Der Schöne und die Bestie“, „Herr Rapunzel“ oder „Die gestiefelte Katze“ – die Titel der zwölf Märchen dieser Sammlung – noch dazu gleich mit dem Titel „Der Prinz auf der Erbse“ sagen praktisch schon alles. Karrie Fransman & Jonathan Plackett haben in ihrem auch märchenhaft illustrierten Buch „nichts anderes“ gemacht, als die Rollen vertauscht. Aus Prinzessinnen wurden Prinzen, aber auch aus Hexen Hexer und so weiter. Und siehe da – mitunter kommt das jeweils altbekannte Märchen sogar ein wenig gewöhnungsbedürftig daher. Gut so.
In einem umfangreichen Vorwort schildern beide, wie sie auf die Idee gekommen sind und wie sie’s – mit Hilfe eines Computerprogramms – gemacht haben.
Jonathan Plackett, unter anderem Programmierer, erinnert sich an seine Kindheit. Sein Vater habe ihm und der Schwester am Abend Geschichten vorgelesen – und einfach die Geschlechter der handelnden Figuren vertauscht. Als Erwachsener, mit der Comic-Autorin und Künstlerin Karrie Fransman verheiratet und gemeinsam Eltern einer Tochter „wollen (wir), dass sie in einer Welt aufwächst, in der kleine Mädchen stark sein und kleine Jungen ohne Zorn zu ihren Verletzlichkeiten stehen dürfen“.
Dafür nutzte er seine Fähigkeit: Es „ist mir schließlich gelungen, ein benutzerfreundliches Computerprogramm zu entwickeln, das in jedem Text, mit dem man es füttert, die Gender-Verteilung umkrempelt“, schreibt er im Vorwort.
Karrie Fransman schildert dort: „Als Jonathan mir den Algorithmus zeigte, war ich begeistert, und wir überlegten gemeinsam, was wir damit machen könnten. Ich schlug vor, ihn auf Märchen anzuwenden. Uns reizte die Idee, klassische Texte und moderne Technologie zu kombinieren und die Geschichten für zeitgenössische Leserinnen und Leser upzudaten. Auch als Comiczeichnerin war ich gespannt darauf, wie der Algorithmus die weltbekannten Märchen verwandeln würde, und mir dann die neuen Geschichten in Bildern vorzustellen.“
Das Duo entschied sich für Märchen, weil die weit verbreitet sind, viele Kinder damit aufwachsen – und in der Regel fest gängige Rollenklischees einlernen. Fransman und Plackett wählten zwölf sehr bekannte Märchen aus der Sammlung der Gebrüder Grimm, von Hans Christian Andersen oder nach Gabrielle-Suzanne Barbot de Villeneuve (Schöne und Biest) aus, einige wurden schon eingangs genannt. Dazu gesellen sich noch unter anderem „Schneewittich“, „Rotkäppchen und die böse Wölfin“, „Rumpelstelze“, „Gretel und Hänsel“ sowie „Aschenpeterl oder der gläserne Pantoffel“, „Hanna und die Bohnenranke“, „Dornrösling oder der schlafende Schöne im Walde“ sowie „Däumchen“.
Wobei manche Märchen von den beiden auch noch weiter verändert wurden – was sich nicht immer ganz erschließt. Der Bub mit dem roten Käppchen darf offenbar keinen Wein im Korb zu – in dem Fall – dem Großvater bringen. Und die Wölfin darf sich dafür des Fressens von Opa und Enkel erfreuen. Denn so endet diese Version vom „Rotkäppchen“. Keine Jägerin ;(
Und warum auch nicht – Karrie Fransman schreibt im Vorwort unter anderem: „Märchen sind auch voller Magie und Feenstaub. Wenn wir uns eine Welt vorstellen können, in der Harfen singen und Ratten Kutscher werden, können wir uns dann nicht auch eine Welt vorstellen, in der sich Könige Kinder wünschen und alte Frauen keine Hexen sind?“
Und nicht nur „nebenbei“ merkt sie noch an, Wir behaupten keineswegs, dass es nur zwei Geschlechter gibt. … Viele Menschen identifizieren sich als non-binär, queer, transgender, genderfluid, agender, other-gender und vieles mehr. Trotzdem spielt die Unterscheidung in »weiblich« und »männlich« im Denken der meisten Menschen noch eine Rolle, und auch in der Sprache. Indem wir die beiden dominanten Gender-Konstrukte vertauschen, wollen wir ihre Eindeutigkeit aufbrechen und die Menschen dazu bringen, die Annahmen zu hinterfragen, mit denen wir das soziale Geschlecht in unserer Gesellschaft aufladen.“
Jonathan Plackett schreibt weiter: „Als wir ein paar Märchen durch den Gender-Swap-Algorithmus laufen lassen hatten, war uns klar, dass wir auf etwas Interessantes gestoßen waren. Vor unseren Augen entstanden faszinierende neue Figuren, und Stereotypen wurden aufgedeckt. Wir sahen Prinzessinnen in glänzender Rüstung, die zur Rettung schlafender Prinzen eilten… Manche Veränderungen waren vorhersehbar, aber andere offenbarten Feinheiten, die mir bisher nicht aufgefallen waren, zum Beispiel, dass Frauen nun automatisch zuerst genannt wurden, »Schwestern und Brüder« oder »Gretel und Hänsel«. Das Beste aber war, dass Frauen endlich Macht und eine Vielfalt an Rollen zur Verfügung hatten, während Männer die Chance bekamen, zu ihrer Verletzlichkeit und Schutzbedürftigkeit zu stehen und für ihr gutes Herz belohnt zu werden.“
Und vielleicht regt dieses Buch ja auch an, in anderen Märchen, weiteren Geschichten oder möglicherweise sogar einmal in aktuellen Nachrichten sich die handelnden Figuren vertauscht vorzustellen. Was übrigens schon vor Jahrzehnten (1974) die DDR-Schriftstellerin Irmtraut Morgner in dem Kapitel „Kaffee verkehrt“ in ihrem 680 Seiten-Buch „Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz…“ (siehe Buch-Infos; übrigens kein Kinderbuch!) schon gemacht hat, indem sie die Rollen in einem Kaffeehaus am Alexanderplatz vertauscht hat: „Als neulich unsere Frauenbrigade im Espresso am Alex Kapuziner trank, betrat ein Mann das Etablissement, der meinen Augen wohltat. Ich pfiff also eine Tonleiter rauf und runter und sah mir den Herrn an, auch rauf und runter. Als er an unserem Tisch vorbeiging, sagte ich „Donnerwetter“. Dann unterhielt sich unsere Brigade über seine Füße, denen Socken fehlten, den Taillenumfang schätzen wir auf siebzig, Alter auf zweiunddreißig… Ich ließ ihm und mir einen doppelten Wodka servieren und prostete ihm zu… In der Tür ließ ich meine Hand wie zufällig über eine Hinterbacke gleiten, um zu prüfen, ob die Gewebestruktur in Ordnung war…“
sohn-und-vater-rock-en-gegen-rollenklischees <- noch im Kinder-KURIER
Interview mit Nils Pickert <- noch im KiKu
Wenige Minuten nach 18 Uhr war es schon schwierig aus der U3 bei der Station Volkstheater auszusteigen. Der Bahnsteig ging sozusagen über. Nur im Schritttempo drängten sich die Massen die Stufen bzw. Rolltreppe hinauf, um zur Demonstration, um die „Demokratie zu verteidigen“ und „gegen Rechts“ zu gelangen. Aufgerufen hatten unter anderem Black Voices, Fridays for Future, die Plattform für eine menschliche Asylpolitik unterstützt von weiteren zivilgesellschaftliche Organisationen aber auch ÖGB, Caritas, Künstler:innen, der jüdischen sowie der muslimischen Gemeinschaft, den Grünen und der SPÖ – teils mit prominenten Demo-Teilnehmer:innen.
Die Straßenbahnen konnten nicht mehr verkehren – die Wiener Linien ließen das auch schon in den U-Bahnen durchsagen. Die Straße vor dem Parlament war voll – auch die rund um das Gebäude in dem das Herz der Demokratie den Sitz hat. Ständig strömten Menschen herbei – trotz teils starken Regens. Von den Reden war schon bei Straßenbahnstation beim Aufgang der U3 kaum mehr etwas zu hören. Dafür begannen dort Trommler:innen mit Samba-Rhythmen zu musizieren – mit aufgedruckten Sprüchen „Die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen bringen“.
„Aufstehen gegen Rechts“ war schon am Nachmittag das Motto einer Demonstration in Innsbruck mit 3000 Teilnehmer:innen, rund 1500 Menschen demonstrierten unter ähnlichen Losungen in Salzburg. In Wien waren übrigens die meisten Tafeln der letztlich rund 80.000 Demonstrant:innen selber gebastelt und handgeschrieben auf Kartons – Slogans wie „Hass ist keine Meinung“, „Unsere Geschichte ≠ Unsere Zukunft“, „Wann haben wir angefangen zu vergessen?“…
* Aktualisierte Teilnehmer:innen-Zahl zwei Stunden nach Demo-Start
Eine Art Rumpelkammer wird zur Bühne – die beiden Spieler zaubern daraus einen magischen Raum. Skurrile Gebilde aus Naturmaterialien wie Zweigen, Wurzeln und (gesäubertem) Müll werden unter ihren Händen, mit wenigen Worten – und mit Lichtern aus Taschenlampen – zu zauberhaften Wesen mit Fantasienamen.
In „Schön und gut“ – derzeit im Dschungel Wien – verschaffen Stefan Ebner und Antonio Ramón Luque (Gruppe „Material für die nächste Schicht“) klitzekleinen, aber durchaus auch größeren diese oben genannten Objekte „Live“-Auftritte als Wand-Dramsel, gelbe Seiltanzspinne, Frostkeulenbaum, Flötenmaus, Moorfeuchttanne und noch gefühlt mindestens hundert weiteren Fantasietieren und -pflanzen.
Erst fast in sich versunken, mit den Rücken zum Publikum, schrauben und drücken sie an technischen Geräten, erzeugen Quietsch-, Rausch- und andere Geräusche, dazwischen das eine oder andere Licht-Geblinke bevor sie Schatten einiger dieser oben erwähnten Kombinations-Gebilde an der Wand tanzen lassen. Um danach mit einigen Kasteln und Regalen als Art offener musealer Vitrinen in den Publikumsbereich vorzudringen. Die Upcycling-Fantasietiere machen sich unter den Händen des Performance-Duos ebenfalls in Richtung Zuschauer:innen auf. Erst zaghaft, dann immer offensiver ersuchen nur mit Blicken einzelne im Publikum sozusagen die Patronanz für das eine oder andere Objekt zu übernehmen und es in den Regalen zu platzieren – wo auch immer sie wollen.
„Schön und gut“ ist einerseits ein Loblied auf die Kreativität, vielleicht sogar Anregung, aus wenig, meist von 99 Prozent aller anderen nicht beachteten herumliegenden oder gar weggeworfenen Dingen (Bühne und Kostüm: Sophie Schmid), Fantasiegebilde zu bauen, die aus Objekten fast Subjekte entstehen lassen. Die ¾-stündige Performance (ab 8 Jahren, aber sicher auch schon für Jünger – und genauso für Erwachsene) ist aber noch viel mehr. Mit wenigen, teils poetischen, jedenfalls in einer Phase (Dramaturgie: Tanja Spielmann) auch gedichteten Worten erschafft das Duo eine zusammenhängende Welt dieser Kreaturen. Würde eine fehlen, bräche das System zusammen. Damit wird „Schön und gut“ – wie es am Ende sein soll, wenn wir alle achtsam mit Tieren, Pflanzen, der Umwelt umgehen – vermittelt die Wichtigkeit von Biodiversität verspielt und ganz ohne pädagogischem, erhobenen Zeigefinger.
Am Rande der Stadt, dort wo sie schon dörflichen Charakter – von den niedrigen Häusern und den Feldern her – annimmt, findet sich auf dem Grund der Gärtnerei „Rizi“ (der Einfachheit halber, weil sich so manche mit dem echten Namen Rzihauschek ein wenig schwertun) seit August eine Tischtennishalle. Nicht irgendeine.
Der Boden ist jener von der jüngsten Weltmeisterschaft in diesem Sport, die im Vorjahr in der ungarischen Hauptstadt Budapest stattgefunden hat. Fast ein Geburtstagsgeschenk für den Sohn des Hauses. Julian feierte im Oktober seinen 12. Geburtstag. Gar nicht so unwahrscheinlich, dass er (nicht nur) eines Tages an künftigen Weltmeisterschaften des Spiels mit kleinem Ball und Schläger an der Tischplatte teilnimmt und das erfolgreich.
Immerhin waren Julian Rzihauschek und Petr Hodina, ebenfalls 12 Jahre, die allerjüngsten Athleten, die je Champions-League-Matches gespielt haben, ursprünglich „nur“ eingesprungen, weil einer der erwachsenen Spieler der SPG Walter Wels Corona-positiv getestet war, Kollegen und der Trainer damit in Quarantäne mussten. Anfangs beim Turnier in Düsseldorf mit dem 1. FC Saarbrücken, AS Pontoise-Cergy aus Frankreich sowie dem dänischen Verein Roskilde Bordtennis BTK, vielleicht noch angesichts der Jugend belächelt, verschafften sich die beiden 12-Jährigen – neben Gabor Böhm als Drittem im Bunde, einem Erwachsenen mit Champions-League-Erfahrung – von Tag zu Tag mehr Respekt. Ihr professionelles, wenngleich viel leichtfüßigeres Auftreten sorgte dafür.
Leichtfüßiger insofern – so SPG Walter-Wels-Präsident Bernhard Humer zum Journalisten: „Die erwachsenen Profis kannst schon gut zwei, drei Stunden vor einem Match nicht mehr anreden. Die beiden Burschen waren locker und gut drauf und gewannen die Sympathien praktisch aller wie im Flug.“
Mit der fast überfallsartigen Einspringer-Teilnahme an dem Champions-Legaue-Turnier habe er sich ganz und gar nicht überfordert gefühlt, so der 12-Jährige, der nach dem Sonntag – 21.30 Uhr stand der Überraschungssieg fest – vor Selbstbewusstsein strahlt – aber in keiner Sekunde überheblich. „Wir haben uns keine Chancen ausgerechnet. Unser Ziel war, einen Satz zu gewinnen.“
Nachdem alle vorherigen Matches jeweils 0: zu 3 verloren gegangen waren, kam’s im letzten Match Julian Rzihauschek gegen Antoine Doyen vom dänischen Klub Roskilde (bekannt für sein jährliches Musikfestival) drauf an. Die ersten zwei Sätze verlor der Wiener. „Da war ich vielleicht schon nervös, weil’s um dieses Ziel gegangen ist. Nachdem die zwei Sätze verloren waren, habe ich meine Taktik geändert, Vollgas gegeben und bin immer wieder über seine schwächere Rückhand gekommen.“ Dritter Satz gewonnen. Ziel erreicht. Aber offenbar trug dieses Erfolgserlebnis das Ausnahmetalent auf eine Welle – noch ein Satz gewonnen. „Spätestens da hatte dann Antoine Doyen Druck, gegen einen 12-Jährigen müsste er doch gewinnen.“
Er selbst sei durch die Aussicht auf einen möglichen Sensationssieg nicht mehr nervös geworden. Ich hab nur von Punkt zu Punkt gedacht, mich darauf fokussiert.“ Aufgegangen! DIE Sensation.
Fast genauso wie bei der Schilderung des Sieges strahlt Julian aber als er über die Begegnung mit Patrick Franziska, einem der Spieler von FC Saarbrücken, „weil der eines meiner Vorbilder ist. Auch wenn ich 0:3 verloren habe, hat es schöne, lange Ballwechsel gegeben, die auch für das Online-Publikum sicher schön anzuschauen waren“. Seine beiden anderen Vorbilder Timo Boll und Werner Schlager, der einzige nicht-chinesische Weltmeister in den vergangenen mehr als 20 Jahren. „Der ist auch in China sehr berühmt, aber er ist trotzdem auf dem Boden geblieben und ganz natürlich.“
Das wird hoffentlich auch Julian Rzihauschek bleiben, denn er könnte vielleicht einmal in die Fußstapfen Schlagers treten. Eine Besichtigung seiner Pokalsammlung ist ihm nicht wichtig, „bei 80 hab ich aufgehört zu zählen“, sagt er nur so beiläufig.
Zwei Tage nach dem sensationellen Sieg, der für internationale Aufmerksamkeit sorgte, darf der Journalist den jungen, leidenschaftlichen Tischtennis-Spieler in dieser Halle besuchen. Während des Interviews im Vorraum, hält Julians Trainer online via Handykamera auf einem Stativ eine Fortbildung für Trainer in Kasachstan ab. Dimitrij Levenko selbst ist Chef-Coach des dortigen Nationalteams. In Normalzeiten pendelt der 58-Jährige, der in Österreich selbst noch Bundesliga spielt – bei Baden, – zwischen Österreich und Kasachstan, in Corona-Zeiten alles online. Nicht immer nur einfach, „aber ich hab damit auch viel Neues gelernt“, so der Trainer, der auf das Simmeringer Riesentalent beim nahegelegenen SV Schwechat schon sehr früh aufmerksam geworden ist.
Mühsam war es anfangs im ersten Lockdown auch für Julian Rzihauschek selbst, wie er im Kinder-KURIER-Interview gesteht. „Ganz am Anfang war’s schon schwierig, mich immer zu motivieren. Wozu trainiere ich, wenn’s eh keine Turniere gibt.“ Das hat der damals 11-Jährige rasch überwunden. Da trainierte und spielte er noch für den SV Schwechat, nicht zuletzt seinerzeit bekannt geworden durch die Werner-Schlager-Academy. Der Niederösterreicher Werner Schlager holte sich vor 17 Jahren den Weltmeistertitel im Einzel – und ist seither der einzige Nicht-Chinese, der zur Nummer 1 der Welt in dieser Disziplin geworden ist.
„Mit vier Jahren habe ich begonnen Tischtennis zu spielen“, sagt Julian zum Kinder-Kurier. „Mein Vater war ein Hobbyspieler und er hat mit meiner Schwester und mir gespielt. Im Keller des Hauses unserer Großeltern das nur über der Gasse liegt haben wir oft gespielt.“
Vater Karl ergänzt: „Man hat bei Julian schon mit drei Jahren gemerkt, dass er besonderes Talent hat. Er hat kaum über die Tischtennisplatte raufschauen können und schon lange Ballwechsel gespielt bis zu 10 Mal hin und her.“
Relativ bald begann Julian beim nahegelegenen SV Schwechat regelmäßig zu trainieren so ungefähr vier bis fünf Mal pro Woche. Rasch wurde er dort auch vom jetzigen Trainer in der Werner Schlager Academy entdeckt und gefördert.
„Ab dem Alter von 9 Jahren habe ich begonnen, täglich zu trainieren – in Schwechat und im Keller des Hauses der Großeltern“. Nachdem Schwechat aber nicht in der Bundesliga spielt, weil sie da einiges investieren müssten, was sie derzeit nicht können, haben sich Julian und vor allem der Vater – „ich überleg immer schon die nächsten möglichen Schritte“ – nach einer Möglichkeit umzuschauen, wie das junge Ausnahmetalent doch in der obersten Liga spielen könnte. Daraus ergab sich das Verleihen des Spielers an die Spielgemeinschaft Wels.
„Die Vorbereitung auf die Bundesliga hat mich dann im ersten Lockdown wieder dazu gebracht, mich motivieren zu können, und täglich vier bis fünf Stunden zu trainieren.“
Julian besucht die Sportmittelschule in der Wittelsbachstraße in Wien Leopoldstadt, die zweite Klasse. Gefragt nach seinen Lieblingsfächern nennt er „Sport“ – dann kommt eine doch recht lange Pause „und Englisch auch noch“.
Das Home-Schooling konnte er ganz gut nehmen, „weil ich da viel mehr trainieren konnte, weil der Schulweg weggefallen ist. Aber die Schule ist mir schon auch sehr abgegangen, vor allem das Treffen mit meinen Freunden.“
Ab so ungefähr fünf oder sechs Jahren wollte er schon Tischtennis-Profi werden. Auf die Frage ob da nicht viele daran gezweifelt hätten, meint Julian: Das habe ich nicht so beachtet, außerdem haben meine Eltern auf jeden Fall an mich geglaubt.“
Und auch der Trainer, der allerdings noch hinzufügt: „Talent ist das eine, aber es braucht auch die Motivation, nicht nur junger Spieler, sondern auch des Umfeldes, der Eltern“, streut er den Rzihauscheks Rosen. Nicht zuletzt für diese Halle, die professionelle Bedingungen bietet, was damit auch neben jungen Talenten erwachsene Top-Spieler dazu veranlasst hierher zu kommen. Sparring-partner an denen Julian auch wachsen kann.
Julian ist von einem Top-Coaching-Team umgebe. Neben dem schon genannten Dimitrij Levenko (übrigens auch Vater von Andreas Levenko, Nummer 1 der U21 Weltrangliste) zählen dazu noch Valentina Popova (9-fache Europameisterin, Olympia-Fünfte, ehem. slowakische Nationalteam-Trainerin) und Tibor Kun (langjähriger Nachwuchscheftrainer bei SVS). Seit knapp mehr als einem Jahr hat er auch die Chance, mit der zweifachen Olympiateilnehmerin und Tochter des ehemaligen chinesischen Nationalteam-Trainers Li Quiangbing zu trainieren.
So muss er nicht ständig nach Wels zum Training pendeln. Es spielt die Matches der zweiten Bundesliga hauptsächlich im Osten Österreich in Wien, Niederösterreich, Burgenland, der Steiermark und teilweise schon auch in Oberösterreich.
Zum Sensationsspiel geht Julian Rzihauscheks gegen Antoine Doyen geht es hier
Erstveröffentlicht im Kinder-KURIER
Der zweite Sensations-Spieler der Spielgemeinschaft Wels beim jüngsten Champions-League-Turnier war der ebenfalls erst 12-jährige Petr Hodina. „Vor dem ersten Champions-League-Spiel war ich schon sehr nervös“, vertraut er dem Kinder-KURIER in einem Telefon-Interview an. „Das war dann schon beim zweiten Match nicht mehr so schlimm und beim dritten gar nicht mehr.“
Petr Hodina kam mit sieben Jahren zunächst zufällig zu diesem Sport. „Mein Opa hat einen Tischtennis-Tisch. In den Ferien hab ich mit meinem Bruder und Cousins gespielt, es hat mir Spaß gemacht. Dann hab ich im Herbst angefangen bei einem Verein in Prachatice zu trainieren – einmal in der Woche war das. Damals hab ich aber auch noch Fußball gespielt und Yoga gemacht.“
Petr wurde im Tischtennis immer besser, „deswegen hat es mir auch noch mehr Spaß gemacht und ich hab zuerst mit Yoga aufgehört. Ich bin dann auch oft zu Turnieren in Nachbarländer gefahren – nach Österreich, Ungarn, in die Slowakei, aber auch nach Dänemark.“
Sein tschechischer Heimatort ist nicht weit entfernt von dem viel bekannteren Český Krumlov und das wiederum nahe der Grenze zu Österreich. Richard Györi, sein vormaliger Trainer und Mann an der Seite seiner Mutter, der den jungen Tischtennisspieler überall hin begleitete, knüpfte vor allem in Österreich Kontakte zur heimischen Szene. Immer öfter pendelte Petr Hodina dann auch zu Trainings nach Oberösterreich, wo die Trainer von seiner Hochklassigkeit angetan waren. Nach und nach wurde der Plan einer Übersiedlung geboren.
„Schon im vorigen Schuljahr war ich zuerst zwei, drei Tage in der Woche Gastschüler in Linz im Georg von Peuerbach-Gymnasium. Am Anfang war das schwierig, ich hab zwar auch in Tschechien in der Schule Deutsch, aber das waren nur so Grundkenntnisse.“
Während des ersten Lockdown samt entsprechenden Reisebegrenzungen besuchte Petr Hodina die Schule, samt Home-Schooling nur in seinem – ersten – Heimatland. Seit diesem Herbst lebt er von Montag bis Samstag mit Richard in Linz, Mittwoch spätnachmittags kommt auch seine Mutter, die die erste Wochenhälfte bei Petrs 15-jährigem Bruder in Tschechien lebt, Samstag nach dem Training fahren alle drei nach Tschechien, wo Petr Zeit mit seinem Bruder und den Großeltern verbringen kann.
Schon lange steht Tischtennis-Training täglich auf dem Plan – „drei Stunden jeden Tag außer Sonntag. Aber an erster Stelle muss die Schule, die Ausbildung stehen, auch wenn ich manchmal nicht so ganz will“, gesteht Petr den doch dringenden Wunsch seiner Mutter und von Richard. Schön langsam ist er in Österreich eingewöhnt, „je besser ich Deutsch kann, desto mehr Freunde habe ich.“
Vom Journalisten nach seinen Zielen gefragt, meint Petr Hodina: „Profi und in der Weltspitze spielen!“
Erstveröffentlicht im Kinder-KURIER.
„In unseren kunst-, vor allem theaterpädagogischen Workshops dürfen, nein sollen die Kinder und Jugendlichen Fehler machen dürfen. Wir ermutigen sie dazu und feiern sie dafür. In einer späteren Phase nach der Reflexion der Fehler, des Scheiterns und was daraus entstanden ist oder entstehen kann, sollen sie dazu eigene Kunstwerke gestalten – ob Bilder malen oder Videos drehen…“ So schildert Fabienne Mühlbacher, Geschäfstführerin der BeyondBühne, die vor Jahren aus der schulischen Biondekbühne in Baden (Gymnasium Biondekgasse) hervorgegangen ist, das Projekt „Failstunde“. Es ist eines von zehn Projekten, das Ängste von Schüler:innen abbauen will und soll.
Die zehn Projekte werden über die „Wiener Mutmillion – Angstfreier Schule“ gefördert, starten ab sofort und laufen bis spätestens Ende kommenden Jahres. Die Projekte werden dem Gemeinderatsausschuss Bildung, Jugend, Integration und Transparenz am 1. Februar 2024 zum Beschluss vorgelegt. Insgesamt wird rund eine Million Euro zur Verfügung gestellt, um Schule zu einem angstfreien Raum zu machen, aus dem Kinder und Jugendliche gestärkt hervorgehen und sich entfalten können.
Die zehn Projekte werden über die „Wiener Mutmillion“ gefördert, starten ab sofort und laufen bis ins kommende Jahr. Mit Ende 2025 müssen die Projekte ihre Budgets abrechnen. Mental Health ist – vor allem durch die Folgen der Pandemie (Schulschließungen, nicht rausgehen dürfen…) verstärkt zum Thema geworden. Suizidversuchen Jugendlicher haben sich in den vergangenen Jahren verdreifacht und sind die zweithäufigste Todesursache von 15- bis 24-Jährigen. Diese erschreckenden Zahlen nannte der u.a. für Bildung, Jugend und Integration zuständige Stadtrat und Vizebürgermeister Christoph Wiederkehr am Donnerstagmittag in einem Mediengespräch – als Hintergrund für Gegenmaßnahmen. Die verstehen sich nicht als Krisenintervention, sondern als Vorbeugung gegen Mobbing, Ausgrenzung, Diskriminierung, Gewalt…
Im Vorjahr konnten Projekte eingereicht werden. Ein Beirat aus Vertreter:innen der Bildungsdirektion Wien, der Kinder- und Jugendhilfe, des Kuratoriums für Psychosoziale Dienste, der fördernden Abteilung Bildung und Jugend sowie der Geschäftsgruppe Bildung, Jugend, Integration und Transparenz wählte aus den 30 Einreichungen zehn Projekte aus, darunter die eingangs genannte
Da die Projekte erst noch im Wiener Gemeinderat beschlossen werden müssen – finden sich vor allem auf den Webistes der größeren Träger-organisationen noch kaum bis keine Informationen.
Die Projekte werden mehrere Monate durch ein förderndes Begleitprogramm von TGW Future Wings betreut, dem gemeinnützigen Bereich der TGW Future Privatstiftung, der seit 2007 über 32 Millionen Euro in Bildungsinitiativen investiert hat. Diese Begleitung besteht dabei aus einer Kombination von klassischen Workshops, Mentoring-Programme sowie Supervision. Damit soll, so Dominik Hejzak, Projektleiter bei TGW Future Wings, „auch ein besonderer Fokus auf die persönliche Stärkung der Teilnehmer:innen“ gelegt werden.
In zarten schwarz-weiß-Strichen sind die Prinzessin und ihre meisten ihrer Dienerinnen – fast wie Skizzen – vor gemalten flächigen Hintergründen gezeichnet (Illustration: Trui Chielens). Anfangs jedenfalls. Pompeline, so heißt die Tochter des königlichen Paares ist offenbar jung erwachsen, wird von ihren Kammerfrauen aufgeputzt, zum Frühstück gibt es Torte. „Feiern wir irgendetwas?“, lässt Autorin Brigitte Minne die Prinzessin fragen. Die sich sogleich – in großen Buchstaben – an ihrem Tortenstück verschluckt, denn der Vater meint: „Pompeline, es ist Zeit für den Prinzen auf dem weißen Pferd.“
Da zieht sie sich lieber zurück, auch wenn schon ur-viele Prinzen angeritten kommen – die entsprechende Doppelseite geht fast über vor lauter solchen. Vergattert muss Pompeline alle begutachten, doch erst als – einmal umgeblättert – „eine Prinzessin auf einem wunderschönen schwarzen Pferd galoppiert … pocht das Herz von Prinzessin Pompeline wie verrückt…“ Hedwig heißt die Reiterin – und jetzt sind beide auch bunt gezeichnet!
Liebe auf den ersten Blick. Viel gemeinsames Lachen und Verständnis. Aber viel Widerstand im Schloss. „Böse Worte, doch zum Glück auch hin und wieder etwas Nettes … die bösen Worte bleiben hängen und machen traurig.“
Auch wenn schon mehr als eineinhalb Jahrzehnte davor „König & König“ – sozusagen das Gegenstück mit einem Prinzen, der sich in einen Prinzen verliebt – erschienen ist und zum Zeitpunkt von „Pompeline“ so erfolgreich war, dass die deutsche Ausgabe schon in der sechsten Auflage verkauft wurde! Und dort – viele Jahre vorher – hatte auch die Prinzenmutter nicht einmal den Anflug von einem Problem damit, dass ihr Sohn sich in einen Mann verliebte.
Natürlich kann’s auch hier nicht bei den bösen Worten bleiben, Pompelines Eltern pilgern zur weisen Sofia, die auf „das geht doch nicht, oder?“ schlichtweg sanft antwortet: „Warum denn nicht, Majestät?“ Weitere Zweifel zerstreut sie mit folgenden Sätzen: „Ein Prinz und eine Prinzessin, zwei Prinzen, zwei Prinzessinnen … Das macht doch nichts! – Einander lieben, das ist es, was zählt.“
Mit diesen Weisheiten reisen Königin und König zurück, haben allerdings im Hofstaat noch so zahlreiche Bedienstete, die „raunen, murren und brabbeln so viele kalte, herzlose Worte hin und her…“ Das Volk aber zeigt sich in „Prinzessin Pompeline traut sich“ glücklich darüber, dass Pompeline und Hedwig glücklich sind…
Das wäre schon ein schöner Schluss gewesen. Doch das Duo setzte dem noch eins drauf: Auf der letzten der Bilderbuchdoppelseiten bekamen sie noch viele Kinder… – um danach auf einer Nachwort-Seite, die dann nicht mehr zum Märchen gehört, zu erklären, dass sie viele Kinder, die keine Eltern haben oder solche, die sie nicht richtig versorgen können, adoptieren und außerdem Pompeline über eine Samenspende eines freundlichen Prinzen auch schwanger wurde.
Vom fast sprachlosen Nebeneinanderstehen über heftigste Auseinandersetzungen bis zu einem Ende, das ein Zusammenwachsen des mehrfach gebrochenen Herzens möglich erscheinen lässt. Und dennoch keinen Funken Kitsch enthält. Ein geniales Zusammenspiel zweier Akteurinnen auf der Bühne mit sozusagen einer dritten, virtuellen – über digitale Live-Zeichnungen – und nicht zuletzt der eigens dafür komponierten Musik. Das ist die 1¼-stündige Performance „Kardia“, eine Produktion des nach Calla-Ensembles, benannt nach einer Blume, die fälschlich oft zu den Lilien gezählt wird. Zu den vier Akteur:innen auf und vor der Bühne zählt noch eine Autorin, die in einem langen Ping-Ping mit dem Ensemble Text(teile) beigesteuert hat. War leider nur zwei Mal jetzt (Jänner 2024) im Dschungel Wien zu erleben.
Das junge Ensemble: Lara Katharina Bumbacher und Stefanie Früholz als oft tanzende Schauspielerinnen, Astrid Rothaug, die von ihrem Tablet aus über online-Verbindung auf der Leinwand Hintergründe und immer wieder eine Frauenfigur malt, mit der die Live-Performerinnen interagieren sowie der Musiker Josef Rabitsch; die genannte Autorin: Sarah Milena Rendel.
Die beiden Frauen auf der Bühne tanzen in einem Club ab, kommen zufällig beim (Nicht-)Rauchen vor der Tür ins Gespräch. Erst mehr als schleppend, die eine eher abwehrend. Beide haben anderntags Geburtstag und beide sind irgendwie einsam, vor allem aber auf der Suche – nach sich selbst, nach verschütteten oder zerstörten Gefühlen, kämpfen mit gebrochenem Herzen, stellen sich einzeln und teils dann wieder im Dialog eigenen und gesellschaftlichen Ängsten. Und spielen abwechselnd mit- bzw. gegeneinander sowie im Wechselspiel mit der live digital auf die Leinwand gezeichneten dritten Frauenfigur. Aber auch die teils abstrakt, teils figuralen Hintergründe spielen mit den beiden Performer:innen.
Übrigens: Trotz der ernsthaften, tiefgehenden, intensiven Auseinandersetzung mit (eigenen) Gefühlen durchzieht eine gewisse Leichtigkeit, vor allem Verspieltheit und nicht selten auch Humor den Text.
Die Texte der einzelnen der eineinhalb Dutzend Szenen bestehen vor allem aus vielen Fragen – solchen, die sich nicht nur, aber vor allem Jugendliche stellen. Und so wurde das ursprünglich für ein erwachsenes Publikum gedachte Stück zu einem, das nun vorrangig für 14- bis 18-Jährige gespielt wird, oft in Kombination mit Workshops mit Schüler:innen, in denen diese selber zu Wort, Schauspiel und Tanz kommen.
Und wo sie schon zuvor auf der Bühne erleben – viele Fragen, (fast) alles ist möglich, vieles kann, nichts muss – vor allem gibt es kein richtig oder falsch. Du musst deinen eigenen Weg finden – und davor viel suchen. Auch wenn das Calla-Ensemble selber eine Interpretation der Figuren hat, die es im Nachgespräch auch brühwarm preisgibt, so kannst du es selber doch anders sehen, meinen, fühlen. Ob es dann nur eine oder drei Figuren sind – Weiterentwicklung kommt aus dem Dialog – mitunter auch mit sich selbst.
Das gilt übrigens auch für den Stücktitel. Das Ensemble verbindet mit „Kardia“ vor allem die in der Medizin gebräuchlichen Begriffe im Zusammenhang mit Herz. Dort bezeichnet es im Übrigen allerdings auch den Mageneingang oder „oberen Magenmund“. Nicht selten sprechen wir doch vom Bauchgefühl!
Die Grenze zwischen Speiseröhre und Mageneingang wird übrigens durch eine gezackte Linie gebildet – die sich als Muster auf der digital gezeichneten Figur mehrfach findet – und letztlich auch auf den Jacken der beiden Schauspielerinnen.
Aufgeweckt und süß lächelt sie von der Titelseite – die neue und durchaus ungewöhnliche Fee. Mina Wirbelfee heißt sie und hat für die meisten ihrer bisherigen Artgenossinnen in Bilderbüchern (noch) ungewöhnliche Eigenschaften. Sie verbindet ihren durchaus lieblichen Charme mit frech-witzigem Durchsetzungswillen.
Die Geschichte beginnt mit dem siebenten Geburtstag der Fee. Da bekommen alle Feen von ihrer Königin Mirabella ihre Spezial-Fähigkeiten zugeschrieben. Mina kann es kaum erwarten. Endlich ist der entsprechende Brief da. „Wärst du mal schneller geflogen, Martin!“, ruft Mina und greift sich frech den Brief“, schreibt Zoe Magdalena. Sie hat sich die Geschichte ausgedacht. Schon in ihrer Schulzeit hat sie, die auch Poetry Slammerin ist, ein Jugendbuch geschrieben. Mina Wirbelfee ist aber ihr erstes Kinderbuch. Und wird nicht das letzte sein, denn dieses ist – auch wenn es am und im Buch gar nicht steht, Band 1 einer Serie – findet sich zumindest als Anmerkung im Webshop des Verlags.
Für rund 100 – reich und bunt bebilderte (Illustration: Alexandra Helm) – Seiten braucht’s natürlich eine spannende Geschichte. Und die ist der Autorin gelungen. Ungeduldig lässt sich Mina den Brief von Papa vorlesen – lesen lernen die jungen Feen offenbar erst spät(er). „Blablabla!“, ruft Mina bei den ersten Sätzen wie „heute ist ein schöner Tag…“ und „langweilig“, „Urght“ und „argh“ als der Vater liest, dass Mirabella findet, die Eltern könnten auf ihre Tochter stolz sein und was sie schon alles könne… Sie will doch endlich wisseeeeeen!
Und genau das Wichtigste im Brief – nämlich welche Fähigkeit denn nun diese Hauptfigur kriegt – ist im Brief so krakelig geschrieben, dass es nicht und nicht zu entziffern ist. Und so entschließt sich Mina eben selbst zur Königin zu gehen, um sie direkt zu fragen, was sie da geschrieben hat. Aber zwischen ihrem Zuhause und dem Palast der Königin lauern Gefahren und Schwierigkeiten – das Feld der bösen Blumen, der Wald der wehleidigen Bäume, die starken Meerjungfauen… Alle warnen die Tochter, Enkelin, Freundin…
Natürlich – du hast es sicher schon geahnt, vermutet und es ist wohl auch naheliegend: Mina Wirbelfee lässt sich nicht abhalten. Gemeinsam mit Hündchen Rüdiger – und wie sich später herausstellt auch Omas Wanderwarze Wanda – ist sie unterwegs, erlebt die Abenteuer und so weiter. Wie, und welche Fähigkeit sie am Ende bekommt – oder hat sie die ja schon? – Nein, nix wird gespoilert. Selber lesen oder vorlesen lassen (gibt’s übrigens auch als Hör-CD, da allerdings in einer gekürzten Version des Buches) – es sind spannende, abwechslungsreiche Abenteuer.
Ein helles schräges aufgemaltes Viereck sticht aus den schwarzen Wänden hervor. Das Licht geht aus, noch aber sind schwätzende Menschen im Publikum zu hören. Die Schauspielerin lugt vorsichtig ums Eck. Als es endlich ruhig ist – tatatata – entert Alicia Peckelsen die Bühne. Freut sich riesig, da zu sein. Zwischendurch stellt sie sich ebenso schräg hin wie das Viereck. „Titanic oder wie tief kann man sinken“ steht nun auf dem Programm. Es ist das siegreiche Projekt des vorjährigen (15.) Nachwuchsbewerbs. Aus den vier 20-Minuten-Performances wählte die Jury – und in diesem Fall auch das Publikum – die Story um das gesunkene „unsinkbare“ Schiff aus. Im Zentrum stand – bzw. steht irgendwie auch noch immer – die Inspiration durch die James-Cameron-Verfilmung 1997 mit dem Liebespaar Rose und Jack.
In meist sehr schrägen – auch in gerader aufrechter Position (!) – Szenen schlüpft die Solistin, eine wahre Rampensau im besten Sinn des Wortes, in teils skurrilen Dialogen in die Rolle der einen und des anderen. Lässt die aufkommende Liebesgeschichte am untergehenden Schiff fast satirisch erscheinen, erobert damit nicht nur die Bühne, sondern die hinter den Publikumsreihen etablierte Bar samt Gläsern mit geknickten Stielen und das an der Wand stehende Piano.
Über rein verbale Schilderungen lässt sie vor den geistigen Augen der Zuschauer:innen das dunkle, kalte Meer auftauchen. Zur „Untermalung“, sorgt sie für Geräusche der Schaumkronen der Wellen via Sekt-prickeln direkt vor dem Mikrophon. Ein bisschen Kälte-Feeling verursacht sie durch Öffnen der Tür neben der Bühne, so dass die Winterluft in den Publikumsraum einziehen kann.
Die Tragödie selbst manifestiert sich in Schrifteinblendungen via Diaprojektor: Beginnend von 21 Minuten nach Eisberg bis am Ende mehr als 60 Minuten nach dem Zusammenprall. Alle paar Minuten springt sie in die Liebes-Dialogszenen. Oder ganz, ganz andere.
So baut Peckelsen (Regie: Lea Marlen Balzer, Dramaturgie: Sarah Heinzel, Bühne: Henry Boebst) die antike griechische Sage von Daedalus und Ikarus ebenso ein wie die reale Geschichte vom Tauchboot Titan, mit dem im Juni des Vorjahres neben einem Tiefseeforscher vier Superreiche hinunter zum Wrack der Titanic tauchen wollten. Der 19-jährige Suleman Dawood, der mit seinem Vater, einem pakistanisch-britischen Geschäftsmann im U-Boot saß, das letztlich implodierte, wird mittels fiktiver Telefonate vor dem Tauchgang zum Protagonisten für dieses Unglück in der Nähe des untergegangenen als unsinkbar gegoltenen Schiffs vor 112 Jahren.
Womit sich der Kreis der „alles machbar“-Tragödien schließt. Und sich – vielleicht – manche danach auch noch Fragen stellen, die im Stück gar nicht angesprochen werden: Wieso sind es immer die Unfälle der eher Reichen, die weltweit bewegen? Ob Titanic – wo die Schicksale der ärmeren Passagiere in den unteren Decks kaum Thema waren? Oder beim Tauchboot im Vorjahr wo es große, aufwändige Suchaktionen gab, während im Mittelmeer sogar Rettungsversuche für Menschen, die aus klapprigen Booten über Bord gehen, kriminalisiert werden?
Mit dem Erstling über Kraken ließ uns Michèle Ganser mit ihren Illustrationen über diese fast alien-mäßig wirkenden Unterwasserwesen staunen. Michael Stavarič schaffte es die unglaublichsten Fakten über diese sehr unterschätzten Lebewesen in verständlicher und immer wieder auch amüsanter Sprache zu vermitteln. Und das ist beiden auch beim Band 2 dieser Reihe gelungen. Quallen, die bis zu 99,3 Prozent „nur“ aus Wasser bestehen sind vielfältiger als die meisten vorher geahnt hätten – von ihrer Art wie sie ausschauen, wie teils tödlich giftig sie sind, wo sie vorkommen. Und dass sich manche von ihnen sogar zu „Staaten“ zusammenschließen – mit Verteilung von Aufgaben.
Die Struktur des Buches ist dieselbe wie bei Band 1 – und vielleicht auch dem demnächst erscheinenden dritten „Streich“ über Haie: Sachinformation in Geschichten verpackt – oft ausgehend von sehr persönlichen Erlebnissen des Autors.
Noch detaillierteres Wissen in Extra-Boxen, überschrieben mit „für Schlauköpfe“, Sprachspiele („Quallisch für Anfänger …“) an denen sich Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… davon inspiriert mit dem Titel für diesen Beitrag versucht hat sowie das eine oder andere Bilderrätsel – Quallen suchen, oder Bilder vergleichen und Unterschiede suchen (da fehlen nur bei den beiden Auflösungen jeweils auf der linken der Doppelseiten die türkisen Auflösungskreise); und nicht zuletzt Tipps mit weiterführenden Internet-Seiten, u.a. einer Anleitung fürs Quallen-Zeichnen.
„Jedes Kind hat ein Recht auf Bildung. Das muss endlich für alle Kinder gewährleistet werden. Eltern sollen elementare Bildungseinrichtung und Hort frei wählen dürfen.“ Dies ist die erste von zehn Forderungen einer Petition. Diese wurde am Montag bei einem Mediengespräch der Trägerorganisationen von Kindergärten vorgestellt. Bis März sollen möglichst viele Unterschriften gesammelt werden, kündigte Viktoria Miffek-Pock von der Plattform EduCare an.
Weitere Forderungen – Link zur auch online zu unterschreibenden Liste am Ende des Beitrages – sind u.a., dass die Elementarpädagogik endlich ins Bildungsministerium eingegliedert werden soll, um dann ein einheitliches Bundesrahmengesetz mit Mindeststandards in elementaren Bildungseinrichtungen und Horten sicherzustellen sowie eine dringend benötigte Aus- und Weiterbildungsoffensive zu schaffen. Außerdem müsse für eine langfristige Finanzierung gesorgt werden.
Elementare Bildungseinrichtungen wie Kindergärten, Kindergruppen und auch die Horte müssen für alle Kinder in Österreich kostenlos und ganztägig angeboten werden. Die Finanzierung muss auch hierfür gesichert werden.
Nicht zuletzt braucht es ausreichend – und das heißt deutlich mehr – Personal: Wie viele Kinder auf eine Fachkraft kommen und wie groß eine Gruppe ist, darf nicht das Geld bestimmen, sondern wissenschaftliche Standards.
Als solche wurden bei dem Mediengespräch unter anderem mit der jahrzehntelangen Universitätsprofessorin Christiane Spiel folgende Verhältniszahlen zwischen Kindern und Fachkräften genannt: 1 zu 7 für die älteren Kinder, 1 zu 3 für die Allerjüngsten (bis 3 Jahre). Dafür bräuchte es – auf Nachfrage von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… mindestens 14.000 Elementarpädagog:innen mehr.
Das wäre, so Natascha Taslimi vom Netzwerk Elementare Bildung (NeBÖ), durchaus in einigen Jahren zu schaffen. Allerdings bräuchte es dazu vor allem – wie Bildungsaktivist Daniel Landau mehrfach betonte – Wertschätzung – ideeler und nicht zuletzt natürlich doch auch materieller Art.
Was gar nicht ginge wären die Notlösungen, die sich einige Bundesländer derzeit einfallen lassen, um Personallücken zu schließen, indem sie Anforderungen runterschrauben. Elementarpädagogik ist keine Beaufsichtigung, sondern bedeutet hochqualitative, sehr verantwortungsvolle Tätigkeit.
Alle vier Redner:innen verwiesen bei dem Mediengespräch mehrfach darauf, dass der derzeitige Zustand, wo nicht selten eine Fachkraft für bis zu 25 Kinder zuständig wäre, unhaltbar sei. Die nun in der öffentlichen Diskussion ventilierten 4,5 Milliarden Euro würden lediglich für den quantitativen Ausbau an Plätzen reichen, aber noch lange nicht für die entsprechend dem oben genannten Schlüssel qualitative Versorgung. Dazu müsste insgesamt der Anteil von 0,7 Prozent am BruttoInlandsProdukt auf das Doppelte bis Dreifache erhöht werden, wie es nordische Länder vorzeigen.
Im Übrigen würde sich jeder Euro, der ins (elementare) Bildungssystem investiert werden acht- bis zehnfach rentieren, verwies Christiane Spiel auf entsprechende Untersuchungen der Wirtschaftsuni – abgesehen vom psychischen Gewinn für jedes einzelne Kind sowie die Gesellschaft insgesamt. Gelte es doch Kinder auf eine sich ständig und immer rascher verändernde Gesellschaft mit zunehmenden Krisen und Herausforderungen vorzubereiten.
Zum siebten Mal findet dieses Jahr der Tag der Elementarbildung (TdEB) am 24. Jänner als österreichweiter Aktionstag statt. Aufmerksamkeit, Verständnis und Wertschätzung dieses Fundaments als erster Baustein in der Bildungspyramde sollen in der Gesellschaft – und mit öffentlichem Druck auch in der Politik erhöht werden.
Mehr als 40 Kooperationspartner:innen fordern bessere Rahmenbedingungen für alle Kinder und Beschäftigten in den elementaren Bildungseinrichtungen (landläufig Kindergärten genannt) Österreichs. Motto des diesjährigen TdEB: „Elementar! Die beste Bildung aller Zeiten für jedes Kind“.
Der Tag der Elementarbildung geht auf die Initiative Raphaela Kellers zurück, die mit der Gründung des „Österreichischen Berufsverbandes der Kindergarten- und Hortpädagog_innen“ (ÖDKH) am 24. Jänner diesen Aktionstag ins Leben gerufen hat. Mit dem vierten TdEB (2021) ist der ÖDKH im Netzwerk elementare Bildung Österreich NEBÖ aufgegangen.
„Wer gehört zu deiner Familie?“, ertönt die erwachsene Stimme aus dem Off. „Zur kleineren oder zur größeren?“, fragt die – ebenfalls eingespielte Kinderstimme. Die Bühne ist noch mehr oder minder schwarz in schwarz mit Ausnahme eines kleinen Regenbogenfähnchens, einer ebenso bunten großen Halskette, einer großen roten Brille und einigen Kuscheltieren in einer Ecke vorne am Bühnenrand. „In allen Farben des Regenbogens“ thematisiert in einer ¾ Stunde im Wiener Niedermair (bekannt vor allem als Kabarett-Location) die Vielfalt von Kinder-, Familien- und anderer Leben. „Queere Kindergeschichten für alle ab 4 Jahren“ heißt der Nachmittag im Untertitel.
Inspirieren ließen sich die beiden Schauspielerinnen Anna Kramer und Julia Schranz von einigen (Bilder-)Büchern. Den meisten Raum nimmt die Geschichte von Schnecke Sam ein. Julia Schranz setzt sich einen Haarreifen mit zwei pinken Stielaugen auf – schon ist sie die/der Schneck‘.
Samantha oder Samuel – bei Schnecken ist das ja eben ganz natürlich nicht eindeutig! Und so kriecht die Schnecke für ihre Reportage, die ihr Magda Wasserschwein, die Schulpsychologin, als Hausübung gegeben hat, zu allen möglichen Tieren, wo es auch ganz natürlich ist, dass ein Weibchen mehrere Männchen hat, Fische ihr Geschlecht wechseln usw. Alles nicht erfunden, nicht willkürlich, sondern schlicht und einfach ganz natürlich. Sogar die Lehrerin, die die Klasse zuerst in Mädchen und Buben einteilen wollte und damit Sami in eine mehr als peinliche Situation gebracht hat, entschuldigt sich. Und jene Tierkinder, die darüber zuerst gelacht haben – sind nun auch viel g‘scheiter. Und offener. Sam kann sich nun in der Klasse wohlfühlen – checkt aber auch die Absicht, die die Psychologin verfolgt hat und sagt ihr diese auf den Kopf zu. Womit der pädagogische Hintergedanke offengelegt wird 😉 Link zu einer Buchbesprechung am Ende dieses Beitrages.
Dieses Bilderbuch aus Polen, für das die Weinviertlerin Ewelina Rockenbauer, die es übersetzt hat, sogar eigens einen Verlag gründete, um es veröffentlichen zu können, gibt es, weil Co-Autor Jakub Samałek Rollenklischees in vielen Büchern störten und Co-Autorin Maria Pawłowska als Biologin das nötige, fundierte Fachwissen einbrachte.
Kramer und Schranz haben Elemente aus weiteren (Bilder-)Büchern verarbeitet – unter anderem über Felix, der gern Röcke anzieht, weil ihm das beim Tanzen mehr Beinfreiheit lässt. Im neuen Kindergarten wird er dafür aber verspottet. Sein Vater stärkt ihn, indem er selber in einem Kleid mit dem Sohn durch die Stadt geht.
Letzteres beruht übrigens auf einer wahren Geschichte: Das Foto von Nils Pickert mit seinem Sohn – dieser im Kleid, der Vater im Rock – ging so krass viral, dass der Autor und Journalist das Buch „Prinzessinenjungs“ (vor allem für Eltern und Pädagog:innen) schrieb – Links zu einer Buchbesprechung und einem Interview mit Pickert, der übrigens daraufhin das Kinderbuch „Seeräubermädchen und Prinzessinnenjunge“ verfasste, ebenfalls unten.
Das besagte Foto – das Pickert dann auch als Cover für „Prinzessinnenjungs“ verwendete, war übrigens für Hüseyın Tabak der Ausgangspunkt für seinen Kinofilm „Oskars Kleid“. Das Motiv vom Buben im Kleid spielt auch die zentrale Rolle in Jens Thieles „Jo im roten Kleid“, das von österreichischen Theaterleuten schon mehrfach – unterschiedlich dramatisiert wurde – Links zu Stückbesprechungen unten.
Wobei letztere die Geschichte wirklich in szenisches Spiel umgesetzt haben – etwas das Anna Kramer und Julia Schranz leider stark vermissen lassen. Deutlich viel mehr Schauspiel statt der über weite Strecken eher Erzählung mit einigen schauspielerischen Einsprengseln würde der Aufführung guttun und die Kinder im Publikum sicher länger bei der Geschichte dranbleiben lassen. Am Spielerischsten wurde es bei der Premiere am ehesten in jenen Phasen als ein Mädchen in den ersten Reihen immer wieder vorschlug, welches der Kuscheltiere in welche Rolle für nachgestellte Fotos schlüpfen sollte.
Übrigens sind die angespielten/angesprochenen Geschichten weit mehr als „queer“, einfach Vielfalt und Toleranz – und damit von vornherein für alle.
sohn-und-vater-rock-en-gegen-rollenklischees <- noch im Kinder-KURIER
Interview mit Nils Pickert <- noch im KiKu
Über Martin Auers Prinzessin mit Bart <- auch nch im KiKu
Das Bild auf dem Buchcover würde ohnehin schon fast alles sagen: Zum Schreien – und das dem Augenausdruck nach zu schließen – nicht gerade vor Freude steht das Kind mit rotem Pulli und nur einem gleichfarbigen Schuh da. Der Stoffhase auf dem Boden versucht sich seine langen Ohren einigermaßen zuzuhalten. Der Titel – in fast fröhlicher Schrift: „Mein fuchsteufelswilder Stinksauer-Tag“.
