Es ist 2023 und die Zukunft ist jetzt
Noch immer wird Nachhaltigkeit unterschätzt
Mit kritischen Stimmen stellen wir fest
Unsere Forderungen brauchen ein Manifest
Wir junge Rebell:innen haben vieles zu sagen
Es liegt der Kurs der Entwicklungsziele im Argen
Unser Jugendforum fördert zu Tage
Wir befinden uns in einer kritischen Lage
Das sind acht von 156 – gereimten – Zeilen, die rund zwei Dutzend Jugendliche Anfang Oktober am Ende eins zweitägigen intensiven Gedankenaustausches und künstlerischer Workshops in Gruppenarbeiten in ihrem „poetischen Manifest“ formuliert haben. „Rebels of Change“ nennt sich das Jugend-Forum, zu dem die entwicklungspolitische NGO (Nicht-Regierungs-Organisation) „Südwind“ immer wieder Jugendliche selbst einlädt, um deren eigene Standpunkte zu erarbeiten und vorzustellen.
Zwei Dutzend Jugendliche und junge Erwachsene setzten sich ein Wochenende lang intensiv vor allem mit sechs der 17 von der UNO gemeinsam beschlossenen Nachhaltigskeitsziele (Sustainable Development Goals – SDG) auseinander, die sie zu Beginn selbst ausgewählt haben. Diese sechs SDG-Ziele (Link zum Wikipedia-Artikel über alle 17 SDG-Ziele am Ende des Beitrages) waren:
1 – Keine Armut
3 – Gesundheit und Wohlergehen
4 – Hochwertige Bildung
5 – Geschlechter-Gleichheit
12 – nachhaltige/r Konsum und Produktion
13 – Maßnahmen zum Klimaschutz
Für ihr zum Abschluss entstandenes Manifest schreiben sie zunächst zu diesen auf, wie sie den derzeitigen Zustand – in der Welt, aber nicht zuletzt in Österreich sehen, um daraus in der Folge Forderungen abzuleiten und letztlich die Stichworte und Sätze zu reimen.
Davor hatten sie an den beiden Tagen schon ihre Gedanken – aufgeteilt – in drei künstlerischen Workshops erarbeitet und zum Ausdruck gebracht: Schauspiel (mit Joschka Köck vom Theater der Unterdrückten), Comic-Illustration (Esma Bošnjaković – Sturdelworte) und Bildhauerei (Osama Zatar), die in den vergangenen Monaten auch mit Jugendlichen für das Festival „DWG – Demokratie, was geht?“ gearbeitet hatten.
Über den zuletzt genannten Workshop erzählt Nicola im Interview mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…:
Nicola: Ich habe mich dem Bildhauerei Workshop gewidmet. Das war mir am weitesten entfernt und das habe ich als Möglichkeit gesehen, einmal hineinzuschnuppern.
KiJuKU: Wie habt ihr diese Hände im Workshop gemacht?
Nicola: Erstmal haben wir unsere Hand in ein Gefäß gegeben, wo wir eine silikonartige Substanz eingefüllt haben. 10 Minuten dauert es bis sie trocknet und dann ist ein Abdruck von unserer Hand in diesem Silikon entstanden. Diesen haben wir dann mit Gips gefüllt und das getrocknete Silikon aufgeschnitten. Unser Ziel war es, viele dieser Forderungen, die wir an die Politik haben, kreativ darzustellen. Mir war das Recht auf Bildung sehr wichtig. Deswegen habe ich eine Hand gemacht, die einen Stift haltet als Symbol für die Schulbildung.
Was an den Spruch der jüngsten Friedens-Nobelpreisträgerin (mit 17 im Jahr 2014) aller Zeiten Malala Yousafzai erinnert: „Ein Kind, ein Lehrer, ein Stift und ein Buch können die Welt verändern.“
Zum ausführlichen Interview mit Nicola geht es hier unten.
Zu den einzelnen Skulpturen formulierten die neuen Bildhauer:innen ihre Forderungen, zur Bildung etwa: „Wir fordern kreativere Menschen im Bildungswesen. Wir fordern eine Erneuerung des Bildungswesens, sodass es sinnvoll an heutige Bedürfnisse angepasst ist.
Hier nun die anderen Skulpturen – sowie jene Forderungen für die sie stehen:
Eine kämpferisch erhobene Faust, die die Erde hält steht für „Wir fordern, dass Klimaschutz gesetzlich verankert wird!“
Die Hand einer wohlhabenden Person (symbolisiert durch Ringe) hält die meisten Münzen in der Hand, die anderen Hände strecken sich danach aus und haben selbst zu wenig. Das steht für die Forderung nach Vermögensumverteilung.
Eine Männerhand, die einen Frauenmund zuhält und eine Frauenhand, die versucht die Männerhand wegzuziehen ist die dreidimensionale kreative Umsetzung der Forderung nach „mehr Frauenrechten“ sowie nach „Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung ohne Vorurteile“.
Schließlich steht eine aufrechte Hand auf einer Eisscholle und hält eine Sanduhr. Damit drücken die Teilnehmer:innen – stellvertretend für alle Forderungen – aus: Die Zeit läuft ab, wir müssen jetzt handeln!
Für Comics-Zeichnen hatte sich unter anderem Aeron entschieden, der dazu folgendes meinte:
KiJuKU: Was nimmst du jetzt von den zwei Tagen mit?
Aeron: Dass man Forderungen auch kreativ verarbeiten kann und dass es da Möglichkeiten gibt, an die ich vorher gar nicht gedacht habe. Ich habe mich für Comics entschieden. Es muss nichts Aufwendiges sein, es reichen so simple Sachen, wie ein Strichmanderl.
Das ausführliche Interview mit Aeron gibt es hier unten
1. Wir fordern mehr Frauenrechte und eine konsequente Umsetzung der Rechte und Sanktionen bei deren Verletzungen!
2. Wir fordern eine Erneuerung des Bildungswesens, sodass es an die heutigen Bedürfnisse sinnvoll angepasst ist!
3. Wir fordern eine Vermögensumverteilung!
4. Wir fordern, dass Klimaschutz gesetzlich verankert wird!
5. Wir fordern kreativere Menschen im Bildungswesen!
6. Wir fordern, dass Geschlechtsidentitäten und sexuellen Orientierungen ohne Vorurteile begegnet wird, sowie einen leichteren Zugang zu medizinischen Möglichkeiten der Geschlechtsänderung und eine Erleichterung von Namensänderungen!
7. Wir fordern zugängliche, nachhaltige Menstruationsprodukte und Verhütungsmittel für alle!
8. Wir fordern eine strengere Bekämpfung von Kinderarbeit und Sklaverei!
9. Wir fordern, dass es keine Massentierhaltung mehr gibt!
10. Wir fordern strengere Tierschutzgesetze!
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… konnte gegen Ende des „rebellischen“-Jugend-Workshops sich ein bisschen umschauen und -hören und durfte mit zwei jungen Teilnehmer:innen Interviews führen.
KiJuKU: Wie alt bist du und warum bist du hier?
Nicola: Ich bin 19 Jahre alt und bin auf das „Rebels of Change“ Jugendforum von Südwind aufmerksam geworden, weil ich mich nach der Matura aktivistisch engagieren wollte. Zunächst bin ich auf den Verein Südwind gestoßen, wo ich im AktivistInnenteam und in der Jugendredaktion tätig bin. Durch diese Zusammenarbeit bin ich gefragt worden, ob ich zum Jugendforum kommen möchte. Es war für mich klar, dass ich bei so einer Initiative dabei sein mag. Wenn Jugendliche schon Partizipationsmöglichkeiten haben, dann will ich diese auch nutzen und habe sofort zugesagt.
KiJuKU: Du hast gesagt, dass du dich nach der Matura aktivistisch engagieren wolltest, hat dich das immer schon interessiert?
Nicola: Aktivismus generell hat mich schon immer fasziniert, allerdings war ich während der Schulzeit nicht aktiv. Ich habe das Gefühl gehabt, dass die Schule da nicht wirklich dahintersteht. Dadurch habe ich den Eindruck bekommen, dass es nicht wichtig ist. Es wird nicht gefördert, also zählt es nicht so viel. Dass es gar nicht so ist, habe ich erst nach meiner Schulzeit bemerkt, und dass es eigentlich extrem wichtig ist und wenn wir irgendwie Möglichkeiten bekommen, sollten wir diese auch wirklich nutzen können und dürfen.
KiJuKU: Du hättest aber in der Schule schon den Wunsch gehabt?
Nicola: Ja genau, ich habe schon immer wieder Möglichkeiten gefunden. Zum Beispiel war ich in meiner Schule dabei, als der Klimaclub gegründet wurde. Ich war eines der ersten Mitglieder. Da habe ich gesehen, dass sich etwas tut und ich auch etwas Tolles und Positives bewirken möchte. Die Fridays For Future Bewegung fand ich auch extrem cool, allerdings habe ich mich nicht so getraut zu streiken. Im Nachhinein würde ich es anders machen.
KiJuKU: Wieso gerade Südwind, hätte es da nicht auch andere Möglichkeiten gegeben?
Nicola: Ja, es gibt ja ganz viele Organisationen und Vereine, die etwas Supertolles bewirken und die man unterstützen möchte. Ich glaube, man bräuchte hundert Leben, um in allen aktiv zu sein. Zu Südwind bin ich gekommen, weil wir im Englischunterricht einmal einen Redewettbewerb zum Thema „Nachhaltigkeit und Menschenrechte“ hatten. Der wurde von Südwind mitveranstaltet. Das habe ich mir damals gemerkt und nach der Schulzeit habe ich nach einem Verein gesucht, wo ich mitmachen kann. Dann konnte ich mich erinnern und hab die erste eMailadresse, die ich auf der Südwind-Homepage gefunden habe, einfach angeschrieben. Die haben mir das mit der Jugendredaktion und dem AktivistInnenteam erzählt, so bin ich immer mehr hineingerutscht.
KiJuKU: Was macht ihr in der Jugendredaktion?
Nicola: Wir machen ganz verschiedene Dinge. Einerseits betreuen wir den Instagram-Account mit, wo wir immer wieder die Möglichkeit haben, Content zu erstellen. Wir haben auch Berichte auf der Südwind Homepage. Eine Zeit lang haben wir auch Podcasts gemacht und ein Beitrag ist von uns auch mal im Südwind Magazin erschienen. Wir können immer frei auswählen, was mir machen wollen, worauf wir Lust haben und was uns gerade auf dem Herzen liegt. Für die Themen, die wir genauer beleuchten möchten, bekommen wir Raum, um uns dazu zu äußern.
KiJuKU: Wo stehst du gerade im Leben?
Nicola: Nach der Matura wollte ich nicht direkt, in irgendeinen Berufszweig oder in ein Studium einsteigen. Ich habe mir ein Jahr Zeit genommen, um verschiedene Berufsfelder und Praktika auszuprobieren. Zum Beispiel habe ich in einer Caritas Einrichtung in Wien und Salzburg gearbeitet. Im Winter war ich Skilehrerin. Mit Südwind hatte ich die Möglichkeit, nach Brüssel mitzukommen. Ich habe angefangen, mich mit verschiedene Studienrichtungen zu beschäftigen und in dem Jahr habe ich gemerkt, dass ich mich für Umweltpädagogik interessiere. Das Jahr hat mich schon ziemlich in meiner Entscheidungsfindung geprägt. Ich werde Umweltpädagogik an der FH (FachHochschule) für Agrar und Umweltpädagogik studieren. Ich bin froh, dass sich das mit Südwind ergeben hat, denn da bin ich zu immer mehr Events und Aktionen mitgekommen und auch auf eine Reise. So habe ich das gefunden, was ich wirklich machen möchte.
Stefanie Kadlec, 17 und
Follow@kiJuKUheinz
Zum Interview mit Aeron geht es hier unten
Und zu einem Überblicks-Bitrag über dieses „Rebels-of-Change“-Wochenende samt vielen Fotos, den Forderungen und dem dabei erarbeiteten Manifest geht es hier unten.
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… konnte gegen Ende des „rebellischen“-Jugend-Workshops sich ein bisschen umschauen und -hören und durfte mit zwei jungen Teilnehmer:innen Interviews führen.
KiJuKU: Wie kann man sich diese Workshops „Rebels of Change“ vorstellen?
Aeron: „Rebels for Change“ ist eine Initiative von Südwind mit konkreten Forderungen, die vorher zusammengetragen worden sind. Ich habe mich vorher nicht besonders damit beschäftigt, sondern habe nur gesehen, dass es das gibt und mich angemeldet. Jetzt bin ich hier und es hat mir voll getaugt. Für die Workshops haben wir uns zügig in drei Gruppen aufgeteilt. Es gab Comics-Zeichnen, Bildhauerei/Gießen und einen Schauspielkurs.
KiJuKU: Wofür steht eure Initiative?
Aeron: Man kann es zusammenfassen in alles, was in Richtung Klimaschutz, Feminismus und Tierschutz geht.
KiJuKU: Wie genau bist du zu Südwind gekommen?
Aeron: Ich bin derzeit dank einer kleinen Umstellungsphase in einer AMS (Arbitsmarkservic) Teilzeitstruktur als Teilnehmer. Meine Betreuerin hat es im Internet gesehen und gesagt, das wäre was für mich. Das ist ganz unkompliziert gegangen.
KiJuKU: Das heißt, dass du dich auch schon vorher in diversen oder unterschiedlichsten Initiativen engagiert hast?
Aeron: Als Fridays for Future 2019 angefangen hat, war ich bei ein paar wenigen Streiks dabei. Dann war Corona und während meinem Maturajahr bin ich durch Zufallslosung zum Klima-Rat (rund 100 zufällig ausgeloste Bürger:innen hatten in mehreren Monaten an Wochenenden sich auf gemeinsam Forderungen für mehr Klimaschutz geeinigt und dies der Politik übergeben) gekommen. Aus dem Klimatrat der BürgerInnen hat sich der Verein des Klimarats der BürgerInnen gebildet, der versucht mit Veranstaltungen Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung zu schaffen. Im Rahmen dessen bin auch weiterhin im Klimabereich aktiv.
KiJuKU: Klima ist sozusagen dein Schwerpunktthema?
Aeron: Eigentlich schon. Ich gehe als Klimarat in Schulen und halte Vorträge. Nebenbei engagiere ich mich auch für Feminismus und gegen Sexismus, zum Beispiel in der Verwandtschaft oder am Dorfstammtisch, aber das weniger in einem größeren Ausmaß, sondern nur im Privatbereich.
KiJuKU: Aus welchem Dorf bist du?
Aeron: Ich bin aus Oberösterreich, dem Innviertel, aus dem Bezirk Ried im Innkreis. Die Gemeinde ist Kirchdorf am Inn.
KiJuKU: Du hast gesagt, du engagierst dich auch im privaten Bereich. Geht es darum, mit den Leuten zu diskutieren und sie zu überzeugen?
Aeron: Genau, alte Sichtweisen aufzubrechen, Verständnis dafür zu schaffen, dass sich das Denken geändert hat und Gedanken challengen. Dass ich ihnen einfach ein anderes Beispiel vorzeige, wo es ihnen dann wie Schuppen von den Augen fällt. Natürlich bin ich oft konfrontiert, dass jemand sagt: „Dann derf ma ja überhaupt nix mehr sogn!“
Darum geht es ja. Wenn man sein Leben lang eingetrichtert bekommt, das passt schon, und dann kommt ein Junger und sagt: Das passt nicht
KiJuKU: Ist das in einem kleinen Dorf nicht schwieriger als in der Großstadt?
Aeron: Durchaus. Ich bin am Dorf geboren und aufgewachsen, ich bin ein Dorfkind mit Leib und Seele. Mit allen negativen Seiten, die das Dorfleben mit sich bringt, zum Beispiel die Verbreitung von Nachrichten und Gerüchten wie ein Lauffeuer und dass dich alte Leute am Stammtisch nicht verstehen oder sagen: „Mei du liabs Mädel, du Schatzi.“ Was man dann auf der anderen Seite doch aber hinnimmt, weil man es nur so gekannt hat. Das ist eine kleine Gratwanderung.
KiJuKU: Du fühlst dich im Dorf aber trotzdem wohl, auch wenn du wahrscheinlich eine Minderheitenmeinung hast.
Aeron: Ja absolut. Als ich mir meine Haare abgeschnitten habe oder auf einmal ein Regenbogenband getragen habe, habe ich über Umwege mitbekommen, dass die Leute eine Freundin von mir angeredet und gefragt haben, was mit mir los sei. Ob ich nicht weiß, was ich bin oder was ich tue.
Ich finde so etwas einfach nur lächerlich, kann aber zum Glück darüber lachen. Ich habe meiner Freundin gesagt, sie soll ihnen einen schönen Gruß ausrichten und nächstes Mal sollen sie einfach zu mir kommen, dann kann ich es ihnen erklären. Ich nehme so etwas recht unkompliziert und habe auch das große Glück, dass mein Familienumfeld, was meine Identität betrifft, sehr offen ist.
KiJuKU: Du hast dir deinen Namen selber ausgesucht, wie kamst du auf „Aeron“?
Aeron: Ich hab gefragt, „Hey du Spezl, was sind deine top zehn geschlechtsneutralen Namen. Er schickt mir eine Liste. Der wird’s. Es hört sich komisch an, aber so war es.
KiJuKU: Deine Tattoos stellen chemische Verbindungen dar?
Aeron: Das sind Dopamin und Serotonin, die Glückshormone. Das ist die einzige Chemie, die ich in meinem Körper haben will und von der ich glaube leider zu wenig zu haben.
KiJuKU: Was nimmst du jetzt von den zwei Tagen mit?
Aeron: Dass man Forderungen auch kreativ verarbeiten kann und dass es da Möglichkeiten gibt, an die ich vorher gar nicht gedacht habe. Ich habe mich für Comics entschieden. Es muss nichts Aufwendiges sein, es reichen so simple Sachen, wie ein Strichmanderl.
Stefanie Kadlec, 17 und
Follow@kiJuKUheinz
Zum Interview mit Nicola geht es hier unten
Und zu einem Überblicks-Bitrag über dieses „Rebels-of-Change“-Wochenende samt vielen Fotos, den Forderungen und dem dabei erarbeiteten Manifest geht es hier unten.
Als Freitagabend im Central im Zentrum von Linz bei der Stella-Gala der Preis für das beste partizipative Projekt verkündet wurde, sprangen einige im Saal auf, der größte Jubel kam von der Galerie. Dort standen die Jugendlichen, die in „Grimm! – Die wirklich wahre Geschichte von Rotkäppchen und ihrem Wolf“ (von Peter Lund und Thomas Zaufke) gespielt, gesungen, getanzt und musiziert hatten. Auf der Bühne nahm das Leading Team (Regie: Heidi Leutgöb, Choreografie: Daniel Feik) die Statue – einen auf einer Feder schwingenden metallenen Stern – entgegen und deutet sofort auf die Galerie.
Zwei Dutzend Jugendliche hatten – noch in Coronazeiten und -bedingungen und damit mit Maske – sechs Monate lang an den Wochenenden geprobt. Einer davon pendelte jeweils von Wien nach Linz: Moritz Krainz. Der 19-Jährige hatte den Wolf, der von so manchen Verschwörungstheoretiker:innen im Dorf verleumdet wird, aber alles andere als böse ist, gespielt.
Krainz sprach Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … nach der Gala an und machte darauf aufmerksam: „Du hast schon einmal über ein Musical geschrieben, in dem ich als Kind mitgemacht habe – von „Rabauki“ (Leitung: Juci Janoska).“
Im folgenden Gespräch erzählte er zunächst: „Meine Mutter hat mir von dem Casting in Linz erzählt. Erst wollte ich nicht, dann bin ich doch gefahren, wurde genommen und durfte sogar eine der Hauptrollen, den Wolf, spielen, singen und tanzen.“ Da er in Linz eine Tante hat, konnte er do übernachten.
Das Projekt habe ihn so angefixt, „dass ich beschlossen habe, die Schule (7. Klasse Gymnasium) abzubrechen, weil ich so gespürt habe, dass ist das unbedingt machen will. Ich hab mich bei der MuK (Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien), in München und Essen beworben und nehm bis dahin privat Unterricht. Musical ist einfach mein’s, das hab ich in und durch das Grimm-Projekt so gespürt.“
Ohne Festival – weil Land Oberösterreich und Stadt Linz nicht ausreichend Geld zur Verfügung stellten – wurden Freitagabend (6. Oktober 2023) im Central Linz die diesjährigen Stella-Awards der ASSITEJ Austria (der heimischen Sektion internationalen Kinder- und Jugendtheatervereinigung) vergeben. Zum 17. Mal wurden damit die besten professionellen Stücke und schauspielerischen Einzelleistungen sowie in weiteren Kategorien Ausstattung, Musik vor den Vorhang geholt. Gemeinsam mit dieser Preisverleihung wurde der 50. Geburtstag des Linzer Theaters des Kindes gefeiert. Eine Bilder-Zeitreise führte durch Dutzende der weit mehr als 100 verschiedenen Stücke, von denen in den vergangenen 17 Jahren auch so manche für einen der Stella-Awards nominiert und einige sogar damit ausgezeichnet worden sind.
Die Gala – kurzweilig moderiert von Simone Neumayr und Katharina Schraml (Schauspielerinnen des Geburtstags-Theaters), musikalisch untermalt von der eigens dafür gegründeten Band D3, eigentlich ja sogar 3 Davids: Baldessari (Stromgitarren), Ess (Schlagzeug) und Wagner (Keyboard) – selbst wurde umrahmt von zahlreichen über den Tag im besagten Theater verteilten Gesprächsrunden zu allen 24 nominierten Produktionen (von 137 Stücken, die die Juror:innen gesichtet hatten). Zu einem Überblicksartikel über alle Nominierten – samt Links zu Besprechungen jener Stücke, die Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… schon gesehen hat geht es hier unten.
Die von Tina Graßegger gestaltete Award-Statue (sie wird jedes Jahr von lokalen Künstler:innen bzw. fallweise auch von Jugendlichen designt) besteht aus Stahl, einem wie es die Künstlerin übermittelte, Material, das mit Linz verbunden und außerdem ehrlich, uneitel und beständig ist. Und sie zeigt einen Stern (!) aus Einzelteilen – als Symbol, dass Theater nur als Teamwork funktioniert. Dieser Stern ist auf einer Feder fixiert, womit die Trophäe ständig in Bewegung ist.
Mit dem Preis für „herausragende Produktion für Kinder“ wurden die Kompanie Freispiel für das Stück „Spiel auf Zeit“ ausgezeichnet. Die Jury – Verena Koch, Bernadette Abendstein, Thomas Sobotka und Leni Plöchl – begründete die Entscheidung unter anderem damit, dass dieses Stück „ein ver-rücktes Spiel rund um Nichts, Alles und DEN Moment ist. Hier wird nicht nur die Zeit gemessen, sondern auch der Puls unserer Gesellschaft gefühlt. Unter der Regie von Kajetan Uranitsch begeistern Desi Bonato, Chiara Bartl-Salvi, Simon Schober und Felix Kislich mit einer Stunde voller witziger Momente, Spielfreude und philosophischer Fragen. … Möge dieses Stück weiterhin die Zeit für diejenigen verändern, die es erleben.“
„King Kong Vivienne“ – eine Kooperation von Vorarlberger Landestheater und dreizehnterjanuar (Wien) wurde zur herausragenden Produktion für Jugendliche gekürt. „Inspiriert von Virginie Despentes King-Kong-Theorie („als Frau bin ich eher King Kong als Kate Moss) entwerfen Fanny Brunner, Vivienne Causemann, Daniel Angermayer, Jan Preissler und Andreas Hutter die Figur King Kong Vivienne, der es bereits mit ihrem ersten Auftritt … gelingt, eine eindeutige geschlechtliche Zuschreibung zumindest in Frage zu stellen“, beginnt die Jury ihre Begründung und setzt fort: „So beginnt eine schlüssige und authentische Performance, die Ursachen und Umstände der lebensbedrohenden Krankheit Anorexie klug beleuchtet. Von Vivienne Causemann großartig und sehr berührend gespielt, verliert sie nie ihren bisweilen tiefschwarzen Humor.“
Die aktuelle Jury führte – für das Jahr 2022 in dem sie „amtierte“ – eine vorübergehende Kategorie ein: Herausragendes Partizipatives partizipatives Projekt. Den Preis erkannten sie einer besonderen Version des Musicals „Grimm! – Die wirklich wahre Geschichte von Rotkäppchen und ihrem Wolf“ (von Peter Lund und Thomas Zaufke) zu. Das satirische Stück über Populismus, Fake News und Ausgrenzung, das schon im Grazer Jugendtheater Next Liberty und im Wiener Theater der Jugend zu erleben war, wurde in Linz von einem professionellen Leading-Team (Leitung: Heidi Leutgöb) mit Jugendlichen inszeniert. Sowohl die Darsteller:innen als auch die Musiker:innen waren Jugendliche. Es handelte sich um eine Zusammenarbeit von Landestheater Linz mit dem oberösterreichischen Landesschulmusikwerk unter dem Titel „Jugend spielt Musical“.
Die Jury befand: „Was dieses Musical so besonders macht, ist der überwältigende Enthusiasmus der engagierten Darstellerinnen und Darsteller, der sich in jeder Szene spüren lässt. … Das Musical überzeugt auch durch die beeindruckende Leistung des Jugendlichen-Orchesters, das sich aus den oberösterreichischen Musikschulen zusammengefunden hat. „Grimm!…“ ist es gelungen, das offensichtlich begeisterte jugendliche Publikum abzuholen und gleichzeitig zum Nachdenken anzuregen.“
Felix Pacher wurde mit dem Stella für die herausragende darstellerische Leistung in der Opernversion des berühmten, beliebten, vielfach als Theaterstück inszenierten und sogar verfilmten berührenden und doch erdigen Coming-of-Age-Romans „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf ausgezeichnet.
Seine Darstellung der Hauptrolle in der „Roadopera mit jungen Darsteller:innen für ein jugendliches Publikum“ der Wiener Staatsoper überzeugte die Juror:innen. „Felix Pacher singt extrem wortdeutlich und kraftvoll und sein sonorer Bass dringt scheinbar mühelos in die letzten Winkel der Staatsoper. Aber Felix Pacher ist nicht nur ein ausgezeichneter Sänger, sondern auch ein großartiger Spieler. Er verkörpert den Tschick mit großer Authentizität, Aufmerksamkeit und Ambivalenz. Er hört und sieht in klarer Haltung zu, täuscht nichts vor, sondern atmet und lebt die Figur, ist immer präsent, nimmt sich trotzdem zurück und beeindruckt durch ein natürliches Timing.“
Martin Siewert wurde mit dem Preis für herausragende Musik belohnt, die er für „The Dead Class“ von „toxic dreams“ komponierte. Das Stück (Regie: Yosi Wanunu) baute auf Schriftstücken und Manifesten realer Amokläufer und Schul-Attentäter auf, um dem Phänomen der school shootings auf den Grund zu gehen. „Die Herausforderung bestand darin, diese verstörenden Schriften künstlerisch zu interpretieren, ohne den Massenmördern eine Plattform zu bieten. Martin Siewert komponierte ein Musical basierend auf diesen Frustrationstexten – ein Anti-Musical über Anti-Helden. Ohne dabei aber in die Ironie-Falle zu tappen“, begründet die Jury ihre Wahl.
„Das Ergebnis ist ein konsequent durchgeplantes Konzeptalbum, eine Rockoper, ein durchgehender Soundtrack. In einem Setting aus „Klassenfeind“, „Die Welle“ und „Club der toten Dichter“ lässt die großartige Live-Band Einflüsse von „The Who2, die Hammondorgel von „Deep Purple“ und das Elektrorauschen von „Trent Reznor“ erkennen. Die Musik variiert zwischen treibend und sperrig, raubeinig und zart, als auch atmosphärisch sowie rhythmisch-rezitativ. … Martin Siewert erhält den Preis für die herausragende Musik nicht nur für die Komposition, sondern auch für die musikalische Umsetzung.
Die Auszeichnung für die beste Ausstattung ging nach London – an Paul Barritt für sein animiertes, digitales Bühnenbild in „Mehr als alles auf der Welt“ (Inszenierung von Suzanne Andrade für das Burgtheater, gespielt im Akademiethater, das sowohl bei jungen Kindern als auch bei Jugendlichen und Erwachsenen funktionierte.
„Mit viel Poesie und Präzision, sehr detailreich aufwendig und liebevoll im Comicstil komponiert“ kommt es sehr oft zum Zusammenspiel mit den leibhaftigen Schauspieler:innen. Neben Tieren und Gegenständen beeindruckte die Jury vor allem „die Animation eines kleinen Jungen, der als gleichwertiger Partner mit seinen Schauspielkolleg:innen agiert und sich am Ende auch verbeugt – dieses perfekt umgesetzte, rasante, sich permanent verändernde Bühnenbild macht das Theatererlebnis zu etwas sehr Besonderem.“
Der jeweilige Vorstand der ASSITEJ Austria vergibt jedes Jahr auch einen Sonderpreis an Einzelpersonen, die sich um das Theater für junges Publikum oder wie es immer wieder auch genannte wird, Darstellende Kunst für die Jungen und Jüngsten verdient gemacht hat. In diesem Jahr wurden erstmals zwei Menschen gemeinsam geehrt: Traude und Paul Kossatz, der auch die Statue für sich und seine Mutter entgegennahm, die verhindert war. Sie hatte vor nicht ganz 50 Jahren die Figurentheater-Wanderbühne Lilarum gegründet, die ab 1980 eine erste fixe Heimstatt – in einem Penzinger Gemeindebaukeller hatte. Dort begann Paul im Alter von 14 Jahren zu spielen – wie all seine Kolleg:innen auf Knien, weil der Raum so niedrig war. Seit ¼ Jahrhundert ist das Lilarum in einem großen Haus, wo auch die Werkstätten und Büros untergebracht sein können, in Wien-Landstraße zu Hause.
Neben den hochwertigen künstlerisch – sowohl inhaltlich als auch ästhetisch bis in kleinste Details – hochwertigen Produktionen fürs vor allem jüngste Publikum mit rund 400 Vorstellungen (30 Stücke im Repertoire) im Jahr, legt Lilarum – so die Laudatorin Marianne Vejtisek – Wert auf „soziales und gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein; einmal wöchentlich gibt es gesponserte Vorstellungen zum Sonderpreis, seit 20 Jahren Vorstellungen, die simultan in Gebärdensprache – unmittelbar neben der Bühne – übersetzt werden. Außerdem gibt es Gastspiele aus Osteuropa in den jeweiligen Landessprachen…“
Paul Kossatz verwies – wie auch andere mit einem Stella Ausgezeichnete an diesem Abend – darauf hin, dass die gewürdigten Leistungen natürlich nur im jeweiligen Team möglich sind.
Compliance-Hinweis: KiJuKU wurde vom Theater des Kindes und der ASSITEJ Austria zur Berichterstattung nach Linz eingeladen.
Drei große Säcke mit und für Gewand stehen auf dem Boden. Mona sortiert aus – beschriftet nach Müll, Spenden und in der Mitte Jasha. Als sie eine Jacke in Händen hält stutzt sie. Wohin damit. Anruf… „Lifejacket“ (Rettungsweste) war/ist einer der Filme, die am Eröffnungsabend der – mittlerweile 27. – Video- und Filmtage gezeigt wurden. 66 Filme – alle von Kindern und/oder Jugendlichen ausgedacht, gedreht und geschnitten/montiert – gehen bis einschließlich Sonntag im Wiener Urania-Kino über die Leinwand.
Das wienXtra-Medienzentrum organisiert dieses Festival, das nicht nur Leistungsschau, sondern mindestens genauso Diskussions- und Vernetzungsplattform ist. Denn die VFT zeichnen sich – seit Anbeginn dadurch aus, dass Profis aus der Filmbranche eine Live-Jury bilden, die im Kino – seit Jahren das Cinemagic Kinder- und Jugendkino – nach jedem Block einiger Filme Feedback gibt, das Publikum genauso Fragen, Anregungen und Kritik üben kann. Und es immer wieder dazu kommt, dass sich junge Filmschaffende vor Ort vernetzen und zu neuen Produktionsgemeinschaften zusammenfinden. Heuriges Festival-Sujet: Ein Labyrinth.
Zurück zur „Rettungsweste“ – anhand dieses Kleidungsstücks wird in knapp mehr als einer Viertelstunde die wechselvolle Beziehung der beiden Mädchen als Erinnerung Monas geschildert – auch mit unterschiedlichen Reaktionen erwachsener Verwandter darauf. Der Film ist Ergebnis eines Projekts im Medienkulturhaus Wels (Oberösterreich). In einem Workshop entstanden drei Drehbücher, jenes von Oliver Parsch wurde genommen – und in einem weiteren Workshop gefilmt, Robin Reininger führte Regie, Betül Karataş spielte Jasha, Barbara Rettig schlüpfte in die Rolle von Mona. Die vier Genannten waren auch nach Wien gereist. „Wir haben alle unsere eigenen Ideen eingebracht und konnten uns fix die Rollen selber aussuchen“, vertrauen sie – vor dem Screening – Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… an.
Übrigens, die Mona-Darstellerin Barbara Rettig ist auch Mitglied der Steuerungsgruppe Jugendlicher, die – neben der Junior-Festivalleitung (Leonie Wimmer & Brandon Viardo) Projektleiterin Marija Milovanović beratend zur Seite steht.
Eröffnet wurde das diesjährige Festival der jungen und jüngsten Filmemacher:innen – außer Konkurrenz – vom Musikvideo „Kids N’Cats: Go“, das im Frühjahr bei einem speziellen Workshop für Musikvideos im wienXtra-Medienzentrum entstanden ist.
Wie dicht auch nicht einmal eine Minute sein kann, zeigte die „Video-Collage Wien“ aus Hunderten Fotos aus Wien, vor allem auf dem Weg von seiner Wohnung zur Schule des 14-jährigen Leonhard Kofler.
Ein Stammgast der Video- und Filmtage, Alex Lazarov, der seit rund einem Jahrzehnt jedes Jahr (mindestens) mit einem Film beim Festival vertreten war, konnte aufgrund des Alterslimits (22 Jahre) zum letzten Mal eine Arbeit zeigen (mit Clemens Hillinger und Moritz Löwy) Und was für eine: „Straight Outta Vienna“ ist eine sehr dichte, intensive Doku über Dejan Nikolić, vielen besser bekannt a.k.a. Nik Dean. Dieser junge Wiener Musikproduzent hat es mit seinen Beats für weltberühmte Rapper bis an die Spitze der US-Charts geschafft – aus seinem zum Studio umgebauten Zimmer in einem Gemeindebau. Die nicht ganz zehn Minuten zeigen einen Star abseits aller Klischees und nicht zuletzt seine Verletzlichkeit. Was für ihn gilt – „ich bin Teil der Musik und Musik ist Teil von mir“ – prägt auch den jungen Filmemacher, der mittlerweile als Selbstständiger mit eigener Videoproduktion arbeitet.
Als er via Instagram den Nik Dean angeschrieben hat war der, wie er im Filmgespräch im Kino sagte, „anfangs skeptisch. Dann hab ich mir angeschaut, was der so gemacht hat, das hat mich überzeugt“. In einem intensiven 15-Stunden-Drehtag entstand das Material, das Lazarov dann sehr rhythmisch passend zu den Beats geschnitten/montiert hat.
Mental Health, psychische Verfassung, Auseinandersetzung damit – das sind befeuert durch die Pandemie sehr wichtige Themen, mit denen sich viele Jugendliche auseinandersetzen. Sehr intensiv, persönlich, filmisch spannend und mit dem einen oder anderen Schuss Humor ist dies Tilo Schott in „Downplaying“ gelungen – eine totale Ein-Personen-Produktion: Dreh, Schauspiel, Schnitt, Musik alles aus einer Hand.
Einfach da hängen, eingesperrt in einen Bilderrahmen. Nicht einmal einen Namen hat er. Dabei ist dieser Fisch offenbar eine Attraktion. Viele der Besucher:innen kommen nur seinetwegen. Gut, das Bild ist doch ungewöhnlich: „Fisch mit Regenschirm“, gemalt mit Ölfarben – von einem Sibelius Stirnhauer.
Eines Tages, vielmehr Nachts, raffte er sich endlich auf und setzte seinen Wunsch in die Tat um: Raus aus der engen Begrenzung und Auf ins Abenteuer, oder durchaus auch mehrere davon. Damit sich der Museumsbedienstete auskennt, schrieb er noch einen Zettel: „Brauche Abenteuer! Bin dann mal futsch. Dein Fisch.“
Diese Geschichte hat sich Kirstin Schwab ausgedacht. Mit Zeichnungen der Illustratorin Monika Maslowska ist sie sie vor Kurzem als 48-seitiges Buch (ab 6 Jahren) erschienen. Für den Text in einer früheren Version hat die Autorin und Schauspielerin (u.a. aktionstheater ensemble) vor drei Jahren den Dixi Kinderliteraturpreis gewonnen.
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… wollte von Kirstin Schwab wissen, wie sie auf die sehr schräge Geschichte von dem gemalten Fisch, der aus seinem Bild abhaut, durch die Stadt spaziert und tatsächlich so einiges an Abenteuer erlebt, gekommen sei.
„Das ist eine lustige Entstehungsgeschichte“, beginnt die Schwab für die „Fisch mit Regenschirm“ das erste – aber nicht das letzte – Kinderbuch ist. „In einem meiner Lyrikbände („Atemraub“, keiper lyrik) hatte ich ein Gedicht veröffentlicht, von dem im Kinderbuch die ersten fünf Zeilen abgedruckt sind:
ein Fisch mit Regenschirm
unter die Flosse geklemmt
trägt er ihn
munter
nass in nass“
Das Gedicht geht dann noch mit zwei Zeilen weiter: „ein reines Accessoire/ der Poesie“.
Das Gedicht sei nicht für Kinder gedacht gewesen, aber ein Freund von ihr habe es dennoch seinen Kinder vorgelesen. „Da hab ich ich gesagt, wenn du das Kindern vorliest, dann sollten die auch sehen, wie dieser Fisch ausschaut, hab den in mein Notizbuch gezeichnet, fotografiert und ihm geschickt.“
Am nächsten Tag habe sie die Seite mit dem Fisch umgeblättert, um etwas zu notieren. „Da hab ich den Fisch von der anderen Seite gesehen, weil sich die Zeichnung durchgedrückt hat, ich hab einen Bilderrahmen drum herum gemalt und auf einmal die ganze Geschichte im Kopf gehabt, dass er aus dem Rahmen steigt, alles mögliche erlebt – und am Ende wieder zurückkommt, aber eben nicht mehr derselbe ist, so wie du nicht zwei Mal in den selben Fluss steigen kannst.“
Sie habe sich dann hingesetzt und in ein paar Stunden fand sich in ihrem Computer das fertige Exposé für den später preisgekrönten Text und das nunmehr fertige Buch. Eine große Schwierigkeit habe sich noch aufgetan. „Ich schreibe und spiele nicht nur Theater, sondern male auch und hab selber viele Zeichnungen gemacht, musste mich dann aber doch davon verabschieden und bin froh, dass mit Monika Maslowska eine professionelle Illustratorin die Bilder für das Buch gezeichnet hat. Die sind technisch doch viel besser als meine Zeichnungen.“
Im Frühjahr kommt übrigens – auch im Obelisk Verlag – bereits ihr zweites Kinderbuch heraus über ein Stofftier, das verloren geht.
Frankenstein, vielmehr das von ihm geschaffenen Monster, das viel zu oft unter dem Namen seines Schöpfers durch Erzählungen geistert, als Live-Hörspiel mit (sehr) lauter Musik tourt derzeit durch Wien. Bis 8. November 2023 lädt das Volkstheater in den Bezirken in Volkshochschulen, Häuser der Begegnung und andere Veranstaltungsorte quer über Wien verstreut. Und diese Version von „Frankenstein“ verdient sich definitiv viel mehr, vor allem jüngere, Zuschauer:innen als Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… in der Floridsdorfer Angerer Straße erlebt hat. Wo übrigens das Publikum – viele trotz anfänglicher Skepsis – am Ende begeistert applaudierten und „Bravo“ rief.
Sören Kneidl, der auch Regie führte, betritt die Bühne, testet die Mikros – was aus den Publikumsreihen mit „lauter“ beantwortet wird. Und ihm den Gag ermöglicht, das habe er noch nie bei dieser Produktion gehört. Aus einem Köfferchen packt er eine uralte Kaffeemühle, eine Glocke und so manch andere Utensilien aus, die er im Laufe der folgenden rund 1 ½ Stunden verwenden wird, um diverse atmosphärische Geräusche zu erzeugen, eine große Holzklappe wird etwa zur quietschenden Tür…
Zwei Musiker in Kapuzen-Sweaters betreten wie Heavy-Metal-Musiker die Bühne; Lukas Böck fädelt sich hinter die Teile des mächtigen Schlagzeugs ein und Gadermaier platziert sich hinter der mit Strom versorgten Bass-Gitarre bzw. oberhalb einiger Fußtaster für Loopstation und Verzerrer.
Apropos Strom – der spielt in der Erzählung eine nicht unwichtige Rolle, um das aus menschlichen Leichenteilen zusammengeflickte Monster zum Leben zu erwecken. Die Autorin hatte Anleihe genommen bei Berichten darüber, dass der Physiker Luigi Galvani mittels Stromstoßes den Schenkel eines toten Frosches in Bewegung versetzen konnte.
Im Wesentlichen hält sich die Erzählung an das (übersetzte) Original von Mary Shelleys zunächst als Briefroman veröffentlichtes Buch. Victor Frankenstein, „der moderne Prometheus“ (antiker griechischer Mythos, nachdem Prometheus aus Lehm die Menschen schuf) wie es als Untertitel bei Shelley heißt, bastelt also seinen neuen Menschen. Henry, ein Freund, ist skeptisch.
Wie auch immer Frankenstein wird von einem Schiff in der Arktis, das ein abenteuerlicher Kapitän, der durchs ewige Eis zum Nordpol will, halbtot geborgen. Und erzählt die Geschichte seiner Erfindung. In der Ferne wird das aus dem Labor entkommene Monster, das schon getötet hat, gesichtet…
Während Frankenstein davor warnt, will der Kapitän es fangen lassen, um damit noch viel berühmter als mit der Expedition zu werden. Tour durch die Welt mit Ausstellung des gefangenen Monsters – mit einer Art „Des Kaisers neue Kleider“-Moment am Ende der mitreißenden Erzählung mit ebensolcher Musik.
Die gesprochenen Erzählpassagen mit Hilfe der stets live erzeugten Geräusche lässt die Geschichte - wenngleich sie in Grundzügen bekannt ist – mitunter mit dem einen oder anderen Schauer erleben; verstärkt durch die Untermalung der Musiker, die in manchen Passagen sozusagen die gefühlsintensive Fortsetzung der angeteaserten Erzählung spielen.
Und dennoch bietet der „Frankenstein“-Abend noch mehr als die Grusel-Geschichte. Zum einen ist es der mehrfach wiederholte Satz, dass nur jene, die den einen oder anderen Schritt zu weit gehen, di Menschheit weiterbringen als jene, die zurückgehen. Und zum anderen ist es die fast rührende Szene, in der das Monster, das Sprechen gelernt hat, seinen Schöpfer bittet, ihm eine Gefährtin zu erschaffen. „Ich war gütig und gut. Nur das Elend ließ mich böse werden. […] Ich bin bösartig, weil ich unglücklich bin.“…
Beides Fragen, die unabhängig von dem fiktiven Roman, der hier auf völlig neuartige Weise sozusagen lebendig wird, immer und überall aktuell sind.
Den großen gelben Schaumstoffwürfel mit den schwarzen Punkten durch den Raum geworfen. Welche Zahl wird angezeigt? Die gibt an, welche Tür geöffnet oder im unteren Bereich durchgekrochen wird. Dahinter verbergen sich sechs verschiedene Wege. Bei manchen gilt es, rauf zu klettern und runter zu rutschen, bei anderen Hindernisse weiter zu schieben usw. Und schon sind die Kinder danach im nächsten Bereich der neuen interaktiven Ausstellung des Zoom Kindermuseums im Wiener MuseumsQuartier. „Willkommen in der Zukunft“ heißt die und will den jungen Mitmach-Besucher:innen (6 bis 12 Jahre) vor allem Ängste vor der und Lust auf ihre weiteren Lebensjahrzehnte machen.
Die Sechs-Wege-Station entwickelte sich für die erste Klasse, die die neue Mitmach-Ausstellung besuchte, die 3 b der Albertus-Magnus-Volksschule (Wien-Währing) lange zu DEM Highlight. Kaum waren sie am Ende im nächsten Bereich, rannten sie zurück und suchten einen der anderen Wege. Ein Spielplatz zum Austoben. Und sie fanden mitunter kreative Lösungen. Hatten die Ausstellungsmacher:innen bei einem der Wege gedacht, dass die Kinder das große Hindernis so lange weiterschieben, bis für sie der Weg frei ist, kletterten sie einfach drüber 😉
Vor dieser zum Bewegungsspielplatz gewordenen Türen-Station tauchen aber erst einmal alle ein in ein großes digitales Planetarium – eine Nachnutzung des für das Naturhistorische Museum gebauten Kuppelzeltes – das nach eineinhalb Stunden auch den Abschluss bildet. Also Bionaut:innen sitzen oder liegen sie auf dem Boden, schauen in den „Himmel“ und sehen den Planeten Erde von außen.
Zurück zum weiteren Weg. Nach den Sechs-Tür-Wegen landen alle in der sogenannten Blue City, gekennzeichnet durch ein riiiiesiges Monster oder Totem – je nach eigener Fantasie. Außerdem fallen Regale mit bekannten blauen Hosen auf. Die werden hier nach und nach recycelt. An einem halbrunden Tisch schneiden Kinder aus Blue-Jeans-Teilen Pflanzenblätter aus, lochen sie mit einer mechanischen Dreh-maschine. So können sie die Blätter auf einfache Weise miteinander verknüpfen. Nach und nach entstehen Girlanden, die diesen Ausstellungsteil im Laufe der Wochen und Monate in einen blauen Dschungel verwandeln werden.
Wie im Kindermuseum immer sind die Stationen von Künstler:innen ausgedacht und konzipiert. Blue-City-Gestalterin Tina Handl verrät Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…: „Ich recherchiere noch, wie wir auch die Fuseln und kleinen weggeschnittenen Teilen aus dem Stoff weiter recyceln können, vielleicht lässt sich daraus Papier machen.“
Auf Stoff gedruckt ist übrigens „Wunderland unbekannt“, das Lyriker Michael Hammerschmid extra für die Ausstellung gedichtet hat – siehe Foto oben.
Quer über der Blue-City, erreichbar über Stufen im rohen gelben Bauholz-Stil befindet sich eine Art Labor und Experimentier-Station. Pflänzchen sprießen, größere wachsen, manche sind stecken in den Öffnungen von Rohren, die wiederum mit einem Wasserbecken verbunden sind, in dem Fische schwimmen – ein Wasser- und Sauerstoff-Kreislauf. Hier wird auch Algenpulver zu Farben verrührt mit dem Kinder auf papiernen Teefiltern malen können, wo die Farben zer-rinnen.
Diese Experimentierstation hat etlichen der oben schon genannten Premierenklasse am Eröffnungsvormittag der neuen Ausstellung am besten gefallen. Spontan nennen Hailey und Anna „das Experimentieren mit den Pflanzenfarben in diesem Labor“ als Antwort auf die Frage von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… was ihnen am besten gefallen habe. Als die beiden das am Ende bei den von oben kommenden Garderobenbehälter das dem Journalisten sagen, stimmen viele der umstehenden Mitschüler:innen ein.
Andere fanden die Station im letzten Raum, in dem es auf Weltreise geht am besten. Hier wählen sie bei witzigen Ticketschaltern im Jahr 2047 Berufe wie Hitzebändiger*in, Polar- und Gletschereis-Macher*in, Artenvielfalt-Ranger*in, Quallen-Dompteur*in, Erste-Hilfe-Held*in, Virenspion*in, Dialogstifter*in oder Sattmacher*in… Ebenso wählen sie eine Weltgegend und auf geht’s ins vor allem „Hörabenteuer“ – aus den Hörern kommen Beschreibungen der genannten möglichen und weiterer Berufe. Diese Station fanden Olivia, die für ihre Reise lieber McGrey heißen wollte und Lucia, „aber nenn mich bitte Ava“ am besten.
„Die Umwelt schützen!“ – ist übrigens die von Feli und all ihren Mitschüler:innen genannte Antwort auf die KiJuKu-Frage, was für sie beim Wort/Thema Zukunft wichtig ist. Florentina und Franziska erzählen: „Wir haben in der vorigen Klasse mit einem eigenen Film bei einem Umweltpreis gewonnen. Zum Beispiel haben wir gefilmt, wie jemand das Wasser rinnen lässt, ein Kind kommt und den Wasserhahn abdreht. Oder in einer anderen Szene geht ein Kind zurück zum Turnsaal und dreht das Licht ab.“
Das Publikum betritt den Theaterraum auf dem Weg zu den Sitzplätzen über einen roten Teppich. Der setzt sich über die Treppen auf die Bühne – bis ans hintere Ende derselben fort. Auf dieser roten Bahn kommt Autorin und Schauspielerin Melike Yağız-Baxant – eine lange Schleppe aus zusammengebundenen Stoffen hinterher ziehend – in den Saal und betritt die Bühne. Schon immer ihr’s sozusagen. Denn, so beginnt sie ihr Stück „Glückskind“, sie sei schon mitten im Theater geboren worden.
Nicht im herkömmlichen Sinn, verdeutlicht sie in den ersten Sätzen. Sie betrachtet sozusagen das Leben um sie herum als Theater. Hauptdarstellerin war die Mutter, sie selbst mit vier Jahren Publikum in der ersten Reihe. Ob Exekution wegen Spielschulden des Vaters oder noch krassere Situationen – politischer Verfolgung in der Türkei – alles schildert sie als wären es Szenen eines Stücks. Und selbst die tragischsten Momente schildert und spielt sie mit – mindestens – einem Schuss (Selbst-)Ironie.
Lachen, das mitunter im Hals stecken bleibt, wenn sie Erfahrungen von Schauspielprüfungen bzw. dem Lernen mit mehr oder minder arrivierten Theaterleuten für die Aufnahmetests in Szenen übersetzt. Wo nicht selten sie gar nicht dazukam, die einstudierten, erlernten Monologe vorzusprechen/-spielen, sondern mehr auf ihr Aussehen abgezielt wurde. Oder noch mehr, das auf Missbrauch mehr als nur hindeutet, und doch von den Gegenübers unter den Deckmantel von „Kunst“ versteckt werden wollte.
Die Brotlosigkeit freier künstlerischer Arbeit machte sie in ihrem Dauer-Tagesmenü – Burger, Pommes, Cola – bildhaft. „Und das hab ich schon lange davor geschrieben“, versichert sie die Nachfrage des Reporters nach der Premiere. Obwohl dieses Menü natürlich vor allem sehr heftige aktuelle Lacher nach sich zog (Stichwort Mc Schmähhammer).
Aber auch wohl-und gutgemeint Multikulturelles von engagierten Theaterleuten, das letztlich eher gönnerhaft und paternalistisch ankam, nimmt Melike Yağız-Baxant in ihrem Spiel und Text aufs Korn. Das alles habe sie – speziell in der Pandemie, wo sie ohnehin zwangsweise pausieren musste und Zeit hatte – dazu gebracht, sich aus diesem immer von anderen bestimmten Betrieb zurückzuziehen und an eigenen Texten zu arbeiten. Die Basis für das nunmehr im Theater Drachengasse zu erlebende Stück, dessen Ende keinesfalls verraten werden soll, legte sie mit ihrem Text „ein künstlerischer Therapieabend“, mit dem sie vor zwei Jahren einen der Exil-Literaturpreise (Platz 2) gewonnen hat. Und mit dem sie nun – ausgebaut und weitergeführt – wieder im Theater landet(e) – aber eben sehr selbstbestimmt – und damit nun wirklich „Glückskind“.
Lorina und Gabriel waren die ersten beiden Kinder, die vor ihren Bildungscampus – Ganztags-Volksschule plus Kindergarten – an der Simmeringer Rappachgasse kamen, wenige Minuten später gesellten sich Ahnef, Nefeli, Anna, Seline, Miriam und Juno dazu. Vor ihnen wurde ein breites rotes Band aufgespannt, hinter sie stellten sich etliche in Wien für Bildung zuständige Menschen wie Bildungsstadtrat, Bildungsdirektor, Magistrats-Verantwortliche und die beiden Leiterinnen von Volksschule und Kindergarten. Medien-Auflauf, denn der Bildungscampus, seit einem Monat in Betrieb, wurde offiziell eröffnet. Also schnitten Kinder und einige der Erwachsenen – wer gerade eine Schere ergatterte – das Band durch. Somit ist der Bildungscampus offiziell „eingeweiht“.
Im Endausbau werden hier 825 Kindern bis 10 Jahre lernen und spielen. Das neue Bildungsgebäude das sich mit seinen drei Geschoßen wie ein Schiff mit Landungsbrücken in die Umgebung einpasst, umfasst 12 Gruppen im Kindergarten, eine 17-klassige Ganztagesvolksschule und 4 Sonderpädagogik-Klassen für Kinder mit Behinderungen. Es wird aber erst nach und nach „besiedelt“, derzeit gibt es außer den vier genannten sonderpädagogischen nur wenige Klassen und Kindergartengruppen. Im Echtbetrieb wurden sie vor dem großen Andrang vieler Kameras und noch mehrerer Erwachsener geschützt, weshalb nur die oben genannten Kinder beim Band-Durchschneiden fotografiert und gefilmt werden durften und sich aus jenen Räumen – beispielsweise auf weitläufige Terrassen zurückzogen als der Besuchs-Tross antanzte.
Dafür schnappte sich die Leiterin der für Kindergärten zuständigen Magistratsabteilung 10, Karin Broukal, Stift und Papier, um sich an eine der Kinderstaffeleien zu setzen und „das einzige zu malen was ich kann – eine Katze von hinten“.
Dieser – wie jeder andere Bildungscampus – löst auch die Barrieren an den Schnittstellen zwischen Kindergarten und Volksschule praktisch auf. Und er ist nach Heidemarie Lex-Nalis benannt. Diese vor fünfeinhalb Jahren verstorbene langjährige Leiterin der damals noch BAKiP (BundesAnstalt für Kindergarten-Pädagogik) genannten (Aus-)Bildungsstätte für angehende Kindergärtner:innen war eine der Vorkämpfer:innen in der Elementarpädagogik in Österreich. Es geht ja nicht um „Betreuung“, sondern um die erste Stufe in der Pyramide des Bildungssystems. Kinder haben ein Recht darauf, dass dies von professionell ausgebildeten Fachkräften bewerkstelligt wird, sind Pädagog:innen und keine (Bastel-)Tanten – was noch immer nicht in allen auch verantwortlichen Köpfen angekommen zu sein scheint.
Über ihre Arbeit in der Elementarpädagogik (mittlerweile heißen die Schulen auch BAfEP – BundesAnstalt für ElementarPädagogik) hinaus war Lex-Nalis als Fachbereichsleiterin beim PSD-Psychosoziale Dienste Wien sowie in der Beratung, Aus- und Weiterbildung in Einrichtungen für behinderte Menschen tätig.
Ihr Witwer, Johannes Maria Lex, der die Plattform „Bildung ist Zukunft für alle Menschen in Österreich“ weiter betreibt (Facebook), überreichte den beiden Leiterinnen von Volksschule, Gabriele Kapeller, und Kindergarten, Barbara Tryfoniuk, ein Bild, das Kunst-Professor:innen der BAKiP Ettenreichgasse anlässlich der Pensionierung ihrer langjährigen Leiterin gemalt hatten. Es stellt Heidemarie Lex-Nalis umgeben von einem bunten Schmetterling, Blumen, einer Mandorla (Glorie und Aura rund um eine ganze Figur) sowie von chinesischen Schriftzeichen dar. Letztere stehen für Himmel, Freiheit, Weite, grenzenlos. Dazu in lateinischer Spiegelschrift der Satz: „Nimm den Schatten in deine Mandorla! Das Feuer und die Rose sind eins – Herzmüde, Grenzerfahrung, Langsamkeit: Damit war eine leise Veränderung, eine sanfte Bewegung, unerschöpfliches Leben – wie Wasser unter dem Karst für DICH. Nimm den Schatten in die Mandorla – unerschöpfliches Leben für dich, Heidemarie!“
Wenige Minuten später hing es schon an einer der (vielen) hölzernen Wände im Schuleingangsbereich.
Das Siegerprojekt des Architekturbüros „POS Architekten“ wurde im 18.500 m² großen Areal in den ehemaligen Donauauen entlang der Rappachgasse errichtet. Das Team verfolgte dabei einen ganzheitlich nachhaltigen Ansatz: das Gebäude fügt sich mit seinen drei Geschoßen wie ein Schiff mit Landungsbrücken in die Umgebung ein. Auf den „Landungsbrücken“ finden Spielplätze, Kletterparcours und sogar ein Rodelhügel Platz. Eine Besonderheit sind die vielfältigen Grünverbindungen entlang und quer zum Gebäude. Diese gehen auch durch das Gebäude hindurch.
Das neue Bildungsgebäude besteht aus sechs Bildungsbereichen („BIBER“) und umfasst zusätzlich einen Therapiebereich, ein vielfältiges Angebot an Kreativräumen, eine Bibliothek und einen Veranstaltungssaal. Multifunktionale Arbeitsbereiche tragen dazu bei, dass sich die Vernetzung von Kindergarten, Schule und Freizeit einfach umsetzen lässt. Den Kindern stehen dabei 13.780 m² an Freiflächen zur Verfügung – davon können rund 4.250 m² auch von Anrainer:innen genutzt werden.
