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Szene aus "Hier leigt der Hund begraben" mit Simon Löcker und Florian Sohn

Haben oder Sein – das ist hier die Frage

Ein stilisierter Garten aus vier Streifen Rasenteppich im Quadrat mit sozusagen einem eckigen „Loch“ Erde in der Mitte. An einer der hinteren Ecken ein kleines Bäumchen das aus Kisten wächst. Zwei Schauspieler und eine dichte, knappe Stunde Skurrilität, Spiel- und Wortwitz beim Culturel Clash zweier Lebensphilosophien. Mein’s oder nicht mein’s – das ist hier die Frage in „Hier liegt der Hund begraben“/ „Tu leży pies pogrzebany“.

Die Story

Aber kurz mal der Plot des Stückes – ausgedacht und geschrieben von Magdalena Marszałkowska (ins Deutsche übersetzt von der Dolmetscherin und Schauspielerin Liliana Niesielska): Ein auf den – nicht nur – ersten Eindruck Obdachloser (in der deutschen Version – dazu später weiter unten: Florian Sohn) kommt, teils turnend herein, lässt sich auf dem Grundstück nieder. Da tanzt ein im schlecht sitzenden Anzug auf Businessman tuender Simon Löcker herbei und will Ersteren vertreiben. Denn, so behauptet er felsenfest überzeugt, das Grundstück sei seines.

Der Kontrahent macht sich zunächst einmal eher lustig über die Attitüden des „Besitzers“, der Streit schaukelt sich auf. Vor allem, als der „Obdachlose“ dem anderen eröffnet, er hätte den Garten gekauft – von dessen Ehefrau. Irgendwo aus einer seiner Taschen kramt er auch eine (Supermarkt-)Rechnung heraus, den Kaufvertrag, den der nun (Vor-)Besitzer zerfetzt. „War nur eine Kopie!“

Besitzen oder leben

Soweit die Grundgeschichte, in deren Verlauf sich herausstellt, der bis dahin und noch immer vermeintliche Besitzer lebt gerade in Scheidung, sein Unternehmen geht den Bach runter und wenn er jetzt noch den Garten verlöre, dann wäre er bei seinem Vater als der völlige Versager unten durch. Ihm geht es mehr um den Besitz, den Status, wie er gegenüber anderen dasteht. Der andere, der nunmehrige Besitzer – auch wenn er auf Kleinst-Raten den Kaufpreis bis ins nächste Jahrhundert zitzerlweise abzahlt – richtet sich eher gemütlich ein, scheint einfach leben zu wollen. Wenngleich er in der Achterbahn der Kommunikation der beiden – von feindselig über neutral bis annähernd und wieder zurück – gesteht, ähnliche Tiefpunkte schon hinter sich zu haben.

Mit viel szenischem und so manchem Wortwitz spielen die beiden in der Regie von Florian Thiel sozusagen zwischen Haben und Sein.

Mehrmals Deutsch, eine Aufführung auf Polnisch

Und das Ganze gibt es auch – in der jetzigen Spielserie im Theater Spielraum in der Wiener Kaiserstraße (Details siehe Info-Box) nur ein einziges Mal in der polnischen Originalsprache, in der Regie der Autorin selbst. „Das ist aber dann ein ganz anders Stück, auch wenn es derselbe Text ist“, verrät sie Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… „Die beiden Typen sind einfach ganz anders vom Leben gezeichnet, auch viel älter.“

Wie kam’s zu dem Stück, dessen Titel ein Sprichwort ist, das im Stück vorgeblich für den (Vor-)Besitzer echt ist, weshalb er den Garten so unbedingt (wieder) haben will. Das wollte der Reporter von der Autorin wissen. „Vor ein paar Jahren hab ich aus Polen die Anfrage von zwei Schauspielern bekommen, ob ich ein Stück für sie schreiben möchte. Es sollte um Obdachlosigkeit gehen und die andere Information war, der eine ist 1,68 und der andere 2,05 klein und groß. Dann hab ich überlegt, mit Klischees gespielt, und es sollte ein Gegensatzpaar sein… ja und so kam’s zu diesem Text.“

Szene aus
Szene aus „Hier leigt der Hund begraben“ mit Simon Löcker und Florian Sohn, fotografiert vor de Vorstellung, rechts im Bild die Autorin Magdalena Marszałkowska

Entstehungsgeschichte mit Umwegen

Allerdings hat sie von den beiden danach nie wieder etwas gehört, sich irgendwann am Strand von Sansibar (Insel, die zu Tansania, Ostafrika gehört), wie sie weiter erzählt, gedacht, „aber irgendwie muss es raus, die beiden Figuren sind so etwas wie meine Söhne geworden, die nun endlich geboren werden müssen“. Und so suchte sie – noch im Urlaub via Social Media nach möglichen in Wien lebenden, polnisch sprechenden Schauspielern, stieß auf den den Kabarettisten Adam Turczyński und fand in ihrem Ehemann, Marcin Marszałkowski, den „Businessman“.

Im Jahr vor Corona (2019) wurde die polnische Version erfolgreich im Theater Spielraum mehrmals vollbesucht aufgeführt, dann suchte Magdalena Marszałkowska obwohl sie perfekt Deutsch spricht, eine professionelle Übersetzerin und fand eine kongeniale, denn Liliana Niesielska ist nicht nur Dolmetscherin, sondern auch jahrzehntelange Theater- und Film- bzw. Fernseh- Schauspielerin (Max-Reinhardt-Seminar-Absolventin, u.a. Die Klavierspielerin, einige Tatorts und die Schwiegertochter von Mundl). Der Wiener Kaiserverlag veröffentlichte den Stücktext.

Und nun feiert(e) die deutschprachige Version vielumjubelte Premiere im Theater Spielraum – noch bis 3. Juni 2023 zu erleben -, nachdem eine szenische Lesung schon im Vorjahr beim Theaterfestival Hin & Weg in Litschau großen Anklang gefunden hatte.

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Kinder stehen mit Schildern bei einer Demo gegen den Klimwandel in Glasgow (Schottland) anlässlich der UN-Klimakonfernz vor zwei Jahren

Politik soll endlich auf Kinder und Jugendliche hören und sie teilhaben lassen

Ali Mahlodji, unter anderem EU-Jugendbotschafter, vielfacher Keynote-Speaker in Sachen Kinder- und Jugendrechte sowie Ehrenbeauftragter von UNICEF-Österreich nahm die kürzlich veröffentlichten Ergebnisse der großen Ö3-Jugendstudie zum Anlass, um von der Politik zu fordern, sie solle „mehr Möglichkeiten schaffen, damit junge Menschen mitbestimmen können und, dass ihrer Meinung mehr Beachtung gezollt wird – immerhin sind sie diejenigen, die oft selbst durch die Entscheidungen der Politik betroffen sind.“

Lediglich 15 Prozent von 40.000 befragten jungen Menschen zwischen 16 und 25 Jahren gaben in der genannten Studie an, sich von der Politik sehr oder ziemlich gut vertreten zu fühlen. Nur 17 Prozent vertrauen der Politik, wobei sich zwei Drittel der jungen Menschen als politikinteressiert bezeichnen.

Kinderrechtskonvention

Bereits seit 2020 macht UNICEF Österreich im Rahmen des Kreativwettbewerbs „Denk dir die Welt”, bei dem unter anderem Ali Mahlodji fixes Jurymitglied ist (übrigens auch Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…), verstärkt auf das in der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen (UNO) festgelegte Kinderrecht auf Partizipation aufmerksam. Im Artikel 12 dieser Konvention, die von fast allen Staaten der Welt auch unterschrieben worden ist, steht, dass jedes Kind (im Sinne der UN-Konvention bis 18 Jahre) das Recht hat, die eigene Meinung zu allen Fragen und Entscheidungen, die sie/ ihn selbst bzw. den eigenen Lebensraum betreffen, frei zu äußern bzw. danach gefragt zu werden. Die Sichtweise der Kinder und Jugendlichen muss dabei in Betracht gezogen werden, wo immer sie direkt betroffen sind – sei es in der Familie, in der Schule bzw. Ausbildung, bei der Gestaltung von Lebensräumen oder bei der Ausarbeitung von Gesetzen.

Es ist die Welt der jungen Leute

Ali Mahlodji fordert: „Junge Menschen müssen endlich von der Politik ernst genommen und gehört werden! Sie sind die Entscheidungsträgerinnen und -träger der Zukunft und sie sind es, die hoffentlich mit ihren Ideen, ihrer Kreativität und ihrer Innovationskraft die Welt trotz Klimakatastrophen zu einem lebenswerten Ort machen werden, die Kriege stoppen und gemeinsam nachhaltige Lösungen für alle auf diesem Planeten finden werden. Und, sie können uns bereits jetzt helfen, ‚out of the box‘ zu denken.“

Zu einer ähnlichen Einschätzung wie die Ö3-Jugendstudie kommt auch Petra Flieger, freie Sozialwissenschafterin und UNICEF Österreich-„Denk dir die Welt!“-Jurorin heuer: „Leider machen Jugendliche oft die Erfahrung, dass sie von Politiker:innen zwar angehört werden, dass dann aber nichts passiert. Es werden öffentlichkeitswirksam Fotos gemacht, aber die Forderungen der Jugendlichen werden nicht weiterbehandelt. Das hat mit Partizipation, so wie sie in den Kinderrechten verankert ist, nichts zu tun.“

Es geht

Dass echte Teilhabe möglich ist, zeigt beispielsweise die von UNICEF ausgezeichnete „Kinderfreundliche Gemeinde“ Kufstein. Dort gibt es einen Jugendgemeinderat, in dem Jugendliche selbst über ein eigenes Budget verfügen. Neben Veranstaltungen für Jugendliche hat der Jugendgemeinderat mit Projekten wie Begrünung der Stadt oder bunten Zebrastreifen in Regenbogenfarben Zeichen gesetzt.

Kreativbewerb

Mit dem Kreativwettbewerb „Denk dir die Welt!“ möchte UNICEF Österreich Kindern und Jugendlichen eine Plattform bieten, ihre innovativen Ideen, ihre Wünsche und Forderungen für eine faire, inklusive Welt zu artikulieren. „Wie sieht eine Welt aus, in der du gut wachsen kannst und alle eine Chance haben?“ Antworten auf diese Frage können bis 31. Juli 2023 in Form von Zeichnungen und Collagen, Kurzgeschichten und Gedichten, Songs oder Videos eingereicht werden.

Die in den Kunstwerken ausgedrückten Ideen und Forderungen werden in einem Ideenkatalog aufgearbeitet. Dieses wichtige Dokument übergibt UNICEF Österreich im Anschluss an den Wettbewerb gemeinsam mit jungen Menschen an politische Entscheidungsträger:innen, damit diese die Meinung von Kindern und Jugendlichen in ihren Entscheidungen berücksichtigen können – denn das ist ein Kinderrecht.

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Detail-Infos in Sachen Einsendungen: unicef -> denkdirdiewelt

Großgruppenfoto der Preisträger:innen und ihrer Laudator:innen

Escape-Room als Lern-Ort und andere Top-Leistungen

War das ein Tag und ein Abend! Am Nachmittag (Donnerstag vor Pfingsten 2023) wurden Dutzende Schüler:innen auf die große Bühne in der Stage 3 in St. Marx geholt und feierlich-launig für ihre teils patentreifen Erfindungen und Projekte in der Award-Zeremonie des 36. Bundesfinales von Jugend Innovativ ausgezeichnet – Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… hat alle Projektteams interviewt und – zwecks größerer Übersichtlichkeit – nach den jeweiligen Kategorien sortiert, in den vergangenen Tagen hier online präsentiert.

Gewichtige Statuen für die Besten der Besten

Wenige Stunden später stellten die privaten Handelsakademien und -schulen VBS (Vienna Business School) zum insgesamt 26. Mal (zum zweiten Mal in der Grand Hall am Erste Campus beim Wiener Hauptbahnhof) die besten Projektteams sowie einzelnen Schüler:innen und Pädagog:innen ihrer sechs Standorte vor und holten die Besten der Besten auf die Bühne, um ihnen die einige Kilo schweren Merkur-Statuen zu überreichen. Hier seien nun – zunächst – die Preisträger:innen vorgestellt, wenngleich gerade bei den einzelnen Schülerinnen und Schülern die Wahl der Jury wohl jedes Jahr extrem schwer fallen muss. Seitenlang ist in den Unterlagen der Nominierten zu lesen, was diese alle – und das „neben“ hervorragenden schulischen Leistungen – schaffen, oft vielsprachig, in sozialen Initiativen engagiert, (lern-)helfend für Mitschüler:innen, teils noch etliche Wochenstunden jobbend!

Escape-Room

Das Abenteuer Escape-Room boomt seit einigen Jahren. Menschen lassen sich in (Freundschafts-)Gruppen einsperren und müssen gemeinsam Aufgaben lösen, um da wieder rauszukommen. Im Schnitt kostet dieses Abenteuer zwischen 20 und 30 Euro pro Spieler:in. In der VBS Augarten (Wien 2, Leopoldstadt) ließen sich die beiden 3.-Klässler‘innen Hanna Ukaj und Jelena Vučanović einen solchen Escape-Room für ihre eigene Schule einfallen. Die Aufgaben, die sich die beiden ausdachten und auf Anfänger:innen der kaufmännischen Schule abstimmten, starten mit Begriffen aus der Betriebswirtschaft, es folgten Office-Management-Rätsel samt Einsatz des 10-Finger-Systems und Elemente von Unterricht via TEAMS. Aber auch Bewegung war gefragt: in der Sport-Einheit galt es über Hinweise ein Zahlencode zu turnen. Sprachen – Deutsch und Englisch – waren ebenso gefragt wie Mathe- und Rechnungswesen, bevor endlich der Code für jenen Safe geknackt werden konnte, in dem sich der Schlüssel für die Tür zur Freiheit öffnen ließ.

Da die beiden Erfinderinnen selbst am Gala-Abend verhindert waren, nahm Mitschüler Abdullah Kızılırmak, der sich – mit einem weiteren Kollegen (Marko Facius) bei seinen Aufgaben im Escape-Room auch filmen hatte lassen, die Merkur-Statue in Empfang.

Die Laudatio für das beste ökonomische und innovative Projekt (diese beiden Kategorien wurden heuer zusammengezogen) hielt die KURIER-Wirtschaftsredakteurin Andrea Hodoschek, die sich zwar wunderte, dass sich Menschen freiwillig einsperren lassen, aber sich beeindruckt zeigte, dass die beiden Schülerinnen selbst vorher einige Escape-Rooms recherchiert hatten und abschließend – wegen der Verbindung von Lernen und Spaßfaktor – meinte: „Ich bin sicher: Dieses Beispiel macht Schule.“

Viele „kleine“ Projekte ergeben ein großes Ganzes

Von Anbeginn an zeichneten die VBS – obwohl Wirtschaftsschulen und vom Fonds der Wiener Kaufmannschaft betrieben – jeweils das beste soziale Projekt aus. In diesem Jahr fiel die Wahl der Jury auf eine Summe von „kleineren“ Projekten, die sich zu in der VBS Schönborngasse (Wien 8, Josefstadt) im ersten Semester dieses Schuljahres zu „Gemeinsam stark: Wir lassen euch nicht im Stich“ vereinigten.

Alle 28 Schüler:innen der 3A der Handeslakademie hatten sich in Gruppen aufgeteilt, um Gutes – für Menschen und Tiere – zu tun, karitative Organisationen zu unterstützen usw.

Neben den tatsächlich erzielten Erlösen bzw. immateriellen Hilfen wurde bei allen Beteiligten auch das Bewusstsein der Bedeutung von vermeintlich kleinen Gesten und Taten gefördert.

Warme Kleidung für OBDACH JOSI, Sachspenden an ein Kinderheim, Faschingskostüme für kranke Kinder, Kleidersammlung für die Caritas, Verkauf von Waffeln und alkoholfreiem Punsch in der schuleigenen Aula zugunsten eines Tierheimes waren einige der „kleinen“ Projekte, die das große Ganze sozialen Engagements der ganzen Klasse ergaben.

Stellvertretend für diese nahmen Maximilian Wastl, Paulina Šušnja, Lazar Djordzović, Vanessa Vrapčenjak, Marc-Aurel Schmid und Asude Kurvet die Merkur-Statue aus den Händen des Obmanns der Sparte Information & Consulting der Wirtschaftskammer Wien, Martin Heimhilcher, in Empfang, der unter anderem sagte: „Wir leben in herausfordernden Zeiten: Krieg, Teuerung und Zukunftssorgen bestimmen bereits vieler Leben. Die vielfältigen Einsätze der Preisträgerinnen und Preisträger zeigen: Es findet sich immer ein Ort, an dem man einen Unterschied machen kann. Und damit das Wichtigste vermittelt, das man Menschen in schwierigen Situationen geben kann: Hoffnung.“

Student oft the Year – HASch

Student of the Year HAS: Nina Nurdinović aus der Vienna Business School Mödling. Sie ist – wie es in den Unterlagen über alle Nominierten (in Summe rund 50 Seiten) u.a. heißt die „mit Abstand die beste Schülerin der 3. Klasse Handelsschule, hat seit der ersten Klassein allen Unterrichtsgegenständen im Zeugnis ein „Sehr gut“. Außerdem ist sie Klassensprecherin und betreut seit Beginn, sehr gewissenhaft und engagiert, die Klassen-WhatsApp-Gruppe, womit sie die Klassenvorständin sehr unterstützt. Engagiert übernimmt sie jederzeit gerne zusätzliche Aufgaben wie beispielsweise Mitarbeit beim Tag der offenen Tür.

Neben der Schule arbeitet sie samstags als Verkäuferin, um mit eigenem Geld unabhängiger zu sein. Wie viele Schüler:innen wächst Nina Nurdinović mehrsprachige auf, ein Gewinn für sie und die Gesellschaft bzw. Wirtschaft. Zusätzlich hat sie ein Jahr lang Russisch gelernt.

Mehrsprachig ist auch ihre Laudatorin, die Haubenköchin Parvin Razavi. Sie zog in ihrer Laudatio Parallelen zu ihrer eigenen Biografie, die von Flucht und Neustart in einem fremden Land geprägt ist: „Gerade als migrantisches junges Mädchen ist es sehr wichtig, sich selbst seinen Platz in der Welt zu suchen, die Sprache zu lernen, aber auch zu wissen, was man möchte. Nina Nurdinović erfüllt das alles auf vorbildliche Weise.“

Student of the Year HAK

Zum Besten der Besten, die für „Student oft he Year der VBS-Handelsakademien nominiert waren, wählte die Jury Michael Petzl aus der VBS Akademiestraße. Er ist Landesschulsprecher für die Berufsbildenden Mittleren und Höheren Schulen (BMHS) in Wien, aber auch Landesmeister beim „digi.check“, einem Wettbewerb zur Messung digitaler Kompetenzen an den kaufmännischen Schulen Österreichs. Außerdem betätigt er sich seit mehr als zehn Jahren ehrenamtlich in der Pfarre Rennweg und da vor allem in Sachen sozialer Hilfsaktionen.

Die VBS Akademiestraße verleiht übrigens seit 20 Jahren einen schulinternen eigenen Preis für soziale Projekte, den Amicus Award. Für diesen hat Petzl verschiedene Projekte miterfunden und -organisiert, u.a. ein halbes Jahr wöchentlich Flüchtlingskindern in einer Flüchtlingsunterkunft bei Hausaufgaben unterstützt und beim Lernen geholfen.

Den Merkur übereichte ihm Claudia Plakolm, Staatssekretärin für Jugend und Zivildienst im Bundeskanzleramt (ÖVP), die darauf hinwies, dass sie „selbst vor 10 Jahren (OÖ-)Landesschulsprecherin (war) und weiß, wie viele Fehlstunden sich da ansammeln. Aber vor allem, wieviel Ausdauer man beweisen muss, wieviel Verhandlungsgeschick und Energie da reingesteckt wird. Der Preisträger engagiert sich zudem auch sozial. Meine Hochachtung vor diesem Einsatz.“

Lehrerinnen

Auch wenn diesmal nicht – wie es in manchen Jahren schon der Fall war – ein nominiertes Team aus Pädagog:innen den Merkur für Teacher oft he Year bekam, erhielten dennoch mehrere Lehrerinnen diese Auszeichnung. Von den Nominierten entschied sich die Jury für Sabine Wachutka aus der VBS Floridsdorf. Sie hatte vor fast 30 Jahren an derselben Schule maturiert und eine der ersten Übungsfirmen gegründet. Neben diversen Zusatzqualifikationen und -aufgaben würdigte Laudator, René Tritscher, CEO der Austrian Business Agency, Wachutka unter anderem Antoine de Saint-Exupéry zitierend: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, wie schon der schlaue Fuchs aus dem Buch, „Der kleine Prinz“, wusste. Sabine Wachutka aber zeigt, dass der Blick mit dem Herzen auch immer mit Leistung verbunden sein muss. Erst so werden wir zur besten Version unserer selbst.“

Online-Zeitung mit Schüler:innen

Wie schon zu Beginn dieses Abschnitts angedeutet, gab’s einen Merkur für eine weitere Pädagogin. Seit einigen Jahren gibt es einen Publikumspreis, der via Online-Voting ermittelt wird. Zur Wahl stehen die Nominierten für Schüler:in des Jahres Handelsschule, Handelsakademie sowie die Lehrpersonen der sechs Schulstandorte (fünf in Wien, einer in Mödling). Und in diesem Jahr gab’s diese Auszeichnung für Juliane Renetzeder aus der VBS Akademiestraße. Auf die Frage, weshalb sie glaube, dass sie Stimmenstärkste geworden sei, nannte sie vor allem die Online-zeitung, die sie mit Schüler:innen gestaltet, das „Akademiestreet Journal“. Den Merkur überreichte ihr übrigens ein ehemaliger Schüler dieser HAK, der heutige Bildungsdirektor Heinrich Himmer, den der der Vorstand des Fonds der Wiener Kaufmannschaft, Helmut Schramm, als „fast schon Haus- und Hof-Laudator der Merkur-Galas“ bezeichnete.

Absolventin

Eine Merkur-Statue gibt es seit vielen Jahren auch für eine/n Absolvent/in, „Graduate oft he Year“, von der Jury ausgewählt, die dieses Mal Yvonne Rueff auf die Bühne holte, die vor 28 Jahren an der VBS maturiert hatte. Unter nicht einfachen Bedingungen, denn wie sie in ihrer Dankesrede „verriet“: „Mein Vater war gestorben, ich hatte die Tanzschule über, und trotzdem ging es. Weil ich eine großartige Klassenvorständin und eine tolle Klassengemeinschaft hatte und unbedingt etwas erreichen wollte. Was ich daraus gelernt habe: Oft bringt das Leben etwas ganz anderes, als das, worauf man sich vorbereitet hat. Aber ich habe Zeit meines Lebens gesehen – zuletzt auch bei Dancer against Cancer: Ich hab so eine gute Ausbildung genossen, ich kann eigentlich alles machen.“

Die Inhaberin der Traditionstanzschule Rueff und Gründerin erhielt die Statue aus den Händen des Schulerhalter-Präsidenten, Helmut Schramm, der meinte: „Neben den persönlichen Erfolgen in verschiedenen Tanzdisziplinen hat sie das Familienunternehmen erfolgreich ins neue Jahrtausend gebracht.“
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Szenenfoto aus "Songs About Places" über das Haus Ungargasse 34 - Spielort: Garten der UNiversität für Musik und darstellende Kunst

Würdige Trauerperformance für das (Gast-)Haus „Zum Alten Heller“

Das Publikum versammelt sich auf dem schmalen Gehsteig vor dem Haus Ungargasse 34. Manche gehen auf di gegenüberliegende Straßenseite um das Objekt, um das sich die Performance in den kommenden nicht ganz zwei Stunden dreht, zu fotografieren. Es wird ein Abgesang – in Würde und Wertschätzung – auf die Gastwirtschaft „Zum Alten Heller“.

Das Theaterkollektiv Bum Bum Pieces inszeniert solche Trauer- und Würdigungsfeiern auf Gebäude, die teils schon abgerissen sind oder davor stehen, einem Neubau weichen zu müssen, schon seit einigen Jahren – bisher in Wien, Graz und Eferding.

Zeit-Kette, Schauspiel und Live-Musik

Das Bühnenszenario ist immer gleich: In unmittelbarer Nähe – im Normalfall ist vor dem jeweiligen Objekt kein Platz um noch dazu vor Publikum zu spielen – steht ein großer Tisch mit einer „Schiene“ aus mehreren verbundenen Fahrradketten. Davor eine Zeitleiste, auf der ein Pfeil ins jeweilige Jahrzehnt gekurbelt wird. Dazu ein Schauspieler (Martin Brachvogl), der als Mischung aus Pfarrer und Chronist historisch verbürgte Daten und Fakten aus einem dicken alten Aktenordner verkündet, sowie der Musiker Robert Lepenik (Komposition und Gitarre) und Nora Winkler, die sowohl musiziert (Akkordeon, Flöten) als auch schauspielt, mitunter auf dem Tisch turnt und Häuser aufstellt, verschiebt, fallweise auch das jeweilige Objekt sich über den Kopf stülpt und so zur Stimme des Hauses wird.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Songs About Places“ über das Haus Ungargasse 34 – Spielort: Garten der UNiversität für Musik und darstellende Kunst

Aus 435 wird 34

Rund um Pfingsten gab’s also die berührende Geschichte rund um dieses (Gast-)Haus, dessen „Geburtsstunde“ im Jahr 1776 verortet wird – als Landstraße 435 in Niederösterreich – von Beginn an als Gasthaus, damals mit dem Namen „Zur ungarischen Krone“. Fast 100 Jahre später (1863) bekommt das Haus – nunmehr gehört dieser Teil zu Wien – die Adresse Ungargasse 34.

Das Team des Theaterkollektivs, namentlich Miriam Schmid, recherchiert, wenn die Gruppe auf ein mögliches Objekt einer Performance auserkoren wird, intensiv in den diversen Archiven. So wird das Leben in und rund um ein solches Haus liebevoll vor den Augen und Ohren des Publikums lebendig.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Songs About Places“ über das Haus Ungargasse 34 – Spielort: Garten der UNiversität für Musik und darstellende Kunst

Spielort neben einem früheren Theater

Gespielt wurde dieses Mal in unmittelbarer Nähe im Garten der mdw, der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, deren alte Gebäudeteile vormals die veterinärmedizinische Uni, also die tierärztliche Hochschule beherbergte. Die oben beschrieben Szenerie war übrigens auf jenem Teil der Grünflächen aufgebaut, in dem gleich daneben jahrelang als Zwischennutzung das 3-Raum-Theater Hubsi Kramars im alten Sezier-, und manchmal dem alten steil ansteigenden Hörsaal sowie dem Foyer desselben spielte.

Zurück zum „Alten Heller“, der nach ungarischer auch noch Kaiserkrone hieß, bevor er den 1938 den aktuellen Namen bekam. Heller hatten die Besitzer geheißen, in diesem Jahr übernahm die Tochter der Hellers, Frau Waller, das (Gast-)Haus. Heller war übrigens auch die Bezeichnung der Währung bis 1925.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Songs About Places“ über das Haus Ungargasse 34 – Spielort: Garten der UNiversität für Musik und darstellende Kunst

Preisentwicklungen

Apropos Währung – in den „Songs About Places“ wie die Theatergruppe diese Serie der Trauerfeiern für Häuser nennt, bauen sie immer auch Grundnahrungsmittel und ihre Preisentwicklung in ein Lied ein und so erfahren wir, dass ein Laib Brot beim Greißler in der Ungargasse 18 Heller im Jahr 1900 und sieben Jahre später bereits um die Hälfte mehr und 1925 sogar fast das 300-fache gekostet hat (5300 Heller). Die Reihe wird dann in Groschen, Pfennig und Schilling bis 1994 fortgesetzt.

Ein Familienrezepte für Kalbsrahmbeuschel wie Auszüge aus der Speisekarte werden dargebracht sowie über Zusammenkünfte verschiedenster Vereinigungen, etwa regelmäßige Treffen samt Vorträgen der Mykologischen Gesellschaft (Pilzkunde) oder nach Schilderung des Endes vom (Gast-)Haus im Jahr 2016 als Rückblende eine ausführliche Darstellung der Feier des 40-Jahrjubiläums des Hausbesorgers Anton Bürger aus der Eslarngasse 28.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Songs About Places“ über das Haus Ungargasse 34 – Spielort: Garten der UNiversität für Musik und darstellende Kunst

Berühmtheiten

Eine der Stammgäst:innen – und ihre Arbeit – wird genauer beschrieben, hat sie doch selbst detaillierter über diese Gegend geschrieben: Ingeborg Bachmann, die dieses Grätzel in ihrem Roman „Malina“ verewigt hat. Und es wird gar ein Zusammenhang mit einer anderen Berühmtheit hergestellt, der Wiener-Lied-Sängerin Maly Nagl, die angeblich Inspiration für den Namen des Roman-Protagonisten Bachmanns gewesen sein soll.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Songs About Places“ über das Haus Ungargasse 34 – Spielort: Garten der UNiversität für Musik und darstellende Kunst

Suche

Das Team von Bum Bum Pieces ist übrigens immer wieder auf der Suche nach solchen Objekten, die Geschichte haben und es (bald) nicht mehr gibt.

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Martina Maksimović, Valeria Maksimović, Angelina Bauer, Mathias Mähr und Philipp Schiemer mit ihren Solar-Batterien aus alten Akkus

Solarspeicherzellen aus alten Akkus, UV-Strahlen nutzen, „nachhaltige“ Schulvernetzung, Pilze zum Dämmen und Färben

Von 71 Anmeldungen in der Kategorie Sustainability (Nachhaltigkeit) schafften’s fünf ins Bundesfinale. Hier werden sie vorgestellt.

Platz 1: ReCell
HTL Dornbirn (Vorarlberg)

Neues Leben für alte Akkus – das war der Grundgedanke für das Projekt ReCell der sechs Schüler:innen Martina Maksimović, Valeria Maksimović, Angelina Bauer, Mathias Mähr und Philipp Schiemer aus der HTL im Vorarlberger Dornbirn. Aus Sicherheitsgründen müssen Akkus in Notbeleuchtungen ausgetauscht werden, auch wenn sie noch länger Strom geben (können). Oft sind sie sozusagen noch zu 90 % gefüllt. Vergleichbar ist dies mit Lebensmitteln, deren Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten aber noch länger genießbar sind. So erklären die Jugendlichen dem Reporter das Prinzip.

Und so sammelten sie solche Akkus, Unternehmen haben Tausende davon, die sie kriegen könn(t)en. Die Dornbirner Schüler:innen spannten mehrerer solcher Akkus zu einem Speicherelement für Solarenergie zusammen und mehrerer solcher „Batterien“ zu ganzen Laden und mehrerer solcher Laden zu einem ganzen Kastl. Dieses Ding nannten sie ReCell, das mehrere Kilowattstunden Sonnenstrom speichern kann.

Ihr Batteriemanagment-System ist so ausgetüftelt, dass sich die Zellen bei drohender Überhitzung abschalten und auch anzeigen, wenn einer der Akkus tatächlich am Ende angelangt ist. Dann reicht es, diesen einen Akku auszutauschen und schon kann das ganze Element wieder funktionieren.

„Wenn es klappt, gründen wir vielleicht eine Firma mit der wir diese Solarbatterien herstellen und vertreiben“, verraten die Jugendlichen noch am Ende des Interviews.

Platz 2: Erhöhung der Effizienz von Photovoltaikzellen mittels fluoreszierender Beschichtung
HTL Dornbirn (Vorarlberg)

Photovoltaikzellen können nur sichtbares Sonnenlicht in Energie umwandeln. Damit bleiben die ultravioletten Strahlen ungenutzt. Das war der Ausgangspunkt für das Projekt von Tobias Ritter und Paul Luschnig aus der HTL im Vorarlberger Dornbirn. „Allzuviel an Details wollen wir nicht verraten, weil wir uns überlegen, unsere Methode patentieren zu lassen“, warnen sie Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…

Aber so viel wie in den Beschreibungen können sie dann schon preisgeben. Ausgehend von Erkenntnissen textilchemischer Optimierungen experimentierte das Schüler-Duo mit fluoreszierenden Beschichtungen von Solarzellen.

Dafür probierten sie verschiedene Stoffe aus, die sie als flüssige Lösungen auftrugen. Was noch nicht sehr praktikabel ist, aber Ritter und Luschnig wollen ja dranbleiben. So könnten Photovoltaik-Zellen künftig eine höhere Ausbeute an Energie erzielen.

Platz 3: Schulübergreifendes Nachhaltigkeitsgremium
BHAK Bad Ischl (Oberösterreich)

Kein Produkt, aber viel mehr, schufen Schüler:innen – ausgehend von der Handelsakademie im oberösterreichischen Bad Ischl. Wie schon der Titel sagt, organisierten sie die Vernetzung mehrerer Schulen, um Aktivitäten in Sachen Nachhaltigkeit zu initiieren und durchzuführen – mit der Hoffnung, dass dieses „schulübergreifende Nachhaltigkeitsgremium“ auch dauerhaft bleibt und weitergeführt wird. Initiiert wurde diese Vernetzung schon im vorigen Schuljahr, sie selbst seien also schon die zweite Generation, sagen Ariane Tuppinger, Livia Sosa Acosta, Leona Berner, Julia Schörghofer, Selina Stogure, Freya Bristol und Lena Seiringer zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…

Neben der genannten Schule, an der noch Sahra Laimer, Christine Leitner und  Jennifer Plieseis nachhaltig netzwerk(t)en, sind Jugendliche aus dem Bad Ischler Realgymnasium sowie der International School St. Gilgen mit im Boot. Regelmäßig treffen sich Abordnungen der drei Schulen, um konkrete Vorhaben zu diskutieren, planen und organisieren. Dazu zählten bisher, wie sie aufzählen, ein Kleidertauschtag, für das sie das Motto „Let’s give new life to our clothes“ (Lasst uns unserer Kleidung ein neues Leben geben) wählten, waldpädagogische Tage, Workshops, die sie selber für andere Schüler:innen halten oder auch Tipps zur Papierreduktion an Lehrkräfte und Verwaltungspersonal der drei Schulen. Nicht zuletzt werden Bäume gepflanzt und angeregt noch mehr davon zu tun.

Anerkennungspreis: Nachhaltiges Dämmmaterial aus Pilzen
HTL Braunau (Oberösterreich)

Schwammerln statt Hartschaumstoff oder Mineral„wolle“ sozusagen. Das war der Plan und damit experimentierte Sofia Feichtenschlager aus der HTL Braunau (Oberösterreich). Sie widmete sich der Frage von Dämmstoff für Hauswände. Wobei neben den eingangs genannten weit verbreiteten Dämmmaterialien gibt es schon lange auch natürliche wie Schafwolle, Zellulose, Schilfrohr usw.

Doch die Schülerin wollte Neues erkunden, die „Schwammerln“, die sie verwendete sind vor allem Baumstammpilze der Gattung Lackporling, die lassen sich, so sagt sie zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… übrigens auch im Labor züchten. Womit sich die Menge rasch erhöhen ließe. Für dieses Projekt habe sie sich entschieden, „weil es gerade im Bauwesen noch nicht so umweltfreundlich zugehe“.

Verschiedene Arten des genannten Baumschwammes hat sie mit umweltfreundlichen Bindemitteln vermischt und zu Platten gepresst und dann getestet, ob sie feuerbeständig sind, wie sie Wärme/Kälte leiten oder eben dämmen, wie sie auf Feuchtigkeit reagieren – und bemerkt, dass sie dann glücklicherweise nicht schimmeln.

Obendrein will die Jugendliche dranbleiben, wie sie verrät und gemeinsam mit der Fachhochschule Kärnten weiterforschen.

Anerkennungspreis: Farbmittel aus Hapalopilus nidulans
HTL Braunau (Oberösterreich)

Gleich am Stand daneben präsentieren Schulkolleg:innen der Pliz-Dämmerin andere „Schwammerl“-Produkte. Eva Daglinger und Jakob Dornauer fanden heraus – die Anregung kam von einem Onkel der Schülerin -, dass der giftige Zimtfarbene Weichporling (Fachbezeichnung: Hapalopilus nidulans) besonders viel Farbstoff ergibt.

Die beiden halten dem Reporter Gläser in die Kamera. Das große Glas mit lila Flüssigkeit sei bloß aus ungefähr vier bis fünf Gramm dieses Pilzes gewonnen worden, nachdem diese in rund eine Woche in einer Lauge gelegen seien. Das rötlich-braune Gemisch ergab sich nachdem solche Pilze in Acteon schwammen.

Die beiden zeigten auch ein Glas mit gefärbter Wolle, die sich sofort färbt, wenn sie ins aus den Pilzen gewonnene Färbemittel eingetaucht werden. Die Färbung bleibt übrigens, haben die beiden ausgetestet – auch wenn sie gewaschen wird oder im Sonnenlicht liegt.

Giftig wirkt der Pilz übrigens nur beim Verzehr und nicht wenn die Haut mit ihm in Berührung kommt, beruhigen die beiden Jugendlichen den Journalisten auf dessen sich aufdrängende Frage.
„Außerdem“, so merkt der Schüler an, „ist dieses Färbemittel ein sehr schönes Molekül“, zeigt er eine schematische Darstellung der Verbindung der Atome.

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Tobias Ritter und Paul Luschnig holen mehr Energei aus Sonnenstrahlen

Zwei gewannen doppelt und dazu noch Auszeichnungen für vertikale Gärten und Lebensmittel-App

Zwei der Finalist:innen-Projekte und dazu zwei aus dem Halbfinale wurden ausgezeichnet. Für Platz 1 gab’s 2000 Euro, auf Platz 2 entfielen 1000 – siehe beide auch schon in der Kategorie Sustainability – sowie auf das Drittplatzierte Projekt 500 €, weiters gab es einen Anerkennungspreis in der Höhe von 500 Euro.

Platz 1: Erhöhung der Effizienz von Photovoltaikzellen mittels fluoreszierender Beschichtung
HTL Dornbirn

Photovoltaikzellen können nur sichtbares Sonnenlicht in Energie umwandeln. Damit bleiben die ultravioletten Strahlen ungenutzt. Das war der Ausgangspunkt für das Projekt von Tobias Ritter und Paul Luschnig aus der HTL im Vorarlberger Dornbirn. „Allzuviel an Details wollen wir nicht verraten, weil wir uns überlegen, unsere Methode patentieren zu lassen“, warnen sie Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…

Aber so viel wie in den Beschreibungen können sie dann schon preisgeben. Ausgehend von Erkenntnissen textilchemischer Optimierungen experimentierte das Schüler-Duo mit fluoreszierenden Beschichtungen von Solarzellen.

Dafür probierten sie verschiedene Stoffe aus, die sie als flüssige Lösungen auftrugen. Was noch nicht sehr praktikabel ist, aber Ritter und Luschnig wollen ja dranbleiben. So könnten Photovoltaik-Zellen künftig eine höhere Ausbeute an Energie erzielen.

Platz 2: ReCell
HTL Dornbirn (Vorarlberg)

Neues Leben für alte Akkus – das war der Grundgedanke für das Projekt ReCell der sechs Schüler:innen Martina Maksimović, Valeria Maksimović, Angelina Bauer, Mathias Mähr und Philipp Schiemer aus der HTL im Vorarlberger Dornbirn. Aus Sicherheitsgründen müssen Akkus in Notbeleuchtungen ausgetauscht werden, auch wenn sie noch länger Strom geben (können). Oft sind sie sozusagen noch zu 90 % gefüllt. Vergleichbar ist dies mit Lebensmitteln, deren Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten aber noch länger genießbar sind. So erklären die Jugendlichen dem Reporter das Prinzip.

Und so sammelten sie solche Akkus, Unternehmen haben Tausende davon, die sie kriegen könn(t)en. Die Dornbirner Schüler:innen spannten mehrerer solcher Akkus zu einem Speicherelement für Solarenergie zusammen und mehrerer solcher „Batterien“ zu ganzen Laden und mehrerer solcher Laden zu einem ganzen Kastl. Dieses Ding nannten sie ReCell, das mehrere Kilowattstunden Sonnenstrom speichern kann.

Ihr Batteriemanagment-System ist so ausgetüftelt, dass sich die Zellen bei drohender Überhitzung abschalten und auch anzeigen, wenn einer der Akkus tatächlich am Ende angelangt ist. Dann reicht es, diesen einen Akku auszutauschen und schon kann das ganze Element wieder funktionieren.

„Wenn es klappt, gründen wir vielleicht eine Firma mit der wir diese Solarbatterien herstellen und vertreiben“, verraten die Jugendlichen noch am Ende des Interviews.

Platz 3: Ceres Plantory
HTBLVA Rankweil

Im Projekt Ceres Plantory lassen Marie Schrotte, Angelina Rupp, Fabian Stitny und Jenny Lampert aus der Rankweiler HTL Pflanzen ohne Erde in „hängenden Gärten“ wachsen. „So beziehen die Wurzeln die Nährstoffe gleich direkt aus dem Wasser“, erklären die vier Schüler:innen das Prinzip ihrer Anbaumethode Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… Da die vier Jugendlichen ja eine technische Schule gewählt haben, „füttern“ sie die Pflanzen aber nicht nur mit nährstoffreichen flüssigen Lösungen, sondern verknüpfen ihre vertikale Farm mit High-Tech wie pH-, Licht- und Wassertemperatursensoren, diversen Aktoren und einem Mikrocontroller über den die „Fütterung“ und Beleuchtung gesteuert werden kann. Und diese Steuerung lassen sie wieder künstlich intelligent selbst lernen für das beste Wachstum der Pflanzen.

Noch ist der Prototyp ein Riesenungetüm, das die vier Schüler:innen unmöglich von Vorarlberg nach Wien zum Jugend-Innovativ-Bundesfinale mitnehmen hätten können, weshalb es „nur“ Bildschirmpräsentationen und Fotos gab. Ob sie selber an der weiteren Professionalisierung und Minimierung von Ceres Plantory arbeiten werden, ist noch offen.

Anerkennungspreis: Foody me
HTBLVA Rankweil (Vorarlberg)

Du stehst im Einkaufszentrum, Supermarkt, Lebensmittelgeschäft usw. und wenn du zu Hause bist, kommst du drauf: „Hach, Milch hätte ich eh noch gehabt, dies und das ebenfalls, dafür hätte ich …!?“ Und dann kommt’s in der Folge oft dazu, dass manches das zu viel ist, auch noch schlecht wird und im Müll landet. Letzteres passiert allzu oft. Um dem wenigstens ein bisschen entgegenzuwirken – und obendrein Geld zu sparen – haben Bastian Fleischer und Katharina Seeberger aus der höheren technischen Lehranstalt Rankweil – klar in Vorarlberg, handelt es sich hier ja um den Special Award von Österreichs westlichstem Bundesland – eine App entwickelt. In „Foody me“ scannst du die Strich-Codes der gekauften Lebensmittel – gibst am besten noch das Ablaufdatum ein, hältst die Liste aktuell und schon hast du beim Einkaufen stets einen Überblick – nicht nur beim Einkaufen. Du kannst der App auch „beibringen“, dass sie dich aufmerksam macht, dass dies oder jenes nur mehr zwei, drei Tage (mindestens) haltbar ist.

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Marlies Planegger und Katarina Schmidt untersuchten Wasserproben auf den "Sekundärschadstoff" TFA (TriFluorAcetat)

Heimliche Schadstoffe, Supra-Leiter, digitale Sehnen-Analysen, falscher Fisch und Hühner-Musik

Von 34 Anmeldungen in der Kategorie Science schafften’s fünf ins Bundesfinale. Hier werden sie vorgestellt.

Platz 1: Hidden Agenda: TFA, die lauernde Gefahr in unserem Wasser
HLUW Yspertal (Niederösterreich)
PLUS: Einladung zu EUCYS (European Contest for Young Scientists) im Herbst 2023 in Brüssel

Fast scheinen Schüler:innen aus der Höheren Lehranstalt für Umwelt und Wirtschaft im niederösterreichischen Yspertal auf den Gewinn der Wissenschaftskategorie abonniert zu sein – zum vierten Mal innerhalb der letzten fünf Ausgaben von Jugend Innovativ ging die Trophäe für Platz 1 an Jugendliche der HLUW. Bisher wenig bis (fast) gar nicht beachtete Schadstoffe im Wasser – um diese Themen kreisten die meisten der siegreichen Arbeiten. 2019 war es Mikroplastik im Süßwasser, speziell in der Ybbs, das Yasemin Gedik und Hannah Schatz, untersuchten (sie besuchten übrigens heuer das Bundesfinale). In diesem Schuljahr widmeten sich Marlies Planegger und Katarina Schmidt sogenannter versteckter Schadstoffe, Trifluoracetat (TFA).

Dabei handle es sich um einen „Sekundärschadstoff“, erklären die beiden Schülerin dem Reporter. Auf die achtet kaum jemand, sie werden kaum untersucht, weil sie „nur“ Abbauprodukt anderer Stoffe (Pestizide, Medikamente, Kühlmittel…) sind – und die Untersuchung kompliziert und teuer ist. Die beiden sind die ersten, die in aufwändigen Untersuchungen Wasserproben – aus dem Wiener Becken, weil das für die Wasserversorgung sehr wichtig ist – genommen und auf TFA untersucht. Dafür mussten sie Partnerinstitute suchen und fanden eines im deutschen Karlsruhe, das darauf spezialisiert ist (Technologiezentrum Wasser).

Wir haben dann Nährlosungen erstellt, um zu beobachten, wie Pflanzen geschädigt werden, wenn die Konzentration von TFA hoch ist. Zwei Schüsseln mit Wasser – einmal mit und einmal ohne diesem „verborgenen“ Schadstoff – standen auf dem Tisch vor dem Stand des Duos in der Jugend-Innovativ-Finalausstellung. Grün die einen, mit bräunlichen Rändern die anderen Wasserpflanzen.

Ein Drittel aller Proben aus der Science-Projekt-Untersuchung wies Konzentrationen von mehr als 1000 Nanogramm pro Liter auf, über 500 ng/l kamen sie alle ist auch der Info auf der JI-Homepage zu entnehmen.

Story über das Projekt der Siegerinnen aus 2019 -> damals noch im Kinder-KURIER

Platz 2: Synthese und Analyse von Yttrium-Barium-Kupferoxid (YBCO)
Wiedner Gymnasium, Sir-Karl-Popper-Schule (Wien)
PLUS: Einladung zum International Swiss Talent Forum 2024, Nottwil

Am ersten Tag des Jugend Innovativ-Finales hat es fallweise am Stand von Karoline Jahn immer wieder „geraucht“. Sie leerte aus einem Spezialbehälter flüssigen Stickstoff in ihre Versuchsanordnung, einem von Dämm-Material umgebenen kleinen Kreislauf. Minus 180,15 Grad Celsius oder 92 Grad Kelvin wie sie zunächst dem Reporter sagt und es dann gleich auf „handelsüblich“ umrechnet. Sinn und Zweck des flüssigen Gemischs, das natürlich bei Zimmertemperatur sofort gasförmig wird, den Nachweis eines Supraleiters, den sie selbst hergestellt hat, vorzuzeigen.

Supraleiter leiten Strom mit praktisch keinem Widerstand weiter und erzeugen damit auch keine Abwärme, Leitungen oder Geräte würden nicht heiß. Für ihre vorwissenschaftliche Arbeit an der Sir-Karl-Popper-Schule für Hochbegabte am Wiedner Gymnasium hat die Schülerin aus Yttrium-, Barium-, Kupfer-Nitrat und Sauerstoff sowie Zitronensäure und Ammonium-Hydroxid bei einem pH-Wert zwischen 6,5 und 7 das Gemisch langsam erhitzt. Im Weiteren musste das Gemisch zwei Mal je 41 Stunden erhitzt und das entstandene Pulver gepresst werden.

Diese dunkle „Tablette“ legte Jahn in den besagten Kreis – und siehe da, der Strom floss und der kleine Metallmagnet, der zuvor auf einem Podest in der Mitte des Ringes gelegen war, hob sich. „Meißner-Ochsenfeld-Effekt“ heiße dieser Test, der nachweist, ob dieses Teil, in dem Fall die „Tablette“ ein Supraleiter ist, erklärt die Jugendliche Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…

Auf die Frage, weshalb sie keine technische Schule gewählt habe, meint die Schülerin, „weil ich nicht nur an Physik und Chemie, sondern auch an Sprachen sehr interessiert bin“ und zählt ihre schulischen Sprachfächer auf: Deutsch, Englisch, Latein, Französisch und Spanisch.

Platz 3: Digital Tendon Scoring Tool
HTBLuVA Salzburg

Auch wenn der Riss der sogenannten Achilles-Sehne über den jeweiligen heftigen Schmerz hinaus sogar etwas Sprichwörtliches ist, werden – vielleicht mit Ausnahme dieser kräftigsten Körpersehne dessen „Kollegen“ bisher weniger beachtet. Zumindest ist es recht aufwändig und dauert lange, um (Sport-)Verletzungen von Sehnen zu untersuchen. Theres Resch, Dagmar Müller, Philipp Rolinek, Kathrin Pürstinger und Maria Franek von der Salzburger Höheren Technischen Bundeslehr- und Versuchsanstalt haben Pionierarbeit geleistet.

Die fünf Schüler:innen erdachten und entwickelten – auf Wunsch der Paracelsus Medizinische Privatuniversität (PMU) – ein Verfahren, um Sehnenverletzungen schneller zu finden, um sie danach behandeln zu können. Die Jugendlichen kamen darauf, eine Software zu programmieren, die Bilder von Sehen in Bruchteilen von Sekunden analysiert und deutlich sichtbar darstellt. So ist dann für Medizinier:innen leicht zu erkennen, ob alle Kollagenfasern schön gerade parallel verlaufen oder sich in deren Verlauf Biegungen, Knicke oder gar Risse finden.

„Digital Tendon Scoring Tool“ ist baut auf einer A oder KI auf (artificial oder künstliche intelligence/Intelligenz), die automatisch gescannte Gewebeschnitte analysiert. Noch ist das digitale Sehnen-Bewertungs-Werkzeug in einer frühen Probephase – mit Ratten-Sehnen. „Es muss sozusagen auf Herz und Nieren geprüft werden, wir wollen dranbleiben und es weiterentwickeln bis zur Marktreife“, sagen die Teammitglieder Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… und fügen gleich noch ein, „aber es soll jedenfalls open source (also eine allen zugängliche Software) sein“.

Anerkennungspreis: A bogus fish (veganer Lachsersatz)
HTL für Lebensmitteltechnologie Wels (Oberösterreich)

Vom Umstieg auf fleischliche oder fischige Ernährung auf vegetarische oder gar vegane Kost hilft vielen offenbar so etwas wie Ersatzprodukte – von der Form („Würstel“) oder dem Geschmack. Julia Neubauer und Anna Obermair von der höheren technischen Lehranstalt für Lebensmitteltechnologie im oberösterreichischen Wels haben getüftelt und einen Lachsersatz gefunden – den sie der Ehrlichkeit halber „A bogus fish“ (falscher oder gefälschter Fisch) nennen.

„Wir garen Karotten sous vide (lange bei niedrigen Temperaturen) und legen sie dann in eine Marinade ein aus Öl, einem speziellen Räuchersalz, das wir selber kreiert haben, und dazu noch Nori-Algen, Salz und Wasser“, schildert die Erstgenannte und holt mit einem Gäbelchen Kostproben aus einem Glas, das sie auf – natürlich vegane – Brotscheiben legt und Interessierten anbietet.

Das Ganze ist Teil der Produkte der Junior Company, die sie mit Klassenkolleg:innen gegründet haben. „Wir haben auch vegane Hanf-Protein-Cracker.“

Anerkennungspreis: Auswirkung von verschiedenen Musikrichtungen auf das Wohlbefinden und die Legeleistung von Hühnern
BG Vöcklabruck (Oberösterreich)

Ihre vorwissenschaftliche Arbeit im Vöcklabrucker Gymnasium (OÖ) brachte Sarah Auer ins Bundesfinale von Jugend Innovativ. Sie wächst mit ihrer Familie auf einem kleinen Bauernhof auf „und die Hühner waren am Anfang ganz hektisch, durcheinander. Ich beschäftige mich gern mit Tieren und hab mir gedacht, vielleicht kann Musik sie beruhigen.“ Gedacht – getan. Und genau beobachtet. Mikrophon und Wildtierkamera waren ihre Arbeitsgeräte. Und Systematik ihr Mittel zur Untersuchung. Jeweils zwei Wochen beschallte sie die zwölf Hühner zwischen 6 Uhr früh und 12 Uhr Mittag. Dann einige Tage nicht, um schließlich wieder mit Musikberieselung zu starten – dann mit einer anderen Stilrichtung: Klassische Musik von Anton Bruckner, Singer-Songwriterin Ina Regen sowie die Metal-Band „We Blame the Empire“ war die Auswahl an drei verschiedenen Musikrichtungen, die den Hühnern am Vormittag in den Stall gespielt wurde. „Die Klassik hat ihnen am meisten gutgetan“, fasst die Schülerin Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… das Ergebnis ihrer kleinen (vor)wissenschaftlichen  Arbeit zusammen.

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Do it Yourself-Anleitungen für Upcycling programmier(t)en Karim Jonas Gröller, Sascha Hren und Luka Furundžija

Geschäftsideen mit Recycling, Pflanzenwissen, Holz und Vernetzung

Von 56 Anmeldungen in der Kategorie Engineering II schafften’s sechs ins Bundesfinale. Hier werden sie vorgestellt.

Platz 1: RefurbMe
HTBLVA Spengergasse (Wien)

Eine Grünpflanze wächst aus einer Konservendose. Dieses symbolische Ding steht am Stand des Projekts RefurbMe Karim Jonas Gröller, Sascha Hren und Luka Furundžija aus der HTBLVA in der Wiener Spengergasse – neben einem Kunstwerk aus einem alten Buch mit Origami-artig gefalteten Seiten. „Wir wollen Do-it-Yourself-Anleitungen – und zwar Schritt für Schritt – in einer App zur Verfügung stellen, wie aus alten Dingen neues gemacht werden kann“, ist der Grundgedanke des Projekts. „Unsere App ist noch nicht fertig, das soll Ende des Jahres sein“, gestehen sie zunächst dem Journalisten.

Sie wollen die aber gar nicht alleine befüllen. RefurbMe soll community-orientiert sein – jede und jeder kann dann eigene Bastelanleitungen raufstellen – und natürlich alle verfügbaren verwenden. Aber, so das Trio, es sei auch daran gedacht, dass die App wie ein Marktplatz funktionieren kann. Wer will kann dann auch DiY-Anleitungen kostenpflichtig anbieten – 80 % der Einnahmen kommen an den Anbieter, 10 % ans Betreiber-Trio und die restlichen 10% an eine soziale Organisation – ausgewählt von den jeweiligen Anbieter:innen.

Das heißt, die drei Noch-Schüler werken weiter an RefurbMe und gehen „erst online, wenn wir wenigstens einen brauchbaren Pool an DiY-Anleitungen haben, das wird so gegen Ende des (Kalender-)Jahres sein.“

Platz 2: Coming Home Safe
HTL Wien West
Gewann auch den Publikumspreis

Schon einsatzbereit wäre eine App, die drei Schüler:innen der HTL Wien West (vormals Ottakring) programmiert haben. Und was für eine noch dazu! „Coming Home Safe“ will und soll insbesondere Frauen Sicherheit vermitteln, wenn sie auf dem Heimweg Angst haben.

Der gleichnamige Verein, der ein Heimwegtelefon angeboten hat, das mittlerweile vom Land Niederösterreich übernommen worden ist, persönliche Begleitung vermittelt, hatte die Idee für so eine App und wandte sich an diese Schule. Lukas Semler und Benjamin Stauf wollten die Programmierung einer solchen, über die Frauen sich sozusagen tracken lassen, chatten können, als Diplomprojekt übernehmen und holten sich als Expertin dazu eine Schülerin aus der vierten Klasse, Ena Zekić. Für sie, die leider einschlägige Erfarhung hatte, war es gleichsam ein ehrenamtliches Projekt – wie auch die Helfer:innen sozusagen am anderen Ende der Leitung ehrenamtlich arbeiten. Da der Verein noch nach Menschen oder Einrichtungen sucht, die diese Aufgabe übernehmen, kann die App zwar schon runtergeladen werden – https://www.cominghomesafe.at/heimwegapp/ – aber sie funktioniert noch nicht.

Die App ermöglicht nicht nur im Angstfall den Dauerkontakt via Tracking und Chat, sondern verfügt für den Notfall über einen Alarmbutton, der erstens einen lauten, schrillen Ton aus dem Smartphone erklingen lässt und zweitens rasch die Polizei zum Ort des Geschehens lotst

Lukas Hornich Jonas Fußenegger und Raphael Anderle erzählen, dass ihnen die soziale Komponente ihres Projekts noch wichtiger ist als die Produkte selber
Lukas Hornich Jonas Fußenegger und Raphael Anderle erzählen, dass ihnen die soziale Komponente ihres Projekts noch wichtiger ist als die Produkte selber

Platz 3: KEYTAR
HTL Dornbirn (Vorarlberg)

Plektren heißt diese kleinen – abgerundeten – dreieckigen Teile, mit denen viele Gitarrist:innen die Saiten schlagen oder zupfen. Viele Musiker:innen brauchen unbedingt ihr höchstpersönliches Plektron. Damit sie es immer bei sich tragen, haben sich drei Schüler der HTL Dornbirn (Vorarlberg) einen speziellen Schlüsselanhänger ausgedacht, der als Behälter dafür dient. Woraus sich die wortspielerische Mischung aus dem englischen Wort für Schlüssel (Key) und dem lautmalersich einer Guitar ähnlichen Keytar ergab.

Aber, so betonen Lukas Hornich Jonas Fußenegger und Raphael Anderle im Gespräch mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… „viel wichtiger noch als die Teile selbst war uns die Zusammenarbeit mit einer Werkstatt für Menschen mit Beeinträchtigungen.“ Und zwar wollten die drei Schüler einerseits, dass die Gegenstände von Menschen in der lokalen Werkstätte der Lebenshilfe hergestellt werden – aber nicht nur, „wir wollten sie auch einbeziehen in den Prozess der Gestaltung“, so die HTL-4.-Klass‘ler. „Die Leute haben uns gesagt, dass sie meistens nur irgendwas anfertigen müssen, was sonst niemand machen will und nichts mitzureden haben. Wir haben sie von Anfang an in die Ideenfindung eingebunden, wie die Dinge ausschauen sollen.“

Das Trio will übrigens im kommenden Schuljahr weitermachen – mit einer anderen Form von Schlüsselanhängern, die als Box für Kondome dienen können. Daraus könnte vielleicht sogar eine Junior Company werden.

Anerkennungspreis Felerfrei
Holztechnikum Kuchl (Salzburg)

Benedikt Wallner ist „leidenschaftlicher Handwerker“ wie er sich gegenüber Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… „outet“. Nicht zuletzt deswegen besucht(e) er das Holztechnikum Kuchl in Salzburg. Gemeinsam mit seiner Mitschülerin Anna Wieland stellte er das Projekt „Felerfrei“ – natürlich bewusst ohne h – auf die Beine. „Kein echtes Holz ist fehlerfrei“, so Wallner, aber es verbreitet immer angenehme Atmosphäre in einem Raum, ergänzt Wieland.

Holz aus alten Möbeln herrichten, schleifen, ölen zu neuen Einrichtungsgegenständen zusammenbauen usw. gehört zu ihrem Projekt – gleichzeitig eine Junior Company – ebenso dazu wie das schier unendlich erweiterbare Regalsystem Mark 7: Bretter mit Löchern an den Seiten, sodass über Metallstangen der nächste Stock oder auch Verbreiterungen möglich sind.
Und, „wir kaufen Möbel, die wir verkaufen, auch zurück, wenn Kund:innen sie nicht mehr wollen oder brauchen. Das ist uns lieber als wenn sie auf dem Müll landen. Dann richten wir sie erneut her.“ Und schon gehen sie wieder in den Wirtschaftskreislauf. Womit „felerfrei“ zu jenen der vielen Projekten bei Jugend Innovativ zählt, das so „nebenbei“ auch auf Nachhaltigkeit setzt.

Anerkennungspreis: Growledge
HBLA Ursprung (Salzburg)

Eine Holzbox, gefüllt mit Erde, eine der Wände ist aus durchsichtigem Plexiglas. Aus der Erde sprießt Kresse, daneben das oberflächliche Grünzeug von Radieschen und daneben Erbsenpflanzen. So zeigen Barbara Langwieder, Celine Kraus, Stefan Piereder und Adam Rainer von der HBLA Ursprung (Salzburg) Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … ihr „Growledge“-Projekt.

So – oder ähnlich – könnte/sollte sie dann in Volksschulen ausschauen. Die vier – und dazu neun weitere Schüler:innen (Matthias Bacher, Johanna Gruber, Thomas Hofer, Lukas Hofer-Moser, Lukas Lusser, Lara Rohrmoser, Jakob Schlick, Jakob Thaller und Elisabeth Zauner) aus ihrer Klasse haben ausgetüftelt, wie sie jungen Kindern Landwirtschaft näher bringen können. Die Klassen kriegen die Kiste, Erde, Pflanzensamen und dazu jede Menge dazu passender Arbeitsblätter, Spiele und Rezepte für das Gemüse.

Übrigens die am ersten Tag im Jugend Innovativ-Finale nicht anwesenden Schüler:innen holten gleichzeitig beim Landesfinale des Junior-Company-Bewerb den Sieg und damit den Einzug ins Bundesfinale des Wettbewerbs der Schüler:innen-Firmen.

Die Aufgaben und Rätsel sollen/wollen Wissen rund um die Pflanzen und die Erde (in diesem Fall nährstoffreicher Kompost), das Wirken von Regenwürmern – nein, solche sind nicht dabei – vermitteln. Und dazu das sinnliche Erlebnis, den Pflanzen beim Wachsen in der Klasse zuschauen zu können – aber auch darauf zu achten, wie oft sie gegossen werden müssen usw.

Das „Growledge“-Pflanzenkistl ist ein praktisches Projekt aus dem Betriebswirtschaftsunterricht, die Jugendlichen haben dafür eine Junior Company gegründet und bereits 14 dieser Pflanz- und Lern-Kisten à 75 Euro an Schulklassen verkauft.

Anerkennungspreis: Helpers – connect and help
HTL Dornbirn (Vorarlberg)

„Hey ihr, ich bin grad einkaufen, braucht wer was, das ich mitnehmen kann?“ Oder umgekehrt: „Ach, die Milch ist sauer, ist wer grad beim Einkaufen und könnt mir eine frische mitbringen?“

So oder ähnlich könnten die Nachrichten in der „Helpers“-App lauten. Elias Purin, Noah Auer und Damian Schneider, Schüler der vierten Klasse in der HTL Dornbirn haben den Prototypen dafür innerhalb von 48 Stunden bei den Innovation Days in Vorarlberg entwickelt. Die App unter dem Motto „helpers – connect and help“, die sie weiterentwickeln und dann wirklich on air schicken wollen, soll einfach Communitys ermöglichen Einkaufslisten zu erstellen und zu teilen. Ein „Hinter“gedanke dabei: So könnten auch ganz schön viele Auto-Kilometer und damit CO2 gespart werden.
Angedacht sind Zusatzfunktionen wie ein Punktesystem mit Boni, Online-Bezahlung und die Einbindung von Handelsunternehmen, die in der „Unterwegs“-Phase schon einmal alles herrichten könnten.

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Szenenfoto aus "Montagskinder"

Spielfreudige Warnung vor digitaler Dystopie

„Jeder Wappler wird ein Held, wenn er in den Bio-Adapter fällt“, ertönt es unter anderem aus dem Off bevor das Stück „Montags Kinder“ auf der großen Bühne im Dschungel Wien beginnt.

Der Titel hat nichts mit dem Wochentag zu tun, sondern mit dem Nachnamen der Hauptfigur in Ray Bradburys dystopischem Roman „Fahrenheit 451“, in dem er führender Feuerwehrmann für die Verbrennung von Büchern ist, sich aber zunehmend davon distanziert. Nun ist er Familienvater im digitalen Zeitalter.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Montagskinder“

Fahrenheit 451 – Zwei punkt null

Bücher werden nicht mehr verbrannt, aber verbannt – die aus Papier. Die digitalen Bücher sind zensuriert. Seine Frau Linda ist Fan des total vernetzten, kontrollierten Zeitalters ebenso wie eines der drei Kinder, Babbage. Die anderen beiden Ada und Benjamin hingegen hassen das Eintauchen via VR-Brillen in die virtuelle Welt, besonders Ada ist eine absolute Anhängerin gedruckter Bücher. Aber nur, wenn alle in einer Familie andauernd online sind, können sie in die Liga der Auserwählten auf- und in den Bio-Adapter einsteigen. Der erfüllt alle Wünsche und Sehnsüchte…

Der Bioadapter wurde ins Spiel gebracht, weil es schon in den 60er Jahren eine „Vision“ von Oskar Wiener dazu gab, in einen Anzug zu steigen, der mit genau diesem Titel Wunscherfüllung ermöglicht – oder vorgaukelt? Im Stück wird dafür der Werbeslogan „happy pepi – connect me“ erfunden.

Diese szenische Kritik an einer drohenden digitalen Dystopie hat die künstlerische Leitung der Gruppe „Die schweigende Mehrheit“ gemeinsam mit rund einem Dutzend Kindern und Jugendlichen gemeinsam erarbeitet. Stück für Stück wurde über Inhalte diskutiert und diese in Szenen „verwandelt“. Eine konzentrierte kurze Fassung war bereits im vergangenen Kultursommer in Wien zu sehen und erleben. Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… hat damals darüber berichtet und mit Beteiligten Interviews geführt – Links zu diesen beiden Beiträgen unten am Ende des Beitrages.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Montagskinder“

Spielfreude und gewachsenes Selbstbewusstsein

Nun gab’s eine Aufführungsserie im Theaterhaus für junges Publikum im Wiener MuseumsQuartier – kijuku.at konnte leider erst die letzte Vorstellung besuchen. Wenngleich an manchen Stellen ein bisschen gar fast Zeigefinger-lehrhaft warnend vor zu viel Digitalisierung, kennzeichnet die Stunde sehr viel Spielfreude der jungen Schauspieler:innen und im anschließenden Publikumsgespräch doch der nochmals dezidierte Hinweis, jede und jeder ist Schmied:in des eigenen Umgangs mit den Mitteln der vernetzten Welt. Und überdies erzählten zwei der sehr jungen Darsteller:innen, wiesehr die Arbeit am Stück und das Spiel vor Publikum ihr eigenes Selbstbewusstsein enorm gesteigert habe. Und zu Gefahren, Umgang und mehr Wissen in Sachen Überwachung, Vernetzung, Digitalität verweist „Die schweigende Mehrheit“ vor allem auf Materialien von epicenter – Link in der Info-Box.