Bella, so heißt das gute Kind, erlebt einen Tag, an dem so gar nix passt. Alles geht ihr gegen den Strich. Das beginnt schon in aller Frühe, als ihr kleiner Bruder Bob in ihr Zimmer krabbelt, um ihren Schmuck abzuschlecken und dran zu lutschen. Frühstück, Schuhe, Einkaufen im Supermarkt, die Erbsen zu heiß, das Badewasser zu kalt – und noch viel mehr – jede einzelne der Situationen auf diesen Doppelseiten löst in Bella Wut, Zorn und Trotz aus. Den sie zum Glück nicht runterschluckt, sondern irgendwie auch lustvoll rauslässt.
Ist aber nicht immer gerade angenehm für alle Umstehenden oder -sitzenden. Eine Freundin, die zum Spielen gekommen ist, sucht – verständlicherweise – das Weite. Und natürlich endet das Buch nicht so. Aber wie und was Bella hilft, ihren Sch…-Tag anders ausklingen und ihr einen gänzlich andersgearteten nächsten Morgen beschert – das wird hier nicht verraten.
So viel aber schon: Die knappen Texte – im englischen Original von Rebecca Patterson – und die ebenfalls von ihr gezeichneten – durchaus lustigen Wut-Bilder, machen ganz schön viel Freude beim Anschauen und Lesen.
André Zeugner Leitere des Kraus-Verlags, in dem die deutsche Übersetzung erschienen ist, verriet Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…, dass er zufällig auf das Buch gestoßen sei – über eine TV-Sendung in der britischen BBC, wo es die Grüffelo-Autorin Julia Donaldson gelobt hatte. Er bestellte es, las es – eigenhirnig simultan übersetzt – seiner kleinen Tochter vor, die es nach zwei Wochen auswendig zu den Bildern aufsagte. Woraufhin er die Rechte für die deutschsprachige Ausgabe kaufte und – tatatata – nun gibt’s das Buch auch auf Deutsch.
Nur der Titel ist doch einigermaßen anders, gesteht der Zeugner: „Sehr lange haben wir darüber nachgedacht, wie „My Big Shouting Day“ am besten zu übersetzen sei, denn „Mein großer Schrei-Tag“ oder „Mein großer Brüll-Tag“ oder „Mein großer Kratzbürsten-Tag“ ist natürlich nüschte, das klingt fad, unrund und gestelzt. „Fuchsteufelswild“ hingegen schien uns ein feines und ansonsten leicht vernachlässigtes Attribut zu sein, das sich einmal recht hübsch in einen Titel einfügen lassen möchte.“
Kinder haben lieb und brav zu sein, besonders wenn sie Mädchen sind. Leider noch immer lastet dieser Druck auf vielen Kindern. Auch wenn das Zulassen und Benennen-Lernen unterschiedlichster Gefühle längst eine wichtige und anerkannte Erkenntnis ist, schlägt sie sich im Alltag genauso wenig nieder wie in Darstellungen von Kinder(leben).
Gut, neugierig, aufgeweckt, hilfsbereit, abenteuerlustig – das hat längst auch in Medien für und über Kinder seinen Niederschlag gefunden. In dem einen oder anderen Bilderbuch, Theaterstück, Film usw. kommen hin und wieder schon auch wütende Kinder vor – ohne sie dort zu verdammen. Aber doch eher selten. Und noch seltener so doch recht lustig aufbereitet, ohne sich auch nur im Geringsten über die trotzige Bella lustig zu machen.
https://kijuku.at/tag/buch-wien/
Das Bett ist gemacht.
Gute Nacht.
Gute Nacht, großer Tisch.
Gute Nacht, großes Zimmer –
hallo, Fisch!
Du schwimmst ja noch immer!
…
Lang ist die Liste all der Dinge, die noch einen „Gute Nacht“-Sager brauchen – dies ist aus einem von jenen – nicht nur – Gute-Nacht-Gedichten von Friedl Hofbauer, das in einem ganz neu erschienenen Buch mit neuen Illustrationen (Cornelia Seemann) erschienen ist. Zu Ehren der 100. Wiederkehr ihres Geburtstages (19. Jänner 2024), den sie leider nicht mehr miterleben kann (sie starb vor rund zehn Jahren).
„Links vom Mond steht ein kleiner Stern“ gewährt ein bisschen Einblick in die fantasievolle Lyrik der Dichterin – etwa im Gedicht „Der Vorhang“ wo diese zum Zwergengarten, Zaubersee und Tannenwäldchen ebenso wird wie zur Wurstfabrik, Garage und Meer…
Neben den Gute-Nacht- und Einschlaf-(Versuch-)-Gedichten findet sich in diesem Band aber auch ein anderes, „Reimen“, das zum weiter-dichten einlädt, heißt es doch am Ende: „Und wer jetzt noch weiter reimen will,/für den ist das Gedicht/noch lange nicht/aus.“
Dieser Gedichtband enthält aber auch ein höchst interessantes Vorwort, verfasst von Friedl Hofbauers Tochter Anna Mellach, in dem sie sich daran erinnert, wie ihre Mutter zu so manchen ihrer Gedichte gekommen ist. Unter anderem schreibt sie: „Wir sind mit ihren Gedichten aufgewachsen, mein Bruder und ich, und konnten miterleben, wie sie entstanden sind. Mama ging so aufmerksam und neugierig durchs Leben, dass ihr vielerorts Gedichte begegneten: Wenn zum Beispiel im Badezimmer die Waschmaschine lief, hörte Friedl ihr genau zu und schrieb es auf: „Was die Waschmaschine sagt: Wischiwaschi wäschewaschen wischiwaschi wumm!“ Friedl Hofbauer liebte es, mit der Sprache zu spielen.“
Mellach zitiert aber auch die vielfachen Bemerkungen der großen Lyrikerin, behutsam mit Sprache umzugehen. „Die Redewendung „Alarm schlagen“ werde viel zu oft unüberlegt, geradezu inflationär benutzt. „Wenn du einmal erlebt hast, was ‚Alarm schlagen‘ im Krieg bedeutet hat“, erklärte sie, „wirst du es vielleicht nicht mehr so leichtfertig verwenden.“ Und bringt ein weiteres Beispiel ein, das sie selber aus dem Vorsingen eines Schlafliedes für ihre Tochter, also Friedl Hofbauers Enkelin, lernte. In „Guten Abend, gute Nacht“ gibt es ja die Liedzeile „Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt!“ Ihre Tochter habe sich vor dieser Zeile „gefürchtet, denn „was ist, wenn Gott nicht will?“ Auf die Idee wäre ich nie gekommen! Aber es zeigt wieder einmal, wie behutsam man mit Sprache umgehen muss – und wie wichtig es ist, Dinge auszusprechen!“, schreibt Mellach in diesem ausführlichen Vorwort.
Fast ein Jahr nach seinen letzten öffentlichen Auftritten – in Wien, im Circus- und Clownmuseum – war eine (clowneske) Urne mit der Asche des im August verstorbenen Jango Edwards „back in Vienna“. Das Museum, das auch seinen Nachlass aufarbeiten Teile davon ausstellen wird, lud zu einer Gedenkveranstaltung im Museum in Wien-Leopoldstadt (2. Bezirk).
Weniger bekannte Videoaufnahmen, eine erste Ausstellung von Kostümen und Requisiten Jangos, Berichte von Menschen, die mit ihm gearbeitet haben erinnerten an den „Meister“. Einige Auftritte in seinem Stil trugen seine Botschaft „Smile!“ weiter.
„Lachen: Damit will Jango auch zum Abschied anstecken“, hatte Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… im Februar 2023 die letzten öffentlichen Auftritte des weltberühmten Anarcho-Clowns in Wien übertitelt. Ein halbes Jahr später starb er in Barcelona – Berichte über beides sind am Ende dieses Beitrages verlinkt.
Cristina Garcia Borras, Jangos Witwe, ist mit der Asche unterwegs, um an verschiedensten Orten der Welt mit der Fan-Gemeinde des großen Clowns, der auch Lehrer vieler Clown:innen war, Abschied zu zelebrieren, ein bisschen der Asche in den jeweiligen Orten hinterlassend, vor allem aber immer auch mit viel Lachen in der Erinnerung – und als seine bleibende Botschaft. Auf dem Tourplan stehen neben Wien noch Amsterdam, Paris, Genf und viele andere Städte.
Cristina Garcia Borras und zwei Begleiterinnen aus Barcelona – Lilycolombia Abuela und Verde Esperanza – sowie Victoria Alcaraz und Ju Fool, Julian Swatosch, Österreichs jüngster Clown, erinnerten mit mehreren Gesangsnummern an die musikalischen Auftritte und „Lehrstücke“ Jangos, unter anderem eine berühmte Interpretation von Nat King Coles „Smile“.
Im Rahmen der Gedenkveranstaltung gab es auch eine kleine Podiumsdiskussion mit Museumsleiter Michael Swatosch, dessen Bruder Andreas moderiert – das Duo als Fools Brothers waren eins Jangos Schüler, später Bühnenpartner und Co-Lehrer – sowie dem früheren Wiener Grünen Gemeinderat Klaus Werner Lobo (Autor, Supervisor & Trainer für Persönlickeitsbildung, ebenfalls Jango-Schüler), Jürgen Gschiel (Organisator des legendären Clownfestival Comicodeon und langjähriger Manager von Jango) und Walter Jobstl (Haus & Hof-Fotograf von Jango über mehrere Jahrzehnte).
Mitten auf den Doppelseiten dieses Bilderbuchs steht ein Mauer – auf jeder; naja fast. Aber dazu später. Links ein kleiner Ritter, rechts einige Tiere wie Tiger, Affe, Nashorn… Der kleine Ritter ist auch nicht allein. Erst mit Leiter und einem Ziegelstein unterwegs, um die Mauer zu stabilsieren. „Auf dieser Seite ist es sicher“, lässt ihn der Autor und Illustrator, der US-Amerikaner Jon Agee, sagen; oder denken. Ein paar Seiten später: „Wenn der Oger mich zu fassen kriegt, frisst er mich auf.“ Da reißt hinter ihm im Wasser – auf seiner Seite der Mauer – ein Krokodil das Maul auf. Aber es schnappt sich „nur“ das Schwimmvögelchen.
„Nur gut, dass mitten im Buch eine Mauer steht“, ist links beim Ritter zu lesen, während auf der anderen Seite der Riese ganz sanft und zärtlich auf ein kleines Tier schaut…
Klar, dass es dabei nicht bleibt. Schon zu erwarten, dass es da zu einer Änderung kommt. Und als das Ritterlein in Gefahr gerät… – nein, hier wird nicht gespoilert. Höchstens so viel, dass zumindest die letzte Doppelseite ohne Mauer auskommt, dafür weitgehend leer ist, nur umrahmt von Bäumen, Blättern und einem wunzigkleinen Tier – Platz für deine Zeichnungen. Wie du dir vorstellst, dass die Geschichte weitergeht oder für auch ganz was anderes.
„Meine frühen Zeichnungen waren sehr animiert: viele herumflitzende Dinge, Flugzeuge, Rennautos, Fußballspieler. Kein Wunder, dass meine erste veröffentlichte Zeichnung ein Rattenrudel war, das über eine Autobahn lief (The Rat Race). Ich habe das für die Op-Ed-Seite der New York Times gemacht, als ich noch in der High School war“, schreibt der 1959 geborene in New York geborene Autor und Illustrator über sich auf seiner Homepage.
„Auf der anderen Seite lauert was“ dürfte – soweit im Netz zu finden – das einzige auf Deutsch übersetzte seiner rund drei Dutzend bisherigen, darunter einigen wort- und sprachverspielten sein. Es wird von Amnesty International empfohlen. So einfach und schon für so junge Kinder geeignet wird da der Bau von Festungen und Mauern gegen Fremde und Unbekanntes zum Einsturz gebracht.
Schon der Titel deutet natürlich Vieles an. Der Hauptheld heißt nicht zufällig „Dan Vinci“ noch dazu mit dem Zusatz „und das fast geniale Vermächtnis des Leonardo“. Dan, ein Tüftler, Bastler und Erfinder ist zu Beginn des 230-Seiten, sehr flott und leicht zu lesenden, spannenden Romans 12 Jahre, gerade noch, denn anderntags steht sein 13. Geburtstag an. Und der verändert alles.
Dan und sein Freund Benji Wu werden in die Schuldirektion geladen, wo ihnen ein seltsamer, irgendwie verwirrter General verklickert, dass sie am nächsten Tag, an dem beide 13 werden, in ein spezielles, geheimes Internat kommen sollen. Die jeweils 51 schlauesten und kreativsten („cleversten der cleversten der cleversten“) Jugendlichen dürfen dort jeweils ihre Stärken ausspielen – ob forschen, erfinden, malen, musizieren – ihr Top-kreatives Potenzial ausleben und an dessen Weiterentwicklung arbeiten – zum Wohle der Menschheit.
Eigenartigerweise sind allerdings fast ausschließlich Nachfahr:innen schon bekannter großer Wissenschafter:innen und Künstler:innen darunter: Dan, dessen Ur- (24- Mal)-Großonkel wie unschwer zu erkennen Leonardo war, sowie Amélie Curie, Julia Verne, Wotan Antonin Mozart, Manolo Polo, Neneh Mandela, Aladin B. Saladin in diesem „Denkkessel“ in einer Unterwasserwelt. Dan und Benji sind die neuen. Anfangs gewöhnungsbedürftig fühlen sie sich schnell wohl, endlich genau daran arbeiten und dabei weiter lernen zu dürfen, was ihre Stärken sind.
Selbst für kürzere Bücher, erst recht bei 230 Seiten braucht’s zwecks Spannung nicht nur neue Erfindungen – oder Behebung von Problemen bei solchen wie sie bei Dan in der Oberwasserwelt immer vorgekommen sind. Zum einen gibt es in der ohnehin schon geheimen Elite-Schule noch eine extra geheime, fast verbotene Zone. Und Feinde. Wollen ja auf der Welt nicht alle, dass nur zum Wohle der Menschheit erfunden wird.
Dan hat zu diesem 13. Geburtstag von seinem Opa – seine Eltern sind früh verstorben – ein mysteriöses Ding geschenkt bekommt, das dem 24-Mal-Neffen von Leonardo, aus dessen Besitz es stammen soll, eine mehr als aufregende, gefährliche Nacht beschert. Und dieses dürfte wiederum der Schlüssel zu einem noch geheimnisumwitterteren Gegenstand sein. Das wollen auch die Feinde. Und die kommen vielleicht nicht nur von außen…
Details einer sich ergebenden atemberaubenden Verfolgungsjagd unter und über Wasser seien sicher nicht verraten. Dass es letztlich ein Happy-End gibt, ist zu erahnen. Aber für Dan, Benji, Amélie, Julia und Halluzination Harry, Nachfahre eines großen Magiers und ihren Prof, der den Jugendlichen die Verantwortung überträgt, steht am Ende eine große, alles andere als leicht zu treffende Entscheidung an…
Ein bissl deprimierend; Einstellung auf einen VoKaKi (für Volkskanzler Kickl ã Willkommen Österreich), was ist dann noch möglich? Rückzug eine Art innerer Emigration? Aufs Private – Schwanzlänge, Busengröße und Werbesprüche von Banken oder Telekom-Anbietern, Supermarktketten, die seit einigen Jahren fast mehr aufbauenden Inhalt versprechen als die von politischen Parteien: „Glaub an dich“, „Weil der Mensch zählt“, „Erleben, was verbindet“, „Nichts ins unmöglich“, „Gemeinsam Großes leisten!“, „Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein“….
„Die Frage, die sich für uns stellt, wie gehen wir mit diesen großen Herausforderungen um. Beim aktionstheater ensemble heißt das, wie transportieren wir unsere Inhalte dergestalt, dass sie sozusagen, also auch nach der Übernahme des Volkskanzlers und seiner Helfershelfer, dass eben diese unsere Inhalte nicht ganz verloren gehen. Zu diesem Zwecke, haben wir, liebes Publikum, jetzt für Sie, ein schönes Programm zusammengestellt. Ein
schönes Potpourri, um nicht zu sagen, einen bunten Abend mit vielen schönen Überraschungen, der uns mit Mut und Zuversicht in diese neuen Zeiten führt. Und das war auch ganz wichtig, dass an diesem bunten Abend jede und jeder einfach sagen darf, was ihr oder ihm ganz besonders am Herzen liegt.“ Entsprechend das Ambiente – ein Teil des Publikums sitzt an Tischen mit Getränken, andere auf weichen Couches neben den üblichen Theatersitzen, farbenfrohe, heitere (Ki-generierte) Bilder in Landschaften auf großen Projektionswänden, happy Sound…
Vom Text her könnte die neue 1¼-stündige Show „Alles normal – ein Salon d’amour-Stück“ von aktionstheater ensemble, die – nach der ersten Serie in Vorarlberg – nun auch in Wien im Theater am Werk/Kabelwerk Meidling zu erleben ist, niederschmetternd sein. Einstimmen auf fast dystopische Zustände, die als „normal“ ausgegeben werden, abfinden und sich irgendwie einrichten in einer autoritären Herrschaft einer illiberalen Demokratie? Die Vorbereitet wurde/wird, indem neue, das heißt eigentlich uralte, enge Normen zum „Normal“ verordnet werden.
Von Schauspiel (Zeynep Alan, Babett Arens, Michaela Bilgeri, Isabella Jeschke, Thomas Kolle), Kampf um das Rampenlicht, Solo-„normal“-Texte (Elias Hirschl) und Musik (Monica Anna Cammerlander, Atanas Dinovski, Lisa Lurger, Daniel Neuhauser, Severin Trogbacher, Tobias Pöcksteiner) bzw. Gesang (Tamara Stern) – aus dem Ensemble des kleinen Orchesters schlüpfen einige mehrmals in Schauspiel-Rollen – ironisiert die Inszenierung (Martin Gruber, Texte: gemeinsam mit dem Ensemble) die Gefahr des Abgleitens in „Biedermeierlichkeit“.
Der Widerstands-Song „Bella Ciao“ angespielt, der zuletzt aber auch als inhaltsleerer Pop-Song durch den Äther ging, das jiddisches Lied „zog, zog, zog“ (sag, sag, sag) das konterkarierend zur Selfie-Queen, die auf Schönheit setzt, davon singt: Du bist schiach, aber es ist wurscht“…
Könnte dennoch einen schalen Nachgeschmack der Traurigkeit hinterlassen trotz aller humorvoller, witziger Kombinationen scheinbarer unfreiwilliger Komik der „Normal“-Verfechter:innen aus der politischen Wirklichkeit. Mit der Hoffnung – zwischen den Zeilen und den Musiknoten – aus dem überzeugenden Spiel heraus eine Art paradoxer Intervention zu sein/erzeugen: Lasst es nicht so weit kommen, aber dafür müssen wir alle was tun – mehr als nur zu sitzen und gebannt wie das sprichwörtliche Kaninchen auf die Schlange zu starren.
Um zu verhindern, dass wahr wird, was der FP-Chef auf der Heimattour im Vorjahr offen ankündigte: „Es wird rauschen, und es wird Verletzungen und Verwundungen geben – es wird ein anderer Wind wehen in diesem Land.“ Dieses Zitat wanderte – im Gegensatz zu all den anderen (Werbe-)Sprüchen von rechts nach links über die großflächigen drei Seiten umfassenden Projektionswände.
„Wir wollen den Leuten nie erklären, was sie tun sollen. Jede und jeder muss selber draufkommen“, so aktionstheater-ensemble „Vater“ Martin Gruber nach der umjubelten Premiere im Theater am Werk/Kabelwerk Meidling zu Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… Oder wie am Tag nach der Premiere die langjährige Volkstheater-Direktorin Emmy Werner in einer TV-Diskussion (ORF, Im Zentrum) auf Elfriede Jelinek und ihr Anschreiben „gegen Gleichgültigkeit“ verwies.
Der erforderliche Widerstand kann sich auch nicht auf eine bloße Verhinderungskoalition des Pferde-Entwurmungs-Propagandisten beschränken, muss früher und breiter ansetzen – gegen die Spaltung von wir und die, „Normalen“ und „Abweichlern“. Vor einem ¼-Jahrhundert hat Erich Kästner 1958 anlässlich des 25. Jahrestages der Bücherverbrennungen (10. Mai 1933) bei der Tagung des deutschen PEN (Poets, Essayists, Novelists) unter anderem gesagt: „Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät. Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird. Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf. Sie ruht erst, wenn sie alles unter sich begraben hat. Das ist die Lehre, das ist das Fazit dessen, was uns 1933 widerfuhr. Das ist der Schluss, den wir aus unseren Erfahrungen ziehen müssen, und es ist der Schluss meiner Rede. Drohende Diktaturen lassen sich nur bekämpfen, ehe sie die Macht übernommen haben.“
In einem verwinkelten Gewirr aus Treppen, sämtliche Wände mit – in Summe rund 2700 – Ordnern vollgeräumten lebendig gewordenen dreidimensionalen M.C-Escher-artigen Bild agieren vier Schauspieler:innen „Im Panoptikum des Franz K.“ (Ausstattung und Licht: Friedrich Eggert). Zweieinhalb Stunden laufen sie treppauf, treppab, umkurven diese hin und wieder, Momente des Rastens gibt es – gefühlt -selten. Dabei zitieren sie aus Tagebucheinträgen und Briefen Franz Kafkas, dessen Todestag sich heuer (im Juni) zum 100. Mal jährt. Weshalb vor allem Theater die wenigen Stücke und andere Annäherungen an den akribischen Autor , der mit fast allem was er geschrieben hat, unzufrieden war, auf die Bühnen bringen.
Noch bevor Burgtheater („Die Verwandlung“), NÖ Landestheater („Der Prozess“), Rabenhoftheater (Maurer.Kafka.Komisch) spielen, feierte das Theater der Jugend in seiner kleineren Spielstätte (Theater im Zentrum in der Wiener Innenstadt) umjubelte Premiere mit dem „Panoptikum“. „Versuch, „kafkaesk“ spür- und erlebbar zu machen“, titelte Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… die Reportage über einen Probenbesuch in den Winterferien. Im Interview mit dem Regisseur – Links zu beiden Berichten am Ende dieses Beitrages – lobte dieser das Schauspiel-Team, das sich auf diese schiere Bergwerks-Arbeit eingelassen hat, „aber ich weiß noch nicht, was es wird“, gestand Gerald Maria Bauer da.
Nun ist das Werk fertig. Die zweieinhalb Stunden (eine Pause) versuchen tatsächlich eine Atmosphäre zu schaffen, wie sie der – erst spät nach seinem Tod berühmt gewordenen Autor – in seinen Werken schuf und offenbar auch selbst erlebt hat – bzw. nicht zuletzt auch andere rund um sich erleben ließ. Verlobung mit Felice Bauer, Brief an deren Vater, dass die Beziehung seiner Tochter nicht guttun würde, Entlobung, wieder Verlobung. Nur als ein Beispiel.
Schreibwut einerseits (8000 Seiten hat Kafka geschrieben), oft aber auch Schreibblockade – wie Tagebuchnotizen zeigen. Verzweiflung, nicht zum Schreiben zu kommen, wegen seiner Arbeit in der Arbeitsunfall-Versicherung. Andererseits sorgfältige Arbeit dort – samt häufigen Lokalaugenschein-Besuchen in Fabriken und Arbeitsstätten (kommt im Stück nicht, aber in den Tagebüchern mehrmals vor). Hadern mit seiner Erziehung – harmlos ausgedrückt.
Einbau von Stücken in das Stück, unter anderem wird eine der Ordnerwände nach Rumpeln zerstört, ein riesiger Käfer bricht durch – „Die Verwandlung“. Wobei die Verwendung von Insektenspray an einem der Schreibtische im Obergeschoß doch anachronistisch wirkt.
Szenen mit Zitaten aus „Der Prozess“. Und praktisch fast dauer-unglücklich, unzufrieden mit der eigenen Arbeit – fast mit einem Schuss Lust am Scheitern. Jasper Engelhardt ist Franz K. Aber nicht nur er ist Kafka, zeitweise verdoppelt Valentin Späth (der auch den Verwandlungs-Käfer gewordenen Gregor Samsa spielt) den K. in einem Mittelding aus Erzähler und doch Kafka-Sein. Sophie Aujesky ist als Felice Bauer präsent aber oft auf angefangene Sätze abgestoppt und schlüpft in einer Art Prolog in die Rolle der viel zu wenig bekannten Journalistin und Schriftstellerin Milena Jesenská. Mit David Fuchs (auch Kafkas Vater Hermann K. sowie der Maler Titorelli und Der Landarzt) als Schriftsteller und Journalist Anton Kuh besprechen sie die kurze Notiz über Kafkas Tod im Sanatorium Kierling bei Klosterneuburg bei Wien.
Für jene, denen Kafkas Leben, das eine oder andere Werk schon einmal untergekommen ist, idealerweise sogar ein bisserl mehr, bietet sich die Gelegenheit in dieses Panoptikum einzutauchen. Wer allerdings möglicherweise nicht mehr als das Wort kafkaesk aufgeschnappt hat – für die oder den wird’s wohl eher schwierig, die zweieinhalb Stunden durchzusteigen. Vielleicht, dass dann gerade noch das Gefühl à la Kafkas „Der Prozess“ auftaucht, wie komm ich da raus?
Möglicherweise ist die Atmosphäre auch das Wichtigere als die Textlawinen. Eine Premierenbesucherin aus Paris, die Französisch und Englisch spricht, aber kein Wort Deutsch versteht, nahm in einer Gesprächsrunde, zu der sich KiJuKU dazu gesellen durfte, genau dieses Gefühl mit. Allerdings ist sie Theaterprofi und Kafka-Kennerin.
Der Kafka-Abend bzw. Nachmittag (an manchen Tagen) ist nicht so leicht zugänglich wie im Vorjahr „Ein Kind“ über Thomas Bernhards autobiographische Kapitel „Ein Kind“ und „Der Keller – eine Entziehung“), die ebenfalls Gerald Maria Bauer inszeniert hatte.
Gleich auf der ersten Doppelseite kannst du in diesem Buch mitmachen und Nayans Mutter Mira helfen. Ihr Sohn liebt es, sich zu verstecken. Auf der rechten dieser beiden Seiten sind nur kleine Stückerln von Nayan zu sehen. Da hat sich die Illustratorin Emőke Gabriella Németh einiges einfallen lassen, um beispielsweise Locken oder Ohr in Einrichtungsgegenständen zu verstecken.
Sicher entdeckst du ihn – so du sehen kannst. Das kann Nayan selbst nicht. Aber der von Geburt an blinde Bub könnte dich – wenn du im selben Raum wie er wärst – sicher in deinem besten Versteck finden. Das kleinste Geräusch – und schon hätte er dich! Hören, riechen, spüren – und das auch wenn du vor lauter Dunkelheit nicht einmal die Hand vor deinen Augen siehst – darin ist Nayan wie die meisten blinden Menschen Meister.
Die Film- und Theater-Schauspielerin Lena Kalisch, die sich die Geschichte „Nayan macht die Augen auf“ ausgedacht hat, beschreibt in der Folge, dass ihre Hauptfigur vieles gerne und anderes nicht mag – wie vielleicht du auch. Was das sein könnte, das setzt die Illustratorin in mehreren kleine Bilder um. Der Kern von Kalischs Geschichte ist hingegen ein anderer: Nayan wird operiert und kann auf einmal sehen. Danach ergibt sich noch ein dramaturgischer Bogen, bei dem ihm eine Kamera hilft – aber alles sei doch nicht verraten.
Operation, sehen können? Gibt es solches nicht nur beim Grauen Star, der üblicherweise bei sehenden Menschen eher im Alter auftritt – Trübung der Linse, die dann in einem kleinen Eingriff durch eine künstliche ersetzt wird?
Also Nachfrage von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… bei der Autorin via Instagram: Wenige Minuten später die Antwort von Lena Kalisch: „Tatsächlich könnte nach jetzigem Stand der Medizin und Wissenschaft „nur“ der Graue Star bei sehr jungen Kindern und Säuglingen geheilt werden. Ein solches „Wunder“, wie es in der Geschichte beschrieben ist, ist heute so noch nicht umsetzbar. Darum bleibt die Geschichte auch ein Märchen. Ich habe jedoch in enger Rücksprache mit einem von Geburt an blinden Menschen zusammengearbeitet, der dafür plädiert hat, die Aussage rauszunehmen, dass so etwas „unmöglich“ sei. Nichts ist unmöglich und mit der schnellen Entwicklung der Technologien immer weniger.“
Auf die weitere Skepsis und die eigene Beobachtung nach einer der Grauen-Star-Operationen einer vormals Sehender bei einer Recherche-Reise mit Licht für die Welt, dass die frisch Operierten länger auch irritiert auf das plötzlich viele Licht reagieren, kam wieder eine prompte Antwort: „Ja, so ist das mit Märchen!“
Im Buch verrät die Autorin, dass sie „nach vielen Jahren der Meditationspraxis eine außergewöhnliche Erfahrung in einem Dunkelretreat, in dem sie tagelang nichts sah, machte. Von der Dunkelheit und dem darauffolgenden Sehen inspiriert, ist Nayan entstanden“. Und dass sie unter anderem mit Erich Schmid, Lehrer am Bundes-Blindeninstitut Wien sowie Vizepräsident des österreichischen Behindertenrates hilfreiche Gespräche im Prozess der Buch-Entstehung geführt habe. Der wird im Verlagsprogamm so zitiert: „In diesem Buch kommen das Erleben und die Fantasie einander ganz nahe, und das ist schön!“
Nun blieb noch meine grundsätzlich skeptische Haltung: Was macht so eine Botschaft bei von Geburt an blinden (Kindern)? Setzen sie auf Operationen, um danach etwas zu können, was sie gar nicht kennen? Oder bei Kindern mit anderen Behinderungen bzw. bei deren Freund:innen, Klassenkolleg:innen?
Um auch nicht nur Einzelmeinungen Betroffener einzufangen, wandte sich KiJuKU an die „Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs“. Martina Gollner, eine langjährige Beraterin, die selbst hochgradig sehbehindert ist und tagtäglich mit blinden oder sehschwachen Menschen zu tun hat, meinte: „Kinderbücher sollten darstellen, dass ein Kind mit einer Behinderung gut im Leben klarkommt und ein schönes Leben haben kann MIT der Behinderung, wie andere Kinder auch. Eine OP und die Behinderung ist weg, sehe ich kritisch (medizinisches Modell von Behinderung; alles ist behandelbar und damit wird „Normalität“ wiederhergestellt). Und sie entbehrt jeglicher Realität. Wäre das besagte Kind von Geburt an blind, könnte es mit den optischen Sinnes-Eindrücken gar nichts anfangen, weil das Gehirn nicht zu sehen „gelernt“ hätte. Es hätte auch keine Vorstellung von Farben, würde also auch keine Farben in der Welt vermissen. Je länger ich darüber nachdenke, desto unrealistischer wird dieses Szenario“, so die Fachberaterin zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…
Ein kleiner Drache fällt vom Mond, landet in einer Burg, droht von einem bösen Ritter verfolgt zu werden, wird von der Prinzessin, die diesen Ritter heiraten soll, aber nicht will – und von der Köchin – gerettet und landet am Ende wieder – mit der Prinzessin auf dem Mond. Das ist die Kürzest-Inhaltsangabe von „Der kleine Monddrache“, das derzeit – wieder – im Figurentheater Lilarum gezeigt wird. (Erstmals gespielt wurde es im April 1996 damals noch nicht im jetzigen Theater im 3. Bezirk, sondern in einem Kellerlokal im 14. Bezirk.)
Anlass für die Wiederaufnahme nach 28 Jahren: Am 19. Jänner 2024 wäre die (Kinder- und Jugendbuch-)Autorin Friedl Hofbauer 100 Jahre geworden. Leider ist sie schon vor zehn Jahren, bald nach ihrem 90. Geburtstag gestorben. Als eine Pionierin vor allem der Kinder-Lyrik in Österreich hat sie u.a. Texte für das Figurentheater Lilarum verfasst, mit dessen Gründerin und jahrzehntelangen Leiterin Traude Kossatz sie auch eng zusammengearbeitet hat.
Bei der Wiederaufnahme-Premiere (13. Jänner 2024) war noch nicht alles so ganz eingespielt, aber eine Schwäche bleibt, wenn davon abgesehen wird. Das süße Monddracherl schaukelt gar nicht auf der Mondsichel wie es im Ankündigungstext heißt, die Sichel schaukelt allein – und auf einmal ist der kleine, verschreckte grüne Drache schon in der Burg – durch ein Loch in der Seitenwand (?!) Erst durch sein heftiges Heimweh nach dem – nun (Voll-)Mond – wird erst klar, dass er von da oben kommt. Da wehrt er sich erst sogar gegen die Versuche der Prinzessin und der Köchin, ihn in der Küche zu verstecken. Nein, er will nur zurück!
Was sich natürlich als ziemlich schwierig herausstellt. Dann ist da noch die Bedrohung durch den Ritter Drachenrot, der macht alle Drachen tot… Und er will die Prinzessin als Beute heiraten. Somit ist auch sie in Gefahr. Sie will den ständigen Schwert-Träger gar nicht, sondern lieber einen – ihr unbekannten – Prinzen auf weißem Pferd.
Natürlich braucht ein Figurentheaterstück für Kinder (ab 4 Jahren) ein Happy End. Wie es dazu kommt, sei nicht verraten; nicht einmal, wie Pilze helfen, die sich gegen ihr Abschlachten durch den besagten Ritter zur Wehr setzen…
Dass am Ende der Monddrache, dann aber erst recht auf einer Wolke und gar nicht am Mond schwebt, darf, nein muss schon ein wenig kritisch angemerkt werden.
Die Stimmen bei den Stücken werden immer im vorhinein – in dem Fall also vor fast drei Jahrzehnten – aufgenommen, können also auch nachträglich nicht mehr geändert werden. Wie cool wäre es doch, wenn die Prinzessin ihrem Vater, der sie zur Heirat mit dem Ritter verdonnern will, „weil Gefahr für die Burg besteht nachdem sie schon ein große Loch ind er Mauer hat“, neu einfach frech antworten könnte: „Dann bräucht’s aber eher einen Maurer als einen Ritter!“
Von sonnengelb umgebenen drei Stoffwänden, die von vornherein Zuversicht ausstrahlen und zwischen zwei großen hellgrünen Kulissen-Elementen sowie fallweise Farben wechselnden senkrechten Leuchtstoffröhren spielt sich die Jugend-Kult-Geschichte „Tschick“ seit Kurzem – immer wieder (Termine in der Info-Box am Ende des Beitrages) ab. Obwohl Maik Klingenberg (14) die Hauptperson ist, die die Story aus seiner Sicht erzählt – und auch die größte Entwicklung durchmacht – ist der Roman, Film, die Theaterversion nach seinem zum Freund gewordenen neuen Klassenkollegen Andrej Tschichatschow (manchmal auch Tschichatschoff geschrieben) benannt. Der Einfachheit, weil gleich bei seiner Vorstellung Lehrer Wagenbach den Namen kein einziges Mal unfallfrei aussprechen kann – naja, viel mehr will – eben „Tschick“ genannt.
Vor acht Jahren schon vom Theater der Jugend in Wien, im Vorjahr dann sogar in einer Opernversion in der Wiener Staatsoper gesungen und gespielt, bevölkern Maik und Tschick nun auch in St. Pölten die Bühne im Hof – Gastspiel des Landestheaters NÖ. Links – vom Publikum aus gesehen – der Anfang (oder das Ende?) einer Skate-Ramp; rechts – noch nicht ganz von Anfang an – eine hölzerne Konstruktion, die ansatzweise an ein Auto erinnert (Bühne: Chani Lehmann). Das erst durch das Bespielen durch die Protagonisten, zeitweise auch die Protagonistin zu einem solchen wird – Road-Theatre, ausgeborgt vom Begriff Road-Movie (2016 als Film in den Kinos) sozusagen. Als solches ist auch schon der vor fast eineinhalb Jahrzehnten erschienene Roman geschrieben worden – von dem bald nach der Veröffentlichung jung verstorbenen Autor Wolfgang Herrndorf, der übrigens 2004 den Publikumspreis beim berühmten nach Ingeborg Bachmann benannten Literaturpreis gewonnen hatte. Den Ansatz zum auch für ihn überraschenden Höhenflug (2010 erschienen, in der Saison 2012/13 meistgespieltes Stück auf deutschen Bühnen konnte er noch miterleben; er starb im August 2013). Eines von Herrndorfs Vorbilder für „Tschick“ war „Huckleberry Finn“. Jugendliche, die auf sich allein reisend die Welt erkunden. Weshalb in dem Roman – und seinen Bearbeitungen – die vorkommenden Erwachsenen auch nur Nebenfiguren sind.
Maik, gespielt von Tobias Artner, stammt aus reichem Haus – mit alkoholkranker Mutter und Vater, der in Immobilien macht, aber gerade mit einem großen Projekt Schiffbruch erlitten hat. Schüchtern, zurückhaltend, ohne Freund:innen. Da kommt „Tschick“ (Lennart Preining, der aber noch in einige andere Rollen schlüpft, unter anderem Maiks Vater!) neu in die Klasse, aber erst am Beginn der Sommerferien kommts zur wirklichen Begegnung der beiden. Der hat in der Klasse auch keine Freund:innen, aber ist der Typ Sch…-dir nix bzw. -drauf. Hat ein Auto „ausgeborgt“ und animiert Maik mit ihm auf Tour zu fahren – in die Walachei. Was Maik für ein Fantasie-Region hält, es als Landschaft im Süden Rumäniens aber wirklich gibt.
Nach anfänglichem Zögern, löst sich Maik darauf ein. Und so erleben die beiden das eine oder andere Abenteuer, vor allem aber viele Begegnungen. Und da fast ausnahmslos positive. Weshalb das Landestheater auch gleich im (digitalen) Programmheft Maiks Schlussfolgerung gegen Ende zitiert: „Seit ich klein war, hatte mein Vater mir beigebracht, dass die Welt schlecht ist. Die Welt ist schlecht und der Mensch ist auch schlecht. … Wenn man Nachrichten guckte: Der Mensch ist schlecht… Und vielleicht stimmte das ja auch, und der Mensch war zu 99 Prozent schlecht. Aber das Seltsame war, dass Tschick und ich auf unserer Reise fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war.“
Und diese Stimmung strahlen auch die knapp 1¼ Stunden in der Bühne im Hof aus (Regie: Mira Stadler). Abenteuerlich mit immer wieder auch tiefgehenderen Gesprächen sozusagen über Gott und die Welt, das Leben im Allgemeinen, die Liebe im Konkreten, aber nicht abstrakt, abgehoben, sondern wie reale Jugendliche, die den beiden Schauspielern abgenommen werden können. Womit sie Herrndorfs Sprache und Intention live erleben lassen.
Weine Wucht ist vor allem aber die Dritte im Bunde auf der Bühne: Laura Laufenberg. Sie spielt nicht nur die freche, offene, aufmüpfige, dauerquasselnde, bei der ersten Begegnung auf der Müllhalde abwehrend aggressive Isa Schmidt, die dann eine Zeitlang das reisende Duo zum Trio erweitert, sondern verwandelt sich – mitunter blitzschnell nur durch Mimik, Gestik, Sprachfärbung oder eine Kopfbedeckung – fast ein Dutzend weiterer Charaktere. Da sind unter anderem drei Kinder, die alternativ aufwachsen, nicht wissen wo der Supermarkt ist, nach dem Friedemann, der erste der Kids, von den beiden Jungs gefragt wird, dafür aber von der Mutter (natürlich ebenfalls von Laura Laufenberg gespielt) gesund und gut bekocht werden. Sie gibt aber auch den ignoranten, autoritären Lehrer Wagenbach, den alten knorrigen Horst Fricke mit seinem Gewehr und nicht zuletzt auch Tatjana Cosić, in die Maik verliebt ist und für die er wochenlang an einer fotorealistischen Zeichnung der Sängerin Beyoncé arbeitet. Dann aber doch nicht zu deren Geburtstagsparty eingeladen ist, mit Maik aber einfach vorbeifährt und ihr die in die Hand drückt.
Die trotz aller Troubles – wie wo kriegen sie was zu essen her, wie kommen sie an Benzin, Unfall, Maiks Vater, der dem Sohn eintrichtern will, alle Schuld auf Tschick zu wälzen, was der dann (natürlich) nicht macht – optimistische, positive Grundhaltung wird nicht zuletzt durch die Musik abgerundet. Bernhard Eder hat den „Lovesong for Isa“ komponiert und bekannte Nummern arrangiert wie „Maschin“ von Bilderbuch, „Yeah!“ von Usher, „Angst“ von Low Life Rich Kids, „Sunny“ von Brockhampton und nicht zuletzt auch den nervigen Uralt-Klassiker „Pour Adeline“ von Richard Clayderman. Letzteren „finden“ die beiden auf einer Kassette im „ausgeborgten“ Lada. Der Musiker hatte – naheliegenderweise – auch eine Nummer von Beyoncé (Halo), aber auch „Survivor“ von Destiny’s Child und weitere Songs eingeplant, die es – wie dem Programmheft zu entnehmen – aber nicht in die Inszenierung geschafft haben. Die eingespielte Musik ist aber nciht nur Hintergrundgeräusch – die Schauspieler:innen verwandeln sich in Tänzer:innen, mitunter auch im Sitzen 😉
Die Bühne im Hof war übrigens – was bei Jugendstücken in Theater nicht immer der Fall ist – sogar bei der Premiere voller Jugendlicher. Die am Ende ziemlich enthusiastisch Beifall spendeten- zaghaft ertönte in einer der vorderen Reihen sogar der Spruch „Zugabe“. Die theater-interessierten 12-jährigen Brüder Jonas und Jakob zeigten sich in einem Kürzestgespräch nach der Premiere Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… gegenüber sehr angetan – vom Stück und dem Schauspiel. Der Zweitgenannte hatte auch schon „erst das Buch zur Hälfte gelesen, den Film angeschaut und dann wieder den Roman weitergelesen“. Womit er wusste, was wann kommt – und die Inszenierung „sehr gut“ fand.
https://kurier.at/leben/kiku/tschick-im-theater-der-jugend-abenteuer-vertrauen-schoepfen/172.543.237
Nächster Streich in der Serie Classics for Kids im Wiener Rabenhoftheater – in Zusammenarbeit mit dem Theater der Jugend. Seit Jahren verwandelt Regisseur Roman Freigaßner-Hauser dort Stoffe aus der griechischen Mythologie in rasante, witzige Stücke für ein Publikum ab 10 Jahren. Nun ist Herakles an der Reihe. Premiere war am 11. Jänner 2024 (Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… hatte weniger als eine Woche davor eine der letzten Komplettproben besucht.) Untertitel des Stücks: „Ein Haufen Arbeit“. Die hat der Halbgott ja vor sich – eine Rache der Göttermutter Hera an Göttergatten Zeus für den einen seiner vielen Seitensprünge.
Die nicht ganz eineinhalb Stunden spielen sich in einer einfachen und wandelbaren Landschaft aus liegenden und stehenden Quadern ab. Video-Einblendungen projizieren auf diese jeweils wechselnde Bilder, wodurch diese vermitteln, was gerade gebraucht wird – Mauern, Wald oder was auch immer (Bühne: Thomas Garvie, Videodesign: Max Kiss, Wolfgang Pielmeier).
Bevor Herakles zu seinem berühmt gewordenen Namen kommt, wird er als Baby von seinem Vater Amphitryon (Ingo Paulick, der – wie seine drei Kolleg:innen in mehrere Rollen schlüpft) liebevoll und fürsorglich in den Armen geschaukelt, um nicht mehr schreien zu müssen. Da nennt ihn der Papa noch Alkides inspiriert vom Opa, Amphitryons Vater. Doch Mutter Alkmene (Bettina Schwarz, die auch Hera spielt – in einigen Vorstellungen übernimmt Leila Müller die Rollen der beiden Mütter) verklickert dem Ehemann: Der Bub heißt Herakles. Nach einem kleinen Hin und Her willigt der Vater ein, ach ja, Hera-Kles: Der, der Göttermutter Hera Ruhm bringt.
Erst später wird der herangewachsene Jüngling (Christoph Hagenauer, der auch den leicht begriffsstutzigen Götterboten Hermes spielt) vom blinden Seher Teiresias erfahren, dass sein Zieh- nicht sein leiblicher Vater ist. Gezeugt wurde er vom Göttervater Zeus (Bernhard Majcen, der neben Teiresias auch noch etliche andere Figuren spielt). In Gestalt Amphitryons hat der Alkmene geschwängert. Hera muss viele Seitensprünge ihres Göttergatten erleiden. Hin und wieder fällt ihr Rache ein, hier will sie das Produkt dieser Affäre vernichten, schickt gleich einmal dem Kleinkind zwei mörderische Schlangen. Doch was macht der Kleine – er erwürgt sie eigenhändig.
Als junger Mann schickt die oberste Göttin Herakles in die heftigsten Abenteuer, von denen sie selbst erstaunt ist, dass er sie lebendig übersteht. Der rettet damit nicht nur sich, sondern immer wieder auch viele andere Menschen, die von den jeweiligen Gefahren bedroht worden wären. So wird Herakles, der ja „dank“ seines wahren Vaters ohnehin Halbgott ist und damit Platz im Olymp haben dürfte, zum berühmten Helden.
Gegen die Gefahren für seinen Sohn kann der sich als GRÖGAZ (Größter Götter aller Zeiten) sich aufspielende Zeus nix ausrichten. Da ist seine Frau Hera offenbar dann doch die Größere. Auch das eine nette Sub-Botschaft. Sie will dem Halbgott auch den Einzug in den Olymp verwehren, erst als die Olympischen Götter von den Giganten bedroht werden, und sie da die Hilfe von Herakles ganz gut gebrauchen könn(t)en…
Aber als Herakles dann doch alle zwölf Aufgaben/Herausforderungen absolviert hat und könnte, da will der Held lieber nach neuen Zielen suchen…
Flottes Spiel aller Schauspieler:innen – egal in welchen der vielen Rollen -, Musik (Josch Russo), die Bühne, die von ihren Elementen immer gleich bleibt und lediglich durch die Videos und Licht sich verändert, die teils heftige Geräusch-Kulisse und er wieder immer wieder von Witz, Ironie und Gags durchzogene Text verschaffen einen vergnüglichen Theaternachmittag bzw. -abend (unterschiedliche Beginnzeiten). Und wie immer richten sich manche der Gags eher an erwachsenes (Begleit-)Publikum, etwa wenn von Zeus ausgehend mehrmals der Sager fällt „Wus sull dus?!“ (Parodie des Kabarettisten Alex Kristan eines angeblichen Satzes des im Vorjahr 70 Jahre gewordenen Fußballers Hans Krankl).
„Die Suche nach eigenen Zielen und nicht nach solchen, die andere vorgeben, das Dranbleiben, um selbst gewählten Ziele möglichst zu erreichen, hat mich an der Herakles-Geschichte interessiert“, sagt der Regisseur, der – wie in dieser Classics-for-Kids-Reihe auch immer das Buch schreibt – zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… nach einer der letzten Proben vor der Premiere.
Diese besagte Probe besuchte auch der elfjährige Emil. Und der vertraute KiJuKU an: „Ich hab die vielen Kämpfe von Herakles cool gefunden, dass er nicht aufgibt, auch wenn’s noch so schwer ist.“ Als aufsehenerregendste Herausforderung fand Emil den Kampf mit der vielköpfigen Hydra. Der ist – wie viele andere der Gewalttaten nicht wirklich zu sehen. Die Kämpfe spielen sich sozusagen abseits ab, wenn der Held gerade nicht auf der Bühne ist und das Geschehen durch Geräusche aus dem Off angedeutet werden. Die anschließenden kürzest zusammengefassten nachträglichen Erzählung lassen das Geschehen erahnen. In dem Fall erscheint Herakles mit einem der monströsen abgeschlagenen Köpfe im Zentrum der Bühne.
„Ein bisschen gruselig fand ich, wenn Zeus die Blitze aus dem Olymp geschleudert hat.“ Das ergibt jeweils einen Riesen-Donnerknall. Emil besucht, wie er erzählt, oft Theater. „Ich find’s cool, weil es live ist. Und die Schauspielerinnen und Schauspieler schaffen es immer, wenn ihnen ein Missgeschick passiert, dass es so ausschaut, als wäre es geplant.“ Wie er überhaupt wisse, dass dies oder jenes doch nicht so geplant war: „Mein Vater hat früher auch viel Theater gespielt.“
Von dem hat er sich auch einiges abgeschaut für eigenes Schauspiel bei Stücken in der Volksschule: „Da hab ich fast immer die Hauptrolle gespielt.“
„Ist da KI drin?“ ist als große Schrift – mit wechselnden Bildern im Hintergrund – auf der großen Wand zum Eingangsbereich der Ausstellung „Smart World – Wie künstliche Intelligenz unsere Welt verändert“ zu lesen. Der Bogen spannt sich von Bekanntem – Saugroboter, selbstfahrenden Autos, selbst lernende Gesichts-Erkennungs-Software und natürlich Chat GPT über weniger Bekanntes. Und die Ausstellung – insbesondere bei geführten Touren mit Vermittler:innen des Technischen Museums – bleibt nicht bei der technischen Dimension hängen.
Immer wieder werden die Schüler:innen einer vierten Klasse des Gymnasiums Wenzgasse (Wien-Hietzing), die Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… in der ersten Schulwoche des neuen Jahres (2024) begleiten darf, gebeten zu diskutieren, welche Fragen der Einsatz der einen oder anderen KI aufwerfe. Etwa als es ums autonome Fahren – vor einer großen hölzernen Auto-Silhouette – geht. Wer ist bei einem eventuellen Unfall schuld? Wonach entscheidet die KI, wenn an einer Abzweigung auf der einen Straße ein Hund auf der anderen eine Katze quert und das Fahrzeug für ein rechtzeitiges Bremsen zu schnell unterwegs ist?
Da Programme ja anhand von Millionen von Daten bzw. Texten lernen, bauen sie dann auf vorhandenen Diskriminierungen auf? Aktuell waren ja gerade die Berufsempfehlungen des AMS-Infomaten genau deswegen in Diskussion.
Die meisten der Schüler:innen haben Chat GPT zumindest schon einmal ausprobiert. „Ich habe auch für eine Hausübung die Aufgabe bei Chat GPT eingegeben. Aber ich hab mich dann nicht getraut das so zu verwenden, weil die Formulierungen nicht so geklungen haben, als hätte das eine 13-Jährige geschrieben“, meint Mia Mende. „Außerdem hab ich dann noch im Internet auf anderen Seiten zum selben Thema gesucht. Und alles zusammen dann einfach als Quelle und Basis genommen und davon ausgehend meinen eigenen Text geschrieben.“ Und die Art wie sie das sagt, wirkte nicht so, als würde sie einfach eine erwünschte Antwort geben. Es schwang gleich eine gewisse Skepsis gegenüber der KI-Antwort mit.
Die Lehrerin gab allerdings zu, dass sie von Chat GPT gelieferte Hausübungen, obwohl darauf sensibilisiert, wahrscheinlich nicht immer erkennen würde.
Vieles was in der Ausstellung gezeigt und angesprochen wurde, war den Jugendlichen schon bekannt. „Das meiste haben wir schon in digitaler Grundbildung besprochen, aber es war, interessant wie die Zusammenhänge erklärt worden sind, insbesondere das mit der Gesichtserkennung“, lobt Aleksandr die Führung. „Am spannendsten fand ich die Station wo wir selber was machen konnten – das mit den Zahlen erkennen.“ Damit spricht er die schematische Darstellung neuronaler Netze an. Auf der einen Seite gibt es 20 Felder, die einzeln aktiviert werden können, auf der anderen leuchtet dann auf, welche der Ziffern von 0 bis 9 sich daraus ergeben. Das heißt eigentlich ist die Herausforderung umgekehrt: Welche der Felder musst du drücken, damit hinten ein 5er, 9er oder was auch immer aufleuchtet. Es war jene Station, bei der sich die meisten am längsten in der Ausstellung aufhielten. Manche auch an der Station mit uralt-Computerspielen.
„Nicht alles war mir bekannt; die Zahnbürste, die prüft und Rückmeldung gibt, ob mit dem richtigen Druck und lange genug geputzt wird, war für mich neu. Die fand ich spannend“, sagt Liam im Erdgeschoß knapp vor dem Ein-/Ausgang des Museums. „Interessant war auch das mit den menschlichen Masken für Roboter“, meint er weiter. Auf die Frage, was an KI ihm im Alltag begegne, fällt ihm als erstes ein: „Wenn ich auf Social Media oder im Internet was suche oder Videos anschaue, dann tauch sofort die dazu passende Werbung auf. Mir ist auch komisch vorgekommen, dass das sogar passiert, wenn wir in der Familie über irgendwas geredet haben. Jetzt hab ich bei Gesprächen einfach Siri abgedreht. Und ich schau auch auf meine Privatsphäre-Einstellungen in sozialen Netzwerken.“
Apropos Foyer. Gleich nach dem Eingang tummeln sich übrigens viele seiner Kolleg:innen bei der Rutsche, die die Geschwindigkeit misst und automatisch Fotos aufnimmt. Über das Display vor der metallenen Röhre können die Bilder per eMail verschickt werden. Die Jugendlichen, die gar nicht so sehr auf die angezeigten km/h schauen, sondern viel mehr großen Spaß am Rutschen haben und ausprobieren, wie’s ist, zu zwei oder gar zu viert auf einmal runterzusausen, zücken aber viel mehr ihre Handys um Fotos von den Fotos auf dem Display zu machen 😉
Zwischen zwei großen Stofftüchern mit einigen aus aufgemalten Rissen rausschauenden Kugel-Augenpaaren, einem Mikrofonständer und einem kleinen Tischchen taucht er auf – Tim Becker. Zwei Stunden lang holt er hinter den Stoffbannern seine Bühnenpartner:innen hervor, meist plüschige Tiere und Figuren. Denen verleiht er seine „Bauch“-Stimme. Erstmals mit einem Soloprogramm in Österreich eröffnete er mit „Die Puppen, die ich rief“ das diesjährige Satirefestival im Theater Forum Schwechat (übrigens wenige Gehminuten von der S-Bahnstation entfernt und diese nur ¼-Stunde von Wien-Mitte erreichbar).
