffen müssen, beraten wir, was wären/sind die Folgen und Auswirkungen in sieben Generationen! Letzteres berichtet Felix Finkbeiner, 2007 im Alter von zehn Jahren Gründer von „Plant fort he Planet“, von einem Treffen mit Chief Shaw, einem Häuptling eines First-Nation-Stammes in Nordamerika einige Jahre später.

Wobei vielleicht die Illustration des Kindes zu Beginn und am Endes des Buches auf eine solche Herkunft hindeuten könnte – mit den Zeilen
Denk mich als Mensch einer anderen Art.
Als Geschöpf unter vielen – achtsam und zart.

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'Titelseite des Bilderbuchs
‚Titelseite des Bilderbuchs „Wie ich die Welt mir träume“
Zeichnerin und aktiviertes Publikum

Linie für Linie zu einer Manga-Figur

„Als erstes zeichnet ihr zwei Eier – einen für den Kopf und einen für den Körper“, beginnt die Profi-Manga-Zeichnerin Melanie Schober ihre Anleitung. Sie sitzt mit einem Tablet vor der Kinoleinwand im kleinen, feinen Filmhaus Spittelberggasse. Das Publikum – vorwiegend Kinder und Jugendliche, aber nicht nur – hatte zuvor mit ihr den Anime-Film „Miss Hokusai“ angesehen.

Bevor sie mit dem animierenden Zeichen-Unterricht beginnt, erläutert Schober noch so manches zum Film (aus 2014/15), das abseits der interessanten Hauptgeschichte doch einigermaßen irritierende sein konnte. Die Grundstory: Diese Miss heißt O-Ei und ist die Tochter des berühmten japanischen Malers Katsushika Hokusai (1760 bis 1849). Aus ihrer Sicht wird die Geschichte erzählt. Sie hat ihrem Vater nicht nur geholfen, so manche Bilder, die sie gemalt hat, sind unter seinem Namen bekannt geworden. Streckenweise geht’s recht düster zu, O-Seis kleine Schwester O-Nao ist blind – und lebt nicht bei der Familie.

Stifte, Papier und Schritt-für-Schritt-Tipps

Dieses eineinhalbstündige Anime war Teil der Veranstaltungsreihe „Film + Zeichnen“, die in unregelmäßigen Abständen in diesem kleinen Kino gemeinsam mit dem nahegelegenen Zeichenstudio linea stattfindet. Ausgestattet mit einem Sackerl hochwertiger Zeichen- und Malstifte sowie Papier und Klemmbrettern, die die Besucher:innen bekommen, machen sie sich ans Werk, um Schritt für Schritt – in diesem Fall die Hauptfigur O-Ei – zeichnen zu können. Da kommen zu den beiden Eiern noch zwei Knödel für die Augen, zwei dreieckige Dächer für die Augenlider…

Neben den leicht nachvollziehbaren Strichen und Linien – erst mit Bleistift und dann nachgezogen mit Finelinern – vermittelt die Künstlerin einen ganz wichtigen Grundsatz: „Wir sind keine Kopiermaschinen, ihr macht’s das bitte in eurem eigenen Stil!“ Und sie gibt eine Weisheit zum Besten: Bevor du eine gute Zeichnerin/ein guter Zeichner wirst, musst du erst 10.000 schlechte Zeichnungen gemacht haben 😉

„gut ge-guidet“

Aber nicht nur Anime- und Manga-Fans waren für die spannende BE-Stunde nach dem Film gekommen. Anna und Paula, die noch etliche Zeit nach der Veranstaltung im Kinofoyer an einem der runden Tische weiterzeichnen, erzählen Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…, „dass wir zwar schon das ganze Leben zeichnen, aber Manga erst seit Kurzem“. Anna lobte den Kurs mit Melanie Schober: „Sie hat das sehr gut ge-guidet“ und schätzt vor allem deren Gedanken, nicht zu kopieren, sondern den eigenen Stil zu finden. „Obwohl ich in der Oberstufe in ein Gymnasium mit künstlerischem Schwerpunkt gegangen bin, war das in der Schule nicht immer so.“

Melanie Schober in Aktion
Melanie Schober

Schon mit elf gewusst

Die gelobte „Lehrerin“, die jahrelang beim führenden Comics-Verlag im deutschsprachigen Raum unter Vertrag war – als es einen Manga-Boom gab – und nun wieder freischaffend vor allem via Internet ihre Arbeiten verkauft, „wollte schon mit elf Jahren Comic-Zeichnerin werden. Sogar schon mit sechs hab ich gewusst, ich brauch einen Beruf, um leben zu können“, vertraut sie KiJuKU an.

„Ich wollte einerseits zeichnen und andererseits Geschichten schreiben und bin damals draufgekommen, dass ich bei Comics beides gut verbinden kann.“ Als Kind hab sie ihre eigenen Figuren – und Welten – erschaffen. „Tillis waren eine Art Außerirdische in Tropfenform. Die hab ich alles mögliche erleben lassen, das mir untergekommen ist; unter anderem den Untergang der Titanic und vieles andere. Da hab ich zehn dicke Hefte voll gezeichnet und geschrieben.“

Mit „Sailor Moon“ sei sie dann erstmals auf Mangas gestoßen „und das wurde dann mein’s!“ Und damit kam auch die intensive Beschäftigung mit japanischer Kultur, „obwohl für asiatische Kultur hab ich mich schon vorher interessiert“.

Dass sie ihre professionelle Fertigkeit auch anderen, vor allem Kindern, vermitteln kann, „da bin ich erst viel später draufgekommen“, antwortet sie auf die entsprechende Frage. Übrigens hatte sie bei der Anleitung im Kino an einem Punkt gesagt: „Manga-Zeichnen ist wie ein bissl anspruchsvolleres Strich-Mandl-Malen.“

Payam Boromand und Melanie Schober, die beide diese Kurse im Kino - abwechselnd - leiten
Payam Borumand und Melanie Schober, die beide diese Kurse im Kino – abwechselnd – leiten

Nächstes Mal

Beim nächsten Mal, wenn „Ponyo“, ein Anime-Film von Hayao Miyazaki zu sehen ist (siehe Info-Box), wird Payam Borumand Strich für Strich das Zeichnen vermitteln. Er zeichnet und malt in verschiedensten Stilen hat auch klassische Malerei – in Teheran – studiert, „aber mit Comics kann ich meine eigenen Geschichten kreativ und fantasievoll in Bildern erzählen“, sagt er Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…

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Schüler:innen mit Protest-Tafeln

Jugendliche protestieren gegen drohende Abschiebung ihres Klassensprechers

Montagmittag, Herbstferien. Gut zwei Dutzend Schüler:innen und einige Lehrer:innen trudeln auf dem Wiener Minoritenplatz ein. Ihr Ziel ist in diesem Fall nicht das Bildungs- sondern das Innenministerium am anderen Ende des Platzes gleich beim U-Bahn-Aufgang.

Sie haben eigenhändig geschriebene Kartontafeln mitgebracht, die sie nun auspacken. „Kranke Kinder abschieben?? Bitte nicht!“ oder „Jaba braucht Hilfe!“, „Gute Menschen für Österreich: Jaba“. Der Name des 16-Jährigen, der in den vergangenen Tagen schon durch etliche (soziale) Medien gegangen ist, steht auf der zuletzt genannten Kartontafel in rot-weiß-roten Streifen. „Eine Abschiebung würde ihm alles nehmen“, heißt es auf einer weiteren Tafel.

Zur Krebsbehandlung gekommen

Der Bursche ist Klassensprecher in der Abschlussklasse der Mittelschule Redtenbachergasse (Wien-Hernals). Vor fünf Jahren kam er mit seiner georgischen Familie nach Österreich. Er litt an Blutkrebs (Leukämie), die Familie ließ ihn zuerst in der Türkei behandeln, wofür sie rund 28.000 Euro bezahlen musste, nachdem sie ihr Hab und Gut in Tiflis verkauft hatten. In Istanbul wurde der Familie geraten, für die bestmögliche Behandlung nach Österreich zu reisen, das St. Anna Kinderspital wäre die optimale Stelle.

Paradefall einer integrierten Familie

Das tat die Familie. Jaba wurde erfolgreich behandelt, die Intensivtherapie ist abgeschlossen, Erhaltungstherapie bzw. regelmäßige Kontrollen sind aber jedenfalls erforderlich. In der Zwischenzeit konnte er längst die Schule besuchen, wenngleich er aufgrund häufiger Krankenhaus-Aufenthalte ein Schuljahr im Verzug ist. Seine Mitschüler:innen bestätigten vor Mikrophon aber auch in Einzelgesprächen, wie gut er die Sprache beherrscht. Und nicht nur das, sie wählten ihn zum Klassensprecher, „weil er sehr respektvoll, hilfsbereit und vertrauenswürdig ist“´, wie Sena und Mansaroob Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… erklären. „Außerdem ist der voll integriert, hat in der Schule auch ein Schachturnier gewonnen.“

Zur Kundgebung waren nicht nur Klassenkolleg:innen, sondern auch Schüler:innen anderer Klassen gekommen. Die wussten gar nicht alle von seiner Krankheit. „Darüber hat er nicht viel geredet, er ist ein ruhiger, sehr netter Kerl“, sagt Danijela. Ali, Ahmed und Francesco „kennen ihn nur über seinen Bruder Saba mit dem wir in die Schule gegangen sind. Die ganze Familie ist sehr nett, freundlich, gut integriert.“

„Ich finde das einfach nicht in Ordnung, dass Jaba abgeschoben werden soll. Wo bleiben die Kinderrechte!“, schüttelt Zainab verständnislos und ärgerlich den Kopf angesichts der drohenden Abschiebung.

Falschinformationen im Ablehnungsbescheid

Wobei – wie Katharina Glawischnig von asylkoordination österreich aus den amtlichen Schreiben zitiert – dort – trotz Hinweisen auf Deutschkenntnisse behauptet wird, „Integration in sprachlicher, beruflicher und gesellschaftlicher Sicht sind nicht erkennbar“.

Was nicht nur den Erfahrungsberichten der Mitschüler:innen sowie der Lehrer:innen, die nur anonym Auskunft geben dürfen, widerspricht, sondern auch allen Fakten: Von Schulerfolgen – seine Schwester Nini steht wenige Monate vor der Matura, der Vater arbeitet in einem unbefristeten Dienstverhältnis, die Mutter hat eine Job-Zusage…

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Kindeswohl nicht einmal nachgefragt

Und die Entscheidung sei auch insofern rechtswidrig, weil die Kinder/Jugendlichen gar nicht angehört worden sind. Und dies sei immerhin aus den Schlussfolgerungen der Kindeswohlkommission Pflicht. Darauf wies Irmgard Griss in ihrer Rede hin. Die ehemalige Höchstrichterin war nach dem aufsehenerregenden Fall der Abschiebung von Tina (ebenfalls nach Georgien, die nun wieder, weil die Entscheidung als rechtswidrig aufgehoben worden ist, in Österreich die Schule besucht) zur Leiterin der vorübergehenden Kindeswohlkommission bestellt worden. Erkenntnisse der Expert:innen: Kindeswohl ist jedenfalls vorrangig zu berücksichtigen, Kinder sind eigenständig zu beurteilen und sie müssen angehört werden.

Das wäre als würden Schüler:innen bei Tests oder Schularbeiten vieles falsch und fehlerhaft erledigen, brachte es Elisabeth Schaffelhofer-Garcia Marquez vom Netzwerk Kinderrechte auf den Punkt.

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Anders als andere Jungs

Jouly, stellvertretende Klassensprecherin, die ebenfalls bei der Kundgebung sprach, gestand, dass ihr fast die Tränen gekommen seien, als sie vom Schicksal ihres Kollegen Jaba erfahren habe. Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… erzählte sie auf Nachfrage noch ausführlicher über den Klassensprecher: „Er war gar nicht wie viele andere Jungs. Jaba streitet nie, er ist immer nett und erst dadurch, dass er Klassensprecher und ich -stellvertreterin bin, haben wir jetzt in der Klasse ein viel besseres Verhältnis zwischen Mädchen und Jungs.“

„Zum wiederholten Mal beweist das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (BFA), dass Kinderrechte in ihrer Beurteilung keine Rolle spielen“, zeigt sich Christian Oxonitsch, SPÖ-Nationalratsabgeordneter und Vorsitzender der Wiener Kinderfreunde in einer Aussendung am Sonntag verärgert.

Fast wie ein Hohn wirkt diese Aufschrift auf einer Sitzbank:
Fast wie ein Hohn wirkt diese Aufschrift auf einer Sitzbank: „Unsere REchte – unsere Zukunft“

Fast zynisch

Hinter den Kundgebungsteilnehmer:innen steht eine himmelblaue Sitzgelegenheit mit einem großen Aufkleber des ums Eck beheimateten Außen- und Europaministeriums: in bunten Streifen steht in großer weißer Schrift: „Our rights our future“ (Unsere Rechte unsere Zukunft)!

Leider keine Einzelfälle

Am Rande der Kundgebung erfuhr Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…, dass auch an einer anderen Schule, dem Gymnasium in der Anton-Krieger-Gasse (Wien-Liesing) die langjährige Schülerin Maroa Alzobai von der Abschiebung bedroht ist.

Dagegen läuft – ebenso wie gegen die drohende Abschiebung von Jaba und seiner Familie – eine Online-Petition – Links am Ende des Beitrages.

Familie Alzobai lebt seit acht Jahren in Österreich, Maroa ist seit 2016 Schülerin der Anton-Krieger-Gasse, besucht jetzt die 7. Klasse. In der Petition wird sie so beschrieben: „Maroa war schon immer eine engagierte und fleißige Schülerin. Sie ist zielstrebig und hat große Ambitionen, und weiß ganz genau, was sie im Leben erreichen möchte. Es wäre definitiv nicht in Ordnung, sie nach 8 Jahren abzuschieben. Der Irak ist nach wie vor von Unsicherheit geprägt, und die wirtschaftliche Lage ist instabil. Für Maroa gibt es dort einfach keine realistische Zukunftsperspektive. Nach all den Jahren, die sie in Österreich verbracht hat, wird sie es schwer haben, sich in einem unsicheren Umfeld zurechtzufinden, insbesondere in einem Land, das ihr nicht mehr vertraut ist. Generell ist zu sagen, dass die Familie Alzobai sehr bemüht ist, arbeitet und ihren Pflichten treu nachgeht.

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petitionen -> bleiberecht_fur_familie_alzobai

petition -> jaba-und-seine-familie-sollen-bleiben

hilferufe-von-schulklasse -> damals noch im Kinder-KURIER

Bildmontage aus einem Foto von der Präsentation der beiden viersprachigen Bücher sowie zwei Seiten aus diesen

Onkel Marzipan/ Marcipán Apó/ O dad Marcipan und Poznati Slastičar

„Ein berühmter Zuckerbäcker
ist Onkel Marzipan,
dem man jedoch nie auf einem
Ross reiten sehen kann…“

Dieser Onkel Marzipan aus dem jüngst im Burgenland vorgestellten gedichteten Büchlein mit vielen Zeichnungen von Kindern illustriert, heißt aber auch Marcipán Apó, O dad Marcipan und Poznati Slastičar. Denn das Buch ist in den vier Volksgruppen-Sprachen des Burgenlandes erschienen: Deutsch, Ungarisch, Romanes und Burgenland-Kroatisch.

Neben dem „Onkel Marzipan“ wurde noch ein zweites – ebenfalls viersprachiges – aund auch von Kindern illustriertes – Bilderbuch vorgestellt: „Blauer Bäcker/ Akék pék/ O modro pekari/ Plavi pekar.

Fantasievoll mit Hindernissen

Der mehrfach ausgezeichnete Künstler László Devecsery aus Steinamanger schrieb die in Reimen verfassten Episoden um den phantasievollen Zuckerbäcker, der praktisch alles aus Marzipan herstellt. Was nicht immer praxistauglich ist – wie bei einem Boot für seinen Sommerurlaub, das dann von Schwänen und Möwen mehr als geliebt wird. Bei Brot und Gebäck trifft er nicht so den Geschmack der Kund:innen, die bei Brezel oder Brot nicht ganz so Süßes gewollt hätten. Dafür versteckt er in einer der 33 Torten, die er für das Hochzeitsfest seiner Enkeltochter Klara kunstvoll herstellt etwas ziemlich Hartes in einem Geheimfach…

Im zweiten Buch lässt der Dichter einen Bäcker auf neue Ideen bringen. Warum braunes Bort, wenn’s doch auch – mit Lebensmittelfarbe – blau sein könnte, sogar den Namen seines Betriebes ändert er in „Bäckerei Veilchenblau“. Aber, naja, den Kund:innen verging der Appetit angesichts der Farbe. Also nix mit Blaubrot, dafür gab’s in Kapitel 2 gerade Brezerln, später Unmengen von Kipferln, weil sein Enkel Matthäus davon nicht genug bekommen konnte. Oder gebackene Ostereier – also nicht die Eier im Backofen, sondern Striezel in Ei-Form oder zu Weihnachten klingende Kipferln und ein Glöckchen an jeder Semmel.

Übersetzungen

Die Abenteuer der beiden Helden wurden von Kindergartenpädagogin Katharina Dowas (selber Autorin vieler der mehrsprachigen Bücher des UMIZ – Ungarisches Medien- und Informations-Zentrums) ins Deutsche, von Marijana Wagner (kroatischer Kulturverein HKD) ins Burgenland-Kroatische und von Emmerich Gärtner-Horvath (Verein Roma-Service) auf Romanes übersetzt. Die Illustrationen wurden im Rahmen eines grenzüberschreitenden Zeichenwettbewerbs, an dem sich mehr als 100 Kinder und Jugendliche beteiligt haben, angefertigt.

Kinder-Auftritte

Bei der Präsentation im Kulturhaus Unterwart rezitierten Kinder des Nationaliätenkindergartens aus Felsöcsatár Tiergedichten des Autors der beiden eben genannten Bücher in ungarischer und burgenland-kroatischer Sprache. Die Mädchen und Buben der „Spielerischen Ungarischen Kinderstunde“ des Burgenländisch-Ungarischen Kulturvereines zeigten eine Auswahl ihrer liebsten Lieder, Kreisspiele und Verse, unter anderem das Lied „az a szép, akinek a szeme kék“, das Lied von den blauen Augen.

Eine Woche später wurden die genannten beiden jeweils viersprachigen Bücher in der Komitatsbibliothek Steinamanger (Szombathelyi Berzsenyi Dániel Megyei Könyvtár) wieder gemeinsam mit dem Ungarische Medien- und Informationszentrum Unterwart (Alsoöri Magyar Média- és Információs Központ) in dieser Partnerstadt von Oberwart vorgestellt. Es ist auch die Heimatstadt des Dichters László Devecsery.

Gedichte, Lieder, Spiele

Für die musikalische Umrahmung sorgte die Musikgruppe „Tarisznyások Együttes“ mit vertonten Gedichten des genannten Künstlers. Erneut sagten Kinder aus dem „Nationalitätenkindergarten Felsöcsatár“ Gedichte von László Devecsery auf – auf Ungarisch und Burgenland-Kroatisch. Anschließend führten Kinder des „Weöres Sándor Kindergartens“ aus Steinamanger Kreisspiele, Lieder und Gedichte über den Herbst auf. Auch diese Gruppe präsentierte ihr Können in ungarischen Trachten und wurde lautstark beklatscht. Als dritter Programmpunkt konnten die Schüler und Schülerinnen aus Szentpéterfa begrüßt werden. Die Tamburizzagruppe „Tanke Zice Tamburazenekar“ spielte kroatische Lieder aus der Grenzregion. Viele Zuschauer sangen mit, was für eine besonders gute Stimmung im Saal sorgte.

Zwischen den Auftritten der Kinder und Jugendlichen las László Devecsery aus seinen beiden neuen Bücher seine Lieblingsgeschichten vor. Katharina Dowas stellte hierbei auch gleich die Künstlerin Mária Tihanyiné Müller vor, welche wunderschöne Kunstwerke auf Steine gemalt hatte. Diese finden sich in beiden Werken nicht nur auf dem Deckblatt, sondern auch im Inneren der Bücher wieder.

Übrigens hier noch die ersten vier Gedichtzeilen vom Beginn dieses Beitrages in den drei anderen Sprachen:

„Híres cukrász Marcipán,
nem jár soha paripán!
Miért ülne paripára?
Házában a cukrászdája.“

„Jek barikano cukrengero pekari
hi o batschi Marcipan,
savo schoha upre jek gra
te dikel sina.“

„Tetac Marcipan je poznati slastičar,
ali nikada se ne vidi na konju jahati.
Zašto tetac Marcipan ne jaše?
Kad se njegova slastičarna nalazi u njegovoj kući!“

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Sabrina Myriam Mohamed liest aus ihrem (ersten) Jugendroman im Wiener Literaturhaus

Susi und die „Migra“-Kids…

Sie sind so 14/15 Jahre (vierte Klasse Gym), eine eingeschworene Freund:innen-Crew, die schon so manchen Kampf mit ungerechten Lehrer:innen oder überheblichen Macho-Jungs ausgefochten haben. In diesen Sommerferien fahren ihre Familien nicht weg, weshalb Adriana, Hannah, István, Leila und Yasmin ihre freie Zeit vor allem in den Höfen jenes Wiener Gemeindebaus in dem sie alle wohnten, verbrachten.

Soweit das Ausgangs-Szenario des kürzlich im Wiener Literaturhaus vorgestellten Jugendromans „komm runter!“ – das sich vor allem aus dem Spruch ergibt, wenn die eine oder der andere bei der Gegensprechanlage läutet, um die Freund:innen zusammen zu trommeln. Sabrina Myriam Mohamed hat mit einem Kapitel namens „All inclusive“ im Vorjahr einen der exil-Literaturpreise gewonnen. Im Interview mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… hatte sie damals verraten, dass dies nur der Beginn eines Romans war. Den hatte sie in groben Zügen fertig. In den folgenden Monaten wanderte der Text mehrfach zwischen ihr und der Lektorin Christa Stippinger hin und her. Stippinger ist auch Gründerin, Herz und Seele dieses Verlages, in dem heutige Größen wie Julya Rabinowich, Dimitré Dinev, Didi Drobna oder Susanne Gregor ihre ersten Bücher veröffentlicht haben.

Wienerisch, Arabisch, Englisch …

Die Namen des jugendlichen Quintetts deuten schon die Vielfalt an wie sie unter Wiener Kindern und Jugendlichen üblich ist. Und so lässt die Autorin neben vielen (Alt-)Wiener Ausdrücken wie sich „aufpudeln“, „blöde Funzn“, „haaß“ (für wütend, sauer und in dem Fall nicht für hohe Temperatur), „herumstierln“ und andere organisch in den leicht und immer wieder vergnüglich lesbaren Text ebenso einfließen wie Begriffe auf Arabisch, BKS (Bosnisch/ Kroatisch/ Serbisch), Englisch, Romanes, Ungarisch. Viele erklärt sie gleich mit Fußnoten auf der jeweiligen Seite, einige hat sie in ein eignes Glossar am Ende der rund 180 Seiten gepackt.

Natürliche Vielfalt

Diese Vielfalt, die oft so „nebenbei“ daherkommt und nie aufgesetzt, bemüht oder gar pädagogisch wirkt, kennzeichnet den Roman, der viele Jugendliche ansprechen könnte. Es ist einer der Beweggründe dafür, dass sie ihn geschrieben hat. Ähnlich wie Thomas Brezina sagt, er schreibe die Bücher, die er gern als Kind gelesen hätte, sagt die 27-jährige Autorin im Interview mit KiJuKU-Praktikantin Stefanie Kadlec unter anderem: „Ich habe nie wirklich ein Jugendbuch gefunden, wo ich mich komplett identifizieren konnte, und ich wollte ein Buch schreiben, wo sich mehr Leute wie ich identifizieren können.“ (Link zum gesamten Interview am Ende des Beitrages.)

Ewige „Migra“-Kids

„Leute wie ich“ sind solche, die selbst oder deren (Groß-) oder gar schon (Urgroß-)Eltern neu nach Österreich oder Wien gekommen sind – und selbst trotz mehrerer Generationen noch immer als „Ausländer“ oder „netter“ formuliert „mit Migrationshintergrund“ abgestempelt werden. Und so kommt eine durchaus ähnlich erlebte Szene vor, in der Yasmin, längst Gymnasiastin, auf ihre ehemalige Volksschullehrerin Susi trifft, die (nicht nur) ihr nahegelegt hatte, Gymnasium wäre nix für sie – dieser Abschnitt ist im Bericht über die vorjährige Preisverleihung zitiert.

Deppate Machos

Aber nicht nur rassistische Lehrkräfte wie „Frau Susi“, sondern auch Macho-Jungs kriegen ihr literarisches Fett ab. Wenn Burschen laut und goschert mit „wallah, Allah“ auf den Lippen samt sexistischen, abwertenden Schimpfworten Mädchen etwa Ballspielen im „Käfig“ verbieten wollen, dann lässt die Autorin ihre fünf Hauptpersonen auch nicht auf den Mund fallen.

Heftige Spannung

Sabrina Myriam Mohamed baut im ungefähr letzten Drittel des Romans aber noch eine sehr spannende Wendung ein, die dich als Leser:in aus dem lockeren Ferien-Alltag von Adriana, Hannah, István, Leila und Yasmin rausreißen und mitfiebern lassen. Navid, so etwas wie ein Cousin von Leila, ist von der Abschiebung bedroht. Die involvierten Eltern wollen das von den fünf Jugendlichen fernhalten, die kommen irgendwie zufällig drauf, wissen aber nicht mehr, reimen sich einiges zusammen und entwickeln einen Schlachtplan zur Verhinderung – ohne Navid selbst einzubeziehen. Da geht’s einigermaßen turbulent zu – mehr sei nicht gespoilert, die Spannung soll bleiben.

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Hier geht’s zu einem Video mit Auszügen der Lesung der Autorin

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Titelseite des Jugendroman
Titelseite des Jugendromans „komm runter!“
Sabrina Myriam Mohamed im Interview mit KiJuKU-Praktikantin Stefanie Kadlec

„Ein bisschen eine up-gedatetere Version von einem Jugendroman“

KiJuKU: Wie lange hast du für deinen Roman gebraucht?
Sabrina Myriam Mohamed:Gute Frage, wahrscheinlich 2 Jahre. Begonnen hat es mit einer kleinen Geschichte über die 5 Kids. Irgendwann habe ich begonnen weiterzuschreiben und hatte keine Lust auf andere Charaktere, weil ich die schon gernhatte. Eigentlich ist es unabsichtlich passiert und dann ist es immer mehr geworden bis ich dachte, dass die Teile gut zusammenpassen.

KiJuKU: Wie schreibst du? Kommt es immer in Schüben oder bist du so diszipliniert, dass du dich jeden Tag hinsetzt und etwas schreibst?
Sabrina Myriam Mohamed: Gar nicht. Vor allem als noch sehr wenig da war, kam es immer in Schüben. Mir ist etwas eingefallen oder ich habe irgendwas gesehen und es aufgeschrieben. Erst als es konkret um die Arbeit am Buch ging, musste es konsequenter sein, womit ich mir sehr schwergetan habe. Ich bin jemand, der eine To-Do-Liste hat, und wenn diese Liste am Abend abgearbeitet ist, bin ich sehr glücklich. Nur beim Buch ist es so, dass ich zehn gute Minuten pro Tag habe. Dann muss man die zehn guten Minuten erst finden. Manchmal sind sie gar nicht gekommen, aber du hast trotzdem einen Abgabetermin.