In der Zwischenzeit bahnt sich auch eine Lösung des Verkehrsproblems vor der Schule an, wo beim Kreisverkehr fünf Straßen zusammenkommen. Für die Rappachgasse ist eine 30er-Zone schon beschlossen, in der Bezirksvertretung sprachen sich kürzlich alle anwesenden Mandatar:innen auch für die gleich Geschwindigkeitsbeschränkung vom und zum Kreisverkehr bis zur Unterführung in der Haidestraße aus. Auch das übrigens erst nach vielfacher Initiative von Johannes Maria Lex, der sich auch für die Benennung des Bildungscampus nach seiner Frau stark eingesetzt hatte.
Unter der Projektleitung der der Abteilung Bau- und Gebäudemanagement der Stadt Wien wurde der neue Bildungscampus ist als Niedrigst-Energie-Gebäude geplant: Sowohl die Fotovoltaik-Anlage am Dach als auch das Grundwasser und das Erdreich liefern die notwendige Energie.
„Wie schaut’s denn da aus? Wenn das so ist, brauch ich in meinem Zimmer auch nicht mehr aufräumen!“, wundert Mila sich, als sie auf den Dachboden kommt. Eigentlich wollte sie nur nach einer Schnur suchen, um ihren Flugdrachen steigen lassen zu können. Und was ist da? Schachteln, Kisten, Durcheinander. Viel Zeugs. Alles Mögliche, nur nicht die Schnur. Hinter einem schwarzen Vorhang entdeckt sie sogar eine – nie zuvor gesehene – Tür. Und dann fängt die noch an zu sprechen, später singt sie sogar noch.
Was noch viel schräger ist, irgendwie scheint die Tür mit Mila seelenverwandt zu sein: Viel und schnell reden, immer die Klappe offen … Neugierig und quirlig wie das Kindergartenkind ist, öffnet sie natürlich die Tür – und findet jedes Mal etwas ganz anderes dahinter – Wald, Müllhalde, See – samt schwimmendem großen Fisch, den sie vor dem Angelhaken rettet -, einen langweiligen, leeren Raum und dann wieder das Weltall mit leuchtenden Sternen.
Und so wird aus dem ¾-stündigen immer wieder witzigen Stück „Die komische Tür“ (Text: Lukas Schrenk, Musik und Regie: Nils Strunk) mit dem Duo Emilia Rupperti (Mila) und Philip Leonhard Kelz (Türstimme und verschiedene auftretende Figuren vom Fisch über die Vermesserin bis zum Eisverkäufer) im Dschungel Wien ein Ausflug in Fantasiewelten (Bühne: Anna Reichmayr; Kostüme: Anne Buffetrille), wie sie sich viele Kinder ausdenken. Und dabei auch mit Gegenständen ins Gespräch kommen.
Die hier auf dem Dachboden abgestellte „komische“ Tür, weil sie so gar nicht „normal“ ist, bestärkt Mila in der Art wie sie ist. Und gibt ihr obendrein fast poetisch formulierte Tipps – vergleicht die wechselnden, mitunter aufbrausenden Gefühle mit einem Flugdrachen, den sie durchaus steigen und hoch fliegen lassen kann. Aber wenn sie ihn an der Schnur hat, kommt er ihr schließlich nicht zu sehr aus 😉
Zwischen dicht an dicht gedrängten Tischen, Kleiderständern, Schachteln und Kisten voller Spielzeug, Gewand, Schuhe und anderer Dinge auf dem fallweise hier in Neu St. Marx stattfindenden Flohmarkt den Weg zum großen Zelt von Circus Louis Knie gebahnt, kamen am ersten Oktobersonntag so ungefähr eine Stunde vor Vorstellungsbeginn Hunderte Kinder, vor allem mit ihren Müttern. 250 von ihnen brauchten keinen Eintritt zu bezahlen, sie waren vom Zirkus eingeladen.
Der zehnjährige Ivan übt sich als Nachwuchsclown und bringt mit seinen Grimassen die Umstehenden in der Warteschlange schon viel weiter vorne im eleganten in Rot gehaltenen Eingangszelt vor der Kordel ins große Manegen-Zelt um Lachen. Deutsch ist seine vierte Sprache, die er nun seit etwas mehr als einem Jahr lernt, aufgewachsen mit Ukrainisch und Russisch sowie Englisch, das er schon in Kyiw in der Schule lernte. „Ich kann sogar fünf Sprachen“, meldet sich die neben ihm Wartende Zoriana (6). Neben den eben genannten, „kann ich auch die Sprache meiner Katze Afina. Früher hat sie nur Miau gemacht, aber als ich mit ihr zu sprechen begonnen habe, hat sie auch viele andere Laute von sich gegeben und redet jetzt mit mir sehr viel. Wir verstehen uns gut.“
Sofia und Sascha, beide 11, sind aus einer Flüchtlingsunterkunft in Grünbach am Schneeberg zum Zirkusvormittag nach Wien angereist. Sie haben sich erst dort kennengelernt, denn Erstere ist aus Kyiw, Zweitere aus Dnipro. Sofia, ihre vierjährige Schwester Polina und Mutter Alona „freuen uns am meisten auf Clowns und Tiere. In der Ukraine waren wir schon oft im Zirkus.“
Die Besucher:innen, die in Österreich vor dem Krieg in der Ukraine Zuflucht gefunden hatten, meldeten sich an diesem Vormittag bei einem Tisch beim Eingang von Circus Louis Knie bei einer eleganten Frau mit herzhaftem Lachen, die ihre Namen auf einer Liste suchte. Irina Guda, Business-Lady und Austro-Ukrainierin seit 30 Jahren, hatte in der Community die Kunde von der Einladung verbreitet und den Vormittag organisiert. Den Anstoß gegeben hatte Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…. Als beim Medientermin für das neue Gastspiel in Wien erwähnt wurde, dass etliche der Artist:innen aus der Ukraine stammen, bat KiJuKU, Interviews mit einigen der Künstler:innen führen zu dürfen, die mit ihrem Engagement immerhin dem Krieg entkommen können – Links dazu weiter unten. Und fragte den Manager Alfred Toth, ob es möglich wäre, geflüchtete Kinder und Jugendliche einzuladen, immerhin gibt es – die schon oben genannte Aktivistin, die im Vorjahr eine Donau-Schifffahrt für rund 500 Kinder und Familien organisiert hatte.
Im Zirkus selbst hatte übrigens auch die Organisatorin einen Überraschungs-Auftritt: Auf einem der Pferde drehte sie – mit wehender blau-gelber ukraine-Fahne – zwei Runden in der Manege.
Bertha mal 2 sozusagen. Vier Künstler:innen gestalten rund eineinhalb Stunden rund um Bertha von Suttner. Gegen Ende September fand der Abend am Wiener Schulschiff statt. Dieses trägt den Namen der österreichischen Friedens-Nobelpreisträgerin (1905 verliehen im Jahr darauf überreicht). Knapp vor dem Nationalfeiertag wird das Programm wiederholt – dann hoffentlich mit mehr Publikum. Wobei der zahlenmäßig geringe Besuch hat erst einige der Schüler:innen ermutigt, sich in jener Phase, in denen die Künstler:innen die Zuschauer:innen um ihre Meinungen und Haltungen befragen, zu Wort zu melden. Das haben sie im anschließenden Interview verraten.
Der Abend beginnt mit einer fiktiven Szene, in der die Protagonistin, gespielt von Uschi Nocchieri, ein Hotel betritt um in der Halle zu den Anwesenden zu sprechen – darüber, dass eigentlich viele den Frieden wollen, aber nur wenige sich dafür engagieren. Später zitiert Martin Ploderer in der Rolle von Alfred Nobel, aus dessen Brief an Bertha von Suttner, die für ihn gearbeitet hat. Er greift darin ihre Idee eines Preises für Friedens-Engagement auf.
Breiten Raum nimmt – auf der Bühne (die anderen Szenen spielen im Publikums-Raum) sehen und hören wir sozusagen Bertha von Suttner zu, wie sie Sätze für ihren berühmt gewordenen Roman „Die Waffen nieder!“ schreibt. Die Hauptfigur, die aus der Ich-Perspektive erzählt, ist Martha Althaus. In deren Rolle schlüpft Peta Klotzberg – die Romanfigur wird sozusagen lebendig, verselbstständigt sich, tritt auch in Widerstreit mit der Autorin, fragt sarkastisch, ob diese glaube, mit einem Buch wirklich was gegen Kriege und deren Betreiber ausrichten zu können… – Gedanken, die sich Suttner vielleicht auch selbst gemacht hat.
Und sie lässt uns teilhaben an ihrem eigenen Wandlungsprozess. Die Martha bedauert anfangs kein Bub/Mann geworden zu sein, der auf dem Schlachtfeld zum Helden hätte werden können. Um aus zahlreichen – kriegsbedingten – Todesfällen in der Familie zur Friedenskämpferin zu werden.
Der Abend wird musikalisch untermalt und begleitet – Komposition: Moritz Polin, bzw. bekannte Hits wie „Imagine“ (John Lennon); Klavier: Julia Meinx – zum Teil zum Mitsingen – wofür der „Imagine“-Text auf den Tischen aufliegt.
Sind Frieden und Kampf – auch wenn letzterer für ersten geführt wird – nicht ein Widerspruch? Wieviel Harmonie verträgt der Mensch? Warum bin ich (nicht) Teil einer Friedensbewegung? Mit diesen und weiteren Fragen spielen die Künstler:innen den Ball ans Publikum, binden sie die Diskussion ein, unter anderem darüber, ob einschlägige Computerspiel Gewalt fördern oder auch Aggressionen abbauen könnten und so manch andere.
Daran beteiligten sich vor allem die Schüler:innen – sowohl die 13- als auch die 16-Jährigen. Und alle vier Befragten (Alina, Louis, Rosa und Stefan) fanden insbesondere diesen Teil am interessantesten, schätzten die Tatsache, „dass unsere Meinungen gefragt und geschätzt werden“.
Wer Bertha von Suttner war, wussten alle schon zuvor – es ist nicht nur die Namenspatronin des schwimmenden Schulgebäudes an der Donauinsel. Es gibt eine eigene Ecke in einem der Gänge mit Infos über die Friedens-Nobelpreisträgerin. Aber manche erfuhren auch einiges Neues, andere hatten schon in einem einwöchigen Projekt in der Klasse sich selber sehr viel über Suttner erarbeitet.
Mitten im Sommer, zweieinhalb Monate vor dem Start des Kinofilms „Checker Tobi und die Reise zu den fliegenden Flüssen“ (5. Oktober 2023) durfte Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… – wie andere Medienvertreter:innen – den Film in einem digitalen Sichtungslink am Computer anschauen, um danach DEN Protagonisten, Tobias Krell alias Checker Tobi, seit zehn Jahren Wissenserklärer (nicht nur) für Kinder im TV, per Onlinevideo zu interviewen. Hier die verschriftlichte Form.
KiJuKU: Xin chào, sain baina, bom dia – ich find gut, dass ihr Begrüßungen und Dankes in den Sprachen der Hauptdrehorte eingebaut habt, leider nicht in der der Jupaú im brasilianischen Regenwald. Die ersteren kannte ich schon, das zuletzt genannte hätte mich brennend interessiert, weil ich das auch nirgends im Internet gefunden habe.
Tobias Krell: Das haben wir bestimmt auch gedreht, aber es ist offenbar dem Schnitt zum Opfer gefallen. Wenn ich es im Rohmaterial finde, lass ich es dir zukommen.
KiJuKU: Den Medieninformationen entnehme ich, dass durch die Pandemie einiges am Drehplan durcheinander gekommen ist. Gab’s dazwischen Überlegungen, Drehorte auszulassen oder wie die im Weltraum digital zu produzieren?
Tobias Krell: An dem Film haben wir jetzt insgesamt viereinhalb Jahre gearbeitet, und klar, auch, weil die Pandemie dazwischen kam und wir eine Menge ungeplanter Pausen einlegen mussten. Aber für die Naturaufnahmen haben wir nie daran gedacht, digital nachzuarbeiten. Die haben wir bewusst für die Kinoleinwand groß gedacht, und die sollten wirklich vor Ort entstehen, da gab es nie Zweifel. Mit Johannes Obermaier hatten wir dafür außerdem einen meisterlichen Dokumentarfilmer an der Kamera. Aber ja, eigentlich hätte der Film schon vor zwei Jahren in den Kinos sein sollen, nach dem ursprünglichen Zeitplan.
KiJuKU: So manches wurde mit Drohnen oder von Hubschraubern aus gefilmt?
Tobias Krell: Nein, kein Hubschrauber gab es keine. Aber wir hatten immer zwei Drohnen dabei. Was gut war, weil in der Mongolei in der Kälte die große Drohne schlichtweg nicht gestartet ist. Dort und in manchen anderen Situationen dann haben wir dann mit der zweiten, kleineren gedreht.
KiJuKU: Wieweit warst du selbst in die Konzeption eingebunden oder „nur“ Protagonist? Die Freundschaftsgeschichte mit Marina, die du suchst und findest und mit der du dann gemeinsam reist, hat ja – laut Presseheft – einen realen Hintergrund?
Tobias Krell: Wie in der TV-Sendung bin ich ja Teil der Redaktion und bringe auch Ideen mit ein. Ich bin nicht derjenige, der die Folgen schreibt und recherchiert, aber ich bin derjenige der sie am Ende umsetzt und deshalb muss da sehr viel von mir drinstecken. Das Format heißt ja so wie ich und deswegen wäre es komisch, etwas zu schreiben, was nicht aus mir selbst kommt. So war das erst recht bei dem Film, bei dem ich von der ersten Idee an das mit Johannes Honsell (Buch und Regie) zusammen entwickelt habe und wir uns – noch gemeinsam mit der Regie-Assistentin Judith Issig – die Geschichte ausgedacht haben. Da haben wir viele Wochen zusammengesessen, überlegt, was könnte noch passieren, wo wollen wir noch hin.
Die Recherche der Orte und Protagonistinnen und Protagonisten war dann wieder bei den beiden. Einiges ist teilweise meiner Biografie entlehnt, es gab diese Kindheitsfreundin und auch diese Ersatzoma, die gegenüber gewohnt hat. Die hat zwar keine Schnitzeljagden mit uns veranstaltet, aber sie hat mir beispielsweise beigebracht, wie ich meiner Mama zum Geburtstag als Überraschung einen Kuchen backen kann.
KiJuKU: Zur Kindheitsfreundin gleich eine Frage, die wahrscheinlich viele Kinder – abseits des Inhalts und der beeindruckenden Bilder stellen würden: Habt ihr – du und Marina – euch eigentlich verliebt?
Tobias Krell: Nee, aber wir haben uns angefreundet. Wir haben uns schon vor dem Dreh bewusst viel getroffen und sind Freunde geworden und durch den Dreh auch in extremen Situationen noch mehr Freunde geworden, treffen uns auch immer noch ab und zu. Aber spannend ist, du bist der dritte erwachsene Journalist, der diese Frage stellt, ich hab aber auch schon Kinderreporterinnen und -reporter getroffen, die haben diese Frage noch nicht gestellt. Aber ich hab auch oft schon gedacht, mal gucken, wieviel Kinder denken >aha, aha…<“
KiJuKU: Wie kam die Auswahl der Drehorte zustande? Ich kann mir vorstellen, es gäbe ja Dutzende spannende mögliche Schauplätze wie zum Beispiel den großen Wald auf einer Sandbank im Brahmaputra (Indien), der vor 40 Jahren mit dem Pflanzen von einigen Bambusstauden durch Jadav Payeng begonnen hat…?
Tobias Krell: Für diesen Film war zuerst das Überthema Luft da. Also haben wir nach spannenden Orten, Phänomenen gesucht, die damit viel zu tun haben. Wir haben dann entschieden mit einer Mischung aus >Uuuuh, da wollten wir unbedingt schon mal hin< und was ist das Beeindruckendste und hat man vielleicht noch nie oder selten gesehen. Was kennen Kinder, vielleicht auch Erwachsene noch nicht. Ich glaube nicht, dass viele Leute in Österreich und Deutschland den ATTO-Tower (Amazon Tall Tower Observatory, 325 Meter hoher Forschungsturm im Amazonas-Regenwald) in Brasilien kennen. Also ein idealer Ort, um dort das Finale des Films zu erzählen.
KiJuKU: Apropos zu diesem Turm, vielleicht aber auch zur Höhle: Hat man bei ersterem, selbst wenn man angegurtet ist, nicht doch Schiss, in dieser Höhe, wo der Turm doch sicher auch stark schwankt?
Tobias Krell: Ja, tut er.
KiJuKU: Raufklettern und gar dann nach unten schauen, wie ging’s dir da?
Tobias Krell: Tatsächlich hatte ich enorme Höhenangst als ich vor zehn Jahren als Checker anfing. In diesen Jahren hab ich so viel mit Höhen zu tun gehabt, dass ich das komplett überwunden hab. Mir war das angeleint sehr recht, ich konnt da hochlaufen und es einfach nur genießen. Es war zwar anstrengend in den Oberschenkeln und im Popo, aber ansonsten war das da oben fantastisch!
Marina hat echt Höhenangst, hat das aber erst dort gemerkt, die musste sich sehr überwinden. Teile auf dem Turm haben wir mit einem Double nachgedreht, weil sie sich nicht noch einmal dieser Angst stellen konnte.
Da gab’s schon echt Herausforderungen, die an die Substanz gegangen sind. Auch die Höhle war mit Abstand das Strapaziöseste, was ich in den zehn Jahren Checker Tobi je gemacht habe. Wir waren vier Tage unter der Erde, mussten drei Nächte dort verbringen. Wir mussten klettern und schleppen. Es war heiß und es war nass und es war kalt und alles fast gleichzeitig – echt anstrengend.
KiJuKU: Und Angst vor Schlangen, Tieren, die in der Höhle kriechen, fliegen…?
Tobias Krell: Das nicht, ich bin da angstfrei, oder sagen wir eher neugierig. Das einzige was ich wirklich unangenehm fand: Auf dem Weg zu dieser Höhle in Vietnam muss man ja durch Flüsse laufen, dann wieder durch den Urwald, wieder Flüsse… Da ist alles voll mit Blutegeln. Jede und jeder von uns hatte die überall. Ich hatte welche am Bauch, am Arm, sogar am Kopf festgesaugt. Die sind zwar nicht besonders groß, aber ich fand das so widerlich.
KiJuKU: War von Anfang an geplant, dass nach dem Schwerpunkt Wasser im ersten Film, im zweiten Luft und später vielleicht noch die anderen Elemente Erde und Feuer kommen? Oder war der Erfolg des ersten Films dann erst der Start für den zweiten und hängt ab, ob der auch viele Zuschauer:innen hat, bevor entschieden wird, ob’s weitergeht?
Tobias Krell: Zweiteres. Wasser war ein naheliegendes Thema. Nach dessen Erfolg hat der Redaktionsleiter gesagt: >Hej, Leute, denkt über einen zweiten Film nach!< Dann haben wir über ein ganz anderes Thema nachgedacht und sind erst beim Recherchieren draufgekommen, lass uns doch einen Film über Luft machen, was dann auch die Möglichkeit einer Reihe offen lässt. Und da war die Herausforderung, dass man Luft nicht sehen und damit auch nicht als solches gut zeigen, aber trotzdem erlebbar machen kann. Und das haben wir ja versucht.
Es ist aber nicht so, dass in der Schublade jetzt die Konzepte für Feuer und Erde liegen, sondern wir schauen mal, ob die Leute diesen Film sehen wollen und dann gucken, wie wir damit weitermachen.
KiJuKU: Für den Fall, dass der jetzige ungefähr gleich erfolgreich ist, wird fortgesetzt?
Tobias Krell: Haben wir tatsächlich noch nicht darüber gesprochen – weder im Sender noch mit der Filmproduktion. Aber wenn, dann wäre ich gern dabei.
KiJuKU: Du hast vorhin erwähnt, ihr hattet auch durchaus eine andere Idee, was war die?
Tobias Krell: Ein Film, der sich geographisch mit Asien beschäftigt hätte, Ländern, Kulturen, insbesondere China wollten wir einen genaueren Blick widmen. Aber das war kein ausgereiftes Konzept, sondern nur so eine Art erster Idee.
KiJUKU: Wenn Fortsetzung mit den Elementen, dann nehm ich an, sollten auch andere Weltgegenden drankommen, zum Beispiel Afrika, oder?
Tobias Krell: Wenn wir bei diesem Konzept bleiben, dann finde ich, dass wir wenigstens in Teilen davon unbedingt den afrikanischen Kontinent und Kontext miterzählen sollten. Es gibt ja bei uns immer noch viele Leute, die oft Afrika so nennen als wäre es nur ein Land und nicht so viele unterschiedliche Länder.
KiJuKU: Als Klammer der beiden Filme geht’s doch auch darum, Rücksicht auf unseren Planeten, auf die Natur zu nehmen, gibt es dann aber bei solchen Filmen auch so etwas wie Flugscham? Einerseits zu vermitteln, passt auf die Natur auf, leistet jede und jeder einen Beitrag zum Erhalt der Welt, und wir fliegen jetzt mit Teams kreuz und quer um die Welt?
Tobias Krell: Total wichtiger Punkt, über den wir auch total viel nachgedacht und gesprochen haben. Wir machen einen Film, der sich zu großen Teilen mit der Klimakrise beschäftigt. Und um den Film zu machen, fördern wir durch krasse Flugreisen ans Ende der Welt die Klimakrise. Das ist ein Dilemma, das wir aushalten, aber natürlich thematisieren müssen. Natürlich haben wir die Flugreisen ausgeglichen und überlegt, so grün wie möglich zu produzieren was in weiten Teilen noch eine Illusion ist.
Aber, wenn wir es schaffen mit dem Film, der von einem Team von sieben Leuten produziert wurde, Hunderttausende zu erreichen, die dann anders oder umdenken, dann lässt sich das für mich erklären und ein Stück weit rechtfertigen. Und dann gehört dazu, dass wir uns in der ganzen Klimadebatte aus diesem Dilemma nicht ganz wegbewegen kann. Also, jede und jeder sollte und kann darauf achten, den eigenen ökologischen Fußabdruck so gering wie möglich zu halten. Aber erstens sind es oft dann doch sehr große Entscheidungen, die unbedingt auf politischer Ebene getroffen werden müssen. Und wenn wir mit unserem Film erreichen, dass einige mehr sich aktiv engagieren, mit den Fridays auf die Straße gehen und Umdenken von der Politik einfordern, dann haben wir schon was geschafft.
Auch die Klimaforschenden müssen immer wieder in den Flieger steigen, um nach Brasilien zu kommen und dort ihre Untersuchungen durchzuführen. In diesem Spannungsverhältnis bewegen wir uns ja alle irgendwie.
KiJuKU: Gab’s aber Überlegungen, anders zu reisen als zu fliegen, sozusagen wie Greta Thunberg dann mit dem Segelboot über den Atlantik gefahren ist? Oder ist so etwas völlig unmöglich?
Tobias Krell: Wir haben darüber nachgedacht und auch im Team nachgefragt, wer wenn es geht den Landweg nehmen würde. Aber, abgesehen davon, dass für den Dreh in der Mongolei in der Zwischenzeit ja Russland schon die Ukraine überfallen hatte, und daher das nicht in Frage gekommen ist, hätte man 14 Tage in eine Richtung gebraucht. Dann sind die Leute für diesen Dreh eineinhalb, zwei Monate weg – und dann erst die Kosten dafür!? Aber tatsächlich haben wir darüber nachgedacht.
KiJuKU: Aber selbst, wenn – also kein Krieg und schnellere Verbindungen am Landweg, ist ja das Absurde, dass Bahnreisen unheimlich viel teurer sind als Flugreisen.
Tobias Krell: Absolut, und da sind wir eben bei den Entscheidungen, die auf politischer Ebene in die Wege geleitet werden müssten. Wenn man immer noch mehr Geld ausgibt für den Ausbau von Autobahnen als für die Infrastruktur der Bahn, dann läuft meiner Meinung nach grundsätzlich was schief. Das ist dann auch etwas, das nicht Michael, 12 Jahre, und seine Familie verändern können, wenn sie sagen, sie wollen nicht mehr in den Urlaub fliegen.
KiJuKU: Apropos Kinder und Aktivismus. In dem Film kommen Kinder ja nur sehr am Rande vor. Ist daran gedacht, in möglichen Folgefilmen, (aktivistische) Kinder stärker bzw. überhaupt zu Wort kommen zu lassen und nicht nur als hustende Opfer wegen der schlechten Luft oder Fußball Spielende im Hintergrund?
Tobias Krell: Wir haben schon darüber nachgedacht, Jugendliche als Protagonist:innen noch mehr in den Mittelpunkt zu stellen. Wir haben auch bei dem Film zum Beispiel in der Mongolei mit der Familie und damit auch mit den Kindern viele Gespräche geführt. Im Endeffekt sind viele Dinge im Schnitt irgendwie entschwunden. (Anmerkung: In der Medieninformation steht, dass es 51 Stunden gefilmtes Material gibt.) Aber, ja, berechtigter Punkt. Ich dreh sehr gern mit Kindern und lass mir deren Welt zeigen. Das würd‘ ich mal mitnehmen in dieses mögliche nächste Kinoprojekt.
KiJuKU: cảm ơn, bayarlaa, obrigado – und hoffentlich irgendwann auch in der Sprache der Jupaú.
Geheimnisumwittert – so vielleicht die kürzeste Beschreibung des jüngsten Kinofilms mit Tobias Krell, der seit rund zehn Jahren im (Kinder-)Fernsehen Wissen anschaulich erklärt.
„Checker Tobi und die Reise zu den fliegenden Flüssen“ führt zu wenig bekannten, aber faszinierenden Orte auf der Welt. Im Kino müssen die Bilder wohl noch viel beeindruckender sein, als auf dem Laptop-Monitor, auf dem Medienmenschen sie schon vorab sehen konnten, bevor es Mitte der Sommerferien Online-Video-Interviews mit dem Protagonisten gab.
Mit ihm und Abenteurerfreundin Marina steigst du ein in die größte Höhle der Welt in Zentralvietnam, Hang Sơn-Đoòng. Neun Kilometer lang, stellenweise so hoch, dass der Stephansdom in einer der „Hallen“ locker reinpassen würde. Und während du die mehrtägige Wanderung mitmachst, stoßen die Abenteurer:innen auf einen sozusagen unterirdischen Urwald, weil aus der Höhlendecke vor Jahrhunderten ein großes Stück ausgebrochen ist und so die Sonne reinscheinen konnte und Pflanzen zu wachsen begannen.
Angesichts des vielen deutlich sichtbaren Atems kannst du fast mitfrieren in der Kälte der mongolischen Wüste Gobi, aber auch fast den Hustenreiz verspüren, unter dem die Kinder in der Hauptstadt Ulan Bator leiden, weil die vor allem Kohleöfen für die schlechte Luft sorgen.
Ebenso stockt der Atem bei den Anblicken des verbrannten Stücks Amazonas-Regenwald im brasilianischen Bundesstaat Rondônia, wohin der höchstens Mitt-20-jährige Bitate Uru Eu Wau Wau die Filmcrew bringt. Er, Angehöriger des nur 100 Menschen zählenden indigenen Volkes der Jupaú, ist auch ein Vorkämpfer für die Rettung des Regenwaldes. Was nicht nur im Interesse seines Volkes, sondern immerhin der ganzen Welt im Sinne eines erträglichen Klimas ist.
Die wunderbaren – noch Weiten – dieses Regenwaldes aus der Vogelperspektive erlebte Checker Tobi nach einem mehrstündigen Aufstieg auf den ATTO „Amazon Tall Tower Observatory“) Dieser Forschungsturm, 150 Kilometer nordöstlich der Amazonas-Hauptstadt Manaus ist 325 Meter hoch. Hier oben kann die wahrscheinlich reinste Luft der Welt gemessen und untersucht werden. Bei den Einstellungen in den oberen Regionen des Turms können schon beim Zuschauen die Knie schlottern, auch wenn die Protagonist:innen wie Bergsteiger:innen angeseilt und -gegurtet sind.
Und erst von hier aus – gegen Ende des eineinhalbstündigen Films – wird auch das Geheimnis des Filmtitels gelüftet, das hier natürlich nicht verraten werden soll.
Apropos Geheimnisse: Die Reise in diese drei genannten Weltgegenden ist eingebettet in eine Art Schnitzeljagd, bei der Tobi anfangs mit der Post eine alte Kiste – aus dem Nachlass seiner früheren Nachbarin, Frau Vogelsang – bekommt. Aber keinen Schlüssel dazu. Dafür Fotos, auf einem entdeckt er seine beste Freundin aus Kindertagen mit einem kleinen Schlüssel um den Hals. Und so macht er sich auf die Suche nach dieser Marina. Die ist nun Weltenseglerin. Und hat „natürlich“ noch immer diesen Schlüssel. Die Gegenstände in der Kiste führen sie zu den genannten Orten, wo sich jeweils weitere Hinweise finden – auch wenn manche eher sehr unwahrscheinlich sind, wie das kleine Ledertäschchen fast an der Spitze des oben erwähnten Forschungsturms…
Aber jedenfalls sehenswert – und vielleicht auch dazu angetan, sich für den Erhalt solcher Stücke des Welt-Naturerbes zu engagieren. Wobei sich das ganze Team, wie „Checker Tobi“ im Interview auf eine diesbezügliche Frage sagte, schon lange und ausführlich überlegt hat, ob solche (Flug-)Reisen nicht auch widersprüchliches Verhalten zu einem klimaverträglichen Leben sein könnten.
In den ersten paar Filmminuten ist die Erde vom Weltall aus zu sehen, Checker Tobi steckt in einem Raumfahrt-Anzug und muss eine wichtige Reparatur an der Außenhaut der Raumstation vornehmen. Aber dieser Dreh fand so nie statt, er ist digital entstanden. Laut Medienheft zum Film arbeiteten 26 Leute insgesamt 1000 Arbeitsstunden an der Sequenz. „Die Herausforderung war, Tobis real gedrehtes Gesicht nahtlos in den vollständig computeranimierten Weltraumanzug einzupassen und Tobis charakteristische Bewegungen
auch im animierten 3D-Körper zu erhalten“, sagt Matthias Zabiegly, Senior 3D Artist bei Aixsponza (jenes Unternehmen, das diese computergenerierten Minuten produzierte). Mit Hilfe eines hochauflösenden Gesichtsscans wurde ein Körperdouble von Tobi erstellt, das in
den offeneren Einstellungen zum Einsatz kam. „Wir wollten ein Weltall erschaffen, das sich vor größeren Produktionen nicht verstecken muss“, so Zabiegly (Seite 26 im Presseheft).
Vor einem halben Jahrzehnt hatte der studierte Soziologe, Politik- und Medienwissenschafter, Moderator und Reporter Tobias Krell – gemeinsam mit der Redaktion und einem Dokumentarfilm-Team – den Kinofilm „Checker Tobi und das Geheimnis unseres Planeten“ entwickelt und gedreht. Der kam 2018 in die Kinos, mehr als eine halbe Million Menschen haben den Film, bei dem sich alles ums Wasser dreht, gesehen. Daraufhin wurde beschlossen, einen zweiten Kinofilm dem Thema Luft zu widmen. Hätte eigentlich der schon vor zwei Jahren in den Kinos sein sollen, aber dann kam – eh schon wissen, was mit C beginnt und orona endet, weswegen alles verschoben werden musste.
Das, nein in dem Fall die, Biest ist leicht – sind doch alle Puppen und Figuren des Berliner Theaters „Das Helmi“ eher, sagen wir es zurückhaltend, nicht die allerschönsten. Dennoch zeichnen sie sich in ihrer Trash-Art der zusammengeflickten Puppen aus Schaumstoff und Stofffetzen durch Charme aus. Diesen gewinnen sie vor allem durch das Spiel des Trios Brian Morrow, Emir Tebatebai, Florian Loycke. Da machen sogar die Stoff-Pferdeäpfel, die den Zuschauer:innen zum Durchgeben überreicht werden, Spaß 😉
Wie der Titel „Der Schöne und die Biest“ naheliegt, rankt sich das knapp mehr als ½-stündige Stück (ab 4 Jahren) entlang etlicher der Motive des – vor allem durch die Zeichentrick- und Real-Verfilmungen sowie Musicalversionen bekannt gewordenen – (ur-)alten französischen Volksmärchens „Die Schöne und das Biest“ (La Belle et la Bête). Wegen des Fluchs im Märchens der aufgrund der Arroganz gegenüber einer scheinbar hässlichen Frau alle in eher unschöne Wesen und Dinge verwandelt, sind auch hier alle hybride Charaktere. Dennis, die Hauptfigur ist sowohl Pferd (als Puppe) als auch Mensch (Emir Tebatebai, der ersterem Stimme und Bewegungen verleiht). Der Stich an den Rosenstacheln ist hier der Pieks mit einer riesigen Spritze der Apothekerin – dem anfangs fast alle zum Opfer fallen. Dennis kann mit seinem Vater flüchten, der der Sonnenblume ein rotes Blatt entreißt, die ihm dafür ein Stück Hand abschneidet – Vergeltung sozusagen.
Turbulent, mitunter chaotisch, spielt das Trio die ver-rückte Geschichte mit so mancher Wendungen, die nicht immer leicht nachzuvollziehen ist. Wobei’s um die nicht vordergründig geht, sondern um den Spaß am Spiel – das mitunter düster gerät und einigen der jungen Kinder Angst einjagt(e). Die Spielfreude des Trios, das hin und wieder auch singt – und Gitarre (Florian Loycke) sowie Schlagzeug (Brian Morrow) bedient – überträgt sich schnell und gut auf das Publikum. Da wären die Anklänge an überwutzelte Kasperl-Vorstellungen zu Beginn mit „Seid ihr alle da?“ usw. gar nicht nötig gewesen.
Ein Gutteil des Charmes ergibt sich neben dem lustvollen Spiel auch aus den gleichsam Müll-Puppen. In Zeiten, wo Nachhaltigkeit, Re- und gar Up-Cycling gar zur (Über-)Lebensfrage, nein nicht des Planeten – der wird auch ohne uns auskommen -, sondern „nur“ der Menschheit geworden ist, steckt da noch dazu so „nebenbei“ eine Botschaft drinnen. Wenngleich die möglicherweise gar nicht beabsichtigt ist, weil „Das Helmi“ so schon seit Jahrzehnten arbeitet, oder wie es auf deren Homepage über den Beginn heißt: „Am Anfang des Berliner Puppentheaters stand zunächst eine alte Matratze. Ein paar Stoffreste und Draht ließen daraus Hänsel und Gretel entstehen. Eine zerschrammte Gitarre ließ die Puppen am Helmholtzplatz in Berlin tanzen. Sie hoben damit DAS HELMI aus der Taufe…“
Wer sich vielleicht einen Vorgeschmack auf den Anfang Oktober in die Kinos kommenden Film verschaffen will, kann sich beim offiziellen Buch dazu „Checker Tobi und die Reise zu den fliegenden Flüssen“ einlesen. Damit ist allerdings viel an Überraschung weg. Aber der Film lebt nicht nur von der als Detektiv-Geschichte angelegten Handlung, sondern vor allem auch von den wunderbaren, beeindruckenden Naturaufnahmen – ob in der weltgrößten Höhle in Vietnam, der mongolischen Wüste oder im Amazonas-Regenwald.
Das Buch zum Film bietet auch ein paar Fotos aus dem Film sowie solche vom Making of und damit Blicke hinter die Kamera.
Aber auch wer nichts spoilern möchte kann nach dem Kinobesuch noch ein wenig nachlesen, die bewegten Bilder vielleicht beim lesen noch einmal vors geistige Auge „zaubern“ …
Witziges zeitliches Zusammenfallen: Zwei – komplett unterschiedliche – Theaterstücke nahmen Anleihe bei hierzulande vor allem durch Filme bekannte Profikillern. Während seit mehr als einer Woche im Theater Forum Schwechat „Die Nervensäge(n)“ läuft, gastiert im Dschungel Wien die Puppentheatergruppe „Das Helmi“ aus Berlin. Neben einem Stück für Kinder, „Der Schöne und die Biest“, spielten Florian Loycke, Brian Morrow und Emir Tebatebai (ab 15 Jahren) auch „Leon, der Profi“.
Hier ist die Hauptfigur ein sogenannter „Cleaner“ – Wegräumen und Wegputzen per Knarre ist sein Job (der gleichnamige Film von Luc Besson aus 1994). Kaltblütigkeit ist die dafür die Grundeigenschaft. Außer für eine leicht monsterartigen Pflanze zeigt er keine Empathie. Und dann das: Matilda, das 12-jährige Mädchen aus der Nachbarwohnung bewundert ihn – nicht wissend, was sein Job ist -, entwickelt Gefühle für Leon. Mathildas Mutter dürfte in einem ähnlichen Business tätig sein wie Leon. Die ganze Familie wird in einer Art Mafia-Clan-Kampf ausgerottet. Lediglich Mathilda überlebt. Und will Rache an der Bande, angeführt von einem korrupten Oberpolizisten namens Gary Oldman üben. Sie sucht Zuflucht bei Leon, will von dem dessen Handwerk, das sie mittlerweile kennt, erlernen. Im Gegenzug bietet sie ihm an, dem Analphabeten Lesen und Schreiben beizubringen.
Viel wichtiger als die Story sind in der Version von „Das Helmi“ einerseits die voll schrägen Puppen aus Schaumstoff und Stoffresten. Sie wirken alle irgendwie zusammengeflickt aus vielleicht achtlos weggeworfenen Resten. Sind mitunter nicht gerade stabil, können den einen oder anderen Körperteil auch schon einmal während des Spiels durchaus unabsichtlich verlieren. Re- und Upcycling – oder wie es so manche Kinder (noch) können – aus allem Möglichen, das sie umgibt, die ver-rücktesten Fantasiefiguren und -geschichten erfinden und spielen. Sofern sie nicht zu früh mit perfekt gestyltem Kunststoffzeugs zugemüllt und ihrer Fantasie beraubt werden.
Eine sehr charmant und immer wieder witzig inszenierte (seit 18 Jahren an die 100 Mal gespielt) – manchmal auch aus überspielten Hoppalas – Performance, die – in dieser Puppenversion – nicht zuletzt davon lebt, dass die 12-jährige Mathilda trotz ihrer Schicksalsschläge nie aufgibt und von Anfang an die treibende Kraft von „Leon, der Profi“ ist.
Original als Theaterstück vor mehr als 50 Jahren geschrieben, vielfach aufgeführt und mehrfach – sehr erfolgreich – verfilmt, bringt das Theater Forum Schwechat Francis Vebers „Le Contract“ als „Die Nervensäge(n)“ nun erstmals in einer weiblichen Version auf die Bühne. Obendrein darf/kann/soll/muss das Publikum – vor Beginn der Vorstellung (rund zwei Stunden, inklusive einer Pause) – entscheiden, ob es ein gutes oder böses Ende sehen will.
Zunächst kürzest zusammengefasst die Story: Zwei Hotelzimmer in Nizza nebeneinander. In einem hat sich eine Profikillerin (im Original ein Mann) einquartiert, um vom Fenster aus einen Verbrecher zu erschießen. Der soll aus dem Gefängnis ins Gerichtsgebäude gegenüber gebracht werden, um in seinem Prozess auszusagen. Davor zittern dessen Hintermänner weswegen sie ihn zum Schweigen bringen woll(t)en. Bei diesem Vorhaben wird die Auftragnehmerin andauernd durch die Zimmernachbarin, eine Fotografin, gestört. Die will sich aus unglücklicher Liebe umbringen. Ihr Mann hat sie wegen einer Psychiaterin verlassen (auch hier die Rollen geschlechtermäßig ausgetauscht).
In der Inszenierung (auch Stückfassung und Bühnenkonzept) von Marius Schiener spielt die künstlerische Leiterin des Theaters (übrigens im Netz der Wiener Linien und nur wenige Gehminuten von der S-Bahn-Station entfernt), Manuela Seidl die zuletzt Genannte, Françoise Pignon, überzeugend nervig. So, dass du als Publikum richtiggehend Mitleid mit der Killerin kriegst. Eigentlich müsstest du doch froh darüber sein, dass die potenzielle Mörderin ständig ihr Gewehr immer wieder zerlegen und verstecken muss, wenn die Zimmernachbarin anklopft und durch die Zwischentür reinkommt. Würde doch dadurch ein Menschenleben gerettet und obendrein der Kriminelle Obergauner vielleicht verraten können.
Doch die neeeervt halt wirklich. Und bald kriegst du Mitleid mit Jeanne Bertin, gespielt von Michelle Haydn. Nicht nur, weil sie wie es zunehmend scheint, ihren Job nicht erledigen können wird – wofür sie ziemlich sicher selbst von den Auftraggebern gekillt würde. Sondern vor allem, weil sie sich ständig die Geschichten über die große Liebe der Nachbarin zu ihrem noch immer angetrauten Mann Louis anhören muss. Und vor allem über die ach so dumme Kuh Constance Wolf, Psychiaterin deretwegen Louis sie verlassen hat. Oder – wie die „Nervensäge“ vermuten lässt -, die vielleicht auch nur ein willkommener Hafen für seine Ausreißversuche war.
Abgesehen davon, dass die Fotografin lediglich eine quietschbunte Polaroidkamera aus dem Profi-Kamera-Rucksack zieht, inszeniert sie ihre Suizid-Versuche sehr pseudomäßig: Aufhängen am viel zu niedrigen Griff der Kastentür: Später im Badezimmer von dem nur die Tür zu sehen ist, verursacht sie einen wasserleitungs-Bruch. Bei jeder Türöffnung spritzt es heraus – wofür unsichtbar die Regie-Assistentin Amy Parteli sorgt.
Die Psychiaterin, die später auftaucht, erweist sich auch als krasse Nervensäge, die nicht die vermeintliche Selbstmordgefährdete rettet, sondern die Killerin erst mit Medikamenten fast ins Koma schickt, um sie später mit anderen Medikamenten aufzuputschen. Auch Barbara Novotny kriegt ihre nervigen Auftritte wunderbar glaubhaft hin.
Andràs Sosko als Darsteller des (Ex-)Mannes Louis bleibt übrigens ebenso eine Nebenfigur wie der fast clowneske Polizist (Bruno Reichert), der zwischen Aufdecken der Killerin und Komplizenschaft pendelt, der die meiste Zeit im Kasten im Hotelzimmer versteckt ist. Wenngleich auch „nur“ eine Nebenfigur, sorgen die Auftritte des Hotelboy (Aleksander Fahrner) immer wieder für Situationskomik.
„Die Nervensäge(n)“ ist vielleicht – trotz Pause – ein wenig zu lange geraten, um auch die Energie und den skurrilen Humor über die ganze Zeit zu halten.
A propos „Female Version“: Das Theater Forum, das im Frühjahr den Kultfilm „Muttertag“ wieder auf die Bühne (zurück)brachte, kündigte – wie hier schon damals zu lesen war – an: „Wir schreiben eine Fortsetzung – Vatertag – die Frauen schlagen zurück. Realsatire: Was die Männer können, können die Frauen schon lange und wenn sich der Opa auf den Willi setzt, macht die Oma ihn mit ihren Gesangskünsten fertig. Eine Antwort auf Muttertag, nur über 30 Jahre später! Alles hat sich geändert, die Emanzipation hat Einzug gehalten, es wird gegendert, was das Zeug hält, aber haben wir uns tatsächlich weiterentwickelt?“ Premiere: 4. Mai 2024.
Die ersten vier Minuten fast ganz dunkel – Helligkeit kommt höchstens von Kleidungsstücken anderer Zuschauer:innen. Da konzentrierst du dich ziemlich schnell aufs Hören. Und vernimmst Tröpfeln, das sich nach und nach zu Regengeräusch auswächst. Oder ist es nur eine Soundinstallation?
Nein, es ist echtes Wasser das in „Leak“ von der Decke in eine breite Rinne tröpfelt bzw. strömt – das siehst du, wenn nach und nach, anfangs sehr zögerlich ein wenig Licht auf den Wasserstreifen fällt und später auch den ganzen Raum im Salzburger Toihaus Theater erhellt. Und damit das Tropfen und Plätschern um ein optisches Schauspiel mit vielen Zufallsbewegungen ergänzt, natürlich erweitert. Vor allem die unzähligen Springbrünnchen die sich ergeben, wenn die von oben fallenden Tropfen auf die Wasseroberfläche treffen und selber wieder hochspringen bzw. Artgenossen zum Hüpfen mitziehen.
Nach Ton und Textilien sind nun Flüssigkeiten als Ausgangsmaterial für Performances in diesem Theater dran. Cornelia Böhnisch, künstlerische Co-Leiterin vom Toihaus, hat diesen – wie sie es bezeichnet „Spaziergang mit den Ohren“ experimentell mit der Performerin Elena Francalanci entwickelt. Ungefähr nach der Hälfte der halbstündigen minimalistische performativen Installation betritt diese die Bühne, kniet sich neben die Wasserrinne und beginnt mit dem Wasserlauf zu spielen – erst zaghaft, mit Fortdauer steigert sie ihre Armbewegungen, mit denen sie versucht Wasser auf die Seite zu schieben, wodurch sie natürlich Wellen erzeugt.
Das entspannende, kontemplative Spiel wird begleitet, sozusagen untermalt von ebensolcher Musik. Jan Leitner, der bei allen Proben dabei war, nahm das experimentelle Spiel auf und komponierte den Soundteppich aus Geräuschen, Klängen und Tönen, der als ein weiterer Puzzlestein das Hörbild abrundet.
„Du kannst Wasser nicht glatt streichen!“ nannte Böhnisch den Ausgangspunkt für „Leak“, das ebenso wie die Vorgänger-Produktionen vor allem viele Bilder und Assoziationen im Kopf der Zuschauer:innen erzeugt, im Nachgespräch mit vor allem Jugendlichen jener Vorstellung, die auch Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… besucht hat.
Wie bei den anderen von Materialien ausgehenden experimentellen Performances folgt auch dieses Mal ein eigenes Stück für sehr junges Publikum. „Hörst du das Wasser glitzern?“ ist ein „Klangspiel“ von Yoko Yagihara, das Mitte Oktober Premiere hat – KiJuKu wird berichten.
Compliance-Hinweis: Das Toihaus Theater übernahm die Fahrtkosten von Wien nach Salzburg und zurück.
Seit gut drei Jahrzehnten bereichert „Der Regenbogenfisch“ von Marcus Pfister den Ozean der Bilderbücher mit seinen Glitzerschuppen, „schwimmt“ nicht selten auch über Bühnen – ob großer in Theaterhäusern oder kleinerer in Schulen und Kindergärten. Buntheit, Farbenfröhlichkeit, anders aussehen, Vielfalt. Das freut (nicht nur) Kinderherzen.
Der glänzende, glitzernde Star unter den Meeres-Bewohner:innen neigt aber auch zur Eitelkeit: Seht mal her, wie schön ich bin.
So tritt er in der kunterbunten, rasanten, verspielten Inszenierung des niederösterreichischen Landestheaters St. Pölten in der Spielstätte Bühne im Hof in Erscheinung. Und lässt die Fischkolleg:innen Joey und Jacky mit deren Bitten, ihnen doch wenigstens eine seiner Glitzerschuppen zu schenken, kalt abblitzen. Was die fast 300 Kinder im ausverkauften Saal spontan gar nicht gut fanden, ja sie begannen sogar zu rufen: „Du bist echt gemein!“
Klar, dass es am Ende gut ausgeht und der Star doch zu teilen beginnt. Bis er das lernt, muss er natürlich noch bittere Erfahrungen machen. Die beiden genannten vormaligen Freund:innen wenden sich beleidigt von ihm ab, Sardellen würden ihn zwar in ihren Schwarm aufnehmen. Aber das will er wiederum nicht. Von der Einsiedlerkrebsin hört er, allein sein ist gar nicht so schlecht – und es ist bei Weitem nicht dasselbe wie Einsamkeit, die unglücklich macht. Aber genauso fühlt sich der Regenbogenfisch, er vermisst Jacky und Joey… Ein Unterwassersturm weht seine Geschichte an den weisen Oktopus.
Die eigene leidvolle Einsamkeit und dessen Lehre, teilen würde ihn wieder glücklich – und dadurch sogar noch schöner machen, bringen die Story zum Happy-End, denn auch Jacky und Joey vermissen den vormaligen Freund – samt Lehrsätzen, dass Freund:innen auch trotz Streitereien zueinander halten…
Diese Passage ist die einzige in der mitreißenden Inszenierung (Verena Holztrattner), die zu sehr mit Zeigefinger daherkommt. Was gar nicht notwendig wäre, wie die oben geschilderten – und viele weitere spontane – Reaktionen der vorwiegend sehr jungen Kinder zeigte – zumindest bei der Vorstellung, die Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… eine Woche nach der Premiere besuchte. Das Stück basiert auf dem gleichnamigen Bilderbuch von Marcus Pfister und lebt hier auf der Bühne von Spiel- und Wortwitz neben der üppigen, bunten Ausstattung.
Das Programmheft enthält auch ein Labyrinth, das von jenem im Sammelband „Der Regenbogenfisch und seine Freunde“ inspiriert ist – und nicht wie im Programmheft angegeben von Band 6, „Der Regenbogenfisch entdeckt die Tiefsee“.
Sven Kaschte (Regenbogenfisch) spielt sehr glaubhaft und überzeugend den Wandel von „seht her, wer ich bin“ über Trauer angesichts der Einsamkeit bis zur Erkenntnis, dass Teilen mehr bringt als „alles mein’s!“.
Katharina Rose und Florian Haslinger zeigen sich durch vielfältigen Rollenwechsel sehr wandlungsfähig. Beginnen und enden sie als die beiden genannten Fische Joey und Jacky, so „schwimmen“ sie als Sardellen sogar ins Publikum und machen die Zuschauer:innen zu Teilen des großen Schwarms. Rose verwandelt sich weiters unter anderem in eine Taucherin, die Einsiedlerkrebsin und einen der beiden sprechenden Arme – mehr ist vom Oktopus gar nicht auf der Bühne zu sehen. Ihr Kollege – Sardelle und zweiter Kraken-Arm – Haslinger wird auch Hai und Seestern – mit Radschlägen, die auch als Ratschläge verstanden werden können.
Humor strahlen auch die Bühne – u.a. mit Badewanne, aus der immer wieder Seifenblasen aufsteigen – und die vielfältigen Kostüme (Michael Lindner) aus. Die Musik (Musik: Valentin Danler) rundet die Aufführung ab, die die meisten der Kinder mitriss – so sie nicht von den begleitenden Pädagoginnen eingebremst wurden.
In „Der Regenbogenfisch entdeckt die Tiefsee“ hat die Hauptfigur schon nur mehr eine der schillernden, glitzernden Schuppen. Und verliert auch diese noch am Rande einer Klippe zur Tiefsee. Vor der ihn sein bester Freund – und der weise Oktopus – ohnehin schon gewarnt hat. Aber, diese Schuppe muss er wieder kriegen. Während der blaue Fisch um Hilfe schwimmt, taucht der Regenbogenfisch hinab in die Tiefe, erlebt gefährliche Begegnungen, findet aber auch viele neue Freund:innen, darunter auch leuchtende. Die Dumbokrake will ihm gar ein neues Glitzerkleid verschaffen. „Aber ich brauche keine neues Glitzerkleid. Ich möchte nur m eine Schuppe wiederhaben…. „Dann brauchen wir nur mehr Licht“, sagte der Leuchtkalmar.“
Und klar, Happy End: Die verloren gegangene Schuppe wird wieder gefunden.
Schon vor einigen Jahren ist ein Sammelband mit fünf der vorher im Sch nitt alle fünf Jahre erschienen neuen Abenteuer des Unterwasser-Stars zwischen zwei Buchdeckeln – mit Glitzerfolien auf den Titelseiten – erschienen. „Der Regenbogenfisch und seine Freunde“ enthält fünf vollständige Geschichten – Details in der Info-Box. Un dazu unter „Spiel und Spaß“ unter anderem ein Rezept für Regenbogenfisch-Kekse, ein Labyrinth, ein Ausmalbild, eine Bastelanleitung für eine Unterwasserwelt und ein Lesezeichen – weitere Aktivitäts-Tipps übrigens auf der eigenen Regenbogenfisch-Website – Link in der Info-Box.
Follow@kiJuKUheinz
Zwei Tage bevor in Klagenfurt der Prozess um einen großangelegten Betrug mit Kryptowährung (EX W Wallet) mit acht Angeklagten, 300 Seiten Anklageschrift und rund 40.000 Betrogenen begann, startete im Wiener Theater Drachengasse ein äußerst humorvolles Stück über den allerersten „Pyramiden“-Spiele: „Herr Ponzi sucht das Glück“. Also Fortsetzung der „Glückssträhne“ nach „Beyond Häpiness“ in einem Teil des Semper-Depots und einer Horoskop-Geschichte („Obstacles in our sky“) im Dschungel Wien. Und in der Drachengasse geht’s gleich kommende Woche weiter im zweiten Theaterraum mit „Glückskind“ von Melike Yağız-Baxant, ausgehend von der Basis ihres Textes, der vor zwei Jahren mit einem der Exil-Literaturpreise belohnt worden war.
Den Herren gab es wirklich – unter den Namen Charles Ponzi, aber auch mit den Vornamen Carlo, Carl, zeitweise trat er unter dem Namen Charles P. Bianchi bz. Später als Charles Borelli auf. Geboren im italienischen Parma (1882) wanderte er 1903 in die USA auf, weil – so die Legenden, dort das Geld auf der Straße liege. Angeblich mit lediglich 2 Dollar und 50 Cent angekommen. Zum Tellerwäscher und anderen derartigen Jobs schaffte er es schnell. Das mit dem großen Geld sollte aber noch lange auf sich warten lassen. In der Zwischenzeit landete er – aufgrund eigener oder anderer Betrügereien in Gefängnissen der USA und Kanadas.
1920 dann die große „Stunde“ des Herrn Ponzi. Zunächst wollte er mit den Preisdifferenzen von Antwortscheinen zwischen Europa und den USA ein Geschäft machen, was so nicht klappte.
Bis er auf die Idee kam, dafür Anteilsscheine mit der Aussicht auf hohe Gewinne – Verdoppelung in 90 Tagen – zu verkaufen. Was anfangs funktionierte – wie bei den meisten Pyramidenspielen; in seinem Fall nicht zuletzt, weil Reiche, die ihr Geld nicht so wirklich brauchten, es im System ließen, um höhere und noch höhere Gewinner in der Zukunft zu lukrieren. Kurzfristig wurde Ponzi zum Vielfach-Millionär – bis der Betrug aufflog – und er (wieder einmal) im Gefängnis landete. Um danach zu weiteren Betrügereien anzusetzen, letztlich aber 1949 in der Armenabteilung eines brasilianischen Krankenhauses fast blind un halbseitig gelähmt starb.
Sein Trick wurde so berühmt, dass solche Ketten- zw. Pyramidenspiele teilweise noch heute als Ponzi Scheme bezeichnet werden. Außerdem wurde der Erfinder dank einer gewissen romantischen Verehrung, weil er sozusagen ein wenig umverteilt hatte, zum Mythos.
Stefan Lasko und Roman Blumenschein waren zufällig auf diese Geschichte gestoßen, Lasko begann zu recherchieren, vertiefte sich in die Biographie Carlo Ponzis, fand viele viel weniger bekannten (Neben-)Geschichten. Unter anderem jene darüber, dass er viel Haut spendete, um einer Krankenschwester mit großflächigen Verbrennungen zu helfen. Und nicht zuletzt
über die große Liebe Ponzis zu Rose Gnecco. Die beiden heirateten ungefähr zu der Zeit als die große Ponzi-Masche begann, ließen sich scheiden als er ins Gefängnis kam – und schreiben sich aber bis zu seinem Lebensende (Liebes-)Briefe. Deshalb vepassten sie dem Stück auch einen Untertitel „oder L’amore ai tempi del dollaro“ (Liebe in der Zeit des Dollars).
Lasko schrieb das Stück und führte Regie, Blumenschein schlüpfte in die Rolle des Dandy-haften Charmeurs und Um-den-Finger-Wickler Ponzi. Agnes Hausmann spielt nicht nur Rose, sondern switchts blitzschnell in gut ein Dutzend Rollen – Ponzis Mutter, einen Mafioso, der Mithäftling Ponzis war, Zöllner, und, und, und.
Dritter im Bunde auf der Bühne ist Stefan Galler als Live-Musiker. In der Art eines Bar-Pianisten entlockt er dem „getarnten“ Keyboard unterschiedlichste die jeweilige Stimmung untermalende bis hervorhebende Klänge. Zu Beginn mit Anklängen an die Melodie aus den italienischen Zeichentrickfilmen „Herr Rossi sucht das Glück“. Hin und wieder schlüpft er auch in die eine oder andere Nebenrolle.
Bühnenboden und -wände (Bühne, Dramaturgie: Sebastian Schimböck) sind schon Beginn an mit diversen Kreideschriften verziert, die während des nicht ganz 1 1/2 -stündigen Spiel immer wieder ergänzt bzw. verändert werden – mit so manchem (Wort-)Witz, wenn Blocton im US-Bundesstaat Alabama als alla Parma geschrieben wird. Oder die unterste Stufe für die Publikumstribüne mit „Stairways to heaven“ (Treppe zum Himmel) beschriftet ist.
Die – zwischen den beiden Publikumstribünen des Theaters Drachengasse – ungefähr dreieckige Bühne strahlt das Flair zwischen Bar und Mafiafilm-Hinterzimmern aus – alles mit einer fast durchgängig präsenten Note von Schmäh und einer gewissen Sympathie für den tragischen Helden; oder wie es der Autor beim Mediengespräch vor der Premiere nannte, „vielleicht habe ich mir den Herrn Ponzi auch ein wenig schöngeschrieben“.