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Alexander Pichler, David Geiler, Max Rohracher, Emma Tagger, Marie Rohracher, Tim Klinger und Johanna Keil mit ihren vielfältigen Fußbällen und Teilen dafür

Unendlich viele Formen für Fußball-Teile und Bewegungen, die Töpfe zum Kochen bringen

Von 50 Anmeldungen in der Kategorie Design schafften’s fünf ins Bundesfinale. Hier werden sie vorgestellt. Die Jury vergab in dieser Kategorie – nicht zum ersten Mal – zwei 2. Preise, weshalb damit der dritte Platz ausfiel. Alphabetisch – nach Projektname – sind sie hier vorgestellt.

Platz 1: Was haben Fußbälle mit Nanotechnologie und Architektur zu tun?
BG/BRG Lienz (Tirol)

Fußbälle bestehen meist aus 5- und 6-Eck-Flächen. Aber muss das sein? Nein, gar nicht, nicht einmal gerade Linien braucht’s um aus vielen Elementen einen runden Ball zusammen zu bauen. Das war am Stand der Jugendlichen aus dem Lienzer (Osttirol) Gymnasium und Realgymnasium zu sehen. Aus unterschiedlichsten – 3D-gedruckten Teilen bauen sie sozusagen als 3D-Puzzles runde Bälle zusammen, darunter ist auch ein Ball aus Teilen mit geschwungenen Linien, den sie „Schlangenball“ nennen.

Alexander Pichler, David Geiler, Max Rohracher, Emma Tagger, Marie Rohracher, Tim Klinger und Johanna Keil erzählen Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… aber, dass sie darauf nicht bloß aus Spielerei gekommen sind, sondern sich dabei von den Formen der Kohlenstoff-Moleküle inspirieren haben lassen. Und aus den 8-, 6- und 4-eckigen Formen mit Kappen von Ecken bzw. Ersetzen gerade Linien durch Viertelkreise so darauf gestoßen sind, „dass es unendlich viele mögliche Formen gibt, aus denen einen Kugel zusammengesetzt werden kann“.

Somit verbanden die sieben Schüler:innen Wissen und Erkenntnisse aus Darstellender Geometrie, Nanotechnologie, die sich viel von kleinsten Atomen und Molekülen abschaut und Kunst, speziell den Bereich der Architektur miteinander. Was die Jury begeisterte.

Platz 2: Körper als Medium
die Graphische (Wien)

Helena Vancura, Schülerin der Grafik-Klasse in der berufsbildenden höheren Schule „die Graphische“ (Wien) ist zeitgenössische Tänzerin. Ihre beiden Schulkolleginnen Miriam Kandera und Ida Kieslinger aus der Foto-Klasse und sie präsentierten – nicht nur bei Jugend Innovativ im Finale – ihr Projekt „Körper als Medium“.

Dutzende künstlerische, durchkomponierte Fotoshootings – in freier Natur und indoor – verwob das Trio zu einem spannenden, interessanten Buchband. Der beinhaltet nicht nur die beeindruckenden Fotos, Kombinationen von Tanzbewegungen und der sogenannten Labanotation – dem grafischen Festhalten von Choregrafien, wie sie Rudolf Laban erfunden hat -, sondern auch so manch poetischen Text, Gedanken zu und rund um Tanz. So schreiben die Jugendlichen etwa im Abschnitt „tanzende Drachen im Wind“ eingangs: „Du musst einem Drachen vertrauen, dass er von selber ganz hinauf will… ohne dich existiert der Drache auch, er ist nur ein bunter Stofffetzen, der nicht fliegen kann. Es braucht Mut und Willenskraft, den Drachen in die Luft zu werfen, und er wird hoch hinauffliegen…“

Der Brandstätter Verlag hat 15 Exemplare für die drei Schülerinnen gedruckt – für ihre Präsentationen in der Schule und bei Bewerben. Vielleicht folgen – bei entsprechendem Interesse – ja eine richtige Auflage, die verkauft wird.

Platz 2: Ganzkörpersportgerät
HTBLuVA St. Pölten (Niederösterreich)

Ein Sportgerät für zu Hause, das mehr oder minder den ganzen Körper und (fast) all seine Muskeln beansprucht und trainiert aber obendrein gut ausschaut, eine Art Designerobjekt ist und nicht im letzten Winkel verräumt werden muss – das war die Idee, die Kilian Lampl, Philipp Neuwirth und Anton Mayr von der St. Pöltner (NÖ) höheren technischen Lehr- und Versuchsanstalt hatten.

Vorweg: Es gibt es noch nicht, „nur“ virtuell, aber voll ausgetüftelt, berechnet und sogar 3D-visualisiert via VR-Brille.

Bevor sie aber das Gerät entwickelten und am Computer konstruierten und designten, befasste sich das Trio ausführlich mit verschiedensten Sportarten – recherchierte dazu wissenschaftliche Grundlagen und im Vergleich entschieden sich die drei Schüler dann für eine Art Kajak-Rudermaschine. Die Bewegungen sollen geführt werden, damit die Trainierenden nichts falsch machen oder sich gar verletzen.

In der Folge begannen sie mit den digitalen Konstruktionszeichnungen. Das Ding lässt sich so einklappen, dass es sogar unter einen Tisch passt. Und schaut – sowohl in den auf Rollups gedruckten Detailzeichnungen als auch via VR-Brille elegant aus. „Nun wollen wir nach der Schule probieren, ein Star-Up zu gründen, um unsere Idee zu realisieren“, sagen sie zu Kinder I Jugend I Kultur I und mehr…

Anerkennungspreis: Konstruktion und Design eines Jetboards
HTBLuVA St. Pölten

Ja, Jetboards – auch solche mit E-Motor, also strombetrieben, gäbe es schon, so gestehen Florian Hofbauer und Paul Gradinger auf die erste Frage von Kinder I Jugend I Kultur I und mehr…, ob es sich bei ihrer Erfindung wirklich um was Neues handle. „Aber“, so das Duo aus der HTBLuVA St. Pölten (Niederösterreich) „wir wollen das Sportgerät optimieren – längere mögliche Jet-Zeit übers Wasser und trotzdem erträgliches Akku-Gewicht.

Noch haben die beiden keinen Prototypen gebaut, aber getüftelt – und in Kooperation mit einem Unternehmen, das bereits einen Jet-Ski produziert – ihr sozusagen strombetriebenes Surfbrett digital komplett durchkonstruiert und sich eine entsprechende Bauweise ausgedacht.  

Anerkennungspreis: Der Topf rührt um? – Theorien zur Entstehung sozialer Bewegungen
HTBLuVA Salzburg

Klingt/liest sich ungewöhnlich, aber die vier Schülerinnen beteuern, am Beginn ihres Projekts „Der Topf rührt um“ stand tatsächlich der Traum einer von ihnen, von Lena Eder. „Ja, ich schreib mir immer Träume auf“, so sagt sie zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … am Bundesfinal-Stand von Jugend Innovativ. „Nein, es war nicht das Projekt von dem ich geträumt habe oder auch die Graphic Novel, die wir gemacht haben, aber wirklich dieser Titel.“

Eder erzählte von dem Traum-Titel ihren Klassenkolleginnen Michaela Bzonek, Elisa Hirnsperger und Antonia Köhnlein. „Es ist eine gute Metapher“, waren sich alle vier schnell einig, was damit zusammenhing, dass wenige Tage vorher im Unterricht Stilmittel durchgenommen worden waren.

Metapher aber wofür – da drängte sich bei den vier Jugendlichen der HTBLuVA bald Fridays For Future und andere soziale Bewegungen auf. Andere Bewegungen fielen ihnen rasch ein, etwa Black Lives Matter. „Aber wir wollten mehr, nicht nur Bewegungen beschreiben, sondern haben auch zu Theorien über die Entstehung verschiedener sozialer Bewegungen und auch ihre Geschichte recherchiert.

Klar war den vier Schülerinnen bald, dass am Ende eine Graphic Novel stehen sollte, eine insbesondere bei Jugendlichen populäre Form des Darstellens und Lesens.

Und so teilten sie sich Epochen und Bewegungen auf: Souffragetten, Antisemitismus, Bürger:innenrechts-Bewegung/USA, 68er/Westdeutschland, Hongkong und damit Bewegung im Zeitalter der Digitalisierung. Zu der Darstellung der entsprechenden Theorien und realer Persönlichkeiten haben sich die Schülerinnen jeweils auch fiktive Protagonist:innen ausgedacht. Im Wesentlichen – sicher nicht zuletzt aus Kostengründen – ist das Buch schwarz-weiß gehalten, nur wenn die jeweilige Bewegung stark kocht, kommt orange als Signalfarbe ins Spiel.

Auf ihrer eigens zum Projekt eingerichteten Homepage – https://dtru.poseins.com -kann das Buch nicht nur bestellt werden, dort finden sich auch Hoch- und Tiefpunkte aus dem Schaffensprozess an der Graphic Novel bzw. dem Projekt insgesamt. Außerdem finden sich zwei Videos, die Abschnitte aus dem Buch als Animationen in Bewegtbildern an-teasern.

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Faruk Alıcı, Moritz Burtscher und Simon Köck mit ihrem kleinen, handlichen EKG-Messgerät

Kleines handliches EKG-Gerät und Tinder für Haustiere bzw. Elektro-Schrott

Zwei der Finalprojekte in der Kategorie ICT & Digital setzen darauf, das Internet und seine Mittel genau dafür einzusetzen, worauf viele mit seiner Erfindung schon gehofft haben: Auf Ver-Netz-ung. Von 94 Anmeldungen in der Kategorie ICT & Digital schafften’s sechs ins Bundesfinale. Hier werden sie vorgestellt.

Platz 1: HerartChart
BHAK/BHAS Feldkirch (Vorarlberg)
PLUS: Einladung zur Luxembourg International Science Expo – Young Scientist Festival 2023

Als Simon Köck mit Verdacht auf Herzmuskel-Entzündung mehrmals ein EKG vornehmen lassen musste und er im Krankenhaus stundelang darauf warten musste, war der Grundstein für sein Diplomprojekt gemeinsam mit Moritz Burtscher und Faruk Alıcı von der Feldkircher Handelsakademie (Vorarlberg) geboren. Wäre doch viel einfacher – nicht nur für ihn als Patienten – wenn er seine Herzströme zu Hause oder wo auch immer unterwegs messen und die Daten an Ärzt:innen übermitteln könnte – und erst bei Bedarf zur Befundbesprechung müsste.

Es gibt zwar sogar wie Fingerkuppen-Sensor und Smart-Watch diese Möglichkeit, „die ist aber nicht so genau, Sie müssen denken, zwischen Herz und Fingerkuppe liegt doch eine Wegstrecke ;)“, sagt das Trio als es sein kleines, handliches Kästchen vorstellt (Gehäuse aus dem 3D-Drucker). „HeartChart“, wie die Schüler ihre Entwicklung nennen zu der sie mittlerweile auch eine Homepage, ein Logo und Pins mit demselben haben, erfasst mittels Drei-Kanal-Kurzzeit-Ruhe-EKG – Abnehmer direkt auf der Brust – den Herzrhythmus der Person, die es trägt. Die Daten werden via Bluetooth ans Handy gesendet. Der HeartChart-Server wertet sie binnen zehn Sekunden aus, und können für behandelnde Ärzt:innen für deren Zugriff freigegeben werden.

Derzeit verfügbare kleine EKG-Geräte „haben keine Analyse integriert: d.h. es wird dem Benutzer/ der Benutzerin nur das EKG ohne Analyse angezeigt“, erklärt Simon Köck, „unser Produkt hat somit den Vorteil, dass auch medizinische Laien ein solches EKG auswerten lassen können.“

Die Stromversorgung erfolgt über einen Akku. Köck und Burtscher wollen einschlägig weiter studieren – an den Technischen Unis Graz bzw. Wien Biomedizintechnik oder ähnliches und möglicherweise würde eine Bachelor-Arbeit zur Weiterentwicklung bis zur Marktreife führen können. Der Dritte im Bunde, Alıcı, leistet zunächst einmal seinen Zivildienst und kann sich vorstellen, danach Medizin-Informatik zu studieren

Platz 2: MatchYourPet
BHAK Waidhofen/Thaya (Niederösterreich)

Nicht Dinge, sondern Tiere und Menschen wollen Carina Pöppl und Georg Schlager aus der Handelsakademie im Waldviertler Waidhofen an der Thaya zusammenbringen. Warum gerade aus Tierheimen?

Nun, nach Ende der Pandemie landete wieder viele Vierbeiner in solchen Unterkünften, aus denen sich so manche Menschen in den Lockdown-Phasen Tiere „als Rechtfertigung fürs Spazierengehen zugelegt hatten“. Und über diese Matching-Site sollen sich dauerhafte neue Tier-Begleiter:innen finden.

Ihr Diplomprojekt wollen die beiden über den Sommer noch praxistauglicher machen und – wie sie kijuku.at sagen – „im ersten Quartal des nächsten Jahres an den Start bringen und Investoren suchen, um ei eigenes Start Up zu gründen“.

Platz 3: Document Dataset Synthesizer
HTBLA Grieskirchen (Oberösterreich)

Tim Peko und Dominik Wernsdorfer aus der HTBLA im oberösterreichischen Grieskirchen entwickelten – gemeinsam mit ihrem Schulkollegen David Rathmair – für eine Linzer Datenfirma den „Document Dataset Synthesizer“. Die komplizierten Wörter erklären die beiden Erstgenannten dem Journalisten so: „Die Firma opta data macht unter anderem die Krankenkassa-Abrechnungen für medizinische Leistungen. Die kriegen von den Ärztinnen und Ärzten oder aus anderen Gesundheitseinrichtungen ausgefüllte Formulare und eine KI (Künstliche Intelligenz) soll die einlesen. Jetzt schaut aber zwar jedes Formular gleich aus, wird aber sicher immer verschieden ausgefüllt. Manche handschriftlich, andere computerausgefüllt, die Schriften sind unterschiedlich. Manchmal am Rand, dann in der Mitte der Felder und so weiter. Wir haben eine Software programmiert, die möglichst viele unterschiedliche Trainingsdaten erzeugt, damit die KI das auslesen lernen kann. Derzeit haben wir eine Million verschieden ausgefüllter Formulare.“

Die von dem Grieskirchner HTL-Trio programmierte Software kann auch Modifikationen solcher Formularfelder vornehmen.

Anerkennungspreis: Coll.E.W – Collect E-Waste
TGM – die Schule der Technik (Wien)

Aleksandar Latinović, Jan Langer, Paul Schadauer, Patrick Stadt und Johannes Wustinger aus der Schule der Technik, vormals Technologisches GewerbeMuseum von wo noch die Abkürzung stammt, wollen Menschen, die elektronischen Schrott – alte Handys, Laptops, Computer, digitale Kameras oder was auch immer – loswerden wollen, mit Unternehmen zusammenspannen, die genau diese Gegenstände zerlegen, wertvolle Teile und Materialien entnehmen und für Re- und Upcycling verwenden und verwerten wollen.

Die Website und die dazugehörige App sind in einer Prototypen-Version fertig, aber noch nicht on air. Einerseits wollen die fünf demnächst Maturanten noch Feinschliffe vornehmen und andererseits nicht zuletzt auch einige Partnerfirmen an Land ziehen, damit der Austausch auch von Anfang an funktionieren kann.

Das ist sozusagen ein Win-Win-Win-Projekt, denn gewinnen werden jene, die das Klumpert los werden wollen, jene, die die Rohstoffe und Teile verwerten können – und last but not least die Umwelt, weil weniger Müll entsteht.

Anerkennungspreis: Neurologie
TGM – Die Schule der Technik (Wien)

Wie hoch ist die Überlebens-Chance nach einem Schlaganfall – und zwar bei welcher Behandlungsmethode. Dafür interessierten sich Dominik Bosnić, Felix Kampas, Alexander Zmugg und Philip Damianik, der beim Finale nicht dabei sein konnte) vom Wiener TGM (Technologisches GewerbeMuseum, heute „Die Schule der Technik“) im Projekt „Neurologie“. „Wir haben echte Daten (natürlich anonymisiert) von der Österreichischen Schlaganfall-Gesellschaft bekommen, diese analysiert und daraus Überlebens-Wahrscheinlichkeiten berechnet“, erzählen die Schüler Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…

In Zusammenarbeit mit Neurolog:innen wurden für diese Berechnungen von rund 200 möglichen Parametern die elf wichtigsten herausgefiltert und das entsprechende Computerprogramm von den Jugendlichen entwickelt. Unser System wirft dann vier Varianten der Überlebens-Wahrscheinlichkeit aus – von geringer, wenn nichts getan wird bis zu drei verschiedenen bei unterschiedlichen Behandlungsmethoden.

Auch nach der Matura wollend die dann nicht mehr Schüler dran bleiben, um ihr System laufend zu verbessern wozu auch die Vergrößerung des Datenpools zählen würde.

Anerkennungspreis: Trailer-Buddy
HTL Mössingerstraße (Klagenfurt, Kärnten)

In der HTL Mössingerstraße (Klagenfurt, Kärnten), aus der es in diesem Jahr übrigens gleich vier Projekte ins Bundesfinale geschafft haben (drei in Engineering II) kommen Hannes Gietler und Paul Mikosch (der in der Finalwoche erkrankt war und daher nicht dabei sein konnte). Die beiden haben eine einfache Lösung für einen Einparkhilfe für PKW mit Anhänger geschaffen. Ein kleines Kastl, vielmehr in echt vier Stück hinten und seitlich mit Abstands-Sensoren werden per Magnet am Ende des Anhängers angebracht, per Funk und damit drahtlos werden die Daten an ein Anzeigenmodul übermittelt. Dieses stellt der Fahrer/die Fahrerin neben das Lenkrad, sieht und hört ständig, ob genügend Platz – seitlich und hinten – ist, ob’s geht bzw. noch zurückgefahren werden kann. Dieser „Trailer-Buddy“, den die beiden entwickelt haben, ist somit flexibel, „es ist ein Prototyp, der so rund 150 € kostet, im Vergleich zu einem Schaden, oft auch nur Kratzer, zahlt’s sich schon aus“, so Gietler zu Kinder I Jugend I Kultur I und mehr…

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Johann Markus Wernig, David Riedl und Michael Kotschnig stellen ihren automatischen Schikantenschleifer vor

Vom automatisches Schikantenschleifer bis zur schlauen Luft- und Bodenmess-Station

Von 80 Anmeldungen in der Kategorie Engineering II schafften’s sechs ins Bundesfinale. Hier werden sie vorgestellt.

Platz 1: Automatischer Schikantenschleifer
HTL Mössingerstraße (Klagenfurt, Kärnten)
PLUS: Einladung zu EUCYS (European Contest for Young Scientists) im Herbst 2023 in Brüssel

Johann Markus Wernig, David Riedl und Michael Kotschnig haben vor sich auf dem Tisch einen Schi liegen – in einer Halterung. Und darauf ruht ein mechanisches Teil. Ein „automatischer Kantenschleifer“ wie sie ihr Projekt nannten, mit dem sie die Klagenfurter (Kärnten) HTL Mössingerstraße – aus der es heuer vier ins Bundesfinale geschafft haben – abschließen.

„Du kannst deine Kanten entweder in einer riesengroßen Maschine in einem Sportgeschäft schleifen lassen oder es selber mit einer Feile machen – dazu brauchst du ziemlich viel Geschick und gleichmäßig wird’s fast nie“, schildern die drei leidenschaftlichen Skifahrer sozusagen den Ausgangspunkt für ihr Projekt. Und ergänzen: Dadurch dass immer mehr Pisten kunstbeschneit sind, der härter ist und leichter vereist, sind gute Kanten zunehmend wichtig.

So wie es jetzt da steht oder liegt, so gestehen die drei gerade noch Schüler, sei das Gerät, das gleichzeitig und damit gleichmäßig beide Kanten, noch nicht sehr praktikabel. Aber funktionstüchtig. Zwei gegenüberliegende Schleifscheiben werden durch kleine, akkubetriebene Elektromotoren auf einem mechanischen Gestänge angesteuert. Die Akkus lassen sich über ein kleines Solarpanel netzunabhängig aufladen. Angepasst an die Taillierung des Schis liegen die Scheiben immer perfekt ausgerichtet an den Kanten an. Ein Knickgelenk in der Mitte sorgt dafür, dass es auch um die Kurve gehen kann.

„Wir werden sicher auch nach der Matura privat daran weiterarbeiten, die Teile kleiner bekommen und Abdeckungen schaffen, sodass es wirklich gut transportabel wird, kündigt das Trio die Weiterentwicklung an.

Platz 2: Bandsägewerk
HTBLA Eisenstadt (Burgenland)

Neben dem Laptop und Flyern liegen drei Holzklötze auf dem Tisch der vier HTL-Schüler aus Eisenstadt. Ein heller, ein sehr dunkler und ein nicht ganz so dunkler Holzklotz symbolisieren drei Arbeitsschritte – hobeln, flämmen, bürsten. „Und diese Arbeitsschritte kann das von uns entwickelte Bandsägewerk in einem“ erklären Jakob Bauer, Luca Gruber, Manuel Medwenitsch und Manuel Milalkovits dem neugierigen Journalisten, der wissen wollte, was das Innovative an ihrem Sägewerk ist.

Außerdem ist ihr Sägewerk ein fast kleines, handliches, jedenfalls mobiles – dazu zeigen sie eine weitere Computergrafik in der das Gestell, auf dem Baumstämme bis zu einem Durchmesser von 65 Zentimetern und einer Länge von 4 Metern be- und verarbeitet werden können, noch Autoreifen drauf hat. Mit einer eigenen Vorrichtung kann es an einen LKW angehängt werden.

Platz 3: LEVI – Levitating Scale
HTBLuVA Salzburg

Aufs erste fällt das Besondere an dieser hängenden Waagschale gar nicht auf. Dazu steht die Vorrichtung ein bisschen zu tief, aber in die Hocke gehen – oder auf das Trickreiche warten, dass eine/einer aus dem Trio Thomas Greimel, Sophie Öttl und David Pollanz mit den Fingern oder einer bunten Spielfigur zwischen vermeintlicher Aufhängung und dem Querbalken durchfährt. Denn – die Waage schwebt.
Kein Zaubertrick, sondern einfach Physik: Mit Elektromagneten und Mikrocontrollern bleibt die Schale in der Luft.

Es ist aber mehr als eine physikalische Spielerei, erklärt das Trio aus der HTBLuVA Salzburg dem Journalisten. „Im Weltraum könnte man ohne so einer Waage gar kein Gewicht messen“, lautet die erste Erklärung. Und auf die Bemerkung, dass auf der Raumstation sicher nicht so oft etwas gewogen werden müsste, kommen aber auch irdische praktische Beispiele. Die herkömmliche daneben auf dem Tisch stehende Waage zeigt ganz leichte Dinge viel ungenauer an als die schwebende Waage aus deren englischer Bezeichnung die Schüler:innen das Kürzel LEVI genommen haben, „die ist viel empfindlicher“ sagen sie und die Anzeige gibt die geringe Grammanzahl samt zwei Kommastellen an.

Weil es in dieser Kategorie erstmals sechs Projekte ins Bundesfinale geschafft haben, gab es neben den drei Erstplatzierten noch drei – nicht gereihte – Anerkennungspreise, die hier nach alphabetischer (Projektname) Reihenfolge vorgestellt werden

Anerkennungspreis: Blackout-Simulator
HTL Mössingerstraße (Klagenfurt, Kärnten)

Was müsste alles passieren, damit der Strom komplett ausfällt, es zappenduster wird, kein Computer oder was auch immer funktioniert und so weiter wäre. Und wie könnten die Stromnetze wieder hochgefahren werden? Christian Gerold, Silvana Oberhauser und Dominik Mitterfellner zeigen Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… den Blackout-Simulator, den sie an der HTL Mössingerstraße in der Kärntner Landeshauptstadt Klagenfurt gemeinsam mit ihrem Kollegen Florian Ortner programmiert und designt haben.

Natürlich haben die Verantwortlichen bei den österreichischen Netzbetreibern ähnliche Simulationen und Programme, die sicher bewusst geheim sind. Nach Recherchen bei der Austrian Power Grid, der Betreiberin des österreichischen Übertragungsnetzes, bauten die vier genannten Schüler:innn das Simulationsprogramm, bei dem versucht und gespielt werden kann, welche Abschaltungen welche Auswirkungen hätten. Es gibt aber auch eine Option den Mix der Energie-Erzeugung zu verändern, etwa mehr Sonnen- und Wind-Strom usw.

„Wir haben aber auch ein Hardware-Modul gebaut – Großer Touchscreen auf einer Stange und einem Untersatz auf Rädern – für den Einsatz in Schulen oder auf Messen. Da wir mit dem Zug angereist sind, war’s zu groß und schwer es hierher nach Wien zu bringen“, so die Blackout-Simulator-Entwickler:innen.

Das Trio beim JI-Finale in Wien träumt davon, „mehr solcher Teile produzieren zu lassen und zu verkaufen für Bildungszwecke.“

Anerkennungspreis: Drone Landing and Maintenance System (DLMS)
HTL Mössingerstraße (Klagenfurt, Kärnten)

Vor einem weiteren Projekt-Trio im 36. Bundesfinale von Jugend Innovativ liegt oder steht – was ist hier wohl angebracht? – eine Drohne.
Ach ja, und?
Natürlich darf sie hier in dieser Halle nicht fliegen, selbst davor nicht – dazu bräuchte es Sondergenehmigungen. „Aber für Klagenfurt haben wir die“, beteuern Jonas Granig, Gianna Mendoza und Maximilian Binder bevor sie zu schildern beginnen, was das Innovative an ihrer Drohne ist. Also nicht am Fluggerät selbst, sondern das von ihnen programmierte „Drone Landing Maintenance System“ (DLMS), das sie In Kooperation mit dem berühmten Halbleiter-Hersteller Infineon entwickelt haben. „Unsere Drohne wird ständig mit Telemetriedaten gefüttert und landet punktgenau. Etwas, das heute generell noch eine Schwierigkeit bei autonom fliegenden und nicht händisch gesteuerten Drohnen ein Problem ist.

Anerkennungspreis: Smarth Agriculture Observation System
HTL Mödling (Niederösterreich)

Das erste Wort im Projekttitel von Sebastian Anderseka, Elias Flammer und Josua Marth ist kein Tippfehler; du hast vielleicht anhand des zuletzt genannten Namens vielleicht schon erkannt, dass es sich um ein Wortspiel aus der englischen Bezeichnung für schlau und Josuas Nachnamen handelt. Seine Familie betreibt einen Bauernhof im Südburgenland. Er und seine beiden Kollegen haben an der HTL Mödling (Niederösterreich) ein umfassendes, robustes, dauerhaftes Mess-System für alle in Frage kommenden wichtigen Daten entwickelt und einen Prototyp gebaut.

In der rund 3,2 Meter langen Stange – „sie soll ja auch noch auf einem Maisfeld rausschauen“ – befinden sich die unterschiedlichsten Sensoren. Temperatur, Witterung, Bodenfeuchtigkeit, pH-Werte usw. werden täglich zwei Mal gemessen und automatisch übermittelt. „Und das langfristig. So kann auch leicht geschaut werden, wo sich welche Pflanzen am wohlsten fühlen und sie daher ge- oder gegebenenfalls versetzt werden, wo wann wieviel bewässert werden muss oder noch Dünger nötig ist …“

So müssen die Landwirt:innen nicht täglich zu ihren Feldern fahren, um Nachschau zu halten – spart „nebenbei“ Schadstoff-Ausstoss und Benzin/Diesel oder auch Strom bei einem E-Fahrzeug.

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Paul Gasselseder, Lukas Feuchtl, Philipp Grömer und Matthias Feitzinger mit ihrem "Vorflügel"-Modell

Vom Vorflügel bis zum Exo-Skelett

Von 72 Anmeldungen in der Kategorie Engineering I schafften’s fünf ins Bundesfinale. Hier werden sie vorgestellt.

Platz 1: Vorflügel für Segelflugzeuge
HTBLA Eisenstadt (Burgenland)

Den wohl längsten und kompliziertesten Titel aller 40 Projekte, die ihre Projekte im aktuellen Bundesfinale von Jugend Innovativ – 38 Finalist:innen plus zwei zusätzlich für den Sonderpreis Vorarlberg – vorstellten, wählten vier Schüler der höheren technischen Lehranstalt Eisenstadt. Hinter „Research and development of a slat to improve the flight characteristic for a highperformance glider” (Forschung und Entwicklung eines Vorflügels zur Verbesserung der Flugeigenschaften eines Hochleistungsseglers) steckt der Weg, Segelflugzeuge schneller, leichter und besser starten und landen lassen zu können.

Dafür forschten und vor allem berechneten Paul Gasselseder, Lukas Feuchtl, Philipp Grömer und Matthias Feitzinger in mathematischen Simulationen mehr als 4000 Varianten wie vor dem Flügel ein beweglicher Vorflügel und am Ende eine Wölbung dessen Eigenschaften verbessert. Die Ergebnisse ihrer Berechnungen „gossen“ die vier Schüler in drei verschiedene Modell-Flügel, die sie im Windkanal testeten und ein daraufhin – ausschließlich digital konstruiertes – Segelflugzug mit diesen neuartigen Flügeln konnten sie von einem Supercomputer des Vienna Scientific Cluster an der Wiener Technischen Uni durchtesten lassen.

„Unser Plan ist es, nun Firmen zu finden, mit denen wir kooperieren können und die unsere Erkenntnisse auch wirklich bauen“, sagen sie Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…

Ach ja, dieses Projekt brachte dem Quartett den Sieg in der Kategorie Engineering I ein.

Platz 2: Lock N Ride
HTL Rennweg (Wien)

Parndorf und Bruckneudorf – beide im Burgenland – sind die Heimatorte von Leon Mramor und Bruno Kattinger. Die beiden besuchen in Wien die HTL Rennweg. Den Weg von zu Hause zum Bahnhof – und am Abend retour legen sie mit Fahrrädern zurück. Auch ihr Kollege Lukas Bernhard nutzt das Fahrrad – für den Weg zur gemeinsamen Schule. Zwei des Trios hatten schon schlechte Erfahrung mit dem Diebstahl ihrer fahrbaren Untersätze.

Das war der Ausgangspunkt für ein ausgetüfteltes Fahrrad-Schloss-System. Am Bahnhof, in einer Schule, vor einem Unternehmen oder wo auch immer errichten die Betreiber:innen massive Säulen mit massiven Ketten, die dort einge-lockt werden. Öffnen und Schließen funktioniert über das „Hirn“ Hubmagnet, Leistungstransistor, Mikrocontroller, RFID-Lesegerät) der Radschloss-Säulen mittels eines Chips. Die Stromversorgung könnte – so ein Ergänzungsvorschlag des Trios – über ein Solarpaneel etwa an einem kleinen Dach über den Radabstellplätzen erfolgen.

Platz 3: KEBA Spritzguss-Simulator
HTBLA Neufelden (Oberösterreich)

Nein, Lego-Steine spuckt die große Maschine nicht aus vor der und rund um die Viktoria Mahringer, Tobias Mittermair, Thomas Rabeder und Elias Reisinger aus der HTL im oberösterreichischen Neufelden herumwuseln und den Wissbegierigen erklären, was sie wirklich kann. „Das ist die Simulation für eine Spritzgussmaschine“, beginnt die Erstgenannte dem Journalisten zu erklären. „Sie kann nichts produzieren, weil das hier – und dabei deutet sie auf eine Stelle an der eine Metallspirale zu sehen ist – nicht offen sein dürfte. Außerdem würde hier auch zu große Hitze entstehen. Die Maschine dient zu Schulungszwecken.“

„Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Unternehmens Keba für das die Schüler:innen diesen Simulator entwickelt haben, können leichter und anschaulicher auf die Bedienung eingeschult werden als würde das nur in digitalen Zeichnungen erfolgen“, ergänzen die Kollegen aus dem Team. Und da Keba Zubehör für Spritzgussmaschinen herstellt, kann anhand des Simulators die Funktionsweise auch anschaulich den (potenziellen) Kund:innen vorgeführt werden.

Übrigens: Die Kunststoffteile des Simulators stammen aus dem 3D-Drucker.

Anerkennungspreis: ModuStat – Das modulare Messstationen-Mesh-Netzwerk
HTL Rennweg (Wien)

Runde Farbtürme haben Lukas Löschl, Kristof Katzenberger und Florian Wehse aus der HTL Rennweg (Wien) vor sich auf dem Tisch stehen. Wie ein großes Steck-Spielzeug sieht ihr ModuStat aus. Dabei handelt es sich um ein „modulares Messstationen-Mesh-Netzwerk“.

Die grüne Scheibe beinhaltet die Stromversorgung, die gelbe das „Hirn“ mit der Steuerung und die orangefarbenen können mit verschiedenen Sensoren bestückt werden – je nachdem was gemessen werden soll – von der Temperatur über die Luftfeuchtigkeit bis zum CO2-Gehalt der Luft. Das System kann „natürlich“ die Messdaten auf einem externen Display anzeigen und so ausgestattet werden, dass es bei bestimmten Grenzwerten ampelmäßig anzeigt ob gut, mittel oder gegebenenfalls auch Handlungsbedarf – etwa lüften müssen.

Anerkennungspreis: Entwicklung eines Exo-Skeletts für gehbehinderte Menschen im Rahmen der Rehabilitation
HTBLuVA Salzburg

Gleichsam Skelette außen gibt es – abgeschaut vom Tierreich – unter anderem bei der Unterstützung schwerer Arbeit zur Kraftunterstützung. „Unser Exoskelett für Menschen, die im Unter- aber nicht im Oberkörper gelähmt sind, das Gehen vollständig übernehmen“, erklären Ewan Rothenwänder, Stefan Schwab und Pascal Sturm Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… Sie und Anabel Panitz, die nicht in Wien sein konnte, entwickelten – vorerst „nur“ die Idee und das ausgereifte ausgetüftelte Konzept für ein flexibles System eines solchen Geh-Apparats für 90 % betroffener Menschen (unter 2 Meter und höchstens 120 Kilo). Es lässt sich dann aber auch sehr leicht adaptieren.

Die Maschinenbauer:innen aus Salzburg tragen sich – wie übrigens in diesem Jahr besonders viele Projektteams – mit dem Gedanken dran zu bleiben – die Patentanmeldung ist bereits im Laufen, aber die Realisierung samt wirtschaflticher Verwertung steht auf dem – dann nicht mehr – Stunden-, sondern nur mehr Plan.

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Großgruppenfoto (fast) aller Finalist:innen von Jugend Innovativ 2023

Awards für Aktivist:innen der Zukunft

In einer alten Halle eines aus dem Boden sprießenden neuen Viertels bei St. Marx in Wien stellten vor dem pfingst-Wochenende (2023) 40 jugendliche Teams – mehr als in den meisten Jahren davor – ihre Finalprojekte von Jugend Innovativ vor – einander gegenseitig, der Öffentlichkeit und nicht zuletzt den Fach-Jurys. Denn am Ende wurden die besten dieser ohnehin schon besten der 450 im Herbst gestarteten Projekte mit Preisen belohnt – in Form von Geld – in Summe werden 45.000 Euro vergeben – und nicht zuletzt mit Reisen zu internationalen Bewerben und Messen.

Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… schaute sich wie (fast) jedes Jahr wo dies möglich war – wir wissen es gab dazwischen zwei reine Online-Jahre – unter allen Finalist:innen um. Allesamt sind es zukunftsweisende Projekte, viele auch mit einem sozialen Impetus und noch mehr in Richtung achtsamer, nachhaltiger Umgang mit unserer Umwelt. Insofern sind all die Jugendlichen, die an den Projekten mitgewirkt haben „Aktivist:innen der Zukunft“ wie es in einem Video in der Award-Show heißt.

Und damit’s nicht ganz unübersichtlich wird, werden hier die Projekte gegliedert in die Kategorien als eigene Beiträge vorgestellt.

Die Katgorien…

… sind – alphabetisch gereiht:
Design – mit 50 Anmeldungen und fünf Finalprojekten
Engineering I – 72 Anmeldugen/ 5 Finalprojekte
Engineering II – 80 Anmeldungen/ 6 Finalprojekte
Entrepreneuership (Unternehmerisches Denken, meist in Form von praxisnahen Projekten, oft Junior Companys /Schüler:innen-Firmen) – 56 Anmeldungen/ 6 Finalprojekte
ICT & Digital – 94 Anmeldungen/ 6 Finalprojekte
Science (Wissenschaft) – 34 Anmeldungen/ 5 Finalprojekte
Sustainability (Nachhaltigkeit) – 71 Anmeldungen/ 5 Finalprojekte
Und zum zweiten Mal gab’s einen Sonderpreis Vorarlberg – für Projekte aus diesem Bundesland, weshalb sich zu den 38 Finalprojekten der Kategorien – in die es auch Projekte aus dem „Ländle“ geschafft hatten, zwei weitere aus Gsi-berg gesellten, die neben zwei der Finalist:innen für diesen Spezialpreis nominiert waren.

Damit die Beiträge hier nicht zu unübersichtlich werden, veröffentlicht Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… von heute an in den folgenden Tagen die Projekte jeweils einer oder zwei Kategorien.

Heute sei mit den beiden Engineering-Kategorien begonnen, die von Maschinenbau bis Elektronik reichen. In den folgenden Tagen werden Berichter über die Projekte weiterer Kategorien hier veröffentlicht.

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Symbolfoto für Schulstress: Schüler klappt über Lernheften und Büchern zusammen

Drei Viertel der Schüler:innen klagen über zu hohen Prüfungsdruck

Mehr als drei Viertel der Schüler:innen müssen oft so viel lernen, dass sie das Gelernte gleich nach der Prüfung wieder vergessen. Dies ist eines der Ergebnisse einer Online-Umfrage unter 800 Schüler:innen (zwischen 10 und 19 Jahren). Das Nachhilfe-Institut LernQuadrat stellte am Mittwoch (24. Mai 2023) die Ergebnisse dieser Umfrage, die im Frühjahr durchgeführt wurde, durch. Schon vor sieben Jahren (2016) hatte das Institut (80 Standorte in ganz Österreich) praktisch dieselben Fragen unter Kindern und Jugendlichen erhoben – damals bei 500 Schüler:innen.

Die Vorstellung der Ergebnisse dieser Umfrage erfolgte übrigens am zweiten Tag des Bundesfinales des großen Schulwettbewerbs Jugend Innovativ. Hunderte Jugendliche stellen dort mehr als drei Dutzend Projekte vor, von denen einige schon in der Patentierungsphase sind, praktische Erleichterungen, Hilfen oder Vernetzungen ermöglichen – mehr dazu demnächst hier auf Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…

Chart aus der Umfrage
Auswertung der Fragen zum „Bzlimie“-Lernen

Krasse Zunahme

Kürzest zusammengefasstes Ergebnis: Der Prüfungsdruck hat enorm zugenommen. Beispielsweise nannten vor sieben Jahren weniger als die Hälfte der Befragten dieses oben beschriebene Ausmaß des sogenannten Bulimie-Lernens – Reinstopfen, rauskotzen – als Problem (heuer: 76,6 %, 2016: weniger als die Hälfte). Fast jeden dritten Tag steht eine Schularbeit oder ein Test auf dem Stundenplan

Fast drei Viertel (74,9 Prozent) machen sich selbst hohen Druck (2016: 43,3 Prozent), mehr als zwei Drittel (68,3 Prozent) verspüren starken Druck seitens der Lehrkräfte (2016: 35,7 Prozent), fast die Hälfte (44,8 Prozent) durch die Eltern (2016: 27,2 Prozent).

Nach Corona hält jede/r Dritte die Freizeit für wichtiger als früher. Lediglich nicht ganz ein Fünftel (18,6 Prozent) geben der Schule nunmehr einen höheren Stellenwert.

Chart aus der Umfrage
Befragt wurden die 800 Schüler:innen auch danach, wie die Pandemie-Phase die Einstellung verändert hat

Mehr Alltags-Wissen!

Sieben von zehn der befragten Schüler:innen sind der Ansicht, nicht einmal die Hälfte des Gelernten im späteren Leben brauchen zu können. Besonders schlecht schneiden dabei die Wiener Schulen ab, AHS schlechter als BHS. Ausgenommen von dieser Einschätzung wird vor allem Englisch, von dem fast neun von zehn (89,2 Prozent) der Befragten annehmen, dass sie es im späteren Leben brauchen werden. Bei Deutsch und Mathematik sind dies bereits weniger als zwei Drittel. Ideen für spannenden Schulstoff gibt es bei den jungen Menschen durchaus, beispielsweise mehr Finanzbildung, Wirtschaft oder „Alltagskunde“, nicht so sehr hingegen Politik und Kunst.

„400 Schülerinnen und Schüler haben geschrieben, dass sie „mehr Dinge lernen wollen, die mit dem Leben zu tun haben wie Verträge schreiben oder Geld zu verdienen und damit umzugehen“, sagte die Unternehmenssprecherin Angela Schmidt zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…

Gutes Zeugnis für Pädagog:innen

Ein interessantes Ergebnis brachte die Notenvergabe, zu der LernQuadrat die Schüler:innen im Rahmen der Umfrage aufgerufen hat. Das Beste an der Schule sind demnach die Pädagog:innen. Mit einer Durchschnittsnote von 2,4 schneiden diese besser ab als die Lerninhalte (2,6), die Unterrichtsform und das Notensystem (jeweils 2,7). Noch schlechter als schon vor sieben Jahren wird das Schulsystem insgesamt mit einer Durchschnittsnote von 3,2 eingestuft.

Generell wird die Schule von jüngeren Schüler:innen etwas besser beurteilt als von älteren. BHS-Schüler:innen benoten insgesamt die Lerninhalte etwas besser, AHS-Schüler:innen die Lehrkräfte.

Chart aus der Umfrage
Schüler:innen wollen lieber fürs Leben lernen

Wie kann’s besser gehen?!

LernQuadrat hat aus den Antworten der 800 Schüler:innen Schlussfolgerungen gezogen, die gemeinsam mit den Ergebnissen der Umfrage Medien veröffentlicht worden sind. Unter dem Titel „Wie kann Schule besser gelingen?“ heißt es zusammenfassend:
* Den Schwerpunkt auf Kompetenzvermittlung statt überfrachtetem Faktenwissen legen.
* Das Prüfungsstakkato reduzieren, den Druck aus dem „Lernkessel“ nehmen, die Allmacht der Noten relativieren und damit Freude am schulischen Lernen ermöglichen.
* Die Motivation steigern durch bessere Verdeutlichung des praktischen Nutzens des Gelernten in allen Fächern.
* Wunschthemen wie Finanz- und Wirtschaftsbildung oder „Alltagskunde“ in verstärktem Umfang
* Dem Prunkstück unseres Schulsystems, den Lehrkräften, mehr freie Entfaltung ermöglichen statt sie mit Bürokratie zu belasten.

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Ballspiel nun von der Rückseite ;)

Kopf-Ball im wahrsten Sinn des Wortes

Efekan hält einen Fußball in Händen, spielt damit. Neben ihm auf der Couch in einem der Filmstudios des Medienzentrums von wienXtra sitzen Randy und Furkan. Vor ihnen steht eine Leinwand. Davor baut Udo, ein Mitarbeiter des Medienzentrums eine Kamera auf, daneben greift Regine vom Programm AFit Potenzial Jugend bei T.I.W. – Verein für Training, Integration & Weiterbildung – zum Handy und telefoniert mit Radmila. Die ist unterwegs, um einen leichten Ball zu kaufen, nachdem es – derzeit noch – keinen Wasserball in den umliegenden Geschäften gibt. In der Zwischenzeit kommt auch Olivera. „Ich schnupper heute nur und schau zu“, stellt sie sich vor und verrät, dass sie am liebsten in einer Hotelrezeption arbeiten würde.

Die Jugendlichen sind alle zwischen Schulabschluss und Suche nach ihren weiteren Bildungswegen. Randy wird eine weiterführende Schule für Tierpflege besuchen, die beiden anderen Jungs wollen Lehren im Bereich KFZ-Mechanik machen und Radmila würde lieber heute als morgen eine Lehrstelle als Bürokauffrau, vielleicht mit Buchhaltung, antreten. Neben Praktika in diversen Partnerfirmen des Vereins steht jedes Jahr für jene, die das wollen, auch die Produktion von (Trick-)Filmen im Medienzentrum auf dem Programm. Hier dreht es sich darum, die kreativen Potenziale ins Zentrum zu rücken.

Ideen-Findung

Für jenen Film, bei dessen Entstehung Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… zuschauen und fotografieren darf, haben sich die genannten Jugendlichen eine Geschichte mit einem Ball ausgedacht. Grundsätzlich. Noch ist nicht (ganz) klar, was mit dem Ball wirklich passieren soll. Im Zimmer neben dem Studio, sozusagen dem Regie- und Ton-Raum, sitzen alle im Kreis, Ideen werden einge- und wieder verworfen. Bis eine sich verfestigt. Randy und Efekan schupfen den Ball hin und her. Irgendwann trifft der Ball auf Efakans Kopf. Der fliegt weg – der Kopf, nicht der Ball wohlgemerkt. Landet in Randys Händen. Die Idee mit „la lü la lü“ und Rettung wird gleich wieder beiseite geschoben. Nein, der Kopf wird wieder zurückgeworfen, landet auf Efekans Hals. Ende gut, alles gut! Nur mit Verblüffung, Erstaunen.

Umsetzung

Gesagt – nun geht’s um die Umsetzung in die Tat. Udo holt Kartons, Stifte und Messer, klebt den Karton an die Rückseite der Leinwand. Efekan stellt sich davor, Olivera und Regine zeichnen die Umrisse des Schattens, den sein Kopf auf den Karton wirft, nach und schneiden den Papier-Kopf danach aus. Udo, Furkan und Efekan kleben eine durchsichtige Anglerschnur an eine lange ausziehbare Teleskopstange und an den anderen Enden den Ball. Das Gleiche passiert mit dem ausgeschnittenen Karton-Profil.

Nun stellen sich Randy und Efekan hinter die Leinwand, das Saal-Licht wird ab- und dafür eine starke Lichtquelle hinter der Leinwand aufgedreht. Furkan und Regine halten an den Stange Ball bzw. Kopf. Udo gibt Tipps – auch für die eine oder andere Wiederholung mit Varianten. Vor der Leinwand nimmt Radmila hinter der Kamera Platz. Klick, klick, klick. Die ausgedachte und beschriebene Szene wird gespielt. Die Schatten fotografiert.

Vertonung

Eine halbe Stunde und 300 Fotos später sitzen alle im Regie-Raum, schauen einige der Bilder an – und überlegen gemeinsam, welche Geräusche und/oder Ausrufe zu welcher der Szenen passen würden. Mehr oder weniger mutig, stellen sich die Jugendlichen ans Mikro, um die Vertonung des Trickfilms vorzunehmen. Noch bleibt einiges zu tun, bevor der Trickfilm geschnitten werden kann – das steht beim nächsten Nachmittagstermin im Medienzentrum auf dem Programm. Einige der jährlich hier von diesen Jugendlichen gestalteten Filme werden übrigens für die Video- und Filmtage, die das Medienzentrum seit mehr als zwei Jahrzehnten ausrichtet – Einreichungen für Kinder und Jugendliche (bis 22 Jahre) bis zum 28. August; Festival 5. bis 9. Oktober 2023) gezeigt, andere im Sommer auf ORF III im Format „Kunstraum – Kurzfilmbühne für benachteiligte Jugendliche“ ausgestrahlt.

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ausbildungsfit-potenzial-jugend

videoundfilmtage 2023

Doppelseite aus "Das wirklich witzige witzebuch"

Ein paar schon ganz gute Witze

„Haben Sie Tik Tok?
„Klar, es ist kurz nach halb fünf.“

Einige der „mehr als 500 Kinderwitze (die auch Eltern witzig finden)“ wie es im Untertitel dieses Buches heißt, nehmen Erwachsene auf die Schaufel. Die schienen sich mit neuen Medien gar nicht auszukennen. Schadenfreude ist immer noch ein häufiger Treibstoff von Witzen.

Kurze und lange Witze, Scherzfragen – manche auch auf den Kopf gestellt, in Kreisen oder Wellen geschrieben und so manche Wort-Bildspiele hat Georg Cadegginanini für dieses knapp mehr als 160-seitige Buch zusammengetragen – die Bildkombinationen und Illustrationen hat Dominik Wendland gezeichnet. Viele spielen mit ber/bär. Neben den sehr bekannten Hubschraubär usw. findest du hier auch einen „Bärg“ – einen Bären als Berg „verkleidet“ (S. 32). Von den Zeichnungen leben auch die „Kritzelrätsel“: Einfache Strichzeichnungen in jeweils quadratischen Rahmen, die „Verblüffendes“ darstellen – so ist ein langer schräger Strich mit einem kleinen Knick ein „Strohhalm für Giraffen“ (S. 154)

Doppelseite aus
Doppelseite aus „Das wirklich witzige Witzebuch“

Du findest sicher so manches zum Lachen oder wenigstens Schmunzeln in diesem Buch, insgesamt aber stellt es doch unter Beweis, wer sein Werk „Das wirklich witzige Witzebuch“ zu nennen meint, sitzt einem Werbe-Schmäh auf. Für so viele Seiten bleiben nicht „wirklich“ viele gute Witze, Scherzfragen usw. übrig.

Eine Scherzfrage noch (S. 139): „Welches Gebäck weiß auf alles eine Antwort? –
Der Google-Hupf“

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Titelseite des bebilderten Witzebuches/ Wilhelm Heyne Verlag München
Titelseite des bebilderten Witzebuches/ Wilhelm Heyne Verlag München
Große Arbeitsgruppe der Kinder für den Außenbereich für den sie auch Modelle gebaut haben

Demokratie ist machbar – wollen die „Schulen der Superkräfte“ zeigen!

Während in manchen Gebäuden zwei Schulen fast vollkommen getrennt sind und zwei Direktionen haben, gibt es beispielswiese zwei Schulen, die eine Viertelstunde voneinander entfernt liegen – acht Busstationen – und doch zusammengehören. Die kleinste Schule Wiens in den Weinbergen von Neustift am Walde in der Celtesgasse gehört zur Volksschule Krottenbachstraße, genannt Krotti. Bis jetzt, denn die beiden Schulen, vielmehr die Kinder der Schulen haben einen gemeinsamen Namen gesucht. In Ateliers und Arbeitskreisen neue Vorschläge erarbeitet. Namen und Logo wurden entworfen. Die Idee rechten von „Die-5-Sterne-Schule“ über Schulen des Friedens, der Freundschaft, Interessen, Gerechtigkeit, Demokratische Schulen Wien bis zu „Activity Mint Grätzl 19“ – wobei die zuletzt genannte Zahl für jene des Bezirks Döbling steht.

Viele der vorgeschlagenen Begriffe stecken nun sozusagen in Untertiteln des neuen Schulnamens: „Schulen der Superkräfte“ – mit einem knallbunten Logo und den in farbenfrohen Sprechblasen, -Sternen und -Blitzen stehenden Wörtern Gerechtigkeit, Kreativität, Freundschaft, Begabung, Mint, Natur.

Teil eines großen, langfristigen Projekts

Der neue Schulname und das dazugehörige Logo sind aber „nur“ Teil eines umfangreichen dauerhaften Demokratieprojekts. So wie die Namens- und Logo-Findung von vielen von den Schüler:innen eingebrachten Ideen bis zum Ergebnis unter ständiger Mitwirkung der Kinder stattgefunden hat, so wurden und werden diese laufend einbezogen, Ideen für Verbesserungen einzubringen. Solche reichen vom großen Schulsportplatz über die Außenwände bis zu den Klassenzimmern, den Speisesaal, der nun „Kinderrestaurant“ heißt, bis zu Unterrichtsinhalten und den Umgang miteinander.

Eigene Verfassung

So heißt es in der – in den ersten Monaten dieses Demokratieprozesses ebenfalls entstandenen eigenen Verfassung unter anderem:
* Alle Kinder sollen die gleichen Rechte und Pflichten haben.
* Wir nehmen alle Kinder so an wie sie sind, auch wenn sie  anders aussehen, anders denken oder anders handeln als wir. 
* Wir schließen niemanden aus, halten zusammen und helfen einander.
* Ich will mitfühlend sein und nehme Rücksicht auf andere. Denn jede und jeder verdient es, geliebt zu werden, auch wenn sie mich manchmal nerven. 
* Ich löse meine Probleme, indem wir miteinander reden und ohne zu schlagen. 
* Ich bedrohe, beschimpfe und schlage niemanden
Aber auch
* Lehrer und Lehrerinnen dürfen mich nicht anschreien

Dauerhafte Mitbestimmung

Für die Gestaltung des großen Sport- und Freizeitbereichs im Grünen außerhalb des Schulgebäudes haben die Kinder Ideen zusammengetragen und in Ateliers in einer Projektwoche auch Modelle gebastelt. Die Ateliers, für die sie sich selbst einteilen konnten, sollten aber von vornherein keine einmalige Sache bleiben. Die Mitbestimmung – wie sie ja eigentlich die Kinderrechtskonvention generell seit mehr als 30 Jahren Kindern zugesteht – wird als langfristiges dauerhaftes Element in den Schulalltag eingebaut. So gibt es seither wöchentliche Klassenrats-Sitzungen, die von Kindern abwechselnd geleitet werden und wo alles besprochen wird, was sich auf die jeweilige Klasse bezieht und auch dort selbst gelöst werden kann.

Fragen, Vorschläge, Ideen, Anregungen, Forderungen, die mehrere Klassen oder gar die ganze Schule bzw. sogar beide Schulstandorte betreffen, werden entweder in themenbezogenen Arbeitskreisen weiter behandelt oder sie kommen ins übergreifende Schulparlament. Jede Klasse hat zwei Vertreter:innen gewählt, aber es sollen auch möglichst viele andere Kinder immer wieder einbezogen werden, beispielsweise in den Arbeitskreisen.

Zudem sieht die – von den Kindern selbst erarbeitete – schon erwähnte Verfassung auch ein „erweitertes Schulparlament“ vor, in dem dann auch (Freizeit-)Pädagog:innen, Direktorin und Eltern-Vertreter:innen sowie andere Mitarbeiter:innen der Schule gemeinsam mit den Kindern Themen besprechen und beschließen.

Ausdiskutieren

Dass Demokratie nicht eine einfache Friede-Freude-Eierkuchen-Sache ist, zeigte sich an Wünschen vieler Kinder, die Straße vor der „Krotti“ in der Zeit bevor die Schule in der Früh beginnt, und in der Hauptabholzeit am Ende des verschränkten Ganztagsbetriebs jeweils rund eine halbe Stunde autofrei zu machen. Alle würden sich dann sicherer und freier fühlen. Halt, nicht alle, manche meinten, aber ihre Eltern würden sie ja mit dem Auto bringen und holen. Und schon entstanden Diskussionen darüber und über die Busverbindungen usw.

Ähnliches erlebte Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … beim Lokalaugenschein Mitte Mai am Arbeitskreis-Mittwoch auch bei Diskussionen im Speisesaal an einem der Tische. Auf die Frage, was sie sich beim Essen vor allem wünschen, waren sich alle sofort einig: „Mehr Abwechslung beim Obst, nicht immer fast nur Äpfel!“ Aber gleich danach wollte ein Mädchen „Burger“, was andere sofort ablehnten, „das hat zu viel Fett“. Dafür schlug eine andere Schülerin vor, „es wär ganz schön, wenn es hin und wieder Karotten zum Knabbern geben würde“. Sofort einig waren sich jedoch alle wieder als es um die Jausen ging: „Bitte, nicht immer das Gleiche!“, „Und keine harten Nudeln!“ Außerdem mehr und bunte Dekoration im „Kinderrestaurant“ hätten alle gern sowie „zum Beispiel zu Weihnachten Lichterketten“.

Präsentation beim Schulfest

Mitte Juni gibt es ein großes Schulfest, bei dem die Kinder ihre bisherige und noch bis dahin erarbeiteten Wünsche, Vorschläge und Forderungen allen – Eltern sowie den Gäst:innen aus Schulverwaltung und Bezirks- und Stadtpolitik – vorstellen werden. Bis dahin – so hat der Bezirksvorsteher, der am Tag des kijuku.at-Lokalaugenscheins ebenfalls anwesend war und sich Vorschläge von Arbeitsgruppen, insbesondere Schulgarten, anhörte – und dann doch aufschrieb – werde er für etliche Wünsche und Forderungen schon Antworten haben.

Hymne

Ach, übrigens hat diese Schule mit zwei Standorten jetzt nicht nur einen gemeinsamen Namen und ein dazugehöriges Logo, sondern auch eine Hymne. Wie bei anderen Ateliers und im gesamten Prozess holte sich die Schule Unterstützung von außen, von Theater Ansicht, das schon etliche partizipative (Theater-)Projekte gemacht hatte. Und in einem solchen Atelier entstand die fröhliche Hymne, in der Kinder auch etliche ihrer Familiensprachen einbringen konnten und so wird u.a. von 1 bis 3 auf Deutsch, Englisch, Türkisch, B/K/S (Bosnisch/ Kroatisch/ Serbisch) Farsi bzw. Kurmandschi, Ungarisch und Arabisch gezählt gesungen.

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Schulen der Superkräfte

theateransicht

Szenenfoto aus dem Minidrama "Die Einen und die Anderen" von Dževad Karahasan

Als Tribut für Dževad Karahasan: Die Einen und die Anderen beim Visual-Festival

„Ich bin zum Scheiterhaufen verurteilt und folglich werde ich verbrennen. Aber das ist nur ein Ereignis, kein Argument. Wir werden uns also in der Ewigkeit wieder begegnen und dort die Diskussion fortsetzen.“ Diesen Satz lässt Dževad Karahasan in seinem Minidrama „Die einen und die Anderen“ den in einem Calvinistenprozess in Genf Verurteilten sagen. Anlässlich des am Samstag bekannt gewordenen Todes des 70-jährigen Schriftstellers aus Sarajevo, der Hauptstadt Bosnien-Herzegovinas hob „Visual 2023, das 24. Europäische und Internationale Visuelles Theater Festival“ dieses kurze so aussagekräftige auf den Punkt gebrachte und so aktuelle Stück ins Programm.

Szenenfoto aus dem Minidrama
Szenenfoto aus dem Minidrama „Die Einen und die Anderen“ von Dževad Karahasan

Werner Mössler, Markus Pol, Rita Luksch und Markus Rupert setzten den Text in Szene, die beiden zuletzt Genannten in deutscher Lautsprache; Ersterer in österreichischer Gebärdensprache, die dann als „Echo“ vom Zweitgenannten im Hintergrund verstärkt wurde. Alfred Aichholzer, Gregor Narnhofer und Thomas Trsek spielten – ebenfalls im Hintergrund – begleitende, unterstützende Musik zu dem Stück um einen seines Glaubens wegen Verurteilten. Auf der Seite der Eine – und andererseits jene, die meinen, im Besitz der Wahrheit zu sein und sich damit das Recht herausnehmen über das Leben anderer zu entscheiden, heißt es doch unter anderem bei Karahasan: „Diese Situation ist sehr kennzeichnend für die Politik (und leider auch für die Geschichte) als Theater: auf der einen Seite stehen jene als Figuren beziehungsweise Protagonisten, die über die Macht verfügen, Ereignisse hervorzurufen und zu gestalten, auf der anderen stehen als Antagonisten beziehungsweise Gegenfiguren jene, die an die Wahrheit glauben und über Argumente verfügen. Zwischen Ihnen – als Basis ihrer Beziehung – steht der Tod. Der Tod verknüpft diese Figuren in zweifacher Weise:
1. dadurch, dass erstere ihn den Zweiten zufügen (sie töten)
2. dadurch, dass er beider gemeinsames Kennzeichen ist, denn zum Glück sind beide sterblich.“

Szenenfoto aus dem Minidrama
Szenenfoto aus dem Minidrama „Die Einen und die Anderen“ von Dževad Karahasan

Dževad Karahasan …

… hatte Romane, Dramen, Essays und theoretische Schriften verfasst, mit denen er sich immer wieder als Vermittler zwischen Kulturen und Religionen verstand. Geboren 1953 in eine muslimische Familie in Bosnien, besuchte er eine christliche Schule (Franziskaner). Er studierte in Sarajevo Literatur- und Theaterwissenschaft, lehrte auch dort an der Akademie für szenische Künste. Als Sarajevo belagert wurde, konnte er flüchten – nach Österreich und wurde Gastdozent an verschiedenen europäischen Universitäten u.a. in Salzburg.

Zu seinen wichtigsten Werken zählen „Sara und Serafina“ (2000), „Der Trost des Nachthimmels. Roman in drei Teilen“ (2016) und 2019 der Erzählungsband „Ein Haus für die Müden“. Vor wenigen Monaten erschien „Einübung ins Schweben: Eine ethische und existentielle Grenzerfahrung vom literarischen Chronist Sarajevos“. Nach Ende der Kriege im vormaligen Jugoslawien wurde Karahasan Dramaturg am Nationaltheater von Sarajevo. Zugleich fand er in Graz eine zweite Heimat, wo er von 1996 bis 2003 als Stadtschreiber tätig war. Dabei empfing ihn die neue Heimat auch mit entsprechenden Auszeichnungen. So erhielt Dzevad Karahasan etwa 1995 für „Tagebuch der Aussiedlung“ den Bruno-Kreisky-Preis, 1999 den Wiener Herder-Preis, 2017 den Grazer Franz-Nabl-Preis. Und 2020 wurde Dževad Karahasan mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt geehrt.

Szenenfoto aus dem Minidrama
Szenenfoto aus dem Minidrama „Die Einen und die Anderen“ von Dževad Karahasan

Karahasan – ARBOS

Weniger in der breiten Öffentlichkeit bekannt ist, dass Dževad Karahasan ist seit seiner Flucht vor dem Krieg auch Dramaturg und Dramatiker von „ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater“ war. „Ich werde nie vergessen, wie er im Feber 1993 in Klagenfurt vor dem Probenraum stand nur mit den Sachen, die er bei sich trug. Also hab ich die Tür aufgemacht … Und daraus wurde eine sehr schöne Zusammenarbeit, die den Tod überdauert“, schreibt Herbert Gantschacher, der „Vater“ von ARBOS in einer eMail an Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… Er führte bei vielen Stücken, die Karahasan für ARBOS schreib, Regie und übersetzte viele seiner Theatertexte. Dem oben genannten Monodrama „Die Einen und die Anderen“ fügte die Gruppe aus gegebenem Anlass einen Satz am Ende hinzu: „Wir werden uns in der Ewigkeit wiedersehen und die Diskussion dort fortsetzen“.

Kain

Nach dem aktuellen Einschub begann das Festival Visual 2023 wie geplant mit einer Inszenierung von Anton Wildgans‘ „Kain“. In der Regie Herbert Gantschachers spielten Werner Mössler, Markus Pol, Rita Luksch, Alfred Aichholzer, Markus Rupert, Gregor Narnhofer und Thomas Trsek.

In „Kain“ verbindet Anton Wildgans die biblischen Geschichten von der Vertreibung aus dem Paradies (Adam und Eva) und den bekannten Brudermord (Kain und Abel). Bei ihm ist die Titelfigur gehörlos. Damit war aufgelegt, diese Figur in der ARBOS-Version mit einem gehörlosen Schauspieler zu besetzen – und natürlich bilinguale zu inszenierne und spielen – Laut- und GebärdenspracheInszenierung.

Festival

Das 24. Europäische und internationale visuelle Theater-Festival läuft noch bis 17. Juni – live und analog im Theater Spielraum in der Wiener Kaiserstraße (siehe Info-Bos) UND vieles auch als Online-Streams – siehe Info-Box.

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Szenenfoto aus "Heimliche Idioten"

Über und auf den Brettern, die ein Regal bedeuten

Massiv und zentral steht es da. Mitten auf der Bühne. Ein Regal – für Ries:innen. Und in der folgenden Stunde ein, nein DAS Symbol für eine gewisse Art der Kommunikation in Blasen, in Bubbles diverser Social Media-Kanäle. Das Schauspiel-Trio, das die ganz in Weiß gehaltene Bühne– mit Ausnahme des Regals in Holzmuster (Tapete über den Brettern) – des Wiener Kosmos Theaters betritt, unterhält sich in Sätzen, die aus vor allem Facebook stammen könnten, über dieses Regal. Die Rollen wechseln.

Zunächst ist es Johanna Sophia Baader, der das Regal geliefert wurde und sie nicht weiß, wie sie dazu kommt. Das „postet“ sie in die Welt der digitalen Kommunikation – hier natürlich gesprochen in den Bühnenraum. Die Kommentare lassen nicht lange auf sich warten. Vielleicht hast du bei einem Gewinnspiel mitgemacht, meint Gesa Geue. Die Verneinung dessen, ruft den Erklär-Bären auf den Plan. Samuel Simon lässt einen Sermon los, wie Erinnerungen Menschen täuschen können. Doch, nein, es geht um mehr/anderes als Mansplaining. Der gleiche Trialog spielt sich mit vertauschten Rollen im weiteren Verlauf des Stücks nochmals ab.

Das Große ist viel zu klein

Die Stunde – Text & Regie: Milena Michalek, Sahba Sahebi, die tatsächlich im Netz Materialsuche betreiben haben – dreht sich um diese oft verbissen geführten Diskussionen im Netz, vielmehr oft eher ums Loswerden der eigenen Position, häufig ohne Eingehen auf das von anderen Geschriebene. Nicht selten auch losgelöst vom realen Geschehen. Das kommt in dem – immer wieder sehr witzigen Stück, dessen Humor nicht zuletzt davon lebt, dass die meisten im Publikum solche und ähnliche Postings kennen, mitunter sich daran beteiligen – Stück wohl am krassesten in jenen Passagen heraus, in dem die jeweiligen Neu-Besitzer:innen des Regals klagen, dass es viel zu klein sei. So klein, dass nicht einmal die eigene Bücher- oder Gewürze-Sammlung reinpasse. Die im Übrigen aus zwei Büchern bzw. zwölf Gewürzen, die im Zuge eines anderen Onlinekaufs erworben worden sind, bestehen.