KiJuKU: Diese zehn guten Minuten können irgendwann sein?
Sabrina Myriam Mohamed: Sie können in der U-Bahn sein oder spätabends. Im besten Fall sind sie dann, wenn du vor dem Laptop sitzt, wo du eigentlich planst zu schreiben.

Sabrina Myriam Mohamed im Interview mit KiJuKU-Praktikantin Stefanie Kadlec
Sabrina Myriam Mohamed im Interview mit KiJuKU-Praktikantin Stefanie Kadlec

KiJuKU: Wie viele Leute haben es Probe gelesen?
Sabrina Myriam Mohamed: Offiziell gelesen und lektoriert hat es die Christa Stippinger vom Exilverlag. Dann ist es noch einmal ins Lektorat gegangen zur Eva. Für die mehrsprachigen Teile habe ich Leute vom Korrektorat gesucht und FreundInnen gefragt. Vor allem beim Arabischen war es oft so, wie wir ein bestimmtes Wort am besten transkribieren oder in die andere Schriftsprache übersetzen. Sie haben so viel Geduld mit mir gehabt, wie zum Beispiel Mona, die das Arabisch-Korrektorat gemacht hat, hat dann auf YouTube zehn Mal ein Wort abgespielt, um zu hören, ob es eher ein „e“ oder ein „i“ ist. Dann kennen es manche Leute, weil es nicht so verbreitet ist, nur in der Version. Wenn ich das hinschreibe, dann wissen die anderen nicht, was das heißen soll. Also welche Version nimmst du jetzt?

Nie ein Buch gefunden, wo ich mit identifizieren konnte

KiJuKU: Für Leute, die das Buch nicht kennen: Könntest du die Handlung in ein bis zwei Sätzen beschreiben?
Sabrina Myriam Mohamed: Fünf Jugendliche, die im selben Gemeindebau wohnen… ich habe nie wirklich ein Jugendbuch gefunden, wo ich mich komplett identifizieren konnte, und ich wollte ein Buch schreiben, wo sich mehr Leute wie ich identifizieren können. Das habe ich probiert in dieses Buch zu packen. Ein bisschen eine up-gedatetere Version von einem Jugendroman.

KiJuKU: Du würdest es schon als Jugendroman bezeichnen?
Sabrina Myriam Mohamed: Bis jetzt habe ich gehört, dass es erwachsene Personen gelesen und gut gefunden haben, aber ich bin vor allem auf das Feedback von Jugendlichen extrem gespannt. Egal in welchem Alter, die struggles von erster, zweiter, dritter Generation Migra-Kids sind eine echt spannende und teilweise komplett unterschiedliche Erfahrung in Wien bzw. Österreich. Es gibt viele Parallelen, wo sich Leute wiederfinden. Auch wenn nicht alle die Frau Susi gekannt haben, eine rassistische Lehrperson haben viele gehabt.

KiJuKU: Wie bist du auf den Titel „Komm runter“ gekommen? War es schwer ihn zu finden?
Sabrina Myriam Mohamed: Er hat mir gefallen wegen der Doppeldeutigkeit und weil es so ein geläufiges Ding ist. Wenn du mit Leuten im selben Wohnhaus wohnst und dann willst du, dass sie runterkommen, weil es so einfach ist. Wie genau ich auf den Titel gekommen bin, weiß ich nicht mehr.

Sabrina Myriam Mohamed im Interview mit KiJuKU-Praktikantin Stefanie Kadlec
Sabrina Myriam Mohamed im Interview mit KiJuKU-Praktikantin Stefanie Kadlec

KiJuKU: Kannst du dir vorstellen, hauptberuflich Schriftstellerin zu sein?
Sabrina Myriam Mohamed: Es würde mich schon interessieren, aber wenn davon abhängig ist, ob ich etwas zum Essen habe und gerade schreiben kann – wie gesagt die guten zehn Minuten pro Tag – weiß ich nicht, ob ich mir das zutraue. Deshalb bin ich mir immer noch unklar.

KiJuKU: Hast du ein Lieblingszitat oder einen Lieblingssatz aus deinem Buch?
Sabrina Myriam Mohamed: Manchmal wenn ich die Dialoge von den Kids lese, die alle an Leute angelehnt sind, die ich kenne, nur keine Person ist wirklich eindeutig eine Person, sondern die Erfahrungen sind alle danach ausgewählt, mit wem ich aufgewachsen bin, höre ich ganz oft die Stimmen von den Personen, die manchmal tatsächlich wortwörtlich gesagt haben, was drinnen steht. Das finde ich immer voll schön, wenn die Erinnerungen kommen.

KiJuKU: Ist eine Person der Freundesgruppe dir am meisten nachempfunden?
Sabrina Myriam Mohamed: Von der Biografie her am meisten Yasmin, von der man die Welt aus sieht, aber es wäre sehr weit aus dem Fenster gelehnt, wenn ich sagen würde, keine Person hätte irgendwas von mir. Man tut sich schon ein bisschen so hineinstreuseln, weil man sich einfach am besten kennt. Aber es ist auch beim FreundInnenkreis so, denn die Leute, mit denen du dich umgibst, prägen am meisten deine Persönlichkeit, den Humor und die Sprache. Deshalb ist es auch extrem schwierig, die Grenze zu ziehen und zu sagen: Das bin komplett nicht ich. Das ist auch in einer Freundschaftsgruppe so.

Aufregend

KiJuKU: Wie war es heute für dich, vor den anderen zu lesen?
Sabrina Myriam Mohamed: Sehr aufregend. Ich habe auf jeden Fall gezittert, aber das Gute ist, dass man einen Tisch hat, an dem man sich festhalten kann. Aus meiner Wahrnehmung gehört dazu, dass man ein bisschen aufgeregt ist bei den Sachen, die einem Spaß machen. Ich versuche es als Aufregung zu deuten und nicht als Nervosität, das gibt mir ein besseres Gefühl.

KiJuKU: Wie hat es sich angefühlt, als die Leute dann zu dir gekommen sind? Da waren sicher Bekannte, aber auch Fremde…
Sabrina Myriam Mohamed: Ich habe heute zum ersten Mal Leute gesehen, die ein Buch von mir in der Hand hatten, die ich nicht kannte. Das war komplett absurd für mich. Es gibt so viele Bücher und diese Personen sind hergekommen, haben es sich angehört und kaufen jetzt mein Buch. Ich glaube, so richtig ankommen wird es bei mir in einer Woche, also es ist für mich noch extrem neu und aufregend.

KiJuKU: Es ist aufregend, aber schön?
Sabrina Myriam Mohamed: Extrem schön. Ich habe keine Sekunde Angst, dass ich da irgendwie zu viel von mir Preis gegeben habe. Oder dass die Leute jetzt urteilen können und sagen, dass sie es furchtbar finden. Irgendwer muss es furchtbar finden. Wenn es zu etwas eine gute Meinung gibt, muss es auch eine schlechte Meinung geben. Es ist immer so. Ich freue mich auch, wenn ich zum ersten Mal von jemandem höre: Ich finde es richtig furchtbar. Mich würde interessieren warum. Mit Kritik von Autoritätspersonen habe ich mir immer schwerer getan, aber wenn es jemand ist, mit dem ich auf Augenhöhe bin, bin ich ur-gespannt, was die Person sagt.

Stefanie Kadlec, 17

Zu einer Besprechung des Buches geht es hier unten

Bildmontage aus Fotos von der Lesung von Sabrina Myriam Mohamed mit einem kleinen Foto der Lesung von Sina Kiyani sowie den Büchern der beiden

Von Gemeindebau-Kids und einer Liebesgeschichte unter gefährlichen Bedingungen

Der Veranstaltungssaal des Literaturhauses Wien im Untergeschoß mit Eingang Zieglergasse /Ecke Seidengasse drohte fast überzugehen. Flugs stellten Mitarbeiter:innen zwsichen Ausstellungstafeln und -objekten Dutzende Sessel auf, eine Leinwand wurde ausgefahren und das Geschehen von der Bühne hierher per Kamera übertragen. Auf dem Programm stand die Präsentation zweier druckfrischer Bücher.

Sabrina Myriam Mohamed liest aus ihrem (ersten) Jugendroman im Wiener Literaturhaus
Sabrina Myriam Mohamed liest aus ihrem eben veröffentlichten Jugendroman

Sabrina Myriam Mohamed las aus ihrem (bisher ersten) Jugendroman „komm runter!“. Knapp zehn Monate vorher hatte sie für ein Kapitel daraus einen der Literaturpreise der edition exil bekommen. Nun ist daraus ein 180-seitiger locker, unterhaltsam – und im letzten Drittel auch sehr ernster Roman rund um fünf Jugendliche aus einem Wiener Gemeindebau geworden. Sprachlich vielfältig mit Wörtern und Sätzen von (Ur-)Wienerisch über Englisch bis Arabisch und Romanes sind so nebenbei eingebaut.

Zu einer Buchbesprechung sowie einem Interview mit der jungen Autorin geht es in eigenen Links – hier unten bzw. am Ende dieses Beitrages.

Mindestens zehn Mal neu geschrieben

Als Sina Kiyani an seinem an diesem Abend präsentierten Roman „paradiesstraße“ zu schreiben begonnen hat, war seine Kollegin noch in der Schule. „Eeeendlich“, freute sich die Verlagsleiterin Christa Stippinger, „ist dieses Buch erschienen“ und hielt es hoch. „Zehn Jahre lang hab ich daran gearbeitet und mindestens genauso oft fast alles verschmissen und neu begonnen“, verrät Sina Kiyani nach der Präsentation Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… Die Grundstory, eine Liebesgeschichte zweier Männer im Iran – wo auf Homosexualität die Todesstrafe steht – blieb immer gleich. „Aber die Perspektiven, und viele Einzelheiten hab ich immer wieder neu geschreiben. Aber ich habe ja dazwischen auch anderes veröffentlicht.“

Chansons

Für das künstlerische Rahmenprogramm sorgten dieses Mal die Schauspielerin und Sängerin Lucy McEvil – am Klavier begleitet von Martin Kratochwil. In ihrer eleganten Art sang sie diverse berührende, aber auch frech-witzige Chansons und musste mehr als eine Zugabe singen.

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Szenenfoto aus "Die Milchfrau" von makemake produktionen im Theater Kosmos Wien

Lustvolles, spielfreudiges Spektakel mit Schüttaktionen und Tiefgang

Ein fulminantes, sinnliches, körperbetontes, oft scheinbar an Belastungsgrenzen gehendes und doch den Beteiligten offenbar viel Spaß bereitendes, mitreißendes Spektakel auf, in und rund um eine Drehbühne ist „Die Milchfrau“ im Wiener Kosmos Theater. Diese Inszenierung von makemake produktionen übersetzt den Roman „Milchfrau in Ottakring“ von Alexandra Galina Djuragina unter ihrem Künstlerinnen-Namen Alja Rachmanowa in das eingangs auf den Punkt gebrachte musikalisch-rhythmische tänzerische Schauspiel.

In den 1 ¼ Stunden fließen rund 2000 Liter Wasser in den inneren Kreis der Drehbühne bzw. werden sie vor allem auf- und übereinander geschüttet – aus fast zwei Dutzend alten Milchkannen. In etlichen Kannen ist das Wasser mit Lebensmittelfarbe, einmal auch mit Uranin gefärbt, was im Wannenrund zu wunderbaren Farb-vermischungs-Spielen führt. Und wenn gegen Ende noch Trockeneis reingeschüttet wird, entsteht fantastischer Bodennebel. Und dabei den ausgewählten Tagebuchaufzeichnungen der Autorin eine umfassende, tiefgehende fast mythologische Dimension hinzufügen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Milchfrau“ von makemake produktionen im Theater Kosmos Wien

Tagebuchroman

Mag jetzt zunächst alles überschwänglich einerseits und irgendwie kryptisch andererseits klingen/sich lesen. Also vielleicht doch ein längerer Exkurs zum Ausgangspunkt von Stück bzw. noch mehr des Romans:

Die Autorin, im russischen Kasli geboren (1898), studierte Philosophie, Psychologie und Literatur, flüchtet mit ihrer Familie zwei Jahre nach der Oktoberrevolution (1917) nach Sibirien, wo sie den aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassenen Österreicher Arnuf (von) Hoyer heiratet (1921). Ein Jahr später wird ihr Sohn Jurka (Alexander) geboren. 1925 wird die Familie als Klassenfeinde aus der Sowjetunion ausgewiesen. Sie landen in Österreich, wo ihrer beider Studienabschlüsse nicht anerkannt werden. In Wien-Währing (Hildebrandgasse 16/ Ecke Schumanngasse) erwerben sie mit Geld eines Freundes des Ehemannes ein Milchgeschäft samt kleinem, finsterem Wohnzimmer.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Milchfrau“ von makemake produktionen im Theater Kosmos Wien

„Djuragina, nunmehrige Hoyer, hatte zuvor schon in Russland ein Jugendtagebuch („Geheimnisse um Tataren und Götzen“) veröffentlicht. Später erschienen die russischen Tagebücher „Studenten, Liebe, Tscheka und Tod“ sowie „Ehen im roten Sturm“. Auch über ihre Wiener Zeit verfasste sie Tagebücher – auf Russisch, die ihr Ehemann auf Deutsch übersetzte. In diesen nennt sie sich Frau Wagner, ihren Mann Otmar und verlegt das Geschäft nach Ottakring. Dieser dritte Band der Tagebücher wird sogar in 21 Sprachen übersetzt und bis 1938 weit mehr als eine halbe Million verkauft – samt höchst erfolgreicher Lesereisen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Milchfrau“ von makemake produktionen im Theater Kosmos Wien

In der zweiten Hälfte des Jahres 1927 übersiedelt die Familie nach Salzburg wo Arnulf Hoyer eine Stelle als Lehrer bekommt und sie später als Kinderpsychologin arbeitet. Die tiefreligiöse Frau fällt einerseits bei den Nazis in Ungnade, andererseits verteilen sie die ins Russische rückübersetzten Werke der Autorin als antibolschewistische Propaganda an die russische Bevölkerung entlang der Kriegsfront. Knapp vor Kriegsende, am 1. April 1945 stirbt ihr Sohn im Raum Wiener Neustadt auf Seiten der Wehrmacht und die Hoyers flüchten – aus Angst vor der heranrückenden Roten Armee der Sowjetunion – in die Schweiz.“ (Transparenz-Hinweis: Diese beiden Absätze „plagiiere“ ich von meinem Beitrag über eine herkömmliche Sprechtheater-Inszenierung der „Milchfrau“ im Theater Forum Schwechat im März 2019 – Link am Ende des Beitrages.

makemake

Die Inszenierung im Wiener Kosmos Theater – eine Wiederaufnahme wegen riesigen Erfolgs – in der Regie von Sara Ostertag zitiert zwar auch aus zentralen Tagebuchaufzeichnungen, die den schwierigen (Über-)Lebenskampf der Neu-Zugewanderten sowie Schlaglichter auf das Leben so manch anderer in der Vorstadt werfen, aber liefert weit mehr. Abgesehen von dem schon eingangs angedeuteten, bewegten und bewegenden Schauspiel, das immer wieder auch fast gemäldeartige kurzzeitige Standbilder oder Brunnenskulpturen zeigt, dreht sich alles um Milch (nein, es wird nicht wirklich mit Milch geschüttet). Milch als Verbindung zwischen Mutter und Kind(ern). Das große Rund in der Mitte der Drehbühne (Nanna  Neudeck), in dem sich (fast) alles abspielt, aus dem alles entsteht… – vielleicht nicht zuletzt eine Verbindung zum Namen der Gruppe: makemake nach der Fruchtbarkeits- und Schöpfungsgottheit der Mythologie der Osterinsel (Südpazifik, geographisch zu Polynesien, politisch zu Chile gehörend) – nach der übrigens auch ein Zwergplanet der Plutoiden benannt wurde.

Schauspiel und Live-Musik und Gesang

Neben Michèle Rohrbach (Milchfrau), Martin Hemmer (Kind Jurka) und Benedikt Steiner (Ehemann der Milchfrau) demonstrieren Barča Baxant, Felix Rank, Mave Venturin, Jeanne Werner und Verena Giesinger wahre Spielfreude in den verschiedensten Rollen von Kund:innen im Milchgeschäft. Die zuletzt genannte Giesinger fungiert auch als Chorleiterin und löst manches Mal den neben der Drehbühne agierenden Live-Musiker Paul Plut (Akkordeon, Piano, Harmonium) ab und setzt sich ans Piano. Immer wieder ertönen Sologesänge, teils fast wie Show-Auftritte.

Im Milchgeschäft treten die unterschiedlichsten Charakterzüge der Kund:innen zu Tage – von Neid, Missgunst, Vernaderung, Betrug, Fremdenfeindlichkeit bis zur Fürsorge, Hilfsbereitschaft usw. Und mit der Schilderung der Erlebnisberichte bzw. Gerüchte rund um den Justizpalast (15. Juli 1927) dringt auch die allgemeine politische Lage in die Tagebuchaufzeichnungen ein. Wenige später stammen die weiteren Aufzeichnungen aus Salzburg wohin die Familie zieht (siehe weiter oben).

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übers-lebm-von-de-oamen-leit -> Stückbesprechung der Schwechater Version, damals noch im KiKu

Ausschnitte aus den Titelseiten der beiden Bücher von und über Alja Rachmanowas Tagebuchroman "Milchfrau in Ottakring"

Weit mehr als eine Gemischtwarenhändlerin

„Übers Lebm von de oamen Leit“ hab ich vor viereinhalb Jahren die Stückbesprechung „Das Milchgeschäft in Ottakring“ betitelt. Das Theater Forum Schwechat hatte damals den in Vergessenheit geratenen Erfolgs-Tagebuchroman (in der ersten Republik) von Alja Rachmanowa ausgegraben und inszeniert (Regie und Buch: Marius Schiener, gespielt von Manuela Seidl und Johannes Kemetter – mit Live-Klavierbegleitung von Gabor Rivo). Für die Erarbeitung des Stückes hatte das Team auch Ilse Stahrs Biographie über Rachmanowa herangezogen.

Hier nun eine kurze Besprechung der beiden Bücher. Zunächst natürlich das Original „Milchfrau in Ottakring“. Von ihrem Ehemann Arnulf Hoyer vom Russischen ins Deutsche übersetzt, liefert die Autorin Alexandra Galina Djuragina (Alja Rachmanowa war ihr Künstlerinnen-Name) detaillierte Einblicke in das Leben in der Vorstadt – übrigens in Währing (Ecke Schumanngasse/ Hildebrandgasse). Von den Anfeindungen als Ausländerin bittere Armut, Betrügereien, (offene) Geheimnisse von Kund:innen bis zu tiefem Heimweh. Sie wurde in Russland geboren wo sie unter anderem ein Literaturstudium absolvierte. Dort lernte sie ihren aus der Gefangenschaft im ersten Weltkrieg entlassenen österreichischen Ehemann kennen, die beiden bekamen ein Kind – Jurka. Die junge Familie wurde – sie aus einigermaßen wohlhabender Familie, er aus kleinadeligen Verhältnissen – Mitte der 20er Jahre aus der damaligen Sowjetunion ausgewiesen.

Gedenktafel für Alexandra von Hoyer alias Alja Rachmanowa
Gedenktafel für Alexandra von Hoyer alias Alja Rachmanowa

Das Pendeln zwischen tristem, mühsamem Alltag einerseits und nachts vielen Träumen an die Vergangenheit in Russland spielt in vielen der Tagebucheinträge eine große Rolle. Bei letzteren finden sich sowohl solche über die Angst vor der Verfolgung ebenso wie jene der Sehnsucht nach der Natur ihrer Heimat einer- und vor allem der russischen (Schrift-)Kultur andererseits.

Biographie

Ilse Stahr schrieb „Das Geheimnis der Milchfrau in Ottakring – Alja Rachmanowa. Ein Leben“. Diese Biographie erschien 2012. Im Vorwort erzählt die Autorin, dass sie in ihrer Zeit im Realgymnasium in Bregenz (Vorarlberg) von einer Tante zunächst den ersten Band er Tagebücher Rachmanowas bekommen hat, später die anderen las und darüber immer Referate hielt.

Später nahm sie Kontakt mit der – in der Zwischenzeit in der Schweiz lebenden – Autorin – und hat briefliche Antwort bekommen. Als Stahr die Todesmeldung in der Zeitung las (1991) begab sie sich auf Spurensuche, fuhr nach Ettenhausen (Kanton Thurgau), traf Maria Sprenger, die Nachbarin der Verstorbenen. 40 Jahre lang kannte Sprenger die Autorin, wurde zuletzt auch deren Pflegerin. Rachmanowas Nachlass war schon in der Kantonsbibliothek, Stahr bekam aber „eine große Kiste „Salzburger-Briefe“, Dias, Fotos, Zeitungsausschnitte und vieles mehr“.

Daraus und aus vielen Gesprächen mit Zeitgenoss:innen Rachmanowas verfasste Ilse Stahr den „Lebenslauf einer Romanheldin“. Auf den ca. 230 Seiten finden sich auch mehr als vier Dutzend Fotos, Privataufnahmen von Alexandra Galina Djuragina/Hoyer. Und zitierte immer wieder auch literarische und andere Vorbilder, u.a.: „Als Leitmotiv für ihr Studententagebuch wählt Alja Rachmanowa eine Aufforderung des russischen Märtyrers Awwakum aus dem siebzehnten Jahrhundert: »Du magst ohne Furcht sprechen, wenn Du Dich nur durch Dein Gewissen leiten lässt!«“

Am Ende des Buches fügte Ilse Stahr eine knappe übersichtliche Zeittafel ebenso an wie ein Liste der Werke Alja Rachmanowas, Sekundärliteratur, ein Begriffs-erklärungs-Glossar, Pressestimmen sowie ein Personenregister samt Seitenangaben in der Biographie an, womit sie einen wunderbaren Über- und so manche Einblicke in das Leben und die literarische Arbeit von Alexandra Galina Djuragina/Hoyer liefert.

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Schwechater Stückbesprechung – noch im KiKU

Doppelseite aus dem Bilderbuch "Das Gespenst will bleiben"

Warum soll das Gespenst vertrieben werden?

Ein wenig erinnert dieses Bilderbuch an Geschichten wie das Erfolgstheaterstück „Unsichtbare Freunde“ von Alan Ayckbourn. Und doch hat „Das Gespenst will bleiben“ von Jesse Rose (Text und Illustration, Übersetzung aus dem Englischen: Susanne Weber) noch etwas anderes. Denn das Gespenst in dem Haus, in dem der kleine Levi mit seiner Familie einzieht, erschreckt die Oma – und wird offenbar eben nicht nur von Levi gesehen.

Doch während das Kind sich mit dem ungewöhnlichen Mitbewohner, der keine Türen benützen muss, sondern durch Wände schweben kann, anfreundet, wollen die anderen, dass es verschwindet. Für immer. Und weil meist die Erwachsenen ihren Willen durchsetzen …

Levi allerdings vermisst nicht nur das Gespenst, er fühlt sich auch in die Lage des vor die Tür Gesetzten ein. …

„Natürlich“ – ist es doch ein Bilderbuch zum Vorlesen ab 4 Jahren – schafft es Levi nach dem Rauswurf des Gespenstes seine Familie zum Umdenken zu bewegen. Doch so einfach ist das nicht. Wo könnte das vertriebene Wesen Zuflucht gefunden haben? Auf einigen weiteren Doppelseiten gibt es viel zu Schauen und Suchen, ob das Gespenst zu finden ist…

Und vielleicht bleibt ja hängen, wenn schon ein Gespenst nicht vertrieben werden sollte, könnte das nicht auch für Menschen gelten, immerhin zeichnet sich Levis Familie schon durch sichtbare Diversität aus.

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Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „Das Gespenst will bleiben“
Szenenfoto aus "Lemniskate"

Tanzende In-Klo-sion

„Sie sagen, ich darf nicht tanzen, ich soll mich nicht bewegen“, sind die ersten Worte, die in der Performance fallen. Gesprochen von Shahrzad Nazarpour nach etlichen Minuten, in denen sie schon gar nicht anders konnte als sich zu bewegen, all ihre Körperteile tanzen zu lassen. Die Künstlerin ist seit Jahren mit Stücken unter anderem im Dschungel Wien präsent, wo sie in „Hijab offline“ sozusagen ihre Haare als Symbole gegen Mauern im Kopf tanzen ließ.

Ausgangspunkt sind immer wieder Ver- bzw. Gebote des diktatorischen Regimes im Iran, unter anderem, dass Frauen nicht tanzen dürften.

In Bewegung bleiben, Widerstand leisten – beispielsweise auch durch Tanz – das war der Ausgangspunkt für Nazarpours neues Stück „Lemniskate. Unendliche Hoffnung“, in dem sie gemeinsam mit Morteza Mohammadi praktisch ständig in Bewegung ist.

Begriffserklärung

Kleiner Einschub, weil der erste Teil des Titels sich wahrscheinlich für viele nicht selbst erklärt: „Eine Lemniskate (von griechisch λημνίσκος lēmnískos ‚Schleife‘) ist eine schleifenförmige geometrische Kurve in der Form einer liegenden Acht.“ (Wikipedia) Und dieser liegende 8er ist dem mathematischen Zeichen für unendlich sehr ähnlich.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Lemniskate. Unendliche Hoffnung“

Also nie und nimmer aufgeben – allen Widernissen und (brutaler) Gegenwehr zum Trotz. Und so werden an einer Stelle auch Töne von Demos im Iran eingespielt mit dem bekannt gewordenen Ruf „Jin, Jiyan, Azadî“ (Frau Leben Freiheit), der Parole nach dem gewaltsamen Tod der jungen iranischen Kurdin Jîna Mahsa Amini im September 2022.

Ballett und Klo-Tanz

Trotz des bitteren Ernstes vermittelt die ¾-stündige Performance vor allem die unbändige Lust nach Bewegung und Tanz. Und obendrein so manchen Schuss Humor. Wenn zur bekanntesten Melodie aus „Schwanensee“ Ballett-Szenen mit Grimassen konterkariert werden. Vollends für viel Lachen – vor allem jener im Publikum, die persische Schrift lesen können – sorgen die ausgedehnten Szenen rund um Toiletten. Die bekannteste Suchmaschine wird an die Wand im Hintergrund projiziert und nach den Unterschieden zwischen persischen und westlichen Klos gesucht. Samt Hockposition für Erstere, die übrigens bis vor ein paar Jahrzehnten auch in Italien üblich waren. Anstrengender, weil Oberschenkel-Muskulatur beanspruchend, aber auch hygienischer, weil du dich nicht irgendwo draufsetzt, wo schon viele andere davor saßen 😉

Ausgehend von den Klo-Differenzen entspinnen die beiden Tänzer:innen einen Dialog rund um Integration, Anpassung(sdruck) und Inklusion mit dem sich fast aufdrängenden Wortspiel In-Klo-sion 😉

Plakat der Europaratskampagne 2006
Plakat der Europaratskampagne 2006: MAch den Unterschied: Alle anders – alle gleich

It’s the same shit all over the world

Das erinnert übrigens ein wenig an eine Europaratskampagne vor fast 20 Jahren. Unter dem Motto „all different – all equal“ (alle anders – alle gleich), in der vor allem Jugendliche aktiv für Vielfalt, Miteinander und gegen Ausgrenzung waren, gab es ein Video mit dem oben genannten Titel: Zu sehen waren Menschen an verschiedensten Orten der Welt, die mit Zeitung oder Buch hinter einer Tür verschwanden und …

Wobei in vielen Weltgegenden es noch immer keine ausreichenden Sanitäranlagen gibt – weshalb die UNO 2001 den Welt-Toilettentag (19. November) ins Leben gerufen hat.