Gleich die erste „Puppe“ ist eine eher ungewöhnliche, ein sprechender Donut. In der Folge unterhält sich Becker auch mit einer Punk-Ratte, einem pinken Pony, einem aus dem Hut „gezauberten“ grantigen weißen Hasen, einem allerdings sehr klischeehaften Alt-Hippie und so manch anderen. Natürlich sind leichte Mundbewegungen zu merken, dennoch verleiht er rasch die Illusion, die plüschigen „Komplizen“ würden sprechen – in unterschiedlichsten Akzenten und Stimmungen, nicht selten auch böse gegen ihren Herrn und Meister. Wie gut er sein Metier beherrscht, stellt er gegen Schluss unter Beweis, als er mit einer Art zahnärztlicher Mundsperre die Lippen einige Minuten dauerhaft weit aufspreizt und ein aus Papier gefaltetes Himmel- und Hölle-Spiel sogar einen Zungenbrecher sprechen lässt.
Zwei Mal holt er im Laufe der Show auch Menschen aus dem Publikum auf die Bühne, um mit einer Puppe bzw. miteinander in den Dialog treten zu lassen – und natürlich immer die Stimme aus seinem Bauch holt. Der Dialog zwischen Mensch mit Puppen-Teilmaske und Figur funktionierte dabei besser, weil es phasenweise so wirkt, als würden wirklich die beiden miteinander reden und Becker gar nicht da sein.
Das Programm baut er ein wenig um seine eigene Lebensgeschichte auf – vom Zoo-Händler über Zauberer bis zum Bauchredner. Vieles davon echt, wenngleich natürlich (ein wenig?) künstlerisch verpackt (mehr dazu im Interview – unten verlinkt). So hatte er tatsächlich als 16-jähriger Zauberer einen Auftritt in einer TV-Talk-Show mit Arabella Kiesbauer. Weil er als junger Magier bekannter werden wollte, suchte er nach Themen von Talk-Shows, wo er sich einbringen könnte… Allerdings wurde der Trick der schwebenden Kugel am Ende dann doch nicht ausgestrahlt. Das holt er in der Live-Show nach – einer der wenigen Zaubertricks, die noch in der Show zu sehen sind.
In der Pause des Eröffnungsabends des diesjährigen Satirefestivals im Theater Forum Schwechat durfte Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… den Bauchredner Tim Becker interviewen.
KiJuKU: Wieweit ist die Geschichte über die du erzählst echt?
Tim Becker: Natürlich sind ein paar Gags gebastelt, aber dass ich Einzelhändler gelernt und in einer Zoohandlung gearbeitet habe und das Tagebuch, natürlich auch ein bisschen interpretiert, aber die Story ist im Grunde genommen echt.
KiJuKU: Wie kamst du dann dazu, Bauchredner zu werden und Zauberei? Oder war das schon vorher dein Traum und deine Eltern haben gesagt, lern zuerst einmal etwas wo du davon leben kanst?
Tim Becker: So ähnlich. Ich hab als Kind immer Zaubertricks gemacht aus einem gekauften Zauberkasten. Ich hab bald Auftritte auf Hochzeitsfeiern und so gehabt, das hat sich dann immer weiter entwickelt. Dann hab ich den Beruf Einzelhandelskaufmann erlernt und nebenher immer Auftritte als Zauberer gehabt, irgendwann kam auch Bauchreden dazu.
KiJuKU: Wie kamst du auf diese Idee?
Tim Becker: Ich fand das sowieso schon immer cool. Als Kind hab ich Muppets-Show geguckt. Dann gab’s so Anleitungen, die man kaufen konnte. Dann hab ich das ausprobiert und mir nach und nach zum größten Teil selber beigebracht. Bald haben Leute angerufen und mich gebucht, aber sie wollten weniger die Zauberei, sondern mehr mich mit den Puppen sehen.
KiJuKU: Das war schon mit Puppen, die wir heute gesehen haben und noch sehen werden?
Tim Becker: Nein, das waren andere, ein Papagei und andere, die ich in einem Spielzeugladen gekauft habe. Die jetzigen sind ja eigene Anfertigungen. Irgendwann hat mir das mehr Spaß gemacht und war erfolgreicher, so hab ch den Fokus in meinen Shows verlegt. Irgendwann war’s so viel, dass ich gesagt hab, ich mach mich selbstständig.
KiJuKU: Das heißt, du hast dann im Zooladen gekündigt?
Tim Becker: Ja, das ist jetzt zehn Jahre her. Davor hab ich nur mehr halbtags dort gearbeitet, um Shows zu spielen. Aber mir hat dann ein befreundeter Zauberkünstler, der schon gut im Geschäft war und ist, gesagt: Du musst dich entscheiden – so halb und halb, das geht nicht gut, du hast Talent; Entweder du machst das jetzt richtig, oder es wird nie wirklich was. Dann hab ich’s gemacht!
KiJuKU: Du hast deine Show immer selber entwickelt – oder gemeinsam mit anderen?
Tim Becker: Die Gags denk ich mir selber aus, ab und zu schreibt ein Freund von mir noch mit. Wenn ich dann so ein Grundgerüst hab, dann geh ich zum Regisseur – Archie Clapp bei diesem Programm.
KiJuKU: Die Puppen fertigst du selber an?
Tim Becker: Nein, lass ich machen.
KiJuKU: Aber du hast die Idee, ich will so eine schräge Ratte, so einen nicht ganz so sympathischen Hasen…
Tim Becker: Genau und mit meinen Ideen geh ich erst mal zu einem Comic-Zeichner, weil man da noch besser Änderungen vornehmen kann. Ich hab ja so Bilder der Figuren im Kopf, ich kann aber nicht gut zeichnen. Diese Bilder hat der andere ja nicht. Nach meinen Änderungswünschen geht’s zum professionellen Puppenbauer.
KiJuKU: Arbeitest du mit verschiedenen oder immer denselben und sollten die nicht auch genannt werden, die Puppen sind ja weit mehr als Requisiten?
Tim Becker: Das ist momentan Dirk Heimes aus Oberhausen.
KiJuKU: Wie bist du für diese Show genau auf diese Charaktere gekommen?
Tim Becker: Das sind mein drittes Soloprogramm…
KiJuKU: … aber es sind ja vielleicht nicht immer die selben Figuren?
Tim Becker: Es ist so ein bisschen ein Best of plus was Neues. In den anderen war’s immer mehr Story drumherum, jetzt wollt ich mal ein persönlicheres machen, quasi die große Tim-Becker-Show mit meinen Gästen. Wobei ich für meine Shows immer Vorpremieren habe mit noch mehr Puppen und schau, was gut funktioniert und dann lass ich die eine oder andere weg.
KiJuKU: Wie lange spielst du dann ein Programm?
Tim Becker: Meist so zwei, drei Jahre, je nachdem wie Theater das dann buchen wollen.
KiJuKU: Spielst du manches Mal auch noch das eine oder andere der älteren Programme?
Tim Becker: Das hab ich eine Zeitlang gemacht, aber jetzt dann nicht mehr.
KiJuKU: Du sagst am Anfang, dass das zwar deine erste Show in Österreich ist, aber du schon vorher hier Auftritte hattest?
Tim Becker: Das war so im Rahmen von Mixed-Shows mit anderen Künstler:innen mit Teilen aus Programmen also zum Beispiel der Donut, der Hase und die Ratte. Die drei sind auch in jedem meiner Soloprogramme dabei. Das sind die Publikumslieblinge.
KiJuKU: Das sind sozusagen die Dauergäst:innen?
Tim Becker: Meine Signature-Acts.
KiJuKU: Wie bist du auf den Donut gekommen?
Tim Becker: Das ist eine Puppe aus Amerika, so ein Spielzeug. Das hab ich gesehen und sofort Ideen dazu: Das ist ja super, ein sprechendes Lebensmittel. Im vorigen Programm hatte ich ein Ei, das sich mit dem Donut unterhalten hat.
KiJuKU: Du sagst am Anfang, dass du sehr nervös bist. Ist das echt oder gespielt?
Tim Becker: Schon gespielt.
KiJuKU: Und der Fehler, wo du im Gespräch mit dem bösen Hasen den Witz versemmelst und dann vor lauter Lachen fast nicht mehr weiterkommst, ist das auch gespielt?
Tim Becker: Naja, wenn das so rüber kommt, ist’s ja gut.
Izzy will Kaffee trinken. Kaum steht das im Lokal servierte Häferl mit der ersehnten Flüssigkeit auf dem Tisch, beginnt der Kaffee zu schwabbeln, als gäbe es ein Erdbeben oder würde Izzy sich auf einem Schiff befinden. Alles andere steht jedoch still, ist stabil – also Irritation Nummer 1.
Doch es wird gleich noch schräger: Izzy will nach der Tasse greifen, doch siehe da, bevor die Hauptfigur dieses Animationsfilms noch trinken kann, verwandelt sich die Tasse in einen Donut!?
Neue Bestellung, neuer Versuch, neues Glück. Schmäck’s – oder denkste, je nach sprachlicher Färbung und Vorliebe. Jedes Mal wird aus dem Häferl (der Tasse) das kreisrunde Gebäck mit dem Loch in der Mitte.
Genau Letzteres lüftet sozusagen das Geheimnis hinter der Verwandlung. Auch das Häferl – mit Henkel – ist ein Objekt mit Loch. Hätte die Tasse keinen Griff, oder dieser keine Öffnung, ja dann würde diese Transformation nicht gelingen. Exakt um diese (strukturellen) Gemeinsamkeit geht es – Izzy, sozusagen mit „Vorname“ Dizzy (schwindelig) – landete wie die Stimme der Erzählerin (auf Englisch) erklärt, in der Welt der mathematischen Topologie. (Wobei Topologie aus dem Altgriechischen Topos kommend, was im Deutschen nur für Ort steht, eine Vielzahl von Bedeutungen in unterschiedlichsten Feldern hat: Von der Geografie über die schon erwähnte Mathematik bis zu Physik, Chemie, Biologie, Technik (Elektronik, Anordnung der Neuronen in einem künstlichen neuronalen Netzwerk), Philosophie und nicht zuletzt auch in der Kunst.
Wegen der zuerst sowie zuletzt genannten Disziplinen – Mathe und Kunst – kam es überhaupt erst zu jener Zusammenarbeit an deren Ende der nicht ganz achtminütige Film (samt langem Abspann mit vielen Beteiligten) „Dizzy Izzy“ steht. Dieser hatte in der zweiten Woche des neuen Jahres (2024) zunächst die inoffizielle Weltpremiere im Wiener Kulturzentrum Viktoria (15. Bezirk, Rudolfsheim-Fünfhaus) und tags darauf die offizielle Uraufführung im Linzer Kino Moviemento am Platz des Offenen Kulturhauses.
Auf der einen Seite stand die Arbeit „Topologien künstlerischer Forschung” von Sarah Kolb. Auf der anderen ein Team der Kunstuni Linz, das sich in wechselnden Besetzungen schon seit gut zehn Jahren der künstlerisch-filmischen Umsetzung wissenschaftlicher Themen aus unterschiedlichsten Disziplinen widmet und diese „alt narratives I Cinematic Communication Of Scientific Research“ nennt. Alternative Erzählungen, um meist hochkomplexe – unterschiedlichste – Forschungs- bzw. Wissenschaftsbereiche anders, vor allem verständlich(er) zu vermitteln. Und dafür eben das Medium Film wählt(e).
Im ersten „alt narratives“-Film „Maybe Palermo“ wurden in einer filmischen Taxifahrt Polyphosphazene erklärt – vereinfachend gesagt ein Mix aus anorganischen und organischen Polymeren vor allem mit Einsatzgebiet Medizin. Damit gewann das Team den „Goldenen Delfin“ in Cannes bei den Medien- und TV-Awards (2016).
Zurück zur/m verwirrten Izzy, einer bewusst non-binären Hauptfigur. Schon im Café hingen an der Wand zwei Bildern, die ebenfalls diese Veränderbarkeit der künstlerischen Topografie darstellen: Eine Möbius-Schleife (ein in sich verdrehtes Band, das damit kein Außen und kein Innen hat – sehr gut zu sehen im Titelbild einer Reportage über „Forschen statt Faken“ vom Science Center Netzwerk – Link am Ende des Beitrages) und Banksys „Mädchen mit Ballon“.
Nachdem das mit dem Kaffee nix wird und Izzy mit Donuts schon mehr als vollgestopft ist, geht’s also raus und weiter auf die Suche nach Trinkbarem.
Unterwegs trifft die Hauptfigur auf eine Frau, die einen Mann auf allen Vieren an der Leine, zieht, was an die bekannte Performance von Valie Export und dem im Vorjahr verstorbenen Peter Weibel erinnert (Februar 1968 in der Wiener Innenstadt „Aus der Mappe der Hundigkeit“). Der Weg selber ist ein Möbius-Band – wie nun da rauskommen? Izzy hat die Topologie ge-checkt, setzt auf Transformation, bläst einen Kaugummi auf und schwebt davon wie Banksys Luftballon-Girl.
Und trifft später unter anderem auf Yayoi Kusamas gelben Kürbis, Rirkrit Tiravanijas Bild „Pad Thai“, wo sich was auch immer in schier unendliche Nudeln verwandelt, oder auf Marcel Duchamps „Brunnen“, ein Urinal, das der Künstler zu einem dreidimensionalen Kunstobjekt gestaltete. Und Izzy setzt sich mit Marina Abramović an den Tisch im Bild „The Artist is present“. An dem übrigens einige der Figuren und Objekte aus anderen Kunstwerken ebenfalls Platz nehmen.
Die schon genannte künstlerische Forscherin oder forschende Künstlerin Sarah Kolb ging mit dem Kernteam dieser Sparte an der Linzer Kunstuni – Andre Zogholy, Marlies Hajnal als Projektleiter:innen sowie Shari Ehlers und Thomas Guggenberger als Regisseur:innen und anderen in zweitägige Klausur. Das Thema wurde hin und her gewälzt, erörtert, auf Erklärbares runtergebrochen. Und dann stand die Frage: Wie filmisch umsetzen. Die vorherigen „alt narratives“ waren meist mit realen Personen, die Szenen spielen. Animation – und Wimmelbild mit Rein- und Rauszoomen war die erste Idee – so bei der Erstpräsentation in Wien, an der Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… teilnahm.
Also fragte das Team die Mit-Absolventin die Studiengangs Zeitbasierte und Interaktive Medienkunst, Lisa Prast an. Die zeigte sich skeptisch angesichts der Wimmelbild-Idee: „Schwierig etwas so digital zu zeichnen, dass es sowohl sehr klein als auch dann herangezoomt groß gut ausschaut“, verrät sie dem Journalisten.
Also dann „nur“ Animationsfilm. Die schon bisher Genannten schrieben das Drehbuch, die nun ins Boot geholte Animationskünstlerin baute darauf aufbauend das Storyboard, das sie mit allen Beteiligten immer wieder absprach und dann ging’s ans digitale zeichnen. Anton Vertipolokh schuf Musik, Alex Siegl steuert das Sound Design bei und Christopher Hüttmansberger übersetzt alle Texte auf Englisch – der Film soll international bei Festivals laufen und Lena Blessing sprach diese Texte der Erzähl- und Erklärstimme ein.
Und weil der Film eben zu Festivals soll, kann auch noch nicht – wie auf die anderen Filme – verlinkt werden; der entsprechende Kunstuni-Link ist unten in der Infobox zu finden.
„Wenn aus einem alten Nähkasten mit aufklappbaren Fächern das Segelschiff von Christopher Columbus wird, wenn die kleine Figur mit dem uralten Teddy-Bären verstecken spielt oder Letzterer zum einzigen Freund des einsamen Buben wird – dann finden auch Kinder unmittelbare Anknüpfungspunkte in der fantasievoll umgesetzten Lebensgeschichte des Puppenspielers Heini Brossmann.“ Das schrieb ich 2018 damals noch für den Kinder-KURIER. Heini Brossmann – das ist (auch) Figurentheater „Trittbrettl“. Die eingangs zitierten Sätze beziehen sich auf die Besprechung des Stücks „Sonnenschein und Regen“ und das wiederum ist eine Zeitreise in die Kindheit des Künstlers und vor allem zum Ausgangspunkt, wie er dazu kam, Puppenspieler zu werden.
Brossmann und Trittbrettl feiern heuer runde Jubiläen: Er selbst wird im Sommer 70, das Theater eigentlich schon 42 Jahre (1982 gegründet), „aber zwei Jahre Pandemie mit praktisch keinen Auftritten zählen ja nicht. Und dann kommt noch ein drittes Jubiläum hinzu. „Schon als Jugendlicher hab ich mit einer selber zusammengebauten einfachen Bühne und eigenen Figuren gespielt, sozusagen linkes Kasperltheater beim Volksstimmefest im Prater“, erzählt Heini Brossmann zwischen Pressbaum und Tullnerbach Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… „So hab ich zehn Jahre mehr Berufserfahrung, also feier ich auch noch 50 Jahre Puppenspiel-Praxis.“
Wobei Heini Brossmann einige Jahre seine Leidenschaft nicht hauptberuflich ausübte. Nach der Chemie-HTL in der Wiener Rosensteingasse, spezialisierte er sich auf Umwelt-Forschung, heuerte beim Limnologischen Institut in Wien an und begann mit Nährstoff-Analyse vor allem des Neusiedler Sees. Erkenntnis: Der Ortho Phosphor-Gehalt hat sich in den zehn Jahren seiner Mess-Serien verzehnfacht, Nitrat-Verseuchung im Grundwasser… Die Erkenntnisse zeitigten auch Abhilfe-Folgen wie Ring-Leitungen und Klärschlamm-Reinigung. Allerdings wurde der Umweltchemiker zwei Monate vor seinem zehnjährigen Dienstjubiläum gekündigt.
Das – mit Fakten aus der Wissenschaft untermauerte – Engagement in Umweltfragen blieb – und fand auch Eingang in eines der vielen Stücke Brossmanns für sein Theater „Trittbrettl“. In „Fervahren“ klagen Affen stellvertretend für die gesamte (belebte) Umwelt die Menschheit für deren zerstörendes Verhalten an. Dabei setzte der Puppenspieler auch Masken und Schauspiel ein; Treppenwitz: Das Publikum muss die Rolle von Geschworenen im Gerichtsprozess Affen vs. Menschen einnehmen! Und das schon vor gut 20 Jahren.
Nach den ersten Jahren mit der eigenen zusammengezimmerten Bühne, spielte er beim „Praterkasperl“, arbeitete intensiv bei Arminio Rothsteins „Clown Habakuk“ sowie mit verschiedenen anderen Bühnen insgesamt zehn Jahre für ORF-Sendungen mit, gründete das Figurentheater Lilarum mit, das er auch drei Jahre begleitete. Brossmann entwickelte gemeinsam mit Klaus Haberl als „Heini & Klaus“ auf Einladung der Wiener Festwochen das Stück „Es führt kein Weg vorbei am Eigenen“ im Rahmen der Reihe „offener Karlsplatz 1982“, ein Stück Straßentheater mit Puppen. Richard Weihs gesellte sich – mit Live-Musik – zum Duo. Schließlich kommt’s zur Gründung von „Trittbrettl“ – in unterschiedlichsten personellen Konstellationen, aber immer mit dem Fixpunkt Heini Brossmann – samt Berührungspunkten mit anderen Figurentheatern Österreichs – ob in Wien, Linz oder Vorarlberg.
Die Bandbreite der gespielten Stücke reicht von Dramatisierungen von Bilderbüchern „Von der Prinzessin, die sich um alles in der Welt den Mond wünschte“ (nach James Thurbers „Ein Mond für Leonore“) oder „Florians wundersame Reise über die Tapete“ (nach dem gleichnamigen Bilderbuch von F. K. Ginzkey) über Klassiker wie „Don Quijote“ oder „Die drei Rätsel“ nach einer japanischen Legende, „Der zur Sonne ging oder Narbengesicht“ nach einer Geschichte Indigener in Amerika (landläufig indianisch genannt) bis zu eigens ausgedachten wie „Das Kroko dickes Dil“ (nach seiner Idee hatte Heinz R. Unger das Stück geschrieben) oder „Kasper aus der Kiste“.
Neben Stücken für Kinder entwickelte der Künstler auch ein paar für Erwachsen, u.a. „Adam – Eine Reise durch ein männliches Unterbewusstsein“ oder „Kappl und Knapp – zur freien Marktwirtschaft“; Letzteres ausnahmsweise ohne Figuren.
Die Figuren für die Stücke von Theater Trittbrettl baut – seit 1994 – Peter Cigan von der Hochschule für Puppenspiel in der slowakischen Hauptstadt Bratislava.
… und die darin verarbeiteten Gründe für die Anfänge als Puppenspieler. Auch wenn sein Vater es lieber gesehen hätte, dass er mit Bällen statt mit Puppen spielt, räumt er dem Vater eine – indirekt – wichtige Rolle für die Wahl des Jugendlichen ein. Die Großmutter hatte dem 8-Jährigen ein Kasperltheater mit drei Handpuppen – Zauberer, Räuber und eben Kasperl – geschenkt. Der Vater, erst Elektriker, dann Filmvorführer und schließlich Kameramann, der erste Dokus in Afrika drehte, hat Heini ein Tonbandgerät samt einer Kiste voller Tonbänder vererbt. Auf einem, das noch funktioniert, fand sich die Aufnahme eines Gedichts des damals sechsjährigen Heini. Das spielt er im genannten Stück auch ab, womit der nicht mehr ganz junge Puppenspieler auf der Bühne seiner eigenen Kinderstimme begegnet.
„Aus einem kleinen Kameraobjektiv und Matador-Bausteinen bastelte Brossmann die Figur seines Vaters. Der Teddy, den er als Kind offenbar als engen Freund hatte, begleitet ihn die meiste Zeit auf der Bühne. Und fast sämtliche Objekte, die er bespielt oder mit denen er spielt stammen ebenfalls aus seiner Kindheit. Mit vielen davon baute er sich seine Fantasie- und Theaterwelten, auch wenn er immer wieder dann „aufhören musste, wenn’s am Schönsten ist“ wie er mehrfach im Stück sagt, weil er gerufen wird, aufräumen muss usw.“ (aus dem schon eingangs zitierten Bericht im KiKu).
Abschließend sei noch das Ende des Kinder-KURIER-Artikels über „Sonnenschein und Regen“ zitiert, das auch für so manch andere der „Trittbrettl“-Stücke gilt: „Fantasievolles Plädoyer, zu den eigenen jungen Leidenschaften zu stehen und Unkenrufen zum Trotz den eigenen Weg zu gehen.“
Kinderspiele – Verstecken, Krippenspiel, ein (riesiges) Papierschiff falten, über Landkarten segeln, hoch und höher schaukeln … – und doch liegt über all der spielerischen Leichtigkeit ein Hauch von Düsternis, gepaart mit sarkastisch wirkenden Sprachspielen. Den immer näher kommenden Hauch des Todes, den die Kinder seinerzeit erst erahnten, dann immer näher kommend verspüren mussten, hatte Ilse Aichinger in ihrem Roman – viel zu wenig bekannten – „Die größere Hoffnung“ (erste Fassung 1948, von der Autorin selbst überarbeitete 1960) in Worte gefasst. Diesen Mix aus immer näher kommender Katastrophe, die nach und nach Kinder mit „falschen Großeltern“ aus dem Kreis der Freund:innen holten mit doch noch immer teils heiterem (Kinder-)Spiel gibt es seit Kurzem – und leider viel zu selten – in einer sehr bewegten und bewegenden Bühnenversion im niederösterreichischen Landestheater St. Pölten.
Die freie Regisseurin Sara Ostertag hat mit der Haus-Dramaturgin Julia Engelmayer behutsam, praktisch nur aus Originaltexten– samt Einhaltung der Kapitelabfolge – und genau im Sinne und Stile Aichingers die Spielfassung erarbeitet. Die rhythmische Sprache des Romans hebt die phasenweise auch direkt ins Schauspiel eingebettete Musikerin Mira Lu Kovacs hervor, unterstreicht sie – ob auf der Bühne oder die meiste Zeit in der Loge rechts von der Bühne (vom Publikum aus gesehen) in einer Art Studio; besonders auffällig dabei, wenn sie mit einem Geigenbogen die Gitarrensaiten streicht.
Dass das Versteck-Spiel auf dem Friedhof stattfindet, ist nicht nur Metapher dafür, dass viele dieser Kinder in absehbarer Zeit massenweise ermordet werden, sondern spricht auch an, dass sie als Jüd:innen in Parks nicht spielen durften. Diese Episode hatte Aichinger in einem kurzen Prosastück „Das vierte Tor“ schon Anfang September 1945 im „Wiener Kurier“ veröffentlicht – und hat sie in der Folge zum Kapitel „Das heilige Land“ im Roman ausgebaut. In der kurzen Urversion hatte sie unter anderem die Frage an die Kinder eingebaut: „Ja, habt ihr denn gar keine Angst vor den Toten?“ mit der schlagfertigen, erschütternden Antwort: „Die Toten tun uns nichts!“
Ob Herbergs-Suche im Krippenspiel oder spielerischer Streit mit dem Konsul um ein Visum für das Entkommen, ob Schaukeln auf alten an Ketten hängenden metallenen Booten (übrigens original aus dem Jahr 1948) – natürlich wissen alle, die das Stück heute anschauen – ebenso wie die Autorin es zum Zeitpunkt des Schreibens wusste, dass für die meisten dieser Kinder ihr eigener viel zu früher Tod oder jedenfalls der Verlust vieler ihrer Verwandten am Ende stand. Und dennoch strahlen diese Kinder, die von den erwachsenen Schauspieler:innen sehr glaubhaft verkörpert werden, zumindest eine trotzige Lust am Spiel aus. Immer wieder auch mit einem kräftigen Schuss Sarkasmus.
Dazu zählt sicher auch der Streit zwischen Julia, die ein Visum für die Schiffs-Passage in die USA bekommen hat und Ellen, die bleiben muss. Erstere wirft Zweiterer vor, sie darum zu beneiden, weil sie das „größere Abenteuer“ haben werde. „Das größere Abenteuer werde ich haben!“, kontert Ellen.
Einerseits, um sich vielleicht selber – trotz alledem – noch etwas Mut zu machen, andererseits, tiefschürfende Wahrheiten zu erkennen – und „nebenbei“ ein Wort- und Gedankenspiel kommt treffend im folgenden Zitat zum Ausdruck:
„Die geheime Polizei hat Angst.“
„Klar“, sagte Anna. „Die geheime Polizei ist Angst, lebendige Angst – weiter nichts.“ Der Glanz in ihrem Gesicht vertiefte sich.
„Die geheime Polizei hat Angst!“
„Und wir haben Angst vor ihnen!“
„Angst vor der Angst, das hebt sich auf!“
Natürlich geht’s unter den Kindern auch nicht immer nur harmonisch zu, Streit, wer welche Rolle im Krippenspiel übernehmen darf oder Debatten darüber, was der Stern bedeutet. Während die einen ihn schon als Zeichen des Todes deuten, will ihn Ellen eher als Auszeichnung betrachten. Diese Protagonistin Ellen wird übrigens immer wieder von einer anderen Schauspielerin (Caroline Baas, Bettina Kerl, Julia Kreusch, Laura Laufenberg) dargestellt – ohne aber je zu verwirren. Die vier schlüpfen – ebenso wie ihre Kollegen Tobias Artner, Lennart Preining und Michael Scherff – jeweils in viele Rollen – nicht nur der Gruppe der spielenden Kinder, sondern auch in die von Erwachsenen, wie Ellens Mutter, Großmutter, Vater, Konsul, Soldat, Verkäuferin und weitere.
„Bin ich ein Fremder, weil mein Haar schwarz und gekraust ist, oder seid ihr Fremde, weil eure Hände kalt und hart sind? Wer ist fremder, ihr oder ich? Der hasst, ist fremder, als der gehasst wird, und die Fremdesten sind, die sich am meisten zu Hause fühlen!“
Aus dem Roman „Die größere Hoffnung“ von Ilse Aichinger
Hat Aichinger – und damit die Bühnenversion – natürlich den Holocaust und in dem Fall vor allem dessen frühe Auswirkung auf Kinder im Fokus, so deutet das Stück – mehr noch als auch schon der Roman – eine darüber hinaus reichende Gültigkeit an. Die „falschen“ Vorfahren zu haben, ein Visum nicht zu kriegen, jene, die es kriegen, kommen davon, die anderen müssen bleiben… Kinder, die selbst unter heftigsten Bedingungen spielen wollen und können – und dadurch vielleicht trotz der Ahnung und des Wissens um ihren eigenen viel zu frühen Tod „größere Hoffnung“ versprühen, oder wenigstens möglich erscheinen lassen.
Auf der Wiener Schwedenbrücke von der Leopoldstadt (2. Bezirk) in die Innere Stadt (1. Bezirk) kann – in dieser Richtung auf der linken Seite – gehend ein Gedicht gelesen werden. „Winterantwort“ von Ilse Aichinger. In den wenigen Worten, die ausdrucksstarke Bilder vor den geistigen Augen hervorrufen, drückt sich nicht zuletzt ihre Kritik an der ersten vermeintlichen, oberflächlichen Wahrnehmung aus. Und die Erinnerung an ihre Großmutter.
Am 6. Mai 1942 hat die damals 21-jährige Ilse Aichinger diese sowie ihre Tante und ihren Onkel zum letzten Mal gesehen – auf einem offenen LKW wurden die drei Verwandten zusammen mit anderen Jüd:innen aus einem Sammellager im 2. Bezirk zum Aspangbahnhof gebracht, von wo aus sie ins Vernichtungslager der Nazis in Maly Trostenez (bei Minsk) verfrachtet und dort ermordet wurden.
Der Roman der Schriftstellerin „Die größere Hoffnung“ wird derzeit – zu selten – in einer äußerst sehens- und erlebenswerten Dramatisierung in St. Pölten im NÖ Landestheater gespielt – Link zur Stückbesprechung am Ende dieses Beitrages. Die in Metall geschnittenen Buchstaben (Installation: Elisabeth Eich, Schwiegertochter Aichingers) wurden fünf Jahre nach dem Tod der Schriftstellerin anlässlich der 100. Wiederkehr ihres Geburtstages (1. November 2021) angebracht.
Ilse Aichingers Zwillingsschwester Helga konnte übrigens dem Nazi-Regime im Rahmen eines der Kindertransporte knapp vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs nach England entkommen – für Ilse selbst gab es keinen Platz. Sie konnte mit viel Glück in Wien überleben.
„Winterantwort: Die Welt ist aus dem Stoff, der Betrachtung verlangt: Keine Auge mehr, um die weißen Wiesen zu sehen, keine Ohren, um im Geäst das Schwirren der Vögel zu hören.
Großmutter, wo sind deine Lippen hin, um die Gräser zu schmecken, und wer riecht uns den Himmel zu Ende, wessen Wangen reiben sich heute noch wund an den Mauern im Dorf?
Ist es nicht ein finsterer Wald, in den wir gerieten?
Nein, Großmutter, er ist nicht finster, ich weiß es, ich wohnte lang bei den Kindern am Rande, und es ist auch kein Wald.“
Die beiden Nachbarsbuben Florian und Moritz, praktischerweise im Gleichklang abgekürzt Flo und Mo, sind befreundet und machen es sich im Baumhaus von Ersterem gemütlich. Und weil ihnen langweilig zu werden droht, gründen sie – so hat sich’s die Autorin Susa Hämmerle ausgedacht – ein Detektivbüro. Damit die anderen erfahren, dass sie auf Fälle warten, die sie lösen könnten, malen sie ein Schild mit Pfeil zu ihrem Baumhaus.
Apropos malen: Die leicht lesbare Geschichte hat auch ganz schön viele bunt Bilder, gezeichnet und gemalt von Carola Holland.
Der erst Fall ist kein wirklich solcher. Florians Mutter sucht ihre „verschwundene“ Sonnenbrille. Da ist nicht sicher, ob die beiden sich nicht ein wenig verschaukelt vorkommen 😉
Aber dann, abends, als sie die Strickleiter vom Baumhaus runterklettern, hören sie Rascheln im Gebüsch und Schmatzen. Das muss wohl ein Monster sein, heißt doch das Buch auch „Mo & Flo auf Monsterjagd“. Flo träumt – in seinem Bett im elterlichen Haus – davon, fertigt sozusagen Fahndungs-zeichnungen an und …
… die Spannung nimmt die nächsten der fast 60 Seiten zu.
Und findet am Ende natürlich eine (Auf-)Lösung, eine ziemlich natürliche. Dennoch bleibt die Frage, ob die Autorin da nicht noch eine – für die Leser:innen zu lösende – Detekvigeschichte verpackt hat – Stichwort Schale mit Eigelb 😉
„Unspielbares“ auf die Bühne zu bringen, die Zweite. Nach der gelungenen Dramatisierungen von Teilen aus den autobiographischen Texten Thomas Bernhards vor einem Jahr, steht nun Verdichtetes aus den Tagebüchern von Franz Kafka (sein Todestag jährt sich heuer zum 100. Mal), angereichert um Kürzest-Auszüge aus einigen seiner Werke sowie aus Briefen auf dem Spielplan des Theaters der Jugend in Wien, Titel „Im Panoptikum des Franz K.“. Im kleineren Haus, dem Theater im Zentrum, stehen die letzten Tage der siebenwöchigen höchst intensiven Proben auf dem Programm.
Geprobt wird beim Lokalaugenschein von Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… am Vorabend des Drei-Königs-Feiertags eine Szene nach Kafkas Blutsturz im Spätsommer 1917, deren Aufzeichnung er in den Tagebüchern mit Szenen aus seinem Prosatext „Der Landarzt“ verknüpft. Und die nicht zuletzt auch jenen Teil seiner vielen Tagebucheintragungen widerspiegelt, in denen ihm gar nicht so viel am eigenen Leben liegt.
Die Groteske, die sich in dem geflügelten – längst weit, weit von Kafkas Literatur entfernten Begriff kafkaesk materialisiert, bringt hier der Auftritt von Sophie Aujesky als „Schulchor“ ins Spiel „und heilt er nicht, so tötet ihn! ‘S ist nur ein Arzt, ‘s ist nur ein Arzt.“
Wie soll Jasper Engelhardt als Franz K. hinfallen, wie David Fuchs (er spielt unter anderem den Vater Hermann) in der Pose eines Arztes dem Todkranken zur Seite eilen, wie ihm später Todesflügel umhängen… Annäherung von verschiedenen Richtungen, umkippen mal da, dann dort hin. Während die Schauspieler szenisch üben, wie sich’s am besten auch mit dem Text ausgeht, wandert Regisseur Gerald Maria Bauer im Publikumsraum von einer Position zur anderen – mal ganz vorne nah dran, dann prüft er, wie schaut’s von weiter hinten aus – wie von links, rechts oder aus der Mitte. Selten bei Proben noch so gesehen, dass so viele unterschiedliche Publikums-Blickwinkel ausgetestet wurden/werden. Nach etlichen Ver-Rückungen wird aus der Szene eine runde Sache.
Vierter im Bunde auf der Bühne ist Valentin Späth, der in dieser sowie der folgenden Szene eines Traums auf dem Friedhof als „Der K.“ nicht so sehr im Zentrum steht. Dafür hat er – dem Stücktext zufolge zumindest in jener Szene mit heftigen Anklängen an Kafkas berühmtes Stück „Die Verwandlung“ als Gregor Samsa einen „gewaltigen“ Auftritt.
Die beiden Szenen beim Probenbesuch lassen ahnen, es könnte mit diesem Kafka-Stück ähnlich gelingen wie die eingangs genannten autobiographischen Skizzen von Thomas Bernhard – und darüber hinaus ebenfalls wieder Themen heutiger Jugendlicher ansprechen. Waren’s bei Ersterem die Gefühle als Kind und Jugendlicher oft nicht gemocht, abgeschoben zu werden, Außenseiter-Dasein, autoritäre Erziehungsmethoden, so sind es nun – wieder – Außenseiter – aber auch Pendeln zwischen Genie und (fast) ständiger Unzufriedenheit mit der eigenen Arbeit (Texten), sowie dem Körper, und Dauer-Beziehungsprobleme.
Trotz all der angesprochenen ernsten, existenziellen Fragen, Nöte und Themen, gelingt es auch den teils absurden Humor des Schriftstellers in Szenen einzubetten.
Vor allem aber muss – eben für einen Probenbesuch, bei dem nur zwei Szenen zu erleben waren – die optisch ins Auge springende Bühne genannt werden. Die ist – im zweiten Teil – ein Hammer (Ausstattung und Licht: Friedrich Eggert). Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… wurde nur eindringlich gebeten, vor der Premiere keinesfalls Fotos dieses Aktenordner-Labyrinths zu veröffentlichten. Nur so viel: Spontan erinnert der Aufbau dieser rund 2.700 Aktenordner – mit Aufschrift im Stil der damals üblichen Kurrentschrift an unmögliche Konstruktionen in den Bildern von Maurits Cornelius Escher. Und damit gleichzeitig Symbol für Kafkas Kritik am Kampf gegen übermächtige Bürokratie.
Die Konstruktion auf der Theaterbühne ist natürlich schon möglich, wenngleich für die Schauspieler:innen nicht immer eine Leichtigkeit überall durch oder drumherum zu kommen. (Premiere, die gleichzeitig eine Uraufführung ist: 12. Jänner 2024 – siehe Info-Block.)
Nach einem Probenbesuch – zwei Szenen – Link zur Reportage am Ende dieses Beitrages – durfte Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… den Regisseur und auch Verfasser der Bühnenversion Gerald Maria Bauer (Mitarbeit: Dramaturg Sebastian von Lagiewski) an einem runden Tisch in einer Ecke des Pausenfoyers interviewen.
KiJuKU: Die erste Frage drängt sich natürlich auf: Wie bist du vorgegangen, um aus den Tagebüchern – in verschiedenen Versionen zwischen 460 und 550 Seiten) ein Stück zu machen, in das du noch dazu Auszüge aus Kafka-Werken eingebaut hast?
Gerald Maria Bauer: Eigentlich hab ich mich thematisch orientiert und mir einige Themenkomplexe vorgenommen.
KiJuKU: Und zwar?
Gerald Maria Bauer: Diese Tagebücher sind ja nicht nur Tagebücher, sondern Übungshefte für sin Schreiben und für das Existieren durch Sprache und sich Finden und Definieren durch Sprache. Das Faszinierende an Kafka ist ja, das Leben, das man sich nicht zu leben traut. Jemand, der kaum bis nie was veröffentlicht, der sagt, es muss alles vernichtet werden. Was ist das für ein Widerspruch! Ein Mensch, der 8000 Seiten schreibt will doch gelesen werden – eigentlich. Oder es war ihm nie gut genug.
Er geht nach München, will dort Germanistik studieren, kehrt zurück nach Prag und studiert Jus. Er will eine Beziehung mit Felice Bauer führen, sie schreiben sich 800 Briefe, er verlobt sich mit ihr, löst die Verlobung auf, verlobt sich noch einmal mit ihr und löst wieder auf. Das ist unglaublich spannend, wie er immer vor dem Leben davongelaufen ist. Und interessanterweise in dem Moment, wo er ernsthaft krank war, hat man das Gefühl, er war befreit und konnte leben. Wie Bernhard sagt: Er hat die Krankheit umarmt und ist mit ihr in den Tod getanzt.
KiJuKU: Und von dem ausgehend hast du dann die passenden Stellen aus den rund 500 Seiten Tagebüchern – und aus Texten von ihm sowie aus Briefen – gesucht, um diese Themn zu dokumentieren/illustrieren?
Gerald Maria Bauer: Ja das und dann noch Themen wie die komplexe Vater-Sohn-Beziehung, wo man sich ja auch fragen muss, ob das alles stimmt. War dieser Hermann Kafka wirklich so tyrannisch? Und diese komplexe Beziehung zu Felice – dieses sich nicht trauen. Also das, was junge Menschen auch interessieren kann wie auch noch seine Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, das Suchen danach, sich durch Sprache auszudrücken, durch Literatur, was damals einen anderen Stellen hatte als heute.
KiJuKU: Wobei die Frage ist, was unter Literatur fällt, Poetry Slam, Rap… wären vielleicht heutige Formen.
Gerald Maria Bauer: Natürlich, keine Frage. Aber diese Arbeit an einer großen Form wie einem Roman ist eine Frage von Zeit und Geduld. Und da entkommt man sich natürlich auch selbst. Und das Stück soll natürlich auch ein bisschen eine Einführung in diese surreale Welt, die man kafkaesk nennt. Ich kenn sonst keinen Schriftsteller, der ein Adjektiv hat. Und ein Wappentier, nämlich einen Käfer (aus „Die Verwandlung).
Über kafkaesk wurde er – vor allem im deutschen Sprachraum, wo er wahnsinnig spät entdeckt wurde, berühmter als über seine Werke.
KiJuKU: In der Szene auf dem Friedhof malt der Künstler den Buchstaben J. Soll da die in Kafkas Tagebüchern doch immer wieder intensive Auseinandersetzung mit seiner jüdischen Herkunft und unterschiedlichen Facetten und Spielarten jüdischer Kultur angesprochen werden?
Gerald Maria Bauer: Das, muss ich zugeben, ist ein Komplex, den ich ausgelassen habe, ungern, aber das hätte den auch zeitlichen Rahmen gesprengt. Er hat ja – im „Prozess“ Szenen geschrieben, die fast prophetisch wirken, so den späteren Holocaust vorweggenommen, das glaubt man gar nicht.
KiJuKU: Das heißt du hast versucht, die zuvor von dir genannten Themen mit Originaltext von Kafka zu einem dramaturgischen Bogen zu fassen?
Gerald Maria Bauer: Ich hab versucht die Biographie des 27- bis 42-Jährigen herzunehmen und da seine fiktionalen Texte dagegen zu setzen. Vor den Szenen, die du in der Probe gesehen hast, erfährt er, dass er Tuberkulose hat. Und da kommen Passagen aus seinem Text „Der Landarzt“. Auf den war er auch stolz.
KiJuKU: Er selbst hat zu seinen Lebzeiten ja nur wenig veröffentlicht und eigentlich angeordnet, dass nach seinem Tod alles vernichtet werden sollte. Woran zu unser aller Glück Max Brod sich nicht gehalten hat, sonst würden wir alles andere ja nicht kennen.
Gerald Maria Bauer: Publiziert war zu seinen Lebzeiten nur ganz wenig, unter anderem „Die Verwandlung“, weil wir da ja auch aus seinen Tagebüchern den Brief des Verlegers Siegfried Wolff zitieren, der schreibt, dass er das Buch seiner Cousine geschenkt hat und die ihn danach fragt, was es bedeutet und er selbst es auch nicht kann und von Kafka nun eine Erklärung erbittet.
KiJuKU: Diese Passage fand ich auch recht schräg, erst verlegt er’s, dann verlangt er nachträglich eine Erklärung – ein Treppenwitz!
Gerald Maria Bauer: Das ist großartig. Das stellen wir bei den Proben fest, wie diese Abstraktion dieser Sprache und dieser Texte in fünf Menschen – den Schauspieler:innen und mir – teilweise gleiche Assoziationen auslösen, die wir dann immer sehr konkret kriegen. Oder hoffentlich. Aber doch, sonst könnten sie’s ja nicht spielen.
KiJuKu: Was ich gesehen hab, lässt sich gut an.
Gerald Maria Bauer: Ich kann’s dir noch nicht ganz sagen. Noch haben wir ja ein paar Tage bis zur Premiere. Es sind jedenfalls unglaublich intensive Proben, es ist ein Spitzen-Ensemble, in dem alle wahnsinnig interessiert sind, sich genau dem zu stellen.
KiJuKU: Wem ist diese Bühnen-Idee eingefallen?
Gerald Maria Bauer: Das war der Fritz – Friedrich Eggert. Als ich mit ihm das erste Mal gesprochen habe, hat er gesagt: Das einzige, was mir dazu einfällt, ist Escher. Bibliothek. Und Kafka war ja ein Beamter, daher die Aktenordner. Dann haben wir über eine lange Periode mühsam rund 2700 Ordner zusammengetragen. Unsere Requisite hat alle angefragt, die beschlossen haben, ihr analoges Archiv aufzulösen und hat dort Ordner abgeholt bis ins Waldviertel. Dann wurden die alle einheitlich auf diesen alten Stil umgefärbt.
Gerald Bauer merkt gegen Ende des Interviews noch an, dass Kafka – zumindest laut Max Brod – „nicht so traurig war, wie viele gedacht haben, er hatte, wie auch Briefe zeigen, Charme und Humor. Der konnte flirten.
Wir fangen an mit einem Nachruf von Milena Jesenská auf Kafka. Es kannte ihn 1924 ja fast keiner. Sie selbst ist eine ganz tolle Figur und wurde im Holocaust als Widerstandskämpferin umgebracht. Die Briefe zwischen ihr und Kafka sind wahnsinnig spannend, aber würden wir mehr daraus zitieren, würde der Abend vier Stunden dauern. So lassen wir sie in den Prolog reinstreifen…
Wie sehr (nicht nur) der Regisseur in Kafkas (Sprach-)Welt eingetaucht ist, illustriert vielleicht ein Satz, der ihm während der Proben entfährt als der Künstler Goldbuchstaben auf imaginäre Grabsteine malt: „Herrlich, ich glaub mein Kopf spricht mit mir!“
Der eine ist schüchtern und schlau (Tryggve), der andere stark, schnell aber auch recht zurückhaltend (Thomas). Ersterer kommt (fast) immer zu spät – sogar am ersten Schultag. Da kommt nur die von seinem Freund angekündigte spannende, fantasievolle Ausrede nicht. Oder viel mehr erst seeehr viel später. Als Tryggve verspätet antanzt, ist nur mehr der Platz neben Zweiterem frei. Was dieser erst so gar nicht mag, grad, dass er nicht eine Mauer zum Nebenplatz baut. Thomas weiß, wie er seine Hefte, Stifte- und Jausenbox richtig auf dem Tisch platziert. Was Tryggve Anhaltspunkte gibt, es ihm nachzumachen. Irgendwie freunden sich die beiden dann doch an.
Und natürlich braucht’s in so einer Geschichte – noch dazu, wenn sie eine ¾ Stunde auf einer Theaterbühne spielt – einen Spannungsbogen, also muss es einen Knick, einen Bruch in der Freundschaft geben. Auch wenn es ebenso klarerweise zu einem glücklichen Ende – mit noch tieferer Freundschaft – kommt.
„Thomas und Tryggve“ – das Stück spielt seit vier Jahren immer wieder einmal im Vestibül des Burgtheaters, ist aber auch mobil und kann in Schulen oder andernorts stattfinden – stammt von Tove Appelgren (einer Angehörigen der schwedischen Minderheit in Finnland). Es wurde unter anderem vom Residenztheater München inszeniert – und diese Version hat das Burgtheaterstudio (Leiterin Anja Sczilinski hat ihrerzeit in München Regie geführt) nach Wien mitgenommen. Mittlerweile spielt das dritte Schauspielduo die beiden Freunde – und alle anderen vorkommenden Personen.
Nun ist es Enrico Riethmüller, der nicht nur in die Rolle von Thomas spielt, sondern auch in die von Tryggves Mama, jene zweier verschiedener Lehrer und vor allem noch in die des fiesen Maki schlüpft, der alle, vor allem Tryggve mobbt. Mal reicht ein Kapperl, dann wieder ein anderes Kleidungsstück -und jeweils auch eine andere Sprach-Färbung.
Sein Bühnenpartner Anton Widauer ist nicht nur Tryggve, sondern auch Frieda, eine Mitschülerin zwischen der und Thomas es eine erste Verliebtheit gibt, Thomas‘ alkoholkranker Vater sowie der Opa, der seinem Kollegen Schlimmes aus seiner Schulzeit mit auf den Schulweg gibt. Obendrein schlüpfte dieser Schauspieler ein paar Stunden später am Tag vor Heilige Drei Könige noch in einem anderen Theater (Dschungel Wien) beim „Tapferen Schneiderlein“ in unterschiedlichste Rollen (Erzähler, Riese, Wildschwein, Einhorn).
Eine wichtige Rolle spielen Strumpfhosen – die Wäscheleinen über der Spielfläche sind einigermaßen voll davon. Und Tryggves überstülpende fürsorgliche Mutter schaut drauf, dass ihr Sohn immer welche anhat. Den nervt zwar Mamas Getue, aber die Strumpfhosen findet er praktisch und angenehm. Sie sind aber der Vorwand, dass Thomas nix mehr mit dem von Maki angezettelten Ausgrenzen von „Strumpfi“ zu tun haben will.
Bis es zu einer Situation kommt, in der Handeln gefragt ist. Maki hat Frieda in ein enges, finsteres Kammerl gesperrt. „Da sollte doch geholfen werden!“ Ist jedoch gefährlich. Und dennoch. Aber nicht allein – und schon schließt sich der Bogen zum happy End.
Das Duo wechselt nicht nur gekonnt und meist blitzschnell von einer in die anderen genannten Rollen. Das Stück ist neben den Kernaussagen zu Freundschaft und gegen Mobbing immer wieder mit Witz und Ironie gewürzt, sorgt für Lacher – und vor allem Mitgefühl. Wenn etwa Thomas‘ Vater völlig wurscht ist, dass sein Sohn gerade einen riesigen Pokal für seine sportlichen Leistungen mit nach Hause gebracht hat, Tryggves Mama ihren Sohn mit Spucke und Taschentuch im Gesicht säubern will, Maki wieder einmal Tryggve ärgert oder gar körperlich auf Frieda losgeht…
Das Ende feiern die beiden übrigens mit einem gemeinsamen Song, den sie aufgrund des kräftigen, langhanhaltendes Beifalls sozusagen als Zugabe wiederholen.
Der Bub Anton und sein Hund Fou-Fou spazieren durch den Wald, sehen eigenartigerweise gestrickte Pilze am Wegesrand – und landen bei einer Höhle. Dort drinnen sitze ein strubbeliger Mann, von manchen im Wald als „Monster“ bezeichnet, der „mit zwei Holzstäben und einem langen Faden Kissen oder Decken zaubern kann“. So berichtet Anton es seinen Eltern.
Obwohl das Buch schon „Anton und das Strickmonster heißt“, lässt die Autorin – und Illustratorin (Fotos mit gestrickten Figuren und Gegenständen) die Eltern ein wenig zappeln bis sie daraufkommen, dass es sich um „stricken“ handelt.
Die rund 20-seitige „Abenteuergeschichte“ ist aber auch nur eine Art Anreiz für die danach folgenden ca. 40 Seiten Schritt-für-Schritt-Anleitungen für Strickanfänger:innen. Aber gleich das erste Ding wird dann zu einer – mit Watte zu füllenden – Kuschelschnecke. Danach kommt sogar ein Teddybär an die Reihe.
Weil „Tomke und Phillip Vormfenne… unbedingt stricken lernen wollten“, kam die Kirsten Orb, wie sie in Dankesworten am Ende des Buches gesteht, auf die Idee, sich eine Abenteuergeschichte auszudenken, um ihre gut nachvollziehbaren Strickanleitungen zu verpacken.
Traumhafte Geschichten – sozusagen im wahrsten Sinn des Wortes, das sind die Bücher rund um den kleinen Elefanten namens Umut, oder wie ihn die Autorin Mirjam Ploteny manches Mal auf ihrer Website auch schreibt uMut (!). Ein Elefant aus der Fantasie, denn einen solchen gibt es im echten Leben gar nicht: Mama indische Elefantenkuh, Papa afrikanischer -bulle. Äußeres Unterscheidungsmerkmal der beiden Arten, die sich in Wirklichkeit nicht miteinander vermehren können: Erstere haben kleinere Ohren, dafür aber längere Rüssel als die Zweiteren.
Dieser Umut – ein türkisches Wort mit persischen Wurzeln (Omed) für Hoffnung, als Vorname sowohl bei Mädchen als auch Buben gebräuchlich und genau deswegen bewusst von Ploteny so benannt – hat ein rechtes überdimensional riesiges Ohr, über das er fast stolpern könnte, dafür aber ein recht kleines linkes Ohr. Vor allem aber hat er ein offenes Herz. So geht er ganz sanft und zart um mit einem kleinen Vögelchen, das in Band 5 (dem letzten) vor dem großen, grauen Riesen landet. Auch wenn Umut mit den Rufen „Afrika, Afrika“ des verletzten und damit viel zu früh zwangsweise gelandeten Langestreckenfliegers so gar nichts anfangen kann.
Was ist dieses Afrika. Umut kennt nur Manege, Zirkuszelt und das wenig Drumherum in den Orten, wo der Zirkus Halt macht. Jetzt beginnt er seine Eltern danach zu fragen, was das Vögelchen meinen könnte… Denn Umut will nicht nur Hoffnung verbreiten, sondern ist vor allem auch neugierig. In Band drei will er unbedingt wissen, was in einem geheimen, irgendwie unheimlichen Häuschen passiert, das neben dem Zirkuszelt versteckt ist. Und natürlich hat er auch genügend Mut, sich hineinzutrauen…
Das Besondere an diesem Buch und seinen vier „Geschwistern“ ist nicht nur der wunderbar ausgedachte kleine Elefant – und seine warmherzigen Begegnungen mit unterschiedlichsten anderen Tieren, aber auch Menschen, sondern auch die Gestaltung der Bücher. Neben den Zeichnungen von Matthias Zech zeichnen sie sich auch durch das verspielte Zusammenwirken von Text in verschiedenen Schriften, Größen, Formen, manchmal wie bei Erstlesebüchern Bildchen statt Wörtern mit den Illustrationen aus (Grafikdesign/ Gestaltung: Florian Solly). Und mindestens genauso mit den Hinweisen und Bitten, selber Geschichten weiterzuspinnen oder etwas dazu zu zeichnen.
Für Letzteres bieten neben vier leeren Seiten am Ende auch noch die sehr ungewöhnliche Bindung der Bücher Gelegenheiten. Die sogenannte „japanische Bindung“ bedeutet, dass immer zwei Seiten zusammenhängen, vorne gefaltet sind, womit sich dazwischen eine Art Versteck bildet, wo du Zeichnungen hineinstecken kannst. Genauso gut kannst du aber auch die Verbindung der jeweils zwei Seiten aufzuschlitzen und auf den dann vor dir liegenden jeweils zwei inneren weißen Seiten malen.
Und jetzt kurz zurück zum ersten Wort dieses Beitrages: Die Autorin hat in einem Telefonat mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… verraten, dass „ich die Figur geträumt habe. Da war auch so mancher Blödsinn dabei, den hab ich dann immer aufgeschrieben“. Das ist schon ein Weilchen her. Es hat dann auch lange gedauert, bis sie sie eine Buchbinderei (Ira Laber, die immer wieder auch Buchmach-Workshops mit Kindern abhält) gefunden hat, die das Buch so herstellen konnte. Denn auch das hatte sich Ploteny in den Kopf gesetzt.