Und nicht zuletzt atmet die Aufführung auch eine Ebene mit, dass vielleicht gar nicht das große Geld jenes Glück war, nach dem Ponzi zeitlebens strebte, sondern – siehe Untertitel mit L’amore …
Eine völlig schräge, clowneske Show mit einem Feuerwerk an höchst sonder- und wunderbaren, verspielten Szenen eines nicht mehr ganz jungen Mannes zwischen allerlei Zeugs – von toten Bäumen, Ästen über uralte Zeitungen, Luftballons und vielen Kunststoffkübeln und mit immer neuen Dingen, die er hinter einer Wand hervorholt. Oder durch sie hindurchschiebt. Das ist „15 Eimer Sauerkraut mit Rutsche“ von und mit Stefan Ebner, Mastermind der Performancegruppe MFDNS (Material für die nächste Schicht), die derzeit im Projektraum des Kulturhauses WuK (Werkstätten- und Kulturhaus) in Wien-Alsergrund über die Bühne geht (ab 5 Jahren, eine noch skurrilere und längere Version für Erwachsene („Und die Landschaft in einem Luftballon“).
Der Performer latscht unter anderem in zwei Kübeln anstelle von Schuhen über die Bühne, steigt später mit Socken in ein Fuß-Massagebad, besprüht sich und seinen mit einer Zeitung bedeckten Kopf mit Wasser, zieht – mit ein wenig Wasser befüllte – Luftballons an Gummischnüren hinter sich her wie eine Schar schnatternder Gänse und … ach alles lässt sich gar nicht aufzählen, welch ver-rückten Dinge er da in dieser Stunde vorführt. Ins Spiel versunken wie in junges Kind, das aus den Gegenständen um sich herum die traumhaftesten Spiele erfindet.
Ach ja: Soviel darf gespoilert werden: Sauerkraut kommt keines vor, dafür aber „wächst“ eine Rutsche durch die Kartonwand 😉
Und dann hat die Performance noch eine zweite Dimension, die mitspielt, wenn das erste Wort im jeweiligen Stücktitel – das hier oben bewusst weggelassen worden ist – „Vergessen“ steht da; und in der Beschreibung ist die Rede von Demenz. Womit die Performance eine ganz andere (Be-)Deutung erhält. Ein alternder Mensch, der den üblichen Gebrauch der Dinge vergessen hat, der selber vielleicht von anderen vergessen wurde/wird. Der aber immerhin das erlebt, was Kinder (noch) können: Im Moment leben, ins Spiel versinken.
In solches können Kinder und Kind-Gebliebene auch am Wochenende im Projektraum abseits der Bühne beim „Labor: Astwerk eintauchen“ (siehe Info-Block). Material für die nächste Schicht hat Äste gesammelt und daraus eine Art großer Mobiles gebaut, die erlebt, be-griffen und verändert werden können…
Mehr als 100 Jugendliche zeigten in der Ovalhalle und der Arena 21 Im Wiener MuseumsQuartier beim Festvial DWG – Demokratie, was sie draufhaben und ihnen wichtig ist, sie brachten ihre Gedanken, Wünsche, Forderungen, Themen zu Gehör – nicht zuletzt mit Plakaten, auf denen in verschiedenen Sprachen stand: jede Stimme braucht eine Bühne.
Ungefähr zu dem Zeitpunkt als dieses Festival endete, startete im Rahmen der Saisoneröffnung im wenige Meter entfernt gelegenen Theaterhaus für junges Publikum, dem Dschungel Wien, ergänzend und erweiternd zu dessen drei Bühnen, eine vierte, eine digitale.
Myassa Kraitt, Emily Chychy Joost und Mercy Mercedes, die für Konzept und Produktion verantwortlich sind, gaben den Startschuss für die vierte, die digitale Bühne des Dschungel Wien. Ab diesem Zeitpunkt war auf YouTube das knapp mehr als zwei Minuten, schnell geschnittene Video „GL!TCH4“ online.
Auf Deutsch und Englisch sagen darin Jugendliche unter anderem: „Jede:r braucht einen Raum, um gehört und gesehen zu werden, denn es gibt so viel zu erzählen, so viel zu verstehen… sie erzählen dir Märchen, dass du irgendwer wirst, dabei brauchst du nur Raum, wer du jetzt bist… Wir claimen den Space (beanspruchen den Raum) mit Geschichten von morgen… Meine Bühne, weil ich anders bin.. ich nehm dich mit und zeig dir, was mir wichtig ist…“
Und diese digitale Bühne wird künftig weiter bespielt, wandert aber am zweiten Eröffnungswochenende auch in den analogen Raum, mit der „Voting Party“ am 30. September 2023 unter dem Titel „Wem gehört die Bühne?“. In der Ankündigung liest sich das unter anderem so: „Die Bühne 1 wird ein hybrider Ort, in dem wir durch Poetry, Tanz und Performance Wünsche und Forderungen junger Künstler:innen und Besucher:innen offenbaren. Dieser Abend widmet sich abwechselnd Spoken Word, Voguing, Comedy, Tanz und bietet Möglichkeit den eigenen Positionen, Wünschen und Träumen via Open Mic und dem tänzerischen Einnehmen der Bühne Ausdruck zu verleihen. Mit der Voting Party möchten wir Repräsentation, das Zurückreden und inhaltliches Mitspracherecht von jungen Menschen und mehrfach-marginalisierten Positionen Platz einräumen und gemeinsam laut werden. Zusammen auf der Bühne fragen wir: Was wollt ihr sehen? Wer soll bestimmen? Wem gehört die Bühne?
Alle, die kommen möchten, haben im Rahmen der Party die Möglichkeit, ihre Stimme abzugeben und somit aktiv mitzubestimmen, wie die Bühne der Zukunft aussehen soll.
Der letzte Höhepunkt des Abends werden die energetischen und tanzbaren Sounds eines Live DJ Sets von মm (sprich: mwo, wie aus dem bangla Alphabet) sein.“
Übrigens: Eines, wenn nicht das mitreißende Highlight des ersten Wochenendes der Eröffnung der neuen Saison im Dschungel Wien war sicher der – wenn auch nur kurz aber intensive – Auftritt des Duos EsRap.
Österreich wird dieses Mal bei den Meisterschaften der deutschsprachigen Wort- und Gedankenakrobat:innen von Südtirol vertreten. Nathan Laimer gewann am Wochenende – zum Auftakt der neuen Saison unter neuer Leitung im Dschungel Wien den U20 ÖSlam, die österreichischen Nachwuchsmeisterschaften im Poetry Slam der Menschen bis 20 Jahre.
Neben Paula (Wien) und Franziska Rieder (Steiermark) hatte die Jury ihn nach dem ersten Durchgang im Finale des vollbesetzten großen Saals im Theaterhaus für junges Publikum im Wiener MuseumsQuartier mit so vielen Punkten ausgestattet, dass dieses genannte Trio mit einem zweiten Wortkunst-Auftritt im Stechen antreten durfte/konnte/musste. Und sich danach das schon genannte Ergebnis – auch in der aufgezählten Reihenfolge ergeben hat.
In dieser zweiten Rede hatte sich Nathan Laimer (Südtirol) mit Angst auseinandergesetzt, ausgehend von dem bekannten Kinderspruch „Angsthase Pfeffernase, morgen kommt der Osterhase“. Und diese Angst vielseitig beleuchtet und sich ihr gestellt.
Paula (Wien) nahm sarkastisch-ironisch „nix is fix“ aufs Korn, wenn Menschen versprechen „ich komm“, um sich dann oft nicht nur zu verspäten, sondern gar spontan und letztlich was anderes, offenbar besseres vorzuhaben.
Ausgehend von dem weit verbreiteten Sprichwort „der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ hatte Franziska Rieder (Steiermark) darüber gedichtet, wie schwierig es ist oder fällt, sich gegen Vorgaben zur Wehr zu setzen, die in Familien oft über Generationen weitergegeben werden.
Vor dem 3er-Stechen, sozusagen dem finalen Finale, hatten Jugendliche und junge Erwachsene – bei U20 dürfen all bis einschließlich 20 Jahre mitmachen – aus allen Bundesländern (mit Ausnahme des Burgenlandes, wo die Landesmeisterin kurzfristig absagen musste) ihre durchwegs tiefsinnigen, (gesellschafts-)kritischen sowie poetisch und/oder sprachspielerischen Gedanken zu Gehör gebracht. Da hier – trotz Wertung der Jury – keine Reihenfolge bekannt gegeben wurde, seien sie hier alphabetisch (nach Vornamen) textlich kürzest zusammengefasst und in etlichen Fotos vorgestellt; darunter natürlich auch das schon genannte Trio, denn sozusagen im ersten Durchgang hatten sie ja andere Texte performt. Am Ende – bei der Veranstaltung machte sie den Anfang – kommt eine Gast-Poetry-Slammerin aus Deutschland vor.
Anja Knafl (Kärnten) verwandelte dabei die Annäherung an einen Felsen in Island fast in eine Metapher über „die hässliche Seite“ an Dingen (Menschen?), die zum jeweils wahren Sein dazugehört.
Constantin Eberle (Vorarlberg) sprach – ausgehend davon, dass er einer der wenigen Klima-Aktivist:innen seines Bundeslandes, der beim Aufbau von Fridays For Future dabei war, mit einer Vielzahl von Vorurteilen überschüttet worden war.
Finn (Oberösterreich) schickte der Rede eine Triggerwarnung voraus, denn sie handle von Ess-Störungen. Offenbar fühlten sich alle bereit der kunstvollen Rede über den häufig aufgedrängten Widerspruch zwischen Illusion, Perfektion und falschen Träumen zu folgen.
Franziska Rieder (Steiermark) sprach von „Licht naschen“, Ängsten und dem was so manche als normal bezeichnen wollen würden.
Loui (Niederösterreich) forderte das Publikum ganz schön heraus in Sachen Wissen über griechische Mythologie. Aber letztlich war das Plädoyer dafür, dass Jugendliche und nicht zuletzt Frauen sich entfalten sollen dürfen auch ohne die verwickelten Fäden im Labyrinth des Minotaurus verständlich.
Muhammed Dumanli trat als vorjähriger U20 ÖSlam-Meister an und setzte sich ironisch damit auseinander, dass er allzu oft höre, wie er zu sein hätte; was oft dazu führe, dass Menschen sich dann wenig bis gar nichts zu sagen trauen.
Nathan Laimer (Südtirol) fand, eine faire Welt zeichne sich unter anderem dadurch aus, dass „Anderssein nichts Besonderes“ ist und „normal kein Begriff“.
Paula (Wien) zitierte aus einem Brief des offiziellen Österreich, den sie bekam, als sie 18 wurde. Da wurde ihr zur Volljährigkeit gratuliert und daran appelliert, dass sie nun auch für dieses Land (Mit-)Verantwortung trage. Ihr spontanes Gefühl sei zwischen LOL und FCK gependelt. „Heimat, Vaterland… – meine Antwort: Widerstand!“
Selina Binderlehner (Tirol) zerpflückte humorvoll so manche Erwartungen an Online-Dating-Apps.
Thomas Winterstetter (Salzburg) hatte den Support seiner Schulklasse, die ihn nach Wien begleitet und sogar mittels Kartontafeln mit den Buchstaben seines Namens supportete. Er erzählte eine sarkastische Geschichte über ein Großaufgebot Uniformierter angesichts einer kleinen Kundgebung. Und wie er sich mit Hilfe eine Croissants opferte, weil die Demonstrant:innen gar nicht gewaltbereit waren, er aber den Frust der Polizei abfangen wollte, die in Aktion traten, als er nach dem Kipferl griff.
Wie schon oben erwähnt machten – außer Konkurrenz – eine Poetin aus Deutschland den Auftakt oder das Vorprogramm für die heimische Meisterschaft: Shafia Khawaja spielte gekonnt mit dem Satz „das muss man ja wissen“, der von oben herab Menschen an den Kopf geworfen wird. Insbesondere solchen, von denen jene, die diesen Satz schleudern, annehmen, dass die gegenüberstehende oder -sitzende Person Migrationshintergrund aufweise. Auch wenn diese vielleicht sogar schon in der dritten Generation im selben Land (bei ihr Deutschland, hier eben Österreich) lebt. Und sogenannte Autochthone das genauso nicht wissen.
Sein Name und die Zeichnung auf der Titelseite deuten schon darauf hin: Die hellste Kerze auf der Torte ist dieser König nicht. Simplicius Maximus und weil es davor noch keinen solchen Namens gegeben hat, der Erste, nannten die Eltern – König und Königin – ihren Neugeborenen. Natürlich riefen sie ihn nie in voller Länge, sondern meist Simpl oder Simpelchen.
So beginnt Brigitte Endres „Die fast ganz wahre Geschichte von König Simpl“ zu der Corinna Jegelka die bunten lustigen Zeichnungen beisteuerte, die jedenfalls Tollpatschigkeit des heranwachsenden Prinzen und späteren Königs nahelegen.
Die Autorin beschreibt ihre Hauptfigur als freundlich und ängstlich. Ob die zuletzt genannte Eigenschaft dafür verantwortlich ist, dass er nicht wirklich was lernen konnte/wollte? Jedenfalls meinte der Hauslehrer zum König: Der kleine Simpl ist sehr begabt, vor allem darin, rein gar nichts zu begreifen.“ Was den Vater offenbar wenig störte. Er meinte lediglich: „Ein König muss vor allem eines können: Befehlen.“
Und so unterrichtete der Lehrer seinen Schüler nur in diesem Fach, was seine Umgebung, die vor allem aus Dienerschaft bestand, fast zur Verzweiflung brachte. Der sehr junge Prinz fand es ur-lustig, anzuschaffen, dass die einen wie Frösche hüpfen, die anderen wie Hähne krähen sollten und so weiter.
Schlauer wurde Simpl mit zunehmenden Jahren nicht und so kam’s, dass er als König einmal in den Schlossteich plumpste und weil er nicht schwimmen konnte, befahl, dass alle Menschen dauernd mit einem Schwimmreifen rumrennen mussten.
Schon davor, als allererstes, hatte Simpl alle Messer verbieten lassen. Er hatte sich beim Schneiden einer Wassermelone – seiner Lieblings-Nachspeise – verletzt. Und weil er allen anderen keinen vorsichtigeren Umgang mit Schneidewerkzeugen zutraute, also das Verbot; er wolle nur seine Untertan:innen schützen…
War das hier zuerst Genannte äußerst unpraktisch, so hatte das Messerverbot unter anderem zur Folge, dass es beispielsweise nur mehr Suppen, Brei und ähnliches zu essen gab. Wie das Kartoffelpüree, das die Autorin mit aufzählt, zustande kam, ohne die Erdäpfel vorher zu schälen und danach im Idealfall auch klein zu schneiden???
Wie auch immer, alles wurde immer schlimmer.
Natürlich dachte sich die Autorin eine Wende aus. Die hängt mit einer klugen Prinzessin namens Sapperlotta zusammen. Warum ausgerechnet die sich auf den Simpl einlässt – das ist nicht wirklich schlüssig, aber…
… immerhin wird am Ende sie regieren und er sich um die Kinder kümmern. Denen kann er – ein bisschen gelernt dürfte Simpl haben – vermitteln: „Merkt euch Kinder: Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht…. Vor allem aber: Angst ist ein schlechter Berater.“
Boomt gerade Astro-, Eso-, und Glücksmagie? Oder ist es nur purer Zufall, dass fast zeitgleich mit einer Performance über Horoskope zur Eröffnung der neuen Saison im Dschungel Wien – „Obstacles in our Sky“ (Link zur Stückbesprechung am Ende des Beitrages) das Kollektiv Kunststoff in einem Teil des Atelierhauses der Akademie der bildenden Künste Wien „Beyond Häppiness“ aufführte. Die Schreibweise des Glücks deutet schon eine gewisse Distanz zu „Glücksritter:innen“ an und „beyond“ lässt Interpretationen zu von „darüber hinaus“, „jenseits“ oder auch dahinter.
Wie auch immer – da die aktuelle kurze nur drei Tage dauernde Spielserie schon abgespielt ist, kann auch viel geschildert werden, spoilern ist in dem Sinn ja nicht mehr möglich. Der hohe Raum auf einem rohen Bretterboden wird von einer großen vierseitigen Pyramide, die jeweils aus neun Dreiecken zusammengesetzt sind, beherrscht. Rund um diese setzen aus Klebebändern bestehende Linien die Pyramide sozusagen auf der Bodenebene fort (Bühne: Jo Plos). Entlang von acht dieser Linien sind – anfangs – je vier mit Helium gefüllte Ballons an Schnüren am Boden verankert.
So weit die Ausgangslage. Jede Zuschauerin und jeder Zuschauer kriegt einen Fragebogen. Die jeweiligen Antwortmöglichkeiten beispielsweis zu „Welcher Persönlichkeit kommst du am ehesten nahe?“ oder „Wovon hängt dein Glück am meisten ab?“ kleben auf den Ballons. Du musst/sollst/darfs/kannst jeweils A, B, C oder D einringeln. In Wahrheit kommt’s am Ende auf das Muster an, das sich ergibt, wenn du Linien von deinen Kreisen/Kreuzen ziehst 😉
Halt, nicht alle dürfen oder müssen von Ballin zu Ballon wandern. Die späteren Performer:innen in rosa Overalls (Kostüme: Sophie Baumgartner) mit schwarz-weiß bemalten Tiergesichtern, die die Fragebögen aushändigen, suchen sich Publikum erster Klasse aus, das sie nicht auf die Sessel platzieren, sondern auf gemütliche Couches, ihnen Sekt servieren und ein Tablet, auf dem sie gemütlich die selben Fragen digital beantworten – und vielleicht auch sich amüsieren beim Beobachten der Zuschauer:innen zweiter Klasse. Oder haben die vielleicht sogar das bessere Los gezogen, weil sie sich durch den Raum bewegen dürfen?
Haben alle im Publikum ihren Teil geleistet, starten Christina Aksoy, Raffaela Gras, Luigi Guerrieri, Patrick Isopp und Stefanie Sternig ihre nicht ganz einstündige Performance. Vom „oooohmmm“-Kreis über kleinste, sanfte Bewegungen zu Geräuschen (Komposition, Sounddesign: Peter Plos) von Papieren, in die mit schwarzem Pulver gefärbte zuerst in Wasser gewaschene Stein erzeugen (was als Bilder auf eine Pyramidenseite projiziert wird) über Anbetungsrituale an die Pyramide bis zu späteren mit ihren Körpern gebaute Maschinen, Skulpturen oder fiktive Selfie-Gruppenfotos.
Dazwischen holt eine Performerin eine Sense aus der Pyramide und schneidet den Luftballons sozusagen die Lebensfäden durch, die somit befreit an die Decke schweben.
Luigi Guerrieris – ungeschminktes – Gesicht im Großformat auf eine Pyramidenseite projiziert, erzählt, dass seine Mutter ihn gern Jesus genannt hätte, davor aber sein Vater gestorben sei und er so zu seinem Namen gekommen sei. Raffaela Gras greift aus einer Kugel ein Glückskeks nach dem anderen, liest die – wie bei Zeitungshoroskopen allgemeinen viel- und gleichzeitig fast nichtssagenden Sätze vor – oder auch nicht. Das entscheidet sie spontan…
Und natürlich darf die Projektion eines gezeichneten Auges auf der Pyramidenseite – mit Assoziation zum Auge der Vorsehung, göttlichem Auge oder dem Zeichen der Illuminaten – nicht fehlen, animiert als sich öffnend und schließend (Zeichnungen und Animation: Adnan Popović – gemeinsam mit Raffaela Gras und Stefanie Sternig für das Konzept der Show hinter oder jenseits des Glücks verantwortlich.
Ein Abend als raffiniertes Spiel rund um diverse Mittel(chen), dem Glück auf die Sprünge helfen zu können – und mit einem, vielleicht gar nicht von allen bemerkten und angeblich auch nach Frage an einige Mitwirkende gar nicht ganz beabsichtigten – hintergründigem Schmäh: Die Zahl der Luftballons zu Beginn, auf denen Antwortmöglichkeiten für die Fragebögen kleben, ergibt 32 plus zehn für die neunte Frage mit mehreren Antwortmöglichkeiten. Und „42“ ist die Douglas Adams in seiner Roman-Serie (1981 bis 1992) „Per Anhalter durch die Galaxis“ schrieb die „Ultimate Question of Life, the Universe, and Everything” („endgültige Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“). Unterschiedlichste Interpretationen wischte der Autor übrigens – laut wikipedia – ein Jahr nach dem Erscheinen des fünften und letzten Romans der Serie vom Tisch: „Es war ein Scherz. Es musste eine Zahl sein, eine ganz gewöhnliche, eher kleine Zahl, und ich nahm diese. Binäre Darstellungen, Basis 13, tibetische Mönche, das ist totaler Unsinn. Ich saß an meinem Schreibtisch, starrte in den Garten hinaus und dachte: ‚42 passt‘. Ich tippte es hin. Das ist alles.“
Schon der Titel lässt eine Portion Ironie in der einstündigen Tanztheater-Performance über Horoskope anklingen: „Obstacles in our Sky“ (Hindernisse auf unserem Himmel). Zwischendurch zieht die Tänzerin und Choreografin des Stücks, Johanna Heusser aus der Schweiz, einen Zettel mit dem Schriftzug Horrorskop aus einer oben offenen Disco-Kugel.
Sie und Jesse Inman, englischer Schauspieler, der unter anderem in sozialpädagogischen Theater-Projekten aktiv war, tauchen schon zu Beginn zwischen einem riesigen von der Decke schwebenden Sonnen- und einem kaum kleineren Mond-Ballon sowie vielen Discokugeln als diverse Planeten in Form eines Musical-Karikatur-Duos auf. Und stimmen DIE optimistische Hymne aus dem Musical „Hair“ an – über den Anbruch des Wassermann-Zeitalters an, das Frieden, Liebe, Harmonie und Verständnis bringe: When the Moon is in the seventh House and Jupiter aligns with Mars/ then peace will guide the planets and love will steer the stars…
Die folgende Stunde ist gekennzeichnet von teils skurrilen Szenen zwischen und mit den Ballons und Kugeln, pendelt zwischen Glauben an den Einfluss der Sternenkonstellation auf das Leben der Menschen auf der Erde und dem durch den Kakao ziehen dieses Glaubens. Immer wieder werden vor allem so manch geschäftsbringende Auswüchse des zuletzt genannten Glaubens aufs Korn genommen. Und doch eine (Hinter-)Tür offen gelassen, ob da nicht doch was dran wäre… Letzteres vor allem durch das Einspielen von Aussagen von Runa Heusser, der 71-jährigen Mutter der Tänzerin und Choreografin. Die Tochter meint auf der Bühne – und etwas ausführlicher im pädagogischen Begleitmaterial -, dass insbesondere an Wendepunkten im Leben sie die Sternenkonstellation zu Rate ziehe.
Für einige der zwölf Sternzeichen im westlichen Horoskop ließen sich die Performer:innen Lieder texten (Dennis Freischlad), die sie dann den jeweiligen Besucher:innen widmen; gegen Ende ein Sammellied für die zuvor nicht besungenen Tierkreiszeichen.
Letztlich eine humorvolle Stunde über ein Thema, über das sich einerseits viele Menschen lustig machen und andererseits viele – und nicht nur andere, sondern auch etliche der zuvor Angesprochenen, doch irgendwie dran glauben. Immerhin gehören die sogar eher billig gemachten und sehr, sehr allgemein gehaltenen Formulierungen in weit verbreiteten Medien zu den meistgelesenen Rubriken in diesen.
Kleine Anmerkung: Da in der Performance mehrfach der Zusammenhang zwischen unserer irdischen Existenz und dem Universum angesprochen und -gespielt wird, wäre es fein gewesen, wenigstens ein wenig über den Tellerrand zu blicken. Etwa, dass astronomisch seit der „Erfindung“ der Sternzeichen die Sternen- und Planetenkonstellation so verändert hat, dass sie gegenüber der Astrologie um fast ein ganzes Sternzeichen verschoben ist. Oder dass es auch ganz andere als das westliche Horoskop gibt, das chinesische mit Jahres-zeichen ist nur das bekannteste; indische Astrologie baut auf Wiedergeburt und den Einfluss des Wirkens im vorigen Leben auf das jetzige; die keltische Mythologie setzt auf Bäume neben 13 Tierzeichen am Himmel…
Ein Halbrund – Stadt- oder Schlossmauer in hellblau mit Wolken verziert – mit fünf Toren bildet den Hintergrund der Bühne für „Wind“. Um den drehen sich die 55 Minunten. Die drei Tänzer:innen, die das Stück auch entwickelt haben, – Michèle Rohrbach, Martina Rösler, Ives Thuwis – schlüpfen in die Rolle unterschiedlichster Winde. Mal schweben, dann wieder wirbeln sie über die Bühne, mal miteinander, dann wieder gegeneinander. Poetisch formulieren sie Gedanken, die – hätten Winde Hirn und Sprache – von diesen stammen könnten. Intensiv haben sie sich mit dem „Atem der Erde“ beschäftigt und sich in das ständige Wehen, das den Globus umzieht, hineinversetzt. Und nehmen auf diese gedankliche ebenso wie gefühlte Reise das Publikum mit – mal sanft und leise, dann wieder wild und sozusagen mitreißend.
Formwandler, der ich bin,
Aus dem Stück „Wind“ von makemake produktionen
hellblau unsichtbar.
Die Menschen sehen mich nicht,
aber sie sehen, was ich tue.
Zu diesem jüngsten Stück der (Tanz-)Theater- und Performance-Gruppe makemake produktionen – Text und Dramaturgie: Anita Buchart – gehört, auch wenn er oft am Rande steht oder sitzt gleichermaßen der Livemusiker (Saxofon und Keyboard) und Komponist Lukas Schiemer dazu. Das Quartett erzeugt in der nicht ganz einen Stunde ein Loblied, ja ein „Anhimmeln“ an den Wind, auch wenn uns der manches Mal lästig oder gar in Form von gewaltigen Wirbelstürmen grausam sein kann. So vielfältig Winde auch sein können, immer sind sie selbst unsichtbar, aber ihre (Aus-)Wirkung wird durchaus augenscheinlich. Und Wind vermag die Form von Gegenständen teils beträchtlich zu verändern.
Im Laufe der Performance erzählen die Tänzer:innen auch so manche Mythen, wie sich Menschen die Entstehung von Winden zusammengereimt haben. Aber auch so – im Rückblick betrachtet – eigenartige Vorgangsweisen der Menschheit, wie sie einerseits Wind auszuschalten versucht und andererseits ihn maschinell wieder herstellt, wenn sie Luftzüge braucht. Warum Wäschetrockner, wenn Wäsche auch in den Wind gehängt werden kann, beispielsweise. Oder das Verschwinden von Windmühlen, um seit noch gar nicht allzu langer Zeit wieder Windräder zu errichten, um Energie zu gewinnen…
Die Performance, mit der die neue Spielzeit im Dschungel Wien – in dem Fall für die Jüngsten (ab 5 Jahren) eröffnet wurde, liefert über das Beschriebene hinaus noch wunderbare Bilder – etwa mit luftgefüllten Folien oder 2 Kubikmeter Korkgranulat, das wirkt, als würde der Tanzboden mit Erde bedeckt und es ums Verwurzeln von Bäumen und viel lustvolles Spiel in derselben gehen. Als das Trio diese Granulat verteilte, reif ein Kind im Publikum: „Ich will auch…“
Der Eröffnungs-Samstag brachte in der Folge noch ein Stück ab 15, den U20-ÖSlam (Meisterschaft im Poetry Slam) und nicht zuletzt einen mehr als mitreißenden kurzen Auftritt des PowerDuos EsRap – weitere Artikel folgen hier.
Unter Geisterwelten stellen sich die meisten wohl eher düstere Spukschlösser vor, oder unheimliche Keller vor. Gespenstisch auf eigene Art sind zumindest zwei der Spielorte im Stationentheater „Lagerkollaps!“ des „Vereins für vorübergehende Kunst Tempora“, das sich bis Mitte Oktober in Wien-Ottakring abspielt.
Vier Schauspieler:innen spielen an vier verschiedenen Orten inszenierte poetisch-philosophisch-sprachspielerische Monologe mit weitschweifenden, teils tiefgründigen Gedanken. Alle vier Orte sind Lagerräumlichkeiten, zwei ebenerdig und zwei in einem von Wiens Mega-„Self-Storage“-Etablissements. Ein paar Gehminuten vom Treffpunkt (Kulturverein ADA – artistic dynamic assosiation) entfernt befindet sich MyPlace – mit 1.600 Blech-Container-Boxen zwischen 1 und 50 m². Gänge, Blechtür an Blechtür. Jede nur unter ihrer Nummer zu finden. Würden die papierenen Schilder mit Pfeil zu Lift oder Treppenhaus abmontiert, du könntest wahrscheinlich stundenlang herumirren bis du einen Ausgang findest.
Bei Station 1 triffst du auf Philipp Laabmayr, den du im Vorraum vom Lift möglicherweise zunächst für einen Mitarbeiter halten könntest. Er entpuppt sich als ein wenig nerdiger, zwanglerischer Nutzer eines solchen Lagerraums, in den er das Publikum dann auch mitnimmt. Sein Text „Übergang“ (geschrieben von Gregor Guth) webt eine Art textlichen Boden auf dem solche Lagerboxen für Phasen des Übergangs gebraucht und genutzt werden. Offenbar Unmengen, denn allein dieses eine – seit rund zwei Jahrzehnten bestehende -„Lagerhaus“ umfasst ja – wie schon geschrieben – mehr als eineinhalb Tausend Boxen. Und das obwohl Pi mal Daumen ein 20 m² hier in Wien-Ottakring (da auf der Homepage übrigens verwirrenderweise und Hernals, dem Nachbarbezirk, firmiert) 600 Euro pro Monat kostet.
Das Abstellen, Wegbringen, Lagern, aus dem Blickfeld bringen ist ein lukratives Geschäft – und erfüllt offenbar das Bedürfnis von immer mehr Menschen bzw. Unternehmen, die „auslagern“.
Neben den großen internationalen Konzernen (My Place hat mittlerweile 62 Standorte in Österreich, Deutschland und der Schweiz) schießen sozusagen wie Schwammerln aus dem Boden kleinere Store-Boxen in vormaligen Erdgeschoß-Lokalen. „Das ist mir beim Radfahren in der Stadt aufgefallen“, nennt Veronika Glatzner, die „Lagerkollaps!“ konzipiert und inszeniert hat, nach der Generalprobe Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… als Ausgangspunkt für dieses Stationentheater im urbanen Raum. Der Verein Tempora nennt sich auch „für vorübergehende Kunst“ und spezialisiert sich auf sogenannte Zwischennutzungs-Lokalitäten.
So wie durch die zunehmenden Lagerräume Flächen für Begegnungen von Menschen in Erdgeschoßlokalen oder auch Wohnen in Häusern verloren gehen, so philosophiert Julia Schranz im Monolog „Obwohl es vom Himmel verschwindet“ (von Magdalena Schrefel) über den Verlust des „Blauen vom Himmel“. Immer grauer werde dieser, verliere seine vielfältigen Blau-Töne und -Schattierungen, deshalb müsse sie diese einsammeln, um sie zu retten bevor sie ganz verschwinden. …
Die Reihenfolge der Stationen ist natürlich nicht für alle gleich. Alle gehen gleichzeitig los, steuern in kleinen Gruppen die vier Stationen an, wo zeitgleich gespielt und dann weitergezogen wird, was auch heißt, dass die Künstler:innen ihre Auftritte vier Mal hintereinander spielen. Der – den Rezensenten – am meisten beeindruckend findet im Erdgeschoß des Kulturvereins statt, einer ehemaligen Pizzeria. Hier lümmelt wie hingemalt, fein gekleidet Grischka Voss als „Storebox-Mom“. In dem von ihr selbst geschriebenen Text outet sie sich als Verwalter der Überreste zerbrochener Beziehungen – mit subtilem bis bitterbösem Humor. Nur Kinder und Haustiere nehme sie nicht mehr an, dafür zählt sie angebliche skurrile Überbleibsel wie abgegebenen Brustimplantate auf. Und sie habe ihr Angebot erweitert auf Lagerräumlichkeiten für nicht verwirklichte Wünsche und Träume.
Übrigens, einer der Werbeslogans des oben genannten Lagerraum-Konzerns lautet: „Damit Träume Wirklichkeit werden, muss man manchmal ein paar Dinge aus dem Weg räumen!“
Last but not least – für andere ja sogar die erste oder jedenfalls eine frühere Station – startet und endet im Freien vor einem solch temporären Erdgeschoß-Lagerraum, in dem dazwischen auch drinnen Valentin Postlmayr seinen eigenen Monolog „Wastl die Leich“ spielt. Vier Pressspanplatten-Pfeile sind sein Ausgangspunkt für die morbiden Gedanken, von dieser Form der Holzleichen zu Maden, die sich durch das Gehirn eines Menschen fressen und so Räume für deren Kinder öffnen, zu spintisieren und über die Konkurrenz von Leben und Dingen…
Vorbei und über auf dem Boden liegende, sich ballende weiße Stoffe mit vielen Löchern – Tarnnetze für schneebedecktes Gelände – und ein Mann der auf den Stufen sitzt und den ersten Zuschauer:innen hilft, Papier-Schifferln zu falten. Korhan Başaran himself, der später eine einstündige extrem intensive Tanz- und Stimmperformance spielen wird, ist es der beim Basteln hilft. Alle diese Boote sammelt er ein, nimmt sie mit, stellt sie an den Bühnenrand.
Der Tänzer und Choreograf, der ursprünglich aus dem Schauspiel kam, in Istanbul lebt, zieht das Publikum eine Stunde lang mit seinem Tanz und seinen Texten (auf englisch) in den Bann, fesselt die Zuschauer:innen und Zuhörer:innen wie Dido und Aeneas in ihrer Liebe gefesselt waren. Entflammt füreinander, auch wenn Dido lange nicht die Absicht hatte, sich diesem Gefühl auszusetzen. Und letztlich daran psychisch so zugrunde geht, dass sie ihrem Leben ein Ende bereitet als Aeneas göttlichem Ruf folgend mit seinen Schiffen aus Karthago abzieht.
Zum Hintergrund der bekannten mythologischen Geschichte hält eine halbe Stunde vor der Vorstellung Anna Maria Krassnigg, Mastermind des „Sea-Change“-Festivals der „Wortwiege“ in den Wiener Neustädter Kasematten eine Einführung. Aber selbst wer die versäumt oder den Stoff gar nicht kennt – Korhan Başaran verkörpert – von teils winzig kleinen im Lichtfokus intensiv wahrnehmbaren Bewegungen des Oberkörpers bis zu raumgreifendem Tanz – das langsam aufkommende Gefühl der Zuneigung über das Entfachen und Entflammen heftiger Liebe bis zur Verzweiflung über die Unerfüllbarkeit des Auslebens dieser sicht-, hör- und spürbar.
Dazu zitiert er Verse – auf Englisch (Vorgeschichte wird mit deutschen Untertiteln im Hintergrund eingeblendet, die Verse stehen übersetzt gedruckt auf Zettel, die das Publikum beim Eingang bekommt). Er selbst hat die poetischen Liebes-Hochschaubahn auf der Basis des römischen Dichters Vergil sowie von Christopher Marlowes englischer „Dido“-Version verfasst.
Die intensive Stunde wird durch die eingespielte Musik von Tolga Yayalar und mindestens genauso die projizierten abstrakten, die jeweilige Gefühls- und Stimmungslage betonenden Visuals von Ataman Gırısken zu einem multimedialen, umfassenden heftigen Erlebnis. Und obwohl sozusagen „alte“ Tradition aufgenommen wird, als Frauen noch nicht auf der Bühne sein durften und Männer in Frauenkleidern deren Rollen spielen mussten, schafft diese Performance so auch „nebenbei“ den Brückenschlag zu Diskussionen um Genderfluidität.
Besonders auf Mädchen und Frauen, die – noch dazu widrigen Umständen zum Trotz – zu Heldinnen wurden/werden, setzt das Theater der Jugend in dieser nun anlaufenden Saison. Viele davon sind – wie auch ihre männlichen Kollegen in Hauptrollen natürlich außergewöhnlich, Außenseiter:innen. Erst das macht sie ja zu herausragenden Persönlichkeiten. Ob Mary im „Geheimen Garten“ oder „Lizzy Carbon“ mit dem von ihr gegründeten „Klub der Verlierer“, die mutige „Siri“ die sich mit den „Eismeerpiraten“ auf abenteuerliche Odyssee begibt, um ihre Schwester zu retten oder Jeanne d’Arc in „Johanna, Gotteskriegerin“… sie alle zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht dem entsprechen, was so manche als „normal“ verordnen wollen.
Thomas Birkmeir, Langzeit-Direktor des Theaters der Jugend in Wien, hielt im Mediengespräch zum Programm der neuen Saison am Donnerstagmittag ein engagiertes Plädoyer gegen die von Bundeskanzler Nehammer und der NÖ-Landeshauptfrau Mikl-Leitner verordnete „Normalität“, die zur Ausgrenzung und Spaltung einerseits und Nivellierung andererseits führe. In diese Auseinandersetzung streute er Zitate ein, unter anderem eines, das dem Top-Maler Vincent von Gogh zugeschrieben wird: „Die Normalität ist eine gepflasterte Straße, man kann gut darauf gehen – doch es wachsen keine Blumen auf ihr.“
„Deshalb wollen wir unsere Besucher*innen, die Kinder, die Jugendlichen und deren Eltern und Großeltern – ganz im Gegensatz zum österreichischen Bundeskanzler und allen Mikl-Leitners – mit unserem Saisonmotto ermutigen: Never be normal! Be yourself!“
Noch habe das Theater der Jugend in der vorigen Saison nicht die Zahl der Besucher:innen vor der Pandemie erreicht – 165.000 zu 252.500 (2018/19) – aber es war ein Aufwärtstrend gegenüber den Corona-Jahren zu verzeichnen und auch jetzt am Beginn der neuen Saison sei schon ein Plus von zehn bis zwölf Prozent zu verzeichnen. Die Auslastung habe sich übrigens sogar zu Vor-Coronazeiten gesteigert: 96,19 Prozent bei den Eigenproduktionen gegenüber 93,17 % (2018/19), konnte der neue kaufmännische TdJ-Leiter, Ronald Hora berichten.
Man kämpfe darum, den hohen Grad an Eigendeckung der Ausgaben (45 bis 47 % gegenüber anderen Theatern um die 20 Prozent) in Verhandlungen mit den Subventionsgebern Bund und Land/Stadt verringern zu können, wiewohl es von der Stadt Wien zuletzt eine Zusatzförderung für gestiegene Personal- und Energiekosten von rund einer halben Million Euro gegeben habe.
Die acht Neuproduktionen – fünf Uraufführungen, eine österreichische Erstaufführung und zwei Premieren – in der folgenden Bilderstrecke (Sujetfotos) mit Kürzest-Infos:
Auf der Bühne im Ankersaal in der Brotfabrik proben BeatBoxer:innen für ihren Auftritt beim Festival „DWG – Demokratie, was geht?“. Danach zeigen Breakdancer:innen ihre tänzerisch-akrobatischen Moves. Gleichzeitig kommt die Bitte, die Lautsprecher abzudrehen, weil auf der großen freien Fläche des Saals – üblicherweise für Publikum gedacht – eine Fashion-Performance erstmals geprobt werden will.
Ein bissl ist schon angespannte Hektik zu spüren. Immerhin sind es nur mehr wenige Tage bis zu den Live-Auftritten vor Publikum.
Das Festival bei dem insgesamt mehr als 100 Jugendliche ihre unterschiedlichsten künstlerischen Statements mit Gedanken, Wünschen, Forderungen zu (mehr) Demokratie, Teilhabe, Partizipation zeigen und zu Gehör bringen steigt vom 21. bis 23. September im Wiener MuseumsQuartier (Details in der Infobox am Ende des Beitrages).
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… durfte am Wochenende vor dem Festival im Kulturareal Brotfabrik in Wien-Favoriten ein paar Stunden bei Proben zuschauen und -hören; vier der jugendlichen Künstler:innen gaben auch kurze Interviews. Die Fashion-Performance ist eine ziemlich komplizierte. Leopold hat ein weißes kleidartiges Gewand an, aus dem fast ein Dutzend urlange Stoffrollen laaaangsam abgewickelt werden sollen/müssen. Wer gerade Hände frei hat und nicht anderweitig im Einsatz ist, greift sich eine der Rollen. Langsam und würdevoll schreitet Leopold vom hinteren Ende des Saals in Richtung Bühne.
Auf dem Boden sind die Teile der Ovalhalle des MQ mit weißen Klebestreifen markiert. Die Rollen werden Drehung für Drehung abgewickelt, schwarze Schrift kommt zum Vorschein, verschiedene Alphabete – lateinisch, arabisch, kyrillisch – in vielen Sprachen. Auf Deutsch ist – sobald das Banner einigermaßen abgerollt ist u.a. zu lesen: „Mitreden, wenn ihr über uns redet“. Ähnliches bedeuten die Losungen und Forderungen auf Arabisch, Farsi, Ukrainisch, Türkisch… Viele dieser Jugendlichen dürfen, auch wenn sie schon 16 Jahre sind, nicht wie ihre Alterskolleg:innen wählen. Selbst solche nicht, die schon praktisch das ganze Leben hier verbringen, weil ihnen die österreichische Staatsbürgerschaft fehlt/verwehrt wird.
In einer Ecke im Vorraum malt jemand ein weiteres Plakat, dahinter lehnt eines zum Trockenen auf dem steht: Jede Stimme braucht eine Bühne. Hinter einem Vorhang eines anderen Bereichs des Ankersaal-Vorraums ertönt afghanische Musik. Der Reporter darf Blicke dahinter werfen. Einige Jungs üben einen Tanz ein. Beim Festival werden sie selber einen Workshop anbieten, bei dem Besucher:innen, die Interesse haben, spielerisch die Grundschritte eines ihrer Volkstänze kennenlernen können. Solche Workshops wird es auch für serbische und jemenitische Tänze geben.
Die Jugendlichen, die ihre Kunst(werke) – von gemalten Bildern über Skulpturen bis zu Tänzen, Theaterstücken, Songs, und in anderen Performances (etwa Fashion) – vorstellen und vorführen, haben diese in den vergangenen Monaten in wöchentlichen – elf verschiedenen – Workshops entwickelt und erarbeitet. Kreativ-Mentor:innen und Jugendarbeiter:innen waren/sind die Coaches, die sie dabei unterstützten. Das Festival dient damit aber nicht nur der Präsentation dessen, was diese mehr als 100 Jugendlichen geschafft haben, sondern will auch jenen jungen Leuten, die zu Besuch kommen, sich die Kunst anschauen und -hören oder gar in Workshops mitmachen, in Talks mitdiskutieren, Mut machen, auch selber aktiv zu werden, sich auszudrücken, zu engagieren…
So manche der Jugendlichen sind erst hier in den Workshops draufgekommen, welche Talente in ihnen gesteckt haben. So schildert Kristina, mit 14 einer der Jüngsten, dass er zunächst über TikTok-Videos auf das Projekt aufmerksam geworden „bin und mir das dann bei einer Open Stage angeschaut und ich probiert habe, ein Lied zu covern. Da hab ich mich dabei wohlgefühlt, auf der Bühne gestrahlt.“ Als dann die Workshop-Leiter:innen sich von seinem Auftritt beeindruckt gezeigt haben, „bin ich beim Singen geblieben. Und als ich von meinem Traum erzählt habe, einmal eine Gitarre spielen zu lernen, wurde mir eine geborgt. Jetzt lern ich mit. YouTube- und tikTok-Videos Gitarre spielen!“
Ob er nicht bei seinem genannten allerersten Bühnenauftritt ein wenig Schiss hatte, will KiJuKU wissen: „Ein bisschen schon, aber ich hab’s gepackt und als mich dann alle gefeiert haben, war’s ein tolles Gefühl, das mich motiviert hat, weiterzumachen.“ Überhaupt fühle er sich in diesen Workshops hier sehr wohl, viel besser als in der Schule. „Hier kann man auch über alles reden, über Diskriminierungen oder dass eben alle gleichberechtigt sein sollen und können – egal welches Geschlecht, welche oder keine Religion und so weiter.“
Auch die 23-jährige Ida entdeckte erst in diesen Workshops ihre Talente. „Ich hab vorher nie Theater gespielt und nie gebreackdanced“. Jetzt legte sie nicht nur akrobatische Tanz-Bewegungen aufs Parkett, sondern spielt auch in einem Theaterstück, „da bin ich eine toughe Immobilienmaklerin und kann meine böse Seite ausleben“, verrät sie dem Journalisten. Auf DWG ist sie zufällig gestoßen, „durch ein Insta-Reel vom Theater der Unterdrückten bin ich auf die Schnupperworkshops gestoßen“ – und wie zu sehen dabeigeblieben!
Evray zückt fast gleichzeitig mit dem Beginn des Gesprächs sein Handy, scrollt durch einige Musik-Clips, verbindet das SmartPhone via Bluetooth mit einer kleinen Lautsprecher-Box und beginnt zu singen – in dem Fall Arabisch. Der 22-jährige ist im syrischen Afrin erst mit Kurdisch, dann noch mit Arabisch aufgewachsen. Diese Stadt im autonom unter kurdischer Führung verwalteten Rojava wurde vor mehr als einem halben Jahrzehnt von türkischem Militär überfallen.
„Schon mit acht, neun Jahren hab ich zu schreiben begonnen, wollte dann auch singen. Aber meine Stimme find ich nicht so gut, darum hab ich mit Hip*Hop begonnen. Ich schreib Texte über das, was ich erlebt habe und erlebe – oder zum Beispiel darüber, dass ich meine Familie schon seit fünf Jahren nicht gesehen habe und sehr vermisse.“
Er selbst war schon vor der Besetzung Afrins in die Türkei geflüchtet, wo er in Istanbul jahrelang als Jugendlicher gearbeitet hat, „als Schneider und Kellner“. Seit knapp einem Jahr lebt er in Österreich. Deutsch ist seine zweite Fremdsprache, die er neben Englisch lernt, „Kurdisch, Arabisch und Türkisch kann ich wie Muttersprachen. Ich lern jetzt intensiv im Deutschkurs, dann will ich eine Ausbildung machen und am liebsten später mein eigenes Tonstudio gründen“, erzählt Evray, der mit eigenen Hip*Hop-Nummern beim DWG-Festival auftreten wird.
Kurz kommt auch Leopold – genau der in dem Gewand schreiten wird, dessen Schriftrollen schon oben geschildert wurden – zum Interview-Tisch: „Ich fühl mich sehr wohl dabei, auch wenn ich langsam und vorsichtig gehen muss“, sagt er zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… Und er freue sich schon auf den Auftritt im MuseumsQuartier.
„Wir sind immer wieder begeistert von der kreativen Energie junger Leute. Sie kann Berge versetzen und wir brauchen mehr davon, wenn wir uns ein harmonisches und vielfältiges Miteinander wünschen.“ Mit diesem Satz wird Mahir Yıldız, der Leiter und Erfinder des Projekts DWG – Demokratie, was geht?“ in der Presseaussendung zum Festival zitiert. Yıldız hat übrigens davor schon mit Jugendlichen vor allem partizipative Filmprojekte initiiert und geleitet wie „Echte Helden sind anders“ oder gemeinsam mit der Arbeiterkammer „Lockdown-Stories“ – die ihren Niederschlag in Berichterstattung auf KiJuKU.at gefunden haben.
Teils verkleidet mit „Fühlern“ in den Haaren und Insekten„hauberln“ verzauberten Kinder der kleinen Volksschule mit musikalischem Schwerpunkt aus dem steirischen Retznei die Anwesenden in der vollbesetzten Aula der Akademie der Wissenschaften in der Wiener Innenstadt. Sie sangen über den Weg einer irischen Ameise in die Steiermark, über die Vielfalt von Insekten, bauten die szenische Verwandlung einer Raupe samt Verpuppung und „Wiedergeburt“ als Schmetterling ein.
Und sie konnten sich darüber freuen, eine der – nach Jury-Entscheidung – zehn innovativsten Schulen Österreichs des vergangenen Schuljahres zu sein. Zum zweiten Mal wurde dieser Staatspreis – ein Haupt- und neun gleichwertige weitere Preise vergeben. Die genannte Schule ist eine sehr kleine (fünf Lehrer:innen), seit einem Vierteljahrhundert mit drei zusätzlichen Musikstunden pro Woche und einem jährlich neuen erarbeiteten eigenen Musical. Es gibt keine Klassenlehrer:innen, die Lehrfächer werden nach Kompetenzen der Pädagog:innen verteilt, die Schüler:innen arbeiten mit individuellen, differenzierten Wochen- und Epochenplänen.
Die Volksschule Retznei wurde – wie acht weitere mit einem Betrag von 5.500 Euro belohnt. Der Hauptpreis – 50.000 € – ging an die Modulare Mittelstufe Aspern (Wien 22, Donaustadt). Die Jury hatte aus 138 Schulen, die sich beworben hatten, die zehn Finalist:innen ausgewählt und genauer unter die Lupe genommen haben – in Form von virtuellen Schulbesuchen und Online-Gesprächen mit Direktor:innen, Lehrer:innen, Schüler:innen und Elternvertreter:innen sowie externen Partner:innen der jeweiligen Schulen. Die Beschreibungen der ausgezeichneten Schulen hier stammt zum einem Gutteil von der Homepage des Staatspreises – Link am Ende des Beitrages; übrigens der Titel dieses Beitrages ist einem der Präsentationsvideos der Schulen entnommen.
Die Donaustädter Mittelschule bindet alle Personen in die Qualitätsentwicklung ein, unterstützt insbesondere Junglehrer:innen und „in der außergewöhnlichen und prämierten Architektur des Schulgebäudes den optimalen Rahmen für modernen Unterricht und das innovative Modulsystem, welches in den Abschlussklassen zur Anwendung kommt. Nicht zuletzt mit lebensnahen Projekten, wie etwa Firmengründungen, wird den Schüler:innen neben einer soliden Allgemeinbildung auch ein Einblick in zukünftige Berufe sowie soziale Verantwortung vermittelt.“
Mit Ausnahme des schon eingangs geschilderten Gesangsauftritts mit szenischen Einlagen aus der Steiermark stellten sich die ausgezeichneten Schulen in Videos vor. Dabei zeichnete sich jenes der Handelsakademie und -schule – ebenfalls aus Wien- Donaustadt – dadurch aus, dass Schüler:innen selbst den Film konzipiert, gedreht, geschnitten hatten und ebenfalls Jugendliche die Protagonist:innen waren. Und so waren Natalia Gregor, Denise Müller, Max Alekhue und Noah Rois die einzigen Jugendlichen, die ihre Schulleitungen bei der Preisübergabe durch Bildungsminister Martin Polaschek und Innovationsstiftung-für-Bildung-Vorstand Jakob Calice auf der Bühne begleiteten. In den anderen Fällen – außer bei der schon genannten steirischen Volksschule – nahmen nur Schulleiter:innen bzw. deren Vertreter:innen die Auszeichnung entgegen.
„Womit die BHAK & BHAS Wien 22 – business.academy.donaustadt – besonders überzeugt hat, war das Managementmodell, in dem im Schulentwicklungsprozess von der Schulleitung über die Lehrpersonen und Schulwarte bis zu den Schüler:innen und externen Partner:innen jede/r eine unterschiedliche Rolle mit Entscheidungsbefugnissen einnimmt. Der kooperative und partizipative Führungsstil zeigt sich auch in der Personalauswahl, die gemeinsam im Team erfolgt, und der Kommunikation auf Augenhöhe auf allen Ebenen.
„Wir unterrichten Menschen, nicht Fächer.“ Dieser Satz ist im persönlichen Gespräch der Jury mit dem Schulleitungsteam gefallen. Er bildet die Grundlage, mit der die Schule mit über 1000 Schüler:innen jede Herausforderung meistert. Mit den Zweigen „HAK-Experience“ und „HAK.Innovativ“ hat die Schule Möglichkeiten für innovative Unterrichtsmethoden und -Inhalte kreiert.
Die Offene Volksschule Am Kaisermühlendamm (Wien) war ebenfalls mit Schüler:innen zur Preisverleihung gekommen. Sie traten zwar nicht auf der Bühne auf, aber Rafaela, Hope, Selena, Aida, Philipp, Fabian und Sebastian schilderten Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… so manches, das sie an ihrer Schule schätzen und diese auch besonders macht. „Wir haben Lese-Tandems“, erzählten sie und wechselten sich dabei fast im Halbsatz ab, als sie dem Journalisten das erklärten, was er zuerst als „Lesetanten“ gehört hatte: Immer zwei Kinder sind gemeinsam so ein Tandem, die kriegen einen Zettel zum Lesen und eines der Kinder spielt Trainer oder Trainerin das andere ist dann Sportlerin oder Sportler. Das erste Kind hilft und unterstützt das zweite. So macht Lesen auch blad jenen Spaß, die’s noch nicht so gut können. „Es ist wie im Sport, es kommt aufs Trainieren/Üben an!“
Außerdem haben wir Mint-Projekte mit forschen und experimentieren, ein Schulparlament und bei der Essensbestellung können wir auch mitbestimmen.“
Die offene Schule mit ganztägiger Betreuung gestaltet den Tagesablauf nach den Bedürfnissen der Kinder und mit unterschiedlichen offenen Lernformen. Detaillierte Förderpläne und -protokolle ermöglichen es, die individuellen Begabungen und Interessen jedes Kindes zu berücksichtigen und zu stärken. Die Förderung der Selbstkompetenz der Lehrkräfte, u.a. durch Weiterbildungen und Hospitationen, leistet einen wichtigen Beitrag zur erfolgreichen Teamarbeit an dieser Schule.
Die enge Einbettung in das umliegende Grätzl und die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Eltern/Erziehungsberechtigen, außerschulischen Partner:innen sowie den Schulen in der Umgebung ermöglichen zahlreiche spannende Projekte u.a. im Bereich der Friedenserziehung. Denn auch auf soziales Lernen und die Entwicklung von Konfliktlösungsstrategien wird großer Wert gelegt.
Netzwerk-Mittelschule Markt Allhau (Burgenland): „Miteinander in die Zukunft“ ist das Motto dieser auf Digitalisierung spezialisierten Mittelschule, die unter anderem tiergestützte Pädagogik anbietet. Soziale Kompetenzen zu entwickeln und ein wertschätzender Umgang in der „Schulfamilie“ sind genauso wichtig wie den Umgang mit einem 3D-Drucker zu erlernen. Das Bildungsnetzwerk und die intensive Kooperation mit Volksschulen und Partnerschulen der Sekundarstufe II erleichtern den Schüler:innen den Übergang in und von der Mittelschule.
Für das engagierte und dynamische Schulleitungsteam ist Schulentwicklung nie abgeschlossen. So wurde u.a. der Bedarf an einer ganztägigen Betreuung inklusive Frühstück erkannt und erfolgreich implementiert. Bei der Gestaltung des Stundenplans wird darauf geachtet, dass Deutsch, Englisch und Mathematik in den konzentrationsstarken Phasen der Schüler:innen stattfinden und die Begabungen und das selbstständige Erarbeiten von Themen gefördert werden. Die Schule hat auch einen Bewegungsschwerpunkt und bietet neben zahlreichen Sportarten auch Freizeitangebote im kreativen und naturwissenschaftlichen Bereich.
Das Schulzentrum Ybbs an der Donau, HAS, HAK und IT-HTL (NÖ) ist in der Region das Kompetenzzentrum für Informationstechnologie und digitale Wirtschaft. Durch praxisnahe Bildung und die Förderung der Eigenverantwortung und Selbstorganisation der Schüler/innen wird das Fundament zum späteren beruflichen Erfolg gelegt. Die Lehrpersonen am Schulzentrum verstehen sich einerseits als Coaches, die die Schüler:innen beim lernzielorientierten kooperativen offenen Lernen unterstützen, andererseits auch sich selbst als Lernende, die ihre Fachkompetenz aus der Praxis stetig erweitern.
In Zusammenarbeit mit sozialen Einrichtungen der Region wird überdies soziales Lernen unterstützt. Die Schüler:innen und ihre Entwicklung hin zu eigenständigen Persönlichkeiten stehen im Mittelpunkt der Arbeit dieser Schule. Die Begegnungen auf Augenhöhe und ein soziales Miteinander, das von Toleranz und Respekt geprägt ist und eine Schulgemeinschaft, die durch die Zusammenarbeit von Schüler:innen, Eltern und Erziehungsberechtigten sowie Lehrpersonen und der Schulleitung lebt, zeichnen diesen Schulstandort besonders aus.
Besonders viel Schmunzeln und Gelächter gab es bei der sehr selbstironischen Video-Präsentation der HTL Braunau (Oberösterreich). Diese höhere berufsbildende Schule mit rund 1000 Schüler:innen – ein Fünftel davon Mädchen – bietet unterschiedliche Abteilungen mit Schwerpunktsetzungen am Puls der Zeit wie u.a. Bionik, Coding & Künstliche Intelligenz sowie Cyber-Security. Soziales Miteinander nimmt neben der Vermittlung von fachlichem Wissen einen großen Stellenwert ein. Regelmäßiges Schüler:innen-Feedback bis zu Stimmungsbarometern bei Lehrpersonen gehören dazu. Für eine HTL nicht gerade gewöhnlich sind auch Teamteaching und offene Unterrichtsformen. Dass dies Leistungen nicht schmälert, sondern fördert beweist u.a., dass fast kein Jahr vergeht in dem nicht mindestens ein Team aus dieser Schule mit einem Projekt im Bundesfinale von Jugend Innovativ antritt und oftmals einen der Top-Plätze bis hin zum Sieg in einer Kategorie erreicht.
Im Integrativen Schulzentrum Dr. Schärf-Schule (Oberösterreich) in Wels befinden sich Integrations-Volksschulklassen mit Alternativpädagogik und Nachmittagsbetreuung sowie Ganztagesklassen. Die Ganztagesklassen ermöglichen insbesondere Kindern mit schweren Behinderungen und mit einem erhöhten Pflegeaufwand, dass sie in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können, was auch eine große Unterstützung für die Eltern darstellt. Hier spielt die außergewöhnliche räumliche Gestaltung der Schule eine große Rolle. Es wird viel Wert auf eine ausgleichende Bewegungserziehung gelegt. So gibt es für die Schüler:innen nicht nur die Möglichkeit, sich im Schulgarten oder in den Motorik- und Bewegungsräumen auszutoben, sondern sie können sich auch in den vielseitigen Matsch-, Sinnes- und Klangräumen entspannen und erleben.