Folgerichtig steht ihre Botschaft auf den Hinterteilen ihrer beider rosa Hosen: „We stand with …. People“ (Wir stehen an der Seite der Menschen).

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Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Lemniskate. Unendliche Hoffnung“
REgina Hofer in "Habt's mi gern!"

Humorvolles Hinfallen und dann doch wieder Aufstehen

Würdest du vor dem Besuch dieses Kabarett-Abends vielleicht einen Ausschnitt aus einem Audio-Mittschnitt hören, wärst du wahrscheinlich sehr erstaunt genau nur eine einzige Person auf der Bühne zu sehen. In Sekundenbruchteilen erlebst du in „Hobt’s mi gern!“ den Wechsel von einer in eine andere und dann schon wieder eine weitere Figur. Dabei spielt Regina Hofer in ihrem nunmehr elften Programm – zum 30-jährigen Bühnenjubiläum wie auch in den vorangegangenen solo, also allein. Wobei sie das dieses Mal – zumindest an zwei Abenden – im zweiten Teil durchbricht: Mit einem Gastauftritt des Sängers David Lukas.

Im ersten Teil lässt sie das Publikum in rund einer Stunde teilhaben an so manchen Stationen ihres eigenen Lebens – als Ärztin und Psychotherapeutin ebenso wie als Schülerin. Aus dem Berufsleben greift sie vor allem und immer wieder auf die besonders erfüllende Arbeit in einem Obdachlosenheim zurück. Ihr Herz für die von der Gesellschaft an den Rand Gedrängten lässt sie in mehreren Szenen in Figuren aus dieser Szene schlüpfen und insbesondere in die anfangs niederschmetternde und dann doch Mut machende erzählte Lebensgeschichte in Person eines Robert E. lebendig werden.

REgina Hofer in
Regina Hofer in „Habt’s mi gern!“ – mit Kisten, aus denen sie in ihrem Leben kramt und Ordnung schaffen will…

The Show will go on

Immer wieder lässt sie uns sie an (Belastungs-)Grenzen was sie zum spontanen Ausruf veranlasst, der schließlich Titel ihres Programms wurde: „Habt’s mi gern!“. Aber mit allerhöchstens einer kaum merkbaren Verschnaufpause ist sie als Frau Doktorin Hofer – oder gegebenenfalls auch in einer der deutlich mehr als ein Dutzend anderer Figuren im „Hamsterrad“. Und vermittelt dabei, dass ihr das Dasein, das Engagement, sich auf das Leben anderer Menschen einzulassen, doch recht viel Freude bereitet. Auch wenn es nicht selten um Kampf gegen widrige Umstände und widerliche Personen geht – wie bei der Flucht aus ihrem ersten Gymnasium wegen eines sexuell übergriffigen Lehrers.

Eigenen Weg gehen

Der erste – rund einstündige – Teil ist durch die vielen anderen aber nicht zuletzt durch den Hofers Leben im Schnelldurchlauf eine emotionale Achterbahnfahrt. Mit immer wieder Mut machenden Aussichten, allen Hindernissen zum Trotz, den eigenen Weg zu gehen, selbst wenn es mehr als mühsamer ist. Und sich selbst treu zu bleiben. Weshalb sich die Ärztin und Psychotherapeutin immer wieder auch Auszeiten nimmt, um ihrer zweiten Berufung als Kabarettistin nachzugehen. Und so werden die meisten erzählten Stationen – auch tragische – doch mindestens mit einem Augenzwinkern, oft mit weitaus mehr Humor gewürzt.

Regina Hofer als Frau Dr.in Dvorschak - als sie im zweiten Teil in Rollen früherer programme schlüpft, diese aus
Regina Hofer als Frau Dr.in Dvorschak – als sie im zweiten Teil in Rollen früherer programme schlüpft, diese aus „Marizza staubt ab!“

Im zweiten Teil (Transparenz-Anmerkung: KiJuKu hat eine der letzten Proben vor der Premiere besucht – und konnte leider wegen eines anderen Termins – nur den ersten Teil erleben, aber den Text für den zweiten lesen) kramt Regina Hofer als Kabarettistin (Regie und Mitentwicklung nicht nur dieses Stücks: Andreas Moldaschl) in zwei großen Kartons. „Das Leben soo reichhaltig! aber andererseits, geht ihna des a so, mit der Zeit wird des so a Kraumuri, wo ma nimmer weiß, was was ist, zu was was ghört! Dieses innere Chaos! Aber wenns nur innen wär, außen stappelt sie sichs auch bis ins letzte Regal und am Fussboden! Von die Krankengschichten bis über Kabarettstücke, die 1000 Photos, die die ersten abgeschnittenen Haar, die erste Rosen vom Geliebten, na wieviel warns? Rosen und Geliebte? Was ghalt man sich, was haut ma weg?“

Unter anderem findet sie darin „natürlich“ Kostüme aus ihren früheren Programmen und schlüpft in die jeweiligen Rollen. Und sie bittet einen Gast auf die Bühne – nein, nicht einen, dessen Rolle sie verkörpert, sondern einen echten, einen Sänger, den sie als Ärztin kennengelernt hat und von dessen Stimme sie so beeindruckt war, dass nun David Lukas „Wien, Wien nur du allein“ zum Besten gibt.

GAstauftritt in Habt's mi gern!
Sänger David Lukas

Gastauftritt

„Mit 14 Jahren hab ich zu singen begonnen, zuerst in der Kirche und dann in der Schule – in Nitra (Slowakei)“, erzählt er Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… am Telefon. „Und ich hab auch Orgel spielen gelernt. Irgendwann nach der Schule landete er in Wien, „wo ich jetzt seit vier Jahren mich so durchkämpfe. Ich war Patient bei Frau Dr. Hofer und als ich von meinem Singen erzählt und ihr Videos gezeigt habe, war si so überrascht, dass sie mich gefragt hat, ob ich nicht in ihrem neuen Programm ein Lied singen möchte.“

Am liebsten singt David Lukas Opern oder Pop-Opern – Link zu seinem Instagram-Kanal in der Infobox am Ende des Beitrages – wo auch die Auftrittstermine sowie der -ort von „Habt’s mi gern!“ zu finden sind.

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Zu einem Interview mit Regina Hofer geht es hier unten

REgina Hofer in "Habt's mi gern!"

Obdachlose erst einmal ernst und an-nehmen

Weil im neuen Programm zu ihrem 30-Jahre-Bühnenjubiläum mehrfach die Arbeit in einer Obdachlosen-Einrichtung zur Sprache kommt, interviewte Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… die Ärztin, Psychotherapeutin und Kabarettistin Dr.in Regina Hofer besonders zu diesem Bereich.

KiJuKU: Wieviel von dem was du auf der Bühne erzählst, ist Wahrheit und wieviel künstlerische Freiheit?
Regina Hofer: Spontan würd ich sagen, ist alles wahr.

KiJuKU: Auch der Französisch-Lehrer, der Schülerinnen sexuell missbraucht?
Regina Hofer: Ja, deswegen bin ich von Gmunden vom Gymnasium weggegangen, auch dass ich beim dritten Mal in der sechsten die Schul g‘schmissen und Lehre gemacht hab und dass mit der Abendschule und dass ich dann nach dem Medizinstudium beim Warten auf den Turnusplatz zur Bühne gekommen bin…

KiJuKU: Das mit der Obdachloseinrichtung hast du mir ja schon einmal erzählt, dass du dort arbeitest und dich fast am wohlsten fühlst?
Regina Hofer: Irgendwie hab ich das Gefühl, dass ich diese Menschen so gut verstehe, weil ich selber ja oft auch an der Kippe war. Dadurch fühle ich mich ihnen oft nahe. Bei mir gab es dann doch immer wen, der oder die mir geholfen hat. Ich glaube, das bräuchten auch Obdachlose. Wie schon August Aichhorn (Pionier der psychoanalytischen Sozialarbeit) 1925 sagte: Jeder Mensch braucht einen Freund. Es ist mehr als nur Ärztin sein, sondern es geht darum, zu ihnen zu stehen. Das sind Menschen mit heftigen Schicksalen und sie kriegen so wenig.

REgina Hofer in
Szenenfoto aus „Habt’s mi gern!“

KiJuKU: Außerdem haben sie sozusagen die A-Karte in der Öffentlichkeit.
Regina Hofer: Ich find es so eine Frechheit, wenn ein Politiker sagt, die Mariahilfer Straße ist wegen Obdachloser unsicher. Aus dem Feindbild folgen dann Taten wie Morde an Obdachlosen auf der Straße. Statt ihnen beizustehen.
Ich seh das, wenn man länger miteinander arbeitet – am besten in multiprofessionellen Teams – gibt es so tolle Resultate, wenn sich die Leute angenommen und geborgen fühlen, lernen sie auch wieder, auf ihren Beinen zu stehen.

KiJuKU: Das heißt, diese Arbeit verschafft dir auch Erfolgserlebnisse?
Regina Hofer: Ich hab dort (Haus Hermes für 150 Obdachlose) immer wieder Patienten, die nach wenigen Wochen sagen: „Frau Doktor, mir geht’s so guad, i waß ned, wos los ist!“
Ich erleb dann sozusagen, dass bei einem Patienten, davor 30 Jahre niemand gesehen, dass der depressiv ist. Und schon kurze Zeit der Arbeit mit ihm hat ihn rausgerissen. Obdachlose werden oft einfach nicht wirklich ernst nimmt.

KiJuKU: Wäre das nicht einmal ein eigenes Buch mit exemplarischen Beispielen, um anderen die Augen zu öffnen.
Regina Hofer: Ich hab jetzt beim Welt-Psychiatrie-Kongress (Wien, 28. Spetember bis 1. Oktober 2023) ein Symposium organisiert über Obdachlosigkeit – mit vier internationalen Frauen aus Indien, Australien und Deutschland, die sich auch damit beschäftigen.
Und ich werde so ein Buch schreiben.

Hoempage der Welt-Psychiatrie-Vereinigung (123 Länder)
Hoempage der Welt-Psychiatrie-Vereinigung (123 Länder)

Aber zuerst hier ein paar Zitate aus der Rede von Dr.in Regina Hofer beim Weltkongress für Psychiatrie….
„Ich spreche heute über Psychotherapie bei obdachlosen Menschen, weil diese Menschen, die am meisten bräuchten, am wenigsten kriegen, wie Prof Dr. Michael Krausz schon 2013 sagt: Studien, die den Zugang zur Psychotherapie untersuchen, übersehen oft die obdachlose Bevölkerung. Derzeit sind in Österreich 20000 Menschen obdachlos. Jeder Mensch kann obdachlos werden, wir wissen nicht, welche Schicksalsschläge und Retraumatisierungen uns überraschen…

Es ist ein großes Glück für Therapeut:innen, also für mich, wieviel möglich ist, wie motiviert die Patient:innen sind, wie glücklich sie sind, wenn sie wahrgenommen und gehört werden, oft zum ersten Mal im Leben. Ich habe größte Hochachtung für die Patient:innen, denn ich weiß nicht, ob ich diese Situation ertragen könnte.
Ich habe so viel Freude, wenn etwas gelingt, mehr als in der Privatpraxis und so komme ich wieder zurück auf den ersten Punkt: Jeder Mensch braucht eine/n Freund/Freundin, denn hier ist meine eigene Geschichte hilfreich: Wo es Menschen gab, die den Absturz verhinderten oder mich auffingen und ich mit den Obdachlosen auf einer Ebene sein können.“

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Zu einer Stückbesprechung geht es hier unten

Szenenfoto aus "Solastalgia"

Fällt der Baum, stirbt der Mensch

Gleich vorweg: Dieses Stück und mindestens genauso die Umsetzung durch der fünf Schauspielstudierenden samt Regie, Choreografie und Bühnenbild verdienen sich mehr Publikum als bei der zweiten Aufführung im Kasino am Schwarzenbergplatz. Definitiv. Ob’s daran lag, dass es Sonntagabend war oder eventuell auch am sperrigen Titel sei dahingestellt.

Stirbt der Baum, stirbt der Mensch – so beginnt das kurze (knapp mehr als eine Stunde) Spiel fast schockierend. Der erste (Tristan Witzel) kommt auf die Bühne – wie später auch seine Kollg:innen mit Dreadlock-Perücke, die an eine Baumkrone erinnert – geht einige Schritte und fällt. Ähnlich Sophie Borchhardt, Laura Schlittke, Flo Sohn und – in diesem Fall die Dramaturgn Christina Schlögl, die spontan für die erkrankte Sarah Wockenfuss einspringt und deren Rolle einliest.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Solastalgia“

Tafelbilder

Alles spielt sich auf grünen Teppichen mit weißer alter Schrift ab – Kunstrasen, Spielfeld oder Schultafel? Das – inhaltsstarke – Programmheft verrät: Bühnen- (und Kostümbildnerin) Kathrin Krumbein „zitiert die Ästhetik der Handschriften von Joseph Beuys (1921 – 1986) und David Mowaljarlai (1925 – 1997)“. Im Hintergrund steht im Zentrum ein halbkreisförmiges Metallgerüst über einer verrosteten großen Schiffsschraube – aus Styropor gebaut). Immer wieder erklettert die eine und der andere der Schauspieler:innen den Bogen, um von oben zu sprechen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Solastalgia“

Baum und Mensch

Thomas Köck hat in „Solastalgia“ (Begriffsklärung weiter unten) den großteils noch unsichtbaren Tod der natürlichen Wälder mit einem sterbenskranken „Vater“ verknüpft – Ignoranz in beiden Fällen (in letzterem mit persönlichem Bezug des Autors). Dem Quintett gelingt es den – teils doch sperrigen, immer wieder sehr reflexiven – Text von seiner Schwere befreit zwar bedeutungsschwanger aber doch mit einer spielerischen Leichtigkeit zu transportieren. Der Ernst der Lage landet im Kopf des Zuschauern/Zuhörers (in dem Fall männlicher Singular, weil nur das eigene Erlebnis beschreibend) und berührt durch die Art der Inszenierung (Regie: Christina Rast) ohne je niederschmetternd zu wirken. Wobei hier die Musik von Bo Wiget einen nicht unwesentlichen Beitrag liefert.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Solastalgia“

Der Abend thematisiert zentral – und doch nicht belehrend – die Absurdität, dass auf der einen Seite Aufenthalt im Wald als so erholsam („Waldbaden“) promotet, mit „Heimat“ ideologisch aufgeladen wird. Andererseits existieren kaum mehr wirklich natürliche Wälder, sondern praktisch nur mehr wirtschaftliche „Nutzflächen“ monokultureller Bäume. Die noch dazu so gepflanzt wurden, um sie möglichst effizient schlägern zu können. Übrigens erlauben erst die Monokulturen (übrigens vorwiegend aus Skandinavien importierte Fichten) den großflächigen Befall von Schädlingen wie dem so berühmt gewordenen Borkenkäfer. Zusätzlich verlangt der Klimawandel, dass neue Baum-Arten angepflanzt werden müssen, die dem Temperaturanstieg standhalten.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Solastalgia“

Solastalgia …

… – viele mussten/müssen sich vor dem Besuch der gleichnamigen Vorstellung erst schlau machen, dass dies für „Verlorengehen eines trostspendenden, geliebten Ortes“ steht, wie es in der Kurzbeschreibung des Burgtheaters zum Stück heißt. Oder wie wikipedia schreibt: „Solastalgie bezeichnet ein belastendes Gefühl des Verlustes, das entsteht, wenn jemand die Veränderung oder Zerstörung der eigenen Heimat bzw. des eigenen Lebensraums direkt miterlebt. Geprägt wurde der Begriff 2005 durch den australischen Naturphilosophen Glenn Albrecht. Der Begriff Solastalgie ist ein Neologismus, eine Kombination aus dem lateinischen Begriff sōlācium (Trost) und der griechischen Wurzel -algia (Schmerz, Leiden, Krankheit).“

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Solastalgia“

Trost spendet die Aufführung nicht, könnte sie auch nie und nimmer, ist die Lage doch in der Wirklichkeit ziemlich grenzwertig. Den Schmerz über das Leiden und die Krankheit – sowie die mangelhafte Gesundungsstrategie – greift das Stück auf und verschafft Hilfe bei der Bewältigung durch das Herstellen größerer Zusammenhänge. Die eine oder andere kleine Maßnahme wird keine Abhilfe schaffen, es bräuchte Umdenken in Richtung grundsätzlicherer Systemänderungen.

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Foto aus „Margarethe Ottillinger: Lassen Sie mich arbeiten!“

Kaum bekannte Wirtschaftspionierin der Vergessenheit entrissen

Immer wieder verkörpert Anita Zieher mit ihrem „Portraittheater“ starke Frauen, meist sind ihre Protagonistinnen weithin bekannt – Mari Curie, Hedy Lamarr, Rosa Luxemburg, Marie Jahoda, Käthe Leichter. Aktuell lässt sie die Lebensgeschichte einer Pionierin in der österreichischen (verstaatlichten) Wirtschaft – und der doch heute kaum bekannten Margarethe Ottillinger auf der Bühne des kleineren Raums im Theater Drachengasse (Bar & Co) lebendig werden.

Ein Tisch mit drei Sesseln und ebenso vielen Wassergläsern wartet auf eine Vorstandssitzung. Zieher als Ottillinger kommt als einzige. Dabei legt sie auf Pünktlichkeit viel wert. Gut, es sei hier gespoilert – ist ja schon in den ersten Minuten – die anderen beiden kommen nicht, weshalb die Schauspielerin in ihrer Rolle als Vorständin jemanden im Publikum bittet, „Protokoll zu führen, es reicht ein Beschluss-Protokoll.“ Denn was und wie so alles geredet werden, das sei ohnehin oft verfänglich deutet sie den ersten kleinen, feinen Hinweis auf Aktuelles an.

Foto aus „Margarethe Ottillinger: Lassen Sie mich arbeiten!“
Foto aus „Margarethe Ottillinger: Lassen Sie mich arbeiten!“

Anspielungen auf Gegenwart

Solche kommen später mehrfach – etwa wenn’s darum geht, dass es in Vorständen und obersten Unternehmens-Etagen zu wenige Frauen gibt, diese sich immer wieder Bemerkungen über ihr Aussehen anhören müssen usw.

1947 war sie Sektions-Chefin im Planungsministerium, später Vorstandmitglied in der ÖMV wie sie damals noch hieß – zuständig für Personal, wirtschaftliche Planung und Koordinierung. 1968 verhandelte sie die ersten Gaslieferverträge mit der damaligen Sowjetunion. Russisch konnte sie – aus leidvoller Erfahrung. Sie war 1948 unter fadenscheinigen Spionagevorwürfen von den Sowjets verhaftet und ein Jahr später – bis 1955 – in drei russischen Lagern eingesperrt. Erst nach Stalins Tod wurde sie freigelassen – im Zuge einer Begnadigung. Letztere wollte sie nicht und kämpfte um ihr Recht. Ein Jahr später hatte sie Erfolg, das Urteil wurde aufgehoben und sie vollständig rehabilitiert.

Foto aus „Margarethe Ottillinger: Lassen Sie mich arbeiten!“
Die Schauspielerin vor dem eingeblendeten Bild der Wotruba-Kirche

Neben der packenden, berührenden Erzählung in dem einstündigen Monolog „Margarethe Ottillinger: Lassen Sie mich arbeiten!“ werden hin und wieder im Hintergrund Videos eingeblendet, die die Schauspielerin an wichtigen Orten der Lebensstationen Ottillingers zeigen – von den voluminösen Erdölspeichern bei Schwechat bis zur berühmten Wotruba-Kirche. Die ist auf ihre Initiative hin gebaut worden – als Dankbarkeit für ihre Freilassung aus der sowjetischen Gefangenschaft.

Foto aus „Margarethe Ottillinger: Lassen Sie mich arbeiten!“
Foto aus dem Video zu „Margarethe Ottillinger: Lassen Sie mich arbeiten!“

Einsamkeit lernen

Lässt Zieher (Regie und Videos: Sandra Schüddekopf) die zielstrebige, disziplinierte, sachorientierte, sich gegen alle Intervention wehrende kompetente Wirtschaftsfachfrau als – viel zu wenig bekanntes Vorbild über die Bühne wandeln, so verschafft sie dem Publikum bei der Schilderung der ersten Lebensjahre des Kindes Margarethe Ottillinger heftige Schluckmomente. „Ich will Einsamkeit lernen“, erklärt sie ihrer Mutter, weshalb sie sich gerne im Wald aufhält. Hochachtung hingegen, als die rund Neunjährige selber darum kämpfte, in der 4. Klasse von der Volksschule vom kleinen Steinbach bei Mauerbach nach Hütteldorf zu wechseln, um später in ein Gymnasium gehen und dann studieren zu können.

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Szenenfoto aus "Laut, leise, flüstern: голосно, тихо, пошепки" im Dschungel Wien

Bilderbuch wird lebendig – noch dazu mehrsprachig

Das ziemlich geniale, kusntvolle Bilderbuch „Hören“ rund um laute, leise, unhörbare Töne, Klänge, Geräusche erwacht derzeit im Dschungel Wien zum Leben. Erweckt von Anastasia Ustymenko und Anton Widauer – und so manchen Kindern im Publikum. Eine spannende nicht ganz ¾ Stunde in vor allem zwei, in einer Szene auch drei Sprachen.

Szenenfoto aus
Rein mit dem Bilderbuch in die Wiedergabe-Maschine 😉

Eine große Leinwand dominiert die Bühne. Die beiden Genannten betreten diese, stellen sich links und rechts davon auf. Mit Büchern in den Händen, eines davon ein Bilderbuch – von Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw. Die Bilderbuchseiten werden projiziert, aber erst nachdem Yasmin Navid, die Technikerin an den Licht- und Tonreglern, das Duo darauf hinweist, dass noch die Magie fehlt. Die beiden und das Publikum verschaffen dem Raum dieses magische Moment – die Leinwand wird zur Bilderbuchzeige-Maschine. Jede der Seiten erscheint einmal in der deutschen Version „Hören“ sowie der Ukrainischen чути (čuti).

Mehr zum Bilderbuch findest du hier unten

Drei Sprachen

Bei der Premiere der Bilderbuch-Performance „Laut, leise, flüstern: голосно, тихо, пошепки“ (holosno, tikho, poshepky) waren sowohl Kinder, die Ukrainisch können als auch solche, die Gebärdensprache beherrschen – auch die kommt im Buch vor. Und so manche der jungen Besucher:innen konnten ihre Vornamen mit Hilfe des eingeblendeten Finger-Alphabets den anderen „sagen“.

Szenenfoto aus
Wie lange klingt das Läuten nach?

Mitmachen

Immer wieder gelingt es dem Duo das Publikum interaktiv in das Geschehen auf der jeweils projizierten Doppelseite einzubinden. Und manch vielleicht überraschende Fakten „nebenbei“ zu vermitteln. Aber auch sich aufs (Zu-)Hören zu konzentrieren.

Danke, dyakuyu, Hand vom Kinn schräg nach unten vorziehen (die entsprechende Gebärde – siehe Video unten)

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Mehr Informationen
Doppelseite aus dem Bilderbuch "Hören"

„Hören“ in spannenden Bildern sichtbar gemacht

„Hören“ sichtbar machen – das gelingt diesem Bilderbuch des grandiosen Duos Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw im gleichnamigen Bilderbuch umfassend und vielseitig. Schon von der Titelseite lächelt dir ein Strichgesicht mit zusätzlichen langen Hasenohren entgegen, in die verschiedenste Schallwellen und Töne schweben.

Doppelseite für Doppelseite verbinden die beiden Künstler:innen mit Sachtehmen, die sie kunst- und oft fantasievoll zeichnerisch zu Papier gebracht haben: Vom Urknall über eine detaillierte Zeichnung, wie unser Hörorgan funktioniert; wenn es nicht beeinträchtigt ist. Für Letzteres findet sich gegen Ende auch eine Doppelseite zu Gebärdensprache und dem – deutschsprachigen – Fingeralphabet.

Wie unterschiedlich Töne, Geräusche, Klänge sein können und erzeugt werden schildern die beiden Künstler:innen aus dem ukrainischen Lwiw (Übersetzung Claudia Dathe) in vielen bunten gezeichneten Bildern – mit jeweils knappen und doch hinreichenden Texten. Auch welche Geräusche unsere Körper erzeugen (können) findest du anschaulich dargestellt. Oder wie unterschiedlich verschiedene Lebewesen hören, dass etwa Grasshüpfer ihren Ohren auf den Knien haben… Was das Lauteste und was das Leisteste Geräusch war/ist, wie sich der Urknall angehört haben könnte – dazu gibt’s einen Link im Buch.

Dass zu laut als heftiger Lärm uns ziemlich zusetzen kann, wird bildlich meisterhaft umgesetzt. Selbst wenn es „nur“ allzu viele Wörter und Sätze sind, die auf uns einprasseln, und du vielleicht den einen oder anderen Moment der Ruhe, Stille brauchen würdest – welch geniales Bild mit Regenschirm in der Buchstabenflut…

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Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „Hören“
Lizzy Carbon und der Klub der Verlierer

Humorvoller Umgang mit Niederlagen und dem immer wieder Aufstehen

Es ist wohl DIE Außenseiter:innen-Geschichte schlechthin. In „Lizzy Carbon und der Klub der Verlierer“ ist – wie schon der Titel nahelegt, nicht nur die genannte Lizzy eine an den Rand Gedrängte. Loser aller Klassen vereinigt euch sozusagen.

Der Jugendroman (2016), der auf Anhieb zum Erfolg und ein Jahr später bei der renommierten Frankfurter Buchmesse mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde, ist nun ein Musical – des bekannten Erfolgsduos Peter Lund (Text) und Thomas Zaufke (Musik). Und dieses feierte in Wien im Theater der Jugend seine Uraufführung. Aus den sieben „Verlierer:innen“ des Romans verdichtet das Musical auf fünf. Gewichtige Elemente von Veronika, von der im Roman fast alle nur ihren Spitznamen Ma Baker kennen und nennen, wandern hier in die Figur von Sara, und Theo ist hier Teil von Carsten.

