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Bild aus dem Animationsfilm "Robot Dreams"

Hund schafft sich Roboter als Freund an…

Bist du (sehr) jung, kannst du mit diesem rund 1¾-stündigen Animationsfilm in die Kindheit oder Jugend deiner (Groß-)Eltern reisen. Laufen und tanzen auf Rollschuhen, telefonieren mit ziemlich großen Apparaten, die mit Kabeln mit der Wand verbunden sind und nur deswegen funktionieren…

Aber dieser Ausflug in die Alltagsgeschichte im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts ist in „Robot Dreams“ nur eine kleine „Neben“-Geschichte, die vielleicht deine erwachsenen Kino-Begleiter:innen amüsieren wird. Die Story selbst – mit allen teils verzwickten Hindernissen – ist ziemlich zeitlos, wenngleich schon ungewöhnlich.

Ein Hund fühlt sich einsam, schaut viel TV und kommt dabei auf die Idee, sich einen Freund zu bestellen. Eines Tages wird ein riesiger Karton geliefert. Amica 2000 heißt das Produkt. Mit einer Gebrauchsanleitung bastelt sich der Hund einen Roboter zusammen – ein bisschen wie bei Kästen, Tischen oder anderen Möbeln aus dem schwedischen Fertigteil-Bausatz-Haus funktioniert das nicht ganz auf Anhieb.

Viele Freude…

Aber dann – erfreuen sich Hund und Roboter verschiedenster Freizeitvergnügungen, samt Schabernack wie Zunge-zeigen und Häschen-Ohren beim Fotografieren in einem Foto-Automaten.

… großes Leid

Natürlich braucht’s für eine spannende Geschichte eine Krise. Die kommt beim Ausflug an den Strand. Das Wasser tut dem metallenen Freund nicht besonders gut. Er setzt Rost an, kann nicht mit zurück nach Hause gehen. Und als Hund Werkzeug holen will, um seinen Freund zu reparieren, ist das Bad schon zugesperrt. Ach, da setzen ziemlich Probleme ein…

Roboter-Träume

Gerade in jenem Teil des Films, in dem der Roboter allein vor sich auf und später immer tiefer im Sand des geschlossenen Strandbades liegt, kommt eine weitere Ebene ins Spiel: Robos Träume; Sehnsüchte, Freuden, Ängste – eine Achterbahn der Gefühle durchlebst du als Zuschauer:in, wenn du die Bilder dieser unkontrollierten Vorstellungen des schlafenden Roboters siehst.

Neben Hund und Roboter spielt die Stadt New York eine große Rolle

Soweit der Kern der Geschichte in dem Film von Pablo Berger (Drehbuch und Regie), der auf der gleichnamigen Graphic Novel (Comic) von Sara Varon aufbaut.

Neben der spannenden, berührend erzählten und gezeichneten (Art Director: Jose Luis Agreda; Animation Director: Benoit Féroumont; Charakterdesign: Daniel Fernández) Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft zweier gänzlich unterschiedlicher Typen, rückte Berger (es war sein erster Animationsfilm) wie die Comic-Zeichnerin Varon viele Gegenden und Stadtteile von New York ins Zentrum der bewegten Bilder.

Fast ohne Worte, aber mit viel Musik

Gesprochen wird fast nichts in diesen 103 Minuten, aber es gibt viel zu hören: Geräusche – ob von Werkzeugen oder vom Straßenlärm, von tanzenden Massen auf Rollschuhen – Menschen und Tieren. Und viel Musik. Neben dem eigens für den Film komponierten Soundtrack, baute der Musiker Alfonso de Vilallonga auch große alte Hits der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts ein – womit der Kreis zum Beginn dieser Filmbeschreibung geschlossen wäre 😉

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Bestes Kinder-Friedensfoto 2022 vonBarbara Chikviladze aus Georgien

Fotografiere dein Bild vom Frieden

Wie schaut für dich Frieden auf einem Foto aus? Bis 31. Mai 2024 kannst du – wenn du höchstens 14 Jahre jung bist – ein Bild, das du selbst fotografiert hast, für die nächste Runde des Global Peace Photo Award einsenden.

In den vergangenen Jahren – ab 2013, damals als Alfred Fried (1911 gemeinsam mit Tobias Asser Friedensnobelpreisträger) Photography Award gegründet, nahmen Kinder und Jugendliche aus mehr als 120 Ländern teil.

Bestes Kinder-Friedensfoto 2022 von Zoya Yeadon (Mauritius)
Bestes Kinder-Friedensfoto 2022 von Zoya Yeadon (Mauritius)

Das Kinderfriedensbild des Jahres wird mit der Alfred-Fried-Friedensmedaille und einem Geldpreis von 1.000 Euro belohnt (gestiftet von der Vienna Insurance Group) UND das Bild wird – vergrößert – ein Jahr lang im österreichischen Parlament ausgestellt.

Ehrenvorsitzende für das Kinderfriedensbild des Jahres ist übrigens die engagierte Menschenrechtsaktivistin Waris Dirie.

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Global Peace Photo Award

Bestes Kinder-Friedensfoto 2021 von Aadhyaa Aravind Shankar aus Indien
Bestes Kinder-Friedensfoto 2021 von Aadhyaa Aravind Shankar aus Indien
Aus dem Doku-Kinofilm „Botschafter des Erinnerns“ / Ambasador Pamięci

„Wir leben so lange, solange diejenigen leben, die sich an uns erinnern“

In dichten 100 Film-Minuten erzählt Stanisław Zalewski in Baracken der Gedenkstätten der ehemaligen Nazi-Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Mauthausen und Gusen ebenso wie in der wiederaufgebauten Altstadt von Warschau einen wichtigen Teil seines Lebens – jenen, in denen er als polnischer Hitler-Gegner insgesamt fast zwei Jahre eingesperrt war. Und einer der wenigen Überlebenden dreier KZ ist. Und sich vor allem in seiner Pension zum „Botschafter des Erinnerns“ / „Ambasador Pamięci“ geworden ist. So heißt der Film von Magdalena Żelasko (Regie/Drehbuch) und Michał Kozioł (Kamera/Drehbuch). Drei Jahre lang durften die beiden Stanisław Zalewski mit der Kamera begleiten – zu Gedenkfeiern in den genannten Mord-Orten der Faschisten ebenso wie ins Büro des Verbandes aller ehemaligen polnischen KZ-Häftlinge, wo der Protagonist in Mappen von Dokumenten und Fotos blättert, auch persönlichen zum Beispiel Klassenfotos aus seiner Kindheit.

Aus dem Doku-Kinofilm „Botschafter des Erinnerns“ / Ambasador Pamięci
Bild aus dem Film „Botschafter des Erinnerns“

Widerstandsparolen gemalt

Er schildert, wie er als angelernter Mitarbeiter in einer Autowerkstatt Militärfahrzeuge der Nazis so sabotierte, dass sie erst Hunderte Kilometer später an der Front den Geist aufgaben. Oder wie er im Warschauer Ghetto Widerstandslosungen auf Hausmauern schrieb. Und dabei erwischt wurde und dann ins KZ Auschwitz-Birkenau kam, von dort nach Mauthausen und ins Nebenlager Gusen kam, um als Mechaniker beim unterirdischen Bau des Kampfbombers Messerschmidt arbeiten zu müssen.

Nach der Befreiung der Konzentrationslager und der Welt vom Faschismus kam er in ein zerstörtes Warschau, machte seine Ausbildung fertig, studierte, wurde Ingenieur und Sachverständiger im Fahrzeugbau. Nachdem er – erst sehr spät – über die Vergangenheit reden konnte, begann er sich im genannten Verband zu engagieren und vor allem darum zu kämpfen, dass in Gusen, den Nebenlagern von Mauthausen, eine Gedenkstätte errichtet wurde.

Magdalena Żelasko (Regie und Drehbuch) mit dem zeitzeugen und Filmprotagonisten Stanisław Zalewski
Magdalena Żelasko (Regie und Drehbuch) mit dem Zeitzeugen und Filmprotagonisten Stanisław Zalewski

100 Stunden Film-Material

Żelasko und Michał Kozioł hatten am Ende rund 100 Stunden Filmmaterial, berichtete Erstere bei der Medien-Vorführung des Films am Montag – wo übrigens auch Stanisław Zalewski zum ersten Mal das fertige Produkt sah. Sie beide seien gar keine professionellen Filmemacher:innen, entschuldigte sich die Regisseurin, langjährige Leiterin des „LET’S CEE Filmfestivals“ (Zentral- und Osteuropa), für manche Ton- oder Bild-Schwächen. Sie hätte auch gar nicht glauben können, dass davor noch nie wer einen Film über den mittlerweile fast 99-Jährigen gemacht hätte. „Und so haben wir ihn gemacht, weil er gedreht werden musste.“ Mit derselben Intention wie Zalewski vor allem gern mit jungen Menschen spricht: Nicht nur über die Vergangenheit reden, sondern Schlüsse für die Gegenwart zu ziehen, damit sich so etwas niemals wiederholen dürfe.

Aus dem Doku-Kinofilm „Botschafter des Erinnerns“ / Ambasador Pamięci
Bild aus dem Film „Botschafter des Erinnerns“

Bewusst im O-Ton mit Untertiteln

Übrigens: Bewusst wurde und wird der Film nicht synchronisiert. So kann die auch immer trotz der Erzählungen hoffnungsvoll klingende polnische Originalstimme Stanisław Zalewskis gehört werden. Er kommt – wie schon in einem vorigen Bericht geschrieben – ab 1. September – dem Jahrestag des Beginns des 2. Weltkrieges in die Kinos der cineplexx-Kette (größter Kinobetreiber in Österreich). Da diese in mehreren Ländern, vor allem Südosteuropa, präsent ist, soll der Film auch Untertitel in all diesen Sprachen bekommen.

Magdalena Żelasko und Stanisław Zalewski im Kinosaal - im Hintergrund ein Bild aus dem Film sowie die Sponsor:innen
Magdalena Żelasko und Stanisław Zalewski im Kinosaal – im Hintergrund ein Bild aus dem Film sowie die Sponsor:innen

Botschaft

„Wir leben so lange, solange diejenigen leben, die sich an uns erinnern“, zitierte Stanisław Zalewski im Kino bei der Vorführung für Medien auch den Spruch aus dem Film, der auf der Fahne des Verbandes der ehemaligen Häftlinge der Konzentrationslagers Mauthausen/ Gusen steht. Und dies sei auch die Botschaft des ganzen Films.

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Aus dem Doku-Kinofilm „Botschafter des Erinnerns“ / Ambasador Pamięci - mit dem Hinweis auf die Voraufführung des Kinofilms am 7. Mai 2024 in Wien
Aus dem Doku-Kinofilm „Botschafter des Erinnerns“ / Ambasador Pamięci – mit dem Hinweis auf die Voraufführung des Kinofilms am 7. Mai 2024 in Wien
Stanisław Zalewski im Kino

„Es liegt an Ihnen und an mir, dass sich so etwas nie mehr wiederholt!“

Nach der Medien-Premiere des Films „Botschafter des Erinnerns“ / „Ambasador Pamięci“ im Village-Cinema Wien Mitte stellte sich der Protagonist Stanisław Zalewski auch gleich Fragen von Medien. Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… wollte folgendes wissen:

KiJuKU: Wann und wie haben Sie – nach Jahrzehnten des Schweigens über das Unvorstellbare – begonnen, darüber zu erzählen und vor allem mit Jugendlichen darüber zu reden?
Stanisław Zalewski: Darauf könnte ich auf zwei Arten antworten, die erste wäre eine lange, literarische; die zweite eine kurze, technische. Ich werde auf die zweite Art antworten: Wie Sie wissen bin ich gelernter Automechaniker und bevorzuge daher exakte Angaben.
Ich habe mich mit der Vermittlung meiner Vergangenheit zu beschäftigen begonnen nach einem Elternsprechtag meines Sohnes. Die Lehrerin hat die Frage gestellt, wie man Jugend zu erziehen hat. Deshalb habe ich begonnen von meinen Erlebnissen zu erzählen. Wie man Jugend zu erziehen hat hängt davon ab, je nachdem in welcher Situation man sich befindet – in einer Lage, in er man alles hat, alles im Überfluss da ist oder in einer Situation, in der es gerade so zum Existieren reicht. Ich habe kein Patentrezept für die Frage der Lehrerin, diese schreibt das Leben.
Aber jedenfalls geht es darum, dass der Mensch dem Menschen ein Mensch sein muss; kein Egoist, sondern für andere Gutes tun soll.

Stanisław Zalewski im Kino - im Hintergrund groß ein Bild von ihm aus dem Film
Stanisław Zalewski im Kino – im Hintergrund groß ein Bild von ihm aus dem Film

KiJuKU: Sie sagen im Film an zwei Stellen, dass Sie finden, die Menschen werden immer schlimmer und sie lernen nichts aus der Geschichte. Woher nehmen Sie die Kraft, die sie ausstrahlen, nicht aufzugeben und doch weiter als Botschafter des Erinnerns unterwegs zu sein?
Stanisław Zalewski: Was ist ein Mensch ohne Glauben? Und ich bitte hier, Glauben nicht mit Religion zu verwechseln. So wie es keine zwei Menschen unter den knapp mehr als acht Milliarden auf der Welt gibt, die den gleichen Fingerabdruck haben, wie es keine zwei gleichen Schneeflocken gibt, obwohl es schon ein paar Jährchen schneit, so gibt es auch keine zwei gleichen Charaktere.

Zu Beginn des Films: Einige der harten Fakten aus der Nazi-Zeit
Zu Beginn des Films: Einige der harten Fakten aus der Nazi-Zeit

Ich rede ja nicht nur über Konzentrationslager. So wie ich auch nur die Uhrzeit sage, wenn ich danach gefragt werde, so spreche ich mit Ihnen hier heute – wie bei anderen Gelegenheiten mit anderen -, darüber ja, damit sich das nicht mehr wiederholt. Und das liegt an Ihnen und an mir.

KiJuKU: dziękuję / danke.

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Szenenfoto aus "Mirabilia"

Eine ¾ Stunde voller Wowh-Momente

Wowh, wowh, wowh – Staunen. Immer und immer wieder in dieser ¾ Stunde. Das verschafft „Mirabilia“ vom Performing Arts Collective VRUM seit Sonntagnachmittag im Dschungel Wien, im MuseumsQuartier.

Da dieses verspielte Tanzstück mit Live-Musik optisch und klangliche angelehnt an das Zeitalter des Barock viel auch von Überraschungen lebt, gibt es hier eine krasse selbst auferlegte Beschränkung in der Berichterstattung – soll doch nicht allzu viel verraten werden, um künftigen Besucher:innen nicht diese Freude zu nehmen. Wobei der Spaß mehr umfasst als verblüffende Überraschungen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Mirabilia“

Viel zum Wundern…

Wie auch immer, das ist schon mal gespoilert: Der ganze Saal 2, der kleinere in dem Theaterhaus für junges Publikum, präsentiert sich voll verwandelt (Bühne und Licht: Felix Huber). In geschwungenen S-Linien aufgehängte Vorhänge in Weiß, hell und einem dünkleren Pink zaubern eine magische Landschaft – in Kombination mit dem pinken Teppich auf dem die Publikumsbänke und Pölster stehen bzw. liegen und dem weißen Tanzboden. Sowie anfangs einem weißen durchscheinenden Zelt in dem der Schatten einer Harfinistin zu sehen und schon zu hören ist.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Mirabilia“

Kontrollierter Flummi

Wie eine nach unten hängende Blüte öffnen sich fünf Teile dieses Zeltes. Mit ihrem Spiel lässt Zvezdana Novaković fast traumhafte Stimmung entstehen. Da. Nein dort. Doch wieder hier und dann da drüben – zwischen Vorhang-Spalten tauchen Hände auf. Verschwinden wieder. Dort ein Fuß. Da Haare. Irgendwann ertönt eine Querflöte hinter/ zwischen den Vorhängen (Nika Baumann). Plötzlich taucht eine Mensch gewordene Spieluhr-Figur auf, die später noch Cello spielt (Filip Sever). Ein wandelnder, rollender, tanzender großer Quastelball verzaubert vollends das Geschehen. Wie ein Flummi nur unter Kontrolle.

Hin und wieder – so viel darf jetzt schon verraten werden – lässt Geosmin Minjeong Yang nicht nur ihre Beine unten, sondern sogar Hände, Arme, ja hin und wieder sogar ihren Kopf oben aus diesem Ball (Kostüme: Ana Fucijaš) hervorschauen.

So, jetzt aber keine weiteren Details mehr – höchstens, dass der große Ball schon vorher ein kleineres Gegenstück und später noch ein – nur anders gefärbtes – Gegenstück erlebt.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Mirabilia“

Fließend, Improvisation, Drama…

Ausgedacht und choreografiert hat „Mirabilia“ Sanja Tropp Frühwald, künstlerische Leiterin des Kollektivs VRUM. Auf Barock sei sie aus mehreren Gründen gekommen, vertraut sie Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… nach der vielumjubelten Premiere an. Zum einen sei vieles von barocker Musik immer wieder fließend neu interpretiert und improvisiert worden. Die fließenden Bewegungen sind auch das verbindende von Bühne, Kostümen, Musik, Gesang, Tanz und Spiel in dieser Performance. Zum anderen hätte vieles aus dem Barock zur Überhöhung, Übertreibung, zum „Drama“ tendiert – das Bild nach außen, wie kommt etwas gut und toll zur Geltung sei etwas, das diese barockhafte sehr mit vielem aus der heutigen Zeit verbinde.

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Szenenfoto aus "Vatertag" im Theater Forum Schwechat

Lachsalven über Parodien auf Klischees und Schimpfwortkanonaden

Szenen-Applaus schon in den ersten Spielminuten – bei bemüht vorgetragenen Gedichten unter großen einem Lebkuchen nachempfundenen Herzen ebenso wie beim wie tiefe Hackeln fliegenden von Schimpfwörtern gespickten Streit zwischen Gäst:innen in einem Lokal bei der Premiere des neuesten Stücks, einer Eigenproduktion im Theater Forum Schwechat.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Vatertag“ im Theater Forum Schwechat

Aus dem „M“ im großen braunen Herzen im Bühnenhintergrund wurden der erste und der letzte Strich weg-gekletzelt, das „u“ erhielt einen roten Bogen oben und einen Strich daneben, weiters wurde ein „t“ abgekratzt – so wurde aus Mutter- ein Vatertag – vom Schriftbild her und bewusst gewollt, irgendwie zurecht gebastelt.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Vatertag“ im Theater Forum Schwechat

Im Vorjahr hatte dieses Theater (übrigens nur wenige Gehminuten von der S-Bahn-Station gleichen Namens, vorletzte Station vor dem Flughafen) anlässlich des 30. Geburtsages des zum Kult gewordenen Films diesen (wieder wie ursprünglich) auf die Bühne geholt. Wurde zum Renner. Praktisch jede Vorstellung ausverkauft. Und nicht wenige Fans, die offenbar den Film mehr als nur in Mal gesehen hatten, konnten so manche Dialoge auf der Bühne im Publikum mitsprechen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Vatertag“ im Theater Forum Schwechat

Schon damals hatte das Theater angekündigt: 30 Jahre Frauen-Klischees, die schon durch den Kakao gezogen wurden, seien genug: „Die Frauen schlagen zurück, nächstes Jahr spielen wir Vatertag“ – samt Premieren-Termin eine Woche vor dem Muttertag.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Vatertag“ im Theater Forum Schwechat

Fünf Spieler:innen – fast drei Dutzend Rollen

Mit einem großen, schmerzhaften Hindernis in der Arbeit daran. Der damalige Regisseur Andy Halwaxx starb völlig unerwartet im Dezember – eine Woche davor war er zur Vorbesprechung im Theater Forum. Und so musste das Theater und der Regisseur, der schon oft hier inszeniert hatte, Marius R. Schiener, einen Pakt mit dem Teufel eingehen, um „Vatertag“ zu stemmen – mit zum Teil ganz neuen Mitwirkenden.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Vatertag“ im Theater Forum Schwechat

Die vielen Figuren (35, wenn ich mich nicht verzählt habe) – von nur fünf Schauspieler:innen mit andauernden Rollenwechseln verkörpert – orientieren sich weitgehend am „Muttertag“-Personal. Alle Personen, die Valerie Bolzano, Randolf Destaller, Michelle Hadyn, Manuela Seidl und Bálint Walter (alphabetische Reihenfolge) meist zum Zerkugeln als Karikaturen von Prototyp:innen darstellen, unten in der Infobox. Sie alle in den Text einzubauen würde eher zur Verwirrung beitragen. Natürlich ist das doch in kurzer Zeit aus dem Boden gestampfte Stück nicht derart ausgereift wie der erst auf der Bühne, dann zum Film und schließlich wieder auf die Bühne gebrachte „Muttertag“.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Vatertag“ im Theater Forum Schwechat

Marktwert der Oma

Allerdings haben hier – wie versprochen als zurück schlagen – die Frauen das Kommando. Der Willi ist in dem Fall aber nicht der Hamster auf den sich der Opa gesetzt hat – mit den begleitenden Worten „I sog’s glei, i woar’s ned!“. Der Willi ist, viel mehr war hier der Opa, auf den sich ein Elefant bei der Safari in Afrika gesetzt hat. Und die Oma ist auf Mann-Suche. Dafür braucht sie Kohle, will sie sich doch Schönheits-Operationen unterziehen, um ihren Marktwert zu steigern. Wofür sie das Konto ihres Sohnes, des berühmten Edmund, dessen Ehrentag nun gefeiert werden soll, ebenso leerräumt, wie alles was nicht niet- und nagelfest ist verhökert.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Vatertag“ im Theater Forum Schwechat

Männlichkeit und „Sprechverbote“

Wobei – die Handlung ist – in Wahrheit wie bei Muttertag – zweitranging. Erstranging ist das Spiel mit Klischees. Hier werden einerseits Männerbilder aufs Korn genommen und andererseits vieles von dem, das „man ja nicht mehr sagen darf“. Letzteres immer wieder symbolisiert durch Verkleben der Münder mit schwarzem Gaffa (Gewebe-Klebeband, das insbesondere auf Bühnen oft zum Einsatz kommt, um Dingen Halt zu geben!) Letzteres wird dann gleich in doppeltem Sinn auf die Schaufel genommen, weil es ja doch stets lautstark hinausposaunt wird 😉

Und ersteres kulminiert in einem Männertreffen von Incels (INvoluntary CELibate – unfreiwillig zölibatär / sexuell enthaltsam). Wie „richtige“ Männer mit Frauen erniedrigend umgehen sollten … – und sich dabei – hier freiwillig – lächerlich machen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Vatertag“ im Theater Forum Schwechat

Bekannte Papa-Reime

Unter dem eingangs beschriebenen großen Herzen, das im Laufe der rund zwei stunden (eine ¼-stündige Pause) immer weiter runter rückt, haben die unterschiedlichsten Figuren Solo- bzw. Duett-Auftritte mit auf Vatertag adaptierten teils bekannten Gedichten und Liedern wie „Oh, mein Papa / hat mich fester geschlagen als Mama“, „Vater werden ist nicht schwer / Vater sein dagegen sehr…“, „Da Papa wird’s scho richt’n…“, „Mei Vota woar a Hausherr und a Seidnfabrikant…“

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Doppelseite aus dem Papp-Bilderbuch "Ein kleines Geheimnis"

Verrät dir das Eichhörnchen sein Geheimnis?

Das Eichhörnchen auf der Titelseite von „Ein kleines Geheimnis“ schaut dich an. Genau dich. Hält eine Pfote an seine Schnauze und flüstert dir in einer Sprechblase zu „Spiel mit mir und ich verrat es dir!“ Und ergänzt damit den Titel dieses Papp-Bilderbuchs für sehr junge Kinder – und solche, die auch später noch gern in fantasievolle Spiele versinken wollen.

Auf der zwieten Seite spielt es verstecken mit dir. Findest du es. Nur ein wunzigkleiner Teil schaut aus den blauen Büschen raus. Aber Vorsicht – so ziemlich alles das da rausschaut, leuchtet im selben Rotbraun.

Auf einer anderen Doppelseite wünscht es sich, dass du ihm eine Haselnuss zuwirfst. Und nein, dieses Bilderbuch hat keine Ausklapp-, Rauszieh-, Schiebe-Elemente. Ob Nuss zuwerfen, Seifenblase hin-blasen – oder wie es deutsch-deutsch heißt „pusten“ – all das machst du vor allem mit der Kraft deiner Gedanken, deiner Vorstellung. Natürlich kannst du auch wirklich blasen oder das Eichhörnchen auf einer anderen Seite streicheln, vielmehr natürlich „nur“ das Bild davon.

Ja, und dann steht da am Ende auf der letzten Doppelseite ein wirklich spannendes Geheimnis.
Und da du, wenn du noch sehr, sehr jung bist, nicht selber lesen können dürftest, wird dir wer dieses vorlesen – und dann gilt das was das Eichhörnchen verrät, (hoffentlich) auch für die Vorleserin /den Vorleser 😉

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Titelseite des Papp-Bilderbuchs
Titelseite des Papp-Bilderbuchs „Ein kleines Geheimnis“
Szenenfoto aus "Nachsagungen"

Dieses Stück gibt Opfern von Femiziden Stimmen

Umgrenzt von einem sehr stark hell leuchtenden Rahmen spielt sich das Geschehen in „Nachsagungen“ von Marlene Streeruwitz im Wiener Kosmos Theater auf der Bühne meist in düsterem Dunkel ab. Aus diesem Dunkel holt die Solo-Schauspielerin Gerti Drassl – fallweise mit Schattenfiguren hinter der riesigen Stoffwand von einem blutroten Streifen senkrecht in der Mitte optisch geteilt – fiktive, an Realitäten angelehnte, Schicksale ermordeter Frauen sehr nahegehend und berührend, nicht selten wütend machend ans Licht.

Mittlerweile hat sich auch in der öffentlichen Wahrnehmung und in den meisten Medien der Begriff Femizide statt verharmlosender Familientragödien oder Beziehungsdramen durchgesetzt. Getötet, weil Frau, weil nicht willenloses, untertäniges Besitztum des männlichen Täters.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Nachsagungen“

Opfern eine Geschichte geben

Und dennoch bleibt das Schicksal der Opfer noch immer viel zu oft im Dunkeln – bei der Berichterstattung über die Taten ebenso wie später über die Gerichtsverhandlungen. Dies durchbricht die auf den ersten Blick einfache, durch das Schauspiel aber auch die wechselnden Lichtstimmungen andererseits vielschichtige Inszenierung (Künstlerische Leitung: Laura Andreß, Stefan Schweigert; Bühne & Licht: Martin Siemann). Streeruwitz‘ knappe Sätze, die viel „Luft“ zum Sickern lassen, bringen Qualen und Leiden mehrerer einzelner Frauen – teils bis zur subtilen Unerträglichkeit – nahe. Auch in der Szene, in der Drassl in die Rolle eines pensionierten Polizisten in dritter Generation schlüpft, der aufgrund mehrere Einsätze bei „häuslicher Gewalt“ depressiv wurde.

Klare Sätze wie „niemand ist am eigenen Mord beteiligt“ fallen und die Wut, den Täter am liebsten auch abschlachten zu wollen. Hin und wieder lockern skurrile Details auf die „im Baumarkt gibt es ein Angebot für Grabpflegegeräte – kleine Schaufel und Rechen ineinandergesteckt“.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Nachsagungen“

Gewalt-Kette

Über eine Sozialarbeiterin – im Stücktext hat sie wie auch alle anderen noch einen Namen (Zarima Kos), auf der Bühne (leider meist) nicht – bringt „Nachsagungen“ die „Einzelfälle“ in den oben schon genannten Zusammenhang des Gesamtbildes Femizid. Und in einen größeren von Gewaltketten, auch mit Kriegen. Die Sozialarbeiterin ist selbst aus Sarajewo vor dem Krieg geflüchtet. „So ist Gewalt. Ewige Ketten. Ewige Erbschaften. Die Gewalt ist die Sprache, die da gewählt wird.…“ (Aus dem Stück)

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Nachsagungen“

Eine Überlebende

Und nein, diese strukturelle patriarchale Gewalt ist keine importierte – wie das so gut und gern von so manchen verbreitet zu werden versucht wird. Das kommt in der letzten Lebensgeschichte der „Überlebenden“ – im Stücktext Elisabeth König (77) explizit zum Ausdruck, wo Franz, der Täter die zusammengeschlagene Ehefrau, von der er ausging, dass sie schon tot ist, liegenlässt, um zu seiner Probe als Musiker im Konzerthaus zu eilen.

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PS: Auf Wunsch des Theaters wurden die im ursprünglichen Text eingebauten Zitate fast alle gestrichen.

Doppelseite aus dem Comic "Detektivbüro LasseMaja

Wer hat den Wanderpokal geklaut und wen heiratet der Ober-Fiesling

Plötzlich ist der Wanderpokal weg – nein, natürlich hat er keine Füße bekommen und ist davon gegangen. Jede und jeder weiß doch das „Wander“ bedeutet, dass der Pokal nur für ein Jahre /eine Saison beim Team bleibt, das en Bewerb gewonnen hat und danach ans nächste geht – oder nur dann bleibt, wenn das selbe Team – bzw. aus der selben Schule, dem selben Verein… – wieder gewinnt.

Aber nein, dieser Pokal, den die Kinder der Schule im schwedischen Valleby (einem ausgedachten Ort) beim Handballturnier im Vorjahr gegen die Kolleg:innen aus Solbacka gewonnen haben, ist von heute auf morgen weg. Maja und Lasse, die schon in fast drei Dutzend Büchern Fälle gelöst haben, machen sich natürlich auch dieses Mal auf die Suche. Wer könnte ein Motiv gehabt haben, die Trophäe zu stehlen? Und wo gibt es Hinweise. Und welche?

Die Lösung dieses Falles ist mehr als verblüffend. Es ist aber auch nur ein kurzer Fall – im entsprechenden Buch findet sich glich noch ein Detektiv-Rätsel rund um eine Theateraufführung im Museum der Heimatstadt der beiden Jung-Kriminalist:innen. Vielleicht möchtest du ja, bevor du zu Ende liest und schaust…
Die hier angesprochenen beiden Fälle sind in einem von 21 unterschiedlichen Comic-Büchern für Kinder und Jugendliche, die es am zweiten Samstag in diesem Mai (11. Mai 2024) gratis gibt – abzuholen bei Buchhandlungen, Comic-Shops oder Bibliotheken – Link zur Auswahlliste in der Info-Box am Ende des Beitrages.

Bildmontage aus Titelseiten von Kinder-Comic-Büchern für den Gratis Kids Comic Tag 2024
Bildmontage aus einigen der Titelseiten von Kinder-Comic-Büchern für den Gratis Kids Comic Tag 2024

Gratis Kids Comic Tag

Der Lesemonat April – vom 2. (Geburtstag des Märchendichters Hans Christian Andersen – 1805) bis zum 23. (Welttag des Buches – Todestag von Miguel Cervantes und William Shakespeare – 1616) – ist knapp vorbei, da wird ein neuer Buchtag (wieder) gefeiert: Am 11. Mai findet landesweit in Österreich, Deutschland und der Schweiz der erste Gratis Kids Comic Tag statt – mit rund 900 beteiligten Abgabestellen.

Einen ähnlichen – nicht speziell für Kinder – gab es schon ab 2010. Extra für diesen Tag wurden/ werden Hefte und Bücher hergestellt, die kostenlos in Buchhandlungen abgeholt werden können. Idee dahinter: Den stationären gegenüber dem Online-Handel zu stärken. „Dank“ der Pandemie wurde der für den zweiten Samstag im Mai vereinbarte Tag 2020 in den Herbst verschoben, fiel im Jahr darauf ganz aus und wurden von vielen Verlagen gemeinsam für heuer neu gestartet – diesmal mit Schwerpunkt Kinder. Zehn Verlage haben sich zusammengetan und 21 Kinder-Comic-Hefte ausgewählt, die am Samstag, den 11. Mai 2024 in Hunderten von Buchhandlungen, Comicshops und Bibliotheken gratis an junge Leser:innen verteilt werden.

Lehren für Fieslinge

Unter den vielen – auch sehr unterschiedlichen Comic-Geschichten wie „Arielle und die Rache der Meerhexen“, „Sam und die Geister“, „Der Prinz der Drachen“, „Gorm Grimm“, „Nordlicht“, „Idefix“, „Pokémon“, Mangas – fällt eines besonders auf: „Dao – Der Weg“.

Dessen junge schon vielfach ausgezeichnete Künstlerin nennt sich Cai mogu de Sima gonggong (das Pilze sammelnde Großväterchen Sima). Sie lehnt ihren Zeichenstil an die Tradition der chinesischen Tuschemalerei, schreibt in den Schriftzeichen des Mandarin-Chinesischen – und lässt in den Sprechblasen Platz für die jeweiligen Übersetzungen. Ihre Geschichten orientiert sie ebenfalls an alten chinesischen Sagen und Volksmärchen. In dieses Umfeld baut sie lehrreiche Episoden über Gerechtigkeit ein. So verpackt will sie ihre (nicht nur) jungen Leser:innen anregen, auch über heutige Ereignisse und Begebenheiten nachzudenken. So lautet der Untertitel  zu „Fünfter Streich“ für das kostenlose Buch am Gratis Kids Comic Tag „Ein Fiesling möchte Hochzeit machen / Am Ende gibt’s nicht viel zu lachen“.

Ein von sich selbst am meisten eingenommener herrschsüchtiger Typ in Tiergestalt, erlebt am Ende – bei der vermeintlichen arrangierten Hochzeit – eine bittere Überraschung…

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Homepage des deutschsprachigenGratis Comic Tag für Kids
Homepage des deutschsprachigenGratis Comic Tag für Kids
Szenenfoto aus "Der Weg zurück"

Achtung, Strahlung – Baby in Schublade gepackt

Dick in einer Jacke eingepackt, erinnert der erste-auftretende Schauspieler (Sebastian Thiers) an die Uralt-Werbung eines Autoreifenherstellers. Die hier braunen Wülste verleihen Stoßdämpfer-Atmosphäre. Solche will der Typ auch dem Bündel in seinen Händen angedeihen lassen, dem Baby. Unzählige Male versucht er der neugeborenen Tochter Dawn (Morgendämmerung) und vor allem sich selber einzureden „Du bist in Sicherheit“, um es in einer Schublade abzulegen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der Weg zurück“

Sein Monolog in dem er von der schweren Geburt, dem Tod Dawns Mutter dabei, zwischen einem verdorrten Baum und einem spiralförmigen Aufgang (Bühne, Kostüme: Sophie Baumgartner) auf ein Podest, ist naheliegenderweise zunächst noch von der eben erlebten Tragödie, der Sorge um das neue Leben gekennzeichnet. Doch dann kommen Ratschläge einer Freundin der verstorbenen Ehefrau, die er am laufenden Band zitiert. Am sichersten wäre es, alle „Strahlungen“ zu unterbinden. Also kein WLAN, keine elektronischen Medien, ja gar keine Elektrizität. Und ganz sicher nicht auf wissenschaftliche Erkenntnisse der Medizin vertrauen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der Weg zurück“

Regression

Das ist die Ausgangsbasis für Dennis Kellys „The Regression“. Der englische Originaltitel trifft den Kern des Stücks weit genauer als die deutsche Übersetzung (John Birke) „Der Weg zurück“. Letzteres könnte viel mehr und anderes sein als das, worum sich das bitterbös-satirische Stück (nicht ganz zwei Stunden) dreht: Rückschritte. Mit der zunehmenden Verunsicherung durch Häufung von Krisen verbreiten sich populistische „einfache“ Erklärungsmuster und Skepsis gegenüber allem und jedem. Impfung? Nein, du wirst ge-chippt.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der Weg zurück“

Spirale abwärts

Und so spielt sich im Stück – derzeit in einer Version im Wiener Theater Drachengasse zu erleben (Regie: Sandra Schüddekopf) – ein immer heftiger werdender Kreislauf, eine Spirale abwärts, vielmehr rückwärts ab. Neben dem schon Genannten spielen Alicia Peckelsen, Karoline-Anni Reingraber und Lukas David Schmidt die heftiger werdende Ablehnung von Wissenschaft, gründen aktionistische Gruppen, die vor Terror nicht zurückschrecken. Generation um Generation wird’s heftiger. Mit immer wieder witzigen Momenten, wo das Lachen fast gleichzeitig im Hals stecken bleibt. Und teils akrobatischen Auftritten aus ungewohnten Öffnungen der Bühnenwand.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der Weg zurück“

Auf Dauer nicht zu unterdrücken

Bis in – ein wenig geht die Übersicht verloren, es könnten Dawns Urenkel sei, in einer Art märchenhafter Sequenz ein Kind die Neugier und Wissbegierde wieder entdeckt.

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Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der Weg zurück“
Viele Gruppen bei der Arbeit an ihren Gemüse-Beeten

Kinder ackern in Schulgärten

Es war einer dieser überraschend kühlen Vormittage nach einigen überwarmen Apriltagen. Kinder der 3b sowie der Mehrstufenklasse der Ganztags-Volksschule Rzehkagasse in Wien-Simmering verlassen ihr – grün gestrichenes – Schulhaus und versammeln sich rund um ein mit bunt angemalten Holzbrettern abgegrenztes Rechteck im Garten. Dieser Garten gehört zwar zur benachbarten Mittelschule, die ein wenig an eine Burg erinnert, aber dieses Feld gehört den Volksschüler:innen.

Starthilfe von Fachleuten

In dem Rechteckt sind wiederum mit Schnüren abgesteckte kleinere Rechtecke – in zwei Reihen. Am Tag des Lokalaugenscheins von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… sind drei Fachleute von „Acker“ gekommen. Zunächst halten die beiden Expertinnen Gemüse in die Runde. Karotte, Erdapfel werden auf Anhieb erkannt. Bald danach auch ein Kohlrabi. Bei einem weiteren weiß-grünen Gewächs wird’s schwieriger. Auch der Hinweis, dass die meisten von ihnen als sehr junge Kinder Tee aus diesem Gemüse getrunken haben, hilft nicht viel weiter. Niemand hat zuvor Fenchel als Pflanze gesehen. Kennenlernen von Pflanzen ist aber nur die Einleitung.

Graben, buddeln, Pflanzen setzen

Denn – genau, richtig erraten bzw. der Titel, also die Überschrift für diesen Artikel hat es verraten: Alles dreht sich darum, dass die Kinder selber Gemüse anpflanzen. In kleinen Gruppen kümmern sich die Schüler:innen jeweils um eines der kleinen Felder. Dazu beginnen sie die Erde mit Schaufeln, Harken und Rechen zu lockern. Bei den einen werden kleine Löcher gebohrt, um schon in Erdwürfel gebettete Pflanzen in ihre neue Heimat einzusetzen. Zwiebelchen hingegen werden als solche in der Erde vergraben.

Ein kleiner Erdapfel - einen solchen erkennen alle
Erdäpfel…

Erdäpfel brauchen tiefer liegende Plätze. Bei diesen Beeten heben die Volksschüler:innen in der Mitte des jeweiligen Beetes einen relativ tiefen Graben aus, um die Kartoffelchen mit einigem Abstand voneinander einzusetzen und ein wenig mit Erde zuzudecken. Jene, die später Blattspinat in ihrem Beet ernten wollen, vermengen die entsprechenden Samen, die sie von den Fachleuten bekommen mit Sand und ein bisschen Wasser und leeren das Gemisch vorsichtig in Bodenrillen, die sie zuvor mit kleinen Schaufeln ausgehoben haben.

1500 Kinder „ackern“ in Österreich

Sie bzw. Klassenkolleg:innen schauen in den Wochen danach – diesmal ohne Begleitung durch die Fachleute der Initiative „Acker“ – auf die Felder, gießen wenn nötig und einige Wochen später können sie die ersten Gemüsesorten ernten.

Nachhaltig

Hier in dieser Schule findet die „GemüseAckerdemie“ schon das dritte Schuljahr statt. In ganz Österreich sind es zweieinhalb Dutzend Schulen und Kindergärten (31), die an diesem Projekt, das es auch in Deutschland und der Schweiz gibt, teilnehmen. 1500 Kinder und Jugendliche „ackern“ in Österreich (in den genannten drei Ländern in Summe 50.000 in 1200 Lernorten). Gestartet wurde dieses Biologie-, Natur- und Nachhaltigkeits-Bildungsprogramm vor elf Jahren (2013).

„Natürlich“ geht es nicht nur darum, dass vor allem Stadtkinder einen handfesten, spürbaren Zugang zu einem Teil ihrer Nahrungsmittelproduktion bekommen. Dadurch wird „nebenbei“ das Bewusstsein für Nachhaltigkeit geschärft.

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acker -> Oesterreich

VS Rzehakgasse

Szenenfoto aus "Habsburger-Trilogie, Teil 2: A Liebeslied’l"

Zwischen Spukschloss und Geisterbahn

Zwischen Spukschloss und Geisterbahn – so präsentiert sich das Grusel auslösen wollende Ambiente (Ausstattung und Kostüme: Lisa Zingerle, die gemeinsam mit Angelo Konzett auch die Bühne baute) beim zweiten Teil der Habsburg Trilogie des Wiener Schubert Theaters. Das jüngste meister:innenhafte Puppenspiel für Erwachsene erzählt die tragische Geschichte, die sich vor 135 Jahren im kaiserlichen Jagschloss Mayerling im Wienerwald (Gemeinde Alland, Bezirk Baden) abspielte.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Habsburger-Trilogie, Teil 2: A Liebeslied’l“

„Sie dürfen die Braut jetzt k…“, sagt Manuela Linshalm schauspielend ihrem kongenialen Puppenspielduo Markus-Peter Gössler (Kronprinz Rudolf) und Soffi Povo (Gräfin Mary Vetsera). Aus der Schatulle in den Händen der Vermählerin zieht ersterer jedoch ein Pistole, erschießt die Braut und gleich anschließend sich. Die Tragödie von Mayerling (1889).

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Habsburger-Trilogie, Teil 2: A Liebeslied’l“ – zweite Puppenspiel-Ebene in einem Guckkasten-„TV“-Geräte 😉

Und weil’s so skurril ist, glich noch einmal und noch einmal und … Die Zeremonie wird mehrmals hintereinander gespielt, immer hektischer und mit immer weniger Worten bis sie fast slapstickartig mit dem Tod der beiden Protagonist:innen endet.

Nein, keine Angst, das geht nicht die ganze Zeit so. Auch nicht, bis das Publikum es vielleicht schon satt haben könnte. Der richtige Moment, um auf die möglichen Szenen vor Mord und Selbstmord umzuschwenken wird gefunden.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Habsburger-Trilogie, Teil 2: A Liebeslied’l“

Die Tat selbst versuchte – in echt – das Kaiserhaus irgendwie zu vertuschen und andere Versionen zu verbreiten – die Gräfin Vetsera habe sich selber erschossen, erst hernach ihr Geliebter, der Kronprinz. Fast abenteuerlich in den folgenden Jahrzehnten wie oft und unter welchen Umständen ihre Leiche immer wieder umgebettet wurde und auf verschiedensten Friedhöfen landete.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Habsburger-Trilogie, Teil 2: A Liebeslied’l“

Mit so manchen Anleihen bei der Wirklichkeit – bis zu Rudolfs Chauffeur, dem Fiakerfahrer Bratfisch und den vielen Grab-Umbettungen der Gräfin – gelingt es dem Trio Soffi Povo (von der auch die Puppen stammen), Markus-Peter Gössler (auch Komposition und musikalische Leitung) und Manuela Linshalm die Tragödie immer wieder zu einer Farce mit viel Raum und Zeit für herzhafte Lacher zu machen (Regie: Simon Meusburger; Text: Stephan Lack). Nicht nur mit dem Wiederholungs-Gag zu Beginn.

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Doppelseite aus dem Bilderbuch "helle Sterne dunkle Nacht"

Hindernisse beim Sterngucken

Adjustiert wie eine Raumfahrerin, nur das Visier des Helms geöffnet und ein Fernrohr ans Auge gehalten – so steht Titelheldin Maya im Bilderbuch von „Helle Sterne, dunkle Nacht“ auf der ersten Doppelseite im Zentrum des Geschehens. Während unter ihrem Arm eine Rakete vorbeihuscht, schaukelt oben auf den Wolken ein Pirat:innen-Schiff.

Für Maya hat sich die Autorin Lisa-Viktoria Niederberger zwar alle möglichen Ängste ausgedacht, aber eine sicher nicht: die vor dunkler Nacht. Nein, das Mädchen liebt das Dunkel, denn da kann sie gut Sterne beobachten – das will sie auch zu ihrem späteren Job machen. Sternforscherin, oder Astronautin und der erste Mensch auf dem Mars – das wäre ihr Traum.

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „helle Sterne dunkle Nacht“

Aber erst einmal geht’s ums Beobachten von Sternen. Und da rückt die Autorin ein Problem ins Zentrum des Geschehens: Die „Lichtverschmutzung“. Zu viele künstliche Lichter erschweren das Sternderlschauen. Deswegen wandert Maya mit ihrer Nachbarin Rabea, einer Ärztin, eines Nachts an den Rand der Stadt, wo weniger beleuchtet wird. Dort können sie viel mehr Sterne beobachten.

Problem für so manche Tiere

Die „Lichtverschmutzung“ ist aber nur so nebenbei ein Hindernis für Mayas Hobby, viel mehr stört sie den Lebensbereich so mancher Tiere – ob das nun Fledermäuse oder Nachtfalter sind. Das bettet die Autorin in die Geschichte ein – und wo nötig, schiebt sie eigens gekennzeichnete Erklär-Texte ein. Unter anderem erfährst du, dass Sternschnuppen nichts anderes sind, als Stein- und Staubteilchen, die mit so großer Geschwindigkeit auf die Erde zurasen, dass sie beim Eintritt in die Erdatmosphäre zu glühen beginnen.

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „helle Sterne dunkle Nacht“

Den schon genannten Fledermäusen und ihrer Orientierung über den von Hindernissen zurückgeworfenen Schall, sozusagen das Echo, widmet sie gar eine Doppelseite. Letzteren, aber auch allen anderen Wesen – ob einem alten Baum oder Nachtfaltern zaubert Illustratorin Anna Horak Lächeln oder andere Gefühlsausdrücke in die Gesichter.

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Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „helle Sterne dunkle Nacht“
Start-Transparent: "Wien gegen Rechts"

Lautstark und mit Fackeln gegen Rechts

„Wien gegen Rechts“ – auf Transparenten an der Spitze des Demonstrationszuges, aber auch auf kleineren Plakaten dominierte als Losung den – traditionellen -Fackelzug der Sozialistischen Jugend Wien am Vorabend des 1. Mai, des Kampftages der arbeitenden Menschen. Am Beginn stand 1886 der Generalstreik der nordamerikanischen Arbeiter:innen-Bewegung für den 8-Stunden-Arbeitstag, wobei schon 30 Jahre zuvor in Australien ebenfalls an einem 1. Mai Massendemos für diese Forderung stattgefunden hatten.

Rot angestrahlt das Wiener Rathaus, manche Tourist:innen meinten es handle sich um ein Vampirburg-Ambiente
Rot angestrahlt das Wiener Rathaus, manche Tourist:innen meinten es handle sich um ein Vampirburg-Ambiente

Rotes Rathaus, für manche Touris „Vampirburg“

Von der Oper weg durch die Innenstadt zogen – nicht nur – Jugendliche mit brennenden Kerzen zum Wiener Rathausplatz. Das Rathaus dunkelrot angestrahlt. Manche Tourist:innen, die den politischen Hintergrund trotz großer Banner nicht erkannten, vermeinten sich vor einer Vampir-Burg zu finden – und schätzten diese Selfie-Schnappschüsse.

Arbeiter von Wien, Internationale, Bella Ciao

Mit dem Lied „Wir sind die Arbeiter von Wien“ bogen die Demonstrant:innen neben dem Burgtheater kurz auf die Ringstraße bevor der Zug den Rathausplatz erreichte. Antifaschistische Spruch-Chöre wechselten mit Gesang ab. Zu den Liedern gehörte „natürlich“ das Kampflied „Die Internationale“ und später auch „Bella Ciao“.

Bruchlinien

In einer kurze, knackigen, mitreißenden Rede wandte sich die SJ-Wien-Vorsitzende Rihab Toumi gegen den drohenden Rechtsruck und brachte die ihrer Meinung nach wahren Bruchlinien der Gesellschaft auf den Punkt: Nicht Ausländer gegen Inländer, sondern Oben gegen Unten, Reich gegen Arm laute die Auseinandersetzung.

Genauso viel Jubel wie für sie gab es für das anschließende Konzert mit der bekannten jungen Sängerin Eli Preiss.

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Szenenfoto aus "Ein Zniachtl" vom Klassenzimmertheater

„Ein Zniachtl“ überlebt und lässt seine Geschichte spielen

Ein Typ stürmt ins Klassenzimmer. Aufgeregt. Wie verfolgt. Außer Atem. In Halbsätzen bringt er gerade irgendwie raus, dass er bedrängt, bedroht, rassistisch beschimpft worden ist. Umstehende nur gelacht hätten.

Auf dem Stundenplan steht ein Besuch vom „Klassenzimmertheater“ und ein Stück über Holocaust. Damit ist klar, das ist schon Teil des Auftritts. Der Typ versucht sich zu beruhigen, geht raus, kommt nochmals rein, stellt sich als Mitarbeiter eines Meinungsforschungsinstituts vor, der kurze, leicht auszufüllende Fragebögen zu Demokratie verteilt. Immer noch aufgeregt von einem vorherigen Erlebnis. Er kommt auf seinen fiktiven 16-jährigen Bruder zu sprechen, der den berüchtigten Nazigruß gerufen hat. Und damit kommt ihm die Geschichte des heute 97-jährige Erich Finsches in den Sinn. Der als Zehnjähriger im Jahre 1938 („Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland) die erste Schlägerei mit zwei jungen Faschisten hatte.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Ein Zniachtl“ vom Klassenzimmertheater

Mit zehn Jahren eingesperrt

Der Schauspieler verwandelt sich mit einer leichten Körperdrehung und Änderung seiner Mimik in diesen damaligen Buben Erich. Wie er kurz vor dem großen Pogrom im November 1938, bei dem nicht nur Fensterscheiben von Synagogen (jüdische Bethäuser) und Geschäften massenhaft eingeschlagen, sondern Juden und Jüdinnen zu Hunderten ermordet wurden, von der Mutter auf die Suche nach dem Vater geschickt worden ist. Er hat ihn gefunden: Im Polizei-Arrest, in den er gleich selbst mit gesteckt wurde. Mehr als 200 Menschen auf engstem Raum, so dass sie nur stehen konnten. Es war das letzte Mal, dass er den Vater gesehen hat.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Ein Zniachtl“ vom Klassenzimmertheater

Flucht

Der Vater wurde deportiert – überlebte die Nazizeit nicht. Erich selber kam in ein Zwangsarbeitslager in Eisenerz, konnte abhauen. Vier Monate zu Fuß durch Wälder und immer versteckt, bis er kurz vor Wien erstmals bei einer Bäuerin kurzzeitig Unterschlupf und was zu essen fand. In der eigenen Wohnung fand er die Mutter nicht mehr – da lebten jetzt Nazis, die sich die Wohnung unter den Nagel gerissen hatten – „arisiert“. Die Mutter traf er in einem Massenquartier, wo Jüd:innen zusammengepfercht lebten, bis sie in Konzentrationslager verfrachtet wurden.