Das ISZ legt viel Wert darauf, den Schüler:innen die Möglichkeit zu geben, in ihrem individuellen Lerntempo den Anforderungen der jeweiligen Schulstufe gerecht zu werden.
In den sechs Familien- bzw. Mehrstufenklassen der Volksschule St. Oswald bei Plankenwarth (Steiermark) stehen offenes Lernen mit individuellen Zielen und die Kommunikation auf Augenhöhe im Zentrum. Eine enge Vernetzung zur Institution Kindergarten ermöglicht den Schüler:innen einen sanften Einstieg ins Schulleben. Im eindrucksvollen Gespräch der Kinder mit der Jury wurde besonders deutlich, dass in der pädagogischen Arbeit mit den Schüler:innen Selbstständigkeit, Eigenverantwortung und größtmögliche Motivation sowie die ganzheitliche Entwicklung entlang ihrer Interessen, Talente und Persönlichkeiten im Vordergrund stehen.
Das Video der BAfEP De La Salle, Bildungsanstalt für Elementarpädagogik (Wien-Strebersdorf), aus der sich Schüler:innen auf danach noch an einem bunten, einladenden Stand der mehrstündigen Messe innovativer Bildungsprojekte präsentierten, vermittelte viel Spaß, den die Jugendlichen beim Lernen haben. Und sie verliehen dem bekannten Begriff Selfie eine völlig neue Bedeutung – als Abkürzung für selbstbestimmt, eigenverantwortlich, lebensnahe, facettenreich, interaktiv und elementar.
Das Raumkonzept der Schule sieht verschiedene Zonen für unterschiedliche Bedürfnisse vor, außerdem setzt die Bildungsanstalt für angehende Kindergärtner:innen auf starke Feedbackkultur zwischen allen am Schulleben beteiligten Personen und ihre Unterrichtsgestaltung und bietet die Chance, individuelle Schularbeitskalender zu erstellen.
Offene Volksschule Am Kaisermühlendamm
Netzwerk-Mittelschule Markt Allhau
Integratives Schulzentrum Wels
Volksschule St. Oswald bei Plankenwarth
BAfEP de la Salle Strebersdorf
Dutzende Initiativen, Vereine, Organisationen, Schulen sowie kommerzielle Anbieter präsentierten ihre Angebote nach der Verleihung des Staatspreises innovative Schulen auf drei Stockwerken in der Aula der Akademie der Wissenschaften in der Wiener Innenstadt. Mehrere Stunden waren die Messestände in Betrieb, stellten Mitarbeiter:innen vor, welche Angebote – von naturwissenschaftlichen Experimenten, klima- und umweltrelevanten Projekten bzw. Spielen über landwirtschaftliche Pflanz-projekte, Zusatz-Qualifikationen bis zur Bearbeitung psychischer und psychologischer (mental health) es jedenfalls gibt. Es waren sicher bei Weitem nicht alle.
Manche zeigen allerdings auf, was Schulen selber zukaufen sollen/können/müssen, auch wenn beispielsweise gerade naturwissenschaftliche Experimente auch Teil des „normalen“ Unterrichts sein könnten/sollten/müssten. Wobei es für Wiener Pflichtschulen seit Kurzem unter dem Titel „Wiener Bildungs-Chancen“ die Möglichkeit gibt, kostenpflichtige Angebote gratis wahrzunehmen – die Stadt Wien bezahlt dafür in Summe vier Millionen Euro – siehe hier.
Neben den engagierten, (Spiel-)Freude versprühenden jugendlichen angehenden Elementarpädagog:innen aus der BAfEP Strebersdorf – die kommen im Artikel über die Preisverleihung vor, weil diese Bildungsanstalt einen der zehn Preise gewonnen hat – stachen dem durch die Ausstellung wandernden Journalisten die Jugendlichen der „Brückenschule“ ins Auge. Die über eine Brücke verbundene aus zwei Gebäuden bestehende Schule in Wien Liesing präsentierte eine bunten Stand mit unter anderem einer „sozial genialen Box“. Berfin, Omar, Anais, Melissa, Nicole, Suhejla, Elif, Hamed, Leonie, Hassan, Nina, Marcel, Shaidullah, Nikodem und Dokka hatten gemeinsam dieses Set aus einer Art gestapelten Werkzeugboxen erarbeitet. Nach langem Tüfteln, basteln und gestalten finden sich in diesen Boxen Elemente für Spiele für soziales Lernen. „Zum Beispiel haben wir eine kleine Box mit Steinen. Die haben wir zuerst gesammelt und dann mit Symbolen bemalt, die Gefühle ausdrücken können. So haben auch Schülerinnen und Schüler, die noch nicht so gut Deutsch können oder sich noch schwertun, über Gefühle zu reden, die Möglichkeit zu zeigen, wie es ihnen gerade geht“, schildern Berfin und Anais ein wichtiges Element des genannten Holzkisterls.
Sozusagen ein Einstieg, um davon ausgehend über Gefühle zu reden. Das ist aber nur eine Basis, von der ausgehend dann mögliche Konflikte besprochen, bearbeitet und Streits geschlichtet werden (können).
Die genannten sind rund zwei Drittel ihrer – jetzt vierten („wir haben das aber im vorigen Schuljahr entwickelt“) Klasse, „wir haben das alles freiwillig gemacht – als eigener Verein und wir nennen uns „Die unmöglichen Möglichmacher:innen“
Auch wenn die öffentliche Diskussion rund um Schulen gerade rund um den kurz zurückliegenden Beginn des neuen Schuljahres natürlich beherrscht wurde/wird davon, dass es zu wenige Pädagog:innen gibt – was lange vorhersehbar war -, gibt es genauso aufbauende, vorbildliche Nachrichten. Die – der Jury zufolge – zehn besten Schulen wurden Anfang dieser Woche (18. September 2023) mit dem Staatspreis „Innovative Schule“ ausgezeichnet, einem Hauptpreis für den es 50.000 € gab/gibt und neun gleichwertigen weiteren Preisen – belohnt mit je 5.500 Euro.
Und sie sind nicht die einzigen, in den Großartiges, Außergewöhnliches geleistet wird, Kinder und Jugendliche – wie es sein sollte – im Zentrum stehen oder wie es in einer der prämiierten Schulen heißt: „Wir unterrichten Menschen nicht Fächer!“
Dieser Staatpreise wurde erst zum zweiten Mal vergeben. Doch seit 36 Jahren zeigen die Finalteams bei Jugend Innovativ, welche tollen Leistungen – bis hin zu patentreifen Erfindungen Schüler:innen erbringen (können). Darüber hinaus gibt es noch viele, viele andere Beispiele. Diese finden übrigens immer wieder hier auf dieser Website – und davor rund drei Jahrzehnte lang im Kinder-KURIER, wo das nicht mehr gewünscht wurde, ihren Niederschlag.
Sich aber selbst auf die Schulter zu klopfen und mehrfach zu sagen, man müsse nicht nach Skandinavien – wobei, wie sehr oft, Finnland, das dazu genau gar nicht zählt falsch einzugemeinden – um Vorbildliches zu sehen, geht aber schon an der Realität vorbei. Das Vorbildliche in den Schulen wird nicht dank oder wegen der heimischen Bildungspolitik, sondern trotz und oft entgegen der Institutionen geleistet.
Schulbehörden und -politik würden unter anderem dann gut funktionieren, wenn sie dafür sorg(t)en, dass die besten Beispiele – und das oft seit vielen Jahren – sozusagen Schule machen, keine einzelnen Leuchttürme blieben, sondern sich (schnell) verbreiten und möglichste allen Kindern und Jugendlichen zugute kämen. Und zum gerade ganz aktuellen Problem:
Dass und wie viele Leher:innen wann in Pension gehen und wie viele Kinder in die Volksschulen und Jugendliche in weiterführende Schulen kommen, wäre wahrscheinlich spätestens in der Sekundarstufe 1 (5. bis 8. Schulstufe) auszurechnen gewesen – und damit der aktuelle Mangel an Pädagog:innen; während Minister:innen davor warnten, ein Lehramtsstudium in Angriff zu nehmen.
Ein Tanz-Workshop wäre super, oder ein Experimentierkurs, oder der Besuch eines Theaterstücks mit anschließendem Schauspiel-Workshop oder ein Kurs mit einem BeatBoxer oder einer Rapperin; vielleicht auch ein spannender Ausflug, eine interessante Exkursion…
Nicht zuletzt angesichts der Teuerung, sondern schon seit vielen Jahren scheitern – für viele Klassen – solche Angebote an der Kohle. Nicht alle Eltern haben neben den üblichen Kosten noch dazu zu Schulbeginn noch da mal zehn, dort gar 20 Euro für Extras, von externen Anbieter:innen, die wiederum ihre Mitarbeiter:innen anständig zahlen wollen.
Unter dem Titel „Mehr Chancengerechtigkeiten für Wiens Pflichtschulen“ gibt es nun ein Sonderbudget der Stadt Wien für solche Aktivitäten (4 Millionen Euro). Jede Schule bekommt ein Budget, das sie selbst verwalten kann. Dieses sieht 655 € pro Klasse und Schuljahr vor, das schulintern auch umgeschichtet werden kann. WienXtra hat eine Plattform erstellt, auf der aus Angeboten ausgewählt werden kann. Alle Anbieter:innen wurden zuvor fachlich geprüft – und sie müssen ein eigenes Kinderschutzkonzept haben.
Vorgestellt wurde dieses Programm am Montag um die Mittagszeit im Hof der Mittelschule mit Dual-Language-Programm in der Pazmanitengasse (Wien-Leopoldstadt). Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… durfte schon vor dem Medientermin mit den bei dieser Gelegenheit anwesenden Schüler:innen sprechen.
Soraya Filca aus der 3b konnte berichten: „Wir hatten schon am Freitag Klassenrat, wo wir das begonnen haben zu besprechen, welche Kurse wir machen wollen. Bei Boxen haben fast alle aufgezeigt, bei anderen wie #Love gab’s viel peinliches Gelächter. Aber ich fände das auch wichtig. Boxen selber mag ich, ich boxe schon seit einiger Zeit immer zu Hause in Kissen, wenn ich wütend bin.
Das Trio aus der 4 a – David und Marko Lecjaks – „wir sind Zwillinge, nein eigentlich Drillinge, weil den und Omar Hmouni haben wir adoptiert“ – hatten zu diesem Zeitpunkt den Klassenrat noch vor sich. Diese schulparlamentarische Einrichtung gibt es seit diesem Herbst in dieser Schule nun in jeder Klasse, davor noch nicht in allen. Schon bei den drei Jungs ist die Bandbreite der Interessen groß – zwei nennen Sport als Wunsch-Kurse, einer „lieber naturwissenschaftliche Experimente.“ Und alle drei könnten auch einem Graffiti-Workshop einiges abgewinnen oder irgendwas mit 3D-Druck…
Für Jessica Lemoshe aus der 2b ist alles noch neu – „wir haben jetzt erst zum ersten Mal einen Klassenrat und es daher noch nicht besprochen. Ich selber zeichne sehr gerne und viel, egal ob mit Blei- oder Bunt- und Filzstiften oder Malfarben. Aber ich möchte auch gern Sport machen.
Als sich die Jugendlichen – samt Direktorin Gabriele Ernst und die künfitge mindestens interimistische Leiterin Jana Zemann – im Hof, umgeben von Tomaten- und anderen Pflanzen für den Pressetermin – und entsprechende Fotos – bereitmachen, meint Soraya Filca zum Journalisten noch, „ich spiel auch gern Klavier“, und schon verschwinden wir zur Schulwartin, die den Festsaal aufsperrt, wo die 13-Jährige die Tasten zum Klingen bringt. „Ich spiel noch nicht lange und nicht nach Noten, ich schau’s und hör’s im Internet an, lern es und spiel’s dann auswendig.“
Bildungsstadtrat und Vizebürgermeister Christoph Wiederkehr sowie wienXtra-Geschäftsführer Vucko Schüchner stellten dann einige Details des Programms für mehr Chancengerechtigkeit an Wiener Schulen vor, die Kindern und Jugendlichen ermöglichen an externen Angeboten teilzuhaben, die Anbieter:innen krieg ihr Geld, die Schüler:innen – bzw. ihre Eltern ersparen sich die Kosten.
„Die Wiener Bildungschancen sind eine entscheidende Säule der Bildungsoffensive in Wien und ergänzen den regulären Schulbetrieb durch einen umfangreichen Warenkorb, der qualitätsvolle Angebote für Schulen und Eltern kostenlos macht. Neben dem interschulischen Know-How ist die außerschulische Expertise eine ganz wesentliche Ressource, um Schulen positiv zu gestalten, Lerninhalte erlebbar zu machen und jungen Menschen damit mehr Chancen zu ermöglichen. Durch diese kostenfreien Workshops schaffen wir mehr Chancengerechtigkeit – denn sie stehen allen Schülerinnen und Schülern an Wiens allgemeinbildenden Pflichtschulen ab sofort zur Verfügung.“
Coole Idee, spannendes Setting, mitreißende Stimmung vom erhöhten DJ- und VJ-Pult in einer Ecke der Bühne schon beim Betreten des Publikumsraums im Wiener Volkstheater; samt Versuch schon in der Phase des Einlasses den Graben zwischen Bühne und Publikum zu überwinden. Einladung zum Mit-Shaken in der Disco-ähnlichen Atmosphäre. Mitspielen das ist das Motto der jüngsten Produktion „Du musst dich entscheiden!“, immer wieder auch mit dem Kürzel DMDE – mit damit bewusst ausgelösten Assoziationen.
Noch-Direktor Kay Voges hat sich eine Persiflage auf Samstag-Abend-TV-Shows ausgedacht, inszeniert und – mit Ensemble und einem externen Autor, Frederik Hartle (Philosoph und seit vier Jahren Rektor der Akademie der Bildenden Künste in Wien) ge-scriptet. Das Thema könnte auch nicht zeitgemäßer sein: Meinung zählt mehr als Fakten. Und dazu wird das Publikum gebeten, nein vielfach aufgefordert – entgegen sonstigen Gepflogenheiten („vergessen Sie nicht, nach der Vorstellung Ihre Handys wieder einzuschalten“) im Theater, die Smartphone zu zücken, online zu bleiben oder gehen, QR-Code (vom großen Screen auf der Mitte der Bühne oder vom Programmheft) zu scannen, um bei den folgenden gut ein Dutzend Abstimmungen zu voten.
Angeblich haben – bei der Premiere – viele mitgestimmt, wiewohl so manches Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… vermuten ließ, dass die Abstimmungen eher Fake waren und die Ergebnisse schon vorher feststanden. Auf Nachfrage im Volkstheater kam Sonntagmittag die Antwort: „beruht tatsächlich auf Abstimmverhalten des jeweiligen Publikums“.
Womit die Frage offen bleibt, ob das Premierenpublikum tatsächlich die eigene stets für die richtige Meinung hält, gedrückt hat, was die Show erwartete oder sich selbst auf die Schaufel genommen hat. Denn zu Beginn sollte erhoben werden: „Eine Meinung ist richtig, wenn…?“
Zur Auswahl standen: „… die Mehrheit sie für richtig hält“
„… Expert*innen sie für richtig halten“ oder
„… ich sie für richtig halte“.
Für die letztgenannte Auswahlmöglichkeit nannte die erhobene/erhabene Kanzel (DJ und VJ-Pult) fast zwei Drittel (62 %) als „Ergebnis“.
Natürlich war auch die ganze Show mit den sieben, später acht Kandidat:innen vorgegeben. Die mussten während der Musik zwischen den Feldern rot, grün und blau hin und her hüpfen – „ob du richtig stehst, siehst du, wenn das Licht angeht“ ruft Erinnerungen an die Kinder-TV-Quizsendung „1, 2 oder 3“ hervor. Je nach Publikums„entscheid“ dürfen sich die Gewinner:innen der jeweiligen Runde Bälle – als sichtbare Punkte – in ihre Drahtsäule werfen.
Hier setzt das Stück auf tatsächlich einen breiten Querschnitt an (Arche-)Typen, auf so etwas wie Diversität, zwecks (Einschalt-)Quote: Von Machos bis zu feministischen und queeren Kämpfer:innen, von seit ewig Benachteiligten – sei es sozial oder ethnisch bis feinsinnigen bzw. doch in finanziell besser gestellten Familien Aufgewachsenen. Die einen agieren als Einzelkämpfer:innen, andere in Teams oder als Ehepaare. Und jede/r spielt die zugedachte Rolle doch recht überzeugend: Hasti Molavian aus dem Iran Geflüchtete Nilufar Schultze, wobei das Verbindende mit ihrem Ehemann Rico (Uwe Schmieder) nicht zu finden ist. Maik aus Graz, gespielt von Fabian Reichenbach und sein Freund Moritz (Hardy Emilian Jürgens) schweben zwischen Harmoniesucht und ein wenig Esoterik. Paula Carbonell Spörk schlüpft in die Rolle der wohl Kämpferischsten gegen Vorurteile, Diskriminierung, Ausgrenzung des Abends. Sorgt dann aber doch auch für so manch negative Überraschung und Korrumpierbarkeit. Kaoko Amano gibt die feinsinnige koreanische Musikerin Kyung-Hye Song, die stets um das Recht auf ihren richtigen Namen kämpfen muss, den Moderator Tommy McDonalds, ein Mix aus Thomas Gottschalk und Ronald Mc Donald (Elias Eilinghoff) fast konsequent falsch nennt. Last but not least „Der Ebenbauer Ferdinand“ (Günther Wiederschwinger)
Der schrill-bunte, deutlich zu lange und in so manchen Wiederholungs-Schleifen damit auch mühsame Abend, der zwischendurch zu Langatmig- und folglich Langweiligkeit neigt, spielt zwecks Abwechslung – und sich teils selbst persiflierend mit weiteren Elementen: Unter anderem Einblendungen von auf alt gemachten Schwarz-weiß-Stummfilmen als „Loge der Kritik“. Bettina Lieder spielt eine gespenstische Frau in Weiß, namens Morla (in Michael Endes „Unendlicher Geschichte“ eine uralte Riesen-Schildkröte in den Sümpfen der Traurigkeit). Sie kommentierte tief-philosophisch wirkend gemeinsam mit „Indiemarx“ als Karl-Marx-Verschnitt (Christoph Schüchner), der u.a. Zitate seines „Vorbildes“ abwandelt.
Aus dem Marx’schen Satz, wonach Philosophen bis zu seiner Zeit die Welt nur verschieden interpretiert hätte, es aber darauf ankäme, sie zu verändern, wird hier „Game-Shows haben die Welt bisher…“ Und deswegen macht sich dieser „Marx“ auf, springt aus dem Film via Loge im ersten Rang ins Geschehen und macht sich zum Mitspieler der Show. Allerdings ohne sie wirklich zu verändern, auch wenn er zunächst gekonnt im ausgeschütteten Bällebad hin und her tänzelt, bevor er reihenweise slapstick-artig ausrutscht und hinfällt. Naheliegend wäre beispielsweise gewesen, statt des Kampfes alle gegen alle um die als Preis winkenden zwei Millionen Euro vorzuschlagen, diese auf die acht Mitspieler:innen aufzuteilen – wären immerhin 500.000 für jede/jeden 😉
Etliche weitere Elemente – aktionistische via Video übertragene „Außenwette“ sozusagen oder Anspielungen (Produzent „Harry Weinlein“ – Andreas Beck) Vielfältiges ins Spiel bringen (Bühne: Michael Sieberock-Serafimowitsch, Kostüm: Mona Ulrich, Komposition: Fiete Wachholtz, Finck von Finckenstein, Video Art: Max Hammel) samt Zitaten von Freidrich Schiller, Theodor Adorno und Anleihen bei der Literaturwissenschafterin Gayatri Spivak (geboren in Indien, lehrend an US-Unis) sorgen für einen üppigen Abend. Die schräge, witzig gedachte Auseinandersetzung damit, dass Meinungen zunehmend im öffentlichen Diskurs Fakten und Wissen in den Hintergrund drängen, hätte sich vielleicht doch eindampfen lassen können und so Langatmigkeit vermieden, die auch phasenweise dazu führte, dass aus der Persiflage von Samstag-Abend-TV-Shows fast selber eine – mit obligater Sendezeitüberziehung – wird.
Der seit Jahrzehnten verselbstständigte Witz eines Gesprächs zwischen Planeten und Sternen im Weltall, wonach die Erde darüber klagt, dass sie Menschen hat und die „Kolleg:innen“ sie trösten, das gehe vorbei, stammt ursprünglich aus Jury Soyfers „Der Weltuntergang“ (aus dem Jahr 1936!).
Das Theater Arche zeigt eine schwungvolle Inszenierung mit tänzerischen und Gesangs-Passagen sowie Bezügen zur Gegenwart und Zitaten einer Reihe weiterer Autor:innen aber auch von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens derzeit in seinem Haus in Wien-Mariahilf – nach einer Aufführungsserie im oberösterreichischen Traun im Frühjahr – unter dem Titel „Prof. Guck sucht das Glück“.
Schon während des Publikumseinlasses spielt Ruei-Ran „Algy“ Wu – mit dem Rücken zu den Zuschauer:innen – aber einem spiegelnden Instrument auf seinem Piano klassische Hits wie Frank Sinatras „Fly me to the moon“. Und dann geht’s los mit einem (sprach-) choreografierten Art sprachlichem Babel aus Texten von Ernst Jandl, aus dem nicht zuletzt „schtzngrmm“ immer wieder besonders hervorstach eine Buchstabenkombination, die sich bei mehrmaliger Wiederholung leicht im Kopf zu… – genau, womit wir auch schon bei der alles anderen als friedfertige Menschheit sind, die das Universum aus dem Gelichgewicht zu bringen droht. Weswegen der Rat der Planeten samt Sonne beschließt, Komet Konrad loszuschicken. Durch einen Zusammenstoß, soll die Erde von ihren Plagegeistern befreit werden – so die Grundstory Soyfers Stück. Das er dann allerdings nicht so enden lässt, denn noch hat, oder will, er Hoffnung verbreiten. Berühmt auch Jura Soyfers Schilderung der Widersprüchlichkeit im „Lied von der Erde“: „Voll Hunger und voll Brot ist diese Erde/ Voll Leben und voll Tod ist diese Erde“.
Das war dem Regisseur Jakub Kavin, der gemeinsam mit Dramaturgin Jana Schuller-Frank und dem Ensemble das Stück bearbeitet hatte, zu pathetisch. Und so endet dieser „Weltuntergang“ in der Theater Arche damit, dass sich der Komet Konrad in die Erde „verguckt“ hat, wunderbar getanzt und gesungen von Manami Okazaki.
Diese Inszenierung ist überhaupt eine grandiose, liebevolle, vielfältige runde Sache mit unterschiedlichsten ineinander greifenden und übergehenden Elementen – Schauspiel, Gesang, Tanz und vor allem dem humorvollen Spirit des besonders satirisch talentierten Jura Soyfer. Der Einbau von Texten andere Autor:innen – Jandl war schon, die anderen sind in der Infobox genannt – ist ebenso organisch gelungen wie die Herstellung aktueller Bezüge mit zum Brüllen komischer Persiflagen in Form der „Geistesgrößen“ Ronald Tramp (Markus Pol) und Iron Trust (Georg Behma-Kreuzbauer), die gemeinsam mit Präsident Xe Jenpeng (Multitalent Ruei-Ran „Algy“ Wu) beschließen: Wurscht, wenn die Welt untergeht, wir hauen ab auf den Mars.
Dieser Präsident, vom Musiker gespielt, der zwischendurch auch schon in die Rolle eines fotografierenden Journalisten beim Treffen diverser Staatsoberhäupter schlüpft, tritt auch in einer wichtigen Verhandlung in Sachen drohender Weltuntergang mit Allgemeinplätzen zwischen Sicherheit und Balance auf. Dabei verwendet er seine Erstsprache Mandarin-Chinesisch. Sein Gegenüber, Präsident Amazon Nengege (Futurelove Sibanda) spricht ähnliche Floskeln und Phrasen auf IsiNdebele. Georg Beham-Kreuzbauer und Michaela Khom „übersetzen“ in (deutsche) Lautsprache, während im Hintergrund Markus Pol – theatral vergrößert und überhöht – in Österreichische Gebärdensprache übersetzt. Eine Szene großen „Kinos“ mit etlichen Anklängen an reale TV-Bilder von Politiker:innen-Treffs – übertroffen vielleicht nur noch von der oben angesprochenen über das Mars-Trip-Trio.
Übrigens bringt Okazaki schon in einer früheren Szene ihre Erstsprache japanisch ins Spiel.
Alle Akteur:innen auf der Bühne kehren immer wieder von den unterschiedlichsten Rollen in ihre angestammten Himmelskörper-Figuren zurück, hinreißend vor allem Futurelove Sibanda als Venus und Manami Okazaki als Komet Konrad.
Margot Binder (u.a. Mond) tritt vor allem als die Wissenschafterin (bei Soyfer männlich) Professorin Guck auf, die verzweifelt versucht, Beamt:innen und Entscheidungsträger:innen vom drohenden Weltuntergang und vor allem von der eigenen Erfindung, diesen verhindern zu können, zu informieren, in die Gänge zu bringen. Und treffen auf Ignoranz bei den einen – symbolisiert durch die berühmten drei „äffischen“ Handhaltungen Augen, Ohren bzw. Mund zuhalten. Sowie gar Abwehr bei den anderen – denn so manche Unternehmen profitieren gut und übermäßig: Wenn die Welt bald untergeht, dann erst recht noch schnell: Kaufen, kaufen, kaufen…
Bitterböse ist vor fast einem Jahrhundert entstandene Stück mit gar nicht allzu vielen Aktualisierungen leider noch immer oder gar noch aktuell(er). Wie schon Ingeborg Bachmann im Roman „Malina“ (1971), der derzeit dramatisiert im Volkstheater läuft, schreibt, dass die Geschichte lehrt, aber keine Schüler hat – was allerdings Antonio Gramsci schon 50 Jahre ähnlich formulierte: „Die Illusion ist das zäheste Unkraut des Kollektivbewußtseins; die Geschichte lehrt, aber sie hat keine Schüler“, zitiert aus marxists.org -> gramsci -> italspan
Weshalb auch der sarkastische Song von K.I.Z. ft. Henning May nicht fehlen darf mit den Songtext-Zeilen: „Und wir singen im Atomschutzbunker: Hurra die Welt geht unter“.
… wurde 1912 in Charkiw (heute Ukraine) geboren, maturierte in Wien im Gymnasium Hagenmüllergasse, kam – mit nur 27 Jahren im Konzentrationslager der Nazis in Buchenwald ums Leben (1939). In seinen wenigen Lebensjahren schrieb er – neben Gedichten – etliche Theaterstücke, die sich sozialkritisch und satirisch mit seiner Gegenwart – und der drohenden Zukunft auseinandersetzten, darunter nicht zuletzt „Der Weltuntergang oder Die Welt steht auf kein‘ Fall mehr lang“. Dieses wurde im Frühjahr 1936 uraufgeführt und nach wenigen Vorstellungen abgesetzt.
Zum 15. Mal bietet der mehrsprachige Redewettbewerb „Sag’s Multi!“ Jugendlichen die Chance, ihre Gedanken, Meinungen, Wünsche, Forderungen, Perspektiven in jeweils zwei Sprache – Deutsch und einer selbstgewählten, egal ob mitgebrachte Familien- oder erlernte Fremdsprache – zu Gehör zu bringen. Zum vierten Mal ist der ORF Host des Bewerbs, die Finalrunden finden in mindestens sechs der Landesstudios (Wien, Niederösterreich, Burgenland, Steiermark, Salzburg und Tirol) und möglicherweise in zwei weiteren statt – und werden dann live gestreamt.
Die Themen in diesem Schuljahr, zu denen die Reden Jugendlicher erwünscht sind:
* Mitbestimmen, mitgestalten – Meine Stimme, mein Tun
* Wir – unser(e) Leben, unsere Vielfalt, unsere Zukunft
* Wenn ich Superkräfte hätte, dann…
* Technologie und Digitalisierung – meine Welt von morgen
* Europa – die Zukunft braucht uns alle
* Menschenleben Menschenrechte Menschenpflichten
* Meine Sprache, meine Stärke, meine Welt
* Safer Spaces – Was gibt mir Sicherheit?
Ab sofort können Jugendliche – ab der 7. Schulstufe bis Ende der Schulzeit (12. Bzw. in BHS 13. Schulstufe) – sich für den Bewerb anmelden. Sowohl für die Vor- als auch die Hauptrunden senden die Jugendlichen – wie in den vergangenen drei Jahren – Videos ein, erst die Finalrunden finden analog und live statt. Die Preisträger:innen und alle Finalist:innen sind für den 17. Juni 2024 zur Abschluss-Gala im Wiener Rathaus eingeladen.
Zum achten Mal wurden die Janusz-Awards vergeben. Dieses Mal in Wien. Die – auch als Statue kreativ-künstlerisch ungewöhnliche Statue geht an Kinder und/oder Jugendliche. An solche, die es oft in ihrem bisherigen jungen Leben nicht leicht hatten – und trotz der schwierigen Ausgangslage großartig ihr Leben meistern. Schon in so jungen Jahren sind sie Vorbilder für Altersgenoss:innen in ihrem Umfeld. Und verdienen es, dafür ausgezeichnet zu werden – und mit der feierlichen Preisverleihung obendrein zum Role Model auch für ein breiteres Publikum zu werden.
Ach ja, bevor die Preisträger:innen vorgestellt werden, kurz noch die Erklärung für den Namensgeber: Janusz Korczak (ursprünglicher Name Henryk Goldsmit) war (Kinder-)Arzt, Pädagoge in Polen (1879 bis 1942). Er gründete in Warschau Waisenhäuser, legte Wert auf Mitsprache und Mitbestimmung der Kinder, schrieb dazu Bücher, machte Radiosendungen und verfasste etwas, das als Vorläufer der Kinderrechtskonvention bezeichnet werden kann.
Sodala, aber jetzt die ausgezeichneten – in dem Fall Jugendlichen – in der Reihenfolge, wie sie in feierlichem Rahmen im nicht ganz vollbesetzten (gut sechs Dutzend Besucher:innen) Wappensaal des Wiener Rathauses sozusagen vor den Vorhang gebeten worden sind. Zitiet wird aus den Laudationes (Lobreden), die Herbert Stadler, jahrzehntelanger Lehrer und … der Janusz-Korczak-Gesellschaft, hielt und am Ende jeweils ein passendes Janusz-Korczak-Zitat fand. Alle Preisträger:innen hatten sich im Vorfeld einen Lieblings-Song ausgesucht, der kurz angespielt wurde, bevor’s an die Würdigung gegangen war – ach und dazwischen trat das Duo EsRap – Esra und Enes Özmen – mit einigen ihrer berühmten Nummern auf, die zum – zumindest auf den Sitzen – mitschwingen einluden.
Jasmin Jungwirth (16) lebt seit elf Jahren in einer Wohngemeinschaft in Wien-Simmering. „Das Leben meinte es nicht immer gut mit Ihnen, doch egal wie schlimm es auch manchmal war, Sie gaben nie auf! Mit viel Fleiß und Ausdauer absolvierten Sie ihre Schulzeit und konnte im August eine Lehre zu ihrem Wunschberuf, Drogistin, beginnen.
Sie werden als sensibel, pflichtbewusst und zuverlässig beschrieben und besitzen große innere Stärke und ein beeindruckendes Durchhaltevermögen! Sie setzten sich mit aufkommenden Problemen intensiv auseinander und schaffen es, sich auch Unterstützung zu holen, was weder einfach noch selbstverständlich ist.
Für ihre Familie sind Sie immer da und manchmal übernehmen Sie mehr Verantwortung, als sie sollte. Doch so sind Sie: loyal und großzügig.
Janusz Korczak, dessen Preis Sie heute bekommen, meint: Wenn ich mich mit einem Kind beschäftige, so habe ich, zwei Empfindungen: Zuneigung für das, was es heute ist und Achtung vor dem, was es noch werden kann.“
Über Isabelle Baumgartner (15) sagte der Laudator – die Informationen über alle Preisträger:innen waren vor allem von den Sozialpädagog:innen gekommen, die die Ausgezeichneten nominiert hatten: „Sie sind ein Vorbild für die anderen Kinder und tragen maßgeblich zu einem guten Klima in der WG bei. Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft legen Sie an den Tag – zu allen Kindern – auch wenn diese manchmal anstrengend, laut und lästig sind.
Wir wissen, dass Sie sich häufig Sorgen um Ihre Familie machen – Ihre zwei Schwestern und Ihre Mama, die psychisch stark belastet sind! ALLE 3 brauchen Sie. Mit großer Stärke und Zuversicht machen Sie ihnen Mut. „Isa“ ist für alle da – Sie unterstützen Ihre Familie bewundernswert. Sie haben gerade Ihre Lehre als Köchin im Hotel Imperial gestartet! WOW!
Janusz Korczak hätte Ihnen ganz sicher in Ihr persönliches Entwicklungsbuch geschrieben: Nicht der Wind – sondern die Segel bestimmen den Kurs.“
Ahmed Raihan Abdul Rahimzai (14 Jahre) wurde in Afghanistan geboren. Als die Taliban vor zwei Jahren erneut die Macht im ganzen Land übernommen hatten musste er mit seiner Familie flüchten. Als einziger seiner Familie hat er es bis Österreich geschafft. Fast zwei Jahre war er auf der Flucht. Herbert Stadler nannte die Stationen der langen Flucht des Jugendlichen: Afghanistan, Belutschistan, Pakistan (2 Tage), Iran (rund 20 Tage), Türkei – wo er rund ein Jahr gearbeitet hat, Griechenland, Bulgarien, Serbien, Ungarn und schließlich Ankunft in Österreich.
„Zu deinen Stärken gehören Offenheit anderen Personen gegenüber und dein Wissensdrang in Hinblick auf Kultur, Sprache und deren Werte. Du bist empathisch, also einfühlsam und sehr reflexionsfähig, was heißt, dass du bereits über Vieles nachdenken kannst.
Deiner Intelligenz hast du es zu verdanken, dass du sehr rasch große Fortschritte in deinem Deutschkurs gemacht hast und schon nach ein paar Monaten eine Klasse überspringen konntest. Deine guten Sprachkompetenzen und dein Eifer führten dich zum Ziel: Du hast es in die 4. Klasse einer Mittelschule geschafft, und zwar in die Regelklasse!
Trotz der vielen sehr belastenden Lebenssituationen, die du meistern musstest, schaffst du es vor allem mit deiner positiven Einstellung und deinem Humor dem Leben die guten Seiten abzugewinnen.
Janusz Korczak hätte bei dir ganz sicher stolz festgestellt: Wer kämpft, kann verlieren – wer nicht kämpft – hat schon verloren.“
Sephora Ngubi Nzimbu (bald 20 Jahre) flüchtete 2017 8da war sie 13) mit ihrer kleinen Tochter Mami (10 Monate) aus dem Kongo nach Österreich und wurde im April in der Mutter-Kind-Unterbringung, kurz MuKi, aufgenommen.
„Sie sprachen kein Wort Deutsch und waren, nachdem, was Sie alles für uns Unvorstellbare erlebt haben, schwer traumatisiert. Trotzdem schafften Sie es, sich liebevoll um ihre kleine Tochter zu kümmern und Deutsch zu lernen. Dass Ihr Asylantrag in 1. Instanz abgelehnt wurde, war ein herber Rückschlag für Sie und sorgte für viel Unsicherheit. Trotz der widrigen Umstände und Ihrer psychischen Belastung, schafften Sie vor drei Jahren Ihren Schulabschluss.
Nach dem positiven Asylbescheid im November 2020 sind Sie dann richtig durchgestartet: Sie begannen eine Kurzzeitlehre bei JobNavi als Einzelhandelskauffrau und zogen im Frühling 2021 mit ihrer Tochter Mami in das betreute Wohnen der MAG 11. Mittlerweile haben Sie ihre Ausbildung abgeschlossen und sind auf Arbeitssuche.
Ihre Tochter Mami gerät nach Ihnen, sie besucht die Volksschule und ist ein sehr wissbegieriges, lebensfrohes und liebenswertes Mädchen … und dafür, liebe Mami, bekommst du auch ein Applaus.
Sefora, Sie können stolz auf sich sein. Sie haben eine bald 7-jährige Tochter, eine Ausbildung abgeschlossen und verlässliche Beziehungen zu Menschen in Österreich aufgebaut. Sie sind eine sehr kreative und ambitionierte Frau, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt. Sie schaffen vieles selbstständig und organisieren sich auch Hilfe, wenn sie diese benötigen. Der nächste Schritt ist für sich und Ihre Tochter ganz alleine Sorgen und das werden Sie auch schaffen.
Die berührende Aussage ihrer Betreuerinnen in der MuKi: „Uns ist es eine große Freude, diese außergewöhnlich starke junge Frau und ihre Tochter ein Stück ihres Weges begleiten zu dürfen.“
Und was würde Janusz Korczak sagen? Erziehe dich selbst, bevor du Kinder zu erziehen trachtest. Das trifft auf Sie ganz besonders zu, denn Sie sind auch ein Vorbild für Ihre Tochter!“
Asefgul Kumargul (21 Jahre) kam auch als Flüchtling – aus Afghanistan – nach Österreich. Er besuchte die Mittelschule Plankenmaisstraße und fing danach als Pflasterer in Niederösterreich zu arbeiten an. „Von Beginn an zeigten Sie trotz Ihrer schwierigen Lebenssituation, eine mitreißende Lebensfreude und eine Hilfsbereitschaft, die Sie so besonders macht. In der Wohngemeinschaft und in der Firma wurden Sie schnell ein wertvolles Mitglied. Sie waren auch kreativ und einfallsreich – so haben Sie zusätzlich einen Tag in der Woche als Fahrradmechaniker in der Seestadt zu arbeiten begonnen. Dabei ist Ihnen klar geworden, dass das Ihre Leidenschaft ist. So wurden Sie schließlich als Mechaniker bei United in Cycling tätig.
In der Zwischenzeit scheint Sie beinahe jede Person in der Seestadt zu kennen, jedenfalls sind Sie überall gern gesehen und werden liebevoll „Bürgermeister von der Seestadt“ genannt!
Über Ihr soziales Netzwerk, das Sie sich aufgebaut haben, sind Sie schließlich auch zu Ihrer eigenen Mietwohnung gekommen, die Sie mit dem Erreichen Ihrer Volljährigkeit bezogen haben.
Bis heute besuchen Sie gerne Ihre WG und unterstützen, wo Sie nur können. Sie sind für die Jugendlichen ein gutes Vorbild und können auch gut überzeugen, wenn Sie davon sprechen, wie wichtig der Zusammenhalt in einer Gemeinschaft ist. Die berührend wertschätzenden Aussagen ihrer Sozialpädagog:innen darf ich hier zitieren: „Wir sind alle sehr froh, dass Asef den Weg zu uns gefunden hat. Er bereichert unser Leben in der Wohngemeinschaft täglich neu, unterstützt uns und bringt uns stets zum Lachen. Danke Asef!“
Janusz Korczak meinte dazu: dass wir Erwachsenen immer glauben, auf die Kinder hinab-sehen zu müssen, aber es müsste wohl umgekehrt sein, wir müssten zu den Kindern hinauf-sehen! So wollen wir heute, auf Sie, lieber Herr Asef, mit großem Respekt „hinauf-sehen“, mit dem Wunsche, dass Sie weiterhin erfolgreich sind, und in eine Zukunft gehen, die Sie selber mit Lebensfreude gestalten!“
Andrei Christian Botez (12 Jahre) kam 2012 mit seiner Mutter und zwei älteren Geschwistern aus Rumänien nach Österreich. „Zu dieser Zeit warst du erst ein Jahr alt. Deine Familie hat durch den Vater viel Gewalt erfahren und ist deshalb zu einer Tante nach Österreich geflohen. Der Neustart wurde aber durch die Krankheit deiner Mama sehr erschwert. Sie hat dann auch leider nach fünf Jahre den Kampf gegen den Krebs verloren – für einen 6jährigen ein großer Verlust.
Du wohnst nun seit 2017 gemeinsam mit deinem Bruder in einer sozialpädagogischen Wohngemeinschaft der Stadt Wien und bist mittlerweile zu einem ganz tollen jungen Burschen herangewachsen.
Was reden die Erwachsenen so über dich? Weißt du das? Du meisterst deinen Alltag einwandfrei und gehst gewissenhaft den anstehenden Aufgaben nach. Die Hausübung wird gemacht, du legst auf Körperpflege und ein ordentlich aufgeräumtes Zimmer wert und liebst dein Taekwondo-Training. Jetzt besitzt du bereits den grünen Gürtel! Du bist ehrlich, humorvoll und gehst sehr respektvoll mit deinen Mitmenschen um.
Seinen Weg machen … dankbar die Chancen nutzen – trotz schwieriger Startbedingungen – ein vorbildlicher Weg! Andrei, du machst den Jüngeren in der WG Mut, dir nachzueifern!
Dazu ein passendes Zitat von Janusz Korczak: Und wieder einmal lehrte mich das Leben, dass manchmal gerade dort eine günstige Entwicklung einsetzt, wo wir (Erwachsenen) meinen, es habe uns eine Katastrophe betroffen!
Und deine WG meint stolz: Wir finden, dass Andrei es verdient hat, für seine liebevolle Art und sein großes Verantwortungsbewusstsein geehrt zu werden.“
Neben den hier ausführlich gewürdigten Preisträger:innen wurden in diesem Jahr zwei Sonderpreise vergeben:
Stellvertretend für die 600 Sozialpädagog:innen, die in Einrichtungen der Stadt Wien engagiert tätig sind, überreichte Belinda Mikosz (klinische und Gesundheitspsychologin und Initiatorin dieses Preises) einen Janusz an den Abteilungsleiter Johannes Köhler.
Einen weiteren Janusz bekam das Duo EsRap, immerhin hatte auch Esra es in ihrer Schul-Karriere nicht immer leicht, unter anderem meinte – in der 7. Klasse Gymnasium – eine wichtige Lehrerin: Die Matura schaffst du bei uns sicher nicht!“
Natürlich bestand sie die Matura – halt in einem anderen Gymnasium, studierte und arbeitet gerade an ihrer Masterarbeit – neben der erfolgreichen Rap-Karriere mit ihrem jüngeren Bruder.
Kinder-KURIER -> janusz-korczak-recht-des-kindes-so-zu-sein-wie-es-ist
Kinder-KURIER -> janusz-korczak-ausstellung-ueber-den-vater-der-kinderrechte
Was wir im Laufe weniger Monate erlernen, dazu brauchten wir – bzw. unsere Vorvor…fahren als Gattung Millionen von Jahren: Den aufrechten Gang, der uns unter anderem ermöglicht, die Arme und Hände nach langer Entwicklung für ganz andere schwierige, kunstfertige und künstlerische Zwecke zu verwenden. In einer sehr witzigen Mischung aus Theaterperformance und aktionistischer Vorlesung spielte der Körpersprache-Lehrer und Künstler Aleksandar Acev diesen Prozess in der Performance „Lucy was not long ago“ in den Wr. Neustädter Kasematten im Rahmen der Spezial-Ausgabe „Sea Change“ des Festivals „Europa in Szene“ der „Wortwiege“.
Mit einer Maske, die eher noch äffisch als menschlich wirkt, tritt bzw. krabbelt Aleksandar Acev auf die Bühne im Sala media, dem mittleren Sall, vormals zweite Röhre der ehemaligen Verteidigungs- und Wehranlage, die seit ein paar Jahren – nach Renovierung und Adaptierung – künstlerisch genutzt wird. Wie mühsam der „Weg“ vom Vierfüßler- zum aufrechten Gang war. Und wie wir uns heute mitunter wieder davon weg-entwickeln – Stichwort: Sitzen ist das neue Rauchen.
Nun letzteres kam in Acevs Performance-Lecture nicht vor, also das zuallerletzt Genannte. Das Sitzen, lümmeln, das immer weniger werden von Gehen sehr wohl.
Neben der historischen Entwicklung – Lucy nannten die Archäolog:innen den Teil-Skelettfund in Äthiopien (1974) eines weiblichen Vor-Menschen – spielte Aleksandar Acev vor allem mit unterschiedlichen Arten, wie Menschen gehen. Und wie oft schon kleinste Veränderungen im Körper – in unterschiedlichsten Regionen – somit das Auftreten ganz verschieden gestalten. Und zu welchen Interpretationen das Anlass geben kann/gibt.
Viele seiner viele Dutzend Gang- und Laufvariationen sorgten für Schmunzeln bis herzhaftes Lachen – nicht zuletzt oft gespeist von Anstößen zur (Selbst-)Erkenntnis.
Da sich Acev aber nicht nur auf den (aufrechten) Gang beschränkte, sondern auch mit und über andere Körperhaltungen, Gesten und Mimik spielte, machte er auch bewusst, wie nicht zuletzt Schauspieler:innen mit oft ganz wenigen, aber deutlich gezeigten und eingesetzten Mitteln sehr viel aussagen können, von der Tragödie bis zur Komödie können es oft nur wenige Veränderungen in der Körpersprache sein.
Als Jugendlicher wollte er ursprünglich Tänzer werden, vertraut er im Gespräch nach der Performance Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … an. Daraus sei nichts geworden und so habe er sich auf die Vermittlung von Körperhaltungen und -Sprache verlegt, arbeitet als Coach und Lehrender an Schauspielschulen. „Während des ersten Corona-Lockdowns hatte ich dann die Idee zu dieser Performance, recherchiert – und viel zu viel Material. Im zweiten Lockdown habe ich an einer Struktur für so eine Performance gearbeitet und einen Bezugspunkt gesucht und ihn in Lucy – und Skely (vom englischen skeleton = Skelett) – gefunden.“ Schließlich sei dann im dritten Lockdown diese Performance entstanden, „die ich nun auf Deutsch, Englisch und Kroatisch spielen kann“.
Und mit der Acev dem Publikum höchst vergnügliche und obendrein lehrreiche 1 ¼ Stunden bereitet.
„Pupsiquatsch“, schlägt Karlo seiner Schwester Matilda als Art Zauberwort vor. Wenn ihre Eltern vielleicht wieder einmal sagen sollten, das oder jenes wäre doch alles kein Problem, könnte sie so darauf hinweisen, dass das eine oder andere für sie aber doch eine Last wäre.
Auf die Erfindung ihres jüngeren Bruders reagiert Matilda, die Hauptfigur im Bilderbuch „Kirschkernmond“ mit heftigem Lachen. Und damit hatte sie – für diesen Abend – auch das kleinste verbliebene Problem (auf-)gelöst. Dennoch entschließt sie sich, in solchen oder ähnlichen Fällen ein anderes Wort zu verwenden.
Welches?
Das sei hier jetzt wirklich nicht verraten. Außerdem ist das Bilderbuch von Vivien Thieringer (Text) und Stella Eich (Illustration) vielleicht ein Mittel oder Weg für dich, ein eigenes derartiges Zauberwort zu erfinden. Oder möglicherweise braucht ihr gar keines?
Das genannte Duo hat sich für das besagte Buch als Ausgangsproblem ausgedacht, dass Matilda an diesem Abend weder ihr Lieblingsessen mag, das Papa gekocht hat, noch – wie sonst üblich – lossprudelt, wenn Mama fragt, das sie und ihr Bruder an diesem Tag Schönes erlebt haben.
Etwas, nein Mehreres bedrückt sie. Aber sie weiß zunächst (noch) nicht was, oder kann sie es nur nicht sagen? Irgendwann fühlt sie, als hätte sie schwere Steine im Magen. Erst als sie im Bett liegt und Mama mit dem Kirschkernmond-Polster antanzt, um in ihr – wie sonst bei körperlichem Bauchweh – dort draufzulegen, beginnt sich der Schmerz zu lösen – und ihre Zunge zu lockern. Matilda beginnt zu erzählen was sie bedrückt (hat), womit es schon leichter wird…
„Hast du Rom in der Tasche?“, kommt von der Inspizientin die Frage an Schauspieler Rainer Galke. Wir befinden uns im Vestibül des Burgtheaters in Wien. Wenige Tage sind es noch bis zur Premiere von „Liebe Grüße… oder wohin das Leben fällt“. Das humorvolle und doch ernste Stück um das Verhältnis zwischen Generationen wurde von Theo Fransz geschrieben und vor drei Jahren mit dem deutschen Kindertheaterpreis ausgezeichnet. Nun ist es erstmals in Österreich zu sehen (Übersetzung aus dem Niederländischen: Andrea Kluitmann).
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… durfte beim Feinschliff der Probe einiger Szenen zuschauen – und anschließend Regisseurin Anja Sczilinski, die auch das Burgtheater Studio künstlerisch leitet, sowie Lukas Vogelsang aus dem Schauspiel-Trio interviewen.
Auf engstem Raum – das Vestibül bietet nur rund sechs Dutzend Zuschauer:innen und einer begrenzten Bühne Platz – entwickeln der genannte Schauspieler als 10-jähriger Moritz, Dunja Sowinetz als dessen Großmutter Mathilde und Rainer Galke als deren Sohn sowie Moritz‘ Vater Fabian den Kosmos einer grundsätzlich liebevollen Familie. Aber mit so einigen Problemen: Die Oma pendelt zwischen sehr hellen Momenten und Anflügen von Demenz, hin und wieder wird auch körperliche Schwäche angesprochen. Deren Sohn und Vater des Enkels taucht immer wieder in seine Kindheit ab/ein. Dann ist er genau so alt wie Moritz, nämlich 10. Und sieht in Letzterem einen Eindringling. Dabei will er doch jetzt – endlich – Kind sein. Was er offensichtlich nicht so ausleben hatte dürfen, weil sein Vater, Mathildes Ehemann Alois, sehr viel weg war in der Welt – als Uhrenhändler. So hatte Fabian früh fast eine Erwachsenenrolle einnehmen müssen.
Von den Reisen hatte Alois immer Postkarten und Fotos geschickt – worauf sich die eingangs gestellte Frage bezieht – was sich auch in den vertikal drehbaren Bühnenelementen widerspiegelt. Die zeigen in den Phasen der zeitreisen in die Vergangenheit stilisierte Stadtansichten; in der Gegenwart sind sie neutral fast weiß.
Die Karte aus Rom ist eine der Erinnerungsstücke, ja die zentrale, weil sich da Alois nicht nur an Mathilde, sondern in einem P.S. auch an Moritz wendet. Diesem verspricht er eine große Reise für seinen runden Geburtstag. Was Fabian nicht glauben kann und will, ist doch der Vater schon lange nicht mehr nach Hause gekommen.
Zwei Mal – während des KiJuKu-Lokalaugenscheins wird diese Szene in der Probe gespielt. Die Regisseurin gibt Anregungen – nicht zuletzt wie angesichts der Enge des Bühnenraums, vielleicht der eine oder andere Gan besser zurückgelegt werden könnte, um nicht dem Publikum die Sicht auf alle drei Protagonist:innen zu verstellen.
Wir erleben hier in wenigen Minuten ziemlich emotionale Auf und Abs. Den Ärger Fabians als Kind, das anfangs egoistische Verschlingen seines Geburtstagskuchens und letztlich dann doch das Teilen mit seinem Sohn, der in der Zeitreise – auf Wunsch der Oma – zum Freund wird. Auch das Eintauchen der alten Frau in die Vergangenheit, aber auch das Lüften des Geheimnisses um die Reisen ihres Ehemanns… So manches schaffen die drei Schauspieler:innen sozusagen auch zwischen den Zeilen zu vermitteln – vor allem die Stimmungen, Gefühle, auch manch nicht (ganz) An- und Ausgesprochene.
Keine einfache Angelegenheit, aber schon bei der Wiederholung wirkt die Szene viel runder. Noch – so die Regisseurin – müssten aber in einer weiteren Probe vor allem das Zusammenspiel von Schauspiel und Lichtwechsel exakt abgestimmt werden.
Sie habe dieses Stück ausgewählt, „weil mich mit Theo Fransz eine sehr lange Arbeitsbeziehung verbindet. Er und seine Stücke sind ein wichtigster Grund, dass ich mich für Theater für junges Publikum entschieden habe. Er hat eine Art, Themen anzusprechen, die nicht immer so leicht verhandelbar sind für Kinder – in SCHWESTERN etwa den Tod einer der beiden Schwestern. Bei der damaligen Erstaufführung in Berlin, bei der Theo Fransz selbst Regie führte, habe ich intensiv mitwirken dürfen. Seine Stücke haben eine große Poesie und Magie. Große oder auch schwere Themen wie Verlust, Existenz, Vergangenheit, Gefühle, Schmerz, Familiengeschichten erzählt er mit Humor und doch einer Leichtigkeit. In „Liebe Grüße… oder wohin das Leben fällt“ geht’s ja auch um die immer kränker werdende Oma, wo aber so viel Liebe in den Figuren steckt in der Verbindung zwischen den handelnden Menschen über die Generationen hinweg. Diese magischen Zeitreisen ermöglichen, diese großen Themen anzugehen, ohne, dass sie Ballast haben.
Aufmerksam wurde ich auf dieses Stück, da es mit dem deutschen Kindertheaterpreis ausgezeichnet wurde, und jetzt freue ich mich mit diesem Stück Theo Fransz als Autor ans Burgtheater zu holen und gleichzeitig wieder an meine Wurzeln im Theater für junges Publikum anzuknüpfen.“
KiJuKU: Wie ist es, nicht nur einen Zehnjährigen zu spielen, sondern einen Buben, der noch dazu mit seinem eigenen Vater im Konflikt liegt, weil der beansprucht, ein Kind, ebenfalls von zehn Jahren zu sein?
Lukas Vogelsang: Ich finde, das mit den Zeitreisen ist total spannend gemacht. Theo Fransz versteht die Welt und die Sprache von Kindern sehr gut, finde ich. Sobald du diesen Text liest, geht’s so schnell, dich da rein zu finden – in diese Naivität, dieses Wunder und eben wie Anja sagte, diese Magie.
Interessant ist auch, was du über die Beziehung lernst, wenn du deinem eigenen Vater in seiner Kindheit begegnest, was das mit dir als Kind macht, du wächst da vielleicht noch daran. Es fühlt sich jeden Tag gut an, in diese Welt, in diese Stimmungen reinzuspringen.
Anja Sczilinski: Das Stück verfolgt ja keinen Realismus.
Lukas Vogelsang: Das ist auch das Schöne an diesem Stück, dass man’s nicht „verstehen“ muss – es ist eher so ein emotionaler Weg. Dadurch entsteht auch die Magie von der Anja redet.
Anja Sczilinski: Für mich ist das auch der Reiz des Stückes, etwas nicht Erklärbares zu haben – und wenn man’s erklären müsste, spielt es für mich mit der Fantasie von Moritz. Er nimmt uns – und das steht auch am Beginn des Stückes, wo er sich ans Publikum wendet – mit auf seine Reise.
Sczilinski, die wie schon erwähnt, die Kinder- und Jugendschiene, das Burgtheater Studio künstlerisch leitet, nennt für diese Saison als weitere inhaltliche Schwerpunkte den Dialog der Generationen – wie eben „Liebe Grüße oder wohin das Leben fällt“, Premiere 17. September, Vestibül, ebenso wie die Klimakrise – „solastalgia von Thomas Köck, Premiere ebenfalls dieses Wochenende (16. September, Kasino) aber auch soziale Verwerfungen sowie Kinder-. und Jugendarmut. Im Statement anlässlich der Programmpräsentation in der Vorwoche sagte sie: „Gerade in Zeiten wie diesen brauchen wir mehr denn je Theater für junges Publikum. Mit dem Burgtheaterstudio schaffen wir einen Ort der Begegnung, des Austauschs und des Miteinanders. Wir fördern Gedankenexperimente, Dialog zwischen den Generationen und Diskurs. Unsere junge Generation stellt kritische Fragen, adressiert die fehlerhaften Entscheidungen früherer Generationen, die Klima- und Wirtschaftskrise und soziale Ungerechtigkeit und Diskriminierung… wir verhandeln genau diese brennenden Themen unserer Zeit, geben all diesen Fragen Raum. Mitspracherecht und Teilhabe von Kindern und Jugendlichen an künstlerischen Schaffensprozessen stehen diese Saison besonders im Vordergrund.“
Wer Kind war oder mit solchen zusammenlebt, kennt diese Tierchen mit unangenehmen Begleit-Erscheinungen: Jucken am Kopf – sofern sich dort Haare und nicht eine Glatze befinden. Scharfes Mittel zum Erst-Einreiben, spezielles Shampoo danach und Metallkamm mit eng stehenden Zähnen, um die Kopfläuse wieder los zu werden. Und in der Zeit des Befalls, ja nicht die Köpfe mit anderen zusammenstecken…
Das Bilderbuch „Luki Laus“ setzt die Reihe, die mit „Gerda Gelse“ begonnen hat und der „Willi Virus“, Susi Schimmel und „Klarissa von und zu Karies“ gefolgt sind, fort. Jeweils andere Autor:innen und Illustrator:innen (außer Leonora Leitl, die zwei Mal zuschlug) beschäftigten sich mit diesen (wunzig-)kleinen äußerst unangenehmen Mit-Bewohner:innen. Stets eingebettet in eine Geschichte aus der Sicht – nein, nicht der Menschen, sondern hineinversetzt in die Lage der Genannten – aber auch ergänzt und erweitert um Sachinformationen.
Dieses Mal war Lena Raubaum am Zug, die sich auch gleich Haare raufend als hätte sie Läuse gehabt fotografieren ließ. Sie legt Luki, einer Kopflaus, Sätze und Gedanken in den Mund. Und aus diesen ebenso wie den Sachtexten erfahren wir, was uns das Jucken verursacht, dass ihre Verwandten in Pflanzen und jene in Tieren schon zu Dinosaurier-Zeiten die Erde bevölkerten…
Und wir sehen dank der Illustrationen von Laura Momo Aufderhaar, die echt so heißt und sich keinen Künstlerinnen-Namen für dieses Buch ausgedacht hat, wie unsere Kopf- aber auch andere Läuse ausschauen. Auch in ihren verschiedenen „Nymphen“-Stadien in denen sie sich nach dem Schlüpfen aus den Eiern (Nissen) zu ausgewachsenen Läusen entwickeln. Viele ihrer Bilder schuf die Illustratorin mit Pflanzendruck.