Start im Foyer

Lizzy lässt sich nicht alles gefallen, widerspricht dem auf so offen und aufgeklärt spielenden Lehrer Wenz als es um die Projektgruppen fürs Schulfest geht. Übrigens: Dieses Mal beginnt das Stück im Theater im Zentrum schon im Foyer. Neben der Garderobe hängen Plakate vom Programm des Schulfestes, diverse Mitteilungen, handschriftliche Notizen und Kommentare „ich wird verrückt“ beispielsweise oder „so what!???“ Beim Abgang ins Theater kleben Fotos mit so manchen handschriftlichen Coments wie „Spinner“, „die Coolen“… Und es ertönt schon Musik (Schüler:innen-Chor: Dani Alexander Allkoud, Dima Al Enaizi, Obadah Janoudi, Sham Madi, Gaafr Shebli).

Viele Rollenwechsel

Zurück zu Ursula Anna Baumgartner, die diese Lizzy unaufgeregt, souverän mit der (selbst-)ironischen Note des Romans spielt – übrigens die einzige mit „nur“ einer Rolle. Denn ihre Mitspieler:innen sind einerseits die „Verlierer:innen“ Arif (Curdin Caviezel), Sara (Lilly Rottensteiner), Krissi (Shirina Granmayeh) und Carsten (Stefan Rosenthal). Letzterer mit Spitznamen Popelino, weil er gern in der Nase bohrt und … wääääh, ist der Konsolenspiel-Nerd.

Apropos Nerd – das große Plakat mit riesigem Spiral-Labyrinth und der Schrift „The N-Experience“ ist die Werbung für das Projekt, das sich „der Klub der Verlierer“ ausgesucht hat. Könnte für Nerd stehen, eigentlich sollte es für Night (Nacht) gedacht sein, denn die in einen Raum im Keller Verbannten kommen als eine Glühbirne zerplatz auf die Idee, beim Schulfest ein Dunkel-Restaurant zu organisieren.

Lizzy Carbon und der Klub der Verlierer
Krissi (Shirina Granmayeh) und Sara (Lilly Rottensteiner)

So „nebenbei“

Blöd nur, dass niemand von ihnen kochen kann. Also organisieren sie sich Nachhilfe – im Roman bei Thos Mutter, hier bei der Mama von Arif. Was für den Autor und in dem Fall auch Regisseur gleich die Gelegenheit bot, ein im Kunstbetrieb breit diskutiertes Thema zu bespielen: Kulturelle Aneignung. Kann Lilly Rottensteiner, die vor allem Sara, aber auch Lizzys Mutter, die heimlich das Tagebuch ihrer Tochter liest, eine türkische Mutter spielen? Macht sie natürlich doch.

Auch an anderer Stelle steigen die Schauspieler:innen einmal aus, um darüber zu debattieren, ob in einer Szene Stefan Rosenthal, der neben Carsten auch Lizzys Vater, sowie Alexa, die Anführerin der ach so Coolen in Lizzys Klasse, spielt auch noch in die Rolle von Lehrer Wenz schlüpfen darf. Den spielt sonst die Krissi-Darstellerin Shirina Granmayeh. Es sei doch besprochen worden, dass diese Rollen (Curdin Caviezel auch als Direktorin) cross-gender (als Frauen spielen Männer und umgekehrt) besetzt würden…
Wobei die herrlichste Lehrer-Szene ist jene, wo sie nur dessen Brille halten und mit diesem Platzhalter lustvoll diskutieren.

Vielseitig

Das Schlüpfen von den angestammten Verlierer:innen in andere Figuren schaffen alle sehr überzeugend. Wenn etwa Curdin Caviezel vom Underdog Arif zu Max, dem arroganten Bruder von Lizzy switcht oder später zu Ramira wird, die sklavisch ergeben praktisch nur wiederholt, was Alexa, die Obermobberin in Lizzys Klasse (Stefan Rosenthal) von sich gibt. Wobei die Zeichnung der beiden zuletzt Genannten vielleicht eine Spur weniger tussihaft doof nicht schlecht gewesen wäre. So werden die „Verlierer:innen“ um nichts besser als ihrer Gegner:innen, auch wenn das natürlich schadenfreudiges Lachen im Publikum auslöst – gerade deswegen!

Lizzy Carbon und der Klub der Verlierer
Das Quintett bei einem der Gesangs-Auftritte

Gesang

Was die fünf Schauspieler:innen neben ihren vielen Rollen auch meisterhaft beherrschen: Gesang. Immer wieder – es ist ja ein Musical – sind Songs (Komposition und Orchesteraufnahme: Thomas Zaufke; musikalische Einstudierung und Korrepetition: Béla Fischer jr.) eingebaut. In diese Darsteller:innen können auch wirklich gut singen, lassen das Publikum mitswingen und verschaffen Ohrwürmer, selbst wenn die Zeile „erlaubt ist, was schmeckt“ in der Popelino-Szene ganz andere Bilder hervorruft als wenn sie bei Arifs Mama kochen lernen 😉

Lizzy Carbon und der Klub der Verlierer
Ursuala Anna Baumgartner als Litty im Zunge-Rausstrecken T-Shirts der Rolling Stones

Sprechendes Tagebuch

So manches – sowohl im Roman als auch in der Bühnenversion – erzählt sich über die Tagebuch-Eintragungen Lizzys. Die Regie hat diesem Tagebuch eine eigene Stimme aus dem Off zugedacht: Isabel Weicken, und manches Mal erweckt Ursula Anna Baumgartner als Lizzy dieses speziell präparierte Tagebuch (Ausstattung: Ulrike Reinhard) in Form einer Art Handpuppe zu eigenem Leben.

Von Story selbst – selbst aus der Gruppe der Loser steigen einige aus unterschiedlichen Gründen aus – sei nicht viel mehr erzählt, außer dass die N-Erfahrung noch eine überraschende Wendung nimmt, aber „natürlich“ der Burner des Schulfestes wird…

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Doppelseite aus "Lizzy Carbon und der Klub der Verlierer"

Loserin mit humorvollem Kämpferinnen-Herz

„Hallo. Mein Name ist Lizzy Carbon, ich bin dreizehneinhalb Jahre alt und Gott möchte mein Leben zerstören. Das versucht er schon seit meiner Geburt. Er hat mich geschlagen mit zwei Eltern, die nie nichts und davon auch nicht das Geringste kapieren. Dazu einem Bruder, der vier Jahre älter ist, in Sachen Verständnis keineswegs mehr draufhat als meine Eltern, aber trotzdem glaubt, die Welt in ihren tiefsten Gründen bereits durchleuchtet zu haben. Weil Gott gesehen hat, dass ich damit zurechtkomme, hat er nun meinen Körper zum Feind gemacht.“

So beginnen die ersten Sätze – der Tagbucheintragung der Genannten. Sie ist die Hauptperson im ersten von – bisher – drei Bänden über eben die die 13 ½-Jährige. Der Titel von Band 1, geschrieben von Mario Fesler, gibt schon viel vor: „Lizzy Carbon und der Klub der Verlierer“. In einer Muscial-Version spielt sich diese Geschichte derzeit auf der Bühne des kleineren Hauses des Theaters der Jugend in Wien ab – dazu folgt eine eigene Stückrezension in den nächsten Tagen, die dann selbstverständlich verlinkt wird. Das Schulfest steht (fast) am Ende. Alle Schüler:innen müssen in Gruppen Projekte vorbereiten und präsentieren. Lizzy will nicht der letzte A. in einer Gruppe sein, muckt auf und will ein eigenes Projekt starten – dem sich zunächst rund ein halbes Dutzend Mitschüler:innen anschließt, denen es recht ähnlich geht wie Lizzy, sozusagen die Loser des Stifter-Gymnasiums. Und selbst da reiht sich eine Niederlage an die andere…

Das Buch umfasst in fast jedem der Kapitel, die – nach dem ersten Tagebucheintrag, aus dem der Anfang oben zitiert ist – stets mit Datumsangabe und einem Countdown bis zum Schulfest als Überschrift versehen sind.

Nichts gefallen lassen

Und es besteht nur zum Teil aus diesen – durch kursive (schräggestellte) Schrift gekennzeichneten persönlichen Notizen Lizzys. Zu einem größeren Teil schildert der Autor das Geschehen rund um die Jugendliche – vieles davon in der Schule. Stets leidest du mit der gemobbten Außenseiterin mit – und so viele verbalen und Ausgrenzungs-schläge auch auf sie einprasseln, du hast von Anfang an das Gefühl: Das ist eine starke Person. Die lässt sich wenig bis nichts gefallen. Sie ist eine Kämpferin. Und sie wird es am Ende allen zeigen.

Was dem Autor ebenso gelingt wie diese Mut machende Botschaft zwischen den Zeilen ist viel Lesevergnügen in den Zeilen mit nicht selten bitterbösem Humor und einem kräftigen Schuss (Selbst-)Ironie, wie er schon in dem Eingangs-Zitat spürbar ist.

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Titelseite des Jugendbuchs
Titelseite des Jugendbuchs „Lizzy Carbon und der Klub der Verlierer“
Szenenfoto aus "Out Loud" im Theater am Werk/Petersplatz

Tanz, Schauspiel und Gespräche zwischen Traum und Reflexion

Wundersam und immer wieder auch sonderbare Welten sind es, in die das Trio auf der Bühne das Publikum eintauchen lässt – mit ihnen. Manches Mal gemeinsam, dann wieder getrennt agieren Didem Kris, Berk Kristal und Defne Uluer spielend, tanzend, (poesie- bis hin und wieder geheimnis-)voll redend auf der Bühne – vor und in projizierten Hintergründen. Die kommen live von kleinen Modellen, die via Handy-Kamera gefilmt und eingeblendet werden (Bühne: Markus Liszt, Flo Botka, Michi Liszt). Und reichen von einem fast unheimlichen Wald mit lebendig werdenden Wurzelwesen bis zu einer Gemeinschafts-Latrine (Toilette mit Loch im Boden).

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Out Loud“ im Theater am Werk/Petersplatz: Didem Kris

Traum-Reisen

Sie alle tauchen ein in Träume, treffen verwundert aufeinander, pendeln zwischen Traum und Wirklichkeit – somit zwischen Eintauchen in unkontrollierbare Welten und der (nachträglichen) Betrachtung von außen. Das Geschehen wechselt auch zwischen alltäglichen Verrichtungen (Klo-Gang) und philosophischen Betrachtungen über ihr Leben sowie das Dasein im Allgemeinen.

Zu Beginn sitzen sie wartend auf einer Bank – Zuggeräusche donnern an aller Ohren vorbei. Wohin führt die Reise. Defne Uluer mit einem Buch in Händen, Didem Kris mit einem grauen Bündel, das sich später irgendwie als Stein entpuppt, sozusagen ein weibliches Gegenstück zu Sisyphos, der in der griechischen Mythologie einen Stein immer bergauf rollt, der ihm knapp vor dem Gipfel entkommt und nach unten kullert. Berk Kristal eher entspannt und ohne Gepäck.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Out Loud“ im Theater am Werk/Petersplatz: Berk Kristal

In ihren Bewegungen und Monologen bzw. Gesprächen (Deutsch, Englisch, Türkisch) werden die drei Künstler:innen von Musik begleitet (Komposition: Uwe Felchle). Da das genannte Trio, von dem die ersten beiden „Out Loud“, das noch bis 25. Oktober 2023 im Theater am Werk/Petersplatz zu erleben ist, die Performance auch selber entwickelt hat, sorgten für die Sicht von außen und die Dramaturgie Aslı Kışlal und Anna Schober.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Out Loud“ im Theater am Werk/Petersplatz: Defne Uluer

Eine dichte, immer wieder überraschende einstündige Performance, die häufig auch Assoziationen zu eigenen Träumen auszulösen vermag. Und vor allem gegen Ende für Verblüffung sorgt, sie sich Didem Kris zu einer Art Paket selber verschnüren kann – um dann von ihren Kolleg:innen auf dem Silbertablett serviert zu werden.

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Szenenfoto aus dem Theaterstück "Ferdo Veliki Ptič" des Figurentheaters " Lutkovno Gledališče Maribor" (Slowenien)

Wozu Kräne, wenn Ferdo alle(s) in die Höhe bringt

Wer braucht schon Kräne, wenn es einen – noch dazu – riesigen Vogel gibt? Und der noch dazu so hilfsbereit ist. Das ist die Botschaft des Stücks „Ferdo Veliki Ptič“ (Ferdo, der große Vogel), mit dem das Puppentheater Lutkovno Gledališče Maribor (Slowenien) im Dschungel Wien gastierte – nur ein einziges Mal. Das hatte sich offenbar vor allem in der slowenischen Comunity in Wien verbreitet. Und so verstanden auch die allermeisten Kinder den gesprochenen Text. Andere taten sich – ein bisschen – schwer, weil es im Stück doch weit mehr Text gab, als in der Ankündigung.

IUllustration aus dem Bilderbuch
IUllustration aus dem Bilderbuch „Ferdo Veliki Ptič“ von Andreja Peklar

Obwohl es auch mit weniger bis keinem wohl funktioniert hätte. Tut es das gleichnamige Bilderbuch von Andreja Peklar, das vor acht Jahren auf der renommierten Kinderbuchmesse mit Schwerpunkt Illustration im italienischen Bologna zu den Top-Werken gekürt worden ist.

Szenenfoto aus dem Theaterstück
Szenenfoto aus dem Theaterstück „Ferdo Veliki Ptič“ des Figurentheaters “ Lutkovno Gledališče Maribor“ (Slowenien)

Ein Schauspielerin schiebt einen Eis-Wagen ins Zentrum der Bühne. Aus diesem holt sie Kulissen, wodurch die zunächst kahlen baumartigen hölzernen Ständer buntes Laub bekommen. Da fühlt sich das kleine rote Vögelchen, das Vesna Vončina an ihrer Hand durch die Gegend flattern lässt, gleich viel wohler. Und hinter diesem nun üppig bewachsenen Baum verwandelt sie sich in einen riesigen Vogel (veliki ptič) namens Ferdo (Kostüm: Andreja Peklar, Mjca Bernjak; Nina Šabeder). Jagt Ferdo zunächst angesichts seiner Größe der einen oder dem anderen ein wenig Angst ein, so entpuppt sich der Vogel sich als DER Helfer schlechthin. Will die Rauchfangkehrerin auf einen der Kräne (die drei – wieder entlaubten – nun umgedrehten kahlen Baumstämme), um zum hohen Kamin zu kommen, den die Spielerin aufgebaut hat, so steigt sie auf den Rücken des Vogels – und schwupp ist sie oben. Die Leiter ist eindeutig zu kurz 😉

Szenenfoto aus dem Theaterstück
Szenenfoto aus dem Theaterstück „Ferdo Veliki Ptič“ des Figurentheaters “ Lutkovno Gledališče Maribor“ (Slowenien)

Dieser veliki ptič (großer Vogel) verschafft auch den Kindern des Dorfes, die Vesna Vončina aus Laden und Klappen des Eis-Wagens hervorholt (Puppen: Darka Erdelji, Aleksander Andželović, Bühne: Lucijan Jošt, Nina Šabeder) so manche Höhenflüge – ob auf ihm selbst oder einer Schaukel, die sie herbei„zaubert“. Spielvergnügen erleben die Kinderfiguren, die sich sehr stark an den Bilderbuchillustrationen orientieren, vor allem auf einer Wiese sowie rund um einen Teich. Beide tauchen jeweils durch Umklappen riesiger Bilderbuchseiten auf dem Eiswagen auf (Regie: Katja Povše).

Da kann der alte Mann noch so viel über den Riesenvogel fluchen, den Kindern macht es gar nix aus, dass der halt anders ist als Vögelchen sonst üblicherweise…

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Szenenfoto aus dem Theaterstück
Szenenfoto aus dem Theaterstück „Ferdo Veliki Ptič“ des Figurentheaters “ Lutkovno Gledališče Maribor“ (Slowenien)
Foto aus der Ausstellung "Kind sein" auf der Schallaburg (Niederösterreich)

Manches aus Kinderaugen betrachtet

Ein riesengroßer Sessel dominiert den ersten Raum in dieser Ausstellung. Da können Erwachsene in das Gefühl eintauchen, wie es sehr jungen Kindern tagtäglich geht. Die Sitzgelegenheiten, der Tisch oder was auch immer ist für sie ähnlich hoch wie bei „Kind sein“ in der Schallaburg (Niederösterreich, bei Melk, Bahnstation – Shuttlebus). Und Kinder können sehen, dass sich da Erwachsene ganz schön schwertun würden, raufzuklettern. In den beiden Ecken des besagten Raumes stehen nachgebildete Erwachsenenbeine – für deren Oberkörper ist der Raum zu niedrig 😉

Die Herbstferien könnten vielleicht für einen Tagesausflug zu dieser Ausstellung genutzt werden, läuft sie doch nur noch bis 5. November 2023. Übrigens einige Räume weiter findet sich in der Mitte zwischen den Bildern und Objekten an oder vor den Wänden eine eigene kleine Welt, in die Kinder locker hineinkriechen oder wenn sie noch jünger sind -gehen können. Es ist praktisch ein Areal für sie allein, Erwachsene schaffen’s kaum sich da reinzuzwängen.

Eine spätere Spielstation mit mehreren Zimmern und unter anderem einer Leiter zum Raufklettern in eines davon, ist hingegen so groß, dass auch Erwachsene in den einzelnen Zimmer Platz finden. Und in einem zu ebener Erde können sich Erwachsene in kurzen Videos, die Schüler:innen aufgenommen hatten, Begriffe erklären lassen wie Beef, Bro, Cringe, Flexen, GG oder Swag…

Seltsames Spielzeug

Neben solch durchdachten spielerischen Objekten findest du verschiedene Themen – Spielzeug ist natürlich eines. Bei uraltem Spielzeug ging’s meistens darum, die Kinder an das spätere Leben als Erwachsene zu gewöhnen – bis hin zu Ritterrüstungen in Kindergrößen oder einem Jagdgewehr für die 14-jährige Erzherzogin Maria Amalia ;( Aber auch modernstes Spielzeug ist nicht nur fein, so findet sich in der Ausstellung die sprechende Puppe „My friend Cayla“. Hinter der süß lächelnden Maske findet sich im Innenleben eine elektronische Sende-Einheit, womit die Puppe zur versteckten Spionin wurde, die Kinder dauernd überwachen kann, weswegen sie auch verboten worden ist.

Foto aus der Ausstellung
Diverses Schummel-Zeug in der Vitrine…

Schummeln…

In thematisch gegliederten Ausstellungsbereichen kannst du noch Dinge sehen wie einen Original-Milchzahn der Kaiserin Elisabeth samt dem metallenen Behälter, in dem dieser aufbewahrt worden ist. Oder eine Kinderzeichnung aus der Römerzeit, aber auch beispielsweise – knapp vor dem Ende der Schau – die echte Tür eines Mitarbeiters der Schallaburg aus seiner Jugendzeit, in der er einen Totenkopf draufgemalt und „Eintritt lebensgefährlich“ draufgeschrieben hatte. So hat er seinen Eltern mehr als deutlich zu verstehen gegeben: Das ist meine Privatsphäre.

In einer Glasvitrine sind so manche Schummel„zettel“ aus unterschiedlichsten Epochen zu sehen, woanders eine Schulordnung – die sehr alt ausschaut und doch in so manchem an heutig Diskussionen erinnert wie Kleidungsvorschriften.

Kinder gefragt

Kinder kommen in der Ausstellung – wie oben schon erwähnt bei den Erklärungen für Erwachsene – zu Wort. Einige wurden auch für den umfangreichen Katalog zur Ausstellung befragt. Der ist übrigens keine – wie oft üblich – Ansammlung von Fotos der Objekte und Bilder samt Erklärung dazu, sondern vor allem ein interessantes Werk rund um Kindheit von vielen Seiten betrachtet – unter anderem mit Texten von literarischen Autor:innen, unter anderem Julya Rabinowich, Heinz Janisch oder Cornelia Travnicek.

Foto aus der Ausstellung
Wie Kindern Freude am Lernen leider abgewöhnt wird

Unter dem Titel „Wir Kinder stellen viel mehr Fragen“ kommen Helene, Anna M., Clara, Emma, Valerie, Ferdinand, Isabel, Emil, Jonathan, Lukas, Ella, Anna H., Sara, Josefine, Iris, Johanna und David (zwischen 4 und 11 Jahren) zu Wort – einleitend und immer wieder in verschiedenen Kapiteln. Ein bisschen bedrückend ist, dass sie mehrfach Schule als Last empfinden – wozu die Ausstellungstafel mit folgenden Sätzen passt (oder auch davon inspiriert worden ist?): „Am Anfang lernen wir alles, was uns interessiert. Bis jemand kommt und uns vorgibt, was wir zu lernen haben. Und was nicht.“

Immer wieder sind in der Ausstellung übrigens die Kinderrechte (die nun bald 34 Jahre alt werden – am 20. November 1989 von der UNO-Generalversammlung beschlossen) ein Thema – mit so manchem „Aha“-Erlebnis für Erwachsene, etwa wenn es in einem Quizspiel unter anderem um die Privatsphäre geht. Was zu kurz kommt, sind Blicke über den Tellerrand – auf die Welt von Kindern in der ganzen Welt.

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Dschungel-Wien-Mitarbeiterin Sarah Löbel (rechts) im Gespräch mit KiJuKU-Praktikantin Stefanie Kadlec

Manchmal schon anstrengend, ruhig zu bleiben

Seit rund drei Monaten schnuppert eine 17-jährige Schülerin (Maturaklasse in Wien) bei Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… in den Journalismus. Einen ihrer jüngsten Besuche im Dschungel Wien, dem seit fast 20 Jahren bestehenden Theaterhaus im MuseumsQuartier, in dem vor allem für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene gespielt, und diese immer wieder auch eingebunden werden, nutzte sie für ein Interview mit einer besonders engagierten Mitarbeiterin. Sarah Löbel leitet den Publikums-Service.

KiJuKU: Wie lange arbeitest du schon im Dschungel Wien und wie bist du dazu gekommen?
Sarah Löbel: Ich arbeite schon seit fünfeinhalb Jahren im Dschungel und war schon immer als Kind und Jugendliche mit der Schule da. Ehrlich gesagt bin ich dazu gekommen, weil mein Vater die Informatik macht und einmal gehört hat, dass sie jemanden im Vorstellungsdienst brauchen. Er ist nach Hause gekommen, ich habe gerade zu studieren begonnen und er hat gesagt: „Meld dich doch einfach.“ Ich bin hingegangen und gleich am nächsten Tag wurde ich zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Dann habe ich drei Jahre Vorstellungsdienst gemacht, anschließend habe ich im Pädagogikbüro gearbeitet und jetzt leite ich den Publikumsservice.

KiJuKU: Wie würdest du die Arbeit hier beschreiben?
Sarah Löbel: Super. Ich denke, ich wäre nicht so lange da, wenn das Klima unter den ArbeitskollegInnen nicht das Beste wäre. Wir haben eine neue künstlerische Leiterin über den Sommer bekommen. Es ist schon einiges neu und es muss sich noch ein bisschen einspielen, aber im Großen und Ganzen ist das Team immer mit Herz dabei. Ich arbeite wirklich gerne da, unter anderem wegen der KollegInnen, die ich habe.

Dschungel-Wien-Mitarbeiterin Sarah Löbel (rechts) im Gespräch mit KiJuKU-Praktikantin Stefanie Kadlec
Dschungel-Wien-Mitarbeiterin Sarah Löbel (rechts) im Gespräch mit KiJuKU-Praktikantin Stefanie Kadlec

KiJuKU: Was sind Schwierigkeiten und wie ist es vom Stress her?
Sarah Löbel: Publikumsservice ist würde ich sagen eines der anstrengendsten Sachen überhaupt hier im Haus. Wir kümmern uns um die KünstlerInnen, das Publikum, dass alles glatt läuft. Das fängt schon an, wenn die Leute ihre Garderobe (aus Sicherheitsgründen) nicht abgeben wollen und dass man mit irgendwelchen Eltern diskutiert, ob die Kinder doch nicht Popcorn ins Theater nehmen dürfen. Oder KünstlerInnen, die sich fühlen, als wären sie die einzigen hier im Haus. Es ist anstrengend, da ruhig zu bleiben (was sie aber – so langjährige Boebachter:innen – praktisch immer schafft). Wir wollen, dass alles gut abläuft und viele Leute kommen. Das ist manchmal herausfordernd, aber wenn man gutes Feedback bekommt oder die Stücke sieht, die einen bewegen, dann finde ich zahlt sich das voll aus. Ich wäre nicht so gerne da, wenn mir das nicht auch irgendwas geben würde.

Eingang vom Dschungel Wien, dem Theaterhaus für vor allem junges Publikum im Wiener MuseumsQuartier
Eingang vom Dschungel Wien, dem Theaterhaus für vor allem junges Publikum im Wiener MuseumsQuartier

KiJuKU: Hast du irgendein Lieblingsstück?
Sarah Löbel: Das ist das erste Stück, wo ich meinen Vorstellungsdienst gemacht habe. Es ist von der „Kompanie Freispiel“ und heißt „Wenn die Tiere schlafen gehen“. Das ist das am häufigsten wiederspielende Stück – schon 10 Jahre hier im Dschungel Wien.

KiJuKU: Was unterscheidet das Dschungel Wien deiner Meinung nach von anderen Theatern?
Sarah Löbel: Erstens, dass hier so viele freie Gruppen spielen. Es ist denke ich auch österreichweit eines der wenigen Theaterhäuser, das so viele verschiedene einzelne kleine Gruppen und einzelne KünstlerInnen unterstützt. Du hast verschiedene Inputs und das macht es auch aus. Ich habe nie gedacht, dass es auch spannend ist für eine erwachsene Person in ein Babystück zu gehen. Wenn die Babys herumkraxeln und du plötzlich siehst, wie sie mit den PerformerInnen interagieren, das ist unglaublich. Theater für junges bis erwachsenes Publikum ­- das finde ich gibt es sonst nicht so oft.

Stefanie Kadlec, 17

Szenenfoto aus "Der kleine Prinz", Volkstheater in den Bezirken

Feuer niesen, Weisheiten ausspucken

Dafür, dass diese Theaterversion von „Der kleine Prinz“ durch Wiens Bezirke tourt und damit stets woanders gespielt wird, ist das Bühnenbild (Patrick Loibl, Studio Kudlich) ganz schön aufwendig. Zwischen zwei großen Vulkanen im Pappmaschee-Style und einer Riesenpflanze, die an eine Titanwurz mit einer aufrechten, länglichen Blüte in der Mitte erinnert, taucht er auf, der Reisende von Planet zu Planet, besser bekannt als die Hauptfigur des so weltweit erfolgreichen Buches von Antoine de Saint-Exupéry. Laut Wikipedia ist das 1943 erstmals veröffentlichte Buch in den vergangenen 80 Jahren in 505 Sprachen und Dialekte übersetzt worden, öfter erfolgte dies nur bei den heiligen Schriften des Christentums und des Islam, also der Bibel und dem Koran.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der kleine Prinz“, Volkstheater in den Bezirken

Kinderstimme vom Band

Die Volkstheater-Tourfassung lässt die berühmte Rahmenhandlung vom in der Wüste abgestürzten Piloten (dem Autor selbst) ebenso weg wie die Geschichte mit den Zeichnungen – wo Erwachsene statt eines Elefanten in einer Riesenschlange nur einen Hut sehen. Dass Erwachsene irgendwie seltsame Leute sind, wird hier als voraufgenommene Stimme eines Kindes (Jamo Bauer) eingespielt, auch wenn das weder im Internet noch in der Medieninformation steht und im Programmfolder kryptisch versteckt ist (mit besonderem Dank an…).