Heftiges, hautnahes Spiel

Wie Andrzej Jaslikowski diesen Zehn-, später 12- 14- und am Ende 16-Jährigen spielt – mit einfachsten Mitteln: keine Kulisse, keine Technik, pures Schauspiel – geht echt heftig nahe. Lässt immer wieder den Atem stocken. Nimmt mit. Mucksmäuschenstill ist es in der 3HHD der öffentlichen Höheren Tourismus-Schule Bergheidengasse (Wien-Hietzing). Hin und wieder steigt der Schauspieler kurz aus seiner Rolle aus, um die eine oder andere aktuelle Episode aus Erichs Leben in den historischen Kontext zu stellen.

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Szenenfoto aus „Ein Zniachtl“ vom Klassenzimmertheater

Neben der Unterdrückung und Verfolgung durch die Nazis sind ins Stück immer wieder kleine Momente eingebaut, in denen – auch unter diesen widrigen, diktatorischen Umständen Menschen geholfen haben: Neben der schon genannten Bäuerin stellt ihm unter anderem ein Beamter einen Ausweis ohne den Stempel J (für Jüdisch) und dem zwangsweisen zweiten Vornamen Israel aus, was ihm das Leben erleichterte.

Geschichte erzählt

Erich selbst konnte zunächst nach Ungarn flüchten, wo allerdings bald Gesinnungsleute der Nazis die Macht übernahmen, und so landete auch er später in einem KZ. Konnte wieder flüchten, landete bei Widerstandskämpfern – mit dem später berühmt gewordenen Josip Broz „Tito“ (1892 – 1980), der nach dem 2. Weltkrieg Präsident Jugoslawiens wurde.

Echtes Vorbild

Finsches, eine Wiener mit jüdisch-polnischen Wurzeln, erzählte seine Geschichte ausführlich nach der Befreiung 1945 öfter, unter anderem vor einigen Jahren den Leuten vom Klassenzimmertheater. Die bauten daraus ein Stück fürs Klassenzimmer – mit der Rahmenhandlung des „Meinungsforschers“ um unaufdringlich die Verbindung zu hier und heute herzustellen – und nannten es „Ein Zniachtl“. Dieses Wiener Dialektwort steht für wen Kleinen, Schwachen. So war der junge Erich. Mit einem unglaublichen Überlebenswillen ausgestattet, konnte er sich – immer wieder auch mit viel Glück – durchkämpfen und überleben.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Ein Zniachtl“ vom Klassenzimmertheater

Als Botschaften gab Erich Finsches den Theaterleuten mit auf den Weg, „dass er nie Menschen gehasst hat, sondern immer nur ihre Taten. Und dass er sich wünscht, dass auch „ein Schmäh“ herrscht und, trotz der Ernsthaftigkeit der Erzählung, nicht nur Bedrückung.“

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Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Ein Zniachtl“ vom Klassenzimmertheater
Zeitzeuge Erich Finsches und Schauspieler Andrzej Jaslikowski, der Stationen des wirklichen Lebens des Zeitzeugen in Klassenzimmern spielt

Mitreißend Gefühl gespielt – Wissen, um Wiederholung zu verhindern

Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… durfte eine Vorstellung des zeitzeugen-Stücks „Ein Zniachtl“ vom Klassenzimmertheater – Stückbesprechung am Ende dieses Beitrages verlinkt – in der 3HHD der HLT (Höheren Lehranstalt für Tourismus) Bergheidengassen (Wien) miterleben: Danach erklärten sich zwei Schülerinnen für Interviews bereit. Hier sind sie.

KiJuKU: Sie haben kurz angedeutet, dass Sie sich schon vor dem Stück und außerhalb des Unterrichts über Themen wie den Holocaust informieren, wie?
Ava: Ich hab schon sehr jung, in der Unterstufe darüber gelernt. Diese Fürchterlichkeit, das Grauen dahinter hat mich so gepackt, dass ich mich mehr damit auseinandergesetzt habe und alles darüber wissen wollte. Vor allem, wie es zum Holocaust kam und kommen konnte.

KiJuKU: Suchen Sie dann gezählt nach Büchern, Filmen, Dokus?
Ava: Ich nehm alles, was mir in die Hände fällt, aber ich gehe auch gezielt vor – ich liebe Besuche in Museen, zum Beispiel im Jüdischen Museum Wien. In Mauthausen (Gedenkstätte am Gelände des ehemaligen Nazi-Konzentrationslagers) waren wir auch mit der Klasse. Mir ist diese Gefühlsebene wichtig – nicht nur das Wissen, darum interessiere ich mich auch sehr für Zeitzeugen-Berichte.

KiJuKU: Wie war das dann jetzt gerade, dieses Stück so relativ hautnah zu erleben?
Ava: Ich fand’s genau richtig für diesen Zeitzeugen-Effekt; auch der Anfang mit dem Hineinstürmen und Schreien. Ich hoff, das packt auch Leute, die das normalerweise nicht so fühlen. Das Spüren – die Wut, die Trauer – das fand ich toll.

Die Schauspielleistung find ich besonders toll – so viel Energie, so viel Emotion und so viel körperlicher Einsatz!

KiJuKU: Beim gemeinsamen Nachgespräch haben Sie sich – auch überraschend für ihre Mitschüler:innen sozusagen geöffnet und gemeint, Sie haben fürchterliche Panik, dass sich so etwas wiederholen könnte?
Ava: Ich hab echt fürchterliche Angst, dass so etwas wieder passieren könnte und ich tu alles, damit das nicht der Fall sein wird. Man kann etwas tun. Das find ich wichtig zu sagen, weil man sich oft so hilflos fühlt. Man muss sich damit konfrontieren, je mehr Leute das tun, umso besser.

KiJuKU: Wenn Sie sagen, man kann was tun – wie?
Ava: Ich hab begonnen, mich politisch aktivistisch zu engagieren. Das ist sicher nicht für jede und jeden was. Aber viel darüber lesen, Museen besuchen, sich mit dem Thema auseinandersetzen und nicht nur oberflächlich oder das, was man in der Schule macht. Als Einsteigerbuch find ich gut von Viktor Frankl: „… trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Ein Zniachtl“ vom Klassenzimmertheater

Mitgerissen

KiJuKU: Nun zu Lilli, wie war das eben gesehene Stück für Sie und beschäftigen Sie sich auch über den Unterricht hinaus mit dem Thema Holocaust, Ausgrenzung, Hass?
Lilli: Ich fand’s sehr packend wie er am Anfang reingestürmt ist, so laut geschrien hat und alle Emotionen da waren. Ich war sofort drin, wobei ich mit am Anfang sehr erschreckt habe deswegen. Aber ich wurde dann mitgerissen von den Gefühlen, die er gezeigt hat.
In letzter Zeit beschäftige ich mich relativ viel mit dem Thema, weil wir erst vor ein paar Wochen mit unserer Religionslehrerin in Mauthausen waren. Das ganze Ausmaß des Schreckens war mir davor nie so bewusst. Zum Beispiel in diesem Raum mit all den Namen der dort Ermordeten und dieses systematische Umbringen war mir vorher nie so stark bewusst.

Die Theatervorstellung jetzt war echt sehr mitreißend, der Schauspieler hat das echt rübergebrachtKiJuKU: Wie ist für Sie die Frage Ohnmacht oder was tun können?
Lilli: Ich finde, man sollte immer Hoffnung haben und man sollte sich aber auch der Vergangenheit bewusst sein und sie nicht vergessen. Allerdings sollte man sich doch nicht zu sehr runterziehen lassen, sonst wird nach vorne blicken zu schwer.

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vielleicht-muessen-wir-gedenken-weil-zu-wenig-gedacht-wurde <- noch im Kinder-KURIER

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Aus dem Doku-Kinofilm „Botschafter des Erinnerns“ / Ambasador Pamięci

Botschafter des Erinnerns – Kinofilm mit Auschwitz-Überlebendem

„Um normal und kreativ zu leben, versuche ich an die Lagerereignisse nicht zu denken. Ich habe eine Methode dafür gefunden. Meine Erinnerungen habe ich in eine wasserdichte Kiste eingepackt, mit einer Schnur umwickelt und ins Wasser geworfen. Und ich ziehe sie gelegentlich hoch, aber nach der Benützung des Inhalts, werfe ich die Kiste wieder ins Wasser.“ Das sagt Stanisław Zalewski im Film „Botsachafter des Erinnerns“ (Polnisch: Ambasador Pamięci) den beiden Filmemacher:innen Magdalena Żelasko (Regie/Drehbuch) und Michał Kozioł (Kamera / Drehbuch).

Der Protagonist des dokumentarischen Films wurde vor 99 Jahren (1925) in Polen geboren, erlebte als 14-Jähriger den Einmarsch der Wehrmacht des faschistischen Deutschlands in Polen und den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. In den folgenden Jahren hatte er Kontakt zu Widerstandsgruppen. 1943 wurde er von der Gestapo verhaftet, wurde ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verfrachtet, von dort ins Konzentrationslager Mauthausen und schließlich ins KZ Gusen.

Aus dem Doku-Kinofilm „Botschafter des Erinnerns“ / Ambasador Pamięci
Aus dem Doku-Kinofilm „Botschafter des Erinnerns“ / Ambasador Pamięci

Noch immer aktiver Zeitzeuge

Der bald 99-jährige Stanisław Zalewski besucht nach wie vor als Aktivist und Zeitzeuge Schulen und Gedenkorte, um Jugendliche über die in Nazi-Konzentrationslagern begangenen Verbrechen aufzuklären und gegen jede Art von Diskriminierung aufzutreten. Und er setzt sich unermüdlich dafür ein, dass das ehemalige KZ-Gelände in Gusen zu einem würdigen Ort des Gedenkens wird.

Magdalena Żelasko (Regie und Drehbuch) mit dem zeitzeugen und Filmprotagonisten Stanisław Zalewski
Magdalena Żelasko (Regie und Drehbuch) mit dem zeitzeugen und Filmprotagonisten Stanisław Zalewski

Drei Jahre filmische Begleitung

Magdalena Żelasko, langjährige Leiterin des „LET’S CEE Filmfestivals“ (Zentral- und Osteuropa) produziert mit und um Zalewski herum diesen Dokumentarfilm. Diesesmal führte sie Regie und zeichnete mit Kameramann Michał Kozioł für das Drehbuch verantwortlich. Die beiden durften Stanisław Zalewski mehr als drei Jahre lang begleiten. Gefilmt wurde u.a. auf dem Gelände der ehemaligen Konzentrationsalger Auschwitz-Birkenau und Gusen sowie in Warschau und Wien. Aus mehr als 100 Stunden Aufnahmen entstand der genannte knapp 100-minütige Film entstanden unter dem Gedanken #NeverAgain.

Aus dem Doku-Kinofilm „Botschafter des Erinnerns“ / Ambasador Pamięci
Aus dem Doku-Kinofilm „Botschafter des Erinnerns“ / Ambasador Pamięci

Im Sommer regulär ins Kino, nun Voraufführung

Ab 1. September 2024, 85 Jahre nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, und ein Monat vor dem 99. Geburtstag Stanisław Zalewskis, kommt der Film in Kinos in ganz Österreich und in viele weitere Länder. Wie schon eingangs und im Untertitel erwähnt, ist der Film schon am 7. Mai in einer Voraufführung – in polnischer Originalsprache mit englischen Untertiteln zu sehen – mit einer anschließenden Frage-Antwortrunde mit dem Protagonisten und den Filmemacher:innen – Details siehe Info-Box am Ende des Beitrages.

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Aus dem Doku-Kinofilm „Botschafter des Erinnerns“ / Ambasador Pamięci - mit dem Hinweis auf die Voraufführung des Kinofilms am 7. Mai 2024 in Wien
Aus dem Doku-Kinofilm „Botschafter des Erinnerns“ / Ambasador Pamięci – mit dem Hinweis auf die Voraufführung des Kinofilms am 7. Mai 2024 in Wien
Szenenfoto aus "Parzival" vom Theater der Jugend im Theater im Zentrum: Elisa Seydel als Trevrizent, Jonas Graber als Parzival

Abgeschiedenes Aufwachsen hält ihn nicht ab, Ritter werden zu wollen

Die Helikopter-Mutter versucht den Sohn vor dem Schicksal seines Vaters, ihres Ehemanns zu bewahren: Ritter werden, in den Kampf ziehen, töten bzw. getötet werden. Doch es kommt wie’s kommen muss – das verlangt wohl eine dramatische Geschichte – irgendwie wohnt im Sohn so eine zunächst unbestimmte Sehnsucht. Dann sieht er eines Tages Ritter in dem Schutzwald, in dem er von der Mutter behütet, lebt und prompt will er genau so einer werden. Wird es dann letztlich auch, noch dazu ein ganz besonders toller Held. Da aber doch viel von seiner mütterlichen Auf- und Er-ziehung in ihm steckt, wird er kein grausamer, reihenweise mordender, sondern ein besonders gefühlvoller und letztlich der Gralskönig, auch wenn er auf dem Weg dahin schon recht ungestüm und gewaltig, dazwischen auch unsensibel (re-)agiert.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Parzival“ vom Theater der Jugend im Theater im Zentrum: Ensemble

Die Story

So ließe sich vielleicht kürzest der ur-lange mehr als 800 Jahre alte Parzival-Stoff zusammenfassen. Wolfram von Eschenbachs hatte die deutlich komplexere Handlung mit einem zweiten Hauptstrang rund um Artusritter Gawain zwischen 1200 und 1210 in fast 25.000 Verse gefasst. Und dabei schon teils starke Anleihen bei Chrétien de Troyes und seinem französischen Perceval le Gallois (1180 – 1190 entstanden) genommen.

Szenenfoto aus
Uwe Achilles als König Anfortas, Jonas Graber als Parzival, Sascia Ronzoni als Kundry

Fokussiert

Ausgehend von Eschenbachs Dauer-Bestseller durch die Jahrhunderte, der immer wieder in unterschiedlichster Form und Version aufgegriffen wurde, schrieb und inszenierte Michael Schachermaier fürs Theater der Jugend in Wien ein flottes, kurzweiliges (ca. 1¾ Stunden einschließlich einer Pause) fokussiertes Coming-of-Age-Stück mit einer kräftigen, aber organisch verwobenen Portion Suche nach den wahren Werten.

Szenenfoto aus
Sascia Ronzoni als Kundry

Digitale Bühnenbild-und Requisiten-Ergänzungen

Besonders beeindruckend sind die auf mehreren Ebenen hintereinander projizierten Videos und Animationen (Ausstattung und Video: Dominique Wiesbauer) mit denen die Schauspieler:innen inter-agieren. Ob digitale Vögel auf einen realen Arm fliegen, ein digitaler Kübel voller Wasser mit Schauspielhänden gegriffen und damit das projizierte Feuer eine Hütte gelöscht wird – alles greift perfekt ineinander.

Jonas Graber spielt ausschließlich den Parzival – vom anfänglich naiven, vermeintlich dummen Buben im Wald von Soltane über den aufbrausenden Möchtegern- und dann geläuterten Ritter der bis zum empathischen, bedächtigen für den heiligen Gral würdigen Mann reift.

Szenenfoto aus
Jonas Graber als Parzival, Frank Engelhardt als Herr Gurnemanz

Wandlungsfähig

Seine Kolleg:innen müssen/dürfen jede und jeder in jeweils drei bis vier Rollen schlüpfen – manchmal reicht ein Stück Stoff, das zur Kapuze wird, dann aber wieder ist – offenbar auch blitzschnell – eine ganz andere Frisur auf dem Kopf. Gestik, Mimik, Sprachfärbung sowieso.

Und so überzeugt Elisa Seydel sowohl als Parzivals Mutter Herzeloide, die das Kind beschützen will – damit aber auch jahrelang anlügt -, ebenso wie als König Artus, als Fischerin und als Einsiedler.

Ihre drei Kolleg:innen Uwe Achilles, Frank Engelhardt und Sascia Ronzoni tauchen zunächst als drei Ritter auf – die ersten, denen Parzival nach seiner Mutter zu Gesicht bekommt. Ronzoni wird bald danach als Herzogin Jeschute seine erste nähere Begegnung. Sie brilliert vor allem als Zauberin Kundry auf der Gralsburg – und mitunter neben den Publikusmreihen wie als eine aus einem Fantasy-Roman/Film entsprungene Figur fast von einer anderen Welt.

Szenenfoto aus
Jonas Graber als Parzival, Sascia Ronzoni als Herzogin Jeschute

Uwe Achilles verleiht dem Roten Ritter Ither einen charmanten fransösiiischeen Akzent und pendelt als Gralskönig Anfortas zwischen Leiden an seiner Kampfeswunde und Hoffen auf den schon als Vision gesehenen Erlöser Parzival – mit der großen Enttäuschung beim ersten – empathielosen – Aufeinandertreffen. Denn statt der sich aufdrängenden mitfühlenden Frage, will der künftige Held nur wissen, wann er endlich und wie Ritter werden könnte.

Fünfter im Bunde der Darsteller:innen ist Frank Engelhardt. Er switcht zwischen Jeschutes Ehemann Orilus, der erfolglos von der Jagd zurückkehrt und sich hintergangen fühlt, Gahmuret bevor der Vater von Parzival wurde und schließlich in die Figur des Gurnemanz, der nach dem Vater nun auch dem Sohn ritterliche Tugenden beibringen will.

Szenenfoto aus
Elisa Seydel als Herzeloide, Frank Engelhardt als Gahmuret

Lächerlich machen hilft nicht

Die witzigsten Kostüme sind sicher jene bald nach Beginn, mit denen die Mutter ihren Sohn fast faschingsmäßig kostümieren möchte, auf dass er hoffentlich draußen außerhalb des Waldes verlacht würde und zurückkäme. Passiert natürlich nicht, da ist schon Parzivals starker Wille das Abwehrschild. „Werde, der du bist“ – diesen Spruch, der über der Entwicklungsgeschichte (nicht nur) Parzivals steht, ist ihm sozusagen schon eingebrannt auf dem Weg der Suche nach sich selbst.

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Szenenfoto aus "Elektra (The Show must go on)"

Humorvoll gebrochene Blicke auf eine antike gewalttätige Familie

Abseits von Kriegen ist Familie der gefährlichste Ort der Welt. Diese für viele (tödliche) Alltagserfahrung spiegelt sich auf Bühnen seit Jahrtausenden wider. Klassischer Fall sind antike griechische Dramen. Mit einem solchen Familien-Mord-Drama tourt das Wiener Volkstheater bis Ende Mai durch die Bezirke, meist in Volkshochschul-Sälen: „Elektra“, der Zusatz „The Show must go on“ verrät schon, dass nicht die antike Tragödie einfach 1:1 nachgespielt wird; abgesehen davon, dass es da schon verschiedene Versionen – Sophokles, Aischylos, Euripides gab, ja sogar bei Homer kam die Hauptfigur damals noch unter dem Namen Laodike vor.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Elektra (The Show must go on)“

Die Story

Wie auch immer, zunächst die Grundgeschichte: Elektra, ihre Schwester Chrysothemis und ihr Bruder Orest beschließen, ihre Mutter umzubringen – aus Rache, weil die mit ihrem Liebhaber Ägisth den Vater der Geschwister, Agamemnon umgebracht hat. Und das wiederum dafür, dass dieser eine weitre Schwester der Kinder, Iphigenie den Göttern „geopfert“ hat, um Glück im Krieg zu haben. Ob er sie wirklich getötet hat oder den Göttern eine Hirschkuh unterjubelt hat, hängt von den antiken Versionen ab.

Wie auch immer, vor diesem Hintergrund startet das Geschehen auf der Wanderbühne – keine leichte Sache dank der unterschiedlich großen Bühnen und verschieden ausgestatteten Säle (Ausstattung: Jenny Theisen, Lichtkonzept und Musik: Max Windisch-Spoerk) mit dem Blick auf acht umgestürzte, fast wie riesige Mikado-Stäbe liegende Kunststoff-Nachgebilde griechischer Säulen. Also Zerstörung und Chaos gleich zu Beginn bevor noch die/der erste aufgetreten ist.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Elektra (The Show must go on)“

Mit einem Schuss Anklang an Clownerie

In knallgelben, ein wenig an Clown-Kostüme erinnernden Gewändern und lila Perücken, spielen Isabela Knöll (Elektra), Alina Schaller (Chrysothemis) und Til Schindler (Orest) aber nicht nur die mörderische Story selbst. Immer wieder treten sie aus ihren Rollen heraus, sprechen auch das Publikum an, zweifeln an dem, was sie spielen sollen. Und in den Rollen selbst, agieren sie als drei unterschiedliche Charaktere: Der Bruder versucht sich ganz rauszuhalten, haut für längere Zeit ab. Die titelgebende Figur drängt auf Durchziehen des Racheplans und ihre Schwester zweifelt, ob das letztlich was bringt, und nicht die Spirale der Gewalt nur fortgesetzt würde.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Elektra (The Show must go on)“

Was wohl – aus der Situation – zu vermuten, Jahrtausende zurückblickend sich bewahrheitet hat. Und dennoch lässt das Schauspiel-Trio das Publikum in das fast ausweglos erscheinende Dilemma eintauchen. Aber auch sich immer wieder erholen und gar nicht zu wenig lachen – über Situationskomik ebenso wie Wortwitz (Fassung und Regie: Felix Krakau nach wie es in der Ankündigung heißt ein bisschen Euripides, Sophokles und Hofmannsthal.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Elektra (The Show must go on)“

Heftige Brüche

Mitunter brechen sie humorvolle Szenen in null komma nix durch heftige Momente. Etwa, wenn die Schauspieler:innen von der Bühne in den Saal springen, Zuschauer:innen durch direktes Ansprechen fast schocken, zum Opfer auffordern – gut, klar, ist gespielt. Aber die Passagen, wo sie ihren Geschwisterstreit und vertrackte Lage ihrer problematischen Familie wegrücken von der antiken Ausgangs-Tragödie, hin auf allgemeinere leider zeitlose familiäre Gewaltspiralen, lässt schon mitunter heftig schlucken. Da kommt wohl das Heimito von Doderer zugeschriebene Zitat in den Sinn: „Wer sich in Familie begibt, kommt darin um“.

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Let's play Art

Viel Aus-taOsch zwischen Publikum und Theaterleuten

Das Jubiläumsfestival ist Geschichte, das zehnte Theaterfestival für junges Publikum, spleen*graz ging vor einigen Tagen zu Ende. Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… war vom Festival für drei Tage eingeladen – Links zu den Stückbesprechungen unten am Ende dieses Beitrages.

Ein Nachtrag hier noch – bevor ein Absatz mit Bilanz-Zahlen des Festivals folgt: Neben den Stücken, Performances und Vorstellung fürs (junge) Publikum, gab es auch wieder etliche Aktivitäten unter dem Übertitel spleen*trieb – Projekte der Next Generation. Und die waren durchwegs partizipativ, hoben die Grenze zwischen Kunst-Produzent:innen und -konsument:innen auf, luden ein zum gemeinsamen kreativen Tun.

Gemeinsam Kunst er-spielen

Ob es Nachbarschaftsgeschichten im „Erzähl-Café“ waren oder wie bei „Let’s play art“ ein verspieltes Miteinander bei dem Kunst entstand. Luftballone, Fragen-Kärtchen – von „Wie fühle ich mich?“ bis zu „Mag mein Einhorn lieber Popcorn oder Schokolade“ – sowie malen mit bunter Kreide auf dem Boden oder auf einem großen Papier auf Staffelei machen den Platz vor der Festivalzentral im und um das taO! – Theater am Ortweinplatz – zum Kreativ-Labor.

Im Foyer und den Nebenräumen des Theaters fand sich ein Tisch mit großteils angeklebten Gegenständen in einem Durcheinander, das an Arbeiten von Daniel Spoerri (1930 in Rumänien geboren, lebt in der Schweiz) erinnert.

Rund um das Stück „Body Boom Boom Brain“ über „fucking P*b*rt*t“ klebten Dutzende bunte Post-Its an der Foyer-Wand zu den Fragen „was will ich auf der Bühne sehen?“ bzw. „Was will ich auf der Bühne nicht sehen?“ ebenso wie zu Klischees rund um diese Jugend-Phase.

Der viele geplante – und dann auch stattgefundene – Austausch zwischen Künstler:innen und Besucher:innen – unterschiedlichen Alters lud die Organisator:innen auch zu einem Wortspiel ein, der vom Ort der Festivalzentrale ausging: TaOsch dich aus! – Spielbar, Denkbar, Hörbar…

Ideen und Gedanken zu Theater-Regeln
taOsch dich aus!

92 % Auslastung

Die Bilanz: 81 Einzelveranstaltungen von 34 Produktionen in 20 Sprachen an 7 Tagen in 8 Spielorten sowie im öffentlichen Raum. Insgesamt bespielten Künstler:innen und aktive Teilnehmer:innen aus 16 Ländern für und mit 4500 Besucher:innen im Alter von ein bis 103 Jahren. Das ergab eine Gesamtauslastung von 92% (!), wie die spleen*graz-organisator:innen feststellen konnten.

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Compliance-Hinweis: Das Festival spleen*graz hat Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … für drei Tage zur Berichterstattung nach Graz eingeladen.

Besprechung von Stücken, die beim 10. spleen*graz gezeigt werden, KiJuKU aber schon davor andernorts gesehen hat

Szenenfoto aus "Inspektor Soso"

Das Geheimnis um die ausgezogenen Schuhe

Schuhe ausziehen werden die Zuschauer:innen gebeten, bevor sie den kleineren Saal im Theaterhaus Dschungel Wien betreten. Der Tanzboden ist weiß. Ach deswegen. Aber doch nicht, denn das Publikum nimmt dennoch nur auf der Tribüne Platz. Naja, gegen Ende von „Inspektor Soso“ der Kompanie Freispiel, wird sich der Sinn der schuhlosen Stunde herausstellen, und zwar sehr überraschend, aber wie und was, das bleibt hier sicher ein Geheimnis. Wäre schade um die Verblüffung künftiger Besucher:innen – sowohl für dies als auch für den Schauspieler.

Verraten hingegen wird hier schon, wie’s ohnehin so auffällig gespielt wird, dass es in null komma nix alle im Publikum checken, dass der Typ, der zu Beginn mehrmals kurz auf die Bühne stürmt und lautstark einfordert, dass es endlich anfangen soll, genau der ist. Der, dann die Stunde unterhält. Erst als irgendein wilder Typ, der das an sich schon chaosartige Spielzimmer noch mehr durcheinander bringt – wie – auch das soll dich als mögliche Zuschauerin /möglichen Zuschauer überraschen.

Als wäre er aus einem Comic entstiegen

Wie auch immer, irgendwann, recht bald, verwandelt sich Kajetan Uranitsch (von dem auch das Konzept stammt) in den titelgebenden Inspektor Soso. Wie aus Zeichentrickfilmen oder einem Comic: Mit Schnauzbart, Kapperl, weitem Mantel, der hier nur nicht beige ist, dafür aber die typischen karierten Teile obendrein hat (Kostüme: Alba Jona Becker), irgendwann zieht er auch noch eine Pfeife aus einer Tasche. Hinter einer Zeitung verstecken– auch das, nur in dieser Performance der „Kompanie Freispiel“ doch recht ungewöhnlich wie Fotos hier zeigen (Ausstattung: Simon Schober).

Bei seiner Spurensuche nach dem Täter/der Täterin wendet sich der Detektiv namens Inspektor Soso hin und wieder im Zwiegespräch an das Publikum, verdächtigt aber auch die einen oder den anderen in den Tribünen-Reihen.

Frei spielen

Eine Stunde lang spielt sich der Performer richtig frei, schräg, mit unerwarteten Wendungen und Momenten haucht er unterschiedlichsten Gegenständen verrücktes Leben ein – und erinnert immer wieder an mögliche fantasievolle Spiele von Kindern in einem unaufgeräumten Zimmer, in dem sie aus dem Durcheinander Szenen und Geschichten spielen (können). Mit – wie schon angekündigt – einem überraschenden Ende.

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Szenenfoto aus "Der Ursprung der Welt"

Herr-schende Blicke auf das weibliche Geschlecht enthüllt und zerlegt

Zwei weiße Bahnen, die an Ober und Unterschenkel erinnern und sich in einem zweigeteilten beginnenden Oberkörper fortsetzen. Dazwischen ein schwarzes Dreieck – umgedreht wie oft üblich, also oben spitz zulaufend (Ausstattung: Flora Besenbäck, Ida Bekič). Und damit schon die erste Assoziation der sonst üblichen Darstellung des verborgenen weiblichen Geschlechts durchbrechend. Vor und auf dieser Bühne performen in der folgenden Stunde zwei Typen schauspielend, vor allem aber musizierend rund um den patriarchal-männlich geprägten Blick auf Vulva, Klitoris und Menstruation. Über selbstironische Szenen und Sager versuchen sie spielfreudig, lust- und kraftvoll – letzteres vor allem musikalisch – genau diese herr-schende Perspektive zu hinterfragen, zu zerlegen.

So ließe sich vielleicht kürzest zusammengefasst die tiefgreifende mit einem Schuss Leichtigkeit und Witz inszenierte Performance „Der Ursprung der Welt“ im Dschungel Wien zusammenfassen – ein Mix aus Theater und lautstarkem Konzert. Diese Aufführung baut auf der gleichnamigen Graphic Novel von Liv Strömquist auf, die 2014 im schwedischen Original, drei Jahre später auf Deutsch erschienen ist (übersetzt von Katharina Erben); Buchbesprechung unten verlinkt.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der Ursprung der Welt“

Keine reine Frauensache

Irritierend vielleicht aufs Erste noch, dass mit Simon Dietersdorfer und Martin Hemmer ausgerechnet zwei Männer auf der Bühne agieren; sie haben auch komponiert und waren Teil der Stückentwicklung. Doch die beiden sprechen auch das offen an. Das rein weibliche Kollektiv makemake produktionen, das diesen feministischen Comic zum Bühnenleben erweckte (Textfassung und Dramaturgie: Anita Buchart), entschied sich bewusst für diese Konstellation: „Wir finden, dass es alle angeht.“

In einer Szene reflektiert Dietersdorfer stellvertretend zudem auch Privilegien als Mann, noch dazu als weißer auch gegenüber anderen Männern.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der Ursprung der Welt“

Seltsame Botschaft ins Weltall

Und so spielen, klettern (Choreografie: Martina Rösler), singen und musizieren die beiden (Endregie: Aslı Kışlal) entlang des Buch-Aufbaus: Von Männern und den von ihnen dominierten Institutionen wie Kirchen, die einerseits Weibliches, vor allem deren Geschlechtsorgane verstecken oder etwa die Menstruation (Monatsblutung) als ekelig abtun wollen, sich aber andererseits intensiv der „Erforschung“ fast besessen widmen.

Überraschende, fast explosiv-absurde Details der Performance seien jetzt hier gar nicht verraten. Einer der Fun-Facts an Absurdität – auch aus dem Buch – ist jene goldbeschichteten Aluminium-Plaketten, die an Bord der Raumsonden Pioneer 10 und 11 vor mehr als 50 Jahren ins Weltall geschickt worden sind. Als Information und Botschaft an mögliches außerirdisches, intelligentes Leben sind u.a. stilisiert ein Mann und eine Frau abgebildet – beide nackt, er mit Penis und Hodensack, sie ohne Geschlechtsteile, sogar der im Entwurf vorhandene Strich, der eine Vulva symbolisieren sollte, wurde entfernt.

Was die beiden szenisch als „Außerirdische“ umsetzen und sich darüber wundern und deswegen die „Botschaft“ ignorieren.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der Ursprung der Welt“

Rückschritte

Apropos in andere Rollen schlüpfen: Gegen Ende werden die beiden Performer zu Archäologen der Zukunft und wundern sich auch da auf unsere Gegenwart rückblickend über veraltet Ansichten. Wobei veraltet? Vor allem das Buch enthält seitenweise Informationen in Text und vor allem Abbildungen, dass viel ältere Kulturen, die viel stärker mit der Natur verbunden waren, dieses verschämte und damit Scham erzeugende Verschweigen und Verdecken von Vulva oder Menstruation nicht hatten. Jahrtausende alte Darstellungen als Zeichnungen an Wänden oder in Form dreidimensionaler Skulpturen fanden sich in Kultstätten, zeigen also sogar Heiligkeit an. Übrigens dürfte das Wort Tabu vom polynesischen tupua abstammen, was heilig bedeutet und auch für Menstruation steht – zumindest laut Strömquists Buch.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der Ursprung der Welt“

Was wenn…

Was wäre, wenn Männer monatlich bluten würden? Dann, so spielen Dietersdorfer und Hemmer, dann wäre das eine bedeutende Zeit, die Typen wären Helden und so weiter 😉 Eine einfache gedankliche Umdrehung kann vieles bewusst machen: Was, wenn nicht der Mann zum Maß der Dinge genommen würde, es also nicht hieße: Er hat einen Penis, sie keinen, sondern sie hat eine Vulva, er keine?

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der Ursprung der Welt“

Nur zwei Geschlechter?

Wie auch schon das Buch, so stellt auch die Performance darüber hinausgehend die Binarität nur zweier Geschlechter in Frage. Immerhin kommen ein bis zwei Prozent der Babys ohne die eindeutigen Geschlechtsmerkmale auf die Welt, und das sind immerhin gut 100 Millionen Menschen! Und so spielt neben dem schwarzen Dreieck und einem großen Bleistift auch ein drittes eher undefiniertes unregelmäßiges Objekt rund um eine Kugellampe, die immer wieder als Mond auftaucht eine sehr präsente optische Rolle auf der Bühne!

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Doppelseite aus der Graphic Novel "Der Ursprung der Welt"

Männliche Perspektive auf Weiblichkeit enthüllt

„In Schweden beispielsweise wurde Menstruationsblut von der vorindustriellen Landbevölkerung zur Behandlung unterschiedlicher Beschwerden und Haustierkrankheiten genutzt. Man verwendete es zudem als Liebestrank!“

Dieses Zitat stammt aus dem feministischen Comic „Der Ursprung der Welt“. Liv Strömquist beschäftigt sich darin nicht mit dem Urknall, der Entstehung des Universums und Milliarden Jahre später des ersten einzelligen Lebens auf der Erde, sondern mit der eines wichtigen Teils menschlichen Lebens.

Doppelseite aus der Graphic Novel
Doppelseite aus der Graphic Novel „Der Ursprung der Welt“ – mit Zitat der Darstellung aus der allerältesten Kultustätte, Göbekli Teoe in der Türkei, die rund 12.000 Jahre alt ist

Fehl-Information ans Universum

Informativ, kritisch, immer wieder auch süffisant humorvoll, ironisch nimmt die Autorin und Illustratorin in Personalunion – wie das bei Comics oder Graphic Novels fast in der Natur der Sache liegt – die Sichtweise auf das weibliche Geschlecht, vielmehr deren Geschlechtsorgane aufs Korn. Der männlich dominierte Blick drängten Vulva, Klitoris, Vagina oder auch die Menstruation ins Schmuddel-Eck, deckten sie zu, verbargen/verbergen sie. „Highlight“: Die vor einem halben Jahrhundert von der US-amerikanischen Weltraumbehörde NASA mit den

Raumsonden Pioneer 10 und 11 ins All geschickten Informationen an mögliche Außerirdische zeigen unter anderem à la Adam und Eva – nackt – einen Mann und eine Frau; er mit Penis und Hodensack, sie ohne Geschlechtsteile, sogar der im Entwurf vorhandene Strich, der eine Vulva symbolisieren sollte, wurde entfernt.

Doppelseite aus der Graphic Novel
Doppelseite aus der Graphic Novel „Der Ursprung der Welt“

Heilige Blutung

Demgegenüber haben mit der Natur verbundene Kulturen schon vor Jahrtausenden in kultischen und künstlerischen Darstellungen Frauen nicht derart zensuriert. Der patriarchale, herr-schende Blick treibt natürliches an Frauen ins Eck von Scham und – insbesondere bei Menstruation – Ekel.

Übrigens dürfte das Wort Tabu vom polynesischen tupua abstammen, was heilig bedeutet und auch für Menstruation steht – zumindest laut Strömquists Buch.

Diese Sichtweise entblößt die schwedische Künstlerin (Übersetzung ins Deutsche: Katharina Erben). Das Buch ist im Original schon vor zehn, in der Übersetzung auch schon vor sieben Jahren erschienen; aber jetzt (April 2024) ist das Buch Basis für eine mitreißende Theater-Musik-Performance im Dschungel Wien – siehe Link unten.

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Titelseite der Graphic Novel
Titelseite der Graphic Novel „Der Ursprung der Welt“
Finalist:innen des zweiten Redeblocks am zweiten Tag im Wiener ORF-Zentrum - mit Juryvorsitzendem, ORF-Wien-Vertreterin, Moderatorin und einem Sponsor-Vertreter

Was wäre ein Regenbogen mit nur einer Farbe?

So junge und schon so tough – der erste und Gesamteindruck der Rede des erst 13-jährigen Vincent Pellegrini am zweiten Wiener Finaltag des 15. Durchgangs von „SAG’S MULTI!“, dem mehrsprachigen Redebewerb. Auf Französisch und Deutsch versprühte der Schüler aus dem Lycée Français zu Beginn des zweiten Rede-Blocks, dem Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… beiwohnte, im Hugo-Portisch-Atrium des ORF-Zentrums auf dem Küniglberg Energie, Freude, Lust am Sprechen und an Sprachen. Nicht nur den beiden, die er verwendete – Französisch und Deutsch (letztere müssen alle Teilnehmer:innen verwenden).

Vielfalt ist unsere Tradition

Er selbst spricht auch noch Englisch, da in den USA geboren, sowie Spanisch, die Sprache eines seiner Urgroßväter. Latein und Altgriechisch zählt er auch zu seinem Repertoire, „aber erst, wenn ich dann noch Italienisch gelernt habe, werde ich ich selbst sein.“ Er fühle sich als Sag’s Multi und liebe Wien gerade, weil es so ein Mosaik aus vielen Sprachen und Kulturen ist. In seiner mitreißenden Rede interpretierte er die biblische Geschichte vom Turmbau zu Babel um: Nicht Zwietracht hätte Gott mit der „babylonischen Sprachverwirrung“ unter die Menschen bringen wollen, sondern er wollte sie dazu bewegen, sich in ihrer Vielfalt verständigen zu lernen.

„Unsere neue Tradition wird es sein, multikulturell zu sein, indem wir mehrsprachig sind – ich spreche, wir sprechen, also sind wir!“

„Mitbestimmen, mitgestalten – Meine Stimme, mein Tun“…

… lautet das Thema des Bewerbs in diesem Schuljahr. 373 Schüler:innen – von der siebenten bis zur zwölften bzw. 13. (BHS) Schulstufe – hatten ihre Videos dazu eingesandt. Rund 100 Juror:innen – all der verwendeten Sprachen – sahen sich in Summe rund 40 Stunden der digitalen Reden an. Die besten 165 durften neue Reden im Finale und das live und analog (gleichzeitig digital gestreamt) halten. Seit der ORF Träger des Bewerbs ist (2020) und nach der Pandemie fanden/finden die Finalrunden jeweils in Landesstudios des öffentlich rechtlichen Rundfunks statt, in Innsbruck waren heuer erstmals auch Teilnehmer:innen aus dem benachbarten Italien, aus Südtirol mit dabei. Kassandra Steiner, Social-Media-Redakteurin im ORF Wien, moderierte die drei Finaltage auf dem Küniglberg, zitierte vor jeder Rednerin, vor jedem Redner Sätze aus deren Beiträgen in der Hauptrunde und führte danach kurze Live-interviews.

Wien – Prag – Paris

Ebenfalls von der französischen Schule in Wien kommt der 15-jährige Tobias Gross, liebe Deutsch und Französisch, Wien und Paris, die Donau und die Sein, aber genauso Prag und die Moldau – erzählte er blumig in seiner Deutsch-Tschechischen Rede. Sprachen sind Brücken für das Zusammenleben. Und mit jeder Sprache komme man der jeweiligen Kultur viel näher als beim Lesen von in die eigene Sprache übersetzten Texten. Ähnlich wie sein Vorredner beendete er seinen Beitrag mit einem aus Star Wars entliehenen Spruch: „Möge die Kraft und Macht der Sprachen mit Ihnen sein!“

Mitschüler:innen vertrieben seine Ängste

Bevor er mit acht Jahren das erste Mal in Wien in eine Volksschulklasse kam, habe er große Ängste gehabt, so gestand Alwaled Alkoud auf Arabisch und Deutsch. Doch binnen kürzester Zeit seien die völlig verflogen: Die Sitznachbarin habe etliches für ihn auf Arabisch übersetzt, seine Lehrerin – vom Balkan – und sein bester Freund, ein dunkelhäutiger Klassenkamerad, sowie andere Kinder mit weiteren Sprachen haben ihm die Integration leicht gemacht. Dies sei einer der großen Vorteile von Vielfalt, schlussfolgert der Schüler des Gymnasiums auf dem Bertha-von-Suttner Schulschiff in Wien-Floridsdorf (21. Bezirk).

Was er aber nicht verstehe, „dass so viele Kinder und Jugendlichen checken, dass Vielfalt schön und bereichernd ist, es aber Erwachsene gibt, die das noch immer nicht verstehen. Ein Regenbogen mit nur einer Farbe wäre doch auch nicht schön!“

Gefahr, in schlechten Nachrichten zu ertrinken

Die 17-jährige Theresia Čarnogurský aus dem Wiedner Gymnasium/ Sir Karl Popper Schule widmete sich in ihrer Rede (Slowakisch) der Flut von Nachrichten nicht zuletzt dank Internet und Social Media. Einerseits fände sie es sozusagen super, dass du ständig Informationen aus aller Welt verfügbar hast, andererseits können – insbesondere Nachrichten und Bilder über Kriege und Katastrophen dazu führen, dass diese wie eine Last auf eine/einen drücke. Sie sei sogar einmal fast in der Fülle solcher geistig und psychisch ertrunken. Da brauche es Pausen – und Konzentration auf angenehme, positive Meldungen und Gespräche im eigenen Umfeld. Damit wolle sie aber keineswegs für ein „Abschalten“ plädieren. Es sei sehr wichtig zu wissen, was in der Welt los ist.

Künftigen Generationen nicht die Zukunft stehlen

Florian Nehlich (16), auch aus dem Wiedner Gymnasium /Sir Karl Popper Schule, versuchte die Zuhörer:innen zu Beginn sich auf Perspektivenwechsel einzulassen. Wer im Raum sei die/der Wertvollste? Das käme wohl auf die Sichtweise an. Könnten Juror:innen sein, seine Mutter, genauso wie alle der jungen Redner:innen…

Den Hauptteil seiner Rede– auf Englisch und Deutsch –  widmete er kritischen Blicken auf eines der größten aktuellen Probleme, den Ressourcenverbrauch ohne oder jedenfalls mit zu wenig Rücksicht auf kommende Generationen.

Gegen Wissenschafts-Skepsis

Silvia Petrová (17) aus der Schule wie ihre beiden Vorredner:innen nahm die in Österreich weit verbreitete Skepsis gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen aufs Korn – auf Bulgarisch und natürlich Deutsch. Als Beispiel führte sie Gentechnik an und sprach sich für – natürlich gut kontrollierten – Einsatz derselben an. Ohne diese hätte es beispielsweise bei Corona nicht innerhalb so kurzer Zeit den wirksamen Impfstoff gegeben.

Alwaled Alkoud aus dem Bertha-von-Suttner-Schulschiff sprach Arabisch und Deutsch
Alwaled Alkoud der schon viel hinter sich hat…

Weite „Reise“

Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… sprach in der Pause nach dem Block dieser sechs Redner:innen kurz mit Alwaled Alkoud. Er erzählte: Ich bin in Abu Dhabi geboren und die ersten fünf Jahre aufgewachsen, dann kam ich mit meinen Eltern nach Syrien, wo wir schon nach einem Jahr wegmussten. Aber auch in der Türkei bin ich in eine arabische Schule gegangen, daher hatte ich dann in Österreich wie ich in meiner Rede berichtet habe, zuerst Angst vor der neuen Klasse. Ich dachte, ich wäre der einzige mit Arabisch oder überhaupt einer anderen Sprache als Deutsch. Die Vielfalt in der Klasse und die vielen Sprachen der Kinder haben mir sehr, sehr geholfen.“

Europäische Union

Neben ihm saß Julia Gapik (16), ebenfalls vom Bertha-von-Suttner Schulschiff. Und da sie schon im vorangegangenen Block dran war, fragte KiJuKu sie nach ihrem Thema und ihrer Rede. „Ich hab über Europa – die Zukunft braucht uns alle geredet (auf Polnisch und selbstverständlich Deutsch). Wir alle, egal wo wer herkommt, welche Hautfarbe oder Religion er oder sie hat – alle sind gefordert, an diesem gemeinsamen Europa zu arbeiten. Und es wird auch alle brauchen.“ Sie selbst habe sich durch einzelne herausragende junge Menschen zu ihrer Rede inspirieren lassen. Im Stream zum Nachhören beschreibt sie etwa Halin, die aus Indien kommt, auch Japanisch und Russisch kann, einen Buchklub auf die Beine gestellt hat, in einem Debattierklub ist, Psychotherapeutin werden will – und neben der Handelsschule samstags gearbeitet hat. Warum sollte so ein Mensch nicht an der Gestaltung Europas mitwirken? Und sie verweis auf das Motto der EU „In Vielfalt vereint!“

Gala im Wiener Rathaus am 17. Juni

Seit Anfang April hat es bereits sechs Sag’s Multi Veranstaltungstage in Graz, St. Pölten, Innsbruck, Linz und Eisenstadt gegeben. Am Freitag (26. April) findet – wieder im ORF-Zentrum auf dem Wiener Küniglberg der letzte Finaltag des diesjährigen Bewerbs statt. Und wie Jury-Vorsitzender und „SAG’S-MULTI!“-Erfinder Peter Wesely immer betont, „alle Finalist:innen haben schon gewonnen“, aber darüber hinaus kürt die Jury auch noch die Besten der Besten zu Preisträgerinnen und Preisträgern. Und diese werden bei der feierlichen Gala im großen Festsaal des Wiener Rathauses, zu der alle Finalist:innen eingeladen sind, geehrt – und auch erst dort bekanntgegeben. Diese steigt am 17. Juni 2024.

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Links zu den Streams der (meisten) bisherigen Finaltage des aktuelen, 15. Mehrsprachigen Redebewerbs „SAG’S Multi!“

tvthek.orf.at -> Wien, 25. April 2024

tvthek.orf.at -> Wien, 24. April 2024

tvthek.orf.at -> Burgenland

tvthek.orf.at -> Niederösterreich

tvthek.orf.at -> Oberoesterreich

tvthek.orf.at -> Steiermark, Teil 1

tvthek.orf.at -> Steiermark, Teil 2

tvthek.orf.at -> Tirol

sagsmulti.ORF.at

Szenenfoto aus "Der bleiche Baron"

Mit widerständigem Witz gegen Allein-Herrschaft

Ambiente und Beginn fast wie ein Märchen – An den Seitenwänden neben dem Publikum im Theater am Lend beim Festival spleen*graz hängen hellblau-weiße Fahnen mit einem Einhorn-Kopf in der Mitte. Flaggen eines Fantasielandes. Die beiden Musiker:innen und Schauspieler:innen Anna Vercamme und Joeri Cnapelinckx von der belgischen Gruppe Kopergietery kommen mit der Faust auf der Stirn, ebenfalls das Fabelwesen symbolisierend.

Doch das „Märchenland“ erweist sich rasch als Dystopie. Alles ist dem unumschränkten, diktatorischen Leiter untergeordnet. Widerspruch mag der ebenso wenig wie Künstler:innen, spezielle Dichter:innen. Die schaffen es, Kritik zwischen den Zeilen zu verstecken und deswegen hat er sie längst alle ausweisen lassen. Keine leichte Ausgangsbedingung für Felka und Felix, wie die von den beiden verkörperten Figuren im Stück „Der bleiche Baron“ heißen. Und als solche bilden sie die „Felka und Felix kleine Widerstand Sing along bing bong“.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der bleiche Baron“

Sich nützlich zeigen

Zur Tarnung wollen sie was Nützliches für den Leiter machen und laden das Publikum ein, Huldigungslieder für diesen Herrscher einzustudieren – unter anderem dafür, dass er den (größten) Sprechstab habe. Sie verstünden ja, wenn wer dabei nicht mitmachen wolle, aber „da müssen wir jetzt durch“. Selbst das vermitteln die beiden mit einem Augenzwinkern, mit (Selbst-)Ironie – und lassen dabei doch an- und durchklingen, was sich rundum in der Welt abspielt und anbahnt.

Ins All schießen

Felka greift immer wieder absichtlich zu falschen Artikeln für Substantiva, wird von Felix stets verbessert und erklärt, dass sie sich ständig rechtfertigen müsse, „nicht von hier“ zu sein. Sie sei von nirgends und überall aber jetzt eben einmal da. Und trotz der drohenden Gefahr an Leiters Geburtstag, wo er 1000 neue Sterne in den Himmel schießen will. Und Unliebsame Menschen gleich mit dazu – Regime-Gegner:innen oder Fremde. Ihr Kompagnon Felix drängt auf Zusammenpacken und Abhauen ehe es zu spät ist. Sie hat es satt. So oft musste sie schon flüchten. Jetzt ist es genug, aber er könne ruhig gehen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der bleiche Baron“

Multi-Instrumentalist:innen

Wie die Geschichte selber weitergeht? Nein, gespoilert wird nicht. Verraten hingegen sei schon, dass Anna Vercammen (Felka) Saxophon, Trompete und Klavier und ihr Kollege Joeri Cnapelinckx (Felix) Klavier, Schlagzeug und E-Gitarre spielt.

Humor will Härte erträglich machen

Wirkt die vom Leiter erwünschte und verlangte Huldigung noch lächerlich, so wird es nach und nach ernst und ernster – in der Sache, im musikalischen und Schau-Spiel der beiden bleibt es humorvoll, wenngleich mitunter sarkastisch – mit Anmutungen von subversiver, kritischer Satire im Untergrund. Getragen von einer gewissen Leichtigkeit, die offenbar die Schwere der Bedrohung erträglich machen will/soll. Zumindest für Zuschauer:innen, die nicht akut in einer ähnlichen Lage sind oder Verwandte und Freund:innen in einer solchen haben.

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Compliance-Hinweis: Das Festival spleen*graz hat Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … für drei Tage zur Berichterstattung nach Graz eingeladen.

Besprechung von Stücken, die beim 10. spleen*graz gezeigt werden, KiJuKU aber schon davor andernorts gesehen hat

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der bleiche Baron“
Faszinierende Bilder aus dem und übers Universum

Das ganze Universum in einem Aufblas-Zelt

Alle mussten sich beeilen in das Aufblaszelt im Festsaal der Schule neben dem taO!, dem Theater am Ortweinplatz (Graz) reinzugehen. Denn je länger die Tür offen ist, desto mehr Luft entweicht und dann fällt sozusagen der Himmel auf den Kopf 😉

Rasch hinein ins Pop-Up-Planetarium
Schnell muss die Schlange ins Zelt

Geschafft. Nun eröffnen sich den jeweils rund zwei Dutzende Besucher:innen faszinierende Blick-Welten – Fotos und vor allem Animationen. Am Beginn steht der Echtzeit-Blick auf den Himmel über Graz, aber auch eine Zeitreise ein paar Stunden weiter auf den Nachthimmel. Und da sind hier im Pop-Up-Planetarium (25 Quadratmeter Fläche reichen aus, 3 Meter in der Höhe) viel mehr Sterne zu sehen als später draußen auf der Straße. Denn hier drinnen stört als einzige Lichtquelle der Projektor. Dass schon viel weniger Sterne zu sehen sind, wenn alle oder wenigstens einige ihre Handy-Displays einschalten, ist ein kleines Experiment zu dem Doro (Dorothea Kuchinka), die mit diesem Zelt, das zusammengelegt in eine Reisetasche passt, einlädt.