Und obwohl vielleicht dank des liebevollen Textes und der spannenden Bilder Luki und seine Kumpan:innen vielleicht ein bisschen sympathisch rüberkommen, können wir nur froh sein, wenn sie unser Haupthaar oder ihre Verwandten, die Filzläuse, andere Körperbehaarungen nicht befallen. Auch wenn wir jetzt vielleicht noch besser wissen, wie wir sie wieder loswerden!
Achja, als Beilage gibt’s ein Blatt mit „Lausmalbild“ und auf der Rückseite – oder umgekehrt – „Lausige Redewendungen und Witze“; Beispiel gefällig: „Was hat Batman, wenn er sich andauernd am Kopf kratzt?“
„Flederläuse“.
Schön liegt er da, stufenförmig eingebettet vor der S-Bahnstation Haidestraße (S 80) der neue seit einer Woche bevölkerte Bildungscampus in Wien-Simmering, benannt nach DER Pionierin der Elementarpädagogik in Österreich Heidemarie Lex-Nalis. Die hätte sicher ihre Freude daran gehabt, dass hier Kindergarten und Ganztags-Volksschule in einem fast rundum neu begrünten Umfeld liegen, auch daran, dass Sonderpädagogik-Klassen Teil des Bildungshauses sind, ein Teil der Freiflächen auch am Wochenende den ganzen Tag, an Schultagen abends den umliegenden Bewohner:innen zur Verfügung stehen. Oder dass ein Teil der Energie für den Betrieb des Lern- und Spielortes von der Sonne (Photovoltaik am Dach) und aus der Erde (Geothermie) kommt.
Knapp zwei Jahre nach dem Spatenstich nahm der Bildungscampus rechtzeitig zum Beginn des neuen Schuljahres den Betrieb auf. Neben der S-Bahn-Anbindung halten zwei Buslinien – in beiden Richtungen – neben bzw. vor der Schule. Die U-Bahnlinie 3 (Station Enkplatz) ist auch recht nahe.
Aber noch viel näher sind insgesamt fünf Straßen: Rappachgasse (Nummer 44 ist die Bildungscampus-Adresse), Kopalgasse, Meichlstraße, Nussbaumalle und Haidestraße treffen einander in einem Kreisverkehr. Insbesondere aus letzterer kommen viele mächtige LKW.
So rasch wie das Bildungsgebäude samt den großzügigen Freiflächen davor gebaut wurde, hätte erwartet werden können, dass sich (Verkehrs-)Planer:innen in diesen zwei Jahren Lösungen überlegen hätten können. Immerhin stellen die Straßenquerungen für die jungen Kinder doch eine alltägliche Gefahrenquelle dar.
Seit Monaten schon machte Johannes-Maria Lex-Nalis, Witwer der Frühpadagogik-Vorkämpferin, selber unermüdlicher Betreiber der Plattform „Bildung ist Zukunft für alle Menschen in Österreich“ (auf Facebook), alle auch nur in Frage kommenden Verantwortlichen in Bezirk und Stadt darauf aufmerksam. Nach anfänglicher eher ignoranter Haltung, die ihm begegnete, begannen in den letzten Wochen dann doch die einen und anderen zu reagieren. In der Rappachgasse kam es knapp vor dem Kreuzungsbereich zu einer Aufdoppelung der Straße und einem großen aufgepinselten Warnsignal.
Und es steht ein Schüler:innen-Lotse mit signalfarbener Warnweste in der Mitte der Rappachgassen-Querung – täglich in der Früh und ein Kollege nachmittags bei Ganztags-Unterrichtsende.
„Die wohl sicherste Lösung“, so Lex-Nalis in vielen eMails und zu Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… „wäre eine generelle 30-er-Zone in den Anfahrtswegen zu dieser Kreisverkehr-Kreuzung und Achtung-Schulweg-Verkehrszeichen aus allen Richtungen.“
Einige Parteien versprachen dem Initiator, in der nächsten Sitzung der Bezirksvertretung die Verkehrssituation vor der und rund um die Schule zu thematisieren. Die für Verkehr zuständige Stadträtin (Ulli Sima) rief Johannes-Maria Lex-Nalis – nach dessen Urgenz einer versprochenen Antwort – an, um zu erklären, Warntafeln könnten nur aufgestellt werden, wenn die AUVA (Allgemeine Unfall Versicherungs-Anstalt) dazu eine „positive Stellungnahme“ abgeben würde. Also schrieb er auch an diese.
Gut, wenn jetzt im Schritt-Tempo – das nicht gerade alle hinter dem Steuer eines PKW oder LKW einhalten – doch ein bisschen Sicherheit in den Weg zur Schule und zum Kindergarten gebracht wird! Hätten das nicht aber Planer:innen von sich aus selber – und rechtzeitig – tun können?
Anna G. begleitete am Montag der zweiten Schulwoche KiJuKU bei einem Lokalaugenschein der Straßenquerungen und erklärte die Verkehrslage. Sie wohnt in der Nähe und überlegt „mein Kind, das nächstes Jahr in die Schule kommt, hierher gehen zu lassen, weil mich das Konzept von diesem Campus sehr überzeugt. Aber so lange die Situation so gefährlich ist, bin ich mir nicht sicher, ob dann nicht eine andere Schule mit sichererem Weg in Frage kommt.“
Bevor Kinder – bei Familienvorstellungen unterstützt von erwachsenen Begleitpersonen – angeleitet mit Materialien (Batterie, Motor, Drähte, Büroklammern als Schalter) der Puppenspielerin und gelernten Elektrotechnikerin, eigene fantasievolle Roboter bauen dürfen, hören und sehen sie das Theaterstück „Stina und der Tentakelarm-Verkäufer“ von „Robotheater“ aus dem deutschen Bochum.
Die Puppenspielerin und Schnellst-Sprech-Erzählerin Yvonne Dicketmüller führt das Publikum ab 5 Jahren in eine komplexe Geschichte (die sie und die Zeichnerin Vera Keitmeier sich ausgedacht und getextet haben) in der Welt von (fast) nur Roboter:innen. In Robo-City, wo sie immer wieder Stücke ansiedelt, geht’s beim in Feldkirch (Vorarlberg) gezeigten Stück im Rahmen des internationalen Theaterfestivals „Luaga & Losna“ (Schauen und Hören) um einen Krimi. Die uniformierten und alle gleich aussehenden gezeichneten Robo-Cops lechzen bei der morgendlichen Besprechung über die zugenommene Kriminalität in ihrem Universum vor allem aber erst einmal nach Kaffee-Öl. Das Schmiermittel, damit sie überhaupt gut funktionieren können. Dieses aber wurde zur Mangelware.
Neben dem übermächtig als riesige Kartonfigur mit Alu-Schnauzbart auftauchenden Polizei-Boss, fällt natürlich vor allem die titelgebende Hauptfigur durch anderes als das gleichförmige Aussehen auf: Stina. Als Kaffeemaschine programmiert, will nichts sehnlicher als Polizistin werden, wird aber von den möglichen Kolleg:innen sowie deren Chef in ihrem Wunsch so gar nicht ernst genommen.
Und klar, sie wird es schaffen, indem sie die Hintergründe der Verbrechenswelle aufklärt. Und dabei – eh kloar, wozu sonst der Titel – spielt ein Tentakelarm eine große Rolle, sogar mitunter eine riesengroße. Denn so wie der große Ober-Polizist und Stina sowie der kleinsten Polizistin POL 101 taucht der Tintenfisch-Arm mit seinen Saugnapf-Noppen nicht nur in den Zeichnungen auf, sondern wird von der Puppenspielerin auch in dreidimensionaler Form (teils 3D-Drucke) außerhalb des beleuchteten Guckkastens be- und gespielt; der Tentakelarm sogar in Klein und riesig, sogar den Polzei-Boss überragender Form
Der überwiegende Teil des verwickelten Krimis – Polizei gegen Ersatzteil-Gang – mit komplexen Wendungen samt Ausflügen über die Feuermauer hinweg in die analoge, natürliche Welt mit richtigem Gras – solches das auf Wiesen wächst und kein Fall für die Polizei ist – wird von der Spielerin in dem genannten Guckkasten stets weitergekurbelt (daher Crankie-Puppentheater; das englische Crank steht für Kurbel).
Zu oft doppelt die Spielerin in zu langen Stück – „aber die Komplexität soll erhalten bleiben“ (so Dicketmüller) Text und Bilder, gesteht in diesem Nachgespräch, dass sie „vielleicht zu wenig den Bildern vertraut“ hätte. Solches aber würde dem Publikum auch Zeit zum Durchatmen und mehr Raum geben, sich auf die comic-artigen Bildern auch zu konzentrieren bzw. selber im Kopf Text und Bild, die gemeinsam ein Ganzes ergeben könnten, zusammenzufügen.
Vielleicht würde sich auch anbieten, einen „Trick“, das Publikum ein wenig mehr bei der Stange zu halten, aus dem ersten Drittel ein paar Mal zu wiederholen: Da bittet die Puppenspielerin und Roboterbauerin die Zuschauer:innen mittels Klatschen, Stampfen usw. für die musikalische Untermalung zu sorgen, denn dafür sei sie gar nicht gebucht worden. Mit Ausnahme dieser einen Passage spielt sie dann aber doch immer wieder Musik ein.
Compliance-Hinweis: KiJuKU wurde von Luaga & Losna zur Berichterstattung nach Feldkirch (Vorarlberg) eingeladen.
Mit Putzwagen, Wasserkübel und Wischmop reinigt der „Straßenkehrer Emillio“ den Bühnenboden, hält immer wieder Ausschau nach dem Schauspieler und Musiker, der eigentlich schon da sein sollte… Und obwohl da schon klar ist, dass er selbst in Wahrheit der Akteur für die kommende Stunde sein wird, nimmst du ihm auch die eher schüchterne, zaghafte, verspielte Annäherung an die Gitarre, das Akkordeon, die Laute … ab.
Der Vielfach-Musiker Andreas Paragioudakis ist beim internationalen Theaterfestival für junges Publikum „Luaga & Losna“ (schauen und hören) im Vorarlberger Feldkirch für das kurzfristig wegen eines Todesfalls in der Familie ausgefallene Teatro Distinto (Italien) mit dem geplanten Stück „Solitarium“ eingesprungen. Und verzauberte das Publikum durch die wenigen erzählten Geschichten und die vielfältige Musik, die er aus den genannten und noch weiteren Instrumenten wie u.a. einer Concertina oder Zungentrommeln „zauberte“. Vor allem aber gelang es ihm das Publikum sanft und sehr entspannt zum Mitsummen, trommeln, stampfen zu animieren. Dazwischen verteilte er Rasseln, Shaker, Glöckchen, Kalimbas und schaffte es so, ein gemeinsames Konzert zu erschaffen.
Seine kleinen, kurzen Erzählungen knüpften an einem realen Straßenkehrer in seiner ersten Heimat Rethymno auf Kreta (Griechenland) an. Für viele ein Außenseiter, sei er im Haus seiner Oma immer willkommen gewesen, zwischen ihm und dem späteren Musiker sei gleich eine inspirierende, ja freundschaftliche Brücke entstanden. Ihm wollte Paragioudakis mit diesem musikalischen Stück, theatralen Konzert eine Art Denkmal setzen. Und sofort kommt Beppo aus Michael Endes „Momo“ in den Sinn und dessen Draht zur Hauptheldin gegen die Herren in Grau, die die Zeit stehlen wollen, und den anderen Kindern.
Und so baut der Musiker, der auch früh schon von Schauspielerei angefixt war, und seinen „Straßenkehrer“ irgendwie auch clownesk anlegt, auch die Traurigkeit der Figur ein über jene Jahre, in denen er fast nie Kinder traf, weil sie das Haus kaum verlassen, ja nicht einmal in die Schule gehen durften. Doch dann endlich…
Für die Entwicklung seines Stückes habe er – so erzählt Paragioudakis im Nachgespräch – auch viel mit Straßenkehrern in seiner jetzigen Heimatstadt Bregenz gesprochen und deren philosophischen Betrachtungen der Welt schätzen gelernt. Ganz beglückt lächelt er noch jetzt, wenn er von der Situation berichtet, wo er mit seinem Fahrrad und dem Anhänger nicht sicher war, ob er zwischen zwei eng geparkten LKW durchkommen würde und den zufällig anwesenden Straßenkehrer fragend anschaute, worauf der gelassen aussprach: „Wenn du willst, kommst du überall durch!“
„Der Straßenkehrer“ ist ein Konzert/Theaterstück, das viel positive Stimmung durch die von Andreas Paragioudakis mit „nebenbei“ Leichtigkeit erzeugte Gemeinsamkeit und Freude über „kleine“ Momente versprüht und eine kräftige Portion Optimismus mit hinaus aus dem Theaterraum nehmen lässt.
Compliance-Hinweis: KiJuKU wurde von Luaga & Losna zur Berichterstattung nach Feldkirch (Vorarlberg) eingeladen.
Am Anfang ist – ein Stein. Der hängt an einem Haken an einer Schnur in den Händen des Theatermachers. Damit kommt er aus dem Saal im Pförtnerhaus an der Ill im Vorarlberger Feldkirch beim internationalen Theaterfestival für junges Publikum „Luaga & Losna“, tänzelt durch die Reihen der wartenden Zuschauer:innen. Insbesondere vor Kindern lässt Michael Lurse vom Helios Theater im deutschen Hamm diesen kleinen Stein baumeln, mit kleinem Anstoß zieht der Kreise.
Dieses Rund ist auch der Titel der folgenden rund halbstündigen Performance im Saal mitten zwischen dem Publikum, das im Viereck um den Tanzboden auf Bänken sitzt. Erst lässt der Solo-Performer einen Stein pendeln, später tänzelt er zwischen drei hin und her schwingenden Steinen hindurch. Der Techniker (Malte Kochanek), der die langen Schnüre, an denen die Steine baumeln, auch schon mal hochzieht, versorgt das Bühnengeschehen mit wenig, dafür umso wirkungsvolleren Lichtspielen.
Noch kreisen die Steine nicht, aber bald kommt ein Metallkübel ins Spiel, Klappe im Boden geöffnet und raus rieseln winzig-zerkleinerte Steine, besser bekannt als Sand. Ein Schubs, und schon kreist der Kübel über dem gesamten Tanzboden, womit sich Kreis um Kreis runde Sandspuren ergeben. Irgendwann beginnt der Schauspieler in diese seine Fußspuren zu setzen, malt dabei das eine oder andere Bild damit, hüpft, tritt nur mit Ferse oder Zehen auf, und schon sehen wir andere Spuren.
Obwohl allein spielend, erschafft der Co-Leiter des Theaters, das nach Sonnengott benannt ist, sozusagen nicht nur das Universum, die Welt, sondern lässt – in Form von wild gebauten Papier-Figuren Tiere und Menschen ins Spiel kommen, verleiht ihnen Geräusche und Stimmen – um schon gegen Ende das Publikum spielerisch ins Geschehen einzubeziehen und nach dem Schluss die Bühne als Spielfläche freizugeben – mit Figuren und Sand.
Das sehr poetische bildstarke, beeindruckende und gleichzeitig berührende Spiel mit fast meditativen Momenten schon für Besucher:innen ab 2 Jahren, kann von älteren Zuschauer:innen vielleicht sogar als eine Art metaphorische Schöpfungsgeschichte gesehen/gelesen werden, ist jedenfalls ein Vergnügen es zu erleben. Und offensichtlich auch, es zu spielen. Wie zu sehen, zu spüren, und wie Michael Lurse im abendlichen Nachgespräch erzählt. Genau deshalb habe sich Helios Theater auf den Bereich für die Allerjüngsten verlegt. Die seien noch wenig von „pädagogischer Bewertung“ von Bildern und/oder Musik verdorben, könnten sich noch am Betrachten und Lauschen erfreuen – „und wir können dadurch künstlerische Freiräume ausleben“.
Und – so erzählt er: Am Anfang stand tatsächlich das Bild eines über der Bühne hängenden, schwebenden Steins gewesen, das er mehrmals abends vor dem Einschlafen hatte. Steine genommen, ausprobiert und Schritt für Schritt sei so die Performance entstanden.
Compliance-Hinweis: KiJuKU wurde von Luaga & Losna zur Berichterstattung nach Feldkirch (Vorarlberg) eingeladen.
So klein der Kreis des rundum sitzenden Publikums, so groß und weit die Perspektive, die Solo-Performerin/-tänzerin Tilde Knudsen in dieser Stunde eröffnet. Und das hängt nicht nur am Stoff, der schon die vielleicht längste seit mehr als 2 ½ Tausend Jahren weltberühmte Reise mehr als anklingen lässt. In „My Odyssey“ der dänischen Theatergruppe Asterions Hus spannt die tanzende, spielende, fast durch Raum und Zeit fliegende Performerin den Bogen noch viel weiter als die rund 20-jährige sprichwörtlich gewordene Odyssee – die von Homer in Verse gegossenen Abenteuer des griechischen Helden auf der Rückkehr nach dem Krieg gegen Troja. Gleich zu Beginn, über den sie mit dem Publikum im Zwie- und Gruppengespräch darüber philosophiert, wo diese, ja überhaupt eine oder vielmehr jede Geschichte wirklich startet, erweitert sie durch die gesummte, gebrummte Intonierung der auch sehr bekannt gewordenen Filmmelodie die Reise auf den Weltraum (der 1968 erschienene Science-Fiction Roman Arthur Clarkes und die Verfilmung Stanley Kubricks im selben Jahr: 2001 Odyssee im Weltraum).
Auch wenn sie sich entlang der groben Storyline der Odyssee (Regie: Peter Kirk) durch die Stunde hantelt, so springt die fast artistisch in dem Rund, der fast einer Manege gleicht, assoziativ zu verwandten Themen. Ebenso wie zu Erfahrungen aus ihrem Leben. So spielt sie auf ein kreatives EU-Projekt an, in dem im Laufe von vier aufeinander folgenden Sommern (darstellende) Künstler:innen aus elf europäischen Ländern in einem eigens aus Holz gebauten Schiff von den baltischen Staaten bis Griechenland und Malta gereist sind. Voller hoffnungsvoller Erwartungen auf diesen künstlerischen Austausch – untereinander ebenso wie mit Publikum jeweils vor Ort. Samt großen Enttäuschungen, dass das Projekt voll nicht das gebracht hat, sondern sehr oft bei Fragen, „wer putzt nun das Klo an Bord“ hängen geblieben sind. Aber immerhin so manche Kontakte zwischen Beteiligten dauerhaft geblieben sind…
Ebenso baut sie die Enttäuschung ihrer Theatergruppe ein, dass sie auf der dänischen Insel Møn, wo sie und ihr Mann ihre (künstlerische) Heimat gefunden haben, von dem seit Jahrzehnten hier etablierten Theater aus öffentlichen Subventionen gemobbt worden sind. Worauf sie sich nach wie vor auf Tour-Theater und das oft mit wenigstens Mitteln konzentrieren, „so dass wir mit unserem Campingbus anreisen und fast aus diesem und rund um diesen spielen können“, wie sie in einer Gesprächsrunde mit Teilnehmer:innen des Symposions „Bild & Ton & Bild“, das parallel zum internationalen Theaterfestival „Luaga & Losna“ in Feldkirch (Vorarlberg) läuft, berichten. Das diesjährige, 20. Symposion – das Festival feierte sein 35-Jahr-Jubiläum – steht übrigens unter dem Motto „Die abhanden gekommene Konzentration und ihre Rückgewinnung“.
Tilden und Kirk schilderten, sie würden in Dänemark erleben, dass Kinder im Publikum mit abstrakten Performances heute weniger anfangen könnten als vor 20 Jahren, „sie brauchen heute viel mehr konkrete Geschichten, deren Sinn sie gleich verstehen“.
Beim Festival waren bei Tilde Knudsens doch streckenweise eher abstrakter, assoziativer „Alice im Wunderland“ aber doch auch recht viele sogar junge Kinder am Geschehen geblieben. Ihre „Odyssey“ verfolgten allerdings – obwohl ab 12 Jahren angegeben – ausschließlich und meist auch nicht ganz junge Erwachsene. Die sich doch auf ihr Spiel einlassen konnten, obwohl sie im Laufe der Stunde mehr oder minder fast jede Einzelne/ jeden Einzelnen im Publikum direkt in ihre Erzählung verstrickte.
Hin und wieder wechselte Knudsen die Perspektive von Odysseus zu seiner zu Hause (Ithaka) – das in dieser Version in Dänemark liegt – wartenden Frau Penelope und dem heranwachsenden Sohn Telemachos, in der Odyssee vernachlässigte Charaktere. Und sie erzählte – wie recht oft sehr sprudelnd (englisch) einen angebliche ganze andere Interpretation: Penelope wäre eine Eizelle, Odysseus jenes Spermium, das es als einziges ans Ziel geschafft habe – Ergebnis: Telemachos, ihrer beider Sohn 😉
Compliance-Hinweis: KiJuKU wurde von Luaga & Losna zur Berichterstattung nach Feldkirch (Vorarlberg) eingeladen.
Zwischen Publikum (ab 3 Jahren) und Spielfeld der Theaterleute spannt sich im Viereck ein roter Teppich. Danach kommen Schienen für große Spielzeugzüge. Doch um die geht’s vorerst – für manche Kinder zu laaaaaange – nicht. Minju Kim und Michael Lurse vom Theater Helios aus Hamm (Nordrhein-Westfalen, Deutschland) lassen zuerst einmal Wasser aus gläsernen Behältern in Gläser fließen, beginnen dann auf dem Boden zu stampfen, klopfen, auf Lampenschirme aus Blechkübeln zu trommeln. Irgendwann ertönen die von ihnen erzeugten Geräusche als Art Echo und Nachklang aus Lautsprechern. Plötzlich das Sumsen eines Insekts (Technik: Malte Kochanek).
Mit „Früh Stück“ wollen die Theatermacher:innen Geräusche ins Zentrum ihrer knapp mehr als halbstündigen Performance für Besucher:innen ab 3 Jahren rücken. Und tun dies auch, selbst als die von manchen sehr jungen Zuschauer:innen heiß ersehnten Züge ihre Fahrt aufnehmen. Denn nun berührt ein hölzernes Stöckchen, das seitlich über einen der Lasten-Waggons hinausragt, die mit mehr oder weniger Wasser gefüllten Gläser und Krüge – aus den Geräuschen wird zunehmend Musik, die noch um komponierte Klänge und Töne (Jan Leschinski sowie Michael Lurse, der auch Regie führte und die Bühne konzipierte) bereichert wird.
Das Bühnen-Duo beginnt Wassergläser an Zuschauer:innen zu verteilen, später noch Apfelspalten und Kekse, die ein weiterer Zug herbeifördert. Sozusagen „Früh Stück“ auch wenn’s erst am Nachmittag ist. Und im Fall dieser Performance, die sozusagen in einem gemeinsamen Essen und Trinken endet, isst dann neben dem sprichwörtlichen Auge auch das Ohr mit. Für die Ohren bringt Schauspielerin Minju Kim auch neue Klänge ins „Spiel“: Pada und Sague – für Ozean und Apfel (auf Koreanisch).
Wasser heißt Mull, erfährt Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… auf Nachfrage nach der Vorstellung von der Schauspielerin.
Compliance-Hinweis: KiJuKU wurde von Luaga & Losna zur Berichterstattung nach Feldkirch (Vorarlberg) eingeladen.
Üblicherweise bringt „Wortwiege“ neue, ungewohnte Bearbeitungen bekannter Stoffe in den Wiener Neustädter Kasematten zum ersten Mal zur Aufführung. Ausnahme war schon Shakespeares „Coriolanus“ in der Regie und Spielfassung von Azelia Opak im Herbst des Vorjahres. Das Stück über toxische Kriegslüsternheit war ein halbes Jahr zuvor als Regie-Abschlussarbeit am Max-Reinhardt-Seminar zu erleben gewesen.
Das diesjährige „Europa in Szene“-Herbstfestival (6. – 24. September 2023) läuft unter dem Titel „Sea Change – Die Kunst der Verwandlung“. Insbesondere der erste der langgezogenen Räume der einstigen Verteidigungsanlagen wurde zu einer Art Schiffsbauch gestaltet mit sozusagen Bullaugen-Aussicht auf diverse – animierte – Fische an den Wänden und auf der Bühne. Das Meer mit seinen Gezeiten, Wellenbewegungen, Ort weiter Reisen mit all ihren Veränderungen wird zum Hintergrund und zur Metapher für Veränderungen mit unterschiedlichsten Stücken bzw. Theaterformen. Und da an den Gestanden der Meere viele verschiedene Länder liegen wird diese Ausgabe des „Wortwiege“-Festivals noch viel internationaler – und damit oft „nur“ österreichischer Erst-Aufführungsort.
So erlebte die multidisziplinäre Performance „Dido“ ihre Uraufführung beim 26. Istanbuler Theaterfestival. Korhan Başaran machte aus dem Mythos von Dido und Aeneas ein Stück Tanztheater mit Videoprojektionen (Projektionsdesign: Ataman Girisken) zu Kompositionen von Tolga Yayalar (21. und 22. September 2023).
Und das Leitungs-Duo des Festivals (Anna Maria Krassnigg, Christian Mair) bringt seine musikalisch-theatrale (Welt-)Reise „Orlando Trip“, ein Konzert mit wechselnden Video-Sequenzen nach fast einjähriger Tour – unter anderem Rumänien, Türkei, Griechenland, Bosnien, Kroatien, Frankreich, Italien; Israel – gleich nach dem Festival -, Japan, Spanien und New York stehen auf dem weiteren Tourneeplan – zur Österreich-Premiere (die englischen Lyrics erhalten in die Videos eingeblendete deutsche Übersetzungen). Die künstlerische Leiterin Krassnigg hat sich dafür einen weiteren ihrer Vornamen und den Nachnamen des sizilianischen Vaters ausgeborgt. Als Anna Luca Poloni hat sie zwölf Songtexte verfasst, die sich am Orlando-Mythos orientieren. Die Kompositionen sowie die Visuals steuerte der um einen i-Punkt veränderte Christian Maïr bei, der sie auch selber auf der Stromgitarre spielt.
Die Welt-Tour führt übrigens dazu, dass das Duo im jeweiligen Land stets neue Videos dreht, die in die nächsten Auftritte in die Visuals eingearbeitet werden.
Orlando, den Virginia Woolf in ihrem Roman (der übrigens auch Ausgangspunkt für ein eben erst in Wien gelaufenes Stationen-Wanderprojekt mit digitalen Kunstwerken am Smartphone war – siehe Link am Ende des Beitrages) eines Abends in Istanbul als jungen Mann einschlafen und anderntags als Frau aufwachen lässt, steht damit für eine beachtliche Veränderung. Übersetzt textete Poloni/Krassnigg dazu unter anderem:
„Schlaf kann Tod sein
Doch der Tod ist nicht das Ende
Träume alles andere als unschuldig
Wach auf, neues Leben!“
Wobei die Autorin im Auftakt-Mediengespräch und rund um einen Probenbesuch des Konzerts von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… auf die – kaum bekannte – Tatsache hinweist, dass Woolf „nur“ eine alte italienische Geschichte überschrieben hat: Das fast 40.000 Verse umfassende Werk „Orlando furioso“ von Ludovico Ariosto (erstmals 1516 erschienen). Ausgangspunkt für Aristo war die die sogenannte Roland-Sage, die auf dem historischen Vorbild des fränkischen Markgraf Hruotland basiert, einem angeblichen Verwandten von Kaiser Karl, dem Großen. Und da weniger seinen angeblichen Heldentaten, sondern seiner Liebe zu einer fast magischen chinesischen Prinzessin. Diese Liebe raubt ihm (fast) den Verstand.
In dem stimmungsvollen Auf und Ab der Gefühle und ihrer Veränderungen des konzertanten theatralischen Duos schwingen Macht der Liebe genauso mit wie Angst vor Veränderung und dann doch die Energie, auf der Welle solcher Veränderungen reiten zu können. Mindestens genauso ist die Sehnsucht nach den schier unendlichen Weiten der Meere und die Neugier auf Neues spürbar. Wenngleich die Liebe zur Exotik zu einem Loblied auf „Gipsys“ verleitete, einem Begriff, den Angehörige der Roma, Sinti, Jenischen usw. spätestens eit der ersten internationalen Roma-Konferenz 1971 (!) genauso ablehnen wie das Z.-Wort, für das es ja nur die sozusagen „verbrämte“ Übersetzung darstellt.
Wermutstropfen des jetzigen Festivals: Alle Aufführungen werden nur zwei Mal gespielt, manche sogar nur ein einziges Mal. Sollte der „Orlando Trip“ gut gebucht werden, könnte, so Krassnigg, eine dritte Vorstellung eingeschoben werden.
Eine der 15 kleinen Tonnen die U-förmig die Spiel-/Tanzfläche begrenzen wird plötzlich zum Hinterteil des berühmten Kaninchens. Aus zwei aus einer anderen der Tonnen herausgezogenen lederpapierenen Dreiecken formt die schauspielende Tänzerin Tilde Knudsen im Nu die beiden Hasenohren. Eine ¾ Stunde lässt sie die (jungen) Zuschauer:innen in die Welt von „Alice im Wunderland“ eintauchen. Jene, die die berühmten Geschichten von Lewis Carroll vor und hinter den Spiegeln kennen, freuen sich über viele Aha-Momente. Mit fast ausschließlich drei- und viereckigen sowie runden, mitunter eingeschnittenen, Elementen zaubert die Solotänzerin, die auch für Choreografie und Dramaturgie verantwortlich zeichnet, etliche der bekanntesten Figuren von der Grinsekatze über Hutmacher bis zur Herzkönigin aus den Tonnen hervor. Zu Hilfe nimmt sie dabei weiße Stoffe, die kreisförmig mit Draht verstärkt sind.
Die Kostüme von Susan Marshall waren auch – neben den schon beschriebenen geometrischen Figuren – der Ausgangspunkt für dieses Stück des dänischen Theaters Asterion Hus. Das erzählen die Performerin und der Regisseur Peter Kirk am Abend nach der Aufführung im Nachgespräch. Solche sind stets Teil des internationalen Theaterfestivals für junges Publikum „Luaga & Losna“, dessen Herbstteil stets in Feldkirch stattfindet.
Am Beginn des Entstehungsprozesses habe sie nur mit diesen Elementen gespielt und improvisiert. „Ich hab mich in diese Dinge sofort verliebt, nach zwei Wochen war’s plötzlich da: Das muss „Alice im Wunderland werden“, dazu haben wir dann noch diese Tonnen gefunden, die Futterbehälter auf einer Hühnerfarm waren“, so die Künstlerin.
Die fast wortlose – von Musik unterstützte (Komposition: Klaus Risager) Performance – vermittelt aber auch jenen Zuschauer:innen, die die klassische Geschichte nicht kennen, die Grundstimmung der stets staunenden, sich aber in den unmöglichsten, chaotischen Situationen zurechtfindenden Alice. Aus (fast) Nichts lässt sie Wunderwelten entstehen, in denen sich Tilde Knudsen teilweise fast schwebend bewegt. Da sind in einer der Höhepunkt-Szenen selbst vier Tonnen an Armen und Beinen keine Hindernisse für die tänzerische Leichtigkeit Knudsens
Compliance-Hinweis: KiJuKU wurde von Luaga & Losna zur Berichterstattung nach Feldkirch (Vorarlberg) eingeladen.
Auftakt zum 35. Internationalen Theaterfestival für junges Publikum „Luaga & Losna“ im Vorarlberger Feldkirch mit „Puppenspielplatz“ aus Tschechien.
Vor dem Spielplatz im Übergang zum Wald ist für zwei Tage ein weiterer Spielplatz aufgebaut. „Puppenspielplatz“ ist die Übersetzung für das tschechische Loutkoviště das über dem größten der kleinen Bühnenbögen steht. Auftrittsmöglichkeit für alle, die etwas vor Publikum spielen wollen. Loutkoviště von Waxwing Theater aus Tschechien sorgen damit für den Auftakt des Herbstteils des 35. Internationalen Theaterfestivals für junges Publikum „Luaga & Losna“ (schauen und hören) im Vorarlberger Feldkirch (der Frühjahrsteil steigt vor allem im viel kleineren Nenzing). Der Puppenspielplatz vor dem Spielplatz liegt nur wenige Gehminuten von der Innenstadt entfernt über eine Fußgänger:innen und Radfahrer:innen-Brücke über die Ill. Hier in „Reichenfeld“ steht auch das „Pförtnerhaus“, in dem die meisten Aufführungen des Festivals stattfinden. Und er wartet auch noch am Mittwoch (6. September 2023) auf spielfreudige Besucher:innen (12 bis 17 Uhr)
Die meisten spielen aber nicht vor dem gestreiften Vorhang mit der oben genannten Aufschrift, sondern auf den fünf viel kleineren, auf dem Boden stehenden bunt bemalten, hölzernen Bühnen. Hinter diesen – in einem Halbrund in der Wiese platzierten Bühnen finden die Besucher:innen – vor allem Kinder – Gestelle mit unterschiedlichsten hölzernen Menschen-, Tier- und Fantasie-Puppen. Die hängen an fixen Drähten, die am Ende Holzstäbe haben, an denen sie geführt werden. Die Holzfiguren verfügen – meist – über Beinchen an Schnüren. So können die Spielenden ihre Figuren auf den Bühnen gehen, tanzen oder auch in einem Zirkus-Ambiente über ein Seil balancieren lassen.
Der „Puppenspielplatz“ – zusammengesetzt aus Loutka (Puppe) + hriště (Spielplatz) = Loutkoviště ist eine Erfindung des Duos „Waxwing“-Theater aus dem tschechischen Sedlice („zwischen České Budějovice und Plzeň, Budweis und Pilsen, den Bierstädten“, wie Peter Gaffney vom Theater sagt). Er hat – mit seiner Ehefrau Zuzana Smolová (Konzept: Táňa Švehlová) die Bühnenbilder gebaut, sie auch all die 60 fantasievollen Figuren. Und obendrein ein noch gar nicht erwähntes Herzstück des Spielplatzes: Začátkovač. Die „Beginn-Maschine“ ist eine große hölzerne Trommel, die auf einem Gestell liegt und sich drehen lässt. Da drinnen rumpelts heftig. In ihrem Bauch liegen hölzerne Stäbe.
Die Trommel hat zwei Türchen mit den Beschriftungen „wer“ und „was“. Nach einigen Drehrunden greifen die Kinder, animiert von Diana Khwaja die auch das System erklärt, der Reihe nach hinein und zeihen etwa die Kombinationen „Fee“ und „organisiert einen Wettbewerb“ oder „Hexe“ und „zieht einen Zahn“, „Prinz“ und „vergrabener Schatz“ und noch Dutzende andere Personen bzw. Handlungen heraus, um diese dann mit den schon oben beschriebenen Figuren auf einer der Kleinstbühnen zu spielen – andere begeben sich lieber in die Rolle der Zuschauer:innen, die auf Pölstern vor den Bühnchen in der Wiese Platz nehmen.
Žofka hat es am meisten eine aus vielen hölzernen Gliedern gebaute Schlange angetan, die doch glatt ihre Bühne verlassen und in den Händen der Vierjährigen quer über die Wiese „fliegen“ kann, worauf der Journalist rasch den Bojím se hadů – ich hab Angst vor Schlangen – lernt 😉
Übrigens beginnen Märchen im Tschechischen mit „Bylo ne bylo“ – was übersetzt heißt „es war, es war nicht“, was ja viel poetischer klingt und wirkt als „es war einmal“.
Compliance-Hinweis: KiJuKU wurde von Luaga & Losna zur Berichterstattung nach Feldkirch (Vorarlberg) eingeladen.
Na eeeeendlich. Könnte ge-stoßseufzt werden, nachdem der Bundeskanzler und ÖVP-Chef Karl Nehmanner im letzten der Sommergespräche 2023 einen kräftigen Ausbau von Kinderbetreuungsplätzen ankündigte.
Und das ist immerhin ein 180°-Wendung gegenüber dem mittlerweile berühmt gewordenen Chat zwischen dem Ex-Bundeskanzler, damals Außenminister, und seinem „Prätorianer“ im Mai 2016. Die SPÖ und ÖVP-Spitzen Christian Kern und Wolfgang Mitterlehner hatten knapp mehr als eine Milliarde Euro für einen Rechtsanspruch auf Nachmittagsbetreuung samt Vereinbarung Bund, mit Gemeinden ausgemacht. Das hatte Thomas Schmid seinem „kriegst eh alles was du willst“-Boss getextet. So einen Erfolg wollte dieser – gemeinsam mit Innenminister Wolfgang Sobotka – Sprengmeister der damaligen Großen Koalition, Sebastian Kurz, nicht vergönnen.
Sebastina Kurz: „Gar nicht gut!!! Wie kannst du das aufhalten?“
Tomas Schmid: „Ich terrorisiere gerade Mahrer und Kaszanits und mache denen das klar. Ich sitze da nicht drinnen. Leider“
Kurz: „Bitte. Kann ich ein Bundesland aufhetzen?“
Schmid: „Das sollten wir – wir schicken deinen Leuten heute auch noch die Infos“
Also Friede, Freude, Eierkuchen. Wären da nicht zwei Dinge.
Zuallererst: Kindergarten ist die erste Bildungseinrichtung, Kinder haben ein Recht darauf, von dafür ausgebildeten Pädagog:innen möglichst früh gefördert zu werden. Und gleichzeitig voneinander zu lernen – von gleichaltrigen oder/und älteren Kindern.
Der Leiter des Media Lab am weltberühmten MIT (Massachussetts Institute of Technology“ hatte übrigens vor 20 Jahren bei einer Pädagogik-Tagung in Hamburg (organisiert vom damals existierenden Lego Learning Institute), bei der KiJuKU, damals als KiKU (Kinder-KURIER) dabei war, das Auditorium eingangs gefragt: „Was war die wichtigste Erfindung der vergangenen 500 Jahre?“ (Dezember 2003)
Dampfmaschine, Buchdruck, Computer, Internet lauteten praktisch alle Zurufe. Und Resnick verblüffte mit seiner Antwort: „Nein! Es war die Erfindung des Kindergartens durch den Deutschen Friedrich Fröbel – die professionelle, außerhäusliche, ergänzende Früherziehung“.
Der Leiter des Media Lab, an dem übrigens das spielerische Programmier-Lern-Tool Scratch für schon sehr junge Kinder entwickelt wurde, nennt seine Abteilung seit jeher Lifelong Kindergarten Group! (Link dazu unten am Ende des Beitrages)
Es geht – oder vielmehr sollte darum gehen: Kinder haben ein Recht auch auf diese erste Stufe des Bildungssystems. Und nicht nur um „Betreuung“, damit Eltern was anderes machen können wie arbeiten gehen. Und genau vom letzteren kommt der jetzige Ansatz des aktuellen Kanzlers. Seit Langem fordern die Vertretungen der Unternehmer:innen aufgrund immer krasser werdenden Arbeitskräftemangels: „Die Kinderbetreuung in Österreich muss dringend ausgeweitet und verbessert werden. Das merken nicht nur die Betroffenen, das sagen auch die heimischen Expert:innen. Kinderbetreuung ist aber auch ein Thema mit großer wirtschaftlicher Relevanz. Denn fehlende Betreuungsangebote drängen viele Eltern – zumeist die Mütter – in die Teilzeit. Das verschärft den aktuell ohnehin dramatischen Arbeitskräftemangel in Österreich noch weiter.“ (marie.woko.at)
Schön und gut, wenn auch von dieser Seite der Druck auf mehr Plätze – und hoffentlich ausreichend – Personal in der Elementarpädagogik kommt, aber es sollte doch wohl darum gehen, dass Kinder ein Recht auf beste möglichst frühe Bildung haben: Und da geht’s nicht um Einpauken, sondern um altersadäquates soziales, kognitives, kreatives, sprachliches und so weiter spielerisches Lernen!
Unter dem Gesichtspunkt von „Kinderbetreuung“ wird es obendrein immer eine konjunkturabhängige Sache bleiben: Werden viele Arbeitskräfte gebraucht, also mehr Plätze; schwächelt die Wirtschaftsentwicklung, werden weniger Arbeitskräfte gebraucht, dann wird wieder getrommelt: Kinder doch möglichst zu Hause zu betreuen ;(
Stanilsav Tkachenko (19), Alina Drygar (21), Artem Kolotukhin ()17), Tymofii Maliuk (17) und Yarik Deynega (17) treten – verstärkt durch jemanden von der Gruppe der Flying Henriquez als „White Angels“ im zweiten Teil des Programms mit dem der Circus Louis Knie derzeit in Wien gastiert, mit akrobatischen Kunststücken auf. Eine durch die ganze Manege reichende luftgepolsterte Matte dient als Anlauf, um mit teils Mehrfach-Salti auf der dicken Matte vor den mittleren Logen des Zirkus zu landen. Die lange Strecke nutzen die Artist:innen immer wieder aber auch schon da als Sprung„brett“ für Salti, Handstand-Überschläge und atemberaubende Sprünge – einer führt sogar durch einen brennenden Reifen.
KiJuKU: Sie sind alle sehr jung – zwischen 17 und 21 Jahre – seit wann sind Sie eine Zirkus-, eine Artist:innen-Gruppe?
White Angels (manchmal antwortet eine/r, dann wieder mehrere in einander ergänzenden Sätzen): Vor dem Krieg in unserer Heimat Ukraine hatten wir ein anderes Leben. Wir kommen nicht aus dem Zirkus, sondern aus dem Sport, wo wir in Wettbewerben angetreten sind, die meisten von uns in Akrobatik, manche auch in Gymnastik.
Als der Krieg im Februar 2022 begonnen hat, wussten wir, wir müssen weg. Einer aus unserer Gruppe hatte einen Coach, der einen Vertrag für ihn hatte – in Österreich. Und er fragte uns alle, ob wir mitkommen wollen. Er sagte sogar: „Wowh, wir fliegen sogar auf einen anderen Kontinent, sehen Kängurus… – weil er Austria mit Australia verwechselt hatte – worauf bei dieser Erzählung auch jetzt noch alle herzhaft lachen oder wenigstens schmunzeln.
KiJuKU: Waren Sie dann enttäuscht, dass Sie nur in Österreich gelandet sind?
White Angels: Zuerst schon, aber als ich den Vertrag hatte, hab ich sofort zu trainieren begonnen, nach und nach sind dann alle von unserer jetzigen Gruppe zusammengekommen.
KiJuKU: Und dann haben Sie diese Zirkusnummer erarbeitet? Sportliche Akrobatik für Wettbewerbe ist ja sicher etwas doch anderes als eine Show zu erarbeiten?
White Angels: Als wir zum Zirkus gekommen sind, konnten wir „nur“ springen – Lachen aller fünf folgt. Aber mit Hilfe eines Choreografen der Flying Henriquez haben wir aus unseren sportlichen Fähigkeiten eine Zirkusnummer erarbeiten können.
KiJuKU: War das schwierig, vom „nur“ Springen zu einem Show-Act zu kommen?
White Angels: Nicht schwer, aber es ist eine Erfahrung. Beim ersten Mal war’s schon sehr ungewohnt. Aber jetzt passt’s für alle Beteiligten.
KiJuKU: War die Zusammenarbeit von Ihnen fünf mit einem sechsten einer anderen Gruppe, von den Henriquez aus Chile schwierig?
White Angels: Nein, wir lieben es, im Team zu arbeiten, auch wenn wir vorher in sportlichen Wettbewerben eher auf Konkurrenz gepolt waren.
KiJuKU: War der Umstieg von Wettbewerb mit sicher weniger Publikum in die große Manege mit Hunderten Zuschauer:innen einfacher, weil Sie für so viele Menschen ihre Kunst zeigen oder sorgt es für mehr Aufregung?
White Angels: Zuerst war’s schwieriger, aber da wir jeden Tag Praxiserfahrung erleben wird’s immer leichter.
Aber einerseits bringt’s ein „Wowh, so viele schauen uns zu“: Andererseits ist’s auch ein bisschen beängstigend. Aber wenn du anläufst und springst, denkst du nur an die Nummer, nicht an das Publikum.
KiJuKU: Sind Sie alle aus derselben ukrainischen Stadt?
White Angels: Nein, Kriwoj Rog (südlich), Dnipropetrowsk (östlich), Cherson (südöstlich) und Kyjiw.
KiJuKU: Sie haben vermutlich alle Verwandte und Freund:innen in Ihren Heimatstädten. Sind Sie ständig mit diesen in Kontakt, um zu schauen und hören, wie es diesen geht? Und wie ist es, selber sicher zu sein und die sind in Gefahr.
White Angels: Wir telefonieren und schreiben sehr oft. Insbesondere, wenn wir in den Nachrichten sehen, dass diese oder jene Stadt gerade angegriffen wird.
KiJuKU: Überlagern diese ständigen Sorgen auch jedes Training, den ganzen Alltag?
White Angels: Es ist sehr schwer, aber bei unseren akrobatischen Übungen müssen wir das auch ausblenden. Aber wenn du aus der Manege gehst, auch wenn’s nur Backstage ist, du denkst ständig an Eltern, Geschwister und Freund:innen, die im Krieg leben müssen.
Krieg ist immer heftig! Aber deswegen können wir auch gar nicht in unsere Heimat, insbesondere die Jungs. Die 17-Jährigen werden bald 18, dann müssten sie zur Armee.
Petro Kulishevych ist einer der beiden BMX-Rider, die derzeit in Wien in Neu-Marx im großen Zelt vom Circus Knie für Nervenkitzel sorgen. Im Duo mit seinem Kollegen auf zwei Rädern, Dmytro „Dima“ Bilokon fahren und vor allem springen sie über Rampen, auf Podeste – und übereinander. Während Dima eher der rasantere ist, springt Petro oft nur auf dem Hinterrade von einem Podest zum anderen. Am wildesten wirken allerdings die kleineren Sprünge, wenn der jeweils andere Kollege in der Mitte der Rampe auf dem Boden liegt und entweder er oder Dima mit dem Rad über den anderen springen. Hin, her und wieder zurück, auch kreuz und quer. Jeweils – in diesen Fällen natürlich bewusst – knapp daneben.
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… durfte Petro Kulishevych – so wie die Gruppe der akrobatischen „White Angels“ vor einer Nachmittagsaufführung am Eröffnungswochenende hinterm großen Zirkuszelt interviewen.
KiJuKU: Sind Sie schon als kleines Kind trickreich Rad gefahren?
Petro Kulishevych: Gar nicht, ich hab erst mit 15 angefangen, in dieser Art von Radfahren begonnen. Da hab ich zuerst anderen bei ihren Trick auf der Straße zugeschaut. Da war ich richtig angefixt, ich hab das geliebt, das war so amazing (was ja weit mehr ausdrückt als das deutschsprachige toll). Ich hab mich in diese Art von Radfahren richtig verliebt. Ich hab dann geschaut wie ich zu so einem Rad kommen könnte.
Mein Vater und ich haben in unserer Werkstatt dann solche Räder aus anderen, alten einfachen Fahrrädern selber gebaut, wir haben da und dort geschnitten und anders, neu zusammengeschweißt.
KiJuKU: Und dann haben Sie selber Tricks ausprobiert oder bei anderen gelernt oder abgeschaut?
Petro Kulishevych: Zuerst hab ich gar nicht an Tricks gedacht, ich wollte nur zum Spaß mit so einem Rad auf der Straße fahren, in die und nach der Schule. Ein Jahr später als ich mit der Schule fertig war, hat mein Vater gesagt: Du hast jetzt ein Jahr frei, du musst noch nicht arbeiten oder eine weitere Ausbildung machen du hast Zeit, deinen eigenen Weg zu finden. Da bin ich fast nur Rad gefahren.
KiJUKU: War das dann das Jahr, als Sie mit Tricks begonnen haben?
Petro Kulishevych: Als erstes nicht, da hab ich zuerst viel geübt und gelernt, Balance zu halten, zu springen, auch nur auf dem Hinterrad. Erst so nach eineinhalb Jahren beginnst du mit Tricks, mit Sprüngen über Hindernisse oder von einem Punkt zum anderen. Erst nach sechs Jahren bekam ich dann meinen ersten Vertrag als BMX-Rider in der Türkei.
KiJuKU: Wo in der Türkei und in einem Zirkus?
Petro Kulishevych: Nein, in vielen Städten und Orten in der Gegend von Antalya, in Hotels für Tourist:innen, die Shows für ihre Gäste anbieten, hatte ich tägliche Auftritte. Da war ich 20 und 21 Jahre. Damals hat in der Ukraine das Problem mit Russland begonnen, als sie die Halbinsel Krim überfallen und erobert haben. Damit haben auch wirtschaftliche Probleme in der Ukraine begonnen oder zugenommen, es wurde immer schwieriger Arbeit für gutes Geld zu bekommen. Deshalb hab ich dieses Job-Angebot aus der Türkei angenommen. Vier Jahre lang hab ich jeweils das halbe Jahr, also die Tourismus-Saison, dort gearbeitet und bin dann jeweils nach Hause in die Ukraine gefahren. Das war von 2015 bis 2018.
KiJuKU: Und dann?
Petro Kulishevych: Dann hat mich ein Freund in der Ukraine gefragt, ob ich nicht bei ihm im Zirkus meine Kunststücke zeigen will. Dann kam Corona, und als der Krieg Russlands in unserem ganzen Land begann, ist er nach Europa gegangen und hat mich gefragt, ob ich mitkommen will. Das erste Engagement hatten wir dann in Norwegen.
KiJuKU: Mit dem Zirkus sind Sie dann durch einige Länder getourt?
Petro Kulishevych: Ja, nach Norwegen war ich in Israel, Dubai, Deutschland und jetzt in Österreich.
KiJuKU: Sie sind aus welcher ukrainischen Stadt?
Petro Kulishevych: Aus Luzk, ziemlich weit im Westen, 150 Kilometer nördlich von Lwiw.
KiJuKU: Sie haben sicher Verwandte in Ihrer Heimat, wie geht es denen, es muss sicher schwer sein, ständig um Verwandte Angst haben zu müssen und sie selber nicht wirklich treffen zu können?
Petro Kulishevych: Ja, es ist schon sehr schwer, aber hin und wieder kann ich sie schon treffen. Da ich ja einen fixen Vertrag hab, darf ich sie auch besuchen, ohne zur Armee einrücken zu müssen.
KiJuKU: Aber selbst im Westen des Landes wird ja manchmal bombardiert, leben Sie da in ständiger Angst um ihre Angehörigen?
Petro Kulishevych: Ja, noch dazu, wo einige aus meiner Familie – Tanten und Onkel sogar im Osten der Ukraine leben, wobei die meisten konnten flüchten und leben nun in Polen und Deutschland. Aber auch in meiner Heimatstadt wurde bombardiert. Rund um Kriegsbeginn war ich zu Hause, unser Baby war gerade fünf Monate und wurde durch den Lärm der Kampfbomber wach und hat nicht und nicht aufgehört zu schreien. Ich hab versucht es zu beruhigen, während meine Frau Essen für unser Baby zubereitet hat. Und dann bin ich sofort zur Tankstelle, hab Benzin in Kanistern gekauft, wir haben uns zusammengepackt und sind Richtung Grenze gefahren – was Tausende andere auch gemacht haben. Kolonnen von Autos, Chaos. Das war nervenzerfetzend, aber nach zwölf Stunden haben wir’s geschafft, wir waren in Polen.
Aber lass uns lieber wieder übers Radfahren reden.
KiJuKU: Sie haben im Laufe der Jahre spezielle Tricks entwickelt?
Petro Kulishevych: Nein, ich hab einfach viele Videos von den besten BMX-Riders geschaut und mir da Inspirationen geholt. Ich bin nicht genial oder unique. Ich bin auf einem guten Level, nahe an der Weltspitze im BMX-Hoch- und Weitsprung, aber ich mach alles jedenfalls sicher, ich mag keine verrückten, gefährlichen Sachen machen.
KiJuKU: Naja, für mich wirkt es schon gefährlich, über jemanden anderen mit dem Rad zu springen oder eben umgekehrt auf dem Boden zu liegen, wenn der Kollege mit dem Rad über einen springt.
Petro Kulishevych: Wenn du 15 Jahre insgesamt und gut acht Jahre Erfahrungen in Shows hast, ist das nicht so schwierig. Außerdem bin ich jetzt in bester Kondition, bevor wir hier angefangen haben, hatte ich zehn Tage zum Ausspannen, relaxen, das ist auch wichtig.
KiJuKU: Wie war das Jahre vorher, wenn Sie zum ersten Mal über einen anderen Menschen mit dem Rad gesprungen sind?
Petro Kulishevych: Ich kann mich nicht mehr erinnern, aber ich denke es war ein bisschen beängstigend. Aber was ich weiß: Das Wichtigste für die Person, die auf dem Boden liegt, ist, nicht verängstigt zu sein. Denn sonst kann es passieren, dass jemand mit einem Arm oder Bein ein wenig wegzuckt und das ist gefährlich, dann kannst du mit dem Rad beim Sprung jemanden treffen und das tut schon weh. Du als Rider musst die Gewissheit haben, dass sich die Person, über die du springst, nicht wegbewegt. Dieser Sport ist so sicher. Wenn du an dich und dein Rad glaubst und diese immer auch checkst, dass alles in Ordnung ist, fährst und springst du sicher. Ich bin ja auch nicht so schnell unterwegs. Damit hab ich auch immer sogar mehr Kontrolle als mein Kollege Dima, der ist schneller und mit mehr Energie unterwegs.
Es war sozusagen Liebe auf den ersten Blick. Als der jugendliche Patrick Dykstra (16 Jahre) im naturkundlichen Teil des Smithonian Museums in Washington D.C. den lebensgroßen Nachbau eines Blauwals sah, war’s um ihn geschehen. „Ich war geschockt, das war größer als alles was ich sonst im Museum gesehen habe, größer als das Flugzeug im nahegelegenen Luftfahrt und Weltall-Museum. … Ich konnte gar nicht glauben, dass dieses riesige Tier nicht wie die Dinosaurier ausgestorben ist. Es lebt – und das gleichzeitig mit mir…“, wird er in einem Artikel von Oliver Jarvis zitiert – auf uw360.asia, einer Website, die Unterwasserfotograf:innen und -filmer:innen protraitiert.
Heute ist er – und das seit etlichen Jahren – forschender Unterwasserfilmer und Freund so mancher Pottwal:innen. Dazwischen war er nach seinem Schulabschluss erfolgreicher internationaler Jurist – um sich sein „Hobby“ leisten zu können.
Am 8. September 2023 läuft „Patrick and the Whale – Eine außergewöhnliche Freundschaft“ in österreichischen Kinos an – sowohl in englischer Originalsprache (mit und ohne deutschsprachingen Untertiteln) als auch auf Deutsch synchronisiert. Beeindruckende Bilder des Tauchers oft ganz nahe an mehreren, vor allem aber einzelnen Pottwal-Individuen. Vor der Karibik-Insel Dominica kam Dykstra nahe an ein junges Weibchen heran, das er Dolores nannte, und das sich mit ihm tatsächlich austauschte – sie reagierte auf ihn, begann mit ihm u spielen, seine Bewegungen zu spiegeln und mit ihm sozusagen zu reden in „tick-tick-tick“- Klicklautsprache. Damit kam der Taucher zu Terra Mater-Chef Walter Köhler, der einst für den ORF „Universum“ entwickelte hatte. „Das war’s, das hat uns überzeugt und so haben wir uns entschlossen, mit ihm einen Kinofilm zu drehen.“
Wobei, so einfach war’s dann doch wieder nicht. „Eeeewig“ lang wartete das Filmteam, bis Dolores wieder auftauchte. Schon gaben sie die Hoffnung fast auf – wunderschöne, beindruckende bewegte Bilder konnten sie auch so ohnehin drehen. Wenn Pottwale schlafen, tun sie dies senkrecht. Der Taucher wie in einer Art „Wald“ außerirdischer Wesen mittendrin. Und dann tauchte Dolores tatsächlich wieder auf. „Nicht ich hab sie, sie hat mich gefunden“, sagt Patrick im Film. Noch näher ließ sie ihn an sich heran. Doch dann war Dolores weg – machte sich auf den Weg, eine eigene Familie zu gründen.
Aber dem forschenden Wal-Filmer und dem Team, das ihn dabei auf hochauflösende Bewegtbilder bannte, schwamm noch eine weitere sensationelle Begegnung vor die Kameralinsen. Patrick hatte auch zu einem anderen Individuum eine intensive Beziehung aufbauen können: Can Opener. Obwohl sein Credo war, berühre nie einen Wal, lockte ihn – und sicher auch das Team – vielleicht Bilder aus den Tiefen des Ozeans zu bekommen, wo die Pottwale, die bis zu einer ¾ Stunde ohne Luftholen auskommen, sich ihre Nahrung holen.
Dykstra konnte ihr sogar eine Kamera mit Saugnäpfen an ihrer Haut, nahe dem Kopf anbringen, womit wir im Kino nun Bilder sehen können, wie sich das Pottwal-Weibchen in der Tiefsee bewegt, Futter findet und verzehrt. Doch irgendwie war sie danach scheinbar beleidigt, wandte sich von ihm ab, er versuchte sich zu entschuldigen. Nichts half. Lange Zeit. Und doch präsentierte sie einige Zeit später dem Taucher ihr Baby. Bei einem weiteren Tauchgang brachte sie ihm das Walkind sozusagen zum Aufpassen, während sie selbst nach unten abtauchte – womit er sozusagen zum kurzzeitigen Babysitter gekürt worden war.