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der kleine Prinz“, Volkstheater in den Bezirken

Zwei Schauspiel-Studierende

Und natürlich gehen sich in knapp mehr als einer Stunde für Fabian Reichenbach als irgendwie schüchtern und doch neugierigem „kleinen Prinzen“ nicht die Besuche bei allen vom Autor beschriebenen Planeten aus. In alle anderen Rollen schlüpft Hardy Emilian Jürgens – so wie sein Bühnenkollege Schauspiel-Studierender (Universität für Musik und darstellende Kunst Graz -KUG). Ganz schön viel Stress zwischen Bühnenhintergrund und dahinter verschobener Puppenbühne in der Urania wo KiJuKU die Aufführung gesehen hat, sich immer wieder in doch recht aufwendige Kostüme (Vanessa Sampaio Borgmann) zu begeben: Als König, der sich über den nun einzigen Untertanen freut. Als Eitler mit Riesen-Papierschiff auf dem Kopf fordert er mehr und mehr Bewunderung ein. Wenn er den traurigen Alkoholiker spielt, der stets vergessen will und immer wieder umkippt, fordern Kinder den kleinen Prinzen auf, dem Trinker doch zu helfen. Großes Gelächter gab’s als der Reiche, der Millionen von Sternen zählt, weil er sie besitzt, so nicht und nicht auf die Frage des Besuchers eingehen will, wofür dieser Besitz denn nun gut sei. Einfach reich sein, das genügt ihm.

Säugetier aus dem Ei?

Weshalb Jürgens im Plüsch-Fuchs-Kostüm aus einem Riesen-Ei schlüpft, erschließt sich nicht wirklich. „Weil’s lustig ist und auf der Bühne ist alles möglich“, bekam Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… auf die Nachfrage nach der Vorstellung von Dramaturgin Lisa Kerlin zur Antwort.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der kleine Prinz“, Volkstheater in den Bezirken

Beeindruckt zeigten sich die jungen Besucher:innen, von denen vielen das letzte Viertel zu lang zu werden schien, von den immer wieder eingebauten Lichtspielen mit Lampen und der großen Disco-Kugel, die sozusagen einen Sternenhimmel erzeugten. Und ein großes „Oha“ war zu hören, als der erste Nieser des kleinen Prinzen von einer kleinen Flamme begleitet war – sozusagen ein Hatschi-Drachen.

Spannend auch, dass die Schlange in der Wüste nur als Spiel des kleinen Prinzen mit einer Taschenlampe – und einer Stimme aus dem Off funktionierte. Dass er DIE zentralen Sätze, die sich von der ganzen Geschichte längst verselbstständigt haben am Ende einer langen Schnur, die er rauskotzt, scheinbar aus dem Mund zieht – sollte wahrscheinlich auch lustig wirken; relativiert aber möglicherweise die bedeutungsschwangeren Weisheiten „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

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Szenenfoto aus "Eine Nacht mit Lady Macbeth" im Theater Spielraum

Rollenumkehr: Wer ist hier arm und einsam?

Im Hintergrund ein bunter Schriftzug „Happy Birthday“, davor ein gar nicht so happy wirkendes Geburtstags„kind“ namens Fabian, weil einsam (Valentin Schuster). Was zunächst droht, auch so zu bleiben, erfolgt doch ein Handyanruf von Freunden – fürs Publikum auf laut gestellt. Die teilen fröhlich mit, wir bleiben auswärts, kommen heute nicht. Aber dann kündigen die Stimmen aus dem Off (Christoph Hackenberg, Marcin Marszałkowski) noch eine Überraschung an.

Diese kommt in Person einer Frau (Andrea Nitsche) in (bewusst) billig wirkendem Lack und Leder. Was wiederum dem Titel des Stücks „Eine Nacht mit Lady Macbeth“ (Theater Spielraum, Wien-Neubau) eine ironische Note verleiht. War sie doch im Shakespeare’schen Drama doch eher die treibende Figur und Kraft hinter dem ehrgeizigen Machtstreben ihres Mannes, kommt hier als Art Domina daher.

Das Outfit der Schauspielerin bringt gleich mal äußerlich zum Ausdruck, was die Anrufer ihrem Freund Fabian schenken wollten. Diese Nacht für alles zu Diensten, so will sich die Besucherin präsentieren.

Doch Fabian wehrt jede Annäherung ab, durch jede Körperbewegung, durch das Wegrollen in seinem fahrbaren Untersatz, wenngleich sprachlich nicht ganz so leicht verständlich. Das braucht schon einige Zeit, um sich an das von ihm Gesagte heranzuhören. Valentin Schuster, seit Kindheit (Amateur-)Schauspieler, hat auch eine Sprachbehinderung, aber – gleich mal vorweg – keine kognitive Beeinträchtigung.

Bühnentraum

Und obwohl weggewiesen, geht die Gästin natürlich nicht gleich. Das wären dann ja nur wenige Theaterminuten – und schon gar kein Stück. Auf diese erste Ablehnung folgen – erwartbar – Wendungen. Magdalena Marszałkowska hat als Autorin – und Regisseurin – eine klug gebaute Dramaturgie geschrieben und inszeniert, die auf spezielle Weise den Stücktitel ins Spiel bringt. Denn Mona, so der Figurenname der Besucherin, ist zwar von den Freunden als Sexual-Assistentin gebucht worden, aber in Wahrheit – katastrophal freie Schauspielerin, daher Schulden, daher dieser Job. Und sie würde so gern eine große Rolle, etwa eben die von Lady Macbeth spielen.

Aber weil von Fabians Freunden bezahlt – 1342 € – kann/will sie nicht gleich gehen, hätte Skrupel, das Geld ohne erbrachte Dienstleistung zu nehmen. Neben dieser äußeren Bedenken, triggert sie irgendwie auch die Herausforderung, die ihr von Fabian entgegengebrachte Ablehnung zu überwinden. Vielleicht auch als eines der wenigen Erfolgserlebnisse, schildert sie doch zwischendurch Bühnen-Versagen wegen vergessener Texte und überhaupt klagt sie, keine Freund:innen zu haben. Ist also in Wahrheit einsamer als Fabian zu Beginn des nicht ganz 1 ¼-stündigen Stücks.

Berührende Rollenumkehr

Ja nach und nach kommt Mona drauf, zwar selber gesunde und hübsche Beine zu haben, aber sozial und emotional ärmer dran zu sein als Fabian und dümmer – weil sie sich wie schon erwähnt Rollentexte kaum merken kann. Die Rollen beginnen sich zu verkehren. Die „Domina“ zeigt Schwächen, der scheinbar Schwache, weil erst übers Geschenk der Freunde mit Freuden versehene, zeigt immer mehr Stärke – und Einfühlsamkeit für seine Besucherin. Womit er auch mehr Nähe zulassen kann.

Doch nie und nimmer droht „Eine Nacht mit Lady Macbeth“ eine schnulzige Happy-End-Geschichte zu werden (Dramaturgie: Mich Pabian). Dafür hat die Autorin und Regisseurin genug – sich organisch ergebende – Wendepunkte eingebaut. Und dafür, dass es kein Drama ist, würzt Magdalena Marszałkowska ihr Stück mit so manchem Wort- und die beiden Schauspieler:innen dieses mit Spielwitz. Wobei ein Gutteil des Humors aus Elementen des sich selbst ein bissl auf die Schaufel Nehmens besteht.

Der Applaus – bei der Premiere sogar sehr heftig – erfolgte ganz sicher nicht aus Mitleid, sondern ist dem großartigen Schauspiel sowie dem starken und berührenden Stück geschuldet. Das ist übrigens auf Valentin Schusters Initiative zurückzuführen, wie die Regisseurin nach der umjubelten Premiere gestand. Er hatte gesagt, „schreib ein Stück über einen Menschen wie mich.“

„Habt ihr mich verstanden?“

Unter dem Titel „Habt ihr mich verstanden“, gibt es übrigens einen – im Internet nachzulesenden – Monolog von Valentin Schuster, den er einst auch spielte. Darin setzt er die hier gestellte Frage so fort: „Ich glaube nicht, daher meine Frage: Warum fragt ihr nicht nach? Ist es, weil ihr mich nicht verletzen wollt, oder denkt ihr etwa, ich wäre nicht nur körperlich, sondern auch geistig eingeschränkt? Mit diesem Vorurteil bin ich täglich konfrontiert, und wisst ihr was? Ich habe genug davon! Ich will nicht mehr als „dumm“ wahrgenommen werden. Ich möchte, dass mir Menschen mit einem mir gebührenden Respekt gegenübertreten, egal, ob sie mich kennen oder nicht. Und dieser Respekt äußert sich nicht darin, höflich zu nicken, auch wenn ihr mich nicht verstanden habt. Ich kann euch nicht versprechen, dass ihr beim zweiten oder dritten Mal versteht, was ich euch sagen möchte, aber man findet immer eine Möglichkeit zu kommunizieren. Und wenn es ist, dass jemand meine „Sprache“ übersetzt.“

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Mit VR-Brille Besuch in einem Labor, in dem mit dem Greifer auch Teile einer Maus bewegt werden können

Begreifen wollen, wie geht denn das!

Christian Bertsch hält eine viereckige Kartonröhre in die Kameras – links und rechts schauen weit oben rote Schnüre heraus, viel weitere unten tun dies blaue. Er zieht zunächst an einer der roten Enden und – es wird nicht nur diese Schnur auf der anderen Seite kürzer, auch bei den blauen Schnüren zeigt sich Bewegung!?

Wie geht das? Nein, aufmachen oder aufschneiden gilt nicht. Es gehe darum, erst Theorien zu entwickeln, zu diskutieren, wie der „Trick“ funktioniert. Idealerweise wird danach mit eigenen Kartonröhren und Schnüren ein Modell gebaut, das zum selben Ergebnis kommt.

Mit diesem einfachen und doch so anschaulichen Experiment demonstrierte der Bildungsexperte Mittwochmittag im Wiener MuseumsQuartier einen wichtigen Zugang zu Wissenschaft. Den will eine neue Abteilung mit eigenem Namen – VISTA – am ISTA (Institute of Science and Technology Austria, 1100 Mitarbeiter:innen, 78 Forschungsgruppen aus 80 Nationalitäten), der exzellenten Forschungseinrichtung in Klosterneuburg (nahe bei Wien), ab sofort verstärkt unternehmen.

Versuche im Park, Workshops in Schulen…

Bertsch, der Vista leitet und Gaia Novarino, selber Neurowissenschafterin am ISTA und dort Vizepräsidentin für Wissenschaftsbildung, stellten einige dieser Aktivitäten vor. Die reichen für mobile Vermittlung in Parks oder auch bei heurigen mit einem Elektro-Tuck-Tuck voller Experimentierboxen bis zu Workshops in Schulen bzw. für Kinder und Jugendliche am ISTA-Gelände. Dafür wird übrigens noch ein eigenes Gebäude (VISTA Science Experience Center) errichtet, das in zwei Jahren den Betreib aufnehmen soll und für das diese Woche noch der offizielle Spatenstich erfolgt.

Mehr Raum für Vorträge, Workshops, aber auch für Ausstellungen als Ergebnis von Kooperationen zwischen Wissenschaft und Kunst wird es dort geben. Zwölf Mitarbeiter:innen hat das neue VISTA – das V steht übrigens nicht als Abkürzung für irgendetwas.

Mit den genannten und noch vielen weiteren sowohl analogen als auch digitalen und virtuellen Aktivitäten – unter anderem knapp vor Weihnachten zwei gestreamten – auch nachzusehenden – Christmas Lectures für jüngere bzw. ältere Schüler:innen sollen viele, vor allem aber nicht nur, junge Menschen für Wissenschaft interessiert werden. Und zwar nicht nur für deren Ergebnisse, sondern vor allem die Methoden und Arbeitsweisen. Außerdem will VISTA – wie auch die Kinderunis – Forscher:innen und Kinder bzw. Jugendliche zusammenbringen, auch Vorbilder schaffen, nicht zuletzt weibliche. So waren bei dem Mediengespräch Plakate der Computerwissenschafterin Jen Iofinova, der Klimaforscherin Yi-Ling Hwong sowie der Zellbiologin Medina Korkut-Demirbaş als Anschauungsbeispiele dafür platziert.

Mögliche Vorbilder: Computerwissenschafterin Jen Iofinova, Zellbiologin Medina Korkut-Demirbaş und Klimaforscherin Yi-Ling Hwong
Mögliche Vorbilder: Computerwissenschafterin Jen Iofinova, Zellbiologin Medina Korkut-Demirbaş und Klimaforscherin Yi-Ling Hwong

Verstehen, wie Wissenschaft funktioniert

Prozessorientiertes Lernen und Forschen sind in Österreichs Schulen noch weit unterentwickelt, stellten die Wissenschafter:innen fest und verwiesen auf entsprechende Ergebnisse bei Pisa-Studien. Die Mission lautet: „Verstehen, wie Wissenschaft Wissen schafft!“

Mit VISTA solle keine Konkurrenz zu bereits existierenden ausgezeichneten Wissenschaftsvermittlungen wie Kinderunis, Sparkling Science, Science Center Netzwerk betreiben werden, sondern einfach zusätzliche Angebote.

Eine weitere Intention von VISTA ist, der in Österreich stark ausgeprägten Skepsis gegenüber Wissenschaft, die sich nicht zuletzt in der Corona-Pandemie gezeigt habe, entgegenzuwirken. Daher werden nicht nur auf Kinder, Jugendliche und Pädagog:innen angesprochen, das rollerartige Elektrofahrzeug mit Anhänger fahre mit Wissenschafter:innen immer wieder auch zu Heurigen, um dort Besucher:innen zu Experimenten einzuladen.

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vistascience

Siegerin in der jüngsten Altersgruppe (4 bis 10 Jahre), Theodora Devuyst, mit jenem Model, das ihren Stoff gewordene Zeichnunge auf dem Laufsteg präsentierte

Laute, bunte, aber auch nachdenklich machende Mode

In knapp weniger als einem Jahr, genauer geschrieben am 5. Oktober 2024 steigt die dann 30. Kids-in-Fashion-Gala – anlässlich des runden Jubiläums dann zum dritten Mal im Wiener Rathaus. Das wurde gegen Ende der diesjährigen 29. Show in der Mensa der Wiener WirtschaftsUniversität bekanntgegeben.

Zuvor führten jugendliche Models rund fünf Dutzend meist farbenfrohe, jedenfalls sehr kreative Gewänder – nicht nur aus Stoff – auf dem Laufsteg vor. Es handelt(e) sich wie immer um die verwirklichten Entwürfe von Kindern und Jugendlichen, die in diesem Jahr sogar mehr als 3000 schräge, ver-rückte Designs an die Wiener Jugendzentren eingeschickt haben.

Jedes Jahr in der Top-Liga

Sozusagen Stammgästin mit ihren Entwürfen ist Sophie Zheng, mehrmals schon stachen ihre Designs der Jury ins Auge und wurden in den Sommermonaten von Modeschüler:innen in den Werkstätten verwirklicht. Sogar Preisträgerin war sie in mehreren Jahren; heuer nicht, aber wieder erregte eine Zeichnung von ihr so viel Aufmerksamkeit, dass sie Stoff wurde. Zwei riesige Tränen von den Augen ausgehend, werden zu einem riesigen Kleid. „Weinen war mir zu der Zeit als ich den Entwurf gezeichnet habe, sehr wichtig!“, verrät die nunmehr 14-Jährige Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… im Bereich der Ausstellung aller ausgewählten Designs. Um das Kleid tragbar zu machen, wurde in der Werkstatt aus den Tränen nicht das ganze Kleid, sondern diese wallern über einem Kleid in der Farbe der gemalten Tränen – tatsächlich unter den Augen wurden zwei feine, leichte Stofftücher fixiert, die bis zur Höhe des Kleidsaumes unter dem Knie immer breiter werdend „fließen“.

Dino als Hai 😉

Ihre gleichaltrige Freundin Xu Xueli sorgte sowohl bei Schneider:innen als auch bei Jennifer Zenz, die als Model die zum Gewand gewordene Zeichnung präsentierte, für Verwirrung. Was alle als Haifisch sahen – das Model hatte sogar für die Stunden im Backstage-Bereich entsprechende Patschen mitgebracht – hatte die Designerin als Dinosaurier angelegt.

Laut und bunt

Modelkollegin Yasmin Bozkurt hatte beim Backstage-Besuch von KiJuKU schon bunte Würfel im Haar. Die sind die passende Kopfbedeckung zum aus verschiedenfärbigen Quadraten bestehenden Kleid, die in vielen bunten, langen Fransen enden. Modeschöpferin dieses Kleides war Isabella Gawin (9). „Mein Kleid sollte laut und bunt sein“, erläutert die Designerin dem Journalisten den Hauptbeweggrund für ihre Zeichnung. „Und ich mag diese viereckigen Formen“, ergänzt sie die zentralen Elemente ihres Mode-Entwurfes, der zu ihrer Freude auch verwirklicht wurde; was sie, ihre Schwester und die Eltern überhaupt erst zum Besuch der KiF-Gala brachte.

Ozeanisch

„Ozean überhaupt und Quallen besonders faszinieren mich“, so Valentin Steiner (13), der mit diesem Entwurf die mittlere Alterskategorie gewonnen hat. „Ich habe aber gleich mehrere Bilder eingeschickt und bin froh, dass wenigstens eines genommen worden ist. Und das sogar 1. Platz wurde.“

Als Stift

Das Werkzeug zum Inhalt gemacht hat Milena Gulshadayan. „Ich hab beim Zeichnen auf meinen Schreibtisch geschaut, überlegt und mir dann gedacht, ich mal ein Kleid als Buntstift.“ Und so spazierte bei der Show ein Stift über den Laufsteg 😉

Noch warten die Models auf den Großteil ihrer Gewänder
Noch warten die Models auf den Großteil ihrer Gewänder

Models

KiJuKU schaute und hörte sich auch wieder ein wenig im Backstage-Bereich um, wo die Models, die die Gewänder am Laufsteig vorführen oft schon seit Stunden unterwegs sind. Bis alle kunstvollen Frisuren angefertigt sind – immer wieder auch Elementen aus den Kinder- bzw. Jugendzeichnungen angereichert, jede und jeder geschminkt ist – das dauert schon so seine Zeit.

Constantin Ruf (15) modelt seit rund fünf Jahren. Auftritte vor Publikum hat er aber auch als Schauspieler mit Theatergruppen. Die schon weiter oben erwähnte Yasmin Bozkurt hat schon 2019 bei Kids in Fashion ge-modelt. Heuer präsentierte sie ein Kleid mit bunten Würfeln auf dem Kopf (Zeichnung: Isabella Gawin). Sie sieht, „wenn ich mir die Entwürfe jetzt und vor der Pandemie anschaue, schon zum Teil ganz andere Perspektiven. So ein Kleid mit Riesentränen (Sophie Zheng) hätte es vorher wahrscheinlich nicht gegeben“, meint sie, die seit kurzem als Hortpädagogin arbeitet, weil sie Kinder mag und mit diesem Beruf „etwas total Sinnvolles tun kann“.

Wenngleich sie in einem ganz anderen Bereich tätig ist, schätzt Model-Kollegin Jennifer Zenz (19) aus genau demselben Grund ihren Job: Sie hat die Lehre als Orthopädie-Technikerin absolviert. „Ich wollte etwas im medizinnahen Bereich, aber jedenfalls etwas Handwerkliches machen. Ob Prothesen oder angepasste Rollstühle – du erlebst wie du mit deiner Arbeit das Leben von Menschen einfach erleichtern kannst.

Moderationsduo

Natürlich moderierten auch dieses Mal wieder Jugendliche die KiF-Show: Zum ersten Mal die 21-jährige Ronja Rößner und schon zum dritten Mal Fatih Yalcın – und sowieso in sehr kreativen, bunten Outfits. Es war übrigens – wie schon eingangs erwähnt – die bereits 29. – samt Ankündigung, dass die nächstjährige Jubiläums-Show im Wiener Rathaus über die Bühne gehen wird – 5. Oktober 2024, Arkadenhof mit Backstage-Bereich in der Volkshalle.

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Zwei Dutzend Fotos von den ausgewählten Zeichnungen

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Vier Dutzend Fotos von der Gala

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Weitere Schnappschüsse

Die jugendlichen Moderator:innen Ronja Rößner und Fatih Yalcın leiten gemeinsam mit Leo Oswald, dem KiF-"Vater" die Preisverleihung ein

Das sind die Top-Jung-Designer:innen und ihre verwirklichten Mode-Entwürfe

Hier eine Übersicht iüber die Hauptpreisträger:innen des diesjährigen (2023) Modedesign-Nachwuchsbewerbs Kids in Fashion.

Top 3 bei den Jüngsten (4 bis 10 Jahre)

Platz 1 bis 3 in der mittleren Altersgruppe (11 – 14 Jahre)

Die ersten 3 bei den Ältesten (15 – 21 Jahre)

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Lila Noelle Raab im Interview mit KiJuKU-Praktikantin Stefanie Kadlec

„Wollte was Feministisches und Freches“

Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… interviewte vor der Show einige der jungen Designerinnen und Designer – siehe Hauptartikel zu Kids in Fashion 2023 (Link unten am Ende dieses Beitrages). Danach fragte KiJuKU eine junge Modeschöpferin, die dadurch auffiel, dass sie auf dem Rücken ihres Oberteils einen Spruch trug, der selbst gestaltet aussah…

KiJuKU: Wie alt bist du und wie fühlt es sich an so einen Preis gewonnen zu haben?
Lila Noelle Raab: Ich bin 16 und find’s echt cool, denn ich habe ehrlich gesagt gar nicht damit gerechnet. Meine Lehrerin hat den Entwurf eingesandt, ich war ziemlich überrascht und deshalb freue ich mich umso mehr.

Lila Noelle Raab im Interview mit KiJuKU-Praktikantin Stefanie Kadlec
Lila Noelle Raab im Interview mit KiJuKU-Praktikantin Stefanie Kadlec

KiJuKU: Wie bist du zu der Idee für deinen Entwurf gekommen?
Lila Noelle Raab: Da bin ich zu Hause gesessen, wir hatten die Aufgabe „schwarz-weiß“. Mein Model hat bei dem Entwurf eigentlich nur zwei Abdeckungen auf den Brüsten, also eigentlich oberkörperfrei. Das konnten sie aber wegen der Kinder nicht ausführen. Ich wollte eine feministische Seite darstellen und mit Kreativität verbinden.

KiJuKU: Möchtest du auch beruflich Mode designen?
Lila Noelle Raab: Ich habe tatsächlich vor, Modedesign zu studieren, aber ich bin mir mittlerweile nicht mehr ganz so sicher, weil mich auch andere Sachen interessieren, zum Beispiel Tätowieren. Ich weiß noch nicht, in welche Richtung es geht.

KiJuKU: Hast du das erste Mal mitgemacht und wie lange hast du an dem Entwurf gearbeitet?
Lila Noelle Raab: Ja, das erste Mal. Ich habe gar nicht so lange daran gearbeitet. Die Idee habe ich in meinem Kopf gehabt und einfach auf Papier gebracht.

Lila Noelle Raab im Interview mit KiJuKU-Praktikantin Stefanie Kadlec
Lila Noelle Raab im Interview mit KiJuKU-Praktikantin Stefanie Kadlec

KiJuKU: Ist das sonst beim Zeichnen auch so?
Lila Noelle Raab: Ich habe meistens eine Emotion in mir, die bringe ich einfach auf Papier. Dann entwickelt sich alles, das war bei meinem Entwurf auch so. Ich hatte keine genaue Idee, sondern eine Emotion.

KiJuKU: Und die Emotion war bei deinem Design?
Lila Noelle Raab: Ich glaube Neugier und eine Frechheit wollte ich darstellen.

KiJuKU: Bist du heute besonders gestylt oder bist du immer durchgestylt?
Lila Noelle Raab: Ich liebe Mode und ich bin oft sehr bunt angezogen. Das würde ich normal auch tragen.

KiJuKU: Du hast hinten etwas draufgeschrieben, den Spruch „maybe you should eat some makeup so you can be pretty on the inside too“ (Vielleicht solltest du etwas Make-up essen, damit du auch von innen hübsch bist)
Lila Noelle Raab: Ja, den Spruch habe ich selber draufgestickt.

KiJuKU: Was ist deine Definition von einem guten Style?
Lila Noelle Raab: Man soll sich trauen und einfach das anziehen, was einem gefällt. Nicht auf die anderen achten. Hauptsache es gefällt einem selbst.

Stefanie Kadlec, 17 und
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Szenenfoto aus "Der geheime Garten" im Renaissancetheater (Theater der Jugend, Wien): Jonas Graber als Colin und Fabia Matuschek als Mary

Außenseiterkinder finden in einem verboten Stück Natur zu sich und zueinander

„Der geheime Garten“ nach dem Roman von Frances Hodgson Burnett in einer Neuinszenierung der Stückfassung von vor 18 Jahren im Theater der Jugend (Wien).

Drei rund zehnjährige Kinder entdecken den geheimen, ja sogar verbotenen Garten im weitläufigen Anwesen von Lord Craven. Es wird ihr verschworener Treffpunkt, in dem sie aufblühen – und mithelfen, den seit Jahren vernachlässigten Garten auch wieder zum Blühen zu bringen.

Das ist kürzest zusammengefasst der Kern des seit wenigen Tagen im Renaissancetheater, dem großen Haus des Theaters der Jugend in Wien, laufenden Stücks „Der geheime Garten“. Es basiert auf dem gleichnamigen Roman von Frances Hodgson Burnett (1911 erstmals veröffentlicht als The Secret Garden). Und recycelt die Stückfassung des Direktors aus der Saison 2005/06, allerdings unter neuer Regie (Nicole Claudia Weber), die den Fokus noch stärker auf die gewandelte Mary legt – überzeugend stark gespielt von der noch sehr jungen Fabia Matuschek.

Verpflanzt, verboten

Der Garten ist geheim – und verboten. Niemand darf ihn betreten, so will’s Lord Craven. Es war der Lieblingsort seiner vor zehn Jahren verstorbenen Ehefrau. Gleich alt ist sein Sohn Colin, dem eingeredet wird, dass er sterbenskrank ist und nur im Bett liegen muss/darf.

Zu diesem Lord wird nun die zehnjährige Nichte Mary Lennox nach Misselthwaite Manor „verpflanzt“. Sie ist in Indien aufgewachsen, wo die britischen noblen Eltern nie Zeit für die Tochter hatten. Nun sind sie außerdem gestorben – im Roman an Cholera, im Film sowie der Version im Theater der Jugend bei einem Erdbeben.

Rascher Wandel

Wie auch immer, sie wurde in Indien von Hausangestellten vorne und hinten bedient, nicht einmal selber anziehen musste/konnte sie sich. Mit sanftem, liebevollem Druck durch ihre nunmehrige englische Bedienstete Martha Cunningham (sehr herzlich und überzeugend Christine Tielkes) vollführt sie rasch Schritte in Richtung Selbstständigkeit. Ihre frühere zickige Sturheit scheint hingegen das richtige Gesundungsmittel für den ständig ins Bett und in ein Korsett verbannten Colin (Jonas Graber) zu sein. Er ist der zehnjährige Sohn des Lords, den der Sohn aber fast nie zu Gesicht bekommt. Bei Colins Geburt starb dessen Mutter, für die der besagte Garten der Lieblingsort war. Weshalb Craven (Valentin Späth) – hier differenzierter als im Roman dargestellt – an einer Art gebrochenem Herzen leidet, den Sohn nur nachts, wenn dieser schläft, besucht und an den Garten nicht erinnert werden will.

Der mit den Tieren spricht

Dritter im Bunde der Kinder ist Dickon (Haris Ademovic), Marthas jüngerer Bruder (und nicht wie hier zunächst irrtümlich gestanden ist, Kindern). Er ist DER Freund aller Pflanzen und vor allem Tiere sowie bei (fast) allen Menschen sehr beliebt. Er hilft Mary, die ihn als erstes ins Vertrauen zieht, bei der Restaurierung des Gartens, in den sie später auch Colin, anfangs im Rollstuhl bringen. Die frische Luft, das Wachsen und Gedeihen im Garten lässt auch Colin schnell gesunden.

Gegenspielerin ist die hier noch heftiger als im Roman hartherzig und autoritär gezeichnete Chefin des Lord’schen Personals, Mrs. Medlock Karoline-Anni Reingraber (die im Übrigen auch die indische Ayah, das Kindermädchen Marys in den allerersten Szenen spielt). Die droht Mary angesichts deren Widerständigkeit mit Abschieben ins Erziehungsheim. Worauf ihr Colin „Asyl“ unter seinem Bett gewährt. Medlock droht übrigens auch dem Gärtner Ben Weatherstaff (Frank Engelhardt), der erst heimlich und dann offen zum Verbündeten der Kinder wird, mit Kündigung.

Eingebauter Wickel

Aber natürlich gibt’s ein Happy End. Weil aber offenbar die von der Autorin Frances Hodgson Burnett angelegte rein positive Entwicklung der Figuren zu wenig dramatisch erschien, baute Thomas Birkmeir, Autor der Stückfassung, einen Konflikt ein – Dickon verliebt sich in Mary und es kommt, obwohl Colin ja ihr Cousin ist, zu einer Eifersuchts-Rauferei im Garten. Wobei sie beide nicht auf Mary hören, die klipp und klar sagt: „Ich gehöre nichts und niemandem!“

Den Wickel hätte es gar nicht gebraucht, das Ensemble – zu dem noch Uwe Achilles (Soldat bzw. Diener) zählt, spielt derart spannend, dass auch die Jüngsten im Publikum durchgehend – zwei Stunden (eine Pause) drangeblieben sind. Eine Vierjährige (angesetzt ab 6) meinte zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… „mir hat alles gefallen“, besonders beeindruckend in Erinnerung geblieben ist ihr eine der allerersten Szenen, als „das Bett von Mary so gewackelt hat und zusammengebrochen ist“ (beim Erdbeben).

Bühnenbild und Kostüme beeindruckten

Pauline (12) fand das Stück „sehr toll, besonders gefallen haben mir die Bühne (Judith Leikauf, Karl Fehringer) und die Kostüme (Nina Holzapfel, Julia Klug). Erstaunt war ich, dass nur so wenige Leute gespielt haben.“ Das fand auch die elfjährige Filis: „Wirklich so wenige Leute – das hat sich nach viel mehr angefühlt. Und die Kostüme waren echt urcool!“

Eine bisher nicht genannte Figur ist das Rotkehlchen Robin, das Mary den Weg zum Schlüssel – und zu Gefühlen für ein Lebewesen – zeigt. Robin wird als Stabpuppe von unter dem Boden aus geführt und hüpft so am Bühnenrand manchmal auf und ab. Wobei es da leider für einen Großteil des Publikums nicht zu sehen ist. Wenn Robin fliegt, dann als Lichtspiele über die Kulissen.

Julia (6) holt sich ihr erstes Autogramm - von Fabia Matuschek, die großartig di Mary Lennox spielt
Julia (6) holt sich ihr erstes Autogramm – von Fabia Matuschek, die großartig di Mary Lennox spielt

Erste Autogramme

Nach der Premiere wartete die 6-jährige Julia, der „alles gefallen“ hat, geduldigst auf das Auftauchen der Schauspieler:innen, um sich von diesen Autogramme am Programmheft zu holen. „Ich war vorher noch nie in so einem großen Theater, nur in Schwechat im Theater Forum.“ Sie war so beeindruckt, dass sie fast sprachlos war, als sie dann Fabia Matuschek gegenüberstand. Die Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… verriet, „das ist auch erst mein zweites Autogramm, das ich gebe!“

Foto aus dem Kinofilm
Foto aus dem Kinofilm „Der geheime Garten“ (1993)

Übrigens demnächst: Verfilmung (1993) beim KinderFilmFestival

„Der Geheme Garten“ wurde auch mehrfach verfilmt. Die Us-amerikanische-britische aus dem Jahr 1993 wird in einer deutschen Synchronfassung beim diesjährigen KinderFilmFestival gezeigt (13., 15. und 19. November 2023 – siehe Info-Box)

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Hannah Oppolzer mti dem druckfrischn Buch

Namenlose Sie „verpasst“ ihr Leben…

„Höchste Zeit – ein beschönigender Ausdruck für zu spät.“ Nicht selten bringt die junge Autorin höchst komplexe innere Verwerfungen in so treffsicheren knappen Formulierungen auf den Punkt. Noch viel öfter baut Hannah Oppolzer (23) wunderbare Sprachbilder und Denkräume. Diese heben die an sich heftige Geschichte ihres ersten kürzlich veröffentlichten Romans „Verpasst“ auf eine erträgliche Ebene. Heftig ist die Story vor allem, weil sie keine Katastrophenfamilie beschreibt, sondern einen durchaus – leider viel zu häufigen – „normalen“ Lebensweg einer Frau. Den geht diese auf ausgetretenen, vorgegebenen breiten gepflasterten Straßen, sozusagen Trampelpfaden. Denn der Weg zur sprichwörtlichen Hölle ist weniger mit guten Vorsätzen gepflastert als mit dem Beschreiten ausgewalzter Bahnen mit engen Leitplanken.

Nukleus bei Jugend-Schreib-Bewerb

„Hals über Kopf hat sie sich in ihr Leben gestürzt. Den ersten Mann geheiratet, den sie geliebt hat, weißes Kleid, Hochzeitstorte, dann kam das Kind und mit dem Kind Kindergarten, Schule Geburtstagsfeiern, alles zum rechten Zeitpunkt, so wie es sich gehörte.“ So beginnt eines der Kapitel ungefähr in der Mitte des Buches. Dieses Kapitel über die End-Vierzigerin – die auf den rund 200 Seiten (natürlich bewusst) namenlos bleibt – war der Ausgangspunkt für einen Text, mit dem die damals rund 17-Jährige ins Finale des Jugend-Schreibbewerbes texte.wien eingezogen ist. (Den hat sie übrigens zwei Jahre später mit einem ganz anderen Text gewonnen – Link dazu am Ende dieses Beitrages.)

Später hat sie – wie Oppolzer im Interview mit Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… sagte (Link dazu am Ende des Beitrages) – immer wieder an diesem Text weitergearbeitet. Und ihn – deutlich gekürzt – heuer im Frühjahr an mehrere Verlage geschickt. Einer reagierte prompt. Ein halbes Jahr später liegt bzw. steht dieser Roman seit kurzem in Buchhandlungen. In den nächsten Tagen liest die Autorin noch bei mehreren Veranstaltungen daraus, bevor sie knapp nach Mitte Oktober nach Hildesheim zieht, wo sie nach ihrem Germanistikstudium in Wien nun den Master in literarischem Schreiben und Lektorieren machen wird (vier Semester).

Nun auch eine Tochter

Für den Roman hat sie sich neben der namenlosen 48-Jährigen, die viel „verpasst“ hat, vor allem eine Tochter einfallen lassen. Die Mittzwanzigerin droht auf ähnlichen ausgetretenen Pfaden zu wandeln. Diese hat übrigens letztlich doch – wie auch andere Figuren – Namen bekommen, heißt Emma. Alles steuert auf einen Wendepunkt zu – bzw. wird aus der Perspektive danach erzählt. Der Einschnitt kommt von außen, ist sehr schmerzhaft, soll nicht verraten werden. Nur so viel wird schon gespoilert: Alle bleiben am Leben.

Die äußere Handlung selbst ist in diesem Roman eher nebensächlich. Im Vordergrund steht das unglaublich tiefe Eindringen in die Gedanken- und Gefühlswelt der Hauptfiguren: Emma, ihrer Mutter und ihres Vaters. Zwar jeweils von außen in der dritten Person beschrieben, findest du dich als Leser:in sozusagen im Kopf bzw. in der Brust, dem Bauch der drei Protagonist:innen.

In Formulierungen versinken

Und tauchst so scheinbar nebenbei doch vor allem in die oben schon angesprochenen literarischen Bilder ein. Eine meiner, vielleicht sogar DIE Lieblingsstelle (S. 155) nachdem Emma sich im Park mit ihrem Vater trifft, der sie zu einem wichtigen, dringenden, persönlichen Gespräch bittet: „Das, was er ihr zu sagen hatte, passt nicht zwischen Wände. Es hätte ihre Wohnung gesprengt und daraus genauso ein Schuttfeld gemacht, in welchem ihr Inneres nun liegt. Sie fragt sich, wer es jemals aufräumen wird, denn sie selbst fühlt sich dazu nicht in der Lage. Er hat ihr den Boden unter den Füßen weggezogen, hält ihr seine Hand hin, aber sie schafft es nicht, sie zu ergreifen. Und Emma fällt.“

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Titelseite von
Titelseite von „Verpasst“, dem ersten veröffentlichten Roman von Hannah Oppolzer
Mayvi und Angee, zwei jugendliche Models, im Interview mit KiJuKU-Praktikantin Stefanie Kadlec

„Wir wollen nicht tragen, was alle gerade trendy finden“

Nach der Show herrschte großes Gedränge am Eingang zum Backstage-Bereich. Wie schon im Vorjahr konnten junge Designer:innen, die das wollten – bzw. deren Eltern – die Stoff gewordenen Kleidungsstücke sehr günstig erwerben. Den meisten Models, die die kreativen Gewänder präsentiert hatten, war ihr vorheriger Job noch durch buntes Make-Up anzusehen. Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… nützte die Gelegenheit und sprach zwei der Models an. Mayvi (15) und ihre Schwester Angee (18) stellten sich einem gemeinsamen Interview.

KiJuKU: Wie seid ihr dazu gekommen, heute auf dem Laufsteg zu sein?
Angee: Ich habe letztes Jahr durch meine Schule mitgemacht. Dieses Jahr wurde ich angefragt, ob ich noch einmal mitmachen möchte, und ich habe mich wieder dafür interessiert. Dann habe ich auch gleich meine Schwester mitgenommen.
Mayvi: Wir wurden beide aufgenommen und jetzt sind wir zum Glück heute an diesem Abend dabei.

KiJuKU: Und ihr interessiert euch generell für Mode?
Angee: Ich schon, weil ich auch auf eine Modeschule gehe und generell in der Zukunft mehr mit Mode zu tun haben möchte, also auch in der der Modebranche bleiben will.

Mayvi und Angee, zwei jugendliche Models, im Interview mit KiJuKU-Praktikantin Stefanie Kadlec
Mayvi und Angee, zwei jugendliche Models, im Interview mit KiJuKU-Praktikantin Stefanie Kadlec

KiJuKU: Auch als professionelles Model arbeiten?
Angee: Wenn es sich ergibt, warum nicht, wenn nicht, auch okay. Aber ich designe und zeichne auch gerne.

KiJuKU: Habt ihr selber heuer Mode-Entwürfe eingeschickt?
Angee: Ich habe nichts eingeschickt, ich bin bei „Kids in Fashion“ nur Model. Die letzten Jahre habe ich paar Mal eingeschickt, meine Entwürfe wurden aber nicht genommen, weil sie wahrscheinlich zu kompliziert waren oder nicht dazu gepasst haben.

KiJuKU: Was macht für euch einen guten Style aus?
Angee: Auf jeden Fall, wenn man sich richtig wohlfühlt in der Kleidung und dass man das auch ausstrahlen kann. Dass man es auch einfach mit Freude trägt. Ich möchte nicht unbedingt das tragen, was „trendy“ ist, weil ich nicht gleich aussehen will wie alle anderen.Mayvi: Da kann ich nur sehr zustimmen, das gilt auch für mich.

Stefanie Kadlec, 17 und
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KiJuKU-Interview mit Hannah Oppolzer

Mag gern verschiedene Schreibstile und Perspektiven

Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… traf Hannah Oppolzer (23), deren erster Roman kürzlich in einem renommierten Verlag erschienen ist (Link zur Buchbesprechung am Ende des Beitrages) zum Interview. Anmerkung vorweg: Hannah hat schon als Kind und Jugendliche für den Kinder-KURIER, Vorläufer von KiJuKU.at bei Zeitungs-Workshops Artikel verfasst und kam bisher gut ein Dutzend Mal erst im KiKu, später auf KiJuKU.at vor – als erfolgreiche Teilnehmerin beim Jugend-Schreibbewerb texte.wien und mit weiteren berührenden literarischen Texten etwa zum Gedenken an das faschistische Konzentrationslager Mauthausen.

KiJuKU-Interview mit Hannah Oppolzer
KiJuKU-Interview mit Hannah Oppolzer

KiJuKU: Erstens Gratulation zu deinem Roman. Erste Frage: Wie bist du auf diese Mutter-Tochter-Geschichte gekommen; deiner Danksagung am Ende des Buches entnehme ich ja, dass dieses „verpasst“ weder auf dich noch deine Mutter oder gar euer Verhältnis zutrifft?
Hannah Oppolzer: Es ist immer schwierig zu sagen, wie ich auf eine Idee komme, die Geschichten kommen oft unbewusst zu mir. Mit 17 hab ich sicher als Jugendliche über die Zukunft nachgedacht, wie und was die Zukunft bringen wird oder könnte. Wie schaut mein Leben mit Ende 40 aus? Und was erwartet die Gesellschaft von dir.

KiJuKU-Interview mit Hannah Oppolzer
KiJuKU-Interview mit Hannah Oppolzer

KiJuKU: Wie schafft es eine 17- und später für den ganzen Roman dann ungefähr 22-Jährige, sich so in eine fast 50-jährige Frau hineinzuversetzen?
Hannah Oppolzer: Das Mysterium der Kreativität ist die große Vorstellungskraft, sich in Figuren reinversetzen zu können, die nichts mit mir zu tun haben. Viele Bücher über verschiedene Frauenfiguren unterschiedlichen Alters kann eigene Erfahrung ersetzen. Mein Text damals als Jugendliche hat irgendwie einen Nerv der Zeit getroffen war das Feedback und das hat mich ermuntert, später daran weiter zu schreiben. Und dazu brauchte es weitre Perspektiven, vor allem jene der Tochter, knapp älter als ich selbst.

Mit ungefähr 19 Jahren hab ich dann eine Urversion des jetzigen Romans geschrieben. Die war doppelt si dich mit vielen Nebensträngen, in die ich viel Persönliches einfließen habe lassen, sozusagen ein erweitertes Tagebuch.

Hannah Oppolzer mti dem druckfrischn Buch
Hannah Oppolzer mti dem druckfrischn Buch

Sprachmüll ausgeräumt

KiJuKU: Von dem jetzt nichts mehr in „Verpasst“ ist, oder?
Hannah Oppolzer: Ich hab den Text dann liegen gelassen. Beim Lesen drei Jahre später hat mich dann vieles gestört, es hat sich veraltet angefühlt, ich hab 2022 die Hälfte weggestrichen – den ganzen unnötigen Sprachmüll.

KiJuKU: Die Mutter blieb aber ohne Namen.
Hannah Oppolzer: Eigentlich wollte ich gar keine der Figuren benennen, das wäre aber beim Lesen zu kompliziert geworden, alle Personen nur mit Pronomen vorkommen zu lassen, so hab ich Allerweltsnamen genommen wie Emma, Georg und so weiter, aber die Mutter sollte namenlos bleiben.

KiJuKU-Interview mit Hannah Oppolzer
KiJuKU-Interview mit Hannah Oppolzer

KiJuKU: Hattest du den großen Plot schon von Anfang an im Kopf mit dem Wendepunkt, der hier nicht verraten wird. Oder hat sich alles erst beim Schreiben ergeben?
Hannah Oppolzer: Die erste Schwierigkeit war die Frage, komm ich überhaupt wieder rein in die Sprache dieser Geschichte. Ich hab dann zwei, drei Kapitel über die literarische Tochter probiert und es hat atmosphärisch funktioniert. Dann hab ich zu plotten begonnen, mir eine riesige Mind-Map gemacht, jeden Handlungs- und Entwicklungsstrang aufgezeichnet und geschrieben, vor allem auch um mit der doppelten Zeitebene nicht durcheinander zu kommen. Und zum Ende hat der Verlag gesagt: Darüber müssen wir reden, du darfst es dir nicht zu einfach machen.

KiJuKU-Interview mit Hannah Oppolzer
KiJuKU-Interview mit Hannah Oppolzer

Mit 12 begonnen

KiJuKU: Ich kenn dein Schreiben ja schon lange von den Beiträgen und Artikeln im Kinder-KURIER bzw. für die Zeitungen bei Workshops, das waren eher Sachthemen. Du hast daneben auch schon literarisch geschrieben?
Hannah Oppolzer: Sobald ich schreiben konnte, habe ich eigene Bücher gebastelt und illustriert. Mit 12 Jahren hab ich beschlossen, einen Bestsellerroman zu schreiben, einige Stunden am Design des Titelbildes und am Klappentext gearbeitet, aber den Text selber nie geschrieben.

KiJuKU: Als du mit Sibirien den Jugendbewerb texte.wien gewonnen hast, hast du mir erzählt, dies werde dein großes Roman-Projekt. Wie kam’s dazu?
Hannah Oppolzer: Da war ich ungefähr 12 ½. Meine Großeltern hatten viele Bildbände über Sibirien, mein Urgroßvater war nach dem 2. Weltkrieg aus einem Lager in Sibirien zurückgekommen, mein Opa hat darüber erzählt. Für mich war das der Ausgangspunkt, an einer Dystopie zu schreiben, die in der Zukunft spielt. Jetzt bin ich ungefähr in der Mitte des dritten Bandes. Und ein Extraband zur Trilogie ist auch schon halbfertig.

KiJuKU: Diese Dystopie ist vom Stil her sicher ganz anders als „Verpasst“, oder?
Hannah Oppolzer: An „Sibirien“ hängt mein Herz, aber ich schreibe gern in verschiedenen Stilen, will mich auch gar nicht auf einen festlegen oder gar festgelegt werden. Ich hab daneben so drei bis fünf Ideen mit bis zu zehn Seiten Plot. Es ist so reizvoll, immer wieder andere Spannungsbögen zu bauen, in anderen Stilen zu schreiben. Deshalb freu ich mich auch auf das Studium in Hildesheim, wo wir die unterschiedlichsten Techniken lernen können.

Hannah Oppolzer mti dem druckfrischn Buch
Hannah Oppolzer mti dem druckfrischn Buch

Autorin und Lektorin

KiJuKU: Zurück zu verpasst – hast du selber Momente/Phasen in deinem bisherigen Leben, wo du etwas verpasst hast? Bzw. Hast du Bilder von dir im Kopf, wo und wie du dich mit 48 Jahren siehst wie „sie“, die Mutter Emmas?
Hannah Oppolzer: Ich bin nicht so der Risikotyp und habe nicht den Anspruch von meinem Schreiben leben zu können. Auch weil ich unter richtigem Druck die Angst hätte, schlecht zu schreiben. Manches brauch viel Zeit – wie eben zum Beispiel „Verpasst“. Meine Wunschvorstellung wäre, zur Hälfte Autorin zur Hälfte etwa als Lektorin in einem Verlag zu arbeiten. Aber seit Kurzem bin ich offiziell selbstständige Künstlerin. Und mit 48 Jahren wie „sie“, also Emmas Mutter seh ich mich Bücher schreiben und mit zwei gut trainierten Hunden.

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Neues Szenenfoto aus "Ancestor’s Gift" von ATASH عطش contemporary dance company

Tanzend traumatische Rucksäcke der Ahn:innen ablegen

Wunderschön anzuschauen, phasenweise aber sehr heftig, bedrohlich, sind nicht nur die Bewegungen der drei Tänzer:innen in „Ancestor’s Gift“ (Geschenk der Vorfahren). Das rund einstündige Stück (Konzept und Leitung: Ulduz Ahmadzadeh und Till Krappmann) das im Rahmen des Puls Festivals im Dschungel Wien kürzlich Premiere feierte und – im Gegensatz zu den anderen Produktionen – noch weiter zu erleben ist, ist ein Gesamtkunstwerk mit leider wieder besonders aktuellem Hintergrund.

Du kannst richtiggehend versinken in die perfekten, leichtfüßigen, immer wieder auch akrobatischen, fließenden Tänze von Desi Bonato, Naline Ferraz und Xianghui Zeng. Sie berühren, selbst wenn du den Hintergrund nicht kennst und auf den Text nicht achtest. Und sie rütteln dich durch, denn Naline Ferraz als Jugendliche, die ein unbeschwertes Leben zu führen scheint zwischen Apfel frisch vom Baum und gemütlich Bücher lesen wird nachts von Albträumen geplagt. Martialisch und furchterregend tanzen Desi Bonato und Xianghui Zeng als Altvordere, Vorfahr:innen – wenngleich nicht unbedingt die eigenen. Düsteres, existenzbedrohende Kämpfe, Krieg(e) tauchen als Assoziationen auf.

Neues Szenenfoto aus
Neues Szenenfoto aus „Ancestor’s Gift“ von ATASH عطش contemporary dance company

Die Last der „Mitgift“

Und so ist es auch gedacht. Die schon genannte Co-Leiterin des Stücks und ihrer zeitgenössischen Tanzgruppe ATASH عطش wird im pädagogischen Begleitmaterial dazu so zitiert: „Ich habe meine Kindheit im Krieg verbracht, bis ich acht Jahre alt war. Was ich erlebt habe, war jahrelang in mir vergraben und ich habe es sogar als harmlos verdrängt. Bis ich erfuhr, dass dies offenbar ein typischer Schutzmechanismus für Traumatisierungen ist. Als Mutter von drei Kindern habe ich mich verstärkt mit der transgenerationalen Weitergabe von Kriegsfolgen beschäftigt. Dieses Thema war der Ausgangspunkt für unser neues Stück Ancestors‘ Gift.“ (Ulduz Ahmadzadeh)

In diesen nächtlichen Albtraumphasen ist die Bühne (Szenografie: Till Krappmann) nicht nur sehr dunkel, zum Start der Albträume gehen noch von der Decke hängende Lampen mit blutroten Lichtern der Reihe nach an und erzeugen damit Grusel-Atmosphäre, aber nicht Halloween-mäßige, sondern bitterernste. „Ancestor’s Gift“ ist – wie schon oben erwähnt – ein Gesamtkunstwerk – obwohl das natürlich für die meisten Produktionen gilt, hier besonders. Über der Bühne und damit den Tänzer:innen hängen Hunderte Objekte, die irgendwie rätselhaft wirken. Sind es Blumen? Vögel? Wölkchen? Alles nicht, aber was dann?

Neues Szenenfoto aus
Neues Szenenfoto aus „Ancestor’s Gift“ von ATASH عطش contemporary dance company

Wirbel, Rückgrat, Rückenmark

Auch hier hilft der Blick in das schon erwähnte Begleitmaterial auf der Dschungel-Wien-Homepage (in der Infobox verlinkt, wobei’s dann leider nicht direkt zu den einzelnen Materialien geht, sondern durchgesucht werden muss). Demnach sind diese leichten, schwebenden Objekte Querschnittsbilder menschlicher Wirbel. „Es sind in gewissermaßen die materiellen Überreste unserer Vorfahr:innen und bilden gleichzeitig unser Rückgrat … In der Wirbelsäule verläuft auch unser zentrales Nervensystem, das jegliche sinnlichen Eindrücke an unser Gehirn weiterleitet, wo diese anschließend verarbeitet werde. Ein Trauma ist eine Überforderung der Sinneswahrnehmungen und demnach unmittelbar mit unserem Nervensystem und der Wirbelsäule verbunden. Die hängenden Wirbelquerschnitte sollen ebenso die Überreste unserer Vorfahr:innen symbolisieren, die uns unser gesamtes Leben beeinflussen und wie eine Wolke über uns wachen und uns begleiten. Es soll hierbei gesagt sein, dass die Objekte sehr abstrakt aussehen und sehr schön zum Ansehen sind und keine angsteinflößenden Elemente sind!“

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Neues Szenenfoto aus „Ancestor’s Gift“ von ATASH عطش contemporary dance company

Projizierte Blutkörperchen

Aber nicht nur die schwebenden Wirbelteile über den Köpfen auch Projektionen reihen sich ins Gesamtbild ein: „Es werden mikroskopische Live- Aufnahmen von Blutkörperchen projiziert. Dies ist ebenso ein Eintauchen in die inneren menschlichen Strukturen. Es kann auch als eine Suche nach etwas Verborgenem gelesen werden, wie dieses „Etwas“, was wir durch die Generationen mitgegeben bekommen haben.“

„Ancestor’s Gift“ lässt natürlich die jugendliche Protagonistin nicht in den Albträumen steckenbleiben. Neben den Tag-Phasen an denen sie die Traumata offenbar als Überlebensstrategie verdrängt und doch fröhlich leben kann, legt sie Stück für Stück unheimliche Plastik-Puppenteile ihres Kostüms ab, gibt sie an die Ahn:innen zurück, legt Lasten ab, kann unbeschwerter ihre eigenen Wege suchen.

Neues Szenenfoto aus
Neues Szenenfoto aus „Ancestor’s Gift“ von ATASH عطش contemporary dance company

Kann auch bereichernd sein

Das Tanztheaterstück dreht sich aber auch um positive Connections zu Generationen davor bzw. das Bedauern, solche nicht rechtzeitig hergestellt zu haben. So bedauert die Protagonistin beim Tod des Opas, dass sie davor sich wenig mit ihm und seinem Leben beschäftigt hat.

Wir erleben auf der Bühne einen beeindruckenden Weg einer Protagonistin, die jedoch für alle Menschen stehen kann, sich einerseits von dem immer schwerer werdenden über Generationen weitergegebenen „Rucksack“ zu befreien und andererseits das Bemühen, diese Verbindungen überhaupt wahrzunehmen oder herzustellen. Zum Glück ist ja auch so manches, das wir übernehmen (können) eher bereichernd als belastend – auch eine Frage der sogenannten Geburtslotterie. Und ohne auch nur im Geringsten aufgesetzt zu wirken, tanzt das Trio ein ausgelassenes – ansteckendes – Happy End.

Neues Szenenfoto aus
Neues Szenenfoto aus „Ancestor’s Gift“ von ATASH عطش contemporary dance company

Textebene

Selbst wenn du den Hintergrund nicht kennst und auf den aus dem Off eingesprochenen Text nicht achtest, kannst du die Botschaft spüren. Dieser Text (Marek Zink) ist übrigens wunderschön poetisch, wenngleich mitunter das getanzte Bild verdoppelnd, wirkt insgesamt jedoch wie ein aufgesetzter pädagogisch motivierter Fremdkörper. In einer App ist er in verschiedenen Sprachen verfügbar – doch den Blick zwischen Smartphone und Tanz auf der Bühne pendeln lassen? Vielleicht hätte sich der Text verdient, extra davor oder danach gelesen zu werden?

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Yoko Yagihara in "Hörst du das Wasser glitzern", das sie auch selber konzipiert hat

Wie schauen Klänge und Geräusche aus?

Schon der Titel eröffnet (Bilder- und Hör-)Welten im Kopf: „Hörst Du das Wasser glitzern?“ ist das jüngste Stück – für die Jüngsten – im Salzburger Toihaus Theater. Konzipiert als Gegenstück zu „Leak“, der Performance rund um und mit Wasser für erwachsenes Publikum, richtet es sich an Kinder ab 2 Jahren; eröffnet aber genauso für Erwachsene, die sich darauf einlassen einen wunderbaren – sichtbaren – Klangkosmos.

So, jetzt aber auf die Bühne – bzw. davor und die Beschreibung dessen, was und wie Yoko Yagihara, die im Toihaus Theater schon so manches Stück entwickelt sowie in anderen als Musikerin mitgewirkt hat. Mit einem kleinen mit Wasser gefülltem Glaskrug in der Hand und einem Kanister auf dem Rücken begrüßt sie das Publikum im Foyer, geleitete es in den Raum ihrer sichtbaren Geräusch- und Klangspiele (Bühne und Ausstattung: Gerold Tusch). Im Hintergrund drei überdimensionale – unterschiedlich hoch mit Wasser gefüllte – Vasen neben ihrem metallenen Vibraphon.

Davor unter anderem ein Tisch mit mehreren kleinen, drehbaren Ebenen auf denen Trichter in verschiedenen Farben verteilt sind. In einen davon füllt sie einige Eiskügelchen, sie aus ihrem Rucksack-Kanister holt.

Yoko Yagihara in
Yoko Yagihara in „Hörst du das Wasser glitzern“, das sie auch selber konzipiert hat

Erst Tropfen, dann immer mehr…

Und dann überlässt Yoko Yagihara den einen oder anderen Wassertropfen der Schwerkraft. Leise fast unhörbar platschen die ersten auf den Boden. Andere Materialien dazwischen geschoben, klingt das Aufkommen schon deutlicher – und ganz schönvielfältig. Ebenso wenn sie die unterschiedlichsten gläsernen Karaffen – beispielsweise bauchig rund oder mit langem, dünnen Hals – in andere Wassergefäße füllt.

In einer Ecke hat die Musikerin sogar ein Experiment aufgebaut: Wenn sie den Hahn des Wasserbehälters öffnet, erzeugen die fallenden Tropfen nicht nur Geräusche, sie bringen eine durchbohrte, unten aufgeschnittene Kunststoffflasche zum Kippen. Pendelt die wieder zurück, schlägt sie mit der Verschlusskappe auf ein Metallteil!

Von dieser Versuchsanordnung ausgehend könnte der Titel entstanden sein. Das Wasserspiel hier wirft helle, sich stets verändernde Schatten an die Wand (Licht und Technik: Florian Kirchmayr, Robert Schmidjell).

Hören sehen und sehen hören

Irgendwie könnten die verschiedensten – wohlüberlegten, ausgetüftelten – Wasserspiele fast ohne Ende verfolgt werden und alles sei hier sicher nicht preisgegeben, Überraschungsmomente sollen noch bleiben; auch wenn das Schau- und Hörspiel selbst bei genauer Vorab-Kenntnis beeindruckend ist – mit einer fast meditativen Komponente.

Verraten sei aber schon, dass Yoko Yagihara natürlich zwischendurch auch auf dem – schon genannten – Vibraphon spielt – mit Erweiterung des Klangspektrums auf den unmittelbar daneben platzierten hohen Glasröhren. Und dass die hier veröffentlichten Fotos aus der rund halbstündigen Performance mit Wasserballons zu tun haben…

„Ich als Musikerin nehme die Dinge immer zuerst durch das Hören wahr. Bei anderen und auch Kindern ist die visuelle Wahrnehmung oft stärker. Deswegen wollte ich mit dem neuen Klangspiel eine Verbindung schaffen. Es geht darum, das Hören zu sehen und das Sehen zu hören!“ So wird die Künstlerin in der Medieninformation zum Stück zitiert.
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Compliance-Hinweis: Das Toihaus Theater übernahm die Fahrtkosten von Wien nach Salzburg und zurück.

Yoko Yagihara in
Yoko Yagihara in „Hörst du das Wasser glitzern“, das sie auch selber konzipiert hat
Szenenfoto aus "Pleasant Land" - von einer früheren Aufführung mit einer Schauspielerin, die dieses Mal nicht dabei war

Raus aus den Schubladen…

Das „angenehme Land“ spielt sich als TV-Show zwischen Regalen mit mehr als vier Dutzend Kartons ab. Die zwei „Lagerarbeiter“, die zu Beginn die Show betreten, entpuppen sich als Live-Musiker. Ivan Stott und Roman Lukać liefern den Sound-Track sowohl zu den Show-Auftritten der bald danach hinter Boxen in den Regalen auftauchenden drei Moderatorinnen Tajá Luegáèzor Christian, Linh Huynh und Josie Morley als auch den zu jenen Szenen, in denen das Trio über sich und Schlaglichter auf ihr Leben erzählend spielt.

„Pleasant Land“ war eines der internationalen Gastspiel beim Puls-Festival im Dschungel Wien, bei dem Stücke gezeigt wurden, die in Kooperation Theaterschaffender mehrerer Länder entstanden sind (ConnectUp, unterstützt durch das Creative Europe Programm der EU). „Angenehmes Land“ brachte das Derby Theatre aus England und das Teatro Elsinor aus Italien zusammen. Thema: Identität(en).

Input aus Schul-Workshops

Das englische Theater und Regisseurin Sarah Brigham hatten zunächst über neun Monate hinweg mit vielen Schülerinnen und Schülern zu diesem Thema in Workshops gearbeitet. Was und wie sie eingebracht haben ist in die Entwicklung des Stücks eingeflossen. Und so „prüfen“ die drei Moderatorinnen zunächst einmal das Publikum ein wenig in Sachen Zuordnungen – welche Musik und anderen Dinge sie wem der drei Schauspielerinnen zuordnen würden. Diversität – unterschiedlichste Backgrounds des Trios (Schwarz, Weiß, Vietnam) – erzeugen nicht selten „Einsortieren“ in Schubladen. Die Vielfalt des Qintetts erweitert einer der Musiker (Roman Lukać) mit dem Anstimmen der Roma-Hymne „Dzelem Dzelem“.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Pleasant Land“ – von einer früheren Aufführung mit einer Schauspielerin, die dieses Mal nicht dabei war

Publikum aktiviert

Das Spiel rund um Klischees und ihr Durchbrechen wird so in dieser Stunde zum lockeren Spiel, womit sich vielleicht sogar leichter verfestigte Bilder im Kopf lockern lassen können. Nicht zuletzt durch das aktivierende Ende – mit verteilten Buntstiften und Zetteln, auf die die Zuschauer:innen sich selbst in eine Box zeichnen können, wie sie sich und ihre Zugehörigkeit definieren. Außerdem laden die beiden Musiker das Publikum ein, mit ihnen und den drei Schauspielerinnen einen Song der Hoffnung – auf englisch – zu singen (Text auf der Rückseite des verteilten Zeichenblattes). Der beginnt mit „einem Schlüssel zum Unbekannten“ und endet mit, dass dieser „in meiner Hand liegt“. Ein „Schlüssel“ zum Entsperren von vorurteils-Schubladen sozusagen. Und ein weiter Weg bis dahin.

Weiter, langer Weg…

Einen „sehr, sehr langen Weg“ beschreibt auch der Text der oben schon angesprochenen Roma-Hymne, heißt doch die erste Liedzeile „Djelem djelem lungone dromesa“ (Auf meinem sehr, sehr langen Weg) und setzt sich fröhlich und optimistisch fort: „djelem djelem lungone dromesa/ Maladilem bachtale romenza“ (auf diesem sehr, sehr langen Weg/ Begegneten mir viele glückliche Roma).

Kleine Anmerkung – selbst die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Identitäten samt Vorurteilen und Aufbrechen von Schubladen hat offenbar nicht verhindert, dass im ausgeteilten Blatt mit den Songtexten Roma mit dem englischen Pendant zum deutschen Z-Wort übersetzt wurde – einem Begriff, den Angehörige der Roma, Sinti, Jenischen usw. spätestens seit der ersten internationalen Roma-Konferenz 1971 (!)ablehnen.

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Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Pleasant Land“ – von einer früheren Aufführung mit einer Schauspielerin, die dieses Mal nicht dabei war
Louis Hofbauer gestaltete das Buch-Cover - und diese Illustration hatte wiederum Einfluss auf die Geschichte, so Autorin Lilly Axster zu KiJuKU

Ausbruchsversuche aus Normen und Gewalt

Irgendwann reichte es ihr. Nicht richtig wahrgenommen, oder zumindest fühlte es sich so an, beschloss die pubertierende Jugendliche, sich aus dem alltäglichen Hamsterrade möglichst zu verabschieden. Um den häufig gefühlten Zwischenzustand ebenso abzulegen, beschließt Jecinta ab nun ausschließlich J zu heißen.

So will sie auch angesprochen werden. Und sie deaktiviert sämtliche Social-Media-Apps. Nur mehr via SMS ist sie erreichbar bzw. neben Kommunikation von Angesicht zu Angesicht nutzt sie die schriftlichen Nachrichten über ihr Mobiltelefon. Dazugehören möchte sie ohnehin nirgends, vor allem in keine Schublade.

Gleichzeitig lässt Lilly Axster in ihrem neuen, jüngsten Werk „Ich sage Hallo und dann NICHTS“ vielschichtig, subtil, behutsam, oft in vielsagenden Andeutungen, immer wieder auch humorvoll tief in die Psyche (verletzter) Jugendlicher blicken. Da ist die schon genannte J, eine Jugendliche eher auf der Suche nach ihrem Platz in dieser Welt. In der Entscheidung bzw. dem folgenden Bemühen, „Nichts“ sein zu wollen, schwingt doch unausgesprochen zwischen den Zeilen mit: Ich bin doch wer und nehmt mich endlich wahr – so wie ich bin, sein bzw. gesehen werden will.

Dann taucht tatsächlich eine neue Mitschülerin auf, die J so nimmt wie sie es sich wünscht: Leonie, die sich selber Leo nennt, fallweise auch Mini- oder Checker-Leo oder noch wieder anders. Die beiden verstehen einander. Und doch ist es nicht so einfach, denn Leo, die in einer betreuten sozialtherapeutischen Wohngemeinschaft lebt, ist nicht nur eine Persönlichkeit, sie ist viele, eine ganze Wir-Gemeinschaft. Das macht’s für J und andere nicht leicht. Für sie selber natürlich noch weniger.

Lange Entstehungsgeschichte

Mit dieser Geschichte ging die aktuelle Christine-Nöstlinger-Preisträgerin fast zwei Jahrzehntelang schwanger – wie sie bei der Buchpräsentation schilderte. Immer wieder und vielfach hat sich der Ausgangsplot Pokerfache und Milchgesicht gewandelt. Und letztlich durch tragische Erfahrungen von Klient:innen von „Selbstlaut – Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen“, wo Axster arbeitet, zum jetzigen Roman.

Die Aufspaltung in Viele, vormals multiple Persönlichkeit, heute als dissoziative Identitäts-Struktur bezeichnet, ist eine Strategie (junger) Menschen (sehr) früh erlittene sexuelle Gewalt in organisierten, rituellen Gewaltstrukturen überhaupt psychisch überleben zu können. Diesen Hintergrund lässt Lilly Axster auf der vorletzten Seite im Buch direkt anklingen.

Weit mehr

Trotz dieses argen Backgrounds ist der Jugendroman an keiner Stelle deprimierend – und vor allem gar nicht darauf beschränkt. Er spricht sozusagen fast allen Jugendlichen irgendwie aus der Seele – Troubles mit dem Nicht-Wahrgenommen-Werden, Probleme mit Eltern, Suche nach sich und Auseinandersetzung mit dem Umfeld, Außenseiter:innen-Dasein, dazugehören wollen oder lieber nicht…

Katrin Feiner, Lektorin im Tyrolia Verlag, Autorin Lilly Axster und Sevil Eder, Mitarbeiterin in der Beratungsstelle
Katrin Feiner, Lektorin im Tyrolia Verlag, Autorin Lilly Axster und Sevil Eder, Mitarbeiterin in der Beratungsstelle „Selbstlaut“

Starker Überlebenswille

Die beiden – oder ist es überhaupt nur eine und die andere „nur“ eine der Persönlichkeit einer Wir-Gemeinschaft? – sind jenseits aller Schwierigkeiten, die sie an den Rand drängen zu Außenseiter:innen machen, starke Persönlichkeiten.

„Hörst du immer noch keine Stimmen? Im Kopf, meine ich“, fragt Leo. Ich nicke. „Wie ist das, wie fühlt sich das an?“
Normal, will ich sagen, aber ich weiß sowieso nicht, was normal ist. Und wenn ich es wüsste, würde ich es nicht sein wollen. NICHTS ist nicht normal, sonst wäre es Etwas und nicht Nichts…“

Natürlich lässt die Autorin noch weiteres Personal auftreten, ihr Text ist wie praktisch jeder von ihr auch gefüllt mit Sprachspielen – in diesem Fall auch mit verspielten, teils springenden, Schriftarten am Beginn der meisten der 48 Kapitel.

Witzige Dog-Stories

Besonders witzige sind die „Hunde“-Geschichten die J mit Zineb teilt, einer Freundin – schon bevor Leo auf der Bildfläche auftauchte. Zineb hat einen Hund namens Mimmi. Mit Storys über den kriegt Zineb immer wieder J dazu, doch weiter zu kommunizieren und aus dem Nichts aufzutauchen. Und mit erfundenen – durchgezählten – über das Buch verstreuten skurrilen bis absurden Miniaturen über bellende und andere Geräusche von sich gebenden Hunden – diese jeweils in durchgängiger Kleinschreibung.
„hund acht: es war einmal ein hund, der hieß prince robert. Er lebte in australien. Manchmal rief er andere hunde an und bellte, winselte und schanubte ihnen auf die mailbox, was er erlebt hatte. Noch nie hat einer der anderen hunde abgehoben. Prince robert wusste nicht, ob es daran lag, dass hunde in der regel nicht telefonieren oder ob sie speziell seine nummer automatisch auf die box laufen ließen.“

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Titelseite von Lilly Axsters neuem Jugendbuch
Titelseite von Lilly Axsters neuem Jugendbuch
Szenenfoto aus "Da te ni sram" (schäm dich)

Tollpatschiger Oktopus, Klau-Schildkröte oder Zwergesel

Scham bzw. Schamlosigkeit war nicht nur das Thema der Performance „Da te ni sram“
(Schäm dich) eines internationalen Gastspiels mit drei Aufführungen im Rahmen des Puls Festivals im Dschungel Wien. Auch die Form, der Auftritt selber, pendelte zwischen den beiden Polen – zumindest jene, die Kinder I Jugend I Und mehr… sah. Denn hier mussten sich die Zuschauer:innen zu Beginn via QR-Code in einer App gelandet, für eines von drei Fantansie-Tieren entscheiden: Tollpatschigem Oktopus, kleptomanische (zwanghaft stehlende) Schildkröte, Zwergesel.

Tanz, Monolog, Emojis, Musikvideos

Die Wahl führte zu einer Farbe und damit zu einer von drei verschiedenen Bühnen mit unterschiedlichen Performances. Gleich – so ergaben die Gespräche danach – waren die klobigen und doch irgendwie eleganten Stiefel, die ein wenig an Skischuhe erinnerten in denen sich die Performer:innen dennoch gekonnt, tänzerisch bewegten. Gleich auch die Struktur aus Bewegung, projizierten Emojis, Musik-(Videos), Erzählungen, die teils wirkten, als wären sie aus dem echten Leben gegriffen und dann wieder eigener heldenhafter Vorstellungen entsprungen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Da te ni sram“ (schäm dich)

Gruppe „Zwergesel“ mit Farbe Pink ließ einen Mann erleben, der sich an seine Pubertät erinnert und vor allem durch Zurschau-Stellung überspitzten Macho-Gehabes dieses der Lächerlichkeit preisgab. Nejc Jezernik ließ aber auch Einblicke in so manch peinliche Momente zu, die dennoch über eine Spur Humor, Distanz zwischen sich und das Publikum legte.

Zu schnell

Die gesprochenen Passagen auf Slowenisch wurden von englischen Untertiteln begleitet. Die liefen allerdings zu schnell ab, um sie alle jeweils ganz lesen zu können. Sprechen/hören geht in der Regel eben schneller als lesen! Was übrigens dazu führte, dass manche der Besucher:innen, wie sie danach berichten, bald ganz aufhörten mitzulesen. Schade.

In der letzten Phase konnten alle via SmartPhones live in der App chatten und posten, was allerdings ein wenig bemüht wirkte.

Wie auch immer, vor fast eineinhalb Jahren hatte „The Pleasure of Shame“, die Abschlussperformance eines der Theater:Klubs im Dschungel Wien (die kürzlich bei der Stella-Preisverleihung nominiert war) zum Thema Scham das (junge) Publikum sicher mehr angesprochen.

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Szenenfoto aus der Neuverfilmung von Erich Kästners "Das fliegende Klassenzimmer"

Erstmals auch Mädchen im „fliegenden Klassenzimmer“

Zum vierten Mal verfilmt, kommt „Das fliegende Klassenzimmer“ nach Erich Kästners Roman 90 Jahre nach seinem Erscheinen nun in die Kinos. Gekonnt und unverkrampft in ein Gegenwarts-Setting verpflanzt (Handys!) verpflanzt, spielen sich die oft handfesten Streits zwischen verschiedenen Gruppen in der Schule nicht mehr nur unter Buben ab. Das Drehbuch (Gerrit Hermans) hat aus drei Protagonisten – Martin und Johnny sowie Rudi (Sohn der Lehrerin) – weibliche Hauptfiguren gemacht, Martina und Jo bzw. Ruda (Regie: Carolina Hellsgård).

Szenenfoto aus der Neuverfilmung von Erich Kästners
Szenenfoto aus der Neuverfilmung von Erich Kästners „Das fliegende Klassenzimmer“

Im ländlichen Johann-Sigismund-Gymnasium verlaufen die Trennlinien der Konfliktparteien zwischen sogenannten Externen, die im Ort Kirchberg wohnen und Internen, Internatsschüler:innen. Die also von woanders kommen, sozusagen „Fremde“. Rivalitäten, abgegrenzte Territorien können für jedweden Konflikt „Wir“ gegen „Andere“ stehen. Und so fühlen sich die eineinhalb Stunden auch sehr aktuell und heutig an – samt Catcherei und Mutproben.

Szenenfoto aus der Neuverfilmung von Erich Kästners
Szenenfoto aus der Neuverfilmung von Erich Kästners „Das fliegende Klassenzimmer“

Junge Darsteller:innen tragen den Film

Getragen wird der Film im Wesentlichen von bemerkenswerten jungen Darsteller:innen – die meisten haben schon vorherige Erfahrungen in Kino- bzw. TV-Filmen vor der Kamera.

Leni Deschner als die krasse Außenseiterin und Neuankömmling Martina Thaler und ihre Zimmergenossin Jo Trotz (Lovena Börschmann Ziegler) brauchen einige Zeit und einen für letztere sehr enttäuschenden Moment bis sie einander näher kommen. Matze Sebmann (Morten Völlger) und Uli von Simmern (Wanja Valentin Kube) sind zwar – obwohl oder gerade weil sehr ungleich – dicke Freunde, dennoch bleibt so manches zwischen ihnen unausgesprochen.

Szenenfoto aus der Neuverfilmung von Erich Kästners
Szenenfoto aus der Neuverfilmung von Erich Kästners „Das fliegende Klassenzimmer“

Verständnisvoller Pädagoge

Schon Kästner hat den Schuldirektor Dr. Bökh (Tom Schilling) verständnisvoll gezeichnet und ihm sicher nicht zufällig den Vornamen Justus (Gerechter) gegeben. Statt von Kolleg:innen geforderter strenger Strafen, lobt er Zivilcourage der Schüler:innen. Und er öffnet ihnen gegenüber sein Herz in Sachen vermisstem Freund aus seiner Schulzeit, die damals den Graben zwischen Ex- und internen überwanden, sich aber später aus den Augen verloren haben. Dabei ist der wie ein Schlot rauchende Bewohner (Trystan Pütter, der auch als Erzähler aus dem Off und damit eigentlich Erich Kästner himself agiert) des alten ausrangierten „Nichtraucher“-Waggons so nahe…

Szenenfoto aus der Neuverfilmung von Erich Kästners
Szenenfoto aus der Neuverfilmung von Erich Kästners „Das fliegende Klassenzimmer“

Ohne Zeigefinger

Die Kinder bewältigen ihre Konflikte weitgehend selbst, wachsen daran – und dennoch winkt kein pädagogischer Zeigefinger von der Leinwand. Die – dank der Schüler:innen – wieder zueinander findenden alten Freunde hatten einst eine Band, die sie „Die Banditen“ nannten und performen – natürlich – gegen Happy End ihren Song „mit Träumen kann man fliegen“.

Die aktuelle Verfilmung vermiedet jedenfalls das was Ruth Klüger in „Frauen lesen anders“ unter anderem am „Denkmal“ Erich Kästner kritisiert, wenn sie – auch über ihn hinaus – schreibt: „Dazu kommt jener vertrackte »Kompaß des Gewissens«, d. h. die unweigerlich pädagogischen Absichten der Autoren, die oft genug nicht genau durchdacht sind. Kinderbücher gleiten leicht ins Kitschige und Moralistische ab, und Kästners eigene Produktionen sind leider keine Ausnahme.“ (Essays, DTV, 1996, 5. Auflage 2007).

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Szenenfoto aus "Minihorror" von diverCITYLAB im Theater am Werk/Meidling nach dem eben erschienenen Roman von Barbi Marković

Wenn der Alltagshorror aufzufressen droht

„Alle checken alles, nur du nix!“ – das war Nummer 3 auf der 55-teiligen Horror-Liste, aus der Barbi Marković beim Kultursommer im Vorjahr las – mehr dazu im Link am Ende dieses Beitrages. In der Zwischenzeit hat sie ihren dritten Roman „Minihorror“ (nach „Superheldinnen“ und „Die verschissene Zeit“) veröffentlicht– übrigens mit einer weit längeren, anderen Horror-Liste im Anhang. Schon am Vorabend der Bucherscheinung startete eine Bühnenversion von diverCITYLAB im Theater am Werk-Meidling.

Mini – so heißt eine der Hauptfiguren im jüngsten Marković-Kosmos. Sie, aus Serbien, und Miki, aus Oberösterreich, sind ein Paar. Mit alltäglichen kleinen Katastrophen, die sich nicht selten zu fast selbst- und einander zerfleischendem Horror auswachsen. Und wie die Autorin es in praktisch all ihren Texten anlegt, immer mit einem kräftigen Schuss schrägem Humor und (Selbst-)Ironie.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Minihorror“ von diverCITYLAB im Theater am Werk/Meidling nach dem eben erschienenen Roman von Barbi Marković

Viel kleiner Horror der Normalität

Ob beim Einkaufen, dem Streit darüber, dass die eine von dem anderen und umgekehrt, zu wenig über deren/dessen Familie erzählt bis zum versuchten Eintauchen in diese Welt des/der anderen oder beim (vergeblichen?) Warten auf die Lieferung einer neuen Küchenplatte… Was sind schon die großen Weltsorgen gegen den Horror, sich möglichst „normal“ einzurichten und dann an allen Ecken und Enden gegen Hindernisse und Beziehungsprobleme zu rennen – und das in einer bitterbösen Form in der das Publikum sehr viel darüber lachen kann; nicht zuletzt deswegen, weil es so manches aus eigenem Erleben kennt. Samt der mehrfach ventilierten Frage, „lebe ich eigentlich noch wirklich?“ inklusive auf die Schaufel nehmen eines darauf Bezug nehmenden Werbespruchs.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Minihorror“ von diverCITYLAB im Theater am Werk/Meidling nach dem eben erschienenen Roman von Barbi Marković

Trickfilm-Welt

diverCITYLAB-Gründerin Aslı Kışlal hat den Ton der Autorin aufgenommen, so manche Sätze auch selber erfunden. Und in der Inszenierung den Gag aus den zwei I-Punkten im Titel-Schriftzug des Buches aufgenommen: Mini und Miki treten mit den weltbekannten großen runden schwarzen Ohren sowie ebensolchen Clown-Nasen (Kostüm: Nadine Cobbina) auf. Womit ihnen gleich vom ersten Moment an eine zusätzliche schräge Dimension verliehen wird.

Dennis Cubic, Deborah Gzesh, Isabella Händler, Jonas Kling, Kari Rakkola und Violetta Zupančič sind alle abwechselnd, durcheinandergewürfelt mal die eine, dann die andere Hauptfigur. Mitunter schlüpfen sie – mit ein wenig anderer Verkleidung – auch in Nebenrollen, etwa Minis Großmutter (Kari Rakkola) in einer sarkastischen Szene in der Mini mit unzähligen Verwandtem auf engstem Raum leben muss, aus dem sich nach und nach einige durch Wegziehen, andere durch Tod entfernen, bis das Trio Mini, Mutter und Oma überbleibt…

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Minihorror“ von diverCITYLAB im Theater am Werk/Meidling nach dem eben erschienenen Roman von Barbi Marković

Musik, Animation, Bühnen-Überraschungen

Die schräge Szenerie wird durch Live-Musiker und fallweise auch Sänger Uwe Felchle zu einer witzigen Show abgerundet, mit einigen Momenten in denen auch Bühnenelemente (Bühne und Requisite: Markus Liszt, Je.Jesch, Michi Liszt) für Überraschung sorgen.

Jennifer, Minis Cousine und „fleischfressendes Monster“, aus dem Roman von Barbi Marković taucht in der Inszenierung als furchteinflößendes animiertes Schattenmonster an den Wänden auf – samt Interaktionen mit Schauspieler:innen.

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Barbi Marković signiert ihr jüngstes Buch

Alltags-Beziehungs-Horror mit sehr viel Witz

„Alle checken alles, nur Mini gar nichts.“ „Miki ist nicht sicher, ob er im Spiegel auf dem Rücken eine Zecke oder ein Muttermal sieht. Das macht ihn fertig.“

Diese beiden Sätze stammen – dort auch mit kleinen eigenhändigen Zeichnungen der Autorin versehen aus dem dritten und letzten „Bonusmaterial – 105 weitere mögliche Horrors mit Mini und Miki“ von Barbi Marković zu ihrer dieser Tage erschienenen Episodengeschichten „Minihorror“ vor allem über Mini und Miki. Schon am Vorabend des Verkaufsstarts in Buchhandlungen war eine dramatisierte Fassung dieser skurrilen kleinen und oftmals doch so großen Geschichten über diese beiden Figuren zu erleben. diverCITYLAB spielte viele der Szenen in einer noch schrägeren Bühnenversion mit Livemusik im Theter am Werk/Meidling – zu einer Stückbesprechung geht es hier unten.

Liebevoll und fast durchgängig humoristisch, ohne sie allerdings lächerlich zu machen, lässt die Autorin ihre beiden Protagonist:innen durch alltägliche – vielfach bekannten Hindernisse stolpern, immer wieder auch scheitern. Aber gleichsam jedes Mal wieder aufzustehen. Auch wenn sie beim Philosophieren über ihre Existenzen mitunter nicht einmal sicher sind, dass es sie (noch) gibt. „Miki wird unsicher, ob er nicht auch schon tot ist. Ob er nicht bei einer heiklen Situation in der Vergangenheit gestorben ist und es nicht bemerkt hat…“ Dieser Passage lässt die sprach- und gedankenspielerische Autorin überraschend und doch fast logisch diese Schlussfolgerungen folgen: „Wenn Miki aber jetzt wirklich tot wäre, wären sämtliche Lebensbemühungen seit dem Moment seines Todes eine harte Blamage. Er wäre der größte Verlierer – jemand, der schon ins Jenseits übersiedelt ist, sich aber immer noch wegen jeden Blödsinns stresst.“

Barbi Marković signiert ihr jüngstes Buch
Barbi Marković signiert ihr jüngstes Buch

Aneinander vorbei

An so manchen Stellen lässt Barbi Marković ihr Duo auch außerhalb ihrer intensiven Zweierbeziehung auftreten – mal in ihrer Heimat Serbien, mal in seinem Herkunftsort in Oberösterreich – samt Konfrontation mit den jeweiligen Familien. Oder bei Sylvester- und anderen Gelegenheiten auftauchen, um dabei so manchen Party-Smalltalk amüsant auflaufen zu lassen.
„Miki sagte: »Hallo Mini, mir geht es HERVORRAGEND!« Mini fand das übertrieben für eine Person, die in derselben Welt voller Leid lebte wie alle, aber sie versuchte, offen zu bleiben und sich seine Gründe anzuhören. Leider packte Miki unfassbare Prinzipien und Glaubenssätze aus.“ (S. 117)

Barbi Marković signiert ihr jüngstes Buch
Barbi Marković signiert ihr jüngstes Buch

Tiefgreifender

Trotz viele Witz baut die Autorin immer wieder umfassende und tiefgreifende Gesellschaftskritik so „nebenbei“ ein, ohne dass diese je aufgesetzt wirken würde. Im Folgenden zwei Beispiele:

Miki fallen im Wartezimmer einer ärztlichen Ordination einige Münzen aus dem Hosensack. Als ihn das wenig kümmert, bücken sich viele, um die Cent-Stücke für ihn unter den Sesseln hervorzuholen. „»Oh mein Gott!«, wütet Miki innerlich, während er“ sich lieb bedankt. »Menschen würden einen ersaufen und an Hunger und Kälte sterben und auf der Straße schlafen und verrecken lassen, kein Problem. Aber wie sie sich in alle Richtungen stürzen, wenn eine Cent-Münze auf dem Boden rollt, als wären sie eine nur darauf trainierte Gruppe Labrador-Retriever.«“ (S. 100)

Mini sieht – nach vielen Jahrzehnten – wieder ein Monster, als Kitzelmonster kennt sie es seit den 80er Jahren. „Überall, wo die Menschen einander nicht helfen (können oder wollen, das ist egal), taucht das Kitzelmonster auf und geht auf die Person, der nicht geholfen wird, los, um sie zu kitzeln.“ (S. 111)

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Titelseite von
Titelseite der Neuerscheinung „Minihorror“
Foto aus "Tabula Rasa" bei der Aufführung in Deutschland

Überkommende Verhaltensweisen weggetanzt

Nach Auftritten in Norwegen (Mitte September) und Deutschland (eine Woche danach) zeigen sechs Tänzer:innen nun im Dschungel Wien – nur mehr am 11. Oktober 2023 – im Rahmen des kleinen Puls Festivals ihr Stück „Tabula Rasa“ (Inszenierung und Choreografie: Simon Wolant; Co-Choreografie Attila Zanin).

Foto aus
Foto aus „Tabula Rasa“ bei der Aufführung in Deutschland

Reiner Tisch als leere Tafel

Symbolisch für den Stücktitel „Tabula Rasa“ – aus dem Lateinischen für glattgestrichene (Wachs-)Tafel, im übertragenen Sinn damit für unbeschriebenes Blatt – dominiert ein langer weißer Tisch zunächst im Bühnenhintergrund. Der wird von Gavin Law in der Rolle eines Kochs mit wenigen echten und allerhand Kunststoff-Lebensmittel aus einem großen Korb gedeckt. Echten Käse hackt er mit Hilfe eines Messers in kleine Würfelrn und spießt sie gemeinsam mit Weintrauben auf Zahnstocher. Dabei vollführt er teils fast akrobatische Tanzbewegungen. Simon Couvreur taucht als Kellner auf, um die Spießchen auf einem Tablett an einige Menschen im Publikum zu verteilen. Wie sein zuvor genannter Kollege vollführt er die Handlung ebenfalls tanzend.

Foto aus
Foto aus „Tabula Rasa“ bei der Aufführung in Deutschland

Goldhimmel

Was auch für die in der Folge auftauchende sich offenbar für einen Gala-Auftritt vorbereitende Maria Naber sowie die abstrakte Malerin Sophie Waldstein und Raphael Kadrnoska bzw. Marianne Reynaudi gilt. Während letztere in einer weiteren Szene eine feine Party-Queen gibt, gehen die fünf anderen als Klischee-Gängsta-Rappern sie zunächst an, um sie danach umwerbend zu umtanzen. Und über allem – schon die ganzen Zeit und in weiteren Szenen – schwebt eine große Platte mit unzähligen aufgeschichteten „Gold“Barren. Sozusagen der Tanz unter dem Goldenen Himmel (Ausstattung: Ralph Zeger) wie einst der ums biblische Goldenen Kalb.

Foto aus
Foto aus „Tabula Rasa“ bei der Aufführung in Deutschland

Ein Barren fällt – ein Kampf entspinnt sich. Jede/r will ihn haben, eine nimmt ihn dem anderen weg und so weiter.
Ist es das, was sie, was wir wollen?

Karten neu mischen

Schluss damit – wie auf alten Wachstafeln Geschriebenes weggeschabt, verstrichen wird, um wieder neu draufschreiben zu können (wovon der Begriff Tabula Rasa kommt), will das Tanztheaterstück reinen Tisch machen. Neuanfang nach dem beendeten Kampf ums Gold – plötzlich ist für alle je ein Barren da. Die sich übrigens „nur“ als papieren Behälter für – nein das sei jetzt nicht verraten – herausstellen. Aus den Reibereien – ob um Symbole für Materielles oder um Aufmerksamkeit wird eine erfrischend, wohltuende, eigentlich zum Mitschwingen einladende gemeinsame Party.

Vorurteile auslöschen

Aber nicht nur das ist möglich. Das ganze inklusive Stück und seine Entwicklung über Monate hinweg zeigt einmal mehr, was geht, wenn Vorurteile überwunden werden, handelt es sich doch um eine länderübergreifende Koproduktion von Profitänzer:innen der Landesbühnen Sachsen mit Tänzer:innen mit Trisomie 21 von „Ich bin O.K.“  aus Österreich, einem Verein, in dem seit Jahrzehnten inklusive Stücke erarbeitet und aufgeführt werden.

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Alle Auftretenden beim Abend "Wem gehört die Bühne?" im Dschungel Wien - auf viel späteren Wunsch einer Teilnehmerin ist sie nun nicht mehr erkennbar, ihr Kopf verpixelt

Von Wortakrobatik über Tanz bis Comedy

„Wem gehört die Bühne?“, fragten die beiden Moderatorinnen Myassa Krait und Emily Chychy Joost bei der „Voting Party“ mit gleichnamigem Titel kürzlich das Publikum – das den großen Saal (1) im Dschungel Wien (MuseumsQuartier) bis über den letzten Platz hinaus füllte – einige konnten nur mehr auf den Stufen sitzen. Und sie fragten wirklich. Die Zuschauer:innen konnten, ja sollten, ihre SmartPhones zücken und über das bekannte Tool Mentimeter mehrmals abstimmen. Gefragt wurde, was Theater für die Anwesenden bedeutet, was sie gerne (mehr) sehen würden… Und – so versprachen die Moderatorinnen mehrfach – die Ergebnisse würden in der Folge analysiert und sich auch auf künftige Spielpläne auswirken.

Repräsentation

Ein Thema wird in Theatern immer wieder diskutiert: Repräsentation. Finden – vor allem junge Menschen in ihrer ganzen Vielfalt auf der Bühne Ihresgleichen? Häufig diskutiert, mitunter bessert sich da oder dort auch schon einiges. Wirkt nicht selten aber auch fast Alibi-haft: Such ma halt eine Schwarze Person und dann is‘ aber auch schon wieder gut. Oder jubeln über die erste Türkin und so weiter.

Poetry Slam

Dass sich da und dort auch schon mehr verändert hat, dafür steht der Dschungel Wien, das Theaterhaus für junges Publikum schon lange. Und seit Jahren mischen Absolvent:innen der DiverCityLab-Akademien und dieses selbst mit oft auch sehr innovativen Formaten die Theaterszene auf. Poetry-Slams – immer wieder auch im Dschungel Wien – gehören ebenso dazu wie der besagte Abend. An ihm traten Poet:innen ebenso auf wie Tänzerinnen und Performerinnen und repräsentierten eine große Vielfalt: Whitney Akpetsi, Munira Mohamud, Iris Neuberg, Princes Esohe traten wortakrobatisch auf – von philosophischen Gedichten bis zu persönlichen Erfahrungen mit Diskriminierungen reichte die Bandbreite – Videos zu den Aufrtitten der drei Genannten unten am Ende des Beitrages, ebenso wie zu einem Interivew mit Munira Mohamud.

Tanz und Performance

Debbie Galias, Lorraine Cortez, Sabrina Genove als Gruppe Purple Jam boten eine tänzerische Reise, nicht zuletzt über die Entwicklung von Filipin@s in der Wiener Tanzszene – vom Straßentanzen zu Tanzstudios erkundeten sie bewegt gemeinsam die Wurzeln, Herausforderungen und das Potenzial einer sich wandelnden Gemeinschaft, wie sie den Hintergrund ihres Auftritts beschrieben.

Ina Holub und Anite Dive als Teil von „Kiki House“ boten zwei energie-geladene tänzerische Performances voller Witz und Lust auf (Selbst-)Empowerment für unterschiedlichste Menschen.

Comedy

Magdalena A. (Name auf viel späteren Wunsch der Teilnehmerin zur Unkenntlichkeit gekürzt, Fotos von ihr wurden gelöscht, auf dem Gruppenfoto ist ihr Kopf verpixelt) gestand gleich zu Beginn ihre Angst vor diesem, ihrem erste großen, Auftritt als Comedian. Auch wenn es ein bisschen kokett klang, es schien authentisch. Doch schon der erste Applaus für ihren ersten Gag verschaffte ihr von Moment zu Moment mehr Sicherheit für ihre (selbst-)ironischen Pointen.

Die 24-Jährige, die Lehramt (Englisch und Psychologie, Philosophie) studiert, wie sie Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… in einem kurzen Interview nach der Voting Party, bevor die eigentliche Party mit DJ মm (Mwo; ein Buchstabe aus dem Bangla-Alphabet) begann. „Bisher bin ich nur vor wenig Publikum i Comedy Clubs aufgetreten. Heute hatte ich wirklich Angst vor so vielen Leuten. Aber sie haben so gut reagiert, dass ich dann sicherer geworden bin.“

Schon als Kind habe sie in der Schule Theater gespielt, „aber immer seriöse Rollen. Auf Ironie und Humor bin ich erst so mit 18 Jahren gekommen. Da wollte ich ausprobieren, ob ich mit lustigen Sachen die Leute zum Lachen bringen kann. Aber meinen ersten Comedy-Auftritt hatte ich erst vor einem Jahr.“

Raus aus Komfortzone

Myassa Kraitt, die sie kennt, hatte sie dann angesprochen, ob sie nicht bei besagtem Abend auftreten wolle. „Da hab ich mich gezwungen aus meiner Komfortzone herauszukommen. Allerdings war ich mir anfangs nicht sicher, ob ich auf Englisch oder Deutsch spielen soll. Dann haben aber manche meiner Wortwitze auf Englisch nicht so funktioniert, deshalb war mein Beitrag dieses Mal auf Deutsch (das sie neben Arabisch und Englisch gleichermaßen beherrscht). Und es war gut so.“ Damit auch ein Vorbild für andere, die sich vielleicht überlegen, doch auf die Bühne zu trauen – was übrigens neben den Genannten, die sich vorbereitet hatten, vier Menschen aus dem Publikum spontan gemacht haben – siehe Video-Zusammenschnitt hier.

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Munira Mohamud trug mehrere Gedichte vor

Fällt leichter, mich künstlerisch auszudrücken

Fast ein Dutzend Jugendlicher und junger Erwachsener traten beim Abend „Wem gehört die Bühne“ im Theaterhaus für vor allem junges Publikum im Wiener MuseumsQuartier ins Rampenlicht. Eine 17-jährige Journalismus-Praktikantin bei Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… interviewte Munira Mohamud.

KiJuKU: War das heute dein erster Poetry Slam oder hast du schon davor bei solchen Veranstaltungen mitgemacht?
Munira Mohamud:Das erste Mal war in diesem Jahr, aber ich kann mich nicht erinnern wann, weil ich so einen Abwehrmechanismus habe, wodurch ich durch Nervosität meine Performances vergesse. (Lacht) Ich kann mich erinnern, ich habe etwas vorgetragen, aber ich könnte nicht sagen, wann es war, aber ich weiß es war dieses Jahr das erste Mal.

Munira Mohamud trug mehrere Gedichte vor
Munira Mohamud trug mehrere Gedichte vor

KiJuKU: Wo war dein erster Auftritt?
Munira Mohamud: Es war bei „Salam Oida“, einem Verein, der viel mit Kunst und Kultur von Menschen mit Migrationsbiografie und muslimischen Personen macht.

KiJuKU: Welche Bedeutung hat Kunst generell in deinem Leben?
Munira Mohamud: Ehrlich gesagt wollte ich Kunst studieren und Skulpturen machen, aber ich habe realisiert, dass das ein Prestigestudium ist und war verunsichert. Ich habe auch nicht so viele Leute gesehen, die ausschauen wie ich und Kunst machen. Dann war ich so: Vielleicht ist das doch nichts für mich. Zum Glück interessiert mich vieles, ich habe Politikwissenschaften studiert und bin sehr zufrieden damit. Ich habe angefangen zu schreiben, weil es fällt mir sehr schwer, Emotionen zu „expressen“. Vieles unterdrücke ich, deswegen habe ich angefangen zu schreiben. Es ist mir viel leichter gefallen, sie in Schrift festzuhalten, als wirklich zu sagen, was das Problem ist.

KiJuKU: Ist Lyrik deine Lieblingsform des Schreibens?
Munira Mohamud: Lyrik ist meine Lieblingsform, weil sie viel einfacher zugänglich ist als Prosa. Prosa geht sehr oft in die Länge und muss grammatikalisch korrekt sein, auch die Zeichensetzung. Bei Lyrik hast du viel mehr Freiraum, auch Sachen auszulassen, falsch oder anders zu schreiben. Das hat mir voll gefallen, weil dann auch die Angst vorm Schreiben weg war.

KiJuKU: Hast du auch überlegt, etwas in die Richtung zu studieren?
Munira Mohamud: Ich studiere Politikwissenschaft und Chinesisch. Wenn ich Sprache studiere, habe ich Angst, dass mein Interesse verloren geht, weil ich es dann mit Prüfungen und Noten verbinde und dann meine Kreativität verliere. Ich habe oft überlegt, Sprachkunst zu studieren.

Munira Mohamud trug mehrere Gedichte vor
Munira Mohamud trug mehrere Gedichte vor

KiJuKU: Was brauchst du, um kreativ zu sein?
Munira Mohamud: Es hilft mir voll, wenn ich Ziele habe. Wenn ich zum Beispiel weiß, ich performe irgendwo, dann fällt es mir auch viel leichter, Gedichte zu schreiben, weil ich ein Ziel verfolge. Ich schreibe auch oft, wenn ich viel fühle. Oft gehe ich noch immer zu meinem Ursprung. Wenn ich Emotionen nicht verarbeiten kann, schreibe ich sie auf. Das sind meistens Gedichte, die nicht vorgelesen werden, weil sie sehr wischiwaschi und persönlich sind. Ich weiß nicht, ob ich Leuten diesen Teil meiner Selbst zeigen möchte – jetzt.

KiJuKU: Gibt es irgendwas Wichtiges, was du der Welt gerne sagen würdest?
Munira Mohamud: Ich möchte einfach Leuten motivieren, die schreiben wollen. Einfach schreiben. Am Anfang kann es Blödsinn sein, aber wenn du dann immer öfter zu deinen Gedichten zurückkommst, merkst du, es entsteht irgendwas. Schreiben ist generell so was Zugängliches von den künstlerischen Formen. Zum Beispiel Malen oder Skulpturen machen ist sehr elitär. Du brauchst Materialien und Geld. Fürs Schreiben kannst du einfach dein Handy herausnehmen und in deine Notizen tippen. Man kann Künstlerin sein, ohne Künstlerin zu sein.

Stefanie Kadlec, 17

Zu einem Überblicksbeitrag über die Veranstaltung, bei der Munira Mohamud aufgetreten ist, geht es hier unten

Doppelseite aus dem Bilderbuch "Was uns der Wind erzählt"

Nicht zu sehen und trotzdem da

Die Bilder – von der Titelseite weg durchs ganze Buch hindurch vermitteln das, was der Texte in Teils poetischen Formulierungen beschreibt – und worum sich dabei alles dreht. In „Was uns der Wind erzählt“ weht schon die Schrift daher, als wäre sie von einem mehr als zarten Lüfterl auf das Buchcover getragen worden.

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Was uns der Wind erzählt“

Ob es sich um wilde Stürme oder leichte, sanfte Winde handelt – du kannst sie beim Betrachten der Seiten fast spüren, so du dich aufs Schauen und Lesen/Vorgelesen bekommen einlassen magst. Und so „nebenbei“ sind so manche Sachinformationen verpackt – über Winde im Allgemeinen und ihre wichtigen Funktionen vor allem zunächst einmal die Natur; aber auch wie ihre Kraft von Menschen schon sehr lange genutzt werden kann.

Der vielleicht schönste Satz als wäre er aus Kindermund: „Wind! Wiiinnnd!! Ich sehe dich nicht, aber du bist trotzdem da?“

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Was uns der Wind erzählt“

Kürzlich war hier auf dieser Homepage die Besprechung eines wunderbaren Theaterstücks (nicht nur) für Kinder zu lesen: Poetisches, getanztes Anhimmeln des unsichtbaren „Formwandlers“ lautet der Titel für die Rezension des Tanztheaterstücks „Wind“ der Gruppe makemake produktionen im Dschungel Wien. Fast zeitgleich ist das in den Absätzen davor beschriebene Bilderbuch dazu erschienen, geschrieben von der Dramaturgin und Autorin des Stücks – wie schon bei einer vorigen Theaterproduktion – Links dazu am Ende dieses Beitrages.

Und lass dich von diesem „Wind“ beflügeln 😉

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Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „Was uns der Wind erzählt“
Szenenfoto aus "Kingx & Qweens" im Dschungel Wien

Wenn alle ihre Leben selbst bestimmen könnten…

Bevor hier auf das – oftmals akrobatische – Tanztheaterstück „KINGX & QWEENS“, derzeit noch bis 10. Oktober 2023 sowie an drei Tagen im Juni 2024 zu erleben, eingegangen wird, ausnahmsweise eine Beobachtung des Publikums: Die Tribünen vollbesetzt mit Jugendlichen, die die 1 ¼ Stunden gebannt dabei sind, am Ende sprichwörtlicher (fast) never ending Applaus. Eine Gruppe klatscht sogar noch Minuten nachdem alle anderen – inklusive der Künstler:innen – den Saal 1 (den größten im Dschungel Wien, dem Theaterhaus für vor allem junges Publikum im MuseumsQuartier) verlassen haben.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Kingx & Qweens“ im Dschungel Wien

Die Performance, die Maartje Pasman, Futurelove Sibanda und Joseph Tebandeke, auf die Bühne zaubern, ist magisch. Oftmals unglaubliche Bewegungen am Boden, auf großen blauen Wasser-Kanistern, auf – und mit – Stangen sowie Krücken. Beflügelt von der dafür geschaffenen Musik von Karrar Alsaadi scheint das Trio nicht selten als wäre es auf einer Weltraum-Station, in der die Schwerkraft sozusagen außer Kraft gesetzt ist.

Schweben und Fliegen drängt sich in so manchen Szenen als Bild in den Kopf. Alles ist sozusagen möglich – das steckt irgendwie auch in der – aufs erste vielleicht merkwürdig wirkenden – Schreibweise des Stücktitels, wo das Plural-S der englischen Version von Königin durch ein X und in der Königinnen-Version das U durch ein Doppel-U, also ein W, ersetzt sind. Vielleicht auch mit ein bisschen Anspielung auf Querness. Aber auch an das Bild einer dreizackigen Krone.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Kingx & Qweens“ im Dschungel Wien

Basquiat

Einer Krone, die auch mehrfach in den auf einen blauen Stoff im Hintergrund projizierten Videoanimationen (Luciana Bencivenga) auftaucht und nicht selten fliegt. Und die ebenso wie die auftauchenden Figuren und Objekte Anleihe nimmt bei den Bildern von Jean-Michel Basquiat (1960 bis 1988), einem US-amerikanischen Künstler, der als kleines Kind Stammgast in einem Kunstmuseum (Brooklyn), dreisprachig war und in einer Band spielte und malte – und früh damit Erfolg hatte. Mit 21 Jahren war er – als bis heute jüngster – Künstler bei der weltberühmten documenta. Die Krone setzte Basquiat in seinen Bildern genau nicht Herrscher:innen auf die Häupter, sondern unterschiedlichsten Menschen – gleichsam als Zeichen, dass sie ihr Leben selbst bestimmen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Kingx & Qweens“ im Dschungel Wien

Selbstermächtigung

Genau dieses Gefühl der Selbstermächtigung in allen möglichen und auch (scheinbar) unmöglichen Lagen bringen die drei Tänzer:innen in praktisch jeder der Szenen zum Ausdruck – und auch ein starkes Miteinander. Auf der Projektionswand erscheinen hin und wieder auch Fragen, etwa, ob es auch möglich ist, alleine glücklich zu sein. Das Trio – auch wenn es Szenen gibt, in denen alles andere als Harmonie gespielt und getanzt wird – vermittelt dennoch ein unbedingtes Plädoyer zu sozialer Gemeinschaft.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Kingx & Qweens“ im Dschungel Wien

Altes Foto eines realen Duos

Neben Basquiat war – zumindest für eine der Anfangs-Szenen – auch ein Bild aus dem Jahr 1889 (!) aus Damaskus (Syrien) eine optische Inspirationsquelle, das Kostümbilnder Kareen Aladhami ins Team von KingX und KWeens mitgebracht hatte. „Samir und Abdullah“ zeigen den gelähmten Kleinwüchsigen, christlichen Samir im Huckepack auf dem Rücken seines blinden muslimischen Freundes Abdullah (Quelle: Pädagogischen Begleitmaterial zur Produktion). Und so tanzt Maarte Pasman mit Joseph Tebandeke (der gemeinsam mit Corinne Eckenstein auch choreografierte und die Show konzipierte) bei ihrem ersten Auftritt auf die Bühne. Da singt Futurelove Sibanda auf einem aus den oben schon genannten Kanistern aufgeschichteten Thron beeindruckend den ganzen Raum erfüllend.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Kingx & Qweens“ im Dschungel Wien

Vortanzen

Tebandeke lässt in seinen kraftvollen Tänzen mit Hilfe von Krücken, den besagten Kanistern oder auch seinen Mittänzer:innen weitgehend vergessen, dass ihm diese Hilfsmittel erst viele seiner Bewegungen erlauben (Polio-Infektion in seiner Kindheit). Er schildert übrigens in einer Szene Erlebnisse von Flugreisen aus seiner Heimat Uganda, wo er Teil der „Splash Dance Company, Kampala“ sowie der „Dance Revolution East Africa“ ist, nach Europa. Nicht selten meinen sie bei der Passkontrolle, wenn sie als seinen Beruf Tänzer lesen, er solle ihnen doch dann was vortanzen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Kingx & Qweens“ im Dschungel Wien

Passt nicht

Futurelove Sibanda, Tänzer und Sänger, der seit vielen Jahren hierzulande von unzähligen Produktionen bekannt ist, in Wien lebt und seine ersten Auftritte mit der Gruppe IYASA aus Simbabwe hatte, erzählt in der Szene seiner persönlichen Geschichte u.a. die nach der Suche nach seinem Vater, der sich vor Futureloves Geburt davongemacht hatte, und als er ihn gefunden hatte, erkannte: Der passt nicht in unsere Familie – was er mittels eines Kanister-Turms schauspielerisch darstellte.

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Szenenfoto aus „Kingx & Qweens“ im Dschungel Wien

Vermisste Wurzeln

Maartje Pasman rührte mit ihrer Erzählung, die sie mit folgenden Sätzen begann: „Wer bin ich in dieser Welt und warum schreie ich nicht?“ Dabei weinte sie bitterlich sozusagen in einen der Kanister. Joseph schnappte sich den über ein Band mit diesem verbundenen zweiten Kanister und lauschte den Erzählungen aufrichtig. Sozusagen ein Mega-Bechertelefon. Doch Pasman schrie und weinte nicht über den aktuellen Zustand der Welt, sondern, dass sie ihre Vorfahr:innen mit deren Wurzeln in Indonesien nicht kennenlernen durfte. Sibanda tanzt herbei, um die tieftraurige Kollegin in die Arme zu schließen und zu halten. Vielleicht die berührendste Szene des Stücks.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Kingx & Qweens“ im Dschungel Wien

Musikalisch/textlich Inspiration

Der mitreißende Schluss-Song – und wohl auch der Titel der Performance – sind inspiriert vom Song „Kings & Queens“ (aus dem Album Heaven & Hell/Himmel und Hölle) von Ava Max (2020) – mit einigen wenigen Umdichtungen. So beginnt der Song in der Version der von Corinne Eckenstein neu gegründeten Gruppe Unusual Beings (Ungewöhnliche Wesen) in Kooperation mit der schon genannten Dance Revolution East Africa und dem Dschungel Wien, damit: Wenn alle Könige und Königinnen auf den Thron gesetzt würden…“, während das Original nur davon träumt, dass die Könige ihre Königinnen auf dem Thron hätten…

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