Die Explainerin, studierte Astronomin, nimmt ihre Besucher:innen mit auf die Reise in die unendlichen Weiten… zoomt nah an die Sonnenoberfläche, den Mond der Erde, wir fliegen durch unsere Milchstraße, aber auch in die benachbarte Galaxie Andromeda. Und noch weiter in eine Sternen-Geburtsstation samt „Krabbelstube und Kindergarten“ für Himmelskörper, aber auch eine Senioren-Residenz von Sternen am Ende ihrer Milliarden-Jahre-Existenz…

Da dieses Zelt, aber auch das Aufblasgerät und das technische Equipment relativ leicht zu transportieren sind, kann „Public Space“ schnell und bald wo aufgebaut werden – in Schulen oder wo auch immer – Infos samt Preisen auf der ganz unten verlinkten „public space“-Homepage.

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Besprechung von Stücken, die beim 10. spleen*graz gezeigt werden, KiJuKU aber schon davor andernorts gesehen hat

mobilesplanetarium

Auswertung der Online-Umfrage zur Matura

Matura macht Angst und Stress und ist veraltet

Mehr als zwei Drittel von 729 befragten angehenden Maturant:innen halten diese große Abschlussprüfung für zwölf (AHS) bzw. 13 (BHS) Schuljahre für „veraltet, die dringend modernisiert werden müsste“. Dies ist eines von vielen Ergebnissen einer Online-Umfrage unter Jugendlichen, die vom Nachhilfe-Institut LernQuadrat (80 Standorte) zwischen November des Vorjahres und März 2024 durchgeführt wurde. Am Mittwoch (24. April) stellten Unternehmenssprecherin Angela Schmidt sowie die Kommunikationsberaterin Susanna Schindler, die die Auswertung übernommen hatte, die aufbereiteten Daten zu „Schüler*innen ziehen Bilanz: Matura: Und jetzt?“ in einem Online-Mediengespräch vor.

Auswertung der Online-Umfrage zur Matura
Auswertung der Online-Umfrage zur Matura

Angst, alles zu vergessen

Aber nicht nur für nicht zeitgemäß halten die Jugendlichen die Matura, sie bereitet vor allem unheimlichen Stress, sorgt für Ängste und Nervosität. Angst, die Aufgaben nicht zu verstehen, nannten 52,5 %, fast gleich viele (51,6%) meinten: „Ich habe Angst davor, dass ich so nervös bin, dass ich alles vergesse, was ich gelernt habe.“ Angstfach Numemr eins ist übrigens erwartbar Mathematik (48%) vor Englisch (17% und Deutsch (14%).

Trotz Angst und Stress zeigten sich die meisten (59,7%) zuversichtlich: „mit guter Vorbereitung schaffe ich das“. „Ganz entspannt, das schaffe ich locker“ gaben 15,2% an.

Auswertung der Online-Umfrage zur Matura
Auswertung der Online-Umfrage zur Matura

Die meisten lernen viel – und allein

Ausreichend bis hin zu jedem Detail lernen die meisten – „Großteil des Lernstoffes“ (57,3%), „versuche, jedes Detail zu lernen“ (28,5%), „so viel, dass ich positiv bin“ (10,7%). Mehr als ¾ lernen (offenbar meist) alleine, zwei Drittel nutzen aber auch die Vorbereitungsstunden in der Schule, in Gruppen lernen nur knapp mehr als ein Drittel und Nachhilfe nimmt für die Maturavorbereitung lediglich in Fünftel in Anspruch (die Online-Umfrage wurde nicht unter Nachhilfe-Schüler:innen des genannten österreichweit vertretenen Institutes durchgeführt).

Unterstützung holte sich mehr als die Hälfte der Befragten bei der Matura-Vorbereitung im Internet vor allem durch Lernvideos (53%), sowie von Klassenkolleg:innen (50%), Lehrer:innen (38%), Eltern (28,8%) und Nachhilfelehrer:innen (19,9%) folgen als Hilfe-Geber:innen. 8,1% gaben an „ich brauche keine Hilfe“.

Auswertung der Online-Umfrage zur Matura
Auswertung der Online-Umfrage zur Matura

VWA und ChatGPT

Die besagte Online-Umfrage wollte auch wissen, was die Jugendlichen von der VWA (vorwissenschaftliche Arbeit) halten: Sechs von zehn halten sie für sinnvoll, acht von zehn (82,2%) haben „dabei etwas gelernt“, aber noch mehr (87,4%) verknüpfen „noch mehr Stress“ mit dieser Arbeit. Seit knapp zwei Jahren drängt sich im Zusammenhang mit VWA fast natürlich ChatGPT als Frage auf. Knapp mehr als ein Drittel (35,1%) gaben an: „Super Sache, ich habe es selbst auch genützt“, fast ein Viertel war enttäuscht: „Naja, ich habe es versucht, das Ergebnis war aber nicht brauchbar“ und überraschende 40,6 Prozent meinten: „nein danke, das ist nichts für mich“.

Auswertung der Online-Umfrage zur Matura
Auswertung der Online-Umfrage zur Matura

Keine gute Vorbereitung – weder aufs Leben noch aufs Studium

Keine gute Note bekommt die Matura auf die Frage, ob sie gut auf Berufs- oder Studienleben vorbereite. „Nein“ sagten 60,1% – wobei in den AHS sogar zwei Drittel (66,1%), in den BHS dagegen „nur“ 46,9%. Mehr als die Hälfte der Befragten will nach dem Schulabschluss studieren (53,3%), fast ein Fünftel (18,5%) „weiß es noch nicht“.

Auswertung der Online-Umfrage zur Matura
Auswertung der Online-Umfrage zur Matura

Ein 3er für die Schule insgesamt

LernQuadrat fragte aber nicht nur zur Matura selbst, sondern zur gesamten Schulzeit. Nach der Notenskala bewerten die 729 Befragten die Schule insgesamt mit einem „befriedigend“, Klassengemeinschaft schaffen es fast auf einen 2er.

(Fast) schon rückblickend meinten 54,9% „im Unterricht mitarbeiten“ hätte ihnen in all den Jahren am meisten geholfen, 40,3% nannten „gutes Verhältnis zu den Lehrkräften“ in diesem Zusammenhang und 20,6% fürhten als größte Hilfe „schummeln“ an.

Auswertung der Online-Umfrage zur Matura
Auswertung der Online-Umfrage zur Matura

Vorschläge für ent-stresste Matura

Mehr als die Hälfte all dieser befragten 729 Jugendlichen hat auch Vorschläge, wie Matura ent-stresst werden könnte: Prüfungen auf einen längeren Zeitraum verteilen (54,1%), Prüfungen reduzieren (28,9%) sowie Mathe nur als Wahlfach (28,1%).

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Auswertung der Online-Umfrage zur Matura
Auswertung der Online-Umfrage zur Matura

lernquadrat -> umfrage-matura-und-jetzt

Szenenfoto aus "Kaffee mit Zucker?"

Schwarz und / mit /versus Weiß

Schon im Foyer des „Kristallwerks“, einem Veranstaltungsort der Grazer freien Theaterszene deuten einige bildnerische Werke von Schüler:innen auf das Stück „Kaffee mit Zucker?“ hin. Andere dieser Arbeiten hängen übrigens hinter der Kaffeemaschine im Festivalzentrum von spleen*graz, dem taO! (Theatr am Ortweinplatz). Kaffeepulver auf Papier. Was vielleicht wirkt, als wären die brauen „Brösel“ aufgeklebt, hält nur dadurch, dass die Jugendlichen davor ihre Blätter in Wasser getaucht haben. Manche verabreichten Teile ihrer Bilder nochmals ein kurzes Wasserbad – weniger Kaffee und heller das Ganze.

Kaffee-Bilder von Schüler:innen

Diese Schüler:innen – der Modellschule Graz sowie des BG Rein – hatten vor Wochen Workshops mit Künstler:innen des KMZ Kollektivs, wo sie auf die genannte Produktion eingestimmt wurden, sich aber auch in die Rolle von Kaffee und Zucker hineinzuversetzen versuchten und Fragen stellten wie „Kaffeebohne, wie viele Hände haben dich schon berührt?“ „Zucker, wie fühlt es sich an, zu wissen, dass Kaffee mehr kostet als du?“, „Kaffee, denkst du, du bist besser als Kakao?“

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Kaffee mit Zucker?“

Vielfältige Performance

Während Yahima Piedra Córdova hinter ihren Musik- und Klanginstrumenten wie in einem Cockpit schon in den Startlöchern für die rund einstündige Performance steht, kocht im Vordergrund ihre Kollegin Laia RiCa Kaffee – eine Tasse für sich, ein für die Musikerin. Fast ein Dutzend weiterer Häferln steht und wartet – auf spätere Einsätze.

Laia RiCa ist auch die künstlerische Leiterin des Stücks, in dem sich vieles um die Bohnen, deren Anbau, die Ernte, den Transport und den Konsum dreht. Und damit auch die ungerechten Verhältnisse zwischen globalem Süden und Norden.

Weiße Europäer – das anfangs fast nur Männer, nicht gegendert – kamen, nahmen um Spottpreise Land in Besitz und bauten an, viel mehr ließen sie anbauen. Die angestammten Einwohner:innen wurden zu Sklav:innen, die den Reichtum der Einwanderer mehrten.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Kaffee mit Zucker?“

Action-reiche überraschende Szenen

Das alles und noch viel mehr erzählt die Performerin in Worten (auf Deutsch – mit spanischen Übertiteln) und viel auch tänzerisch bzw. mit viel Action. Auf einer schwebenden runden Fläche verteilt sie mal Kaffeebohnen, versetzt diese in Schwingungen, legt sich darunter und oben fliegen die Bohnen davon, erzeugen Kreise. Zuvor hat sie schon ein Bild „gemalt“ – in der Art, wie die von Schüler:innen wie eingangs beschrieben. Nur jetzt live on stage. Und zwar Amerika – den ganzen Kontinent, nicht nur wie oft fälschlich bezeichnet nur die USA, sondern auch die Teile nördlich und vor allem südlich der Vereinigten Staaten von Amerika. Und zu diesem Süden gehören unter anderem auch die Länder Guatemala aus deren Kaffee-Anbau sie viel erzählt und aus El Salvador, wo sie selbst jahrelang aufgewachsen ist – als „Mestize“ (ein Elternteil indigen, ein Teil aus Europa).

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Kaffee mit Zucker?“

Weder da noch dort?

Dieses Dazwischen-Sein – von vielen weder da noch dort als zugehörig anerkannt – ist ebenfalls ein zentrales Thema des Stücks. Das auf ganz außergewöhnliche, sehr fantasievolle und bewegende Art von Laia RiCa (von ihrem zweiten Vornamen America) in Szene gesetzt wird: Nicht nur dass sie Zucker auf die nun mit Kaffeepulver befüllte schwebende Fläche streut, „kocht“ sie solchen auch mit einer Heißluftmaschine zu Zuckerwatte. Mit dieser formt sie sich ein weißes Gesicht… kämpft sich davon frei, bedauert, dass sie als Nachfahrin von Indigenen deren Sprache Nahuatl nicht kann.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Kaffee mit Zucker?“

Vorurteile

Musikerin Yahima Piedra Córdova, die viel am Piano spielt, wiederum erzählt – auf Spanisch, mit deutschen Übertiteln – die Anekdote, dass sie, gebürtige Kubanerin eines Tages mit einer europäischen Musikerin, einer Percussionistin unterwegs war. Als ein Gesprächspartner die beiden traf und von ihren Instrumenten erfuhr, fragte er die Europäerin nach ihren Klavierkünsten.

Heftig und dennoch…

Die Produktion schafft es, ein doch so schweres Thema, neben der Ernsthaftigkeit und so manchen Phasen, die dich richtiggehend heftig schlucken lassen, wenn Ausschnitte aus dem Film „Die Zivilisationsbringer“ mit krassen Rassismen zitiert oder eingespielt werden, dennoch mit verspielter szenischer und musikalischer Umsetzung einen kämpferischen Optimismus zu versprühen.

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Compliance-Hinweis: Das Festival spleen*graz hat Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … für drei Tage zur Berichterstattung nach Graz eingeladen.

Besprechung von Stücken, die beim 10. spleen*graz gezeigt werden, KiJuKU aber schon davor andernorts gesehen hat

Szenenfoto aus einer früheren Perfromance von "Club Origami"

Papier, Tanz, Musik eröffnen Fantasiewelten

Makiko Aoyama und Takeshi Matsumoto kommen aus dem Knopftheater im Kindermuseum Frida & FreD, ein weißes Tablett mit vielen weißen quadratischen Papierblättern, um die auf die Vorstellung „Club Origami“ (von Seven Circles –  Großbritannien/Japan), die beim zehnten Festival spleen*graz gastiert, zu empfangen. Sie sagen kein Wort, hockerln sich hin – die Kinder (auch die meisten Erwachsenen) tun es ihnen gleich. Die beiden falten, sie ein Haus, er ein Mittelding aus Stanitzel und Blume. Dann verteilen sie an jede und jeden ein Blatt.

Die Kinder beginnen Unterschiedlichstes zu falten, da und dort ertönt ein Wunsch nach Stiften, verhallt aber schnell und schon wird auch dort aus dem einfachen Blatt da ein Flieger, dort ein Haus, irgendwo ein Vogel, gar ein Kranich – tatsächlich nach der Origami-Kunst -, von anderen kommt ein zerknülltes Blatt, das sich als Ball eignet…

Szenenfoto aus einer früheren Perfromance von
Szenenfoto aus einer früheren Perfromance von „Club Origami“

Weißer Teppich

So, jetzt öffnen die beiden die Tür – wie ein roter Teppich liegt ein weißes langes, breites Band Papier auf dem Boden… Als schließlich alle sitzen, starten die beiden schon genannten Tänzer:innen aus den Würfeln auf der Bühne (Ben Pacey), die sich auf der Rückseite als Boxen entpuppen, einmal zwei Fächer zu holen und diese in Hüte, Bärte, Röcke und was auch noch immer zu „verwandeln“.

Nachdem sie so manches da hervorgeholt und alles Mögliche daraus inszeniert haben, greifen sie nach den von den Kindern gefalteten Papieren, lassen sich von einem nach dem anderen inspirieren, fliegen, schweben, spielen Ball oder je nachdem, was das jeweilige Ding sozusagen darstellen könnte.

Szenenfoto aus einer früheren Perfromance von
Szenenfoto aus einer früheren Perfromance von „Club Origami“

Voller Herzenslust

Nach und nach wird die Performance – im Hintergrund „untermalt“ vom Live-Musiker Robert Howat auf einem großen Xylophon – noch raumgreifender und wilder. Gegen Ende wühlen die beiden Tänzer:innen in einem großen Ppierberg im Bühnen-Hintergrund, holen diesen in größeren Packen ins Zentrum des Geschehens, zerreißen große Stück in kleinere und ganz kleine, werfen und schleudern sie in die Höhe und schließlich in Richtung Publikum. Die ersten Kinder wagen sich vor zur Bühne und beginnen mitzuspielen.

In der Zwischenzeit haben sich Makiko Aoyama und Takeshi Matsumoto über ihre weiße Kleidung noch eine weiße mit bunten Papierschnipseln übergezogen (Kostüme: Giulia Scrimieri, Hania Kosewicz), tauchen in das wunderbare Chaos an Papier(bergen) ein und unter und natürlich wieder auf. Und bringen die Performance schön langsam mit gedämpfterem Licht und leiser werdender Musik zu Ende – hier und jetzt. Könnte durchaus sein, dass so manche der (jungen) Besucher:innen vielleicht zu Hause, in der Schule oder wo auch immer selbst mit Papier nun mehr anstellt, als nur darauf zu schreiben oder zu zeichnen 😉

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Compliance-Hinweis: Das Festival spleen*graz hat Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … für drei Tage zur Berichterstattung nach Graz eingeladen.

Besprechung von Stücken, die beim 10. spleen*graz gezeigt werden, KiJuKU aber schon davor andernorts gesehen hat

Szenenfoto aus einer früheren Perfromance von
Szenenfoto aus einer früheren Perfromance von „Club Origami“
Vor allem, aber nciht nur, Volkshochschulen sind die Spielorte

Viel Theater für Kinder und Jugendliche in fünf Wiener Außenbezirken – ab 2025

Wien wächst – an den Stadträndern. Nicht erst heute, sondern seit Jahrzehnten – und noch länger. Dennoch konzentrieren sich viele Angebote, gerade auch im Bereich der Kultur aufs Zentrum, die innerstädtischen Bezirke. Selbst wenn U-Bahnen flotte Verbindungen herstellen, ist das für viele oft gefühlt weit weg. Ist es auch, wenn Klassen sich zusammenpacken, Bim, Bus, U- oder S-Bahn nutzen, braucht’s schon mal (fast) einen ganzen Vormittag für rund eine Stunde im Theater.

Gilt übrigens auch für Erwachsene sogar umgekehrt. Warb doch das jetzige Theater am Werk /Kabelwerk noch als Werk X in Meidling mit dem Spruch „Theater am Arsch der Welt“; mit „Gebrauchsanleitung“ auf diesen Plakaten, dass via U6 – eine Station vom Umsteige-Kontenpunkt Meidling entfernt und ein paar Gehminuten – so weit doch nicht ist.

Seit dieser Saison zeigt das Volkstheater in den Bezirken, das seit sieben Jahrzenten (fast) alle Bezirke bespielt, auch Stücke für junges Publikum. Gruppen, die sich bisher bemühten „hinaus zu gehen in die Peripherie“ scheiterten – die Bezirke hatten zu wenig Geld dafür. Gut, es gibt auch die eine oder andere Gruppe, die durch Turnsäle tourt. Aber qualitativ hochwertiges Theater in all seinen Spielformen – auch Tanz, Performance, partizipativ und noch vieles mehr und mit Ansprüchen auch an professionelles Licht- und Ton-Umfeld – hat’s schwer.

Gute Gründe für Theater speziell für junges Publikum, Teil 1
Gute Gründe für Theater speziell für junges Publikum, Teil 1

Bezirke 10, 11, 21, 22, 23

Nun – oder besser gesagt, pardon geschrieben -, ab dem kommenden Frühjahr (2025 wo im Herbst in Wien Gemeinde- und Bezirkswahlen anstehen), soll es einen großen Wurf geben: „Junge Theater Wien“ – und anstelle von Wien dann die Namen für die Bezirke 22, 10, 21, 23, 11 (Donaustadt, Favoriten, Floridsdorf, Liesing und Simmering – alphabetische Reihenfolge) nimmt den Betrieb auf. Dies kündigten am Dienstag in der Pressekonferenz des Wiener Bürgermeisters Michael Ludwig himself, die Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler sowie Stephan Rabl an. Letzterer ist der Leiter dieses Projekts, war Gründungs- und dann 13½ Jahre lang Direktor des Theaterhauses für junges Publikum, Dschungel Wien im MuseumsQuartier, setzte viele Initiativen in diesem Bereich, verscherzte es sich aber auch mit so manchen in der Szene.

In diesen fünf Bezirken lebt übrigens fast die Hälfte der Wiener Bevölkerung (850.000 Menschen bzw. 43 %). Mit dabei auch die Bezirksvorsteher dieser fünf Bezirke sowie etliche aus der Theaterszene für junges Publikum, in der schon seit Monaten gemunkelt, getuschelt wurde, Gerüchte liefen, dass da was Neues im Busch ist.

Gute Gründe für Theater speziell für junges Publikum, Teil 2
Gute Gründe für Theater speziell für junges Publikum, Teil 2

Bus

Theater an Kinder und Jugendliche in nicht-zentralen Bezirken/ Regionen heranzubringen, war ihm schon früher ein Anliegen, gründete er doch vor mehr als 30 Jahren „Szene Bunte Wähne“ fürs Waldviertel und anfangs andere Gegenden in Niederösterreich. In der MQ-Zeit startete er den „Dschungel-Bus“, mit dem junge Besucher:innen direkt von der Schule in das Theaterhaus geführt werden sollten, bzw. gab es Produktionen im und rund um den Bus, die Station in Außenbezirken machten.

Neztwerke in den fünf Bezirken
Neztwerke in den fünf Bezirken

Dezentral

Spätestens seit dem starken Zuspruch für die Bühnen im – aus der Not der Pandemie geborenen – Kultursommer mit Bühnen quer über die Stadt verteilt, besonders in den Außenbezirken, nahmen Diskussionen um Kulturangebot speziell für junges Publikum in diesen Regionen zu. Als im Spätherbst des Vorjahres das Kinderkulturzentrum Floridsdorf für Zoom Kindermuseum und inklusive, diverse, mehrsprachige Kinder- und Jugendliteratur angekündigt wurde, fragte Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… die Kulturstadträtin, wieso nicht auch für Theater. „Da wird es was Eigenes geben, aber Genaueres darf und will ich noch nicht sagen, denn dem Bürgermeister, dem das ein großes Anliegen ist, will es persönlich im Frühjahr ankündigen“, antwortete Veronica Kaup-Hasler. Was nun erfolgt ist.

40 Produktionen, 25.000 Plätze

In jedem Bezirk werden mehrmals im Jahr für alle Altersgruppen im Herbst, Winter und Frühling Wiederaufnahmen, Premieren und Uraufführungen gezeigt – und dies an mehreren Tagen. In einer ersten Spielsaison werden in den genannten fünf Bezirken rund 40 Produktionen in bis zu 200 Vorstellungen gespielt. Damit können bis zu cirka 25.000 Plätze für die Kinder und Jugendliche im dezentralen Bereich angeboten werden. In erster Linie sind lokale Volkshochschulen, aber beispielsweise auch das Kulturzentrum F23 in Liesind oder Schloss Neugebäude in Simmering die Spielorte und Cluster-Ankerpunkte.

Auf die Geldfrage nannte Stephan Rabl „für die heurige Aufbauphase 300.000 Euro und dann für eine Saison eine Million.“

Die unterschiedlichsten Theaterformen, die angeboten werden sollen
Die unterschiedlichsten Theaterformen, die angeboten werden sollen

Neues soll entstehen

„Im Prinzip und in erster Linie sollen es Produktionen von in Wien lebenden Künstler:innen sein, die in den Veranstaltungsorten in den Bezirken gezeigt werden. Oft soll in dem einen oder anderen Bezirk die Premiere stattfinden“, erklärt Stephan Rabl in einem Telefongespräch – KiJuKU konnte nicht bei der Pressekonferenz sein, sondern war beim Kinder- und Jugendtheaterfestival spleen*graz.

Junge Theater Wien bzw. Favoriten, Simmering und so weiter soll aber, so Rabl, „nicht nur ein Tour-Management-Projekt sein. Überall wird großer Wert gelegt auf die Zusammenarbeit mit Bildungs-, Kultur- und anderen Einrichtungen in dem jeweiligen Bezirk. Daraus kann und soll auch Neues entstehen. Insbesondere auch für Sparten oder Altersgruppen, wo es dann jeweils aktuell zu wenig Angebot gibt.“

Die fünf Bezirke, in denen der dezntrale Spielbetrieb starten wird

Neben Theaterschaffenden, die in Wien tätig sind – und sei es auch „nur“ zeitweise – Rabl nannte beispielsweise die Gruppe IYASA aus Zimbabwe, die jahr(zehnte)lang hier gastierte, sogar gemeinsam mit heimischen Künstler:innen Stücke entwickelte, können und sollen auch Gruppen eingeladen werden, die Stücke mitbringen können, wo hier gerade nicht der Bedarf abgedeckt. Während es vor in paar Jahren viel für sehr junge Kinder gab, exisitere hier derzeit eine Lücke, so Rabl.

Pressekonferenz zu Junge Theater Wien: Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler, Bürgermeister Michael Ludwig (weitgehend vom Kamera-Stativ verdeckt) und Stephan Rabl
Pressekonferenz zu Junge Theater Wien: Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler, Bürgermeister Michael Ludwig (weitgehend vom Kamera-Stativ verdeckt) und Stephan Rabl

Er verstehe JTW nicht nur für das Publikum, sondern auch dafür, der lokalen Theaterszene mehr Spielmöglichkeiten zu bieten, aber auch als Impulse für Weiterentwicklung und Erarbeiten von Neuem – in Kooperation mit anderen Partner:innen in den Bezirken, vielleicht auch von neuen Formaten und Inhalten.

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theaterstueck-im-bus <- damals noch im Kinder-KURIER

dschungelbus <- damals noch im Kinder-KURIER

jungetheaterwien.at

Szenenfoto aus "Pinokkio"

Holzfigur wird lebendig – und was damit anfangen?

Noch ist es finster im Saal des TaO! (Theater am Ortweinplatz) in der steirischen Landeshauptstadt. Heftige, schneidende Geräusche von Schleifen einer Klinge erfüllen den Raum. Uuuuh. Gleich geht’s einem Baum sozusagen an den Kragen. Steht doch „Pinokkio“ auf dem Programm. Eine Produktion aus Belgien gastiert damit beim aktuell laufenden, dem zehnten, Theaterfestival für junges Publikum, spleen*graz. Und die Hauptfigur ist schließlich aus Holz geschnitzt.

Drehen sich Pinocchio-Erzählungen oder Stücke oft um dessen Nasen-Wachstum mit jeder Lüge, so stellen Jonas Baeke und Jef Hellemans anderes ins Zentrum. Wie ist es von einem leblosen Gegenstand zu einer lebendigen Figur zu werden. Gut, sein Holz als Teil des Baumes hat schon einmal gelebt, aber gefällt und zurechtgeschnitzt ist er nur mehr ein Ding gewesen. Und nun beginnt er zu leben, wird vom Tischlermeister fremdbestimmt, versucht seiner eigenen Wege zu gehen, fällt immer wieder auf falsche Freunde rein…

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Pinokkio“

Master-Arbeit wurde zum Meisterwerk

Doch diese Erzählung bildet nur den Hintergrund für die Regie-Arbeit der beiden, die damit vor zwei Jahren ihr Schauspiel-Studium abgeschlossen haben. Jonas Baeke hatte sich ins Original von Carlo Collodi vertieft, war von der größeren Heftigkeit als in nachfolgenden Interpretationen geflasht und machte sich mit seinem Kollegen an das Konzept einer neuerlichen Interpretation.

Sein Co-Master-Arbeiter, Jef Hellemans, verkörpert selbst diese Hauptfigur. Nachdem er als Baum gefällt und umgearbeitet wurde, liegt er als Figur auf dem Boden, beginnt sich, das heißt zunächst nur einzelne Körperteile zu bewegen, kann sich endlich erheben, gehen, laufen, immer und immer wieder im Kreis – wie aufgezogen.

Echt oder geträumt?

Figuren wie sein „Meister“, der Tischler Gepetto – ziemlich schräg dargestellt von Lieselot Siddiki, die Fee (Colette Goossens) und Freund „Kerzendocht“ – Elias Degruyter, der aufgrund einer Fuß-Operation mit Krücken auftritt und später als Fuchs lässig-überheblich als Fuchs im Rollstuhl anrollt -, tauchen auf. Sind sie echt oder nur vorgestellt, im Kopf ausgemalt oder gar geträumt? Oder pendelt Pinokkio zwischen lebendig gewordenem Dasein und wieder nur Holzfigur auf dem Tanzboden liegend?

Jedenfalls klagt die Figur immer wieder über Hunger. Körperlichen oder seelischen? Fühlt er sich leer angesichts der neuen Möglickeiten als Lebewesen statt eines hölzernen Daseins?

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Pinokkio“

Freiräume

Die Inszenierung (Regie und Text: Jonas Baeke, einfache einerseits und fantasievolle Kostüme andererseits: Lucie Plasschaert, Louis Verlinde) fasziniert nicht zuletzt dank der vielen (Gedanken-)Freiräume, die sie eröffnet. Aber auch wegen des genialen körperbetonten Spiels des Hauptdarstellers – die zwischen kontrolliert hölzern und unkontrolliertem teils fast scheinbaren Eigenlebens einiger Körperteile mitunter Staunen erzeugt. Die Leistung seiner Kolleg:innen sind nicht weniger überzeugend, doch hier sind sie nur auf kurze Auftritte als Nebenfiguren auf dem (Lebens-)Weg des P. beschränkt. Was allerdings dafür umso mehr Punktgenauigkeit bedarf.

Italienisch mit „Untertiteln“

Übrigens sind die Texte auf Italienisch (mit deutschen Übersetzungen – auf eine Wand projiziert, die das Gelb des Tanzbodens ins Senkrechte fortsetzt). Einerseits wollte der Regisseur dem Original seine Ehrerbietung erweisen, andererseits „ist es damit auch für die Schauspieler:innen etwas Fremdes und verstärkt damit dieses Gefühl der Suche nach sich selbst“, so Baeke nach der Vorstellung zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… Und um die Verfremdung nochmals zu verfremden wird nicht der Originalname Pinocchio (für Pinie einer- sowie Dummköpfchen / pinco andererseits), sondern die Schreibweise in vielen anderen Sprachen mit dem Doppel-k verwendet 😉

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Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Pinokkio“
Foto aus einer früheren "The Choreography"-Performance

Publikum erobert den Tanzboden

Schuhe ausziehen, Handys abschalten, Kopfhörer auf und rauf auf einen großen weißen Tanzboden. „Kommt in der Gruppe zusammen“, „geht auseinander“, „geh langsam“, „galoppiere durch den Raum“, „leg dich auf den Boden, entspann dich“… diese und viele Anweisungen, gelangen in die Ohren der Teilnehmer:innen von „The Choreography“. Mit dieser Performance gastiert die schwedische Gruppe „Johanssons pelargoner och dans“ beim zehnten spleen*graz.

Foto aus einer früheren
Foto aus einer früheren „The Choreography“-Performance

Keine Angst, nur Anregungen!

Die rund ¾-stündige Performance ist keine zum Zuschauen, sondern nur und ausschließlich zum Mitmachen. Doch keine Angst, bevor alle ihre Kopfhörer aufsetzen, erfolgt noch die Vorbemerkung, dass das Gesagt sozusagen keine Verpflichtung ist. Es gibt nur zwei Regel: Du musst nichts machen, wo du dich nicht wohlfühlst, mach deine eigene Version. Und zweitens: Du kannst nichts falsch machen.

Foto aus einer früheren
Foto aus einer früheren „The Choreography“-Performance

Von kleinen Gruppen zur großen Gemeinsamkeit

Da nicht alle die selben Anordnungen, pardon Bewegungsvorschläge, erhalten ergeben sich unterschiedlichste Bewegungsmuster im gesamten Raum. Doch nicht jede und jeder kriegt etwas anderes zu hören, sondern doch immer einige dasselbe, so dass sich auch – verteilt im Raum – Ähnlichkeiten ergeben. So ergibt sich letztlich doch der Titel der Performance: Choreografie. Die sich gegen Ende immer mehr zu einem größeren und dann großen gemeinsamen Ganzen zusammenfindet. Mit einer Abschlussrunde, bei der alle sagen können, wie „The Choreography“, bei der sich jede und jeder zunächst auf sich und zunehmend auch auf die Gruppe einlassen konnte, für jede/n Einzelne/n war.

Liste der verfügbaren Sprachen für
Liste der verfügbaren Sprachen für „The Choreography“

Inklusion

Übrigens: Die Gruppe hat die Ansagen in 18 verschiedenen Sprachen aufnehmen lassen – und da bietet damit neben naheliegenden wie Schwedisch, Norwegisch, Finnisch, weit verbreitete wie Englisch – oder passend fürs Festival und andere Tour-Termine Deutsch -, sowie Arabisch, Spanisch, Farsi und Dari, Türkisch, Kurdisch (in dem Fall Sorani) usw. auch Romani, Soomaali und drei der zehn Sprachen der nordischen Minderheit der Samen (Meänkieli, Davvisámegiella und Aarjelsaemien gïele) an.

Eingangsbereich zum
Eingangsbereich zum „Salon Stolz“ in Graz

Ein Element der Inklusion – das gut – aus anderen Gründen zu diesem neuen Spielort der Performance passt, dem „Salon Stolz“, benannt und rund um gruppiert um den gebürtigen Grazer weltbekannten Komponisten Robert Stolz (1880 – 1975). Induktive Höranlagen, taktiles Leitsystem und musikalische Spiele, die gehört, gesehen oder auch be-griffen (Braille-Schrift) werden können.

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Foto aus einer früheren
Foto aus einer früheren „The Choreography“-Performance
Szenenfoto aus "Tiébélé"

Live-Musik, Gesang, Malerei führen in den Süden von Burkina Faso

Zwei Frauen, drei Schüssel, ein großer Kreis auf der Bühne, ein wenig im Hintergrund stehen durchsichtige Kunststoffplatten auf rollbaren Metallgestellen. Aus dem Off kommt Gesang in einer melodiösen afrikanischen Sprache – es ist nicht das in Burkina Faso weit verbreitete Mòoré (Sprache der Mossi), sondern Tiébélé. Das Stück „Tiébélé“ der Gruppe Le Théâtre de la Guimbarde (Regie: Gaëtane Reginster) aus Belgien führt das Publikum in diesen westafrikanischen Staat, genauer ins Titel-gebende Dorf in Kassena, einer Region im Grenzgebiet zum südlichen Nachbarland Ghana – rund 250.000 Menschen, fast gleich aufgeteilt auf die beiden Staaten.

Musik, Gesang, Malerei

Vier Mal spielte die Gruppe beim aktuell laufenden Kinder- und Jugendtheaterfestival spleen*graz in der steirischen Landeshauptstadt. Auf der Bühne des KNOPFtheaters im Kindermuseum #frida & freD spielt die großgewachsene Bérénice De Clercq eine N‘goni – ein Saiteninstrument mit dem Klangkörper eines ausgehöhlten Kürbisses (Musikalisches Arrangement: Zouratié Koné). Ihre Bühnenkollegin Nadège Ouédraogo nimmt die scheinbar leere Schüssel – und siehe da, sie holt daraus so etwas wie Sand hervor, bläst ein bisschen davon in die Luft – eine Staubwolke fliegt über die Bühne. Sie dreht die Schüssel um und spielt mit dem, was sich als feiner Lehm-Sand herausstellen wird, taucht die Hände ein wenig in eine zweite Schüssel – mit Wasser, beginnt ein bisschen zu gatschen, scheinbar herumzu „kritzeln“ mit Lehmsand und Wasser, holt schließlich aus der dritten hölzernen Schüssel in Farbe getauchte Schwämme.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Tiébélé“

Fast in sich versunken wie ein kleines Kind – wären da nicht immer wieder die gemeinsamen Gesänge mit der Kollegin – und natürlich Blicke ins Publikum. Und alles nicht auch „nur“ Vorbereitung dafür, dass die beiden Frauen eine der oben schon erwähnten durchsichtigen, unterschiedlich geformten, Kunststoffwände (Bühnenbild: Laurence Jeanne Grosfils) nach vor in die Mitte des Kreises geschoben, bemalen. Flächige, kreisig, in wilden Handbewegungen, dann wieder klein, zart, exakt Farbe wegkratzen – womit sozusagen Fenster in der Farbfläche entstehen…

Aus der Wirklichkeit „ausgeborgt“

Dieses Spiel ist der Wirklichkeit in der genannten Gegend zwischen den beiden Ländern nachempfunden. Jedes Jahr malen Frauen aller Generationen gemeinsam die Hauswände neu an – flächig und darauf meist geometrische Muster. Sie singen dabei und erzählen Geschichten und Geschichte aus ihrer Kultur und geben sie so von Alten an die Jungen weiter. Unterstützung holten sich die belgischen Künstler:innen für dieses Projekt von Laure Guiré und der Wéléni-Vereinigung in Burkina Faso.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Tiébélé“

Die fünf bemalten Wände ergeben nun eine Häuserzeile im Hintergrund – und werden noch weiter, dieses Mal digital, bemalt – Video-Animation: Mathieu Georis, bis der ebenfalls virtuelle Regen alles überdeckt.

Der poetische, verspielte Mix aus Live-Musik, Gesang und Malerei verzaubert – und bringt so „nebenbei“ eine den meisten Besucher:innen unbekannte Welt näher. Und passt wunderbar zu vielen weiteren (sehr) verspielten Programmpunkten bei diesem Jubiläumsfestival – das alle zwei Jahre über die Bühnen – und immer mehr auch Outdoor gehende „spleen*graz“ findet nun zum zehnten Mal statt.

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Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Tiébélé“
Szenenfoto aus "Offene Zweierbeziehung"

Humorvolles Spiel um (un-)gleiche Rechte

Zwei bequeme Sessel, zwei Paravents und eine bespielbare Tür. Das reicht auf der Bühne in diesem kleinen, herb-charmanten Keller-Theater. Der Mann entert die Bühne, klopft an diese Tür, nein pumpert, schaut durchs Schlüsselloch. Fleht Antonia an, es nicht zu tun. Und wenn sie schon Pillen schluckt, dann bitte nicht seine Asthma-Tabletten. Versucht durch Schuldeingeständnisse, dass er ein A… ist, die Ehefrau vom Suizid abzubringen. Oder doch nicht wirklich? Meint er’s nicht ernst. Sie vielleicht auch nicht?

So ernst der Beginn, so ist schon sein Schauspiel von einer gewissen humoristischen Note durchzogen. Die verstärkt sich mit dem Auftritt der Ehefrau – aus unerwarteter Position – nein, gespoilert wird hier nicht, woher sie die Bühne betritt.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Offene Zweierbeziehung“

Viel zu lachen

Andrea Nitsche und Thomas Bauer (Regie: Peter W. Hochegger) spielen flott, humorvoll, mit einem Schuss Selbstironie „Offene Zweierbeziehung“ von Franca Rame und Dario Fo im Theater Experiment am Liechtenwerd (Wien-Alsergrund; 9. Bezirk). Antonia hält das Leben mit dem Ehemann nicht mehr aus, weil er dauernd Affären mit „blöden Weibern“ hat. „Ach, wären dir intelligente lieber?“

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Offene Zweierbeziehung“

Ja, er sei schon ein A…loch, aber könnten sie nicht beide lieber ein „offene Zweierbeziehung“ (so nicht nur Stücktitel, sondern seit der 68er-Bewegung ein oft diskutiertes, propagiertes Konzept) führen. Könnte sie sich nicht auch zum Ausgleich einen Liebhaber suchen?

Nach etlichem Hin und Her tut sie das. Und siehe da, als sie sich schick macht, um diesen Alfred, einen intelligenten Wissenschafter und obendrein Musiker zu empfangen, da beginnt er auszuzucken. Offen also nur für ihn, den Mann. Wenn auch für die Frau, so wäre dieses „offen“ auf Durchzug und ja, nun droht er, sich umzubringen – unter anderem in der Wiederholung der ersten Szene nur nun mit umgekehrten Vorzeichen, also vertauschten Rollen: Er hinter der Badezimmertür, sie davor, ihn abbringen zu wollen… oder ist alles nur vorgespielt – von beiden Seiten?

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Offene Zweierbeziehung“

Sie wird selbstbewusster

Vordergründig geht’s um die „offene Zweierbeziehung“ (vor 41 Jahren uraufgeführt), im Kern aber spiegelt das Stück generell das nach wie vor ungleiche Geschlechterverhältnis zwischen Frau und Mann – mit der optimistischen schrittweisen Entwicklung der weiblichen Rolle von der unterbutterten Ehefrau zur selbstbewussteren Gleichberechtigten. Diese Wiederaufnahme des Utopia-Theaters als Gastspiel im „Experiment“ ist sozusagen auch ein „Teaser“ für die diesjährige Sommmer-Tour. Anfang Juni bis in den September hinein spielt „Utopia-Theater – mit größerem Ensemble – kreuz und quer durch Wien auf Plätzen und in (Gemeindebau-)Höfen im Freien ein anderes Stück des Duos Fo und Rame: „Bezahlt wird nicht“. Das italienische Komödienduo verstand es meister:innen-haft, ernste Themen in Satire, Farce zu verpacken – mit Lachen, das mitunter dann doch im Halse stecken bleibt.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Offene Zweierbeziehung“

Einst Kohlekeller – seit Jahrzehnten Kellertheater

Zwei Jahre vor dem 70. Geburtstag des zum Theater umgebauten einstigen Kohlekellers in der Wiener Liechtensteinstraße unweit der U4/U6-Station Spittelau, füllen vor allem (sehr) alte Theaterbegeisterte, nicht wenige sogar älter als das Theater selbst, die mit 49 Sitzplätzen kleinste und älteste Kleinbühne der Bundeshauptstadt. Besucher:innen von denen einige meinen, ein Abend ohne Theater sei kein richtiger!

Seit der Eröffnung zu den Wiener Festwochen 1956 gab es hier mehr als 250 verschiedene Stücke, davon 43 Uraufführungen vornehmlich österreichischer Autor:innen und 79 österreichische Erstaufführungen. Pro Theatersaison sind jeweils 4 Produktionen vorgesehen – mit zusammen mindestens 100 Aufführungen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Offene Zweierbeziehung“

Wanderbühne

Das tourende „Utopia Theater“ ist hingegen noch sehr jung. Erst seit fünf Jahren spielt es vor allem Klassiker von Nestroy, Jura Soyfer – und heuer eben von Franca Rame und Dario Fo.

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Schüler:innen der 6B gestalteten eine internationale Modeschau - aus Ländern aus denen Mitschüler:innen oder deren Familien kommen

„Willkommen hier im Land, hier kannst du mit uns leben…“

„Im Land der Blaukarierten sind alle blaukariert.
Doch wenn ein Rotgefleckter sich mal dorthin verirrt,
dann rufen Blaukarierte: >Der passt zu uns doch nicht!
Er soll von hier verschwinden, der rotgefleckte Wicht!<“

Mit diesem bekannten Kinderlied vom Anderssein von Klaus W. Hoffmann eröffnete der Chor des Piaristen-Gymnasiums (Wien-Josefstadt; 8. Bezirk) Freitagvormittag das Fest der Vielfalt, zu dem dieses BG 8 eingeladen hatte. Zum ersten Mal und auf kleiner Sparflamme was die Information der Öffentlichkeit betraf. Es war ein Experiment, demgegenüber es auch Skepsis gegeben hatte – die zerstreut werden konnte. Auf dem Platz und im Schulhaus war Begeisterung zu spüren und hören darüber, dass in der Schule nicht nur Wissen vermittelt werden soll, sondern auch Lebensrealitäten in einer globalisierten Welt. Und diese erfordern, den eigenen Horizont zu erweitern, wie es Direktor Philipp Krischke in seiner Fest-Eröffnungsrede formulierte.

Chor, Band, Klassik

Beim Fest sang nicht nur der Chor (Solist:innen: Florian Friedl und Annabelle Keki bzw. Todora Prvanović und Marton Szalavari bei „We are the World“ von Michael Jackson und Lionel Richie) mehrere Lieder, die Schulband (Lilly und Helena Zillich, Marton Szalavari, Natalia Efimova, Nathaniel Grolig, Rene Saussy, Consti Palffy, Elina Rohlik, Johannes Radl) spielte mehrere bejubelte Nummern die allesamt das Thema zum Inhalt hatten. Andere Schüler:innen musizierten gemeinsam mit Eltern und anderen Erwachsenen klassische Stücke auf Instrumenten von Geige über Cello bis Piano und Querflöte (Emil und Stefan Kamilarov, Yurika Shima, Anton, Leopold, Julia und Walter Auer, Liana (Lilli) und Manfred Hecking, Valentin Edelmann, Simon Jasnov).

Jugendliche der 6B stellten in einer Mode-Schau mehrere Länder vor – mit Sachinformationen sowie Kleidungsstücken und Accessoirs: USA (Benjamin Kraska, Henry Settele, Nikolas Kulterer), Deutschland (Marion Porges, Lilly Zillich), Bulgarien (Nathaniel Grolig, Sofia Walzhofer, Hannah Freund), Belgien (Clara Kempel, Sophia Stepke), Ukraine (Katharina Zucker, Verena Berger), Spanien (Ida Kojder, Johanna Gehrer, Jakob Jandrasits), Frankreich (Alessandra Biegel, Constantin Palffy, Victoria Tiefenbacher), Slowakei (Veronika Makelová, Kristina Karkusová, Franciska Hartinger) und Österreich (Lilli Gemperle, Linda Neuhofer, Friederike Tscharnutter). Zu Rainhard Fendrichs bekanntem Song „I am from Austria“ kamen gegen Ende auch all die anderen Nationen auf dem Laufsteg vor der Bühne zusammen. „Willkommen“ stand in bunten Buchstaben auf einem großen Stück Stoff im Hintergrund der Bühne, die für diesen Tag auf dem Platz aufgebaut war. Zentral steht eine Kirche, um die Ecke schließen sich Schulen und Kindergarten an.

Abschluss von drei Projekttagen

Das Fest am Jodok-Fink-Platz war aber „nur“ der Abschluss von zweieinhalb Tagen Workshops und Exkursionen rund um das Thema Vielfalt – Interviews mit einigen Schüler:innen in einem eigenen Beitrag, der am Ende dieses Artikels verlinkt ist.

Externe Profis

Neben schuleigenen Auftritten hatten die Organisator:innen auch professionelle Künstler:innen engagiert, die das Programm auf der Bühne bereicherten: Aida Loss, die immer wieder in ihre Kabarettprogramme mit Sprachfärbungen und Akzenten unterschiedlichste Kulturen und Persönlichkeiten einbringt und nicht zuletzt immer wieder auch mit ihrer persischen Herkunft spielt. Violetta Parisini spielte ihre Lieder zum Nachdenken. Die Band „Enterprise“ hat Wurzeln in der Schule, ist ein ehemaliger Schüler des BG 8 doch einer des Trios der Gruppe, die seit vier Jahren existiert und von Pop bis Hip*Hop spielt.

Respekt, Offenheit, buntgemischt

Den Abschluss bildete ein gemeinsamer Song von Band und allen Fest-Teilnehmer:innen – der Text wurde auf kleinen ausgedruckten zetteln verteilt. Zur Melodie von Andreas Bouranis „Auf uns“ hatten Schüler:innen einen neuen Text gedichtet, der so beginnt: „Auf uns:
„Das BG 8 muss ein Hit sein
da ist niemand allein,
Denkt an die Werte, nach denen wir streben;

Respekt und Offenheit soll es hier geben, …“

Und das schloss den Bogen zu den Workshops und Exkursionen an den Projekttagen und zum oben zitierten Auftaktlied vom Anderssein, das ja so endet:
„Im Land der Buntgemischten sind alle buntgemischt.
Und wenn ein Gelbgetupfter das bunte Land auffrischt,
dann rufen Buntgemischte: >Willkommen hier im Land,
hier kannst du mit uns leben, wir reichen dir die Hand!<“

Schüler:innen-Vertreterin: Herzensangelegenheit

Pauline Huber (16 Jahre, Schülerin der 7C) aus dem Team der Schulsprecher:innen erzählt im Interview mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…, dass ihr diese Vielfalt-Projekt-Tage auch persönlich sehr am Herzen lagen. „Ich finde es ein so wichtiges Thema, mit dem wir uns in der Schule bisher nicht so groß beschäftigt haben. Der achte Bezirk ist ja nicht so eine kunterbunt durchmischte Gegend. Vielfalt von Religionen, sexuellen Orientierungen, Nationalitäten und so weiter waren noch kaum bis nie ausführlich im Unterricht besprochen.

Besonders gut finde ich, dass in das Projekt auch die Schülerinnen und Schüler der Unterstufen einbezogen worden sind. Seit ich hier in die Schule gehe und das sind jetzt sieben Jahre, hatten wir noch nie etwas Derartiges. Das gab und gibt neben den Inhalten auch einen großen Schub für den Zusammenhalt nicht zuletzt mit der Unterstufe.“ Sie sei sogar „erstaunt und erfreut“ gewesen, „dass sich so viele aus Unterstufe mit vollem Eifer reingestürzt und bei vielen Aktivitäten mitgemacht und geholfen haben“.

Sie selbst sei vor allem vom Gespräch mit dem Zeitzeugen Siegfried Loewe im Bezirksmuseum Josefstadt bewegt gewesen. Er konnte als Kind immer wieder auf der Flucht und von Privatleuten bzw. Organisationen in Belgien versteckt die Nazi-Zeit überleben, seine Eltern hingegen wurden deportiert und ermordet. „Von diesem Gespräch und der Diskussion hab ich sehr viel mitgenommen.“

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Hier unten geht’s zu Interviews mit neun weiteren Schüler:innen

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Thea, Kathi, Carla und Alex - Interviewpartner:innen von KiJuKU

In andere Kulturen und Welten hineingeschnuppert

Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… durfte einige Schüler:innen des Piaristen-Gymnasiums, deren Eltern damit einverstanden waren, vor dem Fest der Vielfalt – dazu mehr im Link am Ende der interviews – interviewen. Und wollte wissen, wie sie das gesamte dreitägige Projekt gefunden haben und was für sie persönlich von den Workshops bzw. Exkursionen besonders wichtig war.

Thea (12, 2. Klasse): Ich fand das Projekt sehr cool, weil wir in andere Kulturen hineinschnuppern konnten und weil es ein wichtiges Thema ist, dass jeder und jeder gleich, aber auch anders ist.
Ich fand den Workshop zur chinesischen Kultur sehr interessant, wir konnten ein bisschen von der Sprache lernen – sich vorstellen und sagen, ich komme aus Österreich – siehe kurzes Video unten.
Der Workshop zu Mobbing war auch sehr spannend – wir haben viel gelernt, was Mobbing ist, wie es dazu kommen kann, aber auch, wie man es stoppen kann.

Kathi (12, 2. Klasse): Ich finde die Vielfalttage sind eine gute Idee. Diversität ist wichtig. Wir haben viel darüber geredet, was es bedeutet, andere zu respektieren – egal wie anders sie sind, ob sie sich anders kleiden oder ihre Sexualität oder ob wer vielleicht verschlossener ist.
Sehr spannend fand ich auch den Workshop zu Weltanschauungen und zur chinesischen Kultur, wo wir einiges über Sprache und Schrift gelernt haben, aber auch, dass es im chinesischen Schach andere Figuren, die nur runde Holzscheiben sind, wie Elefanten oder Kanonen gibt, der König sich nur auf wenigen Feldern bewegen darf und dass es in der Mitte des Spielfeldes einen „Fluss“ gibt, den nur bestimmte Spielfiguren überschreiten dürfen.

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Carla (12, 2. Klasse): Die Diversitätstage sind sehr, sehr wichtig, weil Vielfalt und Verschiedenheit da sind, jeder verschieden ist und der Mensch sein können darf, der sie oder er sein will. Es soll niemand wegen des Aussehens verurteilt werden und es soll keine Vorurteile geben. Dazu passt auch der Workshop zu Rassismus, den wir heute noch vor dem Fest gehabt haben. Dazu haben wir auch einen Film gesehen, in dem in einer Straßenbahn eine Frau einen Dunkelhäutigen beleidigt.
Den Mobbing-Workshop fand ich auch sehr wichtig. Da haben wir auch gelernt, wie schlecht es Mobbing-Opfern gehen kann.
Wir haben aber auch erfahren, dass Cybermobbing seit 2016 sogar strafbar ist und dass man das melden kann.

Alex (12, 3. Klasse): Ich find’s wichtig und ziemlich cool, dass wir drei Diversitätstage hatten mit Kino, Workshops über Mobbing und Wertschätzung. Dadurch haben wir einen besseren Überblick über Leben verschiedener Menschen bekommen und dass jeder Mensch das Recht hat, sich entfalten zu können. Wir haben viel über Mobbing gesprochen, wie es entsteht und wie es vom Streit zum Mobbing kommen kann. Wir haben auch ein bisschen mehr mitbekommen, wie man es stoppen kann oder sogar muss.
Ich selber habe einmal in der U-Bahn drei Jungs gesehen, die einen, der so eine jüdische Kopfbedeckung, eine Kippa aufhatte, gehänselt, genervt und bei der Station aus der U-Bahn gedrängt haben und niemand in der ganzen U-Bahn hat etwas gesagt oder gemacht.