Walter Köhler, gut drei Jahrzehnte lang erfahrener Natur- und Doku-Filmer, der heute nur mehr selten hinter der Kamera steht, sondern eher konzipiert, verriet Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… am Rande der ersten Pressevorführung, „wir haben genug Material und auch 3D-gefilmt, sodass wir daraus auch einen IMAX-Film schneiden werden und natürlich auch einen fürs TV.“ Er und Eva Schmidt, die – wie auch praktisch das gesamte „Universum“-Team damals den ORF verließ, gründeten Terra Mater, diesen beeindruckenden rund 1 1/4 -stündigen Kinofilm über „eine außergewöhnliche Freundschaft“ produzierte.
Der Film beeindruckt nicht nur durch sehr viele außergewöhliche, faszinierende Bilder, sondern auch durch die sozusagen zwischen den „Zeilen“ immer wieder durchkommende Botschaft, auch im Interesse dieser groß(artig)en Tiere, die Meere zu schützen. Und regt mit einem fast simplen Trick ganz am Ende und der damit angerichteten Verwirrung zu universalistischem Denken an.
Übrigens, schon vor dem Kinostart am 8. September 2023 konnte der Film eine große Auszeichnung verbuchen: Er läuft im offiziellen Programm des renommierten 47. internationalen Filmfestivals in Toronto (Kanada) – und das gleich eineinhalb Dutzend Mal in Gala- und fast vier Dutzend Mal in Sondervorstellungen. Schon zuvor erhielt „Patrick and the Whale“ Mitte August drei Nominierungen bei den international renommierten Jackson Wild Media Awards (Human Planet – Long Form, Onscreen Personality und Feature) und drei weitere bei den Wildscreen Panda Awards (Editing, Sound und Producer/Director).
Die einen in sportlichen (Fußball-)Dressen, die anderen leger und dritte, vor allem viele Mädchen und Frauen bunt, schick, festlich gekleidet und geschmückt. Hunderte Menschen bevölkerten am Wochenende das Sportgelände Hopsagasse (ASKÖ) in Wien-Brigittenau. Auf dem großen und etlichen kleineren Fußballfeldern, darunter eines mit Aufblas-Rand und ein Minifeld, das sogar auf einem Tisch Platz hätte, wurde gekickt. Auf dem Hauptfeld ging ein Turnier über den Rasen. Auf dem Sandplatz matchten sich Beach-Volleyball-Teams. In der Halle wurde tagsüber Futsal gespielt und ab dem mittleren Nachmittag regierte Musik.
Nach Pandemie-bedingter Pause und knapp zwei Jahre nach der neuerlichen Machtergreifung der Taliban in ganz Afghanistan hatte der Sport- und Kulturverein „neuer Start“ bereits zum zehnten Mal zum Integrations- Sport- und Kulturfest „Von Kabul bis Wien“ eingeladen. Neben Sport – auf vielen Feldern wurde nicht um Siege, sondern „nur“ zum Spaß, gespielt und Musik gab es Infostände, afghanische Speisen, Workshops – unter anderem mit Kickbox-Welt- und Europameister Amir Sahil zum Thema Antidiskriminierung.
Unter anderem lag auch ein von Shokat Walizadeh, dem Motor dieses Integrationsfestes, mit-verfasstes Handbuch „Vermittlung interkultureller Genderkompetenz im Fluchtkontext“ auf. Dies ist Teil der Arbeit des Vereins mit Geflüchteten, die in verschiedensten Bereichen unterstützt werden, was nicht zuletzt die Hilfe beim sich-zurechtfinden in der österreichischen Gesellschaft bedeutet.
Zum zweiten Mal bei diesem bunten, fröhlichen von viel Kinderlachen aufgeheitertem afghanischen Sport- und Kulturfest zu dem auch viele Wiener:innen ohne Wurzeln in diesem seit Jahrzehnten von Kriegen plagten Land kamen, auch der tschetschenische Verein Ichkeria. Sahar und Amiri mit afghanischen und Ali mit tschetschenischen Wurzeln posten spontan als sie den Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… Journalisten sahen, um ihre Freundschaft zu zeigen.
Sahar – wie viele der Mädchen und Frauen in traditionell buntem Kleid, Amiri mit einer traditionellen Kappe und der 14-jährige Gymnasiast Ali schnappt sich die auf dem Info-Tisch liegende Dechik Pondar. „Dechik heißt Holz auf tschetschenisch“, erklärt er KiJuKU.at „und Pondar ist ein bei uns schon lange traditionelles Saiteninstrument“. Auf den Kopf setzte ihm seine Mutter eine traditionelle Haube, die in Tschetschenien aus Schafwolle gefertigt wird, „die ist glaub ich aus Kunststoff“, sagt Ali verschmitzt.
Wenige Meter auf dem Gehweg neben der großen offenen, holzüberdachten Halle, in der sich die Info- und Ess-Stände ebenso befanden wie Station wo Henna-Tattoos kunstvoll auf Hände gemalt wurden, hatten zwei Männer einen Kreidekreis auf den Boden gemalt. Abwechselnd warfen sie kleine Schafsknochen in den Ring. Schagai heißt dieses Spiel, bei den Hazara, einer seit Jahrzehnten immer wieder verfolgten Volksgruppe in Afghanistan. Das Spiel kommt ursprünglich aus der Mongolei. Je nachdem wie die Knöchelchen aufkommen, werden sie als Pferd, Esel, Rücken oder Unterseite (Bauch) benannt – und sind in absteigender Reihenfolge mehr bzw. weniger Punkte wert. Der zweite Spieler kann nun mit einem eigenen Knöchelchen versuchen, die gegnerischen Spielsteine aus dem Ring zu bugsieren.
Zwischen 16 und 17 Uhr am Sonntag endete das Fußballturnier, die Zuschauer:innen hatten ohnehin schon begonnen in Richtung Sporthalle zu strömen, wo der Sänger Amir Ahmadi mit einem Percussionisten und einem Keyboarder die ersten Lieder anstimmte und in deren Pausen DJ Hamid Amiri die Halle fast zum akustischen Explodieren brachte.
Am 7. September startet in Kinos der Film „Neue Geschichten vom Franz“, die natürlich auch auf solchen aus der Buchserie von Christine Nöstlinger aufbauen, aber auch so manche Szenen beinhalten, die Drehbuch-Autorin Sarah Wassermair erfunden hat und sehr gut in die von der großen Autorin erschaffene Welt rund um Franz, Gabi und Eberhard passen. Jedenfalls spielt sich alles praktisch wieder aus der Sicht der Kinder ab. Zu einer Besprechung des Films, die schon vor einer Woche auf Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… online gegangen ist, geht es am Ende dieses Beitrages.
Fast eine Woche vor dem Kinostart fand im Kino-Center in der Wiener Millenniumcity (20. Bezirk, Brigittenau) im größten Saal mit 585 Sitzplätzen die Vorpremiere statt. Vollbesetzt und Riesenstimmung. Vor dem Film konnten (viele) Medien die drei jungen Darsteller:innen der Hauptkinder Franz, Gabi und Eberhard – Jossi Jantschitsch, Nora Reidlinger und Leo Wacha – sowie einige der erwachsenen Schauspieler:innen, u.a. Franz’Mutter Ursula Strauss und Maria Bill, die Frau Berger, eine Nachbarin in Franz‘ Haus, spielten, fotografieren und filmen. Außerdem gab’s auf dem roten Teppich vor einem riesigen Filmplakat die Möglichkeit für – leider nur recht kurze – Interviews.
Dutzende junge und ältere Fans umringten den roten Teppich und warteten ebenso wie die Medienleute bis die Darsteller:innen die Rolltreppe runter kamen. Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… nutzte kurz die Gelegenheit zwei Fans aus der ersten Reihe zu fragen. Hanna und Marlene, beide zehn Jahre, waren gekommen, „weil wir Christine Nöstlingers Bücher lieben und natürlich auch die Geschichten vom Franz.“ (19 Franz-Bücher hat die Autorin zwischen 1984 und 2011 geschrieben, sieben davon sind vor fünf Jahren in einem Sammelband erschienen.)
Hanna hat die ersten Nöstlinger-Bücher „von meiner Oma bekommen, die hat mir auch einige vorgelesen, die meisten aber kenne ich seit ich selber lesen kann“. Sie hat auch schon den ersten Film gesehen, der vor rund eineinhalb Jahren in die Kinos kam. Marlene ist genauso eine Vielleserin, sie hat ihre ersten Nöstlinger-Bücher von ihrer Mama bekommen und sofort „verschlungen“.
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… konnte Franz- und Gabi-Darsteller:innen hier und den Eberhard-Spieler nach dem Film kurz und knapp befragen.
KiJuKU: Hast du eine Lieblingsszene im Film?
Jossi Jantschitsch (Franz-Darsteller):Ich will jetzt nichts spoilern, aber wo ich ins Wasser geschmissen werde.
KiJuKU: Hast du auch selbst Christine Nöstlinger gelesen?
Jossi Jantschitsch: Ja schon. Ich habe „Geschichten vom Franz“ gelesen und andere.
KiJuKU: Was mochtest du an der Rolle des Franz am meisten?
Jossi Jantschitsch: Dass er gute Freunde hat.
KiJuKU: Im Film geht es um „wahre Freundschaft“. Hast du auch Freunde wie Gabi und Eberhard?
Jossi Jantschitsch: Ja, er (zeigt auf seinen Freund) und meine anderen Freunde Anton, Matteo, Nils in der Schule.
KiJuKU: Was war für dich beim Dreh der Unterschied zwischen dem ersten und zweiten Teil? Dass du älter und schon mehr Erfahrung hast oder gab es auch andere Unterschiede?
Jossi Jantschitsch: Beim zweiten Mal wusste ich schon, wie es geht. Nicht so wie beim ersten Mal. Es war einfach besser.
KiJuKU: Könntest du dir vorstellen auch einen dritten und vierten Teil zu drehen oder fühlst du dich dann schon zu alt für die Rolle? Weil du wirst älter, die Figur aber nicht.
Jossi Jantschitsch: Ich persönlich möchte keine Filme mehr machen. Wahrscheinlich werde ich in einem Jahr, ich hoffe, auch wachsen und dann passt es ja nicht mehr so.
KiJuKU: Das heißt, du würdest generell gar keine Filme mehr machen wollen?
Jossi Jantschitsch: Ja, eher gar keine.
KiJuKu: Ist okay, muss ja auch nicht sein. Danke, gut, dass du es gemacht hast.
Jossi Jantschitsch: Ja, finde ich auch.
KiJuKU: Wie geht es dir mit der ganzen Aufmerksamkeit. Gefällt es dir oder ist es eher stressig?
Nora Reidinger (Gabi-Darstellerin): Ich finde es cool, aber es ist auch bisschen stressig. Cool ist so viel Aufmerksamkeit schon, wenn alle auf mich schauen, aber es ist auf jeden Fall auch Stress. Da sind so viele Leute, die ein Interview wollen und man muss zu allen hin. Es muss sich bei allen ausgehen.
KiJuKU: Wahrscheinlich ist es mehr Stress als jeder Drehtag?
Nora Reidinger: Ja (lacht)
KiJuKU: Ist Schauspielerin auch dein Traumjob?
Nora Reidinger: Nein, momentan Chirurgin. Eher Medizin.
KiJuKU: Aber sind Schauspiel und Film etwas, dass dann trotzdem begleitend als nettes Hobby sein soll?
Nora Reidinger: Nein. Also wenn ich jetzt noch eine Anfrage bekomme, werde ich sie nicht ablehnen, aber ich suche jetzt nicht zwingend nach neuen Projekten.
KiJuKU: Was war deine Lieblingsszene?
Nora Reidinger: Meine Lieblingsszenen waren definitiv die Szenen im Theater. Die waren einfach sehr lustig. Das wird man auch gleich nochmal im Film sehen.
KiJuKU: War der Dreh des zeiten Teils für dich einfacher, weil du das Filmgeschehen schon gekannt hast, oder schwieriger, weil du selber ja nun schon älter warst?
Leo Wacha (Eberhard-Darsteller): Ich find, es war einfacher, weil die Figur auch altersmäßig mitgewachsen ist. Aber es war halt ein ganz anderer Film mit anderen Herausforderungen. Nicht leichter, aber auch nicht schwerer.
KiJuKU: Was waren die von dir angesprochenen Herausforderungen?
Leo Wacha: Dass der Eberhard eben nicht mehr ist wie im ersten Teil und das zu spielen war die größte Herausforderung.
KiJuKU: Gibt’s eine Szene, die besonders lustig und eine, die besonders schwierig war?
Leo Wacha: Besonders lustig ist die im Einkaufswagen, wo wir so wild herumfahren. Auf die Ketchup-Szene hab ich mich sehr gefreut, aber die war dann doch recht ekelhaft. (In dieser muss „Eberhard“ zwecks Ablenkung spielen, er sei über die Treppen runtergestürzt und blute voll, Anmerkung der Redaktion).
KiJuKU: Die rasende Fahrt mit dem Einkaufswagen schaut so gefährlich aus, war es das?
Leo Wacha: Nein, die Kamera war direkt im Einkaufswagen und es war alles gesichert.
KiJuKU: Wenn noch ein dritter Teil gedreht würde, würdest du gern mitmachen?
Leo Wacha: Sehr gerne, selbst wenn es zehn Teile gibt, ich würde immer gern dabei sein.
KiJuKU: Würdest auch auch gern in anderen Filmen spielen?
Leo Wacha: Ich suche jetzt nicht extra, aber wenn ich gefragt werde, würde ich probieren, mitzumachen.
KiJUKU: Nur Filme, oder würdest du auch gern Theater spielen?Leo Wacha: Theaterstücke sind glaub ich nichts für mich.
Stefanie Kadlec, 17 und
Follow@kiJuKUheinz
In Schule A (der Redaktion namentlich bekannt) soll die engagierte Lehrerin B (ebenfalls dem Journalisten bekannt, aber Vertraulichkeit zugesichert) Ende des vergangenen Schuljahres in eine Schule C (siehe vorherige Klammerbemerkungen) zwangsversetzt werden. Dort herrsche großer Personalmangel, so das Argument der oberösterreichischen Schulbehörde. Mag sein, aber auch in Schule A konnten die Unterrichtsstunden alle nur bewältigt werden, weil viele Pädagog:innen Überstunden leisteten. Also doch auch Personalmangel, oder?
„Versetzungen erfolgen nur in Abstimmung mit Schulleitung und Personalvertretung“, sagt Pressereferentin Birgit Kopf zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…
„Wir stimmen Zwangsversetzungen generell nicht zu“, entgegnet hingegen der Landes- sowie Bundesvorsitzende der Gewerkschaft für Lehrer:innen an allgemeinen Pflichtschulen, Paul Kimberger zu KiJuKU.at
Aussage gegen Aussage. Ping – Pong, also retour zur Bildungsdirektion. „Wir versuchen zu vermeiden, jemanden wo hinzuversetzen, wo sie oder er nicht will.“ Aber temporär könne es sein, dass in einer Schule ein noch größerer Personalbedarf bestehe als an einer anderen. Es können und dürfen sich hingegen Leute laufend bewerben, und Stellen werden auch unterm Schuljahr ausgeschrieben, so die Quintessenz der Rück-Antwort aus der Bildungsdirektion an den Journalisten.
Fakt ist: Wegen drohender Zwangsversetzungen haben mindestens einige Lehrer:innen gekündigt und sich nun neu beworben. In der Schule A ist dem Vernehmen nach kein (andere) Bewerbung eingegangen. Hätte also einiges an Ärger, Energie gespart werden können 😉
Übrigens wollte KiJuKU dann noch generell wissen, wie viele Pädagog:innen fürs kommende Schuljahr, das wie in fünf anderen westlichen und südlichen Bundesländern am 11. September beginnt, fehlen?
„Wir haben 300 Stellen im Pflichtschulbereich ausgeschrieben und 600 Bewerbungen bekommen, wobei sich Lehrer:innen für mehrere Schulen bewerben können. Ob und wie groß die Lücke sein wird, könne erst in der kommenden Woche gesagt werden.“
Wie’s österreichweit ausschaut, wollte Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… aus dem Bildungsministerium erfahren. Und wartet noch immer auf Antwort.
Wobei ja ein Teil des Problems von einer ehemaligen Bildungsministerin federführend mitgeschaffen wurde. Vor knapp mehr als 20 Jahren schrieb die damalige Ressort-Verantwortliche Elisabeth Gehrer einen Brief an alle Maturant:innen mit der Empfehlung, ja kein Lehramtsstudium zu ergreifen. Es ist aber selten so etwas klar vorherzusagen, wie viele Pädagoginnen und Pädagogen es braucht. Immerhin ist deren Alter bekannt, also auch, wann die meisten in Pension gehen. Genauso sagen die Geburtenstatistiken, dass so und so viele Kinder auf die Welt und sechs Jahre später in die Volksschule usw. kommen.
1400 Pädagog:innen und 100 Quereinsteiger:innen (über „Klasse Job“) habe Wien, wo wie in Niederösterreich und Burgenland die Schule am 4. September 2023 startet, sind in den vergangenen Wochen und Monaten neu angestellt, verkündeten Wiens Bildungsdirektor Heinrich Himmer und der u.a. für diesen Bereich zuständige Stadtrat und Vizebürgermeister Christoph Wiederkehr am Freitag in einem Mediengespräch im Wappensaal des Wiener Rathauses.
Dies seien allerdings bei weitem nicht zusätzliche Lehrer:innen, seien doch 900 in Pension gegangen und etliche entweder in andere Bundesländer umgezogen, in Karenz usw. Wie auch immer, insgesamt fehlen nur 31 Pädagog:innen, die hoffentlich auch noch gefunden würden, so die beiden Genannten.
Zur Entlastung der Pädagog:innen beschlossen Bildungsstadtrat und -Direktion, „im September keine Erhebungen an Schulen durchzuführen und genehmigen, die nicht gesetzlich vorgeschrieben sind, … denn wir wissen, dass die ersten Tage und Wochen im neuen Schuljahr besonders herausfordernd sind“.
Außerdem kündigte das Duo an, dass ab diesem Schuljahr in den ganztätig geführten Pflichtschulen das warme, gesunde Mittagessen für alle Schüler:innen kostenlos sein wird. In Summe kommen damit 50.000 Kinder und Jugendliche in diesen Genuss, und deren Eltern ersparen sich rund 1000 € im Jahr. Für dieses kostenfreie Mittagessen investiert die Stadt 44 Millionen im kommenden Jahr.
In Neu Marx, einige Gehminuten vom Media-Quarter, auf dem noch das große Logo der zu Tode gebrachten Wiener Zeitung prangt, stehen das große und einige kleinere Zelte von Circus Louis Knie, dahinter Wohnwägen, es riecht nach Pferden. Künstler:innen in Glitzerkostümen unterstreichen traditionelle Zirkus-Atmosphäre; bzw. unterstreichen sie. Clown Jimmy Folco sorgt für Späße, Moderation und sammelt einige der Artist:innen für die Fotos und Videos der Journalist:innen, die am Vortag der Premiere des Programms „It’s Showtime“ (1. September bis – vorläufig – 5. November 2023, Details siehe Info-Box am Ende des Beitrages) eingeladen worden sind.
Im Programm, das am 1. September 2023 Premiere hat, wird Jimmy aus italien – so die Ankündigung – neben Clownerie auch Jonglage, Zauberei und Akrobatik zeigen. Bis zu sieben glänzende große Hula-Hoop-Reifen lässt die aus Prag kommende Nicole Berousek an Armen, Beinen und Hals kreisen lassen. Außerdem wird sie mit Hunden auftreten.
Noch immer kommen viele Zirkusartist:innen aus Familien für die seit Generationen Manegen ihre Arbeitsplätze sind. Der Zirkusdirektor himself blickt auf 200 Jahre Circus Knie zurück. Ludmilla Valla-Bertini ist die Akrobatin in achter Generation. Sie liegt auf dem Rücken und lässt Tücher auf Füßen und Händen kreisend schweben.
Vioris Zoppis (22 Jahre) vollführt Spagat und noch krassere Kunststücke in luftiger Höhe. Er hat schon einen „Golden Clown“ beim internationalen Zirkusfestival von Monte Carlo gewonnen. Es wird nicht seine letzte Auszeichnung sein.
Neben traditionellen Nummern, zu denen auch Louis Knies klassischer Auftritt mit Pferden gehört, sorgen auch jungen BMX-Fahrer aus der Ukraine für atemberaubende Auftritte. Petro und Dima zeigten nicht nur rasante Schanzenfahrten, Sprünge auf dem Hinterrad auf selbst eine kleinste Plattform. Hin, her, kreuz und quer springt einer der Rad-Artisten über den auf dem Boden liegenden Kollegen. Und das unzählige Male.
Eines der bekanntesten Theaterstücke gegen Vorurteile ist „Der Talisman“ von Johann Nestroy. Titus Feuerfuchs und Salome Pockerl werden darin wegen ihrer roten Haare ausgegrenzt, kriegen Jobs nicht, dürfen praktisch nirgends teilnehmen. Auch wenn Menschen mit roten Haaren heute kaum mehr diskriminiert werden – es geht doch immer ums Gleiche: nur weil jemand anders aussieht, an was anderes glaubt… Vorurteile leben leider noch immer. Das „Utopia“-Theater, das fast immer auf öffentlichen Plätzen im Freien spielt, zeigt heuer dieses Stücke. Zu einer Besprechung auf Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… geht es hier unten.
Stefanie Kadlec, eine 17-jährige Schülerin aus Wien hat das Stück einige Zeit später gesehen und dazu zwei Interviews geführt, mit Stefanie Elias, der Darstellerin der Salome Pockerl und mit dem Mastermind und Regisseur des Utopia-Theaters, Peter Hochegger.
KiJuKU: Welche Eigenschaft gefällt dir an Salome Pockerl am besten und welche am wenigsten?
Stefanie Elias: Mir gefällt schon ganz gut, dass sie dem Leben gegenüber positiv eingestellt ist, obwohl sie sicherlich nicht nur gute Erfahrungen gemacht und aufgrund ihrer Haarfarbe Diskriminierung erlebt hat. Als Gänsemagd hat sie auch wahrscheinlich nicht das luxuriöseste tollste Leben. Sie ist trotzdem zufrieden mit dem, was sie hat, geht auf die Leute offen zu und sie geht nicht davon aus, dass die ihr Böses wollen, auch wenn sie das sicher so erlebt hat. Das finde ich schon eine gute Eigenschaft.
Ich finde, sie könnte sie sich schon ein bisschen mehr zur Wehr setzen und muss nicht alles so schicksalsergeben aufnehmen, was ihr passiert oder dass sie dauernd weggeschickt wird und nicht an den Hof darf, nur weil sie rote Haare hat und das die Leute vielleicht nicht gerne sehen. Da könnte sie sich schon ein bisschen mehr auf die Beine stellen.
KiJuKU: Was ist deine Lieblingsfigur abgesehen von deiner eigenen?
Stefanie Elias: Wie die Kollegen und Kolleginnen ihre Figuren spielen, zum Beispiel die Gärtnerin, finde ich einfach wahnsinnig witzig und da schaue ich denen wirklich gerne zu, wenn ich nicht gerade selber auf der Bühne bin. Jede Figur hat spannende Seiten, viele sind lustig oder übertrieben. Sicherlich sind der Titus und die Salome die Figuren, die am realsten sind, und die anderen sind ein bisschen überzeichneter in ihrer Gemeinheit oder Naivität. Das ist auch lustig, denen zuzuschauen.
KiJuKU: Wie bist du zum Theater gekommen?
Stefanie Elias: Ich bin zum Theater übers Tanzen gekommen, ich habe sehr früh mit Ballett angefangen. Es war dann relativ bald für mich klar, dass ich zwar keine Ballettkarriere machen, aber dass ich auf der Bühne sein möchte, da Schauspiel mich mehr interessiert. Ich bin gerade auch als Teenager gerne ins Theater gegangen und so ist der Wunsch auch größer geworden.
KiJuKU: Was hättest du als aufstrebende Schauspielerin gerne früher gewusst?
Stefanie Elias: Ich glaube, ich hätte gerne früher gewusst, dass man sich einfach mehr trauen kann. Denn ich hatte immer sehr viel Angst, Sachen falsch zu machen, und sie dann lieber nicht gemacht. Aus heutiger Sicht ist es immer besser, die Sachen einfach zu machen. Immer mit bestem Wissen und Gewissen, aber sich nicht aus Angst zurückhalten oder auf eine Rolle weniger einlassen. Das ist immer die interessantere Entscheidung beim Spielen, wenn etwas mit Karacho passiert, auch wenn es mit Karacho schiefgeht.
KiJuKU: Wie gehst du am besten mit Kritik um?
Stefanie Elias: Auch da habe ich über die Jahre dazugelernt, dass ich auch bei Kritik inzwischen selbstbewusster bin. Ich brauche mir nicht jede Kritik zu Herzen nehmen und ich kann mir immer überlegen, was ist die Kritik, von wem kommt sie und ist sie wirklich relevant für mich oder nicht. Vielleicht versuche ich etwas neu oder probiere etwas in eine andere Richtung. Wo sage ich, das ist deine Meinung, aber ich finde trotzdem meine Entscheidung besser als deine und deshalb bleibe ich mir treu und mache das, was ich für besser halte.
KiJuKU: Wie würdest du das Utopia-Theater beschreiben?
Stefanie Elias: Das Utopia-Theater ist für alle Leute, auch für Leute, die sonst nicht ins Theater gehen. Ich finde, das Schöne daran ist, dass es sehr nah an diesen ganzen Ursprüngen vom Beruf ist. Fahrende Truppen, die herumziehen, um einfach irgendwo die Bühne aufzubauen und loszulegen.
KiJuKU: Was möchten Sie den Menschen mit dem Stück „Der Talisman“ mitgeben, insbesondere jungen Menschen?
Peter Hochegger: Ich unterscheide da nicht zwischen jungen und älteren oder alten Menschen. Es ist für uns alle wichtig, dass wir solidarischer, toleranter sind und nicht auf jeden Blödsinn aufspringen, was Fake News und vor allem Vorurteile betrifft. Das war in den 70er Jahren schon wesentlich anders. Die Gesellschaft war solidarischer und der Arbeiterstand war damals selbstbewusster. Die Gewerkschaften haben das Ihrige dazu getan und da hat man noch einige Sachen erkämpfen können gegen die Reichen. Das hat sich in den letzten 20, 30 Jahren ziemlich verloren. Die Solidarität ist gewichen und heute herrscht eigentlich nur mehr so etwas wie Einzelkämpfertum. Wenn man das Gefühl hat, man hat es nicht geschafft und ist kein guter oder reicher Teil dieser Gesellschaft, unterzieht man sich einer Therapie und kommt nicht drauf, dass das auch ein gesellschaftliches Problem ist. Heute gibt es nur mehr Einzelkämpfer, jeder gegen jeden. Es gibt keine Solidarität. Weder zwischen den Frauen noch zwischen den Ärmeren, noch zwischen den Künstlern. Jeder glaubt, er sei eine Insel und werde alles allein schaffen. Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass man das aufbricht und den Menschen das Gefühl gibt, dass jeder etwas in der Gesellschaft tun kann. Dazu ist es wichtig, dass man aufeinander zugeht, miteinander redet und Lösungen findet, die die Politik nicht findet.
KiJuKU: Sind Sie der Meinung, dass politisches Theater derzeit weniger populär ist?
Peter Hochegger: Ich bin der Meinung, dass jede Form von Theater oder Kunst, Dinge, die im öffentlichen Raum stattfinden, sowieso politisch sind, ob man will oder nicht. Es ist eine politische Stellungnahme. Insofern glaube ich nicht, dass man sagen kann, dass Theater oder Kunst zu dieser Zeit jetzt weniger populär wären. Ich glaube, das ist immer populär, auch wenn manche sagen, das Theater in der Josefstadt wäre unpolitisch. Das stimmt ja nicht. Gerade die Josefstadt ist ein gutes Beispiel. Sie machen sehr wohl gesellschaftspolitisch relevantes Theater. Mit dem jetzigen Direktor auch viel mehr als manche anderen Theater.
Das Bekenntnis, dass es auch ein politscher Auftrag ist, nicht nur ein Auftritt, ist schon notwendig, wenn man diesen Beruf ergreift. Es ist wichtig, dass man Stellung bezieht und natürlich muss man nicht immer Recht haben, aber dass man sich überlegt, welche Haltung man zu den Problemen in der Gesellschaf hat. Wie stehe ich dazu und wie bringe ich das ans Publikum. Natürlich sollte dann ein Diskurs entstehen. Das heißt nicht, dass man dann die Weisheiten wie in der Kirche von der Kanzel herunterpredigt, aber man muss einmal etwas sagen, Stellung beziehen und dann auf die Antwort warten. Dann kann auch ein Diskurs entstehen, der in der Gesellschaft viel zu wenig stattfindet.
KiJuKU: Was muss man, wenn man ein Ensemble zusammenstellt, beachten und welche Schwierigkeiten gibt es da?
Peter Hochegger: Das kommt erstens einmal auf das Stück an, das ich aussuche. Da ergeben sich automatisch Vorgaben, die Geschlecht, Alter und Temperament betreffen. Man kann nicht sagen, jeder Schauspieler kann alles spielen, das stimmt nicht immer. Was mir sehr wichtig ist, ist, dass zwischen den Leuten auch eine gewisse Harmonie ist. Es muss eine angenehme Arbeitsatmosphäre entstehen, dass die Leute Vertrauen haben, sich öffnen und miteinander Spaß haben können.
Im Mai haben wir angefangen zu proben und die letzte Vorstellung ist Mitte September. Eine relativ lange Zeit, die man miteinander verbringt. Das Ergebnis ist auch umso besser, je besser sich die Leute kennen und verstehen. Mir hilft es nicht, wenn ich einen tollen Schauspieler habe und die anderen sind nicht so gut oder so ein Star. Der eine Schauspieler wird meine Vorstellung nicht retten. Die Qualität einer Aufführung ist immer zu messen am schwächsten Glied, an der kleinsten Rolle. Das betrifft alle anderen Mitarbeiter auch, ob Bühnenbild, Kostümbild oder Techniker. Sie müssen alle zu einem Team zusammenwachsen. Es liegt schon an mir, dass ich eine Harmonie herstelle, die Kreativität möglich macht.
KiJuKU: Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen, gab es da irgendeinen Auslöser?
Peter Hochegger: Mein Vater hat so etwas wie Bauerntheater gespielt. Die Löwinger Bühne war gerade am Beginn, er hat zur selben Zeit in einer anderen Theatergruppe gespielt. Er war daher sehr theateraffin. Als Siebenjähriger war ich der Kinderschauspielschule, mit der haben wir dann Auftritte gehabt. Durch die sind wir zum Raimund Theater gekommen und haben bei Operetten mitgemacht. Dann habe ich Theaterwissenschaften studiert und die Schauspielschule gemacht. Es war schon sehr früh die Entscheidung getroffen, dass ich zum Theater will und muss. Nicht unbedingt als Schauspieler, aber auch, um zu wissen, wie es einem Schauspieler geht, wenn er auf der Bühne steht und was für Probleme er hat. Es war von Anfang an klar, dass ich in die Regie gehen werde.
KiJuKU: Haben Sie im Stück eine Lieblingsfigur?
Peter Hochegger: Nein. Es gibt keine Lieblingsfiguren, ich liebe immer alle Figuren. Wie bei Eltern, muss man alle Kinder lieben. So wie jedes Kind, jede Rolle, jeder Schauspieler eine bestimmte Ausstrahlung und Mentalität hat, so begegnet man auch den Figuren oder Menschen. Wenn ich einen Schauspieler engagiere, den ich nicht mag, kann ich nicht mit ihm arbeiten. Ich übertreibe sogar, ich muss in gewisser Weise meine Schauspieler auch lieben und wenn die Chemie nicht stattfindet, kann ich mit den Menschen nicht arbeiten. Es gibt natürlich dankbarere und witzigere Rollen, aber es ist so wie im Ensemble. Auch die kleinste Rolle muss stimmig sein und die muss ich genauso mögen, weil sonst kommt das Ganze ins Wanken. Es ist nicht immer die Hauptrolle, die über die Qualität bestimmt.
KiJuKU: Haben Sie zum Abschluss noch ein paar Worte an aufstrebende KünstlerInnen?
Peter Hochegger: Ich glaube, es ist wichtig, dass jeder das tut, wozu er Lust hat und wofür er brennt. Wenn man nicht dafür brennt, sollte man das Theater oder die Kunst lassen, die brotlos ist. Es ist ein schwerer täglicher Kampf und man ist in den allermeisten Fällen sehr schlecht bezahlt, aber wenn man es gern macht, muss man es machen. Da stellt sich nicht die Frage, will ich oder nicht. Wenn es notwendig ist, weil es ein inneres Bedürfnis ist, dann lasst euch nicht abbringen davon. Versucht vielleicht noch ein zweites Standbein zu haben zum Überleben. Macht euch keine Illusionen, es wird nicht jeder sofort zum Star, reich oder berühmt. Das findet nur ganz selten statt. Es ist aber der schönste Beruf, den man haben kann, lebendig und ständig etwas Neues. Immer neue Herausforderungen.
Stefanie Kadlec, 17
Ein neues Buch ohne Worte – aber mit Torte! Vor 17 Jahren schuf Thé Tjong-Khing, damals schon an die 80 Jahre das erste der nunmehr auf fünf Bände angewachsenen „Torte“-Serie. Merkmal dieser seiner – neben vielen anderen – Bilderbücher: Der Illustrator wird zum Autor ohne Worte, er erzählt die Geschichten rund um die Torte(n) ausschließlich in Bildern.
Die Tiere versammeln sich zu einem Picknick auf einer Wiese. Da kommt ein Adler geflogen, fährt seine Krallen aus, schnappt sich die Picknick-Decker zu einem Bündel und ab die Post. So schnell können die anderen Tiere gar nicht schauen.
Nach wenigen Metern füllt das Bündel auseinander, Lebensmittel und Spielsachen fliegen durch die Luft in Richtung Boden. Weit verstreut. Die Party-Runde hetzt zu den Fundorten, wo die Dinge auf der Erde landen. Dabei müssen sie unter anderem über einen Baumstamm balancieren, um über den Fluss zu kommen…
Plötzlich taucht aus einem Busch ein Affe auf, der manchen der Tiere die gefundenen Gegenstände ab„luchsen“ will. In der Zwischenzeit hat sich eines der Tiere nicht aus der Ruhe bringen lassen und aus Zutaten auf dem Tisch vor sich Teig und daraus „Torte(n) für alle“ gemacht.
Alle?
Nicht ganz, Adler und Affe sind offenbar nicht eingeladen. Schaaade eigentlich.
Der in Indonesien geborene Sohn einer chinesisch-stämmigen Familie wanderte als junger Erwachsener in die Niederlande aus, wurde Lehrer und Comic-Zeichner, später freischaffender Illustrator von Kinderbüchern und noch später Schöpfer eigener Bilderbücher – für die der heute 90-Jährige schon etliche Preise bekommen hat.
Angenommen du gehst in eine doch recht große Schule sagen wir mit ungefähr 30 Klassen, die alle jeweils von durchschnittlich 23 Kindern bzw. Jugendlichen besucht werden, dann kommst du auf eine Zahl von rund 700. Genau so viele Kinder wurden in den vergangenen Wochen seit Ausbruch neuer Konflikte im Sudan vertrieben – nicht insgesamt, sondern Stunde für Stunde, durch fast zwei Monate hindurch. Zwei Millionen Kinder mussten ihre Heimat verlassen, wurden vertrieben. Der Großteil musste in andere Landesteile flüchten, fast eine halbe Million sogar über die Grenze in Nachbarländer.
„Wir hören unvorstellbare Geschichten von Kindern und Familien, von denen einige alles verloren haben und mit ansehen mussten, wie ihre Angehörigen vor ihren Augen starben. Wir haben es schon einmal gesagt, und wir sagen es erneut: Wir brauchen jetzt Frieden, damit die Kinder überleben können.“ Das sagte kürzlich Mandeep O’Brien vom Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. Er ist der Unicef-Länderbeauftragter im Sudan.
Aber nicht nur die geflüchteten Kinder und Jugendlichen, insgesamt fast 14 Millionen Kinder (eineinhalb Mal so viele wie ganz Österreich Einwohner:innen hat; Sudans Bevölkerung zählt fast 47 Millionen Menschen) brauchen dringend humanitäre Hilfe. Viele von ihnen sind täglich vielfältigen Bedrohungen und schrecklichen Erfahrungen ausgesetzt. Abgesehen von Konfliktherden wie Darfur und Khartum haben sich die schweren Kämpfe inzwischen auch auf andere bewohnte Gebiete ausgeweitet, unter anderem in Süd- und Westkordofan, wodurch die Bereitstellung lebensrettender Dienste für die enorm Bedürftigen und der Zugang zu diesen eingeschränkt werden.
Es wird geschätzt, dass zwischen Juli und September des heurigen Jahres 20,3 Millionen Menschen von Ernährungsunsicherheit betroffen sind, was den Gesundheits- und Ernährungszustand von fast 10 Millionen Kindern weiter verschlechtert.
Mit dem Beginn der Regenzeit wurden viele Häuser durch Überschwemmungen zerstört, was dazu führte, dass immer mehr Familien aus ihren Gebieten flohen. Außerdem ist das Risiko des Ausbruchs von Krankheiten wie Cholera, Dengue, Rifttalfieber und Chikungunya-Fieber während der Regenzeit deutlich höher. Derzeit haben mehr als 9,4 Millionen Kinder im Sudan keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, und 3,4 Millionen Kinder unter 5 Jahren sind stark gefährdet, an Durchfallerkrankungen und Cholera zu erkranken.
Die Gewalt behindert nach wie vor die Bereitstellung von Gesundheits- und Ernährungsdiensten, wodurch Millionen Kinder gefährdet sind. In Khartum sowie in den Regionen Darfur und Kordofan sind weniger als ein Drittel der Gesundheitseinrichtungen voll funktionsfähig. Unsicherheit und Vertreibung hindern Patient:innen und medizinisches Personal daran, Krankenhäuser zu erreichen, und viele Einrichtungen wurden Berichten zufolge angegriffen und zerstört.
Die Gesundheitssysteme in den anderen elf Bundesstaaten sind aufgrund der massiven Vertreibung der Bevölkerung aus den Krisengebieten in die weniger betroffenen Bundesstaaten überfordert. Nach Angaben von UNICEF berichten alle Regionen des Sudan über einen krassen Mangel an Medikamenten und Hilfsgütern, darunter auch lebensrettende Hilfsgüter, und über deren Verknappung.
In Gebieten, in denen es viele Binnenvertriebene gibt und die Gesundheitssysteme überlastet sind, wie in den Blauen und Weißen Nil-Staaten, kommt es immer wieder zu Krankheitsausbrüchen, darunter auch Masern, und es wird von Todesfällen berichtet.
Die tödliche Kombination von Masern und Mangelernährung gefährdet das Leben von Kindern in hohem Maße, wenn nicht umgehend Maßnahmen ergriffen werden. Da der Konflikt das Land weiterhin verwüstet, besteht für fast 700. 000 Kinder mit schwerer akuter Mangelernährung ein hohes Risiko, dass sie ohne Behandlung nicht überleben, 1,7 Millionen Babys laufen Gefahr, wichtige lebensrettende Impfungen zu verpassen, und eine ganze Generation von Kindern wird wahrscheinlich keine Schulbildung erhalten. Millionen Buben und Mädchen werden auch keine Sicherheit und kein psychosoziales Wohlbefinden erleben.
In den letzten vier Monaten hat UNICEF mehr als vier Millionen Kindern, Müttern und Familien im Sudan Gesundheits-, Ernährungs-, Wasser-, Sanitär- und Hygienedienste (WASH) sowie Bildung und Schutz bereitgestellt. In den nächsten 100 Tagen benötigt UNICEF dringend 400 Millionen US-Dollar, um seine Krisenmaßnahmen aufrechtzuerhalten und auszuweiten und die am meisten gefährdeten Kinder zu unterstützen.
UNICEF appelliert weiterhin an alle Konfliktparteien, die Sicherheit und das Wohlergehen der Kinder in den Vordergrund zu stellen, ihren Schutz zu gewährleisten und den ungehinderten Zugang für humanitäre Hilfe in die betroffenen Gebiete zu ermöglichen. Lebensrettende humanitäre Hilfe muss unverzüglich geleistet werden, um die Rechte von Millionen gefährdeter Kinder zu schützen und zu wahren.
Bitte Frieden – reimt sich: Auf Englisch. Unter „Please Peace“ organisierte der Musicaldarsteller, Regisseur und Kindertheatermacher Gernot Kranner zum zweiten Mal ein eintägiges Straßenkunst- und -kulturfestival in Wien Alsergrund. Er nennt es sein „Herzensprojekt“. Rund fünf Dutzend junge und sehr junge Künstler:innen sorgten für unterschiedlichsten Stimmungen auf dem Sobieskiplatz vor dem Lokal Highlander wo ein Partyzelt aufgebaut war: Dach und Rückwand, auf einer Plane auf dem Boden stand mit Klebebuchstaben geschrieben: Bühne.
Der Bogen der musikalischen Beiträge reichte von traurig, nachdenklich bis zu ausgelassen partymäßig. Musikalisch waren so ziemlich alle Genres vertreten – von Pop über Jazz (Elena Schäfer) bis Hip*Hop und Volksmusik. Unter anderem aus der Ukraine. Die 17-jährige Xenia Muzyka, die mit ihrer Mutter und sehr jungen Schwester vor mehr als einem Jahr vor dem Krieg aus Romny im Bezirk Sumy flüchtete, spielte auf der Gitarre – und nicht nur wegen der Fluchtgeschichte berührte sie das umsitzende und -stehende Publikum.
„Mit sechs Jahren habe ich begonnen, Geige zu spielen“, erzählt sie nach ihrem Auftritt Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… „Mit Gitarre habe ich erst in Österreich angefangen, aber eigentlich will ich Journalistin werden.“ Sie und die genannten Familienmitglieder kamen übrigens in einem Auto mit Gernot Kranner nach Österreich. Bei der Hinfahrt hatte der den Wagen mit gesammelten Sachspenden vollgepackt und dachte „warum soll ich mit einem leeren Autor zurückfahren, nimmst einfach gleich Menschen mit“, sagte er auf der Bühne. Auf der Fahrt habe Xenia unter anderem erzählt, sie wolle nun auch Gitarre lernen. Und auf den Spendenaufruf trudelte ein solches Saiteninstrument ein.
Jenes Instrument mit dem die meisten Kinder zu musizieren anfangen ist die Blockflöte. Und sie hat weitgehend keinen besonders guten Ruf. Was aber an Tönen und Melodien aus diesem Blasinstrument – von dem es viele Versionen gibt – herausgezaubert werden kann, damit verblüffte Alexander Umundum das Publikum. Da standen sogar irgendwo in einer Ecke hockende coole Jugendliche auf, um zu sehen, woher die magischen Klänge kamen. Mit einer barocken Sopranino- sowie einer Alt-Blockflöte – gemixt mit elektronischen Klängen, die er über einen Soundmaschine im Computer aufgenommen hatte, begeisterte der der 11-Jährige, der extra aus dem Murtal in der Steiermark angereist war. In Judenburg geboren, in Spielberg wohnend, in Knittelfeld ins Gymnasium gehend, lernt er sein Instrument seit zwei Drittel seines Lebens in der Musikschule von Fohnsdorf. Und mittlerweile seit dreieinhalb Jahren am Salzburger Mozarteum. Neben vielen anderen Bewerben hat er auch schon zwei Mal den weltweiten Blockflöten-Bewerb in Amsterdam in seiner Altersklasse gewonnen.
Seine erste Antwort lässt den Journalisten im anschließenden Kurzinterview staunen: „Mit 3 ½ Jahren hab ich angefangen.“
Er kommt aus einer musikalischen Familie: Schwester und Mutter spielen Querflöte, der Bruder Klarinette und der Vater Saxofon. Wieso er sich für Blockflöte entschieden habe, wollte KiJuKU.at wissen: „Damit fangen ja alle an und mir hat’s so gefallen, dass ich dabei geblieben bin, aber eben mit verschiedenen Tonlagen.“
„Für deine Kunstfertigkeit musst du sicher ganz schön viel üben, oder?“
Alexander Umundum: „Seit drei Jahren übe ich so zwei bis drei Stunden – täglich. Das macht zwar nicht immer Spaß, aber meistens schon sehr viel.“
Übrigens: Auch der Organisator des Friedenskonzerts hat, das hatte er schon Mitte Juli auf der Bühne des Arbeiterheims in Fohnsdorf erzählt, „mit sechs Jahren mit einer Blockflöte meinen ersten Auftritt“. Sieben Jahre später tanzte er dort Ballett – übrigens auch sein Bruder Reinwald; beide wurden später Musicals-Stars. Alexander Umundum will „jedenfalls Musiker werden“.
Mit zwei Musical-Songs sorgte Amelie Polak für – zumindest im Sitzen – swingende Zuhörer:innen. Nach dem Auftritt verblüffte sie noch mehr: Von Beruf ist sie Zahnärztin. „Schon als kleines Kind hab ich gesungen – im Chor und auch geschauspielert. Ich komm aus einer ärztlichen Familie – Mutter Ärztin, Vater Zahnarzt – und das hat mir genauso gefallen. Da ich bei meinem Vater in einer seiner beiden Ordinationen arbeite, kann ich mir’s auch einteilen, den zweiten Beruf als Musical-Darstellerin auszuüben. Sogar durch Österreich, Deutschland und die Schweiz kann ich mit „Fack Ju Göhte“ touren. Ich spiel die Laura Schnablstedt, die kleine Schwester der Lehrerin Elisabeth Schnablstedt.“
Mit frechen, teils auch „dirty“ – eigenen – Songs brachte Laura Prasch („relativ reflektiert“, „unabhängig ungebändigt“ wieder eine ganz andere Note in das Bühnenprogramm.
Übrigens: Passend zum Motto der Veranstaltung stellte Lia Böhmer, die mit einem Infostadn am Rande des Platzes vertreten war, die Initiative PeaceCamp vor. Seit 2004 – mit Ausnahme der Pandemie-Jahre – kommen dabei für zehn Tage Jugendliche aus Israel – jüdische und palästinensische -, Österreich und Ungarn (nicht von Anfang an, aber seit vielen Jahren) zusammen. In Workshops arbeiten sie gemeinsam an einer abschließenden Bühnen-Show, sie diskutieren viel und intensiv, mitunter auch recht hart – aber eben friedlich. Und merken: Es wäre doch recht einfach, miteinander auszukommen…
Die „Neuen Geschichten vom Franz“, die ab 7. September in Österreichs Kino laufen, basieren auf der zeitlosen Kinderbuchserie von Christine Nöstlinger und geben einen Einblick in das Leben dreier Freunde auf Verbrecherjagd im sommerlichen Wien.
Der 10-jährige Franz Fröstl (Jossi Jantschitsch) ist zwischen seinen Freunden Gabi (Nora Reidinger) und Eberhard (Leo Wacha) hin und hergerissen. Die beiden mögen sich nicht und in seiner Verzweiflung beschließt er: Ein gemeinsamer Feind muss her. Eine Einbruchserie in Wien kommt da ganz gelegen, denn Gabi möchte Detektivin werden und die Nachbarin Frau Berger (Maria Bill) verhält sich äußerst merkwürdig. Die drei Freunde brechen zu ihrer gemeinsamen Mission auf. Doch ihr Plan nimmt interessante Wendungen, an denen der Kaufhausdetektiv (Christoph Grissemann), der Lehrer Zickzack (Rainer Egger) und die verdächtige Frau Berger nicht ganz unbeteiligt sind.
Jossi Jantschitsch ist die Idealbesetzung für die Rolle des kleinen Franz und auch Nora Reidinger und Leo Wachen überzeugen mit ihrem schauspielerischen Talent. Wien wird von einer anderen Perspektive beleuchtet und führt die ZuseherInnen an altbekannte Orte, die besonders bei Älteren nostalgische Gefühle erzeugen könnten. Dazu passend ist der Soundtrack von Wanda am Ende des Films. Der Gastauftritt von Christoph Grissemann ist sehr erfrischend und humorvoll.
Die „Neuen Geschichten vom Franz“ sind voller kindlichem Charme und Witz, rücken aber gleichzeitig die oftmals unterschätzte Wichtigkeit von wahren Freundschaften in den Mittelpunkt. Ein Zitat, das in Erinnerung bleibt und von Franz‘ Mutter (Ursula Strauß) stammt, ist, dass bei wahren Freunden die Ehrlichkeit eine große Rolle spiele.
Stefanie Kadlec, 17
„Wusstet ihr, dass es in der Kinderstadt eine zweite Stadt gibt?“, fragt der 13-jährige Elias im Hauptartikel auf der Titelseite der letzten Ausgabe der Kinderstadt-Zeitung bei „Rein ins Rathaus“ 2023. Mit dem zitierten Satz leitete er seine Text-Bild-Reportage über die Schachtelstadt ein. Und da natürlich die Kinderstadt in der Stadt Wien stattfand, also die obige Überschrift 😉
Kinder, also die Bürgerinnen und Bürger der Stadt, in der sie arbeiten und konsumieren für die Währung Holli-Cent sowie ihre eigene Regierungen – täglich – wählen, können Kartons erwerben, eigene Häuser bauen, sie gestalten, bemalen…
Die Reportage, sowie weitere Beiträge – samt dem Ergebnis der letzten Wahl – kannst du in der Zeitung nachlesen, die unten in einem Link nachgelesen und auch runtergeladen werden kann.
Zu den – nur vier – Seiten, weil sie ja noch früh am Nachmittag ausgedruckt werden musste, damit Kinder sie auch verkaufen können solange die Kinderstadt noch stattgefunden hat, kommst du hier
Zu allen Ausgaben – samt den Plakaten der Kandidat:innen und der fünf Kinderregierungen – mit insgesamt 62 Seiten geht es hier
Die jungen Bürger:innen – 6 bis 13 Jahre – beschlossen auch am vierten Tag neue Gesetze und Verordnungen. Weiterbildung soll gefördert werden. Hier wird übrigens Studium ebenso bezahlt wie Arbeit. Die Regierung brachte in die öffentliche Stadtratssitzung (bei ihr bestimmen Abgeordnete aus allen rund drei Dutzend Bereichen mit) ein, dass jene Kinder, die schon zehn Mal studiert haben, den Titel Professor/Professorin kriegen; Doktor:innen-Titel gab es schon bisher – für fünf Studien.
Kind „Fessa“ (in vielen Schulen hört sich’s für Lehrer:innen ja immer Frau Fessa und Herr Fessa an) wird auch finanziell lohnen. Denn „Profs“ ernten pro Job, den sie in der Kinderstadt „Rein ins Rathaus“ ausüben zwei Holli Cent zusätzlich. 30 der 37 Abgeordneten und Regierungsmitglieder stimmten für diesen Antrag.
Außerdem wurde diskutiert, die Verfassung zu erweitern. So soll es nun auch neben Volksbegehren – die gehen von Bürger:innen aus – auch Volksbefragungen geben. Deren Ergebnisse sind nicht verbindlich, aber die Politiker:innen der Kinderstadt können zusätzlich Stimmungen ausloten. Dafür stimmten 35 der 37 Teilnehmer:innen der öffentlichen Stadtratssitzung am Donnerstag, dem vorletzten Tag der diesjährigen Wiener Kinderstadt.
Außerdem erließ schon zuvor die Regierung ein Verordnung: In sehr überlaufenen Jobs wurde eine Höchstarbeitszeit von einer Stunde eingeführt, damit diese Stellen früher wieder für andere Kinder frei werden.
Zu den 12 Seiten von Tag 3 geht es hier
Da kannst du sie durchblättern und auch – kostenlos – runterladen, dafür ist sie nicht auf Papier ausgedruckt.
Die 20 Prozent Zinsen auf Sparbücher, die die Kinder in ihrer Stadt „Rein ins Rathaus“ am Dienstag beschlossen haben, waren dann doch insgesamt zu hoch. Daher beschlossen Regierung und die Abgeordneten aus allen Bereichen am Mittwoch eine Anpassung nach unten, bzw. eine flexiblere Lösung, aber noch immer mindestens 10 Prozent.
Der Mittwoch war full house, viele Kindergruppen „eroberten“ die Stadt, in der sie selber (mit-)bestimmen können. Und so manche, auch ziemlich neu angekommenen machten davon auch Gebrauch. So wurde etwa Marie gleich bei ihrem ersten Antreten auf Anhieb Vizebürgermeisterin.
Zuvor hatte sie noch in der Kinderstadt-Zeitung einen kleinen Artikel verfasst, dass in dieser Stadt Kinder eben Demokratie lernen und leben können. Bürgermeister wurde zum dritten Mal hintereinander Xaver. Jene oder jener mit den meisten Stimmen übernimmt dieses Amt. Er hatte sich – wie schon im Artikel am Dienstag zu lesen war – schon in den zwei Jahren, in denen es wegen der Pandemie keine Kinderstadt gab, ausführlich vorbereitet, Forderungen überlegt und in ein Büchlein geschrieben.
Zu den 12 Seiten von Tag 3 geht es hier
Da kannst du sie durchblättern und auch – kostenlos – runterladen, dafür ist sie nicht auf Papier ausgedruckt.
Während die heimischen Banken der Erwachsenenwelt für Kredite hohe Zinsen verlangen, auf (Spar-)Einlagen aber fast nix zahlen, ging die Kinderstadt „Rein ins Rathaus“ einen ganz anderen Weg. Mit einem der drei Gesetze, die am Dienstag in der öffentlichen Stadtratssitzung – Regierung und Abgeordnete aus allen mehr als zwei Dutzend Bereichen – beschlossen: Zinsen auf Sparbücher. Denn, so das Argument der Kinderstadt-Politiker:innen, dann legen mehr der jungen Bürger:innen überhaupt erst ein Sparbuch an und so manchen ihrer Holli-Cent drauf. Die Zinsen, die sie beschlossen, machen übrigens 20 (!) Prozent aus.
Wie schon am ersten Tag waren auch Arbeitszeiten und Löhne ein großes Thema. Bei weniger beliebten Jobs sollten die Löhne erhöht werden. Dafür sollte die Arbeitszeit bei Arbeitsstellen, die von sehr vielen Kindern gewählt werden, begrenzt sein, damit diese Jobs frei werden.
Die Kinderstadt-Zeitung, die am zweiten Tag der Kinderstadt 2023 im Wiener Rathaus entstanden ist, hat 12 Seiten. In der Kinderstadt kostet eine Zeitung einen Holli-Cent. Für eine ¼ Stunde Arbeit gibt es drei Holli-Cent, 1 davon muss Steuer bezahlt werden, bleiben also zwei. Das heißt eine Zeitung kostet 7 ½ Minuten arbeiten.
Zu den Seiten von Tag 2 geht es hier
Da kannst du sie durchblättern und auch – kostenlos – runterladen, dafür ist sie nicht auf Papier ausgedruckt.
Dass Menschen mit intensivem Blick auf ihr SmartPhone durch die Stadt gehen, hin und wieder stehen bleiben, ohne sich umzuschauen oder auf anderes zu achten als die Töne aus ihren Kopfhörern in welcher Form auch immer, ist nichts Besonderes. Selbst wenn sie in kleineren Gruppen vor einem Gebäude stehen lassen, hin und wieder auf dieses, dann wieder aufs Handy-Display starren – eher alltäglich. Vielleicht hören sie noch Infos zum Gebäude oder darüber, was in diesem alles passiert ist oder sein könnte.
Nun, zwischen 25. August und 3. September 2023 (vorerst) könnten es Teilnehmer:innen von „The Orlando Project“ sein. Du könntest/Sie können auch selber bei diesem (digitalen) künstlerischen Spaziergang mitmachen. Ausgehend von dem Roman „Orlando“ der berühmten britischen Schriftstellerin Virginia Woolf (1882 – 1941) haben Ece Anisoğlu und Julia Pacher – mit einer Reihe weiterer Künstler:innen (siehe Info-Box) ein komplexes digitales Theaterprojekt ausgedacht, konzipiert und organisiert.
An fünf – bewusst ausgewählten – Stationen sind auf den Displays über eine eigens dafür programmierte (noch nicht öffentliche) App digitale Kunstwerke zu sehen und mindestens genauso wichtig neu geschriebene Texte zu hören (in vier der fünf Stationen, in einer auf Englisch). Diese sind von Passagen des Romans an, in dem die Autorin einen breiten historischen Bogen baute. Denn ihr Orlando, der als junger Mann im 16. Jahrhundert zur Zeit von Königin Elisabeth, der Ersten, aufwächst, lebt deutlich mehr als 300 Jahre; zumindest bis ins Erscheinungsjahr des Romans 1928. Da fährt sie – denn irgendwann dazwischen wacht Orlando eines Tages als Frau auf – Automobil.
Diese Verwandlung von Orlando, der/die übrigens Autor/in ist und eine Biographie schreibt – gut 100 Jahre bevor genderfluid verbreitetes Thema wurde, war der inhaltliche Ausgangspunkt für das Künstlerinnen-Duo, das sich bei der gemeinsamen Arbeit im Theater in der Josefstadt kennengelernt hatte – Julia Pacher im Bereich Regie, Ece Anisoğlu als Bühnenbildnerin. „Dass diese Verwandlung schon vor 100 Jahren in der Literatur stattgefunden hat, hat uns beiden sehr gut gefallen“, sagt Erstere im gemeinsamen Gespräch mit Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… Der Schreiber dieser Zeilen durfte bei einer Preview eine Woche vor der Premiere die Tour vom Schwedenplatz bis zum MuseumsQuartier mitmachen, es war – in der Theatersprache – die Hauptprobe 2. Als sie an diesem Projekt zu behirnen begonnen haben, so setzt Ece Anisoğlu fort, „wollten wir von Anfang an ein neues Format, eine neue Ausdrucksform schaffen. Wie können wir mit Hilfe von Augmented Reality, einem Bereich in dem ich schon jahrelang arbeite, Theater neu erzählen.“
Und deswegen lud das Duo in der Folge unterschiedliche Künstler:innen aus verschiedensten Sparten ein – vom Text-Schreiben über Video- und Visual Art (Kunst), Erzählkunst, Tanz und Performance. Ausgehend von jeweils einer der von uns ausgewählten Roman-Passagen „haben wir uns gemeinsam mit den dafür gesuchten Künstler:innen überlegt, wie die Geschichte vielleicht anders ausgedrückt werden könnte in Kombination von Text, Storytelling, Musik, Stadtbild, digitaler Kunst, die vielleicht Türen öffnen zu einer anderen Realität oder Sichtweise.“ (Ece Anisoğlu)
„Wir kommen beide aus dem klassischen Theaterbereich und wollten größer denken, und stärker interdisziplinär denken.“ (Julia Pacher)
„Mit dieser Digitalität können wir einerseits sozusagen den Bühnenraum stark erweitern, aber auch eine andere Wahrnehmungsebene erzeugen. Es war auch für uns selbst interessant zu entdecken, wie wir damit eine Magie oder Illusion erschaffen können. Die Stadt, die Gebäude haben schon eine Geschichte. Wir erzeugen künstlich etwas Zusätzliches.“ (Ece Anisoğlu)
Die beiden hatten die Idee schon vor der Pandemie, letztere erleichterte nur die Realisierung stark, weil es neue, zusätzliche Mittel aus dem Kunst- und Kulturbudget des Bundes für digitale Formate gab. Aus 800 Einreichungen in diesem „Topf“ wurden 26 ausgewählt und gefördert – eines davon ist „The Orlando Project“, weshalb die Tour für Kunst-wanderwillige kostenlos ist.