Auf die Idee des Weiterspinnens und vor allem -zeichnens sei sie gekommen, „weil mir als Kind Bilderbücher immer zu bunt, zu fertig zu plastisch waren und kaum bis keinen Platz für meine eigene Fantasie gelassen haben. Deswegen hab ich in diesen Umut-Büchern viel Freiraum gelassen, damit die Kinder ihre eigene Fantasie spielen lassen können.“
Mirjam Ploteny kommt aus dem Schauspiel, hat lange Zeit in Wien im Theater in der Josefstadt und auch in Mailand im Piccolo Teatro (später Teatro d‘Europa) bei Giorgio Strehler sowie für Filme gespielt. Weil sie, wie sie im Telefon-Interview erzählt, „eine schlechte Schülerin war, durfte ich in der Schule nicht am Schauspiel teilnehmen. Aber das schulische Lernen war nicht so mein’s. Ich hab lieber Wände angemalt, bin herumgelaufen und hab dabei Text für Stücke gelernt, die’s gar nicht gegeben hat.“
Doch sie hatte das Glück, dass ihre Eltern sie in ihrer Kreativität bestärkten, sie haben gesagt, „dann probier‘ halt Schauspiel“. Jetzt schreibt sie, organisiert auf einem renovierten Weingut mit kleinem Freilufttheater im Burgenland Kulturprojekte und hat rund um ihre Umut-Bücher die Website „Blog-Hupferl“ (Bücher Lesen Online Gestalten) gebaut, wo sie einerseits Umut als Plüschtier auf Fotos an verschiedenen Orten auftauchen lässt und dies mit Quizfragen verbindet und andererseits User:innen einlädt, ihr Zeichnungen oder Fotos zu senden, die sie dann dort veröffentlicht.
„Leonie, lebst du lieber zu Hause oder im Dschungel?“, fragt Löwe Simba. Diese Leonie ist ihre Gegenüber in der Nachrichtensendung, und eine Stoff-Fledermaus. Zwei der Teilnehmerinnen des Theater-Workshops „Nachrichtensendungen von Kindern für Erwachsene“ verleihen ihren Kuscheltieren die Stimmen.
Fast ein Dutzend Kinder, darunter Mara, Elvira, Liam, Max, Helena, Maximilian, Lolek, Maximilian suchen sich nach Aufwärmspielen ihre eigenen Themen aus und bereiten sich auf Interviews vor einer Kamera vor. In der großen Runde schlagen sie mit Monika und Celine, die den Workshop leiten, viel mehr Themen vor, als sie je bearbeiten können – wie auch in jeder Redaktion viel mehr an Nachrichten einlangen als verarbeitet und veröffentlicht werden können.
Dann geht’s eben darum, was ist möglich, wer kann – und in dem Fall jedenfalls will – was bearbeiten. Die beiden hier zu Beginn zitierten Reporterinnen fanden zueinander, weil sich beide für Kuscheltiere interessierten. Meist im Liegen oder wenigstens im gemütlichen Sitzen auf dem Tanzboden von Bühne 3 im Dschungel Wien, dem Theaterhaus für junges Publikum im MuseusmQuartier schreiben sie mit bunten Stiften ihre Fragen auf, die Löwe und Fledermaus, in die sich beide hineinversetzen, aneinander haben.
Helena stellt in der Sendung „Zwergi Silbi“ vor, eine von ihr, gemeinsam mit einer Freundin selbst gebasteltes Nadelbaum-Pockerl neben einer – mittlerweile leergebrannten Kerzenhalterung vor. Ein weitere Solo-Reporter widmet sich dem Thema Sport, vor allem Ballspielarten. Klima ist das Thema eines weiteren Nachrichtenduos und Süßigkeiten das von zwei anderen Reportern. Wobei sie mehrmals in die Kamera sagen: Eltern sollten ihren Kindern vor allem Süßes geben, damit sie ihre Ruhe haben.
Ein Trio hat sich das Thema Comic ausgesucht. Einer der beiden Max ist da wahrer Experte. Er faltet gleich einmal das Papier, auf dem sie ihre Ideen für die Nachrichten sammeln zu einem kleinen Comic-Heft. Was brauchen derartige Bücher. „Jedenfalls eine Handlung“ steht sofort fest. Nach und nach fällt allen drei ein, welche weiteren Elementen erforderlich sind. Nicht zuletzt fügt der federführende Max noch einige Zeichnung im Comic-Stil seinem kleinen Heftchen hinzu.
Am ersten von drei Workshoptagen – im Rahmen des wienXtra-Winterferienspiels – kamen die Gestalter:innen der Kindernachrichten allerdings in heftigen Stress – die Aufwärmspiele hatten zu viel Zeit in Anspruch genommen.
Apropos Nachrichten: Bevor die Kinder ihre eigenen Themen sammeln, wollten die Workshopleiterinnen wissen, welche Nachrichten die Kinder kennen und welche Eigenschaften sie damit verbinden. Das erste was fiel war „schlimme“, auch mehrfach genannt wurde „kompliziert“ später noch gesteigert durch „sehr, sehr, sehr“. Dabei blieb’s dann doch nicht, es fielen viele Themen – und auch gute, fröhliche, lustige, interessante neben nervigen (weil zu oft wiederholt), aber auch falsche (Fake News) sind den Workshop-Teilnehmer:innen schon untergekommen.
Das Stück „Karpatenflecken“ von Thomas Perle spielt derzeit im Vestibül des Burgtheaters. Letzte Woche durfte ich es mir in dem kleinen Saal, in dem 65 Menschen Platz haben und der im linken Flügel des bekannten Theaterhauses liegt, anschauen und habe festgestellt: Ich bin die Jüngste. Zieht es Menschen in meinem Alter nicht mehr ins Theater und wenn nicht, wäre das Stück nicht eine gute Möglichkeit, das ein wenig zu ändern? (Ausführliche Besprechung samt Info-Block wann & wo? in einem Link am Ende dieses Beitrages.)
„Karpatenflecken“ erzählt die Geschichte der „Karpatendeutschen“, einer Minderheit, die sich zwischen dem Mittelalter und dem 19. Jahrhundert entlang der Karpaten angesiedelt hat, also im Gebiet der Slowakei, Rumänien und der Ukraine. Aber was mir am meisten gefallen hat, ist die Art und Weise, wie die Geschichte erzählt wird. Es gibt drei Generationen – Oma, Mutter und Enkelin – die mit minimalen Requisiten und großen Gefühlen zeigen, wie das Leben als „Karpatendeutscher/e“ zu unterschiedlichen Zeiten, die – da es sich um drei nachfolgende Generationen handelt – gar nicht so weit auseinander sind, gewesen ist. Was auffällt ist, dass diese Minderheit in kurzer Zeit verschiedene politische Systeme, von Monarchie bis Diktatur, miterleben musste und das Ende des Eisernen Vorhanges für viele eine Chance geboten hat, nach Deutschland zu gehen.
Viele Szenen im Stück haben eher düster auf mich gewirkt und eine unbehagliche Stimmung vermittelt, wie zum Beispiel, als die Schwester (dieselbe Schauspielerin, die auch die Mutter spielt) der Oma auf Besuch gekommen ist, und als Tisch eine Platte verwendet wird, die sich die Oma und die Tante auf die Knie legen. Auch eine Szene, wo die Oma und die Mutter in der Ecke sitzen und vor sich hinstarren oder sich in einer anderen ein Fernsehprogramm anschauen und dem Ende von Diktator Ceaușescu zujubeln, ist mir gut in Erinnerung geblieben. Genauso wie jene, in der die Oma davon erzählt, wie sie sich in einen rumänischen Offizier verliebt hat und wo ihre Mimik und Gestik auf einmal weicher werden.
Das Stück zeichnet sich auch wegen seiner poetischen Sprache aus, die einen ganz anderen und besonderen Effekt hat, da mit ihr Themen wie Flucht und Heimat beschrieben werden. In 60 Minuten bekommt man eine geschichtliche wie politische Aufklärung und intime Einblicke in eine „vergessenen Lebensrealität“.
Stefanie Kadlec, 18
Unsportlich, uncool und noch so manch andere nicht gerade vorteilhafte Bezeichnungen findet Nelson Kane für sich selbst, schreibt die neben sein Spiegelbild und bezeichnet sich selbst als Nerd. Aber mit einem Unterton zwischen den Zeilen und in den Bildern, dass er darauf nicht gerade stolz ist.
Natürlich muss sich was ändern – gäbe es sonst ein Buch mit mehr als 180 Seiten noch dazu mit dem Titel „Ninja Kid“ und dem Untertitel „Vom Nerd zum Ninja!“? Und dies höchstwahrscheinlich als Auftakt einer Serie; im Buch selbst ist dies zwar nicht vermerkt, auf der Verlagsseite findet es sich – allerdings wie viele andere Bücher auch – gar nicht. Websites großer Buchhandelsketten kündigen das mit Manga-artigen Zeichnungen illustrierte Buch allerdings schon als Band 1 an.
Die Story setzt an jenem Tag ein, als dieser Nelson Kane gerade seinen zehnten Geburtstag feiert – und er sich darüber wundert, dass er nicht so tollpatschig wie sonst auch immer, sondern mit unglaublicher Körperbeherrschung Stürze vermeidet und doch vorkommende Ungeschicklichkeiten schon mit den nächsten Moves wieder ausbügelt.
Und so vertrauen ihm Mama und Oma an, dass er – nach dem frühzeitigen rätselhaften Verschwinden seines Vaters, des letzten Ninjas auf Erden, nun dessen Nachfolge antreten darf/kann/muss. Und das heißt: Welt retten. Allerdings müsse er da noch viel lernen und üben. Und außerdem die Tatsache möglichst geheim halten.
Das erste Abenteuer aber tut sich schon beim nächsten Schulausflug in den Wald auf – der Angriff einer Tyranno-Spinne. Klar, dass Nelson, da seine erste Mission bestehen muss/darf/kann. Dass – ist eh klar, das Wie sei nicht verraten.
Auf der letzten Seite manifestiert sich dann, dass es wohl weitergehen wird, heißt es dort doch: „Was zum?! Irgendwas sagte mir, dass diese Ninja-Kid-Sache noch viel verrückter werden würde als gedacht!“
„Ninja Kid“ ist ein Mix aus Manga-artigen Zeichnungen, einer abenteuerlichen Geschichte und dem Erfolgsmodell der mit wenig leicht und schnell lesbarem Text in verschieden großen Schriften und vielen Illustrationen auskommenden Tagebücher scheinbarer Loser. Mit der auch dezidiert ausgesprochenen Botschaft: „Du kannst es … versuchen beginnt im Kopf und im Herz.“
Ob das Sams, E.T. oder anderen Fantasiewesen beziehungsweise höchst außergewöhnliche Kinder wie Pippilotta Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf – sie alle machen Kindern Mut, Anders-Sein mindestens zu akzeptieren, ja sogar wie im Fall von Pippi vielleicht als Vorbild zu nehmen.
In eine sehr witzige Geschichte verpackt auch Tanja Esch auf 150 Comic-Seiten Diversität, die nicht immer von allen gut geheißen wird in „Boris, Babette und lauter Skelette“. Hauptfigur ist das Kind Boris mit einer Mutter (Tine), die im Home-Office ständig am Computer ist, und ihrem Sohn praktisch nie zuhört und einem liebevollen, fürsorgenden, kochenden Vater (Yaris) sowie einem chaotischen, handwerklich sehr geschickten Opa (Taio).
Schon nach wenigen Seiten aber dreht sich alles um Babette, ein gelbes, sprechendes und obendrein sehr schlaues Tier, dessen Gattung niemand kennt. Eigentlich lebt es bei der 16-jährigen Lynette, die im selben Haus wie Boris wohnt. Babette liebt Grusel so sehr, dass es ohne monsterartiges Umfeld – oder eben Skelette – fast eingeht, weswegen es ein Familiengeheimnis ist. Jetzt geht aber Lynette für ein Jahr nach London und will Babette dem Boris anvertrauen. Der wiederum darf kein Haustier haben.
Klar, dass er sich doch breitschlagen lässt und es unter seinem Hochbett versteckt. Auch klar, dass das irgendwann auffliegt – und so manche Konflikte und riesiges Chaos auslöst. Bis hin zur Abschiebung ins Tierheim – samt anschließender Befreiung durch Boris und zwei seiner Freund:innen (Jette und Jesko).
In diese kapitelweisen Abenteuer verpackt die Autorin und Illustratorin szenischen Witz – und so „nebenbei“ eben die Akzeptanz von Verschiedenheit (Diversität), die ja auch Teil von Boris‘ Familie ist. Weshalb Opa Taio und Babette sich besonders gut verstehen. „Ich weiß, wie es sich anfühlt alleine zu sein und niemanden, um sich zu haben, der so ist wie man selbst. Als ich Ende der Siebziger nach Deutschland kam, habe ich mich ganz ähnlich gefühlt. Ich war überall der einzige Schwarze… Also ich weiß, was es bedeutet, anders zu sein.“ – „Aber du bischt doch gar nicht andersch.“ – „Für manche Leute leider schon.“
So nah war Zaker Soltani seiner ersten Heimat, aus der er als Angehöriger der verfolgten Minderheit der Hazara als Jugendlicher vor mehr als zehn Jahren flüchten musste, seit damals nie. Drei Monate lang unterrichtete der nunmehr österreichische Künstler und Deutschlehrer (als Zweit- und Fremdsprache) an der staatlichen Wirtschaftsuniversität von Taschkent diese in Usbekistan (nördliches Nachbarland Afghanistans, weitere Nachbarländer: Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Turkmenistan) zweitbeliebteste Fremdsprache. Darüber hinaus initiierte der Austro-Afghane mit seinen Student:innen ein partizipatives Projekt, in dem diese österreichische Kunst und Kultur erarbeiteten und kennenlernten – auf für ihr (nicht nur) Bildungs-System, das auf autoritär und frontal setzt, ungewohnt recht selbstständige und partizipative Art und Weise. Ein freier Journalist * besuchte Ende Jänner – im kältesten Winter, den Usbekistan seit 50 Jahren erlebte, – einige weitere Bildungsprojekte in der usbekischen Hauptstadt.
Vorsichtig die Schritte auf den vereisten Gehsteigen von O’zebekiston, einer der beeindruckenden Metro-Stationen Taschkents, die in ihrer Mixtur aus Kathedralen und Museen an Moskau erinnern, setzend, nähern sich Studierende und Lehrende den Eingängen zur staatlichen Wirtschaftsuniversität der usbekischen Hauptstadt. Ob beim Haupteingang an der Afrosiyob ko’chasi durch die neueren Gebäude oder neben der hoch oben thronenden Eishockeyhalle Humo-Arena vorbei, geht es in einen weitläufigen parkähnlichen Campus. Zwischen den neueren Gebäuden und dem eher älteren Haus 7, in dem sich auch die Uni-Kantine befindet, finden sich Nachbildungen berühmter Gebäude und Sehenswürdigkeiten der wichtigsten usbekischen Städte wie Samarkand, Buchara, Nukus, Namangan, Chiwa… – nicht so klein wie im Klagenfurter „Minimundus“, sondern jeweils gut einen Meter hoch und da noch dazu auf einem erhöhten erdigen Fundament fast auf Augenhöhe mit den meisten Studierenden.
In diesem Haus ist die Abteilung für Fremdsprachen beheimatet. Jede Studentin und jeder Student, egal welcher Fachrichtung und Universität, muss eine neue Fremdsprache lernen, die sie/er in der Schule noch nicht hatte. Deutsch zählt zu den beliebtesten – in (Hoch-)Schulen, rangiert nach Englisch an zweiter Stelle. Das weit verbreitete Russisch – noch aus der Zeit der Sowjetunion in der Usbekistan eine der Republiken war – gilt nicht wirklich als Fremdsprache und wird schätzungsweise von zwischen zwei Drittel und drei Viertel der Bevölkerung gesprochen, jedenfalls von der großen Mehrheit verstanden. Seit der Unabhängigkeit wird übrigens (wieder) das lateinische statt des kyrillischen Alphabets verwendet, wenngleich vieles in beiden Schriften angezeigt wird. Die Deutsch-sprechende Minderheit – unter Stalin wurden 40.000 Wolgadeutsch nach Usbekistan deportiert – spielt übrigens bei der Beliebtheit dieser Sprache keine Rolle mehr, es gibt nur mehr wenige Deutsch-Muttersprachler:innen. In erster Linie nennen Studierende mit denen der Reporter sprach: Deutsch sei das sprachliche Tor zu Europa und dieses oftmals das – zumindest temporäre – analoge Ziel.
Weitere Fremdsprachen, die hier an der Wirtschaftsuni gelehrt werden, sind Französisch, Chinesisch (Mandarin), Japanisch, Koreanisch und Polnisch. Die Vielsprachigkeit und Internationalität wird auch von gut zwei Dutzend verschiedenen großen Fahnen im Gang neben den beiden Veranstaltungssälen optisch zum Ausdruck gebracht. Die rot-weiß-rote Österreichs fehlt, selbst eine kleine vor dem Tisch der Leiterin der Fremdsprachenabteilung bedauert Zukhra Narbekova im Gespräch mit dem Journalisten aus Wien. „Ich habe mehrmals an den österreichischen Konsul geschrieben, um Fahnen gebeten, ihn auch für die Präsentation des Kunst- und Kulturprojekts eingeladen. Aber er hat nie geantwortet, ist auch niemals zur großen jährlichen Tagung der Deutschlehrerinnen und -lehrer aus ganz Usbekistan gekommen, hat auch nicht einmal abgesagt.“
So, und nun nach dieser elendslangen Einleitung endlich zur angekündigten Hauptgeschichte. Hier an der Taschkenter WU unterrichtete Zaker Soltani drei Monate lang Deutsch. Für die meisten seiner Student:innen auf besondere, teils eher gewöhnungsbedürftige Art. Frontalunterricht und stures Pauken oder Eintrichtern, das sie aus ihrer Schulzeit und bisherigen Uni-Kursen kennen, ist seine Sache nicht. Einbeziehung, Mitarbeit, Ermunterung zur Selbsttätigkeit – darauf setzte er in seinen Kurs-Einheiten.
Beim Lokalaugenschein von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… schilderte der Deutschlehrer kurz den Aufbau des österreichischen Bildungssystems und ermunterte die Studierenden, in Kleingruppen das Pendant in Usbekistan dazu darzustellen – in Wort und Grafiken. Und in der Präsentation auch die Unterschiede zwischen den beiden herauszuarbeiten und zu benennen.
So beginnt die Schulpflicht in Usbekistan erst mit sieben Jahren. Nach vier Grundschuljahren folgen fünf Jahre einer – gemeinsamen – mittleren Schule bevor sich daran die Bildungswege teilen in entweder drei Jahre eines Lyzeums (Allgemeinbildung) oder zwei bis drei Jahre eines Berufskollegs. Übrigens befähigen die Abschlüsse beider Zweige zu einem weiteren Hochschul-Studium –mit der Feinheit, dass das Bachelor-Studium länger dauert als das Magisterium.
Im Zuge der Präsentation der Kleingruppen-Arbeiten ergibt sich auch die Diskussion um sprachliche Feinheiten, im konkreten Fall der Mehrdeutigkeit des Wortes „umsonst“ – als einerseits für Gratis und andererseits vergebens. Gratis ist übrigens nicht einmal das Studium an staatlichen Universitäten. Mit 500 € pro Jahr liegen sie – nominell – nur um ca. ein Drittel unter den österreichischen, belaufen sich aber auf fast zehn Prozent eines durchschnittlichen Jahreseinkommens.
Auf Deutsch lehren und lernen durch aktives Verbalisieren setzte Zaker Soltani auch in einem von ihm zusätzlich angebotenen freiwilligen Projekt für Studierende. Ausgehend von seinem Hintergrund als Künstler entwickelte er „Sprache durch Kunst“, um den jungen Usbek:innen österreichische Kunst und Kultur zu vermitteln. Nein, er brachte ihnen weder Walzer noch Schuhplatteln bei, wie ein österreichischer Kollege spontan fragte, als er von mir von diesem Projekt hörte.
Vieles dreht sich um Bildende Kunst – Zaker Soltani selbst malt und gestaltete zuletzt in Wien im vergangenen Jahr anlässlich des Jahrestages der erneuten Machtübernahme seines ersten Heimatlandes durch die Taliban eine Ausstellung im Kunstraum Nestroyhof – Links dazu am Ende dieses Beitrages. Und so wählte der Künstler und Deutschlehrer einige berühmte Gemälde aus: Von österreichischen Künstlern wie Klimt, Schiele, Kokoschka aber auch anderer wie Breughel, die aber im Kunsthistorischen Museum in Wien hängen. Aufgabe für die Studierenden: Bildbeschreibungen und dabei so einiges Sprachliches zu lernen. „nebenbei“ aber auch so manches über Kunst und Kultur aus Österreich mitzubekommen.
Weil er zu Beginn dieses Projekts draufgekommen ist, dass viele seiner Student:innen noch niemals im Taschkenter Kunstmuseum waren, erweiterte der Lehrer das Projekt auch um usbekische Kunst und Kultur – bis hin zu manchen Vergleichen – etwa der Beschreibung der Wiener Karlskirche und des Gur-Emir-Mausoleums in Samarkand.
Noch näher an Sprache heran reichte die Beschäftigung mit literarischen Texten, sowohl alten wie Joseph von Eichendorffs „Mondnacht“ als auch neueren österreichischer Schriftsteller:innen wie Ernst Jandl oder Dimitré Dinev. Und die Ermunterung an Studierende, eigene literarische Kurztexte und Gedichte zu verfassen.
Geboren 1997 im afghanischen Ghazni musste Familie Soltani – wie viele andere Angehörige der seit „ewig“ verfolgten Minderheit der Hazara – flüchten. Erste Station: Pakistan. Viele hofften ja, doch wieder in die Heimat zurückkehren zu können. Doch auch dort machten sich Taliban und ähnliche Kaliber zunehmend breit. Also war auch dort keine sichere Bleibe. Als 15-jähriger Unbegleiteter Minderjähriger Flüchtling landete Zaker Soltani 2012 letztlich in Österreich, konkret im bekannten Lager Traiskirchen. Von dort kam er bald nach Vorarlberg, wo er im Gymnasium Schillerstraße in Feldkirch maturierte – und schon seine ersten Ausstellungen bis nach Bregenz hatte. Danach studierte er in Wien Kunstgeschichte und Deutsch als Zweit- und Fremdsprache und hatte – wie schon weiter oben erwähnt – im Vorjahr eine große Ausstellung im Wiener Kunstraum Nestroyhof, für die er eine Reihe von Begleitveranstaltungen organisierte – von Podiumsdiskussionen über Lesungen und Musik bis zu einem wissenschaftlichen Vortrag.
In Usbekistan wo zwar viele Deutsch lernen aber kaum jemand Österreich kennt, gibt es nun einige Dutzend Studierende, für die nicht nur das Land, sondern auch ein Teil seiner Kultur bekannt geworden ist – dank des Neu-Österreichers, der aus Usbekistans Nachbarland flüchten musste. Und dort erstmals seither nicht gleich als „fremd“ wahrgenommen wurde. „Viele hier halten mich für einen Usbeken, in Österreich fragen viele woher kommst du. Und wenn ich sage, ich bin Österreicher kommt die Frage, woher aber wirklich…“
Mukhlisa Kanotaova studiert im vierten Jahr Ökonomie. „Zuerst habe ich mich für Deutsch interessiert, um nach Deutschland zu fahren. Jetzt habe ich hier Österreich kennen gelernt, das finde ich auch sehr interessant. Ich möchte gern Wien und die Donau dort sehen.
Gulzada Sarsenbaeva ist ebenfalls im vierten und letzten Jahr ihres Wirtschaftsstudiums. „Seit vier Jahren lerne ich hier auch Deutsch. Warum? Weil ich möchte nach Deutschland fahren, voriges Jahr war ich in Düsseldorf mit einem DaD-Stipendium (Deutscher Auslandsdiesnt) bei einem Sommerkurs. Leider war ich nicht in Österreich. Dorthin möchte ich künftig auch fahren.
Kalanov Makhmudbaev: Ich möchte mein Wirtschaftsstudium in Deutschland weitermachen und will dabei auch nach Österreich fahren. Mein Ziel ist aber, danach zurück nach Usbekistan zu kommen, um dann die Erfahrungen aus dem Ausland in der Praxis hier umsetzen.
Ozodov Yasurkhuyi führt sein Interview auf Englisch, „weil ich das noch besser kann als Deutsch. Ich werde daran arbeiten, weil ich mein Masterstudium in Deutschland machen möchte. Ich war schon im vorigen Jahr in Deutschland und habe Städte wie Berlin, Köln, Frankfurt und Hamburg angeschaut. Nächstes Jahr wollen wir die Schönheit Österreichs kennenlernen. Und dann will ich vielleicht das nächste Interview auf Deutsch führen.“
Densilam Maylibekov: „Ich möchte mein Masterstudium in Deutschland machen und Österreich besuchen. Über Österreich wusste ich vor dem Projekt mit Zaker fast nichts, ich habe nur von den Alpen gehört gehabt. Jetzt kenne ich ein bisschen von der Kunst und Kultur und finde das sehr interessant.“
Nargisa Khikmatullaeva: „Deutsch liegt mir am Herzen, ich bin verliebt in diese Sprache, weil ich sehr schön und melodiös finde. Ich weiß, viele finden Deutsch sei eine grobe Sprache, mir gefällt sie sehr. Aber ich habe nicht nur deswegen hier an der Wirtschaftsuniversität Deutsch studiert, sondern will ich mein Masterstudium in Deutschland absolvieren möchte, weil es ein Land mit stark entwickelter Wirtschaft ist.
Von Österreich habe ich davor schon gehört, wusste aber nicht viel mehr als, dass es ein Land in Europa und einer der Nachbarn von Deutschland ist. Aber in diesem Projekt habe ich österreichische Kunst, Kultur und vor allem Literatur kennen gelernt. Ich habe bei der Projektpräsentation ein Gedicht vorgetragen, das ich auswendig gelernt habe. Und ich habe im Projekt den Stephansdom gesehen – aber nur auf einem Bild. Wenn ich in Deutschland studiere, habe ich vor zu verreisen und den Stephansdom in Wirklichkeit zu besuchen.
Timurkhon Sapaev: „Ich studiere im dritten Jahr hier an der Wirtschaftsuniversität, mit Deutsch habe ich erst begonnen, darum möchte ich auf Englisch switchen.“ Die weiteren Antworten aber dann doch hier auf Deutsch übersetzt: „Ursprünglich wollte ich in Deutschland studieren. In diesem Projekt habe ich aber viel über Österreich gelernt. Und von dort kommt ja auch mein Lieblingskomponist – Mozart. Sein Requiem höre ich fast täglich. Ich bin glücklich, dass in Österreich auch Deutsch gesprochen wird, so kann ich, wenn ich hier mehr von dieser Sprache gelernt habe, auch dieses Land besuchen und mit den Eingeborenen von Österreich sprechen und ihrer Kunst und Kultur näher sein.“
KiJuKU: Wie kam es, dass Sie vorher auf Mozart gestoßen sind?
Timurkhon Sapaev: Ich liebe klassische Musik und vor allem Mozart, weil er so vielfältige Musik komponiert hat.
Nasiba Khakimova: „Ich habe ein paar Jahre in Österreich verbracht – in Wien war ich für fünf Jahre in BG 18 Klostergasse. Mein Vater arbeitet als Diplomat und hatte für diese Zeit eine Stelle in der Botschaft und hat uns als Familie mitgenommen. Am Anfang war es nicht so leicht, da wussten nur „ja“ und „nein“. Und neben der Sprache mussten wir auch ein neues Schulsystem kennen lernen und uns an die Kälte und den Regen gewöhnen. Hier in Taschkent ist es meistens sehr heiß. Naja, jetzt haben wir auch den kältesten Winter. Aber das war damals noch nicht so. Außerdem musste ich mich erst daran gewöhnen, beispielsweise zu den Eltern meiner Freundinnen „du“ zu sagen, hier in Usbekistan sprechen wir ältere Leute immer mit „Sie“ an, auch wenn wir sie gut kennen.
Deutsch studiere ich hier, damit ich die Sprache nicht vergesse und sogar verbessern kann. Vielleicht will ich nach dem Studium in Deutschland, Amerika oder Österreich weiterstudieren, jedenfalls will ich Österreich gern wieder einmal besuchen – all die Plätze, die ich schon kenne – und andere.
Muhlisa Khasanboeva: „Ich finde diese Integration von Sprache mit Kunst und Kultur sehr super, weil ich da neue Bereiche kennengelernt habe und diese mit dem Erwerb von deutsch verbinden konnte. Und es war auch sehr interessant. Ehrlich gesagt, vor dem Projekt habe ich zwar einiges über Deutschland gewusst, über Österreich aber nichts. Das ist jetzt natürlich ganz anders.
Oybek Safarboev: „Auch ich möchte wie viele andere, ein Masterprogramm in Deutschland studieren. Hier im Projekt habe ich viel Neues, eigentlich alles war neu, über Kunst und Kultur in Österreich gelernt und ich hoffe, ich kann das Land auch einmal besuchen.“
KiJuKU: Du bist Künstler, hast Kunst studiert, warum auch noch Deutsch, um es zu unterrichten?
Zaker Soltani: Ich habe an der Uni Wien Kunstgeschichte studiert. Dann hab ich begonnen, deutsche Philologie zu studieren, weil ich Interesse an Sprachen gespürt habe – natürlich hatte ich ja von Anfang an nachdem ich nach Österreich gekommen bin Deutsch gelernt. So hab ich mich entschlossen, für das Masterstudium Deutsch als zweit- und Fremdsprache zu bewerben. Dieses Auslandspraktikum wird über die Uni Wien und den ÖÄD, der nicht mehr Österreichischer Austauschdienst heißt, sondern Agentur für Bildung und Internationalisierung, organisiert. Es ist allerdings freiwillig. Ich habe mich dafür entschieden.
KiJuKU: Warum gerade in Usbekistan?
Zaker Soltani: Erstens, weil ich mich als Künstler für islamische Kunst und Kultur interessiere und schon ein bisschen über die timuridische Kunst und Kultur wusste, Samarkand war das Zentrum des Timuriden-Reiches (1370 bis 1507 u.a. im Gebiet der heutigen Staaten Afghanistan, Iran und Usbekistan). Das war ein Grund. Und als ich über Usbekistan mehr gelesen habe, war ich überrascht, wie viele Studierende hier Deutsch als Fremdsprache wählen.
Als ich dann hier war, war ich sehr überrascht, dass Deutschland sehr aktiv ist und viele Informationen und Auslandsstudienaufenthalte mit Stipendien und Sommerkurse anbietet. Leider gibt es von österreichischer Seite nicht bis kaum Angebote. Zum Glück haben wir jedes Jahr eine Praktikumsstelle hier an der Wirtschaftsuniversität in Taschkent.
KiJuKU: Du hat ja auch schon in Österreich Deutsch als Zweit- bzw. Fremdsprache unterrichtet, was ist der Unterschied.
Zaker Soltani: Hier läuft vieles sehr frontal. Die Idee von mir war, alle Methoden, die wir in unserem Studium gelernt haben, hier auch zu praktizieren. Gerade das Kunst- und Kulturprojekt war für die Studierenden eine Möglichkeit, auch eine gewisse Autonomie bei ihrem Lernen zu spüren, selbstständig Texte lesen, verfassen, mit der Kunst und Kultur auseinander zu setzen und auch die Veranstaltung selbst mitzuorganisieren.
KiJuKU: War das für die Studierenden schwierig?
Zaker Soltani: Das war natürlich eine Herausforderung. In den ersten Wochen habe ich hospitiert und mir gedacht, so will ich nicht unterrichten. Ich habe auch das Gefühl gehabt, dass sich Studierende auf diese Art ein bisschen langweilen, wenn alles frontal unterrichtet wird. Aber sie haben mir, als ich sie motiviert habe, sehr selbstständig zu arbeiten, nicht alles hinzunehmen und Lehrenden kritisch zu begegnen, gesagt, dass sie das halt weitgehend vom Kindergarten an so kennen. Das hat dann auch einige Zeit gebraucht, bis sie darauf eingestiegen sind.
KiJuKU: Eine ganz andere Frage. Du hast mir kurz erzählt, dass du hier – im Gegensatz zu Österreich – nicht als fremd wahrgenommen wirst. Wie, wodurch, wir wirkt sich das auf dein Befinden hier aus?
Zaker Soltani: In Österreich bekomme ich oft diese Frage: Woher kommst du wirklich oder ursprünglich. Hier bin ich wahrscheinlich der erste Praktikant mit – für Österreich – Migrationshintergrund. Das war für einige Studierende eine Überraschung als ich gesagt habe, ich komme aus Österreich. Ich habe eben mehrere Heimaten – Afghanistan und Österreich. Das war dann für mich auch eine spannende Aufgabe, zu vermitteln, dass Österreich vielfältige Kulturen in sich birgt und nicht alle blond und weiß sind. Wir haben zum Beispiel im Herren-Fußball-Nationalteam David Alaba, der in Österreich geboren ist. Oder in der Präsentation hat beispielsweise einer der Studierenden einen Text von Dimitre Dinev vorgetragen, der nicht in Österreich geboren aber ein österreichischer Schriftsteller ist, der auf Deutsch schreibt.
Unterwegs oder auf der Straße ist es hingegen viel einfacher. Afghanistan liegt neben Usbekistan, beide gehören zu Zentralasien. Vom Aussehen her gibt es viele Ähnlichkeiten, auch was die Esskultur betrifft. Speisen, die wir hier gegessen haben, haben mich an meine alte Heimat und Kindheit erinnert. Auch die Gastfreundlichkeit der Menschen ist ähnlich. Die meisten glauben, ich sei ein Usbeke. Hier werde ich nicht als Tourist oder Ausländer wahrgenommen, was in Österreich schon noch oft der Fall ist – egal wie gut ich integriert bin.
KiJuKU: Dabei warst du jetzt hier drei Monate lang ein Botschafter für Österreich, vor allem seine Kunst und Kultur und die Sprache – auch mit seinen Unterschieden zwischen Deutsch-Deutsch und Österreichisch-Deutsch.
Zaker Soltani: Auch wenn ich mich als Teil der österreichischen Gesellschaft fühle, können noch immer viele das in meiner zweiten Heimat nicht oder noch nicht annehmen. Aber hier kann ich das auch fühlen, dass ich ein Vermittler von Sprache und Kultur Österreichs bin. Mit diesem Projekt und dem Kurs habe auch den Eindruck, dass es gelungen ist, einen positiven oder überhaupt einen Beitrag zu leisten, dass Studierende etwas von Österreich wissen und erfahren.
War die Kulisse bei der Version des Deutschen Theaters Berlin riesig, wahrhaft ein Gebirge, so spielt die Wiener Version von „Karpatenflecken“ auf engstem Raum. Im Vestibül des Burgtheaters läuft – hin und wieder – die heuer mit dem Nestroy-Preis fürs das beste Stück des Jahres ausgezeichnete sehr dichte Geschichte dreier Frauen aus drei Generationen. In die persönlichen Lebenserfahrungen von Großmutter, Mutter und Enkelin hat der Autor Thomas Perle die Geschichte von Flucht, Vertreibung, wechselnden Herrschaften in (s)einem Wurzelort verdichtet. Mit dem Text hatte er vor vier Jahren den Retzhofer Dramapreis – und damit die Realisierung durch das Burgtheater – gewonnen. Corona und Burgtheater-Renovierung hatten die Realisierung verschoben, sodass die Berliner Version, die im Vorjahr in Graz beim Dramatiker:innen-Festival gastierte, früher gespielt worden war – Link zu einer Besprechung dieser Version am Ende dieses Beitrages.
Der Prolog – in dieser Version ein Zweigespräch von Baumkrone und -Wurzel – spielt sich noch zwischen vor und hinter den wenigen Publikumsreihen im Vestibül ab – sozusagen ein Tribünen-Hügelchen. Danach agiert das Trio in einer aus schwarzen Vorhängen gestalteten Box, die einerseits Zimmer, andererseits Wald, Wege und was auch immer darstellt (Bühne: Moritz Müller). Die drei ineinander verschachtelten gestapelten Sessel vermitteln einen Hauch von „Gebirge“. Über einen Diaprojektor werden Bilder aus den verschiedenen Epochen der Geschichte dieser Gegend gezeigt – und wie auf einem Abrisskalender die jeweiligen Jahreszahlen – auch wenn da immer wieder hin- und hergesprungen wird – wie Erzählungen ja nicht immer chronologisch erfolgen.
Der Autor, der selber (1987) im siebenbürgischen Oberwischau geboren wurde (vier Jahre später wanderte die Familie nach Deutschland aus, er lebt in Österreich, verbringt aber jedes Jahr einige Zeit in seinem „Wurzelort“), wollte nicht nur die wechselvolle Geschichte authentisch durch die drei Protagonistinnen erzählen, sondern auch die Sprachenvielfalt zu Gehör bringen und das „Zipserisch“ (Wisaudeutsch) ein Stück weit auch erhalten. Er selbst ist mit dieser sowie mit Rumänisch und Ungarisch aufgewachsen. In seiner Dankesrede zum Nestroypreis lobte er vor allem die meisterhafte Leistung der Schauspielerinnen, sich das angetan zu haben, diesen Dialekt zu lernen.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts unter Kaiserin Maria Theresia waren etliche Menschen aus dem Salzkammergut dazu gebracht worden, sich in den Waldkarpaten im nördlichen Rumänien anzusiedeln – zwecks Salzgewinnung. Die Kolonisti:nnen der Monarchie blieben. Die Großmutter des Stücks (abgearbeitet hart Elisabeth Augustin) wurde somit im späteren Königreich Rumänien geboren, ihre Schwester Erika („nein Ildiko!“), die gegen Ende auftaucht und – so wie zuvor die Tochter der Oma und Mutter der Enkelin – von Stefanie Dvorak sehr überzeugend gespielt wird, wuchs unter dem autoritären ungarischen Regime von Miklós Horthy in Ungarn auf. Die Tochter/Mutter kam in der nach dem zweiten Weltkrieg gewordenen „Volksrepublik“ auf die Welt, die Jüngste, die Enkelin (Lena Kalisch, die sich anfangs symbolisch aus unter dem Boden ins Haus wurstelt und damit auch zeigt, wie ihr alles hier zu eng ist) wurde kurz vor dem Ende des sogenannten Sozialismus geboren. Und verfolgt – im Stück erzählend (Regie: Mira Stadler) – wie sie im TV das Ende der Diktatur der Ceaușescus fiebernd miterlebten.
Die Familie nutzte das Ende des Eisernen Vorhangs, um nach Deutschland zu ziehen – wo sie sich als „Teitsche“ offene Aufnahme erhofften, aber frisch wieder marginalisiert wurden.
Dieser große historische Bogen spielt sich auf engem Raum und doch in großer Weite durch die „kleinen“ Alltags-Erlebnisse ab. Das große, offene Europa hingegen schrumpft auf kleingeistige Ressentiments immer gegen andere. Kulminiert in einer recht schrägen Szene – das Trio schnappt sich eine Bodenplatte, legt sie sich auf ihre Schöße als Tisch. Oma streitet mit ihrer Schwester, weshalb diese Ungarisch rede. Doch als die Viktor Orbán lobt, weil der so gegen Fremde ist, beginnt sie ihr beizupflichten. Bis es der Jüngsten reicht und sie die Großmutter und in dem Fall Tante darauf hinweist, dass sie doch selbst ständig Flüchtlinge waren. „Aber das ist was ganz anderes“, versuchen die sich zu rechtfertigen, „wir sind immer Christen gewesen!“
Leonce aus dem Königreich Popo und Lena aus Pipi, ebenfalls eine Monarchie, sollen miteinander zwangsverheiratet werden. Was in adeligen Familien gar nicht so selten war. Georg Büchner, ein junger revolutionärer Dichter – und Mediziner – machte sich schon mit diesen Königreichs-Namen über diese diktatorischen Herrschaften lustig.
Und dann ließ er noch die beiden jungen Leute von ihren Höfen abhauen. Die beiden treffen – ohne voneinander zu wissen, wer die/der andere ist, aufeinander, verlieben sich und …
Neben der vordergründigen Verwechslungskomödie nimmt der Autor diese Form der Herrschaft aufs Korn, aber auch die buckelnden, sich der Macht andienenden Höflinge. Der Nord Süd Verlag hat „Leonce und Lena“ schon für Kinder ab 7 Jahren herausgebracht – in einer eigenen Textfassung des Dramaturgen, Autors und Büchner-Kenners Jürg Amann, der sich sehr nahe ans Original hielt.
Lisbeth Zwerger zauberte alle paar Seiten ganzseitige bunte Bilder, die ein bisschen an Karikaturen erinnern – und zwischendurch für fast reine Textseiten kleine blumige Illustrationen. Im Anhang des Buches wird sie so zitiert: „Die spielerische, teils blumige Sprache des Stücks versuchte ich mit spielerischen Mitteln – der Collage – in Bilder zu übersetzen.“
Die Revolution – ein Trauerspiel in vorgeblich lustiger Maske. (Traurige) Clowns spielen seit Kurzem im Wiener Burgtheater Georg Büchners „Dantons Tod“ – angereichert um Heiner-Müller-Zitate (Regie Johan Simons). Das Drama des Schriftstellers und Mediziners (1813 bis 1837), der selber wegen revolutionärer Flugblätter aus Deutschland ins französische Straßburg flüchten musste, konzentriert sich auf eine kurze Phase (24. März bis 5. April 1794).
Danton (Nicholas Ofczarek), der an der zum Terror ausgearteten Revolution mit massenhaftem Köpfe-Rollen zweifelt und dies kritisiert, steht auf der Abschussliste seines Gegners Robespierre (Michael Maertens), des „Blut-Messias“. Der sich als der wahre Revolutionär und seinen vormals Verbündeten nun als „Verräter“ sieht. Wobei auch der – das ist nicht mehr Teil von Büchners Drama – dreieinhalb Monate später selbst guillotiniert wird. Eine Ahnung davon spricht Danton jedoch schon an. Der berühmte Sager von „Die Revolution frisst ihre Kinder“.
Apropos „Fressen“- das Volk, in dessen Namen die Revolutionäre einst begonnen hatten, scheint ihnen ziemlich gleichgültig geworden zu sein. Während das Volk dringend nach Brot verlangt, bekommt es stattdessen Hinrichtungs-Spektakel serviert.
Die – auch heute noch – hehren Ziele, die sich in der Losung „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“ manifestiert haben, wurden von den Revolutionären zwar heftig, ausführlich, grundsätzlich diskutiert, aber praktisch immer mehr missachtet.
Das Volk vertritt in dem Fall ein Einzelner, ein Regie- und Dramaturgie-Trick, der Anleihe nimmt, dass Büchner als einen aus dem Volk auch einen Souffleur nennt: Aus einem diesfalls relativ groß und glänzend gestalteten Souffleur-Kasten windet sich immer wieder ein – ebenfalls als (Weiß-)Clown geschminkter Schauspieler (Ole Lagerpusch) und konfrontiert die (anderen) handelnden Figuren mit den Nöten jener, in deren Namen die anderen ihre Kämpfe austragen. Gegen Ende lässt er sich aus der Soufflage-Box Teile eines Fahrrades reichen, die nie zu einem ganzen fahrbaren Untersatz werden und damit die Revolution auch nicht weiterbringen.
Alles spielt sich auf der großen Bühne, die eine kalte Atmosphäre aus einem Mix an Arena, Sporthalle und Manege ausstrahlt (Bühne und Video: Nadja Sofie Eller). Einige wenige Klappsessel an der halbrunden hölzern wirkenden Wand im Hintergrund, vorne spielen sich die Debatten, Dialoge, Konfrontationen ab – verbale Schlagabtäusche, durch die clowneske Schminke und Kostüme (Greta Goiris) – verfremdet aber durch das Spiel aller Schauspieler:innen nie auch nur ansatzweise ins Lächerliche gezogen. Wenngleich auch die Parallelen zwischen Politik und Theater, öffentlicher Darstellung wie auf einer Bühne, Masken hinter denen die wahren Gesichter verborgen werden usw. spielerisch und verbal thematisiert werden.
Welche Freiheit, was ist Gleichheit – das fechten die Kontrahenten Danton und Robespierre mit ihren Adjutanten Camille Desmoulins (Felix Rech), Jean-François Lacroix (Johannes Zirner), Pierre Philippeau (Maximilian Pulst) einer und Louis-Antoine-Léon de St. Just de Richebourg (Jan Bülow) andererseits aus – selten übrigens direkt, meist in Abwesenheit des/der anderen. Da das Ende feststeht, ergibt sich die Dynamik – wenngleich es insbesondere zu Beginn der zweiten Stunde (ohne Pause) Längen gibt – aus den Grundsatzdiskussionen. Und gegen Ende krass symbolisch als sich die Bühne zu drehen beginnt und die Dantonisten beim Voranschreiten gegen die Drehrichtung somit praktisch nicht vom Fleck kommen.
Georg Büchner hat für sein Stück, das zu seinen Lebzeiten (er wurde nur 23 ½ Jahre alt) nur zensuriert veröffentlicht wurde, viel Originalmaterial übersetzt verwendet – was die männlichen Haupt-Protagonisten betrifft. Die Frauenfiguren kamen bei ihm nur am Rande vor, teils auch historisch verfälscht; so folgte Julie nicht ihrem Mann Georg Danton freiwillig in den Tod, sondern überlebte ihn um Jahrzehnte. In der Burgtheater-Inszenierung haben Julie Danton (Annamária Láng), Lucile Desmoulins (Marie-Luise Stockinger) und Marion (Andrea Wenzl) zwar teils starke, aber doch nur wenige, kurze Auftritte. „Brüderlichkeit“ bleibt eine solche, wird nicht zu Geschwisterlichkeit ausgeweitet. Obwohl es da sogar historische Anknüpfungspunkte gegeben hätte, wie die feministische Philosophin und Autorin Eva von Redecker in einem Gespräch mit dem Dramaturgen Sebastian Huber für das Programmheft anmerkt: „Im Sommer 1793, also ein halbes Jahr bevor das Stück spielt, wurde in Paris ein aufsehenerregender Streit darüber geführt, ob und wie die Revolution auf die Frauen ausgeweitet werden soll. Das ist die Geschichte des republikanischen Frauenvereins unter der Schauspielerin und Frauenrechtlerin Claire Lacombe…“
Kaum beginnt der Ruhm der drei sehr jungen Detektiv:innen Anton, Isha und Mesut zu verblassen, tut sich ein neuer Fall auf. Das Trio von Hausnummer 42 in der Hochhaus-Stadtrand-Siedlung scheint einem organisierten Handy-Diebstahl auf der Spur zu sein.
Die drei 10-Jährigen beobachten von ihrem „Büro“ auf dem Dach des Hochhauses einen 14-Jährigen, der einen Metallschrank voller Handys hat. Außerdem haben sie gesehen, dass er von einem jungen Mädchen ein Handy entgegengenommen und von einem Erwachsenen Geld bekommen hat. Und obendrein ist dieser ein fieser Typ, hat das Trio schon mehrfach geärgert…
Ohne jetzt allzu viel Spannung zu „rauben“ – dir als Leserin/ Leser deutet die Autorin Johanna Lindemann ohnehin schon mit Hinweisen auf Plakaten und Pickerl in Maxims Zimmer an, dass der mit den vielen Handys vielleicht anderes im Sinn hat (MAXIMaler Handyservice). Wieder einmal eine Lektion in Vorurteilen – wie schon in Band 1, wo die drei Kinder-Detektiv:innen allen anderen vor Augen führen, dass Verdächtigungen anhand von Klischees nicht nur falsch, sondern auch gemein sind. Diesmal lässt die Autorin ihre drei Titelheld:innen selber „einfahren“ – und dich noch schlauer sein als ihre Spurensucher:innen. Das kann schon deswegen verraten werden, weil zu diesem Zeitpunkt noch fast die Hälfte des Buches vor dir liegt. Da wäre die Lösung des Falls wohl kaum angesagt 😉
Weil sich zwei des Trios ständig durch Handy-Spiele bzw. -Videos ablenken lassen, geben sich die Hochhaus-Detektiv:innen eigene zehn Regeln (S. 121), die natürlich auch einige der zuvor angesprochenen und weitere Sicherheitseinstellungen umfassen. Um zu verhindern, dass sie selbst oder ihre Leser:innen zur Kategorie DAU (Dümmster Anzunehmender User) zählen. Diese Tipps und Regeln gibt’s – über einen QR-Code am Ende des Buches – auch noch in einer ausführlicheren digitalen Version.
Geschickt, weil nie aufgesetzt, baut Lindemann auch wieder unsichtbare Wände zwischen Arm und Reich ein – samt Scham, die Menschen aus ärmeren Schichten oft empfinden. In diesem zweiten Band von „Die Hochhaus-Detektive“ mit dem Untertitel „Achtung Handyfalle!“ sind aber auch noch – ausgehend von der Geschichte – so manch brauchbare Tipps an die lesenden Handy-User:innen verpackt: Immer wieder so „nebenbei“ – wenn Ishas Oma keine Bildschirmsperre hat und überall das gängigste Passwort (123456) verwendet.
Natürlich klären die drei, in dem Fall mit Hilfe einer möglichen neuen Detektivin und – ach, nein, alles sei doch nicht gespoilert – den Fall.
Die rund 180 – leicht und flott zu lesende – Seiten sind ebenfalls wieder mit Geschichte mit Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Elli Bruder aufgelockert; auch wenn eigenartigerweise es die unterschiedlichen Haut-Teints von der – bunten – Titelseite nicht auf die durchaus auch mit Grauschattierungen operierenden Zeichnungen im Buch-Inneren schaffen.
PS: Ob der Widerspruch zwischen den Zeitangaben für ein Lockvogel-Treffen (S. 108 und S. 110) eine versteckte Detektiv-Aufgabe für Leser:innen oder nur eine Schlamperei ist, die Autorin, Lektorin und allen anderen, die den Text vor dem Druck gelesen haben, durch die Lappen gegangen ist?
Eine auf Diabetes spezialisierte Ambulanz in Kobanê, ein Nieren-Dialysezentrum in Qamishli, die Druckerei für Schulbücher in Simav, ein Getreidespeicher für Weizen, eine Mehl- und Tahini-Mühle, zwei Zementproduktionsstätten und eine für Olivenölfabrik und sogar ein Hochzeitssaal – das sind einige der Ziele von mehreren Dutzend Luftangriffen des türkischen Militärs im Nachbarland Syrien – in der als Rojava bekannten autonomen, demokratisch, multikulturell verwalteten Region, in der Kurd:innen eine führende Rolle einnehmen.
Die Angriffe, über die der „Kurdische Halbmond“ berichtet, fanden am 25. und 26. Dezember statt– bei uns als Christ- und Stefani-Tag bekannt. „Bei den Angriffen kamen mindestens acht Menschen ums Leben, 15 wurden verletzt.“ Die Demokratische Selbstverwaltung in der Region Nord- und Ostsyrien (DAANES) schreibt – laut der kurdischen, in mehreren Sprachen publizierenden Nachrichtenagentur ANF (Ajansa Nûçeyan a Firatê / Nachrichtenagentur Euphrat): „Am 26. Dezember sind Wohnhäuser, Getreidesilos, eine Klinik, ein Bahnhof, Produktionsstätten, eine Baufirma, Straßen, ein Stadtviertel in Hesekê und zehn Checkpoints der Inneren Sicherheitskräfte in Cizîrê und in Kobanê bombardiert worden. 18 Angriffe erfolgten mit Drohnen, zwanzig weitere Angriffe mit schweren Waffen.“
Die Diabetes-Station, die von einem deutschen Verein unterstützt wird, war zum Glück über die Feiertage geschlossen, weshalb dort niemand zu Schaden kam. Dieses Zentrum versorgte hauptsächlich ältere Menschen in der Stadt und den Dörfern über eine mobile Klinik. Jetzt gibt es keine Chance mehr, die gleichen Dienstleistungen zu erhalten. Das Nierendialyse-Zentrum versorgt(e) monatlich zwischen 650 und 700 Patienten.
Beim Luftschlag auf die erwähnte Buchdruckerei wurden sechs Arbeiter getötet. Diese Druckerei verteilt Bücher an mehr als 800.000 Schüler:innen in mehr als 4.400 Schulen in der Region. Zum Glück fand zum Zeitpunkt des Bombardements des Hochzeitssaals keine Hochzeit statt. Die genannten und weitere Angriffe auf Strom- und Ölstationen hat zur Folge, dass in der Stadt Qamishli, neun Städten und 2.680 Dörfern die Stromversorgung unterbrochen ist, was wieder zum Stillstand in Gesundheits- und anderen öffentliche Einrichtungen führt(e).
Die Angriffe dauern bereits seit vielen Jahren an und haben sich seit Oktober 2022 gegen die zivile Infrastruktur enorm verschärft. Die jüngsten Angriffe auf die Infrastruktur werden die humanitäre Tragödie im Nordosten Syriens verschärfen. Die permanente Angst vor neuen Angriffen mit Drohnen belastet die psychische Gesundheit der Bevölkerung, insbesondere der Kinder, tief.
Betroffen sind auch die großen Lager – einerseits für Binnenflüchtlinge aus Syrien, die dem „islamischen Staat“ entkommen sind und andererseits für Häftlinge des unter besonders tatkräftiger Mithilfe der kurdischen Milizen zerschlagenen „islamischen Staates“. Besonders die Situation im Al Hol Camp ist besorgniserregend. Das Lager beherbergt immer noch fast 60.000 Menschen, die meisten von ihnen sind Familien von Mitgliedern des Islamischen Staates und viele von ihnen kommen aus europäischen Ländern. Das Lager dient bereits jetzt als Drehscheibe für die Radikalisierung seiner Bewohner. ISIS-Familien erziehen ihre Kinder zu neuen Soldaten des Islamischen Staates. Schon vorher gab es nicht genügend Kapazitäten, um auf diese besorgniserregende Situation zu reagieren, und der Mangel an humanitärer Hilfe und die schlechten Lebensbedingungen verschärften sich, berichtet der Rote Halbmond.
„Die Instabilität der gesamten Region als Folge des 12-jährigen Bürgerkriegs, durch den Klimawandel, durch die seit Jahren anhaltenden türkischen Angriffe und insbesondere durch den aktuell andauernden Großangriff schafft perfekte Voraussetzungen dafür, dass der IS wieder stärker wird. Die Radikalisierung wird zunehmen, die Vertreibung der Bevölkerung wird zunehmen, der Bedarf an humanitären Helfern wird zunehmen, die Zahl der Flüchtlinge, die ein sicheres Leben suchen, wird zunehmen“, appelliert die Schwesterorganisation des Roten Kreuzes an die Weltöffentlichkeit.
Nach Angaben des Roten Kreuzes leben über 90 % der Syrer unterhalb der Armutsgrenze. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind in Syrien 16,7 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen, davon leben etwa 6 Millionen in den Gebieten Nord- und Ostsyriens. Dennoch nimmt die Türkei Getreidemühlen und Öfen in der Region ins Visier und entzieht so Tausenden Familien das Brot.
Der „Verein zur Unterstützung geflüchteter Menschen und Schaffung solidarischer Strukturen“ aus Wien-Mariahilf wollte vor Monaten übrigens ein Projekt der Prothesenklinik von Qamishli mit Prothesen, Physiotherapie und psychosozialen Support unterstützten und fragte um Förderung beim österreichischen Sozial- und Gesundheitsministerium um eine 120.000-Euro-Förderung an. „Zu Ihrem Ansuchen wird mitgeteilt, dass aufgrund der restriktiven Budgetvorgaben für das gegenständliche Projekt/Vorhaben keine finanzielle Unterstützung gewährt werden kann“, kam Anfang Dezember die abschlägige Antwort.
Türkische Behörden bezeichneten die Angriffe als „Vergeltung“ für den Tod mehrerer Soldaten, die bei „grenzüberschreitenden Operationen“ der türkischen Armee im Irak von der kurdischen Guerilla getötet worden waren. Die Türkei rechtfertigt sich mit Verweis auf Artikel 51 der UN-Charta, in der das Selbstverteidigungsrecht eines Landes geregelt ist.
Im Völkerrecht gebe es aber kein Recht auf Vergeltung, argumentieren die Kurd:innen. Außerdem seien – mit Ausnahme der gezielten Ermordung des Kommandanten Ferhad Dêrik, Koordinator des multiethnischen Bündnisses für die Zusammenarbeit mit der internationalen Anti-IS-Koalition – keine militärischen, sondern praktisch ausschließlich zivile Infrastruktur angegriffen und zerstört worden, berichte die kurdische Nachrichtenagentur Ajansa Nûçeyan a Firatê (Nachrichtenagentur Euphrat).
Im Völkerrecht gebe es aber kein Recht auf Vergeltung, argumentieren die Kurd:innen. Außerdem seien gar keine militärischen, sondern praktisch ausschließlich zivile Infrastruktur angegriffen und zerstört worden, berichte die kurdische Nachrichtenagentur Ajansa Nûçeyan a Firatê (Nachrichtenagentur Euphrat).
Der Generalkommandant der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD), Mazlum Abdi, hat die türkischen Angriffe auf die zivile Infrastruktur der Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien verurteilt. Wörtlich sprach Abdi auf der Plattform X von Kriegsverbrechen.
In den deutschen Städten Bremen, Stuttgart, Freiburg sowie im schweizerischen Zürich und Basel hat es bereits Kundgebungen gegeben. Die schon zitierte – vielsprachige – kurdische Nachrichtenagentur ANF-News erwähnte auch Zypern, Frankreich und Dänemark
Frank ist ein aufgeweckter, neugieriger und ungewöhnlicher Pinguin unter seinesgleichen. So „borgt“ er sich auf den ersten drei Seiten einen Stoßzahn eines Walrosses aus, um damit in einem Eisloch gleich fünf Fische auf einmal aufzuspießen. Doch dann will der Besitzer seinen langen Außenzahn wieder zurück 😉
Fand diese Fischfangmethode bei seinen Kumpels noch Anklang, so das meiste, was Frank einfiel, eher nicht. Eines Tages tanzte er mit einer roten Mütze an. Die schien den Mit-Pinguinen aufs erste gefährlich zu sein. Erst recht, als einer namens Neville, sich die aufsetzte und prompt von einem riesigen Killerwal verschlungen wurde.
Da konnte Frank noch so viel erklären, dass das eine (rote Mütze) mit dem anderen (aufgefressen werden) nichts zu tun hat – es bescherte Frank ein einsames Außenseiter-Dasein. Naja, möglicherweise wär doch was falsch gewesen, begann er zu grübeln. Vielleicht die Farbe. Doch davon konnte er seine Artgenoss:innen ganz und gar nicht überzeugen. Und so begann er eine neue zu stricken.
Doch – keine Chance. Und so wollte Frank seine Mützen-Produktion einstellen. Natürlich kann, nein darf eine Bilderbuchgeschichte so nicht enden.
Robben tauchten auf – mit seinen Mützen auf den Köpfen. Und konnten so Frank dazu bewegen, nicht von seinen Ideen abzulassen – und er hatte am Ende schon wieder eine neue…
Irgendwie haben seine Pinguine zwar eher Comic-Augen. Und damit seine Lehrstück-hafte Geschichte gegen Vorurteile (rote Mützen) und Verschwörungstheorien (wie sie der Verlag anpreist) besser funktioniert, hat Sean E. Avery für sein Bilderbuch „Frank’s Red Hat“ (auf Deutsch – von Susanne Weber – „Franks rote Mütze“ die Welt der Pinguine in rein schwarz-weiß beschrieben und gezeichnet. Kein blauer Himmel und vor allem keine bunten Anteile echter Pinguine (Schnabel, Hals-Partien, die bei vielen gelblich bis rötlich sind). Aber immerhin will sein Buch ja Mut machen, mit einem Vorhaben oder einer neuen Idee ja nicht aufzuhören, auch wenn (fast) alle anderen sie für blöd oder gar gefährlich halten.
Katherina Braschel arbeitet als freie Schriftstellerin und Kulturveranstalterin. Sie schreibt darüber hinaus für die Literaturmagazine „Radieschen“ und „Morgenstern“ und gibt Schreib-Workshops, unter anderem im Literaturhaus Wien. Dieses Jahr war sie Teil der Jury für die Exil-Literaturpreise – Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… hat darüber bereits zwei Teile veröffentlicht – Links dazu am Ende dieses Beitrages.
Mit KiJuKU spricht in Braschel über ihr Leben als Autorin, was einen guten Text ausmacht und wieso Tagebuchschreiben nichts für sie ist. Das Interview führte Stefanie Kadlec, Schülerin im Maturajahr, die hier seit einigen Monaten Journalismus-Luft schnuppert.
KiJuKu: Wie bist du zum Schreiben gekommen, war das schon sehr früh?
Katherina Braschel: Meine Mutter hat sehr viel Wert darauf gelegt, dass ich viel lese und deswegen waren wir auch viel in Bibliotheken, wo ich dann sehr viel Zugang zu Büchern bekommen habe. In der Schule hatte ich Glück mit meinen Lehrpersonen, die mich immer unterstützt haben und auch schon in der Volksschule gesagt haben: Das ist eine tolle Kurzgeschichte. Schreib noch eine. Ich habe in der Schule auch Schreibworkshops besucht und das Schreiben ist mir immer geblieben. Eine Zeit lang war ich mehr im Theaterbereich, also in der Off-Szene, aber das Schreiben war immer da. Ich habe 2019 beschlossen, es auch hauptberuflich zu machen. Ich glaube, es war schon immer da, dadurch weil es auch immer schon meine Ausdrucksform war.
KiJuKu: Du bist in der Jury der Exil-Literaturpreise, wo du Texte lesen und aussuchen musst. Wie sucht man einen Text aus und wann ist ein Text gut?
Katherina Braschel: Eine Jury wird nach verschiedenen Qualifikationen zusammengestellt, aber man kann versuchen, es nach objektiven Kriterien zu machen. Das haben wir auch versucht und hoffentlich gut hinbekommen, aber letztlich sind es auch subjektive Kriterien. Ich fand es total spannend, so viele Texte zu lesen und unterschiedliche Zugänge zu bekommen. Wir hatten auch Texte, wo wir uns in der Jury gar nicht einig waren. Für mich ist ein Text gut, wenn er mich noch länger beschäftigt. Er muss mich irgendwie berühren, er kann mich auch wütend machen und er kann mich auch angreifen. Ich mag es auch, wenn Leute sich in ihren Texten etwas trauen, die Formen sprengen oder erweitern. Bei diesem Preis ist es ein bisschen selbstverständlich, aber ich mag auch politische Texte, die sich etwas trauen.
KiJuKu: Was hast du als Autorin schon veröffentlicht?
Katherina Braschel: Ich habe 2020 das Buch „Es fehlt viel“ in der Edition Mosaik veröffentlicht. Das war ein experimenteller Band, also die Buchhandlungen tun sich schwer es irgendwo hinzustellen und es lag meistens bei Lyrik. Es ist vielleicht auch ein bisschen eine Hilflosigkeit, ich finde es ist keine Lyrik. In dem Buch ging’s um Dokumentieren, da habe ich experimentell gearbeitet und Zitate, Mitgehörtes auf der einen Seite in den Text eingeflochten und auf der anderen Seite Beobachtungen und Reflexionen. Das klingt jetzt ein bisschen trocken, aber es ist auch schwer zu erklären. Es ist ein Text, der sich ums Dokumentieren dreht und um die Frage, wozu man eigentlich das Recht hat zu dokumentieren.
KiJuKu: Schreibst du auch Tagebuch?
Katherina Braschel: Nein, ich habe oft versucht damit anzufangen, aber ich glaube ich bin dazu nicht genug gnädig mit mir selbst. Ich habe dann permanent ein schlechtes Gewissen, wenn ich einen oder mehrere Tage auslasse. Eine Zeit lang habe ich jeden Tag in ein Notizbuch einen Satz geschrieben. Das hat gut funktioniert und das lese ich auch jetzt manchmal noch gerne durch, weil’s auch ein Satz ist und es macht Freude und das ist auch etwas, was man leicht einhalten kann.
KiJuKu: Hast du irgendeinen Lieblingssatz?
Katherina Braschel: Ein Satz, der nie unwichtig sein wird: Kein Mensch ist illegal.
Stefanie Kadlec, 18
Eine dreisprachige Familie steht im Zentrum des Textes der Siegerin, in anderen Texten kommen mehrere Sprachen vor, die Jugendlichen des prämierten Schulprojektes versetzten sich in Altersgenoss:innen in verschiedensten Teilen der Welt… Über die Texte der Schülerinnen samt kurzen Interviews mit jenen sechs der sieben die zur Preisverleihung gekommen waren, gibt es einen eigenen Beitrag, der schon früher erschienen ist – Link dazu am Ende dieses Beitrages: „Wenn ich bei der Geburtslotterie nicht gewonnen hätte…“
„Schreiben zwischen den Kulturen“ ist das Motto der heuer (2023) zum 27. Mal vergebenen Exil-Literaturpreise. Nach vielen Jahren auf der Buch Wien – wo der zeitliche Rahmen immer sehr begrenzt war – fand die Preisverleihung nun auch schon zum wiederholten Mal im Literaturhaus Wien statt. Heuer mit leider nur recht kurzen Auszügen aus den ausgezeichneten Texten.
Der Bewerb, die Preise und vor allem die Edition Exil, bei der nicht nur die gesammelten vollständigen Preistexte erscheinen – siehe Info-Box -, sondern immer wieder auch Einzelbände vormaliger Preisträger:innen, wirkt damit seit mehr als einem ¼-Jahrhundert befruchtend für die österreichische Literatur. „Heute so bekannte Autor*innen wie Julya Rabinowich und Thomas Perle, Susanne Gregor und Didi Drobna, Marko Dinić, Ljuba Arnautović, Dimitré Dinev und Samuel Mago und viele andere wurden durch die Exil-Literaturpreise entdeckt und zu Beginn ihrer Karrieren im Autor*innen-Coaching im Rahmen der Exil-Autor*innenwerkstatt und meist auch mit Erstpublikationen in der edition exil entscheidend gefördert“, schreibt und sagt Christa Stippinger, Herz, Seele und Motor des Bewerbs und der Edition.
„Ich weiß, dass in jeder Sprache ein anderer Mensch steckt. Mein Vater ist sanft, wenn er Ukrainisch spricht“, heißt es an einer Stelle von „Platz für Enge“, dem Text, mit dem Anastasiya Savran den Exil-Literaturpreis 2023 – von 1999 Einreichungen) gewonnen hat. „Mutter hingegen ist geradlinig, gerecht und streng. Ihre russische Sprache und den Tonfall nehme ich an, wenn ich überzeugen will. Wenn wir diskutieren und jeder den eigenen Standpunkt durchzusetzen versucht.
Und Deutsch? Das ist die Sprache, die ich verwende, um zu erklären. Es ist die Sprache, um sich Neuem anzunähern. Wir reden deutsch, wenn etwas noch fremd für uns ist.
Ich weiß auch, dass alle drei Sprachen in meinen Eltern wohnen. Aber seit einem Jahr hat sich etwas verändert…“
Die Autorin ist als sehr junges Kind (eineinhalb Jahre) nach Österreich gekommen. „Als meine Familiensprache bezeichne ich Ukrainisch, weil es für mich eine starke Bedeutung hat, in Bezug auf Emotionen und den Wortschatz. … Mit meinen Brüdern oder Schwestern rede ich Deutsch, und obwohl wir die Sprache beherrschen, ist es anders, als wenn wir Ukrainisch sprechen“, wird sie im Preistexte-Band zitiert. „Für mich persönlich ist Heimat kein Ort, den man mit einer Pin-Nadel auf einer Karte festlegt, sondern ein Wert, und der kann in zwei, drei oder vier Ländern liegen.“
Savran, die am Gymnasium im Wiener Theresianum naturwissenschaftliche Fächer unterrichtete, ist nunmehr Lehrende und Forscherin an der Pädagogischen Hochschule Wien 10 – Schwerpunkt Naturwissenschaften, IT in Verbindung mit Kunst (STEAM – Science, Technology, Engineering, Arts, Mathematics) – womit sie noch ganz andere Sprachen in ihr Leben integriert – und obendrein vermittelt;)
„In meiner Sprache kann ich nicht schlafen, dormire, il sonno heißt aber der Schlaf. Insonne werde ich, als er mir ausweicht. Sogar manche Pflanzen nehmen nachts eine Schlafposition ein, lese ich, die Blätter nach unten. Blüten schließen sich meistens. Ob sie auch wirklich schlafen, weiß ich nicht“, schreibt Wania Laila Castronovo in „Insonne. Berichte aus einer anderen Landschaft“. Damit gewann sie den zweiten Preis. Immer wieder switcht sie zwischen Deutsch und Italienisch (manches Mal in Fußnoten im Buch übersetzt) und bringt das in zwei kurzen Sätzen auf den Punkt: „Am liebsten die Sprache vermischt. Am genauesten spreche ich gemischt.“
„Das Ungleichgewicht der Grenzen“ betitelte Sára Köhnlein ihren Text, mit dem sie auf Platz drei des aktuellen Bewerbs kam. Und in dem sie unter anderem die „herrschende“ Hierarchie von Sprachen thematisiert. Aus dieser Passage sei hier zitiert:
„Doch es ist mehr als der Inhalt, es ist die Sprache selbst. Er ist der, der alle Sprachen sprechen darf; wenn er Deutsch redet, antworten die Menschen auf Deutsch, um die Sprache zu üben. Wenn er Tschechisch spricht, wird er für seine Kenntnisse gelobt. Wenn er Englisch spricht, sagt man, er beherrsche so viele Sprachen.
Auch in der Familie bemerkt Ludvika das subtile Ungleichgewicht, das in allen Aspekten des Lebens vorhanden ist. Wenn sie in Deutschland sind und Mutter auf Deutsch spricht, wird sie korrigiert, während Vater in Tschechien viel häufiger gelobt wird. … eine Sprache ist immer mächtiger als die andere, eine Sprache hat mehr Geld als die andere, … In Ludvika wohnen beide Sprachen und in ihrem Haus wohnen beide Elternteile.“
Auch in der Familie bemerkt Ludvika das subtile Ungleichgewicht, das in allen Aspekten des Lebens vorhanden ist. Wenn sie in Deutschland sind und Mutter auf Deutsch spricht, wird sie korrigiert, während Vater in Tschechien viel häufiger gelobt wird. … eine Sprache ist immer mächtiger als die andere, eine Sprache hat mehr Geld als die andere, … In Ludvika wohnen beide Sprachen und in ihrem Haus wohnen beide Elternteile.“
In diesem Jahr wurde auch ein Lyrikpreis vergeben. Dieser ging an Lorena Pircher für ihren gedichteten Text „Neujahr“ über zerrissene Gefühle einer Familie im Exil. Daraus sei der Abschnitt V (von sechs -in römischen Ziffern) zitiert: (alles in Kleinschreibung im Original) „geruch von schafwolle und essig duft der geborgenheit heu orecchiette geschälte tomaten wir inhalieren einen schluck wein und / die scalda ’nduja zischt leise das fleisch köchelt / spalmare ein wort das meinen gaumen füllt meine augen folgen der hand meiner schwester / sie liest matilde serao nach dem essen obwohl die worte ihr wie geröll im mund lasten einzeln gegen die zähne schlagen fremdkörper in ihr / wir kinder sprechen die madrelingua nur mehr selten rauchschwalben pendelnd zwischen dem was wir nicht loslassen wollen und dem was wir noch nicht erfassen können / niemals vergessen wollen was wir erinnern können niemals vergessen woher wir kommen.“
Seit vielen Jahren vergeben die Exil-Literaturpreise auch einen für Autor:inen mit Deutsch als Erstsprache. Dieser ging 2023 an Lisa-Viktoria Niederberger für „Gittka“. Ihre Protagonistin lebt im Altersheim – und die Autorin verwebt ihr dortiges Dasein mit Erinnerungen an deren eigene Geschichte. Darin heißt es unter anderem:
„Gittka und ihre Eltern.. gehören zur Gruppe der Vertriebenen, sind Displaced Persons. Ein Drittel der Menschen in Linz nach dem Krieg waren KZ-Überlebende, Flüchtlinge, Vertriebene. Ich habe in der Schule nicht viel über diese Stadt in jener Zeit gelernt. Auch die Volksdeutschen, die Karpatendeutschen, waren lange Zeit nur eine Fußnote in meinem Wissen über Zeitgeschichte. Irgendwann ändert sich das, will ich diese Lücken füllen, mit Büchern, Dissertationen, Besuchen in Archiven. Meine Primärquellen sind tot.“
„Vom Vergessen. Vom Kritzeln.“ Nannte Estera Calin ihren poetisch, phasenweise fast mystischen-Mythischen Text. Mit dem gewann sie die Jugendkategorie bei den Exil-Literaturpreisen 2023. In diesem Jahr hatte sie in Linz maturiert, wohin sie erst wenige Jahre zuvor aus Chișinău (Hauptstadt der Republik Moldau) mit ihrer Familie gekommen war. Die ersten zwei Lebensjahre verbrachte sie in Gagausien, einem autonomen Gebiet in diesem kleinen Land.
Zitat aus dem ausgezeichneten Text: „Vielleicht waren ihre Worte im Innersten faul, bereits verrottet.
Vielleicht hatte sie nicht die richtige Sprache gesprochen.
Vielleicht war sie einfach nur wahnsinnig verliebt in Worte, die niemand verstand.
Folclor. Бабушкин суп. Criză economică. Клянусь, я пришла сюда не для того, чтобы есть ваши деньги. Ihre Worte, ihre Kinder. Ihre unschuldigen, süßen Kinder. Die sie sprechen würde. Die sie singen würde. Die sie fürchtete, durch den bloßen Akt des Vergessens getötet zu haben.
Die sie jetzt so verzweifelt wiederbeleben wollte, aber sie wollten nicht kommen.
Vielleicht haben sie sie vergessen.“
„Nur eine Literatur, die Mehrsprachigkeit nicht nur zum Thema macht, sondern aus der Mehrsprachigkeit kommt und sie in vieler, oftmals erstaunlicher Weise selbst praktiziert, kann uns Leser*innen all das zeigen. Und darum, so denke ich, sollten vielleicht gerade Autor*innen, die mit großer Souveränität ihre einzige eigene Sprache handhaben, sich diesen mehrsprachigen Texten aussetzen…“, schreibt Jessica Beer, Mitglied der Jury und Moderatorin der Preisverleihung im Vorwort zum aktuellen „preistexte“-Band.
Eine Kategorie der Exil-Literaturpreise „Schreiben zwischen den Kulturen“ ist Texten aus Schulprojekten gewidmet. In diesem Jahr ging er an sieben Schülerinnen der Wortwerkstatt im privaten Wiener Gymnasium St. Ursula (23. Bezirk, Liesing). Lehrerin Johanna Schmidt, die diese kreativen Schreib-Workshops leitet, gab als Thema vor „Ich bin…“
Sieben Schülerinnen (ca. 15 bis 18 Jahre) – in diesem Jahr gab es ausschließlich Mädchen und Frauen, die gewonnen haben – dachten sich ungefähr Gleichaltrige in verschiedensten Gegenden der Welt aus: Vancouver (West-Kanada), Regenwald in Brasilien, Grönland, Insel Elba (Italien), Teheran (Iran), Indien und Sydney (Australien).
Die Bandbreite der Texte reicht vom Leben einer Jugendlichen in einem indischen Slum über den Widerstand gegen das Fällen von Bäumen im Regenwald, die ständige Angst als Protestierende in der iranischen Hauptstadt Teheran bis zur Verbundenheit mit dem Element (Meer-)Wasser, der Sehnsucht aus der Abgeschiedenheit einer kleinen grönländischen Siedlung die große, weite Welt kennenzulernen bis zum überprivilegierten Leben als Kind superreicher Eltern in Sydney (als bewusste Ausnahme). In der Geschichte aus dem kanadischen Vancouver – in einer viel zu engen Wohngemeinschaft – findet sich ein Satz, der vielleicht für viele andere wo auch immer auf der Welt gilt: „mein größter Wunsch wäre, eine Person zu finden, die mir zuhört, mich ernst nimmt…“
Sechs der sieben Autorinnen kamen zur Preisverleihung ins Wiener Literaturhaus. Und stellten sich jeweils zwei Fragen von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… Erstens, wie sie jeweils zum Schreiben – über das für die Schule erforderliche Ausmaß hinaus – gekommen waren; und zweitens: warum und wie sie sich für die jeweilige fiktive Person und Weltgegend entschieden haben. Die Reihenfolge entspricht nur derjenigen, in denen die Jugendlichen die Interviews gegeben haben.
Elisa Rodia (1. Klasse Oberstufe) – Delphina, 15-jährige im Amazonas-Regenwald in Brasilien
In der Schule mussten wir einmal einen Kreativtext schreiben, das war in der zweiten Klasse Unterstufe. Aber wir hatten eine Wortbegrenzung und ich wollte halt weiterschreiben. Dann hab ich diesen Text zu Hause ausgeschrieben, der hat jetzt 20 Seiten. Das hat mir Spaß gemacht und so habe ich immer mehr Texte geschrieben.
Für den Regenwald in Brasilien hab ich mich entschieden, weil ich gerne Fantasybücher lese. Regenwald hatte für mich so etwas Geheimnisvolles, Mystisches. So hab ich mir vorgestellt, als Autorin viel Freiraum zu haben.
Athina Klenk (7. Klasse) – Blake, Jugendliche in Sydney (Australien)
Zu schreiben begonnen habe ich so ungefähr mit zehn Jahren, in der ersten Klasse Gymnasium – zuerst Tagebuch und ich habe angefangen, sehr viel zu lesen. So bin ich dazu gekommen, mir eigene Geschichten mit den Figuren aus Büchern auszudenken.
Meine Lehrerin hat mich gefragt, ob ich etwas über Australien schreiben könnte. Es gab da schon sehr viele Texte, die ärmere Menschen dargestellt haben, so hab ich mir gedacht, ich schreibe etwas über sehr reiche Leute und kann dadurch ein bisschen die andere Seite beleuchten. So gesteht ihre Blake, die entspannt im Luxus lebt ihre große Ignoranz gegenüber Armut, die sie auf der Straße sieht und wie sie entsprechende Nachrichten überspringt. „In stillen Momenten kommt die Frage nach dem Wieso. Immer kehrt sie wieder, wieso haben manche so viel und manche so wenig?“
Lena Heindl (8. Klasse) – Ajala Amita Gandhi aus einem indischen Slum
Bei der Wortwerkstatt bin ich jetzt das vierte Jahr dabei. Selber hab ich mit acht Jahren angefangen mitvKurzgeschichten über Kinder und Jugendliche, wo sich Freunde und Freundinnen treffen und gemeinsam etwas unternehmen. Über die Zeit hinweg hat es sich dann entwickelt zu Liebesgeschichten. Aber ich hab auch über tiefere, ernstere Themen geschrieben.
Wettbewerbe haben mir Inspiration gegeben, aber ich hab auch immer wieder aus dem Privatleben Anregungen bekommen, mich dann hingesetzt und geschrieben.
Wir haben im Geografieunterricht schon vor Jahren über das Leben in Slums geredet. Das fand ich immer schockierend, dass das Leben in anderen Orten so komplett anders ist als ich es hier kenne. Als wir das Thema bekommen haben, sich in andere hineinzuversetzen, hab ich mich daran erinnert und wollte darüber schreiben. Um sich auch als eine reichere Person vorzustellen, wie schwierig das Leben für andere Menschen ist.
Rosa Klanatsky (6. Klasse) – Zahra Asadi (was übrigens Freiheit heißt), 15-Jährige in Teheran (Iran)
Begonnen mehr als für die Schule zu schreiben hab ich als ich 12 Jahre war. Angefangen hab ich mit Tagebüchern und bin dann zu Kurzgeschichten übergegangen.
Die Protestbewegung im Iran war oft in den Nachrichten, so bin ich draufgekommen, dass das ein interessantes Thema sein könnte. Ich wollte, dass auch mehr Menschen darüber erfahren.
Auf die Nachfrage, ob sie Menschen gesucht habe, die aus dem Iran gekommen sind, meinte die Mit-Preisträgerin: Ich hab mir ein paar Videos und Nachrichten angeschaut. Und dann versucht, mich hineinzuversetzen.
Elsa Mayr (1. Oberstufe) – Felicia auf der italienischen Insel Elba
Ich war so drei, vier Jahre alt, da hab ich angefangen, meiner Mutter Geschichten zu diktieren, weil mir sehr viel eingefallen ist und mir das extrem viel Spaß gemacht hat. Sie hat alles aufgeschrieben
„Gibt’s diese Texte noch?“, will KiJuKU wissen. „Ja, das hat sie in so ein Fotobuch eingeklebt und Zeichnungen dazu gemacht.
„Haben Sie sich das später einmal angeschaut und durchgelesen?“
„Schon, aber ich kann mich auch noch so an die Geschichten erinnern.“
Für Italien habe ich mich entschieden, weil ich Wurzeln in Italien habe und weil mich einfach das Meer extrem fasziniert. Deswegen wollte ich eine Figur erfinden, die das Meer als Seele hat.
Livia Pajor (7. Klasse) –Maya (16), Vancouver (Kanada)
Schon im Volksschulalter habe ich Gedichte geschrieben. Irgendwann hab ich begonnen, Gefühle in meine Texte einzubauen und mich so ausgedrückt. Zuerst nur für mich, hin und wieder habe ich Texte dann einem engeren Kreis um mich herum gezeigt, aber nie bewusst für Wettbewerbe oder so. Das hat erst mit der Wortwerkstatt begonnen.
Ich habe einen großen Teil meiner Familie in Kanada und fühl mich mit dem Land ziemlich verbunden und wollte mal darüber schreiben.
Weitere Beiträge zu den Exil-Literaturpreisen 2023 folgen
Fünf Roll-Ups bilden die Kulissen der mit Musik – von Walter Lochmann – gewürzten, von Gernot Kranner erzählten bekannten Märchen. Am Weihnachtstag waren „Die Bremer Stadtmusikanten“ am Vor- sowie am Nachmittag dran. Aufbruch der vier jeweils ausrangierten Tiere, um frei zu werden. Denn was Besseres als den Tod wollten sowohl Esel als auch Hund, Katze und Hahn finden.
Immer wieder bezieht der Sänger und Schauspieler Kinder ins Geschehen ein; gemeinsam wird gesungen oder wie hier immer wieder im Chor den Tieren – in Form von Plüsch- und Stoffwesen aus einer Korb-Kiste – ihre Laute als Stimme gegeben.
In den Advent-Wochen hatte Kranner bei seinen Auftritten immer ein großes Gurkenglas an den Bühnenrand gestellt und unter dem Motto „Herz für Herz“ um Spenden gebeten. Immer wieder startet er private Hilfsaktionen, brachte im Vorjahr als er ein Auto voller Hilfsgüter an die ukrainische Grenze brachte bei der Rückfahrt eine Familie mit nach Wien. Diese war eine von vier Familien, die in den Genuss des gespendeten Geldes kam, das er nach der Vorstellung gemeinsam mit Kindern von drei dieser vier Familien zählte. Ergebnis: 1.027 Euro und 13 Cent, die rundete Kranner auf 1.040 Euro auf, so dass jede Familie zu 260 Euro kam.
Da ging Kranner selbst das Herz auf, dass in den wenigen Wochen bei den Vorstellungen so viel gespendet worden war. „Das zeigt, dass viele Menschen ganz konkret was Positives tun, anderen helfen wollen!“
Weil es derzeit – bis 27. Dezember 2023 – in der Opernversion im Wiener MuseumsQuartier (Halle E) zu erleben ist, ein kurze Besprechung eines fast Uralt-Bilderbuch-Klassikers: „Wo die wilden Kerle“ von Maurice Sendak ist – im Original – vor 60 Jahren erstmals erschienen, wenig später auch die erste deutsche Ausgabe, die letzte ist auch schon zehn Jahre alt.
Max ist offenbar gerne wild, tobt in seinem Wolfskostüm zu Hause herum. Das nervt die Mutter, sie schickt ihn auf sein Zimmer – droht ihm allerdings gleich an, er kriege nichts zu essen. Sein Zimmer verwandelt sich in einen wilden Wald, er findet an einem Ufer ein Boot, segelt weit und lang und landet auf einer Insel bei wilden Kerlen. Die machen ihm gar keine Angst, er fordert sie sogar zum Krachmachen auf und sie krönen ihn zu ihrem König…
Maurice Sendak, der die Geschichte erfunden hat, ganz, ganz knapp textete und vor allem mit bunten, wilden Bildern zeichnete, lässt den physisch und psychisch unverhältnismäßig bestraften Buben die Rettung in einer wilden Fantasiewelt finden. Diese positive Besetzung kindlicher Wut führte anfangs zu heftigen Reaktionen Erwachsener bis hin zu teilweisen Verboten in US-Büchereien. Aber in der Folge zu vielen Preisen für dieses Buch.
Dave Eggers, der gemeinsam mit Spike Jonze das Drehbuch für eine Real-Verfilmung (2009) geschrieben hat, gesteht im Nachwort seines Romans „Bei den wilden Kerlen“, dass im Sendaks Bilderbuch in seiner Kindheit Angst eingejagt hat. Als junger Erwachsener hätte er sich mit dem Buch versöhnt und sich gefreut als er für das Drehbuch angefragt worden war.
Für den Kinofilm braucht es deutlich mehr als die Grundgeschichte – eine längere Vorgeschichte, eine umfangreichere Familie – Schwester, getrennte Eltern, guter Kontakt auch zum Vater, neuer Freund der Mutter. Und eine ganz lange Zeit bei den wilden Kerlen – mehr von dieser Sorte…
Während der Arbeit am Film fragt Sendak himself Eggers, ob er nicht danach noch einen Roman schreiben wolle. Ausgehend vom Drehbuch mit Änderungen und Ergänzungen entstand dieser auf neudeutsch am ehesten als Page-Turner zu bezeichnende Abenteuerroman.
Max baut schon zu Hause aus Schnee ein Fort, um Freund:innen seiner Schwester Claire zu bekämpfen. Fühlt sich zu Hause mehr als ungeliebt, ja oft nicht einmal wahrgenommen und haut ab – über den Wald (dieses Mal nicht in seinem Zimmer), Boot, Meer, Insel und viele wilde Kerle. Dort beansprucht er aber hier selber die Rolle des Königs. So manches, das er für seine Untertanen vorschlägt, geht allerdings schief. Der Bau eines großen Fotos scheint die Lösung. Macht lange Spaß, scheitert aber schließlich wieder – nachdem der „König“ einen eigenen Geheimraum beansprucht. Erst sein Plan, auch hier wieder abzuhauen, vereint die „wilden Kerle“. Aber er bleibt dabei und landet doch recht schnell wieder zu Hause…
Die (Groß-)Mutter wird zunehmend dement, der (Groß-)Vater war (fast) nie da. Fabian versucht seinem Sohn Moritz die Liebe, die er von seinem Vater kaum empfing, im Überschwang zumindest zu beteuern. Was schon in den ersten Minuten zum mehrfachen Dialog „Ich hab dich lieb“ – „Okay“ führte. Und den ersten, fast einzigen Lachern des jungen Publikums (ab 8 Jahren). „Liebe Grüße… oder wohin das Leben fällt“ von Theo Fransz (Aus dem Niederländischen: Andrea Kluitmann) hatte im September Premiere – Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… berichtete über einen Probenbesuch knapp davor samt Interviews. Nun läuft es immer wieder einmal im Laufe der Saison im Vestibül des Wiener Burgtheaters.
Und ist vielleicht – obwohl nie mit Weihnachtsbezug – vielleicht doch das Stück rund um dieses Fest, bei dem oft (zu) viele Erwartungen in die Zusammenkünfte der Familien gelegt werden – mit so manchen Enttäuschungen bis Krachs.
Hier erleben wir ein schauspielendes Trio in den Rollen dreier Generationen – samt Zeitreisen zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die Ausgangssituation nicht gerade einfach – eingangs kürzest zusammengefasst – und dennoch viel Empathie im Raum und zwischen den Figuren. Auf der doch engen, kleinen Bühne mit meist neutralen – Wänden, von denen einige verschieb- und drehbar sind (Anneliese Neudecker) – reisen Fabian (Rainer Galke) und seine „Mutter“ Mathilde (Dunja Sowinetz) zwischen hier und heute einer- und Fabians Kindheit andererseits. Da ist er dann genauso zehn Jahre wie sein heutiger Sohn Moritz (Lukas Vogelsang).
Situationskomik ergibt sich daraus, dass dann, wenn Fabian Kind ist, auch Moritz da ist. Letzterer in diesen Situationen nicht weiß, dass der andere sein Vater ist, der sich da zurückfantasiert und Ersterer den „fremden“ Jungen nicht kennt. Was dann auch zu missverständlichen Dialogen führt, versteht Fabian als Zehnjähriger, Jahrzehnte früher, folgerichtig Begriffe wie cool, weired (seltsam), Shit oder gar Handy genau gar nicht. „Was soll das sein, ein Hosentelefon?“ Situationen, die weitere Lacher hervorrufen.
Als vierte Person ist Alois, Mathildes Ehemann und Fabians Vater wenngleich nie anwesend oft sehr präsent. Über Postkarten, die er nach Hause geschickt hat und Fotos, von denen erzählt wird. In diesen Erzählungen geht Mathilde das Herz auf, Fabian hingegen lässt Anflüge von Hass aufblitzen. Immer diese leeren Versprechungen, vor allem jene nach einer großen gemeinsamen Reise mit seinem Vater… Wobei sich die Nichterfüllung sehr spät nüchtern, sachlich aufklärt – erst gegen Ende des Stücks über den Fund eines Zeitungsartikels in der Geheimnis-Kiste der (Groß-)Mutter, wovon Fabian aber Jahrzehnte lang nichts wusste.
Mathilde litt schon früh unter Panikattacken und konnte/wollte deswegen nicht reisen, verliert nun zunehmend die Orientierung und Gedächtnis. Den äußeren schwierigen Umständen zum Trotz aber lassen die drei Schauspieler:innen die im Stück angelegte und so inszenierte (Regie: Anja Sczilinski) fast durchgehend sehr spürbar miterleben.
Ein riesiger Bär recht einem kleinen Kind mit Teddybär gaaaanz sanft seine Pfote. Dahinter fliegt ein Wal durch die Luft – mit einer kleinen, glänzenden Krone auf dem Kopf. Ein Stück weiter reitet ein winziges Wesen mit menschlichem, aber grünem Kopf und einer Schwanzflosse auf einem Seepferdchen, das auf einer Mischung aus Wasserfall und Sonnenstrahlen dahinschwebt.
Wie geht das alles zusammen?
Nun, einerseits ist ein in der Mitte stehendes Mädchen mit aufgeschlagenem Buch ein Hinweis. Zum anderen schon der Titel dieses verzaubernden Bilderbuchs: „Der Zauber der Bücher“.
In wenigen, knappen Reimen – im englischen Original von der US-Amerikanerin Caroline Derlatka geschrieben, auf Deutsch von Cornelia Boese übersetzt – werden große, weite, magische Welten eröffnet. Das beginnt so: „Komm öffne ein Buch/ und zeih in die Ferne, / ins Tiefste der Meere, / zum höchsten der Sterne!/ Enthüll sein Geheimnis, / der Zauber ist groß: / Schlag bloß Seite eins auf/ und schon geht es los!“
Die Illustratorin Sara Ugolotti aus Italien hat sich von dem Text zu den fantasievollsten Bildern anregen lassen – die eingangs geschilderten und noch ein paar mehr, vor allem Blumen und andere Pflanzen, versammeln sich um die zitierten Reim-Zeilen.
In dieser „Tonart“ geht’s sowohl textlich als auch bildlich weiter – und sie können oder wollen (?) auch dich inspirieren, dir vielleicht sogar andere Bilder dazu (auszu-)malen 😉
Die Halle E im Wiener MuseumsQuartier – bespielt vom MusikTheater an der Wien – ist vollbesetzt mit Kindern und Jugendlichen. Viele der jüngeren Kinder haben unterschiedliche bunte Monstermasken vor den Gesichtern, vielmehr solchen von „wilden Kerlen“. Nicht denen aus der Fußball-Buch und Kinofilm-Serie. Die sind ja „nur“ wilde Kicker:innen und alles andere als Monster. Vor allem in der oberen Tribüne sind die Kinder „masked“ (am Vormittag als Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… die Vorstellung besucht).
Dafür hat irgendwo in den vorderen Reihen der unteren Galerie ein Kind offenbar von zu Hause oder aus der Schule eine selbst gebastelte riesige Maske mitgebracht.
Zum 60. Geburtstag eines der beliebtesten Bilderbücher in vielen Ländern wird erstmals die auch schon mehr als 40 Jahre alte/junge Oper in Österreich erstmals aufgeführt: „Wo die wilden Kerle wohnen“ von Maurice Sendak Anfang der 60er Jahre ausgedacht, gezeichnet und in wenigen, knappen Worten geschrieben (1963 erstmals veröffentlicht) – im amerikanisch-englischen Original in 338 Wörtern, in der vier Jahre späteren deutschen Übersetzung sogar um fünf Wörter weniger schildert die Wut des Kindes Max nachdem ihn seine Mutter – ohne Abendessen in sein Zimmer schickt.
In den ersten zwei Jahren fanden US-amerikanische Eltern das Buch für ihre Kinder unzumutbar, zu grausam, manche Bibliotheken haben es sogar verboten. Kinder hingegen, die an das Buch herankamen, liebten es, waren fasziniert, dass in einem Buch, ein Kind so richtig wütend sein, herumtoben, alles kurz und klein schlagen darf – und dann in eine Fantasiewelt abtaucht. Dort wo die wilden Kerle wohnen. Die noch dazu Max zu ihrem König machen.
1980 erarbeitete der Autor und Illustrator gemeinsam mit dem britischen Komponisten Oliver Knussen eine Opernversion, die in Brüssel ihre Uraufführung hatte. Und nun – erstmals – in Österreich zu sehen, hören und erleben ist. Musikalisch geleitet von Stephan Zilias und inszeniert vom genialen Puppenbauer, -spieler und Regisseur Nikolaus Habjan. Ja genau, denn den Max – gesungen und gespielt von Jasmin Delfs gibt’s ab dem zeitpunkt, wo er aus seinem Zimmer in den Wald der „wilden Kerle“ aufbricht ein zweites Mal – als Puppe. Die wird geführt und bespielt von Angelo Konzett, der auch den Mund des Klappmaul-Ebenbilds von Max im Wolfskostüm zu den gesungenen Worten von Delfs bewegt.
Die fantasievolle Bühne – sowohl das Kinderzimmer mit einem Zelthaus als auch den durch eine Drehung des Bücherregals entstehenden Wald der wilden Kerle – hat sich Jakob Brossmann ausgedacht. Die – doch stark an die Figuren im Bilderbuch erinnernden riesigen Kostüme der „Kerle“, die sogar jeweils von zwei Spieler:innen bedeint werden, stammen von Denise Heschl. Anders als im Buch tritt hier Max‘ Mutter wirklich in Erscheinung (Katrin Wundsam).
Der Komponist Oliver Knussen hat übrigens, auch wenn die Oper nur eine ¾ Stunde dauert, „keine Kurzoper geschrieben, sondern eine große Oper im Miniaturformat“ wird er im Programmheft zitiert. Apropos Zitate, die von ihm geschaffene Musik (das Libretto, sprich den Text hat Sendak selbst geschrieben) enthält musikalischer Anklänge an berühmte andere Komponisten wie Gustav Mahler, Maurice Ravel, Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch und andere. „Wenn Max zum König der wilden Kerle gekrönt wird, erklingt Musik aus Modest Mussorgskys Oper Boris Godunow, und der Rumpus-Tanz der wilden Kerle zitiert die Turnhallen-Tänze aus Leonard Bernsteins West Side Story. Die Ruderfahrt über das Meer schließlich ist eine Hommage an die Sea Interludes aus Benjamin Brittens Peter Grimes.“ (Aus 10 Fakten über die Oper im Programmheft.) Max wurde von Oliver Knussen mit einem Koloratursopran besetzt, die wilden Kerle hingegen treten immer als fünfstimmiges Ensemble auf.
Fanden etliche Jugendliche die ¾-stündige Oper nach dem Bilderbuch zu „kindisch“ – gut, es ist ab 6 Jahren angegeben was auch Lehrer:innen, die mit ihren Klassen kamen, lesen hätten können – so rasteten die jüngeren Besucher:innen Applaus-mäßig am Ende richtiggehend aus 😉
In der ersten Reihe der unteren Galerie saßen Kinder, die sich vor Beginn der Vorstellung untereinander und mit den Lehrerinnen in Gebärdensprache unterhielten. Sie hatten den direkten Blick auf das große Orchester. Eine der Lehrerin blies Luftballons auf – auf diese Weise können Gehörlose oder schwer Hörende die Schwingungen der Musik mit ihren Händen intensiv spüren.
Apropos Luftballon. Einen solchen blies auch ein Musiker auf – um ihn gezielt an einer Stelle platzen zu lassen; sozusagen ein neues Instrument für Orchester 😉
Den Text konnten die im vorvorigen Absatz angesprochenen Schüler:innen in den Übertiteln – auf Deutsch und Englisch – mitlesen. Was übrigens auch allen Hörenden hilft, Opern-mäßig gesungener Text ist akustisch nicht immer leicht zu verstehen!
Dass in Italien die Hexe Befana die Geschenke – und zwar zum 3-Königs-Tag bringt – hast du vielleicht schon gehört oder gelesen. Neben dieser Geschichte machte sich die Künstlerin Timna Brauer als sie vom Verlag (G & G) für dieses Buch angefragt wurde, in vielen verschiedenen Kulturen über die dortigen Weihnachtsbräuche schlau. In elf Kapitel beschreibt sie diese – von Norwegen bis (Süd-)Afrika, von Sibirien bis Venezuela. Liebevoll und oft auch mit einem Schuss Humor gewürzt sind die Texte von Florence Dailleux illustriert, die auch das ganze Buch gestaltete.
Abgesehen von so „Begleiterscheinungen“, dass in Caracas, der Hauptstadt Venezuelas, die meisten mit Rollschuhen zur Christmette fahren, erfahren wir, dass es in London durchaus eine Weihnachtsfrau gibt, in Deutschland im Norden der Weihnachtsmann und im Süden eher das Christkind üblich ist. Ersterer mach sich auf die Suche nach Zweiterer, wobei die Rentiere, die seinen Schlitten an einer Stelle Hirsche sind (!)
Zwei Bräuche wirken – in anderen Gegenden – vielleicht doch ungewöhnlich. Das ukrainische Pavutschky (im Buch Pavuchky geschrieben) heißt übersetzt Spinnen. Und einer Legende nach, sollen Spinnennetze, die im Lichte glänzen, auf den Weihnachtsbäumen Glück bringen. Angeblich, so die Autorin, sei dieser Brauch der Ursprung unseres Lamettas gewesen.
Wohl noch schräger wirkt wohl Caga Tío (der kackende Baumstrunk). Im katalonischen (Region Spaniens rund um Barcelona) uralten kleinen Dorf Madremanya suchen Kinder im Wald nach einem weihnachtlichen Holzklotz mit Gesicht und Beinen (Tío de Nadal). Haben sie einen solchen gefunden, bringen sie ihn in den Kindergarten, die Schule oder nach Hause. Er kriegt eine Decke und muss täglich „gefüttert“ werden (sozusagen ein analoges Tamagotchi). Unter einer Decke wird der Bau dick und dicker. Und zu Weihnachten muss/ darf der Tío de Nadal dann das Verspeiste verdauen und Geschenke raus-kacken, wird zum Caga Tío.
Rund um Krippen in dieser Gegend werden dann unterschiedlichste „Caganer“ (Kacker oder Sch…) aufgestellt – Figuren mit heruntergelassener Hose, die gerade… Sozusagen eine ganz natürliche Form der Düngung 😉
Das dazugehörige katalanische Lied, findet sich im Buche ebenso wie Gedichte und Lieder in anderen Sprachen. Da hätte sich rund um die sibirische Baba Jaga und Väterchen Frost durchaus auch angeboten, das Lied nicht nur auf Deutsch abzudrucken.
Für die elf Kapitel hat sich die Weltmusikerin Timna Brauer immer fiktive Geschichten ausgedacht, in die sie die regionalen Bräuche einbaut. In manchen Abschnitten fasst sie den jeweiligen Brauch in einem eigenen kleinen Abschnitt zusammen. Afrika lässt sie von Felix mit seinem Vater in einem Flitze-Flieger durchreisen – mit Stationen in Südafrika, Ghana (wo die neun erwähnten Sprachen im Buch übrigens nur jene sind, die auch in Schulen unterrichtet werden, an sich gibt es mehr als vier Dutzend verschiedene Sprachen in diesem westafrikanischen Land), Liberia und Mali. Am Ende dieses Kapitels lernen wir Weihnachtswünsche in sieben verschiedenen Sprachen von Zulu (eine der vielen Sprachen Südafrikas) bis Swahili (Kisuaheli), das in Kenia, Tansania (und Teilen Ugandas) weit verbreitet ist.
Im Vorwort schildert die Autorin, ihre wohl auch nicht ganz gewöhnliche Geschichte, wie sie dazu kam, dieses Buch zu machen, obwohl sie selbst als Kind einer jüdischen Familie nur deshalb mit ihrer Schwester ihre Eltern dazu brachten, Weihnukka (Wort-Mischung aus Weihnachten und Chanukka) zu feiern, weil die meistern ihrer Mitschüler:innen und Freund:innen das winterliche, christliche Fest feierten. Das beschreibt Brauer, die übrigens die Geschichten auch als Hörbuch – mit Liedern – aufgenommen hat. In der Übersichts-Seite im Buch finden sich neben jeder Kapitelüberschrift QR-Codes, die zu den Audio-Files (Hör-Dateien führen).
Lukas, Prinz im Königreich Zauna (benannt nach Zaunkönig, einer Vogelart), hat einem Buben in der Stadt getragenes, schäbiges Gewand gekauft. Solchermaßen „getarnt“ will er endlich seiner Art goldenen Käfig im Schloss entkommen, in die Schule gehen und Freund:innen gewinnen. Denn seine Eltern lassen ihn nur von Privatlehrern einzeln unterrichten und verbieten ihm sogar den Umgang mit Clara, der Tochter der Schneiderin seiner Mutter.
Natürlich muss sich das ändern – das will nicht nur Lukas so, sondern vor allem sein Erfinder, der Autor Jordan Quinn (aus dem Englischen übersetzt von G. M. Pum). Nachdem Lukas von königlichen Wachen aus der Schule zwangsweise zurück ins Schloss gebracht worden war, darf er nun wenigstens doch mit Clara – aber nur im Schloss – spielen.
Dabei soll’s nicht bleiben – Angereichert um Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Robert McPhillips – dürfen sich Clara und Lukas auf die Suche nach einem verlorenen Edelstein der Königin machen. Dabei kannst du die beiden durch das Königreich unter anderem auf die Zauberinsel Hobshagen und andere Teile des Landes begleiten. Und das alles in recht einfacher Sprache geschrieben und großer Schrift mit viel Abstand gedruckt. Die Bücher de Serie „Das magische Königreich“ sind für Erstleser:innen gedacht. Und so kommst du durch die spannenden Kapitel sicher schnell bis ans Ende und hast dann mehr als 100 Seiten gelesen.
Gleich nach dem Happy End erfährst du, dass es schon einen zweiten Band gibt – in dem geht es um ein rotes Drachen-Ei und die Reise zu diesem, aus dem ein kleiner, scharlachroter und damit besonderer Drache schlüpft. Den will Lukas als Haustier – natürlich gibt’s da ein paar Schwierigkeiten zu meistern 😉
Nach knapp mehr als zwei Jahren bevölkern wieder viele Kinder – samt erwachsenem Anhang – die große Feststiege der Wiener Staatsoper, sitzen auf dem grünen Teppich und warten gespannt, dass endlich die neue Wanderoper losgeht. Hier im Stiegenhaus spielt sich sozusagen die Ouvertüre zu Das verfluchte Geisterschiff“ ab. Geigen-, Harfen- und andere Instrumentenklänge ertönen von gegenüber und aus manchen Ecken der Aufgänge. Die erste Sängerin turnt an einem Kletterseil von weit oben herab. Und entpuppt sich als neu erfundene Figur in dieser gekürzten, umgearbeiteten Version von Richard Wagners „Der fliegende Holländer“. Die „Wasser“-Ratte (Christina Kiesler) führt durch die eineinhalb Stunden. Und sie fasst das spätere Geschehen kürzest zusammen.
Ihre beste Freundin Senta ist der einzige Mensch, der sie verstehen kann. Diese Senta hat heute – das gilt natürlich bei jeder Aufführung – bis zum Juni 2024 – Geburtstag. Und so wie sich Senta nicht vor Ratten fürchtet, so steht sie auch auf Gruselgeschichten. Offenbar haben alle anderen auf allen Weltmeeren Angst vor „dem Holländer“, einem berüchtigten Seefahrer mit blutroten Segeln auf seinem Schiff. Er ist verflucht, immer auf den Meeren zu segeln und nur alle sieben Jahre einmal an Land gehen zu dürfen. Wo er nach mindestens einem Menschen suchen darf, die/der ihn erlösen kann.
Senta, gesungen und gespielt von Jenni Hietala, gestylt wie aus einem Manga oder von einer Cosplay-Party (Kostüme: Agnes Hamvas), und ihr besorgter Papa Daland (Simonas Strazdas) sowie Erik, Sentas ängstlichem Freund von Kindergartentagen an (Ted Black am Tag des KiJuKU-Besuchs), führen nach dieser Einleitung das Publikum – in zwei Gruppen auf verschiedenen Wegen – in den Mahlersaal. Dort nehmen alle sozusagen auf Dalands Schiff, der „Sternschnuppe“ (Bühnenbilder: Marcus Ganser) auf Bänken zur Geburtstagsparty für Senta Platz. Gesungen und gespielt – neben den Hauptfiguren tanzen Kompars:innen der Oper – die leider auch im Programmheft namenlos bleiben, ebenso wie die Musiker:innen – wird zwischen den Publikumsreihen – und auf der Kommandobrücke des „Hausboots“.
„Natürlich“ taucht am Horizont der Bösewicht auf, der „Holländer“ (Jusung Gabriel Park). Also frisch wieder nicht an Land, sondern auf einem anderen Boot. Eric, eigentlich ein Art Hosenschisser, liefert sich selbst dem Oberpiraten aus, um Senta, die irgendwie Gefallen an dem Grusel-Seefahrer findet, vor dem möglichen Verderben zu retten.
So ungut ist der Verfluchte dann gar nicht, rauscht zwar ab, überlässt Senta aber eine geheimnisvolle Muschel. Und die ist Teil des Hilfsmittels zur Lösung des Fluchs. Dafür müssen sich die Zuschauer:innen, die zuvor schon auch mitsingen durften/mussten, in drei verschiedenen Gruppen auf die Suche nach Perlen aus dieser Muschel machen. Auch wenn es heißt, dass sie dafür in die Tiefen der Meere abtauchen müsse, weil „der Holländer“ die fuchsteufelswild irgendwann in die Wellen geworfen hat, gilt es verschiedene Treppen der Oper höher und noch höher zu steigen.
In Balkon-Pausenräumen warten eine Krake, eine Meerjungfrau und eine Schildkröte auf ihr Drittel der Wander-Besucher:innen. Jede von ihnen hat eine der drei Perlen, gibt sie aber nur frei, wenn aus dem Off angespielte drei Lieder vom Publikum erraten werden. Welche, das sei hier sicher nicht verraten.
Beim großen Finale noch einen Stock höher gibt’s vor dem Bug des „Holländer“-Schiffes das erwartete Happy End, die als Galionsfigur versteinerte finnische Meeresgöttin Ahti, auf die Librettistin Margit Mezgolich im Zuge der Recherchen gestoßen ist, kann sich wieder bewegen, der furchterregende Segler wird von seinem Fluch befreit – und heftiger Applaus ist der verdiente Dank für die spannende Wanderung durch einige (Neben-)Räume der Oper an der Wiener Ringstraße.
Wie schon beim Vorgänger-Projekt „Die Entführung ins Zauberreich“, die in die musikalische und theatrale Welt von Mozarts Oper „Die Entführung aus dem Serail“ führte, ergänzte Gerald Resch auch für „Das verfluchte Geisterschiff“ die – gekürzte Originalmusik um eigene neue Kompositionen.
Auf der Staatsopern-Homepage wird er in einem Interview so zitiert: „Das Verfluchte Geisterschiff klingt über weite Strecken nach Richard Wagners Originalmusik, die aber aufgebrochen, umgruppiert, gekürzt und zugespitzt wird. Natürlich wollten wir die schönsten Melodien aus dem Fliegenden Holländer nützen, aber um die Opulenz und Weiträumigkeit von Wagners Musik knapper und flotter zu machen, hat zum Beispiel die Schiffs-Ratte, die überraschende Wendungen ins Geschehen bringt und für die nötige Leichtigkeit sorgt, eine ganz andere Musik: sehr lebendig, sodass im Aufeinandertreffen der Ratte mit dem geheimnisvollen Fliegenden Holländer und seiner naturgemäß schwereren Musik witzige Situationen entstehen.“
Und wie bei der ersten Wanderoper stammt auch dieses Mal das Konzept und die Regie von Nina Blum, der Text von Margit Mezgolich, die musikalische Leitung übernahm erneut Markus Henn, die Choreografie Kathleen Bauer. Die beiden für Bühne und Raumkonzept sowie Kostüme verantwortlichen Künstler:innen sind schon weiter oben genannt worden – und finden sich übersichtlich in der Info-Box.
„Ich möchte ihnen (Kindern) mit meiner Inszenierung Lust auf Oper machen – auf die Musik, auf die Geschichte und das tolle Gebäude der Staatsoper. Wenn sie rausgehen und sagen, das war spannend, da möchte ich wieder hin, dann ist uns viel gelungen“, wird Nina Blum auf der Opern-Website zitiert. Und das ist beim Lokalaugenschein von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr.. der Fall gewesen. Einzig einzelnen viel zu junge Kinder (angegeben ab 6 Jahren!) bekamen im Mahler-Saal Angst, als der Piratenkäpt’n auftrat.
Rohe, unbehauene, entrindete lange Äste zu einem großen Webstuhl zusammengebaut, dominieren die Bühne. Links und rechts daneben zwei niedrige Kästen mit mehreren Schubladen. Am Rande – vom Publikum aus rechts – eine Kopflose Figur. „Arachne oder der Anfang des World Wide Webs“ vom „Verein zur Rettung der Dinge“ steht im kleineren Saal des Dschungel Wien in der Woche vor Weihnachten auf dem Programm.
Gut, Arachne ist der altgriechische Begriff für Spinne. Spinnen, Fäden, weben, World Wide Web – scheint aufs erste vielleicht weit hergeholt zu sein. Kriegt aber durch die eher wenig bekannte Arachne-Sage einen fast umwerfenden Zusammenhang.
Peter Ketturkat, der das Stück und die Bühne konzipierte, den genannten Webstuhl auch selber baute, und live – immer wieder auch mit Karin Bayerle, die die Figuren, vor allem deren Köpfe modellierte – spielt, erzählen diesen antiken Mythos.
Arachne war eine meisterhafte Weberin. Pallas Athene, Vielfach-Göttin (Weisheit, Strategie, Kampf, Künste, Handwerks und Handarbeit) fühlte sich von der menschlichen Künstlerin herausgefordert und bietet ihr einen Wettbewerb an. Die Göttin webt die tollsten Bilder über Held:innen-Taten der Gött:innen. Arachne zaubert mit ihren Fäden Bilder von irdischen Frauen, die der Göttervater Zeus in den unterschiedlichsten verwandelten Gestalten „verführt“ hatte – nicht selten gegen deren Willen. Arachne web-te sozusagen frühe „MeToo“-Bilder.
Kritik an den Herrscher:innen im Olymp – das vertrug die schlaue Göttin dann doch nicht und verwandelte die Weberin in eine Spinne. Was ihrer Gattung auch den wissenschaftlichen Begriff (Arachnida) gab.
„Wenn du die Wahrheit ans Licht bringst, entstehen tiefe, dunkle Schatten“, ist einer der ersten Sätze Ketturkats nachdem er seinen Schafskopf („ich bin der Sündenbock“) abnimmt und der kopflosen Figur am Bühnenrand überstülpt.
Die 50 Minuten (eine Schulstunde!) kommen mit knappen, nicht zu vielen Worten aus. Erzählt wird vor allem in Bildern – szenisch mit den Puppen, Figuren, Objekten (Puppen-Regie: Andrea Gergely) sowie fallweisen Video-Einspielungen (Thomas Keip), um die interagierenden Figuren vergrößert sehen zu können. Vieles an den jeweils zu den Szenen passenden Stimmungen erzeugt der Live-Tuba-Spieler Beneditk Etzl aus einer erhöhten Nische neben den Publikumsreihen (Musik von ihm und Jon Sass).
Immer wieder im Lauf des Stücks überraschen die beiden Live-Spieler:innen – andere Figuren kriegen ihre voraufgenommenen Stimmen von Michou Friesz und Wolfram Berger – mit verblüffenden Kniffen. So ent„puppen“ sich die Laden als kleine Bühnen, Puppen sind kleine Spindeln, etliche miteinander über Fäden verbundene Web-Schiffchen werden zur Flotte des Odysseus!
Neben dem Konflikt Athenes und Arachnes lässt die Inszenierung Eris, Göttin der Zweitracht, zentral auftauchen. Sie war die Erfinderin des – wie es im Stück heißt – ersten Beauty-Contests der Geschichte. Aus Rache, nicht zu einer wichtigen Hochzeit (Thetis und Peleus) eingeladen worden zu sein, schmeißt sie den goldenen Apfel in die Runde. Paris soll auswählen, wer die Schönste ist – Hera, Athene oder Aphrodite – und der diesen Apfel überreichen. Kann nur zu Wickel führen – statt ihn vielleicht schlauerweise, wie im Stück genannt, einfach zu teilen. Aber daraus wäre keine – Jahrtausende überdauernde – Geschichte geworden 😉
Zweitracht säen, drakonische Strafen für wahre Kritik an Mächtigen, ja gar „Gotteslästerung“ und statt dessen die eigene, gefälschte Sicht auf Ereignisse verbreiten – das ist ja wohl keine historische oder mythologische Sache allein – womit das Stück den Bogen zu Fake News, Gerüchteküchen, asozialen Medien usw. herstellt und die Berechtigung des Untertitels mehr als unter Beweis stellt.
Und im sehr informativen, inhaltsreichen (pädagogischen) Begleitmaterial zum Stück (Peter Ketturkat und Katharina Fischer) finden sich weitere ganz spannende „Verknüpfungen“ zwischen Weben und der digitalen Welt. So erklärt in zwei verlinkten Videos die Forscherin Ellen Harlizius-Klück vom Deutschen Museum in München, dass analog zum binären 0/1-System das Weben auf der Dualität auf bzw. ab basiert. Die zu webenden Fäden müssen entweder vor oder hinter den vertikalen Kettfäden durchgezogen werden. Und sie verweist auch auf direktere Zusammenhänge zur Mathematik. So heißen die Webschiffchen im Lateinischen Radius.
Praktisch die ersten Automatisierungen von Maschinen erfolgten bei Webstühlen – über Lochkarten, sozusagen eine andere Form von späteren elektrischen 0/1-Impulsen. Und obwohl diese Dinge „nur“ im Begleitmaterial zu finden sind, schwingen sie unausgesprochen auch im Stück mit. Ein letztes noch von der eben zuvor zitierten Wissenschafterin: „Die simpelsten Webstühle erlauben das komplexeste Gewebe“, verweist sie auf die vielleicht berühmteste Abbildung der Penelope auf einer antiken Vase – mit den Webfäden. Lange sei behauptet worden, der Maler hätte sich das ausgedacht, das wäre gar nicht möglich so ein Bild zu weben. Die intensive Erforschung in einem EU-Projekt namens Penelope (Erforschung des Beitrags der antiken Weberei zur Geschichte der Wissenschaft und Technik, insbesondere der digitalen Technologie) beweist: Es funktioniert(e).
Mehr intensive Auseinandersetzung statt Eris und Verbannung einer Künstlerin in eine Spinne wäre der (Aus-)Weg aus den „Verstrickungen“ von Fake News!
Triggerwarnung: Wer meint, alle Tiere seien so lieb, und viel sozialer als Menschen, könnte bei diesem satirischen cartoon-artig bebilderten Buch „Es gibt viel schlimmere Mütter als dich“ sogar erschüttert werden. Und, obwohl sehr ironisch formuliert (Autorin textet für verschiedene Comedy-Formate) und dazu passend gezeichnet, die jeweils angesprochenen Fakten stimmen – auf fünf Anhang-Seiten werden die jeweiligen Hintergründe ausführlicher erklärt.
Also, wir treffen in diesem Buch mit dem Untertitel „Unwiderlegbare Beweise, dass du eine fantastische Mama bist“ – übrigens kommen auch ein paar Tier-Papas vor – auf Pandas. Werden Zwillinge geboren, wird meist eines der beiden Babys weggegeben. Bambus ist zu wenig nährstoffreich, um mehr als ein Panda-Junges zu säugen.
Koala-Babys kriegen mütterlichen Kot zu fressen. Wähhhh! ABER, erst nachdem sie die ersten rund sechs Monate gesäugt worden sind. Und die Sache hat einen gesunden Grund. Frischer Eukalyptus wäre für die Koala-Kindermägen zu giftig. Hat ihre Mama den aber verdaut, so sind die Giftstoffe neutralisiert…
Eine der wenigen Papas in diesem Buch sind die Seenadeln – verwandt mit den Seepferdchen. Bei den Seenadeln jedoch kann’s sein, dass Papa Kinder „zum Fressen gern hat“ im wahrsten Sinn der Wörter. Die Seenadel-Väter tragen die Eier in ihren Körpern aus. Sind die Nährstoffe im Brutbeutel knapp, so behält es nur die robusten, stärkeren und verleibt sich die schwächeren ein.
Wasser und Seife oder besser Geschirrspülmittel – das sind die Grundzutaten für Seifenblasen. Die kannst du auch selber herstellen. Das macht auch Spaß. Natürlich gelingen damit nicht so riesige oder auch sogar eckige Blasen wie einem Profi wie Dr. Bubbles. Seine rund einstündige Show, die für Stauauauaunen sorgt und in manchen Phasen so richtig verzaubert, ist derzeit (noch am Sonntag, 17. Dezember 2023) im Theater am Spittelberg (Wien-Neubau) zu erleben.
Gut, Aramis Gehberger, wie der Künstler im wirklichen Leben heißt, hat natürlich seine eigene – geheime – Mischung „gebraut“, an der er auch immer wieder herum-experimentiert. Das heißt, eigentlich hat er verschiedene Mischungen, wie er nach der Vormittags-Show am Samstag Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… verrät.
Und: Dr. Bubble hat schon auch noch weitere Hilfsmittel wie Ventilatoren, kleinste und größere „Nebelmaschinen“, wie sie auf Theaterbühnen oft für Rauchwolken sorgen. Damit kann er Seifenblasen innen weiß färben. Und so macht er auch den Würfel sichtbar, den er im Inneren einer ganzen Seifenblasenkonstruktion erzeugen kann.
Wie das Eckige ins Runde kommt, verrät der Künstler dem Journalisten schon – und gibt auch zu: „Das hab nicht ich erfunden, das hab ich von einem amerikanischen Kollegen, Tom Noddy.“ Der Trick: „Ich mach zuerst sechs runde Seifenblasen, die miteinander verbunden sind. Und in die Mitte hinein noch eine kleine. Die sechs großen runden Blasen erzeugen so einen Druck, dass sich der Würfel mit seinen sechs Seiten ergibt.“
Mit derselben Methode lässt Dr. Bubble auch eine Pyramide entstehen, eine Dodekaeder (eine geometrische 3D-Figur mit zwölf Flächen) geht auch.
Und – wie manch andere seiner ausgefuchsten Kolleg:innen – kann er auch rund um einzelne Besucher:innen Seifenblasenröhre hochziehen, sodass diese mitten drinnen stehen.
So „nebenbei“ baut Gehberger auch ein bisschen Philosophie ein. Als das Publikum nach immer größeren Seifenblasen verlangt, mahnt er, Schönheit und Faszination könne auch im kleinen Dingen liegen – und verzaubert in der Tat praktisch alle im Publikum mit Unmengen kleiner und kleinster Seifenblasen, mit denen er mehr oder minder den gesamten Theaterraum „flutet“.
Am 16. Dezember jährte sich zum 30. Mal die Anerkennung der Roma (als Oberbegriff für Burgenland-Roma, Sinti und Lovara) als sechste Volksgruppe des Lands durch das österreichische Parlament im Jahr 1993. Jahrzehntelang hatte die Zivilgesellschaft für diese minderheitenrechtliche Gleichstellung mit den anderen Volksgruppen (slowenische, burgenland-kroatische, ungarische, tschechische und slowakische) gekämpft. Der Jahrestag war Anlass für Veranstaltungen in Wien (vom Verein „Voice of Diversity“ und im burgenländischen Oberwart, im OHO (Offenes Haus Oberwart).
In Wien fand am Jahrestag selbst, dem 16. Dezember 2023, im Ottakringer Sandleitenhof ein vielschichtiges Konzert statt. Der leidenschaftliche Geigenvirtuose Moša Šišic spielte zunächst mit seiner Band – Brazan, Lubiša, Miša, Miki, Christian und Jasmina – später um Harri Stojka erweitert – wobei letzterer auf der Gitarre und Moša auf der Geige in teils unglaublichem Tempo in Dialog traten. Lösten diese Auftritte schon große Begeisterung aus, so faszinierten noch mehr die mitreißenden Nummern, die Moša mit 13 seiner Schüler:innen auf der dann vollbesetzten Bühne lieferten. Die jüngsten Geiger zählten gerade vier Jahre.
Zu den Geigenkindern zählte auch die zehnjährige Mirela – als einziges Mädchen. „Ich spiele seit zwei Jahren“, erzählt sie Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… in einer Konzertpause. „Mein Opa, der leider schon gestorben ist, hat auch Geige gespielt.“ Manchmal, insbesondere am Anfang sei das Spielen auf diesem Instrument „schon ein bisschen schwierig gewesen, aber jetzt nicht mehr“. Täglich übt sie „ungefähr eine ¾ Stunde, und einmal in der Woche mit Moša – da mehr“.
Lazar (5), einer der Jüngsten auf der Bühne sagt: „Ich hab vor ungefähr vier Monaten begonnen. Ich wollte Geige spielen, weil Mirela meine Schwester ist und spielt. Sie ist mein großes Vorbild“, schmunzelt er in einer Mischung aus verlegen und verschmitzt.
Heuer – am 31. Jänner 2023 – beschloss das Parlament übrigens – ebenfalls einstimmig, dass der internationale Gedenktag für die Ermordung der Romn:ja und Sinti:zze durch die Nazis (rund eine halbe Million Angehörige der Volksgruppen) jeweils am 2. August (siehe dazu Link „Wer vergisst, ist verdammt zu wiederholen“) auch in Österreich offiziell als solcher gilt. Wann allerdings das schon seit mehreren Jahren versprochene Denk- bzw. Mahnmal an den Porajmos (das Pendant zum Holocaust) eeeendlich kommt? Da wird von Jahr zu Jahr vertröstet.
1993 hatte übrigens auch die Weltkonferenz für Menschenrechte (im Juni) stattgefunden, die mit er „Wiener Erklärung“ endete, die unter anderem das Recht von Minderheiten enthält, ihre Kultur und Sprache frei leben zu dürfen und vor Diskriminierung geschützt werden muss, den Schutz vor Diskriminierung.
Andererseits begann am Ende des Jahres 1993 auch die rechtsextreme Briefbombenserie mit einigen (schwer-)verletzten Menschen (Pfarrer August Janisch, ORF-Minderheiten-Redakteurin Silvana Meixner, dem Wiener Bürgermeister Helmut Zilk) und vier ermordeten Roma im Februar 1995.
Bruno stellt(e) sich am 1. Dezember als Profi in Sachen Weihnachten vor. Er ist ein Hund und arbeitet dabei mit dem Schmäh, ein Hundejahr würde so viel zählen wie sieben Menschenjahre. Als Sechsjähriger hätte er sozusagen schon 42 Mal Weihnachten gefeiert. Als hätten seine Menschen sieben Mal pro Jahr ge-weihnachtet???
Wie auch immer, jedenfalls klagt er in „Schnauze, es ist Weihnachten!“ sein Leid, dass in seinem Haus eine Katze eingezogen sei. Zwar nur vorübergehend, weil dessen Besitzerin weit weg auf Urlaub weilt, aber trotz des absehbaren Endes, taugt Bruno das nicht.
Und schon da kannst du vielleicht zwischen den Zeilen spüren, es wird im Laufe der 24 (Advent-)Geschichten wahrscheinlich doch anders werden. Fängst du jetzt erst mit dem Buch an, darfst du also viele der am Rande verklebten Seiten schnell hintereinander aufreißen, lesen oder vorlesen lassen.
Soja, so der Name der Katze, will Bruno irgendwie ein Fitnessprogramm für jeden Tag einreden, aber… naja, die beiden richten rund um den schon vorbereiteten Weihnachtsbaum ganz schön viel Chaos an, hecken gemeinsam Streiche aus und …
… nein, nix wird gespoilert – außer, dass Bruno und Soja je abwechselnd einen Tag das Sagen und Erzählen über das Geschehene haben – und dass es neben den Texten von Karen Christine Angermayer auf den knapp mehr als 100 Seiten auch Schwarz-Weiß-Zeichnungen – von Annette Swoboda – gibt.
Kürzlich wurde hier auf dieser Seite das Kinderbuch über die Autorin, US- Bürgerrechtskämpferin Maya Angelou, die in ihrem Leben auch eine Reihe anderer Berufe ausgeübt hat, besprochen. Davon gibt es mittlerweile noch eine Version für noch jüngere Kinder – ein Papp-Bilderbuch mit ganz wenig Text. Und weniger Seiten. Manches ist auch ausgespart, etwa, dass Maya vom Freund ihrer Mutter vergewaltigt worden war. Die Folge, dass sie daraufhin längere Zeit sprachlos wurde, kommt hingegen schon vor.
Das Papp-Bilderbuch ist wie das größeren „Geschwisterkind“, das hier schon vorgestellte Bilderbuch – Link dazu weiter unten – ebenfalls in der Mutmach-Serie „Little People Big Dreams“ (Kleine Leute große Träume“ erschienen. Die Illustrationen sind die selben (Leire Salaberria), der englische Originaltext stammt von der selben Autorin (Lisbeth Kaiser), nur die deutschsprachige Übersetzung wurde von wem anderen (Silke Kleemann) bewerkstelligt.
Und es endet gleich wie das für etwas ältere Kinder: Maya Angelou las zur Amtseinführung von US-Präsident Bill Clinton ein Gedicht vom Redepult vor dem Weißen Haus in Washington aus.
Das Tanztheaterstück mit Live-Musik „Das Leben macht mir keine Angst“, das auf einem der berühmten Gedichte von Maya Angelou basiert – für Kinder ab 6 Jahren – wird im Jänner wieder im Dschungel Wien gespielt – Link zur Stückbesprechung weiter unten.
Tick, tack, tick, tack… in unterschiedlicher Geschwindigkeit ticken 21 Metronome auf der Bühne, einem weißen Tanzboden im TAG (Theater an der Gumpendorfer Straße, Wien). Zu verschiedenen Zeitpunkten stellen die vor allem in der Musik verwendeten Geräte ihre jeweils exakte Tempovorgabe ein. Sozusagen hören die Herzen der Mitstreiter zu schlagen auf. Sind 20 in ein Regal im Hintergrund eingeräumt, bleibt ein einziges über. Dem stülpen die Schauspieler:innen eine schwarze, kleine Hundehütte über. Odysseus hat nach 20 Jahren Ithaka erreicht. Doch, ist er angekommen? „Heimkehr heißt nicht ankommen!“, heißt es im ersten Viertel des Stücks an einer Stelle.
Seit mehr als 2500 Jahren gilt er meist als DER Held schlechthin. Dieser Mythos wurde immer wieder in unterschiedlichsten (Theater-)Versionen hinterfragt. Ob vor zwei Jahren als Irrfahrt durch Texte, Zeiten und zu sich selbst in der „Odyssee 2021“ nicht zuletzt auch durch weibliche Sichtweisen in einem Stationenstück rund um und im nahegelegenen Theater Arche. Oder schon vor mehr als zehn Jahren in einer Kinderversion, in der der „Held“ eigentlich gar nicht wegziehen, sondern lieber seinen Sohn Telemachos beim Aufwachsen zu Hause begleiten wollte. Der Titel dieser Version, die seither immer wieder gespielt wird, „Odysseus am Sand“ könnte in einem übertragenen Sinn mit einem „total“ davor auch für die sehr berührende, bewegte und bewegende heftige Dekonstruktion im TAG gelten: „Odyssee – eine Heimkehr“, frei nach Homer von Joachim Schloemer. Diagnose: Posttraumatische Belastungs-Störung. Und es verwundert, dass dies bisher kaum ein inhaltlicher Ansatz war.
In einem mehrminütigen Abschnitt in der vorletzten Szene – sehr dunkel, bedrohliche Stimmung (Licht: Katja Thürriegl) – schwarzer durscheinender Vorhang – kommen Fragen als Schrifteinblendungen an einen führenden Soldaten aus dem 21. Jahrhundert. Echte Aussagen aus dem Off. Nach mehr als 20 Jahren diverser Auslandseinsätze findet er sich zu Hause nicht mehr zurecht, fühlt sich selbst in alltäglichen Situationen etwa im Supermarkt wie im Krieg. Da macht’s wohl klick in jedem Kopf, sozusagen ach ja, nachvollziehbar, vielleicht sogar eh kloar.
Die Stunde davor lässt diese sehr, sehr körperliche Inszenierung mit ziemlich wenig Text diesen zerstörten Odysseus spürbar – und doch aufgrund der Kunstform distanziert bzw. reflektiert – erleben. Anfangs einige vielmals wiederholte zusammenfassende Sätze zur Rückkehr von Odysseus nach Ithaka, wo Frau Penelope, Kind Telemachos, Hund Argos, Amme und Haushälterin Eurykleia sowie Schweinehirt Eumaios zurückblieben. Sie alle kommen – abwechselnd – durch die Münder von Jens Claßen, Michaela Kaspar, Raphael Nicholas, Lisa Schrammel und Georg Schubert zu Wort.
Noch mehr als die Worte sind es die ruhelosen, zwar genau choreografierten, aber fast wie Irrwege anmutenden Gänge – einzeln oder in formierter Gruppe – über den Tanzboden. Im (über einen Knopf im Ohr) vorgegebenen Takten. Tänzerisch – oft fast in Zeitlupe, dann wieder am Stand rennend – bewegen sich die fünf, die an sich aus dem Sprechtheater kommen, mal einzeln, dann synchron im Team über den weißen Tanzboden vor weißer Hintergrundwand; letztere mit einem spiegelnden Streifen im untersten Abschnitt. Sie irren nicht umher und vermitteln dennoch eine Irrfahrt. Nein, nicht die abenteuerliche „heldenhafte“, sondern die seelisch zerrüttete nach der Heimkehr und die Reaktionen der genannten anderen, die durch diese Ankunft auch aus dem (seelischen) Gleichgewicht geworfen werden.
Trotz der Gleichmäßigkeit – irgendwie rastlos, unausgeglichen. Nicht zurechtfindend. Suchend. Odysseus selbst danach, sich zurechtfinden zu wollen – im Verhältnis zu den anderen und die anderen zu ihm. Wer ist dieser fremd gewordene, verwahrloste, stinkende Mann?
In einer letzten Szene sitzen und liegen alle wie in einem gläsernen Sarg unter dem weißen Teil der Rückwand – mit teils skurrilen Dialogen, beginnend von der Gefühlslage einer Tasse, „bemalt, aus feinem Porzellan“ und der Frage: „Und jetzt mal unter uns. War dieses Drama nötig? Wie lang ist das schon her ist? Keine Ahnung. Tassen zählen keine Jahre. Wir warten nur gebraucht zu werden…“
Womit dem Drama, und damit vielleicht auch dem Ausziehen zu Kriegen und „Abenteuern“ eine einigermaßen absurde Note verliehen wird.
„Was ist da auf dem Tisch? … blubbert der Fisch“ – die Schrift in Wellenbewegung. Der Blick des großen schwarz-weiß gezeichneten Wasserbewohners auf einen Tisch außerhalb des Aquariums gerichtet. Dunkelblaues Tischtuch mit Sternen, Planeten, Himmelskörpern in eher leuchtendem Gelb.
Das aber wollte der Fisch gar nicht wissen. Sehsüchtig schaut er auf das Ding, das da auf dem Tuch steht. Und auch das Tier auf der nächsten Seite weiß es: „Das ist eine Schachtel!“ … sagt die Wachtel“
Für dich und unsereinen war das von Anfang an klar, aber was wir auch nicht wissen: „Was ist da drinnen? … fauchen die Spinnen“ nachdem du umgeblättert hast.
Und nun geht die Raterei los: Immer ein Tier einer anderen Art rätselt – und „natürlich“, das ergeben schon die ersten drei Zitate, hat’s was mit Reimen zu tun. Vase – Hase, Strudel – Pudel und noch viel mehr Verse – und die dazugehörigen Bilder lassen dich vielleicht sogar dazwischen einmal abschweifen und du willst deiner eigenen Fantasie freien Lauf lassen. Oder dir fällt ein anderer Reim ein – statt Schrauben etwa Trauben, wenn die Tauben sich überlegen, was da wohl versteckt sein könnte. Sozusagen „out oft he Box“ – raus aus dem Denken in einer Schachtel 😉
Die bildende Künstlerin Beatrix Sunkovsky hat kürzlich ihr jüngstes Bilderbuch „Die Schachtel“ in der Wiener Secession vorgestellt. Wobei Bilderbücher nicht ihr vorrangiges Betätigungsfeld ist; Bilder sind es schon – für Ausstellungen oder auch seit ein paar Jahren auch bewegte Bilder in Form von Musikvideos.
Über ihr erstes Bilderbuch – vor mehr als 25 Jahren – in Zusammenarbeit mit ihrer Tochter Clarissa hat der Kinder-KURIER, die Vorform von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… damals berichtet. Und mit dem jüngsten Buch, so verrät die Künstlerin am Rande der Buchpräsentation – mit Musikbegleitung – dem Journalisten, schließe sich auch ein Kreis. „Die Schachtel“ ist – wie im Buch zu lesen – „für Paul“. Und das ist ihr Enkel, Sohn von Clarissa, mit der sie das erste Buch (Titel: „Clarissa“) geschaffen hat.
Dazwischen hat Sunkovsky – 2010 – das Bilderbuch „Celnef & Nefcel“ gezeichnet und – mit relativ viel Text – geschrieben: „Philosophisch-träumerische Dialoge zweier fantastischer Wesen – gedankenvollen Kindern, Geschwistern oder einem älteren, miteinander vertrauten Paar sehr ähnlich“, sagte der Verlagsleiter Johannes Schlebrügge anlässlich der Präsentation des neuen über das ältere Buch.
Und: Die Autorin und Illustratorin verrät dem Journalisten, dass der Inhalt der Schachtel in „Die Schachtel“ – der sei hier natürlich nicht, im Gegensatz zur Buchpräsentation, verraten – „schon im vorigen Buch vorgekommen ist. Und irgendwie hängt’s auch mit dem ersten Buch zusammen“, schließt die Künstlerin den Bogen.
Vier unterschiedliche Bücher (nicht nur) für junge Leser:innen und Schauer:innen wurden Dienstagnachmittag im Wappensaal des Wiener Rathauses mit den diesjährigen Kinder- und Jugendbuchpreisen ausgezeichnet.
Der diesjährige Illustrationspreis ging an
Besprechungen aller vier Bücher fanden sich übrigens in den vergangenen Monaten hier auf dieser Homepage – die Links dazu weiter unten.
Dem Laudator, Klaus Nowak vom Institut für Jugendliteratur, gelang es, nicht nur die vier einzelnen Bücher fachgerecht zu würdigen, sondern auch Gemeinsamkeiten darin zu finden: „Wie jede ausgezeichnete Literatur haben sie mich mit gesellschaftlich relevanten Themen konfrontiert und mir Perspektiven aufgezeigt – in Bezug auf Identität und Gemeinschaft, auf den Umgang mit den anderen, egal ob Mensch, ob Tier, auf unser Verhälktnis zur Natur und unsere Verantwortung für Wesen aller Art. Dabei haben diese vier Bücher nicht nur Antworten parat, sondern werfen auch Fragen auf. Darunter stets die eine: Wer bin ich? Was macht mein und unser aller Wesen aus?“
Und die vier bepreisten Bücher – die Urkunden an die anwesenden Preisträger:innen bzw. für die verhinderten an die Verlagsvertreter:innen wurden von der für Kultur zuständigen Stadträtin Veronica Kaup-Hasler „namens des Bürgermeisters der Bundeshauptstadt Wien“ überreicht – „haben jedenfalls auf mich abgefärbt. Darum trage ich heute Pink für Piepmatz, Balu für den Schneelöwen. Und auch Glitza Glitza in meinem selbstgebastelten Hut der Verantwortung. Den setze ich allerdings nicht auf, sondern ziehe ihn sogleich mit großer Bewunderung vor allen Preisträger:innen.“
Preisverleihungen und andere Ehrungen werden im Wiener Rathaus – wie auch andernorts – oft musikalisch umrahmt. Stefan Heckel hatte auf seinem Akkordeon zwar Musiknummern vorbereitet, aber nach der würdigenden Lobrede, kündigte er an, jetzt improvisieren zu wollen. Die vielen Tiere in den Büchern und so manche auf den an den Wänden hängenden Wappen hätten ihn dazu gedrängt. Und so entlockte er seiner „Quetsch’n“ Laute von Tieren, die gleichsam über seine Tasten huschten bzw. hüpften oder durch die vom Blasebalg erzeugten Lüfte schwebten und flogen.
Die Anzahl der Zwerge verwirrte zunächst einmal einige Kinder im Publikum: „Das sind ja nur vier!“, tönte es aus einigen Mündern junger Zuschauer:innen. Wenige Sekunden später stellten sie selber fest: „Nein, doch 7!“
Der „Trick“, vielmehr die Erklärung: Drei der vier Zipfelbemützten haben ein zweites Gesicht auf dem Hinterkopf, einen weiteren Namen, die ihre Eigenschaften aussagen: Hero und Flink (Lisa Ernstbrunner), Klaps und Troll (Isabella Rubel), Adonis und Purzel (Benjamin Plautz) sowie Tröpfchen (Simona Milenkova). Letztere geht immer irgendwie ab, schläft ein – oder fehlt beim Durchzählen. Letzteres vor allem, weil sie sich um die neue Gästin im Zwergenhaus kümmert – die schon wieder…
… genau, auf einen der drei bekannten, hinterhältigen Mordversuche der bösen neuen Königin hereingefallen ist… Was die Kinder übrigens der immer wieder geretteten Königstochter – die trotz der Zurufe, nicht den breiten Gürtel zu nehmen und schon gar nicht vom Apfel abzubeißen – als Dummheit auslegen.
Um übrigens nach dem Stück von der beim Ausgang stehenden Theaterintendatin Manuela Seidl aus einem Korb Schoko-Münzen entgegenzunehmen – ganz ohne Skepsis. Und das obwohl der Korb jenem ähnelt, den die Königin, die hier Marlen heißt, zu nehmen. Obendrein hatte sie an jenem Vormittag an dem Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… die Vorstellung besuchte, ein ähnliches Kleid an wie die fiese neue Frau des Königs (Kostüme: Sigrid Dreger).
Schneewittchens Vater hatte die Theaterintendantin, die – wie jedes Jahr – das Märchen umschrieb (Regie und Choreografie führte) und mit Elementen aus verschiedenen bekannten Märchen-Filmen anreicherte, Dagobert genannt. Was die Inspiration für die Schokomünzen ebenso war wir für viele Elemente im Bühnenbild (Barbara Strolz, Thomas Fischer-Seidl, Werner Ramschak & Daniel Truttmann) mit Dollar-Zeichen und Geldsäcken.
Der Darsteller einer der Zwerge, der in der Persönlichkeit des Adonis eifersüchtig auf den neuen Mann an der Seite Schneewittchens ist, spielt auch den naiv-verspielten König Dagobert (Benjamin Plautz) – mit einer wunderbar witzigen Seifenblasen-Maschine. Zwei verschiedene Figuren – abgesehen von den drei Zwergen mit „doppelter“ Persönlichkeit durch einfaches Umdrehen – spielt auch Simona Milenkova: Den einzigen ein-seitigen Zwerg (Tröpfchen) sowie die Jägerin. Die hier aber schon fast zwei Mal auf das Mädchen geschossen hätte, bevor sie’s dann doch nicht übers Herz bringt.
Nicht ganz eine Doppelrolle spielt Philipp Fichtner; zwar tritt er anfangs als belustigender Hofnarr auf, aber da war er, der Prinz Kristoff von Eisköniginnnenland, der Schneewittchen heiraten will, nur verkleidet.
Sandra Högl gibt eine wirklich durchgängig fiese neue Königin, der es neben ihrer Schönheit, die von niemandem übertroffen werden darf, vor allem um den Reichtum geht, den sie sich unter den Nagel reißen will. Sie ist so böse gezeichnet, dass sogar der Zauberspiegel – gespielt von Nadine Schimetta – gegen Ende aufgibt und abhaut.
Last but not least ist Amy Parteli zu nennen, die als Schneewittchen namens Mirabel, zwar einerseits auf die wiederholten Mordversuchs-Tricks ihrer „Stiefmutter“ hereinfällt, aber ansonsten schon eigenständiger, selbstbewusster auftritt, ja letztlich dem ein wenig schüchternen Prinzen selber den ersten Heiratsantrag macht. Parteli betätigte sich darüberhinaus – wie oft in diesem Theater – als Regie-Assistentin.
Die 1 ¼ Stunden leben neben dem flotten Spiel nicht zuletzt von der – unterschiedlichen – Musik (Leitung: Gabor Rivo, Arrangements: Christoph Burko), die sich von einem anfänglichen Rap über den aus dem Otto-Film bekannten Ohrwurmartigen „Zwerge gehen gemeinsam aufs Klo“-Song und „Help!“ von den Beatles bis zum Klassiker „Let it Snow“ (mit großen, fetten Schneeflocken aus Lichtern) am Ende spannt.
Ein wunderbar poetisch verträumtes, fast philosophisches Bilderbuch ist „In den Taschen des schönen Herrn Tag“, ausgedacht, in knappsten Worten geschrieben und kunstvoll illustriert von Franz Suess.
Bevor dir „der schöne Herr Tag“ – außer schon auf der Titelseite – begegnet, erlebst du die „Gute Frau Nacht“ auf mehreren der großformatigen Doppelseiten (größer als ein A3-Heft). Wie sie erwacht, sich den Schlaf aus dem Gesicht reibt und ihre Arbeit aufnimmt, die Welt stückerlweise in Dunkel zu hüllen.
Und dieser Herr Tag sammelt Doppelseite für Doppelseite noch schnell ein paar übrig gebliebene Dinge auf seinem Weg ein, um sie in eine seiner Taschen zu stopfen. Darunter sind so wundervolle Gedanken- und (Wort-)Bilder wie der „letzte Sonnenstrahl, der nicht mehr wärmte“ oder ein „Apfel, der zu weit von seinem Stamm gefallen war“ und nicht zuletzt „ein paar Worte, die nicht mehr gehört wurden“.
Der schöne Herr Tag greift aber auch in eine andere seiner Taschen und verstreut etwas – zauberhaft Strahlendes, das hier jetzt sicher nicht verraten wird.
Ein Solo-Schauspieler, der zwischen Erzähler und dem Zauberer hin und her switcht und außer einem Tisch und Sessel nur ein paar Requisiten. Mehr braucht es nicht. Oder natürlich doch: Das starke Spiel von Sven Kaschte – und Publikum. Ob in der Theaterwerkstatt des niederösterreichischen Landestheaters auf der Rückseite des großen Hauses auf dem Rathausplatz oder – dafür ist „Mario und der Zauberer“ in erster Linie gedacht – in Schulklassen.
Als Erzähler schlüpft der Schauspieler damit auch gleich in die Rolle des Autors, des berühmten Thomas Mann. Der hat diese Novelle 1930 veröffentlicht – ausgehend von eigenen Erlebnissen und Stimmungseindrücken bei einem Urlaub in Italien.
Als offenbar äußerst unangenehm empfindet Mann, der mit Frau und Kindern Urlaub an der Festlandküste machte, dass die Veranda mit Meerblick im Hotel, in dem sie wohnten, ausschließlich einheimischen Gästen vorbehalten blieb – auch wenn wes freie Plätze gab. Weswegen sie die Unterkunft wechselten. Im Zentrum der Erzählung steht aber der Auftritt eines Zauberers namens Cipolla (was übrigens auf Deutsch Zwiebel heißt). Der Magier hat zwar einige Kartentricks auf Lager, in erster Linie aber demonstriert er, wie leicht sich Menschen im Publikum manipulieren lassen können. Wobei er sie dann noch versucht, der Lächerlichkeit Preis zu geben – wie zuletzt beim Kellner Mario – der sich grausam rächt, aber nur in der Novelle. Und das auf eine Idee von Manns Tochter Erika hin. Angeblich wurde dieser echte erlebte Abend für den Vater erst durch diese krasse Wendung zu einer literarischen Geschichte, die er dann niederschrieb.
Sven Kaschte geht mehrmals auch durch die Reihen des Publikums, versucht die einen oder den anderen zu fixieren, auf die Bühne zu holen oder alle Zuschauer:innen einzuschüchtern – und dann doch wieder irgendwie für sich zu gewinnen – zumindest alle gegen jene Person, die er gerade sozusagen vorführen will.
Um die Manipulationskraft eines „Führers“ einerseits und die Verführbarkeit vieler dreht sich diese eigentlich parabelartige Novelle. Immerhin – das sollte vielleicht als Hintergrundinformation vorausgeschickt werden, was möglicherweise nicht alle Besucher:innen von vornherein wissen: In Italien war 1926 als Thomas Mann und Familie diese Erlebnisse im Urlaub hatten, schon mehrere Jahre lang Benito Mussolini, der Bruder im Geiste Adolf Hitlers an der Macht (ab 1922 Ministerpräsident, ab 1925 als faschistischer Diktator). In Deutschland war Hitlers NSDAP bei den Wahlen 1928 zwar noch eine kleine Splitterpartei mit nicht einmal drei Prozent der Stimmen, aber erstmals arbeiteten die Konservativen mit den Nazis zusammen, machten sie salonfähig.
Aber nicht nur das Verhältnis zwischen dem Zauberer als Verführer und den Massen, die sich auf die Manipulationen einließen, ist Thema des beängstigend ergreifenden Stücks, sondern auch die Rolle des Erzählers wirft so manche Frage auf: Zwar ist es ihm unangenehm und mehrmals wirft er ein, eigentlich hätten sie sollen schon früher abreisen und vor allem nicht mit den Kindern den ganzen Abend bei dieser Zaubershow bleiben, aber…
„Soll man >abreisen<, wenn das Leben sich ein bisschen unheimlich, nicht ganz geheuer oder etwas peinlich und kränkend anlässt? Nein doch, man soll bleiben, soll sich das ansehen, und sich dem aussetzen, gerade dabei gibt es vielleicht etwas zu lernen…“
Doch „lernen“ nur aus einer über den Dingen stehenden und diese mit Verachtung betrachtenden, vielleicht sogar ironisch-zynischen Position? Ohne sich dem Geschehen entgegenzustellen oder wenigstens die Kinder davor zu bewahren, dies miterleben zu müssen?
Möglicherweise aber auch schon ein Vorgriff auf die Frage mit der späteren Machtübernahme Hitlers in Deutschland: Wann ist es Zeit zu flüchten?
Immerhin schreib Thomas Mann 1930 – im Jahr, als „Mario und der Zauberer“ veröffentlicht wurde in der „Deutschen Ansprache“: von der „Riesenwelle exzentrischer Barbarei und primitiv-massendemokratischer Jahrmarktsrohheit, die über die Welt geht, als ein Produkt wilder, verwirrender und zugleich nervös stimulierender, berauschender Eindrücke, die auf die Menschheit einstürmen“ (zitiert aus: „Thomas Mann, Mario und der Zauberer – Reclam Interpretationen“, S. 17).
Ja, zugegeben, diese Buchbesprechung wäre besser schon vor zwei Wochen veröffentlicht worden, ist „Tierisch wilde Weihnachten“ doch eine Art (Vor-)Lese-Adventkalender: 24 Geschichten, in denen jeweils ein Tier das Fest feiern will, sich darauf vorbereitet oder erzählt, wie seine Gattung überhaupt erst Weihnachten erfunden hat.
In Kapitel 4 macht das eine Eselin und knüpft dabei am so bekannten Bild von der Krippe mit dem Baby „Jiihaas, Jessas oder Jesus oder so ähnlich“ an, wie Autor Michael Stavarič die Eselin erzählen lässt. Den kleinen Igel lässt er gar schildern, „dass es eins ein Igel war, der die Erde formte…“ (Kapitel 7).
Noch habt ihr ja Zeit – und selbst wenn ihr gar erst nach Weihnachten an dieses Buch geraten solltet – unabhüngig von Weihnachten sind es ziemlich fantasievolle, coole Geschichten. Oder wie das Tier aus dem letzten Kapitel sagen würde „kuhle“ Storys – sie, Achtung Spoiler-Alarm – die Kuh Frieda als DJ KUH sorgt für die beschwingte musikalische Untermalung am Weihnachtsabend.
Zwei Tage davor reklamiert übrigens der Bär, Erfinder von Weihnachten zu sein – und das als Folge eines – kurzsichtigen – Missgeschicks. Mehr sei jetzt aber nicht aus dem Buch verraten.
Oder doch: Die rund 100 Seiten enthalten neben witzigen, spannenden, immer wieder auch informativen Texten viele bunte Bilder – von Martina Stuhlberger. Und, dass der Autor – wie er Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… auf Nachfrage verriet, dass seine eigene durchaus ausgefallen Baum-Beschmückung „der Ausgangspunkt für die Geschichten“ waren. „Ich sammle Chistbaumschmuck und hab viele ausgefallene Stücke, vor allem Tier-Darstellungen und diverse Gebäude, Astronauten, Teufel und Co. Aber auch viel Altes, ich liebe meine ganzen Fliegenpilze. Ich schau immer auch viel Antiquarisches auf Flohmärkten.“
Michael Stavarič schickte KiJuKU.at sogar ein Foto mit einem Ausschnitt aus seinem Weihnachtsbaum des Vorjahres, das hier veröffentlicht werden darf – siehe ein Stück weiter oben.
Volle Lebenslust und Spielfreude. Schauspielerisch, musikalisch, mitunter schräg. Immer wieder auch humorvoll. Was gleich zu Beginn aus einem Türkasten mit Aufkleber Notausgang durch das Auftreten mehrere Clown:innen optisch vermittelt wird: Filip Sever mit klassischer roter Nase, die sich ganz am Ende nach knapp mehr als 50 Minuten – nein, das sei nicht gespoilert. Und dazu noch Gat Goodovitch Pletzer mit grüner Locken-Perücke sowie Bandi Meszerics mit klassischen Riesenschuhen in blauem Filz-Style.
Zu diesen drei schauspielenden Tänzer:innen gesellen sich fünf junge Musiker:innen (11 bis 15 Jahre) – Salome Bastien (Fagott), Jaša Frühwald (Schlagzeug), Isadora Magnusdottir (Geige), Pia Kaçınari Mikula (Cello), Maya Villareal (Geige und Gitarre); Komposition und musikalische Leitung: Imre Lichtenberger Bozoki. Die Kinder und Jugendlichen beherrschen aber nicht nur ihre Instrumente, sondern wirbeln immer wieder mit dem Trio, das sich manchmal auch musikalisch zu schaffen macht, über die Bühne. Verbreiten Spaß, Lebensfreude und trotzen jeder szenisch gespielten oder angesprochenen Angst.
Denn darum drehen sich die 50 Minuten: Um Ängste, und ihnen mutig zu begegnen. Ob das die Stockdunkelheit ist – ungefähr in der Mitte des Stücks – samt monsterartigen Gesichtern und Händen durch Taschenlampenbeleuchtung. Oder Monster unterm Bett, Frösche, Schlangen, feuerspeiende Drachen oder neu in einer Klasse zu sein… Heißt doch das Stück des VRUM Performing Arts Collectives, das derzeit (bis 13. Dezember und dann im Jänner wieder vier Tage – siehe Infoblock am Ende) im Dschungel läuft „Das Leben macht mir keine Angst“.
Wobei diese Textzeile die Übersetzung von Life doesn’t frighten me“. So titelte Maya (eigentlich Marguerite, aber schon als Kind von ihrem Bruder Maya genannt) Angelou (1929 bis 2014), Schwarze US-amerikanische Autorin, Bürgerrechtskämpferin sowie Tänzerin, Sängerin, Schauspielerin und zuvor Köchin und unter anderem Straßenbahnschaffnerin ihr Gedicht, das eine wichtige der Inspirationsquellen für Regisseurin, Choreografin und VRUM-Co-Leiterin Sanja Tropp Frühwald war. Diese Angelou-Gedicht ist übrigens – illustriert von Jean-Michel Basquiat vor mehr als einem ¼-Jahrhundert erschienen (auf Englisch, leider nie auf Deutsch übersetzt; ein Video mit der Originalstimme der Autorin ist unten im Info-Block verlinkt; in einem weiteren – ebenfalls im Info-Block verlinkten Video kannst du das Gedicht in einer VErsion hören, bei der durch das besagte Bilderbuch geblättert wird). Mehr über Maya Angelou in einem Bilderbuch – Link zur Buchbesprechung am Ende dieses Beitrages.
Weitere Texte in dem vor allem über Tanz und Musik performten Anti-Angststück stammen von Barbi Marković. Für die spielplatzartige Bühne zeichnet Irena Kraljić und für die Kostüme Ana Fucijaš verantwortlich.
Die in der Mitte angesiedelten dunklen Bilder deuten auf die beiden Gedichtzeilen hin, die in der Übersetzung so lauten: „Falls ich überhaupt Angst hab/ Dann höchstens im Traum“. Und nach dem Erwachen daraus finden sich auf den die Spielfläche begrenzenden Leintücher Graffiti-artige Zeichnungen, die an den Stil von Basquiat erinnern.
Jene Ängste, denen sich auch Kinder nicht entziehen können wie die schier dystopisch scheinenden realen Zustände Kriege, Hunger, Armut und nicht zuletzt die weltumspannende Klimakrise werden nicht angespielt/ -sprochen. Aber das optimistische, lebensfrohe Zerlegen schon genannter und weiterer Ängste mit dem mutigen Statement des Stücktitels kann – hoffentlich – so viel Kraft verleihen, dass angesichts der erwähnten großen Bedrohungen wenigstens keine Ohnmacht aufkommt.
Im pädagogischen Begleitmaterial der Gruppe (Produktionsleitung: Till Frühwald) heißt es dazu: „In einer Zeit, die von Unsicherheit geprägt ist, wollen sie ein Stück schaffen, das Hoffnung lebendig hält. Dabei stießen sie auf den Begriff „Hope-Punk“, der sich gegen düstere Visionen und Resignation stellt. „Hope-Punk“ bedeutet, sich für eigene Werte einzusetzen und sich trotz Widrigkeiten zu behaupten. Mit Humor und einer positiven Lebenseinstellung möchten sie einen Beitrag leisten, um menschliche Werte in Kunst und Literatur zu verankern.“
Einer dieser „Hope-Punks“ ist die 12-jährige Salome Bastien, die das doch nicht so alltägliche Instrument Fagott spielt – und das schon fast ihr halbes Leben – „seit fünf Jahren“, verrät sie Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…“ nach der zurecht vielumjubelten Premiere im Theaterhaus für junges Publikum im Wiener MuseumsQuartier. „Jeden Tag übe ich so 30 bis 45 Minuten“, vertraut sie dem Reporter an. „Ja, Schauspielen und Tanzen war für mich schon neu, dabei hatte ich keine Erfahrung. Aber wir haben im Sommer geprobt und sind schön langsam auch in das Thema reingewachsen“, erzählt die junge Musikerin.
Zu der oben erwähnten Besprechung eines Bilderbuches über Maya Angelou geht es hier unten
Marguerite Annie Johnson, vor fast 100 Jahren geboren (1928) in St. Louis im US-Bundesstaat Missouri wurde später bekannt als Maya Angelou – bei uns viel zu wenig. Den Vornamen Maya gab ihr Bruder Bailey. Das ist dem Bilderbuch über die Schriftstellerin, Tänzerin, Sängerin, Köchin, Straßenbahnschaffnerin und vor allem nicht zuletzt Bürgerrechtskämpferin für die Gleichberechtigung in den USA.
Sie selbst hatte – mit ihrer Familie – wie die meisten Schwarzen Menschen Diskriminierung, Zurücksetzung schlicht und ergreifend Rassismus erlebt. Maya brachte in sehr jungen Jahren lange Zeit gar kein Wort raus, nachdem der Freund ihrer Mutter sie vergewaltigt hatte. Erst über Geschichten und Gedichte in vielen Büchern, die sie von ihrer Großmutter bekam und in der Bücherei las, „fand Maya ihre eigene Stimme wieder“.
Obwohl sie eine gute Schülerin war, bekam sie immer wieder zu hören: „Eine tolle Arbeit bekommst du nie, dunkelhäutig, wie du bist.“ So steht’s zusammengefasst in wenigen Sätzen und gezeichneten Bildern in dem Buch mit dem Titel ihres Namens – in der Reihe „Little People Big Dreams“ (Kleine Leute Große Träume) – Details siehe Info-Box am Ende des Beitrages.
Maya ließ sich aber nicht unterkriegen. Sie kämpfte – zuerst für sich – und später auch für andere gegen die Unterdrückung und Diskriminierung. Für viele wurde sie auch durch ihre Biographie (Buch über ihr Leben) zum Vorbild. Zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung (1970) ist diese auch auf Deutsch erschienen: „Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt“.
Bisher leider nicht übersetzt worden sind ihre gedichteten Kinderbücher, das bekannteste unter ihnen: „Life doesn’t frighten me“ – mit Illustrationen des bekannten Malers Jean-Michel Basquiat (1960 – 1988). Unter dem übersetzten Titel „Das Leben macht mir keine Angst“ gibt es derzeit (bis 13. Dezember 2023 und von 20. Bis 24. Jänner 2024) im Theaterhaus für junges Publikum, dem Dschungel Wien im MuseumsQuartier eine Mut machende Tanz-Musik-Theater-Performance – Link zur Stückbesprechung am Ende dieses Beitrages.
Zur oben erwähnten Stückbesprechung „Das Leben macht mir keine Angst“ geht es hier unten
„Er stammt aus der Imagi-Nation, dort sind alle eingebildet“, tröstete mich die Frage. Eine Weile gingen wir dahin, bis sich uns eine Wand, unüberwindbar, in den Weg schob. „Sehr unangenehm. Darf ich vorstellen. Die Schreibblockade“, sagte die Frage und trat mit voller Wucht gegen das Urgestein. Das Mauerwerk blieb schwer unbeeindruckt. „Jenseits von ihr liegen der magische Schreib-Fluss und die große weite Geschichtenwelt. Ach, wie gerne ich sie überwinden würde, aber dazu brauche ich eine Antwort.“
Diese Sätze stammen aus „Graue Zellen – geschüttelt, nicht gerührt“ von Eleftheria Walzer. Es ist einer der fantasievollen, tiefgründigen, sprach- und gedanken-verspielten Final-Beiträge zum Thema „Kein Ende“ aus jungen Köpfen und Händen des Schreibbewerbs „Texte. Preis für junge Literatur“. Zum 13. Mal ging – mit Ausnahme der Corona-Jahre mit ihren digitalen Lesungen – dieses Finale in einer Gala in der Burgtheater-Spielstätte Kasino am Schwarzenbergplatz über die (dieses Mal unterbeheizte und damit ziemlich kühle) Bühne.
Schauspielerinnen und Schauspieler des Burgtheaters – diesmal mit einer Gästin des Salzburger Landestheaters – lasen Auszüge aus den 25 Final-Beiträgen. Und zwar alle gleichwertig. Jeweils zwei Minuten – dann gab’s eine „akustische Intervention“ in Form einiger Gitarrenklänge des Jugendlichen Wenzel Beck, der dieses Mal für die musikalische Umrahmung sorgte. Bei einigen wenigen Texten musste er auf seine „Intervention“ hingewiesen werden, weil diese knappen Texte kürzer waren als das einheitliche Format.
Obwohl Wettbewerb samt Jury – neben dem Online-Voting – und einer Rangfolge der drei Erstplatzierten, strahlt dieser Bewerb eine große Gemeinsamkeit aus: Leidenschaft und Lust Jugendlicher, Gedanken in Worte, Sätze zu fassen, und zwar in literarisch ausgetüftelter Sprache. Und die Würdigung dieser kreativen Leistungen durch die große Bühne – samt der oben schon erwähnten – gleichwertigen Präsentation von Auszügen aller Finaltexte – übrigens 25 von 510 Einsendungen für diese 13. Ausgabe, die siebente des Vereines „Literarische Bühnen Wien“. Außerdem organisiert der Bewerb Workshops mit Schriftsteller:innen, in denen die Final-Teilnehmer:innen sich mit den Fachleuten austauschen und so manches dazulernen konnten.
Und dennoch gab/gibt es Texte, die – aus Online-Voting und Jury – nochmals hervorgehoben wurden. Und so gewann Yiannis Pagger aus Graz von der künstlerischen HTL Ortweinschule mit „Bär ist gleich Bär“ vor Lisa-Marie Wallner vom wirtschaftskundlichen Gymnasium Graz, die „Generation Schneeflocke“ geschrieben hatte und dem Schüler der Sir Karl Popper Schule im Wiedner Gymnasium Philip Pecoraro und dessen Texte „Hurghada“.
Mit allen dreien konnte Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… kurze Interviews führen – die als eigene Beiträge hier weiter unten verlinkt sind.
Empfohlen sei aber vor allem zumindest hineinzulesen in den einen oder anderen – am besten durchaus in alle 25 Texte – auf der (ganz unten verlinkten) Homepage des Bewerbs. Vielleicht als Anreiz nur auch noch kurze Zitate aus einem Text aus dem einige der Sprachspiele durchs Schriftbild besser zur Geltung kommen als beim Hören der wunderbaren fast szenischen Lesung – Dorothee Hartinger, Dietmar König, Markus Meyer, Sarah Zaharanski: „G. Dan-Ken“ steht auf dem kleinen Schild am Holztisch…“ beginnt Sophie Schuster aus dem Bernoulligymnasium ihren Text „Gelöscht“. In dem lässt sie „Text I. Dee“ nach einem Ende suchen lässt 😉
Traditionsgemäß wurde der Text von Platz 1 – wie schon erwähnt von Yiannis Pagger – nach der Verleihung der Preise in voller Länge gelesen, dieses Mal von Cornelius Obonya, der damit auch das Ehrenamt des Obmanns des Vereins übergab – an Markus Meyer. Intendant und das Gesicht des Bewerbs bleibt sein Erfinder Christoph Braendle, Seele und Motor im Hintergrund Margit Riepl.
„Der Text ist wunderbar surrealistisch und skurril und steht dabei dazu. Man fragt sich ständig wie es als nächstes weitergeht und was diese wundersame Fahrt im Transporter zu bedeuten hat. Der*die Autor*in (die Jury bekam die Texte anonymisiert, wusste also gar nicht, wer sie geschrieben hatte) hat eindeutiges sprachliches Geschick, was sich für uns vor allem in den unterschiedlichen Stimmen der Charaktere wiedergespiegelt hat – alle haben sie ihre eigene Ausdrucksweise und Charakterisierung – in einem kürzeren Text ist das, unserer Meinung nach, nicht einfach zu bewältigen und zeugt von Kreativität und handwerklicher/ sprachlicher Gabe. … er war spannend, lustig und interessant zu lesen zugleich.“
Zu Platz 2 begründete die Jury unter anderem: „Die Lebenssituationen von sechs jungen Menschen werden hier geschickt miteinander verwoben und so entsteht in einem relativ kurzen Text ein sehr anschauliches Bild einer ganzen Generation.“
Aus der Jury-Begründung zu Platz 3: „Beeindruckend war für uns, wie gut es einem jungen Menschen gelingt, sich in die Gefühls- und Gedankenwelt einer 80jährigen Frau einzufühlen und wie kompetent das dann sprachlich und erzählerisch umgesetzt wird.“
In einer Woche werden andere Nachwuchs-Literaturpreise vergeben – die exil-Literaturpreise „Schreiben zwischen den Kulturen“. Dabei gibt es jedes Jahr auch einen Jugendliteraturpreis sowie einen für Schulprojekte. KiJuKU wird – wie jedes Jahr – auch darüber berichten.
„In Hurghada fallen Schneeflocken auf Bären“… – aus der Jurybegründung
Der 16-jährige Yiannis Pagger gewann die diesjährige Ausgabe des Jugendliteraturbewerbs „Texte“ mit „Bär ist gleich Bär“. Die Jury – die neben dem Online-Voting entschied -, fand: „Der Text ist wunderbar surrealistisch und skurril und steht dabei dazu.“ Der Sieger ist Schüler der HTL Ortweinschule in Graz-Geidorf. Schon im Vorjahr war er mit seinem Text „Die Lämmer“, das sich ausgesprochen bewusst wie „Dilemma“ anhört, Zweiter geworden.
KiJuKU: Da sie den Kunstzweig dieser Schule besuchen, waren Sie schon früh sozusagen auf künstlerisch gepolt. Wann haben Sie – literarisch – zu schreiben begonnen?
Yiannis Pagger: Damit erst spät, so vor ungefähr einem Jahr. Ich zeichne schon sehr lange gern und mach auch Musik.
KiJuKU: Musik heißt was, spielen Sie in einer Band, Solo oder?
Yiannis Pagger: Ich spiel schon lange Klavier, in letzter Zeit beschäftige ich mich viel mit orientalischer Musik. Schau ma amoi, vielleicht kann ich irgendwann Text und Musik kombinieren.
KiJuKU: Wie kam dann – relativ spät – das Schreiben von Texten?
Yiannis Pagger: In der Schule habe ich oft sehr komische Texte geschrieben, weil ich die starren Textformen nicht interessant gefunden habe.
KiJuKU: Inwiefern komisch?
Yiannis Pagger: Sagen wir, kreativer ausgestaltet. Was den Vorgaben nicht immer entsprochen hat, was mir in Deutsch eher schlechtere Noten eingebracht hat.
KiJuKU: Wobei, was sagen Noten schon aus und wen kümmern sie später?
Yiannis Pagger: Stimmt, aber ich hab dann im Vorjahr eine Erörterung aus der Schule hier bei diesem Bewerb eingeschickt und so bin ich in die Literaturwelt reingestolpert.
KiJuKU: Wie sind Sie auf den diesjährigen Finaltext gekommen? Sie haben zuvor kurz nachdem er von den drei Schauspieler:innen gelesen wurde, gesagt, Sie sind von Bildern ausgegangen – Anmerkung: Der Text spielt in einem Transportauto mit vielen Schweinen, einem Bären, einer Frau, die meint, zwei Bären zu sehen und einem Erzähler, sowie einem Kellner mit einer Heißklebepistole. Hatten diese Bilder mit dem Thema „Kein Ende“ zu tun, oder waren die zunächst unabhängig davon da?
Yiannis Pagger: Ich arbeit oft mit meinen Träumen und Bildern daraus. Vieles passiert dann spontan beim Schreiben. Das „Kein Ende“ hab ich immer im Hinterkopf gehabt. Ich nehm also an, unterbewusst wird das beim Text mitgespielt haben, aber ich hab das nicht bewusst so darauf hin geschrieben.
KiJuKU: Da war diese Bild mit dem Transporter, Schweinen, einem, vielleicht zwei Bären…?
Yiannis Pagger: Also, geträumt hab ich vom Kellner mit der Heißklebepistole. Der Rest ist eigentlich recht spontan entstanden – beim Schreiben. Hinsetzen, Hirn ausschalten, schreiben!
KiJuKU: Sehr witzig – das ist ja ein ganz weiter Weg bis zu den Schweinen und den Bären/dem Bären.
Yiannis Pagger: Ich weiß es gar nicht, ich schreib einfach so.
KiJuKU: Sind solche kreativen Zugänge in der Kunstschule dann doch ein bisschen leichter?
Yiannis Pagger: Wir sind auf jeden Fall eine sehr weltoffene Schule, sehr kreativ und schräg. Wir haben ja verschiedene Abteilungen – Film, Keramik, Grafik. Das ist alles ein bunter Mix.
KiJuKU: Und Sie sind in welcher der Abteilungen?
Yiannis Pagger: Ich bin in der Grafik, also Werbedesign. In unserer Schule wird da aber sehr viel Wert auf künstlerische Freiheit gelegt.
KiJuKU: Hat sich durch das Lesen Ihres Textes durch die drei Schauspieler:innen etwas an den Bildern verändert?
Yiannis Pagger: Das nicht, ich hätte gern die Erinnerungen an meinen Text gelöscht und ihn sozusagen zum ersten Mal gehört. Aber das geht ja nicht. Aber ein paar Emotionen haben sich verstärkt, vor allem die Plötzlichkeit. Stimmen können eben schon viel ausmachen.
KiJuKU: Efcharisto, danke!
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In „Generation Schneeflocke“ beschreibt Lisa-Marie Wallner die Lebenssituation von sechs Jugendlichen als „anschauliches Bild einer ganzen Generation“ (aus der Jurybegründung). Sie belegte damit Platz zwei im aktuellen Schreibbewerb „Texte. Preis für junge Literatur“. Stefanie Kadlec, Schülerin im Maturajahr und Praktikantin bei Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…, bat sie nach der Preisverleihung zum Interview.
KiJuKU: Wieso hast du angefangen zu schreiben?
Lisa-Marie Wallner: Ich habe immer schon gerne gelesen und irgendwann angefangen, selbst Geschichten zu schreiben. Bei mir waren es früher Pferdegeschichten. Mit meiner lieben Freundin Kathi habe ich einen Wattpad-Account gestartet und über diese online Schreibplattform bin ich mehr in das ganze Geschichtenschreiben hineingekommen. Ich habe über die Schule zum Wettbewerb gefunden und bin dann hier als Zweite gelandet.
KiJuKU: Wie bist du zu dem Titel „Generation Schneeflocke“ deines Textes gekommen? Was hat dich zu der Geschichte inspiriert?
Lisa-Marie Wallner: Mein Vater hat von einem Zeitungsartikel erzählt, in dem er gelesen hat, dass unsere Generation schon im Burn-out ist und deswegen wurde sie im Artikel als „Generation Schneeflocke“ bezeichnet. Das hat mich dann auf die gesamte Geschichte gebracht mit Vorurteilen und so weiter. Sie hat sich irgendwie so entwickelt im Kopf.
KiJuKU: Ich habe nur den Anfang gehört, aber mir ist aufgefallen, dass der Text genaue Beobachtungen enthält…
Lisa-Marie Wallner: Ich habe versucht, das Leben der heutigen Jugendlichen und – ich kann nicht für alle sprechen – was ich so fühle einzubauen; das, was die Jugendlichen heute beschäftigt, zusammen zu weben.
KiJuKU: Überlegst du, auch beruflich in diese Richtung gehen?
Lisa-Marie Wallner: Ehrlich gesagt bis jetzt nicht. Ich schreibe freizeitmäßig, wenn ich Lust darauf habe und mich was inspiriert. Aber ich habe noch keinen wirklichen Berufswunsch, also kann sein.
KiJuKU: Schreibst du Kurzgeschichten oder auch andere Textarten?
Lisa-Marie Wallner: Meine Freundin und ich haben im vorigen Jahr auf einer Onlineplattform aktiv viel geschrieben, jetzt leider nicht mehr. Wir haben verschiedene Geschichten geschrieben: Geschichtliches, eine Fan Fiction und eine Art Adventkalender mit einer Kriminalgeschichte. Es hat sich erübrigt mit diesem Schreiben und mittlerweile sind es nur noch Kurzgeschichten.
KiJuKU: Hast du irgendwelche AutorInnen, von denen du dir Inspiration holst?
Lisa-Marie Wallner: Die Geschichte, die ich geschrieben habe, war ein bisschen von Anne Freytag inspiriert. Sie schreibt auch von Jugendlichen aus und obwohl sie erwachsen ist, kann man sich so gut in ihre Geschichten hineinversetzen. Mein Text ist ein bisschen an die Bücher angelehnt, die ich toll finde.
Stefanie Kadlec, 18
Mit „Hurghada“, einem Text, in dem sich der Jugendliche beeindruckend in die Gefühls- und Gedankenwelt einer 80-jährigen Frau einfühlt, gewann Philip Pecoraro den dritten Platz im aktuellen Schreibbewerb „Texte. Preis für junge Literatur“. Stefanie Kadlec, Schülerin im Maturajahr und Praktikantin bei Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…, bat ihn nach der Preisverleihung zum Interview.
KiJuKU: Was hat dich zu deinem Text außer dem Motto inspiriert?
Philip Pecoraro: Das kam eigentlich einfach so. Ich fange an und meistens wird es dann fertig. Es war in dem Fall auch so. In Workshops haben wir auch ein bisschen was geschrieben und da habe ich ein paar Einflüsse hergenommen.
KiJuKU: Ich habe gelesen, du bist im Karl-Popper-Gymnasium, was keine gewöhnliche Schule ist. Wie ist es dort?
Philip Pecoraro: Es ist ein spezieller Schulzweig des Wiedner Gymnasiums und ist eine sehr freie Schulform mit viel Wahlmöglichkeiten. Das ist sehr angenehm.
KiJuKU: Gibt es auch einen Fokus auf Sprachen?
Philip Pecoraro: Den Fokus kann man selbst legen. Man kann ansetzen, wo man ansetzen möchte.
KiJuKU: Welchen Fokus hast du gewählt?
Philip Pecoraro: Eher die Sprachen.
KiJuKU: Welche Sprachen sprichst du noch?
Philip Pecoraro: Spanisch, Französisch, Englisch und Latein.
KiJuKU: Schreibst nur auf Deutsch?
Philip Pecoraro: Hauptsächlich. Ich finde es auf Deutsch am einfachsten und weiß es auch am besten.
KiJuKU: Hast du irgendwelche AutorInnen, von denen du dich inspirieren lässt?
Philip Pecoraro: Ich finde Robert Gernhardt ganz gut. Weiß nicht, ob man den kennt. Das ist ein deutscher Humorist. Uwe Timm lese ich in letzter Zeit ganz gern. Ich finde, die haben einen lustigen lockeren Stil. Sehr angenehm zum Lesen.
Stefanie Kadlec, 18
Ash Ogg sprach nach der Preisverleihung KiJuKU-heinz an und erinnert den Journalisten an eine Begegnung vor zehn Jahren. „Da war ich ungefähr sechs, du kannst dich sicher nicht mehr erinnern, das ist zehn Jahre her!“ Diese wurde aber durch die Schilderung der Mutter lebendig, die darauf hinwies, dass Mia damals beim Projekt „Theaterhotel“ zwischen den fein gedeckten Tischen Räder schlug. Da kamen die Bilder wieder. Aber darum geht’s hier nicht. Seit einem Jahr nennt Mia sich Ash und hat den Text „Du oder ich?“ kurz und bündig geschrieben – einen der wenigen Texte, der von den Schauspieler:innen innerhalb des jeweils 2-Minuten-Slots zur Gänze gelesen werden konnte. Ein innerer Monolog mit der eigenen Angst, Sehnsucht…
KiJuKU: Seit wann schreiben Sie?
Ash Ogg: Seit ich schreiben kann, immer wieder mal, in letzter Zeit aber immer öfter.
KiJuKU: Eigene (Fantasie-)Geschichten oder ausgehend von eigenen Erlebnissen?
Ash Ogg: Meist sehr kurze Texte, oft innere Monologe und teilweise komplett erfundene Sachen, die aber oft einen Kern in der Realität haben.
KiJuKU: Und schreiben Sie meist für sich oder – so wie jetzt hier – auch für die Öffentlichkeit?
Ash Ogg: Meist für mich, erst seit Kurzem hab ich Texte eingereicht.
KiJuKU: War dies der erste Bewerb, wo Sie Texte eingereicht haben?
Ash Ogg: Ja, das war der erste Bewerb, wo ich was eingeschickt habe.
KiJuKU: Und wie kam es dazu?
Ash Ogg: Wir haben eine neue Deutschlehrerin. Damit sie uns besser kennenlernen kann, hat sie uns Texte schreiben lassen und dann gesagt, wenn ihr wollt, könnte ihr euren Text dann bei diesem Bewerb einreichen. Ja, und ich dachte, kann nicht schaden.
KiJuKU: War es dann für Sie eine Überraschung, dass Sie damit gleich ins Finale gekommen sind?
Ash Ogg: Ich hab ihn eingereicht, weil ich Lust dazu hatte, ich hab nicht gedacht, dass ich damit weiterkomme.
KiJuKU: Wie war es hier heute Abend, den eigenen Text – von Profi-Schauspieler:innen gelesen – gehört zu haben?
Ash Ogg: Also ich hätte ihn anders gelesen. Aber es war nicht schlecht.
KiJuKU: Schreiben Sie jetzt weiter?
Ash Ogg: Ziemlich sicher, ja. Ich war jetzt auch ein, zwei Mal bei Poetry Slams.
KiJuKU: Würde Sie das mehr reizen in diesem Stil zu schreiben?
Ash Ogg: Schon, ja.
Ein älterer Mann sitzt in seinem fast zu großen gemütlichen Sessel auf dem er mit seinen Füßen gar nicht bis auf den Boden komm, und liest Zeitung. Vor ihm sitzt ein Hund und schaut recht sehnsüchtig. Jacobson, so nennt ihn Autor Christian Stejnar, braucht oder will von Herrn Vavra offenbar etwas. Einen der drei täglichen Gassi-Gänge.
Und gleich in der letzten Zeile der ersten Doppelseite wird angekündigt, dass dies an diesem Tag „Probleme mit sich bringen“ kann. In der Nacht hatte es geschneit – was wir übrigens schon von Anfang an wissen dürften, heißt dieses Bilderbuch doch „Lulu im Schnee“.
Und Jacobson ist offenbar zu sehr ein Haustier, als dass der Hund seinem natürlichen Drang nachgeben würde. Seine Pinkelplätze sind eingeschneit ;( Selbst als er – ein paar Doppelseiten weiter – Artgenossen erlebt und sieht, wie sie den frischgefallenen und damit noch weißen Schnee stellenweise gelb färben, traut er sich nicht!
Erst als Herr Vavra auch muss und sich einfach in den Schnee erleichtert, da kann auch Jacobson den Buchtitel erfüllen. Wie gut, dass sich der Autor ein Herrl einfallen hat lassen, ein Frauerl hätte sich vielleicht gar zurückgehalten, bis sie wieder in der Wohnung ist. Bzw. wär‘s zeichnerisch für den Illustrator David Hüttner ein wenig komplizierter geworden, würde Jacobson bei Frau Vavra leben.
„Zugabe! Zugabe! Zugabe!“ Rufe wie sie bei Konzerten recht oft vorkommen, waren Mittwochvormittag aus Hunderten Kindemündern nach eineinhalb Stunden zu hören. Eben hatten sich die (Ersatz-)Schauspieler:innen der hauseigenen Version von Erich Kästners „Emil und die Detektive“ verbeugt. Und das hab ich – in Hunderten Theaterbesuchen doch noch seeeeehr selten erlebt. Auch nicht viel öfter davon gehört.
Die Rufe waren sicher eine Folge der spritzig-witzigen mit filmischen Stilmitteln wie Slow Motion immer wieder angereicherten Inszenierung (Felix Metzner) sowie der spielfreudigen Umsetzung durch das kleine Ensemble (Mehrfachrollen). Dass Coco Brell nach einem Unfall mit stark bandagiertem Knie und meist mit Krücke spielte tat dem keinen Abbruch. Insbesondere in die Detektiv-Banden-„Professorin“, sowie Emils Berliner Großmutter konnte sie ihren Krückengang sehr gut einbauen, ja die Gehhilfe bei der Verfolgung des Diebes fast als bedrohliche Waffe einsetzen.
Dass Hupen-Gustav/ Jeschke und Polizist nicht vom erkrankten Elias Eisold gespielt werden konnte, sondern von Regie-Assistentin Anna-Katharina Hofbauer aus dem Textbuch eingelesen werden musste, holperte zwar an manchen Stellen, verzögerte den Spielfluss aber nicht wirklich.
Extreme Vielseitigkeit beweist Katharina, die von der kurzen Rolle der Zugfahrgästin im Abteil von Emil und dem Dieb sowohl in die häufig auftretende Mit-Kinder-Detektivin Dienstag als auch die von Emils Cousine Pony Hütchen switcht. Und obendrein noch am Ende die Bankangestellte spielt und zwischendurch immer wieder eine Passantin.
Julian Tzschentke ist der einzige, der immer in seiner Rolle als Emil Tischbein bleiben darf. Sven Kaschte sorgte schon zu Beginn als überbefürsorgende Mutter Tischbein mit Dutzenden Ratschlägen und Verhaltensregeln für Schmunzeln. Als Dieb Grüneis für heftige, mitunter lautstarke Unsympathie-Bekundungen im Publikum.
Was nicht zuletzt auch damit zusammenhängt – so wie auch die gleich zu Beginn hier zitierten „Zugabe!“-Rufe – dass die Detektiv-Freundschafts-Geschichte in der Fassung von Kirstin Hess, Frank Panhans und Franziska Steiof das Publikum an manchen Stellen immer wieder zum Mitmachen animierte bis aufforderte. Allerdings wurde mitunter „vergessen“, darauf auch einzugehen. So fielen dann Sätze auf der Bühne, die niemand hören konnte, weil das Publikum eben gerade noch im „Lügner“-Rufe-Modus war. Oder die Enttäuschung, dass auf die „Zugabe!“-Rufe die Schauspieler:innen nur mehr zu einer weiteren Verbeugung rausgekommen sind. Dabei wäre es sicher möglich gewesen einen der Songs (Musik: Stefan Lasko), die sie zuvor im Stück performten, nochmals zum Besten zu geben.
Wenn schon Musik sind natürlich auch die Videos von Ece Anisoğlu zu erwähnen, die an mehreren Stellen zu sehen sind: Von Landschaftsbildern, die im Zugfenster-Monitor laufen bis zum fast chaotischen Traum des im Zug eingeschlafenen Emil Tischbein.
Ein kleines Hoppala bildet der Sprung von der voraufgenommenen Ansage, die ans Handy-Abdrehen erinnert, wo „viel Spaß in der Großstadt“ gewünscht wird und der anschließenden Einblendung der Schrift: „Es war einmal in einer kleinen Stadt“. Letztere ergibt sich daraus, dass die Geschichte ja im kleinen Neustadt beginnt, von wo aus Emil – mit 140 Mark (frühere deutsche Währung) – nach Berlin zur Großmutter aufbricht. Grüneis stiehlt dem schlafenden Emil im Zug das Geld, worauf sich der zuerst gar nicht zur Oma traut und erst das Geld zurückholen will. Wobei ihm die Kinder-Detektiv:innen – Professorin, Dienstag, Gustav und später die Cousin Pony helfen.
Volle Übersicht auf der Baustelle, laufende Dokumentation – das kann die Hard- und Software des jungen Vorarlberger Unternehmens Sodex (Software driven Excavator) mit mittlerweile 15 Mitarbeiter:innen. Für ihre Erfindund gab’s vor Kurzem – Ende November – eine internationale Auszeichnung, eine Art Weltmeistertitel: Smart Construction Innovation World Cup bei der BIM World in München – unter 150 Unternehmen aus vier Dutzend Ländern.
„Unsere Geräte produzieren einen digitalen Zwilling der jeweiligen Baustelle“, beginnt Ralf Pfefferkorn, einer der drei Jungunternehmer die Antwort auf die Frage von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… „Was heißt volle Übersicht und Dokumentation? Und ist das ein Abgehen von eurer ursprünglichen Idee von autonomen Baggern?“
Dazu eine Zwischenbemerkung: Ein Bagger, der wie autonome Autos, eben ohne Fahrer:in auskommt und selbsttätig ein Loch gräbt oder was auch immer die Aufgabe ist, erledigt war – seit Jahren – das Ziel von Pfefferkorn, Raphael Ott, anfangs Flavio Schuricht, später Bernhard Gantner. Erst mit einem kleinen, dann einem größeren Modell-Bagger landete das Trio im Spitzenfeld von Schulbewerben. Vor drei Jahren gewannen sie das – wegen Corona nur online ausgetragene – Bundesfinale von Jugend Innovativ in ihrer Kategorie, Engineering II. Da hatten sie einen echten Bagger im Schulgarten ein eineinhalb Meter tiefes Loch graben und insgesamt 9 Kubikmeter Erde ausgraben lassen. Vom ursprünglichen autonomen Bagger war das Sodex-Team – den Namen hatten sie von Anfang an, später gründeten sie das gleichnamige Unternehmen – auf die Idee gekommen, ein mobiles System zu entwickeln, mit dem jeder herkömmliche Bagger recht rasch so umgerüstet werden könnte, um autonom zu arbeiten.
„Nach der Schule und meiner Bundesheerzeit haben wir dann mit Unternehmen gesprochen und haben unser Konzept abgespeckt und uns auf die digitale Vermessung von Baustellen fokussiert“, sagt Ralf Pfefferkorn im Online-Video-Gespräch mit KiJuKu, während der Jungunternehmer im Auto von Südtirol nach Vorarlberg zurückfährt – selbstverständlich mit Freisprecheinrichtung.
KiJuKU: Wieso die Umorientierung und was heißt das konkret?
Ralf Pfefferkorn: Wir haben mit mehr als 100 Unternehmen aus der Baubranche, vielleicht sogar 150 gesprochen. Dabei kam heraus: Sie haben als Abrechnungsgrundlage umfangreiche Nachweispflichten, müssen die Baustelle und ihren Fortschritt laufend dokumentieren. Dafür müssen sie Leute zur Baustelle schicken. Mit unserem digitalen Baustellen-Zwilling und den laufenden Laser-Scans so alle zehn Minuten erledigt sich das automatisch.
KiJuKU: Das heißt, der Bagger kriegt ein Kastl mit Sensoren, die laufend messen und dies festhalten?
Ralf Pfefferkorn: Die Hardware-Grundlage ist eine Kiste mit ungefähr 40 mal 40 Zentimetern, robust verpackt – sie ist ja im Baustelleneinsatz – mit Sensoren. Die vermessen alles rundum digital und dies wird automatisch aufgezeichnet und via Cloud übermittelt. Du kannst dann jederzeit nachträglich den Baufortschritt überprüfen.
Übrigens nicht nur Bagger, jede Baumaschine kann ebenso damit ausgestattet werden wie auch LKW.
KiJuKU: Was, wenn sich die Baustelle – vorübergehend – in einem Funkloch befindet?
Ralf Pfefferkorn: Kein Problem, die Daten werden in dem Kastl gespeichert – bis zu einigen Wochen – und sobald es eine Internetverbindung gibt, werden sie – und das automatisch – übermittelt. Der Fahrer oder die Fahrerin muss nur zu Arbeitsbeginn einen großen grünen Knopf drücken und die digitale Vermessung läuft automatisch.
KiJuKU: Wie teuer ist so ein System?
Ralf Pfefferkorn: Das kann ich nicht sagen.
KiJuKU: Ungefähr auch nicht, liegt es im fünfstelligen Bereich?
Ralf Pfefferkorn: Ja, jedenfalls liegen wir aber in der selben Preisliga wie mit manuellen Vermessungsgeräten – deswegen kann ich auch keinen Preis sagen. Wir verkaufen diese Hardwarekiste und eine jährliche Lizenzgebühr für die von uns entwickelte Software.
Ohne teurer zu sein können wir eine viel höhere Transparenz, Auflösung der Fotos und das noch viel schneller bieten.
KiJuKU: Wie viele Unternehmen haben euer System bisher gekauft?
Ralf Pfefferkorn: Wir haben derzeit 30 Kunden – das sind aber alles große Unternehmen mit vielen Baustellen und mehrere 1000 Mitarbeiter:innen.
KiJuKU: Wieviel Konkurrenz gibt es da am Markt?
Ralf Pfefferkorn: Wir sind die einzigen, die so ein System anbieten.
KiJuKU: Und völliger Abschied vom autonomen Bagger?
Ralf Pfefferkorn: Das war in den Gesprächen mit den Unternehmen kein Thema, außerdem ist Europa von Automatisierung und Digitalisierung im Verkehr noch weit entfernt. Und wir haben mit unserer jetzigen Lösung und dem europäischen Markt noch ein großes Feld vor uns.
KiJUKU: Danke – und nochmals Gratulation zu dieser neuerlichen Auszeichnung.
Jeder-bagger-kann-dann-alleine-autonom-graben <- damals noch im Kinder-KURIER
Sodex bei Jugend Innovativ 2019 <- ebenfalls im Kinder-KURIER
… und-autonomer-bagger <- damals auch noch im KiKu
Riesige Eisblöcke (aus Styrodor) beherrschen die meiste Zeit links und rechts die Bühne im Renaissancetheater. Dazwischen im Hintergrund videomäßig projiziert meist (hoher) Wellengang. Hin und wieder der hohe Bug eines großen, dunklen Schiffes. Ob dies, oder auch ein kleines Boot auf der Drehbühne oder Hütten-Fassaden – die Ausstatterin Christine Grimm schafft von Anfang an – und durchgehend die beiden Stunden – eine beeindruckende optische Atmosphäre für die abenteuerliche Geschichte „Siri und die Eismeerpiraten“ (nach dem Buch von Frida Nilsson, oft als Astrid Lindgrens schwedische Nachfolgerin bezeichnet) im größeren der beiden Häuser des Wiener Theaters der Jugend zu schaffen. Was im Übrigen auch für die meisten der Kostüme der acht Schauspieler:innen gilt – bzw. für viel mehr Outfits, da mit Ausnahme der beiden Gegenspieler:innen alle anderen in zwei bis sechs verschiedene Rollen – samt Kostümwechsel – schlüpfen müssen/dürfen.
Die zehnjährige Siri, durchgängig kämpferisch und sehr empathisch von Runa Schymanski verkörpert, wagt es, nach dem bösen Ober-Piraten Weißhaupt zu suchen. Mit ihm will sich sonst keiner anlegen. Aber Siri fühlt sich mitschuldig daran, dass dessen Männer ihre kleine Schwester Miki entführt worden ist. Weißhaupt überlässt alle materielle Beute seinen Piraten, er will ausschließlich Kinder. Die sind klein genug, um in den engen, niedrigen Gängen des Bergwerks auf seiner Insel zu arbeiten. Im ganzen Eismeer hält sich die Mär von einer Diamanten-Mine. Was sie nicht ist, aber hier nicht verraten werden soll.
Mehr über die ganze Geschichte in einer ausführlicheren Besprechung des zugrunde liegenden Buches gleich hier unten.
Zurück zur Umsetzung auf der Bühne – zwischen den Kulissenteilen – auf die vielleicht bei der Choreografie in den Phasen der Anwesenheit des Schiffs-Bugs zu wenig Rücksicht genommen wurde. Denn da würden die Spieler:innen eher durchs oder auf dem Wasser laufen und das zu Zeitpunkten, wenn die Meeresoberfläche noch nicht zugefroren ist.
Während Runa Schymanski als Siri praktisch immer präsent ist, hat Alexander Jagsch als Pirat Weißhaupt nur im zweiten Teil fallweise seine eiseskalten Auftritte, mit der Erklärung seiner „wissenschaftlichen“ Sehnsucht. Für die er all die Kinder opfert. Was ihm genau gar nicht nahegeht. Der Diktatur seines Ziels ordnet er alles unter. Dafür darf sein ihm höriges, untergebenes Personal, das für die Kinder-Heranschaffung bzw. seine angenommene „Tochter“ Privilegien genießen.
Diese „Tochter“, genannt Taube wird verbittert hart von Carmen Kirschner gespielt, die dennoch ausstrahlt, dass diese Unterdrückung der Kinder nicht so ganz ihre Sache ist – aber sie hat sich den Umständen entsprechend einigermaßen wohlig eingerichtet. Kirschner spielt aber unter anderem auch noch die Wolfsjägerin Nanni und Eisen-Anna, die alles reparieren kann und aus Überfürsorge ihren Sohn Einar gar nicht aufs (zugefrorene) Meer hinauslassen will.
Zu den Kindern im Bergwerk gehört natürlich Siris kleine Schwester Miki, die natürlich nur anfangs und gegen Ende – vor der Entführung und dann im Bergwerk als Siri und damit die Rettung schon nahe sind. Fayola Schönrock spielt aber nicht nur diese Miki, sondern auch die sicher im Schwitzkostüm auf allen vieren wandelnde Eiswölfin sowie noch einen Matrosen, einen Piraten und eine Einäugige.
Den schon angesprochenen Einar – er rettet Siri nach einem Absturz von einem Eisfelsen – gibt Phillipp Laabmayr, der auch in die Rolle von Frederik, dem rothaarigen Schiffskoch schlüpft, der einst seine Schwester Hannah auch an Weißhaupt verloren hat. Und sich deswegen als einziger Siris Suche nach dem Kinder-Räuber und -Quäler anschließt.
Frank Engelhardt darf nicht nur den fürsorglichen, doch schon ein bisschen gebrechlichen Vater von Siri und Mikki spielen, sondern muss auch noch als einer von zwei besonders Bösen, genannt Langbart, Siri aus dem Boot namens Tintenfisch ins Meer befördern. „Glatze“, sein Partner in diesem Verbrechen, ist Uwe Achilles, der auch schon zuvor als Kapitän Sturmbart auf der Polarstern Siri am Hafen in ein Lager gesperrt hatte.
Die beiden sowie Samuel Schwarzmann sind neben Miki die Kinder im Bergwerk. Arg, aber wunderbar wie schon der Roman (übrigens aus dem Schwedischen übersetzt von Friederike Buchinger), aber auch die natürlich zwangsläufig stark gekürzte Theaterfassung von Karin Drechsel, die auch Regie führte, zeigt, dass Unterdrückte sich nicht automatisch wie vielleicht erwünscht miteinander solidarisieren, sondern durchaus eigene Hackordnungen errichten. Bei denen in diesem Fall Miki stets an unterster Stelle landete. Gegen Ende, nachdem Weißhaupt tot ist, die Kinder befreit sind, bleibt eines der Bergwerkskinder fast wie angewurzelt stehen und scheint gar nichts mit dieser neu gewonnenen Freiheit anzufangen können.
Auch diese Entsolidarisierung der Ausgebeuteten, sich das Dreinfinden in dieses Schicksal ist neben der skrupellosen Unterdrückung durch den Diktator, der dafür seine Helfers-Helfer:innen fürstlich entlohnt, in dieser Geschichte und ihrer Inszenierung die klare Botschaft. Die aber nie zwangsweise oder aufgesetzt daherkommt, sondern sich aus der spannenden abenteuerlichen Story mit ihren Auf- und Ab-Wendungen ergibt.
Im schwarz-grün-weiß gestreiften Pulli sitzt Emil in seinem Zimmer zwischen drei Computern plus externen Monitoren, die er alle per Markennamen nennt, dazu die neuesten Modelle zweier angesagter Handy-Hersteller. Damit noch nicht genug zählt er noch all seine Streaming-Abos auf. Nicht ganz klar ist, wieweit das real oder doch nur Wunschtraum ist. Sich vorzustellen, zwischen welchem Techno-Zeug er sitzt, bleibt der Fantasie überlassen. Die Bühne ist fast leer.
Mit Ausnahme weniger metallener Tischgestelle, die hochkant auch zu Kästen werden können und Unmengen von Silikon-Schläuchen gibt es praktisch keine Requisiten (Bühne: Julius Leon Seiler). Das ermöglicht dem knapp mehr als einstündigen Jugendstück „Abgefuckt“ auch relativ leicht mobil zu sein. Es ist nach Stücken ab sechs bzw. neun Jahren das erste ab 13 Jahren mit dem das Burgtheater Studio mobil in Schulen spielt.
Edward Lischka spielt den eingangs schon genannten/beschriebenen Emil – und später auch einen Mann namens Ulrich. Laetitia Toursarkissian schlüpft in die Rollen von Emma, einer Mitschülerin ebenso wie in die von Anna, der Ehefrau Ulrichs, sowie Emils Mutter. Als diese aber vor allem als Stimme hinter einem Paravent, hinter dem auch die Umzüge stattfinden – erkennbar durch Gewandstücke, die auf den über diese Abdeckwand hinausragenden Kleiderständer gehängt werden.
Emma erleben wir bei ihrem ersten Auftritt in einer Shoppings-Situation. Und als doch eher in sich verschlossen – äußerlich stark zum Ausdruck gebracht durch eine ihren Kopf fast verschließende Haube (Kostüme: Maria-Lena Poindl) aus vielen kleinen Kuscheltieren. Und auf der Suche nach sich, nach ihrer Linie.
Emils Mutter – die Kommunikation zwischen ihr und ihrem Sohn erfolgt praktisch nur durch die Wand, verklickert ihm bald: „Wir stürzen ab“ – keine Kohle mehr, Gerichtsvollzieher, alles weg. Emmas Eltern – Anna und Ulrich – kaufen für die Konfirmation der Tochter ein – riesiges Gartenfest, 70 Gäste. Und doch schwingt mit: So viele Kohle ist nicht da. Anna spricht zwar von Bildungskarenz (hier immer -Urlaub genannt), aber zwischen den Zeilen klingt da eher Job-Verlust durch.
Soweit die Ausgangsgeschichte des Stücks, das Julie Maj Jakobsen nach einer Geschichte von ihr und Petrea Søe auf Dänisch (Übersetzung: Franziska Koller) geschrieben und Tobias Georg Jagdhuhn für das Burgtheater inszeniert hat. Armut, die in den Mittelstand eindringt – und das auf recht nachvollziehbarer Ebene wird hier thematisiert. Auch samt der Scham und dem Verschweigen. Anna verheimlicht ihre Kündigung zu Hause, Emil wird aggressiv als Emma ihn darauf anspricht, dass die ganze Schule über den Gerichtsvollzieher in seinem Zuhause redet.
Womit Auswirkungen der finanziellen Abwärtsspirale auf die psychische Verfassung der davon betroffenen in dem Fall Jugendlichen nachvollziehbar dargestellt und von den beiden Schauspieler:innen mit-erlebbar wird.
Vielleicht ein bisschen aufgesetzt, wenngleich natürlich ein wenig Hoffnung gebend, wirkt die Annäherung von Emma und Emil am Ende.
Jedenfalls ist es den beiden Schauspieler:innen aber gelungen die meisten Schüler:innen dreier Klassen (zweier sechster und einer dritter) im Gymnasium Diefenbachgasse (Wien 15) die Theaterstunde bei der Stange zu halten. Trotz dessen, dass in den hinteren Reihen jene Szenen kaum bis nicht zu sehen waren, die auf der Bühnenfläche ganz vorne und am Boden gespielt werden.
„Das Stück war ziemlich interessant, man konnte sich gut in die Situation der Figuren hineinversetzen“, meint Anisa nach der Vorstellung zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… Beim kurzen Publikumsgespräch zuvor war es vor allem um technische Fragen gegangen – woraus sind die Schläuche, wie kann man sich so viel Text merken. Anisa hob auch die Soundeffekte (Musik: Gabriel Wörfel) hervor und meinte im Gegensatz zu anderen Theaterstücken, die sie bisher mit der Schule gesehen hat, „war das hier jetzt moderner“.
Batoul fand: „Das was in dem Stück passiert war nahe an dem was es in Wirklichkeit gibt, wie es manchen Jugendlichen geht.“
Ryan hat einen Bruder „der auch Theater spielt. Aber so etwas hab ich bisher noch nicht gesehen. Es hat mir sehr gefallen, dass man sich sehr viel selber vorstellen konnte, weil sie die Sachen, von denen sie erzählen, nicht wirklich sieht, sondern nur diese vielen Schläuche.“
„Leonce & Lena“, ein Theaterstück von Georg Büchner, wird recht oft gespielt. Vordergründig eine lustige Geschichte zweier Königskinder, die von ihren Eltern zwangsverheiratet werden sollen und dies jeweils ablehnen und abhauen. In Italien treffen sie – ohne zu wissen wer die/der andere ist – aufeinander, verlieben sich…
Schon allein mit der Auswahl der Namen für die beiden Königreiche Popo und Pipi zeigte der Autor Georg Büchner (1813 – 1837), dass er mehr als ein Lustspiel im Sinn hatte. Erst recht verpackt er in so manche Szene an den beiden Höfen satirische Kritik an der Herrschaft von Monarchen und Höflingen. Und durch die Münder der beiden Königskinder aufmüpfige Gedanken gegen absolute Herrschaft, für Freiheit und Demokratie.
Dieses Stück gibt es neuerdings in einer besonderen Version – und das von einem großteils sehr jungen Ensemble von „Theater Wozek“. Diese Version hatte vor Krampus und Nikolo im Theater am Steg in Baden bei Wien eine zurecht vielbejubelte Premiere. Ausgehend vom Konzept des Theatergründers Karl – mit Künstlernamen Wozek, der sicher nicht ganz zufällig Ähnlichkeit mit Georg Büchners „Woyzeck“ hat – entwickelte er gemeinsam mit den fünf Schauspieler:innen Vinzent Gebesmair, Max Glatz, Selina Heindl, Georg Müller-Angerer und Julia Wozek (Transparenzinfo: Tochter aber sicher nicht deswegen im Ensemble) diese Fassung, die in der Vollversion ca. zwei Stunden (einschließlich einer ¼-stündigen Pause) dauert; für Jugendliche deutlich zeitlich reduziert.
Auffälligste Neuerung: Georg Büchner spielt in einer Rahmenhandlung mit und macht das Schreiben genau dieses Stücks zu seinem Thema. Fluchend, dass ihm nur wenig Zeit bleiben, weil er Geld braucht und das Stück für einen Wettbewerb einreichen will, dessen Einsendeschluss schon in drei Wochen ist. Also braucht es schleunigst Personal – und dieses fällt von den Seiten auf die Bühne – um sich in die jeweiligen Figuren zu materialisieren.
Max Glatz gibt nicht nur den ruhelosen, immer wieder fast verzweifelten Autor, sondern auch den eher irrlichternden König Peter, Leonces Vater. Und hier auch Petra, Königin von Pipi und Mutter von Lena.
Diese Lena (Julia Wozek, die auch Leonces anfängliche Geliebte Rosetta, einen Grenzsoldaten, eine Bäuerin, einen Kammerdiener und einen Fisch spielt) hat hier weit mehr Text als im Original – an den sich die Theater-Wozek-Version ansonsten sehr weitgehend hält. Lena und ihre Gouvernante Franziska – gespielt von Selina Heindl (die weiters in die Rollen von Präsident, Grenzsoldat, Postbotin und Medizinassistentin schlüpft) – kriegen gleich viel Spielraum und -zeit wie das männliche Duo Leonce (Vinzent Gebesmair – nebenbei noch Boy, Landrat, Medizinassistent) und sein Adlatus Valerio (Georg Müller-Angerer, der noch Gräfin, Kammerdiener, Bauer, Medizinassistent spielt).
Lena, in deren Rolle sich Julia Wozek – wie in vielen anderen Stücken oder auch im TV (unlängst in einem Tatort) – spielfreudig austobt, darf Revolutionärin spielen – mit Texten aus Georg Büchners revolutionärem, illegalem Flugblatt „Der Hessische Landbote“ aus dem die im Stück mehrmals zitierte Parole wohl die bekannteste die von der französischen Revolution übernommene ist: „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ Büchner, der daraufhin im echten Leben steckbrieflich gesucht wurde, musste aus dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt flüchten – nach Straßburg.
Womit in diese „Leonce & Lena“-Version noch mehr Büchner, sicher auch der revolutionäre Geist aus seinem „Dantons Tod“ einfließt.
Aus seinem anderen kurzen 24-jährigem Leben, dem als Mediziner, baute Theater Wozek auch noch eine Szene: An der Uni Zürich präsentiert Büchner seine Forschungsergebnisse über das Nervensystem von Barben („Proletarier unter den Fischen“). Die reale Vermutung, dass er sich dabei einmal verletzt und infiziert haben könnte, wird hier zum Faktum. Dafür wird jenes Faktum ausgelassen, dass Büchner in Wirklichkeit den Einsendeschluss verpasst und sein Manuskript ungelesen zurückbekommen hat. Uraufgeführt wurde „Leonce und Lena“ (geschrieben 1836) lange nach seinem Tod (1837) erst im Jahre 1895.
Die fünf Schauspieler:innen, die nicht nur ihre Rollen, sondern auch dazu ganz schön viel Kostüme und Perücken wechseln müssen – ohne die bei großen Theatern üblichen Helfer:innen neben und hinter der Bühne – steigern sich in diesen teils grundverschiedenen Figuren, Geschwindigkeiten, Emotionen Attitüden in ihrer Spielfreudigkeit fast in einen wahren Spielrausch. Nun ist das Stück noch für zwei Schul-Vormittagsvorstellungen – einmal in Korneuburg, dann in Amstetten – zu sehen, bevor es rund um das Semester-Ende in einer Tournee noch in mehreren weiteren niederösterreichischen Städten und im März in Wien zu erleben sein wird.
„Max tänzelte, deutete einen linken Haken an…“ in den ersten Sätzen der ersten Runde wie der Autor seine Kapitel nennt, erleben wir den Jugendlichen, der sich intensiv auf DIE Chance seines Lebens vorbereitet. Hart und diszipliniert trainiert – obwohl kein Frühaufsteher täglich um 5 Uhr aus dem Bett kommt, um seine Lauf-Runden zu drehen…. Der in drei Wochen anstehende Kampf um die Juniorenmeisterschaft wäre nicht nur der Traum von Berühmtheit, sondern auch der scheinbar einzige Weg aus Armut.
„Wie Faustschläge sprudelten die Sätze aus ihm heraus, während sich der Schweiß mit seinen Tränen mischte“ als Max au Kritik von Charly kontert: In den letzten Tagen ist leider viel passiert, Trainer. … Sie haben uns vorige Woche auf die Straße gesetzt.“
Robert Klement ist Autor von mehr als zwei Dutzend (29) Kinder und Jugendbüchern, darunter einigen zu brisanten Themen unter anderem über Flucht übers Mittelmeer „70 Meilen zum Paradies“ für das er 2007 (!) den österreichischen Jugendbuchpreis gewonnen hat oder „Halbmond über Rakka“ über Jugendliche die zum IS wollten. Sein jüngstes, kürzlich erschienenes Werk heißt „Aufstand der Vergessenen“ und dreht sich um Kinderarmut und Kampf dagegen. Wobei der vormaligen jahrzehntelange Hauptschullehrer in Niederösterreich im Interview mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… – am Ende der Buchbesprechung verlinkt – daran erinnert, dass Armut, soziale Ungleichheit in einer Reihe seiner Bücher schon Thema war. Aber diesmal stehen sie – und zwar Kinder, Jugendliche und Familien, die von Armut in Österreich betroffen sind – im Zentrum. Hin und wieder werden Zahlen genannt wie jedes vierte Kind betroffen oder 370.000 Kinder und Jugendliche. „Mir ist es darum gegangen, diese Kinder aus der Anonymität der Zahlen rauszuholen. In meinem Buch haben sie Namen, sie haben eine Sprache, sie haben individuelle Geschichten und Schicksale. Damit werden sie begreifbar.“
Und das gelingt ihm – leider, wäre ja gut, wenn es nicht notwendig wäre – wunderbar. Zwar verschafft Trainer Charly dem 15-Jährigen – trotz finanzieller Schwierigkeiten – noch die Möglichkeit weiter in den Boxclub zu kommen, wenn er dafür putzt, aber als zwei Jungs ihn nach dem nächtlichen Putzen überfallen und sein Handy klauen wollen, setzt Max seine Schlagkraft ein. Und Prügeln außerhalb des Rings ist für den Trainer ein No-Go.
Ein Gedanke von Charly bleibt bei Max hängen: „Du bist nicht der einzige mit diesem Problem… ihr solltet euch zusammentun und auf euch aufmerksam machen… Ihr Jungen kennt euch doch bei diesem Social-Media-Kram bestens aus…“
Max und seine jüngere, aber größere, kämpferische Schwester Kim hängen oft in der Zentrale der Wiener städtischen Büchereien ab, weil es dort Gratis-WLAN gibt. Die beiden sind Teil einer kleinen Clique zu der noch Roland, genannt Rolli, sowie der Computer-Freak Samir, der lieber Sam oder Sammy gerufen werden will, gehört. Später gesellen sich die Zwillingsmädchen Mia und Maja dazu. Der Großteil der rund 100 leicht und flott zu lesenden Seiten spielt sich in den Sommerferien ab. Oft sitzen sie auf der breiten, hohen Freitreppe, die von der Bücherei hinunter auf den Urban-Loritz-Platz mit seinem Eingang zur U6-Station, zu einigen Straßenbahnen und zwischen den beiden dicht befahrenen mehrspurigen Straßen des Gürtels führt.
In der Bücherei beginnen sie zu recherchieren, wie viele Kinder und Jugendliche in Österreich von Armut betroffen sind. Und hier entsteht dann auch die Idee: Es gibt Demos junger Leute insbesondere gegen den Klimawandel. „Sie behaupten, sie hätten keine Zukunft“, meinte Rolli zu den Klimaaktivisten. „Wir aber haben nicht einmal eine Gegenwart.“ Und so hecken sie den Plan einer Demo aus, erkundigen sich, wie man eine solche anmeldet, gehen zur Polizei – und erfahren, sie brauchen dafür wen, der älter als 18 Jahre ist. Max fragt den alten Herrn Schebesta, der ihm immer wieder gesagt hatte, Boxen könne das Gehirn schädigen und von alten Zeiten spricht, in denen er selbst gegen Ungerechtigkeiten gekämpft hatte. …
Nun, es kommt zur Demo – und davor viel Zuspruch in sozialen Medien. Ohne allzu viel zu verraten: Die Demo wird ein Riesen-Flop. Worauf die Idee entsteht, kurzzeitig eine der dichtbefahrenen Gürtelkreuzungen zu blockieren… Bei der Diskussion darüber, dass die Leute von Klimaklebern ohnehin schon angepisst seien, fällt der Satz: „Ich sehe absolut nichts Unrechtes an dieser Aktion… Das Unrecht geht vielmehr von den Erwachsenen aus, die es zulassen, dass 370.000 Kinder in Armut leben müssen.“
Diese Jugendlichen verlangten nur den ihnen zustehenden Teil vom Kuchen, der möglich wäre durch so etwas wie Kindergrundsicherung, finanziert durch Reichensteuern. So „nebenbei“ regte Kim der Begriff von der „Armutsfalle“ auf – „schließlich waren sie keine Tiere“.
Ob’s dazu kommt und wie das ausgeht, sei hier ebenso wenig gespoilert wie die Kapitel, pardon „Runden“, über Sarah Pribil, die Mutter von Max und Kim.
Dafür sei schon verraten, dass der Autor so manche durchaus erfolgreiche Proteste von Kindern und Jugendlichen in verschiedensten Gegenden der Welt – über Recherche der Protagonist:innen im Internet – als aufbauende Beispiele einfließen lässt, darunter in Brasilien gegen Kinderarmut und Morde an armen Kindern. „Max gefiel die Parole „A vida pede passagem“ – Ich möchte eine Eintrittskarte fürs Leben!“ Sie ließen sich dann zusätzlich eigene Slogans einfallen, unter anderem: „Kinderarmut ist nicht gut: Dafür kriegt ihr unsere Wut!“
Dass das Thema Kinderarmut noch immer ein insgesamt zu wenig (nicht nur) bei Entscheidungsträger:innen angekommen ist, zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass Klement dieses Buch in einem Self-Publishing-Verlag rausbringen musste, obwohl seine vorangegangenen 28 Bücher in mehreren bekannten Verlagen erschienen sind, manche mussten aufgrund des Erfolgs sogar mehrfach neu aufgelegt werden.
„Armut ist kein Kinderspiel“ – diese Losung steht auf einem Transparent auf dem Cover des jüngsten Jugendbuchs von Robert Klement „Aufstand der Vergessenen“. Diese Losung stand auch mehrfach auf Transparenten echter Kundgebungen der BundesJugendVertretung, bei denen Maßnahmen gegen Kinderarmut von den jeweiligen Regierungen gefordert wurden.
Noch etwas muss – auch aus Transparenzgründen – vorweg gesagt, pardon geschrieben werden. Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr und davor schon Kinder-KURIER kennen den heute 74-jährigen Autor schon lange. Anlässlich eines seiner früheren Jugendbücher verriet Klement dem Journalisten auf die Frage nach neuen Buchprojekten das Vorhaben „ein eigenes Buch zum Thema Kinderarmut schreiben“ zu wollen. Und, KiJuKU durfte eine Vorversion des Buches lesen, das eine oder andere Feedback fand sogar in die nunmehr in gedruckter Buchform vorliegende Fassung Eingang.
Außerdem überraschte der Autor beim Gespräch in St. Pölten den Journalisten indem er ihm ein Blatt mit einem Artikel des Interviewers unter dem Titel „Wiener Straßenkind-Schicksal“ auf den Tisch legte und sagte: „Das Thema beschäftigt mich schon sehr lange und war oder ist ja auch in vielen meiner Bücher präsent – ob das über die Straßenkinder in Brasilien war oder auch in der Vampirgeschichte in Rumänien – sehr oft ist mir die Schilderung der sozialen Verhältnisse ein großes Anliegen. Und ich hab immer wieder auch Material dazu gesammelt, unter anderem diesen Artikel von dir aus dem KURIER, das muss so Mitte der 90er Jahre gewesen sein.“
KiJuKU: Danke, das überrascht mich jetzt schon sehr. Ich kannte ja schon die Grundgeschichte deines Buches. Der Text ist jetzt viel runder, flüssiger, die Geschichte auch ein wenig verdichtet und vielleicht flotter zu lesen. Wie bist du auf diese Grundstory rund um den jugendlichen Boxer Max gekommen?
Robert Klement: Ich hab versucht, meine Geschichte rund um eine alleinerziehende Mutter zu bauen. Das sind ja diejenigen, die und ihre Kinder am meisten von Armut und Ausgrenzung betroffen und bedroht sind: Alleinerziehend – allein gelassen.
Dazu gibt’s schon auch in Medien immer wieder Reportagen. Ich wollte sie – Sarah Pribil – und ihr Leben mit zwei halbwüchsigen Kindern – Max und Kim – beschreiben und diese ins Zentrum rücken. Die beiden Jugendlichen treffen sich in der Hauptbücherei mit Gleichgesinnten und beginnen sich zusammen zu tun. Dort entsteht die Idee, wir sollten was tun.
KiJuKU: Und du bist dann dorthin gegangen?
Robert Klement: Ja, zuerst hab ich mit zwei Bibliothekarinnen und dann mit drei Jugendlichen, die aus prekären Verhältnissen stammen, in der warmen Jahreszeit auf der Freitreppe vor der Bücherei hinunter zum Urban-Loritz-Platz gesprochen. Sie sind vom gleich angrenzenden 15. Bezirk gekommen. Das ist ja der Bezirk mit dem niedrigsten Netto-Monatseinkommen in Wien. Die haben mit mir darüber geredet, wie sich Armut anfühlt: Wenig Taschengeld, keine Partys, weil kein Geld für Geschenke. Zum Wandertag gibt’s eine Entschuldigung der Mutter für eine Krankmeldung, weil Wandertag kostet Geld. Oder das Gleiche bei der Landschul- oder Sportwoche…
KiJuKU: Das waren dann sozusagen Mosaiksteine, die sich auch im Buch finden. War da ein Boxer dabei?
Robert Klement: Nein, der Boxer ist von mir gekommen, weil das ein Einzelsport ist und der Max jemand ist, der sich nach oben kämpfen möchte. Und es gibt ja einige historische Boxer, die es auf diesem Weg aus ärmlichsten Verhältnissen raus geschafft haben.
KiJuKU: Von denen du einige ja im Buch auch eingebaut hast wie namentlich vor allem Muhamed Ali, vormals Cassius Clay.
Robert Klement: Max möchte aus seinem Milieu herauskommen und sieht in diesem Sport einen Hoffnungsschimmer.
KiJuKU: Gut gebaut finde ich auch, dass nicht gleich die erste Demonstration, die sie dann gegen Kinderarmut organisieren ein großer Erfolg ist, sondern genau das Gegenteil. War das von Anfang an so geplant, oder ist das beim Schreiben entstanden?
Robert Klement: Wir hören hin und wieder in den Medien, jedes vierte Kind ist von Armut betroffen oder bedroht. Mir ist es darum gegangen, diese Kinder aus der Anonymität der Zahlen rauszuholen. In meinem Buch haben sie Namen, sie haben eine Sprache, sie haben individuelle Geschichten und Schicksale. Damit werden sie begreifbar.
Wobei ich gestehen muss, wenn ich Freunden oder Verwandten von meinen Recherchen erzählt habe und dass es diese Armut wirklich gibt, glaubt es dir fast niemand. Sie haben keine Einblicke in diese Milieus.
KiJuKU: Für mich ist das ja in Wirklichkeit eine von mehreren wirklich massiven Parallel-Gesellschaften – in Armut lebende oder vom Abstieg bedrohte einer- und (sehr) wohlhabende bis reiche Menschen andererseits. Die leben nebeneinander ohne dass beispielsweise Letztere sich überhaupt vorstellen können, wie Erstere real leben müssen.
Robert Klement: Das reichste ein Prozent in Österreich…
KiJuKU: … hat ungefähr 40 Prozent des Vermögens. Das hab ich einmal in einem Theaterstück auch gut aufgedröselt gefunden, wo sie einen Kuchen angeschnitten haben…
Robert Klement: … darum hab ich ja auch geschrieben, diese Jugendlichen wollen jetzt den Teil vom Kuchen. Und dazu passt auch, dass 70 Prozent der Menschen in Österreich finden, dass Vermögen ungleich verteilt ist. Für die Kinder geht es um soziale Teilhabe. Jedes Kind hat es verdient, aus dem Kreislauf von Armut und Ausgrenzung herausgeholt wird.
Wer als Kind als armer Eltern geboren wird, trägt eine Hypothek, die es selten loswird.
KiJuKU: Wobei das durch das segregierte Schulsystem, frühe Aufgliederung in Gymnasien und Mittelschule, einzementiert wird.
Robert Klement: Zum ersten Mal hab ich von der Forderung nach einer gemeinsamen Schule der 10- bis 14-Jährigen 1968 gehört. Aber wie’s jetzt ausschaut, kommt’s derzeit nicht so bald dazu.
KiJuKU: So, zurück zu deinem Buch. Nach den Recherche-Gesprächen und der Idee des Boxers, seiner Schwester und Freund:innen hattest du eine Struktur. Hast du die dann kapitelweise der Reihe nach gefüllt?
Robert Klement: Die Geschichte hab ich von Anfang an im Kopf gehabt und zuerst ein Exposé geschrieben. Und wenn ich so eins einmal hab, dann lauft das irgendwie. Ich wollt mit meinem Buch auch zeigen, wie schwierig es für Jugendliche in prekären Verhältnissen ist, darauf aufmerksam zu machen. Und gerade, weil die erste Demonstration so spektakulär scheitert, werden die Medien aufmerksam. Und ich wollte meinen Figuren – und natürlich auch den Leserinnen und Lesern die Ohnmacht nehmen – trotz dramaturgischer Rückschläge.
KiJuKU: Du nennst im Buch ja einige internationale Beispiele, wo Jugendliche durch Demonstrationen und Protesten einiges erreicht haben – Brasilien, Südafrika, USA Emma Gonzalez nach einem der Schulmassaker in den USA für Waffeneinschränkungen…
Robert Klement: Mit erfolgreichen Protesten wollte ich auch zeigen, es kann etwas erreicht werden. Das ist ja auch bemerkenswert, was Kinder und Jugendliche in den vergangenen Jahrzehnten erreicht haben.
KiJuKU: Du hast erzählt, dein Großvater hat in der ersten Republik Arbeiteraufmärsche organisiert. War der ein Vorbild für den Herrn Schebesta im jetzigen Buch, einen Nachbarn der Pribils im Gemeindebau?
Robert Klement: Ja, einiges davon, schon, wobei mein Großvater, der sich für die Besserstellung der arbeitenden Menschen eingesetzt hat, damals auch sein Leben riskiert hat. Mein Vater war übrigens Bewährungshelfer und hat in einer Familienberatungsstelle gearbeitet. Von da her war ich schon von Klein auf mit Sorgen und Nöten ärmerer Menschen vertraut.
KiJuKU: Du beschreibst nicht nur die Jugendlichen, die sich zu wehren beginnen, es ungerecht finden, dass Kinderarmut immer nur hin und wieder ein Thema ist und dann wieder verschwindet. Du baust auch Fakten ein, dass viele Kinder bzw. Familien betroffen sind, Fakten zur ungleichen Vermögensverteilung. Willst du mit dem Buch auch konkret etwas bewirken?
Robert Klement: Das Buch soll insgesamt auch eine Anklage sein gegen die Untätigkeit der Regierenden, dass sie zulassen, dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich immer mehr verfestigt und weiter auftut. Grundsicherung für Kinder, die ja jetzt in Deutschland ein Thema ist, wäre eine wichtige Lösung und eigentlich von den zusätzlichen Staatsausgaben insgesamt ein Klacks.
KiJuKU: Was jedenfalls auch wegfallen würde, das Anstellen als Bittstellerinnen und Bittsteller bei Ämtern und Behören.
Robert Klement: Allerdings bin ich der Meinung, falls eine Kindergrundsicherung endlich kommen würde, müsste irgendwie sichergestellt werden, dass sie wirklich komplett den Kindern zugute kommt – also die Landschulwoche bezahlt, bei Schulausflügen zugeschossen wird und so weiter und nicht für andere Ausgaben der Familie, die nicht für die Kinder sind.
KiJuKU: Du hast am Rande erzählt, dass es schon für dich überraschende Reaktionen auf dein Buch gegeben hat, magst du da was davon erzählen?
Robert Klement: Zum einen hat mir ein Mitarbeiter einer Schuldnerberatung, mit dem ich aus Recherchegründen gesprochen habe, gemailt, dass er überrascht war, dass ich dann wirklich dieses Buch geschrieben habe, das ihn berührt hat. Und der ist ja tagtäglich mit Auswirkungen von Armut befasst. Und ein Benediktiner-Mönch, den ich bei Recherchen im Stift St. Lamprecht vor zwei Jahren getroffen habe, hat mir geschrieben: Das Buch sollte im Religionsunterricht eingesetzt werden, weil die Befreiung von Armen und Unterdrückten seiner Meinung nach ein Hauptthema der Bibel sei.
Natürlich ist von Anfang an klar, dass die Geschichte letztlich gut ausgehen wird. Wie bei vielen Abenteuern, die von der Hauptfigur erzählt werden. Andernfalls… – eh kloar.
Und dennoch ist „Siri und die Eismeerpiraten“ so packend geschrieben, dass du immer mit der Zehnjährigen mitfieberst. Die schwedische Autorin Frida Nilsson (Übersetzung: Friederike Buchinger) hat auch viele Wendungen, selbst im vorletzten Kapitel, wo alles schon klar zu gehen scheint, in die 360 Seiten eingebaut. So, dass du kaum aufhören kannst zu lesen.
Um nicht allzu viel zu spoilern, nur die grobe Grundstory: Siri, die mit ihrer jüngeren Schwester Miki und ihrem schon ziemlich gebrechlichen Vater auf einer von vielen ausgedachten kleinen Insel im Eismeer lebt, fährt eines Tages mit Miki auf eine noch kleinere benachbarte Insel, um dort Winterbeeren zu sammeln. Sie schickt die Schwester auf die andere Seite der Insel, um dort die Früchte zu pflücken. Und plötzlich ist Miki weg. Entführt und geraubt von Piraten des gefürchteten Kapitäns Weißhaupt auf dessen großen Segler Schneerabe. Der Kapitän ist nur an Kindern interessiert, die er für sich auf seiner Heimatinsel in einem Bergwerk arbeiten lässt.
Klar, Siri, will ihre Schwester retten, macht sich – entgegen allen Warnungen – auf den Weg. Der viele extrem gefährliche Abenteuer beinhaltet, kann sogar einen Verbündeten finden. Der hat auch seine Schwester an den Eismeer-Ober-Piraten verloren, war aber zu feige, was zu unternehmen. Doch jetzt – und dennoch klappt das auch nicht so glatt.
Und selbst wenn von Anfang an feststeht, dass Siri überlebt, bleibt das Buch – zumindest einschließlich des vorletzten Kapitels spannend. Super zu lesen ist es auch abseits der Abenteuer sogar in den teils ausgedehnten Landschafts-Schilderungen. So „nebenbei“ erzählt die Autorin über das Leben vieler armer Menschen, die täglich und nächtlich um ihr Überleben kämpfen, über viel Eiseskälte – nicht nur in der Natur. Und einen, den Schneerabe-Kapitän Weißhaupt, der Kinder versklavt und ihren Tod ohne mit der Wimper zu zucken, einkalkuliert, um seinem Ziel nach riesigem Reichtum und Berühmtheit näher zu kommen. Das Kind Siri ist die Mutige, Aufrechte, die mit ihrer Art jedoch andere – ganz wenige – ermutigen kann.
Übrigens: Aktuell (Dezember 2023) wird „Siri und die Eismeerpiraten“ in einer dramatisierten und klarerweise sehr verdichteten Form – zwei Stunden – vom Theater der Jugend in Wien (im großen Haus, Renaissancetheater) gespielt. Stückbesprechung folgt nach der Premiere.
Vielleicht haben sich manche, die ans Christkind oder auch den Weihnachtsmann glauben (wollen), einmal gefragt: Was ist, wenn diese Figur krank ist? Kommen die Geschenke – und auf die scheint Weihnachten ja längst reduziert zu sein – später? Oder gar nicht?
Nun, Claudia Skopal hat sich dazu eine Geschichte ausgedacht. Frieda hat sich als Assistentin fürs Christkind gemeldet, wurde genommen – und erfährt: Christkind ist krank. Jetzt muss sie die ganze Arbeit – nein, nicht machen, aber organisieren. So hatte sich Frieda das nicht vorgestellt. Die Illustratorin Dorothea Blankenhagen lässt sich gleich auf der ersten Doppelseite des Bilderbuchs „Friedas Weihnachten“ verzweifelt dreinschauen angesichts der vielen Briefe und der noch fast unersättlicheren Wünsche.
Auch ein Engerl kann nicht helfen, weiß allerdings, da gibt’s noch Sebastian Sternschweif, der hat früher geholfen. Und tatsächlich hat der gute alte Mann ein dickes Buch „Das perfekte Weihnachten“ mit seinen Erfahrungen aus 530 Jahren gefüllt…
Wie sie Bäume schmücken und holen, Aufträge an die Werkstatt weitergeben und – eh kloar – rechtzeitig die Schlitten beladen, das zeigt das Duo in Wort und Bild – samt einem Rezept für Schokotaler auf der allerletzten Doppelseite.
„Ich war damals so ungefähr fünf Jahre, wollte mit dem Rad in den Kindergarten fahren, ohne dass es gefährlich ist. Weil das nicht gegangen ist, wollt ich einen Brief an den Bürgermeister schreiben.“ Das nannte Johanna Schellnegger (heute 15 Jahre) aus dem steirischen Gleisdorf kürzlich als ihr erstes Engagement in Sachen Klimaschutz. Gemeinsam mit fünf anderen Kindern und Jugendliche saß sie in einer der Podiums-Runden der Konferenz „Kinderrechte als Chance und Auftrag im Klimaschutz“.
Die Tagung fand zwischen dem 34. Geburtstag der UN-Kinderrechtskonvention (20. November) und dem Auftakt der aktuelle laufenden 28. Weltklimakonferenz (30.November – 12. Dezember 2023) im Wiener Volkskundemuseum statt.
Neben Fachleuten unterschiedlichster Sparten, Aktivist:innen und Politiker:innen war eben eines der Podien – noch immer eine Seltenheit bei Konferenzen – Kindern und Jugendlichen gewidmet. Neben der schon Genannten sprachen Felix Kaufmann, Marlies Pernsteiner, Anton Jordan-Lichtenberger, Marie Saubart und Leo Bydlinski (zwischen 6 und 17 Jahren) – moderiert von Daniela Köck von der steierischen Mitbestimmungs-Initiative beteiligung.st.
Weil sie damals natürlich noch nicht einen ganzen Brief schreiben konnte, „hab ich ihn meiner Mutter diktiert“, verrät Johanna Schellnegger Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… auf Nachfrage in der anschließenden Pause. Die weitere Frage beantwortet sie so: „Nein, ich hab nie eine Antwort bekommen.“
Im Podium selber berichtet sie: „Heute gibt es zwar schon mehr Radwege in Gleisdorf. Aber immer noch auch welche, die plötzlich aus sind und wo dann nur „Ende“ steht. Wäre das bei einer Straße so, dann würden sich sicher viele Leute aufregen.“ Eigentlich wäre es sogar ziemlich undenkbar. Außerdem sollte es beim Schulessen auch vegetarische und vegane Kost geben.
Die öffentlichen Verkehrsverbindungen hätten sich in den vergangenen Jahren zwar verbessert, aber noch sind nicht alle Busse barrierefrei, weist die 15-Jährige auf ein noch vorhandenes Manko hin. Außerdem wünscht sie sich mehr politische und Umweltbildung in den Schulen, um diese wichtigen Themen ausführlich zu behandeln.
(Mehr) Radfahren war vor allem auch dem sechsjährigen Anton Jordan-Lichtenberger aus dem Burgenland, „in der Nähe von Eisenstadt“ ein großes Anliegen. Mindestens drei Mal wies er in der Podiumsrunde darauf hin. Für Umwelt und Natur habe er sich „so mit drei oder vier Jahren“ zu interessieren „begonnen als in Tier-Dokus angeschaut habe“.
„Das Internet is ned immer schlecht, bei mir hat das Interesse mit YouTube-Videos über Nachhaltigkeit angefangen, als ich ungefähr zehn war“, so die 17-jährige Marie Saubart. „Mir ist die Ernährung sehr wichtig. Aber vegetarisch oder vegan zu leben ist nicht immer einfach. In Gasthäusern gibt’s oft Viel Auswahl bei Speisen mit Fleisch; vegetarisch aber ganz wenig und vegan oft nur Pommes.“
Weiters wünscht sie sich „Züge attraktiver zu machen, vor allem preistechnisch. Wenn wir in der Familie über Urlaub reden und ich sage, na fahren wir doch mit dem Nachtzug, statt zu fliegen, sagen die Eltern: Viel zu teuer und zu lang.“
Marie Saubart, die in Hitzendorf, in der Nähe von Graz wohnt, nennt als Verbesserung zwar einen Busbahnhof, von dem „jede halbe Stunde ein Bus nach Graz fährt, aber die Verbindung zwischen den ländlichen Gemeinden ist noch nicht so besonders. Da musst du erst nach Graz und von dort dann in diesen Ort fahren.“
„Dass Zugreisen billiger sein sollen“, fordert auch die sechsjährige Marlies Pernsteiner aus Brunn (Niederösterreich). „Bei Autos soll es mehr mit E-Motor geben. Da könnte auch die Polizei zum Beispiel mit solchen fahren.“
Felix Kaufmann (17) wohnt in Gerersdorf, einem 884-Einwohner:innen-Ort ganz nahe bei St. Pölten. Sein wichtigstes Anliegen ist eine brauchbare öffentliche Verkehrsverbindung. „Mit dem Auto ist es von uns nur ungefähr drei Minuten bis St. Pölten und trotzdem fährt zu uns der letzte Bus um 18 Uhr. Ich arbeite nach der Schule bis 18.30 Uhr. Am Wochenende fährt überhaupt nur ganz selten ein Bus zu uns oder von uns nach St. Pölten.“
Leo Bydlinski (17) aus Gratwein nördlich von Graz nennt als „mein wichtigstes Anliegen ist Regionalität – nicht nur bei Lebensmitteln, sondern auch bei anderen Produkten wie zum Beispiel Solaranliegen. Die sollten wir in Europa, am besten sogar in Österreich produzieren, um uns lange Wege aus Fernost und damit CO2-Ausstoß zu ersparen.“ Bei Lebensmitteln führt er obendrein noch an: „In vielen anderen Ländern gibt es ja auch weniger strenge Auflagen was gentechnische Veränderungen oder Einsatz von Pflanzenschutzmitteln betrifft.“
Und dann nennt er noch in Sachen Reisen: „Unsere Familie sucht auch in der näheren Umgebung schöne Strände, zum Beispiel in Albanien, da müssen wir dann nicht hinfliegen.“
Bei dieser Konferenz „Kinderrechte als Chance und Auftrag im Klimaschutz“ wurde mehrfach auf einige Artikel der vor 34 von der UNO-Generalversammlung beschlossenen Kinderrechtskonvention hingewiesen, die den Zusammenhang zwischen beiden Materien beinhalten.
Zwar wurde in Österreich leider nicht die gesamte Kinderrechtskonvention in die Verfassung aufgenommen, aber wenigstens einige Artikel. In diesem Verfassungsgesetz über die Rechte der Kinder gibt es auch eine Präambel (Vorbemerkung). In der heißt es etwa im Artikel 1: „Jedes Kind hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge, die für sein Wohlergehen notwendig sind, auf bestmögliche Entwicklung und Entfaltung sowie auf die Wahrung seiner Interessen auch unter dem Gesichtspunkt der Generationengerechtigkeit. Bei allen Kinder betreffenden Maßnahmen öffentlicher und privater Einrichtungen muss das Wohl des Kindes eine vorrangige Erwägung sein…“
Verstärkt wurde nicht zuletzt das Recht von Kindern und Jugendlichen auf Schutz vor Umweltschäden, die ja unter den Folgen der Klimakrisen noch viel länger und mehr zu leiden haben/hätten, durch den „General Comment Nr. 26“ zu der Kinderrechtskonvention. In mehreren Jahren hatten insgesamt mehr als 16.000 Kinder und Jugendliche in 121 Staaten der Erde an diesen Kommentaren mitgewirkt.
Ingrid Pintaritsch von der Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar und Sebastian Öhner von der Wiener Kinder- und Jugendanwaltschaft fassten die wichtigsten Punkte aus diesem neuen Allgemeinen Kommentar zur Kinderrechtskonvention zusammen:
Aus den beiden obigen Absätzen leiten Österreichs Kinder- und Jugendanwaltschaften folgende Forderungen ab: Klimaschutzgesetz mit Schutz ökologischer Kinderrechte und verstärkte Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen in Fragen von Klima- und Umweltschutz.
Noch ist der Känguru-Beutel eine große Einkaufstasche, aus der das plüschige Baby herausschaut. Stella Kranner hat sich diese Tasche um den Hals gehängt. Sie spielt, singt und tanzt Cindy-Roo, „Das goldene Känguru“. Und das ist die Titelfigur des aktuellen Musicals, das die Kinderfreunde demnächst insgesamt rund 8000 Kindern schenken – an sechs Terminen zwischen 8. und 19. Dezember 2023 im Wiener Raimund Theater. Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… durfte wenige Tage bevor die ersten Proben auf der großen Bühne beginnen, im doch recht kleinen „Chor-Studio“ einem Durchlauf – noch ohne Kostüme und erst mit einigen, wenigen Requisiten zuschauen, -hören, fotografieren und filmen.
Knapp bevor die Probe beginnt, besprechen Renate Kastelik, die seit Jahrzehnten dieses vorweihnachtliche Musical-Geschenk inszeniert und künstlerisch gesamt-leitet, und ihr Assistent Reinwald Kranner, der auch selbst – als Professor Logan – mitspielt und mit seinen Kolleg:innen die Choreografie einstudiert hat, noch die letzten Kürzungen. Und so fällt manches weg, das KiJuKU in Vorbereitung auf die Probe im Textbuch schon gelesen hat.
Bevor weiter geschildert wird, zunächst kürzest die Story – geschrieben von Sandro Russo. Der schon erwähnte Prof will mit einigen Schüler:innen die Natur im australischen Outback erkunden. Was die erst gar nicht begeistert. Dem Art Klassenclown Jack (Gregor Eisenhut), ständig auf Schmäh und „wääh“ aus, geht offenbar alles was mit Schule zu tun hat, auf den Geist. Seiner Kollegin Ella (Katrin Fuchs) sind nur Handy, Spiegel und Schminke wichtig. Ihre Figur ist doch ein wenig zu doof-tussyhaft gezeichnet. Dritte im Bunde der Schüler:innen ist Darana (Elisabeth Schmidt-Schmid), schlau, wissbegierig mit Kenntnissen, die ihren Lehrer immer wieder überraschen.
Diese Gruppe macht sich vor allem auf die Suche nach einem geheimnisvollen goldenen Känguru. Das wollen, sobald sie davon erfahren aber auch der eher dümmliche Bösewicht Wayne (Valentin Frantsists) und die schlaue, durchtriebene Grace (Anna Fay) auftreiben. Einerseits könnte das, wenn sie es fangen, gewinnbringend an einen Zoo verkauft werden. Andererseits soll es in seinem Beutel neben Joey, dem Baby, noch einen mächtigen Edelstein, einen Opal mit sich herumtragen.
Als weiteres „Personal“ treten in dem Musical, das auf rund eine Stunde und 20 Minuten gekürzt wurde, noch Bambam, ein Aborigine-Student (Christian Tyll), der süße Koala Kolie (Conny Boes) sowie eine hierher verschleppte Schildkröte namens Hanouka (Lilli Todter) in der Geschichte immer wieder auf.
Neben der spannenden „Krimi-)Geschichte geht’s natürlich so „nebenbei“ auch um Achtsamkeit mit Mitmenschen ebenso wie mit der Natur. Ob das Kostüm auch golden sein wird, oder der Glanz nur mit dem Herzen zu sehen sein wird, das bleibt bei diesem Probenbesuch noch ein Geheimnis 😉
Schade eigentlich, dass die Schildkröte nicht Taba heißt – wie das Maskottchen der großen Klima-Rettungs-Kampagne der Kinderfreunde.
Bei der Probe, an der nicht alle teilnehmen konnten – deren Rollen wurden von Stella und Lilli aus dem Textbuch eingelesen -, saß schon ziemlich viel. Es gab kaum Texthänger. Auch die Choreo wirkte schon recht in den Knochen sitzend. Hin und wieder stimmte sich Christian Brandauer am Piano – er hat, wie seit ewig und noch drei Tagen auch die ganze Musik komponiert – mit den Sänger:innen/ Tänzer:innen/ Schauspieler:innen ab. Passt da und dort den einen oder anderen Ton an – oder umgekehrt diese versuchen, möglichst den komponierten und via Tasten zu Gehör gebrachten Ton zu „erwischen“ 😉 Nur ganz selten werden Tanzschritte nochmals probiert. Da sitzt schon ziemlich viel!
Auf dem Tisch mit Regie-Buch, Augengläsern, einem plüschigen kleinen Känguru mit noch kleinerem Baby im Beutel stehen auch Auszeichnungen, die die Regisseurin von den Kinderfreunden für ihre jahrzehntelange künstlerische Leitung des jeweiligen Musicals bekommen hat. Und es liegen drei glänzende Objekte, die als möglicher „Opal“ in Frage kommen. „Noch ist nicht entschieden, welchen Stein wir nehmen“, so Renate Kastelik zu KiJuKU, „sicher ist aber, wir geben einen Verfolger drauf“ – also einen Scheinwerfer, der den „Edelstein“, sobald ihn wer in der Hand hält gut ins Licht setzt und all dessen Bewegungen mitbeleuchtet.
Drei Notenständer, ein Instrument. Während Anna Starzinger Platz – und ihr Cello – nimmt, hin und wieder musikalisch die jeweiligen Emotionen von „Adressat unbekannt“ untermalt, verstärkt, hervorhebt oder überhaupt erst richtig zum Ausdruck bringt, lesen ihre beiden Bühnenkollegen Samuel Pock und Benjamin Spindelberger abwechselnd aus Briefen.
Ersterer schlüpft in die Rolle von Max Eisenstein, Betreiber einer Kunstgalerie im US-amerikanischen San Francisco. Zweiterer liest die Briefe des ehemaligen Galerie-Mitbetreibers und Freundes Martin Schulse. Dieser ist 1932 wieder nach Deutschland zurückgekehrt, wo Ersterer auch studiert hat.
Der Briefwechsel ist ein fiktiver, geschrieben von der US-Autorin Kressmann Tayler, die bei der Veröffentlichung 1938 ihren Vornamen bewusst nicht nannte, sie wollte ihr Geschlecht nicht preisgeben. Ihr knapp 80 Seiten-Buch umspannt den ausgedachten Zeitraum vom 12. November 1932 bis 3. März 1934. Und mit Hilfe der beiden Männer, die sich zunächst über ihre Freundschaft sowie die Geschäfte unterhalten, vermittelt die Autorin die politische Entwicklung in Deutschland. Und obendrein, wie sich Menschen verändern konnten. Wobei sie das in einer Art tut, die fast automatisch die Frage aufwirft: Ist das wirklich nur eine (fiktive) historische Geschichte?
Der weltoffene, kunstaffine Martin findet Gefallen an Herrn Hitler – und nicht nur das, er übernimmt sogar Funktionen in dessen Nazi-Partei, er und seine Frau nennen ihren jüngst geborenen Sohn Adolf!
Und als Max ihn bittet, sich umzuhören, was mit dessen Schwester Griselle los ist, die in Wien Schauspielerin wurde und dann nach Berlin zog. Immerhin habe er in den USA von ihr seit Wochen nichts mehr vernommen. Da wird’s recht atemberaubend. Details seien hier keine verraten, vielleicht willst du/wollen Sie ja diese spannende, teils aber schon recht heftige szenische Lesung bei Gelegenheit auch besuchen. Das Büchlein selbst ist kaum bekannt.
Letztlich bittet Martin seinen einstigen Galerie-Kompagnon und ehemaligen Freund, er möge ja keine Briefe mehr schreiben – Kontakt mit einem Juden! Das könne ihm hier schaden, ja sogar in Gefahr bringen. Und dennoch behirnt er offenbar nicht, wie diktatorisch und einschränkend das System ist, für das er führend arbeitet, es intensiv verteidigt. Die Autorin lässt Martin nun sogar zum hetzerischen Schreiber gegen alles Jüdische werden.
So „nebenbei“ kommen aber bereits – das Buch erschien 1938(!) also ein Jahr vor Beginn des 2. Weltkrieges – massenhaft Verhaftungen Oppositioneller und Konzentrationslager zur Sprache. Das erste wurde ja auch schon 1933 in einer Militärschule bei Weimar eingerichtet. Aber nach 1945 behaupteten allzu viele Menschen, sie hätten nichts davon gewusst.
Susanne Höhne vom „Verein für darstellende Kunst Beseder“, die sich diese szenische Lesung ausgedacht und sie inszeniert hat, erzählt im Gespräch mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… auf die Frage, wie sie auf diese so dichte Darstellung der politischen Entwicklung in dieser Form gekommen sei: „Ich hab das Büchlein vor ungefähr 30 Jahren im jüdischen Museum Berlin gekauft. Immer wieder hab ich es im Hinterkopf gehabt und nun gedacht, das wäre vielleicht gut und notwendig, es jetzt aufzuführen.“
Beseder ist übrigens Hebräisch und bedeutet auf Deutsch „ok“, „alles gut“…
Zu einem Interview mit fünf Jugendlichen, die die szenische Lesung im Festsaal des Gymnasiums Hagenmüllergasse miterlebt hatten geht es hier unten.
Mit Daniel, Markus und Robin sowie Moritz und Theresa setzten sich fünf der Oberstufen-Schüler:innen, die zuvor die 1 1/4 -stündige szenische Lesung mit Cello-Begleitung, -Untermalung und … verfolgt hatten in eine Interviewrunde mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… Zu einer Besprechung dieser Veranstaltung geht es gleich hier unten.
Die ersten drei Genannten haben selber Theater-Erfahrung in der Bühenspielgruppe, Robin schreibt sogar am Stück, das ab Jänner geprobt und im Mai aufgeführt werden wird – ebenfalls in dem großen Festsaal hier im ersten Stock des Gymnasiums Hagenmüllergasse.
„Am Anfang hat es sich zwar ein wenige gezogen“, fügt Markus seinem allerdings ersten Satz hinzu: „Das Ende hat sich sehr spannend gestaltet, ab dort wo es direkter heftiger wurde in dem Briefwechsel der beiden und insbesondere Martin gar nicht mehr freundlich geschrieben hat.“
Theresa, die Jüngste – sie besucht die 6a, während die ersten drei Jungs in die 8b und Moritz in die 8a geht – meinte in ihrem ersten Satz: „Sehr, sehr gut. Gegen Ende schenken sie sich gegenseitig nichts mehr. Da hat auf einmal sogar Martin Angst, obwohl er vorher ja das System verteidigt hat.“
Daniel hebt neben dem inhaltlichen Spannungsbogen vor allem die Musik hervor, „die die Emotionen stark zum Ausdruck bringt“.
Markus verweist noch auf die deutliche Doppelmoral Martins. Am Ende, wo er selbst Angst hat, fleht er Max fast an, ihm ja nicht mehr zu schreiben, weil ihn der Kontakt zu einem Juden ja in Gefahr bringt. Aber als Max ihn gebeten hatte, sich um seine schauspielende Schwester, die aus Berlin flüchten musste, anzunehmen, da hat Martin sie glatt vor seiner Haustür von SA-Männern erschießen lassen.
KiJuKU wollte von den Jugendlichen auch wissen, ob sie sich möglicherweise in die Lage des einen oder des anderen hineinversetzen hätten können/könnten.
Robin packt zunächst die Erkenntnisse auch aus der Bühnenspielgruppe aus. „Wenn du eine Rolle spielst, musst du immer versuchen, nicht moralisch zu be- bzw. verurteilen, sondern dich in die Figur hineinzudenken. Bei Max ist das einfacher, weil der auch empathischer agiert.“
Daniel verweist auch auf den Aspekt der Propaganda, die offenbar bewirkt habe, wie schnell Martin sich von einem Liberalen zu einem Nazi entwickelt habe – im Übrigen ja nicht einmal Mitläufer, sondern mit führender Funktion in seiner Stadt.
„Und wie stark das schon in seiner Psyche verankert ist hat, zeigt ja auch, dass die Familie den jüngsten Sohn ausgerechnet Adolf nennt.“
Moritz konnte sich gut in Max hineinversetzen. Theresa merkte an, dass zwar Max Reaktion, weiter Briefe zu schreiben, um mehr zu erfahren, was Martin zu seiner Entwicklung getrieben habe, aber, „dass er ihn jetzt in Gefahr bringt, verstehe ich zwar, weil Martin ja Max‘ Schwester nicht geholfen hat, aber er macht sich ja jetzt auch schuldig, wenn ihm was passiert.“
Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… wollte dann noch wissen, ob die fünf Jugendlichen denken oder meinen, so etwas wie die Entwicklung in Deutschland vor rund 90 Jahren könne sich heute wiederholen.
Praktisch alle sehen Gefahren in bestehendem und leider auch (wieder) zunehmendem Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Ausgrenzung. Und diese können sich „dank“ Social Media schnellerer und größerer Verbreitung bedienen. Die seien noch effizienter als die Propagandamethoden der Nazis seinerzeit, meinte Moritz. „Und durch die Mittel von KI (Künstlicher Intelligenz) kann Hass-Propaganda noch überzeugender verbreitet werden“, gibt Daniel zu bedenken. Auf die Frage, wie damit direkt in der Schule damit umgegangen werde, kommt die erste spontane Antwort: „Unterschiedlich“. Die drei 8b-Schüler schwärmen fast von kompetenter Auseinandersetzung sowohl in Geschichte als auch in Deutsch, fügen aber gleich hinzu, „das ist in der Schule aber doch die Ausnahme. Wobei der Kollege aus der Parallelklasse hinzufügt, dass „wir uns aktuell in Geschichte und Ethik ausführlich mit dem brennenden Nahostkrieg beschäftigen. Auseinandersetzung mit Medienkompetenz spielt aber sonst bei uns weniger Rolle. Die Kollegin aus der sechsten wirft ein, erst seit Anfang dieses Schuljahres hierher gewechselt zu haben von einer privaten AHS weg und merkt an: „Dass Lehrerinnen und Lehrer in Privatschulen besser sind, ist ein Gerücht.“ Und ergänzt: „Ich finde es wichtig, dass Lehrkräfte Kindern und Jugendlichen nicht Meinungen aufdrängen.“
2027 wird es in der Schloßhofer Straße 16 – 18 nahe dem Bahnhof Floridsdorf mit seinem Schnell-, U- und Straßenbahnen-Knotenpunkt ein Zentrum für Kinderkultur geben. Das Zoom Kindermuseum sowie das Institut für Jugendliteratur errichten aber nicht nur „Außenstellen ihrer bisherigen Einrichtungen – Zoom im MusuemsQuartier, Jugendliteratur die Bücherbühne in der Mayerhofgasse (4. Bezirk, Wieden).
„Kinder und Jugendliche sollen in einem der bevölkerungsstärksten Randbezirke Wiens, nördlich der Donau die niederschwellige Möglichkeit bekommen, die Welt der Kunst und den Kosmos des Lesens, der durch Bücher eröffnet wird, kennenzulernen. Das ZOOM will in Floridsdorf auf bewährte spielerische und interaktive Weise Kindern und Jugendlichen Begegnungen mit Kunst, Kultur, Medien und Wissenschaft ermöglichen; das kinderliterarische Zentrum soll für jungen Menschen einen einfachen, altersadäquaten und emotional positiv erlebten Zugang zu Büchern und Medien schaffen“, hieß es dazu bei der Vorstellung des Projekts am Donnerstagvormittag. Und durch die gute öffentliche Verkehrsanbindung, ist es auch recht gut auch aus anderen Bezirken erreichbar.
Das Haus mit seinen 3.500 m2 Nutzfläche – auf fünf Ebenen – , das noch bis Jahresende als AMS-Jobcenter genutzt und danach generalsaniert und umgebaut wird, soll ein „Ort des Empowerments, der Offenheit und des Willkommenseins werden. Inklusion, Mehrsprachigkeit und Diversität sind in der Kulturarbeit beider Institutionen wesentliche Pfeiler: Kultur ist für alle Kinder dieser Stadt da – unabhängig vom kulturellen und sozialen Hintergrund“, wurde bei der Präsentation betont.
Neben den eigenen Programmflächen gibt es ein gemeinsames Foyer und gemeinsam genutzte Flächen für befruchtende Kooperationen. Bei den Sanierungs-, Um- und Ausbauaktivitäten steht das Thema Nachhaltigkeit entsprechend der „Smart Climate City Strategie“ der Stadt Wien im Mittelpunkt. Die thermische Sanierung verlängert den Lebenszyklus des Gebäudes beträchtlich, zusätzlich wird ein zeitgemäßes Energiekonzept mit Photovoltaikanlage, Anbindung an Fernwärme und modernisierter Gebäudetechnik zur Nachhaltigkeit des Gebäudes beitragen. Der Verzicht auf einen Neubau auf unversiegelter Fläche reduziert den CO2 -Abdruck um 50 Prozent. Konkret werden durch die Anpassung des Bestands rund 600 Tonnen CO2 eingespart, das entspricht dem durchschnittlichen jährlichen CO2 -Ausstoß von 480 Klein-Pkws (bei einer Fahrleistung von 15.000km/Jahr).
Der Baubeginn ist mit Anfang 2025, die Übergabe an die beiden Institutionen mit Mitte 2026 geplant. Im Frühjahr 2027 soll das Haus mit den Programmschienen ZOOM und kinderliterarisches Zentrum den vollen Betrieb aufnehmen.
Das Zoom Kindermuseum im Wiener MuseumsQuartier hat immer wieder seine „Fühler“ in andere Regionen Wiens ausgestreckt. Eine Zeitlang gab es Workshops als Pop-Up-Zooms in Ottakring und Favoriten. Mit dem Zoom-Mobil „wandern“ die Vermittler:innen immer wieder auch in Schulen, um dort Kindern „Hands-on-Kreativ-Erlebnisse zu ermöglichen – siehe Links am Ende des Beitrages.
Und das Institut für Jugendliteratur führt unter anderem seit Jahrzehnten die Sommerferien-Aktion „lesen im Park“ durch.
Auf Nachfrage erfuhr Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… im Zoom Kindermuseum „Wir haben heuer unsere Einsätze mit dem Zoom mobil verdoppelt und waren in sieben verschiedenen Bezirken. Ab dem kommenden Jahr werden die Einsätze vor allem in Floridsdorf verstärkt und vor allem der Kontakt zu lokalen Initiativen aufgenommen.“
KiJuKU wollte auch wissen, ob ähnlich wie beim Kinder Kunst Labor in St. Pölten auch schon in der Phase vor „Bespielung“ Kinder in partizipativen Projekten in die Gestaltung des neuen Kinder Kultur Zentrums eingebunden werden. Noch sei man in einer sehr frühen Phase, aber sicher wird es Mitbestimmungs-Elemente geben.
Zoom-Mobil in der ILB – Integrative Lernwerkstatt Brigittenau <- damals noch im Kinder-KURIER
zoom-kindermuseum-aussenstellen-wiens-groesste-kugelbahn <- ebenfalls im KiKu
Sie kommt mit hölzernen Steckteilen. Daraus soll eine Behausung für sie auf dem Trockenen gebaut werden – samt Laden und Kästchen für Sammelgegenstände und Infos. Sie, das ist das Symbol für Meeres-Schildkröten – und doch recht neu aus Stoff, mit dem Namenskürzel Taba. In den vergangenen Wochen und Monaten hat sie Einzug in vielen der 155 Kindergärten und Horten der Kinderfreunde in ganz Österreich gehalten. Und sie ist sozusagen das Maskottchen oder die Leitfigur einer für drei Jahre angelegten Um-Welt-Kampagne „Retten wir die Welt“.
Eigentlich – so sagt ihre menschliche Stimme und zeigt der eingeblendete Text in dem nicht ganz achtminütigen Video heißt sie Tabwakea Manaaki Tabajao. Und sie erzählt ein bisschen über die Geschichte ihrer Gattung, die immerhin schon seit 200 Millionen Jahren auf der Erde lebt – im Südpazifik. Also auch zu einer Zeit schon da war, als es noch die Dinosaurier, aber noch laaaaaange keine Menschen gegeben hat.
Tabwakea ist übrigens die zweitgrößte Stadt (3000 Einwohner:innen) auf der Insel Kiritimati, die zu Kiribati gehört, einem Staat aus vielen Inseln mitten im großen pazifischen Ozean gehört – zwischen Australien und Hawai. Und der Name bedeutet Schildkröte auf kiribatisch, oft auch als Gilbertesisch bezeichnet.
Das Video läuft auf der Homepage der Kinderfreunde – und auf YouTube (Link unten am Ende des Beitrages) -, weitere Nachrichten sendet Taba den Kindern, wenn ihr Bauch – auf dem sich ein Code befindet – auf Tablets oder SmartPhones gehalten wird, direkt in die Gruppe.
„Sie hat uns erzählt, dass sie lange Zeit ganz gut leben hat können, aber in letzter Zeit haben Menschen die Meere verschmutzt und das tut ihr nicht gut!“, hört Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… bei einem Besuch im Kindergarten und Hort in der Prandaugasse in Wien-Donaustadt. Julia, Rebekka und Felix erzählen am meisten – darüber, dass Taba will, dass Kinder helfen, das Klima auf der Welt zu retten. Und wie und was sie selber in so jungen Jahren schon dazu beitragen.
„Wir trennen den Müll – hier, aber auch zu Hause.“ Manche mussten dafür Eltern erst überzeugen, auch davon „nicht so viel mit dem Auto zu fahren“. „Und wir verwenden nicht mehr so viel Plastik. Trinkflaschen fast gar keine mehr aus Plastik.“ „Manche Sachen, die vorher aus Plastik war, haben wir jetzt aus Holz“, sprudeln dem Journalisten die Sätze aus den Kindermündern entgegen.
Julia hält dann beim Gruppenfoto mit Maximilian, Maxi, Christoph und Alexander hinter Tabas hölzerner Behausung – auch Taba-Nakel genannt – ein spezielles gebasteltes Produkt in die Kamera. „Wir haben aus einem alten Milchkarton ein Vogelhaus gebastelt. Wenn es jetzt kälter wird, hängen wir das im Garten auf“, erklärt sie das Ding dem Journalisten. „Und wir basteln auch andere Sachen als altem Zeug, statt es wegzuschmeißen.“
In einer der Kindergartengruppen einige Räume weiter zeigen Kinder dem Reporter ein anderes Tier: Einen kleinen Kuschel-Hasen, der in einem rot karierten Köfferchen wohnt. Das eben genannte Muster erinnert dich vielleicht an ein Bilderbuch, das du schon kennst: „Briefe von Felix“ (geschrieben von Annette Langen und gezeichnet von Constanza Droop). „Wir dürfen den Felix manchmal übers Wochenende mitnehmen und dann erzählen, was er erlebt hat“, berichten einige der Kinder. Und eine der Pädagog:innen schreibt das Erzählte dann auf. So hat Hase Felix hier eigene Briefe, die – samt Fotos dazu – in einer eigenen Mappe gesammelt werden. „Er war auch schon einmal in Polen, da war ich mit meiner Familie bei einer Hochzeit eingeladen“, erzählt eines der Kinder.
So lernen die Kinder nach und nach verschiedenste Orte, Gegenden und dazugehörige Geschichten von einander – überbracht vom Hasen Felix.
Die Pädagog:innen erklären noch, dass sie hier Felix mit Taba verbinden – zum Jahresthema Reise UM die WELT 😉
PS: Übrigens, auf Nachfrage von KiJuKU ist zu erfahren: Auch Privatpersonen oder Kindergruppen andere Einrichtungen können sich an der Aktion „Retten wir die Welt“ rund um und mit Tab und ihrem Taba-Nakel beteiligen (120 € kostet das Equipment für das nach und nach noch Gegenstände zugeschickt werden, um schrittweise die Laden und Fächer zu befüllen.
Kinderfreunde -> rettenwirdiewelt -> kampagnenfahrplan
Nach rund fünf Dutzend Mal wurde die Neuversion von „Das tapfere Schneiderlein“ von der Wiener Taschenoper unlängst in der Kulturgarage in der Seestadt Aspern zum letzten Mal aufgeführt. Von anspruchsvoller Musik von Wolfgang Mitterer getragen, wurde das Märchen nach den Gebrüdern Grimm über den Auf-Schneider gesungen – und gespielt mit teils einfachen und doch recht üppigen Kulissen und Kostümen.
Der Komponist meint im Programmheft: „Richtig vorgetragen ist jede Melodie fasslich… Kinder müssen nicht mit banalen Melodien, womöglich noch laut verstärkt, an die Wand geprügelt werden…“ Musikalisch umgesetzt haben dies – live auf der Bühne – Karl Sayer (Kontrabass) und Michael Tiefenbacher (Keyboard/Samples).
Witz in die Afführung brachte die Inszenierung von Jevgenij Sitochin, der vor allem den König, gesungen und gespielt von Johannes Zeiler (macht-)technisch immer wieder anlaufen lässt. Jakob Pejcic wächst als Schneider an den Aufgaben zum Helden.
Antonine Vernotte (Ratgeber/Einhorn/Riese) und Jubin Amiri (Ratgeber/Wildschwein/Riese) sorgen immer wieder für fast Slapstick-artige Einlagen, insbesondere als die beiden – einander laufend widersprechenden – Ratgeber.
Adèle Clermont hat insbesondere als Königstochter die A-Karte gezogen, weil das Libretto (Helga Utz) ihr eine Frauenrolle geschrieben hat, die vielleicht ins vorvorige Jahrhundert gepasst hätte. „Oh, ein Held, kann ich ihn haben!“
Ganz anders angelegt ist die – doch entlang des klassischen Märchens – gespielte Fassung von Raoul Biltgen. Hier ist das Schneiderlein ganz und gar nicht gewillt heldisch zu sein, will lieber der eigenen Profession nachgehen und schöne Kleidungsstücke nähen. Wenngleich die Schneiderin (Nele Christoph) zwar von Stoffen umgeben live auf einer Tribüne über der Bühne häkelt. Aber das ist womöglich Teil des Spiels mit Wahrheit, Übertreibung, Lüge und Schwindeleien. Die sind ein fast ständig präsentes Thema in dieser Version (Regie: Mira Stadler).
Wie auch immer, die Schneiderin will gar keine Abenteuer bestehen, wird aber von dem Erzähler:innen-Trio (Annina Hunziker, Alina Schaller, Anton Widauer) dazu gedrängt, manipuliert, mitunter auch genötigt. Schließlich soll doch dieses Märchen von den „7 auf einen Streich“ über die Bühne gehen. Auch wenn die Schneiderin anmerkt: Es waren doch nur zwei Fliegen und Lügen ist nicht okay.
Die beiden Erstgenannten aus diesem Trio streiten zunächst um den Titel. „Das lustige Schneiderlein meint die eine“, „Das listige Schneiderlein“ die andere. Bis als Dritter im Bunde Anton Widauer den richtigen Titel – unter Verweis auf den Programmzettel – durchsetzt. Und eine der beiden obendrein noch Leseschwäche spielt „das töpfernde…“
Womit wir aber auch hier wieder bei überkommenen Rollen-Bildern landen. Die zwei Frauen machen auf lustig/listig/töpfernd, aber was richtig ist, sagt der Mann ;(
Mit viel Spiel- und Wort-Witz, manche dann in der (zu) häufigen Wiederholung ein bissl krampfhaft, spielen sich die vier durch üppige Bühnenbilder und witzige Kostüme vor allem beim Wildschwein (Bühne, Kostüme: Jenny Schleif). Ausgehend von der Schneiderin wird einerseits der Held:innen-Mythos demontiert, es gelingt der Schneiderin aber auch die beiden Ries:innen von der Last ihres Böse-sein-müssens zu befreien. Moral von der Geschichte: Sei du selbst, mach das, wonach dir der Sinn steht und versuch dich nicht in eine von anderen vorgegebene Rolle hineindrängen zu lassen.
Super, wäre da nicht, dass ausgerechnet diese sanfte, versöhnende, ja nicht heldisch sein wollende Rolle mit einer Frau besetzt worden wäre – womit erst recht wieder gängige Rollenklischees bedient werden.
Irgendwie schauen die beiden Hauptfiguren Grigor und Tolja aufs erste nicht gerade besonders hübsch aus – nach recht weit verbreiteten Normen. Und dennoch strahlen sie gleichzeitig eine Mischung aus sympathisch und lustig aus. Mit einem Schuss Schusseligkeit.
Pascale Osterwalder, die sich für die (Wiener) Wochenzeitung „Falter“ schon den eher depressiven Alltag von Seifenspendern „Daily Soap (!) einfallen hat lassen, hat nun ein ziemlich schräges, witziges, üppiges Bilderbuch veröffentlicht. In „Das Käsebrot“ bereitet Tolja täglich das Frühstück zu. Doch Spieglei mit Algenbrei, Würmerpastete, geröstete Motten zu Karotten und mehr taugen Letzterem nicht. „Das klingt alles fürchterlich. Ein Käsebrot, das will ich.“
Problem, in der Vorratskammer gibt’s Vieles, aber – erraten, keinen Käse.
Welchen Trick sich Tolja einfallen lässt – und wie grauslich das in der vom Text und den Bildern ausgelösten Vorstellung wirken mag … – ach nein, das sei hier nicht verraten. Immerhin scheint’s Grigor zu schmecken. Bis in der nächsten Nacht – beide schlafen auf Ästen einer knorrigen, fast wie ein Raubtier aussehenden, Eiche – der „Duft“ des Käses von ganz woanders her weht.
Da sinnt Grigor auf Rache, steht erstmals früher auf, bereitet Frühstück zu – ein „köstliches“ …-Schmalzbrot 😉
Wie und was dann passiert – nix wird hier gespoilert. Auch wenn selbst beim Wissen darüber die Geschichte und gleichermaßen die Bilder beeindrucken und mindestens zum Schmunzeln – gepaart mit wäääh oder igittt – veranlassen, die Spannung soll nicht zerstört werden.
„Unsere Welt ist kunterbunt
und jeder ist froh und gesund
im Körper und im Geiste.
Wir wissen auch das meiste.
Ein jeder hat den anderen gern,
egal ob Nachbar oder fern.
Ob dünn, ob dick, ob breit, ob schmal,
schwarz, weiß, rot, gelb ist ganz egal.
Ob lesbisch, hetero oder schwul
wir finden wirklich jeden cool.
Nahrung ist für alle da:
Das ist doch wirklich wunderbar.
Das wäre unsere ideale Welt,
So wie sie uns sehr gut gefällt.“
Dieses Gedicht – handgeschrieben und jedes Wort in einem bunt umrandeten Feld, dazu noch gemalte Bilder der Weltkugel, eine Waage im Gleichgewicht, eines Kindes im Rollstuhl mit einem Teddybären in den Armen, einem fröhlich tanzenden einarmigen Mädchen und etlichen Hashtags, die für Gender-Gerechtigkeit, Menschenrechte, gegen Diskriminierung usw. stehen … – mit dieser Zeichnung plus Gedicht reihte sich die 13-jährige Cora in Lieste der Gewinner:innen der dritten Auflage des Kreativbewerbs „Denk dir die Welt“ der Österreich-Sektion des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen, Unicef, ein. Sie belegte den dritten Platz in der Altersgruppe der 11- bis 13-Jährigen.
„Ich wünsche mir Frieden – für immer und für alle. Manchmal bekomme ich Angst, wenn ich Nachrichten vom Krieg höre. Das muss aufhören!“
Corinna, 12 Jahre
Buntheit und Vielfalt dominierten viele Bilder. Sabrina (16), die mit „Meine Welt“ den zweiten Platz in ihrer Altersgruppe (14 – 17) belegte, erklärte auf der Bühne ihr Anliegen so: „Mein Bild ist ein farbliches Durcheinander“ – auf die Zwischenbemerkung der Moderatorin „das macht nix“, meinte die Jugendliche aber „das ist ja genau der Sinn, weil unsere Gesellschaft ist eben ein gemischtes Durcheinander. Es ist eben jede und jeder anders…“ Außerdem habe sie bewusst keine Ländergrenzen auf ihrer Weltkarte eingezeichnet. Es sei eben eine Welt und mit ihrem Bild wolle sie bestärken, „dass wir alle zusammenhalten sollen“.
Die Bilder aller jeweils fünf Gewinner:innen in den vier Altersgruppen – sowie Screenshots der jeweils vier Text- bzw. Video-Gewinner:innen sind hier auf dieser Seite in Bilder-Galerien veröffentlicht.
Die vier von der Jury ausgezeichneten Texte hier als Fotos, den Text des Siegers, Sebastian Knap (14), darf Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… in voller Länge – leichter als hier unten lesbar – veröffentlichen; der Übersichtlichkeit wegen in einem eigenen Beitrag, der weiter unten verlinkt ist.
Hier geht’s zum besser lesbaren Text „Club der Außenseiter“ von Sebastian Knap (14)
Noch viel mehr als die prämierten Werke – wie immer fiel die Auswahl sehr schwer (KiJuKU war auch Teil der Jury) – gibt es im Ideen-Katalog von Unicef, nämlich 126 Bilder bzw. Texte. Die ersten gedruckten Exemplare wurden am Freitag (25. November 2023) bei der Gala in der Erste-Bank-Hall, wo die besten der jungen Kreativen ausgezeichnet wurden, überreicht. Und diesen Katalog mit … Arbeiten gibt es auch online – bei den Screenshots aus den Videos jeweils dabei ein QR-Code, der zum jeweiligen Video führt.
„Ich bin zu schüchtern, um meine Wünsche laut rauszuschreien. Durchs Zeichnen konnte ich zeigen, was mir wichtig ist. Es war sehr schön dabei sein zu können! Es ist gut, dass Erwachsene auch mal auf Kinder hören!“
Nico, 8 Jahre
In der Jury, die aus allen – analog und digital – eingesandten Arbeiten die Top-Werke aussuchte, waren übrigens erstmals Kinder und Jugendliche aus allen vier Alterskategorien: Nico (8), Jakob (11), Luisa (13) und Nusaiba (17). Diese vier hatten zuvor bei der zweiten Ausgabe des Bewerbs Top-Plätze belegt. Kinder und Jugendliche waren auch Teil der beiden Diskussionsrunden zu „Frieden & ein gutes Miteinander“ sowie über „Klima- und Umweltschutz“. In Letzterer, in der auch die Umweltministerin Leonore Gewessler saß, verlangten vor allem die beiden Jugend-Delegierten bei der diese Woche in Dubai beginnenden 28. Welt-Klimakonferenz (COP – Convention on Climate Change) Jasmin Lang und David Jablonski, dass auch Österreich im Umweltbereich „seine Hausaufgaben“ machen muss. Immerhin warten alle seit mehr als 1000 Tagen auf ein Klimaschutzgesetz.
„Dass keine Papas und Kinder in den Krieg ziehen müssen, und andere auch nicht. Keine Kriege mehr und, dass der Frieden zurückkehrt.“
Michael, 12 Jahre
Klima- und Umweltschutz waren auch die meisten der Einsendungen gewidmet, gefolgt von Frieden & gutem Miteinander; Freundschaft, Zusammenhalt, Familie und Solidarität. Viele der Werke – ob in Bildern, Texten oder Videos durchzog auch der Wunsch, dass alle Menschen gleichwertig behandelt, niemand diskriminiert und ausgegrenzt wird. Und dabei gehe es um Chancen-Gerechtigkeit und nicht (nur) Gleichheit. Am besten drückten das ein Vergleichsbild aus, für das Muhammed Amir, Ahmad und Ismael aus einer Flüchtlingsunterkunft des Roten Kreuzes Anleihe bei einem bekannten Cartoon genommen haben. Unterstützt vom Graffitikünstler Manuel Skirl malten sie auf dem rechten Bild drei unterschiedlich große Menschen auf gleich hohen Kisten, die über eine Bretterwand schauen wollen. Und die drei gleichen Menschen – der Größte braucht gar keine Kist, der kleinste Mensch steht dafür auf zwei Kisten und kann auch drüber schauen!
Zu diesem Thema meinte vor allem Lisa Wolfsegger von der asylkoordination, dass endlich in Österreich alle Kinder und Jugendlichen gleichbehandelt werden sollten – also auch jene, die hier ihre Zuflucht finden. Wofür es besonders starken Applaus gab.
Kräftigen Beifall gab es auch für Yara-Lucia (9) und die gleichaltrige Amira, die ihre Songs aus ihren Videos live auf der Bühne performten. Musikalisch wurde übrigens auch eröffnet, von drei Sängerinnen mit dem Song „Past-Self“ aus dem Projekt „Demokratie, was geht?“
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