Klara (16, 6. Klasse): Es ist eine sehr, sehr tolle Idee, dass unsere Schule so eine Veranstaltung macht. Es wurden Themen behandelt, die sonst im Unterricht nicht wirklich vorkommen.
Diversität gibt es eben in allen Lebensbereichen und sie ist die Zukunft. Wenn wir uns darauf vorbereiten, so verbessert das das Zusammenleben in der Gesellschaft.

Zum Thema Chancengleichheit haben wir eine Shades-Tour in der Innenstadt mitgemacht, die von einem Obdachlosen geführt wurde. So haben wir erfahren, wie das Leben eines Obdachlosen ist. Den meisten von uns hier in der Schule geht es so gut, dass wir das vorher nicht gewusst haben. Das war sehr interessant und man lernt das eigene Leben mehr zu schätzen.

Sophia (16, 6. Klasse): Diese drei Tage waren eine super Möglichkeit über Sachen zu reden, die wir sonst gar nicht wirklich mitbekommen. Mit der Shades-Toru haben wir eine andere Seite von Wien kennengelernt.

Mit unserer Klasse haben wir auch eine Modeschau zu verschiedenen Kulturen gemacht, die in unserer Klasse vertreten sind – siehe Bereicht über das Fest, Fotos und Videos von der Modeschau.

Franziska (15, 5. Klasse): Im Chancen-Workshop haben wir vor allem von der Arbeitswelt gelernt – auch über Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten zwischen jedem und jeder Einzelnen und großen Konzernen.
In allen fünften Klassen war auch Gesundheit ein wichtiges Thema. Wir waren in einem Box-Studio, das von einer Boxerin geleitet wird. Dort haben wir Körperübungen gemacht und durften am Schluss auf einen Box-Sack einschlagen.
Außerdem haben wir uns in die Lage von blinden oder gehörlosen Menschen hineinversetzt. Mit verbundenen Augen und zugestöpselten Ohren sind wir auf der Straße unterwegs gewesen. Wir waren auch in einem Rollstuhl einkaufen und in der Apotheke. Wir haben dabei viele komische Blicke bekommen und erlebt, dass viele Menschen nicht hilfsbereit waren.

In einem Theater-Workshop ging es um Rassismus, Unterschiede, Vorurteile und darum andere Kulturen kennen zu lernen.

Felix (16, 6. Klasse): Die Projekttage waren sehr cool, eine Bereicherung. Vielfalt und Diversität ist ganz wichtig für die Zukunft, wenn wir damit gut umgehen lernen, können wir viel zum Besseren verändern.

Durch die Shades-Tour haben wir die Sicht von Obdachlosen kennengelernt und erfahren, dass viele Menschen nicht aus eigener Schuld obdachlos geworden sind. Und weil wir da mehr Verständnis haben, sind wir vielleicht jetzt offener, wenn uns ein obdachloser Mensch auf der Straße begegnet.

Die 17-jährige Lilli geigt siet 14 Jahren!
Die 17-jährige Lilli geigt siet 14 Jahren!

Lilli (17, 7. Klasse) spielt seit 14 Jahren Geige, „ich komm aus einer musikalischen Familie“ und gesteht so mit 14, 15 Jahren „war’s schon eine schwierige Phase – mit Spaß an der Sache zu bleiben; aber ich bin generell sehr motiviert“.

„Das Vielfalt-Projekt find ich prinzipiell sehr gut. Mit der neuen Direktion gibt es langsam Veränderungen in unserer Schule. Dieses Projekt hat viel geändert und für alle was gebracht für mehr Zusammenhalt. Da hat das LehrerInnenteam ganz schön was auf die Beine gestellt. Gerade in solchen Zeiten einmal drei Tage von Mathe ode Deutsch abzusehen und sich mit wirklich wichtigen Fragen zu beschäftigen ist schon eine ganz gute Sache.

Besonders intensiv fand ich den dokumentarischen Film „Everyday Rebellion“ von den beiden Brüdern Riahi (Arash und Arman T.). Der hat mich sehr berührt, weil er zeigt, wie sich in verschiedenen Ländern der Welt Menschen gegen Ungerechtigkeiten auflehnen.“

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Szenenfoto aus "Maria Stuart" im TAG (Wien)

Rote Karten, Abseits und andere Regeln im Königinnen-Drama

Jeder Schritt, jeder Blick, jede Geste, jeder Ton – Michaela Kaspar strahlt unnahbare, kalte Autorität aus. Da muss sie nicht viel draufdrücken, nicht übertreiben. Sie herrscht – im weißen Hosenanzug – als englische Königin Elisabeth, die I frei nach Friedrich Schiller in Gernot Plass‘ Version im Theater An der Gumpendorfer Straße (Wien).

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Maria Stuart“ im TAG (Wien)

Ihr Gegenpart – Maria Stuart, Titelheldin des Königinnendramas – Lisa Schrammel viel nahbarer – schmachtet im Kerker. Zur Last gelegt wird ihr als Königin von Schottland an der Ermordung ihres zweiten Ehemanns beteiligt gewesen zu sein, in Wahrheit allerdings dürfte sie eher eingesperrt sein, weil Elisabeth fürchtet, ihre nahe Verwandte könnte den englischen Thron beanspruchen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Maria Stuart“ im TAG (Wien)

Fußball

Das sehr oft gespielte klassische Königinnen-Drama wird von Plass in eine verständlichere Sprache geholt, stringent und sehr gediegen inszeniert und mit einer immer wieder auftauchenden Geschichte der Entwicklung des modernen Fußballs verknüpft. Der Kulturkampf zwischen Frankreich und England läuft als Match – ohne es zu spielen – aber mit Ball, Pokal, Wimpel und Gespräche rund um Spiel und vor allem Regeln – die entstehen während der zwei kurzweiligen Stunden sozusagen nach und nach – mit einem späten scheinbaren, bewussten Missverständnis: „Wir brauchen mehr Richter“ bezieht sich dann nicht auf den Prozess gegen Maria Stuart, sondern auf den Kick und die Präzisierung „Linienrichter“.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Maria Stuart“ im TAG (Wien)

Im Programmheftchen erläutert der Stück-Autor, Regisseur und künstlerische Leiter des TAG den Zusammenhang zwischen dem Wirken der „jungfräulichen“ Killer-Queen und dem Fußball. England damals – Ende des 16., Anfang des 17. Jahrhunderts – matchte sich mit Spanien um Hoheit auf internationalen Meeren – und eroberte Länder. Mit einem erbeuteten spanischen Segelschiff sollen die Engländer auch einen mittelamerikanischen Einwohner gefangengenommen, der das Ballspiel der Azteken (ollamalizitli – für jagen und Gefangene machen) sozusagen nach England brachte. Beim noch älteren Ball-Spiel der Maya, einer kultischen Handlung, ging es übrigens gleich um Leben oder Tod!

Und da es im Konflikt der beiden (Ex-)Herrscherinnen, die nicht zimperlich sind, auch um Religion – Katholizismus vs. Protestantismus – geht, findet sich ja noch ein Anklang zu Fußball, wo manche ihre Vereine ja für Religion halten.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Maria Stuart“ im TAG (Wien)

Flexible Box

Der schmutzig-rote Kasten muss nur einen Halbkreis gedreht werden, um aus dem Gefängnis einen Thronsaal zu machen (Ausstattung: Alexandra Burgstaller). Zwischen den beiden Gegnerinnen tummeln sich vor allem Elisabeths Berater – von intrigant bis opportunistisch: Jens Claßen als Burley sieht sich sozusagen als DIE Instanz, Betreiber des Todesurteils für Maria, Talbot (Georg Schubert) ist der Abwägende, der Bedenken äußert, ob das Zustandekommen des Urteils auch wirklich rechtsstaatlichen Prinzipien entspricht und Leicester (Markus Hamele) als „Schoßhündchen“ wäre gern Liebhaber der Königin – aber welcher? Agent der Maria versucht er der Enttarnung durch eine vorgebliche oder vielleicht auch selbst geglaubte Doppelagentenrolle zu entkommen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Maria Stuart“ im TAG (Wien)

Spionage

Apropos spionieren – nein Österreicher für Russland wird nicht angesprochen/ angespielt – als Doppel-Null entpuppt sich Mortimer (Raphael Nicholas), Neffe von Paulet (David Fuchs), der die gefangene schottische Ex-Königin bewachen soll. Zu beiden starken Frauen, Königin die eine, die andere mit „Ex“ davor und nunmehr Gefangene, gelingt es Morty  – trotz anfänglicher großer Skepsis – doch rasch intensives Vertrauen aufzubauen. Und wird von einem der Elisabeth-Adlaten geopfert, damit dieser den Kopf aus der eigenen Schlinge ziehen kann.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Maria Stuart“ im TAG (Wien)

Apropos aus der Schlinge ziehen – als „Liz“ erfährt, dass es im Prozess gegen ihre vermeintliche Rivalin nicht ganz fair zugegangen sei, Zeugen gefoltert worden waren, um gegen Maria auszusagen, versucht sie sich abzuputzen. Sie habe das Todesurteil zwar unterschrieben, es ihrem Sekretär Davison (Emese Fay) zwar in die Hand gedrückt, aber nicht aufgetragen, es weiterzugeben auf dass es vollstreckt werde… Wo sie zur Verantwortung gezogen werden könnte, da zeigt die König auf einmal Schwäche…

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Doppelseite aus dem Bilderbuch "Finn Flosse räumt das Meer auf"

Zweibeiner mit Flossen statt Füßen und der Plastikmüll

Finn hat zwei Beine und unten dran Flossen, dort wo Menschen Füße haben. Deswegen wollen manche Unterwasser-Kinder nicht mit ihm spielen, andere würden wollen, aber Eltern verbieten es ihnen. Denn Zweibeiner sind gefährlich, böse und mit denen sicher nicht…

Dieser Finn ist das Kind der ganz besonders mutigen Meerjungfrau Ora und einem Menschen-Mann. Diesen hatte Ora einst gerettet. Und das, obwohl Regel Nummer 2 das Verbot ist, sich Zweibeinern zu nähern.

Dieser Finn Flosse ist die Hauptfigur des Bilderbuchs von Eva Plaputta, das schon vor ein paar Jahren erschienen ist. Nun aber wird unter dem selben Titel „Finn Flosse räumt das Meer auf“ im Wiener Figurentheater Lilarum ein Stück gespielt, das auf dem Buch aufbaut – Stückbesprechung am Ende dieses Beitrages verlinkt.

So ein Mist…

Eines Tages wird Finn beim Verspeisen seiner geliebten Schlammgurken – denn Fische und andere Meerestiere isst er nicht, wer mag schon Freund:innen verschlingen – ziemlich schlecht. Was er da noch nicht weiß: Er hat offenbar auch Plastikzeugs mitverschluckt. Die Qualle holt das mit einem ihrer Fangarme aus seinem Magen heraus. Und bald checkt Finn, so manche Fische leiden auch an Bauchweh, ein Hering ist in einem Netz gefangen und überall kugelt (Plastik-)Müll herum. Die Zweibeiner sind daran schuld.

Finn versammelt – tatkräftig und lautstark unterstützt von Wal Theo – möglichst viele Meeresbwohner:innen um sich. Sie knüpfen ein Riesennetz aus Algen, sammeln den Mist ein und verfrachten ihn an einen der Strände der Menschen.

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Finn Flosse räumt das Meer auf“

Scherenschnitte

Plaputta hat sich aber nicht nur die Geschichte ausgedacht und geschrieben, sie hat aus schwarzem Papier alle Fische, den Wal, Krebse, Schildkröte, Netze, Korallen auch den Müll, ja sogar Blubberblasen ausgeschnitten. Gerade bei kleinwunzigen Details muss das unheimlich genaue und viel Arbeit gewesen sein.

Diese Scherenschnitte wurden dann vor unterschiedlich gefärbten Hintergründen platziert – Buchgestaltung Claudia Eder – und ergeben so teils magische Unterwasserwelten. Die Gestalterin dieses wunderbaren Bilderbuchs, das Studierende der Wiener Uni für Angewandte Kunst so fasziniert hat, dass sie daraus – mit dem Lilarum – ein Figurentheaterstück machen wollten, hat obendrein auf vielen der Seiten teilweise mit Schriften gespielt. So ist das Wort „riesengroß“ eben viel breiter als der Text davor und danach und so hoch wie gut vier bis fünf Zeilen. Wenn irgendwo „bunt“ steht, hat jeder Buchstabe eine andere Farbe. Der Strudel aus Plastikmüll, den Finn den anderen zeigen will, endet in einem spiralförmig geschriebenem Satz – um nur ein paar Beispiele der verspielten Schriften zu nennen.

Ausnahmsweise an die Oberfläche

Wenn alle gemeinsam den (Plastik-)Müll den Menschen zurückbringen, dürfen sie sogar Regel Nummer 1 brechen, das Verbot an die Meeresoberfläche zu schwimmen. Was für Wale ja offensichtlich auch schon vorher so gewesen sein muss.

Ja, und nun dürfen auch alle Meereskinder mit Finn spielen, ist er doch zum heldenhaften Retter – und Titelhelden des Bilderbuchs – geworden.

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Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „Finn Flosse räumt das Meer auf“
Figuren bzw. Szene aus "Finn Flosse räumt das Meer auf" im Wiener Figurentheater Lilarum

Bauchweh in der märchenhaften Unterwasserwelt

Wasser schillert zu Beginn spiegelnd im Bühnenhintergrund. Die Projektion lässt zugleich Bilder von Öl auf Wasser im Kopf entstehen. Dieser Visual-Effekt ist vielleicht nicht zufällig. Dreht sich doch das aktuelle Stück im Figurentheater Lilarum (Wien) – in Zusammenarbeit mit Studierenden der Uni für Angewandte Kunst – um Verschmutzung der Meere sowie den Kampf dagegen. „Finn Flosse räumt das Meer auf“ baut auf dem gleichnamigen Bilderbuch von Eva Plaputta auf – Buchbesprechung unten am Ende des Beitrages verlinkt.

Figuren bzw. Szene aus
Figuren bzw. Szene aus „Finn Flosse räumt das Meer auf“ im Wiener Figurentheater Lilarum

Die Story

Zunächst kürzest die Story: Finn Flosse ist das Kind der tollkühnen Meerjungfrau Ora und eines Menschen, den sie gerettet hatte. Er, also Finn, der anstatt zwei Beinen zwei Flossen hat, kommt drauf, weshalb ihm beim Verzehr von Schlammgurken schlecht geworden ist und auch viele Fische Bauchweh haben. Es ist das Plastik, das sie mit der Nahrung verschlucken. Das Meer ist ziemlich voll von Abfällen der Zweibeiner. Sie knüpfen ein dichtes Netz aus Algen und bringen den Mist zurück an den Strand der Menschen.

Figuren bzw. Szene aus
Ein Krebs

Zauberhafte Welt

Nun schwebt also dieser Finn zwischen Korallen und Felsen in der Unterwasserwelt, lässt sich beispielsweise auf einer überdimensionalen Seegurke nieder, um die über ihm schwebenden Schlammgurken fast wie märchenhafte gebratene Tauben in den Mund fliegen. Darunter eben offenbar auch ein Stück Plastik. Von diesem befreit ihn eine zauberhafte Qualle mit einer Art knappen, comic-haften Kunstsprache.

Fantasievoll Finns Traum-Szene in der sich von einem großen Plastik-Monster verschluckt sieht. Vorne liegt die Figur am Bühnenrand, im Hintergrund schwebt sie durch den Schlund des Monsters – als Schattenbild, drum herum animierte Mikroplastikteile.

Figuren bzw. Szene aus
Die rettende Qualle kommt zu Finn, um ihm zu helfen

Wal mit Scheibenwischern

Monströs, aber von seinem Blick her schon freundschaftlich lugt der Kopf von Wal Theo, dem größten Helfer Finns, vom Bühnenrand ins Gesehehen. Witziger Effekt, wenn der Wal zu schwimmen beginnt, bewegen sich Scheibenwischer über seine Augen – was allerdings wiederum an einen Autobus erinnert.

Wenn Finn mit dem Wal durchs Meer schwimmt und sich weiter nach hinten in der Bühne begibt, sind beide kleiner, der Wal ganz sichtbar. Weshalb er dann allerdings eher wie ein zusammengekauerter wuchtiger Mensch aussieht – mit angewinkelten Beinen anstelle der Schwanzflosse? Aber das ist auch schon der einzige Kritikpunkt.

Figuren bzw. Szene aus
93-jährige Schildkröte

Figuren, Bühne, Animationen UND Licht

Dem Stück gelingt es neben der Erzählung der Geschichte vor allem immer wieder magische Bilder über die Figuren im Zusammenspiel mit Animationen und vor allem den Lichtstimmungen zu erzeugen, die zu Ausrufen des Staunens bei den vielen Kindern im Saal führen. Glich nach der kurzen Umbaupause – hinter geschlossenem Vorhang – wird’s in der dunklen Tiefsee bei den Anglerfischen sogar ein wenig gruselig.

Figuren bzw. Szene aus
Der Rochen kann schön schweben

Kooperation Theater und Uni

Studierende der Uni für Angewandte Kunst wollten aus diesem Bilderbuch ein Figurentheaterstück – mit Videoanimationen – machen und haben dies gemeinsam mit dem Lilarum entwickelt. Von den Profis lernten sie das Handwerkszeug und manche der Figuren wurden aus Zeitmangel des Uni-Projekts dann doch von den Theaterleuten produziert.

Figuren bzw. Szene aus
Finn und die Schlammgurken, die ihm in den Mund schwimmen

Internationales (Uni-)Projekt

Das Figurentheater Lilarum ist übrigens Teil eines EU geförderten Erasmus-Projekts mit Künstler:innen und Universitäten mehrerer europäischer Länder: „IPMAU (Interdisciplinary Puppetry Modules for Art Univiersities) mit Interplay Hungary /Hungarian University of Fine Arts Budapest, Josip Juraj Strossmayer University of Osijek (Kroatien) sowie der Akademie der bildenden Künste Wien.
In der ersten Projektphase entstehen drei Lehrveranstaltungen für Studierende aus bildnerischen und angewandten Richtungen – geleitet von Uni-Lehrenden und Figurentheaterschaffenden. Die dabei entstehenden Lehrveranstaltungen können von Kunstuniversitäten weltweit in bestehende Lehrpläne eingebaut werden.

Die Projektinhalte werden ebenso wie die beteiligten Studierenden und ihre Arbeiten in öffentlichen, internationalen Präsentationen sowie medial präsentiert. Eine Tagung in Wien, in der die Ergebnisse und Zukunftsperspektiven von IPMAU präsentiert werden, bildet den Abschluss – geplant im ersten Quartal 2026.

Gastspiele aus Mittel- und Südosteuropa

Seit 2019 lädt das Wiener Figurentheater Lilarum immer wieder Gruppen aus mittel- und osteuropäischen Ländern (CEE Central and East-Europe) zu Gastspielen in der jeweiligen dominierenden Landessprache ein. In erster Linie spricht dieses Kindertheater in Wien-Landstraße (3. Bezirk) damit zwei- bzw. mehrsprachigen Familien mit Herkünften oder Verwandten in diesen Ländern an. Die Kinder können so auch – sonst eher selten – Theater in ihrer jeweiligen Erst- oder Familiensprache erleben.

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Szenenfoto aus "sommer.hunds.traum"

Liebes- und Gewalt-Wirren im Wald und im Baumarkt

Die eine wischt und putzt, andere wandern in roten Overalls oder Arbeits-Latzhosen umher, räumen da was weg, stellen dort was hin; manche sprechen immer wieder Zuschauer:innen an, die die White Box im Wiener Off Theater betreten. Eine starrt die eine oder den anderen an. Dafür ist eine Kollegin Dauer-Quasslerin, fragt immer wieder, ob sie jemand im Auto mitnehmen könnte. Manche, die auf der Liste der Mitwirkenden stehen, setzen sich ins Publikum. Die Bühne dominiert ein hölzernes Art Würstelstandel inmitten eines grünen Rasenteppichs. Und der entpuppt sich als Teil eines Baumarktes.

In diesem Ambiente tobt sich das.bernhard.ensemble schauspielerisch, tänzerisch, manche auch singend aus – haben viel Spaß und Freude beim verrückten Verquicken von Ulrich Seidls Film „Hundstage“ und William Shakespeares „Sommernachtstraum“ zum Mash-Up „Sommer.Hunds.Traum“.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „sommer.hunds.traum“

Auferstehung…

Jenen, die diesen Seidlfilm kennen, kommen die Charaktere bekannt vor. Selbst die umwerfende alle nervenden Film-Anna, Maria Hofstätter, erlebt hier in Person von Sophie Resch eine Bühnen-Auferstehung. Sie trifft ihr filmisches Vorbild total. Ungut bis fast zur Unerträglichkeit agiert schimpfend, brutalst, niederträchtig Yvonne Brandstetter; sozusagen extrem toxisch männlich. Bis sich herausstellt, dass dieser Mario aus dem Film hier eine Maria ist und die bevorstehende Verheiratung mit Klaudia eine gleichgeschlechtliche Ehe sein soll.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „sommer.hunds.traum“

„Engelsgeduld“ oder…

Diese Klaudia wird von Ylva Maj in einer mehr als bewunderswerten Art verkörpert. Egal ob von Maria oder – auf weniger körperliche als auf verbale Weise – von dem aus dem „Publikum geholten“ Masseur Luis (Christian Kohlhofer) ärgstens gedemütigt, entmündigt, sie sagt einfach nichts. Tanzt sich den aufgeladenen Müll aus Körper und Seele, mitunter muss sie heftig speiben. Aber wann, aber wann… explodiert sie, schleudert dem einen oder der anderen ein „Halt endlich deine Papp’n“ entgegen?! Nie. Passiver Widerstand, der die Aggressionen letztlich ins Leere laufen lässt. Erst ganz, ganz spät erhebt sie ihre Stimme – aber gar nicht im vielleicht erwartbaren Sinn, sondern in einem wunderschönen Gesang.

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Szenenfoto aus „sommer.hunds.traum“

Hex-hex-Puck

„Hüttenwirt“ mit einer ordentlichen Gosch’n ist Matthias Böhm las Ronnie – der Übergang zu Oberon in Shakespeares „Sommernachtstraum“ ist wortmäßig nicht weit. Anna wird zu Puck, um hier per „hex hex“-Glitzerzauberstab für Liebes-verwirrungen zu sorgen. Und so begehren viele plötzlich wie eins Helena nun Jelena (Leonie Wahl, die auch für die gesamte Choreografie des Stückes verantwortlich zeichnet) ab. Bis zur Verzauberung eher graue tanzende Putzmaus und Dienstleisterin, deutlich unterqualifiziert, weil sie in ihrer ersten Heimat immerhin Wissenschafterin gewesen ist. Als „Ausländerin“ wird ihr von Anna immer wieder Ausländerhass, den sie an den Kopf geworfen bekommt, selber angedichtet.

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Szenenfoto aus „sommer.hunds.traum“

Teppich und Lampe statt Wand…

Der beste Gast beim Baumarkt-Würstelstand, Herr Ingenieur (Kajetan Dick), der gern Mengenangaben im Markt reklamiert und nun hier den 30. Hochzeitstag seiner verstorbenen Frau feiern will, mutiert einerseits zum Peter Squenz, sozusagen dem Polier, der als Regisseur die Laienschauspieltruppe leitet – und andererseits aber auch zum Esel, in den sich bei Shakespeare die Feenkönigin Titania verliebt.

Auf seine „Regie“-Einfälle hin muss sich Bernhardt Jammernegg als Herr Ruby im Baumakrt für Sicherheitsfragen und Kamera-Überwachung zuständig in Gegenstände verwandeln: Teppich, Lampe – „nicht so bewegt“ -, (Massage-)Tisch. Was bei Shakespeare das Spielen einer Wand war…

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „sommer.hunds.traum“

Wiener Underdogs

Mastermind hinter dem witzig-derben Mix – erstmals ein österreichischer Film und ein international berühmtes Theaterstück; bisher war’s immer umgekehrt – ist wie immer Ernst Kurt Weigel, von dem Konzept, Regie und dieses Mal auch die Ausstattung stammt. Ihm ist, wird er im Programmheft zitiert, das Milieu der Seidl-Filme sehr vertraut, „entspricht es doch exakt jenem, in dem ich als Bub in Inzersdorf ganz im Süden der Stadt (Wien) aufgewachsen bin, mitten unter den Wiener Underdogs.“

Visuals

Ein Teil der Ausstattung sind übrigens wechselnde projizierte Bilder an zwei Großformat- „Werbe“-Screens – einmal hauptsächlich mit Titelseiten einer Gratiszeitung, die andere mit Werbe-Anzeigen und zwischendurch in Shakespeare-Momenten auch Disney-Filmen (Wall Visuals: Evi Jägle). Apropos Werbung – am laufenden Band sprudelt Anne die bekanntesten Werbesprüche ebenso herunter wie im Boulevard beliebte Listen wie die zehn häufigsten Sex-Unfälle und andere oder auch die Inhaltsstoffe von Leberkäse.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „sommer.hunds.traum“

Nach-Spiel

Das sehr körperliche Schauspiel mit vielen Tanz-Momenten lebt natürlich von Rhythmus und Musik (Soundscape: Bernhard Fleischmann). Apropos Tanz. Das Stück ist eigentlich aus – aber „wir haben noch einen Tanz, den wir oft geübt und einstudiert haben, er hat nirgends im Stück hineingepasst, wir zeigen ihn jetzt!“

Abgerundet wird die Aufführung klarerweise auch von den passenden Kostümen (Julia Trybula).

Die schräge, heftige Spielfreude überträgt sich aufs Publikum, das sich nicht ganz zwei Stunden gut unterhalten kann.

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Alle können zu bösen Wölfen werden - nachgestellte Szene aus dem Stück "Hannah Arendt auf der Bühne" von Theater Agora Belgien) beim Gastspiel im Parlametn (Wien)

Das Ende kann ein neuer Anfang sein – ständiger Kampf um Demokratie

Vorwiegend grau gekleidet, Bühne und Saal düster bis dunkel. Schauspieler:innen und Musiker wandern vor drei verschiebbaren, durchscheinenden Elementen kreuz und quer, besprechen, diskutieren, wer wen spielen soll / darf. Wie das mit dem Wolfsgeheul ist. Ob das so kommen soll, dass sich die Zuschauer:innen fürchten oder gar, dass sie bitten, das Heulen zu wiederholen…

Ein etwas ungewöhnlicher Einstieg für das folgende Theaterstück. Natürlich war von Anfang an klar, wer wen spielt, aber so manche Überlegungen bei der Entstehung eines Stückes wurden dabei transparent. Warum sollte nicht auch ein Mann (Roland Schumacher) eine Frau spielen, oder ist die Jugend der Schauspielerin (Ninon Perez) vielleicht sogar ein Hindernis, die junge Hannah zu spielen – weil sie dann weniger spielt als in der Tat noch (fast) ein Mädchen ist?

Das Theater Agora aus der Region der deutschsprachigen Minderheit in Belgien spielte „Hannah Arendt auf der Bühne“ für vor allem Jugendliche des anderntags folgenden Lehrlingsparlaments.

Illustriertes Buch als Basis

Basis für das Stück war/ist das gleichnamige bebilderte Buch von Marion Muller-Colard (Text, deutschsprachige Übersetzung aus dem französischen Original: Thomas Laugstien) und Clémence Pollet (Illustration) – Buchbesprechung am Ende dieses Absatzes verlinkt.

Am letzten Tag im Leben der kritischen Philosophin und Politikwissenschafterin (4. Dezember 1975 in New York) lassen Buch – und Stück – ein junges Mädchen namens Hannah auftauchen. Im philosophischen Diskurs zwischen den beiden und den Szenen, die sie spielen nachdem sie auf eine Theaterbühne gegangen sind, wird Hanna Arendts (gespielt von Karen Bentfeld) Denken – und Handeln, das ihr genauso wichtig war – sicht- und spürbar – Stück-Idee: Sascha Walters, Text: Ania Michaelis, die auch Regie führte, und Felix Ensslin.

Große und kleine Hannah und dem Fuchs als Symbol für jene, die sich zurückziehn und nicht einmischen wollen
Große und kleine Hannah und dem Fuchs als Symbol für jene, die sich zurückziehn und nicht einmischen wollen

Warum nur Männer auf der Agora?

Was das Theaterstück mehr bietet als das Buch ist einerseits das Live-Erlebnis samt wunderbar eingebauter Musik (Wellington Barros), die Teil des Geschehens wird, indem sie Stimmungen und Atmosphären nicht nur unter„malt“, sondern oft auch erst erzeugt. Und andererseits Ergänzungen, die die erzählte/gespielte Geschichte gegenüber dem Buch erweitern. Zunächst einmal fragt das Mädchen Hannah das Selbstverständlichste: Was ist auf der griechischen Agora mit den Frauen und den Kindern, wieso fehlen sie, warum reden und entscheiden nur Männer?

Alle können Wölfe werden

In dem Theaterstück von Agora – nicht in jenem im Buch – werden übrigens in einer Szene alle Spieler:innen zu Wölfen, stülpen sich die entsprechenden Masken (Céline Leuchter, die auch für Szenografie und Live-Technik zuständig ist und zeitweise mitspielt) über die Köpfe. Das könnte als Anspielung an den Gedanken gesehen werden, dass durchaus jede und jeder zur/zum Bösen werden könnte. Auch mit feinem Anzug und sogar vordergründig gesittetem Benehmen können Feinde der Demokratie ins Herz derselben stoßen – insofern auch ein sehr aktuelles Stück.

Als – nach dem Krieg – angeklagte Wölfe bringen sie eine Vielzahl von Ausflüchten, einige mehr als im Buch, alle aber laufen darauf hinaus, „nur“ den Befehlen von oben gehorcht zu haben, eigenständiges Denken oder gar Handeln – keine Spur.

Es war/ist mehr möglich

Keine Spur? Erfreulicherweise wird aber auch von Roland Schumacher ein Gegenbeispiel erzählt. Mit den Worten „ich steige hier aus“, schlüpft er aus seiner Rolle und schildert den Fall, dass ein Einwohner in der Gegend, aus der er selber kommt, in der Nazizeit einerseits Mitglied der mit den Nazis verbündeten „heimattreuen Front“ war, aber andererseits ein jüdisches Kind gerettet hat. Ein Beispiel dafür, dass der Sager davon, man hätte nicht anders handeln können, eine Ausrede ist – anderes Handeln war doch möglich – auch wenn es riskant bis lebensgefährlich war.

Demokratie immer wieder erkämpfen

Mit den genannten und noch vielen weiteren Szenen – nicht zuletzt um/mit dem Kuscheltier-Fuchs – dreht sich Stück (wie Buch) um Hanna Arendts ständige Auseinandersetzung mit Tendenzen und Ausprägungen von autoritären Strukturen, diktatorischer Herrschaft und dem Gegensatz dazu, dem erforderlichen ständigen Kampf um Demokratie, Diskussion. Nicht zuletzt auch mit sich selbst:
Große Hannah: „Ich bin nicht immer meiner Meinung.“
Kleine Hannah: „Aber – du bist doch du!“
Große Hannah: „Ja, und ich bin die geworden, die ich bin.“

Und noch lange nicht am Ende. Auch wenn ihr Leben an diesem 4. Dezember 1975 endete – sie lebt weiter – in ihren Schriften, Gedanken, die von anderen weitergetragen wurden und werden, nicht zuletzt der „kleinen“ Hannah – und dem Palindrom dieses Namens. „Ein Vorname, den man von links nach rechts und von rechts nach links lesen kann. Wenn ihr wieder angekommen seid beim ersten H, könnt ihr wieder anfangen zu lesen bis zum letzten H. Und so weiter, bis ihr nicht mehr wisst, ob nicht das Ende ein neuer Anfang ist.“

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Fürs Publikum suboptimal

Technisch vielleicht der optimale Raum im Parlament, ist er doch fürs Publikum nicht ideal, weil es keine Tribüne gibt und die Zuschauer:innen in den hinteren Reihen manches nicht gut sehen konnten/können. Auch das – und offenbar kam Vorbereitung – sorgten für doch einigermaßen Unruhe. Gebannt und konzentriert wurde es in jener Szene, als neu Wolfs-Herrscher die anderen autoritär zu „Juden!“ erklärten und sie damit sozusagen zum Abschuss freigaben.

Elise Richter

Die Bühne war aufgebaut im „Lokal 2“, einem Veranstaltungssaal im Parlament, das nach Elise Richter (1865 – 1943) benannt ist. Sie war die erste Frau, die sich an der Universität Wien zur Uni-Professorin habilitiert hatte. Die Unterstützerin der österreichischen Version der Diktatur (Austrofaschismus) wurde als Jüdin gemeinsam mit ihrer Schwester von den Nazis 1942 ins Ghetto Theresienstadt (eine Form der Nazi-Konzentrationslager) zwangsverschickt, wo sie im Jahr darauf zu Tode kam.

Käthe Sasso

Übrigens: Die Aufführung fand zufällig an jenem Tag statt, an dem bekannt wurde, dass am Vortag die bekannte österreichische Widerstandskämpferin Käthe Sasso (geborene Smudits) im Alter von 98 Jahren gestorben war. Smudits wurde als 16-Jährige von der Gestapo (Geheime StaatsPolizei) der Nazis erstmals gefangen genommen, landete später im Konzentrationslager Ravensbrück und überlebte den „Todesmarsch“ in ein weiteres KZ (Bergen-Belsen) knapp vor Ende der faschistischen Diktatur und des zweiten Weltkrieges. Als Zeitzeugin trat sie unermüdlich in Schulen und Diskussionen mit Jugendlichen auf.

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Doppelseite aus "Hannah Arendt auf der Bühne"

Hannah trifft Hannah, sie gehen ins Theater und die Geschichte geht weiter…

„Wann werde ich hinter dieses Buch endlich einen Schlusspunkt setzen?“ Hannah Arendt will an diesem 4. Dezember 1975 ihr Buch „Vom Leben des Geistes“ fertig schreiben.

Da blickt ihr aus dem Spiegel ein kleines Mädchen entgegen. Irgendwie kommt ihr dieses Gesicht bekannt vor. Und die schreibt ihren Namen auf die Glasfläche: Hannah.

Aber mehr noch, diese junge Hannah taucht plötzlich an der alten Hannahs Schreibmaschine auf, tritt mit ihr in Dialog, zeigt sich enttäuscht, dass ihr die 69-Jährige verklickert, dass sie keine Geschichte schreibt, sondern „Es ist ein Buch über… naja über den Sinn der Worte.“
„Hast du dir die Worte ausgedacht?“
… „… ich denke mir doch keine Worte aus! Ich bin eine praktische Denkerin und keine, die sich in ihrem Bau verkriecht.“

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Hannah Arendt auf der Bühne“

Menschliche Gesetze

Von diesem philosophischen Gespräch über Worte und Gedanken ausgehend kommt eine Art Fabel ins Spiel vom Fuchs – die junge Hannah hat ein solches Kuscheltier in den Armen – und dem bösen Wolf. Der will sich nicht an eines der allerersten Gesetze der Menschheit halten, nicht zu töten.

Und weil die ältere Hannah ohnehin nicht zum Schreiben kommt, will sie – mit ihrem plötzlich aufgetauchten jüngeren Art Ebenbild, das sich sturköpfig nicht so leicht mit Antworten zufriedengibt, handeln. Sie gehen ins Theater, betreten die Bühne, beginnen zu spielen. Treffen dort die lebendig gewordene Figur des antiken griechischen Philosophen Aristoteles. Sie landen auf der Agora, dem zentralen Platz, auf dem die freien Menschen – damals allerdings nur Männer und auch noch lange nicht alle – frei diskutieren und entscheiden, was Gesetz werden soll.

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Hannah Arendt auf der Bühne“

Den bösen Wolf haben sie aus der Öffentlichkeit verbannt. Die junge Hannah aber stellt die Frage „Und wer wird den Wolf zähmen?“

Die Agora wird von wenigen mit eigenen Häusern in Besitz genommen, Streit bricht aus, Zerstörung, Rauch steigt auf, die beiden Hannahs flüchten in den Wald, in den Fuchsbau, der sich als Falle herausstellt, sie finden wieder raus und kommen in noch größere Gefahr: Eine Lichtung mit Schreibtischtätern, die Hannah und vielen anderen Hannahs Abzeichen an den Mantel heften…

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Hannah Arendt auf der Bühne“

Der Wolf trägt inzwischen Anzug… Und nach dem Ende seiner Herrschaft mit dem neuen Gesetz „Du sollst töten“ werden die Schreibtischtäter später sagen „aber ich hatte keine Wahl. Ich hab nur den schlechten Gesetzen gehorcht.“

Gegen Ende des Stücks, das sie auf der Bühne spielen, lächelt die alte Hannah „Ich behalte den Glauben an das Unvorhersehbare… und vor allem … an dich! Was meinst du, was gibt der Welt die Möglichkeit des ständigen Neuanfangs?“
Das Mädchen denkt nach. Dann leuchten seine Augen auf: Die Kinder!“
„Genau! Dass immer wieder Fremde zur Welt kommen, die es anders machen. Solange es nur reizende Kinder sind, die ihren eigenen Dickkopf haben… ich brauche dich, damit die Geschichte weitergeht.“

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Hannah Arendt auf der Bühne“

Alles an einem Tag

Das alles und noch viel mehr spielt sich in diesem – im Französischen Original von Marion Muller-Colard verfassten Buch ab (Übersetzung ins Deutsche: Thomas Laugstien). Clémende Pollet illustrierte die doppelbödige Geschichte in gezeichneten Bildern, von denen viele an Collagen, andere an Linol- oder Holzschnitt-Drucke erinnern.

Das Buch baut in die vordergründige Geschichte viele der Elemente von Hannah Arendts Denken ebenso ein wie Erfahrungen aus der Geschichte mit dem Faschismus. Die 60 Seiten laufen am letzten Tag im Leben der großen Philosophin ab, Autorin, scharfsinnige Kritikerin autoritärer Herrschaften wie insbesondere des deutschen Nationalsozialismus, vor dem sie als Jüdin flüchten musste und konnte – zunächst nach Frankreich und als dieses auch besetzt wurde, knapp aber doch in die USA.

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Hannah Arendt auf der Bühne“

Allgemeine Lehren

Und trotz der konkreten historischen Verortung schafft es das Buch – wie Hannah Arendts Denken – allgemeingültige und damit leider zeitlose – Prinzipien herauszuarbeiten und oft in knappe Sätze zu packen.

In jener Passage, nachdem Hannah das Abzeichen (unschwer für den Judenstern) von Schreibtischtätern verpasst wurde, die beiden Hannahs flüchten, sich hinter einem Baum verstecken, fragt die junge Hannah die alte: „Wollen sie uns töten?“ – „Noch schlimmer, meine kleine Hannah. Sie schaffen das Prinzip der Menschlichkeit ab. So gründlich, dass sie selbst nicht mehr menschlich sind.“

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Titelseite des illustrierten Buches
Titelseite des illustrierten Buches „Hannah Arendt auf der Bühne“
Die Titelseiten der vier Preisbücher - in alphabetischer Reihenfolge ihrer Autor:innen; plus das grafische Makottchen des Preises

Sieben mal sieben, Nicht-Märchen, Tierfiguren-Gedichte und sprachspielerisches Überlebensroman

Nach mehreren Jahren im steirischen Gleisdorf werden nun ebenfalls seit einigen Jahren schon die österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreise in Eisenstadt vergeben. Diese Woche ist es so weit – am 18. April steigt die Verleihung der vier Hauptreise sowie von sechs weiteren Auszeichnungen für Bücher, die in die Kollektion zu diesem Staatspreis aufgenommen werden.

Für den diesjährigen Preis – der seit 1955 vergeben wird – wurden 75 Bücher aus 30 Verlagen eingereicht. Die Jury – Severin Filek, Heidi Lexe, Klaus Nowak, Simone Weiss und Elisabeth Wildberger – traf folgende Auswahl; die meisten Bücher wurden hier auf Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… schon besprochen – die Rezensionen sind gleich beim jeweiligen Preis-Buch verlinkt; die fehlenden Rezensionen folgen demnächst.

Im Folgenden die preisgekrönten Bücher und ihre Schöpfer:innen (in jeweils alphabetischer Reihenfolge):

Die vier Hauptpreise

Lilly Axster: Ich sage Hallo und dann NICHTS, Tyrolia Verlag 2023

Michael Hammerschmid: stopptanzstill! Wiener Tier Figuren Gedichte, Picus Verlag 2023

Petra Piuk, Gemma Palacio: Josch, der Froschkönig. Ein Nicht-Märchen, Leykam Verlag 2023

Linda Wolfsgruber: sieben. die schöpfung, Tyrolia Verlag 2023

Die sechs Bücher der Kollektion

Andrea Grill, Sandra Neuditschko: Bio-Diversi-Was? Reise in die fantastische Welt der Artenvielfalt, Leykam Verlag 2023

Alexandra Holmes: Einfach mehr Luft, Jungbrunnen Verlag 2023

Irmgard Kramer, Florentine Prechtel: Ida Butterblum und die Tür nach Anderswo, Arena Verlag 2023

Nils Mohl, Katharina Greve: Tierische Außenseiter, Tyrolia Verlag 2023

Julya Rabinowich: Der Geruch von Ruß und Rosen, Hanser Verlag 2023

Franz Suess: In den Taschen des schönen Herrn Tag, Luftschacht Verlag 2023

Junge Talente und bewährte Künstler:innen

„Auch heuer zeigt sich wieder, wieviel sich in der österreichischen Kinder- und Jugendliteratur tut. Nicht nur gibt es neue Verlage und frisch eingerichtete Verlagsprogramme, es gibt auch eine Fülle junger Talente, die sich auf höchstem Niveau schreibend und illustrierend der Kinder- und Jugendliteratur widmen“, kommentierte Kunst- und Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer die Jury-Ergebnisse. „Und dann gibt es die bewährten und etablierten Künstler:innen, die wieder einmal zeigen, was alles an Themen, Sujets und Schreib- und Illustrationsstilen in dieser Kunstform möglich ist, beginnend bei der wundervollen Neuinterpretation des biblischen Schöpfungsmythos von Linda Wolfsgruber bis hin zu Lilly Axsters intensivem und hochaktuellem Jugendroman Ich sage Hallo und dann NICHTS.“

Lesungen und Bücherkoffer

Außerdem finden in und rund um die burgenländische Hauptstadt Lesungen und Workshops in Schulen mit einigen der ausgezeichneten Künstler:innen statt. Darüberhinaus bietet der Österreichische Buchklub der Jugend allen Schulen bundesweit Bücherkoffer – mit allen zehn prämierten Büchern sowie darauf abgestimmten Unterrichtsmaterialien – an.

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lesefest.at -> oesterreichischer-kinder-und-jugendbuchpreis.html

buchklub -> buecherkoffer

Szenenfoto aus "Das Licht der Welt" im Burgtheater-Vestibül (Wien)

Wie für Klimaschutz kämpfen und miteinander umgehen

Vordergründig dreht sich „Das Licht der Welt“ von Raphaela Bardutzky, seit Kurzem im Vestibül des Wiener Burgtheaters (Regie: Maximilian Pellert), um Jugendliche, die sich aktionistisch, intensiv und mit vollem Körpereinsatz für Klimaschutz engagieren. Die Autorin griff für das Stück auf Recherchen rund um die mehrjährigen Besetzungen im deutschen vormaligen Braunkohle-Revier Lützerath bzw. Hambacher Forst zurück.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Das Licht der Welt“ im Burgtheater-Vestibül (Wien)

Die polizeiliche Räumung „Lützis“ im Vorjahr (ein Jahr nach der Uraufführung des Stücks beim Remmidemmi-Festival in Heidelberg) wird im Foyer des Vestibüls sozusagen vor Stückbeginn vorweggenommen. Ein „Polizist“ (Finn Seeger) herrscht die Wartenden an, die „Versammlung aufzulösen, zitiert Paragraphen – die nicht den echten entsprechen. Erst nach dem sehr offensichtlichen Auftakt, der sozusagen der theatralisch die Wartezeit aufs Stück überbrückt, geht’s auf in den kleinen Theatersaal.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Das Licht der Welt“ im Burgtheater-Vestibül (Wien)

Klimaschutz und Solidarität

Da steht zuerst einsam vor einem Vorhang und einem auf dem Boden liegenden gefällten Baumstamm (Bühne: Katharina Grof) „Rabe“ – alle Aktivist:innen tragen teils tierische Tarnnamen. Sie ist neu, hat vor, sich der Aktion anzuschließen, scheint sich (noch) nicht ganz sicher zu sein. Bei der Premiere wurde sie von Pauline Poldmaa gespielt. (Diese und zwei weitere Rollen sind alternierend besetzt.)

Von „Keks“ (Antonia Brandl bei der Premiere), Fuchur (Flora Menslin), Fox (Alice Bergoend, die durchgängig englisch spricht, die anderen switchen oft zwischen Deutsch und Englisch) und Gandalf (Marcos Fernandez am Premierenabend) erfährt und lernt sie technisches Rüstzeug fürs Baumhaus-Bauen, aber noch viel mehr die Regeln des Protest-Camps. Diese reichen von antirassistisch über alles Teilen bis zum etwas überraschenden drogenfrei. Sie sind vor allem gekennzeichnet von solidarischem Miteinander, aber auch von einer gewissen Kontroll-Tendenz sowie leicht esoterisch angehauchten Sinnsprüchen wie „Die Wahrheit liegt im Blumenkohl“.

Um kollektiven Regeln des Zusammenlebens geht’s in dem Stück hintergründig mindestens genauso wie um Umwelt- und Klimaschutz. Letzterer wird noch durch den Auftritt eines Schauspielers im Kostüm eines Eisbären (Kostüme: Emma Ursula Ludwig), dem Symbol fürs Wegschmelzen des Polar-Eises und bei vielen Klima-Aktionen im Einsatz, unterstrichen. Diskussionen wie politisch das Private ist gab’s übrigens schon vor einem halben Jahrhundert in der 68er-Bewegung, wo allerdings vieles – etwa Gleichberechtigung – mehr auf der verbalen Ebene hängen geblieben ist.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Das Licht der Welt“ im Burgtheater-Vestibül (Wien)

Spannungs-Element

„Natürlich“ braucht’s einen spannenden Knack- oder Kipp-Punkt. Und der ergibt sich weder aus der zu großen Erderwärmung noch aus dem Polizei-Einsatz, sondern daraus, dass „Rabe“ und der einzige Aktivist mit (s)einem Vornamen, Louis (Thaddeus Tirone) miteinander schlafen, bevor er weiterzieht. Sie wird schwanger.
Und so ergibt sich ein spannungsgeladenes Thema: In diese Welt einen neuen Menschen setzen, die/der Tonnen von CO2 verbraucht? Also, sicher nicht. Aber ist diese Erklärung wirklich die einzige. Was (nicht nur) Rabe – und ihre Mit-Besetzer:innen – echt nervt, ist das Wieder-Auftauchen von Louis und seine Ansprüche an das mögliche künftige Kind. Dieser Konflikt nimmt breiten Raum ein – personalisiert jedoch die beiden gegensätzlichen Standpunkte in die doch unter jungen Leuten breit diskutierte Frage, Kinder in diese Welt setzen oder nicht, die sich auch in etlichen Theaterstücken schon niedergeschlagen hat.

Eingebaut ins Stück sind Musiknummern – von Klassikern der Protestkultur bis zu Neuem vom jungen österreichischen Shooting-Star Oskar Haag).

Konfetti statt Klebe-Aktion

Übrigens: Am Tag nach der Premiere ließen Klima-Aktivist:innen der „Letzten Generation“ mit einer neuartigen Aktion aufhorchen: Bei einem Open-Air-Konzert von Andreas Gabalier im Tiroler Ischgl eroberten einige kurzzeitig die Bühne und streuten bunte Konfetti ins Publikum, wo andere kurz Plakate hochhalten konnten.

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Szenenfoto von "Die Geggis" nach Mira Lobe vom Theater Asou aus Graz

Sumpf gegen Berg – ach wie blöd sind doch die Vorurteile

Für jene – wahrscheinlich wie bei der Premiere der jetzigen Wien-Serie – ganz wenigen, die die Geschichte nicht kennen, hier kürzest zusammengefasst: Die grünen Geggis leben im Sumpf, die roten auf den Bergen. Sie sind – seit „ewig“ verfeindet. Bei beiden gibt es je ein neugieriges Kind: Gil bzw. Rokko (die Anfangsbuchstaben der Farben!) und diese treffen zufällig aufeinander, beschimpfen sich, wie sie’s gelernt haben, kommen im Kampf aber drauf, stinken nicht und sind auch nicht blöd. Verkleidet als die/der andere gehen sie zu ihrem „Stamm“, um ihre Erkenntnisse zu verbreiten.

Szenenfoto von
Szenenfoto von „Die Geggis“ nach Mira Lobe vom Theater Asou aus Graz

Kürzest: Die Story

Wie auch das Schmetterlinge-Kindertheater wendet Theater Asou in der Inszenierung den Trick an, dass die Darstellerin des verbohrten Sumpf-Geggi-Onkels Babo den kletternden Berg-Geggi Rokko spielt (Birgit Unger). Und wechselseitig schlüpft Ursula Litschauer sowohl in die Rolle des neugierigen Sumpf-Geggi-Kindes Gil (hier wie Chill ausgesprochen) sowie der schimpfenden Berg-Geggi-Tante Odumei. Deren rot-weiß-kariertes Kostüm (Katharina Krois, Barbara Häusl) nimmt übrigens Anleihe bei dem vielleicht noch bekannteren Mira-Lobe-Bilderbuch „Das kleine Ich Bin Ich“.

Szenenfoto von
Szenenfoto von „Die Geggis“ nach Mira Lobe vom Theater Asou aus Graz

„Theater Asou“ hat für seine verspielte, rhythmische Version mit einiger Live-Musik (Gitarre, Melodica, Pfeiferln, Percussion: Ursula Urban) eine kurze Vorgeschichte erfunden: Tante Odumei und Onkel Babo waren – wie alle anderen Geggis – ursprünglich schon alle befreundet. Ein nichtiger Anlass hätte zum Streit und zur Feindschaft geführt…

Szenenfoto von
Szenenfoto von „Die Geggis“ nach Mira Lobe vom Theater Asou aus Graz

Viele Einfälle

Dass Leitern die Berge der kraxelnden roten Geggis darstellen, ist fast „aufgelegt“, aber Sumpf und See als Luftballone auf Steckerln in verschiedensten Blau- und Grün-Tönen, zwischen denen die Spielerinnen auch eintauchen können, ist ein gelungener Bühnenbild-Einfall (Christian Heuegger) wie auch die klingende Hutblume, die die singende Erzählerin über der Sumpf-Geggin schweben lässt, weshalb die ja doch hinaufklettern will. Und erst der Mond als leuchtender großer kugelrunder Lampion, der auch einige „aaahs“ und „oooohs“ im Publikum auslöst. Apropos Publikum: Sonniger, sehr warmer Sonntagvormittag – und die Hütte war voll! Rokko und Gil auf ihrer Entdeckungstour wandern auch hinein auf die Tribüne der Zuschauer:innen und entdecken dort Grottenolme, Fledermäuse und Uhus.

Nicht unerwähnt sie die Szene des heftigen Streits der beiden jungen Geggis in Zeitlupe, die damit den Kampf zur Karikatur werden lassen.