Die Texte wurden/werden in die Jetztzeit geholt, neu interpretiert, insbesondere aus heutiger Sicht doch längst problematische Sichtweisen von vor 100 Jahren werden zurechtgerückt. Die analoge Wanderung zu realen Orten und Gebäuden aus unterschiedlichen Epochen, erweitert um digitale Kunstwerke, dauert rund 1 ½ Stunden, beginnt mit kleinen virtuellen Kunst-Fenstern auf dem Display in der Griechengasse oberhalb des Schwedenplatzes, führt zu sehr fantasievollen 3D-Bäumen im Schweizerhof des Hofburgareals, zu denen der Text von den Gedichtschreib-Versuchen Orlandos über eine Eiche erzählt.
Station 3 führt zur Rückseite des Weltmuseums. Orlando ist in Konstantinopel, wo eines Nachts die Geschlechtsverwandlung stattfindet. Und sich sozusagen Unisex-Pluderhosen angezogen. Allerdings galt es für sie nun, sich mit der neuen Lage auseinander zu setzen…
Station vier beim Rosengarten im Volksgarten bringt einen Ausflug in ganz andere Welten – begleitet von einer Opernarie und der Abschluss im MuseumsQaurtier an der Seitenfront zum Architekturzentrum eröffnet eine völlig neue Dimension dieser Fassade im von Mariya Peleshko produzierten, von Manuel Biedermann animierten Video einer Performance der Drag Queen, Comedian, Mode-Kunst-Performerin Metmorkid (Mix aus Metamorphose/Verwandlung, Orchidee und Club Kid-Kultur.
Viel mehr sei jetzt aber nicht verraten – höchstens noch: Die Lektüre des Romans kann hilfreich sein, ist aber keinesfalls Voraussetzung, die hier eingangs beschriebene Grundsituation reicht. Und es ist jedenfalls empfehlenswert, sich auf die ohnehin recht kurzen (vier bis sechs Minuten) Videos und Texte einzulassen, um wirklich in diese Welten eintauchen zu können. Aber dann ist es ein spannendes, interessantes anderes Erleben von Verschmelzung von Stadt, Theater, Video, Audio, Performance in einer multimedialen Erzählung.
Sodala, die Kinderstadt im Wiener Rathaus hat ihren ersten Tag hinter sich. Zur Eröffnung kamen – nach doch immerhin drei Jahren coronabedingter Unterbrechung – die am letzten Tag von „Rein ins Rathaus“ 2020 gewählte Bürgermeisterin Lilly Phelan (mittlerweile 13 Jahre) und ihr damaliger Stellvertreter Xaver Fichtinger (12). Gemeinsam mit neuen Bürger:innen der Kinderstadt und dem Vizebürgermeister des „alten“ (sprich erwachsenen Wien), Christoph Wiederkehr, UND selbstverständlich Holli, dem Maskottchen des Wiener Ferienspiels wurde offiziell knapp nach 10 Uhr am Montagvormittag das orange Band durchschnitten. Nun gehören Volkshalle und Arkadenhof – der ganze und damit so groß wie nie zuvor – den Kindern. Hier regieren sie.
Der schon genannte Xaver hat sich top vorbereitet, in den drei Jahren Ideen gesammelt, um sich gleich am ersten Tag erneut der Kandidatur zu stellen. Und siehe da, er bekam mit seiner BürgerInnenpartei der Kinderstadt gleich viele Stimmen wie Nare mit ihrer Partei „The Starkids“. Die beiden teilen sich nun – zumindest einen Tag lang – das Bürgermeister:innen-Amt.
Der erste Tag brachte auch eine nicht unumstrittene Entscheidung der öffentlichen Stadtratssitzung. Die Minimal-Arbeitszeit wurde auf eine Viertelstunde verringert – bei gleichem Lohn wie zuvor die halbe Stunde. Die Idee der Kinder-Politiker:innen, zu denen auch die Abgeordneten aus allen Stationen zählen: Jobs werden früher frei, denn jede und jeder will arbeiten und oft mangelt es an Arbeitsplätzen.
Allerdings sind nun jene finanziell besser dran, die viele kurze Jobs hintereinander erledigen als jene, die eine Arbeit über längere Zeit verrichten. Damit setzte die 13-jährige Lilith ausführlich – Pro & Contra abwiegend – in dem Hauptartikel der täglich erscheinenden „Stadtzeitung“ auseinander, die von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… gemeinsam mit wienXtra betreut wird.
Zu den Zeitungen geht es hier unten.
Sehr solide, umfangreich recherchiert, viele Interview-Partner:innen – sowohl bekannte, namentlich Genannte, ebenso wie Passant:innen, Nachbar:innen. Archivmaterial. Fakten. Aber auch persönliche Gedanken samt kritischer (Selbst-)Reflexion. All das bringen die fast 100 Minuten, also mehr als 1 ½ Stunden, des Dokumentarfilms „Wer hat Angst vor Braunau?“ von Günter Schwaiger auf die Leinwand; Kinostart ist am 1. September 2023, schon davor gibt es, vor allem in Oberösterreich, einige Filmvorführungen mit dem Regisseur und Kameramann in Personalunion, der auch – gemeinsam mit Julia Mitterlehner – den Film produziert hat.
Schwaiger wollte einen Film über das Haus Salzburger Vorstadt 15 (vormals Vorstadt 219) in Braunau drehen, in dem Adolf Hitler die ersten drei Kinderjahre verbracht hatte (1889 bis 1892). Und war verwundert, dass es der erste Film über dieses Haus werden sollte. Klar war für ihn, es geht weder um das Haus, noch um den Naziführer als solches, sondern um die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Und viel auch darum, wie es dazu kommen konnte, dass eine große Mehrheit begeistert das Niedermachen anderer Menschen bis zu deren Ermordung mitmachen, gutheißen oder zumindest „wegschauen“ konnte.
Und wie heute noch immer sozusagen „das Böse“ in dieses Haus und darüber hinaus diese oberösterreichische Grenzstadt zu Bayern (Simbach) projiziert – und damit weit weg von sich geschoben – werden soll. Aber auch wie so manche sich gegen Verdrängen, unter den Teppich kehren, für Hinterfragen und Aufklärung einsetzen.
Mit einer, die genau Letzteres engagiert macht, der 31-jährigen Mittelschul-Lehrerin Annette Pommer, die eine der Protagonist:innen des Films ist, durfte Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… ein ausführliches interview führen. Zu diesem geht es hier unten.
Der Filmer drehte auch zwei Mal (2021 und 2022) am 20. April (Hitlers Geburtstag) vor dem Haus. Polizei patrouilliert ums Haus und doch tauchen vereinzelt Menschen auf, die im einen Fall einen Kranz mit vielen gelben Rosen hinlegen und der Schleife „RIP USA“ und im anderen Fall zwei Kerzen deponieren. Ersterer, der damit „Ruhe in Frieden – Unser Seliger Adolf“ aussagen wollte, greift aggressiv auf die Kamera, muss aber miterleben, wie ein älterer Passant einfach den Kranz nimmt und in den nächsten Mistkübel befördert. Im Jahr darauf stellt sich einer der Kerzenspender Günter Schwaiger und sagt ihm klipp und klar, dass er nach wie vor Nazi sei.
Eine Nachbarin erzählt, dass es an einem der früheren Jahrestage einen versuchten Aufmarsch einiger Burschen in SA-Uniform gegeben habe. Der Spuk sei aber schnell vorbei gewesen, als eine weitere Nachbarin einen Kübel Wasser aus dem Fenster geleert habe.
Der Film zeigt aber auch die schwierige Auseinandersetzung rund um dieses Haus. Das 1989 aus einem Steinblock aus dem ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen vor dem Haus angebrachte Mahnmal mit der Inschrift „Für Frieden, Freiheit und Demokratie. Nie wieder Faschismus. Millionen Tote klagen an“ sollte im Zuge der Umgestaltung entfernt werden. Erst eine Protestwelle der Zivilgesellschaft und danach ein einstimmiger Beschluss des Braunauer Gemeinderates verhinderte dieses Vorhaben.
Noch viel länger schon wurde um Nachnutzung des Hauses heftig diskutiert. Jahrzehntelang war eine Einrichtung für behinderte Menschen der Organisation „Lebenshilfe“ untergebracht, die 2011 auszog, weil das Haus nicht barrierefrei umgebaut werden durfte. Im Zuge der Debatten um dieses Gebäude, das 2016 enteignet wurde, gab es vor allem zwei gegensätzlichen Pole – sozial-karitative Einrichtung oder Polizei. Dem fügte der damalige (2016) Innenminister Wolfgang Sobotka einen dritten Vorschlag hinzu: Abreißen.
Das wäre ein Kapitulation vor den Nazis, schrieb der junge Autor Elias Hirschl, auch die von Sobotka selbst eingesetzte Kommission von Historiker:innen zeigte sich entsetzt: „Das würde einer Verleugnung der NS-Geschichte gleichkommen“, wird etwa Oliver Rathkolb von der Uni Wien damals (2016) zitiert.
Während der fünfjährigen Dreharbeiten filmte Schwaiger auch Menschen einer der Lebenshilfe-Einrichtungen. Diese brachten auf den Punkt, „Hitler hätte Leute wie uns umbringen lassen“ und genau deswegen fänden (nicht nur) sie, dass die Unterbringung einer sozialen Einrichtung „etwas Heilendes, weil Lebensbejahendes“ in dieses Haus bringen würden. Jedenfalls etwas, dass Hitler sicher nicht gewollt hätte.
Fatal nennen so manche (nicht nur) im Film, dass vor allem die Bevölkerung Braunaus nie wirklich in den Prozess der Entscheidung eingebunden worden sind, was mit dem Haus in ihrer Stadt passieren soll. Und Polizei wäre das falsche Signal, so nicht wenige. Der zuständige Sektions-Chef, der im September 2021 nach vielen abgelehnten Gesuchen doch eine Genehmigung erteilte, im Inneren des Hauses zu drehen, meinte, die Polizei sei eben die Organisation, die Freiheits- und Menschenrechte bewahre. Außerdem würden hier dann Anti-Difammierungs-Schulungen für Polizist:innen vor allem im Umgang mit neu zugewanderten Bürger:innen stattfinden. Außerdem werde die Fassade umgestaltet und damit die Attraktion für (Neo-)Nazis verhindert.
Was solche – vom Filmer vor dem Haus befragt – übrigens verneinten. Wie es aussehe, wäre ihnen egal. Würde also auch für den Fall eines Abrisses gelten.
Als dramaturgischen Höhepunkt setzte Günter Schweiger einen Gang ins Stadtarchiv, gemeinsam mit Florian Kotanko, dem Leiter der Braunauer Zeitgeschichte-Tage ans Ende des Films. Wenngleich das verblüffende Ergebnis hier schon im Titel dieses Betrages angedeutet ist (auch in der Ankündigung des Films wird es genannt), aber konkreter hier: Im Mai 1939 schrieb die Wochenzeitung „Neue Warte am Inn“, dass auf Wunsch Adolf Hitlers sein Geburtshaus zu einer Kanzlei der Kreisleitung umgebaut werden solle.
Da bekam der Regisseur, wie er im Film sagt, „Gänsehaut. Was ist das denn anderes als eine administrative Nutzung?“
Erfüllt das Innenministerium also mit der Entscheidung Polizeiinspektion statt sozial-karitativer Einrichtung ungewollt/unbedacht den Wunsch des Nazi-Führers?
Der Film ist übrigens einer wichtigen Zeitzeugin, die zu Wort kommt, gewidmet, Lea Olczak. Die heuer im 101 Lebensjahr verstorbene Frau kam aus einer Familie, die dem Führer nicht zujubelten und die polnischen Zwangsarbeitern halfen. Sie war nach dem Krieg sechs Jahre lang Vize-Bürgermeisterin in Braunau (1967 bis 1973), als einer der ersten überhaupt in dieser Funktion in ganz Österreich.
Auf der anderen Seite des Altersspektrums kommt – wie schon weiter oben erwähnt – die 31-jährige Annette Pommer mehrmals im Film zu Wort – sie ist Mittelschul-Lehrerin, mit Leidenschaft vor allem für Geschichte. Ihr Credo: „Verantwortung übernehmen braucht Mut, tut oft weh und fehlt oft…“
Sagst du, dass du aus Braunau kommst, fragen die (meisten) Leute sofort: „Ach, dort wo der Hitler geboren wurde!“ Das berichten viele Menschen, die aus dieser oberösterreichischen nicht ganz 20.000-Einwohner:innenstadt am Inn an der Grenze zu Bayern (Deutschland), kommen. Oder auch dort arbeiten, in die Schule gehen usw. „Auch eine Mitstudentin aus Madagaskar hat mich das als erstes gefragt. Für die Kinder, die ich in der Mittelschule St. Pantaleon (Bezirk Braunau, 3.200 Einwohner:innen) unterrichte ist das allerdings kein Thema – noch nicht, vielleicht später, wenn sie woanders arbeiten oder studieren“, sagt Annette Pommer. Die 31-jährige ist leidenschaftliche Lehrerin, vor allem für Geschichte, aber auch für Deutsch sowie Deutsch als Zweit- und Fremdsprache. UND – sie ist eine der Protagonist:innen des am 1. September in österreichischen Kinos anlaufenden knapp mehr als 1 ½-stündigen Dokumentarfilms „Wer hat Angst vor Braunau?“ von Günter Schwaiger; 99 Minuten. Zu einem Beitrag über diesen Film geht es am Ende des Artikels ganz unten; der geht erst am 21. Augsut 2023 um 11 Uhr online.
Auch wenn sie weitschichtig mit der vormaligen, mittlerweile enteigneten Besitzerin des Hauses Salzburger Vorstadt 15 (vormals Vorstadt 219), Gerlinde Pommer verwandt ist, zur Protagonistin wurde sie als an ungemein von Klein auf an Geschichte interessiert, die seit drei Jahren mit Leib und Seele Lehrerin ist. „Ich hab ich mit meinem Vater viel und gern historische Dokus angeschaut“, erzählt sie in einem ausführlichen Telefonat mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… noch vor der Pressevorführung des genannten Films.
Als Kind hatte sie Postkarten eines ihr unbekannten Mannes im Haus gefunden mit einer Schrift, die sie nicht entziffern konnte. Es war die vor 100 Jahren verwendete Kurrentschrift. Die stammten, wie ihr gesagt wurde, von ihrem Urgroßvater, der als Knecht gearbeitet und dann als Soldat im ersten Weltkrieg an der Isonzo-Front (Italien) gestorben ist. Sein Sohn, also ihr Großvater, an den Grüße auf der Karte standen, war dann Soldat im zweiten Weltkrieg. Diese persönlichen Bezüge verstärkten ihr Interesse an Geschichte – daran was war. Und daran, wie es jeweils dazu gekommen ist. Und so studierte sie Geschichte, widmete ihre Diplomarbeit Kindeverschickungen im und nach dem ersten Weltkrieg. Dafür hatte sie 2018 auch in etlichen regionalen Zeitungen Aufrufe an Braunauer:innn gerichtet, ob diese Unterlagen über die Aufnahme von städtischen Kindern insbesondere aus Böhmen haben – mit, wie sie gegen Ende der Diplomarbeit schreibt, leider wenig Resonanz.
„Bis in die 1920er Jahre dominierten die Nachwirkungen des Ersten Weltkrieges das Leben der Kinder in Österreich und insbesondere in Wien. Unterernährung, Rückständigkeit in der physischen Entwicklung, sowie Krankheit, die sich durch die grassierende Spanische Grippe im Herbst 1918 in einer erhöhten Sterblichkeit zu Buche schlugen, zeichneten das von Hunger und Mangelwirtschaft geprägte Kinderelend in der Nachkriegszeit. Die humanitäre Not in Österreich rief internationale Hilfsprojekte auf den Plan, die sich als Hilfe vor Ort sowie durch Kinderverschickungen konstituierten.“ (S. 149 der Diplomarbeit „(Wiener) Kinder aufs Land!“)
„Ursprünglich wollte ich dann Archäologin werden. Aber als ich dann nach der Matura vor der Entscheidung stand, ist mir eingefallen, dass ich als Schülerin schon immer gern auch Kolleginnen und Kollegen geholfen hab, ob das Deutsch oder Italienisch war. Und ich hab mich schon in der Schulzeit gefragt, warum muss gerade so ein interessantes Fach wie Geschichte fad unterrichtet werden. Und so hab ich mich entschlossen, Geschichte – an der Uni Salzburg – zu studieren und Lehrerin zu werden. Deutsch mochte ich sowieso auch sehr.“
Von Anfang an wollte sie Brücken von der jeweiligen Geschichtsepoche zur Gegenwart schlagen. „Du kannst aus allem etwas für heute herausholen. Wenn’s um den 30-jährigen Krieg geht, dann diskutieren wir über Kriegsverbrechen heute. Die Kinder kapieren das sofort, wenn sie spüren, wofür sie etwas lernen. Wenn’s nur für einen Test ist oder sie nicht wissen, was ihnen das bringt, dann natürlich nicht.“
Natürlich fuhr die Geschichts- und Deutschlehrerin mit Schüler:innen auch ins ehemalige Konzentrationslager Mauthausen, „aber viel mehr haben die Jugendlichen von Gesprächen mit Zeitzeuginnen und zeitzeugen. Auch wenn es von diesen kaum mehr welche gibt, wir haben Kinder von KZ-Überlebenden eingeladen. Da haben alle aufmerksam gelauscht und nachher gemeint, das hätte ihnen viel mehr gebracht.“
Nach solchen Begegnungen kommen auch viele Gespräche zustande, vor allem die darüber, wie es so weit kommen konnte. Da kommt – und das ist Pommer besonders wichtig – der Bogen vom ersten zum zweiten Weltkrieg ins Spiel. Arbeitslosigkeit, Armut, Schulden und dann kam jemand daher, der den Leuten Arbeit und Schuldenfreiheit versprochen hat. Obendrein Feindbilder erzeugt bzw. verstärkt, anderen Gruppen das Menschsein abgesprochen hat – da lassen sich auch (leider) leicht Bögen zum Heute herstellen.
„Ich hab meine Schülerinnen und Schüler auch gebeten, selbst in der eigenen Familie und / oder der Nachbarschaft nach alten Geschichten zu fragen und diese aufzuschreiben. So wurden sie zu jungen ForscherInnen der Geschichte der näheren Umgebung. Da sind auch wahrhaftige Begegnungen zustande gekommen. So hat sich ein alter Mann gefreut, dass ihm eine junge Schülerin zuhört und die wiederum, dass er ihr so viel erzählt hat.
In St. Pantaleon gibt’s übrigens eine kleine Gedenkstätte für ein ehemaliges Arbeitslager, das es dort gegeben hat, wo die Gefangenen ein Moor trockenlegen sollten.
Auch den Unterricht in Deutsch bzw. DAZ/DAF (Deutsch als zweit- bzw. Fremdsprache) versucht Pommer „gern mit Geschichte zu verbinden. Wenn wir Bücher lesen, dann besprechen wir, wieso hat jemand genau diesen Text und vielleicht auch warum geschrieben. Es macht doch einfach mehr Spaß, wenn man etwas versteht, woher es kommt und wozu es da steht. Und heute haben wir doch auch so viele medialen Möglichkeiten im Unterricht – so viele brauchbare Videos – da ist die Digitalisierung wirklich ein Geschenk!“
Und damit zum besagten Haus, das zum Ausgangspunkt des oben angekündigten Films wurde. Und wie die Lehrerin zu einer der Protagonist:innen wurde. Als Günter Schwaiger 2018 zu drehen begonnen hatte, kam zufällig Annette Pommers Vater beim Haus vorbei, „und er ist sehr kontaktfreudig, hat den Filmer gefragt, was er drehe und nicht zuletzt, weil die Vorbesitzerin über mehrere Ecken mit meinem Vater verwandt ist, kam Schwaiger zu uns nach Hause, hat mein historisches Interesse bemerkt und so ist das zustande gekommen. Für mich war es ja immer ein Armutszeugnis, aus Angs vor der Herausforderung sich ausführlich und gut mit der Geschichte auseinanderzusetzen lieber Pläne zu haben, das Haus einfach abzureißen. Als Studentin an der Uni war ich bei einer Diskussionsrunde, wo viele Menschen aus Braunau dabei waren, die sehr enttäuscht waren, dass aus dem Haus nicht in Museum, ein Begegnungs-, Informations- und Lernort werden sollte.
Schwieriger Einstieg, noch gröbere Probleme jetzt Der Einstieg als Lehrerin war nicht der einfachste, sie startete im Februar 2020. Wenige Wochen später brach der erste Lockdown über die Welt herein. „Da war ich verwirrt, ob das der richtige Beruf für mich ist, da konntest du kaum was machen, aber schon im nächsten Schuljahr, auch wenn’s da auch Lockdowns und Schulschließungen gegeben hat, ging’s dann richtig los“, freut sie sich, doch die richtige Berufswahl getroffen zu haben – offenbar nicht nur für sich, sondern auch für ihre Schüler:innen wie Feedbacks, die sie jeweils am Ende des Schuljahres einsammelt. Besonders in lebensnahe Geschichten verpackte Geschichte kommt sehr gut an.
(ab 21. August 2023, 11 Uhr)
Der heftige Titel dieses bebilderten knapp mehr als 100-seitigen Buches wird zunächst auf dem Cover durch das strahlend lächelnde Kind in einem Karton erträglicher, weil es schon auf Ironie hindeutet. „Kind zu verkaufen“ von Hiroshi Ito (gezeichnet und geschrieben, ins Deutsch übersetzt von Ursula Gräfe) dreht sich also nicht um Kinderhandel, den es leider noch immer auf der Welt gibt.
Die Geschichte handelt von einem – das ganze Buch über namenlos bleibenden Mädchen – das plötzlich für die Eltern Luft zu sein schein. Grund ein kleines Geschwisterchen. Das hat übrigens sehr wohl einen Namen. „Was ist denn so toll an Daichi! Der ist ein nerviges Äffchen“, klagt die Hauptfigur des Bilderbuch-Romans. Was die Mutter der beiden mit „Aber ein süßes Äffchen“, kommentiert. Übrigens die einzige echte Antwort auf den ersten Seiten.
Zuvor lässt sie jeweils nur ein „Ja, ja“ aus. Egal ob das Mädchen bittet, ja bettelnd fragt: „Du brauchst mich wohl nicht mehr, Mama, oder?“ Auch auf der nächsten Seite kriegt die Tochter auf den Satz: „Ich haue ab. Ich such mir ein neues Zuhause!“ keine andere Antwort.
Auch wenn’s offenkundig eher als provokative Drohung gemeint war, um doch endlich Aufmerksamkeit zu kriegen – Versuch gescheitert. Und so packt sich das Kind zusammen. Mit einem kleinen Rucksack macht es sich auf den Weg, findet einen Karton beim Mist, leert ihn aus, nimmt ihn mit und schreibt in schönster Schrift: „Kind zu verschenken“ drauf. Dann malt es sich aus, welche netten Menschen es mitnehmen in ein neues Zuhause, wo es geschätzt wird.
Allerdings… – wie wahrscheinlich zu erwarten, da wird nix draus. Dafür gesellt sich ein verlaufener Hund, ein Kätzchen und eine Schildkröte zu dem Mädchen in der Papp-Schachtel.
Wie’s ausgeht wird hier sicher nicht gespoilert. Das Wichtigste an der Geschichte ist ja wohl das durchaus bitterböse humorvolle Schildern, wie es allzu vielen Kindern geht, wenn ein Baby als Geschwisterchen in die Familie kommt und wie sich das verletzend anfühlen kann…
20 Jahre nach der ersten Wiener Kinderstadt „Rein ins Rathaus“ – und nach drei aufgrund der Pandemie geschrumpften oder gar keinen Versionen – ist die Kinderstadt wieder da. Und so groß wie nie zuvor. Neben der Volkshalle gehört dieses Mal der ganze Arkadenhof in der Mitte des Rathauses den 6- bis 13-Jährigen. Am Freitag (18. August 2023) wurde den ganzen Tag aufgebaut. Alles steht, wirkt aber noch traurig und leer – siehe Fotos und Video – und wartet, um von Kinern belebt zu werden.
Ob Obstspieße oder Popcorn im Gasthaus zubereiten, Mitbürger:innen schminken, Post zustellen, Geld auszahlen, Steuern einzuheben, Radio, Fernsehen oder Zeitung zu machen (übrigens mit KiJuKU) – alle Jobs werden von den Kindern in ihrer Stadt selbst ausgeübt – bezahlt werden sie in Holli-Cent. Übrigens nicht nur fürs Arbeiten auch fürs Studieren.
Und die Bürger:innen können eigene Parteien gründen, kandidieren und die/der mit den meisten Stimmen wird Bürgermeisterin oder Bürgermeister, die anderen Stadträt:innen mit verschiedenen Aufgaben. Das gilt in allen Kinderstädten. Bei „Rein ins Rathaus“ aber wird täglich gewählt. Klar, diese Kinderstadt dauert nur eine Woche, andere wie Mini-Salzburg oder in der „Mutter“ der zentraleuropäischen Kinderstädte Mini-München etwa dauern drei Wochen, letztere sogar manches mal vier Wochen. Dort wird nur einmal in der Woche gewählt.
Durch die tägliche Wahl in Wien ist die Politik, die Kinder (mit-)bestimmen können, allerdings viel gegenwärtiger. Und rascherer Wechsel bei Unzufriedenheit oder noch besseren Ideen ist möglich.
Täglich wird hier dann auch berichtet – und zu den von den Kindern produzierten Tageszeitungen verlinkt.
„Suchbewegung statt eines Spielzeitmottos“ – so nannte Anna Horn in einem längeren Gespräch mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… irgendwann das, was Kinder, Jugendliche und erwachsene Zuschauer:innen in der am vorletzten September-Wochenende startenden neuen Saison im Theaterhaus für junges Publikum im MuseumsQuartier erwartet. Seit 1. Juli leitet sie den Dschungel Wien – nach Gründungsdirektor Stephan Rabl (12 Jahre) und Corinne Eckenstein (sieben Jahre), die aber schon von Beginn hier viele Stücke inszenierte und im Oktober beim Puls-Festival „Kingx & Qweens“ mit ihrer neuen Gruppe „Unusual Beings“ präsentieren wird.
„Wir haben übrigens fix nur die erste halbe Spielzeit geplant, um schneller auf aktuelle Herausforderungen reagieren zu können. Und wir möchten viel mit sehr jungen und neuen Künstler:innen arbeiten. Dafür kooperieren wir unter anderem mit Ausbildungs-Einrichtungen. Die bisherige Dschungel-Akademie mit Studierenden der Theater-, Film- und Medienwissenschaften der Uni Wien wird fortgeführt, aber interaktiver ausgebaut. Und wir arbeiten neu mit der Universität für Angewandte Kunst – den Abteilungen Sprachkunst, Transmediale Kunst und Wissenstransfer – zusammen. Studierende können fächerübergreifend an eigenständigen Projekten arbeiten, die sie im Jänner präsentieren. Dabei können sie ausprobieren, ob sie in Sprache und Spiel ihr Zielpublikum gut erreichen. Es bleibt ihnen freigestellt, ob sie für Kinder oder für Jugendliche produzieren wollen.“
… ist auch ein weiteres Projekt: Magma in Zusammenarbeit mit dem Drama Forum Graz und MUK (Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien. Dabei sollen „Theatertexte und -formen für ein diverses und mehrsprachiges Publikum entwickelt“ werden. Einzelkünstler:innen aus den Bereichen Text und/oder Theater sollen einander kennenlernen, sich zu Teams zusammenfinden, von Profis als Mentor:innen unterstützt, Konzepte erarbeiten. Nach mehreren Monaten haben zehn Teams die Chance, ¼-Stunden-Teaser zu zeigen, die Hälfte davon soll begleitet werden, um an ihrem Ding weiterzuarbeiten und es als Projekt für Förderungen einzureichen. Ein Stück wird der Dschungel Wien aus Eigenmitteln mit dem jungen Team produzieren. Sozusagen eine Variation des bisherigen Nachwuchsbewerbs „Try-Out!“ an diesem Theaterhaus.
Diese Suche danach, was ein junges, diverses, mehrsprachiges Publikum interessiert – oder interessieren könnte – betont Anna Horn in dem Gespräch mehrfach; wobei Diversität auch schon bisher ein großes Anliegen im Dschungel Wien war. „Wir haben extra ein Team „Next Generation“ angestellt, die normal gezahlt werden und eigene Projekte entwickeln werden. Und wir wollen von Kindern und Jugendlichen, die (noch) nicht ins Theaterhaus kommen, wissen, was sie gerne sehen würden. Dafür werden wir gezielt in Schulklassen gehen und das erfragen.“
Neben den drei bisherigen Bühnen kündigt die neue künstlerische Leiterin eine vierte an, „eine digitale Bühne“ (unterstützt aus den Mitteln der Digitalisierungsförderung). „Hier entstehen laufend neue Videoproduktionen und hybride Formate für unsere Zuseher:innen. Jährlich wird eine Produktion offline aufgeführt und somit eine Brücke ins Theater geschlagen. Die Verknüpfung von digitaler und physischer Realität, die Kinder und Jugendliche tagtäglich begleitet, wird Teil des Programms am Dschungel Wien“, heißt es dazu auf der – nach etlichen Wochen gänzlicher Abwesenheit – neuen, nun wieder erreichbaren Homepage. Diese schreit den User:innen stark entgegen, ihr Motto dürfte übrigens auch Suche sein – aufgrund (noch?) geringer Übersichtlichkeit. Update: Drei Tage später taucht wenigstens die Übersicht – auch in lesbarerer Schrift – auf, auch wenn es noch für Verwirrung sorgt, wenn Stücke groß und fett von September bis April angekündigt werden, obwohl es zwar in diesem Zeitraum, aber nur zwei- bis höchstens drei Mal in Blöcken an wenigen Tagen gespielt wird..
Neben dem schon eingangs erwähnten Puls-Festival (10. bis 13. Oktober 2023) – im Rahmen des schon seit einigen Jahren laufenden EU-Projekts ConnectUp, wo fünf Koproduktionen von jeweils zwei Theatern aus verschiedenen Ländern gezeigt werden -, findet das internationale Roma-Festival „E Bistarde – vergiss mein nicht“ (1. bis 9. November 2023) heuer im Dschungel Wien statt (bisher Amerlinghaus). Eröffnet wird es mit dem Stück „Land ohne Land“ von Simonida Selimović. Dramaturgin ist Elif Bilici, die im Dschungel Wien nun in der Theatervermittlung tätig ist und – gemeinsam mit Armela Madreiter und Thomas Perle eine der fünf Werkstätten leiten wird, jene mit dem Titel „Auf der Suche“ (ab 14 Jahren). Jugendliche werden sich auf die Suche nach der Vielfalt in der Stadt machen, nicht zuletzt bei den (Enkel-)Kindern von Gastarbeiter:innen. Mehr zu den Werkstätten in der Info-Box am Ende des Beitrages.
Im Zusammenhang mit Internationalität nennt Anna Horn als „ein besonderes Anliegen ein ukrainisches Sachbuchkino übers Hören“: Laut, leise, flüstern: голосно, тихо, пошепки. Das Bilderbuch Hören!/ чути von Romana Romanyschyn und Andrij Lessiw ist 2017 auf Ukrainisch und vier Jahre später auf Deutsch erschienen – Details in der Infobox. Dieses Bilderbuchduo ist übrigens auf KiJuKU schon vor einem halben Jahr mit seinem aktuelleren Buch „Als der Krieg nach Rondo kam“ erschienen.
„Kinderrechte, Aktivismus und Theater als Kunst und Kultur für Kinder ist mir ein großes Anliegen, pädagogische Konzepte sind gut, aber Kunst kann mehr“, so Anna Horn im KiJuKU-Gespräch. „Und ich erlebe, die Stadt Wien hat auch ein offenes Ohr, dass Kinder und Jugendliche Kunst und Kultur erleben können, die mehr Mut und Freude machen.“
Eröffnet wird die neue Saison an zwei Wochenenden 23./24. September bzw. 30.9./1.10. 2023 unter anderem mit „Wind“, einem neuen Stücke von makemake produktionen, der U20-Poetry-Slam-Meisterschaft, „Ostacles in our Sky“ (Johanna Heusser und Roxy Birsfelden, Schweiz), einer Party mit EsRap. Am Wochenende drauf spielt das Puppentheater „Das Helmi“ aus Deutschland „Der Schöne und die Biest“ (Kinder) und „Leon, der Profi“ (Jugendliche) sowie „Die komische Tür“ (Nils Strunk und Lukas Schrenk) sowie Samstagabend (30. 9.): „Voting Ball Wem gehört die Bühne?“. Details in der Info-Box am Ende des Beitrages.
Natürlich suchst du – so wie es sicher alle tun werden -, ob der Titel dieses Bilderbuches wirklich stimmt: „Es gibt keine Drachen in diesem Buch“, das Mitte August 2023 erscheint. Wahrscheinlich gibt es Millionen von Büchern, auf die das zutrifft, aber würde irgendwer so etwas auf die Titelseite schreiben?
Klar macht das erst recht neugierig. Genau geschaut. Könnten das nicht Beine von einem… – bevor du diesen Gedanken vielleicht fasst, nachdem du etwas entdeckt hast, das, ja genau nach Drachenfüßen ausschaut, schreibt die Autorin: „Ach, die! Die kannst du ignorieren… Sie gehören wahrscheinlich der Katze. Sie ist riesig. Übertrieben riesig.“
Ähnlich spinnen Donna Lambo-Weidner und Carla Haslbauer die Geschichte Doppelseite für Doppelseite weiter. Du meinst das eine oder andere Körperteil eines Wesens zu sehen, das dich doch sehr stark an einen Drachen erinnert. Auch wenn es solche in echt nicht gibt – in Büchern, Filmen, Comics, als Spielfiguren usw. existieren sie in hunderterlei Bildern. Aber schon, hat die Autorin sich irgendeine Erklärung einfallen lassen, was das sonst sein könnte. Funken zum Beispiel aus dem Kamin oder was auch immer. Klar, irgendwann heißt’s über das Durcheinander in der Wohnung: „Das waren bestimmt die Kinder!“
Du siehst gemalte Kinder, die offenbar sehr wohl Drachen-Körperteile sehen – der Text wirkt, als wären es die zurechtweisenden Sätze erschreckter, fantasie-befreiter Erwachsener 😉
Und so schwingt zwischen den wenigen prägnanten Zeilen und vor allem in den Bildern mit, irgendwie halten sie dich am Schmäh – nein, keine Fake News, sondern Aufbau eines Spannungsbogens sozusagen. Auch wenn hier sicher nicht alles verraten wird, ein „Trick“ sei gespoilert: Ungefähr nach zwei Drittel des Buches schaut dich – ein wenig ängstlich – ein Drache an: Eben nur einer …
Ob dann doch noch weitere auftauchen? Nun, das bleibt dir überlassen zu ergründen, entdecken, erforschen, schauen, lesen und so weiter – einige Seiten vom Anfang – findest du übrigens in der Lese- und Schauprobe, die in der Info-Box am Ende des Beitrages verlinkt ist.
Ach ja, und selbst wenn du das Ende dann kennen wirst, laden vor allem die Bilder, in denen sich noch so manches Detail versteckt, zum immer-wieder-Anschauen ein, dann fällt dir vielleicht noch nicht Gesehenes auf.
Die Illustratorin ist mit diesem Buch übrigens für den Serafina Nachwuchspreis nominiert, der von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur in Kooperation mit dem Börsenblatt und der Frankfurter Buchmesse vergeben wird. Die Jury begründet die Nominierung übrigens so: „Carla Haslbauers Illustrationen zeigen den ganz normalen Familienwahnsinn in großer Dynamik und Vielschichtigkeit. Diversität ist integraler Bestandteil der Geschichte, wie zufällig hingezeichnete Gegenstände auf Boden, Sofas und Tischen bieten immer wieder neue Entdeckungen und beschreiben sehr realistisch das kreative Chaos eines Kinderzimmers. Erwachsene spielen eine Nebenrolle, Hinweise auf eventuelle Drachen im Buch gibt es in vielfältiger Weise und am Schluss gibt‘s neue Nachbarn.“
Übrigens mit einem vergleichbaren Dreh arbeitete Klaus Baumgart in seinem allerersten Bilderbuch (1989, vor drei Jahren neu erschienen). Der Autor, vor allem für seine Serien „Lauras Stern“ und „Tobi“ berühmt, ließ in „Ungeheuerlich“ einen kleinen Drachen Annas Kakao verschütten. Der kleine grüne Drache sorgte für so manches Chaos am Frühstückstisch.
Na geh, das warst sicher du, Drache ist nur Ausrede meinte die Mutter. Bis es an der Tür klopft und ein großer Drache nach seinem Kind fragt.
„Zachy, du verdammter Hund, lass mich hier raus!“ Oke schlug mit der Faust gegen die raue Wand des niedrigen Bunkers, so dass Staub auf ihn herabrieselte. Den Schmerz in seiner Hand bemerkte er nicht. „Soll ich hier bis in alle Ewigkeit verrotten oder was?“
Mit diesen ersten vier Sätzen erzeugt Brigitte Jünger schon ein spannungsgeladenes Szenario. Die beiden Typen sind Mitglied einer Gang, einer Bande, aber irgendwie einer guten. „Good for Good“ nennen die Crows ihr Motto. Sie helfen Menschen, schwere Taschen in den x-ten Stock zu tragen, sollte der Lift in einem der Hochhäuser in der Stadtrandsiedlung, (wieder) einmal nicht funktionieren. Oder was halt so anfällt. Und Geld das sie dafür kriegen, kommt in eine Gemeinschaftskassa. Das stärkt den Zusammenhalt, macht auch stolz, selbstbewusst(er) – was manche bitter nötig haben. Und tröstet vor allem Oke über den vermeintlichen Verrat Leos, seiner besten Freundin von Kindesbeinen an, hinweg.
Aber sie kundschaften auch so manche Geheimnisse und Schwächen der Bewohner:innen dieser Plattenbauten aus – und lassen diese das wissen – samt „Angebot“, nix zu sagen, wenn… So und auch auf so manch andere noch weniger schöne Art und Weise sammeln sie Scheine für ihr Konto.
Zachy, von dem die Idee stammte, rekrutierte nach Oke, Ida, Adil, Pat, Mo und noch einige andere für die „Crows“. So nannten sie sich, bzw. er erfand den Namen – Widerspruch konnte er schlecht vertragen. Womit auch bald der Titel des Buches, „Pakt der Krähen“ geklärt ist. Mehrmals im Buch schildert die Autorin, wie der eine oder andere fasziniert Krähen dabei beobachtete, wie sie sich Futter aus offenen Chips-Packungen usw. holten.
Und, das sei – im Gegensatz zu vielen spannenden Wendungen der Geschichte – schon hier verraten: Am Ende legt die Autorin einem Mädchen, das spät auftaucht, Sätze über Krähen in den Text eines Briefes, die angeblich aus einem Wikipedia-Eintrag stammen – was so nicht ganz stimmt, aber doch das Sozialverhalten und die Intelligenz dieser Rabenvögel hervorhebt.
Also, es gibt offenkundig von Anfang des Buches an den Wickel zwischen Oke und Zachy. Der noch dazu, nachdem er Oke in einen Betonbunker im Wald eingesperrt hat, von der Bildfläche verschwunden ist. In Okes Erinnerungen als Rückblenden wird die Entstehung der Crows ebenso geschildert wie das eine oder andere Schlaglicht auf die Siedlung, in der die Nicht-Wohlhabenden leben, geworfen. Auch erfährst du in dem einen und anderen Kapitel, so manch krumme Tour, wie Krähen-Mitglieder zu Geld kommen. Und wie sie manchen Bewohner:innen auf die Schliche noch viel ärgerer Machenschaften kommen.
Und natürlich zuletzt auch, was Zachy wirklich plant – und in wessen Auftrag… Und trotz dieses spannenden Handlungsbogens sind die Blicke ins Innere einiger der jungen Protagonist:innen, wobei eigentlich nur einiger der männlichen sowie die sozialen Verhältnisse im Stadtrandviertel, mindestens genauso interessant.
In Arbeitsschuhen mit Gartenhandschuhen und einer Kiste Grünzeug steht ein junger Mann inmitten eines Gartens. Er und andere graben und setzen Pflanzen in die Erde. Weniger zur Zierde als zum Nutzen. Gemüse soll hier wachsen. Mit diesem nicht ganz einminütigen Video samt der Erklärung des Projekts gewann er einen der Plätze im internationalen Jugendcamp auf der Europaburg Forchtenstein im steirischen Neumarkt. 30 Jugendliche aus zwölf Ländern (siehe Info-Box), alles Kinder von Eltern, die in ihren Ländern in Versicherungen arbeiten die zum Konzern der Wr. Städtischen (VIG Versicherungsgruppe) gehören, konnten eine Woche in der Steiermark verbringen. – Über das Kinder-Camp samt Interviews mit elf Kindern aus fünf Ländern hat Kinder I Kultur I Und mehr… schon berichtet, Link hier unten
Auch die Jugendlichen mussten sich mit Ideen um die Teilnahme bewerben. Ihre Aufgabenstellung: „Wie meine Ideen die Welt verändern können“. Währen von den Kindern Fotos zu ihren Weltverbesserungsideen gefragt waren, stand es den 14- bis 17-Jährigen frei, wie sie ihre Gedanken und Vorschläge präsentieren. Angel Zahariev hatte das oben beschriebene 56-Sekunden eingereicht. In die Dokumentation über das Setzen der Gemüsepflanzen baute er noch – auf Englisch – Sprüche ein wie unter anderem: „Durch das Wachstum von frischem Essen in städtischen Räumen pflanzen wir Samen der Hoffnung, Nahrung und Zugehörigkeitsgefühl“ oder „Lasst uns gemeinsam eine nachhaltige Wirkung erzielen und eine hellere Zukunft für uns alle schaffen“
Andreea Ramona und Ioana Parvulescu (14 und 17) lieferten eine umfangreiche PowerPointPräsentation ab mit einem ausgetüftelten Konzept für die Gründung einer Freiwilligen-Organisation. Deren Ziel unter anderem „Pflanzendünger aus überschüssigen Nahrungsmitteln zu gewinnen“: Die Umwandlung von Lebensmitteln in Düngemittel durch Kompostierung ist ein praktischer und umweltfreundlicher Ansatz, der die Herausforderungen der Abfallwirtschaft angeht und gleichzeitig eine nachhaltige Landwirtschaft und die Gesundheit des Ökosystems fördert. Indem wir diese Praxis in größerem Maßstab übernehmen, können wir zu einer nachhaltigeren und widerstandsfähigeren Welt für zukünftige Generationen beitragen.“ – so beschreiben sie zusammengefasst ihr Projekt.
Bisera Jovanovska packte ihre Ideen in einen Aufsatz. In dem beschäftigte sie sich mit den – nicht zuletzt durch die Pandemie noch stärkeren – Beeinträchtigungen psychischer Gesundheit (mental health) Jugendlicher. Samt einer langen Liste von Ideen und Tipps für die Förderung psychischer Gesundheit, speziell für Jugendliche:
„Meine Idee zur Verbesserung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen wäre die Einführung eines Sonderkurses zur psychischen Gesundheit als reguläres Fach im Lehrplan der Schülerinnen und Schüler. In solchen Kursen wird ihnen beigebracht, wie sie ihre geistige Gesundheit durch unterhaltsame, praktische und entspannte, aber sehr nützliche Aktivitäten und Ratschläge verbessern und erhalten können, wie zum Beispiel:
● Eine stärkere Bindung zwischen den SchülerInnen und das Lernen über das Leben des anderen außerhalb der Schule – Familie, Interessen, Hobbys, Träume, Identität, Religion, Bräuche und Probleme – dies wird die Verbindungen und das Zugehörigkeitsgefühl stärken.
● Ermutigen Sie die SchülerInnen, an ihren Interessen zu arbeiten, loben Sie ihre Leistungen, behandeln Sie Fehler als normalen Teil des Lernens, wertschätzen Sie die Ideen und Meinungen der Schüler zu verschiedenen Themen.
● Ermutigung der SchülerInnen, mit LehrerInnen, BeraterInnen und Eltern über ihre Probleme und Ängste zu sprechen.
● Den SchülerInnen Inklusion, Empathie und Respekt für Vielfalt beibringen.
● Den SchülerInnenn beibringen, Gleichaltrige und andere Menschen über ihr äußeres Erscheinungsbild, ihren Reichtum und ihren sozialen Status hinaus zu respektieren und wahrzunehmen.
● Den SchülerInnen beibringen, Mobbing zu erkennen, zu stoppen und zu verurteilen.
● Ermutigen Sie die SchülerInnen, ihren MitschülerInnen oder jüngeren SchülerInnen zu helfen, die möglicherweise Lernschwierigkeiten oder besondere Bedürfnisse haben.
● Organisieren und Einbeziehen von Studierenden in Freiwilligen- und Wohltätigkeitsprojekte, um Menschen in Not zu helfen.
● Ermutigen Sie die SchülerInnen, angemessene Schlafgewohnheiten und eine gesunde Ernährung zu entwickeln und die Zeit, die sie mit elektronischen Geräten, sozialen Medien oder Videospielen verbringen, zu reduzieren.
● Aufklärung der SchülerInnen über die mit sozialen Medien, Alkohol und Drogen verbundenen Risiken.
● Ermutigen Sie die SchülerInnen, mehr zu lesen, Kunstveranstaltungen wie Theater, Oper, Ballett oder Konzerte zu besuchen und eigene Theaterstücke zu inszenieren.
● Aktivitäten organisieren, die darauf abzielen, das Selbstwertgefühl, die Selbstliebe und das Selbstvertrauen der SchülerInnen zu stärken.
● Beteiligen Sie die SchülerInnen wann immer möglich an Sport, Übungen oder anderen interaktiven Spielen im Freien.
● Den SchülerInnen andere lebensnahe Fertigkeiten wie Kochen, Gartenarbeit, Ernährung, Ökologie, Erste Hilfe usw. beibringen.
● Lassen Sie die SchülerInnen sprechen, indem Sie weitere Teamprojekte mit gleichem Engagement und Interaktion aller Teammitglieder, Präsentationen, Meinungsäußerungen und Änderungsvorschlägen vorstellen – alles mit dem Ziel der Verbesserung ihrer sozialen Fähigkeiten, ihres Wachstums, des Aufbaus von Beziehungen und des Gemeinschaftsgefühls.
● Anmeldung solcher Aktivitäten im Rahmen von Sommercamps.
Die aufgeführten Aktivitäten werden zusammen mit der stärkeren Einbeziehung von LehrerInnen und Eltern in den emotionalen Zustand und das Verhalten der Kinder einen großen Beitrag zur Verbesserung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen leisten.
„Publikum, Publikum – ob analog oder digital, wer ist die/der Schönst auf der Welt, ja im All?!“
Ob einst im Märchen (Schneewittchen) oder bei Shows wie GNTM (Germanys next top model) – it’s the same shit all over the world (dieselbe Sch… überall auf der Welt). Und doch nimmt diese Seuche, alles auf willkürlich festgelegte optische Normen zu reduzieren zu – trotz fast gleichzeitig ständiger Betonung, dass es auf die inneren Werte, auf Leistung und sonst noch hehre Ziele ankäme. (Selbst-)Optimierung vor allem des Äußeren, um gut auszusehen, dazustehen, zu beeindrucken, zu „überzeugen“. Naja, nicht ganz, zum Äußeren gehört dann noch das „perfekte“ Auftreten – aber auch das eher als Schein, denn als Sein.
Sehr, sehr witzig nehmen Valerie Bast, Leon Lembert, Pia Nives Welser, Charlotte Zorell als „ensemble ehrlos“ in der knapp mehr als einstündigen Performance „Luft nach oben“ vielfältigsten Formen, Ausprägungen und Auswüchsen dieser Manie auseinander – und oft sich selbst dabei auf die Schaufel. Immer wieder drängt sich die eine oder der andere in den Vordergrund, preist eigene Vorzüge, macht andere runter, stets werden wechselnde Allianzen geschlossen. Jedes Mal geht‘s um „ich bzw. wir sind besser“, pardon vor allem eigentlich schöner. Es werden nie Leistungen gemessen, sondern stets Aussehen bzw. Auftreten – mit so manchem verbalen und psychischen Hintreten. Womit sie aber gleichzeitig nicht nur vorspielen, wie sich viele im realen und virtuellen Leben präsentieren, sondern gleichzeitig dem Publikum einen riesigen Spiegel vorhalten.
Etwa indem insbesondere am Anfang der einzige Mann des Quartetts ständig das Wort an sich reißt und Gschichterln erzählt, die das Frauentrio ohnehin schon mehr als zur Genüge kennen dürfte. Oder mehrmaliges Ausgrenzen der am wenigsten Spindeldürren samt Lächerlichmachen über deren Schilderungen.
Neben der zwanghaften (Selbst-)Optimierung zerlegen die vier jungen Schauspieler:innen in einer unglaublichen Schwerelosigkeit nicht nur diese das Leben vor allem vieler Jugendlicher schwer beeinträchtigenden Auswüchse, sondern auch so manches aus dem vorgeblich heilenden oberflächlichen Psycho-Business. Gipfel bei Letzterem: Schwimmen mit Walen, auch wenn’s in dem Fall nur ein aufblasbarer Delfin ist 😉
Die Premiere am Wochenende im „erstbesten Theaterhaus für Clownerie“, dem Theater Olé (Wien-Landstraße) wurde so bejubelt, dass überschwänglich noch eine Untertreibung darstellt, ja etliche sozusagen ausrasten ließ. Manche riefen sogar „noch einmal“. Und ja, es wird vorläufig mindestens noch einmal gespielt, aber andernorts, in der ehemaligen Semmelweis-Klinik (Wien-Währing), siehe Info-Block.
Das „ensemble ehrlos“ wurde 2022 von Valerie Bast und Pia Nives Welser gegründet. Die erste Stückentwicklung „Für alle reicht es nicht“ feierte beim Kultursommer 2022 Premiere und wurde danach mehrmals wiederaufgenommen. Das Stück über Kapitalismus wurde zu den Heidelberger Theatertagen 2023 eingeladen.
Etliche Jahre bevor Klaus Baumgarts „Stern“ vor allem mit den „Lauras Stern“-Büchern so richtig aufging, startete er mit „Ungeheuerlich“, Geschichten über einen kleinen Drachen. Sein allererstes Bilderbuch, damals nur mit diesem Titel, ist vor 34 Jahren erschienen. 1989 veröffentlichte er nach diversen Jobs, einem Jahr in Nepal und Indien zum Abschluss seines Studiums der visuellen Kommunikation in Berlin (Hochschule der Künste) die Geschichte über Anna am Frühstückstisch. Die Cornflakes-Packung fängt an zu ruckeln und zuckeln, ein kleiner grüner Drache krabbelt raus, führt sich am Tisch auf, platscht in den Kakao. Und als die Mutter das Chaos sieht und mit der Tochter schimpft, glaubt sie dieser – natürlich – nicht, dass ein Drache das angerichtet hat.
Doch dann klopft’s an der Tür: Draußen ein großer Drache: „Guten Morgen“, sagte er höflich. „Haben Sie vielleicht meinen Sohn Tobi gesehen?“
Viele Kinder kennen aus eigener (leidvoller) Erfahrung, dass ihnen Erwachsene oft nicht glauben. Diese „Bekehrung“ in diesem damals handlichen kleinen Bilderbüchlein, in der Neuauflage im Großformat (ca. A4), war so erfolgreich, dass der damalige Verlag (Breitschopf) den Autor und Illustrator glich danach bat, einen Folgeband zu schreiben und zu zeichnen. Ein bisschen unlogisch als Fortsetzung lebt Tobi, der in dem zweiten Band nur im Klappentext namentlich genannt wird, in „Ungeheuerlich – Ein kleiner Drache bleibt wach“ nur in Annas Bilderbuch. Lediglich wenn Anna schläft, kommt er heraus, spielt und schaut sich im Kinderzimmer um – und nimmt einige der Dinge mit ins Buch. Worüber Anna am nächsten Morgen klarerweise mehr als staunt.
Vor drei Jahren hat der Annette Betz Verlag die Bücher neu – und wie schon erwähnt in größerem Format – aufgelegt und offenbar nach Verkaufserfolgen den Auftrag für einen dritten Band gegeben, der im Vorjahr erschienen ist. In diesem warten Anna und Tobi auf Weihnachten – und was da allerhand passiert, das ist in „Ungeheuerlich – Ein kleiner Drache wartet auf Weihnachten“ zu sehen und zu lesen.
„Aventura“, das jüngste Werk von „Theater zum Fürchten“ in Mödling führt durch abenteuerliche Geschichten aus der (dramatischen) Literatur und dem virtuellen Raum.
Quer durch Mödling hindurch, unter dem die Straße querenden Viadukt hindurch, am westlichen Stadtrand wo’s beginnt, in den bewaldeten Berg hinaufzugehen, führen Stufen hinauf in einen der wohl ungewöhnlichsten regelmäßig bespielten Theaterorte Österreichs.
Üblicherweise wird ein Bunker unter der Erde erwartet. Hier führen Holztreppen hinauf. Aber das gut einen Kilometer lange Stollensystem ist ja unter der Erde, unter dem Berg, der dann auch hinaufgeht zur Burgruine Mödling, der Burg Liechtenstein, Seegrotte Hinterbrühl usw.
Seit einem ¼-Jahrhundert bespielt das „Theater zum Fürchten“ mit jährlich wechselnden Stationen-produktion die doch feucht-kalten Stollen (Besucher:innen Achtung: Entsprechend kleiden oder Kleidung mithaben, nie mehr als 10 Grad, die aber schon über Null)
Heuer stehen „Abenteuer im Kopf und anderswo“ auf dem Programm, ein Ort, der sich wunderbar dafür eignet – wobei die Palette der Abenteuer in „Aventura“ – über 17 Stationen verteilt – seeeehr breit ist, dazu mehr in der umfangreichen Info-Box sowie im Interview mit dem Theater-Abenteurer Bruno Max, dem Mastermind hinter diesem und den anderen Theatern, die zu seiner Gruppe gehören – Link dazu weiter unten.
Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… darf wenige Tage vor der Premiere bei einigen Szenenproben zuschauen und – wie eben oben angekündigt, den Impressario interviewen. Noch montieren Lichtleute Lampengirlanden von einem der Stollen-Ein- bzw. -Ausgänge über die hölzerne Ballustrade der Treppe. Apropos Licht: Direktor und Regisseur Max ersucht die führende Elektrikerin, neue Lampen für eine Stelle der Tour zu tauschen, da hätte er gern mehr Helligkeit für die Szenerie. An einer anderen Stelle greift er hinauf in ein dickes Abzugsrohr, in dem eine Lampe „versteckt“ ist, verstellt den Winkel, damit der Lichtschein das Muster auf der metallenen Tür besser in den Blick rückt.
Die zuvor aus einem Kleinbus vom Stadttheater herangekarrten Schauspieler:innen, die im Theaterhaus kostümiert und geschminkt worden sind, haben sich auf die Spielstätten verteilt. In einem kurzen Querstollen warten Bruno Max und der Journalist. Hier wird sich dann eine Szene, inspiriert von gleichsam einem stark gealterten Rattenfänger von Hameln abspielen. Dann wird die Publikumsgruppe abgeholt und zur nächsten Station gebracht. Schon vor der Metalltür zu dieser scheinen Grünpflanzen aus den Wänden zu wachsen. Tür auf – und rein in den „Dschungel“ – ins Herz Afrikas. Texte des Forschers David Livingstone werden in Szene gesetzt bevor ein tierisches Gebrüll anhebt und Monty Python-mäßig zwei halbe Tiger in Erscheinung treten.
Danach ab in die Tiefsee zu Jules Vernes „20.000 Meilen unter dem Meer“ mit Raimund Brandner als Professor Arronax, der hier allerdings noch seinen mächtigen metallenen Unterwasserhelm abnehmen muss, weil sich das Sichtfenster so sehr beschlägt, dass er gar nichts mehr sieht. Wie das gelöst werden könnte, dafür hat er auch schon eine Lösung parat – die natürlich erst nach der Probe gebastelt werden kann. Und Bruno Max spielt den Kapitän Nemo noch unkostümiert. Vom trockenen Unterwasser – mit Aussicht in den Luken auf digitale Seeungeheuer geht’s weiter Pirat:innen mit Bert Brechts Ballade von der „Seeräuber-Jenny“ aus der Dreigroschenoper. Bernhard Jammernegg steht Ziehharmonika spielende als Matrose ebenso in mehr als Knöchel-tiefem Wasser wie die Sängerin Bettina Soriat.