Das Trio umkreist das Regal – verbal und körperlich. Ja in der letzteren Dimension erklimmen die drei abwechselnd sogar die Bretter, die das Stück bedeuten, Geue bzw. Simon entrollen dabei ihre zuvor die ganze Zeit eingewickelten urlangen Hosenbeine (Bühne & Kostüm: Tanja Maderner). Nicht zuletzt, um nochmals die Größe des Ungetüms, zur Geltung kommen zu lassen – als Gegensatz zwischen Realität und dem was sie selber darüber verbreiten.

Spruch„weisheiten“

Das Regal ist übrigens so groß, dass es tatsächlich erst auf der Bühne zusammengebaut werden konnte, weil es so wie es da steht durch keine Türe hindurch transportiert werden hätte können. Apropos Tür – neben dem Regal sind auch so manche Allerwelts-„Sprüche“ Thema des ironischen Zerlegens an diesem Abend wie „wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich sicher woanders mindestens eine andere“ oder „wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her“, „andere Mütter haben auch schöne Söhne“… In null komma nix mit wenigen Sätzen, oft nur Andeutungen nehmen die drei Schauspieler:innen diese und solche „Weisheiten“ auseinander. Und zeigen damit, dass sinnbefreite Sager nicht eine Erfindung des Social-Media-Zeitalters sind.

Aber auch den bitteren Nachgeschmack zurücklassen, dass es sich dabei um First-first-World-Problems handelt.

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Szenenfoto aus "Die Namenlosen" der Performancegruppe "Nesterval"

Fast hautnah am Geschehen tödlicher Ausgrenzung

Zwei Männer treffen einander, offenbar heimlich im Dunkeln. Schauen sich ängstlich um, fühlen sich verfolgt, laufen davon. Ein erster Eindruck aus der Wanderung durch einen der Gänge zwischen von schwarzen Stoffen abgehängten Szenen-Orten in einer großen Halle des ehemaligen Nordwestbahnhofs (Zugang über brut, Wien-Brigittenau, 1200). Ein Eindruck, den nicht alle Zuschauer:innen haben. Denn jede und jeder muss sich entscheiden, welchen Weg sie/er einschlägt: Welchen Protagonist:innen folgen? Bei dieser/diesem bleiben oder zu anderen wechseln.

Eigene Wege finden

Mehr als 160 verschiedene Szenen, 300 Seiten – das könnte keine Zuschauerin/kein Zuschauer bewältigen. Und es würde logistisch gar nicht möglich sein, weil viele Szenen zeitgleich spielten. So erlebt nach einem kurzen gemeinsamen Intro in der „Kantine der Porzellanfabrik Nesterval“ nicht jede und jeder im Verlauf des rund dreistündigen Geschehens im Wander-Stationenstück „Die Namenlosen“ dasselbe, jedenfalls kann niemand alles erfahren. Dafür aber bist du – mit einer Handvoll anderer – sehr nah am Geschehen, oft in engen Räumen fast hautnah dran, tauchst in privateste Situationen ein.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Namenlosen“ der Performancegruppe „Nesterval“

Jede und jeder muss aber nicht bei der zuerst gewählten Figur bleiben. Wechseln in ein anderes Ambiente, einen anderen Erzählstrang mit anderen handelnden Personen ist jederzeit möglich. Sorgt zwar vielleicht für kurzfristiges Grübeln – bei wem und welcher Handlung bin ich da jetzt gerade. Aber auch möglich. Vielleicht, nein wahrscheinlich nicht ganz so intensiv wie beim Dranbleiben an einem Strang…

Wahre Hintergründe

Spätestens seit Nennung des Kantinen-Namens im vorigen Absatz ist klar, es handelt sich um eine, die jüngste, Produktion der Performance-Gruppe Nesterval rund um Teresa Löfberg (Buch) und Martin Finnland (künstlerische Leitung, Regie und Schauspiel – in der Rolle des Fotografen F.). Für „Die Namenlosen“ haben vor allem die beiden sowie Gisa Fellerer und Lorenz Tröbinger als Co-Autor:innen mit Andreas Brunner von qwien.at inhaltlich und dokumentarisch zusammengearbeitet. Letzterer hat u.a. mehr als 60 Biografien von Männern, Frauen und Personen, die heute als Trans* oder intergeschlechtlich gelesen werden können, und die in der Nazi-Zeit wegen homosexueller Handlungen verfolgt wurden, recherchiert und als Buch veröffentlicht (siehe Info-Box am Ende des Beitrages).

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Namenlosen“ der Performancegruppe „Nesterval“

Puzzles aus echten Lebensgeschichten

So manche dieser Lebensgeschichten dieser echten Menschen sind als Puzzlestücke eingeflossen in jene Charaktere des Stücks, die nur mit Anfangsbuchstaben bezeichnet sind und als Ensemble der „Namenlosen“ gespielt werden. Als Gruppe stehen diesen Verfolgten „Die Anderen“ gegenüber, die Rollennamen tragen und auf der Seite des Regimes stehen – zumindest anfangs und lange Zeit. Zu ihnen gehören unter anderem die Fabriksbesitzerin Martha Nesterval (Aston Matters) und ihr Ehemann, der Arzt Arthur Nesterval (Johannes Scheutz), der nicht nur seine Ehefrau demütigend behandelt, sondern den Fotografen F. (wie schon oben erwähnt: Martin Finnland) in jenes Bad lockt, das als Schwulentreff bekannt ist. Der schöpft Hoffnung, wenn sogar so einer wie der Arzt auf ihrer Seite steht, dann könnte der sie vielleicht vor Verfolgung schützen.

In einer sehr intensiven Szene im Bad stellt sich jedoch heraus, was zu vermuten war, dass es sich um eine Falle handelt, um F. an die Nazis auszuliefern. Mit fürchterlichen, letztlich tödlichen Folgen für diesen.

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Szenenfoto aus „Die Namenlosen“ der Performancegruppe „Nesterval“

Rettungsversuche

Du kannst aber eventuell auch die Filmschauspielerin R. (Romy Hrubeš) begleiten, die versucht, ihre Berühmtheit und auch Beleibtheit bei Nazi-Bonzen zu nutzen, um die eine oder den anderen der Verfolgten zu retten – was immer weniger gelingt. Es gibt unzählige Erzählstränge, Figuren und Szenen, die natürlich immer wieder das eine oder andere Mal zu Überschneidungen und Begegnungen führen.

Wandlungen

Und die – spätestens mit der Wende im Krieg und der sich abzeichnenden Niederlage der deutschen faschistischen Wehrmacht – dazu führen, dass einstige glühend-fanatische Anhänger:innen sich vom „Führer“ entfernen. Und sei es „nur“, weil sie nun ihr eigenes Leben bedroht sehen, nachdem sie doch – wie der Arzt – an die Front beordert werden.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Namenlosen“ der Performancegruppe „Nesterval“

Heftigst ist die Schluss-Szene mit ihren schlichten Grabstellen und einem – alles sei nicht gespoilert, darum nur verklausuliert umschrieben – krassen Bezug zur Realität jenseits der fiktiven Figuren des intensiven dreistündigen Stationen-Theaters, das schon emotional sehr mitnimmt. Da kommt – meiner Meinung/meinem Gefühl nach dann der Übergang zum fröhlichen Ende wieder in der Kantine mit Schlussapplaus zu abrupt.

Wenngleich in der Kantine, die anfangs als Art Bar einer der letzten Zufluchtsorte für queere Menschen in der Zeit des aufkommenden Faschismus ist, nun am Ende Chansons wie „Kann denn Liebe Sünde sein?“ der inhaltliche Bogen wieder geschlossen wird.

Szenenfoto aus

Aktuelle Bezüge

Apropos Inhalt: Das ausführliche Programmheft weist nicht nur auf die Geschichte der Verfolgung homosexueller oder von Trans*-Menschen hin, sondern stellt natürlich auch Bezüge zu aktueller Homophobie in verschiedensten Teilen der Welt her, die auch vor Österreich nicht Halt machen – siehe die erst wenige Wochen zurückliegende Kampagne mit Aufmarsch Rechts(extrem)er gegen eine Kinderbuchlesung einer DragQueen.

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Foto bei einer der Proben - nicht jener, die KiJuKU.at besuchte: Es sollen keien falschen optischen Eindrücke vermittelt werden, daher nur aus Besprechungssituationen

Bewegen und tänzeln bis der (Sprach-)Rhythmus passt

Über dem Eingangstor in der Wiener Kaiserstraße stehen die Buchstaben „Bienenhof“. Es duftet nicht nach Honig, Blüten und Blumen finden sich auch nicht. Aber neben dem Firmensitz einiger Geschäfte und Produkte rund um Honig geht’s zeitweise doch ähnlich zu wie in einem Bienenstock. Hier finden sich seit Jahrzehnten Proberäume des Theaters Heuschreck, das seit Jahrzehnten farbenfrohe Fantasie bei jungem Publikum und dessen älterem Anhang setzt. Und immer wieder mieten sich andere Theatergruppen hier in diesen Proberäumen ein. Derzeit das aktionstheater ensemble. Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… durchquert die mehreren Höfe bis zum Ende und stapft die Stufen hinauf in den Proberaum, um ein paar Stunden dem Entstehungsprozess der jüngsten Produktion zuschauen und -hören zu dürfen. „Morbus Hysteria – Wir haben alle Recht“ hat Ende Mai im Werk X in Wien-Meidling Premiere – ausnahmsweise, sonst finden die Uraufführungen meist in Vorarlberg statt bevor die Spielserie in Wien steigt.

Rhythmus suchen und finden

Bevor jedoch auch nur ein Wort auf dem Tanzboden und einem weiteren mit Klebestreifen markierten Stück davor, die die originale Bühnentiefe markieren, fällt, bewegen sich die Schauspieler:innen durch den Raum. Nicht wahllos zum Aufwärmen, sondern gezielt, in Gruppen, synchron bewegen sich Michaela Bilgeri, Thomas Kolle, Benjamin Vanyek – Tamara Stern ist an diesem Probentag krank – diagonal übers Feld. Kirstin Schwab ist irgendwie gegenteilig unterwegs. Den Sitzball mit ihren Armen mal hoch, dann weniger hoch gehalten, schaut sie sich um. Sucht – nicht zielgerichtet. Blick sich um – hin und wieder verschreckt, verstört. Bringt Verwirrung zum Ausdruck. Zwischen „was ist mit denen los“ und „bin ich auf dem richtigen Weg?“

Irgendwie drängt sich der oben genannte Schriftzug über dem Hauseingang auf – Wo geht’s hier zur nächsten Blüte, um Nektar zu zapfen? Aber schnell weggewischt, denn das würde sicher genauso ablaufen, wenn das Ensemble woanders proben würde 😉

Gesamtkunstwerk

Mehrfach wiederholt das Ensemble die Schritte und Bewegungen – nicht in Form eines Einübens, sondern selber noch insgesamt suchend. In einer andere Szene sagt Kirstin einmal „also so, fühlt sich die Bewegung auf dem Ball jetzt für mich ganz falsch an“. Die Sitz-Folge auf den Bällen wird wieder geändert, jetzt wirkt’s stimmig.

Passt alles zusammen, stimmt ein gewisser Rhythmus? Denn das kennzeichnet – neben inhaltlicher Tiefe, Bissigkeit, Humor und Selbstironie – Stücke des aktionstheater ensembles meist in den bisherigen fast dreieinhalb Jahrzehnten.

Nach einigen Wiederholungen scheinen die Bewegungen und Gänge in dieser Szene ziemlich stimmig, nun das Ganze mit Musik. Die Live-Musiker:innen Nadine Abado, Andreas Dauböck, Pete Simpson unterlegen die Szene mit stimmigen Sounds, in anderen dominieren eher sie, geben Takt und Rhythmus vor – auch wenn es mitunter genau gegengleich läuft/laufen soll: Musik rauf, Bewegung runter und umgekehrt – die Gesamtenergie muss passen.

Stimmungsvolles Gruppenfoto als Sujet fürs kommende Stück
Stimmungsvolles Gruppenfoto als Sujet fürs kommende Stück

Miteinander

Kritischer, fördernder und fordernder teilnehmender Beobachter der Szenerie ist mittig vor dem Geschehen sitzend Martin Gruber, Mastermind und „Vater“ des aktionstheater ensembles, der jedoch stets ausstrahlt: Wir entwickeln das jetzt gemeinsam. Und tun dies sicher nicht nur, wenn ein Medium zu Besuch ist! Er ist übrigens wohl einer der ganz wenigen, die Regie führen, und doch bei (fast) jeder Aufführung auch anwesend ist – mit gemeinsamer Einstimmung vor dem Stück und gemeinsamer Reflexion danach.

Beim KiJuKU-Probenbesuch mit dabei noch Valerie Lutz, die für Kostüme und Bühne zuständig ist, „Resa Lut“, die Videos produziert, die eingeblendet werden, hin und wieder auch Martin Ojster (Dramaturgie), der nur immer wieder raus muss, um telefonisch das eine oder andere zu checken. Unmittelbar vor der Bühne am Boden sitzt Regie-Assistent Johny Ritter – vor sich auf dem aufgeklappten Laptop-Monitor den Test der aktuelle Stückfassung.

Denn irgendwann wird die Szene natürlich auch mit Text geprobt. Johny spricht jene Sätze ein, die von der erkrankten Tamara kommen würden und ganz selten hilft er bei „Hängern“ aus, die die eine oder der andere kurzfristig hat.

„Das hat ja schon eine Frau gesagt“

In der eingangs geschilderten Szene dreht sich der Text dann um die Erkenntnis, dass das was einer der Männer so groß hinausposaunt im Prinzip dasselbe ist, das Kirstin schon wenige Augenblicke vorher gemeint hat. Eine – noch immer – häufige Alltags-Erfahrung: Aussagen von Frauen werden häufig(er) ignoriert, sagt ein Mann das wenig später, wird ihm zugehört. Ähnliche Muster erleben auch andere an den Rand gedrängte Gruppen.

Hauseinang zum Probenraum
Im „Bienenhof“ „wohnt“ das Theater Heuschreck mit seinem Probenraum, den auch das aktionsetheater ensemble immer wieder nutzt …

Raus aus den Bubbles

Um Kommunikation, um die „Blasen“ (Bubbles), ums Recht-haben dreht sich das neue Stück. „Der Untertitel (wir haben alle Recht) war unser Ausgangspunkt“, sagt Martin Gruber am Beginn der Gesprächsrunde des Ensembles mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… in der Pause zwischen Proben-Einheiten. Und wie immer haben in dem Fall Michaela Bilgeri, Thomas Kolle, Kirstin Schwab, Tamara Stern und Benjamin Vanyek eigene Beispiele eingebracht. Wenngleich nicht immer jede und jeder die eigenen Erlebnisse darbringt, die auch verändert werden können im Laufe der Proben. Das Beharren auf eigenen Positionen, das ich, ich, ich nur ich, das Diskurs, Diskussion, Austausch verunmöglicht, Gräben aufreißt, Solidarität verhindert, Populist:innen den Boden aufbereitet … das will das aktionstheater ensemble thematisieren. „Aber wir wollen auch keine fertige Antwort geben. Wir sind nicht diejenigen die sagen, was richtig ist. Nur wir haben Recht. Wir wollen Anstöße zum selber Nachdenken, zum Reflektieren des eigenen Verhaltens liefern“, so die Conclusio aus der Gesprächsrunde mit den Akteur:innen auf der Bühne und dem Regisseur.

Das Labile, das In-Bewegung-Sein – auch im Sitzen – wird dann nicht zuletzt in den Sitz-„Bubbles“ (!) zum Ausdruck kommen.

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Die Zeichnung der Wiener Siegerin und ihre Volksschulklasse

Gute Luft und Stimmung in Klassenzimmern

9000 Kinder und Jugendliche hatten in den vergangenen Wochen und Monaten vor allem Zeichnungen, manche auch Fotos von gebastelten Arbeiten zum Thema „Gute Laune, gute Luft“ eingeschickt. Damit nahmen sie teil am mittlerweile neunten Schulwettbewerb „Luftsprung“ der Plattform „MeineRaumluft“

Kürzlich ging der zu Ende, für jedes Bundesland wurden von einer Jury die nach deren Meinung besten Bilder ausgezeichnet, viele davon farbenfrohe, fröhliche Clowns und Clowninnen – kein Wunder, lautete die „Aufgabe“ doch einen „Luftclown“ zu gestalten, der für eine positive Stimmung im Klassenzimmer sorgen soll.

Marie Böhm, die Landessiegerin aus Wien
Marie Böhm, die Landessiegerin aus Wien

Die Plattform, die Lüften und damit eine gesündere Luft in den Klassenzimmern promoten möchte, hat sich für das oben genannte Motto für dieses Schuljahr entschieden, es „soll Lehrkräften dabei helfen, nach den herausfordernden Pandemie-Jahren wieder mehr Spaß und Freude in den Klassenraum zu bringen.

Mit dieser Bastelarbeit gewann Alexander Neuweg aus der Volksschule St. Aegidi den neunten
Mit dieser Bastelarbeit gewann Alexander Neuweg aus der Volksschule St. Aegidi den neunten „Luftsprung“-Bewerb in Oberösterreich

Lüüüüüüften!

Übrigens präsentierten vor ein paar Jahren Jugendliche in einem Finalprojekt des Schulwettbewerbs Jugend Innovativ – lange vor Corona – Messungen, wonach in einer durchschnittlich vollbesetzten Schulklasse pro Schulstunde ungefähr sechs bis sieben Mal gelüftet werden sollte/müsste!

Hier nun die Sieger:innen, viel mehr ihre Zeichnungen bzw. gebastelten Objekte, aus den acht teilnehmenden Bundesländern Burgenland, Kärnten, Nieder- und Oberösterreich, Salzburg, Steiermark, Tirol und Wien. Hätte aus Vorarlberg auch wer mitgemacht hätte es heuer sozusagen mehrfach „alle 9e“ heißen können: Neunter Durchgang des Bewerbs, 9000 Teilnehmer:innen…

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Die „Luftsprung“-Gewinner:innen-Bilder aus den Bundesländern

Szenenfoto aus "Pinocchio" im und vom Marionetten Theater Schwandorf (Deutschland)

Mit Pinocchio wurde das erste Theater der Kleinstadt eröffnet

„Hör auf, unsere Karriereleiter zu essen! Du Holzkopf!“, sagt die Sockenpuppe Chisèl auf der kleinen Nebenbühne zu ihrem Sockenpuppen-Partner Hazel. Die Hände, um sie zu bewegen leiht ihnen Michael A. Pöllmann. Es sind sozusagen mit die ersten Worte und Bewegungen in diesem neuen Marionettentheater in der Oberpflanz (Deutschland). Dabei handelt es sich um das allererste feste Theaterhaus in Schwandorf, einer immerhin 30.000 Einwohner:innen-Stadt. Eigentlich liegt das Theater in Fronberg, das mit seinen nicht ganz 2000 Menschen seit 50 Jahren zu Schwandorf gehört (seit einer Gebietsreform 1972).

Wenig später begann der Schwandorfer Kunstlehrer Raimund Pöllmann mit Marionetten-Figuren, die er mit Schüler:innen im Werkunterricht und seiner Frau Christine baute, Stücke rund um Weihnachten zu spielen – meist im Dachgeschoss der „Kebbel-Villa“, dem Oberpfälzer Künstlerhaus, das gleich neben dem neuen Theater liegt.

Zurück zu den Wurzeln

Michael, meist Micha genannt, wuchs in Schwandorf, wohin die Pöllmanns gezogen waren, um vom Schulamt gemeinsam Stellen als Lehrer:innen zu bekommen, auf. Und war von Klein auf mit den Figuren, die an Fäden hängen und mit den Händen über hölzerne Kreuze bewegt werden, vertraut. Als Jugendlichen zog es ihn jedoch raus aus der Kleinstadt, zunächst nach Ulm zum Schauspielstudium. Und später nach Wien. Obwohl er selbst auf der Bühne spielte, zog es ihn später wieder zum Spiel mit Figuren und Objekten, die vor allem Scarlett Köfner designt und baut. Gerne arbeiten Scarlett Köfner und Michael Alexander Pöllmann in internationalen Koproduktionen z. B. mit den slowenischen Puppenbauer:innen Aleksander Andželović, Darka Erdelji und Primož Mihevc Köfner vom Puppentheater Maribor.

2019 übernahm Micha die Leitung des Schwandorfer Marionettentheaters und als die ehemalige Bankfiliale neben dem Künstlerhaus frei wurde, gelang es den Puppenbauer:innen den Oberbürgermeister und die Stadtverwaltung für die Idee eines fixen, wie schon geschrieben, ersten Theaterhauses zu begeistern. Gespielt wird – ein breites Spektrum von Stücken – auf Wunsch der Puppenspieler:innen aus Schwandorf werden aller Voraussicht nach auch wieder alte Stücke der Eltern aufgenommen – immerhin gibt es dazu einen Fundus aus einigen Hundert Figuren. Pöllmann und Köfner verlegen ihren Lebensmittelpunkt aber nicht aus Wien nach Schwandorf, sondern kommen, um blockweise im neuen Theter in der Oberpfalz zu spielen und Workshops zu geben – ins Marionettenspiel aber auch in Upcycling.

Eröffnungsproduktion war aufgelegt

„Pinocchio war als Eröffnungsproduktion aufgelegt. Wenn aus einem Stück Holz eine lebendige Figur wird, gibt’s nichts Besseres für ein Figurentheater“, so Pöllmann zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… Auf Einladung des neuen Theaters reiste kijuku.at nach Schwandorf, um zu berichten.

Pöllmann und Köfner bauten aber nicht nur die Puppen und Objekte für das Stück, sie bauten auch das einstöckige Bankhaus in ein Theater um, vor allem der Raum über der Bühne ist ausgetüfelt. Von hier aus ziehen die Spieler:innen, teils ehemalige Schüler:innen von Pöllmann senior, der heuer 85 Jahre wird, die Fäden. An diesen hängen u.a. mehrere Pinocchios – einer sogar mit einem Spezialmechanismus, mit dessen Hilfe die Nase aus dem Kopf weit rausgefahren werden kann. Das Wachsen der Nase beim Lügen gehört einfach zu dieser klassischen Figur, die Carlo Collodi erfunden hat.

Fantasievolle Abweichungen

Ansonsten hat Michael A. Pöllmann eine doch eigene Version nach dem Original entwickelt, die zwar entlang der bekannten Geschichte aber mit fantasievolleren Ausflügen und Abweichungen erzählt. So wird die Fee praktisch zu so etwas wie der Mutter Pinocchios oder zumindest der Lebensgefährtin des Tischlers Gepetto, der ja doch der Vater des lebendig gewordenen hölzernen Jungens ist.

„Ein bisschen eigen sind wir schon, wir drei“, sagt Gepetto kurz vor Schluss.
„Fee: Wieso eigen? …
Pinocchio: Ein alter Träumer, eine blaue Fee und eine lebendige Holzpuppe.
Gepetto: Tja, normal ist anders.
Fee: Nein, anders ist normal.
Gepetto: Sind wir eben eigen. Normal eigen.
Pinocchio: Wie auch immer, Hauptsache zusammen…
… Fee: Ihr seid die allerschrägsten Typen dieser Welt..
Alle (3): Wir sind die besten Ruhestörer auf der Welt.“

Die eben zitierte Passage gegen Schluss des rund 1 ½-stündigen Stücks bringt stark den kompletten Bruch mit dem Grundtenor des Originals als Art „Erziehungsroman“ zum Ausdruck. Der schlug/schlägt sich nicht zuletzt in dem eher diskriminierenden Namen nieder, steht doch Pinocchio eher für Dummkopf (pinco = Dummkopf). Hier aber wird die Neugier des kleinen Jungen gefeiert und (nicht nur) sein Anders-Sein!

Side-Kicks

Zu den Abweichungen bzw. Erweiterungen gehört auch das schon eingangs zitierte Holzwurmpärchen als witzige Side-Kicks, die auf der kleinen Nebenbühne beginnen, mehrmals zwischendurch auf der großen Marionettenbühne in Erscheinung treten, mitunter das Geschehen in der Pinocchio-Geschichte kommentieren. Vor allem aber unterhalten sie sich über wertvolle Nahrung im hölzernen Theater, wobei Hazel (Haselnuss) sich von der französisch ausgesprochenen Variante des englischen Begriffs für Meißel (chisel) einbremsen lassen muss.

Musik

Die Stimmen – von Schauspieler:innen eingesprochen – kommen sozusagen vom Band. Das Marionettentheater gab darüberhinaus Musik in Auftrag, die Nele den Broek komponierte und die Liedtexte sang. Der erste Song orientiert sich an Bert Brechts und Kurt Weills „Dreigroschenoper“ – auch da die ersten Zeilen – von der Ausruferin Lucinola fast aufgelegt: „Und Gepetto hat ein Messer und das trägt er in der Hand…“

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Compliance-Hinweis: Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… wurde vom Marionetten Theater Schwandorf auf die Reise und den Aufenthalt in dieser Stadt eingeladen.

Weitere Fotos aus dem und rund um das neue Theater

Jüngste Historie

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Montage aus zwei Fotos - Lilli Böckl (11) führt Objekte im "tapferen Schneiderlein" und ERika Eichenseer (89) begegnet ihrem Puppen-Ebenbild - und Logo vom Marionetten Theater Schwandorf

Von sehr jung bis ziemlich alt

Lilli Böckl ist elf Jahre, am Tag der Premiere des neuen Marionetten Theaters Schwandorf hilft sie rund um mit, schreibt mit Kreide auf eine kleine schwarze Tafel, was es alles nach dem Stück zu trinken gibt. Vor allem aber fühlt sie sich schon heimisch, weil sie selbst seit rund einem Jahr in manchen Stücken – eben noch nicht in diesem Haus – mitwirken durfte. „Dort wo wir bis jetzt gespielt haben, war’s schon sehr eng, da mussten wir uns ganz schön zusammenquetschen“, freut sie sich im Gespräch mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… „dass wir da jetzt mehr Platz haben“. Das gilt für jene, die von oben Marionetten an Fäden führen aber auch für die, die zu ebener Erde von der Seite oder von unten Puppen oder Gegenstände an Stäben bewegen.

Im „Tapferen Schneiderlein“ hat sie Luftballons, die Gegner gegen die der Held kämpft, zerstochen, bei anderen Stücken Herzen bewegt, Kirchturmglocken läuten lassen, Torten auf Servierwägen ins Spiel geschoben… „Du musst dir halt alles genau merken, wann du was machen musst“, verrät sie die Herausforderung. „Am Anfang ist mir manches zu schnell gegangen, aber jetzt kann ich das gut. Vielleicht spiel ich dann später einmal auch mit Puppen in einigen Stücken.“

Alter Geschichten-Schatz

Am anderen Ende des Altersspektrums taucht nach dem Stück Erika Eichenseer auf. Sie ist 89 Jahre und wird sozusagen von ihrem Puppen-Ebenbild begrüßt, an Fäden geführt von Scarlett Köfner, die auch diese spezielle Puppe gebaut hat. Sie selbst aus einem Kreis von Laienschauspieler:innen und befreundet mit den Pöllmanns erzählt kijuku.at: „Ich hab vor 15 Jahren einen wahren Schatz gefunden – in Regensburg in einem Archiv fielen mir die Originale der von Franz Xaver Schönwerth (1810 – 1886) gesammelten Sagen, Märchen, Kinderreime und -spiele in die Hände. Seither verbreite ich diese Geschichten bei allen möglichen Gelegenheiten, bei fachkundlichen und pädagogischen Tagungen zum Beispiel. Im Gegensatz zu den Grimm’schen Märchen sind die nie verändert und umgeschrieben worden. Und er stammte aus dieser Gegend.“ Und daraus wurde ein Stück, das wenige Tage nach der Eröffnung seine Premiere feierte – und im Sommer wieder gespielt wird.

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Szenenfoto aus „Don Q oder: Don Quijote rettet die Welt“

Noch ein Loblied auf Don Quijotes Fantasie

Dass der berühmte Ritter von der traurigen Gestalt nicht wirklich ein Ritter war, sondern sich nur durch das Lesen vieler solcher Romane in diese Rolle reinversetzte, das enthüllt „Don Q oder: Don Quijote rettet die Welt“ gleich zu Beginn. Und damit’s niemand vergisst, kommt das in dem einstündigen Stück (von dem es auch eine längere Version dann mit Band gibt) im Veranstaltungssaal der Wiener Hauptbücherei am Muttertag.

Szenenfoto aus „Don Q oder: Don Quijote rettet die Welt“
Szenenfoto aus „Don Q oder: Don Quijote rettet die Welt“

In (selbst-)ironischer Weise erzählen die beiden Schau- und Puppenspieler:innen Michaela Studeny & Ch. Picco Kellner einige der Abenteuer, darunter natürlich das wohl bekannteste vom Kampf gegen Windmühlen – auch wenn dies im Original von Miguel de Cervantes (1547 – 1616) keine zwei von rund 1500 Seiten umfasst. Ein riesiger Schirm mit aufgemalten Flügeln wird zu den sich drehenden Flügeln der Windmühle. Ebenso wie ein Leiterwagen später zum Esel, davor zum Gasthaus, Himmelbett der Wirtin, die der in seiner Fantasie versinkende „Ritter“ für eine Königin hält. Sie möge ihn zum Ritter schlagen – das mit den Schlägen spielen die beiden slapstickartig zum Gaudium der vollbesetzten Publikumstribünen. Für den friedlichen Part sorgt dann Knappe Sancho, den Kellner als Person verkörpert – den Don Quijote spielt er mit einer Klappmaulpuppe: „Ich bin kein Feigling“, kontert er dem Möchtegern-Ritter, „ich kämpfe halt nur nicht so gern!“

Schnappschuss aus der Windmühlen-Szene in „Don Q oder: Don Quijote rettet die Welt“
Schnappschuss aus der Windmühlen-Szene in „Don Q oder: Don Quijote rettet die Welt“

Wie auch „Frau Franzi“ in „Don Quijote, oh mein Gott“ – Link zur Besprechung dieses Stücks, das vor einem halben Monat Premiere hatte, am Ende dieses Beitrages – spielt und singt (Livemusik und -gesang: Robby Lederer) auch diese Koproduktion von Theatro Piccolo und Figuren Atelier Wien (bzw. bei der längeren Version mit Gomera Streetband) ein Loblied auf die Fantasie (Text: die beiden Spieler:innen sowie Eva Billisich, die auch Regie führte).

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Skulpturen im Park - geschaffen von Künstler:innen, die zeitweise hier arbeiteten: "Himmelszeichen" von Hubert Baumann

Künstler:innenhaus, Theater, Dirt-Bike-Parcours

Neben und hinter dem Marionetten Theater Schwandorf liegt ein großer Park mit unterschiedlichsten Skultpuren. Sie stammen von Künstler:innen, die als Artists in Residence in der neben dem Theater liegenden „Kebbel-Villa“, dem „Oberpfälzer Künstlerhaus“ für jeweils rund ein bis zwei Monat(e) zu Gast sind und in Ateliers in einem relativ neuen Nebengebäude arbeiten – derzeit gastieren die Bildenden Künstlerinnen Polina Shcherbyna aus dem ukrainischen Kyiw, Camille Tsvetoukhine aus Paris (Frankreich) sowie die Autorin Marie-Anne Legaut aus Abitibi (Quebec, Kanada), um hier zu leben und künstlerisch zu arbeiten. Im Gegenzug ermöglicht diese seit rund 40 Jahren bestehende Einrichtung regionalen Künstler:innen Auslandsaufenthalte bei/mit Partner-Institutionen.

Das Künstler:innen-Haus beherbergt laufend Ausstellungen – aktuell Michael Franz: New Sad und India Nielsen: I’m in the Dark Right Now (Feeling Lost, but I like it) sowie Jacky Conolly: Descent Into Hell. Außerdem bietet die Kebbel-Villa künstlerische Werkstätten für Kurse in verschiedensten Techniken wie Lithografie, Radierung, Siebdruck usw.

Einstiges Wohnhaus der Eisenwerk-Besitzer-Familie

Die Villa war der einstige Sitz der Eigentümer:innen des Eisenwerks in der Nähe. Das existiert noch immer – einige Künstler:innen wie Leah Jacobson, Klaus Caspers und Hubert Baumann haben in Zusammenarbeit mit dem Werk  Skulpturen geschaffen; Erstere baute eine bunte, metallene „Naturbrücke“, Zweiterer brachte schienenartige Metallteile zum „tanzen“ und der dritte genannte Künstler schuf „Himmelszeichen“ an langen Stangen.

Gleich hinter dem Theater zwitschert’s aus einem Baum – doch es handelt sich nicht um echte Vogelstimmen, sondern um eine Art Remix aus verschiedensten „Vogelliedern“, die Stephan Dillemuth selbst komponiert hat. In Titeln wie Erdmusik oder Flügelstaub im Glockengestühl stellt er Verbindung von Vogelgezwitscher und zeitgenössischer Kunstwelt her.

Künstliche und künstlerische Vogelstimmen

„Die Vogelstimmen“ hat er vor mehr als 20 Jahren aufgenommen und (als CD) veröffentlicht. Seine Inspiration dazu holte er sich von der Künstlerin Louise Lawler, die 1972 eine Schallplatte veröffentlicht hat, auf der sie die Namen männlicher Künstler in Form von Vogelstimmen wiedergibt. Bei Dillemuth lassen sich bei genauem Hinhören nicht nur die Namen von Künstlern, sondern auch von Künstlerinnen ausmachen: „Tracy Emin“ und „Sarah Lucas“ etwa tauchen zusammen mit „Jake & Dinos Chapman“, „Peter Doig“ und „Damien Hirst“ auf.

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Eines der Kunstwerke - samt einem vergrößerten Detail von India Nielsen
Eines der Kunstwerke – samt einem vergrößerten Detail von India Nielsen

Theater-Geschichte

Im Dachgeschoß der Kebbel-Villa spielte Raimund Pöllmann, Vater des nunmehrigen Leiters des nebenan gelegenen Marionetten Theaters Schwandorf, mit Schüler:innen seit 1977 Figurentheaterstücke – rund um die Weihnachtszeit jeweils ein Stück für Kinder und eines für Erwachsene. „Vor fünf Jahren rund um den 80. Geburstag von Pöllmann senior ergaben sich dann erste Gespräche die Stadt könnte das freiwerdenden Nebengebäude der Sparkasse erwerben und daraus ein Marionetten Theater machen“, sagt Oberbürgermeister Andreas Feller in einem Telefonat mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr…

„Ja, es stimmt“, so der OB auf die Journalistenfrage, ob es in der Stadt mit rund 30.000 Einwohner:innen bisher gar kein Theater gegeben habe, „aber nur, kein eigenständiges Haus, wir haben Vereine, die Theater spielen – teils im Innenhof des Schlosses, teils im Felsenkeller-Labyrinth und jahrzehntelang eben auch in der Kebbelvilla, die auch von der Stadtgemeinde stark unterstützt wird.“

Interview mit dem Oberbürgermeister

Außerdem verweist der Oberbürgermeister (CSU) darauf, „dass wir das Theater mit einer sensationell günstigen Miete unterstützen mit dem Angebot, dass das Theater auch für Schulen und Kindergärten spielt. Außerdem erhoffen und erwarten wir uns als Stadt gegenseitige Befruchtung von Künstlerhaus und Theater, das auch andere Veranstaltungen wie Lesungen, Konzerte und Kleinkunst präsentieren wird.“

KiJuKU: Gibt es andere Initiativen für Kindern und/oder Jugendliche?
OB Andreas Feller: Wir haben mitten in der Stadt einen eigenständigen Jugendtreff K3, geben einen Kinderstadtplan heraus und haben einen Jugend-Beirat ins Leben gerufen.

KiJuKU: Der kann was und wird bestimmt oder gewählt?
OB Andreas Feller: Jugendliche zwischen 12 und 18 aus der Stadt können sich in diesem offenen Gremium engagieren. Der Beirat macht Vorschläge – für Konzerte, Bürger-Freiflächen. Offen ist noch eine neue Skater-Anlage, da ist noch nicht klar, ob das alles planungsrechtlich abgesichert werden kann. Ich weiß schon, für Jugendliche geht immer alles zu langsam. In Planung ist außerdem ein Dirt-Bike-Parcours.

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Szenenfoto aus "Skriker" im Theater Arche (Wien)

Mystisch-düsteres Horromärchen über Abgründe

In einem mystisch, meist dunklen Ambiente mit sehr aufwändigem Bühnenbild spielen Schauspieler:innen und solche, die gerade ihre Ausbildung dazu machen das düster, teils Angst machende „Horror-Märchen“ namens „Skriker“ – eine Koproduktion von Yellow Cat Theatre mit der Open Acting Academy-Konservatorium für Schauspiel.

Apfel, Tierköpfe und Fluss zur Unterwelt

Wenige Tage spielt(e)n 18 Darsteller:innen die rund zweistündige Geschichte im Wiener Theater Arche. Im Schwedischen würde Skriker für Schreien stehen, aber die britische Autorin Caryl Churchill siedelte ihre (vor rund 30 Jahren geschriebene) sehr wandelbare Fee in einer schottischen mystischen Fantasiewelt an, einer Art Jenseits. Und paarte sie mit Märchen- und anderen Versatzstücken – von der Stiefmutter, die Schneewittchen mit einem Apfel vergiften will über Shakespeares Sommernachtstraum mit einem Menschen mit Tierkopf bis zur griechischen Mythologie mit dem Fluss Styx als Grenze zwischen Lebenden und Toten.

Dies- und Jenseits

In dieser Inszenierung (Regie: Colleen Rae Holmes) – 2017 war eine andere Version im Kosmos Theater zu sehen – wird die titelgebende Figur von drei Schauspielerinnen gespielt, die zeitweise im Trio, sehr oft aber abwechselnd allein und in immer neuen Gestalten in Erscheinung treten: Nadja Kruselburger, Pia Schiel und Matea Novak. Die beiden Hauptfiguren im Diesseits sind Josie (Jasmina Eder) und Lily (Julia Wiehart). Erstere war schon „drüben“ – irgendwie als Sühne für eine böse Tat womit sie sozusagen in den Bann der Skriker gekommen ist. Diese Last will sie abschütteln und auf Lily, die ein Kind erwartet, übertragen.

Großes Ensemble

Der Kampf der beiden – gegeneinander einer- und gegen die Inbesitznahme durch die Jenseits-Feen andererseits – steht im Zentrum des fast zweistündigen, emotional fesselnden Abends, der für so manche Schreckmomente sorgt. Die genannten fünf Darsteller:innen werden von gut einem Dutzend weiterer in vielen kleinen und größeren Rollen ergänzt – manche mit Tierköpfen, dominierend dabei der sehr oft präsente Wachhund aus dem Jenseits (Christian Georgita). Alle einzelnen Rollen, ihre Funktion sowie ihre Darsteller:innen zu nennen, wäre hier vielleicht zu verwirrend – sie alle machen aber erst aus dem doch lange dauernden Stück einen kurzweiligen Abend, ob sie nun nur kurz auftreten, spielen oder tanzen.

Echter kleine Flusslauf

Mehr als bemerkens- und erwähnenswert ist allerdings die vielleicht aufwändigste Bühne, die je in diesem Theater – noch dazu nur für wenige Vorstellungen – aufgebaut wurde: Die düstere, mystische Landschaft mit knorrigen Bäumen, Erde und einem kleinen Flusslauf – mit echtem Wasser – und viel Müll. Denn das jenseits, das Reich des Todes winkt nicht nur für individuelle böse Taten, sondern der ganzen Menschheit dafür, wie sie den Planeten zerstört.

Wobei dieses Jenseits, getrennt durch den Wasserlauf, vielleicht auch „nur“ das schlechte Gewissen, die eigenen dunklen Abgründe sind?! Das würde erklären, weshalb Lily beispielsweise verwundert ist über Josie, die von ihrem urlangen Aufenthalt in der anderen Welt spricht, ihre Abwesenheit aber kaum bis gar nicht wahrgenommen haben will.

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Doppelseite aus dem Bilderbuch "wir"

Wir … – sind da und vielsprachig

Von mirmirrok (grantig auf Kurdisch) über le latsche gondi hi (einfallsreich, Romani) lekful (tierisch, Schwedisch) bis niezapomniany (unvergesslich, Polnisch) kannst du dich in diesem fast 100-seiigen Bilderbuch lesen – und vor allem schauen. Linda Woldsgruber, vielfach ausgezeichnete Kinderbuchillustratorin und oft auch -autorin, hat ihr Buch „wir“ nach mehr als einem halben Jahrzehnt ergänzt, erweitert. Und wie!

Sprachen zugelost

2017 standen nur deutschsprachige Adjektive (Eigenschaftswörter) bei ihren gezeichneten Gesichtern. Womit schon die Sichtweise auf eine Zeichnung verändert werden konnte. In der neuen, brandaktuellen Version wurden den 44 gemalten Porträts verschiedene Sprachen zugeordnet. Wobei das zuletzt genannte Wort so nicht ganz stimmt. Um möglichen Klischee-Fallen zu entgehen – Österreicher:innen sind so, Nigerianer:innen so… -, wurden die Sprachen den Bildern und ihren deutschen Adjektiven zugelost. Diesen Vorgang filmte der Verlag und stellt ihn als Video ins Internet (Link dazu in der Info-Box am Ende des Beitrages).

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „wir“

Es tauchten noch weitere Fragen auf, denen sich Autorin/ Illustratorin und Verlag stellten. Nicht jedes Eigenschaftswort lässt sich einfach 1:1 übersetzen, bzw. hat in manchen Sprachen eine andere, vielleicht negativere Bedeutung. Umgekehrt gibt es ja in den verschiedensten Sprachen auch (fast) unübersetzbare Begriffe, natürlich auch bei Eigenschaften. So würde das Finnische „humalassa syntymästä asti“ auf Deutsch „seit meiner Geburt betrunken“ heißen, was aber mit Saufen gar nichts zu tun hat, sondern ungefähr so viel wie kreatives Ver-rücktsein von Anfang an bedeutet.

Um „Fettnäppfchen“ zu vermeiden, kontaktieren die Verleger:innen einerseits Menschen, für die die entsprechende Sprache ihre Erstsprache ist und andererseits auch Wissenschafter:innen. Anhand einer speziellen Herausforderung schildert der Verlag (Tyrolia) die Vorgangsweise: „Da es für Gebärden kein standardisiertes, schriftliches Darstellungssystem gibt – vom Fingeralphabet allerdings schon“, entschlossen sie sich, zickig mit den sechs Buchstaben-Gebärden des Wortes darzustellen – und ein Video der dazugehörigen Gebärde aufnehmen zu lassen – der entsprechende QR-Code im Buch führt zu diesem. Wobei’s noch ein bissl komplizeirter war, aber das lässt sich im pädagogischen Begleitmaterial im Detail nachlesen – Link in der Infobox.

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „wir“

Ergänzungen, Erweiterungen im Internet

Dem Internet sei Dank, finden sich auf der Verlags-Homepage zum Buch darüber hinaus auch Kopiervorlagen, u.a. für Burgenlandkroatisch. Die lassen sich ergänzen – möglicherweise um weitere Sprachen oder solche, die sich aus Anregungen und vielleicht auch Kritik ergeben, so wurde „übersehen“, dass manche Sprachen in mehreren Schriften existieren, etwa Serbisch oder Kurdisch – bzw. bei letzterem es sogar mehrere kurdische Sprachen gibt. Und Alphabete, die nicht von links nach rechts, sondern umgekehrt geschrieben werden, hätten vielleicht auf den Seiten auch rechts statt links beginnen können.
Und cool wäre es auch noch: Begriffe in anderen Schriften vielleicht dort entweder in Lautschrift oder per QR-Code oder Audio-File zum Anhören zu platzieren. „Das Buch soll aber ja auch anregen, Leute zu suchen, die diese Sprachen können und es dann vorsagen“, heißt es auf die entsprechende kijuku.at-Anregung. Also auf zum Sprachen-Sammeln 😉

Wie auch immer – das Buch kann vor allem in Kindergärten und Volksschulen einen Gutteil der Sprachen, die Kinder aus ihren Familien mitbringen, zur Sprache bringen, zur Weiterarbeit anregen, zum Diskutieren und Spielen, wie mit Gesichtsausdrücken – oder auch Körperhaltungen – Gefühlen dargestellt werden können. Und „Wir“, das auf der Rückseite des Buches um „…sind da“ ergänzt ist, zeigt die Wertschätzung über vorhandene Vielfalt und den natürliche Umgang damit – und kann somit Einfalt verhindern.

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Szenenfoto aus "Kassandra 4D"

Nehmt die „blinde Seherin“ endlich ernst!

Grünlich-bläuliche Bubbles bewegen sich im Hintergrund über die Leinwand. Meist wandern abstrakte Muster, hin und wieder re-mixed mit konkreten Fotos, selten auch mit Wörtern über die grafisch-künstlerisch von Experimentalfilmer Erich Heyduck gestaltete Video-Kulisse hinter der Schauspielerin und dem Musiker.

Letzterer liefert Musik, Sound, Geräusche aus einem Live-Studio unterschiedlichster Tasten-Instrumente und Regler. Hin und wieder greift Georg O. Luksch zu einer „Pipe“, einem ein wenig klobig wirkenden Blasinstrument samt Knöpfen zu elektronischen Verzerrungen. Mit seinem analogen, elektronischen Tonstudio fast in Form eines Cockpits schafft er durchgängig die akustische Atmosphäre für „Kassandra 4D“, das er gemeinsam mit Rita Luksch entwickelt hat und nun live performt. Die Schauspielerin lässt Texte lebendig werden, schlüpft in die Rolle der mythologischen Titelheldin, switcht mühelos über rund viereinhalb Jahrtausende – mit verbalen Ausflügen Millionen Jahre zurück.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Kassandra 4D“

Mauern schließen auch ein

Und lässt – wie natürlich viele neuzeitliche „Kassandra“-Bearbeitungen seit Jahrzehnten – aktuelle Themen mitschwingen. War’s bei der DDR-Schriftstellerin Christa Wolf nicht zuletzt „die Mauer“, die Troja angeblich schützen sollte, so finden wir in der Quadrophonie-Version bald nach Beginn folgende Sätze: „Jedenfalls Priamos, unser Herrscher, König von Troja, mein Vater – doch er hat sich verschlossen vor meinen Warnungen. Will nichts hören von der Gefahr, die uns bedroht, uns auszulöschen droht! Ihr schließt euch ängstlich ein, die Mauer um unsere Stadt wird größer und größer, die Gräben tiefer und tiefer zwischen den Völkern. Die Fremden auf der einen Seite und wir auf der anderen. Griechen gegen Trojaner. Habt ihr das gewollt?“

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Kassandra 4D“

Tanz auf dem Vulkan?

Zwischendurch lädt Rita Luksch einmal das Publikum ein, sich von den Sitzen zu erheben und zum Fest des Apollon mit ihr als neuer Priesterin zu tanzen. Das ist allerdings eher ein Tanz auf dem Vulkan oder der Titanic, haben wir doch schon davor von der Kassandra – in Vergangenheit und Gegenwart – düstere Vorhersagen erfahren; keine esoterischen durch Blicke in Glaskugeln oder via gelegter Karten usw., sondern „einfach“ aus der messerscharfen Analyse der Ereignisse. Die im einen Fall durch Machtgier zu unzähligen Todesopfern im Krieg zwischen Griechen und Trojanern führten und im anderen, im heutigen Fall zum möglichen Untergang der ganzen Menschheit.

Wobei zu letzterem kommen die heftigeren Fakten erst im Teil nach dem Tanz. Aber sie sind natürlich schon zuvor gegenwärtig. Die von Menschen angerichtete Klimakrise ist wohl mittlerweile jeder und jedem in irgendeiner Weise zumindest nicht entgangen. Auch wenn Rita Luksch vor allem gegen Ende vielleicht manch weniger bekannte Fakten – u.a. solche, die möglicherweise gerade noch Abhilfe schaffen könnten – rezitiert, wirkt das letzte Viertel doch zu sehr nach lehrhaftem Vortrag. Natürlich alles wichtig und richtig.

Fleisch-Facts

Eine Passage daraus: „Wenn wir Konsument*innen die Empfehlung der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung beachten und statt pro Person 60 Kilo Fleisch im Jahr nur die empfohlenen 19 Kilo verzehren, reduzieren wir unseren Fleischkonsum um zwei Drittel, so braucht es in Österreich 64 Millionen weniger Nutztiere. Damit werden große Flächen für eine Umstellung auf Biolandbau oder zur Aufforstung frei. So würden im Ernährungsbereich 28 Prozent der Treibhausgase eingespart.“

Es gäbe sicher noch viel mehr solcher Fakten, aber das bisschen Overkill, wirkt, als hätte das Duo gar nicht an die Kraft der eigenen zuvor so konzentrierten und doch ent-dichteten, der poetisch-atmosphärischen, Performance geglaubt, die das Publikum sinnlich in diesen Wahnsinn der Ignoranz gegenüber analytischen bzw. wissenschaftlichen Warnungen mitnimmt.

Wabbernde Sounds tröpfelnde Linsen

Das kongeniale Zusammenspiel von Musik bzw. Geräuschen, die zeitweise voll durch den Raum wabbern, und der Schauspielerin, die übrigens fallweise auch mit auf einer runden Rahmentrommeln und darauf „tröpfeln lassenden“ Beluga-Linsen musiziert sowie dem auf die Szenen abgestimmten Experimentalvideo nimmt mit auf eine Reise, die zwischen Faszination und kaltem Schauer pendelt. So schön und doch so arg, wie die große Mehrheit oder gar wir alle sehenden Auges ins Verderben rennen, das die blinde Seherin voraussagt.

War’s, weil es sich bei Kassandra um eine Frau handelt(e), dass die Herrscher ihr nicht glaubten? Das war wohl (mit) ein Grund, aber nicht der alleinige. Warnungen auch vieler männlicher Wissenschafter, die seit Jahrzehnten auf Folgen von Ressourcen-Vernichtung und Erwärmung der Erdatmosphäre hinweisen – wir wissen, was mit ihnen passiert (ist).

Kommt wieder

Premiere, bei der vielleicht trotz wunderbaren Zusammenspiels der Schauspielerin und des Musikers vielleicht der eine oder andere Blickkontakt oder körperliches Zusammenspiel noch besser gewesen wäre, war in der ersten Mai-Woche im Gleis 21, einem Veranstaltungsraum im gemeinschaftlichen (Wohn-)Projekthaus im neuen Sonnwendviertel beim Wiener Hauptbahnhof. Dort wird noch zwei Mal im Juni und dann im September gespielt, einmal auch im niederösterreichischen Wilhelmsburg – siehe Info-Box.

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Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Kassandra 4D“

Szenenfoto aus "Kassandra 4D"

Nehmt die „blinde Seherin“ endlich ernst!

Grünlich-bläuliche Bubbles bewegen sich im Hintergrund über die Leinwand. Meist wandern abstrakte Muster, hin und wieder re-mixed mit konkreten Fotos, selten auch mit Wörtern über die grafisch-künstlerisch von Experimentalfilmer Erich Heyduck gestaltete Video-Kulisse hinter der Schauspielerin und dem Musiker.

Letzterer liefert Musik, Sound, Geräusche aus einem Live-Studio unterschiedlichster Tasten-Instrumente und Regler. Hin und wieder greift Georg O. Luksch zu einer „Pipe“, einem ein wenig klobig wirkenden Blasinstrument samt Knöpfen zu elektronischen Verzerrungen. Mit seinem analogen, elektronischen Tonstudio fast in Form eines Cockpits schafft er durchgängig die akustische Atmosphäre für „Kassandra 4D“, das er gemeinsam mit Rita Luksch entwickelt hat und nun live performt. Die Schauspielerin lässt Texte lebendig werden, schlüpft in die Rolle der mythologischen Titelheldin, switcht mühelos über rund viereinhalb Jahrtausende – mit verbalen Ausflügen Millionen Jahre zurück.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Kassandra 4D“

Mauern schließen auch ein

Und lässt – wie natürlich viele neuzeitliche „Kassandra“-Bearbeitungen seit Jahrzehnten – aktuelle Themen mitschwingen. War’s bei der DDR-Schriftstellerin Christa Wolf nicht zuletzt „die Mauer“, die Troja angeblich schützen sollte, so finden wir in der Quadrophonie-Version bald nach Beginn folgende Sätze: „Jedenfalls Priamos, unser Herrscher, König von Troja, mein Vater – doch er hat sich verschlossen vor meinen Warnungen. Will nichts hören von der Gefahr, die uns bedroht, uns auszulöschen droht! Ihr schließt euch ängstlich ein, die Mauer um unsere Stadt wird größer und größer, die Gräben tiefer und tiefer zwischen den Völkern. Die Fremden auf der einen Seite und wir auf der anderen. Griechen gegen Trojaner. Habt ihr das gewollt?“

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Kassandra 4D“

Tanz auf dem Vulkan?

Zwischendurch lädt Rita Luksch einmal das Publikum ein, sich von den Sitzen zu erheben und zum Fest des Apollon mit ihr als neuer Priesterin zu tanzen. Das ist allerdings eher ein Tanz auf dem Vulkan oder der Titanic, haben wir doch schon davor von der Kassandra – in Vergangenheit und Gegenwart – düstere Vorhersagen erfahren; keine esoterischen durch Blicke in Glaskugeln oder via gelegter Karten usw., sondern „einfach“ aus der messerscharfen Analyse der Ereignisse. Die im einen Fall durch Machtgier zu unzähligen Todesopfern im Krieg zwischen Griechen und Trojanern führten und im anderen, im heutigen Fall zum möglichen Untergang der ganzen Menschheit.

Wobei zu letzterem kommen die heftigeren Fakten erst im Teil nach dem Tanz. Aber sie sind natürlich schon zuvor gegenwärtig. Die von Menschen angerichtete Klimakrise ist wohl mittlerweile jeder und jedem in irgendeiner Weise zumindest nicht entgangen. Auch wenn Rita Luksch vor allem gegen Ende vielleicht manch weniger bekannte Fakten – u.a. solche, die möglicherweise gerade noch Abhilfe schaffen könnten – rezitiert, wirkt das letzte Viertel doch zu sehr nach lehrhaftem Vortrag. Natürlich alles wichtig und richtig.

Fleisch-Facts

Eine Passage daraus: „Wenn wir Konsument*innen die Empfehlung der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung beachten und statt pro Person 60 Kilo Fleisch im Jahr nur die empfohlenen 19 Kilo verzehren, reduzieren wir unseren Fleischkonsum um zwei Drittel, so braucht es in Österreich 64 Millionen weniger Nutztiere. Damit werden große Flächen für eine Umstellung auf Biolandbau oder zur Aufforstung frei. So würden im Ernährungsbereich 28 Prozent der Treibhausgase eingespart.“

Es gäbe sicher noch viel mehr solcher Fakten, aber das bisschen Overkill, wirkt, als hätte das Duo gar nicht an die Kraft der eigenen zuvor so konzentrierten und doch ent-dichteten, der poetisch-atmosphärischen, Performance geglaubt, die das Publikum sinnlich in diesen Wahnsinn der Ignoranz gegenüber analytischen bzw. wissenschaftlichen Warnungen mitnimmt.

Wabbernde Sounds tröpfelnde Linsen

Das kongeniale Zusammenspiel von Musik bzw. Geräuschen, die zeitweise voll durch den Raum wabbern, und der Schauspielerin, die übrigens fallweise auch mit auf einer runden Rahmentrommeln und darauf „tröpfeln lassenden“ Beluga-Linsen musiziert sowie dem auf die Szenen abgestimmten Experimentalvideo nimmt mit auf eine Reise, die zwischen Faszination und kaltem Schauer pendelt. So schön und doch so arg, wie die große Mehrheit oder gar wir alle sehenden Auges ins Verderben rennen, das die blinde Seherin voraussagt.

War’s, weil es sich bei Kassandra um eine Frau handelt(e), dass die Herrscher ihr nicht glaubten? Das war wohl (mit) ein Grund, aber nicht der alleinige. Warnungen auch vieler männlicher Wissenschafter, die seit Jahrzehnten auf Folgen von Ressourcen-Vernichtung und Erwärmung der Erdatmosphäre hinweisen – wir wissen, was mit ihnen passiert (ist).

Kommt wieder

Premiere, bei der vielleicht trotz wunderbaren Zusammenspiels der Schauspielerin und des Musikers vielleicht der eine oder andere Blickkontakt oder körperliches Zusammenspiel noch besser gewesen wäre, war in der ersten Mai-Woche im Gleis 21, einem Veranstaltungsraum im gemeinschaftlichen (Wohn-)Projekthaus im neuen Sonnwendviertel beim Wiener Hauptbahnhof. Dort wird noch zwei Mal im Juni und dann im September gespielt, einmal auch im niederösterreichischen Wilhelmsburg – siehe Info-Box.

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Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Kassandra 4D“

Doppelseite aus dem Bilderbuch "Monsteraffen gibt es nicht"

Wie aus einem „Käffchen“ ein urarger Monsteraffe wird

„Simma bald da?“, tönt’s in einer Sprechblase aus dem Kleinbus der Familie Köpenick. Und das ist nicht der einzige Satz, der die lange Urlaubsfahrt charakterisiert. „Ick muss Pipi!“, deutet darauf hin, dass die Familie aus einer Gegend Deutschlands anreist. Und sie landet irgendwo in den Bergen wo gejodelt wird – und dem Dialekt nach irgendwo in Österreich liegen könnte: „Da drüben san Fremde.“

Ein Missverständnis in der gemeinsamen deutschen Sprache wächst sich zur zentralen Geschichte des Bilderbuchs „Monsteraffen gibt es nicht!“ aus. Leonora Leitl lässt ihre Figuren – die Urlauber:innen und die Einheimischen – in Wort und Bildern in Angst und Schrecken versetzen. „Voi soark soll’s sein“, das kleine Äffchen, das die mitgebracht haben. Dabei hatte Vaddi doch nur gefragt: „Ham se mal ‚n Käffchen für uns?“

Einmal als Wort in die kleine Welt gesetzt, wird das Äffchen immer größer und wilder, Menschen und Tiere meinen sich, fürchten zu müssen. „Die wilde Nachricht rollt weiter über die Gipfel. In der Burgruine Schreckenstein mit ihren dicken Mauern findet sie besonders schaurigen Widerhall“, schreibt die Autorin und Illustratorin in Personalunion und lässt in Bildern die Gespenster der Ruine zittern.

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Zu Beginn das „Personal“ der Geschichte, um den Überblick nciht zu verlieren 😉

Ur-arg

Ein paar Seiten weiter ist das Äffchen schon „ein wüster Monsteraffe mit Krallen so spitz wie Stricknadeln. Ein Pratzenschlag und du blutest wie nix. Ur-arg!“ Alarmistische Radiomeldungen, Hubschraubereinsatz zur Suche nach dem Monster, „nur der Adler Horst, der versteht die Welt nicht mehr“, denn durch seine Höhenflüge hat er den Überblick und obwohl sonst zurückhaltend teilt er den Menschen mit: „Leute! Das ist gequirlter Blödsinn! Ein Monsteraffe auf unsern Bergen?? Der Heimat von Gämsen, Steinböcken und Murmeltieren? Denkt doch mal ein bisschen nach! Was für ein Schwachsinn!“

Damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende, aber Spannung soll ja wohl ncoh bleiben in dieser leicht fasslichen und bunt fast im Stil von Kinderzeichnungen bebilderten Geschichte über eine Art wie Fake News sich verbreiten (können).

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Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „Monsteraffen gibt es nicht“

Kein Plan(et) B, aber Planet E und K

„Wenn wir der Erde etwas wegnehmen, müssen wir ihr auch etwas zurückgeben. Wir und die Erde sollten gleichberechtigte Partner sein. Was wir der Erde zurückgeben, kann etwas so Einfaches – und zugleich so Schwieriges – wie Respekt sein.“ Dieses Zitat von Jimmie C. Begay, vom Stamm der Navajo, einer der indigenen Gruppen oder First-Nations aus Nordamerika setzten Schüler:innen der HLW (Höhere Lehranstalt für Wirtschaftliche Berufe) aus Šentpeter/ St. Peter gemeinsam mit dem Slowenischen Kulturverein/ Slovensko prosvetno društvo Rož (SPD Rož) in Szene. Als zwei einander verfeindete Gruppen begannen sie mit weißen bzw. schwarzen Sesseln auf der Bühne der Kammerlichtspiele, eines Theaters in Klagenfurt bzw. Celovec wie die Kärntner Landeshauptstadt auf Slowenisch heißt.

Diese und einige andere (Schul-)Gruppen stellten Auszüge aus ihren Projekten im Rahmen von „Schule-Jugend-Theater/ Šolsko-mladinsko-gledališče“ im Rahmen eines internationalen inklusiven Theater-Treffens kurz vor dem Muttertag 2023 vor („Europäische und internationale Partnerschaften zur Entwicklung von Fertigkeiten zur sozialen Inklusion mittels Kreativität und Kunst“). Und damit wurden neben den beiden schon erwähnten Kärntner Landessprachen Deutsch und Slowenisch noch eine dritte sichtbar: Gebärdensprache.

Elementar

Letztere wurde – neben der Live-Simultan-Übersetzung vor allem in einem Projekt mit einem fast unaussprechlichen Titel sichtbar: FeOSiMgSNiCaAl. Wer in der Schule schon Chemie hatte, könnte draufkommen. Es handelt sich um die Zeichen für die chemischen Elemente Eisen (Fe), Sauerstoff (O), Silizium, Magnesium, Schwefel, Nickel, Cadmium und Aluminium. Sie kommen am häufigsten auf der Erde vor. Einige der Schüler:innen dieses Projekts der Mittelschule 5 Klagenfurt-Wölfnitz / Srednja šola 5 Celovec-Golovica sowie der Volksschule 20 Klagenfurt-Viktring /Ljudska šola 20 Celovec-Vetrinj hatten die Kurzbezeichnungen auf ihre T-Shirts gemalt und zeigten in Gebärdensprache den vollen Wortlaut, den sie in Lautsprache wiederholten.

„Außerirdische“

Der Umgang der Menschen mit unserem (Heimat-)Planeten und die drohende Zerstörung der Lebensgrundlagen desselben – für uns, aber auch viele Tiere und Pflanzen – war das Generalthema für diese Projekte zwischen Schule und (Theater-)Kunst). Der passende Titel wie er schon von vielen Demos der Bewegung Fridays für Future bekannt und doch hier abgewandelt wurde: „Es gibt keinen Plan(eten) B“/ „Plan(eta) B ni“. Dafür aber (er)fanden Kinder und ihre Pädagog:innen aus der VS Klagenfurt 1 / LŠ Celovec 1 sowie des Montessori Kindergartens Bunte Knöpfe / Montessori vrtec pisani gumbi den „Planeten E“ – für Erde, einmalig, einzigartig! Sie setzten dies in einen fantastischen Film um, in dem sie in wenigen Sekunden die Entstehung des Uni-was?, des Universums vom Urknall weg recht witzig schildern und einige sich in die Montur von Wissenschafter:innen in Labors begeben, die an umweltverträglichen und nachhaltigen Antrieben „forschen“. Für Schmunzeln bis Staunen sorgte ihr Zeichentrick-Antwort auf die selbstgestellte Frage, ob es Außerirdische gibt: „Zuerst schickten die Menschen einen Hund ins Weltall, das war damit der erste Außer-Irdische!“

Planet K

Mit den Planeten unseres Sonnensystems setzten sich auch Kinder der Volksschule Nötsch / LŠ Čajna auf der Bühne auseinander. Wobei in dem Projekt „Katz im Sack III, Der Planet (B) auf dem Spiel“ gemeinsam mit der VS Bad Bleiberg / LŠ Plajberk pri Beljaku sowie der  Mittelschule Nötsch-Bad Bleiberg / NSŠ Čajna/ Plajberk pri Beljaku und dem Bergmännischen Kulturverein Bad Bleiberg / Knapovsko kulturno društvo Plajberk pri Beljaku auch der alte vor 30 Jahren stillgelegte Blei-Bergbau mit ehemaligen Minenarbeitern zur Sprache kam. In diesem Projekt treffen wir auf einen „neuen Planeten“, den namens K – für Kinder.

Letzter Aufruf

„Lalü lala“ – die Sirenen eines Rettungsautos sind zu hören, als eine fast wildromantische Flusslandschaft im Bild zu sehen ist. Der Film dokumentiert das Projekt „Last Call“ (letzter Aufruf) des Lehrgangs der Kärntner Volkshochschulen / Koroška ljudska univerza) zur Nachholung des Pflichtschulabschlusses sowie von Schüler:innen der SOB (Schulen für Sozialberufe Wolfsberg – Šola za socialne poklice Volšperku). Die Jugendlichen machten sich auf und sammelten leere Getränkedosen, Plastikflaschen und anderen in der Natur weggeworfenen Müll – und beklebten damit einen riesigen aufgeblasenen Ball (Durchmesser: 2,5 Meter) als Symbol für unsere vermüllte Weltkugel, die nun in einem leerstehenden Geschäftslokal in der Kärntner Landeshauptstadt zur abschreckenden Besichtigung ruht.

Wo holt ihr euch Informationen?

Gemeinsam mit der neuebuehnevillach / neuebuehnevillach Beljak machten sich Jugendliche  der Sportmittelschule Villach Lind / Srednja športna šola Lipa pri Beljaku auf ins Görschitztal. Erkundeten die Natur und ließen sich zunächst zum Thema Umwelt recht allgemein befragen. Unbeeinflusst sagten sie – in der filmischen Dokumentation gezeigt – ihre Meinung. Dann ging’s konkret um den vor fast zehn Jahren hier stattgefundenen Umweltskandal. HCB (Hexachlorbenzol), ein Wirkstoff, der Pilze oder ihre Sporen abtötet oder ihr Wachstum verhindert, wurde aus einer ehemaligen Deponie der Donau-Chemie freigesetzt, versuchte Grundwasser und in der Folge Nahrungsmittel. Und wurde zumindest monatelang von den Behörden verschwiegen.

Wo holten sich die Schüler:innen Informationen darüber – das war ein Teil des Projekts. Die meisten gaben an, aus dem Internet, ein paar hatten auch ihre Eltern befragt, sie selbst waren damals ja noch deutlich zu jung (aufgeflogen im Jahr 2014). Davon ausgehend ist im Film zu sehen, wie der Lehrer die Jugendlichen fragt, wo sie sich am informieren – bei Eltern, Lehrer:innen oder im Internet. Bei Letzterem gingen die meisten Arme in die Höhe.

Von da her schlug bei den filmischen Präsentationen im Spiegelsaal der Kärntner Landesregierung am Vormittage – bevor die oben schon geschilderten Szenen in den Kammerlichtspielen gezeigt worden sind – der Projektleiter von Schule-Jugend-Theater Šolsko-mladinsko-gledališče, Herbert Gantschacher, der gemeinsam mit dem u.a. für Bildung zuständigen Landesrat Daniel Fellner Urkunden an die beteiligten Schüler:innen und Lehrer:innen verteilte, den Bogen zum Thema im kommenden Schuljahr: Fake News.

Gruppenfoto der Mitwirkenden am internationalen Projekt („Europäische und internationale Partnerschaften zur Entwicklung von Fertigkeiten zur sozialen Inklusion mittels Kreativität und Kunst“
Gruppenfoto der Mitwirkenden am internationalen Projekt „Europäische und internationale Partnerschaften zur Entwicklung von Fertigkeiten zur sozialen Inklusion mittels Kreativität und Kunst“ aus Polen, Israel, Schweden, Belgien, Deutschland und Österreich

„Blind“ und gehör-beeinträchtigt

Die Gäst:innen des schon genannten inklusiven Theater-Treffens – aus Polen, Israel, Schweden, Belgien, Deutschland und Österreich – ließen sich nach den Präsentationen der Schüler:innen und diversen Besichtigungen vor allem auf einen Workshop ein in dem sie Augen verbanden, Ohren zustöpselten und „blind“ und gehör-beeinträchtigt Gegenstände auf einem Tisch zu erkennen trachteten und im Gänsemarsch – Hände auf Schultern der jeweils davorstehenden Person – sich durch den Raum und Gang eines Gebäudes führen ließen.

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Compliance-Hinweis: Die Berichterstattung konnte/kann nur erfolgen, weil Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … im Rahmen des EU-Projekts „Europäische und internationale Partnerschaften zur Entwicklung von Fertigkeiten zur sozialen Inklusion mittels Kreativität und Kunst“, in dem Österreich von „ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater (Klagenfurt/Salzburg/Wien, Österreich)“ vertreten ist, auf die Reise nach Klagenfurt eingeladen worden ist.

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Szenenfoto aus "Muttertag" im Theater Forum Schwechat

„I sog’s glei, i woar’s ned!” – „Muttertag” kehrt auf die Bühne zurück

„Die härtere Komödie“ – so bezeichnet das Internetlexikon wikipedia „Muttertag“, den mittlerweile zum Kult gewordenen Film, der (fast) jedes Jahr rund um diesen zweiten Sonntag im Mai im österreichischen TV läuft und heuer seinen 30. Geburtstag feiert. Dass rund zwei Jahre vor dem Film dieses nummernkabarettistische bitterböse Stück mit überzeichneten Klischee-Figuren ein Bühnenwerk der Gruppe Schlabarett (Eva Billisich, Alfred Dorfer, Roland Düringer, Andrea Händler, Reinhard Nowak) war, weiß kaum noch wer. Auch nicht, dass der danach gedrehte Low-Budget-Film in den Kinos eher floppte.

Aber auch Kottan oder Mundl hatten anfangs alles andere als Erfolg. Die Bekanntheit des Kultfilms im Fernsehen und seine jährliche Wiederholung lockt(e) auch viele Zuschauer:innen ins Theater Forum Schwechat. Seit der Premiere beschert „Muttertag“ dem Theater knallvolle Publikumsreihen und Vorbestellungen. Noch wird (ca. 2 Stunden, eine Pause) bis 24. Mai gespielt – und es gibt nur mehr Restkarten.

„Wiedaschauauaun!“

Jene Altersschichten, die den Film – viele sicher mehrfach – gesehen haben, kommen mitunter schon mit dem einen oder anderen Spruch daraus ins Theater wie „I sog’s glei, i waor’s ned!“. Spätestens bei den Verabschiedungen wird das „Wiedaaschauauaun“ entsprechend lang gezogen mit einem sarkastischen Unterton – aufgefrischt durch die Aufführung, die auch einige jüngere Zuschauer:innen ins Theater lockt, die bei der Geburtsstunde des Kabarettprogramms noch gar nicht auf der Welt, meist nicht einmal noch geplant waren.

Das Bühnenstück in Schwechat spielt nicht 1:1 den Film, aber auch nicht die alte Kabaretttheater-Version nach, orientiert sich aber sehr daran, auch am Ablauf als aneinander gereihte Nummern, die dennoch einen dramaturgischen Bogen ergeben. Das alte Postamt mit Wählscheiben-Telefon und gleichzeitig Sparkassa feiert ebenso fröhliche Urstände wie das Treffen der Jungschargruppe mit den pubertierenden Jugendlichen und der strengen auf Seriosität bedachten Gruppenleiterin oder der Drogeriemarkt, in dem die Frau Neugebauer vom Detektiv als Ladendiebin entlarvt wird, während ein anderer „Konsument“ mit prall gefülltem Mantel „nur schauauaun“ war. Als Abschluss und sozusagen Höhepunkt die „Muttertagsfeier“ von Ehemann, Sohn und Opa für „Trudl“ Neugebauer auf dem Balkon der Gemeindwohnhausanlage Schöpfwerk (im Film, in Wien-Meidling). Wo alles aus dem Ruder läuft. Und gut und gern auch gespoilert werden könnte, ist doch den meisten alles bekannt. Aber vielleicht gibt’s doch die eine oder den anderen, wer’s noch nicht weiß, und trotzdem auch noch Spannungsmomente erleben möchte – daher seien die Eskalationen doch nicht verraten!

Von der Chefin bis zum Oldie

Zu sehen und erleben sind – in der Regie von Andy Hallwaxx: Die künstlerische Leiterin des Theaters, Manuela Seidl, die die legendäre Postbeamtin, die eher auf Sperrschluss pocht, die Jungscharleiterin sowie Trudl, die Ehefrau, Mutter und Schwiegertochter der Familie Neugebauer spielt. Evelyn Schöbinger, mit der alle Männer gern eine Affäre hätten/haben, wird von Adriana Zartl verkörpert, die u.a. auch in die Rolle einer der Jungschar-Jugendlichen schlüpft.

Hubert Wolf – der wie seine Kolleg:innen und wie seinerzeit die Ur-Besetzung viele Rollen dasrstellt, überzeugt vor allem als Opa Neugebauer mit (vorgegebener) Schwerhörigkeit, (gespielter) Senilität und bitterböser Wehr gegen die drohende Abschiebung ins Heim sowie das Auseinanderfliegen der Familie. Seinen Enkel Mischa und damit Sohn von Trudl und Edwin Neugebauer gibt Olivier Lendl, der u.a. auch den Dieb mit weitem Mantel, der „nur schaut“, spielt.

Last but not least zu nennen ist Reinhard Nowak, der auch schon in der Original-Partie vor 32 Jahren auf Bühnen und dann zwei Jahre später im Film dabei war – und hier in seine alten Rollen schlüpft, vor allem den Kaufhausdetektiv Übleis sowie Edwin Neugebauer, der auf braver Ehemann tut und dennoch eifersüchtig auf seinen Kumpel Garry ist, der mit Evelyn Schöbinger – so wie er selbst – eine Affäre hat.

Realsatire

Gerade die Balkonszene am Schluss lässt trotz ihrer bitterbösen Ironie die Frage aufkommen, ob hier (Geschlechter-)Rollenklischees lächerlich bloßgestellt oder gar „nur“ lustig weitergetrieben werden?

Wie auch immer: Im Programmzettel zu „Muttertag“ kündigt Theater Forum Schwechat an: „Wir schreiben eine Fortsetzung – Vatertag – die Frauen schlagen zurück. Realsatire: Was die Männer können, können die Frauen schon lange und wenn sich der Opa auf den Willi setzt, macht die Oma ihn mit ihren Gesangskünsten fertig. Eine Antwort auf Muttertag, nur über 30 Jahre später! Alles hat sich geändert, die Emanzipation hat Einzug gehalten, es wird gegendert, was das Zeug hält, aber haben wir uns tatsächlich weiterentwickelt?“
Sogar die Premiere ist schon angekündigt: 4. Mai 2024, 20 Uhr

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Befreiungsfeier in der Gedenkstätte ehemaliges KZ Mauthausen: Julia Zierlinger, Dilovan Shekho, Julius Pilz, Ingrid Haab

„Morgen musst du weg!“ – Heute sammelt er Bildungsabschlüsse in Österreich

„Zuerst hab ich es gar nicht glauben können, gedacht die wollen mich ver…. Aber es war leider sehr ernst. Ein Bekannter hat meine Eltern informiert, dass mein Name auf einer Liste der Polizei steht von Personen, die sie verhaften werden“, beginnt Dilovan Shekho im Interview mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr … die Momente zu schildern, als es hieß: „Du musst ein paar Sachen packen, wir geben dir das nötige Geld und dann musst du morgen weg!“

KiJuKU: Wie war das in diesem Moment, als 16-Jähriger zu erfahren, morgen musst du weg und das ganz allein?
Dilovan Shekho: Meine Mutter sagt oft, das war die schwierigste Entscheidung ihres Lebens. Aber sie hat mir die Verantwortung und das Geld dafür – insgesamt 10.500 $ anvertraut.

KiJuKU: Und für dich selber? Klar, du hast erfahren, wenn nicht, dann landest du im Häfen, aber trotzdem – ganz allein weg?
Dilovan Shekho: Naja, wir sind alle so aufgewachsen, dass uns – noch drei Geschwister – unser Papa, unsere Eltern immer stückweise Verantwortung übertragen, uns sozusagen nicht immer alles in den Mund gesteckt haben. Das hat schon sehr geholfen.

Dilovan Shekho
Rote-Falken-Konferenz

Matura, 2 Lehrabschlüsse, C1-Deutsch-Niveau

Der heute 26-jährige ist mittlerweile ehrenamtlicher Bundesvorsitzender der Roten Falken, Vollzeit-Bürokraft und -organisator – Sekretariat, Buchhaltung und Organisations-Service – mit Matura und zwei abgeschlossenen Lehren und noch weiteren Ausbildungen, etwa dem WienXtra-Grundkurs in Kinder- und Jugendarbeit. Seit knapp mehr als zehn Jahren ist er in Österreich, hat in Sachen Deutsch das C1-Zertifikat (fortgeschrittenes Sprach-Niveau, das fünfte der insgesamt sechs Levels des europäischen Referenzrahmens) und waaaaartet nun darauf, endlich auch all jene Hürden zu überwinden, die ihm die österreichische Bürokratie in den Weg stellt, um Staatsbürger werden zu können.

Auf Liste zu Verhaftender

KiJuKu: Zurück zum Ausgangspunkt, zu deiner Flucht aus Syrien…
Dilovan Shekho: „Ich hab in Qamishli – Nordost-Syrien – an vielen Demos gegen das autoritäre Regime teilgenommen, deshalb musste ich weg – zuerst in einem Bus bis in die Nähe von Kobane und dort über die türkische Grenze. Dabei hat mir geholfen, dass ich einer Frau einen Teil von ihrem Gepäck getragen habe. Frauen ließen sie über die Grenze, von Männern – auch Jugendlichen – haben sie erst die Pässe einkassiert. Die Frau hat geschrien, dass ich ihr Cousin sei und ihre Sachen noch bei mir habe – dann ließen sie mich gehen. Danach trennten sich in der Türkei unsere Wege, ich fuhr nach Istanbul und von dort mit LKW versteckt über Bulgarien, Rumänien, Ungarn nach Österreich. In einem Monat war ich da. Am 21. März 2013 hab ich im Flüchtlingslager Traiskirchen meinen Asylantrag gestellt, wurde dann bald ins Laura-Gantner-Heim für Jugendliche in Hirtenberg überstellt.“

Rote-Falken-Konferenz
Rote-Falken-Konferenz

Abschluss-Sammler

KiJuKU: Wie ging’s dann weiter?
Dilovan Shekho: „Drei Monate Betreuung samt Alphabetisierungs- und Deutschkurs habe ich bei der Einstufungsprüfung schon A2-Niveau erreicht, drei weitere Monate und ich hatte das B1-Zeugnis.“

Nebenbei kümmerte er sich um einen Pflichtschul-Abschluss, besuchte das Gymnasium Rahlgasse (Wien) – neben dem Deutschkurs ein paar Schnupperwochen in einer vierten Klasse. Dort war auch die PROSA – Projekt Schule für Alle – untergebracht. Schulabschluss, dann 5. und 6. Klasse Gym – „die musste ich wiederholen, da war dann meine Motivation ein bissl runter. Ein Freund hat mir dann erzählt, dass es in Wien auch eine lybische Schule gibt, wo auf Arabisch unterrichtet wird – mit dem ich neben Kurdisch aufgewachsen bin – so hab ich dort begonnen, die Matura absolviert. Zeitweise bin ich aber auch noch parallel in die Rahlgasse gegangen, um mein Deutsch weiter zu verbessern, außerdem hatte ich dort ja meine Freunde.“

Nach der Matura hat er noch einen ECDL-Kurs (europäischer Computer-Führerschein) gemacht, war ein paar Monate arbeitslos und hat begonnen, über ein „Connect“-Projekt der Kinderfreunde ehrenamtlich immer wieder Dinge auf Arabisch und Kurdisch (Kurmandschi) zu übersetzen. „Dann hab ich bei einer Leihfirma gearbeitet, die Kinderfreunde haben mich dann gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, eine Lehre als Bürokaufmann bei ihnen zu machen. Eigentlich wollte ich soziale Arbeit studieren, hab mir aber gedacht, das kann ich später auch noch, eine Lehre vielleicht aber nicht mehr.“

Kinderrechte-Aktion, im Foto: Dilovan Shekho, Corinna Schumann, Jörg Leichtfried, Yannick Immler, Christian Oxonitsch, Michael Kogl und Daniele Gruber-Pruner
Kinderrechte-Aktion, im Foto: Dilovan Shekho, Corinna Schumann, Jörg Leichtfried, Yannick Immler, Christian Oxonitsch, Michael Kogl und Daniele Gruber-Pruner

Kinder- und Jugendarbeit

Da die Matura anerkannt wurde, dauerte seine Lehrzeit nur mehr zwei Jahre „und dann hab ich noch bei der Wirtschaftskammer die Lehrabschlussprüfung für Finanz- und Rechnungswesen gemacht und weil ich immer neue Herausforderungen suche den Grundkurs für Kinder- und Jugendarbeit von WienXtra. Dafür müssen alle immer ein eigenständiges Projekt machen. Meines war über Kickboxen Jugendliche mit Älteren zusammenzubringen – einerseits bringt Sport viel und andererseits wollte ich was generationenübergreifendes initiieren.“

Urlaub für Ehrenamt

KiJuKU: Nach der Lehre wurdes du übernommen?

Dilovan Shekho: Ja, nach der Lehre wurde haben mich die Roten Falken in ein reguläres Arbeitsverhältnis übernommen. Ich mache hier Büroarbeiten, die Buchhaltung und leite das Organisations-Service.
Dilovan Shekho: Ja, nach der Lehre wurde haben mich die Roten Falken in ein reguläres Arbeitsverhältnis übernommen. Ich mache hier Büroarbeiten, die Buchhaltung und leite das Organisations-Service.

KiJuKU: Du bist auch Vorsitzender der Roten Falken, wie kam es dazu?
Dilovan Shekho: Schon während meiner Lehrzeit wurde ich gefragt, ob ich nicht im Vorsitzteam mitarbeiten wolle – ich hab schon früher bei den Ferienlagern und anderen Aktionen und Aktivitäten mitgeholfen. Ich hab ja gesagt und wurde stellvertretender Vorsitzender und bei der Bundeskonferenz im Oktober des Vorjahres zum Vorsitzenden gewählt.“

KiJuKU: Das ist aber eine ehrenamtliche Funktion, oder?
Dilovan Shekho: Genau und mir war von Anfang an wichtig, das strikt zu trennen – wenn ich bei den Ferien-Camps Kinder betreue, dann nehm ich mir dafür Urlaub – oder Zeitausgleich. Ich find das ist korrekt und ich hab dadurch ein gutes Gewissen.“
Dilovan Shekho: Genau und mir war von Anfang an wichtig, das strikt zu trennen – wenn ich bei den Ferien-Camps Kinder betreue, dann nehm ich mir dafür Urlaub – oder Zeitausgleich. Ich find das ist korrekt und ich hab dadurch ein gutes Gewissen.“

KiJuKU: Das ist aber meist mehr als ein bissl Nebenher-Engagement
Dilovan Shekho: Klar, es ist echt viel zu tun, aber es macht voll Spaß. Vielleicht habe ich das am Anfangs sogar ein bisschen unterschätzt, auch die viele Verantwortung, die mit dieser Funktion verbunden ist. Wir wollen unsere Ferienlager auch weiterentwiclen, arbeiten an Konzepten, wie wir sie verbessern können, binden dazu auch Kinder und Jugendliche selber ein, um auf ihre Vorschläge einzugehen. Aber ich bin immer wieder fasziniert, was und wieviel Kinder und Jugendliche einbringen.

KiJuKU: Du hast kurz angedeutet, dass du nun nach zehn Jahren in Österreich um die Staatsbürgerschaft angesucht hast, und das nicht so einfach ist.
Dilovan Shekho: Ja, das nervt. Ich komm ja aus der Bürokaufleute-Ausbildung, bin voll organisiert und mit mehreren Ordnern zur MA 35 hingegangen, habe alle Unterlagen fein säuberlich vorgelegt und dann kommen die damit, dass ich in einer Wohnung mit meinem Bruder lebe, der neben seiner Lehrlingsentschädigung Sozialhilfe bezieht um auf die Mindestsicherung aufgestockt zu werden.

Ich find’s ein bisschen schade, dass Österreich nicht das Potenzial von Menschen wie mir und uns sieht und solche Hürden aufbaut. Übrigens, der nächste freie Termin, um das zu besprechen wäre erst im April 2024 (!).

KiJuKU-Interview mit Dilovan Shekho in einem Besprechungsraum der Roten Falken und Kinderfreunde
KiJuKU-Interview mit Dilovan Shekho in einem Besprechungsraum der Roten Falken und Kinderfreunde

Allein auf der Flucht

KiJuKU: Du bist als sogenannter UMF – unbegleiteter minderjähriger Flüchtling allein nach Österreich gekommen, wie geht’s deiner Familie?
Dilovan Shekho: Mein älterer Bruder war schon vor mir da, meine Eltern und mein jüngerer Bruder sind mittlerweile auch in Österreich – die sind legal eingereist. Aber ich will und muss betonen, die/wir sind keine Wirtschaftsflüchtlinge. Ich musste ja weg, weil ich sonst als politischer Aktivist gegen das Regime verhaftet worden wäre. Für meine Eltern war es danach auch nicht mehr ungefährlich.

Wirtschaftliche Basis in Syrien

UND: Wir hatten in Syrien eine gute wirtschaftliche Basis. Mein Vater hatte eine Fahrschule – gemeinsam mit drei Partnern – die haben alle Bevölkerungsgruppen abgedeckt: Araber, Kurden und Christen. Das Haus, das uns gehört, haben wir an Binnenflüchtlinge vermietet. Die Landwirtschaft, die meinem Opa gehört, kann leider nicht mehr bestellt werden. Die wurde während der Kämpfe von IS-Leuten vermint, das wäre zu gefährlich. Ein Geschäft, das uns gehört, wurde vermietet und wird von einem Freund von meinem Papa verwaltet. Mein Vater hat überhaupt so viel gearbeitet – in zwei Jobs, dass wir ihn als Kinder zu Hause nur wenig gesehen haben.

Hier wurde er fast krank, als er am Anfang nicht arbeiten durfte. Das haben wir alle von ihm irgendwie auch übernommen. Er hat uns immer beigebracht, nichts als selbstverständlich hinzunehmen, sondern für alles arbeiten und kämpfen zu müssen.

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Doppelseite aus dem Bilderbuch "Minu und der Geheimnismann"

Gras wachsen hören und Wünsche im Schick-Saal

„Hörst du etwa wieder das Gras wachsen?“ Dies Frage stellt Papa seiner Tochter Minu. Und er meint es liebevoll. Meist wird der Spruch im Alltag verwendet, um anderen der Spinnerei zu bezichtigen, etwas zu sehen oder hören, das es gar nicht gibt.

Aber der Vater in dieser fantasievollen, einfühlsamen Bilderbuchgeschichte „Minu un der Geheimnismann“ – ausgedacht und verfasst von Andrea Karimé und illustriert von Renate Habinger – hat selbst seinen Arbeitstisch auf dem er am Computer schreibt, in die Wiese gestellt. Zwischen bunten, fantastischen Blumen, Käfern, Insekten und Vögeln fühlt sich Minu wohl. Hier kann sie auch mit der Oma, die weit weg lebt, gedanklich und gefühlsmäßig in Kontakt treten.

Jenseits der Mauer entdeckt Minu ein kleines Männlein, das ähnlich tickt wie sie, den Geheimnismann. Mit dem freundet sie sich an, der lädt sie und ihren Papa ein, nachdem sie ihm eine wunderbare, mysteriöse Handtasche, die er verloren hat, zurückbringt.

Was es mit dieser Tasche auf sich hat, sei hier nicht verraten, höchstens so viel, sie treibt Karimés Wortspiellust an, den sie veranlasst den Geheimnismann Minu von einer Wunschblume und Feen zu erzählen, die Wünsche in den „Schick-Saal“ tragen.

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Titelseite vom Bilderbuch
Titelseite vom Bilderbuch „Minu und der Geheimnismann“
(Proben-)Szenenfoto von "Am Galgen" im alten Waschsalon im George-Washington-Hof in Wien-Favoriten

Makabre Totentänze „Am Galgen“

Die später heftige Performance mit einem fast unaushaltbaren Ende beginnt mit einer harmlosen Wanderung von der Spinnerin am Kreuz (fast) am südlichen Ende Wiens durch den George-Washington-Hof, einer der großen, vielteiligen Gemeindewohnhausanlagen aus dem Roten Wien, aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Die Wanderung zu „Am Galgen“ des Kollektivs „Das Planetenparty Prinzip“ endet beim ehemaligen Waschsalon. Dahinter über der Straße hohe gläserne Finanzkapital-Türme. Die stehen da wie historische steinerne Galgen im Wald von Birkfeld wo die Gruppe die erste Aufführung ihres Stücks über einstige Todesstrafen samt Massenbelustigung spielte.

(Proben-)Szenenfoto von
(Proben-)Szenenfoto von „Am Galgen“ im alten Waschsalon im George-Washington-Hof in Wien-Favoriten

Totentänze

Der einstige Waschsalon – ein leicht versenkter kahler, großer, kühler (Achtung, warme Kleidung mitnehmen!) Raum: In der Mitte zwischen zwei Säulen eine hölzerne Tribüne mit Galgenkonstruktion und Stricken an Gummizügen (Bühne, Kostüm, Ausstattung: Rosa Wallbrecher). In diese hängen sich die vier Schauspieler:innen Leonie Bramberger, Nora Köhler, Moritz Ostanek, Nora Winkler mit Klettergurtvorrichtungen, die es ihnen erlauben sich gegenseitig aber auch selbst so aufzuhängen, dass es optisch wirkt, als würden sie wirklich hingerichtet worden sein. So hängen sie mal, baumeln „Am Galgen“, dann wieder vollführen sie in dieser Körperhaltung fast „Totentänze“, dann lässt sich die eine oder der andere als „Leiche“ zu Boden fallen.

Spektakel

Nach anfänglichem fast gespenstischem Schweigen mit hintergründiger Musik (Robert Lepenik) erzählen sie – von der Hinrichtungsstätte bei der Spinnerin am Kreuz, die am Ende spektakulärer Kriminalfälle wie jener der Theresia Kandl (siehe Link zur Besprechung des seinerzeitigen Stationentheaters über die Gattenmörderin am Ende des Beitrages), zehntausende Zuschauer:innen zu einem spektakulären Fest anlockte. Und über viele andere Fälle – und auch Arten – von vollzogenen Todesstrafen, wie sei über Jahrhunderte auch in Österreich üblich waren. Die meisten in dem einstündigen Stück vorkommenden staatlich Ermordeten sind anonymisiert und exemplarisch erzählt: Von reumütigen Sünder:innen, die auch dieses Schcksal als gerechte Strafe empfanden über selbst in den letzten Lebensminuten Widerständige – vielleicht auch weil sie unschuldig waren bis zu einem besonders tragischen Fall eines Jugendlichen, für den sogar eine richterliche Begnadigung einlangte – um Minuten zu spät nach vollstreckter Hinrichtung.

(Proben-)Szenenfoto von
(Proben-)Szenenfoto von „Am Galgen“ im alten Waschsalon im George-Washington-Hof in Wien-Favoriten

Das Stück (Regie: Siomon Windisch) erzählt auch davon, dass die meisten Leichen unmittelbar in der Nähe der Dutzenden Hinrichtungsstätten in ganz Österreich vergraben worden sind – die Wohnhausanlage somit auch den Gebeinen Hunderter, vielleicht Tausender steht. Und hat auch in der Steiermark schon praktisch unter noch stehenden Steinsäulen von Galgen gespielt. Das umfangreiche Begleitheft listet auch die unterschiedlichen Todesarten – samt den Delikten für die sie verhängt worden sind – auf.

Makaber

Der „verhängte“ Tod, der fast fünf Dutzend Menschen zu Leichen machte, wird szenisch erzählt – etliche kommen nur stakkatoartig angeführt vor. Makaber endet die Performance mit dem Abgang von drei der Schauspieler:innen und dem (zu) lange alleinigen Hängen von Nora Köhler im Übergang von Licht zu Dunkel. Der Applaus nahezu unmöglich macht und dann doch einen Großteil des Publikums Beifall klatschen lässt – womit sich der Bogen zum seinerzeitigen Spektakel bei Hinrichtungsstätten schließt – bis die drei Kolleg:innen doch wieder erscheinen und auch die vierte wieder abgehängt sich verbeugen kann.

(Proben-)Szenenfoto von
(Proben-)Szenenfoto von „Am Galgen“ im alten Waschsalon im George-Washington-Hof in Wien-Favoriten

Vielleicht löst aber gerade dieses Ende auch ein Nachdenken über eigenes spontanes Applaudieren aus – und darüber hinaus über die Tatsache, dass es noch immer in etlichen Ländern auf der Welt die Todesstrafe gibt – staatlich verordneter Mord. Und in den USA überdies sozusagen eine Art privater Todesstrafe über die „Stand your Ground“-Regel wonach (vermeintliche) Einbrecher:innen auch erschossen werden dürfen.

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Stückbesprechung über Stationentheater Fink über Theresia Kandl -> damals im KiKu

Foto aus dem Projekt "Ein Haus schenken"

Aus Dankbarkeit Hilfe für Erdbebenopfer

Neben fundierter wirtschaftlicher (Aus-)Bildung engagieren sich viele Schüler:innen der VBS (Vienna Business School, private Handelsakademien und -schulen) auch in sozialen Projekten. Dafür gibt es bei der alljährlichen Gala für beste schülerische und pädagogische Einzelleistungen sowie Projekte auch eine Kategorie „best social and ethic project“. Eine der sechs Schulen der VBS (fünf in Wien, eine in Mödling) hat vor 20 Jahren sogar einen eigenen Preis für sozial engagierte Projekte geschaffen. Die VBS Wien I, Akademiestraße, verlieh in der ersten Maie-Woche 2023 zum 20. Mal den „Amicus Award.

Das Thema des 20. Amicus Award war „Dankbarkeit“. Dankbar zu sein für die Begegnungen, die Möglichkeit etwas zu verändern, aber auch für das eigene Leben. Es sind die kleinen Momente, die nachhaltig in den Herzen wirken, weiß der katholische Religionslehrer Piotr Kubiak, der den Preis initiierte. „Ich sehe es jedes Jahr: Nach ihrem Einsatz sind diese jungen Leute nicht mehr dieselben.“

Sammeln von Spenden für Kinder in den Erdbebengbieten der Türkei und Syriens
Sammeln von Spenden für Kinder in den Erdbebengbieten der Türkei und Syriens

Für Erbebenopfer

Die Top-Projekte der elf, die sich um den „Freund“-Preis beworben hatten, kamen Kindern im Tschad und im Erdbebengebiet von Syrien und der Türkei zugute.

„Alle vereint für die Kinder im Erdbebengebiet“. Gleich zweimal – einmal von der Jury, einmal mit dem Publikums-Award – wurde eine Gruppe ausgezeichnet, in der katholische und muslimische Schüler:innen aus vier ersten Klassen gemeinsam ein Hilfsprojekt für Kinder im Erdbebengebiet Türkei/Syrien auf die Beine gestellt hatten.

Es wurden Geld- und Sachspenden gesammelt, sortiert, dringend benötigte Lebensmittel, Hygiene- und Babyartikel gekauft und auch der Transport ins Erdbebengebiet wurde organisiert. Begleitet wurde der Transport von einem sehr persönlichen, von den Schüler:innen in Türkisch verfassten Brief an die Eltern der unterstützten Kinder. Der Zusammenhalt der Projektgruppe über religiöse Unterschiede hinweg war für die Schüler:innen besonders bedeutend. „Wir vereinen an unserer Schule über 30 Nationen und 18 Religionen“, erklärt eine der Schüler:innen auf der Bühne. „Zu sehen, was Teamarbeit und Interreligiosität erreichen können, bedeutet uns viel.“

Foto aus dem Projekt
Foto aus dem Projekt „Care4Hair“

Zwei Mal Tschad

„Care4Hair“. Das Projekt der Religionsunterrichtsgruppen aus drei ersten Klassen ermöglichte sechs jungen Burschen in einem Heim für ehemalige Straßenkinder im Tschad (Afrika) einen Friseurkurs samt Ausrüstung. Mit ihrer Ausbildung und dem nötigen Gerät können sie nun selbständig auf den umliegenden Märkten ihre Leistungen anbieten und werden so unabhängig.

Foto aus dem Projekt
Foto aus dem Projekt „Ein Haus schenken“

„Ein Haus schenken“. Im selben Kinderheim konnte durch die Spendenaktion von Schüler:innen aus den zweiten Klassen ein Wohnhaus für acht ehemalige Straßenkinder gebaut werden. Das Fundraising war sportlich: Mit einem Sponsorlauf im Turm des Stephansdoms wurden pro gelaufenes Stockwerk Spenden gesammelt und für den Hausbau verwendet.

Follow@kiJuKUheinz

Die Jury des Amicus mit Gewinner:innen (v.l.n.r.): Johann Hisch (Gründer des Bildungsnetzwerks „Pilgrim“), Schulsprecher Kristian Marinković, Wiktoria Krupa (Team „Care4Hair“), KommR Helmut Schramm (vom Schulträger Fonds der Wiener Kaufmannschaft), Fabian Beltinger (Team „Alle vereint für die Kinder im Erdbebengebiet“), Dr. Piotr Kubiak (Lehrer und „Amicus-Award“-Initiator), Mateo Lovaković (Team „Ein Haus schenken“), Ing. Mag. A Christine Wogowitsch (Präsidentin des Bildungsnetzwerks „Pilgrim“), MMag.a Evelyn Meyer (Schuldirektorin), Mag.a Maria Moser (projektbegleitende Lehrerin)
Die Jury des Amicus mit Gewinner:innen (v.l.n.r.): Johann Hisch (Gründer des Bildungsnetzwerks „Pilgrim“), Schulsprecher Kristian Marinković, Wiktoria Krupa (Team „Care4Hair“), KommR Helmut Schramm (vom Schulträger Fonds der Wiener Kaufmannschaft), Fabian Beltinger (Team „Alle vereint für die Kinder im Erdbebengebiet“), Dr. Piotr Kubiak (Lehrer und „Amicus-Award“-Initiator), Mateo Lovaković (Team „Ein Haus schenken“), Ing. Mag. A Christine Wogowitsch (Präsidentin des Bildungsnetzwerks „Pilgrim“), MMag.a Evelyn Meyer (Schuldirektorin), Mag.a Maria Moser (projektbegleitende Lehrerin)
Szenenfoto aus "In Arbeit" vom E 3 Enemble

Im Kampf gegen den Klimawandel kleben oder schlittern?

Tiefblauer Tanzboden, himmelblaue Anzüge der Musiker sowie der Schauspieler:innen und auf dem Boden durchsichtig flüssige kreisrunde große und kleinere Klekse. Wasser kann’s nicht sein, dafür wirken sie zu wenig flach, eher zähflüssig. Kleister? Als Anspielung auf Klimakleber? Nein, es ist Gleitmittel (kübelweise bei Landwirtschaftszubehör gekauft) erklärt eine der Protagonist:innen später in der Performance „In Arbeit“ des E3 Ensembles in einem eigens in die White Box im Wiener Off Theater nochmals reingebauten Zelt-Bühne – mit zwei großen Ventilatoren als Windmaschinen (Bühne: Sebastian Spielvogel).

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Szenenfoto aus „In Arbeit“ vom E 3 Enemble

Zu Livemusik auf zwei E-Gitarren und einem eBass (Dominik Essletzbichler, Daniel Neuhauser, Tobias Pöcksteiner) führen sich die vier Schauspieler:innen Isabella Jeschke, Rinu Juniku, Leon Lembert und Gerald Walsberger wie in vielen der E3-Ensemble-Stücken ärgstens auf, mit vollem körperlichen Einsatz treten sie in die Gleitmittel-Klekse, hinterlassen Spuren, Fußabdrücke, rutschen, schlittern über die Bühne. Lösen Schrecksekunden beim Publikum – und vielleicht hin und wieder auch bei sich selbst aus, ob da niemand zu Schaden kommt.

Großes mit Kleinem verbunden

Reihum thematisieren sie die großen Probleme und Herausforderungen der Klimakrise und die scheinbar kleinen, wie jede und jeder etwas dagegen unternehmen könnte, die Erwärmung der Atmosphäre zu stoppen oder geringer ausfallen zu lassen – und dies fast durchgängig in einer Kombination aus der erforderlichen Ernsthaftigkeit mit einem Schuss Humor, Sarkasmus, Ironie und Witz. Loben sich selbst dafür, Müll richtig zu trennen oder Bewegungsmelder im Haus organisiert zu haben, damit das Ganglicht nicht immer brennt. Finden Ausreden, warum sie dies, das oder jenes nicht können oder wollen – eine künstlerisch überhöhte Aneinanderreihung von Ausreden.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „In Arbeit“ vom E 3 Enemble

Auferstehung von Dinosauriern

Und trotz des Ernstes schafft es das Ensemble ähnlich dem aktionstheater ensemble, das die Stücke auch immer im Kollektiv erarbeitet, allgemein politisch und gesellschaftliches stets in sogenannten kleinen Alltagserlebnissen und -begebenheiten konkret aufs Persönliche herunterzubrechen und diese beiden Ebenen sinnlich-spielerisch zu verknüpfen. Und trotz der Ensembleleistung sowohl der Schauspieler:innen als auch der Live-Musiker muss in diesem Fall wohl einer namentlich hervorgehoben werden: Gerald Walsberger, der die unterschiedlichsten Tiere, auch Dinosaurier-Arten in Gang und Körperbewegungen leibhaftig vor den Augen der Zuschauer:innen über die Bühne trampeln, springen, trippeln lässt.

Die intelligentesten Wesen …

Die Saurier sind längst ausgestorben, die Menschen als die angebliche intelligentesten Wesen, die je auf dem Planet Erde leb(t)en, sind dabei sich selbst auszurotten und in dem Zusammenhang fällt mehrmals der Satz: „Ich hoffe, wenn wir aussterben, bin ich schon davor tot!“

Jubiläum

Mit „In Arbeit“ feiert das E 3 Ensemble – rund um seinen dreiköpfigen Kern (Isabella Jeschke, Gerald Walsberger und Sebastian Spielvogel) – den zehnten Geburtstag. In den bisherigen 14 Produktionen wirkten insgesamt mehr als fünf Dutzend weitere Künstler:innen mit, die nicht nur als Gäst:innen spielten, sondern das jeweilige Stück auch kollektiv mitentwickelt haben.

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Szenenfoto aus "Fest der Feinde" im theater Drachengasse (Wien)

Kann aus Kälte Wärme werden?

Space Race, das Wettrennen ins All – aus der Zeit des Kalten Krieges zwischen den USA und der Sowjetunion, die ersterer mit dem ersten Menschen im Weltraum an Bord von Sputnik den gleichnamigen Schock verpassten, die dafür als erste den Mond betreten ließen. Und in der Gegenwart waren’s Elon Musk und Jeff Bezos, die einander einen neuerlichen Wettflug über die Erdatmosphäre hinaus lieferten.

Konkurrenz bis oder samt Gegnerschaft thematisiert „Fest der Feinde“ auf immer wieder auch sarkastisch-humorvoll bis witzige Weise – mitunter durch Lächerlich-machen sogenannter Tod-Feindschaften. Ohne jedoch das zugrunde liegende Problem zu verharmlosen. Die Gruppe YZMA (keine Abkürzung, sondern inspiriert von der gleichnamigen Filmfigur aus dem Film „Ein Königreich für ein Lama“, deren Schatten, abweichend von ihrer körperlichen Gestalt meist eine Katze ist) nennt die eigene Stückentwicklung in diesem Fall „eine Sabotage“.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Fest der Feinde“ im theater Drachengasse (Wien)

Baby Jane …

Dieses sechste gemeinsam von Schausspieler:innen, Autor:innen, Regie, Musik, Bühne usw. von YZMA im Wiener Theater Drachengasse erarbeitete Stück arbeitet unter anderem mit eingespielten Videos alter Schwarz-Weiß-Filme bzw. im Stile solcher neu gebauten Film-Sequenzen (Video: Moritz Geiser). Feindschaft wird spielerisch personalisiert vor allem in den Figuren zweier einstiger Hollywood-Größen, Bette Davis und Joan Crawford. Ihre Feindschaft füllte vor allem die Klatschspalten, die sich zu vielseitigen Strecken auswuchsen, der sogenannten Yellow Press, bzw. nicht nur der Boulevardmedien.

Jene, die den Film kennen (gestehe ich nicht) sagen, dass dies offenbar nicht nur aufgebauschte Geschichten waren, sondern in dem einzigen gemeinsamen Streifen „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ (1962), den Robert Aldrich drehte als die Karrieren der beiden mehr oder minder schon zu Ende gegangen waren, sehr sicht- und direkt spürbar gewesen sei.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Fest der Feinde“ im theater Drachengasse (Wien)

Im „Fest der Feinde“ werden sie zu Bebi Bette Blanche und Krista Kool Kraftwood (Text: Milena Michalek und Ensemble), in deren Rollen Schauspielerinnen abwechselnd schlüpfen. Wenngleich die Feindschaft demaskierende Grundhaltung des Stücks als Ebene immer wieder mitschwingt, erschrecken manch eskalierende Szenen dann doch (Suse Lichtenberger, Michaela Schausberger, Johanna Wolff). Als vierter im Bunde hat der Livemusiker Karl Börner neben eingespielten Keyboard-, Gitarren- und Akkordeonstücken immer wieder Live-Auftritte auch als Schauspieler auf der Bühne mit ihrer Alk-Regal-Drehtür, marmorierten Podesten und einem geheimnisvollen Schrank (Bühne, Kostüme: Andrea Simeon).

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Fest der Feinde“ im theater Drachengasse (Wien)

Wort- und Spielwitz

Trotz aller Drastik sorgen die Inszenierung (Regie: Florian Haslinger) immer wieder für so manche Lacher im Publikum – „geschuldet“ so manchem Wort- und viel Spielwitz. Beide gehen weiter über den Konflikt der beiden Hollywood-Stars hinaus – hinein in „kalten Krieg“ und andere politische Konflikte. Kann Konkurrenz sogar Fortschritt, Weiterentwicklung bedeuten? Oder wie es die Autorin Milena Michalek in einem Text zum Stück formulierte: „/vielleicht besteht der versuch von fest der feinde ja darin, aus dem material der coolen und kalten Kräfte etwas – ja: warmes und uncooles zu machen. weil dann irgend- wie doch die hoffnung besteht, dass es diese kräfte sind, die so etwas wie zukunft versprechen.“

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Fest der Feinde“ im theater Drachengasse (Wien)

Feindschaft vs. Kooperation

Könnte aber auch so interpretiert werden, dass die „Anbetung“ der Feindschaft als der Mensch ist von Grund auf böse, „Konkurrenz belebt das Geschäft“ das speziell durch den Neoliberalismus verbreitete Menschenbild befördert. Und konnte nicht die Menschheit insbesondere in ihren Anfängen nur durch Zusammenwirken, Kooperation überleben? Braucht sie diese nicht heute mindestens genauso? Und wäre es nicht genau eine „Sabotage“ an dieser Notwendigkeit?

Genauso gut kann es sein, dass gerade dadurch, dass es kein Happy End in diesen Richtung gibt, die gefeierte Feindschaft als These abgelehnt und verworfen wird. Auch das ist eine hintergründige Ebene in diesem Stück, das noch bis Ende Mai zu erleben ist.

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Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Fest der Feinde“ im theater Drachengasse (Wien)
Auszug aus „Die Reise“ von James Norbury, Seite 35 (erschienen bei WUNDERRAUM; 18,50 €)

Große Reise und viele Veränderungen sind kein glatter Weg

Dieses Mal lässt Autor und Illustrator James Norbury sein doch recht ungewöhnliches Duo, das auch Titel seines ersten Bandes war – „Großer Panda und Kleiner Drache“ – über die fast 160 Seiten eine durchgängige Reise erleben. Der flauschig-kuschelige, fast kugelrunde Panda und der zarte, fast zerbrechlich wirkende, insektenähnliche Drache, die im ersten Buch – Link zur Besprechung samt Interview des Verlags mit ihm am Ende des Beitrages – viele einzelne Momente erlebten, machen sich hier auf die Reise.

Sie verlassen ihr Zuhause, was dem kleinen Drachen viel schwerer fällt als seinem Kompagnon. Wobei die Reise vielleicht auch „nur“ eine tiefgreifende gedankliche sein könnte. Oder einfach für eine mehr oder minder große Veränderung steht. Der Torii-Bogen auf dem bereits zweiten Bild des Buches, der aus der japanischen Architektur stammt, symbolisiert den Übergang vom Weltlichen zum Spirituellen.

Wie auch immer, das Duo begibt sich auf Wanderschaft und ihr Schöpfer lässt sie immer wieder über die jeweils gerade erlebten Situationen sinnieren – und bei Zweifel am Sinn des eben Durchgemachten einander zum Weitergehen motivieren, animieren – wobei diese oft große Hilfe so scheinbar klein sein kann.

Auszug aus „Die Reise“ von James Norbury, Seite 127 (erschienen bei WUNDERRAUM; 18,50 €)
Auszug aus „Die Reise“ von James Norbury, Seite 127 (erschienen bei WUNDERRAUM; 18,50 €)

Du hilfst mir …

So sagt Kleiner Drache auf Seite 24 – einer der nicht allzu vielen auch bunt illustrierten Bilder, die ansonsten fast ausschließlich mit tuschähnlichen Schwarz-Weiß-Zeichnungen auskommen -: „Ich würde dir immer helfen.“ – „Du hilfst mir jeden Tag“, sagte Großer Panda, „indem du einfach du selbst bist.“

Und natürlich will James Norbury (Übersetzung ins Deutsche: Sibylle Schmidt) wieder den Leser:innen Weisheiten für ihren eigenen Alltag mit auf die verschiedensten Wege geben, etwa: „Je weniger ich versuche, die Welt zu beherrschen, desto leichter fällt es mir, ihre herrlichen Wunder zu bestaunen.“

Besonders herrlich – nicht nur, aber gerade im schulischen Zusammenhang wären die Panda’schen Erkenntnisse auf die Frage vom Kleinen Drachen nach der Weisheit des Weggefährten: „Großer Panda überlegte ein Weilchen. „Weisheit ist in uns allen, mein kleiner Freund. Doch sie spricht mit so sanfter, leiser Stimme, dass wir sehr still sein müssen, um sie zu hören.“ – „Aber du scheinst auf alles eine Antwort zu wissen.“ – Großer Panda grinste. „Weil ich viel mehr Fehler gemacht habe als du.“

Ach ja, die Reise endet nicht wie bei „Oh, wie schön ist Panama“ von Janosch wieder zu Hause, wie es einige Seiten vor dem Ende vielleicht scheinen könnte, sondern sie hat ein offenes Ende – siehe die vom Verlag uns zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellte Seite 153: „Dort draußen gibt es so viel Unbekanntes und so viele Möglichkeiten…“ – siehe Bild unten.

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Auszug aus „Die Reise“ von James Norbury, Seite 153 (erschienen bei WUNDERRAUM; 18,50 €)
Auszug aus „Die Reise“ von James Norbury, Seite 153 (erschienen bei WUNDERRAUM; 18,50 €)
Titelseite des Buches
Titelseite des Buches „Die Reise – Großer Panda und Kleiner Drache“ von James Norbury
Proben-Szenenfoto aus "Es zieht!", Theaterwild-Werkstatt "Wildwuchs" im Dschungel Wien

Plastikfutter und Luft-Spray

Schon im Hintergrund eine Art Schnürl-Vorhang – aus lauter aneinander geknüpften Plastikflaschen und an einem seitlichen Bühnenrand stehende aufblasbare Sitzmöbel deuten das Problem an, um das sich „Es zieht!“ drehen wird. 14 Kinder und junge Jugendliche bespielen – eingebettet in eine Geschichte rund um eine Party – das Thema Plastik(müll).

Die jungen Darsteller:innen haben mit ihrer Regisseurin die ganze Saison in einer der vier Theaterwild:Werkstätten – wie die anderen drei – das Stück gemeinsam erarbeitet. In dieser Werkstatt namens „Wildwuchs“ haben sie sogar für das Bühnenbild und die Requisiten gesammelt – die Flaschen – im Laufe der rund 50 Minuten werden fast Unmengen von solchen auf die Bühne rollen und fallen.

Party zum (Welt-)Untergang

Auswirkungen dieser Vermüllung auf die Welt(meere) spielen sie in verschiedenen Szenen, die – durch Blacks getrennt – ins Party-Spiel eingebaut sind. So schwimmen die meisten der jungen Theaterleute als Fische über die Bühne und beißen sich an Plastikstücken – von anderen gespielt – tot.

Aber auch die Party selbst – mit Freund- und Feindschafften, dem Auftreten unterschiedlichster Typ:innen – einer Hilfsbereiten ebenso wie zweier reicher Schwestern, die allen zeigen wollen, was sie sich alles leisten und sozusagen auch die Welt kaufen könnten – hat einen bitterbös-sarkastisch-witzigen Höhepunkt: Eine der Gäst:innen bietet Luft in Sprayflaschen an, dafür gibt’s kein Trinkwasser mehr und das regionale Bio-Buffet bleibt praktisch unangetastet.

(Spiel-)Witz

Trotz der Schwere der Themen ist „Es zieht!“ – der Titel klärt sich erst am Ende und soll hier natürlich nicht verraten werden – wird das Stück recht witzig werden – Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… durfte eine der letzten schon durchgängigen Proben sehen, weil zur Aufführungszeit nicht anwesend. Für den Humor sorgen einerseits der Spielwitz der jungen Darsteller:innen als auch die überspitzt präsentierten zugespitzten Auswirkungen menschlichen Handelns auf die Erde, von der es keinen Ersatz also keinen Planeten B gibt. Dass sich das Publikum aber nicht nur gedanklich damit auseinandersetzen soll, dafür sorgt ein aktionistisches Ende – das natürlich nicht gespoilert werden soll.

(Um-)Welt

Auch die anderen drei Theaterwild:Werkstätten im Theaterhaus für junges Publikum haben sich intensiv mit der Klimakrise auf Menschen und Natur auseinandergesetzt. Die szenischen Ergebnisse der monatelangen Workshops sind nun beim Festival – bis 12. Mai 2023 (manche aber nur bis 6. bzw. 9. Mai) zu erleben – siehe Info-Box.

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Szenenfoto aus "Café Populaire" auf der Studiobühne des Linzer Landestheaters

Selbstironie über die Bobo-Blase

Zu Varieté-Musik präsentiert sich die im Hintergrund rot gestrichene Theaterlandschaft (Bühne und Kostüme: Dominik Freynschlag) mit „Zauberkasten“ aus dem Füße herausschauen. Soll da in „Café Populaire“ die klassische Nummer des „Zersägens“ einer Person stattfinden? Darunter und dahinter kugeln noch weitere Menschen auf dem Boden herum bevor’s so richtig losgeht. Nach und nach werden die vier Protagonist:innen auf der Studiobühne des Linzer Landestheaters lebendig, tauchen in einer Art altmodischer, überdimensionaler weißer Unterwäsche als Art Weiß-Clowns auf.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Café Populaire“ auf der Studiobühne des Linzer Landestheaters

Doch „zersägt“

Zentral erleben wir – hin und wieder mit roter Nase – Spitals-ClownIn Svenja, gespielt von Jonatan Fidus Blomeier. Das Einsatzgebiet, in dem er aufheitern soll, ist ein Hospiz, aus dem wir ausschließlich die älteste Insaßin kennenlernen, eine quicklebendige alte linke Kämpferin namens Püppi (Alexandra Diana Nedel). Für alle Arbeiten, die im Hospiz und im ganzen Ort namens Blinden anfallen ist der Dienstleistungsproletarier Aram zuständig, ihn verkörpert Joël Dufey. Nummer vier im eineinhalb-stündigen selbstironischen Stück von Nora Abdel-Maksoud (Inszenierung: Lisa-Katrina Mayer) ist „Der Don“ (Hanna Kogler – alle vier sind Schauspiel-Studierende des 3. Jahrgangs der Anton Bruckner Privatuniversität). Dies ist sozusagen eine fiktive Figur, das Alter Ego oder vielmehr die Gedanken von Svenja.

Und damit sind wir fast wieder bei der in Zirkusmanegen und auf Varieté-Bühnen „zersägten“ Person.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Café Populaire“ auf der Studiobühne des Linzer Landestheaters

Humornismus

Dieser Don schlägt Svenja, die so gut und völlig korrekt die Welt verbessern will, immer wieder ein Schnippchen. Und zunehmend mehr. Svenja versteht sich als Aufklärerin, die ihren Witz unbedingt einsetzen will, um Diskriminierungen aufzuzeigen – und zwar solche, die sich aufgrund sozialer-gesellschaftlicher Stellungen ergeben. Sie will den „Klassismus“ aufs Korn nehmen, das Runtermachen ärmerer Menschen durch sich besser fühlende reichere.

Dafür schafft die Clownin sogar einen eigenen Begriff: Humornismus – eine Wortschöpfung aus Humor und Humanismus.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Café Populaire“ auf der Studiobühne des Linzer Landestheaters

Die wahren Gedanken

Doch immer wieder kommen ihr Wörter und Sätze über die Lippen, die solchen Klassismus genau bedienen. Das bin nicht ich, das ist der Don – ist ihre Ausrede. Doch der ist genau ihre innere Stimme – nur in einer externen Figur auf der Bühne verkörpert. Und kann nicht nur aus einem herauskommen, was innen drinnen ist? Damit nimmt das von viel Wort- und einigem Spielwitz durchzogene Stück das aufs Korn, was landläufig oft Scheinheiligkeit genannt wird, oder Wasser predigen und Wein trinken. Und es bringt ihrem Vlog (Video-Blog)viel mehr Follower – was die entsprechende Dynamik weitertreibt.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Café Populaire“ auf der Studiobühne des Linzer Landestheaters

Konkurrenz

Krasser wird der Widerspruch in sich, in Svenja, als es um das Veranstaltungslokal „Zur Goldenen Möwe“ geht. Das gehört Püppi und sie sucht einen Betreiber/eine Betreiberin. Svenja, die Aram in Filmen für ihren Vlog („gedreht“ in dem eingangs genannten „Kasten“) dazu nötigt, ihr Gut-Sein, ihre Aufklärungsarbeit zu unterstützen, sieht sich nun in Konkurrenz zu Arma, der sich selbst um die „Möwe“ bewirbt. Und da ist’s auf einmal mit der Solidarität mit dem Arbeiter, der im Hospiz und in der Stadt für alle niederen Jobs zuständig ist, aus. Ja, da deckt Svenja sogar auf, dass Aram gar kein Proletarier, sondern ein Studierter ist. Und nochmals gibt es eine Wendung im Stück, die hier ausgespart werden soll, hat sich die Aufführung doch auch einiges mehr als Zuschauer:innen verdient als beim Besuch von Kinder I Jugend I Kultur I und mehr…

Verraten werden darf ein entlarvender Gag, der im Stück gegen Ende vorkommt – weil er ohnehin auch in der Ankündigung des Landestheaters schon zu lesen ist: „Warum kann man im Theater so gut Witze über Arme machen? – Weil sie sich die Karten eh nicht leisten können.“

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Doppelseite aus dem bebilderten Buch "Benno, Fred und das Geschenk"

Zwei Vogel-Freunde und Regenwürmer, die Blumen spielen

Fred und Benno – den beiden Vögeln widmet Cataharnia Valckx Valckx (Übersetzung aus dem Französischen: Julia Süßbrich) mehrere Bücher mit kurzen – gezeichneten – Erlebnissen, in die sie – sowohl von den Bildern als auch von den kurzen Texten witzige Pointen einbaut. Eine der jeweils sechs Episoden gibt dem jeweiligen Buch dann auch den Titel. In „Benno, Fred und das Geschenk“ besuchen die beiden, die gemeinsam in einem kleinen Erdhügelhaus an einem Teich wohnen, ihre Freundin Ursula, eine Eule.

Auf dem Weg, den sie hüpfend und watschelnd zurücklegen, kommen sie auf die Idee, vielleicht ein Geschenk mitzubringen. Doch natürlich – die meisten Geschichten und ihre Leser:innen lieben spannende Höhe- und Tiefpunkte – geht dabei was schief – mit dem ersten Geschenk – gepflückten Blumen und dem „Ersatz“, den ihnen ein Pferd mitgibt. Das Hufeisen, das als altes Symbol Glück bringen soll, gefällt Ursula schon, aber… – Nein, was da passiert sei sicher nicht gespoilert.

Doppelseite aus dem bebilderten Buch
Doppelseite aus dem bebilderten Buch „Benno, Fred und das Geschenk“

Rollenspiele

Schon ein wenig was verraten möchte ich vom Kapitel „Das Brett“, in dem Benno sich flach – Kopf auf einem Baumstumpf, Füße auf einer Kiste – hinlegt und auf Freds verwunderte Frage, was er da mache, antwortet, dass er eben ein Brett spiele. Andauernd trifft der kleine schwarze Vogel an diesem Tag auf Tiere, die in verschiedene Rollen schlüpfen. Am lustigsten wirken wohl zwei Regenwürmer, die eine Blume spielen. Und was wird Fred wohl machen? Lässt er sich von diesem Spiel anstecken?

Gerade dies ist dann sogar ein bisschen mehr als ein (Vor-)Lesebuch, es könnte auch dich animieren zu verschiedensten (Rollen-)Spielen.

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Titelseite des bebilderten Buchs
Titelseite des bebilderten Buchs „Benno, Fred und das Geschenk“
Szenenfoto aus "Menschenfeind" im TAG, dem Theater an der Gumpendorfer Straße (Wien-Mariahilf)

Worthülsen aufgeblasen bis zum – Lachen

„Kreativität, die bewegt. Es ist uns ein persönliches Anliegen, mit Ihrem Content die Menschen zu bewegen. Wir haben die Erfahrung, die Leidenschaft und die Inspiration, damit Ihre Botschaften zu unverwechselbaren Geschichten werden.“ Diese mit vorgeblicher Bedeutung gefüllten Sätze, die Menschenfeind Alceste zum Besten in sarkastisch-ironischer Weise zum Besten gibt werden damit zum prall gefüllten Luftballon. Statt Platzen kommt das erste herzhafte Lachen aus dem vollbesetzten Publikumsraum im TAG, dem Theater an der Gumpendorfer Straße (Wien-Mariahilf). Frei nach Molières Komödie „Der Menschenfeind“ wird hier 1 ¼-Stunden lang die „bessere Gesellschaft“ aufs Korn genommen – vor mehr als 350 Jahren adelige Kreise, heute sich elitär fühlende Typ:innen rund um eine Werbeagentur.

Wort- und Spielwitz

Zum Lachen bietet die frei nach Molière verfasste Version von Fabian Alder, der auch Regie führte, an diesem Abend ziemlich viel – aus Situationskomik, Wortspiel, Spielwitz der Akteur:innen und nicht zuletzt so manchen Anspielungen – nicht zuletzt auf Zitate aus den wohl bekanntesten Chat-Nachrichten des Landes – u.a. „Hure der Reichen“.

Alceste, als süffisanter Durchblicker, der sich damit ins Abseits manövriert, von Jens Claßen dargestellt, kommt mit seiner messerscharfen Analyse allerdings allerdings deutlich überheblich daher, lässt die anderen spüren, dass er der Gscheitere und sie die Dummen sind. Lisa Schrammel spielt die Über-Drüber-Agentur-Chefin Célimène, die sich ihren Kund:innen anpasst. Ein großer Etat winkt von der Generalsekretärin der GÖP, der grün-ökonomischen Partei, (sozusagen das Besten aus beiden Welten). Ida Golda verkörpert diese schon äußerlich als Gegensatz, denn sie ist fast völlig in Plastik kostümiert (Kostüme: Katia Bottegal). Ida Golda schlüpft übrigens zwischendurch einmal in eine andere Rolle samt anderem Kostüm, in die von Arsinoé, die sich als Konkurrentin gern mit Célimène zusammentun würde.

Scheinheilig

Das Schauspiel-Sextett wird noch von der auf sehr dümmlich und gegenüber Alceste anlassig gepolten Éliante (Michaela Kaspar) und den auf scheinbar freigeistig angelegten Orente (Markus Hamele) und Clitandre (Georg Schubert) im Umfeld der Agenturchefin komplettiert.

Zwecks Dramatik (Dramaturgie: Tina Clausen) lässt der Autor ein geheimes Video auftauchen, das die Scheinheiligkeit der Agentur-Chefin enthüllt – und das, sollte es öffentlich werden, den Auftrag der GÖP-Chefin verhindern könnte. Was und wie sei hier sicher nicht verraten.

Bubbles angestochen

Außerdem ist die mögliche Intrige bzw. das Auseinanderklaffen von salbungsvollen Reden und gegensätzlichem Handeln nur ein zusätzliches Element im sehr witzigen, klugen Zerlegen von Bubbles, ihrer Sprache und ihrem Gehabe, das sich auf einer auch recht amüsant wirkenden Bühne – einer Art über- und ineinander gestapelter Enzis samt Rutsche – also Aufstieg, entspanntes Verweilen, Absturz inklusive – abspielt mit Grünzeug-Teppich an der Wand im Hintergrund (Bühne: Thomas Garvie).

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Doppelseite aus dem Bilderbuch "Wie ist es eigentlich, erwachsen zu sein?"

Wenn ich groß bin, dann …

„Wenn ich groß bin, kann ich Eis essen, wann ich will, darf ich selber bestimmen und … vieles mehr!“ Ist das so, oder doch ganz anders? Oder irgendwo dazwischen?

Auf fast 80 Seiten – mit vielen Bildern und wenigen Worten – widmet sich Anna Fiske, eine norwegische Autorin und Illustratorin in einer Person der Frage: „Wie ist es eigentlich, erwachsen zu sein?“ Ausgehend von Dutzenden Kinderfragen dazu hat sie viele kleine Bilder und große Szenen gezeichnet und beschrieben. Gleich auf der ersten Doppelseite sind viele ganz unterschiedliche Gesichter zu sehen – rechts Kindergesichter und ihre Vorstellungen, wie sie wohl erwachsen aussehen würden/könnten; links Erwachsene, die sich noch erinnern können, wie sie als Kinder ausgesehen haben.

Er-wachsen

Aber können Erwachsene wirklich immer mehr als Kinder? Schon nach ein paar Doppelseiten thematisiert Fiske etwas auf der Hand Liegendes: Kinder wachsen, Erwachsene nicht mehr – höchstens in die Breite 😉

Aber, nennt die Autorin und Illustratorin ein weiteres mögliches, unsichtbares Wachstum: „innerlich“.

Dass Menschen ab bestimmten Altersgrenzen mehr dürfen wird in diesem umfangreichen großformatigen Bilderbuch auch thematisiert – leider ist Österreich insofern nicht berücksichtigt, als hier schon ab 16 – nicht erst ab 18 Jahren – gewählt werden darf.

Gemeinsamkeiten

Dass es bei Menschen-(Gruppen) nicht immer um Unterschiede geht oder die ins Zentrum gerückt werden sollen, kommt immer wieder so „nebenbei“ bei Fiske heraus. Erstens finden sich in den meisten Szenen ganz unterschiedliche sowohl Kinder als auch Erwachsene und zweitens auch zwischen den verschiedenen Alterskategorien setzt das Buch immer wieder auf Gemeinsamkeiten – siehe Beispiele auf der oben abgebildeten Doppelseite. „Erwachsene habend die gleichen Gefühle wie Kinder, sie haben sie nur schon oft erlebt.“ Womit sie sich (vielleicht) leichter tun, damit umzugehen 😉

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Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „Wie ist es eigentlich, erwachsen zu sein?“
Mathias lässt sich von Benya dessen Tallit genanntes Gebetstuch um die Schultern legen

Lern Fremde(s) kennen – das hilft gegen Vor-Urteile

Warum tragen Burschen und Männer ein Kapperl auf dem Kopf? Warum verhüllen Frauen ihr Kopfhaar? Warum und wie oft beten die einen oder die anderen? Warum sind so viele gegen euch/uns? Wie heißen die Gotteshäuser in eurer Religion? Stimmt es, dass…?

Welches Kind, welche/r Jugendliche hat nicht viele Fragen? Erwachsene auch – viele von ihnen sind aber oft zu schüchtern, feig, zurückhaltend, die eine oder andere Frage, die sie vielleicht brennend interessiert, direkt an Menschen zu stellen, von denen oder über die sie wenig wissen bis nichts.

Aus der Unwissenheit werden aber oft bekannte Vorurteile immer und immer wieder weiter geteilt, nicht selten wird daraus auch Vor-Verurteilung, Aggression, Hass, mitunter sogar Gewalt.

Aufeinander zugehen

Vorurteile fallen dort am besten auf fruchtbaren Boden, wo es kein Wissen gibt, wo Menschen der jeweiligen Gruppe kaum leibhaftig bekannt sind. Das zu ändern ist eines, nein eigentlich DAS Ziel der Initiative „Zusammen:Österreich“. Jugendliche bzw. junge Erwachsene aus verschiedensten Kulturen besuchen dabei als „Integrations-Botschafter:innen“ Schulen, um offen auf alle Fragen von Schüler:innen einzugehen, über sich und ihre (Herkunfts-)Kultur, die Vielfalt usw. gemeinsam zu reden.

Kürzlich besuchten Mridula Sharma (Leiterin der Abteilung Digital Engineering bei Siemens, Wurzeln in Indien), Zaker Soltani (Künstler sowie Trainer für Deutsch als Zweitsprache, Wurzeln in Afghanistan) und die beiden Likratinos Benya und Mendi (die aus Sicherheitsgründen nur mit diesen Vornamen aufscheinen) die Mehrstufenklasse in der Mittelschule Grundsteingasse (Wien-Ottakring). Die beiden zuletzt Genannten sind Juden, der eine in Österreich aufgewachsen, der andere in Usbekistan.

Das hebräische Wort „Likrat“ steht für „aufeinander zugehen“ – und genau darum geht’s bei diesem Projekt der Israelitischen Kulturgemeinde Wien, das im Rahmen der oben genannten Initiative des Österreichischen Integrationsfonds Jugendliche besucht. Wer die/den anderen kennt oder kennenlernt, weiß warum sie oder er das eine oder andere Ritual abhält, woran sie/er glaubt, was ihr/ihm wichtig ist…

Tanach – Bibel – Koran

Apropos Hebräisch – in dieser Sprache bzw. einer alten Version davon ist die heilige Schrift der Jüd:innen verfasst. Sie wird übrigens genauso wie Arabischemit dem es auch verwandt ist – von rechts nach links geschrieben. Und ähnlich wie manche Muslime erging es Benya auch in der Kindheit: „Da konnte ich noch nicht Hebräisch lesen, aber ich hab die Verse im Tanach auswendig gekonnt. Ein Freund von mir konnte die Schrift lesen, aber konnte die Aussprache nicht so gut – so haben wir uns ergänzt“, schildert er den Schüler:innen in der Grundsteingasse. Tanach ist übrigens die Bezeichnung für die heilige Schrift im Judentum so wie Bibel im Christentum und Koran im Islam.

Die Kippa – Mehrzahl Kippot -, die Männer zumindest beim Beten, andere auch immer, auf dem Kopf tragen, ist ein Zeichen der Ehrfurcht vor Gott. Gebete sind für Benya „eine Art von Selbstreflexion“, also Nachdenken über sich und die eigenen Handlungen, „damit man nachher ein besserer Mensch ist“.

Übrigens: Wie im Islam bedecken auch im Judentum viele Frauen ihr Haar – was allerdings oft nicht so ersichtlich ist, weil sie statt eines Tuches eine Perücke über dem eigenen Haar tragen.

Erlebte Diskriminierungen

Gefragt, ob er selber schon antisemitische Beschimpfungen, Diskriminierungen usw. erlebt habe, schildert Benya u.a., er und seine Familie seien in ihrer Wohnung mit ebenerdigem Balkon von Jugendlichen beschimpft, der Balkon und die Scheiben mit Steinen und Stöcken beworfen worden. Und das über Tage hinweg. Die herbeigerufene Polizei sei immer zu spät gekommen. Beenden konnten sie die Attacken erst, als er mit seinem großen Bruder, der von einem Auslandsaufenthalt zurückgekommen ist, über das Balkongeländer gesprungen seien, um die Burschen zur Rede zu stellen. Die sind zwar in alle Richtungen davongelaufen, er aber konnte einen stellen, der bereitwillig Namen und Adressen bekanntgab. „Seither grüßen die mich höflich, wenn sie mich auf der Straße sehen!“

Sein Rat an die Schüler:innen: „Es ist ganz egal, welche Religion man hat und woher man kommt. Man muss die Leute kennen lernen.“ Sein Kollege Mendi ergänzt: „Wenn Unwissenheit aufgeklärt wird, werden Vorurteile aufgeklärt.“

Künstler und Deutschlehrer

Zaker Soltani, der vor elf Jahren als jugendlicher Flüchtling allein in Österreich angekommen ist, Kunstgeschichte sowie Deutsch als Zweit- und Fremdsprache studierte, hat übrigens im Winter drei Monate lang an der staatlichen Wirtschaftsuniversität von Taschkent, der Hauptstadt Usbekistans, Deutsch unterrichtet – und in einem zusätzlichen Projekt österreichische Kunst und Kultur vermittelt.

Er sagte den Schüler:innen unter anderem: „Es ist immer gut, sich selbst und alles zu hinterfragen“, aber auch zu fragen, ob alles stimmt, was in Medien zu sehen, lesen oder hören ist. „Deshalb reise ich gerne! Ich besuche die Menschen und versuche mir selbst ein Bild zu machen“ und so schildert er bei der Frage nach dem Nahost-Konflikt zwischen Israel und Palästinenser:innen: „Ich hab mir das selber auch in Jerusalem angeschaut, wo heilige Stätten für die drei großen Weltreligionen so nah beieinander liegen – für Juden, Muslime und Christen, weshalb diese Stadt eben für Gläubige dieser drei Religionen so wichtig ist.“

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Mehr Informationen

Mehr Sprachen

Mridula Sharma empfahl den Kindern und Jugendlichen „mehr Sprachen zu lernen, damit man sich unterhalten und verständigen kann.“ Aus ihrer beruflichen Praxis schilderte sie: „Vorurteile im Berufsleben nehme ich schon persönlich. Aber: Ich arbeite dann daran, um zu zeigen, dass sie nicht stimmen!“

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zusammen-oesterreich

Likrat

Zaker Soltani

Lilly und Dora

Mit ihren Büchern schließt sie ein und nicht aus

Die vielleicht wertvollste Auszeichnung für die Autorin Lilly Axster, die Dienstagabend den zum dritten Mal verliehenen Christine-Nöstlinger-Preis bekam, lieferte die 9-jährige Dora. Sie zeigte sich von einem der Bücher der Preisträgerin sehr begeistert: DAS machen? – Projektwoche Sexualerziehung in der Klasse 4c“. Es ist eines ihrer ­Bilderbücher, die sie jeweils gemeinsam mit der Illustratorin Christine Aebi, die immer auch mit-konzipierte, geschaffen hat.

Dora hatte, so erzählt sie der Autorin – und Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… – „aus der Bücherei ausgeborgt. Es hat mir so gefallen, weil es ganz interessant ist. Manches war für mich auch neu. Und ich mag es, weil es witzig ist, am Lustigsten finde ich die Seiten, die so wie Comics gemacht sind“, lächelt und strahlt sie. Und mit ihr auch Lilly Axster.

Bei Kindern und Jugendlichen beliebt, Aufreger für manch Erwachsene

Und dieses Buch verbindet die Autorin noch in ganz besonderer Weise mit der Namensgeberin des Preises, der von Christine Nöstlingers beiden Töchtern nach ihrem Tod ins Leben gerufen worden ist. Wie die ersten Bücher von Nöstlinger, die bei den jungen Leser:innen sofort beliebt, im Gegensatz dazu aber von so manchen Erwachsenen angegriffen wurden, dass dies Kindern nicht zuzumuten wäre, erging’s auch Lilly Axster mit genau diesem Buch. Angriffe, weil – ausgehend von realen Workshops in Schulen – eben alle möglichen Themen die Kinder im Zusammenhang mit Sexualerziehung interessieren angesprochen werden. Und das auf unverkrampfte, witzige Art.

Selbsternannte „Kinderschützer“ – bei diesen erübrigt sich auch gendern – meinen ja sogar, für Kinder wäre die Lesung von märchenhaften Geschichten abseits gängiger Rollen-Klischees wenn sie von Drag-Queens vorgenommen werden, schädlich.

Das sprach Lilly Axster auch in ihrer abschließenden Dankesrede an. So gern hätte sie als Kind solche Lesungen in ihrer deutschen Geburtsstadt Düsseldorf erlebt.

Für jene mit einem Nicht-Zugehörigkeitsgefühl

Die Autorin wurde aber nicht nur für dieses Buch, sondern ihr bisheriges Gesamtwerk, das sich im Juni um einen neuen Jugendroman erweitern wird, ausgezeichnet. Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler würdigte die Preisträgerin u.a. mit der zusammenfassenden Beschreibung ihrer Bücher „für Kinder und Jugendliche, die vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben ein Nicht-Zugehörigkeitsgefühl sei aus wegen der Herkunft, des Geschlechts, der sexuellen Orientierung oder aus anderen Gründen. Ihnen zeigt Lilly Axster Wege aus der Unsicherheitszone und gibt ihnen das Gefühl, dass es schon gut ist, wie sie sind.“

Respekt, Wertschätzung…

Ausführlich – aber kurzweilig – würdigte die Leiterin des Instituts für Jugendliteratur, Karin Haller, das bisherige Werk Lilly Axsters, das sich durchgängig durch Toleranz, Respekt, Wertschätzung und radikale Offenheit auszeichnet. Und durch literarische, mitunter sprachverspielte, Qualität. Sie mache keine Bücher zu Problem-Themen, sondern bette Themen in Geschichten ein, deren Figuren ein- und nicht ausschließen.

Der Preis – mit 10.000 Euro dotiert – zeichnet Menschen aus, die Kindern und all jenen, die sonst nicht gehört werden, eine Stimme geben, ihre Perspektive einnehmen und so einen kleinen Beitrag leisten, deren Leben ein Stück gerechter zu gestalten.

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Gern und viel lesen

Zurück zum Beginn des Artikels und da zu Dora. „Ich lese schon gerne und auch viel, jetzt „Maikäfer flieg“ von Christine Nöstlinger und für ein Referat in der Schule hab ich eines der Bücher aus der Serie „Ein Fall für Katzendetektiv Ra“ gelesen.“

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Stückbesprechung „Wenn ich groß bin, will ich frau*lenzen“ – damals noch im KiKu

Stückbesprechung „Atalanta-Läufer_in“ – damals noch im KiKu

lillyaxster.at

Szenenfoto aus "Moby Dick" im Theater im Zentrum: Jonas Graber als Ismael

Blindwütige Rache führt in den (nicht nur) eigenen Untergang

Düster, finster, eine Art schwimmendes Gefängnis – das ist das Walfangschiff aus dem Roman „Moby Dick“, geschrieben von Herman Melville vor mehr als 130 Jahren. Damals – und bis vor ein paar Jahrzehnten – war Walfang einerseits üblich und andererseits nicht nur wegen des Fleisches für vieles gut – unter anderem wurde das Fett für Öllampen verwendet, bevor es elektrisches Licht gab. Zu Melvilles Zeiten war Walfang noch lange nicht derart industrialisiert, dass schwimmende Fabriken die Bestände der intelligenten Meeres-Säuger fast in ihrer gesamten Existenz bedrohten.

In dem Roman, der nun in einer sehr verdichteten und vom Personal stark reduzierten und damit von Läääängen befreiten spannenden Version im kleineren Haus des Theaters der Jugend in Wien, im Theater im Zentrum, zu erleben ist, schwingt natürlich längst mit, dass Wale und die Jagd auf sie, heute eine ganz andere Bedeutung haben. Seit einigen Jahrzehnten geht es um den Schutz dieser Tiere, die vor allem viele Kinder und Jugendliche lieben, wenngleich nicht unbedingt einen Pottwal, um den es sich bei dem weißen Exemplar namens Moby Dick handelt.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Moby Dick“ im Theater im Zentrum: Uwe Achilles (Stubb), Frank Engelhardt (Starbuck), Mathias Kopetzki (Ahab), Wolfgang Seidenberger (Quiqueg) und Jonas Graber (Simael)

Nennt mich Ismael

Melvilles umfangreiche Geschichte mit vielen Nebensträngen und allgemeinen Betrachtungen über dies und das – immerhin im Original um die 1000 Seiten – dreht sich auch weniger um den Wal selbst, als um A) den Kampf von Mensch gegen Natur und B) das noch viel mehr, die Besessenheit des diktatorischen Kapitäns Ahab, genau diesen Wal zu fangen und zu töten. Der hat ihm – so seine Erzählung – ein Bein abgebissen. Soweit die Ausgangssituation.

Entsprechend dem – nicht in allen (übersetzten) Versionen bekannten Satz „Call me Ishmael.“/ Nenn(t) mich Ismael, lässt Regisseur Michael Schachermaier das Stück aus der Sicht des neu angeheuerten Matrosen erzählen, den Jonas Graber spielt und auch als den schüchternen Newcomer anlegt.

Szenenfoto aus
Live-Musikerin Mary Broadcast

Wortkarg

In einem Art Vorspiel bevor’s aufs Schiff geht, das aber schon von Anfang an auf der rohen Bühne mit Strickleitern und milchig/verschmutzten Folien auszumachen ist (Ausstattung: Regina Rösing) landet Ismael, der Schiffsjunge werden will in einer Art Hafenspelunke, dem „Gasthaus zum Walfisch“, wo er auch – nach anfänglicher Ablehnung – doch übernachten kann und auf den späteren Kollegen an Bord, Quiqueg (Wolfgang Seidenberger) trifft. Vor dem er sich maßlos fürchtet, spricht der doch praktisch kein Wort – außer jenem, das zu seinem Namen geworden ist. Was er zu erzählen hat, ist bildlich als Tattoos auf seinem Körper zu lesen. Und trotz seiner extremen Wortkargheit lässt er durchblicken, dass er vielleicht mehr sprechen könnte, wenn er wollte. Und er strahlt den Willen zur Freundschaft aus, was Ismael bald erkennt.

Szenenfoto aus
Frank Engelhardt als Starbuck

Starbuck vs. Ahab

Wirt und Gäste, sowie Reeder (Eigentümer von Schiffen) werden von späteren Matrosen bzw. dem Kapitän gespielt – wo sie unterschiedliche Rollen einnehmen: Lukas David Schmidt als teils fast artistischer Matrose Flask, Uwe Achilles als zweiter Steuermann sowie Frank Engelhardt als Starbuck. Dieser ist erster Steuermann und der verantwortungsvolle Leader. Als solcher kommt er immer wieder in Widerspruch zu Kapitän Ahab (Mathias Kopetzki). Das tun auch die anderen Matrosen, doch Starbuck traut sich auch Konter zu geben, vor Gefahren zu warnen. Oder zur Sprache zu bringen, was die Mannschaft ärgert: So viele Wale lassen sie ungejagt vorbeischwimmen, nur um Ahabs Rachelust zu verfolgen. Mit der Angst vor der Gefahr, dabei selber draufzugehen.

Szenenfoto aus
Uwe Achilles (Stubb), Lukas David Schmidt (Flask), Mathias Kopetzki (Ahab), Frank Engelhardt (Starbuck)

Toxische Rachsucht

Dieses – heute würde es wohl als toxisch bezeichnet – männlich-herrschaftliche: „Ich will genau diesen Wal und ihn töten!“ hat schon Melville aufs Korn genommen, umso mehr ist es heute ein überholtes, fast anachronistisches, wenngleich noch immer anzutreffendes Verhaltensmuster. Samt den Folgen nicht nur für den Besessenen, sondern die ganze Crew am (Raum-)Schiff (Erde) – denn als Metapher für das Zugrunderichten der Menschheit durch Vernichtung der Natur kann „Moby Dick“ wohl auch gelesen werden. Wobei der Autor wohl nicht zufällig das Schiff, auf dem sich alles abspielt, „Pequod“ genannt hat – nach einem indigenen Volk auf dem nordamerikanischen Kontinent (heutiger US-Bundesstaat Conecticut), das von den englischen Eroberern weitgehend getötet wurde.

Szenenfoto aus
Jonas Graber als Ismael

Musikalische Gegenwelt

Als Gegenstück zu diesem patriarchalen Herrscher – und irgendwie auch Unterstützung für den zart besaiteten Ismael – tritt immer wieder als Live-Musikerin, anfangs mit Ukulele, später mit E-Gitarre Mary Broadcast (Mary Lamaro), Bandleaderin der gleichnamigen Pop-Rock-Formation, auf – manchmal am Rand des Geschehens, dann wieder fast als Geist, die durch die Szenerie wandelt, in anderen Momenten mittendrin. Als Gegenwelt, als Hoffnungsschimmer. Und das entspricht dem für diese Saison ausgegebenen Motto des Theaters der Jugend: „Don’t give up!“ Wenngleich der Sieg des Wals auch den Untergang sozusagen von Mann und Maus bedeutet, auch jener, die nicht auf Ahabs Seite stehen. Nur Ismael kann sich retten – sonst hätte ja auch niemand die Geschichte erzählen können 😉

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Großgruppenfoto mit allen Finalredner:innen samt dem u.a. für Bildung zuständigen Wiener Stadtrat und Vizebürgermeister

Engagierte junge Reden für Umweltschutz und gegen Diskriminierungen

Die Volkshalle des Wiener Rathauses, und einer der Nebenräume wurden Ende April zur Tribüne junger, starker Redner:innen, teils – in der Kategorie „Sprachrohr“ – mit Performance-Einlagen. Die Themenpalette der engagierten Jugendlichen, die es schon durch Spitzenplatzierungen in der Vorrunde ins Landesfinale hierher geschafft hatten, war breit. Umweltschutz und Kampf gegen den Klimawandel einschließlich eigener, „kleiner“ Dinge, die große Beiträge liefern können, spielte in vielen Beiträge eine große Rolle; andere Themen – genauso leidenschaftlich angesprochen – waren Bildung, Konsumwahn am Beispiel von Mode, Rassismus, Sexismus und die davon ausgehenden Diskriminierungen sowie Tierschutz. Übrigens: Die 19 Finalist:innen – und vier Gastredner:innen aus Budapest – hatten – entsprechend den Jury-Votings – schon gewonnen – in den Vorrunden, bei denen insgesamt fast 130 Jugendliche angetreten waren.

Mental Health

Ein anderes Thema, das viele Jugendliche bewegt, von Politik und Medien aber noch immer nicht ausreichend aufgegriffen wird, sprach – und das sehr persönlich und damit äußerst mutig – Chelsey Pils von der FachMittelSchule Wien West im 18. Bezirk an: Psychische Gesundheit und den großen Mangel an Versorgung in diesem Bereich, eklatant verschlimmert durch die Pandemie und ihre Folgen, u.a. erzwungener Vereinsamung. Die Jugendliche schilderte von ihrem Absturz, aber auch dem Glück im Unglück, unterstützende Eltern und Lehrer:innen – in einer neuen, der jetzigen, Schule – (gehabt) zu haben, die ihr mitgeholfen haben, aus der Krise heraus zu einem – wieder – glücklichen Leben gefunden zu haben. Nicht nur wegen ihres Mutes und der Kraft, sich zu einem Neu-Anfang durchgerungen zu haben, sondern wegen der Qualität ihrer Rede gewann sie die Kategorie „klassische Rede“ in ihrer Schul-Kategorie.

Nicht vollständig

Da die Reden in den beiden unterschiedlichen Räumlichkeiten gleichzeitig stattgefunden haben, konnte Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… als Ein-Personen-Blog/Website nicht alle Redner:innen verfolgen – alle Reden wird es, so die Ankündigung von wienXtra, das den Bewerb wie Hunderte andere Aktivitäten für die Stadt Wien veranstaltet, bald auf deren YouTube-Kanal zum nachsehen und -hören geben – Link in der Info-Box mit allen Ergebnissen des 70. Finales des Landesjugendrede-Wettbewerbs, dessen Sieger:innen – in den verschiedenen Kategorien – Anfang Juni auf die Kolleg:innen aus den anderen acht Bundesländern beim Bundesfinale, diesmal in Innsbruck, treffen.

Performance

Auf einige Beiträge wird hier aber schon noch extra eingegangen werden, ohne die Leistung anderer schmälern zu wollen, die besser abgeschnitten haben. In der Kategorie Sprachrohr ist mehr als „nur“ reden erlaubt und es können Themen auch in Teams zur Sprache gebracht werden. Dazu hatten sich unter anderem Constantin Gasser, Laurin Vierkens und Louis Kraft Kinz aus der Vienna European School entschlossen. Szenisch umgesetzt sprachen sie – in Reimform – über „Klima-Kleber-Chaos“. Der eine – nicht wirklich an den Rathausboden geklebt aber in dieser Position, ein anderer als wütender im Stau stehender Autofahrer, die Argumente sich gegenseitig an den Kopf werfend, zeigten sie die unterschiedlichen, nein gegensätzlichen Argumente auf.

Ähnlich agierten übrigens auch Alex Arok, Barnabas Legendi, Barbara Simon von der Europaschule Budapest, die in ihrem Gastbeitrag „Unsere Zukunft“ thematisierten. Die zuletzt Genannte in der Rolle der Pessimistin, ihre Kollegen als Optimist bzw. Realist – und entsprechend ganz in Schwarz bzw. in Weiß sowie Weiß und Schwarz gekleidet.

Apropos „aktionistisch“: Zwei Reden veranlassten kijuku.at dazu, in der Pause zwei Jugendliche zu einem kleinen Fotoshooting zu bitten, das vielleicht ein bisschen zum Nachdenken anregen könnte 😉

Kopftuch-Gedanken mal zwei

Doch bevor’s dazu geht, zuerst zu den Rednerinnen und ihren Inhalten: Elina Visanbieva von der Fachmittelschule in Wien-Donaustadt sprach über „Kopftuchgedanken“. Das Stück Stoff auf dem Kopf – das sie übrigens nicht trug -, verleite viele Menschen, Frauen und Mädchen die ihr Haar verhüllen, abzustempeln. Keine/r frage die Kopftuchträgerinnen danach, was sie im Kopf haben, schubladisieren sie aber und vielfach werden sie diskriminiert, ihre Chancen geschmälert…

Ela Hafaiedh aus der Berufsschule für Lebensmittel, Touristik und Zahntechnik sprach, wie schon in der Vorrunde, äußerst engagiert über „Rechte der Frauen im Iran und Islam“, über die seit Monaten andauernde Protestbewegung im Iran seit dem gewaltsamen Tod der jungen iranischen Kurdin Jîna Mahsa Amini nach ihrer Verhaftung im September 2022. Dabei kritisierte sie, dass viele im Westen nur darüber jubeln, dass sich protestierende Frauen Tücher vom Kopf reißen und/oder Haare abschneiden. Es gibt genauso Frauen mit Kopftuch, die gegen die Unterdrückung – nicht nur im Iran aufstehen. Jede sollte selber entscheiden dürfen, wie sie sich kleidet, weswegen Ela Hafaiedh gleichermaßen das Burkini-Verbot an französischen Stränden anprangerte und dass Kopftuch-Gegner:innen nicht dieses ebenso kritisieren.

Einmal mit und einmal ohne …

Und weil immer wieder sehr heftig über Mädchen und Frauen hergezogen wird, die ein Kopftuch tragen, sie auf dieses reduziert werden, bat Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… die bebrillte Rednerin Elina und ein Mädchen ohne Brille, die aufmerksam zugehört hatte, zu gemeinsamen Fotos auf der Bühne in der Volkshalle – siehe über dem Zwischentitel.

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Weitere Final-Redner:innen

Ehrung der Top-Redner:innen

Auftritt des Chores „Royal Voices“

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Schnappschüsse

Szenenfoto aus dem Wissenschaftsstück "Hast du Zeit?"

Seit wann gibt es Zeit? Ist überall jetzt 2023?

Es läutet, klingelt, schrillt… Wecker auf Rädern rollen über den Bühnenboden – und im Hintergrund über die Projektionswand. Kaum hat die Schauspielerin den einen und anderen zum Schweigen gebracht, meldet sich schon wieder ein weiterer – in nun anderen Formen. Eines der Aufwachgeräte fliegt sogar durch den Raum, ein Propeller-Wecker. So beginnt die 1 ¼-stündige Wissenschafts-Show „Hast du Zeit?“ im „Zirkus des Wissens“.

Der steht am Ende des Geländes der Johannes-Kepler-Universität in Linz. In diesem zu einem Hörsaal mit steil ansteigenden Sitzreihen umgebauten alten Stadel soll Wissenschaft nicht in hochkomplizierten Fachsprachen, sondern einfach und doch spannend vermittelt werden – aus allen möglichen Fachgebieten und für alle Altersgruppen, nicht zuletzt Kinder.

Neugier

Tausende Kinder eilen in – oft sehr heißen – Ferienwochen in Hörsäle, Labore und Ateliers von Universitäten. So wie praktisch alle Kinder viiiiiele Fragen haben, neugierig sind, wissen wollen, so stürmen sie Lehrveranstaltungen der Kinderuniversitäten. Dass ihnen die Freude am Lernen zu oft gerade in Schulen, die für Wissensvermittlung da sind, viel mehr sein sollten, genommen wird, ist tragisch.

Neben Wissenschafter:innen, die vor allem bei Kinderunis beweisen, dass sehr wohl komplexe Inhalte auch allgemeinverständlich dargeboten werden können, bereiten  Künstler:innen so manches Thema auf. Die eingangs schon begonnene Zeit-Show wurde am Linzer Landestheater entwickelt. Isabella Campestrini, die den läutenden Weckern hinterherläuft, um sie abzuschalten, spielt eine Requisiteurin. Ihren Rollennamen Philomena gibt sie erst spät preis. Sie redet vor allem über Alex. Der sollte schon da sein und seinen Vortrag über Zeit halten (Inszenierung: Nele Neitzke & Ensemble, zu dem neben der genannten Schauspielerin noch Studierende für Informatik, Kommunikation, Medien sowie der Kunstuni – Namen und Details in der Infobox zählen).

„Einspringerin“?

Einstweilen will sie, weil sie schon bei Proben dabei war und den Ablauf kennt, das Publikum unterhalten, damit sich dieses nicht fadisiert. Klappt den Laptop auf, blendet Zwischentitel zu verschiedenen Abschnitten über Zeit samt Videos, Animationen und Bildern ein – und spricht mit dem Publikum darüber, wann die Menschen draufgekommen sind, wie Zeit zu messen – und von den Kindern bei der Premiere kommen immer wieder Antworten auf Fragen, hin und wieder auch Fragen selbst.

Hin und wieder läuft sie raus, um zu schauen, ob dieser Alex denn endlich schon gekommen sei – und „gesteht“ ein, dass sie ein bisschen – oder doch viel mehr – in ihn verliebt sei. Unter anderem schildert sie einen höchst romantischen Moment beim gemeinsamen in den Himmel schauen und Sterne beobachten. So „nebenbei“ transportiert sie Lichtgeschwindigkeit und dass das Sonnenlicht, das wir sehen da schon eine 8-minütige Reise hinter sich hat. Oder dass wir sozusagen in die Vergangenheit schauen, Sterne vielleicht schon gar nicht mehr existieren, wenn wir deren Licht sehen, das Millionen von Jahren unterwegs war.

Unterschiedliche Kalender

Dass es nicht nur unser Kalenderjahr mit 365 bzw. in Schaltjahren 366 Tagen gibt und Kalender, die nicht mit dem 1. Jänner beginnen, sondern wechselnde Jahresanfänge und unterschiedliche Monatslängen. So befinden wir uns nach dem islamischen Kalender im Jahr 1444, dem jüdischen Kalender zufolge sind wir jetzt im Jahr 5783 – im Herbst startet 5784.

Ob der Alex noch kommt oder doch vergessen – oder vielleicht verschlafen hat – das sei hier natürlich nicht verraten.

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Science Busters vor der Puppenbühne

Pezi will zum Mars – und holt sich dafür die Science Busters

Die aktuelle Kasperl-Saison in der Urania Puppenbühne ist vorbei. Noch nicht ganz, es gibt von 3. bis 7. Mai (2023) eine Zugabe. Eine ganz besondere – Kasperl, vor allem aber Pezi – und natürlich die Kinder im Publikum – bekommen Besuch von den Science Busters („Wissenschafts-Haberern“). Dazu hat sich die „Pezipalin“ wie sich die Urania-Puppentheater-Direktorin Alexandra Filla beim Probenbesuch von Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… vorstellt – weil sie auch dem Pezi mit ihrer Hand Halt und ihrer Stimme die Sprache gibt – zwei besondere Szenen einfallen lassen. Obendrein hat sie eine eigene Figur geschaffen – die durfte kijuku.at bei einem Probenbesuch der neuen Show zwar schon sehen, aber ja nicht fotografieren bzw. veröffentlichen, „denn die soll eine Überraschung sein!“

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Nicht schon wieder an den Märchensee

Alsdann, die Geschichte geht in etwa so – allzuviel soll auch da nicht verraten werden: Kasperl und Pezi reden über den bevorstehenden Urlaub. Pezi will nicht schon wieder zum Märchensee, sondern… – zum Mars. Aber wie soll’s dort hingehen? Auf der Bühne probieren’s die beiden erst einmal mit einem Katapult, das sie, so sagen sie dem Publikum, selbst gebastelt haben. Der Pezi oder vielmehr – das darf schon verraten werden – ein Stunt-Double (wie bei gefährlichen Szenen sogar in Filmen) fliegt dann wirklich ganz schön. Bei der Probe landet er im ersten Versuch sogar außerhalb, vor der Bühne, beim nächsten Versuch ist der Flug zu kurz, aber dann! Landung im Gemüsegarten der Großmutter. Im Weltall ist das noch lange nicht. Also muss ein anderes Fluggerät her. Eine Rakete!

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Und dazu braucht’s Wissenschaft. Im Wohnungs-Büro mit großer Bibliothek des Märchenstadt-Wissenschaftlers Doktor Doktor Ingenieur Guglhupf ist der aber nicht anzutreffen. Jedoch – die Einleitung hat’s ja schon gespoilert: Die Science Busters, die seit 15 Jahren auf witzige Art durch die Lande und das Fernsehen touren, um Wissenschaft einfach und eindrucksvoll zu erklären, sind ja zu Gast. Der sogenannte MC (Master of Ceremony oder auch Moderator mit witzig-frechen Fragen) Martin Puntigam und ein echter Uni-Prof., in dem Fall Helmut Jungwirth kommen, um eine Rakete zu bauen.

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Mehr als eine Rakete

Ab da geht’s spannend und lustig rund um flüssigen Stickstoff, der kälter als Eis ist – rund 200 Grad minus. Als „Treibstoff“ lässt er eine Plastikflasche ganz schön kräftig fliegen – halt frisch wieder nicht zum Mars. Aber so allerhand anderes können die beiden damit anstellen – auch Schmackhaftes, das am Ende als Kostproben verspeist werden kann: Nur so viel sei verraten: Es ist dann noch immer kalt und hat mit Schokolade zu tun.

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Fragen erwünscht

Neben „Wer nichts weiß, muss alles glauben!“, dem bekannten Motto, das sich die Science Busters bei der mährisch-österreichischen Schriftstellerin Marie Ebner Eschenbach (1830 – 1916) ausgeborgt haben, schreiben sie auf ihrer Homepage übrigens auch: „Frag nicht so blöd!“ gibt es bei den Science Busters nicht. Im Gegenteil. Blöd ist, wer nicht fragt!

Und neben den Auftritten in der Puppenbühne haben sie u.a. noch eine Show for Kids im Theater im Park (Wien – siehe Info-Box am Ende) sowie ein Programm für Jugendliche rund um den menschengemachten Klimawandel.

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Szenenfoto aus "Die Redaktion" - Volkstheater in den Bezirken

Über einen „Ölprinzen“, „Maulwurfsjagd“ und eigenartige Deals

Was sind schon erfundene Verbrechen, Machenschaften, Korruptionen gegen „True-Crime-Stories“. Die Wirklichkeit ist mitunter ärger – und auf so mancher Ebene doch banaler – als fiktionale Romane. Manches kannst du nicht erfinden. Solche Stories boomen – als Podcasts, gedruckt und mitunter auch auf Bühnen. Nachdem das Volkstheater mit „Ich bin alles – als mir die Stadt gehörte“ über das Leben einer einstigen Wiener Unterweltkönigin durch die Bezirke tourte, stehen zwei Krimis im politiknahen Bereich auf dem Spielplan. In der „Roten Bar“ gibt es u.a. Abende mit dem Macher des Ibiza-Videos, Julian Hessenthalter und seit Freitagabend (28. April 2023) tourt „Die Redaktion“ in Veranstaltungszentren der Volkshochschulen usw. durch Wiens Bezirke.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Redaktion“ – Volkstheater in den Bezirken

Das – prinzipiell inseratenfreie, um ja nicht korruptionsanfällig werden zu können – investigative Magazin Dossier ist „Die Reaktion“. Vier Schauspieler:innen schlüpfen in die Rollen von vier zentralen Redakteur:innen und lassen eine wichtige Recherche, die durch eine Achterbahn von Gefühlen führt(e), in knapp zweieinhalb Stunden (eine Pause) lebendig werden. Was vielleicht aufs Erste fast unspielbar wirken könnte, wird tatsächlich zu einem abwechslungsreichen Bühnenerlebnis – dank Calle Fuhr, der die umfangreichen, komplizierten Recherche-Ergebnisse und -prozesse in eine Bühnenfassung übersetzte und Regie führte. Wenig Utensilien – alte Overhead-Projektoren, Projektionswände und höchstens das eine oder andere Verkleidungsteil, vor allem aber glaubwürdiges Schauspiel UND die fast unglaublichen Zu- und Umstände diverser Deals sorgen für die Spannung.

Zwar wird die eine oder andere Szene fiktiv gespielt oder als voraufgezeichnetes Video (zwei zusätzliche Schauspieler) gezeigt, aber die Basis, vor allem die Fakten und Zahlen sind alle echt – und doch einfach und nachvollziehbar aufgeschlüsselt in Szenen eingebaut.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Redaktion“ – Volkstheater in den Bezirken

Sparen vs. Luxus

„Die Redaktion“ konzentriert sich auf einen der Dossier-Aufdeckungen, den des „Ölprinzen“, den vormaligen Chef des Öl- und Kunststoff-Konzerns OMV, Rainer Seele. Zweierlei Maß innerhalb des Konzerns, mehr als seltsames Sponsoring, merk-würdige Deals, Klagsdrohungen, die Dossier vernichten sollten, und nicht zuletzt „Maulwurfs“-Suche, illegale Überwachungsaktionen von Journalist:innen und Aktivist:innen im Interesse der OMV-Spitze.

„Sponsoring“

Murali Perumal in der Rolle des damals (Anfang 2020) erst seit ein paar Monaten neuen Dossier-Journalisten Ashwien Sankholkar – im Stück tragen die Protagonist:innen nur ihre, teils abgekürzten, Vornamen – bringt eine Geschichte in die Redaktionssitzung ein, die Sprengkraft haben könnte: OMV-Boss Rainer Seele, federführend für die Ausweitung des Gasliefervertrags mit Russland bis 2040, hat intern ein Sparpaket auch für die Führungsriege verordnet. Aber nicht ganz für alle. Während der Fuhrpark geschlossen wird, bleiben Seele selbst Dienstwagen, Chauffeur und – entgegen den konzerneigenen Regeln – Flüge mit Privatjets – sogar von Wien nach Klagenfurt.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Redaktion“ – Volkstheater in den Bezirken

Das, so Ashwiens Kalkül, könnte aufgrund der in der zweiten Führungsebene entstehenden Unzufriedenheiten, vielleicht die eine oder den anderen zu weiteren internen Infos veranlassen… Und so nutzte er seine Kontakte, erfährt so manches, unter anderem, dass die OMV mit 25 Millionen Euro Wladimir Putins Lieblingsklub Zenit Petersburg sponsert – und zwar das Nachwuchsteam, aber dafür gar keine Werbung will, weder auf Dressen noch sonst irgendwo.

Rund um den größten Kauf

Außerdem kriegt Ashwien heraus, dass es rund um den teuersten Kauf der österreichischen Wirtschaftsgeschichte – OMV erwirbt den Kunststoffkonzern Borealis – Ungereimtheiten gibt. Die übliche Nachverhandlungsklausel (MAC) in Verträgen wird gestrichen – aber rund um den Verkaufstag die Gewinnerwartung des neuen Eigentums stark verringert…

Mehr Details dazu sollen hier nicht verraten werden – auch wenn sie natürlich schon vor dem Besuch des Stücks via Dossier – und längst auch in anderen Medien, die nach laaaaangem Zögern, immerhin regnete es bei den anderen Inserate – gelesen werden können.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Redaktion“ – Volkstheater in den Bezirken

Bedrohung der Pressefreiheit

Natürlich ging das – in der Realität und damit auch im Stück – nicht alles glatt. Wie schon angesprochen, die OMV stellte dem Magazin eine Klage zu – über 94.000 Euro; Begründung: Großer Schaden, weil viel Geld für Werbung ausgegeben werden musste, um das Image wieder aufzupolieren. Konkreter Klags-Anlass: Die oben angesprochene Nachverhandlungsklausel, die geschäftsüblich ist, wurde im Artikel „fix“ bezeichnet – und das war zu viel.

Fast gleichzeitig muss Chefredakteur Flo(rian Skrabal) feststellen, das Dossier-Budget reicht nur noch für neun Monate, außerdem scheint er ein bisschen skeptisch. Bei allen anderen Recherchen der Redaktionsmitglieder ist er viel stärker eingebunden, hier weiß er nicht alle Details.

Um überleben zu können, braucht es viiiiel mehr zahlende Mitglieder – die die umfangreichen Hefte bekommen. Die Klagsdrohung, die in Wahrheit eine gegen die Pressefreiheit ist, führt zu einem unterwarteten Zustrom neuer Mitglieder. Die sehr wandlungsfähige Gerti Drassl  schlüpft in Flos Rolle ebenso wie die einer anonymen OMV-Mitarbeiterin und vor allem auch einer anonymen Informantin – im Café ums Eck, je nach Bühnenort in den verschiedenen Bezirken 😉

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Redaktion“ – Volkstheater in den Bezirken

Strategische Anwältin

Die Anwältin – dargestellt von Magdalena Simmel, die auch die Dossier-Journalistin Sahel Zarinfard spielt – versprüht keinen Optimismus was die Klage betrifft, wartete aber mit einer kämpferischen Gegenstrategie auf, die sie mit der japanischen Verteidigungskunst Aikidō (die Kraft des Angriffs umleiten) charakterisiert: Einen weiteren Artikel veröffentlichen, der im Wesentlichen nur aus schon öffentlich zugänglichen Zitaten besteht. Und siehe da, die OMV fällt auf den „Trick“ herein, klagt wieder.

Update auf der Bühne

Noch eine halbe Stunde vor der Premiere – in der Brigittenauer Raffaelgasse – kommt ein Update im Newsletter, das gegen Ende des Stücks auch für das Publikum im vollbesetzten Saal eingespielt wird: „Vom Theater zur Maulwurfjagd“ enthüllt, dass sich aus bis dahin kaum zur Kenntnis genommenen Aussagen im „ÖVP-Korruptions-Untersuchungsausschuss“ die Bespitzelungen u.a. von Journalist:innen für die OMV-Führung bestätigt haben.

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Szenenfoto aus „Die Redaktion“ – Volkstheater in den Bezirken

Humor

Gewürzt ist der Abend hin und wieder auch mit witzigen Szenen: Von der ersten Zoom-Konferenz – „Hört ihr mich? Ich kann euch nicht hören!“, beginnt doch die Geschichte knapp vor dem ersten Lockdown Mitte März 2020 – über eine fiktive Geheimsitzung bei der OMV, deren Folgen aber echt sind/waren bis hin zu einem schrägen Dialog während einer Taxifahrt. Diese ist fast 1:1 dem Fernseh-Zweiteiler „Der Aufschneider“ u.a. mit Josef Hader entliehen. Gag am Rande: Murali Perumal, der den Journalisten Ashwien Sankholkar auf der Bühne spielt, gab dort den Taxifahrer. Der Bonner, der erst in den beiden letzten Schuljahren seine Lust am und Liebe zum Theater entdeckte, nach einem Dutzend Ablehnung an Schauspielschulen in Wien am Max-Reinhardt-Seminar seine Ausbildung machte und in München lebt und spielt, wurde für diese Volkstheater-Produktion engagiert.

Für humorvolle Auftritte sorgt nicht zuletzt Christoph Schüchner – weniger als Georg Eckelsberger (stv. Dossier-Chefredakteur), sondern als Rainer Seele (auch im Video) und vor allem als Wolfgang Berndt, seines Zeichens Aufsichtsratsvorsitzender der OMV, und damit nicht zuletzt Vertreter der Steuerzahler:innen in Österreich – der Staat ist fast zu einem Drittel an der OMV beteiligt – und zwar aller, die in Österreich Steuern zahlen, unabhängig von ihrer Staatsbürger:innenschaft. Als eine Art Mr. Wichtig, der sich selbst noch für witzig hält, gibt er unfreiwillig so manches preis, das vorher geheim gehalten werden sollte.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Die Redaktion“ – Volkstheater in den Bezirken

Nach dem Jubel für die Schauspieler:innen – und der Verbeugung auch des Teams hinter den „Kulissen“, sorgte vor allem das Erscheinen der vier Originale – der Dossier-Redakteur:innen Florian Skrabal, Sahel Zarinfard, Ashwien Sankholkar, Georg Eckelsberger – auf der Bühne zu Standing Ovations des gesamten Publikums – für den gelungenen Theaterabend sowie die medien- und demokratiepolitisch wichtige Aufdecker-Arbeit.

Noch ein Update

Ein weiteres Update schaffte es (noch) nicht auf die Bühne: Am Abend der Premiere sagte die Energie- und Umweltministerin Leonore Gewessler im ZiB2-Interview, dass sie die Gassparte der OMV verstaatlichen will, um die Versorgung unabhängiger von russischen Gaslieferungen zu machen.

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Szenenfoto aus dem Audio-Walk "Schrei" von "kollektiv kunststoff" im MuseumsQuartier Wien

Was wartet am Dach gegenüber…

Dass Menschen mit Kopfhörern unterwegs sind, ist noch nichts besonders. Dass sie in Gruppen auftreten, kommt auch immer wieder vor. Im MuseumsQuartier Wien ist das dann mitunter mit einer Performance verbunden, die vom Theaterhaus für junges Publikum, dem Dschungel Wien, ausgeht. Auch „Silent Discos“ gab’s dort schon im Hof zwischen dem Theaterhaus, dem Zoom Kindermuseum und der Kinderinfo – die Musik ertönt nur in den Kopfhörern, rundum ist sie nicht zu vernehmen.

Szenenfoto aus dem Audio-Walk
Szenenfoto aus dem Audio-Walk „Schrei“ von „kollektiv kunststoff“ im MuseumsQuartier Wien

(Sich) entdecken

Derzeit läuft ein Audio-Walk von „kollektiv kunststoff“. Bisher spielt(e), tanzt(e) und performt(e) die Gruppe meist indoor auf Bühnen – immer wieder mit anderen Materialien und Themen – Holz, über Plastik, digitale Welten usw. Dieses Mal geht’s – im wahrsten Sinn des Wortes – ums erkundende Wandern. Gemeinsam machen sich Guides, die voraufgenommene Stimmen abspielen, was als nächstes zu tun ist und wo es hin-geht gemeinsam mit dem Publikum auf den Weg – um zu entdecken, erforschen, was dir da begegnet – Ungewohntes, Überraschendes, wobei manches sozusagen erstmals entdeckt wird, das oft beim häufigen Vorbeigehen nicht wahrgenommen wird; womit selbst bekannte Wege zum Gang in unbekannte Welten werden können.

Über Spiegel

An den unterschiedlichsten Ecken und Stellen der Höfe bzw. in Durchgängen und auf Treppen tauchen die Tänzer:innen Katharina Senk, Michael Gross und Stefanie Sternig – lila gekleidet und ihre Köpfe ebenso verhüllt – auf (Kostüm- und Raumgestaltung: Sophie Baumgartner). Mitunter lassen sie das Publikum fast zittern, etwa wenn sie zu dritt auf dem Dach eines Teils der Kunsthalle fast bis an die Kante zum Abgrund tanzen. Für Staunen sorgen sie beim TanzQuartier-Ein-/Durchgang, wo sie sich in Spinnen und andere Krabbeltiere „verwandeln“. Dabei liegst du auf Schaumgummi-Matten und betrachtest das Geschehen an der Decke oben angebrachten Spiegeln. Und damit siehst du dich auch selbst. Die Performance will dich mehrmals einladen, nicht nur das Geschehen rund herum, sondern auch dich selbst zu entdecken – mit der Bitte, die Augen zu verschließen und dich sozusagen in dich selbst zu versenken.

Immer wieder taucht fast wie aus einer anderen Welt Susanna Peterka mit einer langen, breiten orangefarbenen Schleppe auf, die unter anderem einmal zum Verweilen in einer Art „Leo“ einlädt.

Hoch oben

Etliche der eingesprochenen Texte (Stimme: Sarah Zaharanski) sind nicht bloß Anleitungen, wo du jetzthingehen mögest, sondern in poetischer Form Gedanken der Auseinandersetzung mit dir selbst und der Welt. Irgendwie werden immer wieder – meist ohne das direkt anzusprechen – mögliche Ängste thematisiert. Nicht zuletzt beim Abschluss am Dach des Leopoldmuseums, der „Libelle“ – auf Augenhöhe mit den Kuppeln der beiden alten Museen (Natur- und Kunsthistorisches). Ein wenig verwirrend ist der Titel „Schrei“ (Konzept, Choreografie: Raffaela Gras; Dramaturgie: Christina Aksoy) dennoch – da würde fast zum Abschluss die oft beim Ferienspiel-Eröffnungsfest vom Medienzentrum aufgebaute „Schrei“-Box fehlen, wo jede und jeder drinnen die Lust am Schreien ausleben kann.

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Szenenfoto aus „Don Quijot – oh mein Gott“ von und mit "Frau Franzi" alias Marika Reichhold

Der Hirsch Michl und die Windmühlen

Dass es sich bei der kleinen, patenten und goscherten Frau in Kleiderschürze und mit Wischmob nicht um die Putzfrau des Theaters handelt, ist mittlerweile den allermeisten Besucher:innen klar. „Frau Franzi“ ist „nur“ die Bühnenfigur der Marika Reichhold, gelernte Kunsttherapeutin und erdig-geniale Schauspielerin. Zu ihrer Bühnenkunst braucht sie nicht mehr als ein Einkaufswagerl, mit wenigen darin versteckten Utensilien, den schon genannten Wischmob und vielleicht noch einen unter weißem Tuch versteckten Sessel. Und ihr Mundwerk über das sie am laufenden Band das rausscheibt, was in Ostösterreich „Wuchteln“ genannt wird und Wortwitz bezeichnet, der sich mit ihrem Spielwitz paart. Beides füttert sie in monatelanger Arbeit mit Hirnschmalz, das sie dann sehr verdichtet und konzentriert.

Shakespeare und Cervantes

Mit diesem Mix rast sie für das und mit dem Publikum seit vielen Jahren durch klassische Stücke von „Schäggsbia“ wie sie ihn in ihren Programmankündigungen schreibt – so wie gesprochen. Das ist ein weiteres, wahrscheinlich Alleinstellungsmerkmal ihrer Bühnenstücke: In Mundart. Und gemixt mit den oben schon genannten „Zutaten“ bringt sie dann so manche Stücke des William Shakespeare auf den Punkt. Nach einigen anderen „Seitensprüngen“ wendet sich Reichhold alias Frau Franzi DEM Zeitgenossen von Willi zu, dem Hirsch Michl – der Öffentlichkeit besser bekannt als Miguel de Cervantes Saavedra; dass sie aus Miguel einen Michl macht klar, aber sie erklärt im Stück auch, dass Cervantes vom spanischen ciervo kommt und das wiederum eben die Übersetzung des besagten Rotwildes ist.

„Don Quijot – oh mein Gott“ nennt sie ihr jüngstes Programm, das seine Wien-Premiere im Figurentheater Lilarum – auf einem Podest vor der Puppenbühne – hatte (Regie wie in all ihren Programmen: Christian Suchy). In diesem Fall rast sie aber nicht durch die je nach Ausgabe und Übersetzung unterschiedlich vielen, aber im Schnitt rund 1500 Seiten. Von denen übrigens der Kampf gegen die berühmten Windmühlen, die der Ritter für Riesen hält, keine zwei Seiten umfasst.

Abenteuer konzentriert und rasend schnell

Wie auch immer – ein „Ritt“ durch die Abenteuer des von Cervantes erfundenen, anfangs als aus Archiven angegebenen Abenteuer des ver-rückten Ritters, den sie aus Zeitpsargründen immer nur D.Q. nennt, und seines auf einem Esel reitenden Knappen Sancho Pansa – kommen sehr verdichtet im schnelldurchlauf – eher erst gegen Ende der rund 80 Minuten zur Sprache. Davor erzählt die Theaterfrau von ihrer Anreise „va Greaboch“, also aus Grünbach am Schneeberg, den dort im Garten Löcher bohrenden Wühlmäusen und Maulwürfen, vor allem aber über den „Hirsch Michl“ und dessen Leben, das sich so gänzlich von dem seines berühmten Zeitgenossen, dem Willi, unterschied, die beide am selben Datum (23. April 1616) aber an verschiedenen Tagen starben – Spanien hatte da schon den gregorianischen, England noch den julianischen Kalender.

Vor allem spielt „Frau Franzi“ – und das meint sie auch als Marika Reichhold – ein Loblied auf die Figur des scheinbar ver-rückten Ritters: „Ein bisschen mehr D.Q. mit unmöglichen Träumen und Sehnsüchten würde uns allen guttun!“

„Nebenprodukt“

Das Stück sei, so verrät Reichhold Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… entstanden, „weil ich im Vorjahr von der Kulturwerkstatt Kottingbrunn gefragt worden bin, ob ich für deren Musical „Der Mann von La Mancha“ eine Stückeinführung machen möchte. Da hab ich mich so viel mit Cervantes beschäftigt, dass ich mir gedacht habe: Wenn schon so viel Aufwand, dann mach gleich ein eigenes Stück draus.“

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Besprechung einer anderen schrägen Don-Quijote-VErsion – vom deutschen Ensemble Materialtheater -> damals noch im Kinder-KURIER

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Doppelseite aus dem Bilderbuch "Wie anders ist alt"

Alle anders – und doch gleich…

„Oma, wie ist das, alt zu sein?“, fragt das sehr junge Kind, das irgendwie eingeklemmt zwischen Ellenbogen und Schulter getragen wird. Nicht von der Oma, sondern – wahrscheinlich/möglicherweise der Mutter. Die fröhlich dreinschauende, bunte Großmutter auf der gegenüberliegenden Seite dieses Bilderbuchs sagt: „Ach, das ist genauso wie jung sein. Nur ein bisschen anders.“

Die Idee und Texte für „Wie anders ist alt“ stammen von Bettina Obrecht, die bunten – oft mit verschwimmenden Hintergründen – immer wieder auch dazwischen mit skizzenhaften Zeichnungen (als Wünsche einer- und Erinnerungen andererseits?) gemalten Bilder von Julie Völk. Die eingangs beschriebene, erste, Doppelseite hätte vielleicht besser an den Schluss gepasst – als Schlussfolgerung. Nun, so steht die Erkenntnis also am Anfang und es folgen immer wieder parallele Szenen von Gleichheit und dabei doch Anderssein.

Vielleicht noch ein eindrückliches Beispiel: „Wenn du klein bist, ärgerst du dich über alles, was du noch nicht kannst. Wenn du alt bist, ärgerst du dich über alles, was du nicht mehr kannst.“

Ein Bilderbuch zum im Idealfall gemeinsamen Anschauen und Weiter-Erzählen und Philosophieren von Enkelkindern mit Großeltern oder einfach auch Kindern und Älteren und zum Weiterspinnen – an Beispielen, aber auch an anderen Menschengruppen, wo allzu oft die Unterschiede hervorgehoben werden und es natürlich genauso Gemeinsamkeiten gibt.

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Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „Wie anders ist alt“
Szenenfoto aus "Über Nacht" vom Burgtheater Studio

Zwischen (Alb-)Traum und Wirklichkeit

Eine (Alb-)traumhafte Geschichte rennt – schon vom Stücktext, aber noch viel mehr in der spielfreudigen, lebendigen, oft schrägen Inszenierung – auf der kleinen Bühne des Vestibüls im Wiener Burgtheater ab. In knapp eineinhalb Stunden erlebt das Publikum in „Über Nacht“ die österreichische Erstaufführung eines trotz des zugrundeliegenden traurigen Ernstes der Lage das sehr oft witzige Stück zwischen Traum und Wirklichkeit, geschrieben von Lucien Haug, Regie: Rachel Müller.

Die Grundgeschichte: Die 16-jährige Sam(ira) fälscht ihr Zeugnis – auf schlechte Noten. Nicht weil sie verhindern will, als Streberin dazustehen, alle in der Schule kennen ihre Schläue. Sie will nicht weiter in die Schule gehen, um später zu studieren, sondern eine Berufslehre machen. Da kann sie schon Geld verdienen, während der andere weitere Bildungsweg Geld kosten würde – was ihre Mutter nicht hat, der Vater, der abgehaut ist, zahlt auch keinen Unterhalt.

Nach „Wutschweiger“, das auch im Vestibül gespielt, aber auch in anderen Versionen im Grazer TaO! sowie auf der Studiobühne des Linzer Landestheaters zu sehen ist, ein weiteres Jugendstück, das spannend-subtil, empathisch und jugendgerecht Armut auf Bühnen thematisiert.

Gefühls-Achterbahn

Der materielle Hintergrund, ja selbst die Sache mit dem gefälschten Zeugnis, kommt so „nebenbei“ an die Oberfläche, jedenfalls steht er nur in ganz wenigen Szenen im Vordergrund. In diesem spielen sich eher fantasievoll verwoben alltägliche Geschichten Pubertierender ab. Aus Schüchternheit den Auftritt zur Rede vor der versammelten Schulbelegschaft verpassen, sich nicht trauen, einem Jungen anzudeuten, dass sie ihn mag, von anderen herumkommandiert werden und beginnen sich zur Wehr zu setzen… All diese und noch viel mehr unterschiedlichste Emotionen verkörpert Mara Romei sehr überzeugend, oft „nur“ durch Blicke.

Ihre Freund:innen, dann wieder Gegener:innen und alle anderen Figuren werden von Coco Brell (Mitschülerin, Lehrer, Papa, Oma, Sextraum und Morphi) bzw. Simon Schofeld (Mitschüler Ezra / Stef, Sams Bruder / Beziehungstraum/ Phanti) gespielt. Einmal ist’s eine übergeworfene Jacke, ein anders Mal ausschließlich eine andere Körperhaltung, wechselnde Sprachfärbung. Trotz der vielen Figurenwechsel und wenigen äußerlich anderen Merkmale schaffen sie es, dass fast immer klar ist, wen sie gerade verkörpern.

Alle drei sind übrigens noch Schauspiel-Student:innen – am Max Reinhardt Seminar, wie es oft in Produktionen des Burgtheater-Studios der Fall ist.

Wort- & Spielwitz

Viele der Wortwitze im Stücktext kommen mit dem Spielwitz des jungen Trios so richtig zur Geltung, verkommen aber nie zur Blödelei, eher machen sie den Ernst der Lage von Samiras Familie A) deutlich und B) für sie erträglich und C) strahlt sie die Kraft aus, es trotz der widrigen Umstände wahrscheinlich da raus zu schaffen. Und D) werden so manch gut gemeinte, doch oft zur hohlen Phrase verkommene Sprüche zerlegt – hier vor allem der auf das große Stoffbanner geschriebene: „Lebe deine Dreams“.

Den durchgängigen Grundhumor unterstreichen die Requisiten (Bühne: Lara Scherpinski
Kostüme: Marie-Lena Poindl): praktisch alles – ob Möbel, Zeugnis oder was auch immer – sind geometrische Schaumstoff-Körper, überdimensionierte Bausteine aus Kinderzimmern. Nicht zu vergessen Musik von Bernhard Eder (Ton: Andreas Zohner) – immerhin geht’s u.a. um die Gründung einer Band mit sarkastischen Titel „Low life rich kids“ (niedriges/billiges Leben reiche Kinder) -, sowie Lichtspiele (Enrico Zych).

Kinderarmut in Österreich

Galoppierende Inflation, eine Teuerung, die bei Lebensmittel, Mieten und Kosten für Energie noch über die allgemeine Preissteigerung hinaus ausfallen: Immer mehr Menschen, die drohen in Armut abzurutschen, mittlerweile sind an die 400.000 Kinder und Jugendliche (bis 18 Jahre) in Österreich von Armut bedroht oder leben in solcher.

Die Volkshilfe Österreich, die sich federführend für eine „Kindergrundsicherung“ einsetzt, zitiert Zahlen von Statistik Austria & Eurostat Statistics 2023 (bis 18 Jahre). Demnach sind „ein Viertel aller armutsgefährdeten Menschen in Österreich Kinder und Jugendliche. … Über 353.000 Kinder leiden darunter. … Das ist jedes 5. Kind“ und dann wird diese globale Zahl noch aufgeschlüsselt, u.a. leben „278.000 Kinder in Haushalten, die es sich nicht leisten können, auf Urlaub zu fahren; 175.000 Kinder müssen in feuchten oder schimmligen Wohnungen leben… 103.000 Kinder können sich eine Teilnahme an mit Kosten verbundenen Freizeitaktivitäten nicht leisten.“ (Quelle: Kinderarmut-abschaffen)

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Aktion der BundesJugendVertretung gegen Kinderarmut im Dezember 2021

Kinderarmut abschaffen: 285 € für jedes Kind + bis zu 587 Euro

285 Euro für jedes Kind plus – je nach Einkommen aber allerhöchstens noch 587 € – und Kinderarmut wäre in Österreich (fast) gänzlich beseitigt. Das sind die jüngsten, aktualisierten, Zahlen zum Thema Kindergrundsicherung, die Volkshilfe und Europäisches Zentrum für Sozialpolitik und -forschung (EZfS) am Dienstag in einem Mediengespräch im Kindermuseum Zoom vorstellten.

Mehr als ein Fünftel der rund eineinhalb Millionen Kinder und Jugendliche – genau 353.000 – lebten im Vorjahr in einer von Armut – und damit oft Ausgrenzung – bedrohten Familie. 40.000 Kinder mussten sogar in Familien verbringen, die ihre Wohnung nicht heizen konnten.

Kein Hilfs-Dschungel

Seit Jahren gibt es daher die Forderung nach einer Kindergrundsicherung. Mit dieser soll kein Kind in Österreich mehr in Armut aufwachsen. Und sie sollte automatisch – je nach Einkommensgrenzen berechnet – auf dem Familienkonto landen. Damit würden alle anderen Unterstützungen ersetzt, also statt Familienbeihilfe, -bonus, Mehrkinder-Zuschlag, Altersstaffelung, Schulstartgeld… Also auch zu beantragende Hilfen fielen weg – womit sich Familien ersparen in die Rolle von nicht selten auch demütigenden Bittsteller:innen zu schlüpfen. Als einziger Zusatzbetrag soll aber natürlich der Zuschlag für Kinder mit Behinderungen im Rahmen der Familienbeihilfe bleiben.

Über die 285 Euro für jedes Kind kommen aus den von den Forscher:innen berechneten Kosten für Miete, Energie, Nahrung, Gesundheit, Bildung (u.a. Nachmittagsbetreuung) auch solche für kulturelle und soziale Teilhabe hinzu. Daraus ergeben sich durchschnittlich 872 Euro pro Kind.

Hanna Lichtenberger, Forschungsteam Kinderarmut abschaffen der Volkshilfe Österreich
Hanna Lichtenberger, Forschungsteam Kinderarmut abschaffen der Volkshilfe Österreich

Zwischen 25.000 und 40.000 Jahreseinkommen

Jene Familien, deren Haushaltseinkommen unter 25.000 € jährlich liegen bekämen den vollen Betrag – also die 285 Euro plus die oben schon angeführten 587 Euro. Als rechnerische Überlegung dazu legten für die Volkshilfe Hanna Lichtenberger und Erich Fenninger sowie für das European Centre for Social Welfare Policy and Research Michael Fuchs und Felix Wohlgemuth dar: Die Schwelle zur Armutsgefährdung für Alleinlebende liegt – laut EU-SILC (Community Statistics on Income and Living Conditions/ Gemeinschaftsstatistiken zu Einkommen und Lebensbedingungen) bei 16.452 Euro, für zwei Erwachsene bei 24.678 €.

Als Obergrenze berechneten die Wissenschafter:innen ein Jahreseinkommen von 40.000 Euro. Bis dahin würde als das Plus aus der Kindergrundsicherung zu den 285 Euro für alle gegen Null sinken.

Kosten: Plus 2,2 Milliarden €

Ach ja, und was kostet das: Darum drückten sich die beiden Organisationen nicht herum. In Summe 4,6 Milliarden Euro, allerdings müssen bei der Berechnung ja bisher bezahlte Familienunterstützungen abgezogen werden, netto bleiben 2,2 Milliarden Euro. Dafür gäbe es praktisch keine armen Kinder und Jugendlichen mehr – den Berechnungen zufolge blieben doch 2,8 % an der Armutsgrenze übrig, was auf KiJuKU-Nachfrage auch ein rein statistischer Ausreißer sein könnte. Damit aber gäbe es weniger kranke (u.a. aus kalten Wohnungen, schlechter Ernährung, sozial-psychische Folgen von Ausgrenzung), möglicherweise auch weniger Schulabbrecher:innen und andere Folgewirkungen von Armut und Ausgrenzung. Zudem würde ein Gutteil des zusätzlichen Familieneinkommens sofort wieder in den Wirtschaftskreislauf fließen.

Erich Fenninger, Direktor der Volkshilfe Österreich
Erich Fenninger, Direktor der Volkshilfe Österreich

Optimistisch

Auf eine mögliche Umsetzung angesprochen, zeigte sich Volkshilfe-Direktor Fenninger fast optimistisch: Die Grünen seine dafür, alle drei Bewerber:innen um den SPÖ-Vorsitz, die NEOS zeigen sich der Forderung gegenüber offen – in der Vorwoche verkündete der Wiener Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr im eigenen Wirkungsbereich eine deutliche Entlastung bei Essens- und Besuchs-Beiträgen in Schulen, Kindergärten und Horten an. „Und viele aus der Wirtschaft signalisieren auch eine Zustimmung zu unseren Forderungen, weil dadurch auch viel mehr Jugendliche fit fürs Leben würden.“

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Volkshilfe -> Kinderarmut abschaffen

Europäisches Zentrum für Sozialpolitik und -forschung

Kundgebung gegen die Einschränkung des Rechts auf Bildung für Frauen in Afghanistan

Doppelte Diskriminierung, Verfolgung bis zum Völkermord

„Heute zelebrieren wir 60 Absolvent:innen, mit einem beachtlichen Frauenanteil von 60%. IGASUS (Interessengemeinschaft der afghanischen Schüler:innen und Studierenden) ist 2015 mit der Vision gegründet worden, um genau diese Talente und Köpfe für den Fortschritt der Gemeinschaft zu bündeln, eine Plattform zu bilden, die den Raum für einen konstruktiven, kritischen und sachlichen Austausch schafft, in dem wir Fehler machen, aus ihnen und voneinander lernen, und gemeinsam wachsen.

Der Weg zu den Erfolgen war gewiss nicht ein einfacher! Um am jetzigen Punkt aufrecht zu stehen, haben wir viele Hürden überwunden, vor allem politische“, sagte Vorstands- und Gründungsmitglied Mojtaba R. Tavakoli vor rund einem halben Jahr bei der jüngsten Absolvent:innenfeier der afghanischen Community in Österreich.

Integration durch Bildung

Er, der vor rund zehn Jahren als Jugendlicher allein mit seiner Schwester aus Afghanistan geflüchtet war, ist längst Akademiker, PhD-Kandidat am IST (Institute of Science and Technology), der Exzellenz-Uni in Klosterneuburg bei Wien und trägt sich mit Plänen, an eine renommierte US-Universität zu wechseln. Tavakoli ist Integrationsfigur in der Community, aber auch darüber hinaus und (Mit-)Motor der genannten Organisation. Diese setzt auf „Integration durch Bildung“ – sowohl in die eigene Gemeinschaft hinein, will aber auch in die Mehrheitsgesellschaft hinaus wirken. Seine Schwester Sohela ist übrigens Co-Geschäftsführerin eines Wiener Gastro-Betriebes und nicht die Einzige, die unternehmerisch selbstständig in führenden Funktionen tätig ist.

Gewinn für alle

Der Redner wies – nicht zuletzt – auf die (mögliche) gewinnbringende Mitwirkung von Austro-Afghan:innen für die heimische Gesellschaft und Wirtschaft hin. Aber auch auf die immer wieder erlebte Diskriminierung von Menschen, die aus Afghanistan geflüchtet sind. Selbst, wo die Mehrheitsgesellschaft doch mitkriegen musste, was seit rund 1 ¾ Jahren verschärft in seinem ersten, vermissten Heimatland abläuft. Erst knapp vor Jahresende gingen durch praktisch alle Medien der Welt die Nachrichten, dass Frauen gar nicht mehr an Universitäten studieren dürften, der komplette Ausschluss aus Bildungseinrichtungen, auch schon aus Schulen droht (wieder).

Doppelte Diskriminierung

Obwohl Mojtaba aus Afghanistan flüchten musste, „nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass wir Angehörige der Hazara sind, einer Minderheit, die seit Jahrhunderten verfolgt werden, wurde mir erst im Herbst mit der Kampagne #StopHazaraGenocide bewusst, dass ich mich vorher nie als Hazara ge-outet habe.“ Hazara sind rein optisch meist an ihren Gesichtszügen erkennbar wofür sie oft mit Begriffen wie „Chinesen“ belegt werden, dennoch verleugnen viele ihre Zugehörigkeit zu dieser traditionell unterdrückten, diskriminierten, verfolgten Volksgruppe.

Sozial ausgegrenzt

Weil sie aufgrund der Ausgrenzung meist zu den ärmeren Bevölkerungsschichten zählen, werden sie häufig als „mush chur“ (Mausfresser) beschimpft. Ein schon unter jungen Kindern verbreitets Schimpfwort, das früh die Reaktion erzeugt: „Ich bin kein Hazara!“, erzählt Tavakoli im Interview mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… „Das war so ein schwerer innerer Konflikt, weil wir oft sogar unter afghanischen Freundinnen und Freunden nochmals diskriminiert werden.“

Tränen – Stolz – Aktivismus

Bis zum Herbst habe er „nie gesagt, dass ich ein Hazara bin, ich war mental nicht wirklich dazu bereit“, erklärt der Wissenschafter und Aktivist und gesteht „in dem Moment, wo ich mir bewusst geworden bin, dass ich auch dazu stehen will und muss, hab ich sogar geweint. Aber jetzt bin ich explizit stolz darauf, ein Hazara zu sein und fühle mich verpflichtet, etwas gegen diese doppelte Unterdrückung zu tun.“

Dazu zählt er – eigentlich ähnlich wie mit IGASUS und dem Werben für Bildung – „einerseits in der Volksgruppe das Bewusstsein zu schaffen, dazu zu stehen. Das ist nicht immer leicht, denn Diskriminierungen haben immer auch Auswirkungen auf das tägliche Leben – im Beruf, in der Familien, im Freundeskreis. Und andererseits aufzuklären über die Verfolgungen – historisch und aktuell.“

Übrigens dürfte deutlich mehr als die Hälfte der rund 45.000 Afghan:innen in Österreich der Volksgruppe der Hazara angehören (ca. 60 %).

in Social media gepostets Foto einer Aktion gegen Morde an Hazara
In Social media gepostets Foto einer Aktion gegen Morde an Hazara

Verfolgung der Hazara

Zwischen 1890 und 1901 gab es unter dem Paschtunen-Führer Rahman Khan einen ersten Völkermord an den Hazara, die einen Dialekt des persischen Farsi sprechen, Hazaraghi. Sie leb(t)en vorwiegend um die Städte Ghazni, Mazar i Sharif, und Bamyan.

Die meisten Hazara sind schiitische Muslime – nicht ausschließlich, es gibt auch Sunniten, Aleviten, Christen, Buddhisten und Angehörige ohne Religion. Als Schiiten sind sie für die be-herrschenden Paschtunen Kafir, sogenannte Ungläubige.

In der Ära des Genozids Ende des vorvorigen Jahrhunderts wurden fast zwei Drittel der Hazara in Zentralafghanistan getötet. Den meisten anderen wurden ihre Länder gestohlen, sie selbst wurden verkauft, versklavt oder zwangsumgesiedelt.

Und das ist keine rein historische, vergangene Geschichte. Taliban- oder IS-Anschläge richten sich sehr oft gezielt auf Einrichtungen oder Ansiedlungen von Hazara. Und sogar die vom Westen gestützten Regierungen in den rund 20 Jahren zwischen den Taliban-Herrschaften haben zumindest kaum bis nichts gegen die Verfolgung dieser Volksgruppe unternommen.

An den Unis gab es eigentlich prozentuelle Anteile der Volksgruppen, der Zugang für Hazara wurde allerdings massiv eingeschränkt. Gesundheitseinrichtungen und Geburtskliniken wurden gezielt in Hazara-Regionen angegriffen. Gleiches gilt für Bombenanschläge auf Bildungseinrichtungen, Hochzeiten und andere Zeremonien.

in Social media gepostets Foto einer Aktion gegen Morde an Hazara
In Social media gepostets Foto einer Aktion gegen Morde an Hazara

Diskriminierung auch in der Zeit zwischen den Taliban-Herrschaften

Schon vor Jahren, in der Regierungszeit von Ashraf Ghani, sollte Hazarajat mit Stromleitungen versorgt werden. Das Projekt wurde zurückgezogen, die Leitungen rund um die Siedlungsgebiete der Hazara gebaut. Die 20 Jahre der vom Westen unterstützten Regierungen brachten zwar eine Phase gewisser Erholung, aber schon in den letzten Monaten vor der neuerlichen Machtübernahme der Taliban Mitte August 2021 hatten die Attacken, Verfolgungen, Diskriminierungen und Morde wieder zugenommen. Erst recht seit Mitte August 2021, der neuerlichen Machtübernahme der Taliban; die Anschläge werden auf der Website https://stophazaragenocide.org/ dokumentiert.

in Social media gepostets Foto einer Aktion gegen Morde an Hazara
In Social media gepostets Foto einer Aktion gegen Morde an Hazara

Internationale Kampagne

Im Herbst des vergegangenen Jahres begannen sich Initiativen in vielen Ländern zu vereinen und starteten die genannte Kampagne „Stopp den Völkermord an den Hazara“. Mit dem ebenfalls oben schon zitierten Hashtag läuft sie im Internet auf den verschiedensten Plattformen, aber auch mit Demonstrationen und Kundgebungen auf Straßen und Plätzen und Petitionen an Regierungen und internationale Institutionen, sich gegen diesen Genozid auszusprechen, bei den Taliban zu protestieren, sie zu boykottieren…

Auch seriöse Diskussionen

Nicht alle, die die tödliche Verfolgung der Hazara verurteilen, sprechen von Völkermord, manche wie der bekannte Politologe Thomas Schmidinger etwa schrieb in Postings auf Social Media u.a.: „Ich halte es für eine sehr problematische Entwicklung, dass seit einigen Jahren geradezu ein Wettbewerb einsetzt, wer die schrilleren Töne anschlägt und jede Repression und Gewalt, jedes Kriegsverbrechen gleich zum Genozid erklärt. Mittlerweile wird von manchen schon in der Ukraine der Genozidbegriff verwendet und von Hazara-Aktivisten wird auch dazu aufgerufen einen Genozid der Taliban an ihnen zu stoppen.“ Im Verlauf einer längeren Diskussion ergänzte Schmidinger: „Grausame Anschläge einer Terrororganisation sind etwas anderes als ein Genozid zu dem eben auch so etwas wie eine de facto Macht gehört, einen solchen irgendwie auch nur annähernd umsetzen zu können. Ganz praktisch fürchte ich, dass derzeit eine weitere Destabilisierung der Taliban leider genau jenen nutzen würde, die tatsächlich einen Genozid an den Hazara verüben würden, nämlich dem IS. Der ist nämlich um vieles stärker als die letzten Reste des alten Regimes im Panjir-Tal.“

in Social media gepostets Foto einer Aktion gegen Morde an Hazara
In Social media gepostets Foto einer Aktion gegen Morde an Hazara

Bewusst machen

Wie auch immer – ob als Völkermord oder „nur“ als tödliche Verfolgung – die Hazara sind in Afghanistan weiter mehr als bedroht, in Zufluchtsländern oft doppelt diskriminiert und machen in vielen Ländern mit der Kampagne unter dem genannten Hashtag auf die Lage ihrer Volksgruppe aufmerksam. Und sie sehen ihre Verfolgung auch nicht als singulären Akt, sondern solidarisieren sich in vielen ihrer Aktionen auch mit allen anderen diskriminierten Gruppen – nicht nur, aber besonders, in Afghanistan und dem Iran. So riefen sie auch zu Kundgebungen auf, bei denen es um den Widerstand (nicht nur) der Frauen im Iran und für das Recht auf Lernen auch für Mädchen in Afghanistan ging/geht u.a. im Jänner auf dem Wiener Stephansplatz mit der Losung „Unterstützung afghanischer Frauen – gegen die Geschlechter-Apartheid der Taliban“.

In den vergangenen Monaten haben gewählte Vertretungen – Parlamente in Australien, Großbritannien -, gegen Ende März auch der Wiener Gemeinderat „die schweren Menschenrechtsverletzungen, denen die Völkergruppe der Hazaras ausgesetzt ist“ verurteilt und in dem Fall auch „den Bundesminister für europäische und internationalen Angelegenheiten ersucht, sich innerhalb der Europäischen Union und der Vereinten Nationen für den Schutz der Hazaras … einzusetzen“.

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Stop Hazara Genocide.org

Amnesty international -> Hazara

Twitter -> #stophazaragenocide

Szenenfoto aus "Drei Winter" im Burgtheater

Beispielhafte, berührende (Familien-)Geschichtsstunden

(Fast) dreieinhalb dichte Stunden, gefühlsmäßig zwischen Atem stocken lassend und Schmunzeln bis zu herzhaftem Lachen – meist über machohaftes Gehabe – verweben auf der großen Burgtheaterbühne persönliche und gesellschaftlich-historische Geschichten Kroatiens – und darüber hinaus. Tena Štivičić hat „Drei Winter“ ursprünglich ausgehend von eigenen Familiengeschichten, später um viele andere Erfahrungen erweitert, an drei Wendepunkten ihres ersten Heimatlandes in Szenen gefasst: 1945 nach dem 2. Weltkrieg mit dem Aufbau des neuen, durch die Partisan:innen selbstbefreiten (sozialistischen) Jugoslawiens; 1990 als sich  das Auseinanderbrechen des multi-ethnischen Landes abzuzeichnen begann, manche sogar die drohenden künftigen kriegerischen Auseinandersetzungen bereits spürten/ ahnten sowie 2011 als die Beitrittsverhandlungen zur EU abgeschlossen worden sind. Treppenwitz: heute lebt die in Zagreb aufgewachsene Autorin, die 13 Jahre war, als der Krieg 1991 begann, in Großbritannien, das seit dem Brexit nicht mehr zur EU gehört, allerdings in Schottland, das nach Unabhängigkeit strebt.

Bogen bis heute

Das Stück beginnt im fast gespenstisch verdunkelten Saal nach Heben des Vorhangs mit Videos – Panzern, Schüssen. Und dem Insert Winter 2023 – bewegte Bilder aus dem Angriffskrieg Russlands in der Ukraine – womit der Regisseur, Burgtheaterdirektor Martin Kušej, gleich den Bogen des Stücks erweitert.

Eine Wohnung

Die folgende erste Szene spielt 1945: Die Partisanin Ruža Kralj (Nina Siewert, die in den 2011-er-Szenen auch ihre eigene Enkelin Alisa spielt) kommt ins Büro des Genossen Marinko (Daniel Jesch), um sich für eine Wohnung zu bewerben. Und sucht aus dem Berg von Schlüsseln jenen mit einer ihr bekannten, ja vertrauten Adresse aus. Es ist das Haus, aus dem ihre Mutter, ein Dienstmädchen der adeligen Besitzer:innen, mit dem eigenen Kind (also ihr selbst als Baby) auf die Straße gesetzt worden war. Mit ihrem kriegsverletzten, humpelnden Ehemann Aleksandar (Tilman Tuppy), ihrer Mutter Monika Vinter (Sylvie Rohrer) und dem kleinen Baby, das noch keinen Namen hat, ziehen sie ein. Und kommen drauf, dass in dem vermeintlich leeren Haus schon wer wohnt: Karolina Amruš, die Tochter der einstigen Eigentümer, deren Vater, ein Nazi-Kollaborateur war, der sich nach Argentinien abgesetzt hat. Barbara Petritsch wandelt fast wie ein Geist durch das Haus.

Ein Ort – viele Länder

Das Haus – und mit ihm die krass wechselnden Böden (je nach Epoche): Ein Zimmer voll mit Scherben bedeckt, ein anderes als recht dürres Feld, ein drittes mit einem flauschigem Feder-Teppich und ein anderes voller Papier-Schnipsel als wäre Vieles geschreddert worden (Bühne: Annette Murschetz) – wird über die gesamte Stückdauer fast zu so etwas wie einer Figur; einer Konstante in der wechselvollen Geschichte. Und zum fast skurrilen Sinnbild: Das Haus und die Stadt, natürlich immer geografisch am selben Ort, liegen über die Generationen in verschiedenen Ländern: Im Rückblick – Videos (Tobias Jonas) auch aus dem ersten Weltkrieg – noch Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie; danach Königreich Jugoslawien, ab 1945 Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien, ab 1991 Kroatien und schließlich mit dem Vorabend zum Mitglied der Europäischen Union (ab 2013).

Wende

1990 – der gemeinsam Vielvölkerstaat Jugoslawien fällt auseinander – im Stück werden Ereignisse des 14. Kongresses des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens eingespielt, wo die slowenische Delegation die Tagung verlässt und die kroatische androht, ebenfalls zu gehen, sollte der Kongress fortgesetzt werden.

Während dies „nebenbei“ läuft, erleben wir die Familienzusammenkunft nach dem Tod Ružas. Das einstige Baby, das den Namen Mascha (Regina Fritsch) bekam, lebt mit ihrem Ehemann Vlado (Norman Hacker) – bzw. beide eher nebeneinander, dem Vater (Branko Samarovski) sowie ihren beiden pubertierenden Töchtern Alisa (Laura Diego Skladana, die in anderen Vorstellungen von Alina Foltyn bzw. Anna Sebök gespielt wird) und Lucija (Anouk Aimée Auer (alternierend: Chiara Bauer-Mitterlehner, Sofi Gavril) zusammen.

Ihre Schwester Dunja (Zeynep Buyraç) lebt und arbeitet in Düsseldorf – und unterstützt immer wieder die verarmte Familie in Zagreb. Angesichts der vielleicht drohenden Kriegsgefahr bietet sie sofort an, die Kinder zu sich in Sicherheit zu holen. Was ihr herrschsüchtiger Ehemann Karlo (Daniel Jesch) so gar nicht will. Der ist obendrein eifersüchtig auf einen langjährigen Freund der Familie, Igor Maljević (Maximilian Pulst, der auch den Jugendfreund Alisas und am Ende ausquartierten Mitbewohner Marko spielt), der zu den Begräbnisfeierlichkeiten ebenfalls angereist ist – aus dem bosnischen Sarajevo. Dieser Karlo, der den Kapitalismus anbetet, wie ihm seine Frau vorhält und sich mit einem ärztlichen Attest vor dem Militärdienst geschraubt hat, verkündet nun, für Kroatien militärisch kämpfen zu wollen, sollte es so weit kommen.

Hochzeit

Den dritten Zeitsprung – es wird nicht chronologisch gespielt, sondern immer wieder hin- und her-geswitcht – mit kurzen Inserts 1945/1990/2011 – verankert die Autorin erneut in einem Familientreffen. Anlass ist nun die bevorstehende Hochzeit Lucijas (Andrea Wenzl) mit Damjan, der nie in Erscheinung tritt. Gegen ihn besteht einige Skepsis, er ist ein Unternehmer, ein Neu-Reicher, der angeblich aus dubiosen Quellen sein Vermögen anhäufte und nun das Haus gekauft hat – samt Rausdrängen der anderen Altmieter:innen wie seine künftige Schwägerin, Lucijas Schwester Alisa (Nina Siewert), herausgefunden hat. Die lebt nun in London, ist nur zum Begräbnis der Großmutter angereist und hat sich gedanklich und emotional von der Familie ziemlich abgekoppelt.

Damjans Verhalten steht sinnbildlich für die Privatisierungen, den sich abzeichnenden Turbokapitalismus, der – so fürchten einige in der Familie – sich mit dem Beitritt zur EU verschärfen würde.

Wertewandel

Mit der Szene rund um den Hauskauf und den Rauswurf anderer Mieter:innen manifestiert sich der mit dem „Länderwechsel“ auch einhergehende Wandel von Wertesystemen. Wurde 1945 das Haus der Adeligen an arme Arbeiter:innen vergeben, so krallt sich nun ein Neureicher das Anwesen – und rettet es vor noch gierigeren Spekulant:innen, wie Lucija zu versichern meint.

Und hebt das Geschehen endgültig von der konkret erzählten wechselvollen Familien- und Hausgeschichte ins Allgemeine, in eine spannend geschriebene und gespielte Gesellschafts- und Wirtschaftsanalyse. Wobei die Autorin ihre Markierungspunkte sozusagen immer knapp vor den realen Ereignissen ansiedelt – in Phasen der Vorahnung – wie sehr oft sensible und genau hinschauende Künstler:innen die Entwicklungen aufkommen sehen. Auch wenn ihnen oft nicht geglaubt wird – siehe russischer Überfall auf die Ukraine, der neben der oben angesprochenen anfänglichen Einblendung nochmals in einem Video auftaucht, wo fast nahtlos von 1918 über 1945 und 1991 auf 2023 geswitcht wird.

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Doppelseite aus dem Bilderbuch "Der kleine Ritter Kackebart"

Ein junger Bub mit Bart und noch dazu so einem…

Die einen fallen durch ihre Buntheit auf, weil sei aus der Reihe grauer oder schwarz-weißer Artgenoss:innen hervorstechen. Andere tanzen aus der Reihe, weil sie laut, schrill, wild sind – inmitten lauter stiller Angehöriger ihres Rudels, ihrer Familie, ihrer Klasse oder sonst irgendeiner Gruppe. Oder weil sie jemanden mögen, der von den Chef:innen der Gruppe zu Feind:innen erklärt worden ist…

Außenseiter:innen

Loblieder auf Vielfalt finden sich schon lange in vielen (Bilder-)Büchern. Unzählige illustrierte Geschichten erzählen von Kindern oder oft auch von Tieren, die (anfangs) ausgeschlossen werden, weil sie anders sind oder sich verhalten als die meisten ihrer Gattung, ihrer Familie, ihrer Umgebung. Meist fallen die Außenseiter:innen dann durch besondere Fähigkeiten oder Kenntnisse auf und werden später – deswegen – in die Gemeinschaft aufgenommen. Hin und wieder schaffen es in solchen Büchern, Filmen, Hörspielen, Theaterstücken jene, die erst ausgegrenzt, gemobbt usw. haben, sogar sich zu entschuldigen.

Eine solche Bilderbuchgeschichte ist kürzlich von einem bekannten Autor erschienen, der viele Erfolgsbücher – bisher „nur“ für Erwachsene geschrieben hat. Für Kinder bzw. Jugendliche schrieb David Safier ausschließlich ein paar Drehbücher für (Animations-)Filme: „Happy Family“ bzw. „Die Schule am See“ und „Mein Leben & Ich“.

Premiere

Nun also seine Premiere – gemeinsam mit einem Illustrator, den er wieder aus seiner Filmarbeit kennt: Das Bilderbuch startet mit einem sehr ungewöhnlichen Wesen: Einem Burben mit Bart. Das hob ihn noch nicht von seiner Familie ab – dort haben alle ausgedehnten, dichten Haarwuchs im Gesicht – nicht nur die Männer. Auch Mutter und sogar der jüngste Nachwuchs – ein Baby. Das ist noch nicht alles – schon der Titel verrät fast alles: „Der kleine Ritter Kackebart“.

Der heißt aber nicht so, weil der – namenlos bleibende – Bub seinen Bart „kacke“ findet, sondern im wahrsten Sinn des Wortes. Die kleinen braunen „Bemmerln“, die Oliver Kurth in jeden der Bärte dieser Familie gezeichnet hat, sind genau solches. Und damit eröffnet sich noch die Ebene, Worte die oft verpönt sind, sagen, pardon schreiben zu dürfen 😉

Und Ritter?

Da aber alle Menschen auf dem Bauernhof, auf dem er aufwächst, so ausgestattet sind, ist’s ganz normal. Das allein ist sozusagen noch keine Geschichte, außerdem muss er ja irgendwie noch dem anderen Teil im Buchtitel gerecht, also zum Ritter werden. Davon träumt er. Gemeinsam mit seinem Einhorn, das eine große Windel trägt und – im Gegensatz zu ihm auch einen Namen hat, nämlich Windelpups -, will er auf Abenteuer reiten.

Da trifft es sich gut, dass ein Bote des Königs Pipifax nach Teilnehmer:innen für ein Turnier zu Ehren von Prinzessin Tortenwerf sucht. Und dort passiert es: Zum ersten Mal in seinem Leben wird der kleine Ritter – von seinen Konkurrenten – ausgelacht, verspottet, niedergemacht – genau wegen seines noch dazu besonderen Bartes.

Das kränkt ihn so sehr, dass er sich mit Windelpups aus dem Staub macht. Zu Hause trösten sie ihn, vielmehr versuchtn sie es. Er sieht aber gar nicht ein, wieso sie alle solche Bärte haben und wozu das gut sein soll.

Natürlich braucht’s ein Happy End und das liegt in der Kacke in seinem Bart begründet – mit der er droht, den bösen Drachen Stinkerülps …  nein, nicht alles sei hier verraten, soll das Buch, das es auch in einer Version zum Hören gibt – siehe Info-Box – noch spannende Geheimnisse bereithalten.

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Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „Der kleine Ritter Kackebart“
Szenenfoto aus "Im Herzen der Krähen"

Von Krähenherzen, Wolfsmäulern und Frauengeschichte(n)

Zu atmosphärischen Gedichtzeilen, die – eingesprochen aus dem Off – über der Szenerie durch den Raum zu schweben scheinen, beginnen unten zu ebener Erd` Theaternebel-Wolken zu wabbern, erfüllen im Verlauf der 1 ½ Stunden immer wieder das Geschehen im Drei-Eck zwischen einem stilisierten Baum, einer Art Felsbrocken und einer Bushaltestelle. Alles in Weiß gehalten – wie unbeschriebene Blätter. Auf, vor, in und zwischen denen sich die Geschichte dreier Frauen „geschrieben“, pardon gespielt und erzählt wird. Ach, weiß ist auch noch ein Großteil des Bodens – aus zusammensteckbaren Quadraten, die über weite Strecken an eine Art eisige Struktur, später – umgedreht – eine glatte Fläche ergeben in „Im Herzen der Krähen“ von Kaśka Bryla im Werk X am Wiener Petersplatz.

Wenn sich die ersten Nebel lichten, …

… stellen sich der Reihe nach drei Frauen vor: Zunächst Sonja, die auf den Bus wartet, der nicht und nicht daherkommt. Julia Amme wirkt wie aus einer anderen Welt, entkleidet reibt sie sich mit realen Eisplatten und -Stücken ein.

Laila Nielsen als Lille würde gerne fliegen können. Irgendwie auch, weil sie das Mensch-Sein satt hat, sich sozusagen mit der Natur vereinen will, erklettert sie den angesprochenen Baum – hinauf zu den Krähen, die wie vielleicht auch nicht anders zu erwarten war, davonfliegen. Aber eine bleibt. Mit der freundet sie sich an, gibt ihr sogar einen Namen: Kassandra. Nach der „blinden Seherin“ aus der griechischen Mythologie, die die Zukunft vorhersagen konnte, der aber niemand glaubte.

Diese aber wird von einem Pfeil aus einer Armbrust getroffen. Abgeschossen von der dritten – noch lange nicht im Bunde: Esra mit Figurennamen, gespielt von Zeynep Alan. Den Vogel zu treffen wollte sie nie und nimmer, beteuert sie vielfach, es tue ihr leid. Sie wollte schlicht und ergreifend – und das in gedichthaften Worten – nur das Geräusch des fliegenden Pfeils in der Luft hören. Sätze, die sie mehrfach wiederholt. Leider ist es in diesen – große Stille erfordernden – Momenten nie ruhig genug, stören technische Nebengeräusche.

Nach Kassandras Tod

Jedenfalls konstatiert Sonja nach dem Vogeltod: „Die Welt ist jetzt eine andere!“ Und sie wandelt sich für das Trio – aus den drei Einzelnen wird eine Gemeinschaft. Miteinander buddeln sie – nur erzählt – ein tiefes Loch, begraben den Vogel. Und sehen sich obendrein miteinander der Bedrohung durch einen Wolf gegenüber. Der als Projektion – wie übrigens auch die Krähe vor ihrem Ende, die auf einem rotierenden Kreisel, der Vierbeiner auf der Rückwand – auftaucht. In dem Fall herangezoomt das Maul aufreißend, sozusagen gar das Publikum mitverschluckt. Aber nein, sie können sich retten – und nicht nur das. Schließlich trägt Sonja einen Wolfspelz-besetzten Mantel (Bühne und Kostüm: Elisabeth Schiller-Witzmann).

Zukunft und Vergangenheit

Nach den ersten gemeinsamen, teils innigen, Erlebnissen, versuchen Esra, Lille und Sonja ihre Wurzeln zu erzählen, nachdem sie ins Grübeln gekommen sind, wie Zukunft mit Vergangenheit zusammenhängt – und damit auch mit ihren Herkünften, die sie als Rucksack mittragen – nicht zuletzt und mitunter sogar vor allem über die Betrachtung und Schubladisierung der anderen zwecks „Hintergründen“.

Ping-Pong zwischen Autorin und Ensemble

Autorin Kaśka Bryla hat mit den Mitgliedern des Ensembles – nicht nur dem Schauspieltrio – ausführliche persönliche Interviews geführt, deren Ergebnisse sie in eine erste Fassung eines Teils des Stückes fließen hat lassen. Diesen Text hat sie dem Ensemble wieder vorgelegt, Meinungen, Ergänzungen usw. eingeholt und dann den Stücktext fertig geschrieben, den Alexander Bauer und Chris Herzog inszenierten (Dramaturgie: Angela Heide, Outside-Eye: Aïsha Konaté).

Viele Ebenen

Das Stück, das sich selbst „eine Überschreibung der Kassandra-Figur“ nennt, operiert nicht nur mit Schauspiel und eingespielten gedicht-ähnlichen sozusagen Meta-Texten, sondern auch mit Musik – bekannte Songs werden im Playback performt. Und dem Gedankenspiel, gäbe es eine bessere Zukunft, wenn die Vergangenheit umgeschrieben werden würde. Und inwiefern wäre es nicht nur eine gelogene neu geschriebene Vergangenheit, sondern wie viel davon ist tatsächlich eine – bislang nicht oder kaum erzählte – wirkliche Vergangenheit. Ist nicht Geschichtsschreibung immer eine der Herr-schenden? Und gilt es nicht auch, die verschüttete echte Vergangenheit freizulegen. Aber wo ist die Grenze zwischen der wahren und der erwünschten Geschichtsschreibung?

Auch wenn das Reinkommen ins Stück nicht gleich von den ersten Momenten an leicht ist – angesichts der angespielten verschiedenen Ebenen – nach kurzer Zeit kann leicht in die schwere und doch leichtfüßige – aber mit Tiefgang – gespielte Geschichte – eingetaucht werden – eine Produktion von Kunst und Lügen und Peira in Kooperation mit WERK X-Petersplatz sowie Theater im Ballsaal.

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Doppelseite aus dem Bilderbuch "Alfonso geht angeln"

Eine Zunge wie ein Wurm als Köder

Nach eine Reihe von wortlosen Bilderbüchern – u.a. „Die Vulkaninsel“ – veröffentlichte der US-amerikanische Kinderbuchautor/-illustrator John Hare wieder eines mit einer geschriebenen Geschichte: „Alfonso geht angeln“.

Die Hauptfigur ist aber kein Fischer, sondern eine Geierschildkröte, die zur Gattung der Alligatorschildkröten zählt. Und ein wenig Krokodilartig sieht er aus der Alfonso (die Art kann übrigens fast einen Meter lang und 100 Kilo schwer werden). Das Besondere an seiner vorwiegenden Ernährung: Er und seinesgleichen legen sich ins Wasser, öffnen den Mund und bewegen ihre Zunge. Die hat Ähnlichkeiten mit einem Wurm – und locken so Fische an. Die schwimmen ins geöffnete Maul. Und schwupp…

Natürlich muss sich in so einer Bilderbuch-Geschichte etwas Ungewöhnliches abspielen. Und dazu hat sich John Hare einfallen lassen, dass ihn der erste Fisch, eine kleine Elritze nicht interessierte – zu mickrig. Aber dann hört er, dass das Fischlein über den großen Wurm staunt und laut denkt, auch Freunde zu holen, um sich da Leckerbissen zu holen. Und die wieder wollten noch weitere holen und…

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Alfonso geht angeln“

Oma Bertha

Knapp bevor Alfonso – übrigens ist sein Name auf dem Buchcover aus Buchstaben gemalt, die alle wie Würmer aussehen – zuschnappen und sich damit den Bauch vollschlagen könnte, vernimmt er wie eines der kleinen Fischlein sagt: „Hört her! Vielleicht sollten wir den ersten Bissen Oma Bertha überlassen. Sie ist dick und langsam, aber vergluckst noch mal, sie hat heute Geburtstag!“

Also wieder einmal: Noch nicht zubeißen, warten auf die fette Beute. Und als die Oma und alle Fischlein sein ganzes Maul füllen, sich Bertha so freut, alle um sich zu haben, und sich den fetten Wurm teilen zu können…

… ist die Schildkröte ganz gerührt… Also frisst er den Schwarm nicht, lässt die Fischlein aber auch nicht von seiner Zunge abbeißen. Die finden einen anderen Wurm, aber…

… Nein, alles sei hier sicher nicht verraten, wenngleich es sich sehr auszahlt, dieses Bilderbuch – selbst wenn du die ganze Geschichte dann schon kennst – sogar mehrmals zu lesen/ vorlesen zu lassen und die Bilder aber schon ganz genau anzuschauen und selbst kleine Details zu entdecken.

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Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „Alfonso geht angeln“
Am 6. Juni 2022 hält die 7-jährige Hind Ali Nasser im Gouvernement Aden, Jemen, nach der Impfung ihren Arm.

Nach Corona sinkt Impfbereitschaft gegen Kinderkrankheiten

Eine – unerwartete – heftige Nebenwirkung der Corona-Pandemie ist eine stark verbreitete Skepsis – gegenüber bisherigen Routine-Impfungen für Kinder (Masern, Polio usw.). Das musste das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, Unicef, im Bericht „Impfschutz: Für jedes Kind“ feststellen. Von 55 untersuchten Ländern (Argentinien bis Vietnam) sind nur China, Indien und Mexiko nicht vom „Virus“ der zunehmenden Ablehnung von Impfungen betroffen. In Südkorea, Japan, Ghana, Senegal und Papua-Neuguinea musste nach der Pandemie sogar ein Rückgang solcher Impfungen um rund ein Drittel festgestellt werden. Nur knapp darunter liegt Kroatien mit einem Impfrückgang um 29,2 Prozent, in Österreich hat sich die Bereitschaft, Kinder gegen vermeidbare Krankheiten impfen zu lassen um fast 11 Prozent verringert (10,7 %); in Italien minus 6,8 %, Deutschland: – 8,1 %, in Schweden, das oft für seine wenig restriktive und auf viel Eigenverantwortung setzende Corona-Politik kritisiert wurde beläuft sich der Rückgang bei Kinder-Impfungen auf nur 1,3 Prozent.

Der 6-jährige Mykyta, der mit seiner Familie Anfang März 2022 aus der Ukraine flüchtete, wurde im polnischen Krakau gegen Masern, Mumps, Röteln, Diphterie, Tetanus, Poli sowie gegen die Windpocken geimpft
Der 6-jährige Mykyta, der mit seiner Familie Anfang März 2022 aus der Ukraine flüchtete, wurde im polnischen Krakau gegen Masern, Mumps, Röteln, Diphterie, Tetanus, Poli sowie gegen die Windpocken geimpft

Durch die Pandemie ohnehin weniger Impfungen

Alarmierend ist, dass das sinkende Vertrauen mit dem größten Rückgang bei Routineimpfungen von Kindern seit 30 Jahren einhergeht. Durch die Pandemie kam es in vielen Ländern zu Unterbrechungen bei Routineimpfungen, weil die Gesundheitssysteme überlastet waren und finanzielle Ressourcen umverteilt wurden, um Menschen gegen Covid-19 zu impfen. Der Mangel an Gesundheitspersonal sowie pandemiebedingte Bewegungseinschränkungen trugen ebenfalls zu dieser Entwicklung bei.

Doppelt so oft Masern

Rund 67 Millionen Kinder verpassten zwischen 2019 und 2021 Routineimpfungen, ergab die besagte Unicef-Erhebung. Die Durchimpfungsquoten sanken in 112 Ländern. Kinder, die kurz vor oder während der Pandemie geboren wurden, sind jetzt in einem Alter, in dem sie normalerweise einen Basisschutz erhalten haben sollten. Umso wichtiger ist es, dass Maßnahmen ergriffen werden, um die versäumten Impfungen nachzuholen und tödliche Krankheitsausbrüche zu verhindern. So war die Zahl der Masernfälle im Jahr 2022 bereits mehr als doppelt so hoch wie im Vorjahr. Die Zahl der Kinder, die durch das Poliovirus gelähmt wurden, stieg 2022 im Vergleich zum Vorjahr um 16 Prozent.

„Der Basisimpfschutz für Kinder ist global und auch in Österreich von enormer Bedeutung, wie auch Masernausbrüche sogar in Österreich deutlich aufzeigen. Kein Kind soll an einer vermeidbaren Krankheit sterben müssen – deshalb setzen wir uns von UNICEF dafür ein, dass jedes Kind weltweit die notwendigen Routineimpfungen erhält,“ so Christoph Jünger, Geschäftsführer von UNICEF Österreich.

Besonders benachteiligte Kinder erhalten oft gar keinen Impfschutz

Gleichzeitig hat die Pandemie bereits bestehende Ungleichheiten verschärft. Für zahlreiche Kinder, insbesondere in den am stärksten benachteiligten Regionen, sind Impfungen immer noch nicht verfügbar, zugänglich oder erschwinglich. Schon vor der Pandemie stagnierten die Impffortschritte fast ein Jahrzehnt lang. Von den 67 Millionen Kindern, die zwischen 2019 und 2021 Routineimpfungen verpassten, erhielten 48 Millionen keine einzige Impfung („zero dose“). Ende 2021 verzeichneten Indien und Nigeria (beides Länder mit hohen Geburtsraten) die größte Zahl gänzlich ungeimpfter Kinder, aber auch in Myanmar und auf den Philippinen stieg die Zahl der Kinder, die gar nicht geimpft wurden.

Ein junges Mädchen erhält in Mauretanien eine der ersten Impfdosen gegen das humane Papillomavirus (HPV).
Ein junges Mädchen erhält in Mauretanien eine der ersten Impfdosen gegen das humane Papillomavirus (HPV).

Kinder ohne Impfschutz leben vor allem in den ärmsten und am stärksten benachteiligten Regionen, unter anderem in Kriegs- und Krisengebieten. Aktuelle Daten, die vom International Center for Equity in Health für Unicef erhoben wurden, zeigen, dass in den ärmsten Haushalten eines von fünf Kindern nicht geimpft ist, verglichen mit einem von 20 Kindern in den wohlhabendsten Haushalten. Sie leben häufig in schwer zugänglichen ländlichen Regionen oder Slums der großen Städte. Ihre Mütter konnten häufig nicht in die Schule gehen und haben wenig Mitspracherecht bei Familienentscheidungen. Diese Herausforderungen sind in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen am größten. Dort ist etwa eines von zehn Kindern in städtischen Gebieten und eines von sechs Kindern in ländlichen Gebieten nicht geimpft. In wohlhabenderen Ländern gibt es diese Unterschiede kaum.

Forderungen von UNICEF

„Impfungen haben Millionen von Menschenleben gerettet und tödliche Krankheitsausbrüche verhindert“, sagt Unicef-Exekutivdirektorin Catherine Russell. „Wir wissen nur zu gut, dass Krankheiten keine Landesgrenzen respektieren. Routineimpfungen und starke Gesundheitssysteme sind der beste Weg, künftige Pandemien, vermeidbare Todesfälle und Leid zu verhindern. Es ist Zeit, in nachhaltige Gesundheitssysteme für jedes Kind zu investieren und die verfügbaren finanziellen Mittel der weltweiten Impfaktion gegen Covid-19 umzuleiten, um Impfdienste zu stärken.“

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unicef.at

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Weitere Informationen
Doppelseite aus dem Bilderbuch "Der Elefant auf dem Mond"

Ein Elefant auf dem Mond?

Diese Astronomin mit der coolen roten Brille war Fachfrau für den Mond. Aus ihren Beobachtungen auf ihrer Sternwarte kannte sie alle Berge und Krater. Natürlich nur die auf jener Seite, die uns dieser Erd-Begleiter zuwendet – später im Verlauf dieses Bilderbuchs wird sie auch die Rückseite – the dark side – erkunden, weil sie selber auf dem Mond landet.

Aber die Hauptgeschichte des polnischen Künstler:innen-Duos ist die aus dem Titel: „Der Elefant im Mond“. Und das kam so: Eines Abends, als sie wieder einmal ihr Lieblings-Forschungsobjekt ins Visier ihres Fernrohrs nahm, „entdeckte die Astronomin Außergewöhnliches. >Das ist ja nicht zu fassen! Ein Elefant auf dem Mond!<“

Niemand glaubte ihr

Diese Sensation musst verbreitet werden, wobei ihr kaum wer glauben wollte. So lud sie ihrer Kolleg:innen ein, aber ausgerechnet als die durchs Teleskop schauten – nichts. Endlich tauchten die großen Ohren auf… in der Hektik ging der vielen Astronom:innen ging allerdings das Fernrohr zu Bruch. Außerdem glaubten sie ihr dennoch nicht, lachten sie aus und verspotteten sie.

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Der Elefant auf dem Mond“

Doch die Wissenschafterin ließ sich nicht beirren, von ihrer ersten Erkenntnis abbringen. Dafür kaufte sie nicht ein neues Fernrohr, sondern baute eine Rakete, sie wollte vor Ort selber nachschauen…

Sammelt verschwendete Dinge

Natürlich – es handelt sich ja um eine ausgedachte Geschichte mit wunderbaren sehr graphisch gezeichneten Bildern – landet sie auch auf ihrem Zielobjekt und trifft den Elefanten. Einen ungewöhnlichen noch dazu, denn er entpuppt sich als Sammler – aller möglichen Dinge, die Menschen auf der Erde verschwenden – Wasser in einem See, Lebensmittel in einer riesigen Vorratskammer und Regale mit Schachteln voller nicht gehaltener Versprechen und Gläsern vergeudeter Zeit sowie – vielleicht am traurigsten – „verkümmerter Talente“.

Die Forscherin blieb sehr lange und – siehe die Andeutung im ersten Absatz…

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Der Elefant auf dem Mond“

Verkannte Genies

Auch wenn es in echt auf dem Mond kein Leben gibt, so macht das fantasievolle Bilderbuch doch Mut, Entdeckungen und Ideen zu Erfindungen nicht (gleich) aufzugeben, wenn alle anderen dir nicht glauben, dich sogar dafür verspotten. So ging’s in Wahrheit so manchen Erfinder:innen und Wissenschafter:innen auch im wirklichen Leben, deren Leistung nicht selten erst nach ihrem Tod gewürdigt worden. Ein solchen verkanntes Genie war beispielsweise Nicolai Tesla, der den Wechselstrom erforschte.

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Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „Der Elefant auf dem Mond“
So verspielt kann Mathe sein ;)

Wo Mathe zum Spielen einlädt und ganz schön viel Spaß macht

Ein ganzer großer Raum, größer als ein Klassenzimmer voller Spieltische. Auf den meisten sitzen einander zwei Kinder gegenüber. Die einen würfeln – mit jeweils zwei Würfeln. Am Spielfeldrand haben sie Brettchen mit den Zahlen von 1 bis 12. Wer als erste/r alle Brettchen oben hat, gewinnt. Da gibt es zu taktieren. Die Summe der Augenzahlen auf den beiden Würfeln kann beliebig auf ein oder zwei der Brettchen aufgeteilt werden. Also bei einem 4er und einem 3er auf den Würfeln könnte der 7er oder die beiden genannten Zahlen, aber beispielsweise auch die Brettchen 2 und 5 raufgeklappt werden.

Anderen springen mit runden hölzernen Scheiben, ihren Spielsteinen, über jene des gegenübersitzenden Kindes und schnappen die übersprungenen Steine ein – Ähnlich wie beim Damespiel – nur mit viel mehr Spielfeldern. Oder versuchen mit derselben Methode allein Kugeln zu überspringen, entfernen und am Ende sollen möglichst wenige Kugeln im kreuzförmigen Spielfeld liegen.

Würfeln, springen, bauen, puzzlen

An einem Spieltisch in der Ecke bauen zwei Schüler hölzerne Würfel mit Einkerbungen und Löcher aufeinander – und probieren aus, ob die Kugel, die sie ins oberste Loch reinwerfen, am Ende ihrer Konstruktion auch wieder rauskommt oder irgendwo dazwischen hängen bleibt. Andere puzzeln bunte unterschiedlich geformte Steine, die an eines der Ur-Computerspiele – Tetris – erinnern, zusammen und versuchen, die ganze rechteckige Fläche so auszufüllen, dass nirgendwo ein Feld frei bleibt. Wieder andere drehen einen Kreisel in einer Holzschale. Der Kreisel trifft bunte Kügelchen, die auf diversen Vertiefungen liegen bleiben. Daneben stehen Zahlen. Manche gilt es zu addieren (zusammen zu zählen), andere verringern das Punktekonto.

Zu den beim Lokalaugenschein von Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… im Haus der Mathematik in der Pädagogischen Hochschule Wien-Favoriten gehören aber weitere Puzzles: Hölzerne, mehrschichte Vielecke – vier oder fünf – gilt es in einer Vertiefung zu einem großen Quadrat oder Sechseck zusammenzubauen. Nicht immer ganz einfach. Aber praktisch alle Schülerinnen und Schüler der 1E aus dem Laaerberg-Gymnasium, denen KiJuKU.at auf die Finger, über die Schulter usw. schauen und fotografieren darf, schaffen nach kurzem, bzw. bei manch komplizierteren Teilen längerem Tüfteln die Teile, die manche aufgrund ihrer verschiedenen Schichten manche an Schnitten erinnern, so in den vertieften Formen zu platzieren, dass sie jeweils ein gemeinsames Ganzes ergeben.

Vieles selbsterklärend

Gut eineinhalb Stunden lang spielen sich die Schüler:innen durch die verschiedensten Mathe-Stationen bei denen es entweder ums Rechnen oder um Geometrie und da vor allem um räumliche Vorstellungskraft geht. Die meisten Spiele sind fast selbsterklärend, Cheyenne, Sonja und Manuel – die Explainer:innen an diesem Vormittag – müssen nur selten zu Rat gezogen werden.

Abwechseln gehen sie immer mit einer Kleingruppe einen Stock tiefer, im Keller befindet sich ein kleines, feines Mathe-Museum. Die unterschiedlichsten alten und ururalten Rechenmaschinen, Taschenrechner und auch – nicht mehr funktionierende – Computer – riesige Maschinen – stehen hier. In einer Ecke lagern alte Speichermedien – große, dicke runde Scheiben, die ganz schön schwer sind – und nicht einmal auch nur einen Bruchteil des speichern könnten, was heute auf eine wunzigkleine Speicherkarte im Smartphone passt.

Zu den Objekten im Museum gehört u.a. der Nachlass des weltberühmten Mathematikers und Erfinders Leopold Vietoris, der allerdings in Österreich viele bekannter für sein Alter wurde – er starb vor knapp mehr als 20 Jahren im Alter von fast 111 Jahren. Knapp nach seinem Tod wurde das Haus der Mathematik eröffnet – damals in einer alten leerstehenden Schule gegenüber dem Gymnasium Waltergasse in Wien-Wieden – bevor es sechs Jahre später in die Pädagogische Hochschule in Wien-Favoriten übersiedelte. Initiator dieser Einrichtung, die spielerisch Spaß und Wichtigkeit an Mathe ebenso vermitteln wollte und will wie einen Teil der Geschichte dieser Wissenschaft, war Gerhard Lindbichler. Er selbst bildete  jahrzehntelang an der Pädagogischen Akademie (Vorläufer der PH) fachlich Mathe-Lehrer:innen aus.

Museum beeindruckte Schüler:innen besonders

Das Museum war übrigens für die meisten jener Schüler:innen, die Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… nach ihrer Exkursion kurze Interviews gaben, das Beeindruckendste. „Die alten Taschenrechner waren für mich das Überraschendste“, meinten etwa Mikail, Hüsejin, Luka. Maaz beeindruckten dort „vor allem die alten Rechenmaschinen und dass manche von denen sogar noch immer funktionieren“.

„Das Museum, aber überhaupt alles“, schaffte dann Mete die Überleitung zu jenen, die sich besonders an den Mathespielen oder der spielerischen Mathematik erfreuten. Mia gefiel das Würfelspiel – siehe in der Beschreibung oben im Bericht – am besten.

Leona resümierte: „Ich finde cool, dass wir alle Spiele einfach so ausprobieren konnten, am besten gefallen haben mir die Tische, wo wir die verschiedenen Platten in die Formen zusammenpuzzeln mussten. Ich mag auch sonst gern Puzzles.“

Yousef favorisierte jenes Spiel mit dem Kreisel, wo die Zahlen zusammengezählt oder abgezogen werden mussten. Anisa mochte besonders die Zusammenbau-Spiele und Anesa fand „sehr cool, wie der Manuel das Alter meiner Mutter erraten hat“. Dies ist eines der Aufwärm-Spiel zwischen Garderobe und dem Spiel-Raum des Hauses der Mathematik, bei dem u.a. mit den quadratischen Bodenfliesen und Rechenspielen gearbeitet wird, aber auch mit dem angeblichen Gedankenlesen zum Alter von Eltern – der „Trick“ dahinter wird jeweils aufgeklärt, soll hier aber natürlich nicht gespoilert werden.

Vor Ort, mobil und virtuell/digital

Neben Workshops für Schulklassen öffnet das Haus der Mathematik einmal monatlich samstags für jeweils drei Stunden auch für private Besucher:innen die Türen, bietet außerdem eine mobile Version mit 34 „Exhibits“ für ein bis zwei Wochen am jeweiligen Standort an. Und bietet auf der eigenen Homepage eineinhalb Dutzend Spiele aus den Bereichen Geometrie, Kombinatorik und anderes mehr an, die am Computer, SmartPhone oder Tablet gespielt werden können – Link in der Info-Box ganz am Ende des Beitrages. Angebote, die helfen können, dass Kinder und/oder Jugendliche die Freude und Lust an Mathe verloren haben, sich dieser Wissenschaft wieder annähern können – sozusagen zurück zur …

… kindlichen Neu- und Wissbegierde

Kinder wollen in ihren frühesten Jahren alles nur Erdenklich erkunden, be-greifen, auch die für sie noch geheimen Zeichen der Erwachsenen. Zu diesen gehören Schriftzeichen, Buchstaben und genauso Zahlen. „Ich kann schon bis … zählen!“ sie das nun zehn, 20 oder noch viel mehr. Viele sind stolz darauf, schon vor der Schule den eigenen Namen schreiben, ein Vier- oder Dreieck zeichnen zu können, diese und jene Rechnung zu schaffen.

Und dennoch gehört gerade Letzteres ein paar Jahre später – nach der Volksschule – oft zu den „Angstfächern“.

Mathe bähhh. Nicht überall auf der Welt, aber in Österreich. Dabei ist nicht nur in praktisch allem und jedem irgendwie auch Mathematik drinnen – von allen digitalen Geräten bis zum Alltag – wie viele Minuten vorher muss ich weggehen, um rechtzeitig in der Schule zu sein, die U-Bahn, den Bus, die Bim, den Zug zu erwischen … ? Was kann ich um mein (Taschen-)Geld kaufen? Wie viel Eier, Butter, Mehl, Zucker und andere Zutaten brauch ich für den Kuchen?

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Szenenfoto aus "Ein Sommernachtstraum" im THEO Perchtoldsdorf

Noch ein – kurzer – Sommernachtstraum

Sie und er lieben einander inniglich. Weil Ihr Vater sie aber mit einem anderen verheiratet sehen will, beschließt das Paar aus Athen zu fliehen. Die Nacht vor der Flucht im Wald – gemeinsam und doch getrennt verbracht. Und schon liebt er eine andere – genauso intensiv. Und von jener, mit der er fliehen wollte, will er gar nix mehr wissen.

Die andere liebt einen anderen. Der wiederum sie verachtet, wegstößt. Doch plötzlich liebt der sie auch. Und sie – sie fühlt sich nun von beiden verspottet. Und Erstere zuckt aus.

Und der Fünfte im Spiel reibt sich die Hände vor Schadenfreude angesichts des Liebes-Verwirrspiels, das er angerichtet hat – hier scheint’s so gar nicht wirklich als Missgeschick, sondern schon mit ein bissl Absicht.

Soweit der Plot eines Teils aus William Shakespeares Komödie „Ein Sommernachtstraum“. In einer sehr abgespeckten Version im THEO (THEaterOrt für junges Publikum in Perchtoldsdorf, NÖ, am Rande von Wien-Liesing) besteht die ganze einstündige Version (Spielfassung und Dramaturgie: Joachim Henn) aus diesem Handlungsstrang. Der Wickel zwischen dem königlichen Elfenpaar Oberon und Titania samt Elfen sowie den Handwerkern, die schauspielen wollen/müssen, wurde weggelassen.

„Wir wollten gerade für Jugendliche nur dieses „ich lieb dich, ich lieb dich nicht (mehr) und dann vielleicht doch wieder“, so Regisseurin – und THEO-Leiterin – Birgit Oswald zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… nach der Premiere im Kulturzentrum, in dem auch das Theater beheimatet ist.

Sehr spielfreudig …

… agieren die vier jungen Schauspieler:innen: Sowohl das anfängliche Paar – Melissa Malacad als Hermia, Johannes Tinchon (Lysander) – als auch Fanny Fuhs als anfangs verzweifelte Helena, weil Demetrius (Vinzent Gebesmair) sie so gar nicht mag. Alle vier müssen fast blitzschnell – die Männer nur durch kurzes Schlafspiel, in denen ihnen Puck „Liebestropfen“ in die Augen träufelt, in ihren Emotionen switchen. Demetrius, der Helena wegstößt, verzehrt sich nun nach ihr, Lysander verstößt nun seine knapp zuvor Geliebte, um A) auch Helena anzuhimmeln und B) sich mit Demetrius sozusagen zu duellieren. Helena wiederum fühlt sich gar nicht angebetet, sondern meint, die beiden treiben ihren Spott mit ihr. Und Hermia wiederum wird zur Kämpferin.

Platz für Lacher

Trotz der heftigen Gefühle und ihrer Schwankungen bauen die vier Darsteller:innen immer wieder auch Momente, die zum Lachen animieren bis provozieren ein. Hin und wieder treten sie auch aus ihren Rollen heraus – beispielsweise erzählen sie von realen – oder ausgedachten, das sei dahingestellt, tut hier aber nichts zur Sache – Beziehungstroubles.

Schadenfreudiger Kobold

Erwin Bail als ein um Generationen älterer Schauspieler spielt den Poltergeist, der Schabernack genießt, hier ein wenig sehr schadenfreudig und bitterböse. Hin und wieder reißt auch er für kürzeste Momente aus dem Geschehen – sie es durch Kommentare, oder Wortspiele. Und er liebt Wiederholungen, Verdoppelungen durch die aus bitterernsten Reaktionen mitunter die Tragik genommen wird. Der Puck holt sich die Essenz für seine Liebestropfen übrigens von seinem eigenen Hut, aus dem eine Blume wächst (Bühne, Kostüme: Birgit Oswald, Thomas Neuer).

Irritierend wirkt nur, dass er ungefähr die erste Hälfte des Stücks im fantasievollen vorwiegend rot gehaltenen Kostüm-Kleiderständer-Wald im Rollstuhl sitzt und fährt, obwohl er den nicht benötigt, wie sich später herausstellt, wenn er steht und geht. Die Regisseurin „wollte, dass er ein Gefährt hat und wenn es dich irritiert, ist das gut“, meinte sie nach der Premiere darauf angesprochen. Es erinnert allerdings ein wenig an „Cripping up“, wie Menschen mit Behinderungen, von denen viele Rollstühle zur Fortbewegung brauchen, das nennen. Das Projekt „Leidmedien“ kritisiert die Darstellung von Menschen mit Behinderung durch nicht-behinderte Schauspieler:innen als ein „Stehlen von Identitäten“.

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Szenenfoto aus "Ein Sommernachtstraum" der 7 D, BORG Hegelgasse im Theater Arche (Wien)

Traumhafter „Sommernachtstraum“

Fast zwei Stunden durchwegs pure Spielfreude, ein kompletter – hin und wieder auch mit original-englischen Passagen – „Sommernachtstraum“ William Shakespeares – gespielt von Jugendlichen. Sie alle sind Schüler:innen der 7D des polyästhetischen Zweiges des BORG (BundesOberstufenRealGymnasiums) in der Wiener Hegelgasse 12 – wem das nun bekannt vorkommt, ja, genau, es gab hier auf dieser Site schon einen Probenbericht samt Interviews mit einigen der Jugendlichen – Link hier unten

Liebeswirren

Nun aber gehen die Aufführungen echt über die Bühne im Theater Arche (Wien-Mariahilf), mit dem sie auch in Kooperation erarbeitet worden sind. In nicht ganz zwei Stunden (eine Pause) erzählen, nein spielen, die fast zwei Dutzend Jugendlichen die ganze Geschichte mit ihren teils schon recht verwirrenden vom Elfenkönig Oberon (Yannic Schober) im Kampf gegen seine Ehefrau, Titania angezettelten Liebeswirren. Diese soll sich in das nächstbeste Wesen, am besten ein tierisches Monster, verlieben, wenn sie ihre Augen aufmacht, die Oberon mit Liebestropfen beträufeln lässt.

Puck- und Titania-Trio

Sein Gehilfe Puck wird in dieser Inszenierung (Regie: Co-Arche-Direktor Jakub Kavin, Schauspiel-Unterricht Lehrerin Ute Bauer) von drei Jugendlichen miteinander und gleichzeitig, manchmal synchron, aber immer mit unterschiedlichen individuellen Noten gespielt: Kieran Foglar-Deinhardstein, Theresa Gerstbach und Finja Sturm. Gleiches gilt übrigens auch für Titania, in deren Rolle Mia Aimet, Zoë Falkner und Amelie Strolz schlüpfen – und sich in den zum Esel verwandelten schauspielenden Handwerker Zettel verwandeln. Dessen Darsteller Christopher Rohlfing strotz nur so vor komödiantischem Talent.

Viele Lachmomente

Dies vor allem in einer der weiteren Ebenen des Shakespeare’schen Stückes. Zettel und die anderen Handwerker:innen – Nora Gaugg als Schlucker, Elena Feigl als Schnock, Lisa Mair als Flaut und Emily Valant als Schnauz (die jetzt genannten spielen auch Titanias Elfen wo sie noch um Alisya Fabian verstärkt werden) – sollen mit der Tragödie von „Pyramos und Thisbe“ für eine theatrale Einlage bei der Hochzeit von Theseus (Viktoria Ginzel) und Hippolyta (Daria Tayel) sorgen. Zettel will fast alle Rollen an sich reißen, spielt den Alleskönner und sorgt im „Probenprozess“ für die „Tragödie“ für kräftige Lacher fast auf dem laufenden Band.

Er liebt mich, er liebt mich nicht …

Eine weitre zentrale Ebene des Stücks sind die angerichteten Liebeswirren um das Paar Hermia und Lysander (Flora Oswald-Ulreich) einerseits. Und andererseits um Helena, die unsterblich in Demetrius (Elizabeth Dorner) verliebt ist, der aber von ihr genau gar nichts wissen will. Das soll durch die Liebestropfen geändert werden. Aber Schreck, „natürlich“ passiert auch hier dem Kobold, hier natürlich dem entsprechenden Trio, ein „Versehen“: Neben Demetrius, der übrigens nach einem adeligen Versprechen Hermia, die Tochter des Egeus (Linnea Paulnsteiner) heiraten soll, wird auch Lysander eingetropft – und beide sehen als Erstes jeweils Helena, verlieben sich in sie. Und die denkt und fühlt, sie würde von beiden verarscht. Als obendrein Hermia auszuckt, dass ihr Lysander sie nun verachtet, vermutet Helena gar ein Trio-Komplott, das sie an den Rand des Wahnsinns bringt.

Geteilte Rollen

Sowohl die Rolle der Helena als auch die der Hermia teilen sich jeweils zwei Schülerinnen – abwechselnd in verschiedenen der Vorstellungen. In jener, die Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… besuchte waren dies Lena Hergolitsch (in den anderen spielt Lelia-Sidonie Herbeck die Helena) und Vicencia Amon-Lavnick (die andere Hermia spielt Mirandolina Wissgott).

Und trotz großartiger Ensemble-Leistung muss einfach die genannte Hermia-Darstellerin extra erwähnt werden, die insbesondere in dieser heftigen Szene, da sie die entwürdigende Ablehnung durch ihren Liebsten, erlebt und ausflippt, spielt Vicencia Amon-Lavnick großartig auf, lässt den Atem der Zuschauer:innen stocken, wenn sie zu Boden geschleudert wird. Und bewahrt dennoch ihre Würde – insbesondere im Abgang, bei dem sie unabsichtlich gegen einen der Bäume – die zum Glück aus hängenden dünnen Stoffsäulen bestehen (Bühne: Johannes Hierzenberger und Martin Kaar) rennt und spontan reagiert als wär’s geplant.

Live-Musik und Tanz

Die Schüler:innen spielen aber nicht nur, zu Livemusik (einer der Lehrer: Florian Ehrlinger) gibt es immer wieder auch getanzte Szenen (Choreografie: Lehrerin Manuela Bayer). Und auch das beherrschen die Jugendlichen. Klar, sie besuchen einen Schulzweig, bei dem Theater und Kunst einen Schwerpunkt bilden. Doch mit dieser „Ein Sommernachtstraum“ können sie durchaus mit anderen professionellen Produktionen sehr gut mithalten.

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Kundgebung und Demonstration der Initiative "Change for the Youth" (Veränderungen für die Jugend

Jugendliche organisierte eigene Demo für mental health

„Warum müssen wir uns hier hinstellen und demonstrieren!?“, stellte Anna, eine der Redner:innen – (fast) allesamt Jugendliche oder ganz junge Erwachsene – rhetorisch die Frage an Demonstrierende und Passant:innen auf dem Wiener Christan-Broda-Platz – schräg gegenüber dem Westbahnhof. Unter dem Hashtag Change fort he Youth und mit dem entsprechenden Kürzel CFY (Veränderung für die Jugend) haben sich in den vergangenen Wochen junge Leute zusammengefunden, die zu „mental health“ mehr wollen und fordern als darüber reden und einige Therapie-Einheiten für viel zu wenige Betroffene locker zu machen.

Zehntausende Jugendliche leiden an den Folgen der Pandemie mit ihrer über mehr als zwei Jahre immer wieder für Wochen und Monate aufgezwungenen Blockade analoger, realer sozialer Kontakte einerseits und oberndrein durch die Umweltkrise andererseits ausgelösten Zukunftsängsten und Perspektivlosigkeit. Leiden im Sinne auch manifester Depressionen bis Suizidgefährdungen.

Die schon eingangs genannte Rednerin – Auszüge in einem der beiden Videos – berichtete zu Beginn ihres Beitrags von einer Bekannten, die das Gesundheitssystem „fallen gelassen hat. An diesem Tag hab ich mich entschieden, nicht mehr leise zu klagen, sondern aktiv etwas dazu beizutragen, unserer Stimme Gehör zu verschaffen.“

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Von dem LKW auf dem genannten Platz aus sprach auch Dr.in Monika Stark, psychotherapeutische Ärztin in Brunn am Gebirge (NÖ) und schilderte, dass sie genauso viele jugendliche Patient:innen mit Depressionen wie mit Grippesymptomen habe. Die Regierung hefte sich das Projekt „Gesund aus der Krise“ für das sie 30 Millionen Euro zur Verfügung stellt(e). Die reichen allerdings nur, damit rund 11.000 Jugendliche Therapien in Anspruch nehmen könnten, die Zahl der Betroffenen liege allerdings bei rund 700.000. Gleichzeitig bewunderte die Ärztin die Aktion der jugendlichen Initiator:innen dafür, dass sie sich selbst aus der Krise rausgerissen und aktiv geworden, also ins Handeln gekommen sind.

Das System macht krank

„Das System macht krank“ stand auf einem der wenigen handschriftlichen Plakate, die den massiven Regen überlebt hatten. Getragen auf dem anschließenden Demonstrationszug (bis zum Platz der Menschenrechte neben dem MuseumsQuartier) durch die Mariahilfer Straße von Anisha. Zu ihrer Losung sei sie gekommen, weil es viel zu wenige Therapieplätze gibt. Und weil das Problem viel zu wenig angesprochen wird. Sie selbst „war das Schlimmste damals, dass ich die Motivation für alles verloren habe und irgendwie nichts mehr wollte“, wie sie Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… schilderte. Auf die Frage, wie sie aus diesem Loch wieder rausgekommen sei, sagte die 14-Jährige: „Als die Schule wieder geöffnet war – und meine Mutter hat mich auch zum Rausgehen gedrängt.“

Kostenlos!

„Es gibt nicht nur zu wenige Therapieplätze, die müssten auch kostenlos sein“, erklärt die Ärztin noch dem Reporter, „denn auf Krankenschien, da müssen die Betroffenen erst recht wieder ungefähr die Hälfte der Kosten selber tragen und damit kommen Kinder von Menschen mit sehr wenig Geld gar nicht in den Genuss von Therapiestunden.

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Doppelseite aus dem Bilderbuch "Das war doch nicht mit Absicht"

Missgeschicke – aber nicht mit Absicht!

„Kracks“ machte es als sich der kleine Fuchs langsam anschleichen wollte. Er war auf ein trockenes Asterl gereten, nein eher getapst. Denn dieser kleine Fuchs, den sich die Autorin Anu Stohner ausgedacht und Henrike Wilson in Bildern lebendig werden ließ, ist ziemlich Tollpatschig.

Mal stolpert er über Maulwurfshügel, dann bleibt er in Dornenhecken hängen und ein anderes Mal – genau, da knickt er lautstark Holzstückchen. Und erschreckt damit allerlei andere Tiere im Wald, die meinen, es drohe Gefahr. Von ihm dich nicht, dem kleinen Fuchs. Der entschuldigt sich auch noch für seine Missgeschicke. „Das war doch nicht mit Absicht“, heißt das Bilderbuch der beiden schon genannten Künstlerinnen.

Und wie natürlich auch so ein Bilderbuch einen dramatischen Höhepunkt braucht, so beginnt der damit, dass der Fuchs einmal als er stolpert gegen etwas Großes, Weiches tuscht. Und das ist ein Bär. Ein sogar eher unangenehmer Zeitgenosse.

Könnte also ganz schön gefährlich werden. Schaut anfangs auch so aus. Aber natürlich endet auch diese Bilderbuchgeschichte glücklich. Dabei hilft dem Fuchs sogar seine Tollpatschigkeit – wie genau? Nein, nix wird da gespoilert.

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Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „Das war doch nicht mit Absicht“
Szenenfoto aus "Tür auf, Tür zu" im Wiener "Theater Spielraum"

Drinnen oder draußen, dazugehören oder nicht

Ein fahrbarer Tür-hoher Durchgang, drei Schauspieler:innen und ein fast 100-fachen „Tür (geht) auf“/ Tür (geht) zu“ in eineinhalb Stunden. Und keine Sekunde kommt auch nur der Ansatz von Langeweile auf. Dieses Kunststück zaubern Nicole Metzger, Johannes Sautner und Christopher Korkisch unter der Regie von Peter Pausz und in Kostümen sowie Ausstattung von Anna Pollack auf die Bühne des feinen, kleinen, leidenschaftlich engagierten Theaters Spielraum in der Wiener Kaiserstraße.

Das Stück „Tür auf, Tür zu“ (2012, nun erstmals in Wien zu sehen) von Ingrid Lausund hat fast was Absurdes. Alles spielt sich rund um, vor bzw. hinter der Tür ab. Ernster Hintergrund: Die – durchgängige – Hauptfigur Frau Annliz ist ca. 50 Jahre, knapp vor einem Meeting/Event des Unternehmens in dem sie jahr(zehnt)e lang kompetent und voller Einsatz gearbeitet hat. Kurz geht sie vor die Tür.

Und dann ist sie den Rest des Stücks – für sie – verschlossen. Nicht für viele andere. Diese Frau wird von Nicole Metzger, der Co-Leiterin des genannten Theaters in einem ehemaligen Kino, das drohte ein Supermarkt zu werden, grandios gespielt. Vom anfänglichen: „Ha, das ist sicher nur ein Scherz“ über „wenn mich die nicht reinlassen, dann gibt’s Ärger, die brauchen mich doch“ bis zum von Körperhaltung und Mimik mitzuerlebenden Ärger, dann Frust und schließlich fast Verfall über das nicht-mehr-gebraucht werden. Aus dem sie sich nur durch ein Aufraffen zu einem bitterbösen Brief – mit dem Tenor, ich sch… auf euch – wieder aus dem Sumpf reißt.

Kongenial ihre spielfreudigen Partner Johannes Sautner als Gustav, Erzähler, Chor in den Rollen vieler, denen Anneliz vor allem vor der Tür begegnet sowie Christopher Korkisch, der ebenfalls in viele der Small-Talk-Wegbeleiter:innen schlüpft und die personifizierte Tür spielt. Neben deren unterschiedlichen Körperhaltungen, Sprachfärbungen und Mimiken markiert Anneliz diese wechselnden Gegen-Figuren jeweils mit kleinen Stoff-Tier-Anhängern, die sie aus einer mehr als voluminösen „Tasche“ hervorholt, die sich später noch in eine Art Schlafsack verwandeln wird, aus der noch neue Kostüme für die letzten Minuten purzeln – die übrigens erst wenige Stunden vor der Premiere angekommen sind.

Das Thema der Aussortierung, Diskriminierung sogenannt älterer Mitarbeiter:innen, das gegenüber Frauen noch dazu Jahre früher einsetzt, ist schon vom geschriebenen Stück her recht sarkastisch, in der Inszenierung und der großen Verspieltheit des Trios sorgt das aufs Korn-nehmen des Ageismus immer wieder für kräftige Lacher im Publikum. Ja, und durch die immer wieder auf Rollen gedrehte Tür – samt Lichtspielen (Tom Barcal) stellt sich zusätzlich auch optisch die Frage, ist drinnen nicht draußen oder umgekehrt?

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Szenenfoto aus "Salome" der jungen Gruppe "Augentheater der Zukunft" im Dschungel Wien

Komm ich aus der Gewaltspirale dieser Familie raus?

Achtung! Vorsicht! Eine heftige Geschichte. Vielleicht noch heftiger gespielt. Von einem Ensemble theaterbegeisterter, spielfreudiger Nachwuchs-Schauspieler:innen – samt ebensolchem Team rund um und im Hintergrund. Reißt mit, lässt den Atem stocken. Und sogar am Ende zögern, ob gerade die letzte Szene applaudieren lässt oder wenigstens eine Pause brauch, um zu schnaufen, zu verdauen, wenngleich die Leistung der sehr jungen, leidenschaftlichen Gruppe „Augentheater der Zukunft“ natürlich nach kräftigem Beifall „schreit“.

Klingt, pardon liest sich, wohl ein wenig kryptisch. Wobei die Unterzeile ja schon verraten hat, worauf sich dieser erste Absatz bezieht. Dennoch sie – vor einer kurzen Beschreibung des Plots – genannt. Das Stück heißt „Salome“ – nach dem – im Original auf Französisch verfassten – gleichnamigen, zur Entstehungszeit umstrittene, teilweise zensurierte, Einakter von Oscar Wilde (1891), das wiederum die Basis für die ebenfalls so benannte Oper von Richard Strauss (1905) bildet. Die ist viel bekannter als Wildes Stück. Und wie so oft bei Opern oder auch bei Pop- und Rocksongs beispielsweise in englischer oder einer anderen Sprache geht der Text, der Inhalt (fast) unter.

Der Plot

Also Salome, Tochter der Herodias, ist Jugendliche an der Schwelle zur Erwachsenen. Ja, der Name täuscht nicht, ein unmittelbarer Vorfahre des Paares war der der berühmte biblische Massen-Kinder-Mörder, weil er Angst hat, seinen Thron an den Messias zu verlieren. Die Jugendliche beginnt sich gegen Ver- und Gebote aufzulehnen, eigene Wege gehen zu wollen. Außerdem ist ihre Mutter mit ihrem Onkel in zweiter Ehe verheiratet, der sie seinem Bruder noch dazu geraubt hat. Und die Stieftochter dauernd mehr als lüstern betrachtet. Sie entfernt sich vom königlichen Empfang und Fest, wandert im Freien – hier (Stückfassung und Inszenierung: Sebastian Kranner, Dramaturgie: Anna Blei) auf und rund um eine Kegel-Bahn (Ausstattung: Laura Hörmann, Anfertigung Bühnenbild: Katja Banović) – und entdeckt den in einen Brunnen eingesperrten Propheten Johanaan (der in anderen Erzählungen Johannes dem Täufer entspricht). Der äußert sich immer und immer wieder in Dauerschleife mehr als abfällig über die Herodias. Salome findet Gefallen an ihm, verspürt Lust nach seinem Körper, erfährt von ihm aber nur Ablehnung. Als ihr Stiefvater von ihr mehr verlangt als sie nur anzuglotzen, sondern für ihn zu „tanzen“ und auch das noch nicht alles ist, willigt sie widerwillig ein, aber nur wenn er sein Versprechen halte, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Nach vollzogenem sexuellem Missbrauch verlangt sie den Kopf des Propheten auf einem Silbertablett – um dessen Mund zu küssen. Wird das Opfer selber zur Täterin? Oder?

„Nur“ im Kopf?

Diese Inszenierung hat dann dabei noch eine heftige Überraschung parat, die hier nicht verraten sei. „Aber alles spielt sich nur in Salomes Kopf ab“, beruhigt der junge Regisseur im Gespräch mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… „Ich wollte genau dieses Stück machen, weil ich etwas gesucht habe, dass das Erwachsenwerden einer Jugendlichen, dem aufkommenden auch sexuellen Begehren, dem Nicht-Befolgen der elterlichen Regeln, der Reflexion des Erlebten und dem Versuch, eigenständig zu werden, zum Inhalt hat. Und Oscar Wildes Stück bietet so viele Möglichkeiten der Interpretation.“ Zwei Jahre der Vorbereitung, der Beschäftigung liegen zwischen der ersten Idee und der nunmehrigen Premiere (KiJuKU sah die Generalprobe) im Dschungel Wien – zu erleben bis 15. April 2023).

In anderen Welten

Für Salome – wie in einer eigenen Welt agierend Lea Witeschnik – hat diese Inszenierung noch eine Art Alter Ego/beste Freundin/Schutzengel erfunden. Hannah Rehrl ist noch vor Salome, die fast akrobatisch aus einer hochgelegenen Nische des Theatersaals auf die Spielfläche kommt, auf der Bühne – und verschwindet in dem Moment, als sich am Ende Salome von ihrer Mutter (Rebecca Richter), die sie zwar gegen den Stiefvater aufmuntert, aber dann doch nicht handelt, als er ihr Gewalt antut, befreit.

Apropos „Engel“: Auf der Anzeige der Kegelbahn erscheinen immer wieder sogenannte Engelszahlen: 333, 000, 555,666, 777, 999. Diese aus er esoterischen Numerologie kommenden 3-Ziffernfolgen stehen für Begriffe wie Gedanken & Gefühle, Potenziale, Veränderung, Reflexion usw., die zur jeweiligen Szene passen (sollen).

Noch stärker als Salome-Darstellerin Witeschnik ist Colin Johner in der Rolle als in einem Lichtkreis gefangener Prophet in einer anderen Sphäre, irgendwie ver-rückt. Den herrschsüchtigen, machtgeilen Onkel, der gleichzeitig nun Stiefvater ist, gibt Filipp Peraus recht beängstigend.

Live-Cam

Auf – und teilweise neben der Bühne agiert immer wieder auch Andrea Gabriel Video – mit einer Live-Kamera, in der sie Salome beispielsweise auf Gängen hinter der Bühne filmt, was groß auf die Rückwand der Bühne projiziert wird. Aber auch in Szenen auf der Bühne wird vor allem Salomes Gesicht damit riesig, detailreich sichtbar.

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Über „Fräulein Else“, ein früheres Stück dieser jungen Gruppe -> damals noch im Kinder-KURIER

Doppelseite aus dem Bilderbuch "vielleicht"

Du kannst alles – und noch viel mehr!

Ein Blick, der verliebt sein könnte eines kleinen Schweinchens in Richtung eines über ihm flatternden Schmetterlings ziert die Innenseite mit der Titelschrift „vielleicht“. Die beiden kommen in diesem Bilderbuch mit dem Untertitel „Eine Geschichte über die unendliche vielen Begabungen in jedem von uns“ auf vielen weiteren Doppelseiten vor. Im Zentrum aber steht, sitzt, klettert und vieles mehr eine kindliche Figur mit einer Art Haube aus Laubblättern. Die wirken als könnten sie Federn sein. Ein – auf dem Buchcover sogar golden glänzender Vogelschnabel über der Stirn des menschlichen Gesichts lädt schon symbolisch zu Gedanken- und Höhenflügen ein.

Knappe, punktgenaue Sätze und Fragen von Kobi Yamada (übersetzt von Gerda M. Pum) begleiten die Bilder von Gabriella Barouch. Den Auftakt macht: „Hast du dich jemals gefragt, warum du hier bist?“

Solltest du Zweifel hegen, dann beruhigen dich Autor und Illustratorin: „Du bist du. So jemanden wie dich hat es noch nie gegeben und wird es ach auch nie mehr geben. In dir steckt so viel.“

Die 21 Doppelseiten bestärken nicht nur dich, sondern besonders alle Erwachsenen in deinem Umfeld, dich so zu akzeptieren, wie du bist: Und dir selber alles aber auch wirklich alles zuzutrauen.

Dieses Bilderbuch ist ein wunderbares Gegenbeispiel zu einschränkenden oder gar demütigenden (Groß-)Eltern oder Pädagog:innen-Sager, dass du nicht diesen oder jenen Anforderungen entsprechen könntest oder dir deine Ziele, Wünsche. Träume „aus dem Kopf schlagen“ mögest.

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Titelseite des Bilderbuchs
Das Ehrenduo und zahlreiche Ehrengäst:innen

Gold für zwei Wiener:innen, die junge Leute förder(te)n

Die eine hatte – nach Leitungen von Jugendzentren – als Geschäftsführerin des Vereins von WienXtra, der Dachorganisation für viele der Kinder- und Jugendangebote der Stadt, u.a. das Rathaus für die riesige Game-City geöffnet, die nun nach Pandemie-Jahren wieder stattfindet und für die Kinder-mitbestimmungs-Stadt „Rein ins Rathaus geöffnet. Der andere erfand vor rund eineinhalb Jahrzehnten den mehrsprachigen Redewettbewerb „SAG’S MULTI!“ und vernetzt viele Initiativen und baut Brücken zwischen Menschen und Organisationen. Beide wurden Dienstagvormittag mit goldenen Ehrenzeichen der Stadt Wien ausgezeichnet: Andrea Heuermann und Peter Wesely.

Die Verleihung fand übrigens im Wappensaal des Wiener Rathauses statt, wo auch die allererste Preisverleihung von „SAG’S MULTI!“ über die Bühne gegangen war, bevor der Bewerb, in dem Jugendliche jeweils in Deutsch und einer anderen – Sprache, sei es erlernte oder Familien-/Herkunftssprache – antreten. Schon im Jahr danach nahmen viel mehr Jugendliche teil, die Preisverleihung übersiedelte seither – unterbrochen durch die Pandemiejahre – in den großen Festsaal.

Genau dieses Heben des Potenzials, weg von der Defizit- hin zur Bereicherungsperspektive von Menschen, die mehrere Sprachen und Kulturen mitbringen, hob die Laudatorin für Wesely, die vormals langjährige Leiterin der Magistratsabteilung 17 (Integration und Diversität) – neben vielen anderen Aktivitäten und Eigenschaften des Jubilars hervor. Der übrigens – obwohl er in seinem Leben schon viele Reden gehalten hatte, viele Jugendliche für ihre Reden coachte, so nervös wie selten war, dafür auch danach glückselig strahlte.

Die Arbeit der an diesem Vormittag ebenfalls „vergoldeten“ vormaligen WienXtra-Geschäftsführerin würdigte der jetzige Umwelt- früher u.a. für Kinder und Jugendliche zuständige Stadtrat Jürgen Czenrohorszky – u.a., dass unter ihrer 16-jährigen Leitungstätigkeit die oben schon genannten großen Aktionen Einzug ins Rathaus halten konnten.

Im Namen beider – so hatten sie es abgesprochen – hielt Peter Wesely eine Dankesrede, in der er einig mehrsprachige, vormalige Preisträger:innen und ihren weiteren Studienweg vorstellte – einige waren auch bei der Ehrung anwesend. Und er forderte nicht zuletzt den Abbau der heimischen hohen Hürden zu Wahlrecht und Staatsbürgerschaft für junge Menschen, die längst Teil dieser Gesellschaft sind, diese mit aufbauen wovon alle profitieren.

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Szenenfoto aus "Identitti" von Mithu Sanyal im Theater Phönix (Linz): (Fast) vollständiges Ensemble

Race-passing? Betrug oder Demaskierung erfundener „Rassen“?

Eine Bühnenversion des Kult-gewordenen rund 350-Seiten (netto) Romans der deutschen Schriftstellerin, Journalistin und Kulturwissenschafterin Mithu Sanyal auf die Bühne zu bringen? Ein nicht ganz einfaches Unterfangen. Dem Jugendtheater Phönix ist es mit „Identitti“ gelungen. Das komplexe Thema Identität, die heute mehr noch als über Geschlecht via– mitunter Generationen zurückreichender – ethnischer Herkunft in Europa festgeschrieben zu sein scheint und das mit dem sehr kräftigen Schuss Humor und Ironie der Autorin breitet sich die rund eineinhalb Stunden auf der glitzer-glänzenden Bühnenlandschaft, die damit auch viele Spiegelungen ermöglicht (Anneliese Neudecker) an der Wiener Straße in Linz (Oberösterreich) aus.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Identitti“ von Mithu Sanyal im Theater Phönix (Linz): Kerstin Jost (Kali) und Gulshan Bano Sheikh (Nivedita)

Der Plot

Zunächst kürzest zusammengefasst der Plot des Stücks, das sich vor allem aus dem ersten Roman-Teil (Fake Blues) speist: „Identitti“ ist der Social-Media-Name der Studentin Nivedita, die vor allem über Sex, Brüste (daher der Name) und Race postet und bloggt. Sie studiert bei DER Professorin für postkoloniale Studien, Saraswati. Die vergöttert sie richtig. Nicht nur wegen ihrer fundierten Studien, Forschungen, Thesen und Bücher, sondern auch weil sie einen von ihnen ist, eine Nicht-Weiße. Fast gleichzeitig während Nivedita ein Radiointerview zu ihrem Blog und den Themen darauf gibt, wird enthüllt: Saraswati ist eine natur-weiße Deutsche – nur mit einem adoptierten „Bruder“ aus Indien.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Identitti“ von Mithu Sanyal im Theater Phönix (Linz): Mirkan Öncel und Gina Christof als „Geschwister“

Betrug oder Hinterfragen

Betrug. Vdertrauensbruch. Eine Welt bricht zusammen. Waaaaarum? Jetzt klauen Weiße auch noch PoC (Person of Color)-Identitäten, um sich renommierte Uni-Posten zu schnappen. Und reingefallen.

Aber: Ist nicht trotzdem vieles richtig und wahr, was sie und ihre Mitstudent:innen bei Saraswati, die eigentlich Sarah Vera Thielmann heißt/hieß, gelernt haben? Wenn es gender-fluid gibt, kann es dann nicht auch race-passing geben? Und ist nicht gerade „Rasse“ bei Menschen eine künstliche Konstruktion, eine Erfindung, um die Herrschaft der „Weißen“ zu „begründen“ ebenso wie Sklavenhandel – obwohl alle Menschen gleich sind und es weder rein Weiße noch rein Schwarze gibt?

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Identitti“ von Mithu Sanyal im Theater Phönix (Linz): Gulshan Bano Sheikh (Nivedita) und Gina Christof als ihre Professorin

Die Schauspieler:innen

So ernst und tiefgehend diese und viele weitere Fragen sind, so leichtfüßig – und doch mit Tiefgang – und von Humor durchzogen hat Mithu Sanyal ihren Roman, der zum „Verschlingen“ einlädt, geschrieben. Und diesen Tenor trifft auch die Inszenierung im Phönix (Martina Gredler), in der Gulshan Bano Sheikh die zentrale Figur, die Studentin Nivedita spielt. Die manchmal aus der Rolle rausschlüpft und sich direkt ans Publikum wendet.

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Szenenfoto aus „Identitti“ von Mithu Sanyal im Theater Phönix (Linz): kerstin Jost als Göttin Kali

Eine weitere zentrale, sehr präsente Rolle spielt Kerstin Jost als die vielarmige Göttin Kali, mit der Nivedita sehr oft kommuniziert, und die für sie (fast) noch wichtiger ist als die Professorin. Apropos mehrarmig – bald nach Beginn und einmal gegen Ende tritt das ganze kleine Ensemble in einer Reihe auf, jede:r bewegt die Arme als wären sie gemeinsam eine (weitere) Kali. Eine für Nivedita ganz wichtige Vertraute ist ihr Cousine Priti, in deren rolle Cecilia Kukua schlüpft, die noch zusätzlich die Radiointerviewerin Verena spielt. (Die sich die Autorin – wie sie im Nachwort schreibt – von einer echten Radiomoderatorin namens Verena ausgeliehen hat).

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Identitti“ von Mithu Sanyal im Theater Phönix (Linz): Cecilia Kukua (pritti), Guslhan Bao Sheikh (Nivedita) und Ivana Nikolić, die sowohl Oluchi als auch Lotte spielt

Passing

Das Thema sozusagen in einer Schauspielerin materialisiert spielt Ivana Nikolić sowohl die Scharze Mitstudentin Oluchi als auch die Weiße Kommilitonin Lotte. Die erst Angehimmelte und dann zur Buhfrau gewordene Professorin wird – anfangs sozusagen hoch über den Bergen thronende – von Gina Christof verkörpert.

Ihr „Bruder“ – das kommt im Roman viel deutlicher heraus – wurde von den bildungsbürgerlichen Eltern aus Indien adoptiert, weil sie lange Zeit dachten, keine „eigenen“ Kinder in die Welt setzen zu können. Er stammt auch nicht wie kolportiert aus einem Waisenhaus, dem sie damit eine bessere Zukunft ermöglichen, sondern aus einer Schar geraubter Babys. Und er wird, kaum haben die Eltern dann doch mit Sarah Vera ein Kind bekommen, diskriminiert, wird zum Außenseiter… Diesen Raji, den die Eltern Konstantin und die Schwester Stan nennt, spielt Mirkan Öncel.

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Szenenfoto aus „Identitti“ von Mithu Sanyal im Theater Phönix (Linz): Das komplette Ensemble auf der Bühne

Tragische Realität

Raji/Stan schildert gegen Ende auch die wahre tragische Geschichte des rassistischen Terroranschlags von Hanau (2020) und zählt – wie die Autorin im Original – die Namen der neun Ermordeten, die der Täter wegen offensichtlichen Migrationshintergrundes ausgewählt hatte, auf. Womit auch die Leichtigkeit, die Diskursivität von race-passing dahin ist: Die existenzielle Frage, wer PoC ist: „wer dazugehört und wer nicht, wer unterdrückt wird und wer nicht in dieser Gesellschaft, ist damit beantwortet. WIR sind diejenigen, die zum Abschuss freigegeben sind.

Davon dürfen wir uns nie wieder ablenken lassen. Dagegen müssen wir uns wehren“, heißt es im (Roman-)Text dazu.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Identitti“ von Mithu Sanyal im Theater Phönix (Linz): Das komplette Bühnen-Ensemble

Weiße raus

Ach ja, keinesfalls vergessen werden soll Marius Zernatto, der Simon, Niveditas On-Off-Freund spielt. In der Theaterversion „kämpft“ er immer wieder damit, endlich einen Auftritt haben zu dürfen und verbringt einen Teil der Vorstellung in den Publikumsreihen – korrespondierend zu Sarawastis erstem Vorlesungs-Auftritt, bei dem sie alle Weißen aus dem Hörsaal schickt.

titelseite von Mithu Sanyals Roman
Titelseite von Mithu Sanyals Roman „Identitti“

Das Buch

Mithu Sanyals Buch umfasst auf den 350 Netto-Seiten – gut zehn Seiten mit Anmerkungen, Fußnoten und Quellenangaben – natürlich nicht nur mehr zur Grundgeschichte – vor allem den Konflikt Rajis mit Sarah Vera. Und ihre Beweggründe, gönnerhaft in eine Diskriminierungsrolle zu schlüpfen – mit der sie allerdings erst ihre Karriere befördert.

Die fiktive Geschichte hat reale Vorbilder hat wie nicht zuletzt Rachel Dolezal oder Icnotl Gonzalez. Die beiden – die eine Weiße, die in den USA als Schwarze Aktivistin und ebenfalls Uni-Lehrerin auftrat, die andere Mexikanerin, die sich eine indigene Identität zulegte, wurden vor einem halben Jahr in der Performance „Justizia! Identity Cases“ im brut wien als Gerichts-Show auf die Bühne gebracht.

Die Autorin packt diese, ihre fiktive Geschichte, für die sie fast drei Dutzend Menschen (die sie im Nachwort nennt) bat, Tweets, Insta- und Facebook-Postings zu verfassen, in sehr viel realen, teils wenig bekannten, fundierten Inhalt. Etwa das kolonialistische Verhalten Deutschlands gegenüber Osteuropa oder die praktische Auslöschung slawischen Glaubens in Polen durch die katholische Kirche…

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Doppelseite aus dem Bilderbuch "Schwimm, kleine Emy"

Emy schildert ihr erstes Lebensjahr

Emy nennt die Autorin und Illustratorin die Erzählerin dieses Sach-Bilderbuchs. Sie, nicht die Autorin, sondern die Hauptfigur von „Schwimm, kleine Emy“, ist eine Europäische Sumpfschildkröte (die allerdings auch in Nordafrika oder im Osten bis an den Aralsee Kasachstans/Usbekistans verbreitet ist). Und damit du sie nicht mit ihren Artgenoss:innen verwechselt, hat sich Jana Grabner für Emy ein zusätzliches kleines Hornschild auf dem Panzer auf dem Rücken des Tieres einfallen lassen und wie alles andere digital gezeichnet.

Wie sie aus den Eiern schlüpfen, sich Nahrung holen, von wem sie selbst als mögliches Essen bedroht sind, wo und wie sie leben, dass sie am liebsten im Wasser leben, die Weibchen ihre befruchteten Eier aber an Land ablegen und vieles mehr erfährst du in Worten und Bildern auf diesen nicht ganz drei Dutzend Seiten.

Aber auch, dass sie mittlerweile auch zu den gefährdeten Arten zählen, weil Menschen oft Sümpfe und Feuchtgebiete trockenlegen, schreibt die Autorin – Letzteres in einer Art Anhang zur Bilderbuchgeschichte. Mit der will sie nicht zuletzt Sympathien für Emy (das Grabner übrigens abgeleitet hat von der wissenschaftlichen Bezeichnung dieser Schildkrötenart – Emys orbicularis – und alle anderen Europäischen Sumpfschildkröten so viel Sympathie erzeugen, dass sich möglichst viele Menschen für den Erhalt der Lebensräume dieser Reptilien einsetzen.

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titelseite des Bilderbuchs
titelseite des Bilderbuchs „Schwimm, kleine Emy“
Bildmontage aus zwei Fotos - Podiumsdiskussion und Konzert sowie einer Grafik und des Schriftzuges von Voice of Diversity zum internationalen Romatag 2023

30 Jahre anerkannt, aber noch immer oft „Leben im Verborgenen“

30 Jahre Anerkennung als Volksgruppe – das stand als Motto über der von „Voice of Diverstity“ (Stimme der Vielfalt) organisierten Veranstaltung zum internationalen Roma-Tag im Wiener Porgy & Bess; und wird über vielen Aktionen und Events in diesem Jahr stehen. Diese Anerkennung ist ein Erfolgserlebnis der Roma und Sinti in Österreich, die noch immer gegen Diskriminierung, Ausgrenzung und Rassismus kämpfen (müssen) – übrigens auch weiter darum, dass der Völkermord der Nazis an dieser Volksgruppe öffentlich gut sichtbar wird.

Da und dort Gedenktafeln an einstigen Zwangsarbeitslagern gibt es, aber seit Jahren wird – auch von so manch politisch Verantwortlich (Gewesenen) die Forderung nach einem zentralen Mahnmal für die Opfer des „Porajmos“ – das Romanes-Pendants zur Shoah an Jüd:innen – in Wien, nicht und nicht umgesetzt. Und es geht auch darum, neben dem Leid und der Verfolgung, die Leistungen, Kunst und Kultur einer breiteren Öffentlichkeit sicht- und hörbar zu machen.

Das waren unter anderem Elemente in einer Podiumsdiskussion zum 8. April 2023, an dem sich heuer zum 52. Mal die erste internationale Roma-Konferenz (in London) jährte. Übrigens beschlossen die knapp zwei Dutzend Delegierten damals schon die Ablehnung des Z-Wortes bzw. seines englischen Pendants Gipsy! Eine gemeinsame Hymne und Flagge dieser vielleicht internationalsten Volksgruppe wurden 1971 ebenfalls beschlossen – mehr siehe Info-Box.

Außerhalb wenig bekannt

Wie wenig – verbreitetes – Wissen es um Roma, Sinti, Lovara, Jenische usw. gab, illustrierte in der schon genannten Podiumsdiskussion – geleitet von Doron Rabinovici – beispielsweise Ursula Hemetek, langjährige Leiterin des Instituts für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie. Als sie das erste Mal in ihren Anfängen Ruža Nikolić-Lakatos singen hörte, begann sie an der Uni für Musik und darstellende Kunst am Institut nach Roma-Musik zu suchen und stöbern und fand lediglich ein paar Schallplatten aus Ungarn mit klassischer Z-Musik. Erst im privaten Archiv des Sprachwissenschafters Mozes Heinschink wurde sie fündig. Grundstein für ihre weiteren Forschungen.

Nicht viel anders war es Dieter Halwachs, Soziolinguist und langjähriger Leiter des Forschungsbereichs Plurilingualismus an der Grazer Uni beim Erforschen der Sprache Romanes ergangen. Selbst aus dem Südburgenland stammend und seine Herkunftssprache Hianzisch kaum beherrschend, schickte ihn sein Chef „ins Feld, zu den Leuten, um deren Sprache zu erforschen“.

Erika Thurner, langjährige Politik-Wissenschaftsprofessorin an der Uni Innsbruck, fasste den Prozess zusammen bis es 1993 zur Anerkennung der Roma und Sinti als sechste Volksgruppe in Österreich kam. Emmerich, genannt Charly, Gärtner-Horvath, war damals schon als Aktivist in einem der Roma-Vereine tätig und ist Vorsitzender des Volksgruppenbeirates. Die Vereinsstruktur sei damals auch wichtig für die Anerkennung gewesen, berichtete er. Politologin Mirjam Karoly, die mit einer Arbeit über den Anerkennungsprozess diplomierte, brachte u.a. in die Diskussion ein, dass die Europäische Union eine Roma-Strategie zur Inklusion entwickelt habe, wo Österreich sich mehr als ein wenig um die Umsetzung drücke.

Raus aus dem Verborgenen

Zwar wäre es heute, 30 Jahre nach der Anerkennung als österreichische Volksgruppe vielleicht nicht mehr so wie damals als in einem ORF-Beitrag Menschen nach Roma gefragt, nur mit „italienischer Name für Rom, oder Menschen, die in Wäldern leben“ geantwortet haben. Viel mehr als Musik falle vielen aber auch nicht ein. Leider gelte vielfach noch immer Ceija Stojkas Buchtitel (aus 1988!): „Wir leben im Verborgenen“.

Diese und andere Veranstaltungen in diesem 30-Jahr-Jubiläum wollen mit dazu beitragen, noch mehr aus dem Verborgenen herauszutreten. Übrigens feierte die HÖR – Hochschüler*innenschaft Österreichischer Roma und Romnja, Sinti und Sintizze an diesem 8. April ihren ersten Geburtstag. Der erste Jugendverein dieser Volksgruppe trägt zu einem sehr selbstbewussten Auftreten bei.

Mitreißendes Konzert, arge Märchen

Übrigens: Natürlich durfte Musik bei dieser Veranstaltung nicht fehlen, wenngleich sie den Roma, wie alle betonten, „nicht im Blut liege“. Aber Gitarren“gott“ Harri Stojka und Band – Geri Schuller (Keyboard, Klavier), Peter Strutzenberger (Kontrabass), Sigi Meier (Schlagzeug), Andi Steirer (Percussion) – sowie die Sängerinnen Patrizia Ferrara und als Gastsängerin kurz zuvor dazugestoßen Mariia Tarnavska, sowie am Ende auch Sissi Stojka – spielten auf und rissen das mehr als volle Porgy & Bess mit heftig-kräftigen, teils tanzbarem Roma-Jazz ebenso mit wie sie mit bluesigen Nummern tief berührten.

Dazwischen ließ die Schauspielerin Konstanze Breitebner, die den erkrankten Michael Köhlmeier vertrat, drei Roma-Märchen lebendig werden, allerdings recht heftige, arge, teils blutrünstige Märchen ganz ohne Happy End – die übrigens nicht typisch für Märchen dieser Volksgruppe sind.

Noch ein Konzert am Tag danach

In diesem Jahr gibt es übrigens gleich am Tag danach noch einen zweiten Abend: Alan Bartuš spielt am 9. April 2023 (ab 20.30 Uhr) ebenfalls im Porgy & Bess auf und präsentiert live seine CD „Born in Millenium“ feat. Gregory Hutchinson – mit ihm selbst am Klavier, seinem Vater Štefan Pišta Bartuš am Kontrabass und Gregory Hutchinson am Schlagzeug; übrigens Video-Lievestream – siehe Info-Box.

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Zu Videos von Konzert-Ausschnitten geht es da unten

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Doppelseite aus dem Bilderbuch "Fang - eine Tiergeschichte aus dem achten Stock"

Wie kommen all die Tiere in den achten Stock?

Bevor die Geschichte noch beginnt, findest du auf den sogenannten Vorsatzseiten (erste innere Doppelseite) handgezeichnete Skizzen von einem Elefanten, einem Affen, einem Krokodil und weiteren Tieren – und vergrößerte Details, etwa vom Rüssel-Anfang (oder Ende), das weit aufgerissene Maul des brüllenden Affen…

Die alle – und noch einige – kommen vor. Und das in Darkos Zimmer. Dabei liegt dieses im achten Stück eines der Häuser, die in den Himmel wachsen.

Und das kam so: Darko wollte eigentlich runter und rausgehen, um einen Regenwurm – oder mehrere – zu fangen. Nix da, sagt die Mutter zum jungen Tierforscher, weil es draußen fürchterlich schüttet.

Das ärgert Darko sehr, vor lauter Wut schmeißt er sein bebildertes Tierlexikon aus dem Fenster, bastelt sich mit einem Ast und einer langen Schnur eine Angel. So will er trotz alledem einen Regenwurm eben fangen.

Natürlich klappt das nicht auf Anhieb. Dafür fliegt ein kleiner Pelikan in Darkos Zimmer, gibt ihm Tipps, besser zu zielen. Doch … stattdessen klettert ein Brüllaffe ins Zimmer. Auch er will beim Angeln helfen. Und … – Autor Jonny Bauer und Illustrator Stephan Lomp setzen in „Fang – Eine Tiergeschichte aus dem achten Stock“ der Fantasie keine Grenzen. Doppelseite für Doppelseite taucht ein weiteres Tier auf. Genau, auch der schon oben erwähnte Elefant. Der ist übrigens blau.
Und? Fängt Darko irgendwann einen Regenwurm?

Das wird hier sicher nicht verraten 😉

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Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „Fang – eine Tiergeschichte aus dem achten Stock“
Figuren bzw. Szene aus "Waran Taram" im Puppentheater "Trauminsel" in Korneuburg (NÖ)

Ein Schaumstoff-Riese hilft Familie gegen Kündigung und Haus-Abriss

Inmitten einer grauen Hausfassade sticht ein buntes Schild über der Tür von Laaer Straße 32 im niederösterreichischen Korneuburg hervor: Puppentheater Trauminsel. Daneben hängen – einige Zeit vor der Vorstellung – Figuren. Die dann knapp vor dem jeweiligen Stück wieder von ihrem Prinzipal und Schöpfer Sven Stäcker nach Hause, in das kleine Theater getragen werden.

Doch an diesem Tag – Gründonnerstag 2023 – hängen sie dann nur an Wänden, kriegen keine Bühne. Dann da stand ein anderes Stück mit ganz neuen Figuren, Puppen und Objekten auf dem Spielplan: Eine, nein die Welt-Uraufführung von „Waran Taram“.

Dafür ist dessen Autorin des Stücks um die Bedrohung des Gartenhauses einer Familie mit zwei Kindern, Eva Roth, sogar extra aus Zürich angereist. Was auch beim Puppenspieler neben Freude doch ein wenig Nervosität aufkommen hatte lassen – die er vor Beginn der Vorstellung auch ansprach.

Kunterbuntes Berghaus

Aber genug der Vorrede. Auf der kleinen Bühne im großen ein bisschen rundum ziemlich vollgeräumten geordneten Chaos auf der größeren Bühnenfläche sehen wir rechts (vom Publikum aus betrachtet) ein kunterbuntes irgendwie auch fast windschiefes Häuschen, das wie aus einem Berg herauswächst. Davor eine flache Kiste mit viel Erde. Am anderen Ende drei Häuser, wie sie eckig und schmucklos wie Kästen in Quader-Form als Wohnblocks schnell aufgezogen wurden/werden. Das Ganze „thront“ auf einigen Tischbeinen und einem Laden-Kästchen.

Seitlich am Bühnenrand sitzt Stephan Rausch – um sich eine Vielzahl an Klein-Instrumenten: Mehrere Mundharmonikas, eine Kolben- sowie eine Nasenflöte, Schnarrtrommel, ein großes Stück Blech… Mit all dem wird er in der rund einstündigen Vorstellung neben Musik immer wieder Geräusche erzeugen, die Stimmungen der jeweiligen Szenen untermalen bzw. verdeutlichen.

Puppenspieler und Theater-Prinzipal Sven Stäcker mit Figuren aus dem Stück
Musiker Stephan Rausch springt in der Kampfszene Waran Taram gegen Donnerluis kurz als Puppenspieler ein und führt die Letztgenannte.

Was zählt schon Wohnbedürfnis

Nun aber endlich zur Geschichte und da vor allem zuerst zur Auflösung des geheimnisvollen Titels. „Waran Taram“ ist in lautmalerischer Begriff und so nannte die Schweizer Autorin einen Riesen, der sich auf die Seite der Familie stellt. Diese – die beiden Kinder Cleo und Kalli, die bei der Uraufführung aus Nervosität nie namentlich genannt worden sind, und ihrer Eltern (deren Namen Grez und Prill auch im Stücktext nur kurz am Rande vorkommen) – wird von der Eigentümerin Frau Pfammer gekündigt. Wobei sich gegen Ende herausstellt, dass eigentlich ihre Tante die Eigentümerin ist und sie als künftige Erbin da sehr vorschnell handeln will/wollte, um das Haus abzureißen und große Blocks stattdessen hinbauen zu lassen – mehr Mieteinnahmen ist ihr Ziel. Mehr als ein Seitenhieb auf ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem in dem leistbares Wohnen für Menschen weniger Wert ist als Profite von Besitzer:innen.

Klein und groß

Stäcker bauten die Figuren glich zwei Mal – einmal als große Schaumstoffpuppen mit flüssigem Gummi überzogen und lackiert und ein zweites Mal als kleine Kartonfiguren, die beispielsweise dann auch auf einen der Balkongärten gehen können. Nur der Riese, der ist nur ein-malig – eine Art gewöhnungsbedürftiges aber doch liebenswürdiges Monster mit einem Metalltrichter auf dem Kopf. Und der kriegt aber auch noch eine Gegenspielerin: Donnerluise, ein Mix aus einer Art Alter Ego (anderes Ich) der Hausbesitzerin und deren Vollstreckerin. Sie kämpft mit, nein gegen Waran Taram – da muss dann der Musiker seine Instrumente liegen lassen und das „Unding“ aus mehreren bemalten trichterförmigen Hunde-Halskrausen und einer Kohlenzange als Angriffswaffe bedienen. In dieser Szene werden Zuschauer:innen gebeten einige der Lärminstrumente u.a. eine Blechplatte zu schütteln.

Natürlich gibt es ein Happy End, aber mehr darüber soll jetzt sicher nicht gespoilert werden. „Waran Taram“ ist April sechs Mal im Puppentheater Korneuburg „Trauminsel“ und dann im Juni bei „Luaga & Losna“, dem internationalen Theaterfestival für junges Publikum, im Vorarlberger Nenzing – und später sicher immer wieder in der „Trauminsel“ zu sehen und erleben.

Wie weit runter, wie weit rauf

Schon verraten werden darf aber, dass für die Autorin – auf Nachfrage von Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … „die Frage wie weit nach unten geht Grundbesitz – oder auch wie weit hinauf am Anfang gestanden ist“. Und dies spielt dann auch im Stück eine Rolle. Wenn das Haus und Grundstück schon der Frau Pfammer gehört, was ist dann mit den unterirdischen Wohnhöhlen oder den zu errichtenden über dem Haus schwebenden Flugschiff mit darunter hängenden Schlaf- und anderen Kisten…?

Auch verraten werden darf, dass der Puppenspieler die doch recht ernste Geschichte, die auch schon von der Autorin immer wieder leichte humorvolle Elemente enthält, mit der für ihn typischen leicht süffisanten Ironie noch nachwürzt.

Apropos Häuser: In der offiziellen Stadtplanübersicht von Korneuburg fehlen in der Laaer Straße die Hausnummern 32 – und das Nachbarhaus 30.

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Puppenspieler und Theater-Prinzipal Sven Stäcker mit Figuren aus dem Stück
Puppenspieler und Theater-Prinzipal Sven Stäcker mit Figuren aus dem Stück „Waran Taram“ im Puppentheater „Trauminsel“ in Korneuburg (NÖ)
Die Autorin und Illustratorin mit ihrem ersten gedruckten Buch

Schimpfroboter, Fehler bewusst zeigen und Reisen in Unbekanntes

Auf dem Schreibtisch steht eine Staffelei mit einem großen bespannten Rahmen – noch komplett weiß. Auf dem Schubladen-Kastl daneben viele Gläser und ein paar Dosen mit gut 100 Stiften in verschiedensten, meist pastelligen Farbtönen, ein Glas mit Pinseln und zwei mit Filzstiften. Auf dem Schreibtisch liegen noch etliche Notizbüchlein und viele kleine, bemalte Zettel.

Kinder I Jugend I Kultur I und mehr … ist zu Gast in der Wohnung, die gleichzeitig Atelier von Tessa Sima ist. Die (jetzt) 29-jährige Dixi-Kinderliteraturpreisträgerin des Jahres 2018, die damals – noch zum Kinder-KURIER – gesagt hat „ich seh die Welt durch Pinsel und Stift“, hat vor wenigen Wochen ihr erstes ganzes Buch veröffentlicht: „Wär‘ Verantwortung ein Hut“ – zu einer Buchbesprechung geht es hier unten.

KiJuKU: Wie kamst du zu dem Vergleich von Verantwortung und Hüten?
Tessa Sima: Zuerst war das Thema Verantwortung da. Wer trägt die wofür. Kinder, die sich bei Klimademos engagieren, übernehmen große Verantwortung für die Zukunft des Planeten. Andere, die Riesengehälter beziehen würden viel größere Verantwortung tragen, aber übernehmen sie die wirklich?

KiJuKU: Und wie kam’s dann zu den Hüten?
Tessa Sima: ich habe lange nachgedacht, zuerst wollte ich Steine zeichnen – wie bei Sisyphos (aus der griechischen Mythologie, der schwere Steine den Berg raufrollt und kaum ist er oben, rollen sie wieder runter, Anm. d. Red.), weil Steine gleich große Last(en) symbolisieren. Dann habe ich angefangen zu zeichnen, aber das war zu erdrückend. Manchmal hab ich Geschichten ein Jahr im Kopf bis ich draufkomm: Das ist es. So war’s dann mit den Kopfbedeckungen – die oft ja auch sehr symbolisch und bedeutungsvoll sind wie bei Bischöfen oder Königinnen und Königen.

KiJuKU: Auf vielen, sogar auf der Titelseite gibt es bei den Texten, die ausschauen als wären sie mit der Hand geschrieben, immer wieder Durchgestrichenes. Ist das – fast – überall absichtlich eingebaut oder wirklich so passiert?
Tessa Sima: Ich hab die Texte zu den Bildern drunter notiert und dann in den Scans mitgenommen und gelassen. Die Texte hab ich dann schon noch einmal sauberer geschrieben, aber auch da Fehler gemacht, ich bin Legasthenikerin. Als Kind schon hab ich gern und viel geschrieben, dann aber wegen der Fehler aufgehört damit. Erst auf der Uni hab ich mir selber die Freiheit gegeben damit zu spielen. Fehler passieren. Und die wollte ich herzeigen, um auch anderen Mut zu machen. Außerdem schaut’s auch lustig aus.

KiJuKU: Wenn du dich so lange mit einem Thema beschäftigst, gibt es wahrscheinlich 1000e Ideen, wie hast du dann genau diese für das Buch ausgewählt?
Tessa Sima: Auch wenn es noch 100 Themen geben würde, du musst irgendwann sagen: jetzt ist es aber genug, du musst es gehen lassen. Ich finde auch, wenn du auf die eigene Arbeit zurückschaust, oder halt wenn ich das tue, dann sag ich nie: Das hätte ich besser machen können oder müssen, sondern wenn: Was könnte ich in Zukunft anders oder besser machen.

Und ich find’s auch cool, dass es noch viele weitere Beispiele geben kann – beim Kinderliteraturfestival (21. bis 27. Juni 2023, Theater Odeon) darf ich gleich am ersten Tag einen Workshop mit Kids machen und da möchte ich sie animieren, ihre eigenen Gedanken und Geschichten zu Hüten und Verantwortung zu zeichnen und malen.

KiJuKU: In so manchen deiner Kombinationen aus Bild und Wort schwingt auch Ironisch-Widersprüchliches mit – zum Beispiel in vielen deiner „Ein Blattgeschichten“ von denen du nach dem Dixi-Kinderliteraturpreis einige dem Kinder-KURIER, dem Vorläufer von KiJuKU, zur Verfügung gestellt hast, etwa wenn die Waschmaschine schmutzige Gedanken hat oder der Schreihals keinen Ton rauskriegt, weil er auch ein Geizhals ist.
Tessa Sima: Humor spielt für mich eine große Rolle, auch um Dinge zu kritisieren, zum Beispiel – und sie zeigt auf ein großformatiges gerahmtes Bild, das an einer Tür lehnt – wenn wer so viel von Natur spricht und sich in der aufhält und dann einen Fast-Food-Burger isst.

Tessa Sima mit einem Bild - einmal miniklein, das andere Mal sehr groß

KiJuKU: In der Kurz-Biographie auf der Website des Verlags steht, dass du deine „kreative Karriere im Alter von sieben Jahren“ begonnen hast, „als sie einen Roboter baute, der Schimpfwörter zu ihren Lehrer*innen sagte“. Stimmt das?
Tessa Sima: Ich hatte eine Freundin in der Schule (Kreamont – kreatives lernen nach Montessori in St. Andrä Wördern/NÖ) und wir haben gemeinsam immer wenn es Verbote gab, Auswege gesucht, wie wir das trotzdem machen konnten was wir wollten. Wir sind also kreativ mit Problemen umgegangen. So haben wir aus Karton einen „Roboter“ gebaut, der Schimpfwörter sagen konnte. Viele Kinder haben sich angestellt, um sich beschimpfen zu lassen.

KiJuKU: Kinder haben sich beschimpfen lassen?
Tessa Sima: Naja, nicht arge, sondern so Kinder-Schimpfwörter, die dann ausgesprochen werden durften, ja einmal sind sie sogar in einer langen Schlange angestanden. Wir beide haben viel Schabernack getrieben, immer wieder auch Grenzen ausgetestet. Und wir waren dabei sehr kreativ. Wir haben auch einmal eine Zeitung gemacht „Räuber und Gendarm“. Sie war sehr schlau, hat mir schon im Kindergarten vorgelesen und ich hab viele Fehler gemacht. Dann hab ich vorgeschlagen, ob wir nicht in der Zeitung lauter Fehler machen könnten, also gar nichts richtig schreiben.

KiJuKU: Auf dem Tisch steht diese Staffelei mit dem großen noch leeren Bild, was wird das?
Tessa Sima: Ich hab bisher immer klein, oft sogar sehr klein gezeichnet, habe immer in kleines Notizheft und Stifte bei mir. Jetzt wo ich umgezogen bin und mehr Platz zur Verfügung steht, habe ich begonnen auch groß zu malen und zeichnen – auch wenn anstrengender ist – ich male ja trotzdem nicht flächig mit großen Pinseln an, sondern meistens mit den Polychromos-Stiften (Buntstifte mit höherem Öl-Anteil in den Minien, so dass sie fast wie ein Mix aus Buntstift und Ölkreide wirken). Wenn die Sonne draufscheint, leuchten die Farben richtig. Aber wenn die großen Bilder ge-scant werden (im Copy-Shop) ergibt das auch im dann verkleinerten, gedruckten Format ein anderes, dichteres Ergebnis.

KiJuKU: Woran arbeitest du gerade?
Tessa Sima: An einer Ausstellung für die Kabinett Passage für Comic und Artverwandtes im MuseumsQuartier (Wien, bei dem Eingang von der Mariahilfer Straße).

KiJuKU: Was wird das Thema sein?
Tessa Sima: Das darf und mag ich noch nicht verraten.

Weit gereist

KiJuKU: Du bist viel in der Welt unterwegs – hast du auch damals schon im KiKu gesagt und in der Zwischenzeit war’s noch mehr wie die kurze Notiz auf der Verlagsseite besagt?
Tessa Sima: Ja, zuletzt – vor der Pandemie und den Lockdowns – während meines Studiums an der Angewandten war ich ein halbes Jahr im Iran, in Shiraz. Ich dachte, hier kenn ich schon alles, ich will und muss raus und zwar in etwas Unbequemes, wo es mich aus eingefahrenen Gleisen raushaut und ich mein eigenes Ding machen muss. Zur Wahl standen für mich Israel oder der Iran. Dann bin ich auf ein ironisches Internet-Video gestoßen: „Don’t go to Iran“. Und wollte es gerade deswegen.

Dort hab ich Teppich-Knüpfen und Grafikdesign studiert, hauptsächlich Ersteres – und sie holt aus einer Lade zwei kleine eigenhändig geknüpfte Woll-Teppiche hervor. Dieses Lama trägt einen Hijab – und das Bild wurde sogar auf der Homepage der Uni veröffentlicht, im andern hab ich Bilder von Frauen geknüpft, die ihre Mittagspause auf Verkehrsinseln verbringen. Die Erfahrung in diesen Monaten war urcool, so viele so offene so freundliche Menschen – und das unter diesen schwierigen Bedingungen eines autoritären Regimes, das die Leute niederdrückt. Wir hatten an der Uni übrigens mehr Frauen als Professorinnen als an der Angewandten!

Schon in der Schule

KiJuKU: Du war schon in der Schulzeit in Estland?
Tessa Sima: Ja, an der Graphischen (in Wien, berufsbildende höhere Schule in diesem Bereich) wollte ich ein Jahr im Ausland verbringen, im Norden solle es sein. Ich hab ein junges Land gesucht, mich informiert und gelesen, dass die Sprache 14 Fälle hat. Das hat mich interessiert und so hab ich ein Semester bei einer Gastfamilie gelebt und damit auch die Sprache gut gelernt.

Außerdem war ich ein halbes Jahr in Dänemark und ein Monat in Shanghai und zuletzt – schon nach den Lockdowns und der Pandemie in Island Jungpferde zureiten.

KiJuKU: Die nächste Destination?
Tessa Sima: Weiß ich noch nicht, vielleicht Korea.

KiJuKU: Ein afrikanisches Land würde doch noch fehlen?
Tessa Sima: Stimmt, wäre mehr als eine Überlegung wert.

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Tessa Sima bei der Verleihung des Dixi-Kinderliteraturpreises 2018
Tessa Sima bei der Verleihung des Dixi-Kinderliteraturpreises 2018

Story über die Dixi-Kinder-Literaturpreisverleihung 2018 – damals noch im Kinder-KURIER

Besprechung des Buches und Online-Projekts „Klimapiratin, für die u.a. Tessa Sima gezeichnet hat – auch noch im KiKu

Doppelseite aus dem Bilderbuch "Wär' Verantwortung ein Hut"

Gut be-hütet oder schwere Last

Welcher Hut steht dir gut? Wobei in Hut mehr steckt als „nur“ eine Kopfbedeckung, gibt es doch „behütet“ im Sinn von beschützt. Neuerdings wird sich die Bedeutung erweitern, denn kürzlich ist ein Bilderbuch (nicht nur) für Kinder erschienen, das Hüten weiter auflädt. Tessa Sima hat mit ihrem ersten, im März 2023 veröffentlicht: „Wär‘ Verantwortung ein Hut“ spielt mit dem Gedanken, ob und welche Verantwortung zu wem passt, zu Gesicht steht und vieles mehr.

So findest du auf einer Seite zwei gemalte Figuren – alle mit speziellen Buntstiften, die fast wie Ölkreiden wirken –, die ihre Hüte, sprich ihre Verantwortungen tauschen, weil sie aus ihren zuvor getragenen schnell rausgewachsen sind. Die Seite daneben könnte eine Art Vorgeschichte darstellen. Die eine Figur (blau) wird niedergedrückt, geht auf allen Vieren, während die zweite (gelb) federnden Schrittes fast dahinschwebt. Bild-Unterschrift: „Dieselbe Verantwortung ist für mich unerträglich, aber für dich federleicht.“

Fehler sichtbar machen

Übrigens: Vor dem „aber“ ist ein Wort kräftig vielfach durchgestrichen – so wie an vielen Stellen des handschriftlichen Textes quer über das ganze Buch. „Wenn Fehler passieren, dann will ich die auch herzeigen“, sagt die Illustratorin und Autorin im Gespräch mit Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr in ihrer Atelier-Wohnung – mehr dazu und über ihre Arbeit und sie selbst in einem eigenen Interview – am Ende dieses Beitrages verlinkt. Nur eins noch zu den durchgestrichenen Wörtern bzw. Buchstaben gleich hier: „Außerdem schaut‘s auch lustig aus.“

Nicht immer muss große Verantwortung mit einem ebensolchen Hut einhergehen, manchmal drückt sich diese auch in einer kleinen Kopfbedeckung aus, andere können oder wollen viele Verantwortungen übernehmen – Tessa Sima lässt die entsprechende Person mit vielen Hüten jonglieren. Nicht alle Figuren tragen sie/ihn (die Verantwortung/den Hut) nur für sich, manche der Figuren kümmern sich sozusagen um Natur, andere verteilen die Last(en) und tragen gemeinsame einen Hut.

Neben den großen, Seiten-füllenden Bildern lässt Sima noch von der ersten, der Vorsatz-Seite weg eine kleine fast zu übersehende Taube mitspielen. Die findet eine Scheibe Toastbrot, die sie sich – einmal umgeblättert – auf den Kopf setzt 😉 Um auf der vorletzten Doppelseite, der knallbuntesten, wieder – unbe-hütet – aufzutauchen.

Doppelseite aus dem Bilderbuch
Doppelseite aus dem Bilderbuch „Wär‘ Verantwortung ein Hut“

Sieben Generationen

In einem weiteren Bild – einem, das sich über eine Doppelseite des querformatigen Buches erstreckt, wird Verantwortung über Generationen weitergegeben – übrigens sieben. Auf diese Zahl sei gekommen, berichtet die Autorin und Illustratorin, weil ihre Mama, eine klinische Psychologin, erzählt habe, dass (seelische) Traumata mitunter bis zu sieben Generationen „vererbt“ werden, also weiterwirken. Bei der Recherche im Internet wird diese 7-Generationen-Folge übrigens mehrfach im Zusammenhang mit indigener Medizin bzw. Schamanismus genannt.

Vielleicht kommt daher auch, dass indigene Völker, die enger mit der Natur verbunden sind und Menschen als viel integraleren Teil der Welt, des Universums sehen, mehr darauf geachtet wird, was ihre heute gesetzten Maßnahmen in der Zukunft bedeuten (könnten).

So berichtete Felix Finkbeiner, der im Alter von zehn Jahren (2007) die längst weltweit aktive Initiative „Plant fort he Planet“ (Pflanzen für den Planeten) gegründet hat, weil Bäume DIE Maschinen gegen den Klimawandel sind, vor rund zehn Jahren von einem Treffen mit Chief Shaw, einem Häuptling eines First-Nation-Stammes in Nordamerika: Wenn wichtige Entscheidungen anstehen, muss der Ältestenrat immer prüfen, ob das was sie beschließen auch noch für die Menschen in der siebenten Generation (!) gut sein würde!

Wie Tessa Sima Verantwortung mit Hüten verband – ursprünglich hatte sie im Sinne von Last an Steine gedacht – und über verschiedene Auslandsaufenthalte erzählt sie in dem oben schon erwähnten ausführlichen Interview – zu dem geht es in einem Link am Ende dieses Beitrages.

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Kinder-Kurier -> Dixi-Kinderliteraturpreise u.a. für Tessa Sima

Kinder-KURIER -> kinder-pflanzten-baeume-fuer-klimaschutz

Titelseite des Bilderbuchs
Titelseite des Bilderbuchs „Wär‘ VErantwortung ein Hut“
Doppelseite aus dem "Der cool tätowierte Jäger aus der Steinzeit"

Krimi rund um die Leiche aus dem Eis

Vor mehr als 30 Jahren gelang Spaziergänger:innen in den Südtiroler Alpen ein Sensationsfund. Was weder sie, noch die ersten an den Fundort der Leiche gekommenen Menschen wussten oder auch nur ahnen konnten, liegt heute in einer gekühlt temperierten Museums-Vitrine und ist die älteste Mumie der Welt, sogar rund 1000 Jahre älter sogar als die aus den ägyptischen Pyramiden. Längst ist er als Ötzi bekannt – benannt nach jenem Abschnitt der Alpen, knapp auf italienischem Gebiet, was anfangs noch gar nicht klar war.

Dutzend-, hundert-fach wurde die Geschichte schon erzählt – auch in Kinderbüchern. Nun ist der fünfte Band der Reihe „Dusty Diggers“ (Staubige Grabende) den gar nicht staubig, sondern eisigen Freilegern dieser Leiche auf dem Tisenjoch und den Folgen für die Wissenschaft gewidmet: Der cool tätowierte Jäger aus der Steinzeit.

Zwei Seiten aus der Leseprobe des Kinderbuchs
Zwei Seiten aus der Leseprobe des Kinderbuchs „Der cool tätowierte Jäger aus der Steinzeit“

Autorin Silke Vry, die selber unter anderem Archäologie studiert und an Ausgrabungen in Jordanien und Syrien teilgenommen hat, beschreibt einerseits, wie zu Beginn an ein Verbrechen geglaubt wurde. Aber auch wie unsanft und unsachgemäß anfangs an der Leiche gezerrt wurde, um sie aus dem Eis zu kriegen. Andererseits schildert sie, was bei der späteren sehr sachten und sachgemäßen Untersuchung bis hin zum Mageninhalt an Erkenntnissen gewonnen worden ist. Auch, dass es sich möglicherweise um ein Verbrechen – vor mehr als 5000 Jahren -gehandelt hat, und „Ötzi“ dem Schuss aus einem Pfeil erlegen ist.

Marie Geissler illustrierte das 70-seitig Buch mit übersichtlichen Grafiken, aber auch szenischen Bildern und gezeichneten Portraits der Beteiligten – von dem Paar, das den schrecklichen Fund machte über die späteren Helfer:innen und die Wissenschafter:innen (Archäologie, Infektionsbiologie, Vermessungstechnik, Glaziologie – Gletscherforschung).

Zwei Seiten aus der Leseprobe des Kinderbuchs
Zwei Seiten aus der Leseprobe des Kinderbuchs „Der cool tätowierte Jäger aus der Steinzeit“

Das wahre Verbrechen

So sensationell und erkenntnisreich der Fund war, so tragisch ist, dass seine Leiche nur deswegen teils aus dem Eis rausschaute, weil der Klimawandel Gletscher und „ewiges“ Eis rasend schnell schmelzen lässt. Und so schreibt die Autorin auf Seite 53: „Est steht: In den nächsten Jahren werden noch viel mehr Gletscher schmelzen. Was Ötzi dazusagen will? Ich kann ihn deutlich hören: Leute, passt aufs Klima auf. Sorgt dafür, dass sich die Erde nicht weiter erwärmt. 5000 Jahre alte Gletscher habt ihr schmelzen lassen. Was habt ihr sonst noch vor?“

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Titelseite des Kinderbuchs
Titelseite des Kinderbuchs „Der cool tätowierte Jäger aus der Steinzeit“
Bildmontage aus einem Szenenfoto von "Frühlings Erwachen" im Theater der Jugend und einem aus "Frühlings Neuerwachen" im Werk X-Petersplatz sowie einem Schriftzug

Jede Generation muss es durchleben: Frühlings (Neu)Erwachen

Rund um den aktuellen Frühjahrsbeginn fanden zwei Premieren nach dem einstigen Skandalstück „Frühlings Erwachen“ statt. In beiden Fällen sollten sie schon vor drei Jahren über die Bühnen gehen und mussten mehrmals aus den bekannten Gründen verschoben werden. Aber nun: Im großen Haus des Theaters der Jugend, im Renaissancetheater in der Wiener Neubaugasse läuft seither – bis 26. April 2023 – eine ins Heute geholte Version (2 ½ Stunden, eine Pause) in der Regie des Direktors. Im Werk X-Petersplatz lesen mit einigen szenischen Einsprengseln ältere Frauen und Männer „Frühlings Neuerwachen“ sozusagen als Erinnerung an ihre Jugend.

„Manchmal denke ich mir, was für einen Sinn es hat, dass jede Generation wieder das Gleiche durchmachen muss“, sagt Moritz Stiefel – und das ist so etwas wie das verbindende Element. Auch wenn es heute – hier in Mitteleuropa längst zu keinem Skandal mehr kommt, wenn jugendliche Protagonist:innen offen auf der Bühne über die in der Pubertät aufkeimende Sexualität sprechen. 1891 als Frank Wedekind das Stück mit dem Untertitel „Eine Kindertragödie veröffentlichte der Fall war, die Uraufführung konnte erst 15 Jahre später stattfinden.

Der Druck wird nicht weniger, eher im Gegenteil

Neben den erotischen und sexuellen Gefühlen, die zwischen den handelnden Figuren entstehen oder/und besprochen werden ist ein zweites zentrales Element der (Leistungs-)Druck; sowohl der von der Schule ausgehende als jener von Seiten der Eltern, der sich nicht nur aufs schulische Fortkommen bezieht, der die Jugendlichen aufreibt. Und der hat sich nicht verändert, nicht verringert. Der Druck zur „Selbstoptimierung“ ist möglicherweise sogar noch (deutlich) gestiegen – nicht zuletzt durch Social Media und damit jederzeit immer präsent und „perfekt“ sein/aussehen zu müssen einerseits. Und wenn Mobbing, gedisst werden oder wie verspotten, runtermachen, erniedrigen, ausgrenzen auch immer aktuell genannt werden, so ist „dank“ des allgegenwärtigen „Netzes“ praktisch kein Entkommen.

Genderfluid, (Anti-)Rassismus

Und so spielt in der Inszenierung von Thomas Birkmeir im Theater der Jugend – auch wenn bei der Vorstellung, die Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… eher die Großeltern-Generation im Publikum dominierte – Smartphones eine große Rolle. Dazu kam, dass Otto beginnt auch als Ilse (Jakob Pinter) erst zögerlich und dann offener aufzutreten und damit auch Gender-Fluidität, non-binär und transgender thematisiert; ebenso wie Multikulturalität, indem Daria (Shirina Granmayeh) Kopftuch trägt und dies von manchen der jugendlichen Truppe zu rassistischen Anfeindungen genutzt wird, wogegen sich andere (massiv) stellen.

Auf der schrägen Bühne (Andreas Lungenschmid) – wofür der Hausherr eine Vorliebe hat – die aber dieses Mal von unten noch dazu beleuchtet werden kann und für vielfältige Lichtstimmungen (Lukas Kaltenbäck) sorgt und vor einer Wand aus stilisierten Grabsteinen im Hintergrund spielt sich das heutige „Frühlings Erwachen“ in Etwa nach dem Bogen des Originals ab.

Heftigste Szene

Der Beginn aber ist weit dramatischer (Gerald Maria Bauer): Mutter Bergmann legt eine Rose vor der schrägen Bühne ab, aufs unsichtbare Grab ihrer Tochter Wendla, betrauert einerseits den Tod (hier natürlich nicht nach einer Abtreibung, sondern einer Schwangerschaftskomplikation), um gleichzeitig über die Kosten der täglichen Blumengabe auszuholen und gegenzurechnen, was sie sich aber jetzt an Ausgaben spart.

Gleich darauf folgt die vielleicht emotional stärkste Szene des ganzen Stücks, die Rückblende auf einen heftigen Streit der Mutter mit ihrer Tochter. Victoria Hauer und Simone Kabst fetzen sich. Aus der Länge des Kleides im Original wurde hier der Wickel um ein Tattoo, das sich Wendla stechen lassen will. Und der Kampf der 15-Jährigen um ihr Recht, selbst zu bestimmen sowie gegen Scheinheiligkeit und Doppelmoral, denn was kriegt sie von der Mutter, die den Streit wieder beilegen will, zum Geburtstag: Ohrringe für die sie sich Löcher stechen lassen müsste!

Gefilmt

Moritz (Ludwig Wendelin Weißenberger) will seinen Selbstmord – er fürchtet nach schulischem „Versagen“ den Verstoß durch seine Familie – filmisch festhalten – mit Groß-Projektionen an die Grabstein-Wand. Im Gegensatz zu Wendla hat er ein sichtbares Grab im schrägen Bühnenboden, aus dem er gegen Ende des Stücks als Todesengel emporfährt, um Melchior (Curdin Caviezel) mit sich hinabzuziehen. Nicht nur, weil sie Freunde waren, sondern auch so etwas wie Brüder im Geiste, verzweifelt an der Welt und dem Leben, das sie für sinnlos hielten/halten, sagt letzterer doch knapp nach Moritz‘ Begräbnis über den Friedhof wandernd und Grabsteininschriften lesend: „Man könnte neidisch werden, dass ihr schon am Ziel seid!“

Lebe wohl

Aus seiner „No Sense“, „No Future”-Stimmung lässt er sich nicht einmal durch die Annäherung Wendlas samt ihrem „ersten Mal“, das er vordergründig gefühllos absolviert, herausbringen. Als er fast schon die Hand des Todesengels Moritz ergreift, bringt ihn das Auftreten des „vermummten Herrn“ (Claudia Waldherr, die zuvor Schülerin Thea spielt) dazu, sich doch fürs Leben zu entscheiden. Diese Figur Wedekinds tritt hier als Charlie Chaplin geschminkt und kostümiert (Irmgard Kersting) auf – und wird von einem Gutteil des ebenso adjustierten Ensembles – unterstützt. Und so verabschiedet sich Melchior von dem Freund, den er nie zu vergessen verspricht mit einem „Lebe wohl“, das er fast verschluckt, weil er (sich) fragt, ob man das zu einem Toten sagen könne 😉

Neu-Erwachen

Eine wenige Tage – bis 9. April 2023 – laufende Produktion von MERT Theater – in Kooperation mit Werk X Petersplatz weckt einigermaßen Erwartungen, fügt sie doch dem Originaltitel von Frank Wedekind ein „neu“ dazwischen und dem Untertitel ein „ewig dauernd“, also Frühlings Neuerwachen – eine ewig dauernde Kindertragödie. Darsteller:innen bzw. Lesende in „vorgerücktem Alter finden sich in einer ähnlichen Situation wie Wedekinds Jugendliche wieder: Während die einen noch als Kinder wahrgenommen werden, gelten alte Menschen nicht immer als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft“, lässt der Ankündigungstext auf eine spannende Interpretation hoffen.

Doch die Inszenierung (Anna Erdeős, Textbearbeitung: Florian Gantner) beschränkt sich im Wesentlichen auf eine Lesung aus den Textbüchern mit einigen wenigen szenischen Einsprengseln. Die sieben Lesenden – Hannes Leo Wagner-Farber (Melchior), Elisabeth Tesch (Thea), Inge Kolm (Martha), Hildegard Zadrazill (Wendla), Agnes Zaunegger (Roberta sozusagen statt Robert aus dem Original), Nilüfer Borovali (Ilse) und Beytur Deniz Borovali (Moritz) – sitzen in einem Halbkreis mit Linien, die sternförmig auf ein rundes kleines (Bühnen-)Podest zulaufen. Hin und wieder erhebt sich die eine oder der andere der Vor-leser:innen, um hier szenisch weiter zu texten. Hinter den sieben Protagonist:innen erheben sich recht phallisch wirkende Objekte, die ihre Lichtfarben immer wieder wechseln können (Bühne: Mihály Taksás).

Die älteren Menschen scheinen sich sozusagen an ihre Jugend zu erinnern. Und das immer wieder, denn ganz am Ende beginnen sie sozusagen neuerlich mit den ersten Sätzen. Ist es der Wunsch nochmals jung sein zu wollen – und gerade die schwierigste Zeit nochmals durchleben zu wollen oder schon Vergesslichkeit?

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Die nun mit dem Christine-Nöstlinger ausgezeichnete Autorin Lilly Axster

Nöstlinger Preis für Diversität und gegen Ungerechtigkeiten

„Lilly Axsters Werk ist außergewöhnlich – in der Sprache und im Engagement. In Bilderbüchern, Romanen und Theaterstücken für Kinder und Jugendliche richtet sie klar den Blick auf gesellschaftspolitische Themen“, so beginnen Christiana Nöstlinger und Barbara Waldschütz, Töchter von Christine Nöstlinger, ihre Gratulation an die Genannte. Axster wurde nun mit dem nach der großen Autorin Christine Nöstlinger, mit deren Bücher Generationen von Kindern aufgewachsen sind, benannten Preis ausgezeichnet. Der von der Stadt Wien Kultur, Christine Nöstlingers Buchstabenfabrik und dem Hauptverband des Österreichischen Buchhandels ausgerichtete mit 10.000 Euro dotierte Preis wurde jetzt zum dritten Mal vergeben.

Die Ausgezeichnete

Lilly Axster studierte Theaterwissenschaft, Philosophie und Genderforschung in München und Wien. Zwischen 1989 und 1996 war sie als Regieassistentin, Regisseurin und Hausautorin am Theater der Jugend in Wien tätig war. Von 1991 bis 2010 leitete sie gemeinsam mit Corinne Eckenstein (noch Leiterin des Theaterhauses für junges Publikum im MuseumsQuartier, Dschungel Wien, wo unter anderem ihr Stück „Wenn ich groß bin, will ich frau*lenzen“ lief und für die Lilly Axster die Laudatio bei der Stella-Preisverleihung 2022 hielt) die erste heimische queer-feministische Theatergruppe FOXFIRE.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Wenn ich groß bin, will ich frau*lenzen“ von Lilly Axster im Dschungel Wien

Axster inszenierte auch an anderen deutschsprachigen Bühnen. 2019 erhielt sie für das Buch „Ein bisschen wie Du / A little like you“ (Verlag Zaglossus/edition assemblage) den Wiener Kinderbuchpreis, den Staatspreis für eines der schönsten Bücher Österreichs in der Kategorie Kinderbuch sowie den Österreichischen Kinderbuchpreis. Für das Buch „Die Stadt war nie wach“ (Verlag Zaglossus) erhielt Lilly Axster 2018 einen Würdigungspreis der Stadt Wien für Jugendliteratur sowie den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis. 2018 erhielt sie außerdem den Outstanding Artist Award für Kinder- und Jugendliteratur.

Seit 1996 ist Lilly Axster Mitarbeiterin bei SELBSTLAUT, Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen in Wien.

Für die Kinderrechte

Die beiden Nöstlinger-Töchter formulieren in ihrer Gratulation weiter: „Lilly Axster erhebt die Stimme für die Rechte der Kinder. Sie sensibilisiert für Diversität, macht auf Ungerechtigkeiten und Diskriminierung aufmerksam, und zeigt Machtstrukturen auf. Ihre Texte sind unangepasst und mischen sich in politische Belange ein. Sie beobachtet genau und beschreibt in einer klaren Sprache, wie sie auch Kinder sprechen. Die, wenn man sie lässt, auch direkt sagen, was ist und wie es sein sollte. Sie bestärkt ihre Leser*innen, jedoch ohne belehrend den Zeigefinger zu erheben. Vielleicht gelingt ihr das deswegen so gut, weil sie ihre Geschichten – wie es auch Christine Nöstlinger tat – immer aus selbst Erlebtem und Beobachtetem entwickelt. Lilly Axsters Engagement und Arbeit gehen über die Tätigkeit einer Autorin hinaus. Sie mahnt Wachsamkeit ein, und setzt das ganz konkret in Projektarbeit etwa für Kinderrechte und sexuelle Selbstbestimmung um. Auch das verbindet sie mit unserer Mutter Christine Nöstlinger, die sich nicht nur in ihren Büchern, sondern auch durch ihr soziales Engagement, immer auf die Seite gesellschaftlich Benachteiligter gestellt hat.“

Jurybegründung

„Als Theater-, Kinder- und Jugendbuchautorin bricht Lilly Axster in ihrem Werk konsequent Strukturen auf, die sie als verkrustet und menschenfeindlich empfindet. Das kann in der Sexualität sein, aber auch in Beziehungen, Institutionen und in der Sprache. In ihrem Roman „Atalanta Läufer_in“ etwa erzählt sie angelehnt an eine mythische Figur von Ata, die sich von Kind an in keinen Geschlechtskategorien wiederfindet, schließlich als Land zum schnellsten Läufer der Welt wird und bei der Ehrenrunde als „Frau“ entlarvt wird. In „DAS machen“ zeigt sie Kindern, wie vielfältig und fließend Sexualität sein kann, ohne sie auf die klare Pole weiblich und männlich festzulegen. In „Die Stadt war nie wach“ erzählt Lilly Axster von Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt durch einen Lehrer, wie schwierig der Kampf dagegen ist und wie fünf Jugendliche ihm dennoch schließlich das Handwerk legen. Axster thematisiert verunsichernde kindliche Erfahrungen wie den Umzug in ein fremdes Land oder Fragen von Identität und Zugehörigkeit, schildert Selbstfindung und rettende Beziehungen zwischen Alten und Jungen. Sie gibt jungen Menschen Mut und sie zeigt ihnen Vorbilder dafür, wie in „Der Pullover trägt mich nicht mehr“ über Yeter Güneş, die in den 1980-er Jahren als Jugendliche gegen die türkische Militärdiktatur kämpfte. Für all das findet sie ihren je eigenen Stil, stellt ihre sprachliche Kreativität immer aufs Neue in den Dienst kompromisslosen Engagements.“

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Wie-aus-angst-und-langeweile-fraulenzen-wird – noch im Kinder-KURIER

Spendenübergabe an ukrainische Kinder und Familien

Nach der Aufführung: Spenden für ukrainische Familien

Kurz vor Ostern gab’s im Veranstaltungslokal Vindobona in Wien-Brigittenau ein kleines, feines „Nach-Spiel“ zu einer Familienvorstellung., Nachdem Gernot Kranner eines seiner „fliegenden“ Stücke – mit Kulissen aus Roll-Ups, die leicht auf- und abbaubar sind – spielte, in dem Fall „Pinocchio“, übergab er Spenden an ukrainische Kinder und Familien.

Eine ganze Schule hatte sich seiner privaten Hilfsaktion angeschlossen – die Kinder der Volksschule Lortzinggasse (1140 Wien) hatten eifrig Geld gesammelt. Der Sänger, Schauspieler und Regisseur selbst war vor einem Jahr an die Grenze zur Ukraine gefahren, hatte Lebensmittel hingebracht – und eine vor dem Krieg geflüchtete Frau mit ihren Kindern nach Wien mitgenommen, die er nach wie vor unterstützt.

Das hat angesteckt, „andere halfen/helfen mir beim Unterstützen“ wie er es formuliert. Daraus wurden die Spendenübergabe – drei Kuverts mit je 500 € für drei Familien – nach der Geschichte vom lebendig gewordenen Holzklotz.

Wer noch mithelfen mag: weitere Infos über office@gernotkranner.at

Spendenübergabe an ukrainische Kinder und Familien, hier die von Kranner nach Wien geholte Familie: Polina, Ksenia und ihre Mama
Spendenübergabe an ukrainische Kinder und Familien, hier die von Kranner nach Wien geholte Familie: Polina, Ksenia und ihre Mama
Doppelseite aus dem Bilderbuch "Das blaue Ei"

Was macht Osterhäschen ohne Eier?

Ostern steht sozusagen vor der Tür. Doch die Geschichte beginnt schon wenigstens ein bisschen früher. Klein Häschen hat noch viel zu tun, bereitet Farbtöpfe und Pinseln vor und … Bevor es Eier zu bemalen beginnt, läuft Osterhäschen erst einmal in den Wald, um den Tieren „vom Läuten der Osterglocken zu erzählen“. Und sieht ein kleines blaues Ei.

Soweit der Inhalt der ersten paar Seiten des Bilderbuchs „Das blaue Ei“. Mit diesem schon gefärbten Ei macht sich der Hase zurück nach zu Hause, um sein Werk zu beginnen. Gleichzeitig herrscht im Wald große Aufregung, denn die Singdrossel vermisst eines ihrer Eier – deren Schale tatsächlich bläulich gefärbt sind.

Nest-Suche

Die Aufregung spricht sich bis zum kleinen Osterhasen durch, der das aber sicher nicht hergeben möchte… Aber natürlich kommt es zu einem Gesinnungswandel, Häschen kann gar nicht richtig einschlafen und entschließt sich zur Rückgabe des Fundes – was auch mit Schwierigkeiten verbunden ist – muss er doch die richtigen Vögel finden und dann noch auf einen Baum klettern, mit einem Ei in den Pfoten noch dazu…

Bilderbuch - einmal geöffnet, einemal geschlossen unter Blumen
Bilderbuch – einmal geöffnet, einemal geschlossen unter Blumen

Pressen

Aber wie kommt Osterhäschen nun zu Eiern – solche will er ja zum Fest verstecken. Es nimmt sich ein Beispiel am Vögelchen, setzt sich hin und presst. „Einmal presst es noch und dreht sich dann erwartungsvoll um. Es reibt seine Augen und mustert sein Werk: Die kleinen, braunen Böhnchen riechen zwar nicht besonders gut, aber eine schöne Form haben sie schon mal. Vielleicht sind sie etwas klein… „Ich hab‘s!“, ruft das Hasenkind und …“

Nein, natürlich verschenkt Osterhäschen keine „Bemmerl“, wie im ostösterreichischen Dialekt seine Verdauungsprodukte heißen. Aber das bringt das junge Osterhaserl auf die Idee was nur in der Form Ähnliches zu fabrizieren: Schokolade schmelzen lassen, in Nussschalen gießen lassen und die dann hart gewordenen Hälften mit Zuckerguss zusammenkleben: Schoko-Eier!

Bilderbuch an einem Baumstamm gelehnt
Bilderbuch an einem Baumstamm gelehnt

Hintergrund: Es soll vegan sein

Dieses Bilderbuch hat aber noch einen ganz anderen Anfang, den die Autorin Katharina Bacher in ihrer Medieninformation so beschreibt: „Als vegan lebende Autorin war es für mich besonders schön, eine vegane Osterhasengeschichte gemeinsam mit der Verlegerin Moïra Himmelsbach auszuarbeiten und diese mit der griechischen Künstlerin Theda Mimilaki zu verwirklichen.“

Vor Weihnachten des Vorvorjahres (2021) hatte die Chefin des „veganen Kinderbuchverlags Next Level“ die Idee zu einem Osterbuch. „Von der ersten Idee zum fertigen Buch gab es allerdings unzählige verschiedene Versionen, bis uns klar war, was wir mit dieser Geschichte aussagen wollten: Ein schönes Fest kann gefeiert werden, ohne einem (anderen) Tier seine Eier wegzunehmen. All das wollten wir in eine freudvolle Geschichte verpacken“, so schreibt Bacher.

Und auf KiJuKU-Nachfrage, was einen veganen Verlag auszeichnet, schreibt die Autorin zurück: „Beim herkömmlichen Drucken werden tierische Inhaltsstoffe hergenommen, die bei unseren Büchern eben nicht verwendet werden. Kleber, Leim, Papier, Farben, ja sogar Klammern (die durch tierisches Öl gezogen werden) sind bei uns also vegan – und die Bücher dadurch auch mit dem V-Label-zertifiziert.“

Bleibt nur noch: Es muss sich um vegane – also jedenfalls keine Milch-Schokolade handeln. Und die Frage, ob nicht Hasen, die so viele Schoko-Eier zubereiten müssen, zu viel Stress zugemutet wird 😉

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Die sechs an diesem Tag weitergeschickten Landes-Finalist:innen Ela Hafaiedh, Adam Atabaev, Eneas Koban (alle Katgorie Berufsschule/klassische Rede) sowie Frederik Witjes, Elissa Wieland und Sven Rubik (Kategorie Spontanrede, aus verschiedenen Schulen

Junge, engagierte Reden – vor allem für Klima- und Umweltschutz

Klimawandel und was dagegen werden kann/könnte, um ihn doch noch aufzuhalten war das häufigste Thema, das in den Reden Jugendlicher am letzten Tag des Wiener Landesjugend-Redewettbewerbs zur Sprache kam. Sind es die Kaufentscheidungen jedes und jeder Einzelnen oder liegt es doch mehr an politischen Maßnahmen? Was an Änderungen braucht unser Bildungssystem? Wie ist das mit Religion und Politik? Was ist mit Vorurteilen und Ausgrenzungen? Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… verfolgte diesen Tag, an dem einerseits Berufsschüler:innen in der Kategorie „klassische Rede“ antraten und andererseits Schüler:innen verschiedener Schultypen „spontane“ Reden gehalten haben.

Klassische Rede, Berufsschule

Eneas Koban (Berufsschule Längenfeldgasse, Gastgewerbe) eröffnete den fünften und damit letzten Tag des Wiener Landesjugend-Redewettbewerbs, das dieses Mal im großen Veranstaltungssaal des Volkskundemuseums über die Bühne ging. Zum Thema „Nachhaltigkeit überall! – auf unseren Tellern auch?“ wies er unter anderem darauf hin, dass viele hier im privilegierten Zentraleuropa im Winter Sommergemüse und -Obst verspeisen, Wasser verschwenden, während – der Weltwassertag (22. März) lag erst eine Woche zurück  – Millionen von Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser haben. Jede und jeder habe jeden Tag bei jedem Einkauf die Chance eine Entscheidung auch für oder gegen Klimawandel zu treffen, so der Berufsschüler im letzten Lehrjahr.

Bevor es zum letzten Block, der Spontanrede, kam, erwiesen sich Berufsschüler:innen auch in der Kategorie „klassische Rede“ ziemlich spontan. Vier Jugendliche, die sich für den Bewerb angemeldet hatten, fielen krankheitshalber aus, dafür entschlossen sich am Tag vor dem Bewerb noch zwei neue Berufsschüler:innen ihre Reden zu halten. Auch sie – wie der eingangs genannte – aus dem Berufsschulzentrum Längenfeldgasse und aus der Abteilung LTZ (Lebensmittel, Touristik, Zahntechnik).

Auch Adam Atabaev sprach über den Klimawandel, wollte aus lauter Nervosität vor dem Mikro gar aufgeben bevor er startete, aber sowohl Juror:innen, als auch Organisator:innen und Publikum ermunterten und bestärkten ihn, doch seine vorbereitete Rede zu halten.
Nicht nur jede und jeder Einzelne, vor allem auch die Politik müsste Verantwortung für Maßnahmen gegen den Klimawandel übernehmen, so der Redner. Würde sie das tun, müssten nicht junge Aktivistinnen und Aktivisten Maßnahmen ergreifen, die auch umstritten sind, so die Schlussfolgerung von Adam Atabaev.

Frauenrechte im Iran hatte Ela Hafaiedh zu ihrem Thema gewählt. Obwohl sie keine iranischen Wurzeln oder Verwandten hat, war mehr als deutlich zu spüren, wie sehr ihr das Thema der gegen Unterdrückung kämpfenden Frauen und nicht nur der Frauen ein zutiefst persönliches Anliegen ist. Mindestens genauso ein Anliegen war/ist der Rednerin, dass weder die Unterdrückung mit einer Religion begründet noch auf diese geschoben werden soll/darf. Und genauso dürfe das Kopftuch nicht als solches als Instrument oder Ausdruck von Unterdrückung gesehen werden, vielmehr gehe es darum, dass jede und jeder selbst entscheiden dürfe, wie sie oder er sich kleide, weshalb Hijab-Verbote genauso abzulehnen seien wie Kopftuchzwang.

Doppelt spontan

Übrigens erwiesen sich gleich zwei der drei Berufsschüler:innen noch ein weiteres Mal als sehr spontan. Noch während der Bewerb lief, meldeten sich Eneas Koban und Ela Hafaiedh zu einer weiteren, einer spontanen Rede – die sie nach jenen zwölf Teilnehmer:innen, die sich dafür angemeldete hatten, hielten – und nicht nur für diesen Mut große Applaus erhielten.

Die Spontanredner:innen

Im Folgenden sind die Reden jener Jugendlichen, die in der Kategorie „Spontanrede“ – das Überthema konnten sie selbst wählen, Unterthemen erfuhren sie kurz vor ihren Auftritten mit wenigen Minuten Vorbereitungszeit – in chronologischer Reihenfolge

Gaspar Panek vom Gymnasium Albertgasse wünschte sich für das Schulsystem ein Weg vom ständigen Bewerten durch Noten, das oft mehr einem Abwerten gleichkomme und ein Hin zu ehrlichem, weiterbringenden Feedback.

Für Larissa Arthofer aus dem BRG 19, Krottenbachstraße, war das Antreten in der Kategorie Spontanrede bereits der dritte Auftritt im Rahmen der Woche des Landesjugend-Redewettbewerbs nach „klassischer Rede/höhere Schulen“ und „Sprachrohr“. Die letztgenannte Kategorie ist die kreativste, bei der bis zu vier Jugendlichen im Team antreten dürfen – aber nicht müssen. Mit einem Poetry Slam hatte sie sich beim „Sprachrohr“ schon fürs Landesfinale qualifiziert. Bei der Spontanrede riss sie die Zuhörer:innen mit der Entscheidung, die Welt zu retten oder an ihrem Untergang mitzuwirken, mit.
Übrigens hat sie selbst erst vor wenigen Wochen eine Plattform zur Vernetzung von Jugend-Initiativen und -Angeboten gegründet: https://www.youthpowernetwork.at/

Mine Anna Akçay vom Lycée Français de Vienne sprach darüber, dass jede und jeder eine Familie brauche, wo sie bzw. er sich geborgen fühlen können sollte. Und wer sie habe, sollte dafür hin und wieder, eher öfter, dankbar sein und den anderen in der Familie sagen, dass sie/er sie liebhabe.

Florian Schneeweiss (Vienna European School) schlug in seiner Rede vor, dass viel mehr Bewegung und Sport in der Schule Einzug halten solle, „denn das hilft auch beim Lernen“.

Stanislaus Thun-Hohenstein (Vienna European School) sprach sich einerseits gegen Cancel Culture aus, denn freie Meinungsäußerung ist eine unerlässliche Basis für Demokratie. Andererseits sollte es im Sinne einer offenen Welt schon Grenzen des Sagbaren geben, die Gesellschaft müsse Stopp sagen bei Hass, Ausgrenzung und Rassismus.

Emma Richter aus der Mittelschule Santa Christiana wählte als Unterthema zu Umwelt und Nachhaltigkeit „Stadt ohne Autos“. Während das in einer Stadt wie Wien mit gut ausgebautem öffentlichen Verkehr vielleicht sogar denkbar wäre, wie schaut es dann mit dem Umland aus. So leicht wie es sich sagt, ist es nicht, aber nicht jeder kurze Weg müsste mit Autos zurückgelegt werden und auch das (Um-)Land brauche einfach mehr gut erschließenden öffentlichen Verkehr.

Sven Rubik aus der Vienna Business School (privaten Handelsschulen und -akademien) Schönborngasse wählte Umweltschutz und Klimaproteste für seine Rede und meinte, dass es wohl spektakuläre Protestformen – Stichwort Klimakleber – brauche, um die notwendige Aufmerksamkeit zu erreichen. Die es dann nicht mehr brauche, wenn die Politik im Sinne des Klimaschutzes ausreichend handeln würde.

Moritz Matzka (ebenfalls VBS Schönborngasse) widmete seine Rede dem Thema Arbeitszeit(en). Die 40-Stunden-Woche (auch 38 ½) wäre längst nicht mehr zeitgemäß. Zum einen legen viel mehr Menschen Wert auf ein ausbalanciertes Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit, zum anderen wären auch flexiblere Modelle gefragt.

Carolin Wotschke (auch VBS Schönborngasse) beschäftigte sich in ihrer Rede mit der Frage, was dem Leben einen Sinn gebe – und mit der Erfindung der Religionen durch die Menschen. Ihr Schluss: Jede und jeder müsse für sich selbst finden, wofür es sich zu brennen lohnt, um damit dem eigenen Leben Sinn zu geben.

Massimo Marković (Albertus Magnus Schule) setzte sich mit Verschwörungstheorien, sozialen Medien und damit auseinander, dass die kritische Beschäftigung mit Medien in der Schule mehr Raum gewinnen sollte.

Elissa Wieland aus dem tgm (technologisches Gewerbemuseum), die in dieser Schule der Technik den Zweig Kunststoff- und Umwelttechnik besucht, näherte sich dem Umweltthema von ihrer inhaltlichen Ausbildungsseite. So wäre Wasserstoff, der derzeit so gepriesen werde, von seiner Energie-Effizienz keine Alternative zu Erdöl. Und Biokunststoff hätte noch viel zu lange Transportwege. Mehr würde bringen, vor allem auf Vermeidung und Einsparung zu setzen und da könne jede und jeder selbst mitwirken.

Frederik Witjes (B/G/RG Alterbasse) sprach davon als Angehöriger der privilegierten wei0en CIS-Männer endlich mehr auf Diversität in vielen Bereichen zu achten. Erfahrungen zeigen, dass dies in Gruppen auch für alle bereichernd ist. Erster Punkt dabei wäre vor allem zuhörn, was die anderen zu sagen haben.

Danach sprachen – wie schon oben im Block über die Berufsschüler:innen erwähnt – zwei der Jugendlichen dieser Kategorie spontan.

Eneas Koban plädierte für eine strengere Trennung zwischen Politik und Religion wie er sie aus Frankreich kenne, wo er acht Jahre gelebt und zur Schule gegangen ist. Politik müsse zwar Religionsfreiheit gewährleisten, aber beispielsweise hätte sie in der Schule nichts zu suchen, sie sei Privatsache. Politische Bildung und Ethik sollten Religionsunterricht ablösen.

Ela Hafaideh sprach sich dafür aus, dass unter anderem Schule die Werte von Toleranz und Akzeptanz vermitteln solle, um gegen Hass und Ausgrenzung anzugehen. Und sie knüpfte in einem weiteren Abschnitt ihrer Rede thematisch bei ihrem ersten Beitrag (siehe oben) an. Kopftuch sei ein Stück Stoff, ein Kleidungsstück, und bevor jemand darüber ein Urteil fälle, möge sie/er gefälligst fragen, denn aus Unwissenheit könne auch Hass entstehen.

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Ein Bilderbuch - zwei Titelseiten: "Vertragt euch - Zwei kleine Bären schlichten einen großen Streit"

Schuld sind die Bären da drüben – oder doch nicht?!

Ein Buch – von zwei Seiten zu lesen und anzuschauen. „Vertragt euch“ hat zwei Titelseiten – einmal sind die beiden Wörter rot, im anderen Fall blau unterlegt. Beim folgenden Untertitel „Zwei kleine Bären schlichten einen großen Streit“ ist das genau andersrum.

Bei den einen ist Jaro, bei den anderen Juli die Hauptfigur. Beides sind Bärenkinder, die mit ihren Familien und Freund:innen an den gegenüberliegenden Ufern eines Flusses leben. Glücklich und zufrieden. Bis sich die Anzahl der Fische, die sie im Fluss fangen, verringert.

Ab dann wird gehetzt. Schuld sind die da „drüben“. Bei Jaros Bären behaupten sie, die anderen hätten Stinkwarzen am Po. Am gegenüberliegenden Fluss lernt Juli, die anderen hätten sitze Hörner. Hass wird gesät, die Idee, Zäune zu bauen entsteht…

Der Schluss liegt in der Mitte:
Der Schluss liegt in der Mitte: „Vertragt euch – Zwei kleine Bären schlichten einen großen Streit“

Katja Reider und Almud Kunert erzählen – die eine in Texten, die andere in Bildern – zunächst auf je sieben Doppelseiten einmal von vorne, dann das Buch gewendet von hinten, was sich wie bei Jaro bzw. Juli und ihren Mit-Bär:innen abspielt. Wobei du auch genau umgekehrt anfangen kannst; mit Ausnahme vom Strichcode und den Preisinformationen sind auch die Titelseiten gleich – nur mit der anderen Farb-Unterlegung wie eingangs beschrieben.

Beide Kinder kommen mit ihrem jeweiligen Floß in einen Sturm, landen auf der gegenüberliegenden Seite – und kommen drauf – ja worauf wohl? Genau, und aus dieser Erkenntnis, die andern sind gar nicht so, wie ihnen die Alten einreden wollen, kommen sie zum Schluss, sie wollen die Verfeindeten wieder versöhnen. Happy End in der Mitte des Bilderbuchs.

Erinnert stark am Mira Lobes und Susi Weigels Klassiker „Die Geggis“, nur dass diese dort erst im Gerangel draufkommen, dass die einen nicht stinken und die anderen gar nicht blöd sind.

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Eine der Titelseiten von
Eine der Titelseiten von „Vertragt euch – Zwei kleine Bären schlichten einen großen Streit“
Duppelseite aus dem illustrierten Kinderkrimi "Detektiv Parzival Po - Das Geheimnis der Frau Purpur"

Ungewöhnlicher Detektiv lässt dich miträtseln

Kinderkrimis gibt es viele. Auch so manch ungewöhnliche. Der aber wahrscheinlich wirklich außergewöhnlichste Detektiv heißt Parzival Po und schaut auch so aus. Oder war umgekehrt erst die Zeichnung des riesigen Gesichts da und dann kam der Name? Entgegen dem Namen ist er jedoch keinesfalls ungut, wenngleich er manchmal ganz schön stinkig werden kann.

Wie auch immer, das japanische Text- und Illustrationsduo Troll – Yoko Tanaka und Masahide Fukasawa – verfasst leicht lesbare (Übersetzung ins Deutsche: Nana Umino), ausführlich und comic-haft illustrierte Fälle. Und lässt dich an so mancher Stelle mit-rätseln, etwa wenn es gilt, aus einer Art Buchstabensalat diejenigen herauszufinden, die dem Detektiv und seinem Assistenten Brown weiterhelfen. In Band 1 müssen die beiden in der Hauptgeschichte „Das Geheimnis der Frau Purpur“ lüften, die einen verschlüsselten Brief ihrer Vorfahren findet.

Du kannst nicht nur an manchen Stellen mitraten, an anderen deuten Zeichnungen oder textliche Feinheiten darauf hin, dass du da schon mehr weißt als Parzival Po und Brown. Das trifft vor allem auf die viel kürzere zweite Geschichte „Wer ist der Puddingdieb?“ zu.

Und dann hat sich das Duo Troll noch ein Zusatz-, nämlich ein Bilderrätsel – ohne einen Fall – einfallen lassen: Wenn du den Schutzumschlag des Buches wegklappst, siehst du das Titelbild des Buches ein zweites Mal – allerdings mit zehn Unterschieden.

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Titelseite des illustrierten Kinderkrimis
Titelseite des illustrierten Kinderkrimis „Detektiv Parzival Po – Das Geheimnis der Frau Purpur“
Szenenfoto aus "Unter dem Fußboden" nach Daniel Wissers Texten im Theater Arche (Wien)

Verbirgt sich etwas „unter dem Fußboden“ oder hinter Zeitungsmeldungen?

Der gesamt Bühnenboden im Theater Arche ist mit Zeitungspapier (Ausstattung: Clarisse Maylunas) bedeckt. Fast plakativ, wird doch darauf „Unter dem Fußboden“ gespielt. Und dieses Stück aus minimalen literarischen Episoden baut auf Daniel Wissers gleichnamigem Buch auf. Dort versammelt er meist sehr skurrile Kürzest-Geschichten im Stile chronikaler Zeitungsmeldungen – vom Weltrekord im Fahnenmast-Sitzen bis zu einem Künstler, der nur im Dunklen malt, jemandem, der jahrelang nicht spricht und vieles mehr.

Im vor vier Jahren erschienen Buch versammelte Wisser knapp mehr als 100 solcher Miniaturen, bei denen immer wieder Zweifel aufkommt, ob sie wirklich nur erfunden sind oder doch wahr sein könnten. Manche haben zumindest wahre Kerne. Der Autor lässt bewusst offen, welche und was wie ist/sein könnte. Und immer wieder ergänzt er auf seiner Homepage neue solcher „Meldungen“ – und verlinkt kreuz und quer – manche Figuren ziehen sich durch, tauchen immer wieder auf. Aber auch über Stichworte kommen Leser:innen dann zu Miniaturen mit ähnlichem Thema.

Der verschwundene Redakteur

Dennoch war es nicht leicht vorstellbar, wie daraus ein Stück werden kann. Ist es aber geworden. Und das wunderbar. Zum einen hatte Regisseur Karl Baratta den Einfall, den immer wiederkehrenden Zeitungskorrespondenten Huitzinger als „roten Faden“ anzulegen. Wisser hatte über den unter vielen „Meldungen“ jene verfasst: „Es begann damit, dass niemand bemerkte, dass Huitzinger verschwunden war. Erst nachdem die Sekretärin der Abendblätter feststellte, dass Huitzinger seit sieben Jahren an keiner einzigen Redaktionssitzung teilgenommen und keinen Artikel mehr geschrieben hatte, begann man seine Abwesenheit wahrzunehmen…“

Ein Zusatztext

Stanislaus Dick, Manami Okazaki, Elisabeth Prohaska und András Sosko verschmelzen immer wieder als Zeitungs-Leser:innen mit den szenisch gespielten „Nachrichten“ bzw. schlüpfen in die eine oder andere der phantastischen, sehr oft eher bedauernswerten oder genial scheiternden Figuren. Jakub Kavin spielt den Alk-trinkenden nicht gerade angenehmen Chefredakteur, der Huitzinger anblafft. So sehr, dass gut zu verstehen wäre, wenn sich der wirklich aus dem Staub gemacht hätte. Kavin spielt aber seine zweisprachige Stärke aus, verleiht seinem Deutsch immer wieder tschechischen Akzent und rezitiert – als einzigen Fremdtext – das in Kunstsprache verfasste Nonsensgedicht „Monolog des verrückten Mastodon“ von Paul Scheerbart (Pseudonyme Kuno bzw. Bruno Küfer), angeregt dadurch, dass Daniel Wisser in seinen Miniaturen einen Wissenschafter namens Scheerbart vorkommen lässt – wobei auch der besagte Dichter ein perpetuum mobile erfinden wollte:
Zépke! Zépke!/ Mekkimápsi – muschibróps./ Okosôni! Mamimûne ……./ Epakróllu róndima sêka, inti …. windi …. nakki; pakki salône hepperéppe – hepperéppe!!/ Lakku – Zakku – Wakku – Quakku — muschibróps./ Mamimûne – lesebesebîmbera – roxróx – roxróx!!!/ Quilliwaûke?/ Lesebesebîmbera – surû – huhû (Monolog des verrückten Mastodons, Paul Scheerbart 1902)

Multi-Musik

Der genialste Einfall allerdings ist ein gar nicht textliches verbindendes Glied: Ruei-Ran „Algy“ Wu erfand während der Proben Musik, die der Tausendsassa live auf Klavier, Keyboard, 1/10-Geige und Bandoneon (eine spezielle Harmonika) spielt – mal nur kurze Unterbrechung, dann wieder Untermalung zu Gesangseinlagen von Manami Okazaki, Stanislaus Dick und András Sosko.

Ein weiterer Regie-Einfall (Dramaturgie: Marie-Therese Handle-Pfeiffer), der sich als eine weitere Klammer des immer wieder stark zum Lachen anregenden Abends erweist: So manche der Textminiaturen alias Zeitungsmeldungen werden vielfach, jeweils von anderen der Schauspieler:innen, wiederholt. Meist dennoch tonlich, stimmlich, szenisch anders gefärbt, womit trotz des Wissens um die Pointe keine Langeweile aufkommt.

Zwillinge?

Nochmals zurück zum Huitzinger: „Das Gerücht machte die Runde, dass man Huitzinger in einer ohnehin sensiblen Phase seines Lebens in einer Redaktionssitzung ausgelacht hatte, weil er die Zwillinge Ginzburg nicht nur nicht miteinander verwechselt, sondern sie auch gar nicht für Geschwister gehalten hatte. Huitzinger hatte versucht sich zu retten, indem er sagte: »Die beiden sind aber auch besonders zweieig.« Doch auf diesen Satz folgte wieder nur lauteres und noch länger anhaltendes Gelächter.“ Übrigens veränderte Wisser die Formulierung im Internet auf „die beiden wirken eher wie zwei Einlinge!“. Und dazu hat er seine kürzeste Miniatur verfasst, die im Stück vielfach gespielt wird:

Der siamesische Einling

„Er dachte, er wäre nicht allein auf zur Welt gekommen, der siamesische Einling. Dachte er aber nur.“

Unter dem Fußboden

Was es mit dem Titel seiner Kürzest-Geschichten – und damit auch des Stücks – auf sich hat, können wir einem dazu dezidiert verfassten Text entnehmen: „Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, dass Gegenstände, die auf dem Fußboden liegen, auf Gegenstände hinweisen, die sich unter dem Fußboden befinden. Und doch hat die Mehrheit der Menschen Angst davor, dass die Hörner des Teufels durch den Boden stoßen, längst verlegte belegte Brote oder Tramezzini auftauchen oder Vergrabenes oder Verstecktes wieder sichtbar werden könnte. Die Menschen sehen in den Gegenständen unter den Fußböden und Rasenflächen meist unheilvolle Dinge, die Katastrophen, Unglücke, Tod oder Verdammnis bringen. Nur wenige sehen wirklich nur das, was sich tatsächlich auf dem Fußboden befindet. …“

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Titelseite von Daniel Wissers
Titelseite von Daniel Wissers „Unter dem Fußboden“

Titelseite des Bilderbuchs "Monstergeburtstag"

Wie aus dem monströsen Chaos doch noch eine gute Party wird

Aribute hat Geburtstag. Das Fest wird alles andere als was so umgangssprachlich als „Kindergeburtstag“ bezeichnet wird, das dann immer für eine recht leichte Aufgabe steht. Zwar kommen all die anderen Monster – Aribute ist auch ein solches, gekennzeichnet durch eine goldenen Papierkrone – mit kleinen und größeren Geschenken, alles ist für die Party bereit, sogar die Eltern haben sich zurückgezogen.

„Der schreckliche Knut, die wilde Gruseluch und das giftige Wurmel“ sind schon mit ihren Packerln angekommen, fragen nach der duftenden Torte. Da kommt „der fürchterliche Rapippe“ und schleppt eine große Holzkiste an. Die trägt er auf dem Kopf, sie verstellt ihm die Sicht, ungeschickt – und unabsichtlich – tritt er auf den langen, dünnen Schwanz von Wurmel und – holter di polter ein Schmerzensschrei, hinfallen, übereinander purzeln, das reinste Chaos.

Natürlich findet die Autorin und Illustratorin in Personalunion, Helga Bansch, wie in vielen ihrer Bücher eine friedliche Lösung, die sich so gar nicht aufs Erste aufdrängt. Schließlich will sie ja eine Geschichte in Worten und Bildern erzählen.

Wie aber aus dem missglückten Beginn des Geburtstagsfests der Monsterkinder eine mehr als gelungene Party wird – nun, das sei hier jetzt wirklich nicht verraten; genauso wenig wie die Geschenke, die die anderen Monsterkinder mitgebracht haben – nur so viel: Die reimen sich auf ihre jeweiligen Vornamen

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Doppelseite aus dem Bilderbuch
Titelseite des Bilderbuchs „Monstergeburtstag“
Szenenfoto aus "Zucht Neue Zeiten brauchen neue Körper"

Aus dem Gemälde ausbrechen – aber wohin?

Erst als alle sitzen geht das Licht im davor komplett dunklen Saal an, die vier Schauspielerinnen stehen, sitzen, liegen wie hingemalt. Lisa Oberleitner, die Einzige, die steht, beginnt als einzige zu sprechen. Erzählt, dass sie eben alle aus einem Gemälde seien. Oder sich in einem solchen befinden. Inspiriert von Claude Monets „Frühstück im Grünen“, das sie nicht 1:1 nachstellen (das sagt sie nicht), fühle sie sich doch ein wenig langweilig. Immer starr stehen zu müssen, in die gleiche Richtung zu schauen … befürchte auch, dass diejenigen, die sie anschauen sich fadisieren könnten…

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Zucht Neue Zeiten brauchen neue Körper“

So startet das – nach jahrelanger Pause wiederaufgenommene Stück „Zucht – Neue Zeiten brauchen neue Körper“ des Grazer Jugendtheaters taO! (Theater am Ortweinplatz), das derzeit ein Gastspiel im Wiener Off-Theater gibt. Nach der eingangs geschilderten Szene: Black. Licht. Alles sieht gleich aus. Fast. Der Wechsel zwischen finster und hell wiederholt sich fast ¼ Stunde lang. Bei genauerem Hinschauen sind Veränderungen zu bemerken, manchmal kleine, dann wieder größere. Sehr oft mit Kleidertausch oder -wechsel. Blitzschnell (da steckt ein Trick dahinter!)

„Pumpen“

Irgendwann beginnen nach einem Black die vier Schauspielerinnen – neben der genannten noch Carmen Schabler, Maria Prettenhofer und Anna Weber – aus dem Bild zu treten. Und dann ganz kräftig sehr körperlich zu performen, zu „pumpen“, ihre Körper zu „optimieren“, auf voll sportlich durchtrainiert. Immer wieder kehren sie ins Gemälde zurück. Aber auch davor und rundherum verfallen die vier regelmäßig von Bewegungen in Standbilder – mit unterschiedlichen eingeblendeten Übertiteln – von Shopping-Mädchen bis zu Soldatinnen. Anspielungen auf Krieg gibt es mehrere in diesen Szenen der (Selbst-)Optimierung zu Kampfmaschinen. Und den Bogen zu ebensolchen auch für den alltäglichen Kampf im Konsumismus.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Zucht Neue Zeiten brauchen neue Körper“

Gleich und anders

Wieder einmal zurück im „Gemälde“ philosophieren sie über Gleich und Anders: Ab wann werden aus gleichen Dingen doch unterschiedliche. Und wie ist das, wenn trotz gleicher Äußerlichkeit sich das innere Gefühl ändert – sind sie dann trotzdem anders?

Trotz aller körperlicher Optimierung und tiefschürfender Reflexion irgendwas fehlt, meinen die vier. Irgendwas spüren wollen sie. So wie so manch Jugendliche sich ritzen, um doch etwas zu empfinden, bettelt erst die besonders drahtige Anna Weber, die bei den „Pump“-Standbildern fast jeden einzelnen Muskel zur Geltung bringt, um eine Watsch’n.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Zucht Neue Zeiten brauchen neue Körper“

Etwas spüren wollen

Zögerlich, fast widerwillig kriegt sie dann auch solche. Echte, keine gefakten Bühnen-Ohrfeigen. Da klatscht es richtig auf den Wangen. Nur kurz, denn die Rollen wechseln: Lisa Oberleitner wird von einer Mitspielerin gehalten, die beiden anderen kleschen links und rechts auf ihre Wangen ein. Ihr kommen Tränen – echte. Dennoch verneint sie die Fragen, ob’s weh tut. Unerträglich zum Zuschauen, allein das Geräusch tut beim Wegschauen weh. Muss auch den Zuschlagenden weh tun.

„Das war aber keine Vorgabe von der Regie“ (Miriam Schmid und Simon Windisch), sagen mehrere der Schauspielerinnen zu Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… „das hat sich aus den Proben so ergeben, natürlich ist es sehr hart auch für uns, die hinhauen.“ Und die Geschlagene meint: „Bei den Proben hat sich herausgestellt, dass ich leicht wirklich zum Weinen gebracht werden kann. Wir haben dann einiges ausprobiert. Und bei Aufführungen ist es ganz unterschiedlich: Manche Leute müssen sogar rausgehen.“

Weniger offensichtlich, aber um nichts weniger brutal eines der jahrzehntelang gesungenen und gespielten Lieder von einem „schwarzbraunen Mädel“ und ihrer Vergewaltigung durch einen Unteroffizier.

Heftig und doch oder gerade auch deswegen sehens- und erlebenswert diese 1 ¼ Stunden des Gastspiels aus Graz. Alle vier Darstellerinnen kommen aus den einstigen Jugend-Werkstätten des Theaters am Ortweinplatz und sind aber ganz andere Studienwege gegangen, haben aber für diese Aufführungen wieder zusammengefunden und bringen nach ganz wenigen Wiederaufnahmeproben dieses extrem körperbetonte, exakte Spiel auf die Wiener Bühne.

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Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Zucht Neue Zeiten brauchen neue Körper“
Großgruppenfoto mit Autorin

Tscho, Enten-Agenten und die Schabernack-Oma beim Lesefest

Im Museum Niederösterreich (St. Pölten), das derzeit im Natur-Teil die aktuelle Ausstellung „Heraus mit der Sprache“ der Kommunikation von Tieren und Pflanzen widmet, fand am Mittwoch vor den Osterferien der Auftakt zum diesjährigen Kinder- und Jugendbuch Festival (KIJUBU) statt. Neben der großen, mehrtägigen Veranstaltung im November gibt es schon im Frühjahr einzelnen Lese-Fest-Tage.

Wie bereits gestern hier angekündigt, las der Initiator und Organisator des ganzen Festivals, Christoph Mauz gleich zur Eröffnung aus seinem „Tscho“-Buch über Selfie-Mania und andere lustigen und peinlichen Geschichten aus der Welt des Josef Netzwerker. Mehr über das Buch in einem Link am Ende des Beitrages unten.

Wie für ihn typisch las Mauz nicht nur aus dem Buch, sondern ließ so manche Szene lebendig werden, spielte die Figuren, vor allem deren Färbung der Sprache. Und aus einem seiner anderen Bücher – etliche kreisen um Monster und Gespenster – performte er einen Rap – siehe Video glich hier unten.

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Enten-Agenten

Danach erzählte und las Gabriele Rittig aus ihrem ersten Band ihrer Enten-Agenten (Herbert und Horst – Die Enten-Agenten: Mission Federkleid), legte eine schwarze Krawatte an und setzte eine dunkle Brille auf – die Ausstattung ihrer Vögel-Agenten, die ihnen helfen, „menschische“ Sprachen zu verstehen und sich wie mit einem Navi orientieren zu können. Einige der Illustrationen aus diesem Buch – von Lisa Forsch gezeichnet – hatte sie größer ausgedruckt und foliert, um ihre Erzählung auch bildlich zu unter„malen“.

Oma Klack…

… hatte Lena Raubaum die Hauptfigur des Buches, das sie lebendig werden ließ, sicher nur genannt, damit sich das auf Schabernack reimt. Und zu solchem lud sie Kinder immer wieder ein mitzumachen. Was diese begeistert taten. Ob die einen und anderen, ja sogar eine Lehrerin, witzige Arten zu Gehen vorführten – Spaßier-Gänge der Oma Schabernack machen Spaziergänge für ihre Enkelkinder Lilli und Frederick ganz amüsant.

Gegen Ende sangen alle gemeinsam mit der Autorin, die auf ihrer Ukulele spielte „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ (Illustrationen: Nadine Kappacher). Für dieses bekannte Lied hat Lena Raubaum, die auch einige Bücher mit Gedichten veröffentlicht hat, aus Szenen von „Oma Klack macht Schabernack“ zwei neue Strophen ausgedacht – hier unten in dem Video kannst du alle drei – die bekannte und die zwei neuen – hören und sehen.

Zum wirklichen Abschied aber sagte die Autorin „das wichtigste Wort überhaupt“ – und fragte die Kinder, welche Sprachen sie mitgebracht hatten, um dann „Falemenderit, Thank You, Merci, Mersi, Xie Xie, Dereschüel (Tschetschnisch), Tesekkürler, Danke“ zu sagen.

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Ishraqs Sohn bekommt bei einer der regelmäßigen Untersuchungen im Gesundheitszentrum im Dorf Al-Khatabiah (Lahj, Jemen) auch kräftigende Nahrung.

Jemen: Mehr als zwei Millionen Kinder und Jugendliche hungern

Der seit mehr als einem Jahr dauernde Krieg in der Ukraine ist – zum Glück – immer wieder (medial) präsent. Andere, wie 12 Jahre Krieg in Syrien oder acht Jahre im Jemen sind schon lange aus dem Blickpunkt der Öffentlichkeit „verschwunden“. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen rief kürzlich die aktuellen Zahlen aus dem Jemen in Erinnerung.

Acht brutale Jahre des Konflikts haben das Leben von Millionen Kindern im Jemen zerstört und dazu geführt, dass
* 2,2 Millionen Kinder und Jugendliche an akuter Mangelernährung leiden, darunter allein mehr als eine halbe Million (540.000 Kinder) Kinder unter fünf Jahren so stark, dass ihr Zustand lebensbedrohlich ist und alle 10 Minuten ein Kind an vermeidbaren Ursachen stirbt.
* 11 Millionen Kinder benötigen humanitäre Hilfe.

Die humanitäre Krise im Jemen ist das Ergebnis des Zusammentreffens von acht Jahren heftiger Konflikte, wirtschaftlichen Zusammenbruchs und einem lahmgelegten sozialen Unterstützungssystem, das die wichtigsten Dienstleistungen beeinträchtigt.

Fast 1000 Angriffe auf Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen

Die Vereinten Nationen haben festgestellt, dass zwischen März 2015 und November 2022 mehr als 11.000 Kinder getötet oder schwer verletzt wurden. Mehr als 4.000 Kinder und Jugendliche wurden von den Kriegsparteien rekrutiert und eingesetzt, und es gab mehr als 900 Angriffe auf Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen und deren militärische Nutzung, was die Verwirklichung der Grundrechte der Kinder auf einen sicheren und angemessenen Zugang zu Gesundheit und Bildung behindert. Da dies nur die belegbaren Zahlen sind, wird eine viel größere Dunkelziffer befürchtet.

Binnen-Flüchtlinge

Auch die Lage der binnenvertriebenen Kinder gibt weiterhin Anlass zu großer Sorge. Mehr als 2,3 Millionen Kinder leben immer noch in Lagern für Geflüchtete, in denen ihr Zugang zu grundlegender Gesundheitsversorgung, Ernährung, Bildung, Schutz und WASH-Diensten (Wasser und Hygiene) unzureichend ist.

„Nach 8 Jahren fühlen sich viele Kinder und Familien in einem ständigen Kreislauf der Hoffnungslosigkeit gefangen“, so der örtliche Unicef-Vertreter Peter Hawkins. „Als ich kürzlich eine Familie besuchte, die seit mehr als sieben Jahren aus ihrer Heimat vertrieben wurde, wurde mir klar, dass sich bei zu vielen Familien außer den Gesichtern der Kinder kaum etwas an ihrer Situation geändert hat. Die Kinder sind mit nichts anderem als Konflikten aufgewachsen, und es ist von entscheidender Bedeutung, diesen Kindern ein wenig Hoffnung auf eine friedliche Zukunft zu geben.“

Hlabwegs sichere Räume und Aktivitäten zur Stärkung psychischer Gesundheit werden ebenfalls gefördert - hier in einem Zelt in Al-Jawf (Jemen)

Geld für Hilfsmaßnahmen fehlt

UNICEF benötigt dringend 447 Millionen Euro, um seine lebensrettende humanitäre Hilfe für Kinder im Jemen im Jahr 2023 fortzusetzen. Wenn diese Mittel nicht zur Verfügung gestellt werden, könnte UNICEF gezwungen sein, seine lebenswichtige Hilfe für gefährdete Kinder einzuschränken. „Die Kinder im Jemen sollten mit Hoffnung in die Zukunft blicken können, nicht mit Angst. Wir rufen alle Parteien auf, uns dabei zu helfen, diese Hoffnung zu erfüllen, indem sie sich für das jemenitische Volk einsetzen und ein Land und eine erschöpfte Bevölkerung vom Abgrund zurückholen“, so Hawkins.

Trotzalledem: Erreichtes

Trotz der Herausforderungen konnte UNICEF im Jahr 2022 Folgendes erreichen:
* Unterstützung der Behandlung von schwerer akuter Mangelernährung bei mehr als 375.000 Kindern in 4.584 Einrichtungen der medizinischen Grundversorgung und 34 therapeutischen Ernährungszentren.
* Bereitstellung von Bargeld-Notfalltransfers für fast 1,5 Millionen Haushalte pro Quartal, wovon rund 9 Millionen Menschen profitieren.
* Zugang zu sicherem und nachhaltigem Trinkwasser für 6,2 Millionen Menschen durch ein breites Spektrum von Aktivitäten wie Wassertransporte, die Einrichtung von Wasserverteilungsstellen und den Ausbau von Wasserversorgungssystemen in Lagern für Binnenflüchtlinge. UNICEF stellt auch Treibstoff zur Verfügung, um die Produktion und Verteilung von sauberem Wasser an 36 lokale Wasser- und Abwasserunternehmen in 15 Gouvernements zu unterstützen.
* Impfungen gegen Masern und Polio für mindestens 2,1 Millionen Kinder, die kaum oder gar keinen Zugang zur medizinischen Grundversorgung haben.
* Psychosoziale Unterstützung für mehr als 478.000 Kinder und Betreuer:innen in Konfliktgebieten und lebensrettende Aufklärung von über 5,2 Millionen Kindern und Gemeindemitgliedern über Minenrisiken.
* Erreichen von mehr als 2,7 Millionen Menschen in abgelegenen ländlichen Gebieten mit Zugang zu öffentlichen Gesundheitszentren.
* Unterstützung der Gesundheitsdienste für Mütter, Neugeborene und Kinder in 24 Krankenhäusern durch Bereitstellung von operativer Unterstützung sowie von Ausrüstung und Medikamenten. Darüber hinaus wurden durch die Unterstützung von 4.500 stationären Zentren für ambulante therapeutische Programme (OTP) und 288 mobilen Teams die Dienste zur Behandlung und Vorbeugung von Mangelernährung ausgeweitet.
* Mehr als 538.800 Kinder erhielten individuelles Lernmaterial, mehr als 856.600 Kinder Zugang zu formaler und nicht formaler Bildung, einschließlich Früherziehung.

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Doppelseite aus dem Jugendbuch "Selfie-Mania! Unglaubliche Geschichten von Tscho! Reloaded"

Selfies, Fußball, „heiße Liebe“

Den „Tscho“ hat Autor Christoph Mauz (übrigens ein Künstlername) vor fast zehn Jahren erfunden. Eigentlich heißt er Josef, der Autor schreibt gern manches so wie es dann ausgesprochen wird, die coole Kurzform also eben wie eingangs genannt. Der Nachname Netzwerker könnte damit zusammenhängen, dass sich die leicht lesbaren, flotten, immer wieder aus schulischem und anderem jugendlichen Alltag geborgten Erlebnisse und Szenen rund um diesen 12-Jährigen drehen, also er die vernetzende Person ist. Aber auch damit, dass er gern Fußball spielt und das auch vereinsmäßig und da gern ein„netzt“, also Tore schießt.

Eine Lesung aus dem zweiten Band „Selfie-Mania! – Unglaubliche Geschichten von Tscho!“, der neu aufgelegt wurde – daher auf der Titelseite ein grüner Pfeil mit „Reloaded“, steht am Beginn der diesjährigen KiJuBu-Tage für Schulen im Museum Niederösterreich im Kulturbezirk St. Pölten – mehr dazu in der Info-Box am Ende des Beitrages. Beim Kinder- und Jugendbuch Festival ist der Autor der Tscho- und anderer Bücher („Die Wurdelaks“, „Motte Maroni – Angriff der Schrebergartenzombies“, mehrere Grusel- und Monsterbücher für die Reihe „Lesezug“).

Auf den knapp mehr als 100 Seiten mit vielen comic-artigen Zeichnungen geht es natürlich nicht nur um Selfies, sondern auch um Freundschaften, Konkurrenz, Streit, Wickel, Peinlichkeiten, neue Schüler:innen – in dem Fall aus Tirol, was einige dazu bewegt, krampfhaft „k“ in Wörter einzubauen, um sich auf die Neuen vorzubereiten. Und auch um erste Lieben…

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titelseite des Jugendbuchs
Titelseite des Jugendbuchs „Selfie-Mania! Unglaubliche Geschichten von Tscho! Reloaded“
Nusaiba (jetzt 17), die mit diesem Bild in ihrer Altersgruppe gewonnen hatte

Kinder- und Jugend-Ideen sind gefragt: Wie soll eine Welt ausschauen, in der alle eine Chance haben

„Wenn es allen gut geht – Menschen, Tieren, der Umwelt und keine Unterschiede gemacht werden, wo jemand herkommt, welches Geschlecht und welche Religion Menschen habe, ob sie Vermögen haben oder nicht.“ So antwortete Nusaiba (17) auf die Frage „Wie sieht eine Welt aus, in der du gut wachsen kannst und alle eine Chance haben?“

Diese Frage ist gleichzeitig das Motto der dritten Ausgabe des Wettbewerbs „Denk dir die Welt“ von UNICEF-Österreich. Corinna (Geißler), eine der UNICEF-Mitarbeiterinnen, stellte diese Frage an die Schülerin der 7. Klasse des Gymnasiums Hagenmüllergasse in Wien-Landstraße am Podium, das Dienstagvormittag (28. März) die neue Runde des Bewerbs vorstellte. Diesmal können Kinder und Jugendliche (von 6 bis 18 Jahren) neben Zeichnungen und Texten auch Videos und Lieder/Songs einreichen. In der Jury wird u.a. die schon erwähnte Nusaiba sitzen, die dazu meinte: „Ich freue mich, die Einsendungen der Kinder und Jugendlichen zu sehen und zu erkennen, wie sie finden, dass so eine Welt ausschauen und sein soll und die Ideen dahinter zu erkennen.“

Rund um das Bild mit dem Nusaiba (2. von rechts) in der erstes Ausgabe des Denk-dir-die-Welt-Bewerbs von Unicef-Österreich ihre Alterskategorie gewonnen hatte: (von links nach rechts): Christoph (Jünger, UNICEF-Österreich-Geschäftsführer) Marisa (Schiestl-Swarowski, Vorstandsvorsitzende der Swarowski Foundation), Nusaiba und Georg (Pölzl, Post-Generaldirektor)
Rund um das Bild mit dem Nusaiba (2. von rechts) in der erstes Ausgabe des Denk-dir-die-Welt-Bewerbs von Unicef-Österreich ihre Alterskategorie gewonnen hatte: (von links nach rechts): Christoph (Jünger, UNICEF-Österreich-Geschäftsführer) Marisa (Schiestl-Swarowski, Vorstandsvorsitzende der Swarowski Foundation), Nusaiba und Georg (Pölzl, Post-Generaldirektor)

Eis- und Teddybär

Zu ihrem Eisbär-Bild hatte die damals 14-jährie Nusaiba im Interview mit (damals noch dem Kinder-KURIER, Vorläufer von Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… geschildert. „Ich wollte einerseits etwas malen, das für mich eines der wichtigsten Probleme zeigt, aber auch wofür die UNICEF steht. Dann bin ich auf einen Eisbären gekommen, der symbolisiert die Klimakrise. Er sollte aber auch gleichzeitig so etwas wie ein Teddybär sein.“ Kinder würden sich bei und mit einem Kuscheltier ja oft geborgen fühlen.“

Heute würde sie die Eisscholle auf der der Eisbär steht, leider schon wieder ein wenig kleiner und dünner malen.

„Ich puzzle mir die Welt“ heißt dieses Bild mit dem Corinna (damals 13) beim ersten Durchgang des Ideenbewerbs Denk dir die Welt“ sich ebenfalls in die Liste der Gewinner:innen eingetragen hat

Ab sofort – bis Ende Juli

Ab sofort können Beiträge eingeschickt werden – bis 31. Juli 2023. Die Preisverleihung findet im Rahmen einer großen Veranstaltung am 24. November 2023 – vier Tage nach dem internationalen Tag der Kinderrechte statt, die am 20. November 1989 von der UNO-Generalversammlung beschlossen worden sind.

Ali Mahlodji, u.a. Ehrenbeauftragter von UUNICEF, übermittelte eine Video-Botschaft bei dem Mediengespräch
Ali Mahlodji, u.a. Ehrenbeauftragter von UUNICEF, übermittelte eine Video-Botschaft bei dem Mediengespräch

Zu wenig gehört

Unicef hatte den Ideenbewerb im ersten Corona-Jahr gestartet, weil gerade da insbesondere anfangs auf Kinder und Jugendliche besonders wenig Rücksicht genommen worden ist. Ihre Stimmen, Bilder, Texte sollten sichtbar gemacht und zu Gehör gebracht werden. Der Katalog mit vielen der besten Einsendungen wurde immer wieder – oft gemeinsam mit erfolgreichen Teilnehmer:innen an Politiker:innen herangetragen, u.a. an Bundespräsident Alexander van der Bellen, der dann auch alleine mit den Jugendlichen reden wollte.
Details zum Bewerb im UNICEF-Link unter dem Beitrag.

Zwischen Nusaibas Bild und einem einer weiteren Gewinnerin, Corinna (13) mit dem Titel „Ich puzzle mir die Welt“ fand Dienstagvormittag ein Mediengespräch in der Unternehmenszentrale der Post am Rochusplatz (Wien-Landstraße) statt – wo möglicherweise auch im kommenden Jahr beste Einsendungen hängen könnten, wie Post-Chef Georg Pölzl auf die Frage von Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… meinte.

Mit Nusaiba am Podium des Mediengesprächs saßen der Post-Generaldirektor Georg (Pölzl), der auch Vorstandsmitglied von UNICEF-Österreich ist, Marisa (Schiestl-Swarowski, Vorstandsvorsitzende der Swarowski Foundation) und Christoph (Jünger, UNICEF-Österreich-Geschäftsführer). Ali (Mahlodji, UNICEF-Ehrenbeauftragter, EU-Jugendbotschafter und „Geheimagent des Guten“) hatte eine Video-Botschaft geschickt, in der er engagiert dafür plädierte, dass Erwachsene defintiv mehr auf Kinder und Jugendliche hören sollten/müssten.

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unicef -> denkdirdiewelt

KiKu -> wenn-der-eis-zum-schuetzenden-teddybaeren-wird

UNICEF-Team mit der Gewinnerin aus dem ersten Jahr: Sophie, Jakob, Lisa, Klara, Christoph, Nusaiba, Corinna
UNICEF-Team mit der Gewinnerin aus dem ersten Jahr: Sophie, Jakob, Lisa, Klara, Christoph, Nusaiba, Corinna
Szenefoto aus "Don Karlos" in den Wr. Neustädter Kasematten

Wie wichtig Glaubwürdigkeit sein kann

„Geben Sie Gedankenfreiheit.“ – Dieses kurze Zitat aus dem Dialog von Marquis Posa mit König Philipp II von Spanien (wozu auch Teile Italiens, die Niederlande, Teile des heutigen Belgiens und die Kolonien in Südamerika und Indien gehörten) ist wohl das bekannteste aus dem recht langen Stück Friedrich Schillers „Don Karlos“. Der Titelheld ist Sohn des autoritär herrschenden Königs, aber auch engster Freund von Marquis Posa. Und er versucht den Königssohn davon zu überzeugen, sich ebenfalls für die aufständischen Protestanten in Flandern gegen den König und die brutale Inquisition der katholischen Kirche einzusetzen.

Don Karlos ist ohnehin nicht gut auf seinen Vater zu sprechen, hat der ihm doch seine große Liebe, Königin Elisabeth ausgespannt und geheiratet. Dessen einziges Gefühl, über das er zu verfügen scheint, ist nichts als Macht.

Szenefoto aus
Szenenfoto aus „Don Karlos“ in den Wr. Neustädter Kasematten

Kurzweilig und Rap-Songs

Das Drama in dem sich Vieles um Intrigen, (verschmähte) Liebe und um so viele Briefe – klar vor fast 250 Jahren gab es weder SMS noch digitale soziale Netzwerke (obwohl die allgegenwärtige Überwachung am königlichen Hof mittels Kameras und Monitoren stattfindet) – geht, dass fast schon der Überblick verloren zu gehen droht, ist noch bis 2. April im Rahmen des „Europa in Szene“-Festivals der „wortwiege“ in den Wr. Neustädter Kasematten zu erleben. Obwohl selbst die um etliche (Neben-)Figuren und insgesamt stark gekürzte Fassung, fast drei Stunden (eine Pause) dauert, gelingt es der Regie und Spielfassung von Dávid Paška (Dramaturgie: Marie-Therese Handle-Pfeiffer) und vor allem der herzhaften Spielfreude des kleinen Ensembles keine Langeweile aufkommen zu lassen. Dazu tragen sich auch immer wieder eingestreute Songs (Musik: Moritz Geremus), teils in Rap-Manier (Lukas Haas), bei.

Die Figuren und ihre Darsteller:innen

Lukas Haas spielt einen irgendwie herrlich verwirrten, sich in der Liebe zu seiner nunmehr Steifmutter verzehrenden und nicht nur deswegen zu seinem Vater in Opposition stehenden jungen Mann. Der zeigt sich empfänglich für die demokratische Haltung seines sehr kämpferischen Freundes Posa Luka Vlatković, der den Typus des glaubwürdigen politisch Engagierten überzeugt verkörpert – bis zur Selbstaufgabe. Und vor allem auch im Gespräch mit dem autoritären, abgehobenen König (Jens Ole Schmieder), der dennoch unglücklich wirkt, weil er niemandem wirklich vertrauen kann, sondern nur dank seiner Macht „beliebt“ ist. Da schätzt er die Offenheit und Ehrlichkeit, des Posa – auch wenn dieser im Widerspruch zu ihm steht. Im Gegensatz dazu spielt Judith Richter den hartherzigen, ja blutrünstigen Aufstands-Unterdrückenden königlichen Vollstrecker Herzog von Alba, Saskia Klar hingegen die doch mit der Demokratiebewegung sympathisierende Königin Elisabeth. Katharina Rose schlüpft in die Rolle von Prinzessin von Eboli, die in Don Karlos verlieb ist, ihn zum Rendevouz bestellt und meint, er erwidere ihre Gefühle. Als sie draufkommt, der will nur was von ihrer engen Vertrauten, der Königin, wird sie Teil des Intrigantenstadels. Als siebente Figur kommt Großinquisitor Horst Schily nur zu einem kurzen, harten Einsatz in den letzten Minuten, in denen er allerdings die anderen Mitspieler:innen zu Adlat:innen beim Tragen der Sänfte des Herrschers bringt.

„Erweiterte“ Bühne

Julius Leon Seiler nutzte die verspiegelte Rückwand in der dritten Röhre der Kasematten um seine Bühne – in der ersten Hälfte Regale voller Aktenordner und Unterlagen von Überwachungen – fast endlos zu erweitern – bis ins Publikum, das sich gespiegelt sieht.

Und trotz des stark auch mit der realen Geschichte verknüpften Stücks gelingt es der Inszenierung und den Spieler:innen allgemeine zeitlose Themen zum Klingen zu bringen ohne platt aktuelle Bezüge herzustellen: Wie wichtig Glaubwürdigkeit beim Vertreten eigener Positionen sein könnte und wie notwendig der Kampf um „Gedankenfreiheit“ (wieder) wird, wenn es allüberall autoritäre Tendenzen gibt.

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Doppelseite aus dem Bilderbuch "Superglitzer"

Was macht das Handy im Wald – und mit den Tieren?

Im Sachbilderbuch „Schau wie schlau“ ging die Autorin menschlichen Erfindungen nach (Illustrationen Kukas Vogl, Tyrolia Verlag), die diese sich von Tieren abgeschaut haben (Bionik). Im Jahr darauf dachte sich Melanie Laibl fast ein umgekehrtes Szenario aus. Ein Glitzerding landet mitten im Wald. Eine – eh kloar – Elster ist völlig spitz darauf.

Du weiß natürlich spätestens auf der zweiten Doppelseite von „Superglitzer“, dass es sich um das handelt, was wir Handy nennen. Zu dem angeblich auf glänzende und glitzernde Dinge abfahrenden Vogel gesellt sich hier ein neugieriger Fuchs – knallig, fast neonrosa gezeichnet von Nele Brönner.

Die Geschichte beginnt nicht nur schräg, sie wird immer ver-rückter als noch weitere Tiere auftauchen, rätseln, worum es sich bei dem Ding handeln könnte. Es plötzlich „Kuck Kuck Kuck“ zu „rufen“ und später zu „schauen“ beginnt. Die zu Hilfe gerufenen Ameisen – damit sie es transportieren sollen – wissen angeblich alles. Und stoßen auch die Frage an, darf die Elster, nur weil sie „Superglitzer“ gefunden hat, dieses auch behalten.

Vielleicht werden aber auch Diskussionen oder Weiterspinnen angeregt, ob – siehe Beginn des Beitrages – umgekehrt auch Tiere etwas von menschlichen Erfindungen lernen können oder die für die Natur weniger brauchbar sind, sogar eher das Gegenteil?

Übrigens: So wie „Schau wie Schlau“ ausgezeichnet worden ist, so bekam „Superglitzer“ kürzlich einen der vier Österreichischen Kinder- und Jugendbuch-Hauptpreise.

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Szenenfoto aus "Hänsel und Gretel" im Wiener Rabenhoftheater

Wie ist das wirklich mit der Hexe und dem Düsterwald?

Nicht „es war einmal“, sondern „es ist jetzt, heute und hier“. Nein, nicht ganz hier, sondern doch auf der Bühne. Doch ein Märchen: Und das spielt 250 oder 300 Jahre  – mindestens und genau ist ein immer wieder auftauchender Streit in der Erinnerung von Großvater Öhi – nach dem Original; nachdem Vater und Stiefmutter die Kinder Hänsel und Gretel im Wald aussetzen, weil sie zu Hause nix mehr zu essen haben.

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Hänsel und Gretel“ im Wiener Rabenhoftheater

Ach ja, und die alte Geschichte geistert noch in den Köpfen. Achtung, da ist eine Hexe, die Kinder ins Lebkuchenhaus lockt und vernaschen will, mindestens einen, den Hänsel, den sie aber vorher mästet. Also warnen der Großvater und vor allem der Jäger Jörg die Kinder, ja keinesfalls in den Düsterwald zu gehen.

Und natürlich reizt das Verbot. Die aufgeweckte Gretel will’s wissen. Was ist da wirklich im düsteren Wald und gibt es diese Hexe überhaupt und wenn ja, wie ist die?

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Hänsel und Gretel“ im Wiener Rabenhoftheater

Sehr flexible Kulissen

Das ist die Ausgangsgeschichte für „Hänsel und Gretel – Ding Dong! Die Hex ist tot!?“ aus der Reihe „Classics for Kids“ des Wiener Rabenhoftheaters in Kooperation mit dem Theater der Jugend. In einer Bühne (Thomas Garvie) die an Teile aus einem Ausschneidbogen erinnern, und aus (fast) zweidimensionalen Elementen eine 3D-Welt erschaffen, die mit wenigen Handgriffen und Drehungen sich verwandeln lässt – wobei Licht und Musik und Geräusche (Josch Russo) stark unterstützen, erleben wir (fast) zwei kurzweilige, phasenweise doch recht gruselige Stunden (eine Pause).

Szenenfoto aus
Szenenfoto aus „Hänsel und Gretel“ im Wiener Rabenhoftheater

Mutige Gretel, einsame „Hexe“

Die sehr aufgeweckte, selbstbewusste starke Gretel (Elena Hückel), animiert, überredet, naja ehrlicherweise drängt sie ihren ängstlichen Bruder (Jakob Schmölzer) zum Abenteuer in den Düsterwald. Ingo Paulick gibt zum Gaudium des Publikums einen eher dümmlichen, dafür umso großsprecherischen Jäger und Bernhard Majcen im ersten Teil den besorgten, aber irgendwie auch schon vergesslichen Opa, im zweiten Teil – und auch schon knapp vor der Pause – vor allem die Hexe mit furchterregender Maske (Lisa Werner, Kostüme: Valentina Mercedes Obergantschnig). Die mutige Gretel will der Sache aber auf den Grund gehen, glaubt nicht an die Hexen-Geschichte, vor allem nicht, dass die so böse sei, empfindet eher Mitgefühl mit der alten, einsamen Frau, die schon ewig so allein und abgeschieden lebt. Doch wehe, sie sagt „liebe Hexe“, schon schleudert ihr die ein heftiges: „Ich bin NICHT lieb!“ entgegen.

Gerüchteküche

Natürlich bleibt’s nicht dabei. Die Empathie der Gretel kann den Panzer der Hexe doch – zumindest ein wenig knacken. Und die Moral von der Geschichte: Glaubt nicht allen Gerüchten, die so verbreitet werden, auch wenn „alle“ davon sprechen. Und grenzt nicht aus, nur weil ihr wen für hässlich findet…

In der dieser Schiene im Rabenhoftheater üblichen witzigen Art (Buch und Regie: Roman Freigaßner-Hauser), diesmal aber weniger „draufdrückend“ zerlegt das Stück sozusagen einen alten Mythos und bringt ihn in aktuellen Zusammenhang – siehe den vorherigen Absatz; und das, ohne krampfhaft zu wirken. Damit reiht sich diese „Hänsel und Gretel“-Version ein in eine Reihe unterschiedlicher Kindertheater-Stücke und -bücher, die vor allem den in vielen Märchen „verteufelten“ Wolf von seinem bösen Ruf befreien (wollen) – siehe Links unten zu Wolf-Stück- und -Buch-Besprechungen.

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Musical-gegen-vorurteile -> damals noch im KiKU

Wolf-oder-nicht-wolf -> auch noch im KiKu

Wenn-der-wolf-dann-doch-nicht-vegan-isst -> ebenfalls im KiKu

Schneekaeppchen-und-der-froschwolf/ -> KiKu

Klein-wolf-wird-schaf -> auch noch im Kinder-KURIER

Bildmontage aus fünf Fotos aus den fünf Teilen der TV-Serie "Wie die Götter speisen" auf Arte (von links oben nach rechts unten): Bddhismus in Japan, Christentum in Spanien, Islam im iran, Judentum in New York und Hinduismus in Indien

Sind Bagel jüdisch? Was hat Tofu mit Buddhismus zu tun?

Sind Bagel jüdisch? Was hat Tofu mit Buddhismus zu tun?  Diesen und vielen anderen Fragen, was Essen und Religion miteinander zu tun haben – einschließlich aber weit hinaus über koscher bzw. halal oder Fastenzeiten -, geht eine fünfteilige Serie (jeweils fast eine halbe Stunde) in TV-Reportagen nach. Die einzelnen Folgen werden in der letzten Märzwoche 2023 erstmals ausgestrahlt (Wiederholungen im April und bis gegen Ende Juni online). „Wie Götter speisen“/ „Les dieux passent à table“ bringt Reportagen über die fünf großen auch „Welt“-Religionen genannt: Judentum, Islam, Buddhismus, Christentum und Hinduismus (Reihenfolge entsprechend der Sendetermine). Dafür reiste das Team nach New York, in den Iran, nach Japan, Deutschland/ Spanien sowie Indien.

Kinder I Jugend I Kultur I Und mehr… traf die Erfinderin der Serie, Catharina Kleber, die bei allen Teilen Co-Regie führte (gemeinsam mit Niloufar Taghizadeh) und in jeder Folge auch in Restaurant-Küchen Hand anlegte oder die eine oder andere Speisen-Zubereitung erlernte, und immer interessante Menschen portraitiert, zum Interview – Link hier unten

Alles doppelt

In New York beginnt die Reportage über das jüdische Leben und seine Auswirkung auf Speisen bei strenggläubigen Chabad, die den Sabbat und das Laubhüttenfest traditionell feiern. Wir kommen aber mit der TV-Macherin auch in die Küche der Influencerin Chanie Apfelbaum, die ihren Insta-Followern – und ihren fünf Kindern – vermittelt, was koscher ist. Sie hat alles doppelt: Kühlschränke, Herde, Töpfe und Besteck, weil sie streng Milch- und Fleischprodukte trennt.

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Im Iran begleitet Catharina Kleber – und die Kamera – einen Imam (Vorbeter), der nebenbei auch eine Konditorei betreibt und seinen „Glaubenssatz“ sagt: „Je glücklicher der Mensch, desto näher ist er der Religion.“ Eine wichtige Rolle spielt in der Folg über Islam das Teilen von Nahrung. Ein junger Restaurantbetreiber begann, fast unzählige Boxen mit gekochten Speisen zu befüllen und zum Opferfest an ärmere Menschen zu verteilen.

Tofu und Buddhismus

In Japan, wo Kleber den Buddhismus allgegenwärtig erlebt, erfahren wir, dass diese Religion sozusagen Vegetarismus und Veganismus sozusagen schon ewig forciert. Es darf keinem Tier Leid angetan werden. Dennoch sagt der Besitzer des Geschäfts, in dem die Filmemacherin die Herstellung von Tofu erlebt und mit Hand anlegen darf, dass er keinen Einfluss von Religion aufs Essen in seiner Heimat wahrnehme.

Herrgottsb‘scheißerle

Auf die Spuren von Christentum und Speisen macht sich die entsprechende Folge und ihre Schöpferin in Bayern (Deutschland) und Andalusien (Spanien). In ersterem beobachtet die Kamera Nonnen beim Bierbrauen in einem katholischen Kloster. Schwester Doris Engelhard ist die letzte Brauerin ganz Deutschlands. Diese Folge zeigt auch den mitunter scheinheiligen Umgang mit Geboten. In Fastenzeiten oder am Freitag soll kein Fleisch verzehrt werden, aber es gibt die sogenannten „Herrgottsb’scheißerle“, Teigtaschen in denen Fleisch versteckt ist. Oder Fisch und Biber, die nicht als Fleisch gelten.

Dass es nicht nur Katholik:innen gibt, zeigt die Folge auch mit einer evangelische Theologin, die ein bekömmliches Fastengericht präsentiert.

Im spanischen Andalusien begegnen wir gebackenen Süßigkeiten.

Indisch: Gar nicht scharf

Im indischen Delhi stellt die Folge die junge Köchin Ruchira Hoon-Philipp vor, die selber nicht besonders gläubig ist, dennoch ist ihr Alltag von den hinduistischen Traditionen geprägt, bis hin zu den ayurvedischen Ernährungsregeln. Familie Verma ist gläubig und hält sich strikt an die sattvische Ernährung. „Das sind sehr viele Essens- und Ernährungsregeln, irgendwie wie koscher, aber es halten sich ganz wenige Menschen dran“, sagt Catharina Kleber zu Kinder I Jugend I Kultur I und mehr… „Eigentlich ist sehr viel verboten: Fleisch, Zwiebel, Knoblauch, scharf, weil intensive Gerüche vermieden werden sollen – wegen der Reinheit von Körper und Seele. Zum Navrati-Fest gibt es dann noch einmal Fastenregeln, die auch Reis und Weizen verbieten. Da bleibt nicht viel übrig, vor allem sind es dann Tabiokaperlen, das ist eine eigene Wurzel, ähnlich unserer Kartoffel, die mit Gemüse und Nüssen gegessen werden.“

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