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Szenenfoto von
Szenenfoto von „Die Geggis“ nach Mira Lobe vom Theater Asou aus Graz
Kinder- und Familienkonzert mit Rina Kaçinari, Sakîna Têyna und Özlem Bulut im Stand 129 auf dem Viktor-Adler-Markt in Wien-Favoriten (10. Bezirk)

LaLaLa-Konzert: Türkische, kurdische, albanische Lieder und das bekannte La-Le-Lu…

Obst, Gemüse, Pistazien, Süßspeisen, Fleisch, aber auch Blumen, Taschen, Lokale und am äußersten Ende des Marktes auch viele Stände mit Gewand. Das ist bei vielen Märkten so. Der Viktor-Adler-Markt in Wien-Favoriten (10. Bezirk) hat aber auch wie der Brunnenmarkt in Ottakring einen ganz besonderen Stand. Ist es im 16. Bezirk die große zur Brunnenpassage umgebaute Halle, so in Favoriten Stand 129, in dem – auf kleinerem Raum – ebenfalls viel Kultur stattfindet.

Kinder- und Familienkonzert mit Rina Kaçinari, Sakîna Têyna und Özlem Bulut im Stand 129 auf dem Viktor-Adler-Markt in Wien-Favoriten (10. Bezirk)
Kinder- und Familienkonzert mit Rina Kaçinari, Sakîna Têyna und Özlem Bulut im Stand 129 auf dem Viktor-Adler-Markt in Wien-Favoriten (10. Bezirk)

Mitte April lud die Initiative „Kulturen in Bewegung“ zu einem der „LaLaLa – Überall Musik!“ Kinderkonzerte für die ganze Familie. Dieses Mal gab’s eine Premiere. Noch nie zuvor waren die drei in Wien lebenden Musikerinnen Rina Kaçinari, Sakîna Têyna und Özlem Bulut gemeinsam aufgetreten. Sie hatten ein rund einstündiges Programm zusammengestellt, bei dem sie immer wieder Kinder zum Mitsingen und -Tanzen animierten. Die sehr junge Zeynep, ein wahres Springinkerl tat dies fast von Anfang an von sich aus – mit den ersten Tönen der Musikerinnen.

Kinder- und Familienkonzert mit Rina Kaçinari, Sakîna Têyna und Özlem Bulut im Stand 129 auf dem Viktor-Adler-Markt in Wien-Favoriten (10. Bezirk)
Kinder- und Familienkonzert mit Rina Kaçinari, Sakîna Têyna und Özlem Bulut im Stand 129 auf dem Viktor-Adler-Markt in Wien-Favoriten (10. Bezirk)

Rina Kaçinari am Cello, Özlem Bulut mit Gitarre und manches Mal Cachon sowie Sakîna Têyna mit ihrer umwerfenden Stimme sangen und spielten Lieder aus ihren Herkunftsregionen – Kosovo, Türkei bzw. in der Kurd:innen-Region der Türkei – aber auch Selbst-Komponiertes. Und so erklangen Lieder auf Albanisch, Türkisch und Kurmandscho

Kinder- und Familienkonzert mit Rina Kaçinari, Sakîna Têyna und Özlem Bulut im Stand 129 auf dem Viktor-Adler-Markt in Wien-Favoriten (10. Bezirk)
Kinder- und Familienkonzert mit Rina Kaçinari, Sakîna Têyna und Özlem Bulut im Stand 129 auf dem Viktor-Adler-Markt in Wien-Favoriten (10. Bezirk)

Zum Drüberstreuen lud das Trio alle Kinder und ihre erwachsenen Begleitpersonen auch noch zum bekannten deutschsprachigen Gute-Nacht-Lied „La – Le -Lu, nur der Mann im Mond schaut zu…“ ein. Was Noah, der sich bei manchen Liedern das Mikrofon mit seinem Mutter Özlem teilte, zu Beginn zur Bemerkung veranlasste, dass jetzt ja noch gar nicht Abend sei, dann aber doch auch eifrig miteinstimmte.

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kultureninbewegung -> lalala-ueberall-musik

Autor Heinz Janisch bei seiner Laudatio für die "Luftsprung"-Schoko-Texte

Kinderliteratur-„Nobel“- und Nöstlinger-Preis für poetischen Fantasie-Raumgeber

„Heinz Janisch, der bereits alle wichtigen Kinder- und Jugendliteraturpreise in Österreich und Deutschland erhalten hat, ist in den Olymp der Kinder- und Jugendliteratur aufgenommen worden: Er wird mit dem Hans-Christian-Andersen-Preis 2024 gewürdigt. Der sensible Erzähler, der sich wie kein anderer auf die Kunst des Weglassens und die Poetik der Vieldeutigkeit versteht, begeistert seit Ende der 1980er Jahre junge Leser:innen und erwachsene Vorleser:innen mit Büchern, die Mut machen, Selbstvertrauen geben und die Phantasie schweifen lassen“, gratulierte Kunst- und Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer dem Autor „sehr herzlich zum Nobelpreis für Kinder- und Jugendliteratur“.

Der Preis, der nach dem bekannten dänischen Dichter (1805–1875) von Märchen wie „Des Kaisers neue Kleider“ oder „Das hässliche Entlein“ und Dutzenden anderen benannt ist, wird nur alle zwei Jahre vom International Board on Books for Young People (IBBY) vergeben. Ausgezeichnet wird jeweils ein:e Autor:in sowie ein:e Illustrator:in. Neben Heinz Janisch wurde in diesem Jahr – bei der Internationale Kinderbuchmesse Bologna (Italien) vergeben; sie ist die weltweit größte Messe für Bilder-, Kinder- und Jugendbücher – der kanadische Illustrator Sydney Smith ausgezeichnet.

Raum für Fantasie der Leser:innen

In der Jurybegründung für die Wahl von Heinz Janisch heißt es untern anderem: „Janisch ist ein Meister der Kurzgeschichte, die der Fantasie des Lesers Raum lässt. Obwohl viele seiner Werke humorvoll, manchmal sogar absurd sind, weist sein Schreiben ein philosophisches Element auf, das seinen Büchern oft Tiefe verleiht. Seine einfachen Texte sind aussagekräftig und das Sprichwort „Weniger ist mehr“ lässt sich auf den Autorensieger 2024 übertragen. Sein Schreiben ist universell und spricht Kinder und Jugendliche überall an. Darüber hinaus leistet er einen enormen Beitrag zur Literatur, nicht nur durch sein Schreiben, sondern auch durch seine zahlreichen Lesungen, Workshops zum literarischen und kreativen Schreiben für Kinder und Erwachsene, darunter auch kreative Workshops für behinderte junge Künstler. Janischs Schreiben ist nuanciert und vielschichtig, macht es universell und gleichzeitig erhebend.“

Nöstlinger-Preis

Der nach der wohl bekanntesten österreichischen Kinderbuchautorin benannte Christine-Nöstlinger-Preis geht in diesem Jahr ebenfalls an Heinz Janisch. Der 64-jährige gebürtige Burgenländer arbeitet als Hörfunk-Journalist und Autor. Viele seiner Bücher wurden mit verschiedensten preisen, mehrmals auch dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis gewürdigt. Eine seiner Spezialitäten ist Lyrik (nicht nur) für Kinder.

Der Preis wird von der Stadt Wien Kultur, Christine Nöstlingers Buchstabenfabrik und dem Hauptverband des Österreichischen Buchhandels gemeinsam verliehen. Und „zeichnet Menschen aus, die Kindern und all jenen, die sonst nicht gehört werden, eine Stimme geben, ihre Perspektive einnehmen und so einen kleinen Beitrag leisten, deren Leben ein Stück gerechter zu gestalten“, wie es in den Kriterien heißt.

Zeitlose Themen

Christiana Nöstlinger und Barbara Waldschütz, die Töchter von Christine Nöstlinger, gratulieren wie folgt zum Christine-Nöstlinger-Preises 2024. „Heinz Janisch hat seit den späten 1980er-Jahren eine Vielzahl von Werken veröffentlicht, die zeitlose Themen nicht nur – aber auch – aus der Welt der Kinder behandeln: Die Suche nach Zugehörigkeit und Glück, die Bedeutung von Freundschaft, Angst, Mut und das Bedürfnis nach Schutz. Die Vielfalt der Sprache bewusst zu machen und die Neugier am Lesen zu wecken, ist dem Autor ein besonderes Anliegen.

Ehrlich, kritisch, herzlich, direkt

Er selbst sagt dazu: „Immer, wenn ich ein Buch von Christine Nöstlinger lese, möchte ich den Kindern, die vorkommen die Hand schütteln – weil sie so grad und ehrlich, so offen und unverstellt durchs Leben gehen. Sie haben es oft nicht leicht, aber sie wissen sich zu wehren. Und sie verbiegen sich nicht. Genau so habe ich auch Christine Nöstlinger in Gesprächen erlebt – ehrlich und kritisch, herzlich und direkt. Da wurde nichts beschönigt. Ich hatte immer großen Respekt vor ihr. Ein Lob von ihr war wie ein Ritterschlag.“

Follow@kiJuKUheinz

ibby.org -> hans-christian-andersen-awards-2024

Bücher.at -> Auszeichnungen -> Christine-Nöstlinger-Preis

heinz-janisch.com

Szenenfoto aus "Erbe" im Wiener Theater Nestroyhof / Hamakom

Auf dem geistigen Erbe herumtrampeln

Schon der Ort selbst eignet sich ideal für dieses „ausgegrabene“, lange in „Vergessenheit“ geratene und trotzdem leider immer noch kein rein historisches Stück. „Erbe“ von Dorothea Zeemann wird seit der Uraufführung am 11. April 2024 – bis 9. Mai – im Theater Nestroyhof / Hamakom als Eigenproduktion gespielt (Regie: Ingrid Lang). Das (Theater-)Haus selbst war auch „arisiert“, die feine Umschreibung von faktischer Enteignung jüdischer Besitzer:innen in den Anfangsjahren der Nazi-Herrschaft.

Rund um ein solches Haus spielt sich das fiktive Stück mit sehr vielen aus der Realität geholten Bezügen ab. Die idyllische Familienfoto-Szene der Reitknechts wird ge-crasht von Alfons Adler. Als US-Soldat half er mit, Österreich vom Faschismus zu befreien und kommt nun in das Haus seines Vaters, Alfred Adler (der reale Mann dieses Namens war Begründer der Individual-Psychologie).

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Erbe“ im Wiener Theater Nestroyhof / Hamakom

Fassade stürzt ein

Um einen „Pappenstiel“, ein Altwiener Ausdruck für ziemlich wenig Geld, wie es in Zeemanns Text heißt, hat Reitknecht dem Adler, der vor der aufkommenden Verfolgung durch die Nazis flüchten musste, das Haus „abgekauft“. Und seinen – die Geschichte ist trotz des realen Namens Adlers fiktiv – Lehrstuhl an der Uni übernommen.

Das Auftauchen von Alfons erzeugt Angst in der Familie Reitknecht. Der Alte (patriarchaler Herrscher, meist reicht seine eiserne Miene: Peter Strauss) sieht in den Juden „Ausländer“, Feinde, und seinen Besitz sowie den Lehrstuhl bedroht.

Die ältere Tochter Hedwig (kontrolliert und kontrollierend dennoch ständig voller Angst Theresa Martini), die einst mit Alfons ein Liebesverhältnis hatte, und nun verheiratet ist, sorgt sich um die Fassade der „heilen Familie“. Ihre Schwester Eva (meist unbeschwert lebenslustig Marie Cécile Nest) entpuppt sich schnell als Opportunistin, die schon gern Geschenke des Ami-Soldaten hätte. Und „vergnügt“ sich immer wieder mit Hedwigs kriegsversehrtem Ehemann (Lukas Haas) bzw. er mit ihr. Was Hedwig fast egal zu sein scheint, irgendwie hegt sie schon noch Gefühle für Alfons, die sie sich aber – meist – verbietet. Wobei Sohn Otto vielleicht ja…?

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Erbe“ im Wiener Theater Nestroyhof / Hamakom

Widerborstige

Zur Familie gehört eben dieser Sohn – das Stück spielt zu drei verschiedenen seiner Geburstage: dem siebenten im Jahr 1945, zehn Jahre später sowie 1960. Je älter, desto mehr stellt sich Otto (in einer eigenen Welt in der er – die Familie irritierende – neue Musik macht) gegen die „Idylle“. Den Opa, der nicht so, sondern nur Großvater genannt werden will, hasst er, die anderen schätzt er zunehmend weniger. Und freundet sich mit der Tochter des Nachbarn an. Diese Irmgard hat sich vom geistigen Erbe ihres Vaters, eines hohen Gestapo-Funktionärs, schon vor dessen Suizid distanziert und gegen die Nazi-ideologie gestellt. Sophie Kirsch, die diese freche, aufmüpfige, provokante junge Frau spielt, hat für das Stück auch einen eigenen sprach-experimentellen Zwischentext verfasst, den sie performt. Der erinnert an die – von Dorothea Zeemann sehr geförderte „Wiener Gruppe“, der unter anderem Franz Schuh angehörte, Gast bei der Premiere. Und er spricht jene Präambel zum Staatsvertrag an, die kurz vor der Unterzeichnung (15. Mai 1955) noch gestrichen wurde und in der Österreichs Mitverantwortung für die faschistische Diktatur und den folgenden zweiten Weltkrieg zur Sprache gekommen wäre.

Szenenfoto aus

Trotz alledem Hass-los vs. Hass

Dominik Raneburger als Alfons Adler will ja nicht einmal das ganze Haus zurück. Der Ariseur zum Enteigneten und Befreier: „Ihresgleichen hat immer eine dicke Haut gehabt.“
„Ach, das ist nicht dicke Haut, das ist der Versuch, immun zu sein in Ihrer Sphäre des Vorurteils und der dummen Gewalt“, kontert Alfons und fügt an: „Ich bin nicht ihr Gast hier. Es ist mein Haus und ich will ein Zimmer darin bewohnen. Jetzt seid ihr ja wieder in Ordnung, ihr lebt in guten Verhältnissen, nun will ich meinen Platz hier zurückhaben.“

Da funkt Hedwig dazwischen: „Zuerst unser Fest! Erst meine Torte! Es ist Ottos Geburtstag. Mutters Kleiner ist erst siebzehn. Halt, Ruhe, Alfi! Sei der Klügere, Alfi!“

Nicht einmal ein einziges Zimmer will ihm die Familie gewähren. Er, der als Befreier kam und hoffte hier wieder seine Heimat zu finden, lebt dann in den USA bzw. Israel – etwas das der alte Reitknecht, der nach zehn Jahren von den Behörden voll rehabilitiert wurde, sogar seine Bezüge nachbezahlt bekam, nicht einmal aussprechen will/kann.

Bücher

Adler, um Haus und Lehrstuhl betrogen, hat die Hoffnung fahren lassen, die Täter dazu bewegen zu können, ihr Unrecht einzusehen. Nie lässt die Figur und ihr Spieler auch nur einen Funken Hass aufblitzen, der durchaus verständlich wäre. Höchstens Enttäuschung. Werben um Verständnis setzt er dem ihm entgegenblitzenden Hass entgegen. Doch irgendwie sucht er doch noch nach seinen Wurzeln, begnügt sich am Ende, im dritten Akt 1960, nur mehr seine Bücher in die neue Heimat mitnehmen zu wollen.

Szenenfoto aus

Geistiges Erbe

Bücher, die das Fundament des gesamten Stückes bilden. Hunderte, schwarz an Buchdeckeln und Seitenrändern angemalte, auf den Boden geklebte, zusammengetackerte Bücher aus dem Hamakom-Keller, bilden die Spielfläche (Bühne und – in den drei Epochen wechselnde – Kostüme: Marie-Luise Lichtenthal). Auf denen alle immer sozusagen herumtrampeln, die sie aber auch mitunter gekonnt stolpern lassen, weil diese Bücher ungleich groß und dick sind. Ein wackeliges Fundament, auf dem sich die Enteigner:innen eingerichtet haben.

Zu Beginn verbergen große Planen ansatzweise den morbiden Charme der alten Theaterhauswände – notdürftig, denn die Folien sind bewusst durchscheinend. Mit Alfons‘ Auftauchen werden sie nach und nach heruntergerissen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Erbe“ im Wiener Theater Nestroyhof / Hamakom

Das Haus, sozusagen die „Geister“ seiner Geschichte zum Klingen bringt der Musiker und Otto-Darsteller Sixtus Preiss insbesondere gegen Ende, als er mit gedämpften Schlagwerk-Schlegeln, die metallene, verschnörkelte Balustrade im ersten Stock ebenso bespielt wie Wände, den Boden, Türen…

Nicht nur Wände, Türen, Boden und Musikinstrumente erklingen, sondern auch – den Zeiten der Szenen angepasst – technische Geräte; zuletzt erklingen aus einem alten Tonbandgerät Sätze von Theodor Adorno über die (Nicht-)Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit, wo Täter:innen sich selbst zu Opfern stilisierten und umgekehrt Opfern selbst die (Mit-)Verantwortung an ihrer Verfolgung gaben – aufgenommen von der Regisseurin des Stücks. Das Tonbandgerät hatte das Theater für Samuel Becketts „Das letzte Band“ besorgt und stand seither im Hamakom-Keller.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Erbe“ von Dorothea Zeemann im Theater im Nestroyhof /Hamakom (Wien)

Humor

Trotz des tiefernsten Plots schafft Zeemann schon mit ihrem Text und erst recht die Inszenierung samt Schauspiel sarkastisch humorvolle Momente ins Geschehen zu bringen. Ob es Sager der frechen Eva sind wie „Du bist gar nicht groß für einen siegreichen Soldaten“, mit der sie auf Alfons Spruch davon reagiert, dass sie ein großes Mädchen geworden sei oder situationskomische von Hedwig mit der sie durch Hinweis auf Braten oder Torte von der angespannten eisigen Atmosphäre ablenken will. Oder gar die fast karikaturhaft-clownesken Kleidungen und Aufmachungen (Maske: Beate Bayerl) in manchen Szenen.

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Szenenfoto aus Davor/Danach im Wiener Theater Spielraum

Vor und nach dramatischem Ende – zweite Chance für die Liebe?

Viel poetische Romantik versprüht schon das Ambiente von „Davor / Danach“, einem Experiment im 41. Jahr des kleinen, feinen, engagierten „Theaters Spielraum“ (seit 22 Jahren im ehemaligen Erika-Kino in der Wiener Kaiserstraße). Experiment, weil zum ersten Mal ein Musical gespielt wird. Mit viel Liebe, Wärme, aber auch so manchem Beziehungsstress und nicht selten auch Komik im Schauspiel und dem vollen, warmen, mitunter eben brüchigem, traurigem Klang in den Stimmen der beiden Protagonist:innen. Und vollem musicalischen Tönen des Live-Musik-Trios.

Szenenfoto aus Davor/Danach im Wiener Theater Spielraum
Szenenfoto aus Davor/Danach im Wiener Theater Spielraum

Ach ja, das Ambiente: Ein riesiger, einfacher Baum mit vielen kleinen Schwarz-Weiß-Zeichnungen auf seinem Stamm, den Ästen und sogar den Wurzeln (Bühne: Raoul Rettberg). Darunter bzw. dazwischen sitzen drei Musiker:innen, die die knapp mehr als zwei Stunden (eine Pause) live – Piano, Gitarre und Cello – spielen, und das schauspielende und singende Duo begleiten.

Szenenfoto aus Davor/Danach im Wiener Theater Spielraum
Szenenfoto aus Davor/Danach im Wiener Theater Spielraum

Jetzt und Einst – aber (noch) nicht für beide

„Davor / Danach“, vor zehn Jahren von zwei Briten für ein japanisches Theater geschrieben und komponiert, erzählt die Geschichte des Liebespaares Ami und Ben. Zu Beginn erleben wir sie, wie sie bei diesem Baum – auf einem Hügel mit Weitblick – aufeinander treffen. Sie erkennt ihn, für ihn ist sie eine neue Begegnung. Sie waren schon früher ein Paar, er hatte einen Autounfall mit nachfolgendem Gedächtnisverlust.

Das sagt sie ihm aber (noch und viel zu lange) nicht, weil sich eine neue Romanze auftut und sie Angst hat, die zerstören zu können durch die Erinnerung an früher. Dürfte – wird auch später gespielt und gesungen – nach intensiver Zweisamkeit schief gegangen sein. Das weiß das Publikum aber noch nicht die männliche Figur.

Szenenfoto aus Davor/Danach im Wiener Theater Spielraum
Szenenfoto aus Davor/Danach im Wiener Theater Spielraum

Schwarz-weiß vs. bunt

Immer wieder pendelt das Stück zwischen dem Jetzt, sozusagen dem Danach, und dem Davor, also der Vergangenheit. Der Einfachheit halber hat Anna Pollack Denise Jastraunig (Ami) und Florian Sebastian Fitz (Ben) fürs Davor schwarz-weiß gekleidet mit leichter Verwandelbarkeit in ein buntes Danach (ein blumenartig farbenprächtiger Wickelrock für sie und ein abendsonnenfärbiges Sakko für ihn. Die drei Musiker:innen sind in weiße Anzüge mit schwarzen Strichen – fast gezeichnet – gehüllt. Musikalische Leitung und Live-Piano: Bernhard Jaretz, an der Gitarre am Premieren-Abend Patrick Henriquez (der sich bei Vorstellungen mit Niko Georgiades abwechselt sowie Margarethe Vogler (Cello; die alternierend mit Maike Clemens streicht).

Farben bzw. keine auch in Teilen der Bühne. Der große, schräg an der Wan im Hintergrund hängende Bilderrahmen bleibt die gesamte Zeit leer, die Rahmen an den Seitenwänden sind eine Art Reminiszenz an den Suprematismus-Maler der sowjetischen Avantgarde Kasimir Malewitsch (weltberühmt für sein schwarzes bzw. weißes Quadrat). Auf den Stufen des Podests (Hügel) hängen an den Treppen ebenso wie auf dem Baum viele Schwarz-Weiß-Zeichnungen – vom schon genannten Bühnenbildner sowie der Assistentin für alle Bereiche, Alice Gonzalez-Martin.

Szenenfoto aus Davor/Danach im Wiener Theater Spielraum
Szenenfoto aus Davor/Danach im Wiener Theater Spielraum

Tiefe Emotionen

Der Hügel und der Baum waren übrigens DER Platz des Liebespaares im „Davor“. Sie eine starke Business-Frau, er ein unbekannter Maler mit Brot-Job als Kellner, unter anderem. Im Restaurant, wo er arbeitete und sie an ihrem Geburtstag versetzt wurde, kommen sie über ein Missgeschick einander nahe, danach immer näher, doch … – Details seien nicht gespoilert, auch wenn der Abend weniger von den durchaus spannenden Wendungen als von den tiefen gespielten und gesungenen Emotionen lebt. Und von dem Versuch einer Art zweiter Chance – mit unterschiedlichen Start-Positionen.

Das Originalkonzept, die Musik sowie die Songtexte stammen von Stuart Matthew Price, der sie im kapitelweisen Hin- und Herschicken mit Timothy Knapman (Buch und ergänzende Songtexte) vor rund zehn Jahren innerhalb weniger Wochen verfasst bzw. komponiert hatte. Für die – gerade angesichts von Songtexten nicht leichte – Übersetzung ins Deutsche sorgte Robert G. Neumayr, der auch Regie führte.

Szenenfoto aus Davor/Danach im Wiener Theater Spielraum
Szenenfoto aus Davor/Danach im Wiener Theater Spielraum

Rollen-Klischees

So gut gespielt – sowohl Musik als auch Schauspiel – und gesungen, so berührend die dargestellten Gefühls-Auf und Abs, so bleibt doch als bitterer Wermutstropfen sehr altbacken klischierte Frauen- bzw. Männer-Rollen. Der frei schwebende, Zeit und Raum vergessende, Künstler und die dienende, sich um alles aufopfernd kümmernde Frau. Im Davor handelt sie zunächst immer nach den Wünschen des Vaters – der sie via „Fernwartung“ zu allen Unzeiten am Handy dirigiert. Im Versuch sich aus dieser Umklammerung ein wenig zu befreien, landet sie in der Romanze und tiefen Liebe zu Ben. Obwohl sie Power ausstrahlt, ordnet sie sich dessen Zeit-Missmanagement unter.

Nach Trennung, seinem Unfall und der zufälligen Wieder-Begegnung, kämpft sie sanft darum, dass er wieder sein Gedächtnis findet, massiver dafür, dass er seine Bilder in ihrem nunmehrigen Geschäft, einer Galerie ausstellt…

In ähnlicher Struktur kracht’s wieder. Knapp vor dem Ende der Moment, wo er gehen will, weil er erkennt, ihr zu schaden. Das wäre ein schöner Schluss gewesen – beide gehen mit der Erinnerung sowohl in Herzen als auch in Hirnen an schöne Zeiten. Doch nein, ein klassisches „Happy End“, es wird wieder…

Szenenfoto aus Davor/Danach im Wiener Theater Spielraum
Szenenfoto aus Davor/Danach im Wiener Theater Spielraum

Der Autor …

… war bei der Premiere anwesend, der Komponist und Songtexter wird zu einer der letzten Wiener Aufführungen kommen. Timothy Knapman meinte nach der Premiere, es sei die beste Version ihres Stücks gewesen. „Und das sagen Sie, obwohl Sie ja gar nicht Deutsch verstehen?“, fragte Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… danach den Stück- und einige Songtexte-Schreiber. „Stimmt, aber am Ende hatte ich Tränen in den Augen“, verrät Knapman. Auf die Kritik an den klischierten Frau-Mann-Rollen meinte er: „Wir haben auch ein anderes Stück mit genderfluiden Rollen, aber hier wollten wir nicht Rollen schreiben, wie wir sie uns wünschen, sondern wie es sie noch immer gibt.“

Im Übrigen verriet er dem Journalisten, dass dieses Musical bisher viel öfter in anderen Ländern als in ihrer englischen Heimat gespielt worden ist. Fünf Jahre lief es in Japan, auch in den Niederlanden war es zu sehen, in England bisher nur ganz am Anfang wenige Male und während der Pandemie als aufgezeichneter Stream.

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Szenenfoto aus "PLEASE – Don’t shoot the Messenger"

Schlechte Nachrichten ausgelagert und geschönt verpackt

In Uniformen, die an Flugbegleiter:innen oder Raumfahrer:innen erinnern, tritt die Crew auf (Kostüm: Nadine Cobbina). Und stellt sich als Bot:innen heraus. Sie überbringen Nachrichten. Zwischen Raum und Zeit sozusagen. Mit Anklängen an antike Geschichten. Troja fällt mehrfach. Und indirekt auch im Titel, wurden Überbringer schlechter Nachrichten für diese selbst immer wieder bestraft, mitunter sogar getötet.
Die neuzeiltichen Bot:innen sind dafür immer in Eile, gehetzt zwischen da und dort, einst und jetzt.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „PLEASE – Don’t shoot the Messenger“

Zeynep Alan, Julia Pitsch, Morteza Tavakoli und Charlotte Zorell fassen in „PLEASE – Don’t shoot the Messenger“ im innerstädtischen Theater am Werk ihre Aufträge / Nachrichten bei einer Art von Satellitenschüsseln mit dicker Rohrleitung (Bühne: Markus Liszt, Daniela Schindler) aus. Nicht die allgemeinen Nachrichten, die Online, via TV, Radio oder gedruckt in Zeitungen erscheinen, sondern persönliche. Und da es sich stets um Bad News handelt, haben Menschen sie ausgelagert: An eine Agentur, die für Perfektion, Leidenschaft, Effektivität, Anfang, Sicherheit, Entkommen steht – was eben PLEASE ergibt. Wobei die Begriffe möglicherweise gesucht und gefunden wurden, um das englische Wort für Bitte aber ebenso für erfreuen oder zufrieden stellen zu ergeben.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „PLEASE – Don’t shoot the Messenger“

Agentur „verpackt“ Bad News

Ausgelagert wird ja vieles – Geschäftstüchtige können aus allem und jedem ein Business machen. Warum nicht auch für die Überbringung schlechter Botschaften? So das Konzept dieser Agentur. Die Mitarbeiter:innen perfektionieren die Verpackung übelster Mitteilungen in feine Worte – ob geschwollene Formulierungen oder vorgespielte Einfühlsamkeit. Vieles ist möglich. Ja sogar Umdeutungen – das zeigen literarische ebenso wie historische Beispiele. Vom „Wahrheitsministerium“ in George Orwells „1984“ bis zur realen Message Control des jungen Alt-Kanzlers reichen die Umdeutungen durch „Verpackung“ bzw. Herr-schaft des Marketings über den Inhalt.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „PLEASE – Don’t shoot the Messenger“

Verändern nicht überbrachte Nachrichten den Lauf der Geschichte?

In diesem Stück von diverCityLab – Text: Pau R. Bernat, Regie: Leonardo Raab; Dramaturgie: Aslı Kışlal, Anna Schober – geht’s um echte, schlechte Nachrichten, die einfach nur in verdaulicher Form an die Empfängerin/den Empfänger gebracht werden sollen. Doch was ist mit der Botin da rechts vorne? Die hat unter ihrer Empfangs-Schüssel eine versperrbare Lade. Heimlich. Klar, irgendwann fällt’s auf. Und die anderen drängen sie, das Versteck zu öffnen. Sie (Zeynep Alan) ließ Nachrichten verschwinden, die sie für zu unerträglich hielt. Da es sich letztlich doch nicht nur um individuelle Schicksalsschläge handelt – hätte das Nicht-Überbringen von Nachrichten den Lauf der Geschichte verändert? Schlimmeres verhindert? Eine Frage, die in den Raum geworfen – und nicht direkt adressiert, aber doch – ans Publikum weitergeleitet wird; sozusagen als Hausaufgabe.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „PLEASE – Don’t shoot the Messenger“

Schräge TV-Show

Dennoch werden die Zuschauer:innen damit nicht entlassen. Es folgt – ohne Pause – ein zweiter, recht schräger Teil, den Anillo Sürün, der von der künstlerischen Mitarbeit zum kurzzeitigen Schauspieler avancierte, einleitet. Vorbereitung für eine TV-Talk-Show mit dem programmatischen Titel „Hart, aber sehr“. Und hier ist sie die umwerfende… – Charlotte Zorell als überdrehte Charly Forelli, Moderatorin einer Art TV-Talkshow, macht eine Talk-Gästin, die ohnehin schon von schlechten Nachrichten depressiv ist, vor fiktiver laufender Kamera erst recht fertig. Wobei ihr ein weiterer Gast, Psychodoc-Experte (der sehr wandlungsfähige Morteza Tavakoli, der im Laufe des Abends neben dem Nachrichten auch noch als Fahrradbote auftritt), äußerst behilflich ist.

Schließlich tauchen die Agent:innen nach und nach noch in einer Art überdimensionalen, vertikalen Hamsterkäfigen auf. Können sie sich daraus befreien?

Szenenfoto aus

Die Bühne im Theater am Werk Petersplatz ist dieses Mal komplett umgedreht. Das Publikum sitzt auf Tribünen an jener Stelle, wo sonst gespielt wird. Gegnüber macht die abgebaut Tribüne dafür die geschwungenen Treppen mit verschnörkeltem Geländer – und viel Platz frei für das Schauspiel – die schon erwähnten Nachrichten-Schüsseln und -Schläuche sowie Monitore für Video-Projektionen (Pablo Trujillo Tobaria). Neben dem dynamischen, phasenweise witzigen Spiel verleiht die Musik (Uwe Felchle) der Aufführung (1 ¾ Stunden) den zusätzlichen Schwung.

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Moderatorin Mirjam Karoly und die Diskutat:innen Anja Reuss, Mirjam Zadoff, Doron Rabinovici

Opfer-Solidarität statt -Konkurrenz

Während Jüdinnen und Jugend schon früh die Verfolgung an ihnen zu dokumentieren begannen und darauf nach dem Holocaust Forschungen aufbauen konnten, war die systematische Vernichtung von Romn:ja und Sinti:zze seeeeehr lange ein Tabu. Kein Thema. Kaum Unterlagen dazu. Wissen über die Volksgruppe hinaus noch weniger. Ja nach 1945 wurde die Verfolgung unter anderen Vorzeichen beispielsweise in Österreich sogar gesetzlich weiter geführt, wenngleich nicht tödlich.

Vor diesem Hintergrund diskutierten am Internationalen Roma-Tag 2024 – weitere Berichte am Ende dieses Beitrages verlinkt – unter der Leitung von Mirjam Karoly, Politologin und Ende des Vorjahres Leiterin der Kontaktstelle für Roma- und Sinti-Fragen beim OSZE Büro für Demokratische Institutionen und Menschenrechte, Anja Reuss (Historikerin, spezialisiert auf NS-Geschichte und Genozid-Forschung, seit zwei Jahren im Antiziganismus-Büro; Berlin), Mirjam Zadoff (Historikerin und Direktorin des Dokumentationszentrums, München) sowie der bekannte Schriftsteller und Historiker aus Wien, Doron Rabinovici.

Rain of Ash

Trotz der unterschiedlichen Ausgangslagen dieser beiden Gruppen von Opfern (nicht erst) des Faschismus und vielleicht da und dort einer Art Opfer-Konkurrenz, brachten die Teilnehmer:innen etliche Beispiele für genau das Gegenteil: Opfer-Solidarität. So verwies Zadoff auf das im Vorjahr erschienene Werk von Ari Joskowicz „Rain of Ash“. In diesem heißt es unter anderem: „Juden und Roma starben gemeinsam durch die Hand der selben Mördern, oft auf genau den selben Plätzen. Doch die Welt anerkennt ihre Zerstörung nicht gleichermaßen. In den Jahren und Jahrzehnten nach dem Krieg erregte die jüdische Erfahrung des Völkermords zunehmend die Aufmerksamkeit von Rechtsexperten, Wissenschaftlern, Pädagogen, Kuratoren und Politikern, während der Völkermord an den europäischen Roma weitgehend ignoriert wurde.“ Rain of Ash ist die unerzählte Geschichte, wie Roma sich an jüdische Institutionen, Finanzierungsquellen und professionelle Netzwerke wandten, um Anerkennung und Entschädigung für ihr Kriegsleid zu erhalten.

DÖW – Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes

Doron Rabinovici merkte an, dass die Jüdin Selma Steinmetz, als eine der ersten Mitarbeiter:innen des Dokumentationsarchivs des Widerstandes (DÖW) immer wieder Ende der 60er-Jahre des vorigen Jahrhunderts zu Recherchereisen ins Burgenland gefahren ist, um in den Gemeinden und Orten nach Spuren bzw. Zeug:innen der Verfolgung von Roma und Sinti durch die Nazis zu forschen.

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Harri Stojkas "Little Big Band"

Vielfältige, mitreißende Weltmusik, gewürzt mit so manchem Witz

8. April ist der Internationale Roma-Tag. Beim Eingang des Wiener Rathauses wurden zwei Roma-Fahnen gehisst, im Parlament fand eine Festveranstaltung mit hochkarätiger Besetzung statt und wie seit Jahren feiert – nicht nur – die Community im renommierten, weltbekannten Wiener Jazzlokal Porgy & Bess. Es ist ein Feiertag, den dieser erinnert an die erste internationale Roma-Konferenz: Sagt nicht Z zu uns – oder G, sondern Roma. Wir haben auch eine eigene Hymne und eine Flagge. Und Forderungen nach Gleichberechtigung! (Mehr im Info-Block ganz am Ende.)

Porgy & Bess-Chef Christoph Huber begrüßte zum Konzert
Porgy & Bess-Chef Christoph Huber begrüßte zum Konzert

On Stage natürlich als Fixstern Harri Stojka, überirdischer Gitarrist im unterirdischen Lokal. Finger, die so schnell über die Saiten gleiten, als könnten sie gar nicht vom Hirn gesteuert sein, weil die -Signale in die Hände länger brauchen.

Wie schon in einem anderen Beitrag erwähnt – unten am Ende verlinkt – trat der geniale Gitarrist schon zu Beginn des Abends in kleinster Formation auf. Im Konzert dann mit zwei verschiedenen Gruppen. Zunächst mit dem Acoustic Drive Trio – Bläser Herbert Berger, Kontrabassist Peter Strutzenberger und Schlagzeuger Sigi Meier. Schon da – und erst recht danach bei der „Little Big Band“ zeichnete sich das Konzert durch unheimlich viel Spielfreude – samt unterschiedlichster verspielter Soli aus.

Obwohl alles unter seinem Namen firmiert, ist Harri Gleicher unter Gleichen, lässt immer wieder seinen Mitspielern viel Zeit und Raum für umjubelte Solo-Passagen oder liefert sich mit ihnen instrumentale Dialoge, manchmal auch witzige Wett-Spiele, viel Schmäh liegt neben der Virtuosität in der Luft, schwebt durch den Raum, reißt das Publikum mit, teils auch von den Sitzen.

Little Big Band

In der größeren Formation mit dabei wieder die auch schon vom Trio bekannten Meister am Kontrabass, am Schlagzeug und am Saxofon. Wobei Herbert Berger als Leiter der Bläser, auch schon mal zur Mundharmonika greift oder die Querflöte bespielt. Dazu noch Daniel Nösig an der Trompete, Robert Bachner Zugposaunist und Valerian Schwärzler mit der großen Tuba. Und im Hintergrund neben dem Schlagzeuger Percussionist Andi Steirer, der nicht zuletzt in einer Nummer sogar ein Triangel in ein zauberhaftes Instrument verwandelt. Er und Drummer Sigi Meier bekamen eine eigene Nummer, bei der sich die anderen Herren an die Bühnenseite verabschiedeten und nach unglaublichen Trommel- und andern ekstatischen Schlägen erste später wieder an ihre Arbeits- und Spaßgeräte wanderten, um in ein gemeinsames Spiel einzusteigen.

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Harri Stojka, Claudius Pichler und Konstanze Breitebner

Heftige Gitarrenklänge zum Sensationsfund

Seit einigen Jahren feiert die Community in Wien den Internationalen Roma-Tag – 8. April (Näheres dazu in weiteren verlinkten Beiträgen bzw. in der Info-Box ganz am Ende dieses Beitrages) im Wiener Jazzlokal Porgy & Bess. Gitarrengott Harri Stojka ist ein Fixstern im Programm der Veranstaltung von „Voice of Diversity“.

In diesem Jahr – 2024 – aber bestritt er nicht nur – in zwei verschiedenen Formationen – das große mitreißende Konzert – dazu ein eigener Beitrag -, sondern auch einen ganz besonders emotionalen Eröffnungspart. Im Hintergrund eingeblendet zwei Seiten aus einem Büchlein, das erst vor wenigen Monaten aufgetaucht ist: Gedichte und Zeichnungen von Johann „Mongo“ Stojka, Harris Vater. Die hatte dieser heimlich im faschistischen Konzentrationslager von Buchenwald, das er zum Glück überlebte, verfasst und angefertigt – zwischen Herbst 1944 bis Frühling 1945.

Der Gedenkdiener Carlo Sossella hatte dieses Büchlein bei seiner Arbeit in einer belgischen Einrichtung entdeckt, nun ist es an die Londoner Holocaust Gallery verliehen, wo Harri Stojka es erst vor rund zweieinhalb Monaten zu Gesicht bekam.

Die komplizierte Geschichte des Wegs dieses Büchleins schilderte die Schauspielerin Konstanze Breitebner und las aus einem der Gedichte:

Warst du in Lager Buchenwald,
Da Oben ist es gar so Kalt.
Du Kamst ja rein als Zivilist,
In Fünf Minuten Häftling bist.

Du Aussiehst wie’ne Nasse Maus
Ach alter guter Freundchen Klaus
Wir kommen doch noch einmal Rauβ.

Harri Stojka, Claudius Pichler und Konstanze Breitebner
Harri Stojka, Claudius Pichler und Konstanze Breitebner

Harri Stojka und Claudius Jelinek spielten dazwischen berührende, bewegende und bewegte Gitarrenklänge, die teils zu Tränen rührten, aber ebenso Überlebenswillen ausdrückten und vor Lebensfreude strotzten.

Mirjam Karoly, Politikwissenschafterin
Mirjam Karoly, Politikwissenschafterin

Einleitend hatte die Politikwissenschafterin Mirjam Karoly einerseits über den Internationalen Roma-Tag, den Kampf der österreichischen Volksgruppe um ein zentrales Mahnmal und anderseits die aktuelle europäoische gesellschaftliche Gesamt-Situation gesprochen.

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fm4.orf -> Story über Harri Stojkas London-Besuch zum Gedichtband seines Vaters

Voice-of-Diversity-Sperecherin Marion Dworzack
Voice-of-Diversity-Sperecherin Marion Dworzack
Erfolgreiche Praxisbeispiele präsentiert von Tina Friedreich, Csilla Höfler, Barbara Karlich (die den gesamten Nachmittag moderierte), Alysea Nardai und Žaklina Radosavljević

Roma-Fahnen am Wiener Rathaus, Festveranstaltung im Parlament

Himmelblau oben, darunter wiesen- bzw. waldgrün unten und in der Mitte das rote Speichenrad – die Roma-Flagge – in zweifacher senkrechter Ausführung wurde vor dem Seiten-Eingang zum Wiener Rathaus gehisst – anlässlich des internationalen Roma-Tages am 8. April (in dem Fall 2024).

Roma-Flaggen beim Rathaus-Eingang
Roma-Flaggen beim Rathaus-Eingang

Wenige Geh-Minuten entfernt, füllten sich praktisch zeitgleich die Reihen der Abgeordneten-Sessel im Nationalrats-Sitzungssaal – vor allem mit Aktivist:innen verschiedenster Vereine und Initiativen von Rom:nja und Sinti:zze, aber auch beispielsweise dem Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, Oskar Deutsch, Vertretungen der tschechischen und slowakischen Schule Komenský in Wien, der österreichischen Ungar:innen und viele mehr. Und dazu in Reihe 1 auch noch hochrangige Politiker:innen: Nationalratspräsident Wolfgang Sobokta, Ministerin Susanne Raab, die für Frauen, Familie, Integration und Medien verantwortlich ist sowie der Präsident des burgenländischen Landtages Robert Hergovich.

Gedenktage

Wird am 2. August, der seit dem Vorjahr endlich auch in Österreich ein offizieller Gedenktag ist, an dem Porajmos (Gegenstück zum Holocaust) gedacht, weil in der Nacht vom 2. auf den 3. August im Nazi-Konzentrationslager Auschwitz allein mehr als 3000 Angehörige dieser Volksgruppen ermordet worden sind, ist der 8. April der Internationale Roma-Tag. Es ist sozusagen das Gegenteil: Gedenken an Widerstand, Kampf um Anerkennung und Zeichen von entstandenem Selbstbewusstsein.

Anlass: Am 8. April 1971 kamen rund zwei Dutzend Vertreter:innen aus 9 Ländern bei der ersten internationalen Roma-Konferenz in London zusammen, setzten den Begriff Roma dem – selbst heute noch immer verwendeten Z-Wort bzw. dem englischen Pendant – entgegen. „Rom“ heißt übrigens Mensch in Romanes/Romani.

Außerdem beschlossen die Konferenzteilnehmer:innen die gemeinsame Flagge (siehe erster Absatz) sowie die Hymne „Đelem, đelem“. Letztere erklang – gespielt wie zuvor andere musikalische Beiträge von der Leon Berger Band – übrigens zum Abschluss der Festveranstaltung im Parlament, die unter dem Titel „RomnjaKraft.Sor – Erinnerung – Wandel – Aufbruch stand.

Mehr Frauen!

Aus dem Burgenland kam auch die Festrednerin Manuela Horvath, Mitglied im Volksgruppenbeirat der Roma, die vor allem von Vereinen und Organisationen der eigenen Volksgruppe forderte, mehr Frauen mit verantwortlichen Funktionen zu betrauen. Und sie hob drei Pionierinnen im Kampf um die Anerkennung von Romn:ja und Sinti:zze als Volksgruppe hervor: Neben der sehr bekannten Malerin, Schriftstellerin, Aktivistin Ceija Stojka, die überhaupt als eine der ersten über die systematische Verfolgung und Ermordung im Faschismus – rund eine halbe Million Menschen – sprach, schrieb und malte, nannte Horvath die Sinti-Aktivistin Rosa Gitta Martl sowie eine der Burgenland-Rom:nja-Vorkämpferin der ersten Stunde Susanne Baranyai.

Gute Praxisbeispiele

Manuela Horvath hatte sich auch stark gemacht dafür, dass im Zentrum der Veranstaltung ein Podiumsgespräch stand – zu Wandel und Aufbruch; mit vier Frauen, die von erfolgreichen Projekten berichteten: Csilla Höfler (EMRO, Caritas Steiermark), Žaklina Radosavljević (Vivaro, Wien), Tina Friedreich (Romn:ja-projekte, Caritas Graz) sowie Alysea Nardai (Aktivistin und angehende Elementarpädagogin, BAfEP Oberwart). Pflege und Förderung der eigenen Sprache, die ja auch zu den anerkannten und damit verfassungsmäßig garantierten Volksgruppen-Sprachen gehört, Informationen auch in dieser Erstsprache, Beratung eben durch Angehörige der Volksgruppe, so dass diese auch Vertrauen haben und sich auch mit tabuisierten Themen wie familiäre, sexuelle Gewalt oder Zwangsehen an sie wenden können, kamen zur Sprache.

Dieses Frauen-Empowerment freute Ministerin Susanne Raab in ihren Grußworten, wenngleich sie bald danach weg musste, und die Beispiele nicht mehr hören konnte. Als auch für Medien zuständige Ministerin freute sie, dass der Anteil der ORF-Sendungen in Volksgruppensprachen erhöht wurde. Nun ja, vielleicht fließen solche ja auch in die Debatte um die „Leitkultur“ ein?!

Politik

Und schon da, vor allem dann aber auch in der Runde mit Bereichs-Sprecher:innen von vier der fünf Parlamentsparteien (die FP-Vertreterin war kurzfristig erkrankt) kam – von Grünen und Neos – die Forderung, die kürzest zusammengefasst lautet: Nicht über uns ohne uns.

Nationalratspräsident Sobotka hatte in seinen wertschätzenden Begrüßungsworten, in denen er auch auf internationale Zusammenarbeit und Erstellung von Geschichtsbüchern für Schulen – gemeinsam mit Tschechien, Slowenien und der Slowakei – sprach, doch beispielsweise ein paternalistisch angehauchtes Verständnis – Raum und Zeit geben – durchklingen lassen. Die Angehörigen von Volksgruppen – nicht nur der Rom:nja und Sinti:zze – möchten aber nicht nur angehört oder zu Wort gekommen lassen werden, sondern mitgestalten und mitsprechen. Es bräuchte im Parlament auch einen Volksgruppen-Ausschuss, wenn es schon einen Südtirol-Ausschuss gebe.

Erfreuliches konnte Sobotka aber doch zu Beginn schon berichten: Der jahrelange Kampf der Romn:ja und Sinti:zze um ein zentrales Mahnmal für die Volksgruppen-Opfer des Faschismus scheint nun tatsächlich näher zu rücken. Zwar war es von Politiker:innen schon jahrelange bei den Gedenkveranstaltungen am 2. August am Ceija-Stojka-Platz versprochen worden, aber nun dürfte es – noch dazu in der Nähe des Parlaments – am Schmerlingplatz – real werden.

Schul-Material

Der Historiker Herbert Brettl stellte bei der Veranstaltung im Parlament das Projekt DERLA (Digitale ERinnerungsLAndschaft) vor. Sowohl analog vor Ort als auch online aus dem Klassenzimmer könnte so die Beschäftigung mit Verbrechen in der Zeit des Faschismus in der jeweiligen Gemeinde, Stadt usw. erfolgen. Zu finden sind interaktive Karten der Erinnerung, ein Archiv der Namen, Wege der Erinnerung in Form digitaler Rundgänge) sowie Vermittlungsarbeit für den Unterricht. Der Mitarbeiter von erinnern.at nannte u.a. die drastischen Zahlen, dass von den rund 8.500 Rom:nja 1937 nach dem Ende des Faschismus nur 500 überlebt hatten. Und dass es in so manchen Gemeinden auch danach bis zu 20 Jahre dauerte, bis endlich Gedenk- und Erinnerungstafeln oder andere Zeichen gesetzt werden konnten. Es hatte ja sogar fast 40 Jahre nach 1945 gedauert bis zur ersten Gedenktafel beim Lager Lackenbach (1984).

Am Abend fand dann – auch traditionellerweise im Porgy & Bess eine mehrteilige Veranstaltung statt – Berichte folgen.

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Szenenfoto aus "Nestbeschmutzung"

Denk doch an den Ruf des Theaters…

In für dieses Theater – und viele dieser Art – ungewöhnlicher Kulisse präsentiert sich die Bühne bei „Nestbeschmutzung“: Mehrere Ebenen von (rosafarbenen) Vorhängen (Gassen) erinnern an große Häuser. Und nicht zuletzt auch um solche geht es, wenngleich nicht nur.

Der Begriff Nestbeschmutzung wird in der Regel dazu verwendet, Kritiker:innen zu denunzieren und hat somit auch den Touch von „Verrat“. Oder wie es groß am Programmheft prangt: „Das Haus darf nicht beschädigt werden“.

Recherche-Stücke

Die Kritik an Machtmissbrauch, (sexuellen) Übergriffen im Kulturbetrieb im Allgemeinen, im Theater im Besonderen wird in diesem kurzweiligen, knallbunten (Bühne & Kostüm: Camilla Hägebarth) Spiel immer wieder auch mit Humor thematisiert. Tamara Semzov, Birgit Stöger und Mervan Ürkmez spielen die zu Szenen verarbeiteten jahrelangen Recherchen von Felix Hafner, Jennifer Weiss und Anna Wielander („Institut für Medien, Politik und Theater“).

In der erwähnten Kulisse mehrere Ebenen von Vorhängen spielt sich eine Preisverleihung ab, eine Party danach, Small-Talk zwischen Gäst:innen ebenso wie Blablabla-Moderationen. Aber auch die Dankesrede einer Preisträgerin (Tamara Semzov). Die bedankt sich zunächst vor allem bei wichtigen, unerlässlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sonst praktisch nie auch nur erwähnt werden – unterschiedlichste Assistenz-Leistenden. Und zu guter Letzt auch für ihre miese Bezahlung, zu viele Überstunden, ständiges Runtermachen, Fallengelassen werden und vieles mehr.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Nestbeschmutzung“

Exemplarisch

Mervan Ürkmez spielt den „Fall“ einer Person XY durch. Regieführende Intendanz „spürt“ in der Probe nicht, was XY da rüberbringen will, greift ihr zwischen die Beine – „von da muss das kommen!“ Und dann der Spießrutenlauf der betroffenen Person. Beratung mit Kolleg:innen, Gespräch mit der Vertrauensperson des Theaters – die sitzt in der Leitung des Hauses! Der Ruf des Theaters solle doch nicht zerstört werden…

Von der Belegschaftsvertretung kommt auch keine wirkliche Hilfe. Bei der Beratungsstelle der Hinweis, möglichst Beweise sammeln. Anwaltschaftliche Beratung: Nicht zu neutral und sachlich, die Betroffenheit müsse zu spüren sein. Umgekehrt zu viel auch nicht. Wenn zu viele Zeug:innen, dann könnt’s nach Kampagne wirken…

Birgit Stöger kennt in einer ihrer Rollen das alles und noch viel mehr schon aus jahrzehntelanger Arbeit, gibt die Resignierte und lässt fast eher unausgesprochen Pensionswünsche anklingen.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Nestbeschmutzung“

Strukturell

Vieles ist aus Debatten der vergangenen Jahre bekannt, nicht zuletzt rund um die erst kürzlich ausgestrahlte Dokumentation „Gegen das Schweigen“ des Norddeutschen Rundfunks (NDR). Wurden dort allerdings konkrete Namen genannt, so spart „Nestbeschmutzung“ im Wiener Theater Kosmos diese bewusst aus – es soll das Versagen hierarchischer, patriarchalischer Systeme aufs Korn genommen werden. Abgesehen davon, dass bei den meisten im Publikum manche Namen ohnehin im Kopf ankommen, wenn von Enfant Terrible, Theater-Berserker usw. die Rede ist.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Nestbeschmutzung“

Mindestens genauso wie die Kritik an herr-schenden Verhältnissen vermittelt das Schauspiel-Trio – auch in einer plakativen Szene eher am Beginn mit Wunderkiste und weißen Ganzgesichts-Masken – die Lust und Leidenschaft von Theaterleuten; das wofür sie brennen. Was nicht selten von Toxikern – noch immer – ausgenutzt wird.
Das meiste schon vielfach erzählt – aber in anderen Medien übers und dieses Mal im Theater.

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Szenenfoto aus "Biloxi Blues" im Renaissancetheater

Unterschiedliche Reaktionen unter autoritärem Kommando

„Biloxi Blues“ von Neil Simon über Jungsoldaten, die in den USA auf den Kampfeinsatz im zweiten Weltkrieg vorbereitet werden, im Wiener Theater der Jugend.

Im militärischen Ton herrscht die Stimme des Ausbildners aus dem Off das Publikum an, elektronische Lärmmacher auszuschalten – Zuwiderhandelnde müssten 100 Liegestütze absolvieren. Der erste Gag gelandet. Wiewohl sich das Stück „Biloxi Blues“ fast durchgängig ums Erlernen militärischer Disziplin der neuen Soldaten für den Ernstfall dreht, bleibt in der Inszenierung im großen Haus des Theaters der Jugend (Wien) doch auch hin und wieder Zeit und Raum für Schmunzeln oder Lachen. Insbesondere zu Beginn, als eines der Stockbetten der Kaserne (Bühnenbild: Ulv Jakobsen; Kostüme: Irmgard Kersting) noch vor dem eisernen Vorhang Abteil des Zuges ist, der die neuen Soldaten nach Biloxi im Süden des US-Bundesstaates Mississippi bringt.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Biloxi Blues“ im Renaissancetheater

Vorbereitung auf den Ernstfall

Viel öfter aber reißt’s dich in den folgenden zwei Stunden, wenn der Kommandant, Sergeant Toomey (Mathias Kopetzki), die Rekruten anbrüllt, niedermacht, fies und falsch nett die einen gegen die anderen ausspielt, aufhetzt… Doch selbst diese Figur ist im Stück von Neil Simon (Deutsch: Andreas Pegler; Regie: Folke Braband) nicht eindimensional angelegt. Selbst im Einsatz schwer verletzt (halbes Hirn weg), gelingt es ihm, zu vermitteln, dass – so krass es ist und so hart es klingt – im Schützengraben keine Zeit für Nachdenken und Diskussionen bleiben wird. Und diese Soldaten werden – 1943 – vorbereitet für den Einsatz zur Beendigung des zweiten Weltkriegs.

Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… durfte übrigens schon vor mehr als einem Monat in einer frühen Probenphase der Erarbeitung der ersten beiden Szenen zusehen – Links zur Reportage und vielen Interviews am Ende dieses Beitrages.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Biloxi Blues“ im Renaissancetheater

Unterschiedlichste Charaktere

Stück, Regie und Besetzung sowie Spiel der Soldaten-Darsteller erlauben unterschiedlichste Charaktere. Vom vordergründigen Loser, dem Hirn des Zimmers und auf seine Art Widerständigsten Arnold Epstein (Ludwig Wendelin Weißenberger) über den immer wieder aus der Soldatenrolle rausschlüpfenden Chronisten, der an seinen Memoiren schreibt (und damit eine Art Alter Ego des bekannten Theaterautors ist), Eugene Morris Jerome (Robin Jentys), den  Zurück- und sich Heraushaltenden Don Carney (Christian Dobler), weil er ohnehin schon mehr als genug rassistische Attacken erlebt hat sowie Joseph Wykowski (Clemens Ansorg), der sich immer wieder besonders stark und männlich geben will/muss bis hin zu Roy Selridge (Curdin Caviezel), dem nicht gerade Hellsten der kleinen Truppe, der damit aber mehr Freiraum für sein Handeln hat.

Frauen nur in Nebenrollen

Neben dem Übermaß an Testosteron kommen in diesem Stück zwei Frauen nur in Nebenrollen vor. Im zweiten, kurzen, Teil tauch Sophia Greilhuber als Klosterschülerin beim Ausgang in den Tanzpalast als Daisy Hannigan auf. Zwischen ihr und Eugene Morris Jerome, der so gar nicht tanzen kann und will knistert es vor allem intellektuell – und ein bisschen mehr.

Simone Kabst schlüpft in die Rolle von Rowena, einer Prostituierten, die ihre Dienstleistung den Soldaten verkauft – und in der einzig zu sehenden Begegnung mit dem schüchternen Chronisten humorvoll diesen aus der Reserve lockt.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Biloxi Blues“ im Renaissancetheater

Wie würde ich…

Eine der spannendsten Szenen spielt sich gegen Ende ab, als der stockbesoffene Sergeant Toomey seinen intellektuell und moralisch haushoch überlegenen Widersacher Arnold Epstein zu einem gefährlichen (Gedanken-)Spiel herausfordert. Da bleibt immer wieder der Atem als Zuschauer fast stocken – doch Details seien hier nicht gespoilert.

Nur so viel – jenseits dieser Szene – immer wieder provozieren Stück und Inszenierung durchaus die innerliche Frage, wie würde ich da selber reagieren – in dieser oder einer anderen Zwangslage. Die so oder anders wohl unter weniger dramatischen Umständen und ohne Uniform, aber dennoch in einem Autoritätsgefälle, nicht so selten sind.

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Doppelseiten aus dem dreisprachigen Buch mit tschtschenischen Märchen

Ein Märchen mit Frage am Ende, ein anderes, dem die wichtigste Frage fehlt

Drei Märchen aus Tschetschenien versammelt dieses bebilderte Buch. In allen spielen Tiere – wie in vielen Märchen auf der Welt – die zentralen Rollen. Besonders macht dieses Buch, dass alle drei Märchen jeweils in drei Sprachen aufgeschrieben sind: Deutsch, Tschetschenisch und Italienisch.

Doppelseiten aus dem dreisprachigen Buch mit tschtschenischen Märchen
Doppelseite aus dem dreisprachigen Buch mit tschtschenischen Märchen

Die auch dem Buch den Titel gebende Geschichte lautet: „Wer ist der Größte?“ In vielen Märchen verschiedenster Länder und Sprachen geht es um eine ähnliche Frage. Hier stehen ein Stier, ein Adler, ein Ziegenbock, ein Fuchs im Zentrum, aber auch ein Schäfer und vor allem die Jüre Baba (alleinstehende ältere Frau) spielen wichtige Rollen. Adler fängt Stier, lässt sich zwischen den Ziegenbock-Hörnern nieder… mehr von der durchaus harten Story sei nicht verraten – dafür aber der Schluss. Der ist höchst ungewöhnlich. Noch nie ist mir ein Märchen untergekommen, das so endet:

„Nun, liebe Kinder, verratet ihr mir, wer von allen, von denen ich euch erzählt habe (dann werden die Erwähnten und noch weitere alle noch aufgezählt), ist der Größte?“

Doppelseiten aus dem dreisprachigen Buch mit tschtschenischen Märchen
Doppelseite aus dem dreisprachigen Buch mit tschtschenischen Märchen

Ausnahmsweise böser Wolf

Das eben beschriebene Märchen bildet den Schlusspunkt des Buches „Mulscha shilla iokkscha? / Wer ist der Größte? / Chi è il più grande?“. Im zweiten Märchen geht es um drei Zicklein und einen Wolf – der in diesem Fall der Böse ist, was für tschetschenische Märchen und Geschichten sonst eher unüblich ist.

Doppelseiten aus dem dreisprachigen Buch mit tschtschenischen Märchen
Doppelseite aus dem dreisprachigen Buch mit tschtschenischen Märchen

Ameise und eine Kettenreaktion

Eröffnet wird das Buch mit einer aus dem Winterschlaf erwachenden Ameise. Als sie aus dem Bau kriecht, hindert ein großer, fetter Grashalm sie an der Arbeit. Und so krabbelt sie zu einem Schaf, bittet es, den Halm zu fressen. „Ameise, lass‘ mich i Ruh!“, bekommt sie zur Antwort. Gleichlautendes bzw. Ähnliches hört sie, als sie den Wolf bittet das Schaf zu fressen, die Schäferhunde, den Wolf zu verspeisen usw. Der Schäfer will lieber Detschik-Ponder (drei-saitiges tschetschenishces Instrument) spielen, die Maus nicht dessen Saiten anknabbern, die Katze nicht die Maus fangen. Erst der Wind half – zwar nicht gleich aber doch – der Ameise. Nein er blies nicht den Hal weg, sondern setzte die Kette retour in Gang, zerzauste der Katze ihr Fell und so weiter…

Aber weshalb die Ameise, die ja ein einzelgängerisches Tier ist, sondern ganz im Gegenteil mit Tausenden anderen zusammenlebt und arbeitet nicht ihre Artgenoss:innen gebeten hat?

Dies ist eine Frage, die nicht gestellt wird 😉

Historische Einleitung

Als Art Vorwort liefert das Buch – ebenfalls in den drei Sprachen eine historische Einleitung – samt Landkarte – dieser Kaukasus-Republik namens Nochtschitschö (so der tschetschenische Name, der auf „Nachfahren Noahs“ zurückgeht) und ihrer wechsel-, oftmals leidvollen Geschichte.

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Titelseite des dreisprachigen Buches mit tschtschenischen Märchen
Titelseite des dreisprachigen Buches mit tschtschenischen Märchen
Seiten aus "Asagan - Schatzkammergut-Geschichte(n)": PIA steht für Pirat:innen in Ausbildung ;)

Wie Nuna und Nanu die erste Pipeline – für Salz-Wasser – erfanden…

„Weiß ist das Mittel – schwarz die Nacht – blau der Drache, der es bewacht.“ Diese Zeilen fand angeblich der Arzt Paracelsus (den hat es vor rund 500 Jahren wirklich gegeben) in einem dicken alten Buch als er nach Heilmitteln suchte. Und so verknüpft gleich die erste der „Schatzkammergut-Geschichte(n) wie alle Asagen-Bücher Ausgedachtes mit Wahrem. Aber keine Vermischung von Fakt und Fakes, sondern bewusst Fantasie mit Realität.

Fiktive Stories führen zu historisch wahren Hintergründen. In diesem Fall Der Flug eines Drachen zu einem Kollegen von ihm im Salzkammergut (aktuelle europäische Kulturhauptstadt-Region) – und dort zu Salz.

Dieses „weiße Mittel“, das tief drinnen in Berg(höhlen) ruhte, wurde schon vor Jahrhunderten entdeckt, abgebaut und der menschliche Körper braucht es.

Ur-Meer

Dass das Salz „Überbleibsel“ des Meeres ist, das es auch hierzulande vor rund 250 Millionen Jahren gab, findest du ebenso in Geschichterln verpackt wie die ersten Pipelines. Vor mehr als 400 Jahren höhlten die Menschen beim Salzbergbau Baumstämme aus, machten sie zu Röhren, verbanden sie, wasserten die Salzvorkommen in den Höhlen und förderten das nunmehrige Salzwassergemisch so leichter zu Tal. Durch Erhitzen verdampfte das Wasser, das Salz blieb übrig…

Ururur…

Die Sach-Informationen findest du in diesem 112-seitigen, bunt bebilderten Buch (manches als neue Zeichnungen, anders auf Jahrhunderte-alten Bildern beruhend) am Ende unter dem Titel „Wissens-Schatz“. Auf den fast 100 Seiten davor kannst du die Verknüpfung von ausgedachten Geschichterln darum herum lesen (dir vorlesen lassen). So triffst du neben Drachen auch die Zwillinge Nuna und Nanu aus einem Wintermärchen und vor allem deren Urur…oma (gezählte 16 Ur im Buch) sowie die Urur…tante (17-Mal). Und die beiden aus Vorzeiten liebten den Winter so sehr, dass sie im Sommer das Weiß vermissten – und das Salz das zu Ende gegangen war. Und so hatten angeblich die beiden Frauen, die auch Nanu und Nuna hießen, die Idee mit den Löchern in den Bäumen – und im Berg…

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Szenenfoto aus "Bajka o tihom princu i tužnoj princezi" ("Ein Märchen über einen stillen Prinzen und eine traurige Prinzessin") nach Hans Christian Andersens "Der Schweinehirt"

„Armer“ Prinz und superreiche Prinzessin

Drei längliche Tische stehen auf dem Podest vor der Bühne im Wiener Figurentheater Lilarum – jeweils mit weißen Tüchern bedeckt. Als so ziemlich alle auf ihren Plätzen sitzen, wuchtet eine Hand von hinter den Tischen einen grünen Baum auf den mittleren Tisch, dazu einen alten Wecker, noch einen Baum und noch einen… Dann erscheint unter dem mittleren Tisch ein Gesicht, irgendwie erinnert seine Schminke an die eines Clowns. So, offenbar auf dem Boden unter dem Tisch liegend, beginnt er sich mit den Kindern zu unterhalten. Was sie da machen, worauf sie etwa warten… – auf Serbisch.

Das nach dem serbischen Journalisten und (Kinderbuch-)Autor Duško Radović (1922 – 1984) benannte „Malo pozorište“ (kleines Theater) aus Beograd (Hauptstadt Serbiens) gastierte in Wien-Landstraße und spielte ein Stück nach dem weniger bekannten Märchen „Der Schweinehirt“ von Hans Christian Andersen: „Bajka o tihom princu i tužnoj princezi“ (Ein Märchen über einen stillen Prinzen und eine traurige Prinzessin).

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Bajka o tihom princu i tužnoj princezi“ („Ein Märchen über einen stillen Prinzen und eine traurige Prinzessin“) nach Hans Christian Andersens „Der Schweinehirt“

Charmant gespielt unperfekt

Mladen Vuković schlüpfte hin und wieder in die Rolle des „stillen“ Prinzen eines kleinen Königreiches am Rande – des einen Tisches. Vor allem aber verlieh er dessen Figur ebenso wie den weiteren Figuren in dem Stück seine Stimme – und seine Hände, um sie zu bewegen. Hin und wieder fällt eine Figur um, oder irgendwo runter – obwohl sicher nicht jedes einzelne „Missgeschick“ genau geplant ist, gehört es dennoch – wie KiJuKu nachher anvertraut wurde, dazu. Es passt zum Charakter des Harlekins und macht einen Teil des Charmes dieses Spiels aus und sorgt immer wieder für Lacher. Da der Harlekin die Szenerie rund um den „armen Prinzen“ und die superreiche Prinzessin bald nach Beginn in die Atmosphäre einer Art Zirkusmanege verwandelt, holt er sogar wilde Tiere – als Spielfiguren, die sich auf dem Plattenteller eines alten tragbaren drehen…

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Bajka o tihom princu i tužnoj princezi“ („Ein Märchen über einen stillen Prinzen und eine traurige Prinzessin“) nach Hans Christian Andersens „Der Schweinehirt“

Die Märchenvorlage

Sehnsüchtig schaut der Prinz in Richtung einer mächtigen Schloss-Anlage – aus Karton-Häusern und -Türmen am Ende des dritten Tisches. Dort wohnen der mächtige Kaiser, seine Tochter, Hofdamen und, und, und… Der Prinz ist im Vergleich dazu arm, aber reich an Kreativität und Zuwendung. So pflegt er einen Rosenstrauch, der nur alle fünf Jahre blüht. Und auch da trägt sie nur eine Rose, die jedoch so intensiv und betörend riecht, dass es nicht nur eine Freude ist, sondern sie auch Sorgen vertreiben kann. Diese sowie eine Nachtigall, die alle Melodien der Welt singen konnte, ließ er ins Kaiserschloss liefern, um sich um die Prinzessin zu bewerben.

Doch diese verabscheute Rose und Vogel – weil „zu natürlich“.

Da verfiel der Prinz auf die Idee, sein Gesicht eher schmutzig zu bemalen und sich als Gehilfe beim Kaiser zu bewerben – er wurde Schweinehirt. Und hatten dabei noch genügend Zeit, um einen Zaubertopf zu bauen und später eine magische Ratsche. Als die Prinzessin von ersterem erfuhr, wollte sie den Topf haben, dessen Schellen Melodien spielten, sobald etwas kochte. Außerdem konnte man einen Finger in den Dampf des Topfes halten und dann riechen, wer und wo in der ganzen Stadt was gekocht hatte.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Bajka o tihom princu i tužnoj princezi“ („Ein Märchen über einen stillen Prinzen und eine traurige Prinzessin“) nach Hans Christian Andersens „Der Schweinehirt“

Küsse erzwingen?

Zehn Küsse verlangte der „Schweinhirt“ dafür. Was sie erst nicht „zahlen“ wollte, dann aber siegte doch ihre Besitzgier, die Hofdamen müssten sich halt schützend davor hinstellen, damit niemand sie sieht…

Für die später produzierte Ratsche (im Original) – hier ein kleines Ringelspiel als Spieluhr – verlangte der Erfinder 100 Küsse – selbe Prozedur, doch die dauerte offenbar so lange, dass der Kaiser dies entdeckte, Hirten und Tochter verstieß – der Schau- und Puppenspieler zieht die drei Tische auseinander – einer für den Kaiser, einer für die Prinzessin und der dritte für den „Schweinehirten“, sprich Prinzen. Dazwischen unüberwindbare Gräben…

Nun bedauerte die Prinzessin, nicht den Prinzen mit Nachtigall und Rose genommen zu haben. Der Schweinhirt ergab sich zu erkennen. Sie verbeugte sich vor ihm, wollte zu ihm in sein für ihre Verhältnisse ärmliches Schloss, er aber „machte ihr die Tür vor der Nase zu. Da konnte sie draußen stehen und singen: Ach, Du lieber Augustin, Alles ist hin, hin, hin!“ – wie es in Andersens Märchen heißt.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Bajka o tihom princu i tužnoj princezi“ („Ein Märchen über einen stillen Prinzen und eine traurige Prinzessin“) nach Hans Christian Andersens „Der Schweinehirt“

Anderes Ende

Das hier dann doch ein wenig anders gespielt wird (Regie, Adaption, Musikauswahl und Choreografie: Aleksandar Nikolić; Kostüm-, Bühnen- und Puppendesign: Tanja Žiropadja). Wie sollten oder könnten die beiden doch noch zusammenkommen, fragt der Spiele das Publikum – und munter rufen die Kinder die unterschiedlichsten Varianten in Richtung Bühne. Da besteigt der Prinz den Korb eines fahrenden Ballons und schwebt dorthin, wo die Prinzessin tief gefallen ist…

Und setzt der Geschichte ein so vom Märchendichter nie gewolltes herkömmliches „Happy End“ auf.

„Malo pozorište Duško Radović“ gibt es seit knapp mehr als 70 Jahren. Fast 20 Jahre war es ein wanderndes Puppentheater, Anfang Juni (6.) 1968 konnte es ein eigens errichtetes Kindertheaterhaus im Zentrum der Hauptstadt – damals noch Jugoslawiens – beziehen. Gespielt wird schon lange sowohl für Kinder als auch für Jugendliche und Erwachsene, in erster Linie aber doch für ein junges und jüngstes Publikum, weshalb es sich auch den Namen Malo pozorište (Kleines Theater) gab.

Das Theaterhaus Malo pozorište „Duško Radović“ in Beograd (Serbien)
Das Theaterhaus Malo pozorište „Duško Radović“ in Beograd (Serbien)

Gastspiele aus Mittel- und Südosteuropa

Seit 2019 lädt das Wiener Figurentheater Lilarum immer wieder Gruppen aus mittel- und osteuropäischen Ländern (CEE Central and East-Europe) zu Gastspielen in der jeweiligen dominierenden Landessprache ein. In erster Linie spricht dieses Kindertheater in Wien-Landstraße (3. Bezirk) damit zwei- bzw. mehrsprachigen Familien mit Herkünften oder Verwandten in diesen Ländern an. Die Kinder können so auch – sonst eher selten – Theater in ihrer jeweiligen Erst- oder Familiensprache erleben.

Die jüngste Aufführung war die erste, wo im Anschluss Pädagog:innen mit den Kindern zweisprachig – in dem Fall Serbisch und Deutsch – einerseits das Stück, andererseits anhand von Zeichnungen Wörter besprochen haben.

Gleich am Sonntag, 7. April 2024 geht’s weiter – dieses Mal mit einem Gastspiel aus Bratislava (Slowakei) mit einem Märchenmix aus Aschenputtel, Hässlichem Entlein und weiteren Elementen – ein Puppenspiel über den Blick auf sich selbst und andere, Selbstachtung, Stolz und schiefe Spiegel wie es in der Ankündigung heißt – Details in der Info-Box ganz am Ende des Beitrages.

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Duo "Donaupiraten": Nina und Alfons Bauernfeind als Josephine und Donny Jepp

Drachenflug und Feuerfalter aus den Kehlen von „Löwen-Herzen“

Vor einem großen Bild mit fliegendem Drachen auf dem ein Mädchen als Reiterin über dem Wiener Riesenrad schwebt sowie einem zweiten Bild mit Pirat:innen-Segelboot bedient Josephine die Trommel und Don Jepp die eGitarre. Zwischen ihnen und ebenso den Stoffbildern steht eine kleine gefilzte Figur auf einer hölzernen Schatztruhe. Bevor das (Mitmach-)Konzert mit Geschichtenerzählungen der beiden „Donaupiraten aus Asagan“ im Wiener Kabarett Niedermair beginnt, rufen so manche Kinder im Publikum „Meerjungfrau“. Doch die wunderbare Figur – gefilzt von Katrin Atzmüller – #filzgetier – stammt aus Süßwasser, auch wenn es an diesem Nachmittag mehrmals um Salz geht. Die Donau-Nixe begleitet das musikalische Duo (Nina und Alfons Bauernfeind) – und später viele Kinder auf der Bühne und die anderen auf den Sitzreihen – ins „Schatzkammergut“.

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Drachenreise

Auch wenn in der europäischen Kulturhauptstadt-Region Salzkammergut, das zum Wortspiel verleitete, die Donau nicht fließt, die Pirat:innen und ihre Figuren wie der Drache und seine Reiterin Hannah, unternehmen eben dorthin eine abenteuerliche Reise. Denn auch in einem der Berge wohnt ein Drache, der bewacht Unmengen von Salz, oft genannt „weißes Gold“.

Drachen sind seelisch miteinander verbunden – und so gibt es Lieder von Freundschaft, von Drachenflügen, Bergen und vieles mehr. „Gib mir Berge, Felsen, Rock!“ Mit einem weiteren Song werden so manche Ängste besiegt. Die jungen Mitsänger:innen verwandeln sich in einen spontanen Löwenherzen-Chor. Viel Spaß macht dann das Wortspiel im Lief vom „Feuerfalter“, wenn die beiden F gestrichen werden 😉

Geschichte(n)

So manche der Kinder im Publikum sind offenbar schon Hardcore-Fans und kennen etliche der popigen Songs, andere lernen die Liedzeilen schnell. Die Bühne füllt sich bald mit vielen Mitsänger:innen – und sogar die Erwachsenen im Publikum überwinden so manche Scheu, singen mit und versuchen, auch wenn der Platz recht eng ist, die Armbewegungen mit zu vollführen.

Zwischendurch liest „Josephine“ (Nina Bauernfeind“ aus dem jüngsten Buch der „Asagan“-Reihe (Edition 5Haus) über das „Schatzkammergut“. Wie immer verbinden sich erfundene Geschichten mit wahren, historischen Kernen sowie neue Zeichnungen mit bis zu 500 Jahre alten Bildern zu einem Gesamtkunstwerk – Buchbesprechung folgt demnächst.

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Szenenfoto aus "Der Maulwurf und die Sterne"

Vom sternen-strahlenden Glanz des Teilens

Leuchtende Sterne, aber Kinder-Hochbett statt Maulwurfshügel? Wer das Bilderbuch „Der Maulwurf und die Sterne“ (Britta Teckentrup – Link zu einer Besprechung des Bilderbuchs am Ende dieses Beitrags) kennt, das die Vorlage fürs jüngste Stück im Linzer Theater des Kindes, ist vielleicht aufs erste verwirrt. Ohne allzu viel zu spoilern, der Beginn kann verraten werden. Am Hochbett oben liegt tatsächlich ein Kind – also nicht wirklich, sondern ein Schauspieler, der in die Rolle eines Kindes schlüpft. Aus dem Off kommt die Stimme seiner „Mutter“, die schon einige Geschichten vorgelesen hat, jetzt aber wäre endlich Schlafenszeit. Nur noch eine…

… nein, dies hier entwickelt sich nicht zu einer Variante von „Valerie und die Gute-Nacht-Schaukel“, das übrigens derzeit im selben Theater auf dem Spielplan steht. Sondern wirklich nur noch eine einzige Geschichte – und zwar die Titelgebende. Und dazu „verwandelt“ sich das Kind in den Titelhelden Maulwurf. So wie auch all die anderen Tiere, die in der Geschichte vorkommen und im Bilderbuch namenlos bleiben, hat ihm die Stück-Autorin Nora Dirisamer benamst – ihn Mo.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der Maulwurf und die Sterne“

Ein Live-Schauspieler plus Stimmen seiner Kolleg:innen

Christian Lemperle bleibt der einzige Schauspieler auf der Bühne – die anderen Tiere des Waldes kommen – ebenso wie die Mutter – als voraufgezeichnete eingespielte Stimmen vor. Bei den Namen tobte sich Dirisamer mit Wortspielen ebenso fantasievoll aus wie beim Text vor allem mit gereimten Zeilen; im Buch ganz wenige Sätze, hier ziemlich – aber nicht zu – viele. High-Light an Namens-Wortspielen: Reh-bekka (Simone Neumayr, die u.a. die Mutter spricht) und ihr Kind Reh-Ne (David Baldessari, der auch noch Elli Eichkätzchen sowie (Stern-)Schnuppi und eine der vielen Ameisen die Stimme leiht).

Aus pragmatischen Gründen hatte sich Regisseur und Theaterleiter Andreas Baumgartner von Anfang an für ein Maulwurf-Solo entschieden, wie er nach der Premiere Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… anvertraute. „Wir hatten schon lange kein Solo-Stück für die Allerjüngsten (ab 3 Jahren). Außerdem ist im Buch ja der Maulwurf die zentrale Figur.“

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Der Maulwurf und die Sterne“

Mehr Eigenleben für die anderen Tiere

Die Stückversion, die den durchgängig poetischen Touch des Bilderbuchs – der dort vor allem auch in den Bildern zum Ausdruck kommt – aufnimmt, gesteht den anderen Tieren aber mehr Eigenleben zu – nicht nur durch die Namen, sondern auch durch die Auftritte als Figuren unterschiedlichster Art (Bühne Michaela Mandel; Kostüme: Anna Katharina Jaritz). Und so wird noch viel deutlicher, wieso Maulwurfs in Erfüllung gegangener Wunsch, alle Sterne für sich allein in seinem Bau zu haben, für andere bei Weitem nicht nur enttäuschend, sondern teils unbedingt notwendig ist.

Für Tiere, die in der Nacht aktiv sind, bedeuten Sterne viel mehr als eine nette nächtliche Beleuchtung! Und so lernt Mo hier noch viel stärker, weshalb sein Sternenklau alles andere als toll war. Ohne dass das Stück auch nur im Geringsten an einem erhobenen pädagogischen Zeigefinger anstößt.

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Szenenfoto aus „Der Maulwurf und die Sterne“

Neu: Ameisen

Dirisamer hat ins Stück als Running Gag noch viiiiele Ameisen als Putztrupp des Waldes hieingeschrieben, die sich immer wieder zu Wort melden – materialisiert durch die verschiedenen Schauspieler:innen des Theaters, die ihnen ihre Stimmen – neben den schon genannten, leihen: Katharina Schraml (Flora Fledermaus / eine weitere Ameise / Sissi Waldspitzmaus, Harald Bodingbauer (Sigi Siebenschläfer / Ameisenchef), Peter Woy: Sir William Waldkauz / noch eine Ameise und nicht zuletzt Andreas Baumgartner, der neben einer Ameise noch Werner Wildschwein seine Stimme im oberösterreichischen Dialekt gibt: Letzteres übrigens einfach zwei üppige plüschige Schlapfen, in die Maulwurf Mo hin und wieder, wenn Werner an der Reihe ist, schlüpft.

Musik (David Wagner) und natürlich nicht zuletzt das Lichtdesgin (Natascha Woldrich) runden den Zauber dieser Geschichte mit Botschaft zu einem wunderbaren Theater-Vor- bzw. -Nachmittag ab.

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Szenenfoto aus "Häuptling Abendwind" im Wiener Rabenhoftheater

Yasmo lässt die Häuptlingstochter aufbegehren

Am augenfälligsten entkleidet diese Version – Yasmin Hafedh aka Yasmo – von Nestroys letztem Bühnenstück „Häuptling Abendwind“ die Szenerie der indigenen Klischees früherer, sogar kritischer, Aufführungen. Der namensgebende Häuptling (Roman Gregory) tritt ebenso wie sein Kollege, Häuptling Biberhahn (Christian Strasser), im Bademantel auf. Alles spielt sich auf einer Art Terrasse mit Liegen (Bühnenbild: Alina Helal und Fekry Helal) vor dem glitzer-funkelnden Wasser (Video-Einspielungen: Max Kiss, Sofie Strunk) mit Thermen-Flair ab.

BEX als aufmüpfige Tochter

Die Regisseurin, bekannte Rapperin und Poetry-Slamerin, tritt zu Beginn und fallweise zwischendurch fallweise in Soli als Kommentatorin bzw. Erklärerin der Handlung auf – ohne zu intervenieren, wie sie immer wieder von der Seite auf einem kleinem Gartentischerl betont. Eingegriffen hat sie ja schon durch die Inszenierung 😉

Stärkste Änderung: Atala, Abendwinds Tochter, die vom Vater mit dem Sohn des benachbarten Häuptlings Biberhahn verheiratet werden soll, wehrt sich dagegen, kämpft um einen eigenständigen Weg. Die aufstrebende Hip*Hoperin BEX verkörpert diese Atala – zwischen irgendwie natural-Beauty-Influencerin – in Video-Einblendungen – und Bühnen-Widerständlerin, die dann aber doch den an den Strand geschwemmten jungen Mann so süüüüß findet, dass sie diesen gleich heiraten will, aber dann… – nein das Ende soll nicht gespoilert werden.

Die Story

Im Wesentlichen folgt die Dramaturgie (Roman Freigaßner-Hauser) dem Original „Häuptling Abendwind oder Das gräuliche Festmahl“ (1862) – wobei Johann Nepomuk Nestroy stark Anleihe bei der Operette „Vent du Soir ou L’horrible festin“ (Abendwind oder Das schreckliche Fest) von Jacques Offenbach, (Libretto von Philippe Gille und Léon Battu) genommen hat. Die gastierte im Frühsommer 1861 im Theater am Franz-Josefs-Kai (Wien). Die beiden Häuptlinge haben – ohne dass der jeweils andere es weiß, aber irgendwie schon auch ahnt, die Ehefrauen des jeweils anderen verspeist, wollen ihre jeweiligen Kulturen bewahren, die „Stämme“ durch die Heirat der Kinder vereinen. Der an den Strand geschwemmte Schiffbrüchige ist Arthur (der Musiker Raphael Rameis, der zeitweise hinterm Schlagzeug Platz nimmt), Biberhahns Sohn, ohne dass die Beteiligten das wissen. Der Vater als Witwer hatte den Sohn schon in jüngsten Jahren in Pflege gegeben. Und weil die Vorratskammer nur mit Gemüse und Obste gefüllt ist…

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Häuptling Abendwind“ im Wiener Rabenhoftheater

Aktuelle Anspielungen

Neben der widerständigeren Rolle für Atala hat Yasmo vor allem den Text – wie es Nestroy in seinen Stücken vor allem durch die Couplets (musikalisch-dichterischen Einlagen) immer wieder getan hat, aktuellen Content – manches Mal wirkt das ein wenig krampfhaft – in die Rollen geschrieben. In fast alt-hausmeisterlicher Art herrscht Abendwind auf der „Insel der Seligen“ (einem vor Jahrzehnten gängigen Begriff für Österreich, der von einem ähnlichen Sager von Papst Paul VI ausging) über sein Volk – das Publikum. Von dem dann tatsächlich – bei der Premiere – gut zwei Drittel der Aufforderung, aufzustehen und sich vor ihm zu verbeugen, willig nachgekommen sind ;(

Warnung vor den „Zivilisierten“, Abendwinds Beharren auf eigener, engstirniger, „Leit“-Kultur, Arthur – bevor er vermeintlich verkocht wird – als mansplainender „Gott“ und Biberhahn in nasalem alles- und nichtssagendem Diplomatensprech sorgen immer wieder für Lacher dank Anspielungen auf heimische politische Vorkommnisse der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart.

Übrigens: Ach wie gut, dass schon Nestroy Abendwinds Koch Ho Gu (Hautgout vom Französichen haut goût = hoher Geschmack) genannt hat 😉  Und der an diesem Abend oft nur erwähnte erste Teil ganz andere Assoziationen auslöst.

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Harlekino und Heureka leiten die jeweilige Szenen mit einem Schauspiel ein

Auf sich 8-geben spielerisch einüben

Noch lugt sie nur aus einem Spalt der Direktion der Volksschule Dunantgasse (Wien-Floridsdorf; 21 BEZIKR). Dann schwebt die Schauspielerin als Art Fee verkleidet, in die Aula, wo Kinder mehrerer Klassen schon auf das angekündigte Theaterstück warten. Heureka, so die „Fee“, sucht da und dort, ruft nach Harlekino, ihrem Spiel-Partner. Fragt die Schüler:innen, ob sie so eine Art Clown gesehen haben. Und hat an diesem Vormittag das „Pech“, dass viele Menschen den KiJuKU-Journalisten oft mit einem solchen verwechseln, nur weil der sehr bunt gekleidet ist und lange rote Haare hat.

Ein-sam gegen gemein-sam

Missverständnis aufgeklärt, irgendwann taucht Harlekino auf, will aber lieber ein Solo also ein-sam und nicht gemein-sam spielen. Kommt also nicht nur – natürlich absichtlich und gespielt – zu spät, spielt den Obervergesslichen, will sogar seine Spielpartnerin verdrängen… Was die ersten spontanen, noch dazu lautstarken und herzhaften „Buuuuhs“ einbringt. Also checkt der Möchte-gern-Solo-Star, gemeinsam wäre doch besser. Und er hat die Größe und Stärke, sich zu entschuldigen.

Das ist mehr als ein „Nebeneffekt“ des Stücks „Ich gebe auf mich 8“ – und lädt damit auch gleich ein, nicht nur auf sich, sondern auch auf andere zu achten!

Conny Boes, die Darstellerin der Heureka und Christian Sedlacek, Harlekin-Spieler, laden die Kinder im Publikum sehr oft ein, in die Rolle von Mitspieler:innen zu schlüpfen – ob einzeln, zu zweit oder dritt vorne auf und vor der Bühne oder alle zusammen durch Rausrufen, Aufzeigen, Sagen, was in der einen oder anderen Szene am besten zu tun wäre.

Aufpassen

Das beginnt beim genauen Schauen vor und beim Überqueren einer Straße. Und geht weiter vor allem beim Reagieren, wenn Fremde, in dem Fall meist aus einem Auto heraus, versuchen dich zum Einsteigen zu bewegen. Ob Versprechungen mit Süßigkeiten oder anderen Gegenständen oder der Geschichte, dass die Eltern einen Unfall erlitten hätten und das Kind jetzt dorthin gebracht werden sollte…

Dazu entledigt sich Harlekino seiner Mütze und spielt den Bösen. Kinder werden eingeladen, in der jeweilige Situation mitzumachen und so im Spiel auszuprobieren, wie sie am besten Nein sagen oder um Hilfe rufen, schreien …

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Die Notruf-Nummern gibt’s auch als große sichtbare Plakate

Notruf-Nummern

In einem gemeinsamen Lied mit verschiedenen Strophen werden die drei Notruf-Nummern – Feuerwehr 122, Polizei 133, Rettung 144 – lustvoll und lautstark gesungen und gerufen. Die Nummern waren für die Kindern nichts Neues, sie kannten sie alle. Und hatten auch Merk-Tricks auf Lager: die 2er schauen aus wie Feuerwehrschläuche, die 3er erinnern an Handschellen und die 4er an Rettungswagen oder wenigstens Sitzen in solchen.

Nein-Sagen lernen

Dass viel mehr Gefahren oft gar nicht von Fremden, sondern aus dem eigenen, engeren Umfeld kommen, ja nicht selten sogar in der Familie lauern – das wäre zu heikel in dieses Stück einzubauen, dazu brauche es weitere Formate eigebettet gleich mit entsprechenden Fachleuten – meinen die Theaterleute, aber auch die Direktorin. „Aber wenigstens wurde ja schon bei diesem Stück mehrfach das „Stopp!“ sowie das „Nein“-Sagen sowie das Achten und „Hören“ auf das Bauch-Gefühl geübt.

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Doppelseite aus dem Bilderbuch "Der Maulwurf und die Sterne"

Wenn einer alles für sich allein haben will

Ach wie fasziniert ist der Maulwurf als er nächtens in seinem Bau nach oben krabbelt, aus seinem Hügel lugt und trotz seiner Sehschwäche den wundervollen Sternenhimmel wahrnimmt. Wie wahrscheinlich fast alle (auch oder nur?) Menschen. Seinen größter Wunsch als er eine Sternschnuppe sieht – …

… ja den verrät die Autorin und Illustratorin Britta Teckentrup (Übersetzung aus dem englischen Original: Verlag ars edition). Und obwohl verratene Sternschnuppenwünsche ja dann angeblich nicht in Erfüllung gehen, …

Doch manches Mal werden erfüllte Wünsche zum Verhängnis. Zumindest in parabelhaften Geschichten über unermessliche Wünsche! So auch hier in diesem Bilderbuch – das ab Anfang April (ab 5.) übrigens im Linzer „Theater des Kindes“ als Stück zu erleben ist – Stückbesprechung folgt.

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Der Maulwurf und die Sterne“

Holt sich die Sterne vom Himmel

Also, der Maulwurf will alle Sterne besitzen, in der folgenden Nacht sieht er lauter Leitern zum Himmel, klettert rauf und fängt sie alle ein, verfrachtet sie in seinen Bau, der goldglänzend erstrahlt.

Dafür ist eines Nachts, als er wieder seinen Kopf aus dem Hügel streckt – alles grau in grau – auf dieser Doppelseite fast nichts zu sehen, nur ganz zarte schemenhafte Schatten dessen, was einst da als Wald und Wiesen stand. Alle Tiere verzweifelt, weil sie keine Orientierung mehr in der Finsternis hatten…

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Der Maulwurf und die Sterne“

Natürlich hat auch dieses, wie die allerallerallermeisten Kinderbücher ein Happy End und der Maulwurf erkennt den Fehler seiner Besitzgier…

Etwas das viele Menschen offenbar nicht schaffen. Und trotz der lehrhaften Absicht der Autorin und Illustratorin ist es auch ein wunderbares Bilderbuch mit Zeichnungen in einer Art naivem Stil.

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Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „Der Maulwurf und die Sterne“
Doppelseite aus "Ein Esel ist ein Zebra ohne Streifen"

Ringe sind rund – und was ist mit dem Boxring?

„Der Esel sieht ungefähr so aus wie ein Pferd. Aber damit man ihn vom Pferd unterscheiden kann und es keine Verwechslungen gibt, hat er zwei große, lange Eselsohren…“ Das sind zwei Sätze aus einer der 44 „fast wahren Geschichten“, die ein wenig an einen Mix aus Münchhausen und Schildbürgern erinnern. In der besagten, die dann auch dem Buch den Titel gab, meint „Onkel Theo“, der Erzähler all der Kapitel, die Esel seien dumm und einige würden glauben, sie wären Zebras, denen der Regen die Streifen weggewaschen hat.

Am Ende jeden Kapitels rufen die Kinder, denen er erzählt: „So ein Quatsch!“ Was der Erzähler mit ein bisschen Beleidigt-sein beantwortet und der „Drohung“ dann eben nix mehr zu erzählen, worauf die Kinder ihn dann doch bitten … und so weiter.

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Ein Esel ist ein Zebra ohne Streifen“

Auf einmal das Buch durchzulesen ist dann doch eher langweilig, hin und wieder die eine oder andere Episode ist vielleicht amüsant. Oft sind es dann gar nicht die ganzen jeweils rund dreiseitigen Episoden (Text: Martin Ebbertz) – aufgelockert durch Zeichnungen von Maria Lechner, sondern Wortspiele, die auch Begriffe in Frage stellen. So dreht sich die Erzählung vom Ring darum, dass der sich dadurch auszeichnet, dass die mit ihm bezeichneten Dinge rund sind. Aber was ist dann mit dem (viereckigen) Box-Ring? Oder gar dem Hering 😉

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Ein Esel ist ein Zebra ohne Streifen“

Wobei alle 44 einzelnen Geschichten auch so geschrieben sind, dass sie sicher nicht unter die Bezeichnung Fake News fallen, sie sind so offensichtlich erfunden, dass auch sicher niemand drauf reinfällt. Und sie vielleicht auch anregen, über das eine oder andere Ding bzw. den oder jenen Begriff zu fantasieren, wie dies und das zustande gekommen sein könnte…

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Titelseite von
Titelseite von „Ein Esel ist ein Zebra ohne Streifen“
Die neuen Railjets haben bei sieben der neun Wagen eines Zuges ebenerdige Einstiege

Erste Railjets mit barrierefreiem Einstieg – Jahre nach vielen anderen Zügen

Mit zwei Jahren Verspätung sei er jetzt endlich eingelangt, so die für Personenverkehr zuständige Vorständin der Österreichischen Bundesbahnen über die neue Generation der Railjets. Kurz vor den Osterferien wurden diese neuen Wagen dem eigenen Personal und den Medien vorgestellt. Ab 8. April sind sie im regulären Einsatz – vorerst zwei Zugpaare zwischen München und Bologna (über Innsbruck und den Brenner). 27 sind bestellt und sollen – bis 2028 – auch tatsächlich auf den Schienen fahren.

13 Jahre später

Was aufs Erste auffällt: Ebenerdiger Einstieg – zumindest in sieben der neun Wagen eines Zuges. Etwas das übrigens die ÖBB-Cityjets seit 2015 und die Konkurrenz der Westbahn seit 2011 kann! Übrigens etwas, das nicht nur Menschen in Rollstühlen hilft oder solchen, die sich – noch dazu mit schweren Gepäck-Stücken – beim Stiegensteigen nicht so leicht tun, sondern insofern auch allen, als das Aus- und Einsteigen schneller vonstatten geht!

Ansonsten haben die Wagen der neuen Railjets neben den Großraum-Teilen auch (wieder) Abteile, u.a. auch zum Spielen für Familien. Wobei sich das Spielangebot auf aufgedruckte Spielpläne auf dem länglichen Tisch zwischen den sechs Sitzen beschränkt.

Die Sitze sind erhöht, so passt Gepäck darunter
Die Sitze sind erhöht, so passt Gepäck darunter

Anregung von Fahrgäst:innen

So manches praktische Detail der neuen Wagen und Sitze sei als Anregung von Bahnkund:innen gekommen – so die ÖBB-Vorständin bei der Vorstellung und Probebegehung und nicht ganz ¼-stündigen -Fahrt (vom Autoreisezug- zum Hauptbahnhof). So gibt es keinen Spalt mehr zwischen den beiden Sitzen – du kannst also am Laptop, Handy, Tablet arbeiten, in einem Buch lesen oder was immer, ohne dass ein Fahrgast hinter dir zusieht. Vor dir hast du in der Rückenlehne des Vordersitzes zwei Klapptische übereinander, das schmale obere Tischchen ist obendrein mit einer induktiven – also kabellosen – Ladestation für Smartphones ausgestattet. Und daneben findest du einen versenkbaren Garderoben-Knopf.

Das WLAN – so die Versprechung – werde besser funktionieren, weil die Fensterscheiben anders beschichtet sind, sodass Netz-Signale leichter durchdringen.

Die Sitze sind erhöht, sodass du darunter leicht Gepäck verstauen kannst.

Für größere Koffer haben die Gepäck-Zonen nun auch versperrbare Drahtkabel-Schlösser – mit eigenem Zifferncode oder einer NFC-fähigen eigenen Karte.

Neben dem Restaurantwagen gibt’s über den Zug verteilt auch einige Snack-Automaten.

Mehr Platz für Rollstuhlfahrer:innen ebenso wie für Fahrräder – für letztere ein leichterer Zugang zu den Abstellflächen über einige Stufen mit daneben befindlicher schmaler Rampe.

Mehr Plätze

Außerdem bietet der neue Railjet um rund 100 Sitzplätze mehr als der „alte“, also jetzige und hauptsächlich eingesetzte. Auf der dichtest befahrenen Weststrecke kam er allerdings – und auch das nur abschnittsweise – nur während des stärkeren Osterreiseverkehrs zum Einsatz.

Ausnahmen

Regulär wie oben schon geschrieben zunächst nur München – Bologna bzw. Innsbruck-München (zu finden in der Fahrplan-Übersicht als EC), später dann auf der Südstrecke – die übrigens fast den ganzen April (6. bis 28.) nicht durchgängig mit Zügen befahrbar ist – zwischen Wiener Neustadt und Mürzzuschlag muss auf Busse (Schienen-Ersatzverkehr) umgestiegen werden.

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Reportage aus der ÖBB-Lehrwerkstätte Hebbelplatz <- damals noch im KiKu

Doppelseite aus "Mucks Maus und Missjö Katz"

Maus und Katz, vier Menschen und viele Weisheiten

„Es kann nur einen geben!“ steht in leuchtend gelber Schrift zwischen Katze und Maus auf der Titelseite. Viel mehr offenbar Kater und Maus – heißt das Buch doch „Mucks Maus und Missjö Katz“, also die lautschriftliche Version des französischen Monsieur für Herr. Und in der Tat dreht sich vieles in dem Buch um die beiden Tiere – in der Realität und in vielen Geschichten DIE sprichwörtlichen Feind:innen schlechthin.

Und klar, es wird sich höchstwahrscheinlich hier anders abspielen. Vielleicht eine höchst ungewöhnliche Freundschaft und so weiter…
Irgendwie schon auch.

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Mucks Maus und Missjö Katz“

Ungewöhnlich

Aber bis es so weit kommt, erzählt Isabel Abedi eine durchaus ungewöhnliche Geschichte. Und Ina Hattenhauer hat diese durchgängig bunt mit Zeichnungen mehr als nur aufgelockert.

Eine durchaus auch nicht gewöhnliche Familie bezieht einen alten Bahnhof außerhalb oder am Rande der Großstadt – die Autorin lebt übrigens in einem solchen am Rande von Hamburg. Dort lebt seit Geeeeeneraaaationen eine Mausfamilie – also im Buch. Und wie die Autorin hat Mucks, der letzte verbliebene Mäuserich seiner Familie Herkunftswurzeln, die über die Welt verstreut sind. Weswegen ihm immer wieder auch orientalische Weisheiten in den Sinn kommen. Die werden ihm allerdings von Stanis Laus, einer Kopflaus, eingeflüstert. Und die ist auch schon was ganz Besonderes, unsterblich, weil einst auf dem Kopf eines Vampirs – und später eben weiser Menschen allüberall.

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Mucks Maus und Missjö Katz“

Ja, nun ziehen also Menschen in diesen Bahnhof, lassen ihn umbauen, wobei die beiden Väter auch selber viel Hand anlegen. Rajo, der Junge, freundet sich mit Mucks an – die beiden kommunizieren über Gedankenübertragung. Da aber Rajos Schwester Minou, eine Re- und Upcycling-Mode-Designerin, sowie Papa und Baba alles andere als mäusefreundlich sind… – dürfen die beiden einander nur dann begegnen, wenn die anderen drei aus dem Haus sind.

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Mucks Maus und Missjö Katz“

Alarm

Eines Tages aber bringt Minou von so einem Ausflug in die Stadt eine Katze mit, die ihr in einem Restaurant um die Beine strich und sich nicht mehr wegbewegen wollte…

Also Riesen-Gefahr für Mucks!
Lange sozusagen eingesperrt, kein Raus-trauen, weil Todesangst. Kaum mehr Zweisamkeit von Rajo und dem Mäuserich…
Und natürlich kommt alles anders. Und wie!

Davon sei aber nichts gespoilert – das würde doch die Spannung zerstören. Wenngleich selbst beim Wissen darum, dass sich – so viel sei schon verraten – die Machtverhältnisse zwischenzeitlich umdrehen, die knapp mehr als 100 Seiten ein Lesevergnügen bereiten. Neben schon angesprochenen Weisheiten unter anderem von Konfuzius erfährst du in der berühmtesten der Katzen-Legenden aus dem Islam, dass eine solche dem Propheten Mohamed das Leben gerettet haben soll, weil sie eine Giftschlange rechtzeitig entdeckte. Und eine andere Katze sich schützend vor das Baby Jesus gelegt haben soll…

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Titelseite von
Titelseite von „Mucks Maus und Missjö Katz“
Sauberes (Trink-)Wasser ist eine der besten Gesundheitsvorsorgen - hier in Marta de Chavez (Guatemala)

Alle fünf Sekunden stirbt ein Kind aufgrund von Ungleichheiten

1, 2, 3, 4, 5, 6 – und schon wieder ist ein Kind gestorben, bevor es seinen fünften Geburtstag erreicht hat. Zwar hat die Kindersterblichkeit 2022 – für das kürzlich die Zahlen veröffentlicht worden sind – den Tiefststand erreicht, aber fast fünf Millionen Kinder überlebten ihre ersten fünf Lebensjahr nicht. Und diese auch meist sehr unwürdig – unterernährt, in Angst und Schrecken vor Kriegen… Die jüngsten Zahlen wurden kürzlich von der Interinstitutionellen Gruppe der Vereinten Nationen für die Schätzung der Kindersterblichkeit (Inter-agency Group for Child Mortality Estimation, UN IGME) veröffentlicht.

Erfolge, …

„Hinter diesen Zahlen verbergen sich die Geschichten von Hebammen und qualifiziertem Gesundheitspersonal, die Müttern helfen, ihre Neugeborenen sicher zur Welt zu bringen, von Gesundheitshelferinnern und -helfern, die Kinder impfen und vor tödlichen Krankheiten schützen, und von Gesundheitspersonal in den Gemeinden, die Hausbesuche machen, um Familien zu unterstützen und die richtige Gesundheits- und Ernährungsversorgung für Kinder sicherzustellen“, sagte die Exekutivdirektorin des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen, Unicef, Catherine Russell. „Durch jahrzehntelanges Engagement von Einzelpersonen, Gemeinschaften und Nationen, um Kinder mit kostengünstigen, hochwertigen und wirksamen Gesundheitsdiensten zu erreichen, haben wir gezeigt, dass wir das Wissen und die Mittel haben, um Leben zu retten.“

Lokalae Gesundheitsversorung samt vorbeugenden Impfungen hier in San Pedro carchá, Alta Verapaz (Guatemala)
Lokalae Gesundheitsversorung samt vorbeugenden Impfungen hier in San Pedro carchá, Alta Verapaz (Guatemala)

Aus dem Bericht geht hervor, dass heute mehr Kinder überleben als je zuvor, denn die Sterblichkeitsrate bei Kindern unter fünf Jahren ist seit dem Jahr 2000 weltweit um 51 Prozent gesunken. Mehrere Länder mit niedrigem und niedrigem mittlerem Einkommen haben diesen Rückgang übertroffen. Das zeigt, dass Fortschritte möglich sind, wenn ausreichend Ressourcen für die medizinische Grundversorgung, einschließlich der Gesundheit und des Wohlbefindens von Kindern, bereitgestellt werden. Die Ergebnisse zeigen beispielsweise, dass Kambodscha, Malawi, die Mongolei und Ruanda die Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren seit 2000 um über 75 Prozent gesenkt haben.

Sauberes (Trink-)Wasser ist eine der besten Gesundheitsvorsorgen - hier in Marta de Chavez (Guatemala)
Sauberes (Trink-)Wasser ist eine der besten Gesundheitsvorsorgen – hier in Marta de Chavez (Guatemala)

Aber…

Die Ergebnisse zeigen aber auch, dass trotz dieser Fortschritte noch ein langer Weg vor uns liegt, um alle vermeidbaren Todesfälle bei Kindern und Jugendlichen zu beenden. Zusätzlich zu den 4,9 Millionen Todesfällen vor dem fünften Lebensjahr – fast die Hälfte davon waren Neugeborene – wurden weitere 2,1 Millionen Kinder und Jugendliche in dem Alter zwischen fünf und 24 Jahren aus dem Leben gerissen. Die meisten dieser Todesfälle ereigneten sich in Afrika südlich der Sahara und in Südasien.

Vermeidbar

Diese tragischen Todesfälle sind in erster Linie auf vermeidbare Ursachen oder behandelbare Krankheiten zurückzuführen, wie Frühgeburten, Komplikationen während der Geburt, Lungenentzündungen, Durchfallerkrankungen und Malaria. Viele Leben hätten gerettet werden können durch einen besseren Zugang zu einer hochwertigen medizinischen Grundversorgung, einschließlich der wichtigsten, kostengünstigen Maßnahmen wie Impfungen, Verfügbarkeit von qualifiziertem Gesundheitspersonal bei der Geburt, Unterstützung für frühes und kontinuierliches Stillen sowie Diagnosen und Behandlungen von Kinderkrankheiten.

Sauberes (Trink-)Wasser ist eine der besten Gesundheitsvorsorgen - hier in Marta de Chavez (Guatemala)
Sauberes (Trink-)Wasser ist eine der besten Gesundheitsvorsorgen – hier in Marta de Chavez (Guatemala)

Geburts-Lotterie

„Auch wenn es begrüßenswerte Fortschritte gibt, leiden jedes Jahr noch immer Millionen Familien unter dem erschütternden Verlust eines Kindes, oft schon in den ersten Tagen nach der Geburt“, sagt WHO-Generaldirektor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus. „Wo ein Kind geboren wird, sollte nicht darüber entscheiden, ob es leben oder sterben wird. Es ist von entscheidender Bedeutung, den Zugang zu einer hochwertigen Gesundheitsversorgung für jede Frau und jedes Kind zu verbessern, auch in Notfällen und in abgelegenen Gebieten.“

Die Verbesserung des Zugangs zu qualitativ hochwertigen Gesundheitsdiensten und die Rettung von Kindern vor vermeidbaren Todesfällen erfordert Investitionen in Bildung, Arbeitsplätze und menschenwürdige Arbeitsbedingungen für das Gesundheitspersonal, das die medizinische Grundversorgung sicherstellt, einschließlich der Gesundheitshelfer:innen in den Gemeinden. 

Als vertrauenswürdige Gemeindemitglieder spielen die Gesundheitshelfer:innen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, Kinder und Familien in jeder Gemeinde mit lebensrettenden Gesundheitsdiensten wie Impfungen, Tests und Medikamenten gegen tödliche, aber behandelbare Krankheiten sowie Ernährungsberatung zu erreichen. Sie sollten in die Systeme der primären Gesundheitsversorgung integriert, fair bezahlt, gut ausgebildet und mit den Mitteln ausgestattet werden, die für eine qualitativ hochwertige Versorgung erforderlich sind.

Rückgang bei lokalen Hilfen

Studien zeigen, dass die Zahl der Todesfälle bei Kindern in den Ländern mit dem höchsten Risiko erheblich zurückgehen könnte, wenn gemeindebasierte Überlebensmaßnahmen die Hilfsbedürftigen erreichten. Allein mit diesem Maßnahmenpaket könnten Millionen Kinder gerettet werden und die Versorgung würde näher am Wohnort erfolgen. Um die Gesundheit und Überlebensrate von Kindern zu verbessern, bedarf es einer ganzheitlichen Vorgehensweise gegen Kinderkrankheiten – insbesondere gegen die häufigsten Ursachen für Todesfälle nach der Geburt, akute Atemwegsinfektionen, Durchfälle und Malaria.

Lokalae Gesundheitsversorung samt vorbeugenden Impfungen hier in San Pedro carchá, Alta Verapaz (Guatemala)
Lokalae Gesundheitsversorung samt vorbeugenden Impfungen hier in San Pedro carchá, Alta Verapaz (Guatemala)

„Der diesjährige Bericht ist ein wichtiger Meilenstein, der zeigt, dass weniger Kinder vor ihrem fünften Geburtstag sterben,“ sagt Dr. Juan Pablo Uribe, Globaler Direktor für Gesundheit, Ernährung und Bevölkerung, Weltbank & Direktor der Globalen Finanzierungseinrichtung für Frauen, Kinder und Jugendliche. „Aber das ist einfach nicht genug. Wir müssen den Fortschritt durch mehr Investitionen, Zusammenarbeit und Konzentration beschleunigen, um dem vermeidbaren Tod von Kindern ein Ende zu setzen und unsere globale Verpflichtung zu erfüllen. Wir sind es allen Kindern schuldig, dafür zu sorgen, dass sie Zugang zu derselben Gesundheitsversorgung und gleiche Chancen haben, unabhängig davon, wo sie geboren wurden.“

Ungleichheiten

Während die globalen Zahlen erfreuliche Anzeichen für Fortschritte zeigen, gibt es auch erhebliche Bedrohungen und Ungleichheiten, die das Überleben von Kindern in vielen Teilen der Welt gefährden. Zu diesen Bedrohungen gehören: die zunehmende Ungleichheit und wirtschaftliche Instabilität, neue und langwierige Konflikte, die sich verschärfenden Auswirkungen des Klimawandels und die Folgen von COVID-19, die zu einer Stagnation oder sogar zu einer Umkehrung der Fortschritte und zu weiteren unnötigen Verlusten von Kinderleben führen könnten. Bei Kindern aus den ärmsten Haushalten ist die Wahrscheinlichkeit, vor dem fünften Lebensjahr zu sterben, doppelt so hoch wie bei Kindern aus den wohlhabendsten Haushalten. Bei Kindern, die in fragilen oder von Konflikten betroffenen Gebieten leben, ist die Wahrscheinlichkeit, vor ihrem fünften Geburtstag zu sterben, fast dreimal so hoch wie bei Kindern in anderen Regionen.

Traurige Aussichten

Bei den derzeitigen Raten werden 59 Länder das Nachhaltige Entwicklungsziel für die Sterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren und 64 Länder das Ziel für die Neugeborenen-Sterblichkeit verfehlen. Das bedeutet, dass bis 2030 schätzungsweise 35 Millionen Kinder vor ihrem fünften Geburtstag sterben werden – eine Todesrate, die größtenteils von Familien in Afrika südlich der Sahara und in Südasien oder in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen getragen wird.

Doppelseite aus dem Bilderbuch "Hippe Hexen und ihre zauberhaften Tiere"

Yak, Papagei, Schwein – und andere Tiere für ihre magischen Meisterinnen

Ein Schwein führt die Buchhaltung von Helene, ein Yak (asiatisches Hochland-Rind) hilft Wu, ein Mandoline spielendes Schuppentier ist die Begleitung von Izara, ein Papagei der Sekretär von Miss Montclaire. Die Frauen sind allesamt „Hippe Hexen“. Ihnen und ihren „zauberhaften Tieren“ widmet April Suddendorf ein Bilderbuch (Nord-Süd-Verlag).

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Hippe Hexen und ihre zauberhaften Tiere“

Märchen begleiteten jahrhundertelange die Verfolgung bis hin zur Ermordung weiser, schlauer Frauen mit Geschichten von bösen Hexen. So manch spätere Geschichten befreiten Hexen von den Attributen des Bösen, verkehrten ihr Wissen über Heilpflanzen und anderes sogar in überirdische magische Kräfte.
Ob böse oder gut, meist hatten/haben Hexen helfende Tiere wie Raben, Katzen oder Kröten beispielsweise. Dass es auch ganz andere sein könnten – das machte April Suddendorf vor zwei Jahren zu ihrem abschließenden Diplomprojekt im Studium Kommunikationsdesign und Medien an der Hochschule Wismar (Ostseeküste, Deutschland).

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Hippe Hexen und ihre zauberhaften Tiere“

Vielfalt von Mensch und Tier

Erstens suchte sie weise, mitunter auch ein wenig schräge Magierinnen aus allen möglichen Ecken und Enden der Welt. Und zweitens dachte sie sich Haustiere für diese Hexen aus, die so gar nicht gängigen Klischees dieser märchenhaften Wesen entsprechen.

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Hippe Hexen und ihre zauberhaften Tiere“

Jeder ihrer Hexen und dem dazugehörigen Tier widmet sie eine bunt gezeichnete Doppelseite mit vier bis acht gereimten Zeilen. Besonders spannend Priya und ihre Schlange, deren Gift sie für Zaubertränke gut gebrauchen kann – die Schlange ist sozusagen bildfüllende Kulisse mit Gebrauchswert – an einer Stelle Hängematte, an anderer Halterung für den Kessel, wieder woanders Bücherregal, Garderobe und vieles mehr…

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Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „Hippe Hexen und ihre zauberhaften Tiere“
Doppelseite aus "Tierische Außenseiter"

„Mal sehr klein, mal nicht fein…“

Schon lange sind es nicht mehr nur die (aller-)beliebtesten Tiere wie Katzen, Hunde, Bären oder – gerade aktuell – Hasen, die in Kinderbüchern eine große Rolle spielen. Kraken, Quallen, Haie – sie sind etwa die Hauptfiguren in literarisch-verspielten Sachbüchern von Michael Stavarič mit Illustrationen von Michèle Ganser. Aber auch ganz andere wie Grütelmull und viele weitere haben es zu (Bilder-)Buch-Ruhm gebracht.

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Tierische Außenseiter“

In gedichteter und illustrierter Form widmen Nils Mohl und Katharina Greve ein ganzes Buch (72 Seiten) Spinnen, Käfern, Schlangen, Skorpionen, Asseln, Stachelschweinen und anderen kriechenden, fliegenden, hüpfenden, schwimmenden Kreaturen, die sie „Tierische Außenseiter“ nennen.

Die Gedichte – alle in Kleinschreibung, und weitestgehend gereimt – beginnen und enden sozusagen schon vor dem Anfang bzw. dem Ende.

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Tierische Außenseiter“

Zu Beginn sozusagen die einleitende Zusammenfassung:
„mal sehr klein / mal voll schleim / mal nicht fein/ … echt unknuddelig / wer will so sein? / wer so denkt / der kennt sie schlecht / denn alle außenseiter / sind doch meist die größeren fighter!“

Selbst Schrift kommt ziemlich passend verspielt daher, wenn unter dem Titel „ich spinne“ ein Spinnenfaden Buchstaben für Buchstaben untereinander – allerdings gar nicht gerade, sondern in Wellen – zu den nächsten beiden Zeilen führt 😉

Am Ende gibt’s eine Zugabe – und das natürlich für einen „Star“!

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Doppelseite aus "stopptanzstill!"

Vom schwebenden Wal bis zur Riesenkatze an der Hauswand

Ein fliegender Wal, einst fix auf dem Dach eines Gasthauses im Wiener Prater montiert, seit Wieder-Eröffnung des renovierten, ausgebauten Wien-Museums von der Decke schwebend, zeigt seine Barten schon auf der Titelseite. Und hat auch im Buch eine Sonderstellung. Alle anderen Tiere – ob als 3-D-Figuren aus unterschiedlichsten Materialien wie Stein und Metall oder an Hauswänden gemalt oder als Mosaike bzw. Reliefs – haben je eine Doppelseite. Der Wal erstreckt sich über drei Doppelseiten.

Einerseits ist „stopptanzstill!“ ein üppiges Buch mit Fotos von Objekten aus dem Museum bzw. aus der Stadt Wien – genauso ist es aber auch ein Gedichtband. Das Wien Museum hatte den bekannten Kinder-Lyriker Michael Hammerschmid gefragt /gebeten zu solchen Objekten und Bildern Gedichte zu verfassen. Dabei kam er, der schon etliche Preise – dann auch für dieses Buch – bekommen hatte, drauf, dass er, obwohl für Kinder dichtend, noch kaum Tierreime geschrieben hatte.

Doppelseite aus
Doppelseite aus „stopptanzstill!“

„Irgendwie wilde Auswahl“

Rasch ließ sich der Autor auf dieses Abenteuer ein, bekam vom Museum Vorschläge, suchte aber auch selber viel in Foto-Datenbanken wie er Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… auf die entsprechende Anfrage anvertraute. „Ganz wichtig natürlich war, welche Figuren mich zu einem Gedicht angeregt haben. Also ich durfte mich da auch intuitiv bewegen und so entstand eine irgendwie wilde Auswahl, hoffe ich zumindest, die kreuz und quer durch Zeit und Raum führt.“

Doppelseite aus
Doppelseite aus „stopptanzstill!“ – diese Skulpturen sind, wie viele andere auch bespielbar

Zwischen sechs und 12 Millionen Jahren

Zeitlich spannt sich der Bogen übrigens von einem rund 12 Millionen Jahre alten Objekt bis zu einer erst sechs Jahre jungen Wandmalerei. Das älteste eben angesprochene Ding ist der Wirbel eines Delfins, der einst in Hernals (17. Bezirk) gefunden wurde, dem Naturhistorischen Museum gehört, das diesen Knochen dem Wien Museum leiht. Und das aufs erste ganz anders aussieht – wie eine Fledermaus. Wie in vielen anderen seiner Gedichte philosophiert der Autor über das Gesehene, manchmal scheint er auch mit dem jeweiligen Gegenstand oder Bild zu sprechen. Nicht selten wirft er Fragen in den Raum.

Erst 2018 malten die Straßen-Künstler:innen (Street Art) Lunar, Smack und Ruin eine riesige Katze im Comic-Stil an eine große Hausmauer in Favoriten (10. Bezirk; Franz-Koci-Straße 14).

Ungewöhnliche Gedichte

Obwohl Kinder Gedichte lieben, sind Hammerschmids Texte sicher anfangs, vor allem für noch wenig geübte Leser:innen, ein wenig gewöhnungsbedürftig. Reime sind nicht seine bevorzugte Sache; und häufig beginnt ein Satz, ein Gedanke – übrigens alles in Kleinschreibung und oft ohne, meist jedenfalls mit sehr wenigen Satzzeichen – in der einen Zeile unvermittelt und setzt sich erst nach dem Absatz fort.

Doppelseite aus
Doppelseite aus „stopptanzstill!“

Für eine Doppelseite ließ sich der Autor etwas ganz Besonderes einfallen. Da suchst du das Tier vergeblich. In der rechten unteren Ecke wirken zwei ovale helle Öffnungen in einem schwarzen runden Ding lediglich wie Augen. Das dazugehörige Gedicht auf der Seite daneben: „das tier das man nicht sieht“ mit vielen Fragen, was es sein könnte, ob es noch da ist, oder…

Vielleicht ist es gerade diese Doppelseite, die zum eigenen Fantasieren mit Gedanken- und Wortspielen einlädt. Und die anderen Gedichtformen auch dazu, sich beim Dichten nicht unbedingt an vorgegebene Regeln aus der Schule halten zu müssen 😉

PS: Auf der vorletzten Seite im Buch gibt’s einen QR-Code – über den kommst du zu Audio-Dateien. Der Autor selbst hat alle Gedichte eingesprochen. Jedes Gedicht ist eine eigene Datei.

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Doppelseite aus dem Bildband "sieben die schöpfung"

Sieben mal sieben – eine bildreiches Kunstwerk der (jüdisch-christlichen) Schöpfungsgeschichte

Sieben – Zwerge, Berge, Geißlein… Tage – also eine Woche. Und was für eine. Die am Beginn der Schöpfung, also eigentlich der von Menschen ausgedachten Geschichte – nach der christlichen Religion; die diese wiederum aus dem Judentum übernommen hat.

Linda Wolfsgruber, die vielfach preisgekrönte Illustratorin, die immer wieder nicht nur andere Texte bebildert, sondern eigene Bücher erfindet, hat zu dieser Schöpfungsgeschichte das Buch „sieben – die schöpfung“ geschaffen. Sieben mal sieben Doppelseiten. Vom eher dunkel gehaltenen Chaos bis zur hellen Vielfalt von Pflanzen, Tieren und Menschen.

Doppelseite aus dem Bildband
Doppelseite aus dem Bildband „sieben die schöpfung“

Verschiedene Techniken

Die Collagen sowie Monotypien und in Kratztechnik (wie sie viele aus der Schule mit Wachsmalstiften kennen) und die in späteren Phasen im Stil an Höhlenmalereien erinnern, illustrieren die Evolution. Daneben stehen am Rand Sätze für die sich die Autorin und Illustratorin in Personalunion aus Bibel-Übersetzungen (1980 und 2016) inspirieren hat lassen.

Mystische Zahl

Als Menschen noch nicht wussten, wie sich das Universum, die Erde und das Leben auf ihr wirklich entwickelt haben, dachten sie sich Geschichten aus, wie das gewesen sein hätte könnte. In verschiedensten Gegenden und Kulturen die unterschiedlichsten Mythen, Legenden und Religionen. Wobei interessanterweise sieben in vielen eine große Rolle spielt. Oft wird sie auch als Glückszahl angegeben; andere wiederum (etwa in Ostasien) halten sie für eine Unglückszahl.

Ein Erklärungsversuch wird oft – auch auf der wikipedia-Seite zu dieser Zahl – mit der Zahl der mit freiem Auge sichtbaren großen Himmelskörper angegeben: Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn.

Doppelseite aus dem Bildband
Doppelseite aus dem Bildband „sieben die schöpfung“

Ein andere könnten die sieben Öffnungen in unserem Gesicht sein, mit denen wir die Welt um uns wahrnehmen: Zwei Augen, zwei Ohren, zwei Nasenlöcher und ein Mund.

Selbst wer nicht daran glaubt (wie der Schreiber dieser Zeilen), dass ein höheres Wesen – wobei Wolfsgruber auf eine Bibelübersetzung zurückgreift, die „Gott“ geschlechtsneutral schreibt – in sechs Arbeitstagen Erde und Weltall „geschöpft“ hat und den siebenten Tag zum Ruhen verwendete, kann sich an den detailverliebten großflächigen Bildern erfreuen – und sich den wichtigen Grundsatz zu Herzen nehmen, den Wolfsgruber an den Beginn stellt: „… weil sie uns anvertraut ist“. Und das steht in der sonnenhellen Doppelseite vor dem düster-dunklen Tag 1.

Bei sieben mal sieben drängt sich die seit Generationen bekannte Scherzfrage mit der entsprechenden Antwort auf, was das ergibt: „feinen Sand!“

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Titelseite des Bildbandes
Titelseite des Bildbandes „sieben die schöpfung“
Szene aus "The Future is in our Hands"

Wie sollen wir zuhören lernen, wenn’s kaum wer vorlebt?

Noch war die Demonstration „Demokratie verteidigen“ bei strömendem Regen in Wien im Gange bzw. deren Abschlusskundgebung auf dem Ballhausplatz. Während die Redner:innen auf der Bühne zwischen Bundeskanzleramt und Amtssitz des Bundespräsidenten Gefahren für die Demokratie ansprachen, stürmten – ungeplant – Kinder die Bühne im Kasino am Schwarzenbergplatz, einer der Spielstätten des Burgtheaters. Die 7- bis 10-Jährigen erobern die Bühne anders als geprobt – wie später im Publikumsgespräch verraten wird.

Szene aus
Szenenfoto aus „The Future is in our Hands“

Danach allerdings spielen Elektra Birkhan-Dhellemmes, Lola Kaja Cimesa, Lenz Eichenberg, Iris El Fehaid-Power, Sina Tobias Kananian, Sami Kiegleder, Lieselotte Leineweber, Leo Schönwald, Thimo Temt, Ossian Trischler, Cecilia Eunice Pail-Valdés ihre Rollen im gespielten Streit mit der Leiterin ihres Workshops, Sasha Davydova wie eingeübt. Sie – im Publikum sitzend – ruft Anordnungen zu und die Kinder befolgen diese NICHT. Demokratie ist auch, sich nicht unbedingt Autoritäten zu unterwerfen ist die offensichtliche und später auch so erklärte Botschaft der Performance. Und so sollten, durften und konnten die Kinder ihre Ideen einbringen – und rasch fanden sich einige zu einer Band zusammen…

Respekt sowie Freiheit und dazu zählt nicht zuletzt auch das Recht auf nicht von außen diktierte Freizeit ist ihnen besonders wichtig.

(Zwischen-)Ergebnisse

Fünf Projektgruppen haben in dieser Spielzeit in Kooperation mit dem Dschungel Wien, bzw. dem Burgtheater Studio, Omas gegen Rechts und dem Gleis 21 zu den Themen rund um Demokratie und Mitbestimmung, Krieg und Frieden gearbeitet und zeigten am Wochenende vor den Osterferien in Live-Performances sowie einem Film (Zwischen-)Ergebnisse ihrer Arbeit. Wobei die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die mit dem Dschungel Wien arbeite(te)n ihre Performances weiterentwickeln und im Juni beim Festival der Theaterwerkstätten präsentieren werden.

Mega-Verstärker:innen

Ein Gutteil der Performance der Gruppe „Mega-Verstärker:innen“ von Lotte Burger, Maxim Gerginov, Ona Fabre Kasebacher, Matteo Lusher, Pauline Meitz, Emilia Reisinger-Bosse, Hannah Stangl, Sophie Szakasits, Franka Throm, Keara Li Rose Tromp (Leitung: Sylvi Kretzschmar) war schon Tage zuvor im öffentlichen Raum auf dem Platz für Menschenrechte vor dem MuseumsQuartier zu erleben. Hier nun konzentrierter ohne störenden Verkehrslärm. Ums Zuhören ging es auch vielfach. Wenn mehr auf Kinder gehört werden würde gäbe es – besseres Schulessen etwa. Aber auch „keine neuen SmartPhones“, und wenige Sätze davor „mehr neue elektronische Geräte“. Widersprüchlich? Mag sein, Demokratie ist eben viel- und nicht ein-fältig 😉

Und die Frage: Wie sollen wir zuhören lernen, wenn es uns nicht vorgelebt wird – weil Erwachsene Kindern zu selten zuhören.

Vorerst ein Film

Gemeinsam mit renommierten Autor:innen – Armela Madreiter, Thomas Perle – arbeiten Jugendliche und junge Erwachsene an Texten, die von Biographien zugewanderter Menschen inspiriert sind, sogenannter „Gastarbeiter:innen“ (Leitung neben den Genannten Elif Bilici). Rezitierend, tanzende, performend präsentierten Rocco Baldari, Naima Bouakline; Sarah Byrne, Nikolay Yulianov Chulev, Özge Dayan-Mair, Neil Dölling, Lucia Droner, Mohammed El Noed, Destiny Okon und Nina Vidaković Geschriebenes – vorerst in einem Film (Kamera und Schnitt: Özgün Yarar).

Damit ergänzen sie mit dem Workshop „Auf der Suche“ in anderer Form die seit vielen Jahren entstehende Buchreihe „Berichte aus dem neuen OE“, in der Jugendliche aus unterschiedlichen Bundesländern mit unterschiedlichsten Herkünften über ihr Leben erzählen.

Diese ersten drei Präsentationen – jeweils im Dschungel Wien entstanden – werden wie schon erwähnt – weiter ausgebaut und im Juni im Theaterhaus für junges Publikum vorgestellt – siehe Info-Block

(Nicht nur) Ukraine

Die dreisprachige (Englisch, Ukrainisch, Deutsch) Werkstatt-Präsentation – in Zusammenarbeit mit dem Burgtheater Studio – ist der seltene Fall, dass so ein Projekt nicht nur auf eine Saison beschränkt ist. „Letztes Jahr haben wir noch die Tage gezählt“ (Leitung: Anna Manzano, Mitarbeit: Anastasiia Yakovenko) wurde fortgesetzt. Natürlich vor dem Hintergrund des mittlerweile mehr als zwei Jahre dauernden kriegerischen Überfalls des russischen Putin-Regimes auf das Nachbarland. Doch Katharina Conradi, Patricia Falk, Elen Figol, Peta Klotzberg, Valeriia Lakaziuk, Aletheya Schreder, Shureen Shab-Par, Anastasia Ustymenko, Khrystyna Yerychuk behandeln nicht nur diese Situation. Sondern auch – heftigste – Diskussionen in der Gruppe, Ausstieg einzelner Mitwirkender.

Zur Sprache kommen auch kulturelle Aneignung ebenso wie, ob nun alles Russische verteufelt werden müsste, weil der Krieg ja von vielen Russ:innen mitgetragen werde. Nicht zuletzt wird das schnelle „Vergessen“ dieses Krieges in Medin thematisiert – und ruft ohne es vielleicht zu beabsichtigen – in Erinnerung, dass andere Kriege schon lange aus der medialen Berichterstattung und damit Wahrnehmung verschwunden sind – etwa 13 Jahre Syrien, 2 ½ Jahre neuerliche Taliban-Herrschaft in Afghanistan, laufende Bombardements des NATO-Staates Türkei von Medizin- und Bildungseinrichtungen sowie Infrastruktur in den befreiten, demokratisch-multikulturell verwalteten Regionen Nord-Syriens (Rojava).

Fast unbeachtet: Kartenhaus-Bau

Spannend, wenngleich fast unbeachtet, am Rande nicht nur dieser, sondern auch der nachfolgenden Performances, saß eine Frau auf dem Boden und bauten aus Spielkarten ein Haus, Stock für Stock. Immer und immer wieder fielen diese natürlich – Wind durch Bewegung der Performer:innen oder durch andere Luftzüge – in sich zusammen. Doch sie gab nicht und nicht auf. Selbst als das Publikum am Ende den Saal verließ, baute sie noch daran. Vielleicht durchschaute nur Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… nicht, was dahintersteckte und fragte dann eben beim Rausgehen.

Und da sich in Gesprächen danach herausstellte, dass andere ebenfalls den Sinn nicht erkannten, sei hier die Erklärung veröffentlicht: „Das stellt den Wunsch vieler Ukrainer:innen dar, in ihre Heimat zurückkehren und ihre Häuser wieder aufbauen zu können. Doch leider sind das derzeit noch lange nur Luftschlösser.“

Fotos davon gibt’s übrigens leider keine, denn es dürfen nur vom Burgtheater zur Verfügung gestellte Fotos veröffentlicht werden, und dies wurde entweder nicht fotografiert oder nicht „ausgewählt“. Viele Zuschauer:innen haben zwar Handyfotos und -videos während der Performances gemacht, die in sozialen Netzwerken kursieren (werden), aber bitte ;(

Generationen-übergreifend

Zwischen Klischees und Brechung genau solcher startete die erste von zwei Performances von und mit den „Omas gegen Rechts“. Viele von ihnen eroberten oder sollte vielleicht besser geschrieben werden Er’OMA’rten die Bühne mit großen meist roten Wollknäuel und Stricknadeln. Gestrickten Hauben mit dem Sticker – schwarzer Schriftzug dieser Bewegung auf weißem Grund – sind eines der Markenzeichen. Ein anderes: Aufstehen und mitgehen bei Demonstrationen und Kundgebungen zur Verteidigung der Demokratie, für Menschenrechte – auch solches auf Asyl, eigene oft lediglich Zwei-Frauen-Manifestationen vor Bundeskanzleramt und Innenministerium…

In „Er’OMA’rung“ erzählten Isabella Amadori, Vera Cerha, Simona Edelmann, Elisabeth Hofbauer, Bettina Hradecsni, Eringard Kaufmann, Petra Hayek, Caroline Koczan, Elsa Königshofer, Ingrid Porzner, Anna Pramböck, monika Salzer, Veronika Schmidt, Susanne Scholl, Jenny Simanowitz, Andrea Stockinger und Kathy Tanner (Leitung: Katrin Artl) szenisch einerseits die Gründung dieser Bewegung, andererseits individuelle Lebensgeschichten mit langen Aktivismus-Biographien.

Im Wechselspiel mit Sympathisant:innen, die im Publikum saßen – und dazu aufstanden – wurden so manche realen Reaktionen von Passant:innen nachgespielt; Beschimpfungen wie Solidarisierungen.

Mitmachen

Andere „Omas gegen Rechts“ – gemeinsam mit Gleis 21 (Wohn- und Kulturprojekt im neu bebauten Areal beim Wiener Hauptbahnhof) sowie wieder dem Burgtheater Studio traten als Chor auf (Ursula del Bello, Gisela Kranzelbinder-Deskoski, Karin Einsiedler, Ilse Friedl-Schuster, Katharina Hölzl, Barbara Klein, Günther Platzer, Doris Pollany, Adrea Roschek, Elisabeth Schmidauer, Martina Sinowatz, Monika Volk) unter anderem mit Texten aus dem Buch „Omas gegen Rechts – Warum wir für die Zukunft unserer Enkel kämpfen“ von Monika Salzer: und sie animierten die Besucher:innen dieser Werkstätten-Schau sich zu erheben und in chorische Slogans wie „Zusammenhalt gegen Rechts“ sowie „Klima in Gefahr – Demokratie in Gefahr“ miteinzustimmen.

Junge (?) Akademie

Dieses Aufbrechen von Klischees älterer und alter Frauen durch Aktivismus – nicht zuletzt an der Seite junger Aktivist:innen wie Klima-Klebe-Aktionen der „letzten Generation“ – wirkte erfrischend, ermutigend, aktivierend. Dennoch darf die Frage gestellt werden: Wenn schon in Werkstätten nicht nur neu zusammengewürfelte Mitwirkende Szenen erarbeiten, sondern auch bestehende Gruppen eingeladen wurden – wieso gerade unter dem Titel „Junge Akademie“ nicht beispielsweise „Demokratie, was geht?“, eine sehr vielfältige, diverse Gruppe an Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die an vielfältigsten kulturelle Formen arbeitet zur Kooperation gebeten worden ist.

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Doppelseite aus "Geisterbahn, voll abgefahren!"

Grusel-Loser, Sesselkleber, Prankenstein und Fetzguck…

Bela Fröschel vs Berti Schestak – das ist Brutalität. Watschen da, Superkleber auf dem Sessel dort. Dagegen wiederum Klassenmistkübel auf den Kopf gesetzt…

Die beiden Protagonisten sind (Schul-)Kinder von Prater-Familien. Der Wiener Prater – nicht der „grüne“ mit Hauptallee, Wiesen und Wasser, sondern der früher oft mit der „Vorsilbe“ Wurstel/ Wurschtel benamste – ist der Spielort von Christoph Mauz‘ jüngstem Buch. In „Geisterbahn, voll abgefahren!“ (auch wenn auf dem Buchcover weder Beistrich noch Rufzeichen in der Gruselschrift zu sehen sind) dreht sich vieles, fast alles genau um so eine der uralten Attraktionen des Vergnügungsparks. Eine der letzten ihrer Art.

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Geisterbahn, voll abgefahren!“

Seit Generationen ist sie im Besitz der Familie Fröschel, deren Mitglieder sie auch betreiben. Gegenspieler ist Familie Schestak, der viele der neuen Achterbahnen und anderen wilden „Fahrgeschäfte“ gehören. Und deren Clan-Chef auch noch die alten Attraktionen einkassieren will, um dort Neues hinzubauen.

Wortwitz

Das ist die Ausgangsgeschichte, die der Autor in der „Grusel“-Geschichte, konstruiert hat. Wie immer in von Wiener Dialekt gefärbter Sprache in den Dialogen und spielerischen Wortwitzen – „Grusel-Loser“, „Prankenfein“ für eines der Monster in der Geisterbahn oder Fetzguck für einen Social-Media-Kanal – erzählt Mauz eine spannende, nach und nach eskalierende Geschichte. Aufgelockert durch schwarz-weiß-Zeichnungen von Jürgen Blankenhagen auf vielen der knapp 120 Seiten.

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Geisterbahn, voll abgefahren!“

Commander Jolanda und Influencerin Schörli

Eine wichtige Rolle spielt neben den beiden Buben, deren (Groß-)Eltern und so manchen Monstern auch wieder ein starkes, schlaues Mädchen, hier Jolanda, genannt Commander und aus der „Dynastie“ der wie die Geisterbahn alten Prater-Attraktion „Nu-Tschu-Tschu-Express“. Und dann ist da noch Belas Haustier Aloisia, eine Tarantel sowie die Internet-Influencerin Schörli Schuga. Und unabhängig von der Geschichte auch wieder viel flotter, leicht verdaulicher Lesespaß zwischen den Buchdeckeln; für Nicht-Wiener:innen gibt’s am Ende ein einseitiges „abgefahrenes Geisterbahn-Wörterbuch“.

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Titelseite von
Titelseite von „Geisterbahn, voll abgefahren!“
Bildmontage aus Elementen der Titelseite von "Niemand so wie ich?"

Mit Niki kannst du einfühlsam ihr Hin- und Her-gerissen-Sein nachvollziehen

„Ich zählte, um mich abzulenken von dem Gefühl, dass ich nicht auf dem Untersuchungstisch liegen will und nicht von allen angeschaut werden möchte. Ich zähle, um keine Fragen beantworten zu müssen. Denn wenn ich zähle, bin ich nicht dort, sondern unterwegs woanders hin, wo es nicht außergewöhnlich ist, dass ich so bin wie ich bin. Ein Land, wo alle so sind wie ich und wo es komisch ist, gewöhnlich zu sein. Ein Land, in dem man sich nicht zwischen Mädchen- und Jungesein entscheiden muss.“

Niki, elf Jahre, wird immer wieder damit konfrontiert, irgendwie anders zu sein. Eigentlich kommt Niki oft damit gut zurecht, warum soll sie sich entscheiden Mädchen oder Bub zu sein, warum reicht es nicht, einfach Niki zu sein?!

Doppelte Existenzen

Einfühlsam beschreibt Rachel van Kooij in „Niemand so wie ich?“ die Situation des Kindes auf dem Übergang ins Jugendlichen-Stadium – den Druck, mitunter Verhöhnung von außen, den irgendwie doch vorsichtigen Umgang der Eltern, den doch dezenten Druck vor allem von Seiten des Vaters, irgendwann stehe eine Entscheidung an ob männlich oder weiblich.

Und das ist nur eine Hälfte der konfliktträchtigen Situation in der Familie. Eine ganz neue kommt dazu. Und die lässt die Autorin sogar noch davor, gleich zu Beginn hereinbrechen, sozusagen fast mit der Tür ins Haus fallen. Ein – vermeintlich – Fremder läutet an der Tür. Sein Auftauchen macht den Vater wütend, der andere hätte sein Leben zerstört, weshalb er jetzt nach zehn Jahren auftauche…

Niki, äußerst sensibel, checkt, da steckt ein dunkles Geheimnis dahinter, hat Mitleid mit dem Verstoßenen, trifft zufällig später auf ihn, teilt eine Pizza mit ihm und…

Spannende Geheimnisse

Da die Autorin diese zwei Stränge zweier Menschen, die sozusagen jeweils zwei verschiedene Seiten haben, eng miteinander verwebt und erst nach und nach enthüllt, was hinter dem „Fremden“ steckt, sei es hier nicht verraten – auch wenn der Klappentext des knapp mehr als 200 Seiten umfassenden, spannend und einfühlsam geschriebenen Buches, das zum Verschlingen einlädt, schon mehr verrät.

Wobei sie auch so schreibt, dass sie dich als Leser:in immer wieder auch zwischen den Zeilen einlädt, mehr zu wissen oder wenigstens zu ahnen als schon direkt ausgesprochen ist.

Schade nur, …

… dass Rachel van Kooij – obwohl sie bekannt ist für aufwändige Recherchen – gerade was Frage der Pronomen betrifft ein wenig schlampt. Das geschlechtsneutrale Pronomen „hen“ lässt sie (Seite 200) aus dem Englischen kommen. Dort wird allerdings schon lange „they“ (in diesem Fall für dritte Person Singular) verwendet, während „hen“ in Schweden (han – er; hon – sie) erfunden wurde; übrigens schon vor rund einem halben Jahrhundert zum ersten Mal, seit mehr als zehn Jahren weit verbreitet. Wobei es eigentlich aus dem Finnischen, einer geschlechtsneutralen Sprache, ausgeborgt wurde, wo das Pronomen seit ewig für alle „hän“ heißt.

Und eine Seite davor lässt die Autorin Niki ein eigenes deutsches Pronomen erfinden – ser als Kombination von sie und er. Dabei gibt es das viel deutlichere „sier“ auch als „xier“ schon läääängst sogar über die non-binäre Community hinaus – übrigens neben „en“ und auch „dey“ als sozusagen eingedeutschte Version des englischen „they“.

Hin- und hergerissen

Das soll aber keineswegs den großartigen Roman schmälern – könnte ja bei weiteren Auflagen ausgebessert werden. Vielleicht zum Abschluss noch ein Zitat aus dem Buch, das auch die für Niki durchaus immer komplizierte Lage gut zum Ausdruck bringt:

„Man kann nicht alles mit Regeln festschreiben. Das greift zu kurz. Für besondere Fälle muss es Ausnahmen geben dürfen!“ lässt die Autorin Nikis Mutter aufregen, als es um ein Fußballspiel des Mädchenteams geht, bei dem Niki mitspielen möchte. Und das wiederum bringt Niki auf die Palme.

„Besondere Fälle!“, schreibt Rachel van Kooij und legt Niki die folgenden Sätze in den Mund: „Aber genau das will ich nicht“, fiel ich ihr wütend ins Wort. „kapierst du das nicht? Ich, ich will keine Ausnahme, ich will wie alle anderen behandelt werden! Wie alle anderen sein. Ich hasse es, besonders zu sein!“
„Niki“, Mama schaute mich bestürzt an. „Was redest du da? Wie alle anderen sein. Jeder Mensch ist einzigartig, das weißt du doch.“

Wobei diese Einzigartigkeit, die ja für jede und jeden gilt, natürlich leichter wäre, wenn das allgemein akzeptiert werden würde! Und wie sie eben im wahrsten Sinn des Wortes durchaus natürlich ist – sowohl unter Menschen als auch bei Tieren – siehe Links zu Kinderbüchern hier in diesem Beitrag eingestreut.

Übrigens: Aktuelle Studien besagen, dass zwischen 1,2 und 2,7 % Jugendlicher sich als Transgender bezeichnen, sich also weder als weiblich noch als männlich sehen/fühlen; und das heißt immerhin ein bis drei von 100, also von durchschnittlich vier Schulklassen.

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Froehlich-miteinander-herumschleimen

Titelseite des Jugendromans
Titelseite des Jugendromans „Niemand so wie ich?“
Grafik der zentralen Ergebnisse dieser neuen Lehrlings-Umfrage, was den Lehrlingen am wichtigsten ist

Sicherer Job, gute Bezahlung stehen für Lehrlinge an der Spitze

Sicherer Arbeitsplatz vor angenehmen Arbeitszeiten, gutem Geld. Dann erst folgen gutes Betriebsklima und gute Work-Life-Balance. Das sind kürzest zusammenfasst die Ergebnisse einer aktuellen, repräsentativen Umfrage unter 800 Lehrlingen in Österreich, die kurz vor den Osterferien vorgestellt wurden; erhoben vom Institut für Jugendkulturforschung und Kulturvermittlung – jugendkultur.at

Die oben genannte Reihenfolge gilt für „Lehrlinge gesamt“ – und selbst die Top-Position „sicherer Arbeitsplatz“ wurde nur von nicht einmal der Hälfte genannt, bei Mädchen allerdings deutlich mehr (rund 55 %). Dafür ist weiblichen Lehrlingen gutes Betriebsklima und die Work-Life-Balance wichtiger als hohe Lehrlingsentschädigung.

Die Umfrage wertete die Antworten noch nach einigen ausgewählten Branchen gesondert aus und da stellt sich heraus, dass im Tourismus die Entlohnung deutlich alle anderen Ergebnisse überragt und von mehr als sechs von zehn Befragten als wichtigstes genannt wurde.

„Generation Safety“ betitelt das Institut die Umfrage-Ergebnisse und formuliert: „In Zeiten der Krise denkt die Jugend in erster Linie über Sicherheit nach. Risiko und Abenteuer sind nicht angesagt. Man will klare Verhältnisse und eine materiell solide Lebensgrundlage.“

Abgefragt wurden auch die beliebtesten Ausbildungsbetreibe und da landete die ÖBB an erster Stelle. Erst vor viereinhalb Monaten hatte eine andere Studie – 1700 Befragte, darunter rund ¾ mit ÖBB-Bezug – ebenfalls ergeben, dass sich Lehrlinge in erster Linie stabile Arbeitsverhältnisse wünschen – siehe Link zu diesem Bericht unten am Ende des Beitrages.

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jugendkultur.at

Doppelseite aus dem Bilderbuch "Du fehlst so, Hase!"

Schildkröte und Hase – außergewöhnliche Freundschaft und ein großes Loch

Ostern – da fallen einem leicht Hasen ein. Und in diesem Bilderbuch spielt ein Hase eine wichtige Rolle. Und doch ist es ganz anders.

Zunächst einmal erlebst du den Hasen Leo und die Schildkröte Cleo – praktisch unzertrennliche Freund:innen. Und das obwohl ja der eine urschnell und die andere, naja nicht ganz so flott unterwegs ist – von ihren unterschiedlichen Naturen aus. Doch die beiden: Ganz anders.

„Die Schildkröte und der Hase hier /kannten kein ICH, waren einfach WIR“, beginnt der Text auf der ersten Seite. Und so wie der sind auch die folgenden gereimt (Original: John Dougherty, Übersetzung aus dem Englischen Katja Frixe). Natürlichhalfen die beiden wo es nur ging – Leo der Cleo beim Klettern und diese wiederum ihrem Kumpel wenn’s ins Wasser ging.

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Du fehlst so, Hase!“

Ein Leben in friedlich, freundschaftlicher Zweisamkeit. Klar, irgendwann braucht’s zwecks Spannung sozusagen einen Plot-Twist, eine Wendung. Könnte ein Streit sein. Ist es aber nicht. Schon der Titel des Bilderbuchs deutet ja einiges an: „Du fehlst so, Hase!“

Aber nein, Leo haut nicht ab und macht sich aus dem Staub. Er ist einfach eines Tages weg. „Für Schildkröte Cleo war es schwer zu fassen: Hase Leo hat nur ein Loch dagelassen. … Sie blickte ins Nichts und ums Nichts herum, / doch das Loch ohne Leo wartete stumm.“

Die folgenden Doppelseiten der tiefen Traurigkeit sind eine Meisterleistung des Illustrators Thomas Dougherty, der die Seiten meist in pastelligen Farben sanft und weich malt: Das sprichwörtliche Loch tauch da und dort und immer wieder als dunkelblaue Fläche in Hasenform auf, fast wie ein Loch in der Seite.

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Du fehlst so, Hase!“

Ohne es direkt auszusprechen, pardon zu schreiben, ist natürlich klar, was passiert ist. Leo kann nie mehr zurückkommen. Otto, der Bär, umarmt Schildkröte Cleo und hilft ihm – und vielleicht auch dir, wenn du einen Verlust betrauern musst: „Du wirst es nie los, das Loch wird bleiben… / kannst das Loch füllen, ihm etwas geben. / Denk an eure Freundschaft zurück, / die schöne Zeit und euer Glück. / Und denk auch an all die lustigen Sachen, / die Freude, den Spaß und an Leos Lachen…“

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Du fehlst so, Hase!“

Und so fliegen in Gedankenblasen Bilder von früheren gemeinsamen Aktivitäten einerseits und andererseits füllt der Zeichner das vormalige Loch, das auch jetzt noch beispielsweise auf der Wiese sitzt, steht oder geht, von Seite zu Seite mit zunehmend mehr Farben.

Insofern als „Wiederauferstehung“ doch ein österliches Bilderbuch 😉

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Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „Du fehlst so, Hase!“
Kinder der VS Vorgartenstraße 42 kamen mit etlichen Vorschlägen für Verbesserungen in Parks

Trampoline und Klos für Parks, Jugend-App, Mental Health und noch viele Ideen

„Trampoline in Parks“ und „mehr Spielstraßen“ dringt es fast in kleinen Chören von Kindern der 2c der Volksschule Vorgartenstraße 42 (Wien-Brigittenau; 20. Bezirk) an die Ohren des fragenden Reporters. Sie sind eine der ersten Klassen, die am vorletzten Tag vor den Osterferien den großen Festsaal im Wiener Rathaus bevölkern. Sie und weitere rund 250 Kinder und Jugendliche sind zum Abschluss des aktuellen Wiener Kinder- und Jugendparlaments gekommen.

In den vergangenen Monaten haben junge Bürgerinnen und Bürger – übrigens, egal welchen Pass sie oder ihre Eltern haben! – Ideen, Vorschläge und Forderungen eingebracht. Wie ihr Leben und das ihrer Altersgenoss:innen (weiter) verbessert werden kann und soll / könnte und sollte. Aus den einzelnen Abteilungen der Stadt Wien kamen Antworten – und die wurden nun von Kindern und Jugendlichen mit Stadt- bzw. Gemeinderät:innen oder Beamt:innen diskutiert.

Sogar aus einem Kindergarten

Die Allerjüngsten kamen übrigens von einer Kindergartengruppe – KiWi Floridusgasse (Floridsdorf; 21. Bezirk). Hier strahlt Nicole, als sie Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… als sie einen der Wünsche ihrer Gruppe anvertraut: „Wir hätten gern in einem Park eine Rutsche, die bis unter die Erde geht und über eine Treppe kommst du dann wieder rauf.“ „Außerdem hätten wir gern, dass es in Park Hasen gibt für Kinder, die keine Haustiere haben“, und „Karussells und Trampoline“ kommt es von verschiedener Seite. Als eine der begleitenden Elementarpädagoginnen fragt „ihr habt doch noch etwas Wichtiges vorgeschlagen, was viele brauchen könnten?“ schallt aus mehreren Mündern: „Klos!“

Letzteres war übrigens eine häufige Forderung: Klos für alle Parks – und zwar solche, die dann auch regelmäßig gereinigt werden! Ebenso vielfach gefordert: Alles sollte barrierefrei zugänglich sein – müsste es laut Behinderten-Konvention der UNO ohnehin schon längst. Da Parks aber nicht bei jeder Witterung der ideale Aufenthaltsraum sind, an dem nicht konsumiert werden muss, wünschen sich vor allem viele Jugendliche geschlossene, ebenerdige Räume etwa in Bauten von Wiener Wohnen oder Genossenschaften, die kostenlos benutzt werden können.

Hilfe für Ärmere und Jugend-App

Mehr öffentliche Sportplätze und vor allem Hilfe für ärmere Menschen sowie ausreichend Informationen über schon bestehende Angebote direkt an die Betroffenen, wünsch(t)en sich die Volksschulkinder der 4d der Waldschule in der Nähe des Lainzer Tiergartens. „Und dass alle Menschen lieb zueinander sind!“

Jugendliche der Mittelschule Brüßlgasse (Ottakring; 16. Bezirk) schlagen eine eigene Jugend-App vor, „in der alle Angebote, die es für Jugendliche gibt, übersichtlich zu finden sind, und wo rasch Hilfe geholt werden kann. Oder wo Rechte, die wir haben, angezeigt werden“, schildern sie Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… „So eine Jugend-App ist in Arbeit, wurde uns geantwortet.“

Eine solche App soll übrigens „in verständlicher Sprache wichtige Infos für Kinder und

Jugendliche auch ohne Profil-Registrierung zugänglich machen, digitale Beteiligung an Abstimmungen und Umfragen ermöglichen, Anreize schaffen, sich zu beteiligen“ und „Kinder und Jugendliche sind bei der Erstellung dabei. Die App informiert über Rechte. Videos statt Texte.“

Gewalt und Vorbeugung

Eine Runde engagierter Mädchen wünschte sich „mehr Hilfsangebote, zum Beispiel auch Selbstverteidigungskurse für Mädchen“ (Gamze). Oder „mehr Sensibilisierung in Schulen für das Thema Gewalt. Zum Beispiel gibt es in unserer Schule zwar rund 60 Peer-MediatorInnen, davon sind aber nur ungefähr vier bis 5 Burschen“, machte Sabrina aufmerksam. Womit der Handlungsbedarf klar sein müsste. Samantha, Mohadisa, Mia und Beyza ergänzen unter anderem, dass „Mental Health (psychische Gesundheit) ein dringend wichtiges Thema ist, das in Schulen behandelt werden müsste“.

Mehr Fairness

Tara, Elias und Aleksei aus dem Gymnasium Wasagasse (Alsergrund; 9. Bezirk) nennen im Gespräch mit KiJuKU einerseits Digitalisierung und andererseits Integration als ihre wichtigsten Themen, wo viel mehr getan werden müsste. Gerade was Schüler:innen mit Migrations-Biographie betrifft, bräuchte es mehr Ressourcen und fairere Verteilung. Und Rassismus müsste angesprochen werden, hatte zuvor schon Aanab Mohamed, Schulsprecherin des Gymnasiums Geringergasse (Simmering; 11. Bezirk) in der Bildungsrunde eingebracht und berichtet: „Wir haben selber eine Ausstellung dazu erarbeitet.“

Auf dem Weg zur kinder- und jugendfreundlichsten Stadt

Das Kinder- und Jugendparlament ist ein Element, um Wien (noch) kinder- und jugendfreundlicher zu machen – und nicht nur paternalistisch sozusagen von oben Gaben zu verteilen, sondern die Expertise der Betroffenen miteinzubinden. Partizipation ist das Fremdwort dafür, dass – in dem Fall eben Kinder und Jugendliche selbst mitbestimmen. Schon im Jahr vor der Pandemie – ohne natürlich davon zu wissen – haben rund 22.500 Kinder und Jugendliche in Workshops „Werkstadt Junges Wien“ Ideen, Wünsche und Forderungen eingebracht.

Frag doch eigentlicht Jugendliche

Aktuell läuft etwa die Abstimmung über die zweite Runde der Kinder- und Jugendmillion. Die ersten Projekte der ersten Runde wurden /werden derzeit umgesetzt. Das Kinder- und Jugendparlament ist ein weiteres Element dieser Mitbestimmung der jungen und jüngsten Bürger:innen der Stadt – auch schon vor dem Wahlalter (16 Jahre) und vor allem unabhängig von der Staatsbürger:innenschaft.
Und der Prozess dieser Mitbestimmung hat auch bewirkt, dass derzeit die unabhängige Kinder- und Jugendanwaltschaft – gemeinsam mit jungen Menschen – tüftelt, einen Beirat aus 14- bis 21-Jährigen einzurichten und wie dieser zusammengesetzt und arbeiten soll. Motto: „Frag doch eigentlich Jugendliche!“ Das wurde beim Kinder- und Jugendparlament in der Vorwoche bekanntgegeben.

Und dieses Pilotprojekt soll dann auch – nach Rückmeldungen der Stadt-Abteilungen – Vorbild für die Mitbestimmungs-Elemente in der zu entwickelnden Jugend-App sein.

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Mehr Informationen

Reportage über eine der Werkstatt-junges-Wien-Workshops <- noch im KiKu

Abschluss des Mitbestimmungsprojekts mit 22.500 beteiligten Kindern und Jugendlichen <- noch im Kinder-KURIER

Junges.wien.gv.at/projekte

Szenenfoto aus "Aufstieg und Fall des Herrn René Benko" in der Dunkelkammer des Volkstheaters

Hütchenspiel und Mathestunde lockern Vortrag auf

Triggerwarnung: Wer die Berichterstattung rund um Benko aufmerksam verfolgt, für den bringt dieser feine eineinhalb-stündige poinitierte, immer wieder mit Witz angereicherte theatrale Vortrag in der „Dunkelkammer“ des Wiener Volkstheaters mit Video-Einspielungen kaum Neues.

Wer aber die Achterbahnfahrt vom vormaligen wirtschaftlichen Wunderwuzzi zum nunmehrigen Pleitier durch einen Mix aus Hütchen-Spiel und Luftschloss-Bau nicht ganz durchschaut und sich wundert für den fasst Calle Fuhr, der Solo-Live-Spieler und Regisseur des Abends ernsthaft und doch amüsant zusammen. Mit neuen Becherchen auf einem Tisch und einer Papierkugel demonstriert er etwa die Verschiebung ein und desselben Millionenbetrages zwischen verschiedenen Benko-Firmen, um die Bilanz zu legen. Oder in die Rolle eines Mathe-Lehrers geschlüpft die Wertsteigerungen von Immobilien durch Zinsen- und Bruchrechnungen.

In Videos schlüpften einige der Journalist:innen von Dossier, dem unabhängigen Investigativ-Magazin, das seit gut einem Jahrzehnt den „Aufstieg und Fall des Herrn René Benko“ kritisch verfolgt und durchleuchtet, in Schauspiel-Rollen. So zeigen sie ergänzend, wie dieses System anfangs groß und größer wurde. Natürlich fehlen auch projizierte Köpfe bekannter „Freunde“ – männliche Form, weil nur ganz wenige Frauen dabei -, die als Verbinder:innen bzw. Funktionsträger:innen in Benkos Gremien (mit-)verdienten.

Dennoch: „Die Redaktion“ – ebenfalls eine Zusammenarbeit von Dossier und Calle Fuhr – rund um Recherchen zur OMV war viel mehr Theaterabend.

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Szenenfoto aus dem Film "Chantal im Märchenland"

Pfeif auf Prinzen, du gehst deinen eigenen Weg!

Warum sollten Mädchen warten, bis irgendwelche Typen in Blechgewand daherreiten, um sie aus goldenen Käfigen in Königshäusern zu befreien, um sie in den eigenen Käfig zu setzen? Oder an ihren langen Haaren einen Turm hinaufklettern, um sie zu befreien, statt dass eine junge, kräftige Frau mit langen Haaren doch lieber gleich an diesen den Turm hinunterklettert? Oder sich von einem wildfremden Typen im Schlaf küssen lassen?

Solche und weitere Klischees in Märchen wurden immer wieder aufs Korn genommen – gedreht, gewendet, mitunter auch „nur“ die Frauen- und Männerrollen „umgekrempelt“ – siehe Links am Ende des Beitrages. Nun kommt ein witziger, schwungvoller, energiegeladener Film ins Kino mit einigen sehr bekannten jungen Schauspieler:innen, der ebenfalls mit den zugeteilten Rollen für Mädchen/Frauen aber auch Männern aufräumt. Hauptfigur „Chantal“ – genau, die Prollige, ewig Dumme, nur auf Aussehen gepolte Möchtegern-Influencerin aus der „Fuck Ju Göhte“-Trilogie, die auch schon Bora Dağtekın geschrieben und inszeniert hat: „Chantal im Märchenland“.

Aufräumen

Regisseur und Drehbuchautor Bora Dağtekın brachte eine märchenhaftes Abenteuer auf die Kinoleinwand von einer Prinzessin, „die mit den Märchenklischees aufräumt und deren Geschichte dem Publikum eine neue Sicht auf die bekannten Märchen liefert. Eine Bad Princess, wie man sie sich als Kind und vermutlich vor allem als Mädchen auch schon in Grimms Märchen gewünscht hätte, die sich nimmt, was sie will, die wild und cool drauf ist, eine große Schnauze hat und keinen Prinzen braucht, um klarzukommen“, wird er im Presseheft zum Film zitiert.

Duck-Face

Zu Beginn erleben wir Jella Haase als Chantal „Göhte“-like: Sekundenkleber über Ober und unter Unterlippe fürs perfekte Duck-Face. Mit Zeynep (Gizem Emre) besucht sie den Flohmarkt in der „Kinder-Arche“, wo insbesondere Chantal oft abhängt. Vor einem alten, großen Spiegel auf Schneewittchens Stiefmutter-Spruch posend – aber mit dem Spruch drüber „Kein Wunsch ist klug!“ wird sie hineingezogen – und zieht ihre Freundin mit.

Landung in einem Märchenschloss – vorgesehen ist für sie die Rolle von Dornröschen.

Frauen stärken

Im Laufe der spannenden, unterhaltsamen, nicht selten auch witzigen fast zwei Stunden werden so manche bekannte Märchen, aber auch Sagen (Artus), angespielt und immer wieder gegen den jahrhundertealten Strich gebürstet – und Diversität kommt auch immer wieder ins Spiel. In ihrer naiven Unbekümmertheit mischt Chantal die Szenerie auf. Prinzessin „Erbsi“, die – im Gegensatz zu dem Mann, den sie heiraten soll – sehr wohl das Schwert aus dem Felsbrocken ziehen kann – stützt sie ebenso in ihrem Frei- und Gleichheitsdrang, wie sie ihren Märchenvater, den sehr jungen herrschsüchtigen König in die Schranken weist.

Gastauftritte

Neben den beiden schon genannten jungen Stars aus der „Fuck ju Göhte“-Kinoserie haben auch Elyas M’Barek als Lehrer Zeki Müller und Jasmin Tabatabai (Dschinnin) kurze Gastauftritte. Die bekannte österreichische Schauspielerin Maria Happel tritt als „Funkelchen“, Hüterin des magischen Spiegels als Portal zwischen realer und Märchenwelt in Erscheinung.

Eine große Entdeckung

Eine große Entdeckung ist Mido Kotaini als Aladin. Der 22-Jährige kam 2016 als 14-jähriger Fluchtwaise (unbegleiteter minderjähriger Flüchtling) aus dem Krieg in Syrien nach Deutschland. Fünf Jahre später spielte er seine ersten Rollen vor Kameras (ARD-Serie „Almania“, Gastrollen im Kölner „Tatort“, Kino-Debut in „Mein Lotta-Leben: Alles Tschaka mit Alpaka!“

Hier hat er eine der wenigen größeren – und obendrein positive – männliche Rolle; zwischen Chantal und ihm knistert es ganz schön. „Eine meiner Lieblingsszenen ist die, in der Aladin und Chantal zum ersten Mal mit dem fliegenden Teppich abheben“, wird Mido Kotaini in den Unterlagen für Medien zitiert. „Bei den ersten Takes hatte ich das Gefühl, dass wir wirklich fliegen. Wir waren im Studio fünf oder sechs Meter hoch und spürten die Kraft der Windmaschinen. Ich glaube, ich habe noch nie eine coolere Szene gedreht.“

Chantal fliegt übrigens noch einmal – ganz wild auf einem Drachen, den sie zuvor besiegt hat!

Klischees brechen

„Mir war es wichtig, dass wir mit Gender-Klischees brechen, dass wir die Märchenwelt zum Teil als reaktionär entlarven und die Frauen darin anders und neu erzählen“, sagt Bora Dagtekin im Presseheft. „Ich wollte sie zu Heldinnen machen, die sie eigentlich sein sollten und in Zukunft noch mehr sein werden. Und auch erklären, warum Prinzessinnen und andere Frauen in Grimms Welten immer nur bestimmte Themen und Haltungen bedienen dürfen.“

Und so werden auch Hexen – namentlich Sansara (Nora Tschirner) aus ihrem bösen Klischee befreit und zu dem was sie in Wirklichkeit waren: Weise Frauen und im Märchen „Grete und Hänsel“ sozusagen Pflegemutter für die von ihren Eltern im Wald ausgesetzten Geschwister.
Nora Tschirner schwärmt – im Presseheft – „auch von den Kostümen, wenn auch mit einer leichten Einschränkung: Wir trugen Korsagen. Es ist ein bisschen traurig, dass es der Feminismus ausgerechnet in die Kostümabteilung nicht geschafft hat.“

Märchenhaft

„Die Kulissen in diesem Film sind märchenhaft“, sagt Jella Haase (auch in der Medien-Unterlage). „Man wird direkt in eine andere Welt katapultiert. Wenn man in so einem Setting steht und solche Kostüme trägt, muss man gar nicht mehr viel machen. Ich wünsche mir, dass bei diesem Projekt die Leistung aller Gewerke gewürdigt wird: Kostümbild, Szenenbild, Drehbuch, Regie und schauspielerische Leistungen – das alles ist zum Niederknien. Da merkt man wieder, was alles nötig ist, um einen Film zu drehen und eine Geschichte zu erzählen. Das ist eine tolle Teamleistung von ganz vielen klugen und liebenswerten Menschen.“

PS: Der Plot-Twist am Ende sei nicht verraten, dafür aber ein Hinweis: Es zahlt sich aus, den Abspann ganz zu verfolgen: Neben der Liste der Mitwirkenden tauchen Hoppalas auf – Dutzende Bilder und Szenen auf, die es nicht in den Film geschafft haben.

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Still (Standfoto) aus dem Animationsfilm "Sowas von super!"

Hedvig, die Computerspielmeisterin als Anti-Heldin

Du kannst ja gar nix. Das wird der 11-jährigen Hedvig ständig um die Ohren geschmissen. Von der Lehrerin, von ihrem ach so supertollen gleichaltrigen Cousin Adrian. Der kann so ziemlich alles – Geige, Klavier, sportlich top und sonst noch der Ober-Checker. Hedvig ist allerdings auf einem Sektor wirklich gut: Computerspiele – das Schwein auf dem Skateboard lenkt sie meisterinnenhaft durch jeden abenteuerlichen Parcours. Mit ihrer großen Brille ist von den digitalen Zeichner:innen (Chracter-Design: Carter Goodrich) auch irgendwie klassisch nerdig ins Bild gesetzt.

Still (Standfoto) aus dem Animationsfilm
Still (Standfoto) aus dem Animationsfilm „Sowas von super!“

Sie soll aber Nachfolgerin ihres Vaters werden. Der ist – in x-ter Generation – Superlöwe. Droht irgendwo Gefahr – ob ein Kinderwagen, der über die Stufen rattert oder ein Felsblock, der auf die Stadt zu kippen droht oder was auch immer, Leif schlüpft in sein Löwen-Kostüm, entwickelt Superkräfte, Retter und Superheld (Drehbuch: Kamilla Krogsveen,  Regie: Rasmus A. Sivertsen).

Still (Standfoto) aus dem Animationsfilm
Still (Standfoto) aus dem Animationsfilm „Sowas von super!“

Superlöwe oder -löwin – Hedvigs Oma und Uroma hatten schon diese Rolle – muss aber immer geheim bleiben. Daran scheiterte die Großmutter, weshalb deren Sohn schon als 13-Jähriger ins Superhelden-Camp in Tibet musste, um früh diese Aufgaben übernehmen zu können. Hedvig kann sich diese Rolle kaum für sich vorstellen – auch wenn sie den Spruch ihrer verstorbenen Mutter im Ohr hat, es werde schon der richtige Zeitpunkt kommen. Der ist übrigens früher da als erwartet / erhofft / befürchtet – noch dazu durch ein Missgeschick – zu viele Details aus dem Animationsfilm „Sowas von super!“, der seit Kurzem in österreichischen Kinos läuft, seien hier nicht verraten.

Still (Standfoto) aus dem Animationsfilm
Still (Standfoto) aus dem Animationsfilm „Sowas von super!“

Nur noch zwei zentrale Elemente aus dem Film seinen vorweggenommen: Der Anzug kann nicht neue Fähigkeiten verschaffen, sondern „nur“ vorhandene Stärken ins Unermessliche steigern; allerdings werden auch eigene Fehler und Schwächen größer und größer.

Still (Standfoto) aus dem Animationsfilm
Still (Standfoto) aus dem Animationsfilm „Sowas von super!“

Und: In einer Episode wird Hedvig tatsächlich mit Hilfe des Anzugs zur Lebensretterin. Ihre wahre Heldinnentat vollbringt sie aber ohne dieses Hilfsmittel – und verbreitet am Ende eine ganz andere Botschaft: Die wahre Superkraft ist, du selbst zu sein – und das ist so was von super!

„Ich glaube, die Kernaussage des Films, also Du musst kein Superheld sein, um super zu sein! kann nicht oft genug in unserer auf Wettbewerb und Leistung ausgerichteten Gesellschaft wiederholt werden“, wird Co-Produzentein Åshild Ramborg im Presseheft zum Film zitiert.

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Plakat zum Animationsfilm
Plakat zum Animationsfilm „Sowas von super!“
Gruppenfoto der (anwesenden) Ehrenlisten-Preisträger:innen

Sehe die Welt anders – trotzdem blicken wir auf die gleiche Welt

188 Autorinnen und Autorin hatten für die jüngste, die 17., Runde des Literaturpreises „Ohrenschmaus“ Texte eingesandt. Kurze, lange, gereimte – in deutscher Schriftsprache sowie in österreichischen Dialekten. Beiträge, die von Persönlichem ausgingen, Lebensrealtitäten ver- und bearbeiten, ebenso wie ausgedachte Geschichte und Anekdoten, Wünsche, Träume, Utopien.

Markus Hering liest Leonie Schmidts mit einem der drei Hauptpreise ausgezeichneten Text
Markus Hering liest Leonie Schmidts mit einem der drei Hauptpreise ausgezeichneten Text

„So langsam: Es liegt nicht an mir“

Da beschreibt etwa die 18-jährige Leonie Schmidt, die Schriftstellerin werden will seit sie noch nicht einmal in die Schule gegangen ist, wie sie ewig lang mit Zahlen, ja sogar der Uhrzeit zu kämpfen hatte. „Jahrelang gab ich mir die Schuld, dass ich einfach zu dumm zum Wissen bin“, bis eine Freundin sie fragte, ob sie „Dyskalkulie“ habe. Vereinfacht gesagt ist das sozusagen das schon lange bekannte Phänomen Legasthenie (Lese- und Schreibschwäche) eben für Mathematik. Erst da dämmert ihr: „Doch so langsam verarbeite ich, es liegt weder an mir noch an sonst wem.“

Wobei der letzte Teil ist durchaus zu hinterfragen. In Einrichtungen wie Schulen hätte das einer Pädagogin/ einem Pädagogen vielleicht auch früher auffallen können – und damit der jungen Autorin viel Leid erspart.

Schmidts Text beeindruckte die Jury – zum Großteil aus bekannten Autor:innen wie Vea Kaiser, Heinz Janisch und heuer neu Arno Geiger – dermaßen, dass der 18-Jährigen einer der drei Hauptpreise verliehen worden ist. Was mit jeweils 1000 € und – heuer neu – einem Laptop belohnt wurde.

Markus Hering liest aus Fatih Durans Text
Markus Hering liest aus Fatih Durans Text

Lebensgeschichte als Lebenshilfe

Fatih Duran, ebenfalls Hauptpreisträger, beschreibt eindringlich seine wechselvolle Lebensgeschichte mit Drogen und fast Abrutschen in Kriminalität sowie dem Kampf aus diesem Schlamassel – als Warnung vor allem für Jugendliche – wie er am Beginn und am Ende seines langen Textes schreibt.

Würdigung für Hauptpreisträger Wolfgang Prochazkas Text - überbracht von Heinz Janisch
Würdigung für Hauptpreisträger Wolfgang Prochazkas Text – überbracht von Heinz Janisch

Heftiges Gedicht

Dritter im Bunde der Hauptpreise in diesem Jahr ist Wolfgang Prochazka. 13 Zeilen in Mundart vom Tanz bis zu einem Faustschlag – heftigst.

Aus allen ausgezeichneten Texten lasen die Schauspieler:innen Chris Pichler und Markus Hering und verliehen diesen damit auch den gebührenden Stellenwert.

David Tritscher liest im Buch mit allen Preistexten
David Tritscher liest im Buch mit allen Preistexten

KiJuKU veröffentlicht Auszüge

Auszüge aus den Preistexten veröffentlicht Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… im Bereich „Einfach – Nachrichten in einfacher Sprache“. Und zwar nicht nur aus den drei Hauptpreisen sondern auch aus jenen 14 die es auf die „Ehrenliste“ geschafft; und dazu noch aus jenen vier Texten, die mit dem Abdruck auf der papierenen Schleife der zwei Sonder-Schokoladen aus der Manufaktur Zotter gewürdigt worden sind.

Aus einem der Ehrenlisten-Preisträger-Texte hat KiJuKU sich den Titel (Überschrift) für diesen Beitrag ausgeborgt, allerdings ein wenig gekürzt. Im Original heißt es in David Tritschers „Anders“: „Ich sehe die Welt anders als du, trotzdem blicken wir auf die gleiche Welt…“ Und am Ende seines kurzen, dichten Gedichts schreibt er: „Auch wenn ich ein Mensch mit Beeinträchtigungen bin, bin ich ein Mensch wie du.“

Die Bandbreite der Texte ist riesengroß – von einer fiktiven Geschichte namens Anti-KI (Benjamin Bohn über den dringenden Abnehm-Wunsch eines Mannes (!) mit dem Titel „Leicht wie eine Feder“ (Rene Glössl) bis zu Micha Zeigers Dialog mit dem Blatt Papier auf das sie schreibt.

Auch daraus Auszüge auf KiJuKU.at – unten verlinkt – und alle Texte in voller Länge gibt es in einem eigenen Buch – siehe Infobox.

Kein Mitleidsbonus, sondern…

Der bekannte (Drehbuch-)Autor Felix Mitterer, der von Anbeginn den Ehrenschutz für „Ohrenschmaus“ übernommen hat und immer auch Teil der Jury ist – die übrigens die Texte anonymisiert bekommt – meinte mehrmals: „Kein Mitleidsbonus, es ist Literatur!“

Erweiterungen

Aus dem Literaturpreis, den Franz-Joseph Huainigg, seit Jahrzehnten engagierter Kämpfer gegen Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen und für deren Gelichberechtigung und Inklusion, wie viele andere Initiativen auch ins Leben gerufen hat, ist im Laufe der Jahre mehr geworden, so gründete sich 2017 „Ohrenklang“, ein inklusives Musik-Ensemble in Zusammenarbeit mit der Universität für Musik und darstellende Kunst. Dieses vertont ausgezeichnete Texte aus dem Literaturpreis.

Drei Musiker:innen von Ohrenklang – Christoph Falschlunger, Stefanie Wieser und Ronny Pfennigbauer (der die Preisverleihung oftmals moderiert hatte) – bestritten in diesem Jahr das künstlerische Rahmenprogramm der Preisverleihung in der Woche vor den Osterferien im Raiffeisen-Haus am Donaukanal.

Ferner gibt es seit dem Vorjahr Schreibwerkstätten in allen Bundesländern sowie die Literatur Bootschaft. Mit zentralen Treffen auf dem Badeschiff am Donaukanal werden literarisch schreibwillige Autor:innen – aus dem Bewerb aber auch darüber hinaus ermuntert, ermutigt, unterstützt, ihrer Leidenschaft nachzugehen, sie auszubauen… Übrigens, einer dieser Botschafter, Anton Tatzber, moderierte heuer erstmals mit der langjährigen TV-Moderatorin Dani Linzer.

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Hier geht es zu Auszügen aus allen ausgezeichneten Texten

Transperente bei der Demonstration "Demokratie verteidigen! Keine Koalition mit dem Rechtsextremismus!" am 23. März 2024 in Wien

Für Zusammenhalt – gegen Hetze

„Hoch den Zusammenhalt, nieder mit der Hetze!“ schallte es über den Wiener Heldenplatz. Samstagnachmittag strömten – trotz strömenden Regens – Tausende Demonstrant:innen aller Altersstufen hierher. Es war die zweite unter dem Motto „Demokratie verteidigen – gegen Rechtsextremismus“ innerhalb von zwei Monaten.

Transperente bei der Demonstration
Transperente bei der Demonstration „Demokratie verteidigen! Keine Koalition mit dem Rechtsextremismus!“ am 23. März 2024 in Wien

Ausgangspunkt im Jänner war das von der Plattform Correctiv aufgedeckte Geheimtreffen  bekannt gewordenen Rechtsextremer mit Konservativen als Plan massenhafter Deportierungen von Menschen aus Deutschland – sogar mit deutscher Staatsbürger:innenschaft.

Und da in diesem Jahr, in dem in vielen Ländern – und in der EU insgesamt das Parlament gewählt wird – Koaltionen mit rechtsextremistischen Kräften drohen, fanden sich für die jüngste Demonstration sogar mehr als 100 Organisationen, Vereine, Initiativen zusammen.

Transperente bei der Demonstration
Transperente bei der Demonstration „Demokratie verteidigen! Keine Koalition mit dem Rechtsextremismus!“ am 23. März 2024 in Wien

Tenor war aber nicht nur gegen, sondern vor allem eben für: Zusammenhalt, Gemeinsamkeit, Solidarität, Verteidigung der Demokratie. Was natürlich auch gegen – Hetze und Rechtsextremismus bedeutet.

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Einer der drei Hauptpreise ging an Leonie Schmidt

Meine Dyskalkulie

Was ergibt 20 Mal 30 plus 3x,
ich rechne, denke, doch ich weiß es nicht.

Unter Druck weine ich dann,
frage mich, wieso ich keine Antwort hervorbringen kann.
Jahrelang gab ich mir die Schuld, dass ich einfach zu
dumm zum Wissen bin,
dass ich einfach nur härter, länger üben muss,
um zu verstehen.
Selbst die Uhr kann ich nicht lesen,
ich starre die Uhr an wie ein seelenloses Wesen,
ein Strich da, dort,
ich verstehe es nicht, frage meine Freunde mit einem
Wort: „Wieviel“

Eines Tages dann,
ich weiß nicht mehr wann,
lediglich wieso,fragte mich eine Freundin,
„Hast Du Dyskalkulie?“,
davon hörte ich zuvor noch nie.
…Doch so langsam verarbeite ich,
es liegt weder an mir noch an sonst wem.

***** ++++

Aus der Laudatio (Würdigungsrede) von Arno Geiger

„Liebe Leonie Schmidt, Sie haben stattdessen etwas anderes bekommen. Ihr Text erzählt von der Schwierigkeit, mit einer Schwäche ins Leben geworfen zu sein, und Sie tun das auf literarisch feinsinnige, sprachlich gekonnte, eindringliche, nicht beschönigende Art. Etwas fehlt, es schmerzt und es fordert heraus.“

Zu einem Überblicksartikel über die Preisverleihung 2024 und Links zu Auszügen aus allen Texten geht es hier unten

Hauptpreisträger Fatih Duran im Interview mit Moderator Anton Tatzber

Manchmal höre ich Stimmen

Ich Herr DURAN Fatih geboren am 05.02.1985 in Wien, würde euch allen gerne über ein paar schlechte Erlebnisse über Freunde, Drogen, Disco usw. gerne mal welches ich selber erleben musste erzählen. Damit die heutige Jugend es wie eine kleine Info erhält und nicht dieselben Fehler auch macht.

Hin und Her vergingen die Jahre und wir waren Jugendliche geworden. … Wir treffen uns mit den Freunden weiterhin nach der Arbeit im Park wir hatten alle neue Sachen und Ideen im Kopf, die wir auch ausprobieren wollten wie zum Beispiel das Kiffen (Marihuana) wir legten alle unser Geld zusammen und kauften uns bei einem Kifferlokal 1 – 2 Gramm und gingen wieder in den Park und bauten uns dort ein paar Ofen um zu kiffen, es war neu für uns anfangs war es so dass wir uns über alles totlachten egal es um was es ging meine Freundin wollte mich darauf aufmerksam machen, dass dies Einstiegsdrogen sind und doch nicht so harmlos ist, aber ich wollte an das alles nicht glauben …

Es gab zwar immer wieder Streit und sie bedrohte mich mit mir Schluss zu machen usw. aber ich wollte nicht hören, dann mit der Zeit probierte ich auch noch härtere Drogen aus, wie zum Beispiel Speed … Nachdem ich bei dem Berufsschulkollegen zuhause war und uns die Drogen besorgt hatte gingen wir am Abend zu einem Freund nachhause wo wir ungestört Nasen machen … anfangs war es ein schönes Gefühl so dass ich glaubte das ich in den Wolken schwebe, dann auf einmal drehte sich alles und ich hatte auf einmal hörte ich Stimmen…

Streit, Raufereien auch in der Schnellbahn und auf der Straße die Polizei kam nahm mich mit aufs Revier und nahm meine Aussage und brachte mich dann in die Psychiatrie dort bekam ich dann eine Langzeittherapie und es wurde bei mir Schizophrenie diagnostiziert.

Ich bin derzeit viel gesünder und es geht mir auch schon viel besser ich bin auch wieder Arbeiten in einer Tagestruktur … ich möchte eigentlich, dass die heutige Jugend davon erfährt was Drogen mit einem so anrichten und die Finger davon bitte lassen.
Das war meine Geschichte.
Hochachtungsvoll
Fatih Duran

Aus der Würdigungsrede von Günter Kaindlstorfer

Fatih Durans Text besticht durch die schonungslose Aufrichtigkeit, mit der er vom Schicksal seines Protagonisten erzählt. Eine starke, drastische Geschichte, die junge Leute davor warnen möchte, in dieselben Fallen wie der Erzähler zu tappen.

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Einer der Hauptpreise ging an Wolfgang Prochazka

Tanzen

Tanzt hat
Du und i
Musik hat gspüt
Liab is die
boxen daher
Training gmocht
boxen daher
Aber die boxen
Er gwinnt
Verein is des
Zettel abgeben dann
boxen daher
Gsicht einihauen

Aus dem Würdigungstext von Eva Nagl-Jancak (vorgelesen von Jury-Kollegen heinz Janisch, da die Jurorin selbst verhindert war)

Ja, so kann es gehen mit den Gedichten, da denkt man noch an das Tanzvergnügen mit Musikbegleitung und schon ist man mitten drin, in dem Konflikt, in das Gefühlswirrwarr.“

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Bildmontage aus fünf Fotos von Junior-Companys bei der jüngsten Handelsmesse: Touch Cennect, SlimLock, Swirls, TinTop und Soft Metal

Unterschiedlichste technische Produkte – ausgedacht und produziert von Jugendlichen

Um die einzelen Teile der Berichterstattung über die 36 Junior Companies, die am letzten Winter-Wochenende (laut Kalender) in einem Wiener Einkaufszentrum bei der internationalen Handelsmesse ihre Produkte, Dienstleistungen, Erfindungen präsentierten, in erträglicher Lese-Länge zu halten, erscheinen sie „portioniert“ – vier Teile hat Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… bereits in den vergangenen Tagen veröffentlicht. Dies ist der fünfte – und vorletzte – „Streich“.

Visitkarte via Schlüsselanhänger übertragen

Digitale Visitkarten gibt es mittlerweile in verschiedenster Form: Apps, in denen du sie erstellst und via QR-Code, der längst von den meisten Smartphones einfach mit der Kamera gescannt werden kann, sind die eine Form. Andere funktionieren über QR-Codes auf Metallplättchen, die praktischerweise gleich auf der Rückseite des Handys angebracht werden können. Acht Schüler aus der HTL Anichstraße in Innsbruck (Tirol) – David, Thomas, Manuel, Gabriel, Masood, Fabian, Sebastian und Tobias – verkaufen mit Erfolg auch bei der Messe Schlüsselanhänger, „die wir am 3D-Drucker aus Maisstärke produzieren. Innen drin ist ein NFC-Chip.“ (Near Field Communication – wie in Handys mit denen du kontaktlos bezahlen kannst.) Diesen lassen die Jungs vor Ort am Messestand beschreiben. Du hinterlegst dann in einer App die Daten, die du weitergeben willst. Schon kannst du deine Kontakte anderen weitergeben, indem du den Schlüsselanhänger an das SmartPhone der anderen Person hältst, die deine eMail-Adresse, Telefonnummer, Social-Media-Kanäle oder was auch immer wünscht. „Touch Connect“ nannten die Innsbrucker HTL-Schüler ihre Junior Company, die aber auf der Liste der Bühnen-Präsentationen dann sozusagen mit dem Produktnamen VirtualKeyTag“ aufschien.

Kartenhalter

Noch gibt es aber diverse Karten – Kredit-, Bankomat-, Kund:innen- und vielleicht noch andere, die ein bissl sicher sein sollten. Kartenhalte – übrigens auch in Holz – fertigen Jugendliche der 2. Klasse der HTL Wolfsberg (Kärnten) in den schuleigenen Werkstätten an, erzählt Ajdin Kurbegović. Und dann führt er noch ein spezielles Goodie von „SlimLock“ an, ein Teil kann aus dem Kartenhalter herausgezogen werden, es hat einen kleinen, breiten Schlitz und verwandelt sich damit auf Wunsch in eine Handy-Halterung.

Dosen-Kappen

Eine Flasche kannst du zuschrauben oder mit einem Kronkorken halbwegs verschließen. Bei Dosen nicht – außer du hast die Erfindung der Vöcklabrucker Junior Company „Clip ’N Sip“ aus dem Vorjahr dabei – ein aufsetz- und drehbares Teil mit dem du die Öffnung zudecken kannst. Ohne davon zu wissen, haben Jugendliche aus dem Wiener TGM eine eigene Lösung für das bekannte Problem gesucht, getüftelt und gefunden: Einen trag- und wiederverwendbaren Deckel, den du über die geöffnete Dosen stülpen kannst. „Tin Top“ nannten sechs Schüler:innen ihre Entwicklung und ihre dazugehörige Junior Company, mit der sie in der Schule mit einem 3D-Drucker diese Kappen anfertigen. Sarah El-Din, Serafin Binder und Jesia-Myles Bagon schildern, dass das anfangs alles nicht so leicht war. Das Material muss doch ein bisschen dehnbar sein, damit es nach dem Aufsetzen auf die geöffnete Dose zwar raufpasst, aber dann doch dicht abschließt und immer wieder runtergenommen und raufgesetzt werden kann, es soll ja keine Einweg-Kappe sein.

Schmuck und Geduldspiele

Aus der West-Ukraine und zwar aus Ivano-Frankivsk angereist sind Jugendliche mit Schmuck und Geduldspielen aus Metall. Und weil die Gegenstände, die sie in mit ihrer Junior Company geformt, gebogen und teils ausgestanzt – Herzen in Ringe – haben, nannten sie ihr Schüler:innen-Unternehmen „Soft Metal“. Lubov Burachok, Oleh, Khrystyna Zadvorna und Oleksandr Khyliak halten einige der Schmuckstücke in die Kamera von Kinder I Jugend I Kultur I und mehr…Khrystyna Zadvorna löst für ein Video – siehe in einem der Sammelvideos, Link unten – eines der Geduldspiele.

Konfetti-Zimmerbomben mit Altpapier

Wie aus der Ukraine waren auch Junior Companies aus Zypern mehrfach vertreten. Alexis Panayis und Katerina Gerogiu aus Nikosia vertraten ihre Unternehmen „Swirl“ (Strudel). Dieses produziert Konfetti-Zimmerbomben aus Altpapier. „So können wir Papier auf eine kreative Art recyclen. Wir zerreißen die Blätter selbst und füllen damit die Kartonröhren. Wir haben verschiedene „Swirls“ im Angebot – welche nur mit weißen, andere mit bunten Konfettis.“

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Ein weiterer Bericht über die Schüler:innen-Firmen bei der kürzlich abgehaltenen internationalen Junior-Companies-Handelsmesse erscheint demnächst.

Schoko-Preisträger Martin Grätzl

Freiheit – Schokopreis I

Ich bestimme selbst.
Ich bin frei.
Schlagzeug spiele ich gerne.
Dafür brauche ich Sticks. Ich übe viel.
Manchmal trete ich auf einer Bühne auf.
Ich zeige was ich gut kann.
Ich fühle mich stolz. Sehr stolz.
Ich breite meine Arme aus
und fühle mich frei.
Ich bin frei.

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Schoko-Preisträgerin Iris Veider

Freiheit – Schokopreis II

Ich habe nicht viele Worte.
Ich habe stattdessen Gebärden.
Ich habe Bilder.
Und ich habe meine Körper-Sprache.
Das ist meine Freiheit.
Mir geht es gut,
wenn die Menschen
mich verstehen.

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Schoko-Preisträger Markus Antretter

Freiheit – Schokopreis III

Was ist Freiheit? Ich weiß es nicht.
Vielleicht ist es Freiheit,
wenn Menschen einfach nett
zueinander sind.
Wenn sich Männer einfach
küssen können.
Wenn Frauen arbeiten gehen
und die Männer daheim kochen.
Vielleicht ist das Freiheit.

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Schoko-Preisträger:innen "Die Gedankenschreiber"

Freiheit – Schokopreis IV

Ich liebe die Freiheit,
keiner schafft mir was an;
Ich muss nicht sagen
wo ich hingehe,
kann machen was ich will
mit meinem Leben.
Sich gernhaben, lachen zuwikuscheln und umarmen

Spaß haben
Selber entscheiden können was ich im Fernsehen anschaue
Kleinigkeiten?

Sich „freien“ und Freitanzen.
Glocken hören, weil sie so schön klingen und ergreifend sind. Unter freiem Himmel ein Kirchenglockenkonzert hören, das Glockenspiel am Mozartplatz.

Reisen
Unbekanntes Suchen
Im Wald wohnen
Wandern auf einen Berg
Weitblick
… Dorthin Reisen – wo man mag. Wegfahren, Dinge anschauen und die gemachten Fotos danach anschauen.

Klettern kann man auch an der Sprossenwand und im Klettergarten und in der Kletterhalle. Über alle Hindernisse drüber klettern, da kann uns keiner aufhalten. Mut und Kraft und Stärke muss man haben, ausprobieren und versuchen. Keine Angst, weil angeseilt.

Pyramiden in Ägypten sind sehr schön. Drinnen sind ein Grab und der Pharao mit Diamanten und eine Mumie. Das ist ein Mensch in Kloopapier eingewickelt.

Wenn jemand einen Brief schreibt, auf einer einsamen Insel, wo er ist – dann schickt er eine Flaschenpost, jemand findet die Flasche, liest den Brief und befreit ihn.

Ich genieße das Wasser, lege mich auf den Rücken, ah, an nichts mehr denken, mit der Ruhe sein. Tauchen, keine Angst haben, schauen, was unter Wasser ist. Im Meer sieht man schöne Dinge: Fische, Korallen, Krebse, Steine und Muscheln und vieles andere meer. Im Schwimmbad sieht man nur Beine.

Wir fahren zur Partybude – dort ist die Bude los. … Wir tanzen auf der Luftmatratze übers Meer, dabei können wir gut flirten.
Zum Schluss fallen alle ins Wasser und schwimmen ins Himmelbett.
Sich freidenken, fliegen. Papierflieger in den blauen Himmel schicken.
Mit dem Luftballon Wünsche in den Himmel steigen lassen.
Die Träume werden wahr.

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David Tritscher liest im Buch mit allen Preistexten

Anders

Ich kann das Leben spüren, genauso wie du.
Du kannst das Leben fühlen, genauso wie ich.
Ich sehe die Welt anders als du, trotzdem blicken wir auf
die gleiche Welt.
Ich spreche anders als du, du sagst etwas anderes als
ich, wir reden nicht vom selben, trotzdem sprechen wir
die gleiche Sprache.
Auch wenn ich ein Mensch mit Beeinträchtigungen bin,
bin ich ein Mensch wie du.

Ehrenlistenpreis für David Tritscher (Anmerkung: Tippfehler im Insert ausgebessert)
Ehrenlistenpreis für David Tritscher (Anmerkung: Tippfehler im Insert ausgebessert)

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Ehrenlistenpreis für Rene Glössl

Leicht wie eine Feder (Selbstgespräch zum Thema Gewichtsreduktion)

Es ist ein schöner Traum, leicht wie eine Feder zu sein.
Aber das zu erreichen ist schwierig.
Andererseits denke ich, das geht schon,
wenn ich anfange …

Ich probiere es … Schauen wir, ob ich es schaffe.
Dann wird nicht mehr viel von mir da sein …
Ganz dünn werde ich, aber das macht ja nichts…
Ich will auf meine Gesundheit schauen …
und glücklich sein.

Leicht wie eine Feder … klingt gut.
Aber vielleicht reichen ja schon ein paar Kilo …
Wenn ich alles Schädliche weglasse,
dann bin ich glücklich und zufrieden.
Dann werde ich leicht wie eine Feder…
Ich fange jetzt an mit dem Abnehmen …

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Ehrenlistenpreis für Iris Mackinger

Gefühls-Chaos

Ich bin einfach müde man,
bin traurig,
bisschen wütend
und so verwirrt
dass ich nicht klar denken kann.
Sag mal ehrlich fühlt sich so die Jugend an?

Immer lost,
weil man nichts weiß
von dem ganzen gottverdammten Scheiß
und einfach sauer
weil du das Gefühl hast,
du willst losfahren mit dem nächsten Zug
in Richtung Leichtigkeit
aber du stehst immer am falschen Gleis.
Klar gibt es eine andere Seite
bin auch einfach glücklich
weil ich am Leben bin
und leben
lieben
weinen
fluchen
und knutschen kann.
Verwirrend aber vielleicht
fühlt sich so die Jugend an
und irgendwann
weiß ich dann
wer ich bin
und das ganze Gefühls-Chaos
ergibt in ein paar Jahren
einfach Sinn…

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Teils artistische Präsentation von "Romula"

Ein altes Spiel, uralte Bilder und andere Produkte auf neu gemacht

In den vergangenen Tagen hat Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… bereits über fast 30 Produkte bzw. Erfindungen und Entwicklungen von Jugendlichen mit ihren Junior Companies aus mehreren Ländern berichtet, die ihre Projekte bei der internationalen Handelsmesse in einem bekannten Wiener Einkaufszentrum präsentiert und verkauft haben. Hier nun die noch nicht vorgestellten Schüler:innen-Unternehmen:

Rundes Spiel

Ein rundes Spielfeld, ebensolche Spielsteine – und so schlug Samantha Baranyai passend dazu bei der Bühnenpräsentation von „Romula“ gleich ein Rad. Das römische Mühlespiel ist die oder eine Vorform des bei uns bekannten Mühlespiels auf dem Schachbrett. „Wir haben aus Reststoffen dies runden Spielfelder genäht, die Spielsteine sind Korkscheiben. Und das Spielfeld selber lässt sich zusammenziehen und ist damit gleich das Sackerl für die Steine“, erzählt die genannte Artistin am Messestand ihrer Junior Company aus dem Wiener TGM gemeinsam mit Kevin Sindelek, später kommt noch Geschäftsführer Manuel Glück zum Stand – „und der muss unbedingt auch aufs Foto“, überredet Baranyai den Reporter zusätzliche Fotos zu machen.

Peeling mal zwei

„Göttliche Haut“ wollen Marvin Lerner und Jordis Perner – mit ihren 15 Kolleg:innen aus der HLW Neumarkt am Wallersee (Salzburg) mit ihren Hautpflegeprodukten verschaffen. In ihrer Junior Company, also dem für ein Schuljahr gegründeten Unternehmen namens „Divine Skin“ stellen sie Zucker- bzw. Salz-Peelings her. Die grobkörnigen Gemische „reiben alte Hautschuppen ab und nach dem Waschen oder Duschen wird die Haut glatter“, versprechen sie. Zumindest Duft verbreiten die Mischungen in Zitrone, Kirsch und anderen Sorten.

Luftige Gurkenschwämme

Peeling-Produkte bietet auch die Junior Company „Luffa“ aus Hradec Králové (Tschechische Republik) an. Matěj, Tereza und Yen Nhi vertraten bei der internationalen Handelsmesse in Wien (letztes kalendarisches Winter-Wochenende 2024) in einem großen Einkaufszentrum ihre zwölf zu Hause gebliebenen Kolleg:innen. „Wir haben vor allem Waschlappen und Bürsten aus Naturmaterialien und Naturseife im Angebot. Und die sind aus sogenannten Schwammgurken, die auch Luffa genannt werden.“ Naheliegend also, dass sie ihr temporäres Schüler:innen-Unternehmen auch so nannten.

Bilder von (Urur-)Omas gestickt

Während einige aus dem Team von „Etno Pictures“ die gestickten Bilder in ihren Rahmen auf der Bühne vor der Jury „pitchen“, halten Kolleg:innen einen ukrainische Flagge in die Höhe, andere versuchen Anregungen zu geben – etwa das Mikrophon höher und näher zum Mund halten. Anerkennung und Jubel war diesen jungen Unternehmer:innen aus dem westukrainischen Chernivtsi ohnehin gewiss – wie ihren Kolleg:innen aus zwei weiteren Junior Companies, die aus dem kriegsgebeutelten Land angereist waren („Svitochary“ kam schon in einem vorigen Beitrag vor – Links unten am Ende dieses Artikels).

„Wir haben diese Bilder von unseren Omas gesammelt, dafür Bilderrahmen gesucht und verkaufen sie nun“, beginnt Alina zu erklären. „Manche sind schon mehr als 100 Jahre alt, weil die eine oder andere Oma schon ein gesticktes, buntes Bild wieder von ihrer Großmutter hatte“, ergänzt Hlib. „Eines ist sogar 140 Jahre“, so Erika. „Nur eines ist viel jünger, das hat unsere Lehrerin selber gemacht“, verrät Krystyna. „Da war ich ungefähr sieben Jahre“, sagt diese Lehrerin namens Nataliia verschmitzt und gesellt sich als Schöpferin ihres Sonnenblumenbilder auf Wunsch von Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… zum Gruppenfoto mit den Mitarbeiter:innen dieser Junior Company.

(Neu) bedrucktes Gewand

Im Gegensatz zu ihrem Firmennamen „Stitches“ nähen die Jugendlichen aus der HTL Spengergasse in ihrer Junior-Company die T-Shirts nicht, „wir bedrucken Textilien – entweder mit fertigen Designs oder nach Wunsch der Kundinnen und Kunden“, berichten Jasmin Elibrahim und Amelie Roggenbauer. Alte Klamotten können so wieder wie neu ausschauen.

„Um den eigenen Stand noch aktuell anzureichern, haben wir auch Kerzen nru für die Messe produziert“, ergänzt Herbert Kindler.

Gipsova

Sofiia Heleshko und Anastasia Bryn verweisen auf eine ansehnliche Palette unterschiedlichster Schalen, Tassen, Fläschchen, Becher, Vasen und anderer nützlicher Dinge – kusntvoll und bunt verziert, die sei mit ihrer Junior Company „Gipsova Manufactura“ in Lwiw (Westukraine) hergestellt haben. „Insgesamt arbeiten wir zu fünft. Und weil wir bei einem Wettbewerb gewonnen haben, können wir unsere Produkte heute hier in Wien zeigen und verkaufen. Im April haben wir in unserer Heimatstat eine Ausstellung und dafür werden wir noch neue Formen produzieren“, vertrauen sie Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… an.

Recycling-Kerzen…

… produzier(t)en vier Jugendliche der Evangelischen Mittelschule EMS Schiers (Schweiz, Kanton Graubünden) für ihr Schüler:innen-Unternehmen „Candeila“. „Wir verwenden altes Wachs und fügen neue Düfte hinzu, zum Beispiel Zitronenminze“, erklärt Thomas Mir lächelnd.

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Ehrenlistenpreis für Larissa Chelsea Slaby

Hört zu


Mein Leben steht still. Ich bin chronisch und psychisch krank. Eine Kombi, die viel abverlangt und leider nicht allzu selten ist. Es ist kein Wunder, dass so eine Kombi oft auftritt in unserer Gesellschaft und vor allem in unserem Gesundheitssystem und Schulsystem. Ich selber musste aufgrund meiner Krankheiten die Schule abbrechen und konnte keine Ausbildung mehr machen. Nun steht mein Leben still. …

Psychisch krank zu sein ist schon ein dauerhafter Kampf gegen sich selber. Ich musste oft gegen andere Personen, wie Ärzte / innen kämpfen, aber der Kampf gegen mich selber ist der Endkampf. Nichts ist schwieriger. Nichts hat mir mehr Kraft geraubt. Selbst wenn man Fortschritte macht, kommen immer wieder Rückfälle und wenn das so ist, wieso sollte man wieder kämpfen. Man muss immer etwas oder jemanden finden für den es sich lohnt zu kämpfen?
… Egal was man macht, immer kommen Gedanken auf, die einen von innen auffressen. Und das schlimme daran ist, dass psychisch kranke Personen die besten Schauspieler/innen sind. Gerade mal Personen, die mich sehr gut kennen, erkennen auch nur manchmal, wie es mir wirklich geht, denn mein Lächeln ist verdammt gut trainiert. Es ist nicht so, dass ich keinem zeigen will, wie es mir wirklich geht. Nein, ich mache es schon aus Gewohnheit. Ich kann nicht anders.

Das Schlimmste an meiner psychischen Erkrankung ist, dass ich vieles mache, was ich im Nachhinein bereue.

Viele haben immer Mitleid mit mir wegen dem Rollstuhl und denken, dass meine psychischen Erkrankungen durch den Rollstuhl kommen, aber nein. Der Rollstuhl heißt für mich Freiheit. Vor allem da er elektronisch ist, komm ich viel leichter selbstständig wo hin und bin nicht durchgehend auf andere Personen angewiesen.
Klar, ich kann nicht überall hin, wo ich hin möchte, aber im Großen und Ganzen ist der Rollstuhl eine Erleichterung.

Medical gaslighting passiert und ist besonders schlimm. Das heißt, dass Ärzte/innen einen nicht ernst nehmen und alles klein spielen. Ich selber habe es schon oft erlebt und ein Erlebnis war sogar so schlimm, dass ich retraumatisiert wurde und psychisch sehr instabil wurde.
… Man fühlt sich nicht mehr gehört und verliert auch an sich selber den Glauben.

Wegen all den Gründen will ich drauf aufmerksam machen, dass bitte alle, die im Gesundheitswesen arbeiten, besser aufpassen was sie sagen und tun. Weiteres will ich auf psychische Erkrankungen, besonders in der Kombi mit physischen Erkrankungen, aufmerksam machen und zeigen, dass beides wichtig ist und oft einhergeht. Beides gehört ernst genommen und wahr genommen.

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Ehrenlistenpreis für Julian Messner

Freiheit?!?

Die Freiheit, von der ich lange geträumt habe, wird es für mich nie geben. Ich habe Trisomie 21 oder das Down-Syndrom. Das ist keine Krankheit, das lässt sich nicht heilen, das geht nicht weg, die Behinderung ist da, ob ich will oder nicht. Das habe ich nach und nach eingesehen und akzeptiert.

Die Vorstellung von Freiheit ändert sich mit der Zeit. Mit fünfzehn, sechzehn Jahren habe ich geglaubt, von daheim ausziehen bedeutet Freiheit. Mit Einwilligung meiner Mutter habe ich mich in die Warteliste des Wohnheimes eintragen lassen und habe gewartet. Was bin ich doch froh, dass nicht schnell ein Platz frei geworden ist, denn ich habe bald gemerkt, ich kann wohl nirgends freier leben als daheim. …

Meinen Arbeitsplatz habe ich selber gewählt, nach einem Probeschnuppern habe ich mich für das Integrierte Kunstatelier entschieden. Aus dem Kunstatelier ist 2011 die Kunstwerkstatt der Lebenshilfe geworden. Dieser Arbeitsplatz ist genau richtig für mich, ich habe diese Wahl nie bereut. Freiheit?
Ja! Dennoch gibt es einen Wermutstropfen. Ich muss dafür zahlen, dass ich dort arbeiten darf, und zwar doppelt so viel wie ich verdiene. Zudem muss ich auch noch an Arbeitstagen 10 € für das Mittagessen in der Mensa zahlen. Wenn ich nicht eine bescheidene Hinterbliebenenrente von meinem verstorbenen Vater bekäme, könnte ich mir die Arbeit in der Kunstwerkstatt nicht leisten. Dabei arbeite ich so gerne und male schöne Bilder. …

Die wichtigste Freiheit ist für mich die Gedankenfreiheit. Die nehme ich mir, ich lasse mir von niemanden vorschreiben, was und wie ich denke.

gedanken tanzen durch meinen kopf
blubbern aus meinem mund
formen sich zu einem gedicht
zu einem text
ich darf zeichnen
darf malen
darf theater spielen
kann singen und trommeln
werde gut versorgt
fühle mich umsorgt
werde geliebt
darf lieben
das ist meine FREIHEIT
Ich bin glücklich und zufrieden mit meinen Freiheiten.

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Ehrenlistenpreis für Ruth Oberhuber

Freiheit tut nicht weh

Wenn meine innere bequeme Königin den Thronsessel verlassen kann, wird sie freier sein, um ihr Leben zu regieren.
Freiheit ist nicht planbar. Zwänge engen einen ein. Die Freiheit kennt keine Zwänge und Enge. Sie ist da.
Meine Freiheit ist mein Zimmerspiegel, weil er für mich eine andere Lebenstüre bereithält. Ich kann jederzeit hineinschauen, ohne dass ich Angst vor mir habe. Er vergrößert den Menschen, der in mir steckt.
Seelenfreiheit

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Ehrenlistenpreis für Klaudia Kandolf

Der Kaffee ist fertig

Schon die Farbe eines Kaffees kann gute Laune und Lebenslust auslösen, sofern man leidenschaftlicher Kaffeetrinker ist. Wenn man den Kaffee lieber ohne Milch genießt, kann die schimmernd schwarze Farbe Wohlgefühle bewirken. Mit einem Schuss Milch, wie ich ihn trinke, und das dadurch gewordene goldgelbe Braun ebenso. Wenn in der Tageswerkstätte in meiner Gruppe am Morgen das Lied „der Kaffee ist fertig” von Peter Cornelius gespielt wird, so habe ich das überwältigende Gefühl, nichts kann mich stoppen oder aufhalten. Mit dem Morgenkaffee scheint für mich alles machbar. Dazu kommt der Geruch, meine Vorfreude steigt ins Unermessliche.

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Ehrenlistenpreis für Alois Schörghuber

Die Büda in mein Kopf


Fria’a hob i´Ois gseng. Auf amoi is’ immer finstara woa’n.
Heit bin i’ blind. Owa a blind konn i’ die Wöd seng.
Die Woikn om Himmel. Die san’ sche. Wenn d’ Sunn
gscheint hot’ und da Himmel woa blau. Wenn die Bam
ogfonga hob’m zum bliahn und ois grea woan is’. Des
woaß i’ no heit.

I’ konn nix seng, owa i’ hea Ois. Die Gansln, wenns schnattern.
Den Hund wenn a böd. Des Pferdl wanns wiehad.
Donn siag i’ wieda. Die Büda vo’ domois in mein Kopf.
I’ konn Olle am Geruch erkenna, wenn Jemand vorbeigeht.
I’ hea on die Schritt, wer on mia vorbeigeht.
A jeda Mensch hot an ondan Schritt, an ondan Takt beim Gehn.
A jeder Mensch geht ondas. So siag und erkenn i’ die Menschen.

Meine Eltern san oid woan. Des hea’ i’ an ihre Stimmen.
Owa in den Büdan in mein Kopf sans no jung wie domois,
ois i’ no gseng hob’. Die Hoffnung is’ imma do, dass i’ sie
irgendwonn wieda siag. Und i’ tram davo sie wieda zu
seng. I’ warat so neigierig wias heit ausseng.

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