Und dann ist Wechsel angesagt. Die Spieler:innen weiterer Szenen sind angereist…
Bruno Max, Kopf des „Theaters zum Fürchten“ und Regisseur auch des diesjährigen Stationentheaters „Aventura. Von den Abenteuern im Kopf und anderswo.“ Erzählt in einem kurzen Interview zwischen zwei Szenenproben Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… über das diesjährige Stück sowie die Entstehung dieses Theaterortes.
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…: Zu meiner Schande muss ich gestehen, ich bin jetzt das erste Mal hier in diesem Theaterbunker. Ihr seid gerade in den Endproben für das Stationentheater rund ums Thema Abenteuer…
Bruno Max:Es gibt zwei Sorten von Theater, die wir hier seit Jahren für den Bunker konzipieren: Entweder arbeiten sich die Stücke an einer Biographie ab und verbinden Werk und Autor – wir hatten „Ferdinand wie ein toller Hund“, „Kafka – unruhige Träume“, „Herzstich Nestroy“, wir hatten auch Edgar Allan Poe, E. T. A. Hoffmann. Oder es sind Themen – wir hatten „seven Sins“ (sieben Sünden), „Angels all over“, „Alles außer irdisch“, „Utopia“ – so entstehen dann die Stationen, sozusagen aus jedem Dorf ein Hund.
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…: Abenteuer heuer – greifst du in deinen Fundus oder entwickelt ihr das als Ensemble?
Bruno Max: Zuerst einmal müssen wir schauen, wen haben wir als Mitwirkende zur Verfügung, dann, welche Räume können wir zaubern. Welche Geschichten braucht man für die Räume? Das entsteht dann laufend, Stück für Stück. Hauptsächlich mach’s ich, zwei, drei Leute arbeiten zu – mit eigenen Vorschlägen oder wo ich sag: Bitte, lies diese 800 Seiten, ich brauch davon fünf Sätze.
Seit zwei Tagen haben wir alles unter Dach und Fach, was wir heuer brauchen, jetzt muss es zusammenwachsen.
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…: Wie kam’s zum Thema Abenteuer?
Bruno Max: Wir müssen immer relativ früh bekannt geben, was wir jeweils tun wollen. Ich hab mir gedacht, das passt heuer, es ist ein Thema, das wir noch nicht abgearbeitet haben und wir haben ja sehr viele verschiedene Ansätze von Abenteuern. Beginnend von den Computerspielern, die am Tisch sitzen und ein Adventuregame programmieren wollen, das ihnen allerdings völlig in die Hose geht über die Frau Aventure vom Hartmann von Aue, Adventure-Reisen, die wirklich so im Internet angeboten werden bis zu einer kleinen Geschichte vom Roald Dahl oder aus Geheimbüchern des S.O.E., des britischen Geheimdienstes im zweiten Weltkrieg, Abenteuer Alltag, oder im Herzen Afrikas, unter Wasser – Captain Nemo, eine Ballade über Piraten, Abenteuer zum Selber-Bauen – ein klassischer Gamer, der sich einen Avatar programmiert…
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…: … ist das dann ein Bogen zum Beginn mit den Spiele-Progammierer:innen?
Bruno Max: Noch gar nicht, da ist noch viel dazwischen, dann haben wir Abenteuer Börse, wir haben Casanovas erotische Abenteuer, wir haben einen Stollen, der weiblichen Abenteuerinnen gewidmet ist, Pseudo-Abenteuer, ein lustige Indiana-Jones-Parodie, … dann kehren wir wieder zurück zum daneben geratenen Spiel…
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…: Wie bist du seinerzeit auf den Bunker gekommen?
Bruno Max: Wir haben zwölf Jahre unter den Gewölben von Schloss Liechtenstein Theater gemacht. Das war sehr spannend aber halt klassisch jeweils ein Stück in einem schönen alten Gewölbe. Nachdem wir dann aber zum Theater Scala noch das Stadttheater Mödling übernommen haben, war noch ein reguläres Stück mit Anfang und Ende, für das wir sieben, acht Wochen proben, für mich nicht mehr so spannend. Da ist ja auch unser Sommerurlaub. Auf der anderen Seite war das Gewölbe schon baufällig und es hätte einen eigenen Fluchtweg gebraucht: Zwölf Meter unter der Erde – welche Armee baut uns diesen Fluchtweg 😉
Nachdem wir das Stadttheater übernommen hatten, bin ich mit dem damaligen Kulturamtsleiter herumgezogen, hab ihn gefragt, wo wär’s spannend und lustig, noch zu spielen. Wir kamen da vorbei, ich hab gefragt, was das denn sei. Er hat gesagt, das sei ein feuchtes Loch und eigentlich nix. Da hab ich gemeint: Das würd mich interessieren.
Es war natürlich logistisch ein riesiger Aufwand, das bespielbar zu machen. Aber, es ist uns gelungen, wird Jahr für Jahr ein bisschen professioneller. Wir gehen jetzt ins 25. Jahr. Voriges Jahr haben wir wegen einiger Coronafälle ausgelassen – wir sind ein Ensemble von mehr als vier Dutzend Leuten.
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…: Logistische Herausforderung ist doch auch, dass die Besucher:innen nur in Kleingruppen durchgehen können und die Schauspieler:innen ihre Szenen mehrmals hintereinander spielen müssen, aber zeitlich abgestimmt mit der vorhergehenden und der nachfolgenden.
Bruno Max: Ja, zwölf Mal wird gespielt. Das geht sich immer gut aus.
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…: Wie viele Stollen gibt’s da?
Bruno Max: Das Ganze ist ein sehr langes System mit zwei U-förmig parallel verlaufenden Stollen mit fünf Querstollen – in einem sitzen wir jetzt gerade.
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…: Ihr bespielt das ganze Stollensystem?
Bruno Max: Wir bespielen 90 Prozent, wir haben noch einen gewissen Lagerbereich und natürlich Fluchtwege.
Es ist sozusagen der Theatersommer der Rothaarigen! Nach der jugendlichen Musicalversion von „Anne of Green Gables“ von teatro im Stadttheater Mödling tourt nun nach der Juli-Pause seit 10. August 2023 wieder das Utopia-Theater mit DEM Klassiker in Sachen Vorurteile – anhand des Beispiels roter Haare – vor allem durch Wiener Gemeindebauten und Plätze. Gespielt wird im Freien – bei freiem Eintritt: Der Talisman von Johann Nepomuk Eduard Ambrosius Nestroy. Ursprünglich wollte dieser großartige Theaterdichter (1801 bis 1862), der in seine sehr witzigen, komödiantischen Stücke immer ziemlich viel bitterböse Gesellschaftskritik einbaute, dieses Stück „Titus Feuerfuchs oder Die Schicksalsperücken“ nennen.
Für jene, denen die Story nicht bekannt ist, knapp zusammengefasst: Titus Feuerfuchs – hier gespielt von Andreas Seidl mit gefärbten Haaren, ist rothaarig und damit ein Außenseiter. Als Dankeschön für eine Hilfe bekommt er eine schwarze Perücke. Und alle, die ihn vorher ablehnten, mies behandelten, reißen sich förmlich um ihn – ob das die Gärtnerin (Natalie Obernigg), Constantia, die Kammerfrau der Gräfin (Johanna Meyer) ist. Ähnlich geht’s ihm mit einer blonden Perücke bei der Frau von Cypressenburg selbst (Helga Grausam). Viel Komödiantik ergibt sich daraus, dass er aufzufliegen droht, weil jene, die ihn schwarz sahen nun blond vorfinden. Er selbst ist nicht nur armes Opfer, stößt er doch die einzige, die ihn zu mögen scheint, Salome Pockerl (Stefanie Elias, die auch der Gräfin Tochter Emma spielt), ebenfalls rothaarig (Perücke), zurück, als er sich mit den Perücken auf dem aufsteigenden Ast befindet.
Twist: Ein reicher Onkel (Thomas Bauer, der auch in die Rolle des Gärtnergehilfen Plutzerkern schlüpft) taucht auf, und will ihm wenigsten mit einem Geschäft und Startkapital eine Lebensgrundlage verschaffen, wenngleich er ihn wegen seiner roten Haare auch ablehnt. Nun mit grauer Perücke – aus Kummer – will er ihn sogar zum Universalerben einsetzen. Da plagt Titus schlechtes Gewissen, mit dem Geschäft würd er sich zufrieden geben. Gleichzeitig fliegt die Sache auf. Mit der Aussicht auf dessen reiches Erbe meinen die genannten Damen, na so schlimm seien rote Haare auch nicht…
Doch jetzt besinnt sich der Titelheld und kehrt zu Salome zurück.
Das Utopia-Theater spielt mit wenigen Utensilien, ein paar Kostümen und viel Schauspiel-Leidenschaft – und lässt, abgesehen davon, dass es gleich zu Beginn angesprochen wird – die ganzen 1 ¼ Stunden mitschwingen, dass, wie es auch Nestroy gemeint hatte, die roten Haare in dem Fall „nur“ für jedwede Art von Vorurteilen steht. Sicher, heute sind – zumindest in den Städten – rote Haare kaum mehr Ausschließungsgrund. Aber was ist mit Hautfarbe, Religion, sexueller Orientierung oder – wie jüngst aufgepoppt – allem was angeblich „nicht normal“ sein soll!
Diese und andere etliche aktuelle Anspielungen kommen vor allem in den von Nestroy’schen Stücken bekannten „Couplets“ (Liedern, Songs, in denen er auch zu seiner Zeit immer wieder aktuell Zeitkritisches eingebaut hatte). Und hier leben diese Gstanzl’n (wie die Bühnenfassung, Regie und Organisation: Peter W. Hochegger)
übrigens nicht zuletzt von der musikalischen Begleitung durch den Live-Akkordeonisten Edi Kadlec, der übrigens schon lange bevor das Stück beginnt, mit seiner „Quetschn“ das Publikum einstimmt.
Das jüngste Bilderbuch von Marcus Pfister, der vor allem für seine Regenbogenfisch-Serie berühmt ist, dreht sich um Pinguine. Das hatte er ja schon im Vorjahr im Interview mit Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… bei der Buch Wien verraten. Sogar einzelne der Bilder – vom Anfang und vom Schluss sowie einige der Charaktere hatte er dabei schon genannt – zu diesem Interview geht es hier unten.
Nun ist also „So und so – Einfach Pinguin sein“ erschienen. Und beinhaltet dennoch so manche Überraschung. Die Vielfalt dieser – auf den ersten Blick vielleicht so einheitlich erscheinenden Vögel im (hoffentlich noch lange) ewigen Eis der Antarktis. Schon auf dem Cover ist die erste Zeile des Buchtitels bunt – praktisch jeder Buchstabe in einer anderen Farbe. Blätterst du um, findest du auf der ersten Innen-Doppelseite, noch bevor das Buch so richtig beginnt, nicht ganz zwei Dutzend (22) Pinguine in Grau-Weiß-Tönen mit gelben Füßen und Schnäbel – und doch alle schon verschieden. Obendrein stechen ein rötlicher sowie ein bläulicher Schopf auf den Köpfen zweier dieser Charaktere hervor.
Und dann, nochmals weitergeblättert die innere Titelseite – hier ist die Schrift „nur“ schwarz-weiß, aber jeder der Buchstaben von „So oder so“ in einem anderen Grau-Ton. Und dabei ist das nur der Einstieg, denn von nun an nimmt dich der Autor und Illustrator in Personalunion mit in eine ganze Pinguinkolonie, die zunächst als schwarz-graue Masse erscheint, um gleich danach einzelne Individuen vorzustellen. Da ist zunächst der Neue – Luca ist aus einer anderen Kolonie hier gelandet und fällt mit rotem Schnabel, goldenem Haarschopf und lila schillerndem Federkleid auf.
Du triffst aber auch die drei Freundinnen Mila, Hanna und Emilie, die genauso BFF sein können wie heftig zerstritten. Oder Ida, die so gerne fliegen könnte, den Spaßmacher Timo, der aber innen drinnen ziemlich traurig ist. Alle Charaktere, die sich Marcus Pfister ausgedacht, beschrieben und gezeichnet hat, seien hier sicher nicht verraten, du mögest dich ja noch durch das Bilderbuch selber überraschen lassen.
Nur eine sei noch genannt, die der Autor und Illustrator ja schon im Interview im November 2022 Preis gegeben hat – damals noch namenlos. „Lena ist verwirrt. Die anderen Pinguin-Mädchen schwärmen alle für irgendwelche Pinguin-Jungs. … sie ist verliebt in Ida… Wie kann das sein? Was stimmt nicht mit ihr? Bald wird sie merken, dass mit ihr alles stimmt, hundertpro.“
Denn die Natur ist ganz wirklich vielfältig. Es ist Tatsache, dass es neben der großen Mehrheit von Hetero-Sexualität auch im Tierreich die Liebe zu Geschlechtsgenoss:innen gibt – und sogar die Verwandlung von einem Geschlecht in ein anderes – das und mehr von tierischer Vielfalt beschreibt das wunderbare Bilderbuch „Wer ist die Schnecke Sam?“ – Link zur Rezension am Ende dieses Beitrages. Insofern ist das Wettern so mancher gegen Kinderbuchlesungen queerer Menschen oder das Pochen auf „Normalität“ sachlich völlig falsch: Denn normal ist die Vielfalt. Dafür ist „So oder so – Einfach Pinguin sein“ insofern ein optimales Plädoyer, weil es völlig unverkrampft und gar nicht „lehr-reich“ mit erhobenem Zeigefinger daherkommt.
Ein Kind, offenbar im Winter – es schneit ein bisschen – kauert am Boden, hält einen Blumentopf mit einem kleinen Nadelbäumchen in einem Erdloch neben dem Haus in dem sie wohnt und lächelt in die Kamera. Und auf dieses Bäumchen hat Mia, so die Protagonistin, mit Kluppen Zettel in Herzform geklemmt. Auf denen hat sie – auf Englisch – geschrieben: Ich lerne, helfe, liebe, entdecke, kümmere mich und erschaffe. So ließ sich die Elfjährige aus Tallinn fotografieren. Und mit diesem Foto gewann sie einen von insgesamt rund 400 Plätzen bei den drei kürzlich zu Ende gegangenen internationalen Camps in Österreich.
Sie und ihre 115 Kolleg:innen aus Estland, sowie die aus Georgien, Lettland, Litauen und Rumänien verbrachten die letzte Juli- sowie die erste Augustwoche in Wien, untergebracht auf dem weitläufigen Gelände der Schulbrüder in Strebersdorf, das in den Ferien frei ist. Die anderen fast 300 Kinder (9 bis 13 Jahre aus Albanien, Polen, Slowakei, Nordmazedonien, Serbien u.a.) verbrachten ihre Campwochen im Salzburger Lungau bzw. in Seeboden (Kärnten).
Allen 400 gemeinsam: Sie hatten die besten Fotos zum Thema „Wie ich die Welt verbessern will“ eingereicht und all ihre Eltern arbeiten bei Versicherungen arbeiten, deren Konzernmutter die Wr. Städtische ist, die diese Camps zum elften Mal – mit dreijähriger Corona-Pause – organisierte. Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… besuchte das Wiener VIG-Camp an jenem Abend, an dem viele Kinder einen bunten Abend mit Tanz, Gesang und Akrobatik auf der Bühne des Festsaals gestalteten. Und nutzte die Gelegenheit um davor einige der Teilnehmer:innen kurz zu interviewen. Übrigens waren mit Ausnahme von Ernests aus Lettland alle Gesprächspartner:innen das erste Mal in Österreich, die meisten aber waren schon viel in der Welt unterwegs – von der Türkei bis USA, von Spanien über Ägypten bis Indonesien, von Griechenland bis Mexiko, von Polen bis Dänemark.
Die schon eingangs erwähnte Mia schilderte auf die entsprechende KiJuKU-Frage: „Ich hab schon ungefähr eine Woche nachgedacht, was meine Idee für eine bessere Welt wäre. Eine andere Idee war zum Beispiel, gemeinsam mit Freundinnen und Freunden herumliegenden Müll einzusammeln. Das und einen Baum zu pflanzen – zwischen diesen beiden bin ich hin und hergeschwankt. Aber dann entschied ich mich eben für den Baum, nachdem ich mit meiner Familie darüber diskutiert habe. Auch der Fotograf meinte, das würde sich als Motiv besser eigenen.“
Elisabeth (12, ebenfalls aus Tallinn, Estland): „Eines Tages bin ich mit meiner Mutter spazieren gegangen und wir haben ein kleines Vögelchen auf der Straße gesehen, das nicht fliegen oder sich bewegen konnte. Es war verletzt. Wir haben es aufgehoben, um ihm zu helfen und es zu einem Tierarzt zu bringen. Als wir dann von dem Bewerb erfahren haben, war sofort der Gedanke da, auch, da hatten wir doch damals ein Foto gemacht, das würde so gut passen.“
Selina (11, Tallinn, Estland): „Meine Mutter und ich gehen regelmäßig in eine Art Tierheim für Katzen, wo Freiwillige mithelfen. Das tun wir auch. Ein paar Monate später haben wir selber eines der Kätzchen adoptiert und es lebt nun bei uns zu Hause. Für das Kätzchen zu sorgen ist für mich nicht schwer, aber es ist leider noch immer ein wenig verängstigt.“
Die zehnjährige Barbare aus Georgien beginnt: „Ich kann dir mein Foto sogar zeigen“, zückt ihr Handy und scrollt durch die Bilder, hält es dem Journalisten hin und den reißt es zunächst einmal: Spielende Kinder mit bunten Luftballons auf und vor einem Panzer. Das erinnert an die auf dem Wiener Heldenplatz alljährlich stattfindenden Bundesheer-Leistungsschau, als wären Kriegsräte Spielzeug. Aber schon auf den zweiten Blick und erst recht durch die Erklärung des Mädchens wendet sich der Sinn des inszenierten Fotos der jungen Georgierin und ihrer Freundinnen. Denn nicht nur, dass sie das Kanonenrohr mit einem Luftballon verstopft haben, ist das „Kettenfahrzeug“ auch schon schrottreif: „Wir wollten zeigen: Stoppt Kriege! Unsere Idee war: Wie kommen wir zu Frieden? Indem wir den Einsatz von Panzern und andere Waffen verhindern.“
Nina G. (10, Georgien) wechselt zwischen Englisch und Deutsch, „ich besuche die deutsche Schule in Tbilissi (Tiflis, Hauptstadt Georgiens) und ich habe ein Plakat gemacht mit zwei Hälften. Auf der einen habe ich gezeichnet und geschrieben, was wir tun sollten, um die Welt zu verbessern und auf der anderen, was wir nicht machen dürfen. Also, wir sollten nicht so viel Müll produzieren und den, den wir haben immer trennen. Wir müssen die Umwelt schützen, zum Beispiel lieber mit dem Fahrrad als dem Auto fahren. Und ganz wichtig, wir sollten niemanden mobben.“
Ihre jüngere Landsfrau und Vornamens-Base Nina M. (9) schildert: „Ich bin zu klein, um die Welt aufzuräumen, so hab ich mir überlegt, ein Foto mit meiner besten Freundin zu machen, weil Freundschaft auch etwas wichtiges ist, um die Welt besser zu machen.“
Ioana (9, Rumänien) hat ihren fünfjährigen Bruder Ciprian für ihr Foto eingespannt. „Ich hab ihn gebeten, sich als Roboter zu verkleiden – mit Kartons für den Oberkörper und den Kopf und Schläuchen für Arme und Beine. Und solche Roboter – also in echt dann Maschinen – sollten Müll einsammeln und trennen, damit möglichst viel wieder verwertet werden kann. Recycling hilft der Welt sehr. Übrigens, meinem Bruder hat das schon auch Spaß gemacht.“
Ernests (11, Lettland): „Ich hab mir überlegt, Erde zu nehmen, eine kleine Pflanze reinzusetzen und das vor einem Globus. Damit wollte ich zeigen, wie wichtig Pflanzen und Bäume für die Luft auf der ganzen Welt sind. Aber ich geb zu, ich hab das nur für das Foto gemacht, die Pflanze hab ich nicht wirklich eingesetzt.“
Robert (10, Lettland) hat mehrere Fotos zu einer Collage zusammengefügt, darunter eins von einem herbstlichen Blatt, das er direkt vor einem Fluss in die Kamera hält und mehreren anderen Naturaufnahmen. „Am wichtigsten waren mir die Fotos von Wäldern, weil die braucht die Welt und wir Menschen – nicht nur für die Luft, In Wäldern können wir auch Stress abbauen.“
Sowohl Simonas als auch Joris (beide 11 und aus Moletai, in der Nähe von Vilnius, der Hauptstadt Litauens) haben jeweils viele Themen auf Plakaten vereinigt und sich damit fotografieren lassen.
Simonas beschreibt seine Plakat: „In die Mitte habe ich das Symbol mit den Pfeilen für Recycling gemalt, rundherum sehr laaaange Hände, die sich einander reichen und rund um diese Kreise, die ein bisschen wie eine Weltkugel aussehen die Flaggen viele Länder – nicht aller, nur einige Beispiele. Ich wollte damit sagen, dass alle Länder zusammenhalten müssen, Frieden haben und gemeinsam für die Umwelt eintreten.“
Joris hat auf seinem Plakat acht kleine Fotos geklebt mit verschiedenen Themen wie Müll vermeiden, Recycling, Diversität und Inklusion fördern, lieber mit dem Rad zu fahren als vom Auto transportiert zu werden, nett zu anderen zu sein. „Ich finde, dass möglichst viele, wenn das Wetter halbwegs passt, viel mehr mit dem Rad fahren sollten als mit dem Auto. Und den Müll trennen sowieso. Ja, und dann sollten überall auf der Welt Frauen oder Schwarze Menschen nicht schlechter behandelt werden.“
In die Mitte des hat er ein kleines Foto von ihm selbst geklebt und auf englisch dazu geschrieben: Ich verändere die Welt, indem ich bei mir selbst beginne. Und dazu gehört auch wie er auf dem Plakat schreibt, „Ich spende einen Teil von meinem Taschengeld für die Ukraine.
„Schon kurz vor neun“ war Konrad Frühling. Sehr klein. Und ziemlich ängstlich bzw. mutlos. Er traute sich (fast) nichts zu. Wollte deswegen auch am liebsten unsichtbar sein. In der Schule setzte er sich deshalb hinter einen besonders großen, breiten Schüler. Soweit die Ausgangslage, die sich der Autor für seinen Titelhelden ausgedacht hat.
Klar, dass es nicht so bleiben würde, sonst hätte Hubert Schirneck nicht darüber ein Buch geschrieben und es „Die Abenteuer des Konrad Frühling“ betitelt. Über den Namen war der Titelheld nicht gerade glücklich, war dieser doch immer wieder Anlass für Spott durch Mitschüler:innen.
Konrad hatte viel Angst. Sogar davor, den Weg, den er tagtäglich zur Schule ging, nicht mehr zu finden, nachdem ihn die Oma, die nun verletzt im Krankenhaus lag, nicht begleiten konnte. Sicher wurde er nur dadurch, dass er die Schritte zählte und immer nach 1247 am Ziel war. Wobei das mochte er ohnehin nicht sehr. Auch die Schule bereitete ihm Angst. Sehr viel später im Buch als er den Zettle „Erfinde ein Wort“ in seiner Silberdose fand, würde er Schule als „Haus des Schreckens“ und das Klassenzimmer „Schülerquälkammer“ nennen. Auch wenn er später, je mutiger er wird, dort schon auch Gefallen findet.
Als Wendepunkt dachte sich der Autor ein kleines Geschäft aus, das Tag für Tag die Aufmerksamkeit des neugierigen Konrad erweckte: „Agentur für Abenteuer“ stand über dem Laden. Und eines Tages überkam den noch immer 8-Jährigen ein klitzekleiner Mut-Anfall, er ging hinein – und von da an begann sich sein Leben schrittweise zu ändern. Die hatten Abenteuer im Angebot – klein, große, gefährliche, harmlose und als Einstieg eine Dose mit verschiedenen eher kleinen, alltäglichen.
Die wollte er. Das Geld – immerhin 30 € – hatte er nicht, da hätte er mehr als drei Monate erspartes Taschengeld gebraucht, ohne davon auch nur einen einzigen Euro auszugeben. Aber ein Zettelchen zog er – und …
Als Ausgleich für das Geld bot Konrad schließlich eigenhändige Mitarbeit an. Und auch da ergaben sich so manche Abenteuerchen. Und je mehr kleine und/oder größere Erfolge er so erlebte, umso mutiger … – aber auch das liegt auf der Hand.
Schierneck sind aber – trotz des schon früh zu erwartenden Spannungsbogens – spannende und abwechslungsreiche 120 Seiten gelungen. Michael Roher lockerte diese durch ergänzende, erweiternde Strichzeichnungen auf, die er immer wieder mit einer Portion Witz bereichert.
Rotkäppchen fragt den Wolf, der schon die zache Oma verschlungen hat, hier natürlich NICHT, weshalb der so einen großen Mund hat. Dafür verklickert das selbstbewusste Mädchen – aus einem Trommel-Unterkörper und einem Schaumstoff-Teekessel mit rotem Deckel -, dem Gegenüber, was ihm dem Märchen zufolge droht – Jäger, Bauchaufschlitzen, Steine rein… Rotkäppchen wird Reporterin beim „Zauberspiegel“ und macht auf, um zu recherchieren, was hinter dem Gerücht von zwei entführten Kindern steckt.
Dornrose ist gar nicht erfreut, von einem Frosch zu küssen, den sie an die Wand wirft und der zum Prinzen wird. Aber auch ein Königssohn dürfe nicht einfach ungefragt ein Mädchen küssen. Und überhaupt habe sie eben viel Schlaf gebraucht und vielleicht spannende Träume gehabt. Außerdem ist es jetzt Zeit, dass sie die Macht von ihrem Vater übernimmt – und in ihrer Regentschaft vor allem auch Kinder fragt, was sie für ein glückliches Leben brauchen.
Turbulent geht es zu im „Märchengeburtstag“ zu 50 Jahre MoKi (Mobiles Kindertheater) auf einer der neun Wiener Kultursommerbühnen, diesfalls im Währinger Park, bei der U6-Station Nußdorfer Straße. Dagmar Goller, Katharina Meinhart und Michael Perner hatten den wilden Ritt durch die schon angeklungenen und weitere Märchen ausgedacht und spielten ihn mit Figuren aus früheren Stücken des seit der Coronazeit brach liegenden Tour-Theatergruppe. Wenn Dornröschen, Frosch, Rotkäppchen, Wolf und noch einige mehr aufeinandertreffen so tun sie dies hier, weil sich König Moki, der Erste, zu seinem Halb-Jahrhundert-Jubiläum ein Märchenspiel wünscht. So wird nicht zuletzt eine Huldigungs-Zeremonie mit Vi-vat-Rufen mit dem Publikum eingeübt.
Ob dies sozusagen eine Wiederauferstehung, der Start für einen Neubeginn sein wird? Das konnten die Spieler:innen noch nicht sagen, „wir hoffen es“. Anklang bei Publikum hat das Spiel sowohl bei den jungen und jüngsten, aber auch den älteren Besucher:innen, für die so manche aktuell gesellschaftspolitische Anspielung dabei war, jedenfalls gefunden. Die Wise vor der Bühne war voll, trotz zweitweisen Regens.
Das Mobile Kindertheater hat in den Vor-Coronazeiten teils bis zu 350 Mal im Jahr irgendwo in Österreich in Turn- und anderen Sälen in Schulen, in Kindergärten und Veranstaltungsorten gespielt. Aus den Ensembles wurden so manche heute bekannte Persönlichkeiten später auf anderen Bühnen und im TV groß wie Andy Halwaxx, Tania Golden, Barbara Karlich.
MoKi wurde 1973 von dem damals aus der Tschechoslowakei geflüchteten Theatermacher „Laco“ Povazay in Wien gegründet und war auch später Mitbegründer der Österreich-Sektion der internationalen Kinder- und Jugendtheatervereinigung ASSITEJ, organisierte früh internationale Festivals mit Gruppen vor allem aus Südosteuropa – ein Bereich, der heute in der Szene leider eher vernachlässigt wird.
Nach „Laco“ übernahm der später ebenfalls aus der CSSR geflüchtete Stefan Kulhanek die Leitung von MoKi und später die nächste Kulhanek-Generation. Wie überhaupt nicht zuletzt auch in verschiedenen Bereichen der Kultur geflüchtete Menschen so manche Impulse setzten, etwa im „TheaterBrett“ oder die Schriftsteller:innen Julya Rabinowich, Dimitré Dinev, die Filmemacher Arash und Arman T. Riahi und viele andere.
In den rund 47. Aktiven MoKi-Jahren wurden nicht ganz 14.000 Vorstellungen – 79 verschiedene Stücke – vor fast zwei Millionen Zuschauer:innen gespielt.
Viele heitere Momente unter einem wolken-verhangenen Himmel mit (zeitweise strömendem) Regen bescherte eine musikalische Truppe am Samstagvormittag beim Wasserturm in Favoriten beim Kultursommer Wien. Sprachverspielte Gedichte über Huhn und Ei, Apfelschimmel und Schimmelapfel, Bernhardiner und Dalmatiner oder Fliegen, die fliegen und deshalb so heißen, sorgten für Lächeln und Lachen.
Theresa Dlouhy und Clemens Kölbl sangen und (schau-)spielten wortverspielte Texte mit so manch tiefgründigen Anspielungen von Autoren (ausschließlich Männern) wie James Krüss, Ernst Jandl, Christian Morgenstern, Josef Guggenmos u.a. (siehe Infobox am Ende des Beitrages). Mit wenigen, aber eindrucksvollen stets weißen, papierenen Utensilien machten sie aus den gesungenen Texten Szenen zu Klängen klassischer und Neuer Musik – komponiert von Elisabeth Naske. Ein Kammerorchester spielte die Melodien auf Instrumenten vom Hackbrett über Geige, Kontrabass, Klarinette bis Cello (Katharina Dürrschmid, Xenia Rubin, Anna Mittermeier, Donna Molinari und Komponistin Elisabeth Naske).
So heißt es im Zwiegespräch von Dalmatiner und Bernhardiner: „Wieso hat dich mein Fell erschreckt, ich bin doch von Natur aus gefleckt?“ Worauf Zweiterer antwortet, dass das bei Seinesgleichen eben auf Krankheit hindeuten würde.
Das Lied, das schließlich Titel für den Auftritt wurde, stammt von James Krüss, und der feiert den 17. Okteburar als Tag, an dem praktisch alles möglich wird; allein er fehle im Kalendar.
„Lachen: Damit will Jango auch zum Abschied anstecken“ hatte Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… im Februar die letzten öffentlichen Auftritte des weltberühmten Anarcho-Clowns im Wiener Circus und Clownmuseum übertitelt. Samstagvormittag (5. August 2023) ist der 73-Jährige in Barcelona (Katalonien, Spanien) seinem Krebsleiden erlegen.
Die Nachricht, die schon via Social Media die Runde gemacht hatte, wurde uns direkt von Mitgliedern der Fools Brothers, die das genannte Museum in Wien leiten, bestätigt. „Wir sind jetzt in Barcelona, haben die ganze Zeit mit ihm an der sogenannten Clown-Bibel gearbeitet. Das Buch wird den Titel >The Importance of Being You by seeing me< tragen. Heute wollten wir noch kurze Video-Interviews zu den einzelnen Kapiteln mit ihm machen. Leider kann es dazu nun nicht mehr kommen.“
Nächste Woche wird er – nach eigenen Wünschen – nackt verbrannt und Mitte der Woche wird es in Barcelona eine erste Gedenkveranstaltung für Wegbegleiter:innen geben. „Auf seinen Wunsch nehmen wir seinen ganzen Nachlass mit nach Wien, wo einiges Teil der Ausstellung im Museum werden wird“, so Michael Swatosch, Teil der Fools Brothers, zu kijuku.at
Im Circus und ClownMuseum Wien werde es sicher eine Veranstaltung im Gedenken an Jango geben, erfuhren wir darüberhinaus noch.
R.I.P.; dear Jango
Kind muss in den Ferien zum Opa. Was es nicht wirklich mag. Muss aber sein. Und dann werden diese Wochen supertoll. Puuuuh, ein Dutzende-, wahrscheinlich sogar mehrere Hundert Mal verwendete Ausgangsgeschichte. Wäre da nicht schon das doch sehr schräg anmutende Titelbild mit einem alten Mann auf seinem Motorrad, der wie ein clownesker Zirkustyp ausschaut, einem skeptisch dreinschauenden Kind im Beiwagen des Gefährts sowie einem U-Boot als Anhänger … UND: Der Name der Autorin Rosemarie Eichinger.
Die schreibt echt gute Bücher. Also, dann doch so ein Ferien-Wandel-Buch. Gute Wahl. Alles rund um Theophil Ringelblum, den Titelhelden wider Willen, ist ziemlich ver-rückt. Seine Eltern Architekt:innen ausgefallener Häuser – sie selber wohnten alle in einer Ansammlung über- und nebeneinander gestapelter ovaler Waben – jede sozusagen ein eigenes Zimmer oder Funktionsraum wie Bad usw. Sie haben einen mehrwöchigen Auftrag für ein Pfahlbau-Krankenhaus im südlichen Afrika am Okavango-Fluss. Und so muss Theophil doch zu seinem Opa Waldemar. Der ist ein mehr als lustiger Kerl, ehemaliger Zirkusartist und nach wie vor dauernd in Bewegung. Und die will er auch seinem Enkel beibringen. Der aber sitzt am liebsten irgendwo und liest. Außerdem hat er praktisch vor allem Angst.
Natürlich ist von Anfang an klar, dass sich das ändern wird – immerhin warten rund 150 Seiten – hin und wieder bereichert durch Zeichnungen (Thomas Kriebaum) gelesen zu werden 😉 Was wahrhaftes Vergnügen bereitet. Aber auch Spannung bereit hält. Denn so leicht steigt Theophil gar nicht auf die vielfältigen Angebote Waldemars ein.
Als sie – relativ früh – hinter einem Kasten eine Tresortür finden und öffnen können – nein da erwacht in dem Buben noch lange keine Abenteuerlust. Sie finden ein altes Medaillon mit Fotos und ein Fläschchen mit Samen, Waldemar will sich auch die Suche nach der Besitzerin machen, auf die es Hinweise gibt. Das schmeckt Theophil weniger. Doch was bleibt ihm anderes übrig!
Auf der Reise besuchen sie alte Zirkus-Kumpels von Waldemar, die sich der Abenteuerfahrt anschließen. Das erste Mal ein bisschen anfreunden kann sich die Titelfigur mit der Exkursion aber erst ungefähr zu Beginn des zweiten Drittels. Das bedeutet noch lange kein Umdenken. Widerwillen und Skepsis bleiben. Aber Kapitel für Kapitel lässt die Autorin Theophil auch gegen innere Widerstände in so manche Abenteuer reingleiten. Du fliegst mit ihm und einem Drachenflieger über ein Labyrinth, betrittst mit ihm und seinen Weggefährt:innen ein Märchenschloss – im wahrsten Sinn des Wortes, denn hier finden sich Ausstellungsstücke aus verschiedenen bekannten Märchen, mitunter gruselige Objekte. Und du tauchst mit dem U-Boot ab, um… – nein, das wird hier nicht verraten.
Nur so viel, das U-Boot zu steuern beginnt Theophil sogar richtig Spaß zu machen.
„Wir verpassen Schulstunden, weil wir Wasser holen müssen. Manchmal kommen wir zu spät zum Unterricht und der Lehrer schimpft mit uns. Wenn wir am Nachmittag vom Wasserholen kommen, sind wir oft zu erschöpft, um die Hausaufgaben zu machen. Während der heißen Jahreszeit ist der Bedarf an Wasser größer. Es gibt also Tage, an denen es schwierig wird, überhaupt in die Schule zu gehen.“ Diesen zusammengefassten Erlebnisbericht der 15-jährigen Roukaya aus dem Niger (von vor einigen Wochen, wobei sich nach dem aktuellen Putsch daran sicher nichts, jedenfalls nicht zum Besseren, verändert) stellte die Österreich-Sektion des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (Unicef) der Information zu einer neuen Kampagne voran.
Fast ein Viertel der Weltbevölkerung (1,8 Milliarden Menschen) lebt in Haushalten ohne eigene Wasserversorgung, rund 771 Millionen Menschen (im Vergleich: Mehr als ganz Europa, also EU plus Großbritannien, Schweiz, die Nachfolgeländer Jugoslawiens, Albanien, Ukraine, Russland, Moldau …) haben gar keine Grundversorgung mit Trinkwasser. Das hat vor allem für Millionen Kinder, insbesondere Mädchen und junge Frauen, dramatische Auswirkungen auch auf ihre (Nicht-)Bildung.
Damit diese Kinder an Wasser gelangen, das sie und ihre Familien zum Überleben brauchen, müssen sie täglich enorme Lasten tragen. Im schlimmsten Fall bedeutet das für die Kinder, dass sie keine Zeit mehr haben, in die Schule zu gehen, weil sie stundenlang unterwegs sind, um Wasser von weit entlegenen Wasserstellen zu holen. Im Durchschnitt müssen sie dabei eine Last von 20 Litern in Wasserbehältern schleppen und das oft mehrmals pro Tag. Das Tragen dieser schweren Lasten auf langen Wegstrecken kann zu gesundheitlichen Problemen und Verletzungen führen und stellt für die Kinder auch eine schwere psychische Belastung dar. Meistens müssen Mädchen und junge Frauen Wasser holen, sie verpassen daher eher den Schulunterricht als ihre männlichen gleichaltrigen Kollegen und auch der Weg ist für sie oft viel gefährlicher. Dadurch wird die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern weiter verstärkt. Frauen und Mädchen tragen die Hauptlast der Wasserkrise.
Der Klimawandel verschärft diese Problematik zusätzlich, da extreme Wetterereignisse die Qualität und Menge des Wassers weltweit bedrohen und Millionen Kinderleben gefährden. Extreme Wetterereignisse wie Tropenstürme verschmutzen oft das Trinkwasser und bieten einen Nährboden für die Ausbreitung lebensgefährlicher Krankheiten wie Cholera. Gleichzeitig leben etwa 160 Millionen Kinder in Dürregebieten.
Wasser muss nicht nur sauber sein, sondern es muss „sicher“ sein. Unicef spricht dann von „sicherem“ Wasser, wenn es für Menschen in der Nähe ihres Zuhauses zugänglich, bei Bedarf verfügbar und sauber ist, also frei von Verunreinigungen.
In Konflikten und Krisen (aktuell ist Niger in den Blickpunkt gerückt) haben Kinder doppelt so häufig keinen Zugang zu Wasser. Länder wie Syrien, die Ukraine und aktuell der Sudan leiden besonders unter der Zerstörung der Infrastruktur. Beschädigte Wasserleitungen und Kläranlagen machen es fast unmöglich, sauberes und sicheres Wasser zu erhalten. Die Menschen sind von der Wasserversorgung abgeschnitten – mit allen Folgen für Gesundheit und Hygiene. Unicef arbeitet gemeinsam mit lokalen Partnern daran, Menschen auch an Kriegs- und Konfliktschauplätzen mit Wasser zu versorgen. Durch Wassertransporte, Reinigungstabletten und der Reparatur von Wassersystemen.
Die UNICEF Österreich Ehrenbeauftragten, darunter Ivona Dadić, Valerie Huber, Helge Payer und Yury Revich, unterstützen die Aktion #walk4water und gehen mit Beispiel voran, wie man einfach unterstützen kann. Sie rufen dazu auf, gemeinsam Kindern weltweit Zugang zu sauberem Wasser zu ermöglichen, indem jede und jeder eine eigene Spendenaktion über die Unicef.at-Site erstellt, Freund:innen und Familien einlädt dafür zu spenden – unter dem Motto: Jeder Schritt zählt: Laufen oder wandern Sie alleine, gemeinsam, als Gemeinde oder als Unternehmen und posten Sie Ihren Erfolg mit dem Hashtag #walk4water auf Social Media – Link zur Aktion am Ende des Beitrages.
Neben der oben schon zitierte Roukaya, die Tag für Tag – und da gibt’s auch keine Wochenende – um fünf Uhr in der Früh aufstehen muss, um Wasser zu holen, findet sich – – hier unten auch verlinkt – das Video über einen Tag im Leben der 13-jährigen Aysha aus dem äthiopischen Afar.
In den drei Minuten siehst du, wie sie um 6.30 Uhr aufbricht mit einem spindeldürren, definitv unterernährten Kamel, dem sie Kanister umhängt. Rund vier Stunden später landet sie nach mühsamem Fußweg in Schlapfen – das Kamel würde sie sicher nicht tragen können – bei einer dürftigen Wasserstelle landet, wo sie erst einmal sich selbst das Gesicht abkühlt und reinigt, Wäsche säubert und die Kanister anfüllt. Und dann steht ihr noch der Rückweg in sengender Hitze bevor…
Wie weit gehst du für Wasser? Und wie viele Minuten?
Sollten anderen Kindern nicht stundenlanger, kilometerweiter Weg erspart werden?
„Ganz besonders hier in Österreich ist es wichtig, dass wir uns an die Gräueltaten des Nationalsozialismus erinnern und auch niemals vergessen, was seitdem passiert ist, und noch immer passiert – ich erinnere beispielsweise an Oberwart und Hanau. Denn wer vergisst, ist verdammt zu wiederholen“, sagt der junge Redner Santino Stojka Mittwoch Abend (2. August 2023) bei der Gedenkveranstaltung für die von den Nazis ermordeten Roma und Sinti. Es waren insgesamt rund eine halbe Million Menschen, die allein wegen der Zugehörigkeit zu diesen Volksgruppen in den Konzentrationslagern umgebracht worden sind. Der Gedenktag 2. August ist speziell der sogenannten „Zigeunernacht“ im Vernichtungslager Auschwitz gewidmet. 1944 wurden von 2. auf 3. August mehr als 3000, jüngeren Forschungen zufolge sogar rund 4500 Menschen, Angehörige dieser Volksgruppen, vergast.
Zum neunten Mal organisierte die Zivilgesellschaft – ausgehend von Roma- und Sinti-Vereinen, nach und nach auch unterstützt von anderen Organisationen, schrittweise auch von Politiker:innen – die Gedenkveranstaltung am Ceija-Stojka-Platz in Wien-Neubau. Diese – vor zehneinhalb Jahren verstorbene – Künstlerin und Zeitzeugin, war eine der ersten in Österreich, die die systematische Verfolgung bis Vernichtung dieser Volksgruppe immer und immer wieder öffentlich gemacht hatte – in Bildern, Büchern und Hunderten Workshops vor allem mit Schüler:innen. Der Beginn des Öffentlichmachens fiel in die Jahre der Bundespräsidentschaft von Kurt Waldheim, der seine hochrangige Position im Nazi-Regime verheimlicht hatte.
Ihr Urenkel sprach dann weiter in der schon eingangs zitierten, kurzen, auf den Punkt gebrachten Rede: „Lernen müssen wir daraus. Und Verantwortung übernehmen. Um erkennen zu können, wenn sich Muster in unserer heutigen politischen Landschaft zeigen, die ähnlich sind zu den damaligen. Um Ungerechtigkeiten, Rassismus, Sexismus, Homophobie, und jegliche andere Art der Diskriminierung aufzeigen zu können, wenn wir sie sehen. …
Damit Menschen wie Ceija, die den Weg für unsere Generation geebnet haben, für immer als ein Zeichen gegen Nazis und rechtsradikale Ideologien stehen können. Damit wir ihre unermüdliche Arbeit weitertragen und für Erinnerung, Sichtbarkeit und Gleichberechtigung eintreten können. Für ein Zusammenleben in Einigkeit, Toleranz und Solidarität. Es ist nämlich unsere Verantwortung, zu verhindern, dass sich das Undenkbare wiederholt. Denn erst wenn wir bemerken, benennen und aufzeigen, können wir gemeinsam dagegen ankämpfen und etwas ändern.“
Seit einigen Jahren ist von Politiker:innen mehrerer Parteien bei der Gedenkveranstaltung versprochen worden, „aber nächstes Jahr wird es ein offizielle Gedenktag sein, und dann wird es auch ein Mahn- bzw. Denkmal für diesen Völkermord geben…“ Das immer wieder drauf drängen der Zivilgesellschaft hatte dann immerhin Erfolg: Am 31. Jänner dieses Jahres beschloss der Nationalrat – einstimmig – die Ratifizierung des internationalen Gedenktages (2. August) für die Ermordung von Roma und Sinti durch die Nazis. Öffentlich wird allerdings erst irgendwann im Herbst dazu eine Veranstaltung stattfinden, musste das souveräne und doch immer wieder auch berührende Moderationsduo der Veranstaltung, Samuel Mago und Vanja Minić, berichten.
Weil aber eben schon ein offizieller Gedenktag, hatten sich die Organisator:innen entschlossen, in diesem Jahr Politiker:innen – aus National-, Gemeinderat und Bezirksvorstehungen, gekommen waren dieses Mal ausschließlich welche von SPÖ und Grünen – nur zu begrüßen, die Bühne blieb – vor allem jungen – Aktivist:innen vorbehalten.
Zu der Schar der jungen Aktivist:innen zählt auch Lavinia Seidel, die trotz ihrer Jugend schon lange aktiv eine Stimme der vor allem internationalen Jugendbewegung der Romnja in Europa und Mitglied der HÖR- Hochschüler*innenschaft Österreichischer Roma und Romnja ist. Sie stellte in ihrer Rede vor allem diesen internationalen Zusammenhang von Fremden- und Frauenfeindlichkeit, Rassismus, Rechtsruck her, in dessen Zuge Europa zur Festung gegenüber Menschen gemacht werden soll, die vor Verfolgung flüchten müssen.
Ein Fixstern der Reden am 2. August ist immer Nuna Stojka, die mehr als zwei Jahrzehnte gemeinsam mit ihrer Schwiegermutter Ceija vor allem die Workshops mit Jugendlichen – in Österreich, Deutschland und Japan – gemacht hatte und deren Werk fortsetzt. Aber auch immer Ceija in deren eigenen Worten aus dem einen oder andere ihrer Bücher zu Wort kommen lässt, Gedichte, bei denen mitunter der Atem stocken bleibt – Auszüge daraus in dem Video hier unten.
Eine noch lebende Zeitzeugin betrat mit dem schon genannten Moderator, Aktivisten, künstlerischem Multitalent und ORF-Mitarbeiter Samuel Mago die Bühne, seine 86-jährige Großmutter Károlyné Mágó. Sie war extra aus Ungarn angereist. Und schilderte die fast unbeschreibliche Angst, die sie und ihre Familie vespürte, auch Opfer der Deportationen zu werden. Noch heute wache sie oft – von Albträumen geplagt – in der Nacht auf – mit Hilferufen, die ohne Ton aus ihr herauskommen.
Auszüge aus ihrer Rede – auf Ungarisch und übersetzt von ihrem Enkel – in diesem Video unten.
Die Journalistin und bekannte Aktivistin Gilda Horvath schloss den Reigen der Reden mit der noch immer unerfüllten Forderung nach einem Denkmal ab, das aber auch einen Gedenkort beinhalten sollte. „Und niemand sollte aber fragen, wie ein solches Denkmal und ein derartiger Gedenkort finanziert werden könne, denn als sie uns getötet haben, hat auch niemand gefragt, was es kostet.“
Auszüge aus ihrer Rede hier unten.
Ceija Stojkas „Wir leben im Verborgenen“, mit der sie öffentlich den Bann des Schweigens über den Porajmos (das Gegenstück zum Holocaust) in Österreich gebrochen hatte, ist übrigens kürzlich auf Englisch veröffentlicht worden. Die Herausgeberin Lorely French ist nach einem umfangreichen, tiefschürfendem Beitrag auf orf.at – Link zu diesem Artikel unten am Ende des Beitrages – auch eine der Kuratorinnen einer großen Retrospektive zu den Arbeiten von Stojka im Österreichischen Kulturforum in New York. Übrigens die erst Ausstellung – gemeinsam mit der Ceija Stojka Foundation – der neuen Leiterin dieser heimischen Kulturbotschaft in den USA, Susanne Keppler-Schlesinger. „Sie will mit der Schau nicht nur die Rolle Stojkas in der Thematisierung des Schicksals der Roma während der Nazi-Zeit und die Anerkennung der Roma und Sinti in Österreich thematisieren. Sie wolle sich, wie sie ORF Topos verriet, auch mit der Rolle der Roma im Exil auseinandersetzen.“
Bei der Gedenkveranstaltung keineswegs fehlen dürfen Musik – diesmal spielten Buku Weinrich, Joschi Schneeberger und Hans Zinkl (Newo Ziro Trio) vor allem Nummern, die Lebensfreude als Kontrapunkt ausstrahlten, sowie viele Sonnenblumen. Sie waren die Lieblingsblume Ceija Stojkas, ihnen e kamesgi luludschi hatte sie auch ein eigenes Gedicht gewidmet – das im Bericht über die Gedenkveranstaltung im Vorjahr hier veröffentlicht wurde – der erste der Links am Ende dieses Beitrages. Vor einem solchen Strauß stellten die Teilnehmer:innen am Ende noch brennende Gedenkkerzen auf.
Die letzten Worte des Moderationsduos:
Vanja Minić: Schau und vergiss nicht!
Samuel Mago: Dikh He Na Bister! (Dasselbe auf Romanes)
Plötzlich sieht Junus aus seiner intensiven Computerspielewelt, in der sich der Avatar seines Freundes Toni in einen Alien verwandelt einem leibhaftigen solchen gegenüber. Der noch dazu anfangs so aussieht wie er selbst, sozusagen ein Zwilling. Dabei hat er doch schon eine Zwillingsschwester namens (Am)Ela. Die beiden sind einander spinnefeind.
Soweit die Story auf den ersten Seiten von „Wer ist hier der Alien?“ Solo, wie Junus Arnautović den Außerirdischen nennt, der ihn bittet, ihn zu verstecken, hat zwar seine Erinnerungen verloren, aber er kann sich wunderbar anpassen – aussehens- und auch sprachmäßig.
Und so lässt Autorin Nina Bašović Brown, hin und wieder aufgelockert durch Schwarz-Weiß-Zeichnungen Julia Weinmanns, Junus plötzlich praktische Alltagslebenserfahrung sammeln, indem er sich intensiv darum kümmert, dass Solo überleben kann, wobei Cola ihm helfen, noch mehr aber pflanzliche Säfte. Die vor allem von Ela kommen, die bewusst keine toten Tiere ist, sich für Umweltschutz und gegen den Klimawandel engagiert. Was ihrem Bruder lange lächerlich vorkommt.
Umzudenken beginnt Junus erst, als sein Schützling, dem nach und nach seine Erinnerungen wieder kommen und der nun weiß, dass er Rux heißt, sich als technisch überlegen erweist und nicht verstehen kann, weshalb die Menschen dabei sind, ihren Heimatplaneten zu vernichten.
So nebenbei streut die Autorin auch noch ein, dass die Tonis Mutter ihrem Sohn die Freundschaft zu Junus verbieten will, weil der – mit bosnischen Vorfahren – gar kein richtiger Deutscher sei… Vor allem aber hat sie ein sehr flott zu lesendes 120-Seiten-Buch für Leser:innen – ab zehn Jahren angegeben, aber sicher auch schon Jüngere geeignet – verfasst. Und ihre kritischen Gedanken wunderbar eingebaut und nicht krampfhaft aufgesetzt.
Und natürlich findet Rux, der nun seinem Namen auch den das „Solo“ hinzufügt, sein Rückreisegerät wieder und genauso klar ist, dass Ela nun nicht mehr allein für die Rettung der Erde kämpft…
Umkränzt von einem flauschigen Kreis lächelt der volle Mond auf die Erde und bewundert die Spaziergänger:innen – vor allem deren bunte Gewänder. „Gibt es hier einen Schneider oder eine Modedesignerin?“ lässt die Autorin und Illustratorin in Personalunion, Linda Wolfsgruber, ihre Hauptfigur auf der zweiten Doppelseite rufen, auf der sie schon ein klassisches Schneider:innen-Maßband sehr zentral im Zick-Zack platziert hat.
Inspiriert von dem rund 150 Jahre alten Märchen „Der Schneider im Mond“ in der wenig bekannten Sammlung von Ludwig Aurbacher, schneiderte die bekannte, vielfach preisgekrönte Illustratorin und immer wieder auch Autorin das nun erscheinende Bilderbuch „Ein Kleid für den Mond“.
Während natürlich allen Leser:innen und Betrachter:innen von Anfang an klar ist, das werde ein unmögliches Unterfangen, geht der Schneider pflichtbewusst aber naiv an die Bitte/den Auftrag heran. Er vermisst den Kunden, schneidert aus bunten Stoffen – und: Natürlich passt’s dann nicht. Verändert der Mond doch seine Gestalt – auch wenn’s „nur“ für unsere Augen ist und er in Wahrheit immer gleich rund bleibt 😉
Der Bilderbuch-Schneider hat gerade die abnehmende Phase erwischt, also enger machen, und das von Mal zu Mal. Und dann – das kannst du dir schon denken… Linda Wolfsgruber fand in ihrem Bilderbuch – im Gegensatz zum Märchen, von dem sie sich inspirieren hatte lassen und das sie öfter als Figurentheater in Südtiroler Kindergärten bei Workshops aufgeführt hatte, ein wahrhaftes Happy End, denn schließlich… – aber nein, das soll eine Überraschung bleiben.
Verraten aber sei die Mach-Art der vielen bunten Stoffe auf den Bilderbuch-Seiten mit denen der Schneider arbeitet und die wie echte aussehen, insbesondere auch der flauschige Ring um den Mond oder die ebensolchen Wolken. Dachte ich, das seien wirklich echte Stoffe, eventuell langfaserige Filz und dann zusammengeschnipselt, fotografiert oder gescannt, antwortete Wolfsgruber auf die entsprechende mailige Anfrage: „Also es ist alles viel einfacher, keine echten Stoffe, kein langhaariger Filz und auch keine eingefärbte Watte, sondern… Origami-Papiere für das Kleid und der Mondschein ist aus Japanpapier (Reispapier) gerissen. Wenn man mit Wasser und Pinsel die Konturen auf das Japanpapier zeichnet, kann man es in jede Form reißen. Und wenn man das Papier nach außen wegzieht, so entstehen diese schönen Ränder.“
Und: Ist der Mond nicht wunderschön so wie er ist? Auch wenn er immer gleich bleibt und nur durch die astronomischen Lichtspiele für uns sein Aussehen ständig verändert?!
kreis-dreieck-und-quadrat -> Bilderbücherbesprechung damals noch im Kinder-KURIER
Ich möchte wieder spitz sein… „Na ja!“ Buchbesprechung zu Jutta Treiber – damals noch im KiKu
Ach wie süüüüüß – so viele kleine Kätzchen. Zu Beginn des Films ist noch nicht ganz klar, welches der Katzenbabys Lou (oder wie’s im französischen original heißt Rrou) sein wird. Naja, insofern schon, weil auf Plakaten und Ankündigungen immer neben einem sehr ausdrucksstarken jungen Mädchen auch eine gestreifte Katze zu sehen ist. Und deren Geschwisterchen sind alle einfärbig grau bis schwarz. Und die sind alle ungefähr die ersten sieben Minuten unter sich, schnell wachsen sie, gehen, springen, schleichen auf erste Abenteuer – unter anderem auf dem glatten schrägen Dach beim Ausflug durchs Fenster des Dachbodens.
Bis dann für das kleine Kätzchen riesengroß erscheinende Menschenfüße und -beine auftauchen. Die im Film zehnjährige Clémence traut sich in diese Rumpelkammer, geht in die Hocke, ihr Gesicht wird sichtbar – und sozusagen Liebe auf den ersten Blick zwischen der nun hier übrig gebliebenen Streifenkatze und dem Menschenmädchen.
Die Katze wird zum Streitpunkt mit den Eltern, mehr mit der Mutter als dem Vater. Der übrigens mit vorgeblichem Kennerblick Lou für eine Katze hält. Was später die in einer Waldhütte nahe des Ferienhauses von Clémences Familie zurückgezogen lebende alte, griesgrämige Nachbarin Madeleine für lächerlich findet und erkennt, dass es sich um einen Kater handelt.
Nicht nur das Verhältnis zum Haustier der Tochter entzweit die Eltern, die haben schon längst ihre Liebe zueinander verloren. Der Aufenthalt im Ferienhaus ist ihr letzter gemeinsamer, die Trennung steht bevor, beide versichern der Tochter jedoch, für sie jederzeit da zu sein. Trost bietet dieser der kleine Kater.
Der allerdings – beim nächsten Aufenthalt im Ferienhaus, dem letzten, weil das Haus verkauft werden muss, ausbüchst und im Wald verschwindet. Wieso Lou überhaupt dort wochenlang überleben kann, obwohl er sich selbst vor Vögeln fürchtet, bleibt ein wenig schleierhaft.
Der Film beeindruckt einerseits durch die wunderbare junge Darstellerin Capucine Sainson-Fabresse, für die es bereits ihr dritter Film ist. Sie wirkt extrem natürlich, schafft dabei aber besonders berührende Momente, in denen sie Trauer – über den Trennung der Eltern, den abgehauten Kater und später als der wieder von Madeleine gefunden wird, dessen schwere Verletzung spielt. Und vor allem das Schwanken zwischen den Gefühlen, das erwachsen gewordene Kätzchen für sich behalten zu wollen oder Lou in die Freiheit zu entlassen – das gut in ihrem Gesicht ablesbar wird.
Mindestens so beeindruckend sind die vielen Szenen, in denen Tiere fast unter sich sind (Regie: Guillaume Maidatchevsky; Drehbuch: Guillaume Maidatchevsky, Michaël Souhaité; Kamera: Dan Meyer). Da muss auch viel Geduld hinter der Kamera stecken, zu warten, bis die eine oder andere Katze sich so bewegt wie es gut zur Story passt oder der gewaltige, eher furchteinflößende nicht besonders liebe, aber gut zu Madeleine passende, riesige Hund von seinem Gesichtsausdruck traurig wirkt als Lou dem Tod nahe scheint. Das ist fast zu Tränen rührend.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Instagram. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von X. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen